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-Project Gutenberg's Der Schulmeister und sein Sohn, by Karl Heinrich Caspari
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Der Schulmeister und sein Sohn
- Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
-
-Author: Karl Heinrich Caspari
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60703]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
- Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern
- die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird.
- Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
- Text mehrmals auftreten.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts
- versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende
- des betreffenden Kapitels verschoben.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
-[Illustration: Ich fand ihn am Fenster stehen und dem abziehenden Volk
-nachsehen (4. Kap.)]
-
-
-
-
- Der Schulmeister und
- sein Sohn
-
- Eine Erzählung aus dem
- dreißigjährigen Kriege von
- K. H. Caspari
-
- Neunzehnte Auflage
- :: Mit acht Bildern ::
-
- [Illustration]
-
- 1913
-
- Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart
-
-
-
-
- [Illustration]
-
- Gedruckt in Stuttgart
- bei J. F. +Steinkopf+
-
-
-
-
-Inhaltsübersicht.
-
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen 7
-
- Zweites Kapitel. Der Sohn 10
-
- Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk 14
-
- Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber 21
-
- Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach 26
-
- Sechstes Kapitel. Die Warnung 33
-
- Siebtes Kapitel. Der Torwart 37
-
- Achtes Kapitel. Der Überfall 41
-
- Neuntes Kapitel. Die Plünderung 46
-
- Zehntes Kapitel. Die Entdeckung 50
-
- Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht 56
-
- Zwölftes Kapitel. Die Flucht 63
-
- Dreizehntes Kapitel. Die Pest 69
-
- Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr 79
-
- Fünfzehntes Kapitel. Der Brief 83
-
- Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 87
-
- Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 91
-
- Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 98
-
- Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 104
-
- Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 112
-
- Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß) 124
-
- Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod 136
-
- Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht 141
-
- Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß 147
-
-
-
-
-Vorrede zur ersten Auflage.
-
-
-Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher
-wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft
-die +alten+ Kirchenbücher gewährt, -- einen wohltuenden Blick in
-das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.
-
-Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer
-Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten
-Schuldiener, +Udalrikus Gast+, geführte Kirchenbuch durchlesen,
-der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem
-warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende
-Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr
-lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen
-seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich
-aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes
-von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, --
-und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift -- aus einer
-sehr interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten
-Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses
-Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte
-zusammenzustellen gesucht.
-
-Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener
-selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht
-herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse,
-da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die
-altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende
-Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.
-
-Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und -- Gottes
-Segen.
-
- +Eschau+ bei Aschaffenburg, den 30. Mai 1851.
-
- +Der Verfasser+.
-
-
-
-
-Motto:
-
- Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,
- Doch innen schwarzer Farbe, -- finster wie der Tod.
-
- +Walther von der Vogelweide+.
-
-
- Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
- Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.
- Was ihnen der König des Himmels gegeben,
- Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
-
- +Chr. Fr. Richter+.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Des Autors Stand und Herkommen.
-
- Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm
- genügen.
-
- 1. Tim. 6, 6.
-
-
-Seit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer
-eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein
-verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios
-eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die
-Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen
-gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen
-Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.
-
-Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß
-auch ich, +Udalricus Gast+ von +Sommerhausen+ im Frankenland,
-mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser
-letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich
-nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer +Schuldiener+,
-der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes
-Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure
-Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht
-wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der,
-welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem Gott, der
-da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, -- +das+,
-lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk
-ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er
-der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im
-Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s
-anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch
-das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest,
-und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht
-verhalten, und lauten soll es:
-
- ~Soli Deo Gloria!~
- +Dem Herrn allein die Ehre+!
-
-Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir
-nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende,
-Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, -- doch läßt sich
-nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch
-meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf
-absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur
-ein weniges zum besseren Verständnis.
-
-Mein nun in Gott ruhender Vater, +Paulus Gast+, war seines
-Handwerks ein Schneider drüben in +Winterhausen+. Mein Mütterlein
-hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt
-geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen,
-dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins
-Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich
-sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich
-zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen
-aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem
-seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter
-dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach
-wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines
-Schuldieners betraut worden.
-
-Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit:
-+mein alter Vater und Margareta Späthin+, der ich nun meine Hand
-vor dem Altare Gottes geben konnte, -- mein Herz hatte ich ihr schon
-seit zehn Jahren gegeben. -- Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn
-und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich
-alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit
-nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn
-schaut von Angesicht zu Angesicht.
-
-Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen
-auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und
-Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.
-
-Das Städtlein +Sommerhausen+ liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt
-billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint.
-Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen
-viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die
-Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen,
-wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher
-Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der +Main+, der vom Bayreuther
-Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden
-Flecken Sommerhausen und Winterhausen. -- Gott segne dich, liebes
-Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin
-ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk
-gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will
-ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören
-und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein
-Gröschlein zu empfangen. +Das walte Gott+!
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Sohn.
-
- Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!
-
- Psalm 127, 3.
-
-
-Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren.
-Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in
-das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des
-Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand
-und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie
-wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen
-hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der
-Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ -- In der heiligen
-Taufe ward es vertreten von +Valentin Orplich+, dem +Bäcken+, der
-ihm den Namen +Valentin+ beilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf
-dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten,
-christlichen „+Valentinus+“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark
-und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit.
-
-In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den Knaben aufgezogen,
-soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. +Gewollt+
-wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit
-ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir
-treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst
-sage: „+Die frühe+ mich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz
-der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des
-Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches
-nicht mehr geschehen, oder aber -- es braucht heißer Trübsale, das Herz
-wieder weich zu machen.
-
-Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon
-nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter,
-vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude,
-wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem
-Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens
-hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr
-klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen
-guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war
-gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein
-am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen
-am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und
-doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er,
-wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter
-den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens
-ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr
-geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter
-gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger
-Jahre, als der leidige Krieg uns ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen
-Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon
-dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter
-den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder
-reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.
-
-Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes
-Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur +Naturgaben+,
-die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl
-sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner
-lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? -- +zum
-schweren Fall+! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein
-Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s
-unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den
-Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so
-schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist der +Geist des
-Herrn+. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s
-nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und
-preiset?
-
-Anno 1626, am heiligen +Pfingstfest+, ist mein Valentin das erstemal zu
-Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander
-auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele
-schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, -- den
-Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein
-schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen
-schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu
-gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei,
-nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren Bruder
-so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten
-nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre.
-Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles
-ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der
-andern Kinder ins Gotteshaus.
-
-Es waren ihrer gerade +zwölf+ in diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl
-feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament
-empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer
-großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen
-stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein
-Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im
-eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit,
-die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht
-hatte.
