diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/60954-8.txt | 3997 | ||||
| -rw-r--r-- | old/60954-8.zip | bin | 92809 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/60954-h.zip | bin | 127837 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/60954-h/60954-h.htm | 5499 | ||||
| -rw-r--r-- | old/60954-h/images/cover.jpg | bin | 34197 -> 0 bytes |
8 files changed, 17 insertions, 9496 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..df5c28c --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #60954 (https://www.gutenberg.org/ebooks/60954) diff --git a/old/60954-8.txt b/old/60954-8.txt deleted file mode 100644 index 345f0c7..0000000 --- a/old/60954-8.txt +++ /dev/null @@ -1,3997 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die Kammerjungfer - Eine Stadtgeschichte - -Author: Marie Nathusius - -Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Die Kammerjungfer. - - - Eine Stadtgeschichte - - von - - Maria Nathusius, - - Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter, - Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w. - - - Halle, - Verlag von Richard Mühlmann. - 1851. - - - - -Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen zu ihrer Mutter. Eine -Schneiderin führt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig -hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen kriegt man zu sehen, -sitzen muß man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte -Jungfer werden ist das Ende vom Liede. - -Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weißt Du noch, -was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du -solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die -Nase gerümpft, und ich war's auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und -Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe und Pflege. -Aber ich sage: Du weißt nicht was du willst. Kannst Du's besser haben, -wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und -brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich -an _meine_ Jugend denke! - -Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen schnippisch in das Wort; -so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur -festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie -Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; da hätte sie nur aufrichtig sagen -sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schönheit soll -glücklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hüpfte an den Spiegel und ordnete -noch einmal zum Ueberfluß ihren Sonntagsstaat. - -So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und -das Unglück ist doch über mich gekommen, ich weiß nicht wie. - -Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die Rede: Du weißt nicht wie. -Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun -um alles in der Welt, höre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu -hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir steht -die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, wunderschön! Ich vermiethe -mich, oder ich vermiethe mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe -ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberfluß. - -Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton. - -Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat das Geld im Kasten liegen. -Es ist schändlich genug, daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen, -damit ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. Ich muß für -meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in -großen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen -Viergroschenstücke trudeln unter den Händen fort. Tante Rieke, die die -christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde führt, mag sich auch mal mit -den Händen regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die -Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur -den Vortheil davon, wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch für -Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hübsch, und rühre ihr -Herz; aber gegen mich höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine -Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie -eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstücke -klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück in den Schooß -und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke -Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten. -Du verstehst mich doch? - -Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Töchterchen -hatte sie völlig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; -und auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz richtig, diese mußte -mehr geben, wenn Klärchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es -auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn -Klärchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich für eine gute -Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser. - -Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend -schön und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann -geheirathet, der schon damals innerlich und äußerlich ziemlich verkommen -war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, -nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem Jammer und in Noth -erhalten hatte. Zum Glück blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück -hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Stütze war. -Noth und Jammer aber hatten keinen Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war -leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, und wenn -sie auch reichlich Thränen über sich und ihre Schicksale vergießen konnte, -die Thränen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und -einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. Klärchen war das -Ebenbild der Mutter, nur daß sie noch schöner und zugleich schlauer war, -und so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben. - -Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen -Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester. -Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. Sie hatte -vergeblich ihren Einfluß auf Mutter und Tochter zu üben gesucht; sie -erlangte nur das eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als -möglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als -wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hätten. - -Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegespräch gehabt, -rüstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille -ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche -gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes -baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes -Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren -einige Risse in der Mitte. - -Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar nichts! sagte sie ärgerlich. - -Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen zu! tröstete die Mutter, -fädelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Während -dessen suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh das -leidlichste Paar heraus. - -Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klärchen -wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm -genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die -Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue. -Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide -gehören reine Handschuh. - -Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber -waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre -Confirmationshandschuh noch. - -Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel muß ich meinen Freundinnen -erzählen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und -höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh -angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär. -Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt -Göthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten -hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch -geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem -leichten Adieu zur Thür hinaus. - -Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt Dein Hemd an der Schulter zum -Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin. - -Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen gleichgültig, und nachdem -das geschehen, ging sie fort. - -Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit -der Nadel für Andere beschäftigt, nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden. -Klärchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als -unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als über ihren Stand -hinaus verwöhnte und verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen weit -sein mußten und wo möglich den Staub auf der Straße kehren, war ihr von -höchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen, -Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd -zerrissen, war ihr gleichgültig, ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah -ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder -die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es -wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen. -Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strauß gehabt; -denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb -und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und -sagte, das wäre ganz verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen -Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine ordentliche Toilette --- bei diesem Worte hob Gretchen etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe -und zeigte wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen fuhr nach -einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich fort: daß zu einer ordentlichen -Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit -zu erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt das für schlanke -Leute; für Biertonnen ist's nun mal nicht nöthig. Gretchen wußte darauf -keine verblümte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich was mit -Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth -thut, und verthu' Dein Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst -Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal -bitterlich bereuen, daß Du so eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit -der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X für ein U machen; -und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo -anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, gewiß -wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach -sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt -so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte keine Romane, wußte -nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und -Liebes-Almanach, kannte nur nothdürftig die Classiker ihres Vaterlandes dem -Namen nach, und auch darüber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen -nur in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, die ihnen vom -Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben -war nämlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und -machte den Leuten Himmel und Hölle heiß. Klärchen aber, als sie merkte, -wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab gütlich -nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke -verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte -hochmüthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht -für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mädchen; sie mag sich -drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne -Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine -Ansprüche für die Zukunft und gehört so recht in den Handwerkerstand -hinein. Dagegen Klärchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlägt gewaltig, -- was -wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft: -lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie -zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus -und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, daß -sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, es wird, sie hat eine selige -Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist -ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl und ein Sammethut -- -dann aber kann es ihr ganz gewiß nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren -Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte -sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit, -nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken, -sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und -sagt, sie könne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat -den Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie -ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde -erlösen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in Unverstand und wie -sie weiter sagt; aber das konnte Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts -von Sünde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin -wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, gelernt, aber wozu, das -sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, -um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten zu -reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente für sie da: »Du sollst -nicht stehlen?« Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht andere -Götter haben neben mir?« Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars -glaubte. Oder: »Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that mehr als -ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen quälte sie sich, um ihre Mutter zu -ernähren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war -Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. An den lieben -Gott glaubte sie wohl, sie verließ sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr -Schicksal leiten und lenken könne, -- das verlangte sie gar nicht, sie -wollte das allein thun; sie war schön und jung und klug und gebildet, ihr -Glück verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie. -Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Straße, ein -großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie ließ sich aber schnell impfen und -meinte nun wieder ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera kam und -in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an. -So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und -sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante -Rieke unterließ es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der -Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte solche Worte nicht gern, -sie ward bänger und bänger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. -Sie konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen so ruhig waren -und vom Tode redeten als von gar nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des -Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft -eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mußt? dachte sie. -Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben wieder -rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die -Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren -nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit -ihren tollsten Fantasien durch. - -Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Häuser -weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster -parterre. Der Briefträger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung -dazu. Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf. - -Nun Ihr Jüngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaßend. - -Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klärchen lustig. - -Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wäre noch jung. - -Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klärchen schmeichelnd. - -Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird -mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm -gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß. - -Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte -dann schwerfällig Athem. - -Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fügte Vogler wieder scherzend -hinzu. - -Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen; wie kann ein Mann -die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch -gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen -vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten! - -Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig gemacht und ging nun -etwas schwerfällig neben der leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder -schön, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres -Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war -gerade eine Freundin für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam, durchschaute -nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte -dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Börse voll Geld. - -Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem -Orte ihres Vergnügens zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der -Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht -die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens -ein Handlungsdiener; sie gedachte höher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe -Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mütze. Das war der -rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß mit -vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, daß die Studenten -umgekehrt waren und ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht, -daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der Freundin den Triumph; sie -war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu können; feine -Pläne für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen -wieder ein junger Mann entgegen, der sie grüßte, aber sehr bescheidentlich -mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen. - -Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde -zurück, den mußt Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke. - -Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen rothen Händen, lachte -Klärchen, sonst ist's aber ein hübscher Mensch. - -Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn -selbst heute Morgen herauskommen sehen. - -Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das paßt ja wie die Butter -aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten -sie immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und -wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein -mit der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thränen und Seufzen -genossen. Nun, ich gönne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu -hübsch für die Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, denn -Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein Glück, =nota bene= weil sie -selber nicht schön ist. - -Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon -eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser -der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten -sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden -beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Späße herüber -zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich -bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. Klärchen wunderte -sich nicht darüber, sie hatte schon längst mit ihm auf der Straße -koquettirt, sie wußte auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin, -ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche -Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein -Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt -sich einen großen Neufundländer Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine -Freunde in einem Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und überall -zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt -war groß und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht -herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie -seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den -Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die blauen -Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er höchst unmanierliche -Späße. Klärchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener -Familie war (sein Vater war Präsident), fand sie es nur pikant, und hielt -sich nicht für zu gut, ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und -liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre Schönheit auf ihn -Eindruck machte, und sie in seinen Augen höher stieg, denn er nahm die -Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Für -Klärchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es -mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten längst, sie ging -bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine -Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges Herz -gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete jetzt die Gefährtin um diese -bedeutende Eroberung, und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur -eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen Laube saß Fritz -Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den -Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich -aus ihrer Jugend, daß, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, -um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht -hatte und Grete oft darüber böse gewesen war. Also: damals hatte er sie -bevorzugt, heute war er erstaunt über ihre Schönheit, -- so kalkulirte -sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz -ungerührt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung -doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr -Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen Menschen herablassen; und dann -fürchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte den Spion -spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel -als möglich so gesetzt, daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber -wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekümmerten -und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging. - -Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der -anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und -sie erklärte die Ursache ihres Aergers. - -Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natürlich, einem -hübschen Mädchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine -breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den lästigen Blicken sicher -war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen war. -Jetzt fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward immer lebhafter. -Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getümmel -sich zu erhitzen und zu betäuben. - - * * * * * - -Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schönen Mädchen das -kleine Klärchen Krauter wieder erkannt, und die schönsten und süßesten -Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch dachte er -mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam, -um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem -achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwölfjährigen -Mädchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht -gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf -der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr -möchte dies Blümlein schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze -der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen werde? das stand in Gottes -Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing -nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und fröhlich ging -er durch die schöne Gottes-Welt, er sah Berge und Thäler und Flüsse und -Fluren, manch große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen und -Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er -mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht -getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses Gewissen, durch -Armuth und Noth. Er hatte das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein -zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes -gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des -Wanderlebens. Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien -waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er -an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein -braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand -er, die mit ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten; -selten verließ er eine Stadt, daß er nicht mit Wehmuth darauf zurück sah, -weil er Freunde für sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und kam er -zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verführen -suchten, so waren auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers und der -Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe des Trösters, seine Liebe und Gnade -fühlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher, -seine Hände immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte -sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend auf der Höhe -am Rand des Waldes saß, die Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft -zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und -in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der -Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es -ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft -und Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen -Mädchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe -am Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt -war aus dem Jüngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung -seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte -ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es -fehlte an allen Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen -zur Rückkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25 Jahr alt, nach -dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause -wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der -Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine Hausfrau, -und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er -sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und -dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen verließ er den Thüringer Wald -und wanderte einige Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war -spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß schwach und krank im Lehnstuhl, -aber Dank- und Freudenthränen glänzten in seinen Augen, als der Sohn nach -so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, und Fritz mußte ihm am -selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen. - -Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr gesprächig, und in seiner -Gesprächigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler -liebsten Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier im Haus Frau -Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und -mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein. - -Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hörte, und hatte er schon -vorher wenig Muth gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte er es -jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber zur Frau Nachbarin gehen, -aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse, -wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht -gefährlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten -Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer; -denn wenn Gretchen auch ein braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht -dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf -seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der -Kirche kam und unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung einer -jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich anreden; er schlich -sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend -seine Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine -Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens Fenster vorüber. Er konnte sie nicht -entdecken, nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück schaute sie nicht -auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen müssen. Er -ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee -entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. -Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen -und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er grüßte sie und sein Herz schlug -vor Glück, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter -ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie den Mädchen nachfolgen. Es -würde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und -Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen schützen, er ahnete -nicht, daß sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als -geängstigt würden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen. -Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der Mädchen leichtfertiges Spiel. -Klärchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre -verächtlichen und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefühlen ging er -nun nach Hause! Das Geschehene zerstörte zu hart seines Herzens Pläne. -Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war -zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand -genommen. In dieser Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen, -nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmädchen, -die feiernd in der Hausthür saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich -in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein -Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte -er seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut ganz anders als -gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern -so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst -Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. Die düstere -Weinlaube erschien ihm gar nicht düster, er dachte: bald wirst du nicht -mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und es lag ihm -auch gar nichts daran, daß es anders sei. Er schaute durch die Weinranken -hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja -wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen -schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom -Uebel; wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du sie nicht. Aufgeben? -ja das ist wohl schwer, und daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum -Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward, -mußte es ja dem Erlöser droben noch schwerer werden, eine geliebte -Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je -zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete sich in feuchten -Augen auf. Da hörte er plötzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen; -hell und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen die Töne, und ganz -deutlich die Worte zu ihm herüber: - - Will ich nicht, so muß ich weinen, - Wenn ich mir es recht betracht, - Weil verlassen mich die Meinen, - G'nommen eine gute Nacht. - Ach, wo ist mein Vater und Mutter? - Ach, sie liegen schon im Grab. - Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern? - Keinen Freund ich nirgends hab. - - O, mein allerliebster Jesu, - Schau mich armes Waislein an, - Du bist ja mein liebster Vater, - Sonst mir Niemand helfen kann. - Weil mein' Eltern sein gestorben, - Leben nicht auf dieser Welt, - So hab ich Dich, liebster Jesu, - Für mein'n Vater auserwählt. - -Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und sah drüben auf dem alten -schrägen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte -von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen -ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr -alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf, -und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten -Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreißig -Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen über der Werkstatt wohnte. Er war der -Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling. -Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour -zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer -zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief -er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden -ein Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, da oben stricke und -esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus -der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte »Gretchen, -so recht, so recht,« und sein Dompfaffe sang »Lobe den Herrn o meine -Seele«. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin: -»Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: »Gretchen, so recht.« - -Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz -aber rief: »Jungfer Gretchen,« und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch -andere Zeiten seien. - -Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze -weich; was ist Dir denn? - -Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich nicht gesungen, sagte -Gretchen; ich glaubte, ich wäre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm -aber herüber und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß nicht recht, was -ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll. - -Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche -machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause -geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten -Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar -nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die -Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag -wollte nicht kürzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig -war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat? -Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn -wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden, -und ob er so aussähe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging -in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört ging sie in -dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Büschen hatte sie -als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf -gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut, -und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank -unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt gesessen, noch -lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in -die Welt schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf den Hof, dem -Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch -eine hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden Flieder- und -Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin -und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen konnte nicht -widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen, -an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen dunkel und -glanzlos aus, weder Haube noch Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths -waren in ein Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den anderen -Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da -ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger schaute -sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und öde -macht, so zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel -war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold -umsäumt. Gretchen schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am blauen -Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog -ein Schwan, bald eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar eines -Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brüderlein, deren -sie sich noch ganz leise aus frühester Jugend erinnern konnte, und mit -sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster -lockte. - -Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der -Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, und -war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht -schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie -ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; er aber reichte ihr -freundlich die Hand über das Stacket hinüber. Das war nun Gretchen mit dem -blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden -rothen Mund. Sie war nicht groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und -stand mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich gar sittig vor -ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine -Verlegenheit nicht, sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr -Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er -auch hinüber kommen dürfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen -höflichen Knix. - -Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen -Burschen muß man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür, -wie es sich gehört. - -Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich -in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock -aussah, so hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause liegen, und -überhaupt mußte der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam -aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen -Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthür -klopfte. Sie ging zu öffnen und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor -der Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. Gretchen hätte gar -nicht gewußt wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem -schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. Frau -Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz -mußte wohl oder übel gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte Frau -Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm -zuweilen unbewußt über die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das -Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht -es ihn zurück in die Ferne? Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie -bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich war? -Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein war, schaute sie hinauf -zu den Sternen mit gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte sich -Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid -auf die Herzen der Menschen legt. - - * * * * * - -Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer jüngeren Dame in eifrigem -Gespräch. - -Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen passt ganz besonders für -Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren -näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen -Hauses, immer freundlich, gefällig, sehr gewandt und fleißig, und aus -einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem -Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine außerordentlich geachtete -Frau. Von der ist Klärchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das -Schneidern lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich. - -Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin. - -Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht -vernünftig. Die Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen und -ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit -Thränen an, daß sie sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie -dazu kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh gewesen sei, der -Kundschaft wegen für das Aeußere zu sorgen. - -Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern -jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu -jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, -- entgegnete die -Generalin. - -Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich sie Ihnen, weil sie so -liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste -Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hübsch; -aber vor allen Dingen -- Sie müssen sie sehen, theuerste Frau! - -Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klärchens besondere Gönnerin. -Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte -Klärchen deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich sie in das beste -Licht zu stellen. Es währte nicht lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr -nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie -vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt über die Schönheit -des Mädchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken -verstummen -- und sie schloß den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein -Louisd'or zu Weihnachten, außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr -erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin -entzückte sie, ja so sehr, daß der Mediziner fast darüber vergessen -ward. Die großen Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und -Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie -als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich --- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein, -sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee -serviren. Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so -vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes -Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie, -der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu -leicht denken mußt. -- Klärchen, die voll der schönsten Hoffnungen und sehr -guter Laune war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu gutmüthig, -um das nicht glauben zu müssen. Auf die Fragen über den Zustand ihrer -Wäsche, hatte sie geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit -sagen können, und ihre Angst war schon längst gewesen, die Tante möchte -sich einmal selbst davon überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt, -sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn ganz besonders Wäsche -anzuschaffen. Die Mutter muß sich einschränken lernen, fügte sie hinzu; -Du weißt, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen; -wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein -Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich -anschaffen. -- Das klang vernünftig, und die Tante war damit einverstanden. -Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene -Taschentücher und zwei Paar Strümpfe. - -Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit -gehabt, und die Taschentücher sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn Du -zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du -weißt, wir können die baumwollenen nicht leiden. - -Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte -sie herzlich. - -Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen -waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen. - -Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und -ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich -geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene Kleider, Mantillen, -Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, außer -der wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentücher; -die sechs leinenen Taschentücher und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen -bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem aber -stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen -an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf -die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Köchin -bemerkt: man sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von guter -Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß das Stübchen im Nebenhaus, und -der Mediziner gerade hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine Liebelei -im Hause geben. Die Köchin aber nahm Klärchens Partie. Ihre Küche lag -gerade gegenüber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen das -Rouleau niederließ, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster -sah. Klärchen aber hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich -in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den Mediziner kann nicht -schaden. - -Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war -vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort, -und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem ward Klärchen in -die eleganten Läden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das -war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet -und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich -waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch -ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mühe zum Sparen. -Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die -Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also für -ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer -und Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen -Tag nicht aufzog, sang er die schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst -spröde gegen ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen gar sanften -Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte -Höhe der Leidenschaft kam, würde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie -berechnete freilich nicht, daß sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein -verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne -Erfahrung, das zu wissen und zu merken. - -So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist -und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen -gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre -Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern -geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte. -Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft -nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin -mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts -merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das -war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei -den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte -sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom -Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber -bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal -gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut -sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie -nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am -Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine -wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie -hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit -hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der -Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die -Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr -Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen -geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu -machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem -andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen -eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint, -das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie -ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer -Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr -glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein -Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder -lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle -sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der -Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man -hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese -Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren -Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte -sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht -länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich -geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte -versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine -Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn -auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem -Herzen. - -Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es -Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang, -ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es -mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr -heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute -nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als -ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken, -schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas -stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an -bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man -lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit -nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr -unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das -er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter -Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine -Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht -wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie -beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich. -Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst -himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und -solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen -trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben: -er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den -Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane -zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell -vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen. - -Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend; -es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner -guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl -die Neugierigste bin. - -Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte -einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte -sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte -dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden -Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die -anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und -Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der -Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben -sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich -drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler -scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise -Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr -ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln -aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen -gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber -stand. - -Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der -die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar -nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen; -doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu -geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie -besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn -das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere -junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten: -das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie -sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen. -Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren -längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und -Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen -nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog -hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen -auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf -die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den -Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden -mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort -auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es -sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen -hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau -Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen, -bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst -gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen -stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden. -Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war -abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst -Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere -Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein -guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten -und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen -so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner -Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben -und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf --, auch wußte er daß der -Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten -Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz -ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt. - -Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde -ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war -das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm -es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem -90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller, -die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre -uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -- schaute -er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den -Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam. -Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das -schöne Lied: - - Jahre gehn und fliehen, - Blumen, die da blühen, - Welken traurig ab! - Was da grünend stehet, - Wandelt und vergehet - In ein düstres Grab! - Bleiben _wir_ wohl ewig hier? -- - Was genommen ist von Erden, - Muß zur Erde werden. - - Eines unter Allen - Kann nicht fliehn und fallen, - Wenn auch Alles fällt: - Was aus Gott geboren, - Gehet nicht verloren - In dem Grab der Welt; - Seine Zeit heißt Ewigkeit -- - Selig, wer in guten Stunden - Dieses Eine funden. - - Der für uns gestorben, - Hat es uns erworben - Einst mit seinem Blut; - Jesus, unser Leben, - Kann dem Sünder geben - Dieses Eine Gut; - Seine Kraft bewirkt und schafft, - Daß geweihet sei die Seele - Mit dem Lebensöle. - - Weichet, Lust und Sünde! - Einem Gotteskinde - Habt ihr nichts mehr an. - Denn dem Gott der Ehren - Muß mein Herz gehören, - Ihm dem Schmerzensmann. - Ihm erkauft, auf ihn getauft, - Steh ich in dem Grund der Gnaden. - Was kann da mir schaden? - - Tage, Jahre, fliehet! - Lust und Glanz, verblühet! - Gräber, öffnet euch! - Wenn die Glieder sterben, - Werd ich ja ererben - Meines Heiland's Reich! - Wär sie nah', ach wär sie da, - Jene Zeit, da ich erstritten - Gottes ew'ge Hütten! - -Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit -anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme -klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören, -und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben -- Grab -- und -Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz -nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der -Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht -und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung. -O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute -das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig -aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein -Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut -- solche -Blicke müssen sein Herz rühren. - -Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch -Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der -Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der -Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die -Lust und Unruhe der Welt. - -Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter mit den Andern einen Weg -hatte, und nur Klärchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite -mußte; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. Sie aber -sträubte sich, denn nichts wäre ihr drückender gewesen, als ein einsamer -Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der -Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straßen zu finden -sind, darf kein junges Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte -sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in -eine Gottes-Welt vertieft, als daß ihn die kleinen Bewegungen der irdischen -Welt hätten berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in die Augen -und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten außen Sturm und -Regen so sehr, und Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. Jetzt -standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm den Schlüssel und schloß auf. -Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und -Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen -so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte -ihre hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt -am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende -desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre -mögen darauf zurückschauen. Der Herr behüte Sie! - -Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mußte erst -einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen. - -Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst für sorgen. -Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit -Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, und das sollte ihr -leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben -den Zugang, der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, kam Jemand -von oben herunter. Sie zögerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den -Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein Gesicht -glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld -auf Klärchens Rückkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer -von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrücke von -erhabenen Gefühlen -- Klärchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte -flüsternd süße Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie sich -endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, für eine recht baldige -ungestörte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer -Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glück der Tochter nichts -entgegensetzen. Und, fügte Klärchen hinzu, es ist auch nöthig daß wir -besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da -manches zu thun. -- - -Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge -denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fügen die Götter. -- Dann -fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf. - -Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über die grünen Auen ihres -Glückes, doch dachte sie nicht weiter darüber nach und legte sich in süßer -Betäubung zur Ruhe. - -Am anderen Morgen wachte sie später auf als gewöhnlich. Ihre gütige -Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den -versäumten Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht -finden. Es war ihr so wüst im Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte -sich ordentlich erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, und trotz des -Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich öffentlich -verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thöricht -genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch große -Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der -Rechtsgelehrte unter den Händen entwischt ist, wollte sie nicht sein, -dachte Klärchen; und so denken alle thörichten Mädchen, die leichsinnige -Liebschaften anknüpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen -meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis -ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber -unter den Händen entschlüpft sind. - -Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewöhnlich bei der -Toilette behülflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet -beim Frühstück, und neben ihr saß bei demselben ein junger schöner -schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen entschuldigte sich wegen des -späten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei: -Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam -unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden, -ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, höflicher zu -grüßen, als er es gethan haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter -Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klärchen merkte -Alles, -- ein koquettes Mädchen ist sehr feinfühlend in solchen Dingen -- -und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepaßt. Sie -ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan -zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wußte selbst -nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen -dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich häßlich -dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen! -Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie müssen -burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt, -wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte -sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant! - -Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden so belebt, daß es dem -Mediziner unmöglich ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große -Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der -Treppe. Er war sehr ungeduldig und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen -sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so beschäftigt und -hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt -hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge -Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klärchen, im -hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der -singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl -durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie -geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis -leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich -sagte, sie möchte sich nicht weiter bemühen, der Bediente solle allein -aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum -hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster öffnete und -leise mit den Händen klappte. Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust -ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar -zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, mußte sich überzeugen, daß sie mit -ihrer Erscheinung in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth -und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, daß sie meinte, er müsse -sich glücklich schätzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr -nicht noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut -mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und -der Generalin Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in -Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß schon sterblich in sie -verliebt. Klärchen hatte viel Romane gelesen, sie wußte, daß nicht selten -arme Mädchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung -einer großen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur, -der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes, -herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte er die groben -ungeduldigen Liebesvorwürfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich -nur, daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen entgegnete, -dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum -nächsten Abend zu ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, litt -sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht vor bösen Herzensgelüsten, -nein, es sind gerade sehr verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig -hegen und pflegen. - -Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, nähend im Vorzimmer. Der -Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder -zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten Händen that, stand -er schweigend vor ihr. Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete. -Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute, -ihm dann die Börse gab -- es mußte das Alles das Herz des Lieutenants -bestürmen. Klärchen merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr -angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer -hörbar, und er verließ sie mit einem kurzen verbindlichen Danke. - -Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; und wenn auch das Bild des -Lieutenants sich zuweilen dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt -zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo -möglich müssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen. -Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der -Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. Der Mediziner mußte morgen früh -selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr -eine andere Stellung geben; die Hälfte des Wechsels mußte er ihr gleich -überlassen, um für Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller -Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen. -In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten, -und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin noch von 6 bis 7 Uhr -vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den -Sohn erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich ihr auf -diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die -Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich öffnete -und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und -die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In -Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders -schön und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen -Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer -verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne. - -Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen, -leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus -dem Haus thun. - -Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest -doch nicht -- - -Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen -thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich -nicht. - -Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf -Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht -Mädchen thörichter mache. - -So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -- entgegnete die Mutter -besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fügte sie zögernd -hinzu. - -Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte -es wirklich gefährlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, -- -schloß er scherzend. - -Diese Unterredung hatte Klärchen durch das Schlüsselloch mit angehört, denn -Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich -verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und Edelste. Seinen Spaß würde -er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte. -Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie hätte es -wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich küssen lassen, hatte eine -Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht -werden. Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von -Bedeutung und so sehr verliebt, es läßt sich Alles mit ihm machen. - -Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen -zur Verlobung. Zwei Lichter brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und -Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Röhre, die Mutter saß im -Lehnstuhl am Ofen, und Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. Der -Student kam, die Thür ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt, -gekoset. Die Mutter war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine -volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen nothwendig angeschafft -werden sollten. Sie mußte sich gestehen, daß Klärchen es weit klüger -angefangen als sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte -mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende einer klugen Sünderin ein -gleiches ist, als das einer dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen -zur Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute darin bestanden, -noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblüfft an -und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften -gehabt, das aber war ihm noch nie passirt. - -Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns -ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst -zusieht, hört aller Spaß auf. - -Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist, -sind wir geschiedene Leute, sagte sie in höchster Erregung. - -Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte, -daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt -gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu -kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute -seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie -dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja, -mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen, -um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt -die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als -er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin -müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie -bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich -in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war -weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich -gemacht, -- dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn -zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht -ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du, -sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit -mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr -der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit -Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und -um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie -es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm. - -Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue -über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem -rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es -der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, -war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen -einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die -Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, -- -sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt -ein. - -Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin, -die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu -werfen, ward wieder ganz ruhig. - -Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes -fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und -holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz -und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei -fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens -hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn -wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom -Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll -der tollsten Pläne und Träumereien. - -Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant -war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie -war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin -ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen. - -Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch -mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und -ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles -in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht -fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward -er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die -Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit -klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte -sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen. -Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und -versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl lief -sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum -erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie -von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum -Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen -Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen. - -Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück, -Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer. - -In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich -Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes -sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche -wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine -Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei -solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten -Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan! -Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen -mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett -nehmen. - -Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin -einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der -Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen -sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ -das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal, -obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und -nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles -Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber -der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte -den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren, -die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne. -Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit, -daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge -Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten -Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,« -schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht -gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu -überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden -soll.« - -Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe -Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. -Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus -dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte -sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die -Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte -sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich -entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die -Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und -erbrach ihn schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete -hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die -Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden -und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein -Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden -als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der -Eröffnung des Tisches nicht wiederholen. - -Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als -gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm -den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell -und las: - -»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich -leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war. -Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und -ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen -sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im -Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke -in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn -überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu -überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und -Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« -- - -Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie -lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war groß und sie sah -nur noch nach dem Ende des Briefes: - -»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir -kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich -hoffe Dir bald eine würdige Tochter« -- - -Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte -den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und -schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das! - -Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu -machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas -Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe, -die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück -nicht für sehr lange. - - * * * * * - -Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal -mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte -hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber, -konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an -den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab. - -Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter -gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein -Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden -war, dachte an den Frühling, an Blüthen, Bäume und Vögelgesang und andere -schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen. -Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines -Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe; -oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin. -Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja -immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus -kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst -ein gutes fröhliches Wort. - -Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und -die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, -es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich -nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen -Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz -Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl -erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; -aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte -Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt -verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er -dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit -der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute -aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt -werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern, -und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt. -Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die -Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte, -die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen. - -Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische Magd, er verlange -aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht -ab, sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel -ging sie hinüber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die -Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz -in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und -Lehrburschen rüstig bei der Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen -mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze hineinschaute, -erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die -Hand. - -Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu. - -Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und -es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das -Näpfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu. - -Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der -warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief -in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger -Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen. - -Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thür sich öffnete, -- armer -Schuster! - -Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam -zum Vorschein. - -Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte er zu Gretchen, und nun -gieb erst den Vögeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit -gestern Abend nicht herauf gekommen. - -Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz -merkte, was sie suchte, und verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit -einem Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend -reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und -sah dann, wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie sie ihnen -frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den -Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend -und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen -mit gefalteten Händen dabei stand, faltete auch er die Hände und betete -mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und -sagte mit bewegter Stimme: - -Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht -traurig darüber. - -Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und drückte sie herzlich. Dann -wandte sich Fritz zu Gretchen: - -Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß -ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen. - -Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und -auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe! --- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem -Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr -ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken -seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte -wuchern lassen! - -Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen -geben, wieder zu kommen. - -Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um -Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen -Fehler gut gemacht habe. - -Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen -Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile, -um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen, --- aber das böse Wetter, -- man ist so eingeschneit. - -Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen. - -Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im -Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten -Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich -auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. -- Gretchens Hand fuhr -erschrocken zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In -diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen, -obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der -geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen. - -Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen, -den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl -mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen -Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich -stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein -Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide -Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja -schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch -zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines -Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem -Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus -seinem Herzen verschwunden. - -Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig -gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der -Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein -Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den -Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen -es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht -selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert -und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden -verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der -Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte -er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht -widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und -Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und -schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging -das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er -konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer -halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb -nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen -Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel, -war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er -wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, --- Klärchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen -beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her -vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf -Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei. - -Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und -ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt. -Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie -hatte nur über ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals -so plötzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzählt -- sehr unglücklich, -doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des -leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe -bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel. -Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so -spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise -versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal -nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter -machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu -begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein -herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen -zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit -war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie -wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater -war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine -Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens. -Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und -durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie -sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner -Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt -angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in -allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen -geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade -selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden -fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei -Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst -bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war -nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte -sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu -gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer -den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein! -sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin -eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen -gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen -vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden -konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der -Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen -und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand -nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige -Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr -gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte -diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist -nothwendig zu deinem Glücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte -Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten -griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter -war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht -mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen -flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da -schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges -Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war -schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch -der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern -Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten -verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die -Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, von -_der_ Seite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die -kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit -wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden -stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch -dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener -gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten -Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung -solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die -Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die künftige Gemahlin eines -Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung -und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler -ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr -am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig; -sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht -wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte -Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen -ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der -Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es -war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, -und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem -Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den -traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so -oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld -anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht. -Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach -Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen -kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet. -Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem -Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal -auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen -aussehen. Er war noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit -großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an -drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür -hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut -auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das -Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden. - -Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß -Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und -besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien. - -Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld -wieder hineinlegen. - -Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen, -haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann -Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir -ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe -dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von -dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben. - -Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war -dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es, -die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen, -freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber -an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre -erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite -Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt -haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war -auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen. - -Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen -sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares -Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie! - -Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie -leise. - -Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der -Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige -Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe. - -Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte -sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie -geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg -zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, -wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten. - -Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines -solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens -Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame, -von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu -behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese -Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner -Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes -unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur -Diebin machte. - -Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, -- -aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte -endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu -schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn -er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum -zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein. - -Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den -Brief zum Grafen tragen. - -Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon. - -O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie -bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch -nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen! -Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte, -sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen -gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh -im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte -freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über -seine Kräfte. - -Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin, -und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe, -und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich -wieder. - -Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte -nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht -wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu. -Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig -Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut -Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich -die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein -Rechtsgelehrter. - -Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte -sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand. - -Soll ich? fragte diese. - -Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür, -sag', ich sei krank. - -Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die -Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht -ohne Antwort wieder zu kommen. - -Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und -Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle -Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht -sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie -machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein -Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird -selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird -sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie -ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten -Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten -Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden -Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen -Bescheid schicken. - -Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht -des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die -Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett -liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand -sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen -tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe -da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen; -aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind, -die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten -Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten. - -Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe, -und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden -geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der -Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber -bricht. -- Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb -den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil -der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der -Mutter nur den kleineren zu geben. - - * * * * * - -Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne -schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei -krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie -sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter -hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu -angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich -darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte. - -Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin -zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße, -vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen -aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das -lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber -war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, -sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante -war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet. - -Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank -gewesen sein. - -Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst -im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde. - -Aber ein Gasthof! sagte die Tante. - -Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich -bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe -das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu -bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke. - -Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der -Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der -Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm -in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber -es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den -Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als -ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle. - -Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen. - -Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß -Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das -Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner -Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die -weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so -still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen, -und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können. - -Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich -nicht über Blumen freuen. - -Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen, -Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle -recht früh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit -stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran. - -Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der -Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen -auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der -Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in -den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin -schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief: -»Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine -häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel -etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, -daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe -gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber, -Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch -hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine -Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das -arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem -Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre -Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung. - -Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch -und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte -wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten -Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. -Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock -gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu -erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens. - -Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen. -Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut -ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete -gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den -Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu -bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte -sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz -schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges, -ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem -Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen -Wangen. - - * * * * * - -Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen -freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz -hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig -durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte -sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen, -warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde -heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen. -Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang -lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele. - -Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder -aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden -bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen -weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren -Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren -wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit -vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem -Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und -Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen -leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der -Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch -und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und -hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer -Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er -ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar -auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte -200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber -sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine -Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war -schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte -Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte -ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach -Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn -in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden. -Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die -Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa -Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem -Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh -daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig, -ihre Stubenthür war nur angelehnt, -- da hörte sie zwei flüsternde Stimmen -auf dem Korridor. - -Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so -viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut. - -Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher -Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der. - -Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat -hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und -hat den Narren an ihm gefressen. - -Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung. -Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche -Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte -er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte -gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht -probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden -Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein -aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie -gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar -der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er -sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, -und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral -beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch -eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute -wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste -bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus -ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen -faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie -in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte -sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin -unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand, -grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen -mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen; -sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, -wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die -Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende -Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen -ließ, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke -Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie -mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen -wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward -ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke -standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor -ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein -leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem -Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen? -Jetzt wieder zurücktreten -- das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch -mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht -lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist -ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben, -bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, -sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie -wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon -manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn -ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat -noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser -Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder -den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht, -gehört die Kraft von oben. - -Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen -Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor -ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von -dem Gespräch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es -ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie -erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher -Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören. -Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die -Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen -den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber -war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine -genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung -des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und -daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl -gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt -und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder -zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch -süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle. - -Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß -man ihnen überall nachsah, -- wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens -aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene -Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen -Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix. - -Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am -Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn -als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. -Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die -Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen -bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach -zuerst die peinliche Pause. - -Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit -einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone. - -Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit -Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig -wieder gewonnen und spielte den Beleidigten. - -Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte -er gereizt, -- und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine -Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen -darf. - -Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte -nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz -unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind; -weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört. - -Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit -unverkennbarem scharfem Ausdruck. - -Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht -im Theater oder in einem Kaffeegarten. - -Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber -hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb -ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller -Erleichterung der Besuch ein Ende hatte. - -Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du -versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst -Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und -was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht. - -Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet -hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, -- eher -bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante -so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr -entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem -zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen. - -Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit -fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete -nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund -von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr -zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie -fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht -recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit -etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem -Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder. - -Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht -begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten -nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht -herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der -Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und -erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort: - -Kennst Du Deinen Bräutigam genau? - -Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß -er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze -Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat -Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe -aus- und eingehen, geachtet und geliebt. - -Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und -Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein -rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr -fürchtet, als die Menschen? - -Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine -Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's -Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen. - -Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres -Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es -nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war -gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern -mögen. - -Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die -Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten -Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche -Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein -Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an -der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am -Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was -sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen -Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr -vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer -umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören -müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als -das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes -Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden -noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die -Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen -abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt -und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme -zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern -noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch -nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie -ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen -und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem -Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches, -um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther -abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen, -aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an -das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, -- -und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet -er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende -hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast -mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft -er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es -nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als -er, die sollten sich nur um sie bekümmern. -- Die Kranke kann vor Weinen -nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da -kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und -legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die -Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht -so harte Worte von Ihnen hören. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat -Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache -und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt. - -Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie -nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die -Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden -Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier -brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß -vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte -einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der -besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. -- So gingen ihre -Gedanken anfänglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde -geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze -Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich -seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch -deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von -allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die -eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und -so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu -lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme -so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen, -die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das -einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade -ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die -Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst -Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von -dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so -fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt -werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so -schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so -strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten -sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger -werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften -zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem -bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig, -forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien -sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste -Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die -absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu -machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern -sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken -erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein -kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei -liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu -ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich -durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die -Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine -vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir -jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar -zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet -und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die -Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach -dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je -wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine -Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend, -so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine -Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie -noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels -gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade -gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen -möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein -ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen, -außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. -Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren -Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther -von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr -schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre -Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde -sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein -Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klärchen -machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr -gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht -beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach -den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir -sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben -plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden, -und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit -sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen, -ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther -heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen -dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich -vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden -Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über -den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese -Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher -Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein -herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens -eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie -gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht -ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch -nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und -Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter -doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den -Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die -Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen, -wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn -zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in -seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, -- -doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und -die Tante um Verzeihung bitten. - - * * * * * - -Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa -Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun -bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie -Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren -und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem -Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine -Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair -mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen -Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der -Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren -eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft -ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er -sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme -Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das -ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete -sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück -nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen -standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und -sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre -Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen -und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte: - -Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde, -Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging -Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind -in den Hafen! - -Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem -Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu -bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter -Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau -Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte -der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie -Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem -Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten -auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann. -Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie -sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte -gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute -sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in -solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer -lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann -schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht -bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten -auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der -Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen -Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf -die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht -leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war -mit dem Mann und der Mutter allein. - -Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen -konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu -Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und -Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten -Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich -erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster -und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein -lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr -lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das -anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer, -ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer -Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen. -Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die -Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere -Wohnung träumen können, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war -ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der -ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus -ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens -zu zerstreuen. - -Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er -etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte -er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte, -im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn -schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen. - - * * * * * - -Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten -Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber -herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der -Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch -allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel- -und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, -auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und -Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer -Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen -seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war -seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu -bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein. - -Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen -Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch -einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann -neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz -konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch -nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir -nicht. - -Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, -und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen. -Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen -Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen -werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel -bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie -führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, -starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte -er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo -Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute -er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der -Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß -die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket. -Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen -mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz -Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt -schon längst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte. - -Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft -geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so -gern möchte. - -Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches -Glückes. - -Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm -in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den -Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das -Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine -Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem -Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze -mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr -segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem -Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -- ja -da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten -sie ein und Benjamin ebenfalls: - - Ich will ihn loben bis in Tod! - Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, - Will ich lobsingen meinem Gott; - Der Leib und Seel' gegeben hat, - Werde gepriesen früh und spat. - Halleluja, Halleluja. - - Selig, ja selig ist der zu nennen, - Deß Hülfe der Gott Jacob ist, - Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen - Und hofft getrost auf Jesum Christ. - Wer diesen Herrn zum Beistand hat, - Am besten findet Rath und That. - Halleluja, Halleluja. - -Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit -zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen -weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien, -ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und -eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam -flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit -fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. -Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um -den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und -Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen. - - * * * * * - -Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther -suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in -Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar -nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die -übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken -und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit -Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger -nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem -Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken -und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, -meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie -zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, -sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, -jetzt könnten sie sich behelfen. - -Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam, -wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther -sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm -die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen. -Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich -beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen -fuhr, die Klärchen wieder beruhigte. - -Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen -Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, -den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch -ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im -Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals -das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten. - -Wo ist mein Mann? fragte Klärchen. - -In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch. - -Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie -sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden -Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fünf tausend Thaler, --- das soll gehen, -- das muß gehen. -- Klärchen schloß schnell die Thür -hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken! - -Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter -Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte -wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen -fragte, wer da sei. - -Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn -Eduard sprechen. - -Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte -mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu -glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, -setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand -auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung -aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte -sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und -verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu -führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß -und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich -raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klärchen stand erschrocken, -aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben -können. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich -gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und -schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie -laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und -streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen -Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und -entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen -Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch. -Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann -links um kehrt! -- Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; -er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer -unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte. - -Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht -zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm -allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost. -Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief. - -Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete, -regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. -Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine -Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und -Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer -überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen -Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße -Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich -werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. -Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu -reden. - -Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen? - -Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist? -fragte sie mit zitternder Stimme. - -Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn -der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu -behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie -es einer ordentlichen Frau zukommt. - -Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von -Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß -die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur -heimlich fortgebracht habe? - -Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du -hättest nur hier so fortfahren sollen. - -Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu. -Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war -das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte -sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu -Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels -abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. -Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer -Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter. - -Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich -fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast -nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu -werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht -Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht -einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu -sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel -saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch -leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend. - -Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens -leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch -prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn -nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern -Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen. -Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen -hübschen Sachen bedacht, -- so gab es nur fröhliche Gesichter. - -Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu -zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung -sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu -zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen -ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie -mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war -ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der -letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu -denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante -Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war -sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können. - -Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, -daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr -besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine -entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als -viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm' -ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß -Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu -lesen und zu singen: - - Es ist der Herre Christ unser Gott, - Der will euch führ'n aus aller Noth, - Er will eu'r Heiland selber sein, - Von allen Sünden machen rein. - - Er bringt euch alle Seligkeit, - Die Gott der Vater hat bereit't, - Daß ihr mit uns im Himmelreich - Sollt mit uns leben ewiglich. - -Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte -Klärchen. -- O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller -und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in -mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe -keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen -haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht -kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder -von ihren Gedanken ab. - -»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich -darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete -er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von -seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, -daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. -- »Wie groß und -unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so -bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, --- unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, -daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der -Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt -uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die -Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie -müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du -kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, -stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst -mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu -nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein -sein auf ewig!« -- - -Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie -nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt -weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und -aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestürmten heut auch heiße -Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen -erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht. -Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet -flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen. - -Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie -schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und -demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den -Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und -Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im -Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim -Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es -erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen -in die Augen und sie eilte hinweg. - - * * * * * - -Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, -Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens -vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt -und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und -gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete. - -Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz -besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu -Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester -sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl -in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu -holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf -den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig -ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn -ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein -Vergnügen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar -Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, -wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen -und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum -kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein -erfreuen, ist wohl erlaubt. - -Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte -sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen. -Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des -Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie -weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle -Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Günther -stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus. - -Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch -Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das -neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt. - -Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und -gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich -schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu -edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger -Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen -gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die -Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, -konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch -war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang -am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe -ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt, -daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und -Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht. - -Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem -Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die -Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich -ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen -Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte, -demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und -wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und -so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der -zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder -mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz -Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre -Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene -Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes -in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen -könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste -Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt -noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben -sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, -sie mußte sehen, wie es abliefe. - -Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin, -sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des -Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das -einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr -Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. -Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, -öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen -Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft -ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte -Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. -Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, -um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen -Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie -hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war -abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum -redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn -und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte -Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine -Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen -war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, -und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild -hergehen würde, war vorauszusehen. - -Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward -angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und -die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein -bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und -das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. -Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der -Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los. -Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut -über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich -aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt -aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; -blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die -Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und -er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube -auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, -- dahin -gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend -das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu -entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit -Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben. -Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von -dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie -wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und -so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu -legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig -sein. - -Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter -aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für -Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine -Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er -nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu -schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie -nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine -Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht -lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche -Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war -grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. -Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte -brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von -ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen -konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr -Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte -sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche -aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es -verboten, sich dabei beruhigt. - -Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei -ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, -selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem -Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück -war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie -wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders -als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine -Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter -behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du -kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu -rühren. -- Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, -ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben -führen. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne -das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich -schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind! -seufzte Klärchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin -sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können, -wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte -darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil -sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er -oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich -gefallen lassen. - -In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald -nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare -Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der -Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn -und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom -ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von -seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte -der Zukunft. -- Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie -sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den -Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche -gewesen. - -Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft -lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen. -Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur -zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten -führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und -ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders, -als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes -gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen -getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den -wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus. - -Eines Sonnabends Abends --, es war Anfangs Mai --, da saß Klärchen am -offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem -fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien -von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, -Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward -bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte -sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm -Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das -Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie -unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch -spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne -Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und -wanderte zum Thore hinaus. - -Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den -sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der -Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, -wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden -Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen -jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! -- Sie trat -in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem -Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den -blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und -sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug -eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des -lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er -doch auch _dein_ lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, -trat aber erschrocken zurück, -- in einer Fliederlaube saßen Fritz und -Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen -geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß -blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut -aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag -war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen -Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, -aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen -sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit -geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen -und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich -es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich -weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt -denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir -doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich -einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und -feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die -Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben -sollte --, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen --, sie wollte doch -gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten. - -Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. -Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm -die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und -knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht -und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. -Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist -sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich -auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben -ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber -wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? --- Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie -fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein -ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie -Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen -konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte -ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich -geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm -anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht, -die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen -hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; -_der_ ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine -unüberwindliche Scheu. - -Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor -sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. -Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal -veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. -Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann! -Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen, -aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens -Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich, -mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in -die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung -aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und -brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet -vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, -theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, -und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war -es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. -Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben. - -Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen -könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine -Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe -ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich -sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch -seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit -trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen -Wochen bis zur Geburt ihres Kindes. - -Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr -erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar -schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und -zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude -an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind -hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war -aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten -seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja, -in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der -Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, -daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl -ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. -Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten -Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren -Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie -Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in -der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum -hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter -stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun -haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam. - -Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag -süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der -Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen -geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem -geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch -davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört, -und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen -geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft -in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser, -es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie -war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt, --- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war -dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen -zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des -Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren -Dingen. - -Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern -aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen -entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne. - -Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden -Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den -Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen. - -Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen. -Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und -sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk. - -Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen, -und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn -wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein -Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, -falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen -sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd -neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die -Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther -vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. -Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des -Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, -laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für -Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las: - -Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, -bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein -Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. -Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig -machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der -Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich -aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach -Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht -leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen -Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben -und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. -- Du -kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther. - -Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief -nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm -entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu -dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde -verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen -ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er -etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und -die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte -nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen -Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst -einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt. - - * * * * * - -Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre -ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und -Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage -war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die -Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr -Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen -gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, -wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte -den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen -hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am -Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden -Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, -dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; -was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht -und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die -ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. -Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, -hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und -daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die -Stephani-Kirche! -- dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts -geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die -Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. -Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging -jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein -langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam, -als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. -Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß -rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den -Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne -Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz -an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der -Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor -das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den -Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in -den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie -vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem -Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte -gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante -Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn -es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und -trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze -Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr -ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: -Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und -Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege -schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse -ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost -sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine -Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen -Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue -Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie -sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten -gebräche. - -Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den -letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht -verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges -Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn -Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, -sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette -saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer -Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr -Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; -Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte -ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und -fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie -kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren. - -Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft -eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute -Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und -Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre -Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch -der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht -nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und -Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf -Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein -gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß -sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß -alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den -er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die -Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie -die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit -Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung -vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, -der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie -Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen -Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie -nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen -und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz -gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. -Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: -Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie -kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben. - -Bald darauf, -- Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- öffnete -sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den -letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde, -als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er -aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. -Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz -über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und -weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat -schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er -auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich -dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres -Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung -kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte -ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der -Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen -sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die -Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die -Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens -Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich -zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte. -Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle -und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen -Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie -der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus -dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit -hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige -fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem -gefährlichen Zustande. - -Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war -voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher -Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden -nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des -treuen Herrn. - -Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war -ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. -Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und -Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um -Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog -sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund -gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth. -Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten -Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an -demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort -im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und -wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre -Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die -Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten -der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern! - -Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte -oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient -und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen -hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so -theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie -vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß. - -Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin -Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem -Unglück gehört, und bedaure Sie. - -Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen -schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die -Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich -bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders -werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme -zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, -vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu -schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. -- -- Klärchen konnte nicht -weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser -unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie -die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung -versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren -Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern -wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft -zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als -eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der -Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme -und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu -schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei -der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit -verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre -Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen. - -Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen -schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr -wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu -suchen, und führte sie noch schwere Wege. - -Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, -und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie -andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie -nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände -und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das -könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen -Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten. - -Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten -nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie -schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke -und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten, -und der liebe Gott wird das segnen. - -Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter -überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu -Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre -hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, -sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie -nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich -darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war -aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig -hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die -Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege -ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung -von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem -Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte -den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich -in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, -wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr -wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um -willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich. - -Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen -und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der -sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein -in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken -fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie -durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie -fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie -sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater, -halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an -Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie -sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da -schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß -an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, -sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz -konnte sich beugen. - -Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu -zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen -sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging -deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn -wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten -sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen -mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen. -Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte -noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden -Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante -Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in -diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, -weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward -denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um -Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war -sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, -länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt -fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der -Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für -die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden -mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge -zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, -und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren -Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich -eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler -dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den -Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch -war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter -ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und -konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr -warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, -um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch -einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau -eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee -und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte -nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind -durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen -wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm -hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas -unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen -Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber -dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. -Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu -Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an -einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu -groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie -selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt -hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug -all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld. - -Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat -sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb -mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt. -Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für -Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte, -verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist -in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie -vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das -Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater -Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der -sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in -Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen -als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. -Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch -flogen ihre Glieder vor Frost. - -Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt. - -Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klärchens -Stimme. - -Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du -denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten -Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, -warum denn keinen wollenen Rock? - -Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, -und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen -nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für -Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend: - -O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind. - -Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche -aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens -Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die -Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte -Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die -Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah -ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein -Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein -Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege -hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld. - -Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, -- -denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von -den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken -zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die -warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles geändert! -Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines -treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch -die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte -das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem -Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären -möge, daß er sie _einen_ Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben -ewig selig vereinigt halte. - -Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der -Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt -schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr -einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott -nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, -und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter -ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche -war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht -gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich -und äußerlich welkte sie dahin. - -Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, -sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm, -schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe. -Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an -Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam -zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine -verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, -was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie -im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand -der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des -Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das -Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. -Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das -Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie -wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, -vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins -war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen -im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen -Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es -aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte -Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte -Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward -es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, -als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat. - -Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll. - -Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt -ewiglich, -- sagte die Tante bewegt. - -Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes -Lippen. - -Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide -kinderlos, -- Thränen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist -hinübergegangen. - -Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn -im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet. - -Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich, -die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten -sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr -Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es -dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr -half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte -sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der -Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen. - -Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres -Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes. - - * * * * * - -Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum -Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte -sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch -äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre -Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den -Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, -seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, -ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie -mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen -sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, -da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, -sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten. - - * * * * * - -Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen -Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und -fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz, -obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit -hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter -schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine -Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand -zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des -Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und -Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in -seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet -eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen. - -Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt -und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen -durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal -erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende. - -Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht -allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. -Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben -blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, -seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte -mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der -Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie: -Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt, -lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er -Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm -auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner -hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz -nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe -schauen. - -Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur -dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu -und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres -Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes -Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur -Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und -singt mit schöner Stimme: - - Lobe den Herrn, o meine Seele, - Ich will ihn loben bis in Tod! - Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, - Will ich lobsingen meinem Gott; - Der Leib und Seel gegeben hat, - Werde gepriesen früh und spat. - Halleluja, Halleluja. - - Selig, ja selig ist der zu nennen, - Deß Hülfe der Gott Jacob ist, - Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen - Und hofft getrost auf Jesum Christ. - Wer diesen Herrn zum Beistand hat, - Am besten findet Rath und That. - Halleluja, Hallelujah. - - -Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle. - - - - -Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen -zu erhalten: - - - #Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Büchern. - _Zweite Auflage._ Neun Bände. 8. 11 Thlr. - -Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's -großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen -Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch -nöthiggewordene _zweite unveränderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen -zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen -Genuß noch nicht verschafften. - - -Levin Schücking's neueste Romane. - -Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen -zu erhalten: - - #Der Bauernfürst.# Zwei Bände. 8. 4 Thlr. - - #Die Königin der Nacht.# Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr. - -Die beiden neuesten Romane _Levin Schücking's_, eines unserer beliebtesten -Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes« -(1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß -am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen. - - -Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle -Buchhandlungen zu beziehen: - - #Italienischer Novellenschatz.# Ausgewählt und übersetzt von - #A. Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr. - -Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem -rühmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tübingen übersetzt, als -eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen -Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in -Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten -Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge -zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen -Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen -Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem -Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten« -Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt: - - #Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen - übersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile. - 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr. - - -Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. - - - - -Bei #Richard Mühlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden -Buchhandlungen zu haben: - - #Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_, - Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der - Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 ~Sgr.~ - -Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, wie -sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche Zucht und -Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen, -aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und -von Romanlectüre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schöne -und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefühl sich doch die -bloße Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten -Spekulationen verbergen, daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im -ersten Windstoße abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer -Blöße dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe -der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein ganzes -Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen -Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefühlen nur bis zum -gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfängt -aber ihren Lohn dadurch, daß sie »ihr Glück macht« durch eine »gar nicht -üble Partie«, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes -befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und -widerstrebendes Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis -sie zu einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht -daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin, -eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen -Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefällige -Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der -Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung auch das Interesse von -Leserkreisen aller Stände zu fesseln. Vorzüglich aber wäre es zu wünschen, -daß Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht -zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie -als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu -verbreiten. -- - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Symbole für abweichende Schriftarten: - - _gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert", -"heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 9: - "deinen" geändert in "Deinen" - (Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten) - - Seite 17: - "bemerke" geändert in "bemerkte" - (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen) - - Seite 24: - "Ihr" geändert in "ihr" - (den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz) - - Seite 34: - "Louisdo'r" geändert in "Louisd'or" - (vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb) - - Seite 39: - "." eingefügt - (Er begann mit dem 90. Psalm) - - Seite 49: - "ihn" geändert in "ihr" - (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben) - - Seite 68: - "ihren" geändert in "Ihren" - (der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen) - - Seite 85: - "gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt" - (ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt) - - Seite 98: - In Zeile 6 "," geändert in "." - (Halleluja, Halleluja.) - - Seite 119: - "hinzugegehen" geändert in "hinzugehen" - (geradezu hinzugehen war ihr unmöglich) - - Seite 131: - "," eingefügt - (Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER *** - -***** This file should be named 60954-8.txt or 60954-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/9/5/60954/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/60954-8.zip b/old/60954-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a08a47..0000000 --- a/old/60954-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60954-h.zip b/old/60954-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a89773d..0000000 --- a/old/60954-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60954-h/60954-h.htm b/old/60954-h/60954-h.htm deleted file mode 100644 index 55ccf61..0000000 --- a/old/60954-h/60954-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5499 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Die Kammerjungfer -by -Marie Nathusius</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 200%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 2em; line-height: 1.5; page-break-before: always;} -h2 {font-size: 125%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 4em; margin-bottom: 1.5em; line-height: 1.5; page-break-before: always;} - -p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;} - -hr {width: 20%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent: 0;} -.ss {font-size: 95%; font-family: sans-serif;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.in0 {text-indent: 0;} -.nd {text-decoration: none;} -.pb {page-break-before: always;} -.mw48 {max-width: 48em; margin-left: auto; margin-right: auto;} - -.fsl {font-size: 125%;} -.fsxl {font-size: 150%;} -.fss {font-size: 85%;} - -.mt2 {margin-top: 2em;} -.mt4 {margin-top: 4em;} -.mt6 {margin-top: 6em;} - -table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-bottom: 1.5em;} -.tdl {text-align: left; vertical-align: top; padding-left: 1em; text-indent: -1em;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die Kammerjungfer - Eine Stadtgeschichte - -Author: Marie Nathusius - -Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Die Kammerjungfer.</h1> - -<hr /> - -<p class="ce fsxl"><b>Eine Stadtgeschichte</b></p> - -<p class="ce mt2">von</p> - -<p class="ce mt2 fsl"><b>Maria Nathusius,</b></p> - -<p class="ce mt2 fss">Verfasserin der Dorfgeschichten: <span class="ge">Martha die Stiefmutter,<br /> -Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel</span><br />u. s. w.</p> - -<hr /> - -<p class="ce"><span class="fsl ge"><b>Halle,</b></span><br /> -Verlag von Richard Mühlmann.<br /> -1851.</p> - - - - -<p class="pb mt6"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen -zu ihrer Mutter. Eine Schneiderin führt ein -trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig -hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen -kriegt man zu sehen, sitzen muß man vom Morgen -bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte Jungfer -werden ist das Ende vom Liede.</p> - -<p>Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre -Mutter. Weißt Du noch, was Du sagtest vorigen -Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du -solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei -gesprochen und die Nase gerümpft, und ich war's -auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und Schande, -wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe -und Pflege. Aber ich sage: Du weißt nicht was du -willst. Kannst Du's besser haben, wie Du's jetzt hast? -Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, -und brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren -zu lassen. Ach, wenn ich an <em class="ge">meine</em> Jugend denke!</p> - -<p>Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen -schnippisch in das Wort; so dumm wie Du werde -ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur festhalten -sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, -wie Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; -da hätte sie nur aufrichtig sagen sollen: Dein Ungeschick. -Ich sage Dir aber, <em class="ge">meine</em> Schönheit soll -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -glücklicher sein. – Hierbei lachte sie, hüpfte an den -Spiegel und ordnete noch einmal zum Ueberfluß ihren -Sonntagsstaat.</p> - -<p>So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete -die Mutter, und das Unglück ist doch über -mich gekommen, ich weiß nicht wie.</p> - -<p>Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die -Rede: Du weißt nicht wie. Gerade das nicht Wissen -das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und -nun um alles in der Welt, höre auf zu jammern. -Heute ist Sonntag. Ursach dazu hast Du nicht, und -ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir -steht die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, -wunderschön! Ich vermiethe mich, oder ich vermiethe -mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe ich -zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld -im Ueberfluß.</p> - -<p>Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem -Ton.</p> - -<p>Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat -das Geld im Kasten liegen. Es ist schändlich genug, -daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen, damit -ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. -Ich muß für meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird -gespart; wenn man das Geld in großen Partieen einnimmt, -kann man's besser festhalten, die einzelnen Viergroschenstücke -trudeln unter den Händen fort. Tante -Rieke, die die christliche Barmherzigkeit immerfort im -Munde führt, mag sich auch mal mit den Händen regen. -Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, -ist sie die Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -schmeichelnd hinzu), Du hast nur den Vortheil davon, -wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch -für Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage -nur hübsch, und rühre ihr Herz; aber gegen mich -höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine -Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. – Bei -diesen Worten zog sie eine schwarze seidene Mantille -aus einer Schublade, und einige Geldstücke klapperten -daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück -in den Schooß und rief lachend: Hier, kaufe Dir -Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke Kleist's Dortchen, -dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten. -Du verstehst mich doch?</p> - -<p>Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache -Mutter. Ihr Töchterchen hatte sie völlig beruhigt. -Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; und -auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz -richtig, diese mußte mehr geben, wenn Klärchen den -Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es auch, sie -war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; -und wenn Klärchen dann im Stillen doch noch -mit sorgte, wie es sich für eine gute Tochter geziemt, -so stand die Mutter sich bei weitem besser.</p> - -<p>Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. -Sie war in ihrer Jugend schön und leichtsinnig -gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den -Mann geheirathet, der schon damals innerlich und -äußerlich ziemlich verkommen war. Es ward aber von -Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, nachdem -er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem -Jammer und in Noth erhalten hatte. Zum Glück -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück hatte -sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine -Stütze war. Noth und Jammer aber hatten keinen -Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war leichtsinnig -geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, -und wenn sie auch reichlich Thränen über sich und -ihre Schicksale vergießen konnte, die Thränen kamen -nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee -und einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. -Klärchen war das Ebenbild der Mutter, nur -daß sie noch schöner und zugleich schlauer war, und -so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.</p> - -<p>Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr -wohlhabende Wittwe des seligen Seifensiedermeisters -Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester. -Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. -Sie hatte vergeblich ihren Einfluß auf Mutter -und Tochter zu üben gesucht; sie erlangte nur das -eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel -als möglich von der besten Seite zeigten; und das -war freilich schlimmer, als wenn sie sich in ihrer wahren -Gestalt gezeigt hätten.</p> - -<p>Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte -Zwiegespräch gehabt, rüstete sie sich singend zu -ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille -ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, -in die Tasche gesteckt. Darauf suchte sie aus einem -Wust anderer Sachen ein gesticktes baumwollenes -Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn -ein langes Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -griff nach einem zweiten, da waren einige Risse in -der Mitte.</p> - -<p>Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar -nichts! sagte sie ärgerlich.</p> - -<p>Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen -zu! tröstete die Mutter, fädelte eine Nadel ein und -zog mit langen Stichen die Risse zu. Während dessen -suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh -das leidlichste Paar heraus.</p> - -<p>Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh -bleiben! klagte Klärchen wieder. Linke habe ich -wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm -genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen -aus wie die Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen -hinzu: ich hole ein Paar neue. Sechs Groschen -mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen -Musselin-Kleide gehören reine Handschuh.</p> - -<p>Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest -lieber waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. -Denke mal an, die hat ihre Confirmationshandschuh -noch.</p> - -<p>Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel -muß ich meinen Freundinnen erzählen, es sieht aber -akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und -höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld -werden die Handschuh angezogen, aber eine Hand hat -Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär. Nun -gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo -er bleibe, sagt Göthe. Auch sind die Gaben der -Menschen verschieden. – Bei diesen Worten hatte sie -die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Taschentuch geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, -und wollte nun mit einem leichten Adieu zur -Thür hinaus.</p> - -<p>Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt -Dein Hemd an der Schulter zum Vorschein und gerade -ein rechter Ratsch darin.</p> - -<p>Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen -gleichgültig, und nachdem das geschehen, ging sie fort.</p> - -<p>Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, -weil sie immer mit der Nadel für Andere beschäftigt, -nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden. Klärchen war -es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu -als unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, -und als über ihren Stand hinaus verwöhnte und -verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen -weit sein mußten und wo möglich den Staub auf -der Straße kehren, war ihr von höchster Wichtigkeit; -auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen, -Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit -Frisuren. Ob ihr Hemd zerrissen, war ihr gleichgültig, -ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah ja -Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der -Hacken im Strumpf, oder die Sohle am Schuh, aber -auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es wurde -geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier -von Nutzen. Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich -erst einen derben Strauß gehabt; denn war Gretchen -auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und -derb und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock -mit den breiten Frisuren, und sagte, das wäre ganz -verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine -ordentliche Toilette – bei diesem Worte hob Gretchen -etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe und zeigte -wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen -fuhr nach einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich -fort: daß zu einer ordentlichen Toilette solch ein Rock -nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit zu -erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt -das für schlanke Leute; für Biertonnen ist's nun mal -nicht nöthig. Gretchen wußte darauf keine verblümte -Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich -was mit Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und -flicke und stopfe wo's Noth thut, und verthu' Dein -Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst -Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, -Du wirst es noch mal bitterlich bereuen, daß Du so -eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit der -Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein -X für ein U machen; und Du denkst, da ist Dein -Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo anders. – -Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, -gewiß wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande -kommen, denn von dem sprach sie, als ob die Sache -ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt -so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte -keine Romane, wußte nichts von Eugen Sue, von der -George Sand und von keinem Musen- und Liebes-Almanach, -kannte nur nothdürftig die Classiker ihres -Vaterlandes dem Namen nach, und auch darüber -spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen nur -in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -die ihnen vom Pastor an der Stephans-Kirche -zugestellt wurden. Der Pastor an derselben war nämlich -ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom -Heiland und machte den Leuten Himmel und Hölle -heiß. Klärchen aber, als sie merkte, wo hinaus ihre -Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab -gütlich nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso -wenig als mit Tante Rieke verderben, und beide hingen -aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte hochmüthig: -Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt -sich nicht für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes -Mädchen; sie mag sich drum gern ihre Hemden -selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne -Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie -macht auch keine Ansprüche für die Zukunft und gehört -so recht in den Handwerkerstand hinein. Dagegen -Klärchen? Sie seufzt, – ihr Herz schlägt gewaltig, -– was wird aus ihr wohl werden? jedenfalls -etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft: lachende -Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! -Jetzt zog sie zur Frau Generalin: Da kam sie in feine -Kreise, vornehme Personen gehen aus und ein, es ist -so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, -daß sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, -es wird, sie hat eine selige Ahnung davon in ihrem -Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist -ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl -und ein Sammethut – dann aber kann es ihr ganz gewiß -nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren Begebenheiten! -Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen -geht, sollte sich mit stopfen und flicken abgeben? -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -ein jeder begreift die Richtigkeit, nur das hausbackene -Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken, -sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen -Herrn und Heiland, und sagt, sie könne keine Stunde -ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat den -Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt -nicht, wozu sie ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke -sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde erlösen, -und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in -Unverstand und wie sie weiter sagt; aber das konnte -Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts von Sünde, von -Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine -Christin wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, -gelernt, aber wozu, das sah sie noch nicht ein, es hatte -sich noch keine Gelegenheit gefunden, um Gebrauch davon -zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten -zu reden, von den zehn Geboten, wozu war -das siebente für sie da: »Du sollst nicht stehlen?« -Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht -andere Götter haben neben mir?« Sie war doch keine -Heidin, die an Jupiter und Mars glaubte. Oder: -»Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that -mehr als ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen -quälte sie sich, um ihre Mutter zu ernähren. Nein, sie -hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum -war Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. -An den lieben Gott glaubte sie wohl, sie verließ -sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr Schicksal -leiten und lenken könne, – das verlangte sie gar nicht, -sie wollte das allein thun; sie war schön und jung -und klug und gebildet, ihr Glück verstand sich von -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie. Vor -nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer -Straße, ein großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie -ließ sich aber schnell impfen und meinte nun wieder -ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera -kam und in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, -da ging das Bangen wieder an. So gut wie die -sterben, kannst Du auch sterben, – das sah sie ein, -und sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird -dann aus ihr? ja was? Tante Rieke unterließ es -nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der -Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte -solche Worte nicht gern, sie ward bänger und bänger, -und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. Sie -konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen -so ruhig waren und vom Tode redeten als von gar -nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des Nachts aufwachte -und so allein mit ihren Gedanken war, da -befiel sie oft eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob -du wohl sterben mußt? dachte sie. Und was dann? -Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben -wieder rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod -und Gericht, und wenn die Tante jetzt von solchen -Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren nicht, -sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken -gingen mit ihren tollsten Fantasien durch.</p> - -<p>Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, -ging sie einige Häuser weiter um eine Freundin abzuholen. -Sie klopfte an ein niedriges Fenster parterre. Der Briefträger -Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung dazu. -Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Nun Ihr Jüngferchens – wieder schwitisiren? -sagte er spaßend.</p> - -<p>Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete -Klärchen lustig.</p> - -<p>Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte -auch, ich wäre noch jung.</p> - -<p>Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, -sagte Klärchen schmeichelnd.</p> - -<p>Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich -denn meine Alte ansehe, wird mir schwarz vor den -Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die -ihm gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß.</p> - -<p>Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete -diese bitter und holte dann schwerfällig Athem.</p> - -<p>Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, -fügte Vogler wieder scherzend hinzu.</p> - -<p>Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen; -wie kann ein Mann die Frau so roh behandeln! So -aber hat es der Vater mit der Mutter auch gemacht. -Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme -mir einen vornehmen Mann, – und nun hinaus in -den lachenden Kaffeegarten!</p> - -<p>Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig -gemacht und ging nun etwas schwerfällig neben der -leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder schön, -noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht -ihres Vaters, grobe Manieren und sprach dabei -unglaublich albern. Aber das war gerade eine Freundin -für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam, -durchschaute nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -mit der Nebenrolle, und hatte dabei immer als verzogenes -Kind ihres Vaters die Börse voll Geld.</p> - -<p>Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen -auf der Chaussee entlang dem Orte ihres Vergnügens -zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der -Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die -Leute waren ihr noch nicht die rechten, es waren meistens -Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens ein Handlungsdiener; -sie gedachte höher hinaus. Bald kam -ihnen eine Reihe Studenten entgegen, mitten darunter -eine orangegelbe Mütze. Das war der rechte; sie nahm -ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß -mit vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die -Entdeckung, daß die Studenten umgekehrt waren und -ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht, -daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der -Freundin den Triumph; sie war zufrieden, an der augenblicklichen -Lust theilnehmen zu können; feine Pläne -für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten -kam ihnen wieder ein junger Mann entgegen, der sie -grüßte, aber sehr bescheidentlich mit nur halb hingewandten -Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen.</p> - -<p>Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern -aus der Fremde zurück, den mußt Du doch -kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.</p> - -<p>Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen -rothen Händen, lachte Klärchen, sonst ist's aber -ein hübscher Mensch.</p> - -<p>Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten -geht er auch, ich habe ihn selbst heute Morgen herauskommen -sehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das -paßt ja wie die Butter aufs Brod, der nimmt die -Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten sie -immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben -untreu werden, und wenn er dann einen salbungsvollen -Brief geschrieben, kam der alte Buchstein mit -der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit -Thränen und Seufzen genossen. Nun, ich gönne ihr -den Burschen, obgleich er eigentlich zu hübsch für die -Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, -denn Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein -Glück, <span class="ss">nota bene</span> weil sie selber nicht schön ist.</p> - -<p>Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem -Tisch fanden sie schon eine Bekannte, eine von -den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser -der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung -bringen, – und sie setzten sich zu ihr. Die Studenten -nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden -beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen -Blicke und Späße herüber zu senden. Doch der Orangegelbe -blieb nicht dabei, er machte es sich bequemer -und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. -Klärchen wunderte sich nicht darüber, sie hatte schon -längst mit ihm auf der Straße koquettirt, sie wußte -auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin, -ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich -die heimliche Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich -zu vermiethen, gewesen. Er war ein Mediziner und -dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute -Wechsel, hielt sich einen großen Neufundländer Hund, -ritt spaziren, oder fuhr auch seine Freunde in einem -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und -überall zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel -war. Seine Gestalt war groß und klobig, sein -gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht herunter, -das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck -hatte. So wie seine Gestalt war auch sein -Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den -Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch -gestützt, die blauen Dampfwolken aus seiner Cigarre -blasend, machte er höchst unmanierliche Späße. Klärchen -fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus -angesehener Familie war (sein Vater war Präsident), -fand sie es nur pikant, und hielt sich nicht für zu gut, -ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und -liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre -Schönheit auf ihn Eindruck machte, und sie in seinen -Augen höher stieg, denn er nahm die Ellenbogen von -dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr -zusammen. Für Klärchen war das ein neuer Triumph -und die beiden Freundinnen bemerkten es mit Verwunderung. -Die Putzmacherin kannte den Studenten -längst, sie ging bei der Generalin aus und ein, und -das war Gelegenheit genug, um eine Studenten-Bekanntschaft -zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges -Herz gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete -jetzt die Gefährtin um diese bedeutende Eroberung, -und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur -eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen -Laube saß Fritz Buchstein. Ja, unbegreiflicher -Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den Kaffeegarten -gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Sie erinnerte sich aus ihrer Jugend, daß, wenn sie -mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, um Spielsachen -zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst -gemacht hatte und Grete oft darüber böse gewesen -war. Also: damals hatte er sie bevorzugt, heute war -er erstaunt über ihre Schönheit, – so kalkulirte sie, -– und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit -nicht ganz ungerührt von diesem Gedankengange -blieb, so war ihr diesmal die Eroberung doch unangenehm. -Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit -werth, und ihr Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen -Menschen herablassen; und dann fürchtete -sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte -den Spion spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. -Sie hatte sich so viel als möglich so gesetzt, -daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: -aber wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal -demselben bekümmerten und theilnehmenden Blicke, -der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.</p> - -<p>Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte -sich heftig nach der anderen Seite. Der Student und -die Freundinnen sahen sie verwundert an, und sie erklärte -die Ursache ihres Aergers.</p> - -<p>Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen -ganz natürlich, einem hübschen Mädchen in das -Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine -breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den -lästigen Blicken sicher war; und kurze Zeit darauf bemerkte -Auguste, daß Fritz fortgegangen war. Jetzt -fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward -immer lebhafter. Die Tanzmusik lockte, Alle gingen -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -in den Saal, um in dem wilden Getümmel sich zu -erhitzen und zu betäuben.</p> - -<hr /> - -<p>Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in -dem schönen Mädchen das kleine Klärchen Krauter wieder -erkannt, und die schönsten und süßesten Jugenderinnerungen -gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch -dachte er mit inniger Bewegung daran, wie sie damals -zu ihm in die Werkstatt kam, um irgend eine -Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem -achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn -er dem zwölfjährigen Mädchen in die dunkelblauen Augen -sah. Er wollte es sich selbst nicht gestehen, aber -es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete -ihn auf der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- -und Morgengebet: der Herr möchte dies Blümlein -schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze -der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen -werde? das stand in Gottes Hand. Sein Herz war -gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing -nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch -und fröhlich ging er durch die schöne Gottes-Welt, er -sah Berge und Thäler und Flüsse und Fluren, manch -große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen -und Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, -und Alles nahm er mit Aufmerksamkeit in -sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht -getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses -Gewissen, durch Armuth und Noth. Er hatte -das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe -seines Heilandes gehalten. Das bewahrte ihn vor -manchem Elend und manchem Unheil des Wanderlebens. -Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage -und Raufereien waren, er suchte nie seine Freunde -unter dergleichen Gesellen; so blieb er an Leib und -Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn -weil er ein braver Geselle war, fand er auch immer -gute Meister. Und auch Freunde fand er, die mit -ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn -lieb hatten; selten verließ er eine Stadt, daß er nicht -mit Wehmuth darauf zurück sah, weil er Freunde für -sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und -kam er zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner -spotteten, ihn zu verführen suchten, so waren -auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers -und der Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe -des Trösters, seine Liebe und Gnade fühlte. So -ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer -reicher, seine Hände immer geschickter. Und wie -war es mit seinem Herzen? Das durfte sich auch zuweilen -regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend -auf der Höhe am Rand des Waldes saß, die -Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft -zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte -weich in den Zweigen und in den Blumen rund um, -am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der -Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen -Himmel: – da ward es ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll -zu Sinne, und durch Abendgold und Duft und -Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Augen des kleinen Mädchens aus der Heimath an. -So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe am -Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath -so nahe, jetzt war aus dem Jüngling ein Mann -geworden und er durfte an eine Gestaltung seiner Zukunft -denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem -Winter plagte ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem -Handwerk nicht mehr vorstehen, es fehlte an allen -Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen -zur Rückkehr folgen. Er that es auch -gern, er war nun 25 Jahr alt, nach dem langen -Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm -zu Hause wohl behagen. Er sollte nun Meister werden -und dem Haus, dem Acker und der Kundschaft -allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine -Hausfrau, und <em class="ge">der</em> Gedanke war es, der ihm besonders -an das Herz ging. Und als er sich diese Hausfrau -dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar -und dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen -verließ er den Thüringer Wald und wanderte einige -Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es -war spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß -schwach und krank im Lehnstuhl, aber Dank- und Freudenthränen -glänzten in seinen Augen, als der Sohn -nach so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, -und Fritz mußte ihm am selbigen Abend noch das -Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen.</p> - -<p>Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr -gesprächig, und in seiner Gesprächigkeit konnte er es -nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler liebsten -Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -im Haus Frau Meisterin werden. Frau Bendler -hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und mit Ausnahme -einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin -sein.</p> - -<p>Fritz ward es gar eng um das Herz als er -das hörte, und hatte er schon vorher wenig Muth -gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte -er es jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber -zur Frau Nachbarin gehen, aber er bat den Vater, -gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht -wisse, wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der -Vater schmunzelte. Das sei nicht gefährlich, meinte -er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten -Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz -ward immer schwerer; denn wenn Gretchen auch ein -braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht dunkelblaue -Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte -ihn nicht auf seiner ganzen Wanderschaft begleitet. -Als er am Sonntag Morgen aus der Kirche kam und -unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung -einer jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich -anreden; er schlich sich von der Seite, er hatte -dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend seine -Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag -aber trieb ihn seine Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens -Fenster vorüber. Er konnte sie nicht entdecken, -nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück -schaute sie nicht auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken -auf seiner Stirn lesen müssen. Er ging zum -Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf -der Chaussee entlang gegangen war, wieder um. Da -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. Es war ja -noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen -und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er -grüßte sie und sein Herz schlug vor Glück, aber nur -wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten -hinter ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie -den Mädchen nachfolgen. Es würde ihm nie eingefallen -sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung -und Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen -schützen, er ahnete nicht, daß sie durch das Nachfolgen -der Studenten mehr erfreut als geängstigt würden. -Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen. -Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der -Mädchen leichtfertiges Spiel. Klärchen spielte die -Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre verächtlichen -und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen -Gefühlen ging er nun nach Hause! Das Geschehene -zerstörte zu hart seines Herzens Pläne. Die Freude -an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und -Hof war zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab -wieder in die Hand genommen. In dieser -Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen, -nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging -leise an dem Dienstmädchen, die feiernd in der Hausthür -saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich in -die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, -der nur durch ein Stacket getrennt, war leer. -Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte er -seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut -ganz anders als gestern! Die verwilderten Rosen und -Goldveiglein hatten ihn gestern so traulich und heimlich -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst -Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. -Die düstere Weinlaube erschien ihm gar nicht -düster, er dachte: bald wirst du nicht mehr allein -hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und -es lag ihm auch gar nichts daran, daß es anders sei. -Er schaute durch die Weinranken hindurch zum blauen -Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird -ja wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz -meinem jungen Herzen schwer, und nun bitte ich Dich -doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom Uebel; -wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du -sie nicht. Aufgeben? ja das ist wohl schwer, und -daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum -Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen -Herzen so schwer ward, mußte es ja dem Erlöser -droben noch schwerer werden, eine geliebte Seele aufzugeben; -und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, -je zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete -sich in feuchten Augen auf. Da hörte er plötzlich -eine Stimme im Nachbarsgarten singen; hell -und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen -die Töne, und ganz deutlich die Worte zu ihm -herüber:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"> Will ich nicht, so muß ich weinen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ich mir es recht betracht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weil verlassen mich die Meinen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">G'nommen eine gute Nacht.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, wo ist mein Vater und Mutter?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, sie liegen schon im Grab.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Keinen Freund ich nirgends hab.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> - O, mein allerliebster Jesu,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schau mich armes Waislein an,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du bist ja mein liebster Vater,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sonst mir Niemand helfen kann.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weil mein' Eltern sein gestorben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Leben nicht auf dieser Welt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So hab ich Dich, liebster Jesu,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Für mein'n Vater auserwählt.</td></tr> -</table> - -<p>Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und -sah drüben auf dem alten schrägen Birnbaum Gretchen -sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte -von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn -Jahr, und Gretchen ein Kind sei. Damals war -der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr -alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit -dem Strickzeug hinauf, und jedesmal wenn sie eine -Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten Benjamin -zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon -fast dreißig Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen -über der Werkstatt wohnte. Er war der Kinderfreund -der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer -Liebling. Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und -jedesmal, wenn sie ihm die Tour zurief, machte er -einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer -zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn -es so weit war, rief er: nun Gretchen mach Schicht! -Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden ein -Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, -da oben stricke und esse es sich besser. Benjamin -legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus der -Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz -schnarrte »Gretchen, so recht, so recht,« und sein Dompfaffe -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -sang »Lobe den Herrn o meine Seele«. Wenn -dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin: -»Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: -»Gretchen, so recht.«</p> - -<p>Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster -hinaus; der Staarmatz aber rief: »Jungfer Gretchen,« -und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch -andere Zeiten seien.</p> - -<p>Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem -heut ordentlich das Herze weich; was ist Dir denn?</p> - -<p>Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich -nicht gesungen, sagte Gretchen; ich glaubte, ich wäre -ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm aber herüber -und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß -nicht recht, was ich so mutterseelen allein mit dem -Sonntag-Nachmittag beginnen soll.</p> - -<p>Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die -einige Krankenbesuche machen wollte, als sie Nachmittags -aus der Kirche kamen, allein nach Hause geschickt; und -weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten -Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war -ihr das zu Hause bleiben gar nicht recht. In der -Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in -die Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, – nichts behagte -ihr. Der Nachmittag wollte nicht kürzer werden, -und sie begriff nicht, warum sie so unruhig -war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum -Abend angemeldet hat? Sie ward feuerroth bei dem -Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn wieder -zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -was aus ihm geworden, und ob er so aussähe wie -sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging in -den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört -ging sie in dem geraden Stachelbeerwege auf -und ab. Hinter den Büschen hatte sie als Kind mit -Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf -und Wolf gespielt; Luischen Buchstein war todt, die -anderen Freundinnen zerstreut, und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag -so allein hier wandeln. Auf der Bank -unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt -gesessen, noch lieber aber oben auf dem Baum: -da konnte sie doch ein Bischen weiter in die Welt -schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf -den Hof, dem Benjamin in die Stube. Nach der -andern Seite hin war der Garten zwar durch eine -hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden -Flieder- und Goldregen-Wipfel, auch zuweilen -die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin -und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen -konnte nicht widerstehen; sie stieg auf den Baum. -Heut war aber gar nichts zu sehen, an den Goldregen -hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen -dunkel und glanzlos aus, weder Haube noch -Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths waren in ein -Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den -anderen Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal -Benjamin war am Fenster. Da ward es dem -Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger -schaute sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn -der Herr uns die Welt einsam und öde macht, so -zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -der Himmel war heute so licht, die Wolken daran -von der sinkenden Sonne mit Gold umsäumt. Gretchen -schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am -blauen Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt -und Farbe wechselten. Da zog ein Schwan, bald -eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar -eines Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, -an ihre Brüderlein, deren sie sich noch ganz leise aus -frühester Jugend erinnern konnte, und mit sehnsuchtsvollem -Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an -das Fenster lockte.</p> - -<p>Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, -schwang sich unten an der Scheuer und am alten -Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, -und war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz -aus der Laube, er wollte nicht schuldiger Weise den -Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie -ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; -er aber reichte ihr freundlich die Hand über das Stacket -hinüber. Das war nun Gretchen mit dem blonden -Haar, den Sommerflecken, den runden braunen -Augen und dem runden rothen Mund. Sie war nicht -groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und stand -mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich -gar sittig vor ihm. Er sprach einige verlegene Worte -des Willkommens, sie merkte seine Verlegenheit nicht, -sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr -Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; -und als er fragte, ob er auch hinüber kommen dürfe, -nickte sie ein freundliches Ja und machte einen höflichen -Knix.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, -scherzte Benjamin; jungen Burschen muß man solche -Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür, -wie es sich gehört.</p> - -<p>Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn -er auch ganz stattlich in der schwarzseidenen Weste, dem -seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock aussah, so -hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause -liegen, und überhaupt mußte der erste Besuch etwas -feierlich gemacht werden. Er kam aber nicht so bald -als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen -Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, -als es an der Hausthür klopfte. Sie ging zu öffnen -und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor der -Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. -Gretchen hätte gar nicht gewußt wie sie als Wirthin -thun sollte, und Fritz mochte mit seinem schweren Herzen -dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. -Frau Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber -auch das Frageamt, und Fritz mußte wohl oder übel -gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte -Frau Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe -Ausdruck der Trauer, der ihm zuweilen unbewußt über -die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das -Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder -daheim zu sein? zieht es ihn zurück in die Ferne? -Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie bange, und -wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich -war? Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein -war, schaute sie hinauf zu den Sternen mit -gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -sich Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, -der da Freud und Leid auf die Herzen der Menschen legt.</p> - -<hr /> - -<p>Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer -jüngeren Dame in eifrigem Gespräch.</p> - -<p>Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen -passt ganz besonders für Sie, und ich kann sie -Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren -näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich -die Liebe des ganzen Hauses, immer freundlich, gefällig, -sehr gewandt und fleißig, und aus einer sehr -rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, -die dem Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine -außerordentlich geachtete Frau. Von der ist Klärchen -eigentlich erzogen, die hat sie auch das Schneidern -lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.</p> - -<p>Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die -Generalin.</p> - -<p>Um einmal unter andern Leuten zu sein, war -die Antwort. Ich finde es recht vernünftig. Die -Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen -und ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. -Sie deutete es mir neulich mit Thränen an, daß sie -sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie dazu -kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh -gewesen sei, der Kundschaft wegen für das Aeußere -zu sorgen.</p> - -<p>Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter -soll unordentlich sein und gern jeden Groschen durch -den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, -– entgegnete die Generalin.</p> - -<p>Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich -sie Ihnen, weil sie so liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein -wird sie Ihnen die angenehmste Gesellschaft -sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr -hübsch; aber vor allen Dingen – Sie müssen sie sehen, -theuerste Frau!</p> - -<p>Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, -Klärchens besondere Gönnerin. Sie suchte ihr jetzt den -Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte Klärchen -deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich -sie in das beste Licht zu stellen. Es währte nicht -lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr nett angezogen, -zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos -stand sie vor den Damen. Die Generalin war wirklich -erstaunt über die Schönheit des Mädchens, aber -die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken -verstummen – und sie schloß den Miethsvertrag. -Vierzig Thaler Gehalt, ein Louisd'or zu Weihnachten, -außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr -erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt -der Frau Generalin entzückte sie, ja so sehr, daß -der Mediziner fast darüber vergessen ward. Die großen -Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage -und Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft -beisammen. In diesem Haus war sie als Kammerjungfer -engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn -eigentlich – redete sie sich vor – sollte sie doch Gesellschafterin -der Dame sein, sie sollte ihr des Abends -vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee serviren. -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache -so vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte -die ein ernsthaftes Gesicht. Du hast nun meinen -Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie, der Herr -mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den -Du Dir nicht zu leicht denken mußt. – Klärchen, -die voll der schönsten Hoffnungen und sehr guter Laune -war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu -gutmüthig, um das nicht glauben zu müssen. Auf -die Fragen über den Zustand ihrer Wäsche, hatte sie -geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit -sagen können, und ihre Angst war schon längst -gewesen, die Tante möchte sich einmal selbst davon -überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt, -sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn -ganz besonders Wäsche anzuschaffen. Die Mutter muß -sich einschränken lernen, fügte sie hinzu; Du weißt, -wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht -abschlagen; wenn ich keines habe, kann ich keines geben; -und bekomme ich mein Lohn, gebe ich ihr ein -Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich anschaffen. -– Das klang vernünftig, und die Tante -war damit einverstanden. Gretchen ging vor die Schublade -und holte ein halbes Dutzend leinene Taschentücher -und zwei Paar Strümpfe.</p> - -<p>Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken -hast Du nicht viel Zeit gehabt, und die Taschentücher -sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn -Du zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die -leinenen, scherzte Gretchen: Du weißt, wir können -die baumwollenen nicht leiden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst -es doch wirklich gut! sagte sie herzlich.</p> - -<p>Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, -und beide Cousinen waren jetzt sehr freundlich -auf einander gesonnen.</p> - -<p>Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer -Stube stand eine Kommode und ein Kleiderschrank, -dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich -geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene -Kleider, Mantillen, Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock -in den Schrank; in die Kommode, außer der -wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, -Taschentücher; die sechs leinenen Taschentücher -und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen bildeten -den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem -aber stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, -hing ein Porzelan-Bildchen an die Scheiben, -ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase -auf die Kommode. Der Bediente hatte in die -Stube gesehen und gegen die Köchin bemerkt: man -sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von -guter Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß -das Stübchen im Nebenhaus, und der Mediziner gerade -hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine -Liebelei im Hause geben. Die Köchin aber nahm -Klärchens Partie. Ihre Küche lag gerade gegenüber -im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen -das Rouleau niederließ, als der Mediziner mit -der langen Pfeife aus dem Fenster sah. Klärchen aber -hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den -Mediziner kann nicht schaden.</p> - -<p>Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das -Haus der Generalin war vielfach belebt, die verheirathete -Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort, und -dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem -ward Klärchen in die eleganten Läden der Stadt -geschickt, um Besorgungen zu machen, und das war -ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen -Commis befreundet und hatte ihre leichte Commodengesellschaft -um manches bereichert. Freilich waren ihre -wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, -auch ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten -kaum der Mühe zum Sparen. Daneben ward das -Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die -Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von <em class="ge">der</em> -Seite war also für ihre Zukunft nichts zu hoffen. -Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer und -Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn -sie das Rouleau einen Tag nicht aufzog, sang er die -schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst spröde gegen -ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen -gar sanften Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, -denn ehe er nicht in die rechte Höhe der Leidenschaft -kam, würde er nicht Ernst aus der Sache -machen. Sie berechnete freilich nicht, daß sie auch -mit der Zeit warm wurde, und ein verliebtes Herz ist -ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne -Erfahrung, das zu wissen und zu merken.</p> - -<p>So war Weihnachten herangekommen, der Besuch -der Generalin war abgereist und den unruhigen Tagen -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen -gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin -versicherte ihre Freundinnen, eine ausgezeichnete -Kammerjungfer zu haben, was ihr gern geglaubt -wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig -zeigte. Nur schien es, als ob sie seit einiger -Zeit etwas zerstreuter wäre und oft nicht ganz unbefangen -aus den Augen sähe; doch tröstete sich die -Generalin mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten -und ließ sich nichts merken, und Weihnachten -ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das -war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. -Sie sah so manches bei den vornehmen Damen, das -ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte sie -mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß -vom Lohn und vom Louisd'or kaum etwas für ihre -Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber bald. Aller -Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird -ein andermal gesorgt; hatte sie doch den unächten -Shawl, die Brosche und den Sammethut sich wirklich -angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen -um sie nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen -zu befreien. Als sie am Sylvesterabend von einer -Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine -wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald -den Mediziner. Sie hatte hier öfters mit ihm flüchtige -Worte gewechselt, seit einiger Zeit hatten sie sich -nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte -auf der Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, -drückte ihr einen Brief in die Hand und eilte die -Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug -ihr Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -ein Dokument wie Millionen geschrieben werden, um -thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu -machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, -einer ist dem andern wie aus den Augen geschnitten. -Die Schreiber finden in jedem Mädchen -eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die -Empfängerin aber meint, das passe nur ganz allein -auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie ist vor -vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen -von heißer Liebe, von unerträglichen Qualen und -ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr glaubwürdig, -denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte -aber ein Herz von Stein haben, den Armen so leiden -zu sehen, man muß ihn wieder lieben. Schmerz oder -Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle sind -ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese -Ewigkeit der Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus -reicht, glaubt man nicht; man hat zwar schon oft -davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese Schilderungen -müssen Wahrheit sein. So glaubte auch -Klärchen, als sie ihren Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte -vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte sie es so weit -gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch -nicht länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. -Sie hätte gern gleich geantwortet, aber sie war -heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte versprochen -um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein -Liebesbrief war keine Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht -geschrieben werden. Sie ging also, wenn auch -in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie -natürlich auf dem Herzen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu -Tante Rieke gegangen. Da gab es Punsch und Kuchen, -und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und -sang, ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für -die jungen Leute gab es mancherlei Spaß, denn die -Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr heiter, konnte -selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute -nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich -ganz egal, und als ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit -bemerkten, that sie etwas erschrocken, schmunzelte -aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter -müsse etwas stecken. Fritz Buchstein, der auch unter -den Gästen war, sah sie scharf an bei diesen Scherzen, -und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward -man lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte -Klärchens Schweigsamkeit nicht mehr. Selbst -Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr unterhaltend -von seiner Wanderschaft. Gretchen hing -an jedem Worte, das er sagte: selbst Klärchen mußte -gestehen, daß er ein ausgezeichneter Tischlergeselle -sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, -seine Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, -sie wußte selbst nicht wie, aber es fielen ihr -die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie beschrieben -werden, so sanft und mild und dabei so edel -und männlich. Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht -zu gönnen, obgleich sie selbst himmelhoch über ihm -stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, -und solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie -sie ihn auf dem Herzen trug. Darin hatte sie Recht, -solch einen Brief konnte er nicht schreiben: er war -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem -Mädchen den Unverstand zuzutrauen, solchen -Unsinn, der in jedem schlechten Romane zu finden ist, -für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren -so schnell vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau -Bendler an ihr Versprechen.</p> - -<p>Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, -sagte diese scherzend; es liegt mir selber daran, -zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner guten -Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, -weil ich doch wohl die Neugierigste bin.</p> - -<p>Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag -ein. Gretchen holte einen großen Napf mit -Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte -sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht -heraus und klebte dafür kleine Wachslichte hinein. -Gar niedlich tanzten die brennenden Lichterschiffchen auf -dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die -anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die -Frau Organistin und Gretchen und Klärchen vor; so -war es von Frau Bendler bestimmt. Der Hauptspaß -war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. -Blieben sie fern so war es mit der Freundschaft -schlecht bestellt. Und wirklich drückten sie sich -alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler -scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, -durch eine leise Wasserbewegung angeregt, auf die -Tante zu schoß und nicht wieder von ihr ließ, was -auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das -Schütteln aber hatte zur Folge, daß die anderen vier -Schiffe sich zu einem Häufchen gesellten, und nun -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber -stand.</p> - -<p>Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er -jetzt der Erste sein der die Herzen seiner Freunde prüft, -sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar nicht begierig -danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang -lassen; doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen -es, den Schiffchen Namen zu geben, und die -Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und -sie besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen -wolle und was sagen, wenn das Schiffchen die Gedanken -ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere -junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten -mit Fritz und meinten: das passe sich gar nicht, wenn -er da großartig in der Mitte stehe, und sie sollten sich -um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur -für Mädchen. Klärchen aber war ganz erhoben über -diesen Spaß, ihre Gedanken waren längst nicht mehr -hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe -und Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam -genug, ihr Schiffchen nahete sich zuerst der Mitte, -Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog hinter ihm -her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm -zusammen auf dem kleinen Meere umher. Das gab -ein Lachen, aber Klärchen warf die Lippen auf und -warf einen verächtlichen Seitenblick auf den Tischlergesellen, -so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens -kund werden mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz -roth und hatte schon ein derbes Wort auf den Lippen, -doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und -wollte es sich lieber aufsparen. Die beiden andern -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Mädchen stießen sich an, Klärchen hatte ihnen schon -den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau -Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den -Mund nicht zu verziehen, bist in ganz guter Gesellschaft -hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst gemacht -haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht -muß ein jedes Mädchen stolz und spröde thun, die -jungen Burschen sollten sonst eitel werden. Dann -wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, -und die Sache war abgemacht. Fritz aber behielt den -Stachel im Herzen. Wenn er auch längst Klärchens -Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht -ohne innere Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, -als ob aus ihrem Wesen bald ein guter bald ein -böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten -und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen -Augen hatten ihn zuweilen so kindlich angeschaut, -ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor -seiner Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle -die Anderen von ihrem Leben und Treiben – die Augen -der Liebe sehen scharf –, auch wußte er daß der Mediziner -im Hause der Generalin wohne, aber immer -noch konnte er den guten Engel in ihr nicht aufgeben, -und sein theilnehmendes und trauerndes Herz ward -von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.</p> - -<p>Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es -schlug zehn Uhr, man wurde ernsthafter. Die Alten -erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war das -sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt -und er übernahm es auch später gern, etwas aus der -Bibel vorzulesen. Er begann mit dem 90. Psalm. -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer -voller, die Worte quollen immer mehr aus seinem -Herzen. Als er die Worte las: Lehre uns bedenken -daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -– schaute er auf und sah Klärchen an. Niemandem -fiel das auf, nur Klärchen konnte den Blick nicht -vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst -bedeutsam. Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf -den Jahresschluß passend, und dann das schöne Lied:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"> Jahre gehn und fliehen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blumen, die da blühen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Welken traurig ab!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was da grünend stehet,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wandelt und vergehet</td></tr> - <tr><td class="tdl">In ein düstres Grab!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bleiben <em class="ge">wir</em> wohl ewig hier? –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was genommen ist von Erden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Muß zur Erde werden.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Eines unter Allen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Kann nicht fliehn und fallen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn auch Alles fällt:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was aus Gott geboren,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gehet nicht verloren</td></tr> - <tr><td class="tdl">In dem Grab der Welt;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Seine Zeit heißt Ewigkeit –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Selig, wer in guten Stunden</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dieses Eine funden.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Der für uns gestorben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hat es uns erworben</td></tr> - <tr><td class="tdl">Einst mit seinem Blut;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Jesus, unser Leben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Kann dem Sünder geben</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dieses Eine Gut;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Seine Kraft bewirkt und schafft,</td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> - Daß geweihet sei die Seele</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit dem Lebensöle.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Weichet, Lust und Sünde!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Einem Gotteskinde</td></tr> - <tr><td class="tdl">Habt ihr nichts mehr an.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Denn dem Gott der Ehren</td></tr> - <tr><td class="tdl">Muß mein Herz gehören,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ihm dem Schmerzensmann.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ihm erkauft, auf ihn getauft,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Steh ich in dem Grund der Gnaden.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was kann da mir schaden?</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Tage, Jahre, fliehet!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Lust und Glanz, verblühet!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gräber, öffnet euch!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn die Glieder sterben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Werd ich ja ererben</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meines Heiland's Reich!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wär sie nah', ach wär sie da,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Jene Zeit, da ich erstritten</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gottes ew'ge Hütten!</td></tr> -</table> - -<p>Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht -hinzuhören und sich mit anderen Gedanken zu zerstreuen; -es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme -klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so -ernst, sie mußte hören, und je länger er las, desto -aufmerksamer hören. Von Sterben – Grab – und -Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, -und ihr abergläubig Herz nahm die Bangigkeit für -böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der Heiland, -von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich -reizt mich nicht und nicht die ewigen Hütten; nein, -über den Tod hinaus geht keine Hoffnung. O, so -häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -und gerade heute das anzuhören ist sehr störend. -Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig aus, -als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der -Wahrheit, sein Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so -demüthig zu ihm aufschaut – solche Blicke müssen sein -Herz rühren.</p> - -<p>Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten -sich zum Gebet. Auch Klärchen mußte so thun, -aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der Teufel -hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! -seufzte sie, und der Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus -aus dem Ernst und dem Frieden in die Lust und Unruhe -der Welt.</p> - -<p>Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter -mit den Andern einen Weg hatte, und nur Klärchen -allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite mußte; -es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. -Sie aber sträubte sich, denn nichts wäre ihr -drückender gewesen, als ein einsamer Weg mit diesem -sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der -Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige -auf den Straßen zu finden sind, darf kein junges -Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte -sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich -eben zu sehr in eine Gottes-Welt vertieft, als daß -ihn die kleinen Bewegungen der irdischen Welt hätten -berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in -die Augen und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: -doch wehten außen Sturm und Regen so sehr, und -Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. -Jetzt standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -den Schlüssel und schloß auf. Der Mond brach eben -durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz -und Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da -ruheten seine dunklen Augen so traurig auf ihrem -frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte ihre -hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, -wir stehen jetzt am Anfang eines neuen Jahres. Der -Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende desselben -mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter -Ehre mögen darauf zurückschauen. Der Herr -behüte Sie!</p> - -<p>Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das -Haus, aber mußte erst einige Augenblicke sich vom -Schrecken erholen.</p> - -<p>Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da -will ich selbst für sorgen. Und das Gewissen? ich -werde doch kein Verbrechen begehen? – Sie suchte -mit Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, -und das sollte ihr leider nicht schwer werden. -Als sie die erste Treppe hinauf war und eben den Zugang, -der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, -kam Jemand von oben herunter. Sie zögerte, – ja -es war der Mediziner. Er hatte den Sylvester-Abend -etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein -Gesicht glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer -Zeit hatte er mit Ungeduld auf Klärchens Rückkehr -gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer von -den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, -diese Ausdrücke von erhabenen Gefühlen – Klärchen -konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte flüsternd süße -Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -sich endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, -für eine recht baldige ungestörte Zusammenkunft -zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer Mutter -konnten sie das haben; denn die wird dem Glück -der Tochter nichts entgegensetzen. Und, fügte Klärchen -hinzu, es ist auch nöthig daß wir besprechen, wie -es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da -manches zu thun. –</p> - -<p>Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird -denn an so alberne Dinge denken? Wir leben in der -Gegenwart, das andere fügen die Götter. – Dann -fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die -Treppe hinauf.</p> - -<p>Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über -die grünen Auen ihres Glückes, doch dachte sie nicht -weiter darüber nach und legte sich in süßer Betäubung -zur Ruhe.</p> - -<p>Am anderen Morgen wachte sie später auf als -gewöhnlich. Ihre gütige Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen -Zeit wecken lassen, damit sie den versäumten -Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie -sich nicht zurecht finden. Es war ihr so wüst im -Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte sich ordentlich -erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, -und trotz des Vorredens blieb sie unruhig. Wird er -Ernst machen? Wird er sich öffentlich verloben? Wird -er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie -thöricht genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer -Seite immer noch große Vorsicht, das Alles zu erreichen. -So dumm wie ihre Mutter, der der Rechtsgelehrte -unter den Händen entwischt ist, wollte sie -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -nicht sein, dachte Klärchen; und so denken alle thörichten -Mädchen, die leichsinnige Liebschaften anknüpfen. -Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen meistens -ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu -Ende bringen, bis ihnen dann das reine Herz, Ehre, -und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber unter den -Händen entschlüpft sind.</p> - -<p>Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr -wie gewöhnlich bei der Toilette behülflich zu sein, -fand sie dieselbe schon fertig angekleidet beim Frühstück, -und neben ihr saß bei demselben ein junger -schöner schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen -entschuldigte sich wegen des späten Kommens; die -Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei: -Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung -gehabt, mein Sohn kam unerwartet an. – -Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden, -ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten -ihn, höflicher zu grüßen, als er es gethan -haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter -Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas -verlegen, Klärchen merkte Alles, – ein koquettes Mädchen -ist sehr feinfühlend in solchen Dingen – und ihr -ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen -Manne angepaßt. Sie ging ordnend im Zimmer hin -und her, that, was in der Schlafstube nebenan zu -thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu -machen. Sie wußte selbst nicht recht wie sie dazu -kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen -dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner -war wirklich häßlich dagegen zu nennen, und -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen! -Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und -die meinen, sie müssen burschikos sein; wenn er bei -seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt, wird er auch -anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders -sein, dachte sie weiter, er soll fein und nobel werden -wie der Gardelieutenant!</p> - -<p>Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden -so belebt, daß es dem Mediziner unmöglich -ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große -Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort -Bewegung auf der Treppe. Er war sehr ungeduldig -und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen -sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so -beschäftigt und hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte -an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt hatte sie fast nur -alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge -Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. -Klärchen, im hellblauen Musselin-Kleide mit -freiem Hals und freien Armen, stand vor der singenden -Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten -und wohl durchdufteten Zimmern hin und -her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie geworden: -die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie -ging, bis leider die Generalin sehr ernste Blicke auf -sie warf und ihr huldreich sagte, sie möchte sich nicht -weiter bemühen, der Bediente solle allein aufwarten. -Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. -Kaum hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als -er sein Fenster öffnete und leise mit den Händen klappte. -Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust ihn jetzt zu -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand -sich gar zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, -mußte sich überzeugen, daß sie mit ihrer Erscheinung -in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth -und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, -daß sie meinte, er müsse sich glücklich schätzen sie zu -gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr nicht -noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge -Graf, der heut mit in der Gesellschaft war, hatte sie -nicht aus den Augen gelassen, und der Generalin -Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut -in Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß -schon sterblich in sie verliebt. Klärchen hatte viel Romane -gelesen, sie wußte, daß nicht selten arme Mädchen -vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte -Ahnung einer großen Zukunft. Mit solchen -Gedanken trat sie auf den Flur, der Mediziner stand -schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes, -herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte -er die groben ungeduldigen Liebesvorwürfe, -die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich nur, -daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen -entgegnete, dies sei ein unschicklicher Platz sich -zu sprechen, und beschied ihn zum nächsten Abend zu -ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, -litt sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht -vor bösen Herzensgelüsten, nein, es sind gerade sehr -verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig hegen und -pflegen.</p> - -<p>Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, -nähend im Vorzimmer. Der Lieutenant trat ein -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder -zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten -Händen that, stand er schweigend vor ihr. -Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete. -Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, -wie sie aufschaute, ihm dann die Börse gab – es mußte -das Alles das Herz des Lieutenants bestürmen. Klärchen -merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr -angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren -im Nebenzimmer hörbar, und er verließ sie mit -einem kurzen verbindlichen Danke.</p> - -<p>Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; -und wenn auch das Bild des Lieutenants sich zuweilen -dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt -zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich -mit dir verloben, wo möglich müssen wir heut Abend -noch Brautvisite bei Tante Rieke machen. Was wird -die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen -vor der Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. -Der Mediziner mußte morgen früh selbst die -Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens -ihr eine andere Stellung geben; die Hälfte -des Wechsels mußte er ihr gleich überlassen, um für -Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller -Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig -kaufen und so alle Sachen. In dieser Weise flogen -ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten, -und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin -noch von 6 bis 7 Uhr vorlesen sollte. Die Frau -Generalin aber war ganz allein, erwartete den Sohn -erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben. Sie -las heut besonders schlecht, und die Generalin war -eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich -öffnete und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich -in eine dunkle Ecke, und die Mutter bemerkte: sie -wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In -Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, -sie las besonders schön und mit ganz anderer, bewegter -Stimme. Der Lieutenant wandte keinen Blick von ihr, -und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das -Zimmer verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.</p> - -<p>Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so -lange Ihr jungen, leichtfertigen Leute hier bei mir -ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus dem -Haus thun.</p> - -<p>Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, -entgegnete Alfred, Du fürchtest doch nicht –</p> - -<p>Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug -wärest, ein Mädchen thörichter zu machen, als es -schon ist, aber Deinen Freunden traue ich nicht.</p> - -<p>Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese -Schönheit, und Graf Bründel, glaube ich, früge allerdings -nicht viel danach, ob er ein thöricht Mädchen -thörichter mache.</p> - -<p>So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -– entgegnete die Mutter besorgt. Und Du, lieber -Alfred, bist vorsichtig, – fügte sie zögernd hinzu.</p> - -<p>Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der -Mutter die Hand; und sollte es wirklich gefährlich -werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, – schloß -er scherzend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Diese Unterredung hatte Klärchen durch das -Schlüsselloch mit angehört, denn Horchen war in den -zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in -dich verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und -Edelste. Seinen Spaß würde er nie mit dir treiben: -zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte. -Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, -sie hätte es wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich -küssen lassen, hatte eine Liebschaft an der Treppe gehabt; -Frau von Trautstein konnte sie nicht werden. -Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch -ein Mann von Bedeutung und so sehr verliebt, es -läßt sich Alles mit ihm machen.</p> - -<p>Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter -Stube die Vorbereitungen zur Verlobung. Zwei Lichter -brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und -Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der -Röhre, die Mutter saß im Lehnstuhl am Ofen, und -Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. -Der Student kam, die Thür ward verschlossen und -nun ward geplaudert, gescherzt, gekoset. Die Mutter -war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine -volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen -nothwendig angeschafft werden sollten. Sie mußte sich -gestehen, daß Klärchen es weit klüger angefangen als -sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte -mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende -einer klugen Sünderin ein gleiches ist, als das einer -dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen zur -Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute -darin bestanden, noch zu Tante Rieke zu gehen. Der -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Mediziner sah sie erst verblüfft an und brach dann in -ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften -gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.</p> - -<p>Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher -Philister sein! Bei uns ist wohl von Lieben die Rede, -aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst zusieht, -hört aller Spaß auf.