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-The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Kammerjungfer
- Eine Stadtgeschichte
-
-Author: Marie Nathusius
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- Die Kammerjungfer.
-
-
- Eine Stadtgeschichte
-
- von
-
- Maria Nathusius,
-
- Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter,
- Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w.
-
-
- Halle,
- Verlag von Richard Mühlmann.
- 1851.
-
-
-
-
-Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen zu ihrer Mutter. Eine
-Schneiderin führt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig
-hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen kriegt man zu sehen,
-sitzen muß man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte
-Jungfer werden ist das Ende vom Liede.
-
-Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weißt Du noch,
-was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du
-solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die
-Nase gerümpft, und ich war's auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und
-Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe und Pflege.
-Aber ich sage: Du weißt nicht was du willst. Kannst Du's besser haben,
-wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und
-brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich
-an _meine_ Jugend denke!
-
-Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen schnippisch in das Wort;
-so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur
-festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie
-Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; da hätte sie nur aufrichtig sagen
-sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schönheit soll
-glücklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hüpfte an den Spiegel und ordnete
-noch einmal zum Ueberfluß ihren Sonntagsstaat.
-
-So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und
-das Unglück ist doch über mich gekommen, ich weiß nicht wie.
-
-Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die Rede: Du weißt nicht wie.
-Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun
-um alles in der Welt, höre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu
-hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir steht
-die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, wunderschön! Ich vermiethe
-mich, oder ich vermiethe mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe
-ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberfluß.
-
-Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton.
-
-Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat das Geld im Kasten liegen.
-Es ist schändlich genug, daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen,
-damit ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. Ich muß für
-meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in
-großen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen
-Viergroschenstücke trudeln unter den Händen fort. Tante Rieke, die die
-christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde führt, mag sich auch mal mit
-den Händen regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die
-Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur
-den Vortheil davon, wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch für
-Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hübsch, und rühre ihr
-Herz; aber gegen mich höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine
-Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie
-eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstücke
-klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück in den Schooß
-und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke
-Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten.
-Du verstehst mich doch?
-
-Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Töchterchen
-hatte sie völlig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel;
-und auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz richtig, diese mußte
-mehr geben, wenn Klärchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es
-auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn
-Klärchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich für eine gute
-Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser.
-
-Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend
-schön und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann
-geheirathet, der schon damals innerlich und äußerlich ziemlich verkommen
-war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb,
-nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem Jammer und in Noth
-erhalten hatte. Zum Glück blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück
-hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Stütze war.
-Noth und Jammer aber hatten keinen Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war
-leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, und wenn
-sie auch reichlich Thränen über sich und ihre Schicksale vergießen konnte,
-die Thränen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und
-einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. Klärchen war das
-Ebenbild der Mutter, nur daß sie noch schöner und zugleich schlauer war,
-und so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.
-
-Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen
-Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester.
-Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. Sie hatte
-vergeblich ihren Einfluß auf Mutter und Tochter zu üben gesucht; sie
-erlangte nur das eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als
-möglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als
-wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hätten.
-
-Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegespräch gehabt,
-rüstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille
-ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche
-gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes
-baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes
-Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren
-einige Risse in der Mitte.
-
-Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar nichts! sagte sie ärgerlich.
-
-Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen zu! tröstete die Mutter,
-fädelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Während
-dessen suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh das
-leidlichste Paar heraus.
-
-Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klärchen
-wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm
-genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die
-Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue.
-Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide
-gehören reine Handschuh.
-
-Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber
-waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre
-Confirmationshandschuh noch.
-
-Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel muß ich meinen Freundinnen
-erzählen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und
-höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh
-angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär.
-Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt
-Göthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten
-hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch
-geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem
-leichten Adieu zur Thür hinaus.
-
-Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt Dein Hemd an der Schulter zum
-Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin.
-
-Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen gleichgültig, und nachdem
-das geschehen, ging sie fort.
-
-Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit
-der Nadel für Andere beschäftigt, nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden.
-Klärchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als
-unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als über ihren Stand
-hinaus verwöhnte und verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen weit
-sein mußten und wo möglich den Staub auf der Straße kehren, war ihr von
-höchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen,
-Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd
-zerrissen, war ihr gleichgültig, ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah
-ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder
-die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es
-wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen.
-Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strauß gehabt;
-denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb
-und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und
-sagte, das wäre ganz verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen
-Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine ordentliche Toilette
--- bei diesem Worte hob Gretchen etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe
-und zeigte wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen fuhr nach
-einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich fort: daß zu einer ordentlichen
-Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit
-zu erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt das für schlanke
-Leute; für Biertonnen ist's nun mal nicht nöthig. Gretchen wußte darauf
-keine verblümte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich was mit
-Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth
-thut, und verthu' Dein Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst
-Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal
-bitterlich bereuen, daß Du so eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit
-der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X für ein U machen;
-und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo
-anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, gewiß
-wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach
-sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt
-so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte keine Romane, wußte
-nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und
-Liebes-Almanach, kannte nur nothdürftig die Classiker ihres Vaterlandes dem
-Namen nach, und auch darüber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen
-nur in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, die ihnen vom
-Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben
-war nämlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und
-machte den Leuten Himmel und Hölle heiß. Klärchen aber, als sie merkte,
-wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab gütlich
-nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke
-verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte
-hochmüthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht
-für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mädchen; sie mag sich
-drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne
-Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine
-Ansprüche für die Zukunft und gehört so recht in den Handwerkerstand
-hinein. Dagegen Klärchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlägt gewaltig, -- was
-wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft:
-lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie
-zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus
-und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, daß
-sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, es wird, sie hat eine selige
-Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist
-ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl und ein Sammethut --
-dann aber kann es ihr ganz gewiß nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren
-Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte
-sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit,
-nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken,
-sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und
-sagt, sie könne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat
-den Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie
-ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde
-erlösen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in Unverstand und wie
-sie weiter sagt; aber das konnte Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts
-von Sünde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin
-wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, gelernt, aber wozu, das
-sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden,
-um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten zu
-reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente für sie da: »Du sollst
-nicht stehlen?« Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht andere
-Götter haben neben mir?« Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars
-glaubte. Oder: »Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that mehr als
-ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen quälte sie sich, um ihre Mutter zu
-ernähren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war
-Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. An den lieben
-Gott glaubte sie wohl, sie verließ sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr
-Schicksal leiten und lenken könne, -- das verlangte sie gar nicht, sie
-wollte das allein thun; sie war schön und jung und klug und gebildet, ihr
-Glück verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie.
-Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Straße, ein
-großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie ließ sich aber schnell impfen und
-meinte nun wieder ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera kam und
-in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an.
-So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und
-sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante
-Rieke unterließ es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der
-Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte solche Worte nicht gern,
-sie ward bänger und bänger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen.
-Sie konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen so ruhig waren
-und vom Tode redeten als von gar nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des
-Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft
-eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mußt? dachte sie.
-Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben wieder
-rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die
-Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren
-nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit
-ihren tollsten Fantasien durch.
-
-Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Häuser
-weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster
-parterre. Der Briefträger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung
-dazu. Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.
-
-Nun Ihr Jüngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaßend.
-
-Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klärchen lustig.
-
-Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wäre noch jung.
-
-Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klärchen schmeichelnd.
-
-Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird
-mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm
-gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß.
-
-Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte
-dann schwerfällig Athem.
-
-Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fügte Vogler wieder scherzend
-hinzu.
-
-Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen; wie kann ein Mann
-die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch
-gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen
-vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten!
-
-Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig gemacht und ging nun
-etwas schwerfällig neben der leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder
-schön, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres
-Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war
-gerade eine Freundin für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam, durchschaute
-nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte
-dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Börse voll Geld.
-
-Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem
-Orte ihres Vergnügens zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der
-Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht
-die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens
-ein Handlungsdiener; sie gedachte höher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe
-Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mütze. Das war der
-rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß mit
-vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, daß die Studenten
-umgekehrt waren und ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht,
-daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der Freundin den Triumph; sie
-war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu können; feine
-Pläne für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen
-wieder ein junger Mann entgegen, der sie grüßte, aber sehr bescheidentlich
-mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen.
-
-Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde
-zurück, den mußt Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.
-
-Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen rothen Händen, lachte
-Klärchen, sonst ist's aber ein hübscher Mensch.
-
-Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn
-selbst heute Morgen herauskommen sehen.
-
-Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das paßt ja wie die Butter
-aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten
-sie immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und
-wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein
-mit der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thränen und Seufzen
-genossen. Nun, ich gönne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu
-hübsch für die Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, denn
-Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein Glück, =nota bene= weil sie
-selber nicht schön ist.
-
-Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon
-eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser
-der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten
-sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden
-beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Späße herüber
-zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich
-bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. Klärchen wunderte
-sich nicht darüber, sie hatte schon längst mit ihm auf der Straße
-koquettirt, sie wußte auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin,
-ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche
-Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein
-Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt
-sich einen großen Neufundländer Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine
-Freunde in einem Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und überall
-zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt
-war groß und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht
-herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie
-seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den
-Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die blauen
-Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er höchst unmanierliche
-Späße. Klärchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener
-Familie war (sein Vater war Präsident), fand sie es nur pikant, und hielt
-sich nicht für zu gut, ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und
-liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre Schönheit auf ihn
-Eindruck machte, und sie in seinen Augen höher stieg, denn er nahm die
-Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Für
-Klärchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es
-mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten längst, sie ging
-bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine
-Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges Herz
-gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete jetzt die Gefährtin um diese
-bedeutende Eroberung, und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur
-eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen Laube saß Fritz
-Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den
-Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich
-aus ihrer Jugend, daß, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam,
-um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht
-hatte und Grete oft darüber böse gewesen war. Also: damals hatte er sie
-bevorzugt, heute war er erstaunt über ihre Schönheit, -- so kalkulirte
-sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz
-ungerührt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung
-doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr
-Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen Menschen herablassen; und dann
-fürchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte den Spion
-spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel
-als möglich so gesetzt, daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber
-wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekümmerten
-und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.
-
-Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der
-anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und
-sie erklärte die Ursache ihres Aergers.
-
-Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natürlich, einem
-hübschen Mädchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine
-breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den lästigen Blicken sicher
-war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen war.
-Jetzt fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward immer lebhafter.
-Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getümmel
-sich zu erhitzen und zu betäuben.
-
- * * * * *
-
-Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schönen Mädchen das
-kleine Klärchen Krauter wieder erkannt, und die schönsten und süßesten
-Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch dachte er
-mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam,
-um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem
-achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwölfjährigen
-Mädchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht
-gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf
-der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr
-möchte dies Blümlein schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze
-der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen werde? das stand in Gottes
-Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing
-nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und fröhlich ging
-er durch die schöne Gottes-Welt, er sah Berge und Thäler und Flüsse und
-Fluren, manch große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen und
-Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er
-mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht
-getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses Gewissen, durch
-Armuth und Noth. Er hatte das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein
-zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes
-gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des
-Wanderlebens. Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien
-waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er
-an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein
-braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand
-er, die mit ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten;
-selten verließ er eine Stadt, daß er nicht mit Wehmuth darauf zurück sah,
-weil er Freunde für sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und kam er
-zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verführen
-suchten, so waren auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers und der
-Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe des Trösters, seine Liebe und Gnade
-fühlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher,
-seine Hände immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte
-sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend auf der Höhe
-am Rand des Waldes saß, die Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft
-zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und
-in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der
-Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es
-ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft
-und Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen
-Mädchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe
-am Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt
-war aus dem Jüngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung
-seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte
-ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es
-fehlte an allen Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen
-zur Rückkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25 Jahr alt, nach
-dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause
-wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der
-Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine Hausfrau,
-und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er
-sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und
-dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen verließ er den Thüringer Wald
-und wanderte einige Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war
-spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß schwach und krank im Lehnstuhl,
-aber Dank- und Freudenthränen glänzten in seinen Augen, als der Sohn nach
-so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, und Fritz mußte ihm am
-selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen.
-
-Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr gesprächig, und in seiner
-Gesprächigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler
-liebsten Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier im Haus Frau
-Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und
-mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein.
-
-Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hörte, und hatte er schon
-vorher wenig Muth gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte er es
-jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber zur Frau Nachbarin gehen,
-aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse,
-wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht
-gefährlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten
-Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer;
-denn wenn Gretchen auch ein braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht
-dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf
-seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der
-Kirche kam und unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung einer
-jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich anreden; er schlich
-sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend
-seine Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine
-Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens Fenster vorüber. Er konnte sie nicht
-entdecken, nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück schaute sie nicht
-auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen müssen. Er
-ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee
-entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen.
-Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen
-und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er grüßte sie und sein Herz schlug
-vor Glück, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter
-ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie den Mädchen nachfolgen. Es
-würde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und
-Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen schützen, er ahnete
-nicht, daß sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als
-geängstigt würden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen.
-Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der Mädchen leichtfertiges Spiel.
-Klärchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre
-verächtlichen und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefühlen ging er
-nun nach Hause! Das Geschehene zerstörte zu hart seines Herzens Pläne.
-Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war
-zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand
-genommen. In dieser Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen,
-nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmädchen,
-die feiernd in der Hausthür saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich
-in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein
-Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte
-er seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut ganz anders als
-gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern
-so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst
-Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. Die düstere
-Weinlaube erschien ihm gar nicht düster, er dachte: bald wirst du nicht
-mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und es lag ihm
-auch gar nichts daran, daß es anders sei. Er schaute durch die Weinranken
-hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja
-wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen
-schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom
-Uebel; wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du sie nicht. Aufgeben?
-ja das ist wohl schwer, und daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum
-Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward,
-mußte es ja dem Erlöser droben noch schwerer werden, eine geliebte
-Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je
-zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete sich in feuchten
-Augen auf. Da hörte er plötzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen;
-hell und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen die Töne, und ganz
-deutlich die Worte zu ihm herüber:
-
-   Will ich nicht, so muß ich weinen,
- Wenn ich mir es recht betracht,
- Weil verlassen mich die Meinen,
- G'nommen eine gute Nacht.
- Ach, wo ist mein Vater und Mutter?
- Ach, sie liegen schon im Grab.
- Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern?
- Keinen Freund ich nirgends hab.
-
-   O, mein allerliebster Jesu,
- Schau mich armes Waislein an,
- Du bist ja mein liebster Vater,
- Sonst mir Niemand helfen kann.
- Weil mein' Eltern sein gestorben,
- Leben nicht auf dieser Welt,
- So hab ich Dich, liebster Jesu,
- Für mein'n Vater auserwählt.
-
-Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und sah drüben auf dem alten
-schrägen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte
-von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen
-ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr
-alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf,
-und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten
-Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreißig
-Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen über der Werkstatt wohnte. Er war der
-Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling.
-Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour
-zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer
-zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief
-er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden
-ein Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, da oben stricke und
-esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus
-der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte »Gretchen,
-so recht, so recht,« und sein Dompfaffe sang »Lobe den Herrn o meine
-Seele«. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin:
-»Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: »Gretchen, so recht.«
-
-Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz
-aber rief: »Jungfer Gretchen,« und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch
-andere Zeiten seien.
-
-Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze
-weich; was ist Dir denn?
-
-Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich nicht gesungen, sagte
-Gretchen; ich glaubte, ich wäre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm
-aber herüber und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß nicht recht, was
-ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll.
-
-Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche
-machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause
-geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten
-Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar
-nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die
-Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag
-wollte nicht kürzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig
-war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat?
-Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn
-wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden,
-und ob er so aussähe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging
-in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört ging sie in
-dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Büschen hatte sie
-als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf
-gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut,
-und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank
-unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt gesessen, noch
-lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in
-die Welt schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf den Hof, dem
-Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch
-eine hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden Flieder- und
-Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin
-und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen konnte nicht
-widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen,
-an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen dunkel und
-glanzlos aus, weder Haube noch Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths
-waren in ein Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den anderen
-Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da
-ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger schaute
-sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und öde
-macht, so zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel
-war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold
-umsäumt. Gretchen schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am blauen
-Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog
-ein Schwan, bald eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar eines
-Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brüderlein, deren
-sie sich noch ganz leise aus frühester Jugend erinnern konnte, und mit
-sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster
-lockte.
-
-Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der
-Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, und
-war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht
-schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie
-ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; er aber reichte ihr
-freundlich die Hand über das Stacket hinüber. Das war nun Gretchen mit dem
-blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden
-rothen Mund. Sie war nicht groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und
-stand mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich gar sittig vor
-ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine
-Verlegenheit nicht, sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr
-Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er
-auch hinüber kommen dürfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen
-höflichen Knix.
-
-Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen
-Burschen muß man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür,
-wie es sich gehört.
-
-Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich
-in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock
-aussah, so hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause liegen, und
-überhaupt mußte der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam
-aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen
-Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthür
-klopfte. Sie ging zu öffnen und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor
-der Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. Gretchen hätte gar
-nicht gewußt wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem
-schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. Frau
-Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz
-mußte wohl oder übel gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte Frau
-Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm
-zuweilen unbewußt über die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das
-Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht
-es ihn zurück in die Ferne? Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie
-bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich war?
-Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein war, schaute sie hinauf
-zu den Sternen mit gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte sich
-Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid
-auf die Herzen der Menschen legt.
-
- * * * * *
-
-Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer jüngeren Dame in eifrigem
-Gespräch.
-
-Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen passt ganz besonders für
-Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren
-näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen
-Hauses, immer freundlich, gefällig, sehr gewandt und fleißig, und aus
-einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem
-Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine außerordentlich geachtete
-Frau. Von der ist Klärchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das
-Schneidern lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.
-
-Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin.
-
-Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht
-vernünftig. Die Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen und
-ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit
-Thränen an, daß sie sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie
-dazu kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh gewesen sei, der
-Kundschaft wegen für das Aeußere zu sorgen.
-
-Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern
-jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu
-jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, -- entgegnete die
-Generalin.
-
-Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich sie Ihnen, weil sie so
-liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste
-Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hübsch;
-aber vor allen Dingen -- Sie müssen sie sehen, theuerste Frau!
-
-Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klärchens besondere Gönnerin.
-Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte
-Klärchen deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich sie in das beste
-Licht zu stellen. Es währte nicht lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr
-nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie
-vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt über die Schönheit
-des Mädchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken
-verstummen -- und sie schloß den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein
-Louisd'or zu Weihnachten, außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr
-erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin
-entzückte sie, ja so sehr, daß der Mediziner fast darüber vergessen
-ward. Die großen Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und
-Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie
-als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich
--- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein,
-sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee
-serviren. Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so
-vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes
-Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie,
-der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu
-leicht denken mußt. -- Klärchen, die voll der schönsten Hoffnungen und sehr
-guter Laune war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu gutmüthig,
-um das nicht glauben zu müssen. Auf die Fragen über den Zustand ihrer
-Wäsche, hatte sie geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit
-sagen können, und ihre Angst war schon längst gewesen, die Tante möchte
-sich einmal selbst davon überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt,
-sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn ganz besonders Wäsche
-anzuschaffen. Die Mutter muß sich einschränken lernen, fügte sie hinzu;
-Du weißt, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen;
-wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein
-Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich
-anschaffen. -- Das klang vernünftig, und die Tante war damit einverstanden.
-Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene
-Taschentücher und zwei Paar Strümpfe.
-
-Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit
-gehabt, und die Taschentücher sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn Du
-zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du
-weißt, wir können die baumwollenen nicht leiden.
-
-Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte
-sie herzlich.
-
-Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen
-waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen.
-
-Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und
-ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich
-geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene Kleider, Mantillen,
-Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, außer
-der wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentücher;
-die sechs leinenen Taschentücher und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen
-bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem aber
-stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen
-an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf
-die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Köchin
-bemerkt: man sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von guter
-Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß das Stübchen im Nebenhaus, und
-der Mediziner gerade hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine Liebelei
-im Hause geben. Die Köchin aber nahm Klärchens Partie. Ihre Küche lag
-gerade gegenüber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen das
-Rouleau niederließ, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster
-sah. Klärchen aber hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich
-in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den Mediziner kann nicht
-schaden.
-
-Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war
-vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort,
-und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem ward Klärchen in
-die eleganten Läden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das
-war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet
-und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich
-waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch
-ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mühe zum Sparen.
-Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die
-Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also für
-ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer
-und Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen
-Tag nicht aufzog, sang er die schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst
-spröde gegen ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen gar sanften
-Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte
-Höhe der Leidenschaft kam, würde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie
-berechnete freilich nicht, daß sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein
-verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne
-Erfahrung, das zu wissen und zu merken.
-
-So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist
-und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen
-gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre
-Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern
-geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte.
-Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft
-nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin
-mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts
-merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das
-war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei
-den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte
-sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom
-Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber
-bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal
-gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut
-sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie
-nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am
-Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine
-wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie
-hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit
-hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der
-Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die
-Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr
-Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen
-geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu
-machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem
-andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen
-eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint,
-das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie
-ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer
-Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr
-glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein
-Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder
-lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle
-sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der
-Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man
-hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese
-Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren
-Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte
-sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht
-länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich
-geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte
-versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine
-Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn
-auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem
-Herzen.
-
-Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es
-Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang,
-ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es
-mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr
-heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute
-nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als
-ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken,
-schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas
-stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an
-bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man
-lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit
-nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr
-unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das
-er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter
-Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine
-Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht
-wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie
-beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich.
-Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst
-himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und
-solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen
-trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben:
-er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den
-Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane
-zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell
-vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.
-
-Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend;
-es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner
-guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl
-die Neugierigste bin.
-
-Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte
-einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte
-sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte
-dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden
-Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die
-anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und
-Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der
-Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben
-sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich
-drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler
-scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise
-Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr
-ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln
-aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen
-gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber
-stand.
-
-Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der
-die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar
-nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen;
-doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu
-geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie
-besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn
-das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere
-junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten:
-das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie
-sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen.
-Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren
-längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und
-Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen
-nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog
-hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen
-auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf
-die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den
-Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden
-mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort
-auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es
-sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen
-hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau
-Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen,
-bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst
-gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen
-stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden.
-Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war
-abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst
-Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere
-Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein
-guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten
-und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen
-so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner
-Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben
-und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf --, auch wußte er daß der
-Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten
-Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz
-ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.
-
-Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde
-ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war
-das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm
-es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem
-90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller,
-die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre
-uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -- schaute
-er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den
-Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam.
-Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das
-schöne Lied:
-
-   Jahre gehn und fliehen,
- Blumen, die da blühen,
- Welken traurig ab!
- Was da grünend stehet,
- Wandelt und vergehet
- In ein düstres Grab!
- Bleiben _wir_ wohl ewig hier? --
- Was genommen ist von Erden,
- Muß zur Erde werden.
-
-   Eines unter Allen
- Kann nicht fliehn und fallen,
- Wenn auch Alles fällt:
- Was aus Gott geboren,
- Gehet nicht verloren
- In dem Grab der Welt;
- Seine Zeit heißt Ewigkeit --
- Selig, wer in guten Stunden
- Dieses Eine funden.
-
-   Der für uns gestorben,
- Hat es uns erworben
- Einst mit seinem Blut;
- Jesus, unser Leben,
- Kann dem Sünder geben
- Dieses Eine Gut;
- Seine Kraft bewirkt und schafft,
- Daß geweihet sei die Seele
- Mit dem Lebensöle.
-
-   Weichet, Lust und Sünde!
- Einem Gotteskinde
- Habt ihr nichts mehr an.
- Denn dem Gott der Ehren
- Muß mein Herz gehören,
- Ihm dem Schmerzensmann.
- Ihm erkauft, auf ihn getauft,
- Steh ich in dem Grund der Gnaden.
- Was kann da mir schaden?
-
-   Tage, Jahre, fliehet!
- Lust und Glanz, verblühet!
- Gräber, öffnet euch!
- Wenn die Glieder sterben,
- Werd ich ja ererben
- Meines Heiland's Reich!
- Wär sie nah', ach wär sie da,
- Jene Zeit, da ich erstritten
- Gottes ew'ge Hütten!
-
-Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit
-anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme
-klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören,
-und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben -- Grab -- und
-Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz
-nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der
-Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht
-und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung.
-O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute
-das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig
-aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein
-Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut -- solche
-Blicke müssen sein Herz rühren.
-
-Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch
-Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der
-Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der
-Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die
-Lust und Unruhe der Welt.
-
-Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter mit den Andern einen Weg
-hatte, und nur Klärchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite
-mußte; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. Sie aber
-sträubte sich, denn nichts wäre ihr drückender gewesen, als ein einsamer
-Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der
-Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straßen zu finden
-sind, darf kein junges Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte
-sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in
-eine Gottes-Welt vertieft, als daß ihn die kleinen Bewegungen der irdischen
-Welt hätten berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in die Augen
-und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten außen Sturm und
-Regen so sehr, und Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. Jetzt
-standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm den Schlüssel und schloß auf.
-Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und
-Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen
-so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte
-ihre hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt
-am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende
-desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre
-mögen darauf zurückschauen. Der Herr behüte Sie!
-
-Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mußte erst
-einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen.
-
-Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst für sorgen.
-Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit
-Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, und das sollte ihr
-leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben
-den Zugang, der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, kam Jemand
-von oben herunter. Sie zögerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den
-Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein Gesicht
-glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld
-auf Klärchens Rückkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer
-von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrücke von
-erhabenen Gefühlen -- Klärchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte
-flüsternd süße Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie sich
-endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, für eine recht baldige
-ungestörte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer
-Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glück der Tochter nichts
-entgegensetzen. Und, fügte Klärchen hinzu, es ist auch nöthig daß wir
-besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da
-manches zu thun. --
-
-Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge
-denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fügen die Götter. -- Dann
-fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf.
-
-Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über die grünen Auen ihres
-Glückes, doch dachte sie nicht weiter darüber nach und legte sich in süßer
-Betäubung zur Ruhe.
-
-Am anderen Morgen wachte sie später auf als gewöhnlich. Ihre gütige
-Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den
-versäumten Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht
-finden. Es war ihr so wüst im Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte
-sich ordentlich erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, und trotz des
-Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich öffentlich
-verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thöricht
-genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch große
-Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der
-Rechtsgelehrte unter den Händen entwischt ist, wollte sie nicht sein,
-dachte Klärchen; und so denken alle thörichten Mädchen, die leichsinnige
-Liebschaften anknüpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen
-meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis
-ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber
-unter den Händen entschlüpft sind.
-
-Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewöhnlich bei der
-Toilette behülflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet
-beim Frühstück, und neben ihr saß bei demselben ein junger schöner
-schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen entschuldigte sich wegen des
-späten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei:
-Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam
-unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden,
-ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, höflicher zu
-grüßen, als er es gethan haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter
-Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klärchen merkte
-Alles, -- ein koquettes Mädchen ist sehr feinfühlend in solchen Dingen --
-und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepaßt. Sie
-ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan
-zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wußte selbst
-nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen
-dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich häßlich
-dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen!
-Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie müssen
-burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt,
-wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte
-sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant!
-
-Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden so belebt, daß es dem
-Mediziner unmöglich ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große
-Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der
-Treppe. Er war sehr ungeduldig und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen
-sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so beschäftigt und
-hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt
-hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge
-Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klärchen, im
-hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der
-singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl
-durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie
-geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis
-leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich
-sagte, sie möchte sich nicht weiter bemühen, der Bediente solle allein
-aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum
-hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster öffnete und
-leise mit den Händen klappte. Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust
-ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar
-zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, mußte sich überzeugen, daß sie mit
-ihrer Erscheinung in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth
-und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, daß sie meinte, er müsse
-sich glücklich schätzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr
-nicht noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut
-mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und
-der Generalin Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in
-Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß schon sterblich in sie
-verliebt. Klärchen hatte viel Romane gelesen, sie wußte, daß nicht selten
-arme Mädchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung
-einer großen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur,
-der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes,
-herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte er die groben
-ungeduldigen Liebesvorwürfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich
-nur, daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen entgegnete,
-dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum
-nächsten Abend zu ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, litt
-sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht vor bösen Herzensgelüsten,
-nein, es sind gerade sehr verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig
-hegen und pflegen.
-
-Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, nähend im Vorzimmer. Der
-Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder
-zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten Händen that, stand
-er schweigend vor ihr. Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete.
-Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute,
-ihm dann die Börse gab -- es mußte das Alles das Herz des Lieutenants
-bestürmen. Klärchen merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr
-angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer
-hörbar, und er verließ sie mit einem kurzen verbindlichen Danke.
-
-Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; und wenn auch das Bild des
-Lieutenants sich zuweilen dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt
-zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo
-möglich müssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen.
-Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der
-Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. Der Mediziner mußte morgen früh
-selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr
-eine andere Stellung geben; die Hälfte des Wechsels mußte er ihr gleich
-überlassen, um für Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller
-Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen.
-In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten,
-und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin noch von 6 bis 7 Uhr
-vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den
-Sohn erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich ihr auf
-diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die
-Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich öffnete
-und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und
-die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In
-Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders
-schön und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen
-Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer
-verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.
-
-Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen,
-leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus
-dem Haus thun.
-
-Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest
-doch nicht --
-
-Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen
-thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich
-nicht.
-
-Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf
-Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht
-Mädchen thörichter mache.
-
-So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -- entgegnete die Mutter
-besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fügte sie zögernd
-hinzu.
-
-Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte
-es wirklich gefährlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, --
-schloß er scherzend.
-
-Diese Unterredung hatte Klärchen durch das Schlüsselloch mit angehört, denn
-Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich
-verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und Edelste. Seinen Spaß würde
-er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte.
-Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie hätte es
-wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich küssen lassen, hatte eine
-Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht
-werden. Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von
-Bedeutung und so sehr verliebt, es läßt sich Alles mit ihm machen.
-
-Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen
-zur Verlobung. Zwei Lichter brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und
-Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Röhre, die Mutter saß im
-Lehnstuhl am Ofen, und Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. Der
-Student kam, die Thür ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt,
-gekoset. Die Mutter war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine
-volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen nothwendig angeschafft
-werden sollten. Sie mußte sich gestehen, daß Klärchen es weit klüger
-angefangen als sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte
-mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende einer klugen Sünderin ein
-gleiches ist, als das einer dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen
-zur Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute darin bestanden,
-noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblüfft an
-und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften
-gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.
-
-Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns
-ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst
-zusieht, hört aller Spaß auf.
-
-Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist,
-sind wir geschiedene Leute, sagte sie in höchster Erregung.
-
-Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte,
-daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt
-gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu
-kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute
-seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie
-dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja,
-mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen,
-um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt
-die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als
-er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin
-müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie
-bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich
-in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war
-weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich
-gemacht, -- dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn
-zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht
-ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du,
-sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit
-mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr
-der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit
-Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und
-um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie
-es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm.
-
-Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue
-über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem
-rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es
-der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren,
-war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen
-einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die
-Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, --
-sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt
-ein.
-
-Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin,
-die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu
-werfen, ward wieder ganz ruhig.
-
-Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes
-fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und
-holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz
-und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei
-fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens
-hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn
-wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom
-Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll
-der tollsten Pläne und Träumereien.
-
-Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant
-war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie
-war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin
-ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen.
-
-Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch
-mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und
-ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles
-in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht
-fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward
-er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die
-Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit
-klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte
-sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen.
-Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und
-versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl lief
-sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum
-erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie
-von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum
-Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen
-Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.
-
-Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück,
-Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer.
-
-In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich
-Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes
-sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche
-wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine
-Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei
-solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten
-Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan!
-Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen
-mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett
-nehmen.
-
-Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin
-einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der
-Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen
-sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ
-das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal,
-obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und
-nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles
-Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber
-der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte
-den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren,
-die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne.
-Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit,
-daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge
-Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten
-Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,«
-schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht
-gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu
-überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden
-soll.«
-
-Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe
-Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz.
-Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus
-dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte
-sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die
-Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte
-sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich
-entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die
-Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und
-erbrach ihn schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete
-hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die
-Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden
-und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein
-Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden
-als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der
-Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.
-
-Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als
-gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm
-den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell
-und las:
-
-»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich
-leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war.
-Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und
-ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen
-sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im
-Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke
-in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn
-überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu
-überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und
-Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« --
-
-Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie
-lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war groß und sie sah
-nur noch nach dem Ende des Briefes:
-
-»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir
-kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich
-hoffe Dir bald eine würdige Tochter« --
-
-Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte
-den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und
-schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!
-
-Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu
-machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas
-Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe,
-die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück
-nicht für sehr lange.
-
- * * * * *
-
-Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal
-mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte
-hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber,
-konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an
-den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.
-
-Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter
-gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein
-Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden
-war, dachte an den Frühling, an Blüthen, Bäume und Vögelgesang und andere
-schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen.
-Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines
-Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe;
-oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin.
-Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja
-immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus
-kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst
-ein gutes fröhliches Wort.
-
-Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und
-die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter,
-es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich
-nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen
-Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz
-Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl
-erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben;
-aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte
-Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt
-verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er
-dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit
-der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute
-aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt
-werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern,
-und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt.
-Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die
-Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte,
-die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.
-
-Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische Magd, er verlange
-aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht
-ab, sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel
-ging sie hinüber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die
-Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz
-in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und
-Lehrburschen rüstig bei der Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen
-mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze hineinschaute,
-erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die
-Hand.
-
-Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu.
-
-Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und
-es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das
-Näpfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.
-
-Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der
-warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief
-in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger
-Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.
-
-Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thür sich öffnete, -- armer
-Schuster!
-
-Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam
-zum Vorschein.
-
-Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte er zu Gretchen, und nun
-gieb erst den Vögeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit
-gestern Abend nicht herauf gekommen.
-
-Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz
-merkte, was sie suchte, und verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit
-einem Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend
-reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und
-sah dann, wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie sie ihnen
-frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den
-Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend
-und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen
-mit gefalteten Händen dabei stand, faltete auch er die Hände und betete
-mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und
-sagte mit bewegter Stimme:
-
-Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht
-traurig darüber.
-
-Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und drückte sie herzlich. Dann
-wandte sich Fritz zu Gretchen:
-
-Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß
-ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.
-
-Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und
-auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe!
--- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem
-Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr
-ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken
-seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte
-wuchern lassen!
-
-Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen
-geben, wieder zu kommen.
-
-Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um
-Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen
-Fehler gut gemacht habe.
-
-Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen
-Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile,
-um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen,
--- aber das böse Wetter, -- man ist so eingeschneit.
-
-Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.
-
-Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im
-Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten
-Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich
-auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. -- Gretchens Hand fuhr
-erschrocken zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In
-diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen,
-obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der
-geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen.
-
-Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen,
-den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl
-mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen
-Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich
-stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein
-Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide
-Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja
-schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch
-zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines
-Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem
-Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus
-seinem Herzen verschwunden.
-
-Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig
-gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der
-Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein
-Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den
-Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen
-es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht
-selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert
-und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden
-verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der
-Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte
-er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht
-widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und
-Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und
-schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging
-das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er
-konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer
-halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb
-nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen
-Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel,
-war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er
-wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison,
--- Klärchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen
-beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her
-vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf
-Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.
-
-Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und
-ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt.
-Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie
-hatte nur über ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals
-so plötzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzählt -- sehr unglücklich,
-doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des
-leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe
-bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel.
-Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so
-spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise
-versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal
-nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter
-machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu
-begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein
-herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen
-zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit
-war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie
-wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater
-war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine
-Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens.
-Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und
-durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie
-sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner
-Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt
-angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in
-allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen
-geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade
-selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden
-fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei
-Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst
-bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war
-nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte
-sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu
-gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer
-den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein!
-sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin
-eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen
-gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen
-vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden
-konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der
-Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen
-und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand
-nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige
-Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr
-gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte
-diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist
-nothwendig zu deinem Glücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte
-Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten
-griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter
-war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht
-mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen
-flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da
-schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges
-Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war
-schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch
-der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern
-Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten
-verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die
-Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, von
-_der_ Seite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die
-kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit
-wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden
-stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch
-dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener
-gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten
-Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung
-solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die
-Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die künftige Gemahlin eines
-Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung
-und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler
-ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr
-am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig;
-sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht
-wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte
-Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen
-ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der
-Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es
-war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen,
-und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem
-Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den
-traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so
-oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld
-anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht.
-Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach
-Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen
-kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet.
-Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem
-Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal
-auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen
-aussehen. Er war noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit
-großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an
-drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür
-hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut
-auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das
-Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.
-
-Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß
-Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und
-besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.
-
-Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld
-wieder hineinlegen.
-
-Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen,
-haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann
-Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir
-ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe
-dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von
-dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.
-
-Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war
-dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es,
-die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen,
-freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber
-an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre
-erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite
-Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt
-haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war
-auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.
-
-Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen
-sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares
-Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!
-
-Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie
-leise.
-
-Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der
-Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige
-Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.
-
-Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte
-sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie
-geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg
-zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers,
-wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.
-
-Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines
-solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens
-Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame,
-von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu
-behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese
-Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner
-Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes
-unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur
-Diebin machte.
-
-Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, --
-aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte
-endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu
-schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn
-er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum
-zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.
-
-Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den
-Brief zum Grafen tragen.
-
-Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.
-
-O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie
-bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch
-nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen!
-Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte,
-sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen
-gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh
-im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte
-freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über
-seine Kräfte.
-
-Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin,
-und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe,
-und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich
-wieder.
-
-Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte
-nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht
-wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu.
-Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig
-Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut
-Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich
-die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein
-Rechtsgelehrter.
-
-Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte
-sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.
-
-Soll ich? fragte diese.
-
-Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür,
-sag', ich sei krank.
-
-Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die
-Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht
-ohne Antwort wieder zu kommen.
-
-Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und
-Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle
-Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht
-sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie
-machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein
-Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird
-selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird
-sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie
-ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten
-Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten
-Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden
-Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen
-Bescheid schicken.
-
-Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht
-des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die
-Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett
-liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand
-sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen
-tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe
-da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen;
-aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind,
-die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten
-Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.
-
-Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe,
-und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden
-geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der
-Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber
-bricht. -- Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb
-den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil
-der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der
-Mutter nur den kleineren zu geben.
-
- * * * * *
-
-Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne
-schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei
-krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie
-sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter
-hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu
-angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich
-darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.
-
-Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin
-zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße,
-vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen
-aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das
-lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber
-war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht,
-sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante
-war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.
-
-Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank
-gewesen sein.
-
-Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst
-im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.
-
-Aber ein Gasthof! sagte die Tante.
-
-Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich
-bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe
-das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu
-bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.
-
-Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der
-Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der
-Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm
-in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber
-es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den
-Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als
-ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.
-
-Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.
-
-Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß
-Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das
-Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner
-Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die
-weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so
-still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen,
-und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.
-
-Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich
-nicht über Blumen freuen.
-
-Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen,
-Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle
-recht früh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit
-stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.
-
-Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der
-Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen
-auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der
-Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in
-den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin
-schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief:
-»Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine
-häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel
-etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer,
-daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe
-gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber,
-Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch
-hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine
-Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das
-arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem
-Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre
-Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.
-
-Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch
-und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte
-wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten
-Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens.
-Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock
-gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu
-erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.
-
-Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen.
-Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut
-ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete
-gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den
-Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu
-bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte
-sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz
-schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges,
-ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem
-Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen
-Wangen.
-
- * * * * *
-
-Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen
-freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz
-hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig
-durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte
-sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen,
-warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde
-heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen.
-Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang
-lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.
-
-Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder
-aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden
-bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen
-weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren
-Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren
-wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit
-vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem
-Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und
-Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen
-leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der
-Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch
-und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und
-hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer
-Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er
-ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar
-auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte
-200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber
-sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine
-Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war
-schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte
-Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte
-ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach
-Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn
-in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden.
-Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die
-Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa
-Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem
-Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh
-daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig,
-ihre Stubenthür war nur angelehnt, -- da hörte sie zwei flüsternde Stimmen
-auf dem Korridor.
-
-Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so
-viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.
-
-Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher
-Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.
-
-Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat
-hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und
-hat den Narren an ihm gefressen.
-
-Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung.
-Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche
-Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte
-er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte
-gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht
-probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden
-Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein
-aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie
-gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar
-der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er
-sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden,
-und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral
-beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch
-eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute
-wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste
-bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus
-ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen
-faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie
-in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte
-sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin
-unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand,
-grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen
-mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen;
-sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich,
-wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die
-Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende
-Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen
-ließ, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke
-Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie
-mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen
-wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward
-ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke
-standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor
-ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein
-leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem
-Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen?
-Jetzt wieder zurücktreten -- das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch
-mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht
-lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist
-ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben,
-bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend,
-sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie
-wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon
-manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn
-ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat
-noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser
-Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder
-den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht,
-gehört die Kraft von oben.
-
-Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen
-Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor
-ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von
-dem Gespräch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es
-ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie
-erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher
-Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören.
-Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die
-Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen
-den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber
-war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine
-genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung
-des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und
-daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl
-gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt
-und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder
-zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch
-süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.
-
-Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß
-man ihnen überall nachsah, -- wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens
-aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene
-Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen
-Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.
-
-Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am
-Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn
-als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht.
-Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die
-Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen
-bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach
-zuerst die peinliche Pause.
-
-Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit
-einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.
-
-Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit
-Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig
-wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.
-
-Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte
-er gereizt, -- und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine
-Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen
-darf.
-
-Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte
-nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz
-unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind;
-weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.
-
-Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit
-unverkennbarem scharfem Ausdruck.
-
-Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht
-im Theater oder in einem Kaffeegarten.
-
-Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber
-hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb
-ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller
-Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.
-
-Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du
-versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst
-Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und
-was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.
-
-Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet
-hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, -- eher
-bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante
-so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr
-entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem
-zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.
-
-Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit
-fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete
-nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund
-von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr
-zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie
-fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht
-recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit
-etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem
-Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.
-
-Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht
-begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten
-nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht
-herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der
-Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und
-erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:
-
-Kennst Du Deinen Bräutigam genau?
-
-Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß
-er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze
-Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat
-Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe
-aus- und eingehen, geachtet und geliebt.
-
-Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und
-Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein
-rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr
-fürchtet, als die Menschen?
-
-Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine
-Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's
-Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.
-
-Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres
-Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es
-nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war
-gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern
-mögen.
-
-Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die
-Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten
-Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche
-Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein
-Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an
-der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am
-Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was
-sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen
-Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr
-vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer
-umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören
-müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als
-das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes
-Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden
-noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die
-Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen
-abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt
-und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme
-zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern
-noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch
-nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie
-ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen
-und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem
-Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches,
-um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther
-abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen,
-aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an
-das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, --
-und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet
-er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende
-hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast
-mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft
-er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es
-nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als
-er, die sollten sich nur um sie bekümmern. -- Die Kranke kann vor Weinen
-nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da
-kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und
-legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die
-Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht
-so harte Worte von Ihnen hören. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat
-Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache
-und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.
-
-Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie
-nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die
-Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden
-Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier
-brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß
-vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte
-einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der
-besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. -- So gingen ihre
-Gedanken anfänglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde
-geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze
-Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich
-seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch
-deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von
-allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die
-eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und
-so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu
-lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme
-so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen,
-die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das
-einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade
-ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die
-Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst
-Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von
-dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so
-fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt
-werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so
-schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so
-strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten
-sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger
-werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften
-zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem
-bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig,
-forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien
-sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste
-Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die
-absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu
-machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern
-sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken
-erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein
-kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei
-liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu
-ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich
-durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die
-Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine
-vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir
-jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar
-zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet
-und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die
-Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach
-dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je
-wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine
-Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend,
-so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine
-Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie
-noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels
-gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade
-gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen
-möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein
-ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen,
-außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen.
-Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren
-Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther
-von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr
-schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre
-Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde
-sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein
-Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klärchen
-machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr
-gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht
-beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach
-den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir
-sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben
-plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden,
-und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit
-sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen,
-ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther
-heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen
-dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich
-vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden
-Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über
-den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese
-Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher
-Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein
-herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens
-eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie
-gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht
-ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch
-nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und
-Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter
-doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den
-Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die
-Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen,
-wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn
-zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in
-seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, --
-doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und
-die Tante um Verzeihung bitten.
-
- * * * * *
-
-Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa
-Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun
-bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie
-Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren
-und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem
-Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine
-Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair
-mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen
-Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der
-Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren
-eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft
-ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er
-sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme
-Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das
-ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete
-sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück
-nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen
-standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und
-sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre
-Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen
-und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:
-
-Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde,
-Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging
-Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind
-in den Hafen!
-
-Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem
-Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu
-bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter
-Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau
-Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte
-der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie
-Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem
-Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten
-auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann.
-Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie
-sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte
-gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute
-sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in
-solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer
-lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann
-schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht
-bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten
-auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der
-Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen
-Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf
-die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht
-leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war
-mit dem Mann und der Mutter allein.
-
-Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen
-konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu
-Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und
-Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten
-Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich
-erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster
-und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein
-lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr
-lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das
-anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer,
-ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer
-Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen.
-Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die
-Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere
-Wohnung träumen können, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war
-ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der
-ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus
-ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens
-zu zerstreuen.
-
-Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er
-etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte
-er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte,
-im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn
-schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.
-
- * * * * *
-
-Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten
-Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber
-herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der
-Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch
-allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel-
-und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen,
-auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und
-Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer
-Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen
-seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war
-seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu
-bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.
-
-Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen
-Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch
-einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann
-neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz
-konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch
-nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir
-nicht.
-
-Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen,
-und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen.
-Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen
-Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen
-werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel
-bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie
-führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues,
-starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte
-er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo
-Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute
-er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der
-Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß
-die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket.
-Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen
-mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz
-Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt
-schon längst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte.
-
-Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft
-geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so
-gern möchte.
-
-Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches
-Glückes.
-
-Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm
-in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den
-Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das
-Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine
-Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem
-Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze
-mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr
-segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem
-Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -- ja
-da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten
-sie ein und Benjamin ebenfalls:
-
-   Ich will ihn loben bis in Tod!
- Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
- Will ich lobsingen meinem Gott;
- Der Leib und Seel' gegeben hat,
- Werde gepriesen früh und spat.
- Halleluja, Halleluja.
-
-   Selig, ja selig ist der zu nennen,
- Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
- Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen
- Und hofft getrost auf Jesum Christ.
- Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
- Am besten findet Rath und That.
- Halleluja, Halleluja.
-
-Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit
-zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen
-weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien,
-ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und
-eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam
-flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit
-fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit.
-Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um
-den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und
-Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.
-
- * * * * *
-
-Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther
-suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in
-Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar
-nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die
-übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken
-und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit
-Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger
-nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem
-Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken
-und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen,
-meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie
-zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später,
-sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen,
-jetzt könnten sie sich behelfen.
-
-Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam,
-wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther
-sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm
-die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen.
-Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich
-beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen
-fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.
-
-Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen
-Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen,
-den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch
-ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im
-Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals
-das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.
-
-Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.
-
-In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.
-
-Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie
-sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden
-Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fünf tausend Thaler,
--- das soll gehen, -- das muß gehen. -- Klärchen schloß schnell die Thür
-hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!
-
-Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter
-Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte
-wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen
-fragte, wer da sei.
-
-Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn
-Eduard sprechen.
-
-Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte
-mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu
-glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um,
-setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand
-auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung
-aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte
-sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und
-verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu
-führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß
-und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich
-raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klärchen stand erschrocken,
-aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben
-können. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich
-gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und
-schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie
-laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und
-streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen
-Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und
-entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen
-Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch.
-Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann
-links um kehrt! -- Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt;
-er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer
-unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.
-
-Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht
-zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm
-allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost.
-Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.
-
-Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete,
-regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher.
-Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine
-Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und
-Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer
-überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen
-Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße
-Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich
-werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm.
-Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu
-reden.
-
-Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?
-
-Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist?
-fragte sie mit zitternder Stimme.
-
-Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn
-der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu
-behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie
-es einer ordentlichen Frau zukommt.
-
-Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von
-Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß
-die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur
-heimlich fortgebracht habe?
-
-Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du
-hättest nur hier so fortfahren sollen.
-
-Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu.
-Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war
-das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte
-sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu
-Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels
-abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen.
-Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer
-Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.
-
-Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich
-fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast
-nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu
-werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht
-Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht
-einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu
-sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel
-saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch
-leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.
-
-Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens
-leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch
-prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn
-nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern
-Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen.
-Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen
-hübschen Sachen bedacht, -- so gab es nur fröhliche Gesichter.
-
-Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu
-zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung
-sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu
-zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen
-ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie
-mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war
-ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der
-letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu
-denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante
-Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war
-sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.
-
-Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen,
-daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr
-besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine
-entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als
-viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm'
-ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß
-Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu
-lesen und zu singen:
-
-   Es ist der Herre Christ unser Gott,
- Der will euch führ'n aus aller Noth,
- Er will eu'r Heiland selber sein,
- Von allen Sünden machen rein.
-
-   Er bringt euch alle Seligkeit,
- Die Gott der Vater hat bereit't,
- Daß ihr mit uns im Himmelreich
- Sollt mit uns leben ewiglich.
-
-Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte
-Klärchen. -- O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller
-und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in
-mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe
-keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen
-haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht
-kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder
-von ihren Gedanken ab.