-
-Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen
-sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser
-Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre
-Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe
-mitten unter die Wölfe.“ -- Ist doch auch unter den Zwölfen, die der
-Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit
-der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn
-geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum
-Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser
-Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen
-haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht,
-ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in
-Nacht und Finsternis?
-
-So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber
-fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies
-arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe
-sie, wie dir’s gefällt, -- in die Höhe oder in die Tiefe, durch die
-grüne Aue oder durchs finstere Tal, -- nur führe sie so, daß keines von
-dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der
-großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu
-den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“
-
-+Er hat’s getan, -- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.+
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Valentin beim Handwerk.
-
- Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,
- Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! --
- Seit sie eingeritten in unseren Toren
- Mit Schulterstück und rostigen Sporen,
- Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!
-
- Altenglische Ballade.
-
-
-Eine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne
-werden sollte, -- doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein
-Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut,
-ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag
-noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen
-werde, aber -- der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.
-
-Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der
-Heimsuchung über die evangelische Kirche gekommen, und auch bei uns,
-in +Limpurgischen+ Landen, sah es bereits aus, als wenn der Leuchter
-des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell gebrannt, wieder
-von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In +Markt-Einersheim+,
-+Possenheim+ und +Hellmizheim+ hatte das +Würzburger+ Domkapitel die
-evangelischen Kirchen geschlossen, und die Seelsorger hatten sich auf
-den Speckfeld geflüchtet, wo sie sonntäglich ihre Gemeinden unter
-großen Anfechtungen versammelten und ermahnten, um des Herrn willen das
-Unrecht zu ertragen, aber dabei fest zu beharren im wahren Glauben.
-Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die Kirchgänger vom streifenden
-Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf den Turm in Iphofen gesetzt
-wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich loskaufen mußten.
-
-In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar
-eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen
-der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist,
-und wehe -- dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern
-Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen,
-drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.
-
-Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? -- +Ich nicht!+
-Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht
-hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller
-Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt
-angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören
-dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt,
-daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als
-auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann
-findest, glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen
-Menschen gefunden.
-
-So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu
-+Valentin Orplich+, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen
-Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu
-fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als
-stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er
-werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm:
-„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot
-erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘
--- Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für
-alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ -- Drauf war er’s zufrieden,
-und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei,
-den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des
-elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, --
-‚+im Schatten des Vaters+,‘ sagt man, ‚+wird der Sohn groß+!‘
-
-So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein
-Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich
-herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße
-stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit
-sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das
-Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein
-Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat
-seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er
-war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister
-sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in
-die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister
-nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer,
-doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den
-Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.
-
-In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein
-gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich
-vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der
-Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen
-Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen,
-welcher der +Venusberg+ heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln
-und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg
-nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des
-Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein
-Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase
-wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald
-wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage
-nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem
-Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer
-auch ein Warner da, der +treue Eckart+ genannt, der bäte und flehte,
-dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die
-geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm
-Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen
-Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des
-Teufels Feste zu feiern.
-
-Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann
-mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der +listige Versucher+,
-der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte
-Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem +Heil+ ihn abzuführen.
-Der getreue Eckart aber ist +Gottes Wort+ und das +Gewissen+, die dem
-Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er
-sich von dem Versucher betören lassen will, -- aber bei den meisten
-+leider umsonst+.
-
-In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum
-Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze +Zechgesellschaft+ in der
-unteren Schenke, -- die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der
-Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten
-sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend
-sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind.
-Da war im zweiundzwanziger Jahr +Michel Hamsterloch+, der Kornwucherer,
--- der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf
-dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht
-Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei
-kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten
-und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der +Jäger von Erlach+, der
-hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die
-Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen
-elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war
-des Schenkwirts +Rosamund+, das liebliche Mägdlein, -- das hörte das
-süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt
-wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und
-sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub
-und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen,
-doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)
-
-Aber auch +das+ vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund,
-daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von
-+Zeit zu Zeit+ den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt
-seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine
-Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen
-Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen
-ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht
-mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker
-verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt
-allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s
-zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und
-die Gemeinde den Seelsorger, -- der Tunichtgut achtet sich berufen, die
-Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird
-verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und
-Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat
-Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater
-ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt,
-will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot
-treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück
-und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat.
-Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die
-Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und
-taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder
-nüchtern wird und zur Vernunft kommt.
-
-Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl
-unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte
-doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder
-nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚+Bet und arbeit, so hilft
-Gott allezeit+‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer
-ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen,
-und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der
-Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs
-Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften
-Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde;
-die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt
-laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit
-Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit
-der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische
-Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚+dummen
-Jakob+‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen
-Mann verstanden. -- Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das
-freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und
-nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und
-Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch
-diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die
-törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier
-umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.
-
- * * * * *
-
-Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so
-zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht
-eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine
-Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter,
-er gefällt mir nicht mehr, -- er ist unlustig geworden und Ihr werdet
-sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang,
-mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte
-Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Valentin der Schreiber.
-
- Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,
- Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,
- Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,
- Da meint er sein Glück zu heben.
- Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,
- Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.
-
- Schiller.
-
-
-Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen
-Valentin aufzuwecken, -- da hörte ich Stimmen auf der Gasse und
-Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen
-Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter
-kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und
-trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und
-Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten
-sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die
-Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen
-die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte
-und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den
-Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin
-der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen
-wird, und das also anhebt:
-
- 1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1],
- Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,
- Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,
- Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.
-
-Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das
-Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum
-Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft
-schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen.
-Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch
-das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern
-die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit
-wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen
-Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit
-und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.
-
-Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand
-ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden
-Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn
-betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend
-und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die
-abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die
-weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie
-ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne
-Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als
-ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am
-Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen -- schlechter könne
-es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.
-
-Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle,
-wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und
-Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der
-+Amtskeller+ habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es
-sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er
-Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink
-von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen,
-sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem
-Gewissen einen andern Beruf ergreife -- wir sollen dann gewiß unsere
-Freude an ihm erleben.
-
-Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und
-daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte
-auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem
-Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er
-verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst
-ein gutmütiger, freundlicher Mann war, -- doch aber bei so bewandten
-Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn,
-wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller
-und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem
-neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand
-gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines
-Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid
-ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder
-Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein
-Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn,
-denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch,
-der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s
-zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts
-und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden.
-Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich
-Ehre von ihm haben.“
-
-Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den
-Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm
-der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor
-uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst
-hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem
-Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet:
-Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das
-alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die +Ehre+ und
-der +Amtskeller+ galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater
-und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten
-Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am
-Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen
-Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz
-gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder
-auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens
-vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser
-auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu
-und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. -- Um auf schlimme Wege
-ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die
-sollte er auch bald genug finden.