</p> - -<p>Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. -Wenn es so gemeint ist, sind wir geschiedene Leute, -sagte sie in höchster Erregung.</p> - -<p>Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf -aber nicht. Er merkte, daß er mit dem Mädchen anders -verfahren müsse, als er es bisher gewohnt gewesen, -und da er unglaublich in sie verliebt war, begann -er zu kapituliren. Das aber half ihm nichts, -sie war zu klug und durchschaute seine gleißenden -Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, -sie dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie -konnte ja nur zugreifen; ja, mit einemmal war es ihr, -als müsse sie sich von dem Studenten losreißen, um -einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab -ihr Muth, jetzt die Tugendheldin zu spielen. Sie -hielt die schönsten Reden; selbst als er versicherte, Ostern -wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin -müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -– und als er sie bestürmen wollte mit seiner Liebe -und seinem Unglück, verschloß sie sich in die Kammer. -Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz -war weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen -gern glücklich gemacht, – dazu die schöne -volle Börse auf dem Tisch, – und versuchte ihn zu -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und -entließ ihn so nicht ganz ohne Hoffnung. Klärchen -aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du, sagte -sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen -lasse ich nicht mit mir! Und weil sie doch im Inneren -eine große Demüthigung fühlte, daß ihr der Mediziner -entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, -so that sie mit Worten besonders groß, ließ ihr Glück -bei den adeligen Herren ahnen, und um die Mutter -vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete -sie es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners -in Verwahrung nahm.</p> - -<p>Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen -aus, nicht Thränen der Reue über ihren Leichtsinn, -nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem -rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn -es die Generalin, wenn es der Lieutenant wüßte! -Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, -war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie -mit so rohen Menschen einlassen. Um sich vollständig -zu trösten, wiederholte sie sich die Unterredung der -Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht -fehlen, – sie taumelte sich in einen neuen Himmel -der Zukunft und schlief beruhigt ein.</p> - -<p>Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht -mehr in die Höhe, und die Köchin, die schon angefangen, -aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner -zu werfen, ward wieder ganz ruhig.</p> - -<p>Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die -Augen ihres Sohnes fortwährend auf Klärchen gerichtet, -und diese war ganz besonders sanft und holdselig. -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz -verteufelt stolz und spröde, und Alfred hatte das mit -Triumph der Mutter erzählt und dabei fallen lassen, -daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens -hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise -wieder erlauscht, denn wenn Mutter und Sohn -allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom -Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, -und ihr Kopf war voll der tollsten Pläne und Träumereien.</p> - -<p>Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung -kam; ja, der Lieutenant war eines Morgens abgereist, -ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie -war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, -erst der Generalin ernste Blicke mußten sie wieder etwas -zu sich bringen.</p> - -<p>Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen -Morgen am Schreibtisch mit Schreiben beschäftigt; -dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und ab. -Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. -Um Alles in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. -Wenn er nur heut nicht fortgeschickt wird, so ist's -möglich, dachte sie. Und wirklich ward er nicht fortgeschickt; -der Nachmittag war unruhig, den Abend -war die Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, -ihn zu vollenden. Mit klopfendem Herzen hörte Klärchen -ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte sie begleiten -müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan -auszuführen. Was sie an kleinen Schlüsseln finden -konnte, suchte sie zusammen und versuchte das Schloß -zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -lief sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch -Niemand komme. Sie fühlte zum erstenmal eine heftige -Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie -von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine -weiter hinunter zum Verbrechen. Gleich einem Diebe -stand sie zitternd vor dem verschlossenen Tisch, sie war -ja wirklich im Begriff zu stehlen.</p> - -<p>Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen -der Generalin kam zurück, Klärchen verließ hastig -und scheu das Zimmer.</p> - -<p>In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache -ruhiger, ja sie machte sich Vorwürfe über ihre Angst, -beredete sich, daß es gar nichts Großes sei, einen -fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre -Versuche wiederholt. Sie mußte aber warten, bis -der Bediente fort fuhr, um seine Dame wiederzuholen. -Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei -solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: -Hüte dich vor dem ersten Tritte, mit ihm sind bald -die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan! -Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß -nicht auf, und Klärchen mußte die auf's Höchste angeregte -und unbefriedigte Begierde mit zu Bett nehmen.</p> - -<p>Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im -Schlafzimmer der Generalin einzuheizen. Wie gewöhnlich -lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der -Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer -dort liegen sehen, heute trieb sie der Teufel an, -sie nahm den Schlüssel, verließ das Schlafzimmer, -schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal, -obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -zu thun hatte, und nun schloß sie mit Leichtigkeit -das Schlößchen auf. Da stand ein volles Geldkästchen, -daneben lag der Brief; das Geld reizte sie -nicht, wohl aber der Brief. Sie durchflog ihn mit -Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte den -Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor -einer Liebe bewahren, die ihn, wenn auch nicht für -Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne. Darauf -schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit -solcher Wahrheit, daß Klärchen feuerroth beim Lesen -dieser Worte wurde. Ja, die kluge Frau hatte sie in -ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten -Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, -geschickt und fleißig,« schloß die Generalin diese Schilderung, -»darum werde ich sie jetzt nicht gehen lassen, -ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser -zu überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren -Leben nicht schwer werden soll.«</p> - -<p>Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den -Brief wieder an dieselbe Stelle, schloß den Kasten -und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Die -Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches -Unangenehme aus dem Briefe erfahren, so doch -auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte sie, die -Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt -an, die Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster -Aufmerksamkeit kontrollirte sie die Briefe, die zu ihrer -Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich entdeckte -sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. -Die Generalin nahm den Brief in höchster -Spannung aus Klärchens Hand und erbrach ihn -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, -ordnete hier, wischte dort, und warf dabei manchen -forschenden Blick auf die Leserin, deren Züge erst sehr -ernst waren, aber immer freundlicher wurden und sich -endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies -Lächeln war ein Dolchstoß in Klärchens Herz, und -noch nie war ihr ein Tag so lang geworden als dieser, -denn vor dem anderen Morgen konnte sie das -Kunststück mit der Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.</p> - -<p>Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe -Stunde früher als gewöhnlich ein, die Generalin lag -noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm den -Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie -öffnete schnell und las:</p> - -<p>»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, -so thut es mir herzlich leid, ich kann Dir aber mit -festem Herzen versichern, daß es unnöthig war. Ich -leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen -interessirte und ich neugierig war, ob wirklich -hinter der schönen Hülle das verborgen sei, was man -wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber -ganz mit Dir im Urtheil über ihren Charakter ein; -in den letzten Tagen habe ich Blicke in ihr Wesen gethan, -die mich von einem gemeinen und koquetten -Sinn überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir -schwer werden, sie zu überwachen. Graf Bründel ist -ernstlich verliebt und wird nicht Geld und Mühe sparen, -ein Verhältniß anzuknüpfen,« –</p> - -<p>Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr -erschrocken zusammen. Sie lauschte, es schien ihr wieder -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -still; aber ihre Angst war groß und sie sah nur -noch nach dem Ende des Briefes:</p> - -<p>»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise -beschäftigt, ehe ich zu Dir kam. Die edle Reinheit -meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich -hoffe Dir bald eine würdige Tochter« –</p> - -<p>Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der -Generalin, Klärchen legte den Brief schnell in die -Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und schloß -eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!</p> - -<p>Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. -Hier war also nichts zu machen, der Mensch war -nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas Ungewöhnliches -der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen -unglücklicher Liebe, die sie je in einem Romane -beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück -nicht für sehr lange.</p> - -<hr /> - -<p>Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar -begann er noch einmal mit aller Strenge zu -regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte -hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an -einander vorüber, konnten sich der rothen Ohren und -Nasen nicht erwehren, und die Blumen an den Fenstern -thauten kaum um Mittag ein wenig ab.</p> - -<p>Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. -Sie saß ihrer Mutter gegenüber und spann, und spann -und sann, und hauchte sich zuweilen ein Fensterchen -in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die -Sonne golden war, dachte an den Frühling, an Blüthen, -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Bäume und Vögelgesang und andere schöne -Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den -kalten Eisblumen. Zuweilen entdeckte sie auch durch -ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines Handwerksburschen, -der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine -Gabe; oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, -dem streute sie Krümlein hin. Aber auch die Vögel -im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war -ja immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, -und jedesmal wenn sie hinaus kam, rief Benjamin -einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder -sonst ein gutes fröhliches Wort.</p> - -<p>Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen -nicht geöffnet, und die Eisblumen regten und -rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, es -wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, -man mußte sich nach ihm erkundigen. – Der Verkehr -mit dem Nachbarhause war leider diesen Winter -sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, -daß Fritz Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht -nähern wollte. Ihr Zartgefühl erlaubte es nicht, von -ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; aus -dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. -Der alte Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft -betrieben, war jetzt verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen -aus, und sehr zureden wollte er dem Jungen -nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin -sagen, mit der er früher die Sache in allen Einzelheiten -besprochen hatte. – Heute aber war von -all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte -gepflegt werden und Gretchen sich auf den Weg zu -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -ihm machen. Sie that es so gern, und doch hatte -sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die -Werkstatt. Während dem sie eine warme Suppe -kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die Straße, ob -sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich -es glückte, die alte Magd kam daher und Gretchen -konnte ihre Erkundigungen einziehen.</p> - -<p>Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische -Magd, er verlange aber gar nichts, er wolle -die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht ab, -sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe -unter dem Mantel ging sie hinüber zu dem alten -Freunde. Die Sonne schien so hell in die Werkstatt, -die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, -Fritz in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste -stand mit Gesellen und Lehrburschen rüstig bei der -Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen mit -dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze -hineinschaute, erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen -und reichte ihr freundlich die Hand.</p> - -<p>Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen -etwas scheu.</p> - -<p>Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und -seufzte: ja er ist krank, und es ist recht schlecht von -mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das Näpfchen -tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.</p> - -<p>Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun -die Treppe hinan. Aus der warmen Werkstatt traten -sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief in den -Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Bett mit trauriger Miene, der Dompfaff pickte eben -vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.</p> - -<p>Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die -Thür sich öffnete, – armer Schuster!</p> - -<p>Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein -freundlich Gesicht kam zum Vorschein.</p> - -<p>Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte -er zu Gretchen, und nun gieb erst den Vögeln Futter. -Dorthe ist schlechter Laune und ist seit gestern Abend -nicht herauf gekommen.</p> - -<p>Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, -aber vergebens; Fritz merkte, was sie suchte, und -verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit einem -Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe -Kohlen. Schweigend reichte er ihr das Wasser, schweigend -machte er Feuer in den Ofen und sah dann, -wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie -sie ihnen frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin -die Kissen zurechtlegte, ihm den Tisch vor dem Bette -deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend -und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet -sprach und Gretchen mit gefalteten Händen dabei -stand, faltete auch er die Hände und betete mit. Nachdem -sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die -Hand und sagte mit bewegter Stimme:</p> - -<p>Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen -konnte, ich bin recht traurig darüber.</p> - -<p>Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und -drückte sie herzlich. Dann wandte sich Fritz zu Gretchen:</p> - -<p>Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme -mich vor Euch und vor Gott, daß ich so lieblos sein -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal -fragen.</p> - -<p>Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende -Fensterscheibe und auch ein Lichtblick fiel in Fritzens -Herz. – Herr, dein Wille geschehe! – Gretchen -stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so -versöhnlichem Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, -er fühlte, wohin der Herr ihn haben wollte -und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden -Ranken seines Herzens mußte er abschneiden. Schade -um die Zeit, die er sie hatte wuchern lassen!</p> - -<p>Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, -mußte aber das Versprechen geben, wieder zu kommen.</p> - -<p>Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du -sollst nicht kommen, um Benjamin zu pflegen, nein, -Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen Fehler -gut gemacht habe.</p> - -<p>Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen -stimmte ein und die jungen Leute verließen ihn. -Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile, -um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal -zu Euch kommen wollen, – aber das böse Wetter, -– man ist so eingeschneit.</p> - -<p>Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete -Gretchen.</p> - -<p>Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; -und als nun Gretchen im Vorbeigehen ihre Finger -auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten Geranientopf -legte, ward er noch verlegener. – Den -armen Topf habe ich auch vergessen, aber ich will -ihn doch begießen. – Gretchens Hand fuhr erschrocken -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen -wollen. In diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas -dicht an der Tischkante stehen, obgleich es ihr in -den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der geringste -Anstoß mußte es hinunter stoßen.</p> - -<p>Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei -kamen, nöthigte Gretchen, den Vater zu begrüßen. -Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl -mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag -auf dem friedlichen Gesichte, er schlug die Augen auf, -und als er Gretchen und Fritz vor sich stehen sah, -meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; -sein Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief -er aus und streckte ihr beide Hände entgegen. Fritz -aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja -schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie -viele Tage er noch zu zählen hat! Aber er soll glücklich -sein, Gretchens Hand soll seines Lebensabends -pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge -folgte dem Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, -und alle Qual und Unruhe war aus seinem Herzen -verschwunden.</p> - -<p>Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, -zerstreut und traurig gewesen war, hatte seinen -Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der -Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben -Hause war unten ein Buchladen, und als Fritz oben -sein Geschäft beendet, trat er unten in den Laden. -Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister -wohl, und sahen es gern, wenn er sich hin und wieder -hübsche Bücher ansah, denn nicht selten kaufte er -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert -und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, -als er den Laden verließ. Sein Weg führte -ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der Kälte -war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken -erkannte er zwischen den Leuten Klärchen am Arme -eines Mannes. Er konnte nicht widerstehen, er mußte -erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und Herwenden -gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu -sehen, er war jung und schön mit dunkelblondem Haar -und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging das -Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte -sich, aber er konnt' es nicht lassen. Vom Parterre -aus entdeckte er bald Beide in einer halbdunkeln Parquetloge. -O wie vertraulich sie mit einander waren! -Er blieb nicht lange, er hatte bald genug gesehen. -Im Hinausgehen fragte er einen Zettelträger, wer -der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf -Bründel, war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte -sich Fritz. Den Namen hatte er wohl gehört: es -war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, – -Klärchen seine Geliebte! – Diese Gedanken hatten -ihn in den Tagen beschäftigt, als Benjamin krank -war; darüber hatte er Alles um sich her vergessen. -Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann -nur auf Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen -sei.</p> - -<p>Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich -reich, sie liebte und ward wieder geliebt – -und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt. -Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -hing an ihren Blicken, sie hatte nur über ihn zu bestimmen! -– Als der Sohn der Generalin sie damals -so plötzlich aufgegeben, war sie – wie schon erzählt – -sehr unglücklich, doch nicht lange. Sie sah sich bald -nach Trost um, ihr Herz war einmal des leichtfertigen -Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe -bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste -Brief des Grafen Bründel. Mit Entzücken ward die -Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht -so spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal -auf eine andere Weise versuchen zu müssen, und -hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal -nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel -vergangen. Frau Krauter machte sich kein Gewissen -daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu begünstigen. -Der Graf hatte meistens eine volle Börse, -und sie führte ein herrliches Leben dabei. Er hatte -auch versprochen, sich mit Klärchen trauen zu lassen, -und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens -Klugheit war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie -dachte nicht an die Zukunft, sie wollte nicht an die -Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im -Theater war sie öfters gewesen, und in künftiger -Woche wollte der Graf sie auf eine Redoute im Theaterlokale -führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens. -Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen -Modeblättern und durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge -verliehen wurden. Endlich hatte sie sich für -eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu -ein grüner Sammetüberwurf angeschafft werden, der -eigens ihrer schlanken Gestalt angemessen war. Woher -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe -in allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male -nach neuen Zuschüssen geseufzt, aber der Graf hatte -keine Anspielung verstanden, weil er gerade selbst nichts -hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in -allen Läden fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste -Vogler bekam beinahe zwei Thaler. Die Schulden -machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es -längst bezahlen können und würde auch bald wieder -Geld die Fülle haben, es war nur diese augenblickliche -Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte -sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter -zu sein, und dazu gehörten kaum einige Thaler. -Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer den -vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. -Stehlen? nein! sie entsetzte sich vor dem Gedanken. -Vermissen würde freilich die Generalin eine so kleine -Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen -gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch -einzutragen vergessen hätte, und sich bald beruhigt, -wenn sie die Summe nicht finden konnte. Der -Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die -Zeit der Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens -könntest du das Geld nehmen und legst es -wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand -nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? -Die Klugheit, ihre einzige Waffe, mit der sie sich vor -Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr gerade -den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es -nicht, sagte diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, -und das grüne Sammetgewand ist nothwendig zu deinem -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Glücke. Am anderen Morgen machte sie das -bekannte Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände -zitterten, als sie in den Kasten griff, und angstvoll -schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der -Mutter war und vor dem Spiegel den grünen Sammet -probirte, zitterte sie nicht mehr. Ja, als sie einige -Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen -flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit -gepriesen ward, da schwieg das Gewissen ganz und -gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges Geld, -denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und -Gustchen Vogler war schon ungeduldig geworden. Zuerst -sollte aber die Summe in den Schreibtisch der -Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da -sie am andern Morgen später als gewöhnlich aufstand, -mußte sie es bis zum nächsten verschieben. Den Tag -aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die -Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich -und gütig, von <em class="ge">der</em> Seite war Klärchen sicher. -Sie nahm sich daher vor: lieber erst die kleinen Schulden -in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster -Gelegenheit wieder borgen zu können. Als sie mit -dem Rest ihrer Summe im letzten Laden stand, bemerkte -sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. -Noch dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen -gesprochen, und der älteste Diener gerade hatte -ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber -doch ernsten Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt -sei, Damen in ihrer Stellung solche Vorschüsse zu -machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die -Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -künftige Gemahlin eines Grafen durfte sich so etwas -nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung und -versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. -Zu Gustchen Vogler ging ihr Weg. Gustchen mußte -das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr am anderen -Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. -Gustchen war gutmüthig; sie gab das Geld, versicherte -aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht wieder -bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit -Triumph bezahlte Klärchen die Rechnung und bemerkte -schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen ihrer Stellung -ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich -bei der Mutter einen Brief an den Grafen, den diese -eiligst besorgen mußte. Es war das erste Mal, daß -Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, und -dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. -Mit klopfendem Herzen wartete sie auf der Mutter -Rückkehr; diese aber brachte den traurigen Bescheid: -der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: -so oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen -früh um zehn das Geld anzuschaffen. Der Abend -verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht. -Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern -spät Abends nach Haus gekommen, aber heut früh -verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen kam dazu -und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen -vertröstet. Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, -morgen früh hole ich Geld aus dem Schreibtisch; hat -sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere -Mal auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter -noch einmal nach dem Grafen aussehen. Er war -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen -mit großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal -war sie kühner. Sie nahm nahe an drei Thaler und -wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die -Thür hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. -Klärchen schrie laut auf. – Also doch! sagte die -Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das Gesicht. -Ihre Sinne wollten schwinden.</p> - -<p>Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon -vor acht Tagen gemerkt, daß Jemand bei meiner -Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß -und besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie -der Dieb seien.</p> - -<p>Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, -ich wollte das Geld wieder hineinlegen.</p> - -<p>Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. -Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche -Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann -Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, -als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gemäß Ihren -Frevel gestehen und auch die Beweggründe dazu. Ueberhaupt -muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel -kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr -schlimme Gerüchte verbreitet haben.</p> - -<p>Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller -Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Sünde ist -feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war -es, die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an -ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war -sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre -Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -schilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er -nicht verreist war, hätte sie das zweite Geld nicht genommen, -ja sie würde das erstgenommene Geld wieder -hinzugelegt haben. Seine Liebe war so großmüthig -gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war auch das -Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.</p> - -<p>Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, -getäuschtes Mädchen sei, daß es aber allen Leichtsinnigen -so gehe. Wie würde ein achtbares Offiziercorps -es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, -wie sie!</p> - -<p>Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen -Worten. Wie ich? fragte sie leise.</p> - -<p>Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie -haben sich des Abends auf der Straße umhergetrieben, -Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette, -und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.</p> - -<p>Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom -Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die -Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde -sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht -beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann -nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie -sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung -zu bitten.</p> - -<p>Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte -ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die -allerdings anders ausschauten, als Klärchens Bilder -von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige -Dame, von der Sache nicht zu reden und Klärchen -bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. Da -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie -diese Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen -aufzulösen, soll das von seiner Seite geschehen; er -soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglückliches -Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, -daß er Sie zur Diebin machte.</p> - -<p>Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, -sie flehte, sie bat, – aber vergebens, die Generalin -blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte endlich -das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an -den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglück, -ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verließe. -Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift -kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt -hatte, trat ihre Mutter ein.</p> - -<p>Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte -Klärchen, Du mußt schnell den Brief zum Grafen -tragen.</p> - -<p>Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich -habe das Geld schon.</p> - -<p>O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar -nicht nöthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit -beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch nur -noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht -über sie gekommen! Die Mutter war außer sich über -den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie tröstete, sie -erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen -gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie -ihn aber heut früh im Bette getroffen, und er das -Geld habe herausrücken müssen. Er brummte freilich -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, -das ginge über seine Kräfte.</p> - -<p>Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O -trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief -dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine -Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, -Mutter, und komm gleich wieder.</p> - -<p>Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte -den Kopf, sie wußte nur: Guste Vogler würde -kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht -wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie -redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte -sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig -Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine -Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen, -da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich -die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir -noch wie mein Rechtsgelehrter.</p> - -<p>Klärchen wollte eben auffahren, als es an der -Thür klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei -unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.</p> - -<p>Soll ich? fragte diese.</p> - -<p>Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, -aber geh' vor die Thür, sag', ich sei krank.</p> - -<p>Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. -Jetzt aber mußte sie die Besorgung des Briefes -an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß -nicht ohne Antwort wieder zu kommen.</p> - -<p>Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf -war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum -Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur -nicht Leuten in das Gesicht sehen zu müssen. Hier -lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie machte -sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief -lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück -nicht ertragen können, er wird selbst zu ihr kommen, -er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird -sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr -helfen. – Aber wie ward ihr, als die Mutter -in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid: -Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe -von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher -Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden Unannehmlichkeiten, -er müsse sich die Sache überlegen und wolle -morgen Bescheid schicken.</p> - -<p>Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte -sich in einer solchen Nacht des Unglücks, daß sie keinen -Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die Sache -mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden -Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders -thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen -kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne -doch noch einen tröstlichen Brief bringen, sie dachte -wenige Tage zurück, wie seine Liebe da so heiß, seine -Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen; -aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen -nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen; -sie gehörte zu den Tausenden von thörichten Jungfrauen, -die solchen Versicherungen trauten.</p> - -<p>Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die -Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie sie -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben -werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber -man muß der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre -weichen, wenn auch das Herz darüber bricht. – Klärchen -las und weinte, und weinte und las wieder, und -blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung -nur hatte sie, den größeren Theil der Goldstücke, die -der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der -Mutter nur den kleineren zu geben.</p> - -<hr /> - -<p>Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, -und die warme Frühlingssonne schien auf die -belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, -sie sei krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; -eigentlich aber fürchtete sie sich ihren Bekannten zu -begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter -hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, -und als Grund dazu angeben müssen: Klärchen könne -das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich darum nach -einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung -hätte.</p> - -<p>Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen -für die Frau Generalin zu machen. Die -Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der -Straße, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik -zu Klärchens Ohren. Klärchen aber war betrübt und -verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das -lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. -Noch unangenehmer aber war es ihr, daß Tante Rieke -ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, sie -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt -machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als -sie gefürchtet.</p> - -<p>Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, -mußt doch recht krank gewesen sein.</p> - -<p>Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte -hinzu, daß der neue Dienst im Hotel Reinhard gewiß -passender für sie sein würde.</p> - -<p>Aber ein Gasthof! sagte die Tante.</p> - -<p>Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu -thun, entgegnete Klärchen, ich bin die Mamsell, die -allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das -Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche -unter mir. Dazu bekomme ich 60 Thaler Gehalt -und viele Geschenke.</p> - -<p>Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. -Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht. -Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der -Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, -wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und -einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es -ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem -Spinnen. – Bei den Worten beugte sie sich über -einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als ob ihr -der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.</p> - -<p>Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen -her? fragte Klärchen.</p> - -<p>Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward -roth dabei, denn sie wußte, daß Fritz Buchstein die -Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr -das Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -hat die Blumen in seiner Stube zur Blüthe gebracht -und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weißen -Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre -Köpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen -lieber, als die Schneeglöckchen, und Benjamin hätte -mich durch nichts mehr erfreuen können.</p> - -<p>Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz -war matt, sie konnte sich nicht über Blumen freuen.</p> - -<p>Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun -hilf mir, Klärchen, Erbsen legen und Salat säen. -Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle recht früh zu -haben. – Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm -den bereit stehenden Samen und ging der Tante und -Klärchen voran.</p> - -<p>Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen -zogen daran, der Erdboden war braun und -frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen auseinander, -die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen -Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben -girrten auf den Dächern, und in den Nachbarsgärten -ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch -Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß -ihm auf der Schulter und rief: »Jungfer Gretchen, -so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine -häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin -aber flüsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte -sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, daß -selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte -und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den -Garten und sah über das Staket hinüber, Gretchen -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn -wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr -verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhört und -seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme -für das arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. -Er wußte ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau. -Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, -ihre Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.</p> - -<p>Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen -Gedanken, sie war so frisch und fröhlich, sein Herz -freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte wegen -der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich -Fritz am alten Fliederbaume über das Staket und -übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau -Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, -der am Stock gestützt, sich von der Frühlingssonne -wärmen ließ, schien sich noch mehr zu erwärmen am -Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.</p> - -<p>Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen -glücklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete, -das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hübsch -vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die -Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie -fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnöde behandelt -zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu -bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen -Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem -stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz schon -möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -fleißiges, ordentliches Mädchen wie Gretchen -sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr -Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen -Wangen.</p> - -<hr /> - -<p>Wieder einige Monate waren vergangen, der -Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an -den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. -Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt -und gesäet, daß Alles lustig durch einander blühte. -Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte -sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn -nach einem schönen, warmen Sommerregen brach plötzlich -ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und -war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu -lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue -Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe -den Herrn o meine Seele.</p> - -<p>Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, -ihre Wangen wieder aufgeblüht. Das Gasthofsleben -gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert, -man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. -Daß dies keinen weiteren Einfluß auf ihr künftiges -Leben haben würde, wußte sie, es waren Fremde, die -nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren -wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und -wollte überhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun -haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen -zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes -Herz und Bildung mußte der Mann haben, mit dem -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -sie in einem kleinen Stübchen leben sollte. Und einen -solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der -Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, -er sprach englisch und französisch, ging immer -in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und hatte -in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß -sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam -Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe -gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse -klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie -jetzt schon heirathen, er hatte 200 Thaler Zinsen und -stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein -Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, -seine Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen -eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen -Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er -malte Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame -des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin führen, -und schalten und walten nach Wohlgefallen. -Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward -wieder kühn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig -und mit sich zufrieden. Zum 10. August, Klärchens -Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung -zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im -Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille -geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem -Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh -daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, -schon ganz spät dämmerig, ihre Stubenthür -war nur angelehnt, – da hörte sie zwei flüsternde -Stimmen auf dem Korridor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist -besoffen, hat aber noch so viel Verstand, daß er weiß, -was ihm noth thut.</p> - -<p>Der kann was vertragen! entgegnete die andere -Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wäre den ganzen -Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.</p> - -<p>Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die -erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlägt er -gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat -den Narren an ihm gefressen.</p> - -<p>Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war -in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war -der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung -ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? -Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, daß -sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und -gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den -Wein nicht probiren wolle, auch wäre es durchaus -nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich -zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß -der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf -ihn geübt, hatte Klärchen noch nie gemerkt. Sie fing -an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun -gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, -er sah so nobel aus, er sprach so schön. Freilich -leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und näher -kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner -Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; -ihre eigne Moral war doch eigentlich auch: -wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es -die Leute wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -gewesen, war das Unangenehmste bei der Sache. -Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie -mußte aus ihrer Ungewißheit kommen, und verließ -deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen faßte sie an -ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf -sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie -ging in die Küche und erkundigte sich, für wen der -Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin -unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett -und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten -die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen mußte -sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht -merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager -keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt! -Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die -Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah -um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der -alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen ließ, wie -es wollte, – wenn er betrunken nach Hause kam, war -die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor -seinen Schlägen sicher. Und wie mag es vielleicht -mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen -wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht -und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und -– wunderlich genug, – Fritz Buchstein und Tante -Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und -strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott, -von dem sie so viel reden, dich doch für dein leichtsinniges -Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht -hätte mit ihrem Sprüchwort: Wie man's treibt, so -geht's? – Aber was sollte sie machen? Jetzt wieder -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -zurücktreten – das war unmöglich, ihr Ruf würde -darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren -sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er -liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, -das ist ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich -Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend -ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie -kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles -zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann -aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche -Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen -ihn bessern, ihn ändern, sie trauen ihrer schwachen -Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat noch keinen -Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie -dieser Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer -geben sie sich wieder den alten Sünden hin. Einen -Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht, -gehört die Kraft von oben.</p> - -<p>Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, -und als am anderen Morgen Eduard mit seiner -gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit -vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber -sagen mußte sie ihm von dem Gespräch – zur heilsamen -Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine -Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine -Fehler wußte. Sie erzählte es zwar in dem Sinne, -als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher Dinge -glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten -hören. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, -aber Zornesworte mußten die Verlegenheit verbergen; -er wollte die Schurken verklagen, er wollte -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -ihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und -so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, daß -ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine -genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. -Die Anschuldigung des Betrinkens erklärte er -damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und daß -die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, -ihm nicht wohl gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig -geworden. O, er that so erzürnt und erboßt, -daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, -um ihn wieder zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, -und Beide unterdrückten durch süße Worte ihre -gegenseitigen beängstigenden Gefühle.</p> - -<p>Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. -Klärchen hatte die Freude, daß man ihnen überall -nachsah, – wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens -aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. -Was wird die hausbackene Grete, was Fritz -Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen -Manne gegenüber, und Tante Rieke macht -einen etwas tieferen Knix.</p> - -<p>Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings -verwundert, Klärchen am Arme eines fremden Mannes -zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn -als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr -ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Bräutigam -erst forschend und dann ganz erzürnt in die Augen. -Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich -ab. Klärchen bemerkte das und wußte gar nicht, -woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche -Pause.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht -so sehr überrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte -sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.</p> - -<p>Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell -gekommen, und mit Aehnlichem. Der Bräutigam hatte -während dessen seine Fassung vollständig wieder gewonnen -und spielte den Beleidigten.</p> - -<p>Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts -einzuwenden haben, – sagte er gereizt, – und daß -ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhältnisse -sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost -als solcher nahen darf.</p> - -<p>Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die -Tante sanft, ich wünschte nur, Klärchen hätte mehr -Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz -unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns -ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter -haben je Ihren Namen gehört.