-
-»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich
-darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete
-er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von
-seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,
-daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. -- »Wie groß und
-unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so
-bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht,
--- unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen,
-daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der
-Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt
-uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die
-Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie
-müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du
-kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen,
-stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst
-mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu
-nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein
-sein auf ewig!« --
-
-Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie
-nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt
-weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und
-aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestürmten heut auch heiße
-Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen
-erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht.
-Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet
-flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.
-
-Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie
-schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und
-demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den
-Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und
-Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im
-Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim
-Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es
-erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen
-in die Augen und sie eilte hinweg.
-
- * * * * *
-
-Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen,
-Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens
-vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt
-und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und
-gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.
-
-Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz
-besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu
-Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester
-sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl
-in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu
-holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf
-den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig
-ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn
-ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein
-Vergnügen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar
-Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht,
-wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen
-und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum
-kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein
-erfreuen, ist wohl erlaubt.
-
-Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte
-sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen.
-Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des
-Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie
-weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle
-Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Günther
-stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.
-
-Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch
-Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das
-neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.
-
-Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und
-gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich
-schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu
-edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger
-Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen
-gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die
-Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben,
-konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch
-war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang
-am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe
-ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt,
-daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und
-Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.
-
-Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem
-Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die
-Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich
-ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen
-Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte,
-demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und
-wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und
-so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der
-zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder
-mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz
-Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre
-Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene
-Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes
-in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen
-könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste
-Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt
-noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben
-sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so,
-sie mußte sehen, wie es abliefe.
-
-Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin,
-sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des
-Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das
-einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr
-Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben.
-Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand,
-öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen
-Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft
-ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte
-Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden.
-Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr,
-um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen
-Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie
-hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war
-abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum
-redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn
-und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte
-Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine
-Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen
-war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben,
-und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild
-hergehen würde, war vorauszusehen.
-
-Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward
-angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und
-die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein
-bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und
-das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes.
-Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der
-Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los.
-Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut
-über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich
-aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt
-aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter;
-blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die
-Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und
-er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube
-auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, -- dahin
-gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend
-das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu
-entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit
-Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben.
-Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von
-dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie
-wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und
-so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu
-legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig
-sein.
-
-Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter
-aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für
-Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine
-Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er
-nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu
-schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie
-nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine
-Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht
-lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche
-Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war
-grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen.
-Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte
-brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von
-ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen
-konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr
-Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte
-sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche
-aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es
-verboten, sich dabei beruhigt.
-
-Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei
-ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen,
-selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem
-Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück
-war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie
-wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders
-als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine
-Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter
-behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du
-kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu
-rühren. -- Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen,
-ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben
-führen. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne
-das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich
-schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind!
-seufzte Klärchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin
-sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können,
-wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte
-darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil
-sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er
-oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich
-gefallen lassen.
-
-In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald
-nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare
-Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der
-Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn
-und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom
-ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von
-seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte
-der Zukunft. -- Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie
-sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den
-Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche
-gewesen.
-
-Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft
-lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen.
-Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur
-zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten
-führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und
-ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders,
-als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes
-gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen
-getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den
-wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.
-
-Eines Sonnabends Abends --, es war Anfangs Mai --, da saß Klärchen am
-offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem
-fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien
-von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn,
-Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward
-bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte
-sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm
-Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das
-Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie
-unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch
-spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne
-Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und
-wanderte zum Thore hinaus.
-
-Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den
-sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der
-Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl,
-wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden
-Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen
-jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! -- Sie trat
-in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem
-Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den
-blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und
-sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug
-eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des
-lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er
-doch auch _dein_ lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen,
-trat aber erschrocken zurück, -- in einer Fliederlaube saßen Fritz und
-Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen
-geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß
-blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut
-aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag
-war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen
-Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein,
-aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen
-sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit
-geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen
-und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich
-es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich
-weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt
-denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir
-doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich
-einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und
-feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die
-Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben
-sollte --, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen --, sie wollte doch
-gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.
-
-Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein.
-Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm
-die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und
-knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht
-und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet.
-Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist
-sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich
-auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben
-ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber
-wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen?
--- Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie
-fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein
-ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie
-Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen
-konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte
-ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich
-geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm
-anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht,
-die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen
-hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;
-_der_ ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine
-unüberwindliche Scheu.
-
-Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor
-sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen.
-Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal
-veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken.
-Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann!
-Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen,
-aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens
-Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich,
-mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in
-die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung
-aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und
-brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet
-vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen,
-theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz,
-und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war
-es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse.
-Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.
-
-Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen
-könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine
-Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe
-ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich
-sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch
-seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit
-trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen
-Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.
-
-Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr
-erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar
-schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und
-zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude
-an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind
-hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war
-aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten
-seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja,
-in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der
-Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an,
-daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl
-ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen.
-Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten
-Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren
-Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie
-Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in
-der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum
-hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter
-stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun
-haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.
-
-Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag
-süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der
-Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen
-geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem
-geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch
-davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört,
-und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen
-geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft
-in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser,
-es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie
-war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt,
--- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war
-dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen
-zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des
-Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren
-Dingen.
-
-Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern
-aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen
-entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.
-
-Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden
-Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den
-Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.
-
-Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen.
-Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und
-sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.
-
-Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen,
-und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn
-wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein
-Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt,
-falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen
-sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd
-neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die
-Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther
-vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe.
-Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des
-Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt,
-laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für
-Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:
-
-Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest,
-bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein
-Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt.
-Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig
-machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der
-Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich
-aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach
-Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht
-leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen
-Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben
-und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. -- Du
-kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.
-
-Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief
-nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm
-entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu
-dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde
-verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen
-ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er
-etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und
-die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte
-nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen
-Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst
-einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.
-
- * * * * *
-
-Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre
-ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und
-Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage
-war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die
-Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr
-Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen
-gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte,
-wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte
-den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen
-hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am
-Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden
-Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen,
-dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth;
-was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht
-und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die
-ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben.
-Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen,
-hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und
-daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die
-Stephani-Kirche! -- dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts
-geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die
-Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott.
-Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging
-jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein
-langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam,
-als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte.
-Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß
-rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den
-Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne
-Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz
-an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der
-Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor
-das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den
-Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in
-den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie
-vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem
-Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte
-gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante
-Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn
-es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und
-trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze
-Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr
-ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt:
-Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und
-Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege
-schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse
-ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost
-sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine
-Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen
-Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue
-Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie
-sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten
-gebräche.
-
-Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den
-letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht
-verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges
-Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn
-Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte,
-sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette
-saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer
-Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr
-Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig;
-Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte
-ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und
-fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie
-kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.
-
-Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft
-eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute
-Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und
-Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre
-Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch
-der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht
-nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und
-Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf
-Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein
-gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß
-sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß
-alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den
-er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die
-Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie
-die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit
-Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung
-vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja,
-der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie
-Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen
-Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie
-nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen
-und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz
-gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten.
-Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte:
-Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie
-kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.
-
-Bald darauf, -- Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- öffnete
-sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den
-letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde,
-als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er
-aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend.
-Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz
-über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und
-weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat
-schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er
-auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich
-dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres
-Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung
-kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte
-ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der
-Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen
-sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die
-Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die
-Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens
-Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich
-zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte.
-Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle
-und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen
-Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie
-der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus
-dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit
-hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige
-fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem
-gefährlichen Zustande.
-
-Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war
-voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher
-Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden
-nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des
-treuen Herrn.
-
-Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war
-ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin.
-Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und
-Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um
-Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog
-sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund
-gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth.
-Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten
-Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an
-demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort
-im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und
-wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre
-Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die
-Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten
-der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!
-
-Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte
-oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient
-und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen
-hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so
-theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie
-vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.
-
-Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin
-Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem
-Unglück gehört, und bedaure Sie.
-
-Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen
-schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die
-Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich
-bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders
-werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme
-zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen,
-vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu
-schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. -- -- Klärchen konnte nicht
-weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser
-unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie
-die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung
-versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren
-Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern
-wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft
-zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als
-eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der
-Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme
-und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu
-schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei
-der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit
-verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre
-Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.
-
-Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen
-schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr
-wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu
-suchen, und führte sie noch schwere Wege.
-
-Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm,
-und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie
-andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie
-nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände
-und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das
-könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen
-Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.
-
-Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten
-nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie
-schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke
-und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten,
-und der liebe Gott wird das segnen.
-
-Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter
-überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu
-Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre
-hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer,
-sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie
-nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich
-darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war
-aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig
-hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die
-Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege
-ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung
-von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem
-Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte
-den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich
-in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können,
-wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr
-wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um
-willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.
-
-Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen
-und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der
-sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein
-in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken
-fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie
-durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie
-fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie
-sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater,
-halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an
-Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie
-sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da
-schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß
-an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach,
-sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz
-konnte sich beugen.
-
-Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu
-zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen
-sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging
-deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn
-wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten
-sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen
-mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen.
-Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte
-noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden
-Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante
-Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in
-diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu,
-weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward
-denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um
-Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war
-sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie,
-länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt
-fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der
-Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für
-die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden
-mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge
-zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor,
-und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren
-Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich
-eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler
-dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den
-Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch
-war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter
-ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und
-konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr
-warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen,
-um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch
-einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau
-eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee
-und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte
-nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind
-durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen
-wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm
-hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas
-unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen
-Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber
-dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag.
-Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu
-Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an
-einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu
-groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie
-selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt
-hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug
-all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.
-
-Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat
-sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb
-mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt.
-Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für
-Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte,
-verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist
-in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie
-vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das
-Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater
-Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der
-sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in
-Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen
-als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat.
-Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch
-flogen ihre Glieder vor Frost.
-
-Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.
-
-Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klärchens
-Stimme.
-
-Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du
-denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten
-Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken,
-warum denn keinen wollenen Rock?
-
-Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie,
-und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen
-nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für
-Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:
-
-O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.
-
-Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche
-aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens
-Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die
-Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte
-Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die
-Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah
-ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein
-Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein
-Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege
-hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.
-
-Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, --
-denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von
-den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken
-zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die
-warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles geändert!
-Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines
-treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch
-die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte
-das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem
-Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären
-möge, daß er sie _einen_ Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben
-ewig selig vereinigt halte.
-
-Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der
-Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt
-schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr
-einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott
-nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll,
-und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter
-ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche
-war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht
-gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich
-und äußerlich welkte sie dahin.
-
-Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf,
-sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm,
-schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe.
-Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an
-Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam
-zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine
-verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles,
-was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie
-im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand
-der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des
-Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das
-Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes.
-Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das
-Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie
-wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen,
-vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins
-war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen
-im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen
-Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es
-aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte
-Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte
-Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward
-es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße,
-als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.
-
-Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.
-
-Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt
-ewiglich, -- sagte die Tante bewegt.
-
-Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes
-Lippen.
-
-Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide
-kinderlos, -- Thränen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist
-hinübergegangen.
-
-Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn
-im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.
-
-Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich,
-die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten
-sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr
-Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es
-dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr
-half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte
-sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der
-Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.
-
-Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres
-Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.
-
- * * * * *
-
-Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum
-Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte
-sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch
-äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre
-Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den
-Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden,
-seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter,
-ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie
-mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen
-sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte,
-da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott,
-sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.
-
- * * * * *
-
-Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen
-Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und
-fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz,
-obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit
-hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter
-schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine
-Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand
-zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des
-Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und
-Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in
-seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet
-eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.
-
-Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt
-und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen
-durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal
-erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.
-
-Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht
-allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter.
-Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben
-blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja,
-seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte
-mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der
-Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie:
-Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt,
-lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er
-Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm
-auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner
-hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz
-nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe
-schauen.
-
-Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur
-dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu
-und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres
-Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes
-Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur
-Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und
-singt mit schöner Stimme:
-
-   Lobe den Herrn, o meine Seele,
- Ich will ihn loben bis in Tod!
- Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
- Will ich lobsingen meinem Gott;
- Der Leib und Seel gegeben hat,
- Werde gepriesen früh und spat.
- Halleluja, Halleluja.
-
-   Selig, ja selig ist der zu nennen,
- Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
- Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen
- Und hofft getrost auf Jesum Christ.
- Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
- Am besten findet Rath und That.
- Halleluja, Hallelujah.
-
-
-Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle.
-
-
-
-
-Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
-zu erhalten:
-
-
- #Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Büchern.
- _Zweite Auflage._ Neun Bände. 8. 11 Thlr.
-
-Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's
-großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen
-Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch
-nöthiggewordene _zweite unveränderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen
-zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen
-Genuß noch nicht verschafften.
-
-
-Levin Schücking's neueste Romane.
-
-Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
-zu erhalten:
-
- #Der Bauernfürst.# Zwei Bände. 8. 4 Thlr.
-
- #Die Königin der Nacht.# Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.
-
-Die beiden neuesten Romane _Levin Schücking's_, eines unserer beliebtesten
-Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes«
-(1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß
-am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.
-
-
-Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle
-Buchhandlungen zu beziehen:
-
- #Italienischer Novellenschatz.# Ausgewählt und übersetzt von
- #A. Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr.
-
-Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem
-rühmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tübingen übersetzt, als
-eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen
-Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in
-Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten
-Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge
-zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen
-Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen
-Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem
-Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten«
-Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt:
-
- #Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen
- übersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile.
- 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.
-
-
-Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
-
-
-
-Bei #Richard Mühlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden
-Buchhandlungen zu haben:
-
- #Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_,
- Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der
- Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 ~Sgr.~
-
-Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, wie
-sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche Zucht und
-Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen,
-aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und
-von Romanlectüre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schöne
-und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefühl sich doch die
-bloße Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten
-Spekulationen verbergen, daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im
-ersten Windstoße abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer
-Blöße dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe
-der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein ganzes
-Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen
-Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefühlen nur bis zum
-gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfängt
-aber ihren Lohn dadurch, daß sie »ihr Glück macht« durch eine »gar nicht
-üble Partie«, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes
-befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und
-widerstrebendes Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis
-sie zu einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht
-daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin,
-eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen
-Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefällige
-Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der
-Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung auch das Interesse von
-Leserkreisen aller Stände zu fesseln. Vorzüglich aber wäre es zu wünschen,
-daß Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht
-zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie
-als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu
-verbreiten. --
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Symbole für abweichende Schriftarten:
-
-  _gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert",
-"heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 9:
- "deinen" geändert in "Deinen"
- (Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten)
-
- Seite 17:
- "bemerke" geändert in "bemerkte"
- (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen)
-
- Seite 24:
- "Ihr" geändert in "ihr"
- (den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz)
-
- Seite 34:
- "Louisdo'r" geändert in "Louisd'or"
- (vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb)
-
- Seite 39:
- "." eingefügt
- (Er begann mit dem 90. Psalm)
-
- Seite 49:
- "ihn" geändert in "ihr"
- (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)
-
- Seite 68:
- "ihren" geändert in "Ihren"
- (der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen)
-
- Seite 85:
- "gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt"
- (ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt)
-
- Seite 98:
- In Zeile 6 "," geändert in "."
- (Halleluja, Halleluja.)
-
- Seite 119:
- "hinzugegehen" geändert in "hinzugehen"
- (geradezu hinzugehen war ihr unmöglich)
-
- Seite 131:
- "," eingefügt
- (Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Die Kammerjungfer
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-The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Kammerjungfer
- Eine Stadtgeschichte
-
-Author: Marie Nathusius
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
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-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>Die Kammerjungfer.</h1>
-
-<hr />
-
-<p class="ce fsxl"><b>Eine Stadtgeschichte</b></p>
-
-<p class="ce mt2">von</p>
-
-<p class="ce mt2 fsl"><b>Maria Nathusius,</b></p>
-
-<p class="ce mt2 fss">Verfasserin der Dorfgeschichten: <span class="ge">Martha die Stiefmutter,<br />
-Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel</span><br />u. s. w.</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce"><span class="fsl ge"><b>Halle,</b></span><br />
-Verlag von Richard Mühlmann.<br />
-1851.</p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt6"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen
-zu ihrer Mutter. Eine Schneiderin führt ein
-trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig
-hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen
-kriegt man zu sehen, sitzen muß man vom Morgen
-bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte Jungfer
-werden ist das Ende vom Liede.</p>
-
-<p>Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre
-Mutter. Weißt Du noch, was Du sagtest vorigen
-Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du
-solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei
-gesprochen und die Nase gerümpft, und ich war's
-auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und Schande,
-wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe
-und Pflege. Aber ich sage: Du weißt nicht was du
-willst. Kannst Du's besser haben, wie Du's jetzt hast?
-Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst,
-und brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren
-zu lassen. Ach, wenn ich an <em class="ge">meine</em> Jugend denke!</p>
-
-<p>Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen
-schnippisch in das Wort; so dumm wie Du werde
-ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur festhalten
-sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll,
-wie Deine Schönheit Dein Unglück gewesen;
-da hätte sie nur aufrichtig sagen sollen: Dein Ungeschick.
-Ich sage Dir aber, <em class="ge">meine</em> Schönheit soll
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-glücklicher sein. &ndash; Hierbei lachte sie, hüpfte an den
-Spiegel und ordnete noch einmal zum Ueberfluß ihren
-Sonntagsstaat.</p>
-
-<p>So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete
-die Mutter, und das Unglück ist doch über
-mich gekommen, ich weiß nicht wie.</p>
-
-<p>Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die
-Rede: Du weißt nicht wie. Gerade das nicht Wissen
-das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und
-nun um alles in der Welt, höre auf zu jammern.
-Heute ist Sonntag. Ursach dazu hast Du nicht, und
-ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir
-steht die ganze Welt offen, und die Welt ist schön,
-wunderschön! Ich vermiethe mich, oder ich vermiethe
-mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe ich
-zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld
-im Ueberfluß.</p>
-
-<p>Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem
-Ton.</p>
-
-<p>Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat
-das Geld im Kasten liegen. Es ist schändlich genug,
-daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen, damit
-ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf.
-Ich muß für meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird
-gespart; wenn man das Geld in großen Partieen einnimmt,
-kann man's besser festhalten, die einzelnen Viergroschenstücke
-trudeln unter den Händen fort. Tante
-Rieke, die die christliche Barmherzigkeit immerfort im
-Munde führt, mag sich auch mal mit den Händen regen.
-Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist,
-ist sie die Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-schmeichelnd hinzu), Du hast nur den Vortheil davon,
-wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch
-für Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage
-nur hübsch, und rühre ihr Herz; aber gegen mich
-höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine
-Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. &ndash; Bei
-diesen Worten zog sie eine schwarze seidene Mantille
-aus einer Schublade, und einige Geldstücke klapperten
-daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück
-in den Schooß und rief lachend: Hier, kaufe Dir
-Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke Kleist's Dortchen,
-dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten.
-Du verstehst mich doch?</p>
-
-<p>Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache
-Mutter. Ihr Töchterchen hatte sie völlig beruhigt.
-Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; und
-auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz
-richtig, diese mußte mehr geben, wenn Klärchen den
-Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es auch, sie
-war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter;
-und wenn Klärchen dann im Stillen doch noch
-mit sorgte, wie es sich für eine gute Tochter geziemt,
-so stand die Mutter sich bei weitem besser.</p>
-
-<p>Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers.
-Sie war in ihrer Jugend schön und leichtsinnig
-gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den
-Mann geheirathet, der schon damals innerlich und
-äußerlich ziemlich verkommen war. Es ward aber von
-Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, nachdem
-er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem
-Jammer und in Noth erhalten hatte. Zum Glück
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück hatte
-sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine
-Stütze war. Noth und Jammer aber hatten keinen
-Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war leichtsinnig
-geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig,
-und wenn sie auch reichlich Thränen über sich und
-ihre Schicksale vergießen konnte, die Thränen kamen
-nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee
-und einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen.
-Klärchen war das Ebenbild der Mutter, nur
-daß sie noch schöner und zugleich schlauer war, und
-so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.</p>
-
-<p>Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr
-wohlhabende Wittwe des seligen Seifensiedermeisters
-Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester.
-Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau.
-Sie hatte vergeblich ihren Einfluß auf Mutter
-und Tochter zu üben gesucht; sie erlangte nur das
-eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel
-als möglich von der besten Seite zeigten; und das
-war freilich schlimmer, als wenn sie sich in ihrer wahren
-Gestalt gezeigt hätten.</p>
-
-<p>Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte
-Zwiegespräch gehabt, rüstete sie sich singend zu
-ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille
-ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert,
-in die Tasche gesteckt. Darauf suchte sie aus einem
-Wust anderer Sachen ein gesticktes baumwollenes
-Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn
-ein langes Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-griff nach einem zweiten, da waren einige Risse in
-der Mitte.</p>
-
-<p>Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar
-nichts! sagte sie ärgerlich.</p>
-
-<p>Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen
-zu! tröstete die Mutter, fädelte eine Nadel ein und
-zog mit langen Stichen die Risse zu. Während dessen
-suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh
-das leidlichste Paar heraus.</p>
-
-<p>Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh
-bleiben! klagte Klärchen wieder. Linke habe ich
-wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm
-genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen
-aus wie die Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen
-hinzu: ich hole ein Paar neue. Sechs Groschen
-mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen
-Musselin-Kleide gehören reine Handschuh.</p>
-
-<p>Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest
-lieber waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen.
-Denke mal an, die hat ihre Confirmationshandschuh
-noch.</p>
-
-<p>Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel
-muß ich meinen Freundinnen erzählen, es sieht aber
-akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und
-höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld
-werden die Handschuh angezogen, aber eine Hand hat
-Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär. Nun
-gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo
-er bleibe, sagt Göthe. Auch sind die Gaben der
-Menschen verschieden. &ndash; Bei diesen Worten hatte sie
-die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Taschentuch geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt,
-und wollte nun mit einem leichten Adieu zur
-Thür hinaus.</p>
-
-<p>Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt
-Dein Hemd an der Schulter zum Vorschein und gerade
-ein rechter Ratsch darin.</p>
-
-<p>Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen
-gleichgültig, und nachdem das geschehen, ging sie fort.</p>
-
-<p>Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich,
-weil sie immer mit der Nadel für Andere beschäftigt,
-nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden. Klärchen war
-es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu
-als unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter,
-und als über ihren Stand hinaus verwöhnte und
-verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen
-weit sein mußten und wo möglich den Staub auf
-der Straße kehren, war ihr von höchster Wichtigkeit;
-auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen,
-Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit
-Frisuren. Ob ihr Hemd zerrissen, war ihr gleichgültig,
-ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah ja
-Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der
-Hacken im Strumpf, oder die Sohle am Schuh, aber
-auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es wurde
-geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier
-von Nutzen. Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich
-erst einen derben Strauß gehabt; denn war Gretchen
-auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und
-derb und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock
-mit den breiten Frisuren, und sagte, das wäre ganz
-verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine
-ordentliche Toilette &ndash; bei diesem Worte hob Gretchen
-etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe und zeigte
-wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen
-fuhr nach einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich
-fort: daß zu einer ordentlichen Toilette solch ein Rock
-nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit zu
-erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt
-das für schlanke Leute; für Biertonnen ist's nun mal
-nicht nöthig. Gretchen wußte darauf keine verblümte
-Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich
-was mit Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und
-flicke und stopfe wo's Noth thut, und verthu' Dein
-Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst
-Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir,
-Du wirst es noch mal bitterlich bereuen, daß Du so
-eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit der
-Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein
-X für ein U machen; und Du denkst, da ist Dein
-Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo anders. &ndash;
-Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck,
-gewiß wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande
-kommen, denn von dem sprach sie, als ob die Sache
-ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt
-so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte
-keine Romane, wußte nichts von Eugen Sue, von der
-George Sand und von keinem Musen- und Liebes-Almanach,
-kannte nur nothdürftig die Classiker ihres
-Vaterlandes dem Namen nach, und auch darüber
-spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen nur
-in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern,
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-die ihnen vom Pastor an der Stephans-Kirche
-zugestellt wurden. Der Pastor an derselben war nämlich
-ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom
-Heiland und machte den Leuten Himmel und Hölle
-heiß. Klärchen aber, als sie merkte, wo hinaus ihre
-Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab
-gütlich nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso
-wenig als mit Tante Rieke verderben, und beide hingen
-aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte hochmüthig:
-Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt
-sich nicht für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes
-Mädchen; sie mag sich drum gern ihre Hemden
-selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne
-Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie
-macht auch keine Ansprüche für die Zukunft und gehört
-so recht in den Handwerkerstand hinein. Dagegen
-Klärchen? Sie seufzt, &ndash; ihr Herz schlägt gewaltig,
-&ndash; was wird aus ihr wohl werden? jedenfalls
-etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft: lachende
-Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne!
-Jetzt zog sie zur Frau Generalin: Da kam sie in feine
-Kreise, vornehme Personen gehen aus und ein, es ist
-so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren,
-daß sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß,
-es wird, sie hat eine selige Ahnung davon in ihrem
-Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist
-ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl
-und ein Sammethut &ndash; dann aber kann es ihr ganz gewiß
-nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren Begebenheiten!
-Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen
-geht, sollte sich mit stopfen und flicken abgeben?
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-ein jeder begreift die Richtigkeit, nur das hausbackene
-Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken,
-sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen
-Herrn und Heiland, und sagt, sie könne keine Stunde
-ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat den
-Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt
-nicht, wozu sie ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke
-sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde erlösen,
-und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in
-Unverstand und wie sie weiter sagt; aber das konnte
-Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts von Sünde, von
-Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine
-Christin wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war,
-gelernt, aber wozu, das sah sie noch nicht ein, es hatte
-sich noch keine Gelegenheit gefunden, um Gebrauch davon
-zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten
-zu reden, von den zehn Geboten, wozu war
-das siebente für sie da: »Du sollst nicht stehlen?«
-Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht
-andere Götter haben neben mir?« Sie war doch keine
-Heidin, die an Jupiter und Mars glaubte. Oder:
-»Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that
-mehr als ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen
-quälte sie sich, um ihre Mutter zu ernähren. Nein, sie
-hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum
-war Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser.
-An den lieben Gott glaubte sie wohl, sie verließ
-sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr Schicksal
-leiten und lenken könne, &ndash; das verlangte sie gar nicht,
-sie wollte das allein thun; sie war schön und jung
-und klug und gebildet, ihr Glück verstand sich von
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie. Vor
-nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer
-Straße, ein großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie
-ließ sich aber schnell impfen und meinte nun wieder
-ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera
-kam und in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte,
-da ging das Bangen wieder an. So gut wie die
-sterben, kannst Du auch sterben, &ndash; das sah sie ein,
-und sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird
-dann aus ihr? ja was? Tante Rieke unterließ es
-nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der
-Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte
-solche Worte nicht gern, sie ward bänger und bänger,
-und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. Sie
-konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen
-so ruhig waren und vom Tode redeten als von gar
-nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des Nachts aufwachte
-und so allein mit ihren Gedanken war, da
-befiel sie oft eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob
-du wohl sterben mußt? dachte sie. Und was dann?
-Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben
-wieder rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod
-und Gericht, und wenn die Tante jetzt von solchen
-Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren nicht,
-sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken
-gingen mit ihren tollsten Fantasien durch.</p>
-
-<p>Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen,
-ging sie einige Häuser weiter um eine Freundin abzuholen.
-Sie klopfte an ein niedriges Fenster parterre. Der Briefträger
-Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung dazu.
-Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Nun Ihr Jüngferchens &ndash; wieder schwitisiren?
-sagte er spaßend.</p>
-
-<p>Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete
-Klärchen lustig.</p>
-
-<p>Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte
-auch, ich wäre noch jung.</p>
-
-<p>Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren,
-sagte Klärchen schmeichelnd.</p>
-
-<p>Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich
-denn meine Alte ansehe, wird mir schwarz vor den
-Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die
-ihm gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß.</p>
-
-<p>Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete
-diese bitter und holte dann schwerfällig Athem.</p>
-
-<p>Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen,
-fügte Vogler wieder scherzend hinzu.</p>
-
-<p>Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen;
-wie kann ein Mann die Frau so roh behandeln! So
-aber hat es der Vater mit der Mutter auch gemacht.
-Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme
-mir einen vornehmen Mann, &ndash; und nun hinaus in
-den lachenden Kaffeegarten!</p>
-
-<p>Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig
-gemacht und ging nun etwas schwerfällig neben der
-leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder schön,
-noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht
-ihres Vaters, grobe Manieren und sprach dabei
-unglaublich albern. Aber das war gerade eine Freundin
-für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam,
-durchschaute nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-mit der Nebenrolle, und hatte dabei immer als verzogenes
-Kind ihres Vaters die Börse voll Geld.</p>
-
-<p>Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen
-auf der Chaussee entlang dem Orte ihres Vergnügens
-zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der
-Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die
-Leute waren ihr noch nicht die rechten, es waren meistens
-Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens ein Handlungsdiener;
-sie gedachte höher hinaus. Bald kam
-ihnen eine Reihe Studenten entgegen, mitten darunter
-eine orangegelbe Mütze. Das war der rechte; sie nahm
-ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß
-mit vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die
-Entdeckung, daß die Studenten umgekehrt waren und
-ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht,
-daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der
-Freundin den Triumph; sie war zufrieden, an der augenblicklichen
-Lust theilnehmen zu können; feine Pläne
-für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten
-kam ihnen wieder ein junger Mann entgegen, der sie
-grüßte, aber sehr bescheidentlich mit nur halb hingewandten
-Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen.</p>
-
-<p>Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern
-aus der Fremde zurück, den mußt Du doch
-kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.</p>
-
-<p>Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen
-rothen Händen, lachte Klärchen, sonst ist's aber
-ein hübscher Mensch.</p>
-
-<p>Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten
-geht er auch, ich habe ihn selbst heute Morgen herauskommen
-sehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das
-paßt ja wie die Butter aufs Brod, der nimmt die
-Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten sie
-immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben
-untreu werden, und wenn er dann einen salbungsvollen
-Brief geschrieben, kam der alte Buchstein mit
-der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit
-Thränen und Seufzen genossen. Nun, ich gönne ihr
-den Burschen, obgleich er eigentlich zu hübsch für die
-Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben,
-denn Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein
-Glück, <span class="ss">nota bene</span> weil sie selber nicht schön ist.</p>
-
-<p>Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem
-Tisch fanden sie schon eine Bekannte, eine von
-den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser
-der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung
-bringen, &ndash; und sie setzten sich zu ihr. Die Studenten
-nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden
-beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen
-Blicke und Späße herüber zu senden. Doch der Orangegelbe
-blieb nicht dabei, er machte es sich bequemer
-und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über.
-Klärchen wunderte sich nicht darüber, sie hatte schon
-längst mit ihm auf der Straße koquettirt, sie wußte
-auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin,
-ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich
-die heimliche Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich
-zu vermiethen, gewesen. Er war ein Mediziner und
-dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute
-Wechsel, hielt sich einen großen Neufundländer Hund,
-ritt spaziren, oder fuhr auch seine Freunde in einem
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und
-überall zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel
-war. Seine Gestalt war groß und klobig, sein
-gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht herunter,
-das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck
-hatte. So wie seine Gestalt war auch sein
-Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den
-Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch
-gestützt, die blauen Dampfwolken aus seiner Cigarre
-blasend, machte er höchst unmanierliche Späße. Klärchen
-fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus
-angesehener Familie war (sein Vater war Präsident),
-fand sie es nur pikant, und hielt sich nicht für zu gut,
-ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und
-liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre
-Schönheit auf ihn Eindruck machte, und sie in seinen
-Augen höher stieg, denn er nahm die Ellenbogen von
-dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr
-zusammen. Für Klärchen war das ein neuer Triumph
-und die beiden Freundinnen bemerkten es mit Verwunderung.
-Die Putzmacherin kannte den Studenten
-längst, sie ging bei der Generalin aus und ein, und
-das war Gelegenheit genug, um eine Studenten-Bekanntschaft
-zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges
-Herz gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete
-jetzt die Gefährtin um diese bedeutende Eroberung,
-und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur
-eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen
-Laube saß Fritz Buchstein. Ja, unbegreiflicher
-Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den Kaffeegarten
-gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war?
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Sie erinnerte sich aus ihrer Jugend, daß, wenn sie
-mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, um Spielsachen
-zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst
-gemacht hatte und Grete oft darüber böse gewesen
-war. Also: damals hatte er sie bevorzugt, heute war
-er erstaunt über ihre Schönheit, &ndash; so kalkulirte sie,
-&ndash; und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit
-nicht ganz ungerührt von diesem Gedankengange
-blieb, so war ihr diesmal die Eroberung doch unangenehm.
-Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit
-werth, und ihr Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen
-Menschen herablassen; und dann fürchtete
-sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte
-den Spion spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen.
-Sie hatte sich so viel als möglich so gesetzt,
-daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte:
-aber wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal
-demselben bekümmerten und theilnehmenden Blicke,
-der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.</p>
-
-<p>Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte
-sich heftig nach der anderen Seite. Der Student und
-die Freundinnen sahen sie verwundert an, und sie erklärte
-die Ursache ihres Aergers.</p>
-
-<p>Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen
-ganz natürlich, einem hübschen Mädchen in das
-Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine
-breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den
-lästigen Blicken sicher war; und kurze Zeit darauf bemerkte
-Auguste, daß Fritz fortgegangen war. Jetzt
-fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward
-immer lebhafter. Die Tanzmusik lockte, Alle gingen
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-in den Saal, um in dem wilden Getümmel sich zu
-erhitzen und zu betäuben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in
-dem schönen Mädchen das kleine Klärchen Krauter wieder
-erkannt, und die schönsten und süßesten Jugenderinnerungen
-gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch
-dachte er mit inniger Bewegung daran, wie sie damals
-zu ihm in die Werkstatt kam, um irgend eine
-Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem
-achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn
-er dem zwölfjährigen Mädchen in die dunkelblauen Augen
-sah. Er wollte es sich selbst nicht gestehen, aber
-es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete
-ihn auf der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend-
-und Morgengebet: der Herr möchte dies Blümlein
-schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze
-der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen
-werde? das stand in Gottes Hand. Sein Herz war
-gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing
-nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch
-und fröhlich ging er durch die schöne Gottes-Welt, er
-sah Berge und Thäler und Flüsse und Fluren, manch
-große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen
-und Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke,
-und Alles nahm er mit Aufmerksamkeit in
-sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht
-getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses
-Gewissen, durch Armuth und Noth. Er hatte
-das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe
-seines Heilandes gehalten. Das bewahrte ihn vor
-manchem Elend und manchem Unheil des Wanderlebens.
-Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage
-und Raufereien waren, er suchte nie seine Freunde
-unter dergleichen Gesellen; so blieb er an Leib und
-Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn
-weil er ein braver Geselle war, fand er auch immer
-gute Meister. Und auch Freunde fand er, die mit
-ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn
-lieb hatten; selten verließ er eine Stadt, daß er nicht
-mit Wehmuth darauf zurück sah, weil er Freunde für
-sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und
-kam er zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner
-spotteten, ihn zu verführen suchten, so waren
-auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers
-und der Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe
-des Trösters, seine Liebe und Gnade fühlte. So
-ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer
-reicher, seine Hände immer geschickter. Und wie
-war es mit seinem Herzen? Das durfte sich auch zuweilen
-regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend
-auf der Höhe am Rand des Waldes saß, die
-Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft
-zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte
-weich in den Zweigen und in den Blumen rund um,
-am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der
-Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen
-Himmel: &ndash; da ward es ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll
-zu Sinne, und durch Abendgold und Duft und
-Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Augen des kleinen Mädchens aus der Heimath an.
-So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe am
-Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath
-so nahe, jetzt war aus dem Jüngling ein Mann
-geworden und er durfte an eine Gestaltung seiner Zukunft
-denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem
-Winter plagte ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem
-Handwerk nicht mehr vorstehen, es fehlte an allen
-Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen
-zur Rückkehr folgen. Er that es auch
-gern, er war nun 25&nbsp;Jahr alt, nach dem langen
-Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm
-zu Hause wohl behagen. Er sollte nun Meister werden
-und dem Haus, dem Acker und der Kundschaft
-allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine
-Hausfrau, und <em class="ge">der</em> Gedanke war es, der ihm besonders
-an das Herz ging. Und als er sich diese Hausfrau
-dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar
-und dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen
-verließ er den Thüringer Wald und wanderte einige
-Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es
-war spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß
-schwach und krank im Lehnstuhl, aber Dank- und Freudenthränen
-glänzten in seinen Augen, als der Sohn
-nach so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat,
-und Fritz mußte ihm am selbigen Abend noch das
-Buch Hiob und den 136.&nbsp;Psalm vorlesen.</p>
-
-<p>Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr
-gesprächig, und in seiner Gesprächigkeit konnte er es
-nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler liebsten
-Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-im Haus Frau Meisterin werden. Frau Bendler
-hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und mit Ausnahme
-einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin
-sein.</p>
-
-<p>Fritz ward es gar eng um das Herz als er
-das hörte, und hatte er schon vorher wenig Muth
-gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte
-er es jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber
-zur Frau Nachbarin gehen, aber er bat den Vater,
-gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht
-wisse, wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der
-Vater schmunzelte. Das sei nicht gefährlich, meinte
-er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten
-Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz
-ward immer schwerer; denn wenn Gretchen auch ein
-braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht dunkelblaue
-Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte
-ihn nicht auf seiner ganzen Wanderschaft begleitet.
-Als er am Sonntag Morgen aus der Kirche kam und
-unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung
-einer jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich
-anreden; er schlich sich von der Seite, er hatte
-dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend seine
-Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag
-aber trieb ihn seine Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens
-Fenster vorüber. Er konnte sie nicht entdecken,
-nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück
-schaute sie nicht auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken
-auf seiner Stirn lesen müssen. Er ging zum
-Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf
-der Chaussee entlang gegangen war, wieder um. Da
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. Es war ja
-noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen
-und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er
-grüßte sie und sein Herz schlug vor Glück, aber nur
-wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten
-hinter ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie
-den Mädchen nachfolgen. Es würde ihm nie eingefallen
-sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung
-und Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen
-schützen, er ahnete nicht, daß sie durch das Nachfolgen
-der Studenten mehr erfreut als geängstigt würden.
-Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen.
-Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der
-Mädchen leichtfertiges Spiel. Klärchen spielte die
-Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre verächtlichen
-und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen
-Gefühlen ging er nun nach Hause! Das Geschehene
-zerstörte zu hart seines Herzens Pläne. Die Freude
-an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und
-Hof war zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab
-wieder in die Hand genommen. In dieser
-Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen,
-nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging
-leise an dem Dienstmädchen, die feiernd in der Hausthür
-saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich in
-die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten,
-der nur durch ein Stacket getrennt, war leer.
-Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte er
-seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut
-ganz anders als gestern! Die verwilderten Rosen und
-Goldveiglein hatten ihn gestern so traulich und heimlich
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst
-Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen.
-Die düstere Weinlaube erschien ihm gar nicht
-düster, er dachte: bald wirst du nicht mehr allein
-hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und
-es lag ihm auch gar nichts daran, daß es anders sei.
-Er schaute durch die Weinranken hindurch zum blauen
-Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird
-ja wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz
-meinem jungen Herzen schwer, und nun bitte ich Dich
-doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom Uebel;
-wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du
-sie nicht. Aufgeben? ja das ist wohl schwer, und
-daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum
-Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen
-Herzen so schwer ward, mußte es ja dem Erlöser
-droben noch schwerer werden, eine geliebte Seele aufzugeben;
-und je tiefer er in den blauen Himmel schaute,
-je zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete
-sich in feuchten Augen auf. Da hörte er plötzlich
-eine Stimme im Nachbarsgarten singen; hell
-und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen
-die Töne, und ganz deutlich die Worte zu ihm
-herüber:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Will ich nicht, so muß ich weinen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ich mir es recht betracht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weil verlassen mich die Meinen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">G'nommen eine gute Nacht.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, wo ist mein Vater und Mutter?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, sie liegen schon im Grab.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Keinen Freund ich nirgends hab.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
- &nbsp;&nbsp;O, mein allerliebster Jesu,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schau mich armes Waislein an,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du bist ja mein liebster Vater,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sonst mir Niemand helfen kann.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weil mein' Eltern sein gestorben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Leben nicht auf dieser Welt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So hab ich Dich, liebster Jesu,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Für mein'n Vater auserwählt.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und
-sah drüben auf dem alten schrägen Birnbaum Gretchen
-sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte
-von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn
-Jahr, und Gretchen ein Kind sei. Damals war
-der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr
-alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit
-dem Strickzeug hinauf, und jedesmal wenn sie eine
-Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten Benjamin
-zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon
-fast dreißig Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen
-über der Werkstatt wohnte. Er war der Kinderfreund
-der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer
-Liebling. Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und
-jedesmal, wenn sie ihm die Tour zurief, machte er
-einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer
-zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn
-es so weit war, rief er: nun Gretchen mach Schicht!
-Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden ein
-Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte,
-da oben stricke und esse es sich besser. Benjamin
-legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus der
-Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz
-schnarrte »Gretchen, so recht, so recht,« und sein Dompfaffe
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-sang »Lobe den Herrn o meine Seele«. Wenn
-dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin:
-»Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte:
-»Gretchen, so recht.«</p>
-
-<p>Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster
-hinaus; der Staarmatz aber rief: »Jungfer Gretchen,«
-und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch
-andere Zeiten seien.</p>
-
-<p>Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem
-heut ordentlich das Herze weich; was ist Dir denn?</p>
-
-<p>Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich
-nicht gesungen, sagte Gretchen; ich glaubte, ich wäre
-ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm aber herüber
-und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß
-nicht recht, was ich so mutterseelen allein mit dem
-Sonntag-Nachmittag beginnen soll.</p>
-
-<p>Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die
-einige Krankenbesuche machen wollte, als sie Nachmittags
-aus der Kirche kamen, allein nach Hause geschickt; und
-weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten
-Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war
-ihr das zu Hause bleiben gar nicht recht. In der
-Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in
-die Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, &ndash; nichts behagte
-ihr. Der Nachmittag wollte nicht kürzer werden,
-und sie begriff nicht, warum sie so unruhig
-war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum
-Abend angemeldet hat? Sie ward feuerroth bei dem
-Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn wieder
-zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-was aus ihm geworden, und ob er so aussähe wie
-sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging in
-den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört
-ging sie in dem geraden Stachelbeerwege auf
-und ab. Hinter den Büschen hatte sie als Kind mit
-Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf
-und Wolf gespielt; Luischen Buchstein war todt, die
-anderen Freundinnen zerstreut, und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag
-so allein hier wandeln. Auf der Bank
-unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt
-gesessen, noch lieber aber oben auf dem Baum:
-da konnte sie doch ein Bischen weiter in die Welt
-schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf
-den Hof, dem Benjamin in die Stube. Nach der
-andern Seite hin war der Garten zwar durch eine
-hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden
-Flieder- und Goldregen-Wipfel, auch zuweilen
-die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin
-und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen
-konnte nicht widerstehen; sie stieg auf den Baum.
-Heut war aber gar nichts zu sehen, an den Goldregen
-hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen
-dunkel und glanzlos aus, weder Haube noch
-Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths waren in ein
-Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den
-anderen Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal
-Benjamin war am Fenster. Da ward es dem
-Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger
-schaute sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn
-der Herr uns die Welt einsam und öde macht, so
-zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-der Himmel war heute so licht, die Wolken daran
-von der sinkenden Sonne mit Gold umsäumt. Gretchen
-schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am
-blauen Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt
-und Farbe wechselten. Da zog ein Schwan, bald
-eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar
-eines Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern,
-an ihre Brüderlein, deren sie sich noch ganz leise aus
-frühester Jugend erinnern konnte, und mit sehnsuchtsvollem
-Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an
-das Fenster lockte.</p>
-
-<p>Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter,
-schwang sich unten an der Scheuer und am alten
-Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket,
-und war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz
-aus der Laube, er wollte nicht schuldiger Weise den
-Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie
-ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören;
-er aber reichte ihr freundlich die Hand über das Stacket
-hinüber. Das war nun Gretchen mit dem blonden
-Haar, den Sommerflecken, den runden braunen
-Augen und dem runden rothen Mund. Sie war nicht
-groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und stand
-mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich
-gar sittig vor ihm. Er sprach einige verlegene Worte
-des Willkommens, sie merkte seine Verlegenheit nicht,
-sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr
-Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor;
-und als er fragte, ob er auch hinüber kommen dürfe,
-nickte sie ein freundliches Ja und machte einen höflichen
-Knix.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin,
-scherzte Benjamin; jungen Burschen muß man solche
-Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür,
-wie es sich gehört.</p>
-
-<p>Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn
-er auch ganz stattlich in der schwarzseidenen Weste, dem
-seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock aussah, so
-hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause
-liegen, und überhaupt mußte der erste Besuch etwas
-feierlich gemacht werden. Er kam aber nicht so bald
-als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen
-Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen,
-als es an der Hausthür klopfte. Sie ging zu öffnen
-und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor der
-Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht.
-Gretchen hätte gar nicht gewußt wie sie als Wirthin
-thun sollte, und Fritz mochte mit seinem schweren Herzen
-dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein.
-Frau Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber
-auch das Frageamt, und Fritz mußte wohl oder übel
-gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte
-Frau Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe
-Ausdruck der Trauer, der ihm zuweilen unbewußt über
-die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das
-Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder
-daheim zu sein? zieht es ihn zurück in die Ferne?
-Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie bange, und
-wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich
-war? Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein
-war, schaute sie hinauf zu den Sternen mit
-gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-sich Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem,
-der da Freud und Leid auf die Herzen der Menschen legt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer
-jüngeren Dame in eifrigem Gespräch.</p>
-
-<p>Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen
-passt ganz besonders für Sie, und ich kann sie
-Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren
-näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich
-die Liebe des ganzen Hauses, immer freundlich, gefällig,
-sehr gewandt und fleißig, und aus einer sehr
-rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler,
-die dem Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine
-außerordentlich geachtete Frau. Von der ist Klärchen
-eigentlich erzogen, die hat sie auch das Schneidern
-lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.</p>
-
-<p>Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die
-Generalin.</p>
-
-<p>Um einmal unter andern Leuten zu sein, war
-die Antwort. Ich finde es recht vernünftig. Die
-Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen
-und ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen.
-Sie deutete es mir neulich mit Thränen an, daß sie
-sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie dazu
-kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh
-gewesen sei, der Kundschaft wegen für das Aeußere
-zu sorgen.</p>
-
-<p>Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter
-soll unordentlich sein und gern jeden Groschen durch
-den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein,
-&ndash; entgegnete die Generalin.</p>
-
-<p>Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich
-sie Ihnen, weil sie so liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein
-wird sie Ihnen die angenehmste Gesellschaft
-sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr
-hübsch; aber vor allen Dingen &ndash; Sie müssen sie sehen,
-theuerste Frau!</p>
-
-<p>Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen,
-Klärchens besondere Gönnerin. Sie suchte ihr jetzt den
-Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte Klärchen
-deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich
-sie in das beste Licht zu stellen. Es währte nicht
-lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr nett angezogen,
-zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos
-stand sie vor den Damen. Die Generalin war wirklich
-erstaunt über die Schönheit des Mädchens, aber
-die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken
-verstummen &ndash; und sie schloß den Miethsvertrag.
-Vierzig Thaler Gehalt, ein Louisd'or zu Weihnachten,
-außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr
-erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt
-der Frau Generalin entzückte sie, ja so sehr, daß
-der Mediziner fast darüber vergessen ward. Die großen
-Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage
-und Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft
-beisammen. In diesem Haus war sie als Kammerjungfer
-engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn
-eigentlich &ndash; redete sie sich vor &ndash; sollte sie doch Gesellschafterin
-der Dame sein, sie sollte ihr des Abends
-vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee serviren.
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache
-so vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte
-die ein ernsthaftes Gesicht. Du hast nun meinen
-Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie, der Herr
-mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den
-Du Dir nicht zu leicht denken mußt. &ndash; Klärchen,
-die voll der schönsten Hoffnungen und sehr guter Laune
-war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu
-gutmüthig, um das nicht glauben zu müssen. Auf
-die Fragen über den Zustand ihrer Wäsche, hatte sie
-geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit
-sagen können, und ihre Angst war schon längst
-gewesen, die Tante möchte sich einmal selbst davon
-überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt,
-sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn
-ganz besonders Wäsche anzuschaffen. Die Mutter muß
-sich einschränken lernen, fügte sie hinzu; Du weißt,
-wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht
-abschlagen; wenn ich keines habe, kann ich keines geben;
-und bekomme ich mein Lohn, gebe ich ihr ein
-Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich anschaffen.