-
-
- [1] Das Lied ist von +J. W. Zinkgref+ im Jahre 1624 gedichtet und
- seine übrigen Verse heißen:
-
- 2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!
- Schlagt ritterlich darein! -- Eu’r Leben unverdrossen
- Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
- Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!
-
- 3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,
- Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
- Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,
- Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.
-
- 4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
- Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme
- Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut
- Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.
-
- 5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,
- Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,
- An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,
- Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.
-
- 6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden
- Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,
- Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,
- Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.
-
- 7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,
- Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:
- Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,
- Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.
-
- Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses
- Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied
- aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „+Kein besser
- Leben ist auf dieser Welt zu denken+“ usw.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Der Jäger von Erlach.
-
- Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an
- jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,
- die auf seine Güte hoffen.
-
- Ps. 147, 10. 11.
-
-
-In +Erlach+ hatte die +Seinsheimische+ Herrschaft seit einem
-halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig,
-hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die
-untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff
-und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er
-grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine
-Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner
-Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele
-hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was
-einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm
-wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche
-Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.
-
-Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der
-Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch
-mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend,
-und als +Veit Geißendörfer+, der Torwart, ihm solches verwies,
-weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes
-leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte,
-der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage
-den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! -- Der Torwart
-meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu
-greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch
-der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er
-unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.
-
-Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand,
-der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden
-könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein
-Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender
-Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König +Gustav Adolf
-von Schweden+ mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm
-das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung
-über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens
-sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen
-Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu
-Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh
-ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so
-huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann
-zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten,
-und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede
-unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, --
-da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“
-
-Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche
-Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel,
-die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte,
-wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden.
-Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher
-geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße
-folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute
-Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller
-vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und
-ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde
-nichts dawider haben, -- er war aber mittlerweile weit weg an den
-Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet,
-gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich
-an sie, wie es seine Art war, -- mit einem Male aber schaut ihm der
-eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt:
-„Heißt Ihr nicht +Franz Sorawitz+, und habt unter dem +Friedländer+
-gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So
-seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann
-vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig
-Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? -- Das sollt
-Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein.
-Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes
-Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß
-über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der
-andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden
-auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht
-geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen
-solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch
-und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie
-seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und
-jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.
-
-Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf
-offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken
-war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte,
-welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der
-andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers
-angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne
-Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter
-dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was
-seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen
-mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier
-am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der
-gesprochen hätte wie ein Mann! -- Für was habt ihr denn Mauern und
-Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt?
--- Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein
-Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen.
-+Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!+“
-
-Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand
-mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und
-seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern
-könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre.
-In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon,
-um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und
-stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die
-Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen
-Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die
-schlimmen Gäste zu erwarten.
-
-Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und
-ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein.
-Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not
-keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen
-fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle
-Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs
-von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein
-Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie
-schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft
-ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.
-
-Da kam von ungefähr +Klaus Mündlein+ mit einem Karren Holz rechts
-den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war,
-und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen
-die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn
-nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore
-hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der
-Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht
-auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann
-wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger,
-was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger
-bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und
-ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der
-Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.
-
-Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie
-wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten
-aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege
-hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken
-vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies
-würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie
-aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern
-hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das
-Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber
-der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten,
-auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er
-hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und
-sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach
-dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den
-letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner
-ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.
-
-Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen.
-Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie
-Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende
-Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir
-hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein
-Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub,
-die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte
-ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die
-Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen.
-Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen
-den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein
-großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam
-auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte:
-„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich
-ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den
-Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die
-dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles
-Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug
-jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er
-das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum
-besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“
-
-Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne
-gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und
-Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn
-man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter
-Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger,
-hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller
-aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk
-auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.
-
-In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und
-ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. -- Das war
-es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie
-und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches
-Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als +Hans Ebeling+, der Türmer,
-der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „+Nun lob, mein’ Seel’,
-den Herren+,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter
-vorübergezogen war.
-
-[Illustration: In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und
-Bankettieren (5. Kap.)]
-
-Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der
-Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten,
-hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg
-verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu
-finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun
-recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien
-mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen
-nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du
-gesagt hast!“
-
-
-
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-Sechstes Kapitel.
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-Die Warnung.
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- Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide
- Und redet frech die Sprache Kanaans.
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- Der Alchymist.
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-Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm
-mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst
-du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber
-Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der
-Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du
-in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel
-helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu
-hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen,
-denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und
-gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es
-dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte
-und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen
-und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen,
-das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen
-läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten,
-wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s
-gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!
-Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir
-dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden
-seinerzeit, -- wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen
-Trost aber haben wir jetzt?“
-
-Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich
-wolle? er könne mich nicht verstehen.
-
-Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum
-+krank, todkrank+, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum,
-daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im
-Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der
-Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald --
-bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern
-abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund
-sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der
-ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes
-Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut
-redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du,
-unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind
-wir wiederum bekümmert, und +diesmal+ haben wir +keinen Trost+!“ Ich
-sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz
-und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen
-und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid
-in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.
-
-Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter
-Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun
-habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders
-zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe
-ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen
-beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben
-nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit
-ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern
-ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und
-nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse
-man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon
-zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es
-habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s
-in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten
-also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen,
-daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe,
-wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen
-Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen,
-auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein
-Vorgesetzter, -- den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir
-würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.
-
-Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der
-Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm
-doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige
-denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur
-in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine
-Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich
-sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche,
-die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn
-er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des
-Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind
-geredet.
-
-Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von
-Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren
-wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen
-bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten +Veit+,
-der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den
-Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten,
-ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger
-gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr
-von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht,
-antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz-
-oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für
-einen wüsten Gesellen, -- nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das
-Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei,
-und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn,
-dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage
-kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch
-ist, da ist auch Feuer!“
-
-Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes,
-dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken,
-der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten +Veit
-Geißendörfer+, des Wächters auf dem untern Tor.
-
-
-
-
-Siebtes Kapitel.
-
-Der Torwart.
-
- Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
- Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,
- So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,
- Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.
-
-
-Am 10. Sonntag ~post trinitatis anno~ 1632 hatte der Amtskeller
-nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen
-für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden
-Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf
-dem +Speckfeld+ an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte
-der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die
-Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller
-alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm
-geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein
-weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort
-gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich
-aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta
-mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.
-
-Unser hochbetagter Pfarrherr, ~M.~ +Hieronymus Theodoricus+, hatte am
-Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt,
-von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem
-unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die
-Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und
-hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten,
-damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und
-bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene.
-Gesungen hatten wir: „+Es ist gewißlich an der Zeit+,“ und als ich
-die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst
-und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen
-liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie
-das Gesangbuch, -- ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die
-man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so
-oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte
-und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels
-allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm
-entgegen!“ Das ist ein lutherisch ~Dies irae~, das kein Menschenkind
-sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar
-werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.