</p> - -<p>Ich kenne den Herrn wohl, – sagte Gretchen -jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck.</p> - -<p>Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so -vorübergehend, vielleicht im Theater oder in einem -Kaffeegarten.</p> - -<p>Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und -Eduard ging leicht darüber hin und knüpfte eine lebhafte -Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich -schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen -auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende -hatte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht -verhalten. Das mußt Du versprechen, sagte er eifrig, -mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen -Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde -behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen -von mir wollte, begreife ich nicht.</p> - -<p>Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren -die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen -ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, – eher bemitleidet; -und dahinter mußte etwas stecken. Und daß -auch die Tante so wenig Freude über den vornehm -aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja -das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich -vor dem zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.</p> - -<p>Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß -Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen. -Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur -auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu -können und den Grund von Gretchens sonderbarem -Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen -Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben -aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der -dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht recht, wie -sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat -mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie -etwas Unrechtes von ihrem Bräutigam wüßten. Gretchen -sah verlegen vor sich nieder.</p> - -<p>Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen -möchten wir es Dir recht begreiflich machen, daß wir -es gut mit Dir meinen. – Bei diesen Worten nahm -sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Augen recht herzlich an. Klärchens Herz war -leichtfertig, aber für die Stimme der Wahrheit hatte -sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie -und erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:</p> - -<p>Kennst Du Deinen Bräutigam genau?</p> - -<p>Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte -Klärchen. Ich weiß, daß er dem Herrn des Hauses -Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze Geschäft -führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen -wird. Er hat Konnexionen, Vermögen, dazu -ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus- -und eingehen, geachtet und geliebt.</p> - -<p>Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind -nur äußere Dinge, und Du könntest bei alle dem -kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein rechtschaffener -Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der -Gott mehr fürchtet, als die Menschen?</p> - -<p>Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann -ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben. -Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's Eure -Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.</p> - -<p>Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, -Klärchen liege ihres Bräutigams Rechtschaffenheit gar -sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende -Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz -war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte -mit der ganzen Welt hadern mögen.</p> - -<p>Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem -Bräutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann -überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten -Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Gretchen für mich manche Krankenbesuche übernehmen. -Unsere schwerste Kranke war damals ein Mädchen, -die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und -jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm -und verlassen, daß es ihr am Allernothwendigsten -fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was -sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber -auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem -Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und -versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer -umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen -über den Menschen mit anhören müssen, und die Urtheile -und Schilderungen von ihm waren nicht fein. -Als das Mädchen immer elender ward und ihren Tod -vor Augen sah, war ihr größtes Verlangen, ihren -Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden -noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, -die schon früher die Unterhändlerin des Liebespaares -gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber -immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt -und die Kranke besonders schwach findet und -ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untröstlich -und sagt nur immer, sie müsse Günthern noch -einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes -nie gehört und auch nie viel von der Geschichte -wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr -Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so -schmählich verlassen und verstoßen habe, wie sie sich -lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande, -der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und -so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -die Frau herein, die immer an Günther abgeschickt -war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will -schnell gehen, aber der Mann steht in der Thür, ehe -sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die -Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe -nun, – und dazu weint sie bitterlich. – Das ist -meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin -heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende -hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit -hier zu stehen. – Du hast mich so elend umkommen -lassen, schluchzt die Kranke wieder. – Ich? ruft er -da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; -seine Schuld sei es nicht, daß sie krank geworden, und -sie habe Verwandte, die mehr hätten als er, die sollten -sich nur um sie bekümmern. – Die Kranke kann -vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, -er aber zieht sich zurück. Da kann sich Gretchen -nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine -Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das -sind Alles unnütze Reden, die Arme wird nicht lange -mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so -harte Worte von Ihnen hören. – Er ist ganz erschrocken, -denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht -gesehen, und führt nun eine andere Sprache und läßt -auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das -Mädchen todt.</p> - -<p>Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster -Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der -Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. -Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, -sie lief mit eilenden Schritten über die Straße und -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie -in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein -Verhältniß vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich -mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der -geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und -der besonders weit über Tante Rieke und über Greten -stand. – So gingen ihre Gedanken anfänglich durch -einander. – Als sie aber eine halbe Stunde geweint, -und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und -wenn die ganze Geschichte wahr wäre, dachte sie, was -hat er eigentlich verbrochen? Daß ich seine erste Liebe -nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja -auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, -und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts -gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die -eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern -entschuldigen und so die Last beider tragen. Daß das -Mädchen so dumm war, sich verführen zu lassen, fuhr -sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, -die Arme so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie -ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln -konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das -einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen -blieb, und daß gerade ihre Verwandten so tief hinein -blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die Sache nicht -mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. -Wenn sie einst Herrin eines großen Hotels ist, es -bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne -geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, -so fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache -mit dem Aufgeben mußte doch überlegt werden, und -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit -so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? -Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in -den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten -sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, -und um so demüthiger werden und ergebener. Als -er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften zu -ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen -flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem -bösen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte -nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. -Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben, -er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und -Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die -absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm -Klärchen abspenstig zu machen. Wer weiß, in welchen -Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern sich, -sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. -Von der Kranken erzählte er: sie sei Hausmädchen -hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhältniß -mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, -sei liederlich geworden und so herab gekommen. -In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er -habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich -durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, -weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. – -Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche -Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du -mußt mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen -Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei -ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht -lieb, daß sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben -haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie -sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, -daß ich je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. – -Hierauf begann er seine Pläne für die nächste Zukunft -zu entwickeln. Die malte er so glänzend, so herrlich, -daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle -seine Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen -zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter -heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar -nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue -Wohnung gerade gegenüber schon angesehen, die sollte -mit Mahagoni-Meubeln und allen möglichen Luxussachen -ausgestattet werden, und Klärchen sollte da -allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler -sollte sie jährlich bekommen, außer den Sachen, die -hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als -Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie -sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung -versprochen, brausete Günther von Neuem auf. -Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich -werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre -Verleumdungen, als für ihre Hochzeitsgeschenke, ich -könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde sie -nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau -nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig -meine Ehre angegriffen. – Klärchen machte einige -Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch -immer mehr gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese -Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tante -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach -den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte -er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los -werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In -dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ -sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen -Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem -Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen -lassen, ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief -mitgegeben, den Günther heut Morgen an die Tante -geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen -dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther -gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben. -Frau Krauter trug den Mantel auf beiden -Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das -Unglück und über den Leichtsinn der Welt; hier redete -sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung -der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher -Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte -sie zeitweise ein herrliches Leben geführt, sie erwartete -nun den Himmel von Klärchens eigenem Hotel. Als -sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete -sie gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, -und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn -Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre -doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist -nicht Dein Geschmack, und Du mußt es mit Deinem -Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter -doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! -hieß es jetzt, und da sie den Bräutigam nicht fallen -lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen -und ihr zu sagen, wie unglücklich sie über ihres -Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr -liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse -sie sich in seinen Willen fügen und den Umgang mit -der Tante für jetzt abbrechen, – doch nicht für lange, -denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und -die Tante um Verzeihung bitten.</p> - -<hr /> - -<p>Es war der 25. September. Klärchen stand vor -dem Spiegel und legte die rosa Schürze um den weißen -Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war -nun bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. -Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz -im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren und war -als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte -darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die -Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in -der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair -mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, -ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener -und Mutter Krauter waren die Mitglieder der -Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese -Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paßten, aber -auch Günther war in dieser Gesellschaft ein Anderer, -als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte -anders, er sprach anders und ließ sich in seinem ganzen -Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich -hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und -das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -umgehen, tröstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte -heut Morgen ein Chokoladenfrühstück nehmen. Klärchen -hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen -Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen -und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie -eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre -Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah -schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich -wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:</p> - -<p>Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es -Dir noch so glücken würde, Du kleiner Brausekopf. -Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging -Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß -wir nun eingelaufen sind in den Hafen!</p> - -<p>Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens -die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da -selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen -wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, -aber guter Laune ein. Die Gäste folgten bald, es -ward Chokolade getrunken, Frau Krauter ließ es sich -von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte -der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. -Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend, -verließ das Zimmer und kam bald mit einem Arm -voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die -Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen -sah ängstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war -er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, -denn sie sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm -die Hände zitterten. Sie hätte gern Einspruch gethan -gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute sie -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte -sie, daß Günther in solchen Dingen sich nichts sagen -ließ. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die -Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß -ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und -daß ihm der Wein sehr schlecht bekommen würde. Er -ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten auffallend, -seine Zunge lallte. Doch war er nicht der -Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte -der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern -hatte sich schon entfernt. Die Frauen -drangen jetzt auf die Auflösung der Gesellschaft. Das -war mit den angetrunkenen Männern nicht leicht zu -bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und -Klärchen war mit dem Mann und der Mutter allein.</p> - -<p>Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, -weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm -Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. -Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, -Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und -Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie -hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte -sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich -auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die -Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein -lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel -war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, -und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja -unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war -schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie -war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlich -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, -der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, -die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte -sich nie eine schönere Wohnung träumen können, – -und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so -unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust -an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, -der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im -Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens -zu zerstreuen.</p> - -<p>Als Günther nach einigen Stunden wieder zum -Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in -Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte -er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen -versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein, -und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der -eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.</p> - -<hr /> - -<p>Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die -Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das -blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches -Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete -über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und -verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche -Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, -Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige -und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe -ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und -Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, -dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner -Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein -Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' -es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem -Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.</p> - -<p>Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen -im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen, -blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal -in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, -bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein, -dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht -lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch -nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, -an Mitteln fehlt's Dir nicht.</p> - -<p>Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und -Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, -war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen -hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen -und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen -sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel -geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm -vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den -Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr -dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, -starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. -Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend -sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit -zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht -schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen -singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber -und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang -sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte -er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit -in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, -nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in -die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon -längst die Gedanken meines Herzens. – Gretchen -nickte.</p> - -<p>Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, -und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich -zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so -gern möchte.</p> - -<p>Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja -nicht werth solches Glückes.</p> - -<p>Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, -legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre -Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den -Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der -Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer -Braut! – Ja, Du alter Benjamin steckst Deine -Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich -Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und -Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem -fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. -Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte -er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und -der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -– ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, -mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin -ebenfalls:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> - Ich will ihn loben bis in Tod!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Will ich lobsingen meinem Gott;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Leib und Seel' gegeben hat,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Werde gepriesen früh und spat.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Selig, ja selig ist der zu nennen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Deß Hülfe der Gott Jacob ist,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und hofft getrost auf Jesum Christ.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wer diesen Herrn zum Beistand hat,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Am besten findet Rath und That.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr> -</table> - -<p>Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, -um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber -mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen -weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner -Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich -einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung -zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. -Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz -das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten -und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der -Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock -langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren -Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, -und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater -entgegen.</p> - -<hr /> - -<p>Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem -Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag -vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten, -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie -fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte -sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit, -that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken -und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam -Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn -Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger -nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so -dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. -Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen -gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren -alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, -und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt -angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, -sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar -eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.</p> - -<p>Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich -nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt -mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr -beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig -aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob -Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem -hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, -so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und -Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder -beruhigte.</p> - -<p>Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der -Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im -Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne -holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, -auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der -im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, -und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit -einem Kameraden gehalten.</p> - -<p>Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.</p> - -<p>In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, -sagte der Junge spöttisch.</p> - -<p>Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren -Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen -hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden -Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, – -fünf tausend Thaler, – das soll gehen, – das muß -gehen. – Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich. -Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!</p> - -<p>Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und -wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber -es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche -Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. -Klärchen fragte, wer da sei.</p> - -<p>Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und -Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.</p> - -<p>Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen -den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige -Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein -zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf -ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut -auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand -auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum -Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte -sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie -ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu -Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen, -da machte er sich mit einem mal los, gab ihr -einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig -und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren? -Hier, zieh meine Stiefeln aus! – Klärchen -stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem -erniedrigenden Dienst hergeben können. – Willst -Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich -gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte -sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr -Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. – Allons! -sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und -streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit -dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß -sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich -zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr -noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder -mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend -Thaler! lallte seine Zunge, – zehntausend Thaler – -und dann links um kehrt! – Klärchen hatte sich in -eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch, -aber seine Worte wurden immer unverständlicher, -bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.</p> - -<p>Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das -Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete -sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit -ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis -sie vor Ermüdung einschlief.</p> - -<p>Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür -nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr -Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. -Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich -aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er -sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast -Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer -überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst -von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß -wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen, -dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse -ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal -Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend -nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann -er zu reden.</p> - -<p>Warum hast Du mich gestern hier in der Stube -sitzen lassen?</p> - -<p>Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, -was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder -Stimme.</p> - -<p>Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug -von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt -nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. -Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft -zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.</p> - -<p>Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt -habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter -Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, -und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?</p> - -<p>Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. -Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier -so fortfahren sollen.</p> - -<p>Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer -schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal -seine Unthaten, er klagte <em class="ge">sie</em> an. Das war das -erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich -war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu -sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte -ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des -Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam, -dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt, -ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, -trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit -als die Mutter.</p> - -<p>Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander -gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur -mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast -nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder -besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, -denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast -gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein -Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das -Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich -das Verhältniß wieder hergestellt, aber der -Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte -sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien -machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Weihnachten kam, und Günther schien es darauf -abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz -wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte -von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, -wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen -konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten -auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche -zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau -Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen -bedacht, – so gab es nur fröhliche Gesichter.</p> - -<p>Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die -Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser -Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung -sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich -der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen -die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen -ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie -beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten -in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr -gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht -hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr -als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel -sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante -Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn -strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um -so ernste Gedanken haben zu können.</p> - -<p>Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in -der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen -ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl -die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in -eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -Tönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen -sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da -komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr -wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut, -und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit -zu lesen und zu singen:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"> Es ist der Herre Christ unser Gott,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der will euch führ'n aus aller Noth,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Er will eu'r Heiland selber sein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von allen Sünden machen rein.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Er bringt euch alle Seligkeit,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Gott der Vater hat bereit't,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß ihr mit uns im Himmelreich</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sollt mit uns leben ewiglich.</td></tr> -</table> - -<p>Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch -noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. – O wie -glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller -und lustiger als der andere, die Welt so lachend, – -warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer -weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe -keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante -Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du -kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, -setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers -zog sie wieder von ihren Gedanken ab.</p> - -<p>»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset -uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann -er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete -er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum -es herab gekommen von seinem hohen Himmel, -was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten -folgen mußte. – »Wie groß und unaussprechlich ist -die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend -und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und -bangen vor dem ewigen Gericht, – unser Gewissen -sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, -daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. -Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein -Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt -uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von -Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen -Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie -müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches -Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige -Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst -für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du -kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, -mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen. -O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, -ich will Dein sein auf ewig!« –</p> - -<p>Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch -nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war -ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt -weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie -es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. -– Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten -seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor -Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen -Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre -Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene -Klärchen.</p> - -<p>Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit -der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres -Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen -Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt -war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen -und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen -reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging -im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, -bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: -Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn -Ihr es erlaubt, komme ich bald. – Bei den letzten -Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie -eilte hinweg.</p> - -<hr /> - -<p>Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler -wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne -Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen -möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward -erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und -gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter -das neue Jahr verkündete.</p> - -<p>Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten -schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung, -und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen: -Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird -der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer -weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in -weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! – -Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. – -Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod -nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau. -Ich sehe nicht ein, – wenn ich mich alle Tage vom -Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein -Vergnügen haben. – Ist denn das was so Schlimmes, -wenn es mal ein Paar Stunden drunter und -drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, -wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn -den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder -seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein -Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem -Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.</p> - -<p>Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit -vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen, -und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch -hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und -war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen -hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat -sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle -Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst -kein Engel. – Günther stimmte lachend ein, und es -war sehr gute Stimmung im Haus.</p> - -<p>Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr -fein und anständig her, doch Frauen und Männer -wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und -das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.</p> - -<p>Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch -von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab -Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen -an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher -Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn -hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen -und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter -Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie -sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte -ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. -Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich -gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, -die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen -auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe -hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie -ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken, -in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser -Unruhe nicht.</p> - -<p>Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und -die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit -waren, da verfügte die Frau Rendantin die -Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. -Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette, -schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen -Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die -Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, -wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es -nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig -blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die -Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde -Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und -immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend -bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein – -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt -in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen -sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie -selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes -in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr -nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr -bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl -dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. -Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht; -an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, -fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun -einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.</p> - -<p>Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen -sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß -kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens -und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei -dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken -sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese -Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. -Günther, der in der freudigen Aufregung, in -der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche -guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, -um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren -zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber -tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und -Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang -Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen -unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, -um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch -um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. -Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -darin von ihrem verstorbenen Manne her, -und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war -erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete -sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte -ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur -konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem -Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, -eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur -die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie -konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und -der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr -erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.</p> - -<p>Und es ging wild her, wilder als da die Frauen -dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn -sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, -und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst -diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller -und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei -war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das -des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei -Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant -lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten -auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme -fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten -Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich -sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen -kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die -Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; -blindlings schlug er zu, und beide konnten sich -nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. Dem -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte -sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in -der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und -mit blutender Nase, – dahin gerade war ein Faustschlag -gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das -Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie -freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt -geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete, -das Laster ihres Mannes so beschönigt zu -haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. -Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen -sie keine Minute sicher sei. Sie wollte -wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und -Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von -der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da -Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt -ruhig sein.</p> - -<p>Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den -Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral -bleiben und wenigstens für eine warme Stube und -für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen -an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was -er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte -er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die -Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten -sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts -angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt -und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er. -Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens -Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie -solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -ließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend -und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. -Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, -und ihr Herz wollte brechen. Mit <em class="ge">dem</em> Mann konnte -sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los -kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der -ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte -sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück -vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht -auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen -Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da -sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten, -sich dabei beruhigt.</p> - -<p>Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther -sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr -ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die -Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich -seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde -fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter -immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren -sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob -die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein -Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, -die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich -weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht, -wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen -Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände -nicht zu rühren. – Klärchen entgegnete, sie wollte -lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche -Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen. -– Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so -gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich -schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -– Ja, das Kind! seufzte Klärchen. – Und -das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin -sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich -allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind -noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum -manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu -scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch -am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte, -sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie -sich gefallen lassen.</p> - -<p>In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in -der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in -die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare -Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die -Seele getreten. – Aber der Prediger sprach diesmal -sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und -Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder -zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom -Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst -und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und -dem Gerichte der Zukunft. – Klärchen ward durch -diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage -nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit -den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem -nie wieder in der Kirche gewesen.</p> - -<p>Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen -schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen -blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen. -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die -Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie -gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte -sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit -und ging lieber allein seinem Vergnügen nach. -Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in -romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht -hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr -als je auf Händen getragen und vergöttert werden. -Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen -Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.</p> - -<p>Eines Sonnabends Abends –, es war Anfangs -Mai –, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute -auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen -Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam -eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie -waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln -und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. -Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. -Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch -mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm -Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und -überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so -leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem -Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -– Doch spazieren gehen könntest du zuweilen -auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja, -heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch -und wanderte zum Thore hinaus.