-&ndash; Das klang vernünftig, und die Tante
-war damit einverstanden. Gretchen ging vor die Schublade
-und holte ein halbes Dutzend leinene Taschentücher
-und zwei Paar Strümpfe.</p>
-
-<p>Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken
-hast Du nicht viel Zeit gehabt, und die Taschentücher
-sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn
-Du zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die
-leinenen, scherzte Gretchen: Du weißt, wir können
-die baumwollenen nicht leiden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst
-es doch wirklich gut! sagte sie herzlich.</p>
-
-<p>Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig,
-und beide Cousinen waren jetzt sehr freundlich
-auf einander gesonnen.</p>
-
-<p>Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer
-Stube stand eine Kommode und ein Kleiderschrank,
-dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich
-geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene
-Kleider, Mantillen, Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock
-in den Schrank; in die Kommode, außer der
-wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh,
-Taschentücher; die sechs leinenen Taschentücher
-und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen bildeten
-den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem
-aber stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster,
-hing ein Porzelan-Bildchen an die Scheiben,
-ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase
-auf die Kommode. Der Bediente hatte in die
-Stube gesehen und gegen die Köchin bemerkt: man
-sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von
-guter Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß
-das Stübchen im Nebenhaus, und der Mediziner gerade
-hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine
-Liebelei im Hause geben. Die Köchin aber nahm
-Klärchens Partie. Ihre Küche lag gerade gegenüber
-im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen
-das Rouleau niederließ, als der Mediziner mit
-der langen Pfeife aus dem Fenster sah. Klärchen aber
-hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den
-Mediziner kann nicht schaden.</p>
-
-<p>Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das
-Haus der Generalin war vielfach belebt, die verheirathete
-Tochter mit den Kindern 4&nbsp;Wochen dort, und
-dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem
-ward Klärchen in die eleganten Läden der Stadt
-geschickt, um Besorgungen zu machen, und das war
-ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen
-Commis befreundet und hatte ihre leichte Commodengesellschaft
-um manches bereichert. Freilich waren ihre
-wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht,
-auch ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten
-kaum der Mühe zum Sparen. Daneben ward das
-Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die
-Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von <em class="ge">der</em>
-Seite war also für ihre Zukunft nichts zu hoffen.
-Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer und
-Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn
-sie das Rouleau einen Tag nicht aufzog, sang er die
-schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst spröde gegen
-ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen
-gar sanften Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht,
-denn ehe er nicht in die rechte Höhe der Leidenschaft
-kam, würde er nicht Ernst aus der Sache
-machen. Sie berechnete freilich nicht, daß sie auch
-mit der Zeit warm wurde, und ein verliebtes Herz ist
-ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne
-Erfahrung, das zu wissen und zu merken.</p>
-
-<p>So war Weihnachten herangekommen, der Besuch
-der Generalin war abgereist und den unruhigen Tagen
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen
-gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin
-versicherte ihre Freundinnen, eine ausgezeichnete
-Kammerjungfer zu haben, was ihr gern geglaubt
-wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig
-zeigte. Nur schien es, als ob sie seit einiger
-Zeit etwas zerstreuter wäre und oft nicht ganz unbefangen
-aus den Augen sähe; doch tröstete sich die
-Generalin mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten
-und ließ sich nichts merken, und Weihnachten
-ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das
-war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel.
-Sie sah so manches bei den vornehmen Damen, das
-ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte sie
-mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß
-vom Lohn und vom Louisd'or kaum etwas für ihre
-Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber bald. Aller
-Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird
-ein andermal gesorgt; hatte sie doch den unächten
-Shawl, die Brosche und den Sammethut sich wirklich
-angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen
-um sie nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen
-zu befreien. Als sie am Sylvesterabend von einer
-Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine
-wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald
-den Mediziner. Sie hatte hier öfters mit ihm flüchtige
-Worte gewechselt, seit einiger Zeit hatten sie sich
-nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte
-auf der Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu,
-drückte ihr einen Brief in die Hand und eilte die
-Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug
-ihr Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen,
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-ein Dokument wie Millionen geschrieben werden, um
-thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu
-machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe,
-einer ist dem andern wie aus den Augen geschnitten.
-Die Schreiber finden in jedem Mädchen
-eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die
-Empfängerin aber meint, das passe nur ganz allein
-auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie ist vor
-vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen
-von heißer Liebe, von unerträglichen Qualen und
-ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr glaubwürdig,
-denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte
-aber ein Herz von Stein haben, den Armen so leiden
-zu sehen, man muß ihn wieder lieben. Schmerz oder
-Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle sind
-ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese
-Ewigkeit der Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus
-reicht, glaubt man nicht; man hat zwar schon oft
-davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese Schilderungen
-müssen Wahrheit sein. So glaubte auch
-Klärchen, als sie ihren Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte
-vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte sie es so weit
-gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch
-nicht länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen.
-Sie hätte gern gleich geantwortet, aber sie war
-heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte versprochen
-um 6&nbsp;Uhr die Mutter abzuholen, und so ein
-Liebesbrief war keine Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht
-geschrieben werden. Sie ging also, wenn auch
-in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie
-natürlich auf dem Herzen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu
-Tante Rieke gegangen. Da gab es Punsch und Kuchen,
-und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und
-sang, ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für
-die jungen Leute gab es mancherlei Spaß, denn die
-Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr heiter, konnte
-selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute
-nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich
-ganz egal, und als ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit
-bemerkten, that sie etwas erschrocken, schmunzelte
-aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter
-müsse etwas stecken. Fritz Buchstein, der auch unter
-den Gästen war, sah sie scharf an bei diesen Scherzen,
-und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward
-man lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte
-Klärchens Schweigsamkeit nicht mehr. Selbst
-Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr unterhaltend
-von seiner Wanderschaft. Gretchen hing
-an jedem Worte, das er sagte: selbst Klärchen mußte
-gestehen, daß er ein ausgezeichneter Tischlergeselle
-sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen,
-seine Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet,
-sie wußte selbst nicht wie, aber es fielen ihr
-die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie beschrieben
-werden, so sanft und mild und dabei so edel
-und männlich. Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht
-zu gönnen, obgleich sie selbst himmelhoch über ihm
-stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann,
-und solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie
-sie ihn auf dem Herzen trug. Darin hatte sie Recht,
-solch einen Brief konnte er nicht schreiben: er war
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem
-Mädchen den Unverstand zuzutrauen, solchen
-Unsinn, der in jedem schlechten Romane zu finden ist,
-für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren
-so schnell vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau
-Bendler an ihr Versprechen.</p>
-
-<p>Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen,
-sagte diese scherzend; es liegt mir selber daran,
-zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner guten
-Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein,
-weil ich doch wohl die Neugierigste bin.</p>
-
-<p>Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag
-ein. Gretchen holte einen großen Napf mit
-Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte
-sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht
-heraus und klebte dafür kleine Wachslichte hinein.
-Gar niedlich tanzten die brennenden Lichterschiffchen auf
-dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die
-anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die
-Frau Organistin und Gretchen und Klärchen vor; so
-war es von Frau Bendler bestimmt. Der Hauptspaß
-war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten.
-Blieben sie fern so war es mit der Freundschaft
-schlecht bestellt. Und wirklich drückten sie sich
-alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler
-scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen,
-durch eine leise Wasserbewegung angeregt, auf die
-Tante zu schoß und nicht wieder von ihr ließ, was
-auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das
-Schütteln aber hatte zur Folge, daß die anderen vier
-Schiffe sich zu einem Häufchen gesellten, und nun
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber
-stand.</p>
-
-<p>Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er
-jetzt der Erste sein der die Herzen seiner Freunde prüft,
-sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar nicht begierig
-danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang
-lassen; doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen
-es, den Schiffchen Namen zu geben, und die
-Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und
-sie besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen
-wolle und was sagen, wenn das Schiffchen die Gedanken
-ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere
-junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten
-mit Fritz und meinten: das passe sich gar nicht, wenn
-er da großartig in der Mitte stehe, und sie sollten sich
-um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur
-für Mädchen. Klärchen aber war ganz erhoben über
-diesen Spaß, ihre Gedanken waren längst nicht mehr
-hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe
-und Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam
-genug, ihr Schiffchen nahete sich zuerst der Mitte,
-Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog hinter ihm
-her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm
-zusammen auf dem kleinen Meere umher. Das gab
-ein Lachen, aber Klärchen warf die Lippen auf und
-warf einen verächtlichen Seitenblick auf den Tischlergesellen,
-so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens
-kund werden mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz
-roth und hatte schon ein derbes Wort auf den Lippen,
-doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und
-wollte es sich lieber aufsparen. Die beiden andern
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Mädchen stießen sich an, Klärchen hatte ihnen schon
-den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau
-Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den
-Mund nicht zu verziehen, bist in ganz guter Gesellschaft
-hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst gemacht
-haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht
-muß ein jedes Mädchen stolz und spröde thun, die
-jungen Burschen sollten sonst eitel werden. Dann
-wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert,
-und die Sache war abgemacht. Fritz aber behielt den
-Stachel im Herzen. Wenn er auch längst Klärchens
-Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht
-ohne innere Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm,
-als ob aus ihrem Wesen bald ein guter bald ein
-böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten
-und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen
-Augen hatten ihn zuweilen so kindlich angeschaut,
-ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor
-seiner Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle
-die Anderen von ihrem Leben und Treiben &ndash; die Augen
-der Liebe sehen scharf&nbsp;&ndash;, auch wußte er daß der Mediziner
-im Hause der Generalin wohne, aber immer
-noch konnte er den guten Engel in ihr nicht aufgeben,
-und sein theilnehmendes und trauerndes Herz ward
-von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.</p>
-
-<p>Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es
-schlug zehn Uhr, man wurde ernsthafter. Die Alten
-erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war das
-sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt
-und er übernahm es auch später gern, etwas aus der
-Bibel vorzulesen. Er begann mit dem 90.&nbsp;Psalm.
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer
-voller, die Worte quollen immer mehr aus seinem
-Herzen. Als er die Worte las: Lehre uns bedenken
-daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden,
-&ndash; schaute er auf und sah Klärchen an. Niemandem
-fiel das auf, nur Klärchen konnte den Blick nicht
-vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst
-bedeutsam. Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf
-den Jahresschluß passend, und dann das schöne Lied:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Jahre gehn und fliehen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blumen, die da blühen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Welken traurig ab!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was da grünend stehet,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wandelt und vergehet</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In ein düstres Grab!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bleiben <em class="ge">wir</em> wohl ewig hier? &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was genommen ist von Erden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Muß zur Erde werden.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Eines unter Allen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Kann nicht fliehn und fallen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn auch Alles fällt:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was aus Gott geboren,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gehet nicht verloren</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In dem Grab der Welt;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Seine Zeit heißt Ewigkeit &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Selig, wer in guten Stunden</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dieses Eine funden.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Der für uns gestorben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hat es uns erworben</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einst mit seinem Blut;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Jesus, unser Leben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Kann dem Sünder geben</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dieses Eine Gut;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Seine Kraft bewirkt und schafft,</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
- Daß geweihet sei die Seele</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit dem Lebensöle.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Weichet, Lust und Sünde!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einem Gotteskinde</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Habt ihr nichts mehr an.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Denn dem Gott der Ehren</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Muß mein Herz gehören,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ihm dem Schmerzensmann.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ihm erkauft, auf ihn getauft,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Steh ich in dem Grund der Gnaden.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was kann da mir schaden?</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Tage, Jahre, fliehet!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lust und Glanz, verblühet!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gräber, öffnet euch!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn die Glieder sterben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Werd ich ja ererben</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meines Heiland's Reich!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wär sie nah', ach wär sie da,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Jene Zeit, da ich erstritten</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gottes ew'ge Hütten!</td></tr>
-</table>
-
-<p>Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht
-hinzuhören und sich mit anderen Gedanken zu zerstreuen;
-es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme
-klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so
-ernst, sie mußte hören, und je länger er las, desto
-aufmerksamer hören. Von Sterben &ndash; Grab &ndash; und
-Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei,
-und ihr abergläubig Herz nahm die Bangigkeit für
-böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der Heiland,
-von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich
-reizt mich nicht und nicht die ewigen Hütten; nein,
-über den Tod hinaus geht keine Hoffnung. O, so
-häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-und gerade heute das anzuhören ist sehr störend.
-Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig aus,
-als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der
-Wahrheit, sein Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so
-demüthig zu ihm aufschaut &ndash; solche Blicke müssen sein
-Herz rühren.</p>
-
-<p>Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten
-sich zum Gebet. Auch Klärchen mußte so thun,
-aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der Teufel
-hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier!
-seufzte sie, und der Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus
-aus dem Ernst und dem Frieden in die Lust und Unruhe
-der Welt.</p>
-
-<p>Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter
-mit den Andern einen Weg hatte, und nur Klärchen
-allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite mußte;
-es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen.
-Sie aber sträubte sich, denn nichts wäre ihr
-drückender gewesen, als ein einsamer Weg mit diesem
-sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der
-Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige
-auf den Straßen zu finden sind, darf kein junges
-Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte
-sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich
-eben zu sehr in eine Gottes-Welt vertieft, als daß
-ihn die kleinen Bewegungen der irdischen Welt hätten
-berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in
-die Augen und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme:
-doch wehten außen Sturm und Regen so sehr, und
-Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte.
-Jetzt standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-den Schlüssel und schloß auf. Der Mond brach eben
-durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz
-und Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da
-ruheten seine dunklen Augen so traurig auf ihrem
-frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte ihre
-hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme,
-wir stehen jetzt am Anfang eines neuen Jahres. Der
-Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende desselben
-mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter
-Ehre mögen darauf zurückschauen. Der Herr
-behüte Sie!</p>
-
-<p>Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das
-Haus, aber mußte erst einige Augenblicke sich vom
-Schrecken erholen.</p>
-
-<p>Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da
-will ich selbst für sorgen. Und das Gewissen? ich
-werde doch kein Verbrechen begehen? &ndash; Sie suchte
-mit Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln,
-und das sollte ihr leider nicht schwer werden.
-Als sie die erste Treppe hinauf war und eben den Zugang,
-der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte,
-kam Jemand von oben herunter. Sie zögerte, &ndash; ja
-es war der Mediziner. Er hatte den Sylvester-Abend
-etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein
-Gesicht glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer
-Zeit hatte er mit Ungeduld auf Klärchens Rückkehr
-gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer von
-den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen,
-diese Ausdrücke von erhabenen Gefühlen &ndash; Klärchen
-konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte flüsternd süße
-Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-sich endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben,
-für eine recht baldige ungestörte Zusammenkunft
-zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer Mutter
-konnten sie das haben; denn die wird dem Glück
-der Tochter nichts entgegensetzen. Und, fügte Klärchen
-hinzu, es ist auch nöthig daß wir besprechen, wie
-es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da
-manches zu thun.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird
-denn an so alberne Dinge denken? Wir leben in der
-Gegenwart, das andere fügen die Götter. &ndash; Dann
-fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die
-Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über
-die grünen Auen ihres Glückes, doch dachte sie nicht
-weiter darüber nach und legte sich in süßer Betäubung
-zur Ruhe.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen wachte sie später auf als
-gewöhnlich. Ihre gütige Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen
-Zeit wecken lassen, damit sie den versäumten
-Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie
-sich nicht zurecht finden. Es war ihr so wüst im
-Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte sich ordentlich
-erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei,
-und trotz des Vorredens blieb sie unruhig. Wird er
-Ernst machen? Wird er sich öffentlich verloben? Wird
-er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie
-thöricht genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer
-Seite immer noch große Vorsicht, das Alles zu erreichen.
-So dumm wie ihre Mutter, der der Rechtsgelehrte
-unter den Händen entwischt ist, wollte sie
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-nicht sein, dachte Klärchen; und so denken alle thörichten
-Mädchen, die leichsinnige Liebschaften anknüpfen.
-Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen meistens
-ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu
-Ende bringen, bis ihnen dann das reine Herz, Ehre,
-und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber unter den
-Händen entschlüpft sind.</p>
-
-<p>Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr
-wie gewöhnlich bei der Toilette behülflich zu sein,
-fand sie dieselbe schon fertig angekleidet beim Frühstück,
-und neben ihr saß bei demselben ein junger
-schöner schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen
-entschuldigte sich wegen des späten Kommens; die
-Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei:
-Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung
-gehabt, mein Sohn kam unerwartet an. &ndash;
-Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden,
-ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten
-ihn, höflicher zu grüßen, als er es gethan
-haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter
-Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas
-verlegen, Klärchen merkte Alles, &ndash; ein koquettes Mädchen
-ist sehr feinfühlend in solchen Dingen &ndash; und ihr
-ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen
-Manne angepaßt. Sie ging ordnend im Zimmer hin
-und her, that, was in der Schlafstube nebenan zu
-thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu
-machen. Sie wußte selbst nicht recht wie sie dazu
-kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen
-dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner
-war wirklich häßlich dagegen zu nennen, und
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen!
-Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und
-die meinen, sie müssen burschikos sein; wenn er bei
-seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt, wird er auch
-anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders
-sein, dachte sie weiter, er soll fein und nobel werden
-wie der Gardelieutenant!</p>
-
-<p>Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden
-so belebt, daß es dem Mediziner unmöglich
-ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große
-Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort
-Bewegung auf der Treppe. Er war sehr ungeduldig
-und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen
-sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so
-beschäftigt und hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte
-an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt hatte sie fast nur
-alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge
-Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft.
-Klärchen, im hellblauen Musselin-Kleide mit
-freiem Hals und freien Armen, stand vor der singenden
-Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten
-und wohl durchdufteten Zimmern hin und
-her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie geworden:
-die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie
-ging, bis leider die Generalin sehr ernste Blicke auf
-sie warf und ihr huldreich sagte, sie möchte sich nicht
-weiter bemühen, der Bediente solle allein aufwarten.
-Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube.
-Kaum hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als
-er sein Fenster öffnete und leise mit den Händen klappte.
-Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust ihn jetzt zu
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand
-sich gar zu schön, der Mediziner mußte sie sehen,
-mußte sich überzeugen, daß sie mit ihrer Erscheinung
-in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth
-und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen,
-daß sie meinte, er müsse sich glücklich schätzen sie zu
-gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr nicht
-noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge
-Graf, der heut mit in der Gesellschaft war, hatte sie
-nicht aus den Augen gelassen, und der Generalin
-Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut
-in Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß
-schon sterblich in sie verliebt. Klärchen hatte viel Romane
-gelesen, sie wußte, daß nicht selten arme Mädchen
-vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte
-Ahnung einer großen Zukunft. Mit solchen
-Gedanken trat sie auf den Flur, der Mediziner stand
-schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes,
-herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte
-er die groben ungeduldigen Liebesvorwürfe,
-die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich nur,
-daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen
-entgegnete, dies sei ein unschicklicher Platz sich
-zu sprechen, und beschied ihn zum nächsten Abend zu
-ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward,
-litt sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht
-vor bösen Herzensgelüsten, nein, es sind gerade sehr
-verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig hegen und
-pflegen.</p>
-
-<p>Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich,
-nähend im Vorzimmer. Der Lieutenant trat ein
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder
-zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten
-Händen that, stand er schweigend vor ihr.
-Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete.
-Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte,
-wie sie aufschaute, ihm dann die Börse gab &ndash; es mußte
-das Alles das Herz des Lieutenants bestürmen. Klärchen
-merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr
-angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren
-im Nebenzimmer hörbar, und er verließ sie mit
-einem kurzen verbindlichen Danke.</p>
-
-<p>Der Tag verging mit Plänen für heut Abend;
-und wenn auch das Bild des Lieutenants sich zuweilen
-dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt
-zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich
-mit dir verloben, wo möglich müssen wir heut Abend
-noch Brautvisite bei Tante Rieke machen. Was wird
-die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen
-vor der Schwiegertochter einer Frau Präsidentin.
-Der Mediziner mußte morgen früh selbst die
-Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens
-ihr eine andere Stellung geben; die Hälfte
-des Wechsels mußte er ihr gleich überlassen, um für
-Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller
-Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig
-kaufen und so alle Sachen. In dieser Weise flogen
-ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten,
-und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin
-noch von 6&nbsp;bis 7&nbsp;Uhr vorlesen sollte. Die Frau
-Generalin aber war ganz allein, erwartete den Sohn
-erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben. Sie
-las heut besonders schlecht, und die Generalin war
-eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich
-öffnete und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich
-in eine dunkle Ecke, und die Mutter bemerkte: sie
-wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In
-Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren,
-sie las besonders schön und mit ganz anderer, bewegter
-Stimme. Der Lieutenant wandte keinen Blick von ihr,
-und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das
-Zimmer verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.</p>
-
-<p>Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so
-lange Ihr jungen, leichtfertigen Leute hier bei mir
-ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus dem
-Haus thun.</p>
-
-<p>Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte,
-entgegnete Alfred, Du fürchtest doch nicht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug
-wärest, ein Mädchen thörichter zu machen, als es
-schon ist, aber Deinen Freunden traue ich nicht.</p>
-
-<p>Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese
-Schönheit, und Graf Bründel, glaube ich, früge allerdings
-nicht viel danach, ob er ein thöricht Mädchen
-thörichter mache.</p>
-
-<p>So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht,
-&ndash; entgegnete die Mutter besorgt. Und Du, lieber
-Alfred, bist vorsichtig, &ndash; fügte sie zögernd hinzu.</p>
-
-<p>Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der
-Mutter die Hand; und sollte es wirklich gefährlich
-werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, &ndash; schloß
-er scherzend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Diese Unterredung hatte Klärchen durch das
-Schlüsselloch mit angehört, denn Horchen war in den
-zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in
-dich verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und
-Edelste. Seinen Spaß würde er nie mit dir treiben:
-zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte.
-Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen,
-sie hätte es wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich
-küssen lassen, hatte eine Liebschaft an der Treppe gehabt;
-Frau von Trautstein konnte sie nicht werden.
-Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch
-ein Mann von Bedeutung und so sehr verliebt, es
-läßt sich Alles mit ihm machen.</p>
-
-<p>Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter
-Stube die Vorbereitungen zur Verlobung. Zwei Lichter
-brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und
-Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der
-Röhre, die Mutter saß im Lehnstuhl am Ofen, und
-Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha.
-Der Student kam, die Thür ward verschlossen und
-nun ward geplaudert, gescherzt, gekoset. Die Mutter
-war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine
-volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen
-nothwendig angeschafft werden sollten. Sie mußte sich
-gestehen, daß Klärchen es weit klüger angefangen als
-sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte
-mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende
-einer klugen Sünderin ein gleiches ist, als das einer
-dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen zur
-Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute
-darin bestanden, noch zu Tante Rieke zu gehen. Der
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Mediziner sah sie erst verblüfft an und brach dann in
-ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften
-gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.</p>
-
-<p>Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher
-Philister sein! Bei uns ist wohl von Lieben die Rede,
-aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst zusieht,
-hört aller Spaß auf.</p>
-
-<p>Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern.
-Wenn es so gemeint ist, sind wir geschiedene Leute,
-sagte sie in höchster Erregung.</p>
-
-<p>Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf
-aber nicht. Er merkte, daß er mit dem Mädchen anders
-verfahren müsse, als er es bisher gewohnt gewesen,
-und da er unglaublich in sie verliebt war, begann
-er zu kapituliren. Das aber half ihm nichts,
-sie war zu klug und durchschaute seine gleißenden
-Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr,
-sie dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie
-konnte ja nur zugreifen; ja, mit einemmal war es ihr,
-als müsse sie sich von dem Studenten losreißen, um
-einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab
-ihr Muth, jetzt die Tugendheldin zu spielen. Sie
-hielt die schönsten Reden; selbst als er versicherte, Ostern
-wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin
-müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft,
-&ndash; und als er sie bestürmen wollte mit seiner Liebe
-und seinem Unglück, verschloß sie sich in die Kammer.
-Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz
-war weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen
-gern glücklich gemacht, &ndash; dazu die schöne
-volle Börse auf dem Tisch, &ndash; und versuchte ihn zu
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und
-entließ ihn so nicht ganz ohne Hoffnung. Klärchen
-aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du, sagte
-sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen
-lasse ich nicht mit mir! Und weil sie doch im Inneren
-eine große Demüthigung fühlte, daß ihr der Mediziner
-entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter,
-so that sie mit Worten besonders groß, ließ ihr Glück
-bei den adeligen Herren ahnen, und um die Mutter
-vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete
-sie es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners
-in Verwahrung nahm.</p>
-
-<p>Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen
-aus, nicht Thränen der Reue über ihren Leichtsinn,
-nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem
-rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn
-es die Generalin, wenn es der Lieutenant wüßte!
-Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren,
-war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie
-mit so rohen Menschen einlassen. Um sich vollständig
-zu trösten, wiederholte sie sich die Unterredung der
-Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht
-fehlen, &ndash; sie taumelte sich in einen neuen Himmel
-der Zukunft und schlief beruhigt ein.</p>
-
-<p>Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht
-mehr in die Höhe, und die Köchin, die schon angefangen,
-aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner
-zu werfen, ward wieder ganz ruhig.</p>
-
-<p>Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die
-Augen ihres Sohnes fortwährend auf Klärchen gerichtet,
-und diese war ganz besonders sanft und holdselig.
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz
-verteufelt stolz und spröde, und Alfred hatte das mit
-Triumph der Mutter erzählt und dabei fallen lassen,
-daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens
-hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise
-wieder erlauscht, denn wenn Mutter und Sohn
-allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom
-Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage,
-und ihr Kopf war voll der tollsten Pläne und Träumereien.</p>
-
-<p>Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung
-kam; ja, der Lieutenant war eines Morgens abgereist,
-ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie
-war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge,
-erst der Generalin ernste Blicke mußten sie wieder etwas
-zu sich bringen.</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen
-Morgen am Schreibtisch mit Schreiben beschäftigt;
-dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und ab.
-Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn.
-Um Alles in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen.
-Wenn er nur heut nicht fortgeschickt wird, so ist's
-möglich, dachte sie. Und wirklich ward er nicht fortgeschickt;
-der Nachmittag war unruhig, den Abend
-war die Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit,
-ihn zu vollenden. Mit klopfendem Herzen hörte Klärchen
-ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte sie begleiten
-müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan
-auszuführen. Was sie an kleinen Schlüsseln finden
-konnte, suchte sie zusammen und versuchte das Schloß
-zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-lief sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch
-Niemand komme. Sie fühlte zum erstenmal eine heftige
-Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie
-von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine
-weiter hinunter zum Verbrechen. Gleich einem Diebe
-stand sie zitternd vor dem verschlossenen Tisch, sie war
-ja wirklich im Begriff zu stehlen.</p>
-
-<p>Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen
-der Generalin kam zurück, Klärchen verließ hastig
-und scheu das Zimmer.</p>
-
-<p>In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache
-ruhiger, ja sie machte sich Vorwürfe über ihre Angst,
-beredete sich, daß es gar nichts Großes sei, einen
-fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre
-Versuche wiederholt. Sie mußte aber warten, bis
-der Bediente fort fuhr, um seine Dame wiederzuholen.
-Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei
-solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es:
-Hüte dich vor dem ersten Tritte, mit ihm sind bald
-die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan!
-Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß
-nicht auf, und Klärchen mußte die auf's Höchste angeregte
-und unbefriedigte Begierde mit zu Bett nehmen.</p>
-
-<p>Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im
-Schlafzimmer der Generalin einzuheizen. Wie gewöhnlich
-lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der
-Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer
-dort liegen sehen, heute trieb sie der Teufel an,
-sie nahm den Schlüssel, verließ das Schlafzimmer,
-schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal,
-obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-zu thun hatte, und nun schloß sie mit Leichtigkeit
-das Schlößchen auf. Da stand ein volles Geldkästchen,
-daneben lag der Brief; das Geld reizte sie
-nicht, wohl aber der Brief. Sie durchflog ihn mit
-Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte den
-Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor
-einer Liebe bewahren, die ihn, wenn auch nicht für
-Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne. Darauf
-schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit
-solcher Wahrheit, daß Klärchen feuerroth beim Lesen
-dieser Worte wurde. Ja, die kluge Frau hatte sie in
-ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten
-Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu,
-geschickt und fleißig,« schloß die Generalin diese Schilderung,
-»darum werde ich sie jetzt nicht gehen lassen,
-ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser
-zu überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren
-Leben nicht schwer werden soll.«</p>
-
-<p>Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den
-Brief wieder an dieselbe Stelle, schloß den Kasten
-und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Die
-Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches
-Unangenehme aus dem Briefe erfahren, so doch
-auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte sie, die
-Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt
-an, die Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster
-Aufmerksamkeit kontrollirte sie die Briefe, die zu ihrer
-Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich entdeckte
-sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen.
-Die Generalin nahm den Brief in höchster
-Spannung aus Klärchens Hand und erbrach ihn
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab,
-ordnete hier, wischte dort, und warf dabei manchen
-forschenden Blick auf die Leserin, deren Züge erst sehr
-ernst waren, aber immer freundlicher wurden und sich
-endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies
-Lächeln war ein Dolchstoß in Klärchens Herz, und
-noch nie war ihr ein Tag so lang geworden als dieser,
-denn vor dem anderen Morgen konnte sie das
-Kunststück mit der Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.</p>
-
-<p>Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe
-Stunde früher als gewöhnlich ein, die Generalin lag
-noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm den
-Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie
-öffnete schnell und las:</p>
-
-<p>»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte,
-so thut es mir herzlich leid, ich kann Dir aber mit
-festem Herzen versichern, daß es unnöthig war. Ich
-leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen
-interessirte und ich neugierig war, ob wirklich
-hinter der schönen Hülle das verborgen sei, was man
-wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber
-ganz mit Dir im Urtheil über ihren Charakter ein;
-in den letzten Tagen habe ich Blicke in ihr Wesen gethan,
-die mich von einem gemeinen und koquetten
-Sinn überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir
-schwer werden, sie zu überwachen. Graf Bründel ist
-ernstlich verliebt und wird nicht Geld und Mühe sparen,
-ein Verhältniß anzuknüpfen,«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr
-erschrocken zusammen. Sie lauschte, es schien ihr wieder
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-still; aber ihre Angst war groß und sie sah nur
-noch nach dem Ende des Briefes:</p>
-
-<p>»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise
-beschäftigt, ehe ich zu Dir kam. Die edle Reinheit
-meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich
-hoffe Dir bald eine würdige Tochter«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der
-Generalin, Klärchen legte den Brief schnell in die
-Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und schloß
-eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!</p>
-
-<p>Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz.
-Hier war also nichts zu machen, der Mensch war
-nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas Ungewöhnliches
-der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen
-unglücklicher Liebe, die sie je in einem Romane
-beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück
-nicht für sehr lange.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar
-begann er noch einmal mit aller Strenge zu
-regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte
-hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an
-einander vorüber, konnten sich der rothen Ohren und
-Nasen nicht erwehren, und die Blumen an den Fenstern
-thauten kaum um Mittag ein wenig ab.</p>
-
-<p>Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage.
-Sie saß ihrer Mutter gegenüber und spann, und spann
-und sann, und hauchte sich zuweilen ein Fensterchen
-in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die
-Sonne golden war, dachte an den Frühling, an Blüthen,
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Bäume und Vögelgesang und andere schöne
-Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den
-kalten Eisblumen. Zuweilen entdeckte sie auch durch
-ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines Handwerksburschen,
-der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine
-Gabe; oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims,
-dem streute sie Krümlein hin. Aber auch die Vögel
-im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war
-ja immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag,
-und jedesmal wenn sie hinaus kam, rief Benjamin
-einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder
-sonst ein gutes fröhliches Wort.</p>
-
-<p>Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen
-nicht geöffnet, und die Eisblumen regten und
-rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, es
-wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank,
-man mußte sich nach ihm erkundigen. &ndash; Der Verkehr
-mit dem Nachbarhause war leider diesen Winter
-sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich,
-daß Fritz Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht
-nähern wollte. Ihr Zartgefühl erlaubte es nicht, von
-ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; aus
-dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil.
-Der alte Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft
-betrieben, war jetzt verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen
-aus, und sehr zureden wollte er dem Jungen
-nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin
-sagen, mit der er früher die Sache in allen Einzelheiten
-besprochen hatte. &ndash; Heute aber war von
-all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte
-gepflegt werden und Gretchen sich auf den Weg zu
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-ihm machen. Sie that es so gern, und doch hatte
-sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die
-Werkstatt. Während dem sie eine warme Suppe
-kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die Straße, ob
-sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich
-es glückte, die alte Magd kam daher und Gretchen
-konnte ihre Erkundigungen einziehen.</p>
-
-<p>Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische
-Magd, er verlange aber gar nichts, er wolle
-die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht ab,
-sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe
-unter dem Mantel ging sie hinüber zu dem alten
-Freunde. Die Sonne schien so hell in die Werkstatt,
-die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut,
-Fritz in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste
-stand mit Gesellen und Lehrburschen rüstig bei der
-Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen mit
-dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze
-hineinschaute, erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen
-und reichte ihr freundlich die Hand.</p>
-
-<p>Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen
-etwas scheu.</p>
-
-<p>Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und
-seufzte: ja er ist krank, und es ist recht schlecht von
-mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das Näpfchen
-tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.</p>
-
-<p>Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun
-die Treppe hinan. Aus der warmen Werkstatt traten
-sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief in den
-Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Bett mit trauriger Miene, der Dompfaff pickte eben
-vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.</p>
-
-<p>Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die
-Thür sich öffnete, &ndash; armer Schuster!</p>
-
-<p>Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein
-freundlich Gesicht kam zum Vorschein.</p>
-
-<p>Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte
-er zu Gretchen, und nun gieb erst den Vögeln Futter.
-Dorthe ist schlechter Laune und ist seit gestern Abend
-nicht herauf gekommen.</p>
-
-<p>Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um,
-aber vergebens; Fritz merkte, was sie suchte, und
-verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit einem
-Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe
-Kohlen. Schweigend reichte er ihr das Wasser, schweigend
-machte er Feuer in den Ofen und sah dann,
-wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie
-sie ihnen frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin
-die Kissen zurechtlegte, ihm den Tisch vor dem Bette
-deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend
-und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet
-sprach und Gretchen mit gefalteten Händen dabei
-stand, faltete auch er die Hände und betete mit. Nachdem
-sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die
-Hand und sagte mit bewegter Stimme:</p>
-
-<p>Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen
-konnte, ich bin recht traurig darüber.</p>
-
-<p>Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und
-drückte sie herzlich. Dann wandte sich Fritz zu Gretchen:</p>
-
-<p>Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme
-mich vor Euch und vor Gott, daß ich so lieblos sein
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal
-fragen.</p>
-
-<p>Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende
-Fensterscheibe und auch ein Lichtblick fiel in Fritzens
-Herz. &ndash; Herr, dein Wille geschehe! &ndash; Gretchen
-stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so
-versöhnlichem Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden,
-er fühlte, wohin der Herr ihn haben wollte
-und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden
-Ranken seines Herzens mußte er abschneiden. Schade
-um die Zeit, die er sie hatte wuchern lassen!</p>
-
-<p>Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde,
-mußte aber das Versprechen geben, wieder zu kommen.</p>
-
-<p>Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du
-sollst nicht kommen, um Benjamin zu pflegen, nein,
-Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen Fehler
-gut gemacht habe.</p>
-
-<p>Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen
-stimmte ein und die jungen Leute verließen ihn.
-Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile,
-um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal
-zu Euch kommen wollen, &ndash; aber das böse Wetter,
-&ndash; man ist so eingeschneit.</p>
-
-<p>Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete
-Gretchen.</p>
-
-<p>Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort;
-und als nun Gretchen im Vorbeigehen ihre Finger
-auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten Geranientopf
-legte, ward er noch verlegener. &ndash; Den
-armen Topf habe ich auch vergessen, aber ich will
-ihn doch begießen. &ndash; Gretchens Hand fuhr erschrocken
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen
-wollen. In diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas
-dicht an der Tischkante stehen, obgleich es ihr in
-den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der geringste
-Anstoß mußte es hinunter stoßen.</p>
-
-<p>Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei
-kamen, nöthigte Gretchen, den Vater zu begrüßen.
-Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl
-mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag
-auf dem friedlichen Gesichte, er schlug die Augen auf,
-und als er Gretchen und Fritz vor sich stehen sah,
-meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden;
-sein Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief
-er aus und streckte ihr beide Hände entgegen. Fritz
-aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja
-schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie
-viele Tage er noch zu zählen hat! Aber er soll glücklich
-sein, Gretchens Hand soll seines Lebensabends
-pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge
-folgte dem Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel,
-und alle Qual und Unruhe war aus seinem Herzen
-verschwunden.</p>
-
-<p>Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig,
-zerstreut und traurig gewesen war, hatte seinen
-Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der
-Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben
-Hause war unten ein Buchladen, und als Fritz oben
-sein Geschäft beendet, trat er unten in den Laden.
-Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister
-wohl, und sahen es gern, wenn er sich hin und wieder
-hübsche Bücher ansah, denn nicht selten kaufte er
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert
-und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung,
-als er den Laden verließ. Sein Weg führte
-ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der Kälte
-war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken
-erkannte er zwischen den Leuten Klärchen am Arme
-eines Mannes. Er konnte nicht widerstehen, er mußte
-erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und Herwenden
-gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu
-sehen, er war jung und schön mit dunkelblondem Haar
-und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging das
-Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte
-sich, aber er konnt' es nicht lassen. Vom Parterre
-aus entdeckte er bald Beide in einer halbdunkeln Parquetloge.
-O wie vertraulich sie mit einander waren!
-Er blieb nicht lange, er hatte bald genug gesehen.
-Im Hinausgehen fragte er einen Zettelträger, wer
-der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf
-Bründel, war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte
-sich Fritz. Den Namen hatte er wohl gehört: es
-war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, &ndash;
-Klärchen seine Geliebte! &ndash; Diese Gedanken hatten
-ihn in den Tagen beschäftigt, als Benjamin krank
-war; darüber hatte er Alles um sich her vergessen.
-Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann
-nur auf Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen
-sei.</p>
-
-<p>Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich
-reich, sie liebte und ward wieder geliebt &ndash;
-und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt.
-Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-hing an ihren Blicken, sie hatte nur über ihn zu bestimmen!
-&ndash; Als der Sohn der Generalin sie damals
-so plötzlich aufgegeben, war sie &ndash; wie schon erzählt &ndash;
-sehr unglücklich, doch nicht lange. Sie sah sich bald
-nach Trost um, ihr Herz war einmal des leichtfertigen
-Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe
-bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste
-Brief des Grafen Bründel. Mit Entzücken ward die
-Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht
-so spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal
-auf eine andere Weise versuchen zu müssen, und
-hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal
-nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel
-vergangen. Frau Krauter machte sich kein Gewissen
-daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu begünstigen.
-Der Graf hatte meistens eine volle Börse,
-und sie führte ein herrliches Leben dabei. Er hatte
-auch versprochen, sich mit Klärchen trauen zu lassen,
-und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens
-Klugheit war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie
-dachte nicht an die Zukunft, sie wollte nicht an die
-Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im
-Theater war sie öfters gewesen, und in künftiger
-Woche wollte der Graf sie auf eine Redoute im Theaterlokale
-führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens.
-Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen
-Modeblättern und durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge
-verliehen wurden. Endlich hatte sie sich für
-eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu
-ein grüner Sammetüberwurf angeschafft werden, der
-eigens ihrer schlanken Gestalt angemessen war. Woher
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe
-in allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male
-nach neuen Zuschüssen geseufzt, aber der Graf hatte
-keine Anspielung verstanden, weil er gerade selbst nichts
-hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in
-allen Läden fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste
-Vogler bekam beinahe zwei Thaler. Die Schulden
-machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es
-längst bezahlen können und würde auch bald wieder
-Geld die Fülle haben, es war nur diese augenblickliche
-Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte
-sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter
-zu sein, und dazu gehörten kaum einige Thaler.
-Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer den
-vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor.
-Stehlen? nein! sie entsetzte sich vor dem Gedanken.
-Vermissen würde freilich die Generalin eine so kleine
-Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen
-gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch
-einzutragen vergessen hätte, und sich bald beruhigt,
-wenn sie die Summe nicht finden konnte. Der
-Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die
-Zeit der Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens
-könntest du das Geld nehmen und legst es
-wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand
-nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen?
-Die Klugheit, ihre einzige Waffe, mit der sie sich vor
-Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr gerade
-den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es
-nicht, sagte diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand,
-und das grüne Sammetgewand ist nothwendig zu deinem
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Glücke. Am anderen Morgen machte sie das
-bekannte Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände
-zitterten, als sie in den Kasten griff, und angstvoll
-schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der
-Mutter war und vor dem Spiegel den grünen Sammet
-probirte, zitterte sie nicht mehr. Ja, als sie einige
-Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen
-flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit
-gepriesen ward, da schwieg das Gewissen ganz und
-gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges Geld,
-denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und
-Gustchen Vogler war schon ungeduldig geworden. Zuerst
-sollte aber die Summe in den Schreibtisch der
-Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da
-sie am andern Morgen später als gewöhnlich aufstand,
-mußte sie es bis zum nächsten verschieben. Den Tag
-aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die
-Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich
-und gütig, von <em class="ge">der</em> Seite war Klärchen sicher.
-Sie nahm sich daher vor: lieber erst die kleinen Schulden
-in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster
-Gelegenheit wieder borgen zu können. Als sie mit
-dem Rest ihrer Summe im letzten Laden stand, bemerkte
-sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche.
-Noch dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen
-gesprochen, und der älteste Diener gerade hatte
-ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber
-doch ernsten Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt
-sei, Damen in ihrer Stellung solche Vorschüsse zu
-machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die
-Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-künftige Gemahlin eines Grafen durfte sich so etwas
-nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung und
-versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein.
-Zu Gustchen Vogler ging ihr Weg. Gustchen mußte
-das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr am anderen
-Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben.
-Gustchen war gutmüthig; sie gab das Geld, versicherte
-aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht wieder
-bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit
-Triumph bezahlte Klärchen die Rechnung und bemerkte
-schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen ihrer Stellung
-ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich
-bei der Mutter einen Brief an den Grafen, den diese
-eiligst besorgen mußte. Es war das erste Mal, daß
-Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, und
-dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen.
-Mit klopfendem Herzen wartete sie auf der Mutter
-Rückkehr; diese aber brachte den traurigen Bescheid:
-der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach:
-so oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen
-früh um zehn das Geld anzuschaffen. Der Abend
-verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht.
-Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern
-spät Abends nach Haus gekommen, aber heut früh
-verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen kam dazu
-und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen
-vertröstet. Noth bricht Eisen, dachte Klärchen,
-morgen früh hole ich Geld aus dem Schreibtisch; hat
-sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere
-Mal auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter
-noch einmal nach dem Grafen aussehen. Er war
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen
-mit großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal
-war sie kühner. Sie nahm nahe an drei Thaler und
-wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die
-Thür hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat.
-Klärchen schrie laut auf. &ndash; Also doch! sagte die
-Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das Gesicht.
-Ihre Sinne wollten schwinden.</p>
-
-<p>Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon
-vor acht Tagen gemerkt, daß Jemand bei meiner
-Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß
-und besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie
-der Dieb seien.</p>
-
-<p>Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen,
-ich wollte das Geld wieder hineinlegen.</p>
-
-<p>Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt.
-Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche
-Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann
-Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten,
-als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gemäß Ihren
-Frevel gestehen und auch die Beweggründe dazu. Ueberhaupt
-muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel
-kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr
-schlimme Gerüchte verbreitet haben.</p>
-
-<p>Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller
-Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Sünde ist
-feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war
-es, die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an
-ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war
-sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre
-Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-schilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er
-nicht verreist war, hätte sie das zweite Geld nicht genommen,
-ja sie würde das erstgenommene Geld wieder
-hinzugelegt haben. Seine Liebe war so großmüthig
-gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war auch das
-Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.</p>
-
-<p>Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes,
-getäuschtes Mädchen sei, daß es aber allen Leichtsinnigen
-so gehe. Wie würde ein achtbares Offiziercorps
-es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe,
-wie sie!</p>
-
-<p>Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen
-Worten. Wie ich? fragte sie leise.</p>
-
-<p>Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie
-haben sich des Abends auf der Straße umhergetrieben,
-Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette,
-und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.</p>
-
-<p>Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom
-Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die
-Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde
-sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht
-beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann
-nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie
-sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung
-zu bitten.</p>
-
-<p>Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte
-ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die
-allerdings anders ausschauten, als Klärchens Bilder
-von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige
-Dame, von der Sache nicht zu reden und Klärchen
-bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. Da
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie
-diese Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen
-aufzulösen, soll das von seiner Seite geschehen; er
-soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglückliches
-Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren,
-daß er Sie zur Diebin machte.</p>
-
-<p>Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung,
-sie flehte, sie bat, &ndash; aber vergebens, die Generalin
-blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte endlich
-das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an
-den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglück,
-ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verließe.
-Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift
-kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt
-hatte, trat ihre Mutter ein.</p>
-
-<p>Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte
-Klärchen, Du mußt schnell den Brief zum Grafen
-tragen.</p>
-
-<p>Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich
-habe das Geld schon.</p>
-
-<p>O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar
-nicht nöthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit
-beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch nur
-noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht
-über sie gekommen! Die Mutter war außer sich über
-den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie tröstete, sie
-erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen
-gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie
-ihn aber heut früh im Bette getroffen, und er das
-Geld habe herausrücken müssen. Er brummte freilich
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte,
-das ginge über seine Kräfte.</p>
-
-<p>Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O
-trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief
-dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine
-Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich,
-Mutter, und komm gleich wieder.</p>
-
-<p>Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte
-den Kopf, sie wußte nur: Guste Vogler würde
-kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht
-wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie
-redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte
-sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig
-Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine
-Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen,
-da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich
-die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir
-noch wie mein Rechtsgelehrter.</p>
-
-<p>Klärchen wollte eben auffahren, als es an der
-Thür klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei
-unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.</p>
-
-<p>Soll ich? fragte diese.</p>
-
-<p>Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur,
-aber geh' vor die Thür, sag', ich sei krank.</p>
-
-<p>Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht.
-Jetzt aber mußte sie die Besorgung des Briefes
-an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß
-nicht ohne Antwort wieder zu kommen.</p>
-
-<p>Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf
-war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum
-Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur
-nicht Leuten in das Gesicht sehen zu müssen. Hier
-lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie machte
-sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief
-lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück
-nicht ertragen können, er wird selbst zu ihr kommen,
-er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird
-sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr
-helfen. &ndash; Aber wie ward ihr, als die Mutter
-in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid:
-Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe
-von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher
-Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden Unannehmlichkeiten,
-er müsse sich die Sache überlegen und wolle
-morgen Bescheid schicken.</p>
-
-<p>Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte
-sich in einer solchen Nacht des Unglücks, daß sie keinen
-Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die Sache
-mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden
-Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders
-thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen
-kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne
-doch noch einen tröstlichen Brief bringen, sie dachte
-wenige Tage zurück, wie seine Liebe da so heiß, seine
-Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen;
-aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen
-nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen;
-sie gehörte zu den Tausenden von thörichten Jungfrauen,
-die solchen Versicherungen trauten.</p>
-
-<p>Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die
-Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie sie
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben
-werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber
-man muß der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre
-weichen, wenn auch das Herz darüber bricht. &ndash; Klärchen
-las und weinte, und weinte und las wieder, und
-blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung
-nur hatte sie, den größeren Theil der Goldstücke, die
-der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der
-Mutter nur den kleineren zu geben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen,
-und die warme Frühlingssonne schien auf die
-belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben,
-sie sei krank, das Haus 14&nbsp;Tage lang nicht verlassen;
-eigentlich aber fürchtete sie sich ihren Bekannten zu
-begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter
-hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen,
-und als Grund dazu angeben müssen: Klärchen könne
-das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich darum nach
-einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung
-hätte.</p>
-
-<p>Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen
-für die Frau Generalin zu machen. Die
-Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der
-Straße, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik
-zu Klärchens Ohren. Klärchen aber war betrübt und
-verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das
-lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm.
-Noch unangenehmer aber war es ihr, daß Tante Rieke
-ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, sie
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt
-machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als
-sie gefürchtet.</p>
-
-<p>Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend,
-mußt doch recht krank gewesen sein.</p>
-
-<p>Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte
-hinzu, daß der neue Dienst im Hotel Reinhard gewiß
-passender für sie sein würde.</p>
-
-<p>Aber ein Gasthof! sagte die Tante.</p>
-
-<p>Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu
-thun, entgegnete Klärchen, ich bin die Mamsell, die
-allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das
-Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche
-unter mir. Dazu bekomme ich 60&nbsp;Thaler Gehalt
-und viele Geschenke.</p>
-
-<p>Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen.
-Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht.
-Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der
-Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit,
-wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und
-einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es
-ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem
-Spinnen. &ndash; Bei den Worten beugte sie sich über
-einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als ob ihr
-der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.</p>
-
-<p>Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen
-her? fragte Klärchen.</p>
-
-<p>Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward
-roth dabei, denn sie wußte, daß Fritz Buchstein die
-Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr
-das Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-hat die Blumen in seiner Stube zur Blüthe gebracht
-und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weißen
-Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre
-Köpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen
-lieber, als die Schneeglöckchen, und Benjamin hätte
-mich durch nichts mehr erfreuen können.</p>
-
-<p>Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz
-war matt, sie konnte sich nicht über Blumen freuen.</p>
-
-<p>Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun
-hilf mir, Klärchen, Erbsen legen und Salat säen.
-Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle recht früh zu
-haben. &ndash; Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm
-den bereit stehenden Samen und ging der Tante und
-Klärchen voran.</p>
-
-<p>Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen
-zogen daran, der Erdboden war braun und
-frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen auseinander,
-die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen
-Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben
-girrten auf den Dächern, und in den Nachbarsgärten
-ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch
-Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß
-ihm auf der Schulter und rief: »Jungfer Gretchen,
-so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine
-häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin
-aber flüsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte
-sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, daß
-selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte
-und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den
-Garten und sah über das Staket hinüber, Gretchen
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn
-wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr
-verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhört und
-seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme
-für das arme unglückliche Mädchen fühlte er noch.
-Er wußte ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau.
-Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er,
-ihre Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.</p>
-
-<p>Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen
-Gedanken, sie war so frisch und fröhlich, sein Herz
-freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte wegen
-der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich
-Fritz am alten Fliederbaume über das Staket und
-übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau
-Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein,
-der am Stock gestützt, sich von der Frühlingssonne
-wärmen ließ, schien sich noch mehr zu erwärmen am
-Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.</p>
-
-<p>Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen
-glücklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete,
-das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hübsch
-vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die
-Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie
-fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnöde behandelt
-zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu
-bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen
-Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem
-stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz schon
-möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes,
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-fleißiges, ordentliches Mädchen wie Gretchen
-sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr
-Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen
-Wangen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wieder einige Monate waren vergangen, der
-Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an
-den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen.
-Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt
-und gesäet, daß Alles lustig durch einander blühte.
-Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte
-sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn
-nach einem schönen, warmen Sommerregen brach plötzlich
-ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und
-war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu
-lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue
-Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe
-den Herrn o meine Seele.</p>
-
-<p>Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet,
-ihre Wangen wieder aufgeblüht. Das Gasthofsleben
-gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert,
-man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr.
-Daß dies keinen weiteren Einfluß auf ihr künftiges
-Leben haben würde, wußte sie, es waren Fremde, die
-nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren
-wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und
-wollte überhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun
-haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen
-zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes
-Herz und Bildung mußte der Mann haben, mit dem
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-sie in einem kleinen Stübchen leben sollte. Und einen
-solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der
-Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft,
-er sprach englisch und französisch, ging immer
-in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und hatte
-in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß
-sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam
-Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe
-gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse
-klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie
-jetzt schon heirathen, er hatte 200&nbsp;Thaler Zinsen und
-stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein
-Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse,
-seine Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen
-eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen
-Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er
-malte Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame
-des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin führen,
-und schalten und walten nach Wohlgefallen.
-Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward
-wieder kühn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig
-und mit sich zufrieden. Zum 10.&nbsp;August, Klärchens
-Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung
-zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im
-Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille
-geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem
-Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh
-daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages,
-schon ganz spät dämmerig, ihre Stubenthür
-war nur angelehnt, &ndash; da hörte sie zwei flüsternde
-Stimmen auf dem Korridor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist
-besoffen, hat aber noch so viel Verstand, daß er weiß,
-was ihm noth thut.</p>
-
-<p>Der kann was vertragen! entgegnete die andere
-Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wäre den ganzen
-Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.</p>
-
-<p>Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die
-erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlägt er
-gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat
-den Narren an ihm gefressen.</p>
-
-<p>Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war
-in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war
-der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung
-ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein?
-Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, daß
-sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und
-gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den
-Wein nicht probiren wolle, auch wäre es durchaus
-nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich
-zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß
-der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf
-ihn geübt, hatte Klärchen noch nie gemerkt. Sie fing
-an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun
-gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen,
-er sah so nobel aus, er sprach so schön. Freilich
-leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und näher
-kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner
-Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen;
-ihre eigne Moral war doch eigentlich auch:
-wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es
-die Leute wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-gewesen, war das Unangenehmste bei der Sache.
-Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie
-mußte aus ihrer Ungewißheit kommen, und verließ
-deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen faßte sie an
-ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf
-sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie
-ging in die Küche und erkundigte sich, für wen der
-Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin
-unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett
-und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten
-die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen mußte
-sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht
-merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager
-keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt!
-Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die
-Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah
-um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der
-alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen ließ, wie
-es wollte, &ndash; wenn er betrunken nach Hause kam, war
-die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor
-seinen Schlägen sicher. Und wie mag es vielleicht
-mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen
-wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht
-und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und
-&ndash; wunderlich genug, &ndash; Fritz Buchstein und Tante
-Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und
-strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott,
-von dem sie so viel reden, dich doch für dein leichtsinniges
-Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht
-hätte mit ihrem Sprüchwort: Wie man's treibt, so
-geht's? &ndash; Aber was sollte sie machen? Jetzt wieder
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-zurücktreten &ndash; das war unmöglich, ihr Ruf würde
-darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren
-sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er
-liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja,
-das ist ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich
-Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend
-ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie
-kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles
-zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann
-aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche
-Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen
-ihn bessern, ihn ändern, sie trauen ihrer schwachen
-Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat noch keinen
-Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie
-dieser Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer
-geben sie sich wieder den alten Sünden hin. Einen
-Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht,
-gehört die Kraft von oben.</p>
-
-<p>Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt,
-und als am anderen Morgen Eduard mit seiner
-gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit
-vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber
-sagen mußte sie ihm von dem Gespräch &ndash; zur heilsamen
-Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine
-Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine
-Fehler wußte. Sie erzählte es zwar in dem Sinne,
-als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher Dinge
-glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten
-hören. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen,
-aber Zornesworte mußten die Verlegenheit verbergen;
-er wollte die Schurken verklagen, er wollte
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-ihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und
-so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, daß
-ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine
-genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen.
-Die Anschuldigung des Betrinkens erklärte er
-damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und daß
-die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus,
-ihm nicht wohl gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig
-geworden. O, er that so erzürnt und erboßt,
-daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte,
-um ihn wieder zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen,
-und Beide unterdrückten durch süße Worte ihre
-gegenseitigen beängstigenden Gefühle.</p>
-
-<p>Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke.
-Klärchen hatte die Freude, daß man ihnen überall
-nachsah, &ndash; wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens
-aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm.
-Was wird die hausbackene Grete, was Fritz
-Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen
-Manne gegenüber, und Tante Rieke macht
-einen etwas tieferen Knix.</p>
-
-<p>Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings
-verwundert, Klärchen am Arme eines fremden Mannes
-zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn
-als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr
-ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Bräutigam
-erst forschend und dann ganz erzürnt in die Augen.
-Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich
-ab. Klärchen bemerkte das und wußte gar nicht,
-woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche
-Pause.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht
-so sehr überrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte
-sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.</p>
-
-<p>Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell
-gekommen, und mit Aehnlichem. Der Bräutigam hatte
-während dessen seine Fassung vollständig wieder gewonnen
-und spielte den Beleidigten.</p>
-
-<p>Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts
-einzuwenden haben, &ndash; sagte er gereizt, &ndash; und daß
-ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhältnisse
-sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost
-als solcher nahen darf.</p>
-
-<p>Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die
-Tante sanft, ich wünschte nur, Klärchen hätte mehr
-Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz
-unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns
-ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter
-haben je Ihren Namen gehört.</p>
-
-<p>Ich kenne den Herrn wohl, &ndash; sagte Gretchen
-jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck.</p>
-
-<p>Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so
-vorübergehend, vielleicht im Theater oder in einem
-Kaffeegarten.</p>
-
-<p>Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und
-Eduard ging leicht darüber hin und knüpfte eine lebhafte
-Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich
-schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen
-auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende
-hatte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht
-verhalten. Das mußt Du versprechen, sagte er eifrig,
-mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen
-Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde
-behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen
-von mir wollte, begreife ich nicht.</p>
-
-<p>Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren
-die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen
-ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, &ndash; eher bemitleidet;
-und dahinter mußte etwas stecken. Und daß
-auch die Tante so wenig Freude über den vornehm
-aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja
-das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich
-vor dem zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.</p>
-
-<p>Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß
-Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen.
-Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur
-auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu
-können und den Grund von Gretchens sonderbarem
-Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen
-Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben
-aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der
-dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht recht, wie
-sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat
-mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie
-etwas Unrechtes von ihrem Bräutigam wüßten. Gretchen
-sah verlegen vor sich nieder.</p>
-
-<p>Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen
-möchten wir es Dir recht begreiflich machen, daß wir
-es gut mit Dir meinen. &ndash; Bei diesen Worten nahm
-sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Augen recht herzlich an. Klärchens Herz war
-leichtfertig, aber für die Stimme der Wahrheit hatte
-sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie
-und erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:</p>
-
-<p>Kennst Du Deinen Bräutigam genau?</p>
-
-<p>Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte
-Klärchen. Ich weiß, daß er dem Herrn des Hauses
-Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze Geschäft
-führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen
-wird. Er hat Konnexionen, Vermögen, dazu
-ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus-
-und eingehen, geachtet und geliebt.</p>
-
-<p>Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind
-nur äußere Dinge, und Du könntest bei alle dem
-kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein rechtschaffener
-Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der
-Gott mehr fürchtet, als die Menschen?</p>
-
-<p>Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann
-ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben.
-Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's Eure
-Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.</p>
-
-<p>Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte,
-Klärchen liege ihres Bräutigams Rechtschaffenheit gar
-sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende
-Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz
-war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte
-mit der ganzen Welt hadern mögen.</p>
-
-<p>Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem
-Bräutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann
-überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten
-Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Gretchen für mich manche Krankenbesuche übernehmen.
-Unsere schwerste Kranke war damals ein Mädchen,
-die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und
-jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm
-und verlassen, daß es ihr am Allernothwendigsten
-fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was
-sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber
-auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem
-Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und
-versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer
-umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen
-über den Menschen mit anhören müssen, und die Urtheile
-und Schilderungen von ihm waren nicht fein.
-Als das Mädchen immer elender ward und ihren Tod
-vor Augen sah, war ihr größtes Verlangen, ihren
-Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden
-noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau,
-die schon früher die Unterhändlerin des Liebespaares
-gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber
-immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt
-und die Kranke besonders schwach findet und
-ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untröstlich
-und sagt nur immer, sie müsse Günthern noch
-einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes
-nie gehört und auch nie viel von der Geschichte
-wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr
-Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so
-schmählich verlassen und verstoßen habe, wie sie sich
-lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande,
-der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und
-so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-die Frau herein, die immer an Günther abgeschickt
-war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will
-schnell gehen, aber der Mann steht in der Thür, ehe
-sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die
-Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe
-nun, &ndash; und dazu weint sie bitterlich. &ndash; Das ist
-meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin
-heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende
-hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit
-hier zu stehen. &ndash; Du hast mich so elend umkommen
-lassen, schluchzt die Kranke wieder. &ndash; Ich? ruft er
-da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben;
-seine Schuld sei es nicht, daß sie krank geworden, und
-sie habe Verwandte, die mehr hätten als er, die sollten
-sich nur um sie bekümmern. &ndash; Die Kranke kann
-vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen,
-er aber zieht sich zurück. Da kann sich Gretchen
-nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine
-Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das
-sind Alles unnütze Reden, die Arme wird nicht lange
-mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so
-harte Worte von Ihnen hören. &ndash; Er ist ganz erschrocken,
-denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht
-gesehen, und führt nun eine andere Sprache und läßt
-auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das
-Mädchen todt.</p>
-
-<p>Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster
-Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der
-Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus.
-Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht,
-sie lief mit eilenden Schritten über die Straße und
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie
-in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein
-Verhältniß vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich
-mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der
-geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und
-der besonders weit über Tante Rieke und über Greten
-stand. &ndash; So gingen ihre Gedanken anfänglich durch
-einander. &ndash; Als sie aber eine halbe Stunde geweint,
-und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und
-wenn die ganze Geschichte wahr wäre, dachte sie, was
-hat er eigentlich verbrochen? Daß ich seine erste Liebe
-nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja
-auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen,
-und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts
-gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die
-eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern
-entschuldigen und so die Last beider tragen. Daß das
-Mädchen so dumm war, sich verführen zu lassen, fuhr
-sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm,
-die Arme so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie
-ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln
-konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das
-einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen
-blieb, und daß gerade ihre Verwandten so tief hinein
-blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die Sache nicht
-mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt.
-Wenn sie einst Herrin eines großen Hotels ist, es
-bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne
-geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte,
-so fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache
-mit dem Aufgeben mußte doch überlegt werden, und
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit
-so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen?
-Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in
-den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten
-sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse,
-und um so demüthiger werden und ergebener. Als
-er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften zu
-ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen
-flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem
-bösen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte
-nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte.
-Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben,
-er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und
-Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die
-absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm
-Klärchen abspenstig zu machen. Wer weiß, in welchen
-Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern sich,
-sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr.
-Von der Kranken erzählte er: sie sei Hausmädchen
-hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhältniß
-mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen,
-sei liederlich geworden und so herab gekommen.
-In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er
-habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich
-durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen,
-weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. &ndash;
-Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche
-Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du
-mußt mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen
-Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei
-ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht
-lieb, daß sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben
-haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie
-sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen,
-daß ich je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. &ndash;
-Hierauf begann er seine Pläne für die nächste Zukunft
-zu entwickeln. Die malte er so glänzend, so herrlich,
-daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle
-seine Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen
-zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter
-heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar
-nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue
-Wohnung gerade gegenüber schon angesehen, die sollte
-mit Mahagoni-Meubeln und allen möglichen Luxussachen
-ausgestattet werden, und Klärchen sollte da
-allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler
-sollte sie jährlich bekommen, außer den Sachen, die
-hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als
-Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie
-sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung
-versprochen, brausete Günther von Neuem auf.
-Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich
-werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre
-Verleumdungen, als für ihre Hochzeitsgeschenke, ich
-könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde sie
-nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau
-nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig
-meine Ehre angegriffen. &ndash; Klärchen machte einige
-Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch
-immer mehr gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese
-Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tante
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach
-den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte
-er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los
-werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In
-dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ
-sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen
-Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem
-Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen
-lassen, ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief
-mitgegeben, den Günther heut Morgen an die Tante
-geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen
-dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther
-gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben.
-Frau Krauter trug den Mantel auf beiden
-Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das
-Unglück und über den Leichtsinn der Welt; hier redete
-sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung
-der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher
-Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte
-sie zeitweise ein herrliches Leben geführt, sie erwartete
-nun den Himmel von Klärchens eigenem Hotel. Als
-sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete
-sie gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite,
-und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn
-Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre
-doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist
-nicht Dein Geschmack, und Du mußt es mit Deinem
-Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter
-doch theilweise Recht geben. Entweder! oder!
-hieß es jetzt, und da sie den Bräutigam nicht fallen
-lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen
-und ihr zu sagen, wie unglücklich sie über ihres
-Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr
-liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse
-sie sich in seinen Willen fügen und den Umgang mit
-der Tante für jetzt abbrechen, &ndash; doch nicht für lange,
-denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und
-die Tante um Verzeihung bitten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es war der 25.&nbsp;September. Klärchen stand vor
-dem Spiegel und legte die rosa Schürze um den weißen
-Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war
-nun bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen.
-Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz
-im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren und war
-als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte
-darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die
-Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in
-der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair
-mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau,
-ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener
-und Mutter Krauter waren die Mitglieder der
-Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese
-Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paßten, aber
-auch Günther war in dieser Gesellschaft ein Anderer,
-als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte
-anders, er sprach anders und ließ sich in seinem ganzen
-Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich
-hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und
-das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-umgehen, tröstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte
-heut Morgen ein Chokoladenfrühstück nehmen. Klärchen
-hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen
-Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen
-und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie
-eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre
-Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah
-schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich
-wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:</p>
-
-<p>Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es
-Dir noch so glücken würde, Du kleiner Brausekopf.
-Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging
-Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß
-wir nun eingelaufen sind in den Hafen!</p>
-
-<p>Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens
-die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da
-selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen
-wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich,
-aber guter Laune ein. Die Gäste folgten bald, es
-ward Chokolade getrunken, Frau Krauter ließ es sich
-von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte
-der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk.
-Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend,
-verließ das Zimmer und kam bald mit einem Arm
-voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die
-Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen
-sah ängstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war
-er schon im angeregten Zustande herüber gekommen,
-denn sie sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm
-die Hände zitterten. Sie hätte gern Einspruch gethan
-gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute sie
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte
-sie, daß Günther in solchen Dingen sich nichts sagen
-ließ. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die
-Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß
-ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und
-daß ihm der Wein sehr schlecht bekommen würde. Er
-ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten auffallend,
-seine Zunge lallte. Doch war er nicht der
-Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte
-der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern
-hatte sich schon entfernt. Die Frauen
-drangen jetzt auf die Auflösung der Gesellschaft. Das
-war mit den angetrunkenen Männern nicht leicht zu
-bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und
-Klärchen war mit dem Mann und der Mutter allein.</p>
-
-<p>Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken,
-weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm
-Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett.
-Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte,
-Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und
-Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie
-hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte
-sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich
-auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die
-Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein
-lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel
-war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen,
-und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja
-unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war
-schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie
-war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlich
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel,
-der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke,
-die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte
-sich nie eine schönere Wohnung träumen können, &ndash;
-und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so
-unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust
-an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman,
-der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im
-Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens
-zu zerstreuen.</p>
-
-<p>Als Günther nach einigen Stunden wieder zum
-Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in
-Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte
-er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen
-versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein,
-und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der
-eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die
-Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das
-blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches
-Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete
-über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und
-verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche
-Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen,
-Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige
-und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe
-ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und
-Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh,
-dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog.
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner
-Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein
-Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt'
-es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem
-Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.</p>
-
-<p>Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen
-im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen,
-blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal
-in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze,
-bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein,
-dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht
-lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch
-nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege,
-an Mitteln fehlt's Dir nicht.</p>
-
-<p>Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und
-Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah,
-war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen
-hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen
-und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen
-sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel
-geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm
-vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den
-Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr
-dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues,
-starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern.
-Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend
-sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit
-zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht
-schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen
-singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber
-und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang
-sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte
-er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit
-in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren,
-nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in
-die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon
-längst die Gedanken meines Herzens. &ndash; Gretchen
-nickte.</p>
-
-<p>Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort,
-und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich
-zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so
-gern möchte.</p>
-
-<p>Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja
-nicht werth solches Glückes.</p>
-
-<p>Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter,
-legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre
-Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den
-Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der
-Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer
-Braut! &ndash; Ja, Du alter Benjamin steckst Deine
-Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich
-Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und
-Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem
-fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus.
-Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte
-er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und
-der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele«
-&ndash; ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen,
-mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin
-ebenfalls:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
- &nbsp;&nbsp;Ich will ihn loben bis in Tod!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Will ich lobsingen meinem Gott;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Leib und Seel' gegeben hat,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Werde gepriesen früh und spat.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Selig, ja selig ist der zu nennen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Deß Hülfe der Gott Jacob ist,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und hofft getrost auf Jesum Christ.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wer diesen Herrn zum Beistand hat,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Am besten findet Rath und That.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus,
-um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber
-mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen
-weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner
-Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich
-einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung
-zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen.
-Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz
-das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten
-und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der
-Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock
-langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren
-Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig,
-und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater
-entgegen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem
-Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag
-vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten,
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie
-fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte
-sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit,
-that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken
-und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam
-Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn
-Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger
-nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so
-dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan.
-Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen
-gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren
-alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken,
-und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt
-angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später,
-sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar
-eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.</p>
-
-<p>Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich
-nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt
-mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr
-beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig
-aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob
-Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem
-hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß,
-so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und
-Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder
-beruhigte.</p>
-
-<p>Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der
-Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im
-Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne
-holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig,
-auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der
-im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte,
-und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit
-einem Kameraden gehalten.</p>
-
-<p>Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.</p>
-
-<p>In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen,
-sagte der Junge spöttisch.</p>
-
-<p>Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren
-Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen
-hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden
-Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, &ndash;
-fünf tausend Thaler, &ndash; das soll gehen, &ndash; das muß
-gehen. &ndash; Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich.
-Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!</p>
-
-<p>Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und
-wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber
-es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche
-Worte. Jetzt klopfte es an der Thür.
-Klärchen fragte, wer da sei.</p>
-
-<p>Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und
-Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.</p>
-
-<p>Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen
-den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige
-Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein
-zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf
-ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut
-auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand
-auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum
-Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte
-sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie
-ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu
-Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen,
-da machte er sich mit einem mal los, gab ihr
-einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig
-und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren?
-Hier, zieh meine Stiefeln aus! &ndash; Klärchen
-stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem
-erniedrigenden Dienst hergeben können. &ndash; Willst
-Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich
-gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte
-sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr
-Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. &ndash; Allons!
-sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und
-streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit
-dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß
-sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich
-zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr
-noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder
-mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend
-Thaler! lallte seine Zunge, &ndash; zehntausend Thaler &ndash;
-und dann links um kehrt! &ndash; Klärchen hatte sich in
-eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch,
-aber seine Worte wurden immer unverständlicher,
-bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.</p>
-
-<p>Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das
-Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete
-sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit
-ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis
-sie vor Ermüdung einschlief.</p>
-
-<p>Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür
-nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr
-Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher.
-Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich
-aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er
-sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast
-Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer
-überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst
-von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß
-wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen,
-dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse
-ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal
-Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend
-nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann
-er zu reden.</p>
-
-<p>Warum hast Du mich gestern hier in der Stube
-sitzen lassen?</p>
-
-<p>Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du,
-was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder
-Stimme.</p>
-
-<p>Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug
-von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt
-nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln.
-Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft
-zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.</p>
-
-<p>Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt
-habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter
-Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit,
-und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?</p>
-
-<p>Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt.
-Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier
-so fortfahren sollen.</p>
-
-<p>Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer
-schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal
-seine Unthaten, er klagte <em class="ge">sie</em> an. Das war das
-erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich
-war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu
-sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte
-ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des
-Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam,
-dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt,
-ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit,
-trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit
-als die Mutter.</p>
-
-<p>Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander
-gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur
-mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast
-nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder
-besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld,
-denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast
-gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein
-Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das
-Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich
-das Verhältniß wieder hergestellt, aber der
-Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte
-sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien
-machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Weihnachten kam, und Günther schien es darauf
-abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz
-wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte
-von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut,
-wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen
-konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten
-auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche
-zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau
-Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen
-bedacht, &ndash; so gab es nur fröhliche Gesichter.</p>
-
-<p>Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die
-Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser
-Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung
-sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich
-der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen
-die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen
-ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie
-beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten
-in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr
-gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht
-hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr
-als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel
-sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante
-Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn
-strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um
-so ernste Gedanken haben zu können.</p>
-
-<p>Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in
-der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen
-ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl
-die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in
-eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-Tönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen
-sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da
-komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr
-wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut,
-und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit
-zu lesen und zu singen:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Es ist der Herre Christ unser Gott,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der will euch führ'n aus aller Noth,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Er will eu'r Heiland selber sein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von allen Sünden machen rein.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Er bringt euch alle Seligkeit,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Gott der Vater hat bereit't,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß ihr mit uns im Himmelreich</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sollt mit uns leben ewiglich.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch
-noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. &ndash; O wie
-glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller
-und lustiger als der andere, die Welt so lachend, &ndash;
-warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer
-weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe
-keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante
-Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du
-kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen,
-setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers
-zog sie wieder von ihren Gedanken ab.</p>
-
-<p>»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset
-uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann
-er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete
-er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum
-es herab gekommen von seinem hohen Himmel,
-was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten
-folgen mußte. &ndash; »Wie groß und unaussprechlich ist
-die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend
-und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und
-bangen vor dem ewigen Gericht, &ndash; unser Gewissen
-sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen,
-daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören.
-Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein
-Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt
-uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von
-Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen
-Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie
-müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches
-Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige
-Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst
-für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du
-kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen,
-mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen.
-O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich,
-ich will Dein sein auf ewig!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch
-nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war
-ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt
-weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie
-es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden.
-&ndash; Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten
-seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor
-Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen
-Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre
-Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene
-Klärchen.</p>
-
-<p>Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit
-der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres
-Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen
-Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt
-war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen
-und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen
-reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging
-im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her,
-bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie:
-Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn
-Ihr es erlaubt, komme ich bald. &ndash; Bei den letzten
-Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie
-eilte hinweg.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler
-wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne
-Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen
-möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward
-erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und
-gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter
-das neue Jahr verkündete.</p>
-
-<p>Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten
-schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung,
-und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen:
-Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird
-der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer
-weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in
-weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! &ndash;
-Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. &ndash;
-Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod
-nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau.
-Ich sehe nicht ein, &ndash; wenn ich mich alle Tage vom
-Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein
-Vergnügen haben. &ndash; Ist denn das was so Schlimmes,
-wenn es mal ein Paar Stunden drunter und
-drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht,
-wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn
-den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder
-seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein
-Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem
-Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.</p>
-
-<p>Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit
-vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen,
-und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch
-hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und
-war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen
-hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat
-sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle
-Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst
-kein Engel. &ndash; Günther stimmte lachend ein, und es
-war sehr gute Stimmung im Haus.</p>
-
-<p>Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr
-fein und anständig her, doch Frauen und Männer
-wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und
-das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.</p>
-
-<p>Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch
-von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab
-Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen
-an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher
-Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn
-hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen
-und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter
-Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie
-sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte
-ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden.
-Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich
-gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen,
-die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen
-auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe
-hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie
-ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken,
-in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser
-Unruhe nicht.</p>
-
-<p>Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und
-die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit
-waren, da verfügte die Frau Rendantin die
-Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen.
-Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette,
-schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen
-Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die
-Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau,
-wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es
-nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig
-blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die
-Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde
-Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und
-immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend
-bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt
-in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen
-sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie
-selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes
-in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr
-nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr
-bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl
-dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet.
-Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht;
-an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden,
-fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun
-einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.</p>
-
-<p>Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen
-sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß
-kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens
-und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei
-dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken
-sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese
-Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben.
-Günther, der in der freudigen Aufregung, in
-der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche
-guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung,
-um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren
-zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber
-tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und
-Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang
-Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen
-unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr,
-um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch
-um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen.
-Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-darin von ihrem verstorbenen Manne her,
-und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war
-erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete
-sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte
-ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur
-konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem
-Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war,
-eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur
-die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie
-konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und
-der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr
-erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.</p>
-
-<p>Und es ging wild her, wilder als da die Frauen
-dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn
-sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte,
-und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst
-diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller
-und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei
-war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das
-des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei
-Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant
-lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten
-auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme
-fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten
-Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich
-sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen
-kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die
-Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter;
-blindlings schlug er zu, und beide konnten sich
-nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. Dem
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte
-sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in
-der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und
-mit blutender Nase, &ndash; dahin gerade war ein Faustschlag
-gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das
-Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie
-freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt
-geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete,
-das Laster ihres Mannes so beschönigt zu
-haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne.
-Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen
-sie keine Minute sicher sei. Sie wollte
-wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und
-Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von
-der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da
-Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt
-ruhig sein.</p>
-
-<p>Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den
-Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral
-bleiben und wenigstens für eine warme Stube und
-für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen
-an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was
-er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte
-er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die
-Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten
-sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts
-angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt
-und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er.
-Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens
-Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie
-solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-ließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend
-und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen.
-Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort,
-und ihr Herz wollte brechen. Mit <em class="ge">dem</em> Mann konnte
-sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los
-kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der
-ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte
-sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück
-vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht
-auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen
-Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da
-sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten,
-sich dabei beruhigt.</p>
-
-<p>Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther
-sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr
-ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die
-Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich
-seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde
-fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter
-immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren
-sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob
-die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein
-Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten,
-die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich
-weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht,
-wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen
-Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände
-nicht zu rühren. &ndash; Klärchen entgegnete, sie wollte
-lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche
-Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen.
-&ndash; Du wohl! sagte dann die Mutter wieder,
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so
-gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich
-schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken.
-&ndash; Ja, das Kind! seufzte Klärchen. &ndash; Und
-das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin
-sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich
-allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind
-noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum
-manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu
-scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch
-am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte,
-sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie
-sich gefallen lassen.</p>
-
-<p>In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in
-der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in
-die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare
-Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die
-Seele getreten. &ndash; Aber der Prediger sprach diesmal
-sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und
-Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder
-zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom
-Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst
-und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und
-dem Gerichte der Zukunft. &ndash; Klärchen ward durch
-diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage
-nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit
-den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem
-nie wieder in der Kirche gewesen.</p>
-
-<p>Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen
-schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen
-blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen.
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die
-Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie
-gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte
-sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit
-und ging lieber allein seinem Vergnügen nach.
-Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in
-romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht
-hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr
-als je auf Händen getragen und vergöttert werden.
-Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen
-Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.</p>
-
-<p>Eines Sonnabends Abends&nbsp;&ndash;, es war Anfangs
-Mai&nbsp;&ndash;, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute
-auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen
-Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam
-eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie
-waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln
-und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen.
-Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick.
-Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch
-mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm
-Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und
-überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so
-leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem
-Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden.
-&ndash; Doch spazieren gehen könntest du zuweilen
-auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja,
-heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch
-und wanderte zum Thore hinaus.</p>
-
-<p>Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem
-weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend,
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit
-der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht
-hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne,
-als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke
-entgegen ging. O wie die Lerchen dem
-blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit
-überall und tiefer Frieden! &ndash; Sie trat in den
-Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten,
-vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue,
-Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden
-Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und
-Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber
-in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall
-in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie
-schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen
-und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch <em class="ge">dein</em>
-lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen,
-trat aber erschrocken zurück, &ndash; in einer Fliederlaube
-saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander.
-Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen
-und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte
-einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen
-und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt
-erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens
-Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte
-sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ
-den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie,
-nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück.
-Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch'
-eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit
-geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-rechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge
-es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich
-weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen
-kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen?
-Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst,
-ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch
-auch nicht helfen. &ndash; Sie schlich sich aus dem Garten,
-brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke
-und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen
-durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte
-sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch
-morgen keine Lust dazu haben sollte&nbsp;&ndash;, denn sie kannte
-den Wechsel ihrer Stimmungen&nbsp;&ndash;, sie wollte doch gehen
-und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen
-halten.</p>
-
-<p>Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz
-in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal
-eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die
-Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit
-des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer
-Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst
-und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen
-erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel
-getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich
-und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er
-sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete
-Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle
-Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen!
-Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen?
-Und wie soll er dir helfen? &ndash; Klärchen meinte,
-wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging,
-in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der
-Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe
-zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen
-nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel
-versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen
-Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich
-geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm
-näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war
-ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem
-nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke
-ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit
-Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;
-<em class="ge">der</em> ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu
-gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.</p>
-
-<p>Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die
-volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere
-Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch
-Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens
-Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen
-ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen
-steht, könntest du auch stehen, und was ist das
-für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert
-und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer
-eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines
-Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand
-er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem
-Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die
-Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger
-die Versammlung aufforderte, für das junge Paar
-mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zum
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches
-Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens
-Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten,
-fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und
-wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen
-geschenkt, so war es doch immer, als ob er
-Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse.
-Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren
-geben.</p>
-
-<p>Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit
-dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen
-war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit
-darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten
-in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther
-sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein
-jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete
-doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere
-Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und
-Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis
-zur Geburt ihres Kindes.</p>
-
-<p>Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens.
-Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam
-gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon
-in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft
-unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt,
-jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und
-dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und
-das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen
-Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in
-den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten
-seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er
-sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und
-versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei
-an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und
-forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse,
-um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen
-hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber
-die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem
-Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen
-zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß
-sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf
-Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche
-getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum
-hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber
-daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund
-ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben.
-Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens
-Namen bekam.</p>
-
-<p>Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen
-sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der
-Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der
-Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen
-und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr
-30&nbsp;Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen
-Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde
-bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte
-schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das
-Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen
-geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß
-am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu
-eng geworden, aber auch außen war es nicht besser,
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte
-ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher
-als früher, Günther wie umgewandelt, &ndash; sollte
-der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr
-Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das
-Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte
-daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins,
-und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in
-äußeren Dingen.</p>
-
-<p>Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard
-mit noch zwei Männern aus dem Hotel und
-eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen
-entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem
-Manne.</p>
-
-<p>Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen,
-und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist
-heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den
-Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren
-gehen.</p>
-
-<p>Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen
-fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß
-wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und
-sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das
-Werk.</p>
-
-<p>Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen,
-ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard
-erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther
-ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie
-er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine
-Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche
-Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-gegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen
-Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau
-Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die
-Verwirrung. &ndash; Im Schranke fand man nichts. Klärchen
-erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze
-Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe.
-Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute
-und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten,
-und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt,
-laut dazwischen schrie, kam der Postbote und
-brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie
-ihn und las:</p>
-
-<p>Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile.
-Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg
-und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff,
-das mich nach London und dann weiter nach
-Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine
-Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und
-komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen.
-In der Vorstadt St.&nbsp;Pauli Nr.&nbsp;10. wirst Du, wenn
-Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen,
-wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt
-nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß
-mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich
-und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen
-Armen empfangen und in unser Hotel führen, da
-sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die
-Dich jetzt drückte, bald vergessen. &ndash; Du kommst!
-ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.</p>
-
-<p>Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch
-Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm
-entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten,
-was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte,
-sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem
-Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen
-ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren
-Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie
-gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und
-die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen,
-denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft
-hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und
-Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst
-einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer
-Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr
-wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit
-begonnen und geendet in Jammer und Noth.
-Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das
-jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter
-war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu
-machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem
-ihr Klärchen die 30&nbsp;Thaler im Nähkästchen gezeigt,
-war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart
-und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe
-Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben
-Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im
-Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie
-saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf
-die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls.
-Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn
-sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und
-Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in
-ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen
-und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke
-sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden
-wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch
-neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen,
-hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen
-Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal
-in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die
-Stephani-Kirche! &ndash; dachte Klärchen weiter, es hat
-dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete
-nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres
-Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott.
-Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes
-Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die
-zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben
-vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein
-zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute
-und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn
-gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt,
-daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen
-sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte
-Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne
-Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine
-Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß
-zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben
-bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt,
-und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innerer
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über
-den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen,
-der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja,
-sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor
-noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben.
-Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich
-ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt,
-daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich
-nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos
-sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich
-wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich
-und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt,
-wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der
-liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller
-Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte
-oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr
-kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken.
-Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der
-Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude,
-als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für
-das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein!
-O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte
-und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind
-an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm
-sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen
-gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die
-dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben,
-damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.</p>
-
-<p>Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte
-Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert,
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen
-konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein
-so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos
-dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte
-nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust
-legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen
-oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von
-den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe
-aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen
-erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und
-Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte
-vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man
-mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz,
-sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen
-Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger
-und fühlte sich bald wie neugeboren.</p>
-
-<p>Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben.
-Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da
-ist der Boden locker und der Same findet eine gute
-Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es.
-Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte
-gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre
-Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte
-sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie
-hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach
-ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von
-der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte
-machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz.
-Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde,
-ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland
-kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sünden
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust
-und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden,
-den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört
-durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld
-kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie
-die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie
-selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn,
-ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie
-vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden.
-Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber
-auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte
-sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken
-sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen,
-ob er sie nicht gar sehr verachte und gering
-schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein
-Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges
-Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses
-Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm
-zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte:
-Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch
-zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung
-diese Erlaubniß geben.</p>
-
-<p>Bald darauf, &ndash; Klärchen war allein mit ihrem
-Kinde im Zimmer, &ndash; öffnete sich die Thür und Fritz
-trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten
-Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich
-kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie
-erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie
-zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend.
-Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen
-sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Worte
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und
-weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte
-sich los und trat schweigend an das Fenster. Die
-Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein
-klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst
-setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte
-zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen,
-die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere
-Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm
-sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen.
-Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der
-Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch
-solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder
-zusammen spielen und groß werden könnten. Die
-Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen
-athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen.
-Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens
-Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als
-möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden
-Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen
-sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder
-nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren
-und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen
-innig und zärtlich an das Herz und bemerkte
-nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde
-ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen
-Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit
-hatte natürlich auch das Kind halb verkommen
-lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben,
-und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen
-Zustande.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche.
-Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit
-und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher
-Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete
-ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen,
-sondern nur in der Gnade und Liebe des
-treuen Herrn.</p>
-
-<p>Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten
-Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie
-sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese
-Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren
-Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank
-belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten.
-Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog
-sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich
-immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen
-freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging,
-sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten
-Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so
-oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte
-Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im
-Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen
-Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft.
-Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte
-sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die
-Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor
-den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es
-sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!</p>
-
-<p>Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob
-sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte
-von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um
-Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich
-aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend
-Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln,
-daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.</p>
-
-<p>Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden,
-sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese
-sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem
-Unglück gehört, und bedaure Sie.</p>
-
-<p>Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach
-sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich,
-als da ich bei Ihnen war. &ndash; Die Generalin machte
-ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort:
-Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde
-mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur
-nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme
-zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt'
-es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung
-zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht,
-o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. &ndash;&nbsp;&ndash; Klärchen
-konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau
-Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten
-Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und
-sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten
-ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch
-weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft,
-und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern
-wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben
-und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war
-gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade
-Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend
-gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen
-wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar
-zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden
-könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im
-Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit
-verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und
-fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.</p>
-
-<p>Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer
-gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz
-voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr
-wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern
-bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch
-schwere Wege.</p>
-
-<p>Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das
-kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte
-zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie
-andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr
-durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen,
-blauen Augen, faßte die welken Hände und sah
-flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr
-nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte
-sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und
-du willst nicht aufhören zu bitten.</p>
-
-<p>Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante
-und anderen Bekannten nach deren Meinungen über
-das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie
-schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre
-hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie,
-du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe
-Gott wird das segnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging,
-Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte,
-wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren
-zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen
-erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur
-Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer,
-sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward
-er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen
-konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber;
-zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in
-den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu
-denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der
-Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging
-sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr
-blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von
-<em class="ge">einer</em> Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung
-von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit.
-Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft,
-war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte
-den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen
-gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört
-und mit jedem Tage glücklicher fühlen können,
-wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber
-die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen,
-und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um
-willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen:
-Herr, hier bin ich.</p>
-
-<p>Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war
-früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der
-herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen
-Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen,
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes
-Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise
-nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als
-ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit
-des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit
-von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie
-gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer
-Vater, halte mich so wie Du mich in diesem
-Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen,
-ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier.
-Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige
-Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen
-die matten Augen auf, die Mutter drückte es
-heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb
-Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte
-die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz
-konnte sich beugen.</p>
-
-<p>Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange,
-sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen,
-auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei.
-Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig
-sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie
-auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen
-meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können,
-merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht
-so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem
-Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet
-mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten
-ging es leidlich, der Hausstand hatte noch
-nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen
-milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-machte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte
-Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne
-Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch
-die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke
-ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So
-ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat
-zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht
-wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr
-zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen
-hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr
-leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die
-Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel
-und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten
-allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig
-eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt
-werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch
-Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren,
-so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor,
-und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos
-vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges
-Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten,
-aber die Mutter brachte einen Thaler dafür.
-Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß
-Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes
-in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges
-warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden
-Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel,
-noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme
-Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht
-mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb
-Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren,
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal
-Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon
-sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen,
-kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen
-einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen
-fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun
-geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor
-allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen
-Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das
-Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch
-in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen
-wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den
-weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus
-ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen,
-kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie
-kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte,
-oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen
-war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen
-Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen,
-die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter,
-die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und
-ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum
-Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach,
-konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als
-eine wohlverdiente Schuld.</p>
-
-<p>Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider,
-an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das
-Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb
-mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der
-Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich
-verlangend darauf. Fritz, der für Klärchens
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß
-hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh
-ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er,
-sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie
-vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte
-zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten
-und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein
-und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer
-Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen,
-weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande
-was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als
-Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers
-und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr
-einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer
-noch flogen ihre Glieder vor Frost.</p>
-
-<p>Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.</p>
-
-<p>Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen &ndash;
-hier stockte Klärchens Stimme.</p>
-
-<p>Warum hast Du keinen Mantel um? &ndash; fuhr die
-Tante fort &ndash; was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich
-das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock
-auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die
-Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?</p>
-
-<p>Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich
-habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts!
-Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht
-gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke
-sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte
-leise weinend:</p>
-
-<p>O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen
-für meine Mutter und mein Kind.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand
-noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte
-er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung.
-Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend,
-die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen
-machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als
-Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die
-Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern
-im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar
-an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen
-machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ;
-freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank
-gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen,
-aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine
-Schuld.</p>
-
-<p>Als er darauf den Abend allein saß und dem
-neuen Jahr entgegen wachte, &ndash; denn sein alter Vater
-war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den
-vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, &ndash; da gingen
-seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es
-waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden
-Worte gesprochen, &ndash; wie hatte sich seitdem alles geändert!
-Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete
-erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er
-von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch
-die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine
-Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr.
-Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel
-gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre
-Herzen verklären möge, daß er sie <em class="ge">einen</em> Weg führe
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig
-vereinigt halte.</p>
-
-<p>Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war,
-saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden
-Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt
-schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb'
-und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das
-Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott
-nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er
-es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! &ndash;
-Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr,
-und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen.
-In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und
-Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte
-es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich
-und äußerlich welkte sie dahin.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der
-warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank,
-und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte
-die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse
-Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen,
-und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette
-gebunden war, stand sie ganz allein. Nur
-Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war
-er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung,
-wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles,
-was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So
-gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin.
-Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der
-Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim
-Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchen
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-empfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte
-und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines
-Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht
-mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein
-Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie
-wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe
-Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen.
-Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst
-und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten
-Händen im Hause, Gretchen lag in schweren
-Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief
-zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er
-hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb
-die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte
-Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte
-Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch
-länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt
-laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße,
-als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.</p>
-
-<p>Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.</p>
-
-<p>Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen,
-sein Name sei gelobt ewiglich, &ndash; sagte die
-Tante bewegt.</p>
-
-<p>Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten
-Athemzug von des Kindes Lippen.</p>
-
-<p>Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns
-beten, wir sind jetzt beide kinderlos, &ndash; Thränen erstickten
-ihre Stimme, &ndash; auch mein Gretchen ist hinübergegangen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort,
-laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er
-uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.</p>
-
-<p>Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen;
-aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden,
-die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten
-sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten
-Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem
-Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn
-willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie,
-und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich!
-eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen,
-der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie
-konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem
-Herzen heiße Thränen weinen.</p>
-
-<p>Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten
-die Last ihres Gewissens und machten sie zum
-Kinde Gottes.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Klärchens äußeres Leben war bald wieder im
-alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie
-gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte,
-wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig
-ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm
-und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken
-zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr
-Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam
-zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit.
-Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter,
-ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen
-überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen
-sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden
-Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche
-Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr
-bis zum Lebensende so zu erhalten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter.
-Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und
-die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und
-fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn
-selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die
-Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu
-denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte.
-Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes
-Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt
-sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten.
-Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen
-des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner
-Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton
-in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in
-seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn
-nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte
-ihr nicht länger zürnen.</p>
-
-<p>Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich
-nie wieder ganz erholt und immer gekränkelt hatte,
-mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen durfte
-sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege
-diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der
-Mutter Leben schnell ein Ende.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, &ndash;
-die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in
-ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als
-der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens
-Fenster neben blühenden Schneeglöckchen. Der
-alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe
-zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und
-Klärchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern
-und fröhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: »Klärchen,
-so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie:
-Lobe den Herrn, o meine Seele! &ndash; Fritz arbeitete
-rüstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus,
-und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klärchens
-blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt,
-wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt.
-Als aber der Frühling immer schöner hervorbrach,
-Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch
-Fritz nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen
-Himmel seiner Liebe schauen.</p>
-
-<p>Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren
-Stand und trägt nur dunkle Strümpfe, feste Lederschuh
-und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schöner
-erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen
-ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im
-Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes Enkelchen auf den
-Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen
-zur Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen
-Fenster der Werkstatt und singt mit schöner Stimme:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
- &nbsp;&nbsp;Lobe den Herrn, o meine Seele,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich will ihn loben bis in Tod!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Will ich lobsingen meinem Gott;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Leib und Seel gegeben hat,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Werde gepriesen früh und spat.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Halleluja, Halleluja.</td></tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
-
- <tr><td class="tdl">&nbsp;&nbsp;Selig, ja selig ist der zu nennen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Deß Hülfe der Gott Jacob ist,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und hofft getrost auf Jesum Christ.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wer diesen Herrn zum Beistand hat,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Am besten findet Rath und That.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Halleluja, Hallelujah.</td></tr>
-</table>
-
-
-<p class="ce fss mt4"><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Druck von Ed. <span class="ge">Heynemann</span> in Halle.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-<div class="mw48">
-
-<p class="pb ce mt6"><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> erschien und ist in allen
-Buchhandlungen zu erhalten:</p>
-
-<p class="tdl fsl"><span class="fsl"><b>Gutzkow</b></span> (Karl), <b>Die Ritter vom Geiste</b>. Roman
-in neun Büchern. <span class="ge">Zweite Auflage.</span>
-Neun Bände. 8. 11&nbsp;Thlr.</p>
-
-<p>Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's großartiges
-Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen Deutschlands
-gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch nöthiggewordene
-<span class="ge">zweite unveränderte Auflage</span> desselben, um auch diejenigen zur
-Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen Genuß noch
-nicht verschafften.</p>
-
-
-<p class="mt2 ce fsxl"><b>Levin Schücking's neueste Romane.</b></p>
-
-<p>Bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> erschien und ist in allen
-Buchhandlungen zu erhalten:</p>
-
-<p class="tdl fsl"><b>Der Bauernfürst.</b> Zwei Bände. 8. 4&nbsp;Thlr.</p>
-
-<p class="tdl fsl"><b>Die Königin der Nacht.</b> Roman. 8. 1&nbsp;Thlr. 24&nbsp;Ngr.</p>
-
-<p>Die beiden neuesten Romane <span class="ge">Levin Schücking's</span>, eines unserer beliebtesten
-Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes« (1849),
-»Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß am Meer«
-(1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.</p>
-
-
-<p class="mt2 ce">Erschienen ist bei <b>F. A. Brockhaus</b> in <b>Leipzig</b> und durch
-alle Buchhandlungen zu beziehen:</p>
-
-<p class="tdl fsl"><span class="fsl"><b>Italienischer Novellenschatz.</b></span> Ausgewählt und übersetzt
-von <b>A.&nbsp;Keller</b>. Sechs Teile. 12. Jeder Theil
-1&nbsp;Thlr. 10&nbsp;Ngr.</p>
-
-<p>Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem rühmlichst
-bekannten Professor <b>A.&nbsp;Keller</b> in Tübingen übersetzt, als eine chronologische Reihe
-von charakteristischen Proben der italienischen Erzählungskunst, eine Geschichte der
-italienischen Novellistik in Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der
-anerkannten Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten
-Beiträge zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen Publicum
-die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen Erzählers,
-Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem Plane ausgeschlossen, weil dieselben
-bereits in der »ausgezeichneten« Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche
-den Titel führt:</p>
-
-<p class="tdl fsl"><b>Boccaccio</b> (Giovanni), <b>Das Dekameron</b>. Aus dem Italienischen
-übersetzt von <b>K.&nbsp;Witte</b>. <span class="ge">Zweite</span> verbesserte
-Auflage. Drei Theile. 12. 1843. 2&nbsp;Thlr. 15&nbsp;Ngr.</p>
-
-<p class="ce mt2 fss">Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.</p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Bei <b>Richard Mühlmann</b> in Halle ist erschienen und in allen
-soliden Buchhandlungen zu haben:</p>
-
-<p class="tdl"><b><span class="fsl">Die Kammerjungfer</span></b>, eine Stadtgeschichte, von <span class="ge">Maria
-Nathusius</span>, Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die
-Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater Sohn und
-Enkel etc. 9&nbsp;Bogen. 9&nbsp;<i>Sgr.</i></p>
-
-<p>Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen,
-wie sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche
-Zucht und Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden
-Eltern er- und verzogen, aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger
-als halben Bildung gestachelt, und von Romanlectüre und leichter
-Gesellschaft getragen, in allerlei schöne und hohe Gedanken hinauswuchern,
-hinter deren Gefühl sich doch die bloße Sinnlichkeit und
-hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten Spekulationen verbergen,
-daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im ersten Windstoße
-abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer Blöße
-dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe
-der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein
-ganzes Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer
-weiblichen Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen
-Gefühlen nur bis zum gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der
-wird ihr verziehen. Sie empfängt aber ihren Lohn dadurch, daß sie
-»ihr Glück macht« durch eine »gar nicht üble Partie«, von deren
-Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes befreit. Durch
-das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und widerstrebendes
-Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis sie zu
-einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht
-daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin,
-eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen
-Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit,
-und die gefällige Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach
-anerkannten Talente der Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung
-auch das Interesse von Leserkreisen aller Stände zu fesseln.
-Vorzüglich aber wäre es zu wünschen, daß Freunde der inneren Mission
-Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht zahlreich in jenen
-Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie als eine Warnungs-
-und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu verbreiten.&nbsp;&ndash;</p>
-</div>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten:
-<span class="ge">gesperrt</span>, <span class="ss">Antiqua</span>, <i>kursiv</i>, <b>fett</b>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"erwidert" &ndash; "erwiedert", "heitzte" &ndash; "geheizt", "Spatziergang" &ndash; "Spaziergang",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_009">9</a>:<br />
-"deinen" geändert in "Deinen"<br />
-(Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_017">17</a>:<br />
-"bemerke" geändert in "bemerkte"<br />
-(kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_024">24</a>:<br />
-"Ihr" geändert in "ihr"<br />
-(den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br />
-"Louisdo'r" geändert in "Louisd'or"<br />
-(vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Er begann mit dem 90.&nbsp;Psalm)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br />
-"ihn" geändert in "ihr"<br />
-(ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-"ihren" geändert in "Ihren"<br />
-(der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_085">85</a>:<br />
-"gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt"<br />
-(ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br />
-In Zeile 6 "," geändert in "."<br />
-(Halleluja, Halleluja.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_119">119</a>:<br />
-"hinzugegehen" geändert in "hinzugehen"<br />
-(geradezu hinzugehen war ihr unmöglich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
-
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