-
-Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die
-betrübte Zeit, kam +Veit Geißendörfer+, der Wächter auf dem untern
-Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte
-sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für
-sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit
-dem seligen Schenk +Konrad+ von +Limburg+ gegen den Erbfeind der
-Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn
-einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein
-wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den
-ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der
-Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war
-er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der
-Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende
-bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern
-Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so
-hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen.
--- Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute
-eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein
-Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein
-gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein
-Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier
-öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und
-Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder
-abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir
-dann fröhlich miteinander verplaudert.
-
-Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen -- und das war ein
-Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume
-verhielt es sich also:
-
-Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen
-von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen.
-Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der
-Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume
-sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt;
-alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem
-Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe
-geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden
-können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein
-Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann
-plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf
-in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt:
-„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm
-seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie
-ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall
-gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe
-er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen
-vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das
-sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit
-werde einschlagen müssen.
-
-Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen,
-doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele
-wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft
-eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß
-wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind
-heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat.
-So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit
-Joseph: ‚+Träume kommen von Gott!+‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch
-lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm,
-und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust
-vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl,
-vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es
-gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung
-und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob
-er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr
-sterben.‘ +Glaubest du das?+“ -- „Das glaube ich,“ sagte der
-Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und
-drüben singen auf dem Gottesacker:
-
- Sein Trübsal, Jammer und Elend,
- Ist kommen zu einem seligen End’.
- Er hat getragen Christi Joch,
- Ist gestorben und lebet doch.“
-
-Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im
-Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein
-Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor
-dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. -- „Laßt Euch das
-nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand
-wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ
-eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf
-grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott
-Euch und mir für den Streit auf Erden -- +ehrlichen Kampf und seligen
-Tod+!“ -- „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und
-ging von dannen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Der Überfall.
-
- Sein Jammer, Trübsal und Elend
- Ist kommen zu einem seligen End’.
- Er hat getragen Christi Joch,
- Ist gestorben und lebet doch!
-
-
-Am folgenden Tage feierte mein Kollege +Johannes Fentsch+ drüben in
-+Winterhausen+ seine silberne Hochzeit. Mein +Johannes+, den er aus
-der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern
-Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden,
-um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten
-zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor
-aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde.
-Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und
-zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen
-herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege
-so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander
-ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.
-
-Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer
-fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel
-erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich
-ging er damals mir zur Seite, als wir seinen +Udalricus+, sein
-einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen
-und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice,
-Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid
-angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos
-seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der
-Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend
-angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo
-man sagen müsse: +Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die
-nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!+
-
-Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte,
-blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute
-hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein
-goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, -- über dem Tal aber
-und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern
-lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes
-aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu,
-das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.
-
-In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und
-die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen
-sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen,
-sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen
-Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem
-Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem +Hans Mündlein+ und
-seinem Sohn +Klaus+ einen guten Morgen bieten wollte, die heute
-die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten.
--- Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam,
-fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum
-seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die
-bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.
-
-Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder
-herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er
-sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes
-Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer
-hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert,
-was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, -- siehe, da
-kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten
-sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter
-ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte
-nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern
-Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.
-
-Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß
-mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen
-Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf
-das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm
-aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.
-
-„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten
-Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte,
-das Tor zuzumachen, -- aber die beiden Kroaten waren auch schon da und
-mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie
-warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem
-Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber
-behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den
-Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins
-Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein
-unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.
-
-Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und
-mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will
-ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier +Nikol Paradeiser+
-und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab
-seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den
-Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus
-Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der
-Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter
-dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für
-geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. -- Der Alte ließ sich
-nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der
-Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde
-des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den
-Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er
-sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten
-Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“
-jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins
-steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.
-
-Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft,
-Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei,
-ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um
-nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu
-kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch,
-schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja,
-Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen
-wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind
-groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter
-Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“
-worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen
-langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter
-der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den
-Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.
-
-Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim
-Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen
-und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem
-Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei
-voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben,
-sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch
-geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert
-und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie
-sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und
-geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg
-nach +Lindelbach+ liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den
-Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen
-guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der
-Veit schon auf ihn gewartet. -- Ich führte ihn schnell nach Hause,
-fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von
-allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in
-solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die
-Soldaten vorbeijagen sehen, -- der Valentin war nicht daheim, sondern
-eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk
-im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und
-nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars
-Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen
-nach zum gräflichen Schlosse.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Die Plünderung.
-
- Mit leichter Müh’ gewonnen -- lustig nun zu Pferd.
-
- Shakespeares Heinrich IV.
-
-
-Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei
-befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt
-und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu
-treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen
-im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während
-die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und
-jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im
-Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer
-in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und
-dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß
-der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen
-singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den
-Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt
-zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute
-und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige
-seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten
-und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten.
-„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend
-Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr
-alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht,
-wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ -- Der Amtskeller bat um
-Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht
-tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und
-nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm
-auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm
-den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme:
-„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch
-nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol
-Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen
-war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart
-quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der
-totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher
-wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen
-wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers
-Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er
-hätt’ es Euch auch getan!“ -- „Herr Amtskeller,“ rief ich über das
-Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will
-lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind
-Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“
-
-Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er
-der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die
-Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter
-einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld
-brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die
-Pferde und war im Nu wieder davon.
-
-Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie
-uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten,
-schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die
-Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen
-habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber
-sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten
-abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl
-mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen,
-da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid,
-den alten Mann beschuldigt zu haben. -- Es war aber offenbar, daß
-sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie
-die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem
-Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor
-aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen
-und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie
-das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für
-den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart,
-von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles
-dieses war ihnen nur zu gut gelungen.
-
-[Illustration: Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte
-heftig (10. Kap.)]
-
-Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so
-war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit -- Gott sei’s
-geklagt! -- etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese
-Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort
-eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und
-die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft
-über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der
-Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas
-an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der
-ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen,
-könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt,
-als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt.
-Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt
-nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst
-müsse kein Gott im Himmel sein!
-
-Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „+Verrat+“ lief es mir
-eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in
-Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes
-Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich
-nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich
-fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt
-fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein
-könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und
-gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute
-rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem
-Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein
-Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst
-nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er
-daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, -- aber ich sah ihn
-nirgends.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Die Entdeckung.
-
- Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,
- Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz
- Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.
-
- Thompsons Jahreszeiten.
-
-
-Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren
-Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen,
-und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren
-getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit
-seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des
-Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den
-Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.