</p> - -<p>Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem -weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend, -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit -der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht -hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, -als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke -entgegen ging. O wie die Lerchen dem -blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit -überall und tiefer Frieden! – Sie trat in den -Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, -vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, -Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden -Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und -Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber -in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall -in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie -schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen -und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch <em class="ge">dein</em> -lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, -trat aber erschrocken zurück, – in einer Fliederlaube -saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander. -Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen -und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte -einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen -und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt -erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens -Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte -sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ -den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, -nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. -Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch' -eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit -geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -rechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge -es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich -weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen -kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? -Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, -ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch -auch nicht helfen. – Sie schlich sich aus dem Garten, -brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke -und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen -durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte -sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch -morgen keine Lust dazu haben sollte –, denn sie kannte -den Wechsel ihrer Stimmungen –, sie wollte doch gehen -und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen -halten.</p> - -<p>Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz -in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal -eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die -Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit -des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer -Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst -und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen -erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel -getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich -und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er -sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete -Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle -Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! -Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? -Und wie soll er dir helfen? – Klärchen meinte, -wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, -in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der -Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe -zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen -nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel -versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen -Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich -geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm -näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war -ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem -nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke -ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit -Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; -<em class="ge">der</em> ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu -gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.</p> - -<p>Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die -volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere -Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch -Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens -Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen -ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen -steht, könntest du auch stehen, und was ist das -für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert -und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer -eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines -Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand -er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem -Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die -Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger -die Versammlung aufforderte, für das junge Paar -mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zum -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches -Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens -Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, -fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und -wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen -geschenkt, so war es doch immer, als ob er -Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. -Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren -geben.</p> - -<p>Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit -dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen -war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit -darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten -in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther -sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein -jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete -doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere -Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und -Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis -zur Geburt ihres Kindes.</p> - -<p>Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. -Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam -gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon -in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft -unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, -jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und -dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und -das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen -Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in -den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten -seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er -sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und -versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei -an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und -forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse, -um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen -hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber -die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem -Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen -zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß -sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf -Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche -getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum -hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber -daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund -ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. -Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens -Namen bekam.</p> - -<p>Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen -sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der -Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der -Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen -und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr -30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen -Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde -bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte -schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das -Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen -geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß -am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu -eng geworden, aber auch außen war es nicht besser, -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte -ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher -als früher, Günther wie umgewandelt, – sollte -der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr -Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das -Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte -daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins, -und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in -äußeren Dingen.</p> - -<p>Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard -mit noch zwei Männern aus dem Hotel und -eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen -entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem -Manne.</p> - -<p>Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, -und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist -heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den -Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren -gehen.</p> - -<p>Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen -fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß -wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und -sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das -Werk.</p> - -<p>Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, -ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard -erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther -ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie -er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine -Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche -Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -gegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen -Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau -Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die -Verwirrung. – Im Schranke fand man nichts. Klärchen -erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze -Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. -Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute -und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, -und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, -laut dazwischen schrie, kam der Postbote und -brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie -ihn und las:</p> - -<p>Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. -Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg -und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, -das mich nach London und dann weiter nach -Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine -Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und -komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. -In der Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn -Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, -wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt -nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß -mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich -und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen -Armen empfangen und in unser Hotel führen, da -sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die -Dich jetzt drückte, bald vergessen. – Du kommst! -ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.</p> - -<p>Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch -Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm -entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, -was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte, -sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem -Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen -ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren -Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie -gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und -die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, -denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft -hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und -Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst -einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.</p> - -<hr /> - -<p>Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer -Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr -wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit -begonnen und geendet in Jammer und Noth. -Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das -jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter -war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu -machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem -ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen gezeigt, -war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart -und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe -Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben -Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im -Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie -saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf -die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. -Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn -sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und -Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in -ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen -und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke -sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden -wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch -neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, -hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen -Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal -in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die -Stephani-Kirche! – dachte Klärchen weiter, es hat -dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete -nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres -Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. -Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes -Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die -zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben -vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein -zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute -und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn -gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, -daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen -sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte -Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne -Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine -Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß -zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben -bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, -und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innerer -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über -den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, -der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, -sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor -noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. -Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich -ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt, -daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich -nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos -sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich -wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich -und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, -wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der -liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller -Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte -oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr -kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. -Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der -Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, -als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für -das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! -O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte -und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind -an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm -sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen -gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die -dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben, -damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.</p> - -<p>Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte -Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert, -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen -konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein -so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos -dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte -nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust -legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen -oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von -den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe -aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen -erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und -Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte -vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man -mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, -sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen -Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger -und fühlte sich bald wie neugeboren.</p> - -<p>Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. -Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da -ist der Boden locker und der Same findet eine gute -Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. -Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte -gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre -Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte -sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie -hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach -ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von -der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte -machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz. -Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, -ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland -kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sünden -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust -und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, -den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört -durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld -kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie -die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie -selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, -ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie -vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. -Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber -auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte -sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken -sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, -ob er sie nicht gar sehr verachte und gering -schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein -Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges -Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses -Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm -zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: -Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch -zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung -diese Erlaubniß geben.</p> - -<p>Bald darauf, – Klärchen war allein mit ihrem -Kinde im Zimmer, – öffnete sich die Thür und Fritz -trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten -Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich -kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie -erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie -zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. -Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen -sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Worte -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und -weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte -sich los und trat schweigend an das Fenster. Die -Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein -klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst -setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte -zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen, -die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere -Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm -sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. -Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der -Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch -solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder -zusammen spielen und groß werden könnten. Die -Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen -athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. -Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens -Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als -möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden -Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen -sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder -nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren -und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen -innig und zärtlich an das Herz und bemerkte -nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde -ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen -Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit -hatte natürlich auch das Kind halb verkommen -lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben, -und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen -Zustande.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. -Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit -und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher -Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete -ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen, -sondern nur in der Gnade und Liebe des -treuen Herrn.</p> - -<p>Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten -Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie -sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese -Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren -Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank -belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten. -Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog -sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich -immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen -freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging, -sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten -Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so -oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte -Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im -Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen -Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft. -Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte -sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die -Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor -den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es -sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!</p> - -<p>Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob -sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte -von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um -Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich -aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend -Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, -daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.</p> - -<p>Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, -sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese -sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem -Unglück gehört, und bedaure Sie.</p> - -<p>Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach -sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich, -als da ich bei Ihnen war. – Die Generalin machte -ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: -Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde -mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur -nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme -zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' -es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung -zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, -o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. – – Klärchen -konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau -Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten -Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und -sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten -ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch -weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft, -und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern -wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben -und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war -gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade -Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend -gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen -wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar -zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden -könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im -Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit -verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und -fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.</p> - -<p>Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer -gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz -voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr -wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern -bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch -schwere Wege.</p> - -<p>Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das -kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte -zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie -andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr -durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen, -blauen Augen, faßte die welken Hände und sah -flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr -nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte -sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und -du willst nicht aufhören zu bitten.</p> - -<p>Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante -und anderen Bekannten nach deren Meinungen über -das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie -schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre -hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie, -du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe -Gott wird das segnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, -Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte, -wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren -zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen -erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur -Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, -sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward -er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen -konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber; -zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in -den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu -denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der -Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging -sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr -blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von -<em class="ge">einer</em> Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung -von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. -Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft, -war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte -den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen -gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört -und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, -wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber -die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen, -und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um -willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: -Herr, hier bin ich.</p> - -<p>Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war -früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der -herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen -Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes -Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise -nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als -ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit -des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit -von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie -gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer -Vater, halte mich so wie Du mich in diesem -Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen, -ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. -Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige -Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen -die matten Augen auf, die Mutter drückte es -heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb -Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte -die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz -konnte sich beugen.</p> - -<p>Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, -sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, -auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. -Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig -sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie -auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen -meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, -merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht -so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem -Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet -mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten -ging es leidlich, der Hausstand hatte noch -nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen -milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -machte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte -Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne -Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch -die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke -ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So -ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat -zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht -wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr -zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen -hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr -leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die -Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel -und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten -allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig -eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt -werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch -Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, -so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, -und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos -vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges -Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten, -aber die Mutter brachte einen Thaler dafür. -Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß -Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes -in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges -warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden -Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, -noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme -Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht -mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb -Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren, -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal -Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon -sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, -kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen -einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen -fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun -geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor -allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen -Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das -Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch -in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen -wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den -weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus -ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen, -kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie -kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, -oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen -war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen -Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, -die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter, -die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und -ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum -Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach, -konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als -eine wohlverdiente Schuld.</p> - -<p>Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, -an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das -Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb -mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der -Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich -verlangend darauf. Fritz, der für Klärchens -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß -hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh -ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, -sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie -vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte -zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten -und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein -und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer -Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, -weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande -was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als -Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers -und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr -einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer -noch flogen ihre Glieder vor Frost.</p> - -<p>Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.</p> - -<p>Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen – -hier stockte Klärchens Stimme.</p> - -<p>Warum hast Du keinen Mantel um? – fuhr die -Tante fort – was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich -das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock -auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die -Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?</p> - -<p>Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich -habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! -Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht -gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke -sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte -leise weinend:</p> - -<p>O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen -für meine Mutter und mein Kind.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand -noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte -er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung. -Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, -die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen -machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als -Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die -Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern -im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar -an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen -machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; -freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank -gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, -aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine -Schuld.</p> - -<p>Als er darauf den Abend allein saß und dem -neuen Jahr entgegen wachte, – denn sein alter Vater -war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den -vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, – da gingen -seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es -waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden -Worte gesprochen, – wie hatte sich seitdem alles geändert! -Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete -erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er -von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch -die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine -Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. -Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel -gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre -Herzen verklären möge, daß er sie <em class="ge">einen</em> Weg führe -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig -vereinigt halte.</p> - -<p>Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, -saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden -Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt -schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' -und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das -Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott -nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er -es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! – -Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, -und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. -In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und -Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte -es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich -und äußerlich welkte sie dahin.</p> - -<p>Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der -warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank, -und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte -die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse -Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, -und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette -gebunden war, stand sie ganz allein. Nur -Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war -er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung, -wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, -was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So -gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. -Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der -Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim -Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchen -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -empfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte -und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines -Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht -mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein -Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie -wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe -Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen. -Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst -und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten -Händen im Hause, Gretchen lag in schweren -Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief -zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er -hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb -die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte -Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte -Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch -länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt -laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, -als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.</p> - -<p>Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.</p> - -<p>Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, -sein Name sei gelobt ewiglich, – sagte die -Tante bewegt.</p> - -<p>Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten -Athemzug von des Kindes Lippen.</p> - -<p>Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns -beten, wir sind jetzt beide kinderlos, – Thränen erstickten -ihre Stimme, – auch mein Gretchen ist hinübergegangen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, -laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er -uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.</p> - -<p>Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; -aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden, -die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten -sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten -Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem -Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn -willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, -und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! -eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen, -der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie -konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem -Herzen heiße Thränen weinen.</p> - -<p>Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten -die Last ihres Gewissens und machten sie zum -Kinde Gottes.</p> - -<hr /> - -<p>Klärchens äußeres Leben war bald wieder im -alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie -gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, -wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig -ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm -und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken -zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr -Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam -zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. -Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, -ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen -überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen -sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden -Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche -Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr -bis zum Lebensende so zu erhalten.</p> - -<hr /> - -<p>Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. -Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und -die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und -fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn -selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die -Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu -denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. -Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes -Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt -sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten. -Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen -des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner -Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton -in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in -seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn -nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte -ihr nicht länger zürnen.</p> - -<p>Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich -nie wieder ganz erholt und immer gekränkelt hatte, -mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen durfte -sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege -diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der -Mutter Leben schnell ein Ende.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, – -die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in -ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als -der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens -Fenster neben blühenden Schneeglöckchen. Der -alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe -zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und -Klärchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern -und fröhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: »Klärchen, -so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie: -Lobe den Herrn, o meine Seele! – Fritz arbeitete -rüstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus, -und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klärchens -blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, -wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. -Als aber der Frühling immer schöner hervorbrach, -Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch -Fritz nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen -Himmel seiner Liebe schauen.</p> - -<p>Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren -Stand und trägt nur dunkle Strümpfe, feste Lederschuh -und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schöner -erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen -ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im -Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes Enkelchen auf den -Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen -zur Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen -Fenster der Werkstatt und singt mit schöner Stimme:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> - Lobe den Herrn, o meine Seele,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich will ihn loben bis in Tod!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Will ich lobsingen meinem Gott;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Leib und Seel gegeben hat,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Werde gepriesen früh und spat.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr> - - <tr><td> </td></tr> - - <tr><td class="tdl"> Selig, ja selig ist der zu nennen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Deß Hülfe der Gott Jacob ist,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und hofft getrost auf Jesum Christ.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wer diesen Herrn zum Beistand hat,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Am besten findet Rath und That.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Halleluja, Hallelujah.</td></tr> -</table> - - -<p class="ce fss mt4"><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Druck von Ed. <span class="ge">Heynemann</span> in Halle.</p> - -<hr /> - - - -<div class="mw48"> - -<p class="pb ce mt6"><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> erschien und ist in allen -Buchhandlungen zu erhalten:</p> - -<p class="tdl fsl"><span class="fsl"><b>Gutzkow</b></span> (Karl), <b>Die Ritter vom Geiste</b>. Roman -in neun Büchern. <span class="ge">Zweite Auflage.</span> -Neun Bände. 8. 11 Thlr.</p> - -<p>Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's großartiges -Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen Deutschlands -gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch nöthiggewordene -<span class="ge">zweite unveränderte Auflage</span> desselben, um auch diejenigen zur -Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen Genuß noch -nicht verschafften.</p> - - -<p class="mt2 ce fsxl"><b>Levin Schücking's neueste Romane.</b></p> - -<p>Bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> erschien und ist in allen -Buchhandlungen zu erhalten:</p> - -<p class="tdl fsl"><b>Der Bauernfürst.</b> Zwei Bände. 8. 4 Thlr.</p> - -<p class="tdl fsl"><b>Die Königin der Nacht.</b> Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.</p> - -<p>Die beiden neuesten Romane <span class="ge">Levin Schücking's</span>, eines unserer beliebtesten -Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes« (1849), -»Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß am Meer« -(1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.</p> - - -<p class="mt2 ce">Erschienen ist bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> und durch -alle Buchhandlungen zu beziehen:</p> - -<p class="tdl fsl"><span class="fsl"><b>Italienischer Novellenschatz.</b></span> Ausgewählt und übersetzt -von <b>A. Keller</b>. Sechs Teile. 12. Jeder Theil -1 Thlr. 10 Ngr.</p> - -<p>Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem rühmlichst -bekannten Professor <b>A. Keller</b> in Tübingen übersetzt, als eine chronologische Reihe -von charakteristischen Proben der italienischen Erzählungskunst, eine Geschichte der -italienischen Novellistik in Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der -anerkannten Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten -Beiträge zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen Publicum -die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen Erzählers, -Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem Plane ausgeschlossen, weil dieselben -bereits in der »ausgezeichneten« Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche -den Titel führt:</p> - -<p class="tdl fsl"><b>Boccaccio</b> (Giovanni), <b>Das Dekameron</b>. Aus dem Italienischen -übersetzt von <b>K. Witte</b>. <span class="ge">Zweite</span> verbesserte -Auflage. Drei Theile. 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.</p> - -<p class="ce mt2 fss">Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.</p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Bei <b>Richard Mühlmann</b> in Halle ist erschienen und in allen -soliden Buchhandlungen zu haben:</p> - -<p class="tdl"><b><span class="fsl">Die Kammerjungfer</span></b>, eine Stadtgeschichte, von <span class="ge">Maria -Nathusius</span>, Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die -Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater Sohn und -Enkel etc. 9 Bogen. 9 <i>Sgr.</i></p> - -<p>Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, -wie sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche -Zucht und Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden -Eltern er- und verzogen, aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger -als halben Bildung gestachelt, und von Romanlectüre und leichter -Gesellschaft getragen, in allerlei schöne und hohe Gedanken hinauswuchern, -hinter deren Gefühl sich doch die bloße Sinnlichkeit und -hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten Spekulationen verbergen, -daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im ersten Windstoße -abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer Blöße -dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe -der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein -ganzes Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer -weiblichen Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen -Gefühlen nur bis zum gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der -wird ihr verziehen. Sie empfängt aber ihren Lohn dadurch, daß sie -»ihr Glück macht« durch eine »gar nicht üble Partie«, von deren -Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes befreit. Durch -das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und widerstrebendes -Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis sie zu -einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht -daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin, -eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen -Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, -und die gefällige Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach -anerkannten Talente der Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung -auch das Interesse von Leserkreisen aller Stände zu fesseln. -Vorzüglich aber wäre es zu wünschen, daß Freunde der inneren Mission -Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht zahlreich in jenen -Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie als eine Warnungs- -und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu verbreiten. –</p> -</div> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: -<span class="ge">gesperrt</span>, <span class="ss">Antiqua</span>, <i>kursiv</i>, <b>fett</b>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"erwidert" – "erwiedert", "heitzte" – "geheizt", "Spatziergang" – "Spaziergang",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_009">9</a>:<br /> -"deinen" geändert in "Deinen"<br /> -(Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_017">17</a>:<br /> -"bemerke" geändert in "bemerkte"<br /> -(kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_024">24</a>:<br /> -"Ihr" geändert in "ihr"<br /> -(den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br /> -"Louisdo'r" geändert in "Louisd'or"<br /> -(vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Er begann mit dem 90. Psalm)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br /> -"ihn" geändert in "ihr"<br /> -(ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -"ihren" geändert in "Ihren"<br /> -(der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_085">85</a>:<br /> -"gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt"<br /> -(ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br /> -In Zeile 6 "," geändert in "."<br /> -(Halleluja, Halleluja.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_119">119</a>:<br /> -"hinzugegehen" geändert in "hinzugehen"<br /> -(geradezu hinzugehen war ihr unmöglich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER *** - -***** This file should be named 60954-h.htm or 60954-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/9/5/60954/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> - - diff --git a/old/60954-h/images/cover.jpg b/old/60954-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 582a6a2..0000000 --- a/old/60954-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