-
-Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der
-Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen,
-an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und
-getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte
-im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die
-Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten,
-weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten
-Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte
-Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem
-Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie
-ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob
-Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr
-und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu
-sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie
-stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht
-mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits
-hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum
-Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein
-stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand,
-das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert
-bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf
-seine schluchzende Mutter.
-
-Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter,
-oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben
-dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen
-Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht
-geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um
-die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen,
-oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den
-Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen
-Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer
-ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie
-auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.
-
-Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt.
-Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn
-sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und
-einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten
-Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn
-sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich
-wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom
-Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines
-gewaltsamen Todes gestorben, -- sonst schien er zu schlafen. Seine
-Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen
-wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter
-Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus
-ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er
-aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt,
-stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand
-seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.
-
-Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich
-gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets
-bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende
-und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich
-gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und
-fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier
-Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte
-klagen helfen.
-
-Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht
-bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist
-auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende
-vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem +Johannes+
-durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun
-eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört
-worden; -- da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts
-weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei
-er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen
-und zu Boden sinken wollte.
-
-Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß
-ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an
-meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach
-Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von
-Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen
-Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen
-gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein
-Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten,
-wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der
-einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der
-Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den
-Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne
-ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von
-Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin
-zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn
-gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen
-und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem
-Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er
-besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der
-Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach
-trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit
-ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei
-er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an
-der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen
-gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den
-Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern
-sei eilends nach Hause gegangen.
-
-Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während
-des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und
-gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann
-gleich bekannt vorgekommen, -- er habe nur nicht recht gewußt, wo
-er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe
-verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch
-spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst
-dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber
-der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe
-ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.
-
-Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht
-wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne
-sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater
-Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder
-sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes
-Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit
-anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes
-Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand
-auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes
-Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen,
-wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die
-Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer
-dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein
-den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und
-seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob
-er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht
-verdient um dich und deine Kinder!“
-
-Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward,
-hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich
-aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich
-kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind
-groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich
-rechtfertigen solle.
-
-Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei
-den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr
-nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er
-in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die
-Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den
-seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn
-der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer
-gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm
-auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle
-Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und
-werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein
-Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.
-
-Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib
-und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und
-bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und
-die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend
-Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um
-das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause
-gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Ein Gottesgericht.
-
- Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
- Da bleibt kein Gottloser nicht,
- Summa: Gott liebt alle Frommen,
- Doch wer bös’ ist, muß umkommen.
-
- P. Gerhardt.
-
-
-Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist
-nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren
-wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der
-Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:
-
- Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
- Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,
- So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,
- Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
-
-Ach, das war kein Kleines! -- Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt
-es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen
-getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege
-getan haben, so weiß ich’s nicht, -- ich wenigstens konnte dieses
-Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in
-der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand
-jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den
-Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du
-hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen,
-wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich,
-du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig
-geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte
-ich mich an, daß ich nicht +streng+ genug, und dann wieder, daß ich
-nicht +lind+ und +gütig+ genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald
-auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin,
-der sich grausam in mein Herz bohrte.
-
-Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken
-unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein
-miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen,
-mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den
-Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu
-sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie
-konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging,
-sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und
-denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott
-finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen
-Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war,
-fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend,
-meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war,
-sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, -- er sei mit
-einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen
-sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen:
-„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die
-andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen,
-während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr
-ausgestreckt habe.
-
-In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich
-hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok,
-und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich
-stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „+Ich lasse
-dich nicht, du segnest mich denn!+“ Als nun die Morgenröte anbrach,
-war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden
-Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in
-guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.
-
-Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts
-bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und
-zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist
-wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, -- es
-kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen
-Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort.
-Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner
-gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben
-hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den
-aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene
-Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So
-beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest
-zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht
-verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft
-anzuweisen, -- ich aber ging in die Schule.
-
-Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber
-Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem
-andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern
-Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild
-gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher
-steigen +sie+ in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch
-herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils
-verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser
-Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder
-desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen
-hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem
-Gott, dessen Wahrzeichen lautet: +Holdselig den Freunden, erschrecklich
-den Feinden!+
-
-Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die
-mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf
-von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe
-den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht
-sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die
-Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem
-Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem
-Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um
-gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, -- dort
-fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren
-war, wie ich hörte, der +Meister+ von +Sulzdorf+. Er erzählte: es seien
-heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn
-geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen
-hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend,
-mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf
-der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der
-auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen
-zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben
-würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn
-nur mit einem Finger anzurühren! -- Das habe er nun getan, und die
-Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut
-dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er
-solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte
-Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn
-meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen
-und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -- dann setzte er
-sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an
-zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.
-
-Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von +Goßmannsdorf+
-gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und
-Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie
-sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig
-vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern
-sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen,
-um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe
-sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel
-voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft
-gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen
-Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe
-sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein
-in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange
-das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe
-sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie
-habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber
-nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch,
-wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber
-sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf
-gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe,
-habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den
-Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach
-+Kleinochsenfurt+ ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles
-erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen
-zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut
-und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.
-
-Mittlerweile hat +Georg Ebert+, der Schmied, mit einem Stecken
-des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der
-leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen
-Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem
-Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können.
-Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen
-Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein
-Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit
-dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.
-
-Wie dem auch sein mochte, -- hier hatte Gott gerichtet und sein Wort
-erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm
-gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids
-getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und
-durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines
-bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer
-ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte
-und unerforschlich seine Wege!“
-
-Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der
-Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister
-übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein
-ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun
-auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden,
-wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft,
--- es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras
-da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein
-häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte
-zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis
-zum großen Tage des Gerichts.
-
-+Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich
-aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin,
-ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.+ Ps. 37.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Die Flucht.
-
- Was bringt Frieden? Lauter Freud.
- Was bringt Kriegen? Lauter Leid.
- Was bringt Frieden? Wein und Brot.
- Was bringt Kriegen? Hungersnot.
- Was bringt Frieden? Mut und Gut.
- Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.
- Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.
- Was bringt Kriegen? Herzeleid.
- Friede kommet aus dem Himmel,
- Aus der Höll das Kriegsgetümmel.
-
- Alter Spruch.
-
-
-Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab
-dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt,
-über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller
-hinüberführen.
-
-Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest
-du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die
-Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, -- aber dem ist nicht
-so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die
-Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und
-Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit
-gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten
-können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist
-der beste!
-
-Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die
-Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst
-und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut,
-sondern auch, -- das weiß Gott! -- unser Blut und unsere Tränen hängen
-an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische
-Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so
-müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in
-den Hütten seiner Väter wohnen.
-
-Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen
-haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit
-schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken
-und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend,
-dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe
-vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh
-ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an
-Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts
-zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634
-hereinbrachen.
-
-[Illustration: Unser Nachbar, der Schreiner, brachte ein Kreuz (13.
-Kap.)]
-
-Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige
-Schlacht bei +Nördlingen+, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig
-verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige
-Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben
-das Dörflein +Lindelbach+ geplündert, den Kelch aus der Kirche
-geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber
-meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden
-werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der
-König +Gustavus Adolphus+ noch lebte, hatte die schwedische Armee den
-Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde:
-der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen,
-betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen
-hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte
-freundlich für die empfangene Bewirtung. Das +kaiserliche+ Volk aber
-trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen,
-verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.
-
-Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu
-dem Reiterregiment des Grafen +Piccolomini+ gehörend, im hiesigen
-Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße,
-dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften,
-daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein,
-daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld
-vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen,
-welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte,
-aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer,
-die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen
-ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen
-Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh
-oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen,
-die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten,
-die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die
-Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den
-ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren
-Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das
-nackte Leben.
-
-Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem
-Kaiser +Ferdinandus+ an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und
-sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann
-wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres
-zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die
-meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu
-retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und
-dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich
-sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder
-todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre,
-daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr
-Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger
-hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich
-mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen,
-sich über den Main in den +Gau+ zu flüchten, andere aber, darunter
-auch wir, hofften in +Kitzingen+ und in den benachbarten Orten ein
-Unterkommen zu finden.
-
-Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir
-uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das
-Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre
-Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem
-Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als
-plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die
-Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und
-das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog
-ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27.
-Psalm vor: +Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich
-mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir
-denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet
-sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet,
-so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte
-ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang,
-zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu
-besuchen.+
-
-Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und
-alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten
-Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum
-heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des
-Allmächtigen, als aber +Hans Ebeling+, der Türmer, anhub zu singen:
-
- Das Wort sie sollen lassen stahn
- Und kein’n Dank dazu haben,
- Er ist bei uns wohl auf dem Plan
- Mit seinem Geist und Gaben.
- Nehmen sie den Leib,
- Gut, Ehr’, Kind und Weib.
- Laß fahren dahin,
- Sie haben’s kein Gewinn,
- Das Reich muß uns doch bleiben, --
-
-da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit
-lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken
-zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied
-sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und
-getröstet fühlte.
-
-Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der
-+Amtskeller+ trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen
-aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten
-also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte:
-darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war
-dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, -- denn er
-ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und
-gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.
-
-Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo
-er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging
-mit den Meinen nach +Kitzingen+, wo Gott einem alten Mann, den ich
-nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und
-vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat +Sebastian
-Popp+ geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt.
-Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Die Pest.
-
- Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
- Hat Gewalt vom höchsten Gott,
- Heut wetzt er das Messer,
- Es schneidet schon besser,
- Bald wird er drein schneiden,
- Wir müssen’s erleiden,
- Hüte dich, schön’s Blümelein.
-
- Altes Lied.
-
-
-Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil
-wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder
-nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem
-Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den
-Heimweg.
-
-Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker
-kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch
-zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner
-konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt
-hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den
-Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große
-Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen,
-das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es
-lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der
-Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine
-Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor
-großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich
-zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem
-fremden Volk in den Häusern lägen, der alte +Merten Geuder+, der
-Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot
-mit ihnen, -- das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre
-Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß
-die Männer die Wahrheit gesprochen.
-
-Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen,
-die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich
-wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens,
-wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr
-da, in welchem nicht ein Toter lag.
-
-Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In
-meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf
-den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft
-schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl
-es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von
-ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter
-Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen
-Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs
-lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die
-Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist.
-Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen
-Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr
-mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun
-nicht mehr hungern und dürsten, +es wird auch nicht mehr auf sie
-fallen die Sonne oder irgend eine Hitze+, denn das Lamm mitten im
-Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen!
-Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß
-es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe
-entbundenen Seele galt.
-
-Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man
-der Worte gedenken: +Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und
-dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.+ Wenn man es mit
-ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war,
-wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause
-nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr
-den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute
-Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei,
-sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut,
-wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der
-Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen
-als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen
-hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in
-+eine+ große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so
-daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man
-einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.
-
-Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie
-umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer
-in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:
-
- „Eßt Bibernell,
- Sterbt ihr nicht so schnell!“
-
-Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die
-Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein
-Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die
-Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und
-selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn
-vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem
-Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil
-dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.
-
-Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal,
-aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die
-Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches
-Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei +gut+ von Natur,
-die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer
-und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben
-nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die
-Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.
-
-Der Herr hatte beschlossen, daß +mein+ Haus auch leer werden sollte:
-an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter,
-Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward,
-hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein
-Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu
-kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker
-Stimme: „+Valentin+! +Valentin+! +Mein Sohn, mein Sohn!+“ rief. Als
-es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem
-Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand
-gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:
-
- „Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,
- Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig,
- Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“
-
-Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. --
-
- „Dein Leid, mein Leid,
- Meine Freud’, deine Freud’,
- Deine Not, meine Not,
- Mein Brot, dein Brot,“
-
-so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben:
-das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle
-beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst
-hat.
-
-Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das
-Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, -- ich weiß
-es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein
-im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein
-Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten
-die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und
-Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der
-Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures
-Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi
-Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in
-ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst
-lohnen am großen Tage der Vergeltung.
-
-Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen
-Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein +Johannes+
-zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am
-selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem
-Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest
-abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich
-aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die
-Stadt erreiche.
-
-Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf.
-Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten
-uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im
-Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder
-aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen
-heraus, und siehe! -- mit einem Male stand über dem Tal ein schöner,
-glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte,
-mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just
-auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein
-Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort
-hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe
-Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies
-wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge,
-wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ -- „Wie Gott will, mein Kind, du
-meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und
-empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.
-
-Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn
-willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach
-die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm,
-daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein
-zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk
-belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen
-nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.
-
-Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an
-welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den
-Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind
-werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, -- aber ich sah
-nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem
-Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war.
-Drin sah ich meinen Johannes liegen.
-
-Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem
-Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf
-schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß
-er +tot+ sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller
-seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod
-aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater
-zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er
-sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der
-Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen,
-weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch
-nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter
-und Geschwistern begraben sein wolle.
-
-Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich
-meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und
-wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten
-Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug
-es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon
-erfahren hatten, -- die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich
-aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach.
-Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein
-Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte
-mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling
-mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker
-zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige
-Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig
-geblieben waren unter dem großen Sterben.
-
-Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein
-Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande
-zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus
-meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus
-meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und
-sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr
-lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe
-mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will
-schreien zu dem Ewigen für und für!“
-
-Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret
-fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen
-lassen mit Trauern und Weinen, +Gott aber wird euch mir wiedergeben
-mit Wonne und Freude ewiglich+.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen
-Himmel und rief: „Schauet da +hinauf+, lieber Bruder, und nicht bloß
-da +hinunter+! ‚+Deine Toten werden leben+, spricht der Herr.‘“ --
-Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich
-wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann
-war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der
-Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist
-der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser
-schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von
-demselben Meister bereitet ist.
-
-Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu
-sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus
-großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen,
-und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen.
-Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen
-mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin -- freilich mit großer
-Schwachheit -- dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und
-Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte.
-So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines
-Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem
-geneigten Leser hiehersetzen will.
-
- +Es ist zu viel!+
- Mein Gott, wie kann ich es ertragen!
- Mit Weib und Töchtern und dem Sohn
- Eilst du in Einem Jahr davon.
- Das heißet vierfach hart geschlagen.
- So blieb ich deiner Pfeile Ziel?
- +Es ist zu viel!+
-
- +Herr, wie du willst!+
- Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen
- Und andrer Fäll’ gewärtig sein,
- Wohlan, ich gebe mich darein.
- Ich will in Staub und Asche liegen,
- Bis deiner Plagen Maß erfüllt.
- +Herr, wie du willst!+
-
- +Gib nur Geduld!+
- Und zünd in dem betrübten Herzen
- Des Trostes helle Kerzen an,
- Denn was mich noch erfreuen kann
- Bei so viel überhäuften Schmerzen,
- Ist einzig deine Vaterhuld.
- +Gib nur Geduld!+
-
- +Du meinst es gut+,
- Auch wenn du mich mit Wermut speisest
- Und aus dem Taumelkelche tränkst,
- Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst,
- Daß du den Weg zum Himmel weisest.
- Dies stärket wieder meinen Mut:
- +Du meinst es gut!+
-
- +Mein liebstes Kind+
- War auch ein Gut, von dir erborget,
- Drum geb ich es jetzt willig ab,
- Weil ich nicht Macht dawider hab,
- Und denk: wie wohl ist es versorget,
- Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’,
- +Mein liebstes Kind.+
-
- +Nun gute Nacht+,
- Ihr heiß von mir geliebten Seelen!
- Lebt wohl in jenem Vaterland,
- Darin euch lauter Lust bekannt,
- Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen,
- Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht,
- +Nun gute Nacht!+
-
- +Ich folge nach+,
- Wenn es dem höchsten Gott gefället,
- Da werdet nach der Traurigkeit
- In unzerstörter Herrlichkeit
- Ihr wiederum mir zugestellet,
- Und hiemit end’t sich meine Klag’,
- +Ich folge nach!+
-
-+Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!+
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Die Heimkehr.
-
- Scheiden bringet Herzeleid,
- Wiederkommen -- Trost und Freud.
-
- Altes Lied.
-
-
-Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich
-meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn
-Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.
-
-Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war
-nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und
-kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und
-Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen
-ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß
-der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr,
-und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den
-Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen
-brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten,
-das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem
-Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall
-auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah,
-so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa
-ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind,
-der ihn anfallen wollte.
-
-Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am
-Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames
-Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang
-eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein
-Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und
-ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit
-schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und
-begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein
-Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den
-Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines
-alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die
-Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem
-Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang
-umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und
-als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein
-kleines Bündelein in seiner Hand.
-
-Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem
-und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der +Valentin+ ist
-da!“
-
-Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten
-und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn
-und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als
-verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die
-Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns
-verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts
-getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen,
-Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre
-meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet
-vergeblich, -- alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald
-Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war
-mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid
-davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die
-Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und
-Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so
-liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden
-herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern
-ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu
-Boden gesunken.
-
-[Illustration: Ich öffnete die Stubentüre und trat hinaus mit einem
-Licht (14. Kap.)]
-
-Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch,
-in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir
-die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger
-darauf deutete. Es waren die Worte: +Vater, ich habe gesündiget in
-den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn
-heiße!+ Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte
-gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden,
-er war verloren und ist gefunden worden! -- „+In Gottes Namen+,“
-sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.
-
-Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine
-Mutter?“ -- „Sie ist tot!“ antwortete ich.
-
-„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. -- „Tot!“
-
-„Und mein Brüderlein Johannes?“ -- „Tot, mein Sohn!“
-
-„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. -- „Tot, auch
-tot!“
-
-„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen
-und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen,
-traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum
-erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen
-ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen:
-aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine
-Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern
-hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war
-schneeweiß.
-
-„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von
-Hause weg bist?“
-
-„Gut, mein Vater! -- Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme
-heim mit heiler Seele. -- Ich bin noch nicht daheim, aber ich +komme+
-heim -- bald -- sehr bald. -- Das Haus bricht, darin meine Seele
-geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn
-sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der
-verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“
-
-Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit
-nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich:
-„Bist du krank, Valentin?“
-
-„Sehr krank und sehr müde -- ach, ich habe meinen letzten Weg auf
-dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir,
-daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon
-getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt,
--- es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in
-Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles
-geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die
-Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“
-
-Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott
-gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in
-das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl
-seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das
-kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas
-Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment,
-darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine
-Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider
-diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott
-mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch
-eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“
-
-Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse
-verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben
-Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden
-dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen
-denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein
-tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen
-Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-Der Brief.
-
-
- +Wertheim+, den 20. Mai 1639.
-
- =An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter
- +Margareta+, eine geborene +Späthin+,
- in Sommerhausen.=
-
-Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will
-ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und
-herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch
-so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen
-von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich
-über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich:
-meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann
-ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß
-Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon
-voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet
-nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem
-Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit
-mir sündigem Menschen!
-
-Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! -- Daß ich’s geworden bin in
-Euren Augen, ist also gekommen:
-
-Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß,
-hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß
-ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die
-für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend
-Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger
-vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen
-und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz
-gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht
-hinausführen würde.
-
-An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann,
-den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen
-gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen,
-sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem
-heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie
-Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei
-jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz
-auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war
-und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade
-verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie
-diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick
-geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine
-bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich
-damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf
-den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute
-in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann
-wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher
-sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte
-mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter,
-daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen
-gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde
-darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger
-aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß,
-Bruder!“ -- Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld
-erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach
-ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische
-antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit
-ihm zusammentreffen.
-
-Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube
-erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie
-das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der
-Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls
-gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen
-müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle
-er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht
-bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er
-nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und
-Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken,
-daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.
-
-So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der
-alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei
-geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor
-unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein,
-kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft
-aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und
-alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich,
-eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande
-bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen,
-zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen
-Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den
-Amtskeller.
-
-Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat.
-Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann,
-der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur
-guten Mutes sein -- er wolle den Leuten schon wacker Sand in die
-Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder
-Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach
-den alten Geschichten krähen.
-
-Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er
-glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn
-als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann
-mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen
-Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder
-zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen
-ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld
-getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken
-geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht
-und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem
-gerechten Richter nicht entgangen sein!
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-Der Brief. (Fortsetzung.)
-
- Vorgetan und nachgedacht
- Hat manchen in groß Leid gebracht.
-
-
-Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben
-das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer
-Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden.
-Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen
-konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der
-Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer
-und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.
-
-„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das
-Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen
-und Würfel spielen, als auf der Erde liegen und in die Tannenäste und
-in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei
-den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und
-morgen vull!“
-
-Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich
-in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher
-Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer
-gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.
-
-„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen!
--- solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht
-brauchen.“
-
-„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst
-nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich
-nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit
-sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen
-mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem
-Diebsgesind Geld zu stehlen!“
-
-Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach
-Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen
-Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da
-wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den
-Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht,
-du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube
-des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem
-einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und
-Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder
-ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach
-mir mit dem Fuße.
-
-Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn
-meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den
-Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber
-fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich
-los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit
-gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als
-er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte,
-gebot er, mich zu binden -- denn morgen müsse ich hängen.
-
-So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben
-hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte,
-und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen
-sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht
-entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum
-steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und
-schliefen.
-
-Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken.
-Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht
-anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl
-dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein
-Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und
-nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben,
-wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen
-können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht
-hingerafft in meinen Sünden!
-
-Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich
-in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme
-spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke
-durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten
-zu den +Schwedischen+? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von
-+Kitzingen+, -- soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht
-leise, -- ein Messer habe ich schon bei mir!“
-
-Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube
-war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die
-Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“
-
-„Wozu?“ fragte der Roßbube. -- „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem
-verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht
-und noch so jämmerlich traktiert hat!“
-
-„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt
-Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen
-machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“
-
-Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich
-geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er
-die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht
-oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend
-wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die
-Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir
-alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und
-das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er
-einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann
-mitgenommen, und bot mir auch davon an, -- ich wollte von diesem
-Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum
-zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.
-
-Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten,
-und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger,
-freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der
-Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm
-er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem
-Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht
-werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner
-vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch
-mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen +Nürnberg+ ziehen,
-wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich
-nicht sagen.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-Der Brief. (Fortsetzung.)
-
- Morgenrot, Morgenrot,
- Leuchtest mir zum frühen Tod!
- Bald wird die Trompete blasen,
- Dann muß ich mein Leben lassen,
- Ich und mancher Kamerad.
-
- Volkslied.
-
-
-So hatte nun mein Kriegsleben angefangen! +Stolz hat’s begonnen,
-trübselig geendet+, doch ’s ist so auch gut!
-
-Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das
-sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein
-Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus +Schweden+, teils
-aus +Finnland+ gekommen und unter die Dragoner treten sollten.
-Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne,
-die es noch zu halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch
-Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt.
-Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische,
-und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als
-„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir
-wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt,
-wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht
-viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen
-in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, +Olufsohn+ geheißen,
-mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb,
-ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange
-gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein
-rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte
-mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte,
-fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber
-ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für
-ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer
-ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem
-König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun
-und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren,
-die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen
-gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner
-Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn
-seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm
-auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit
-großer Gelassenheit gefallen ließ.
-
-Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager
-abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee
-mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach
-Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß
-und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit
-meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug
-des Königs -- weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war
--- eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn
-Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr
-und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern
-kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz
-aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie
-darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber
-dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!
-
-Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl
-zu, dem König zu folgen, der wieder auf +Donauwörth+ zu gezogen.
-Dort bin ich bei +Rain+ am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen.
-Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im
-Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen,
-aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die
-Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das
-General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich
-hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit
-dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück
-Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute
-gekostet.
-
-Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends
-um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das
-gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein
-Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und
-Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt!
-Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen
-Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen
-anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:
-
- „Und wenn die Kugel geschossen ist,
- Die mir mein’ Seel’ ausbläst,
- Dann sag ich: bis zu dieser Frist
- Bin ich allzeit voll gewest!
- Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit
- Hinüber in die Ewigkeit!“
-
-Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und
-stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. -- +O Herr, erbarme
-dich!+ und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!
-
-Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam,
-brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß +Olufsohn+. Er
-hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem
-Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte,
-was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken
-gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er
-seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die
-Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und
-daraus gelesen.
-
-„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen,
-statt daheim zu hocken! -- Da hättest du auch einen tapfern Mut
-bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze;
-wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei
-Gedanken das Herz schwer zu machen!“ -- Er aber schüttelte den Kopf,
-sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder,
-nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.
-
-Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden
-in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch
-war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König
-hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien
-einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde.
-Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch
-nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle
-ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun
-begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir
-sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und
-in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen
-auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn
-tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein
-Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die
-Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte
-geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.
-
-Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte
-einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen.
-Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke
-gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben,
-traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und
-das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in
-den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät
-lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts
-getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es
-sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge,
-von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein
-schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem
-Tod in den Rachen laufen wollte. -- „+Nun, wer hat Lust?+“ fragte der
-Korporal wieder und lachte, „+keiner+?“
-
-„+Ich+,“ sagte +Olufsohn+, „+und ich auch+!“ wiederholte einer von den
-+Finnländern+. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte
-mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst,
-vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „+Ich bin der Dritte!+“
-So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen
-mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten
-sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich
-davon machen, -- da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und
-der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom
-Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes
-Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben
-verloren, zuerst der +Korporal+, dessen Pferd, von einem Schusse
-getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte.
-„Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern
-gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil
-er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott
-sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrische
-Schanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe
-des Städtleins ist nun alsbald geschehen.
-
-[Illustration: Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen
-und las in einem Büchlein (17. Kap.)]
-
-Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an
-die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben,
-dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke
-fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also,
-und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein
-Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler
-auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der
-aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie
-es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe;
-wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe
-sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe
-gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine
-sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, -- dem möge das Geld
-durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. -- „Es sei so,
-mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und
-die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen
-auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr
-Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er
-doch nicht gar leer ausgeht.“
-
-So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig
-Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die
-Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte
-zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl
-ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren
-trocken; der schwedische Fuchs habe es aber wohl verstanden, wie man
-dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar
-süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“
-und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.
-
-Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte
-ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen,
-denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege
-ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm
-nicht feind sein konnte.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-Der Brief. (Fortsetzung.)
-
- I bi bi’m Paschal Paoli
- In Corsika Draguner gsi,
- Und gfochte hani, wie ne Ma’
- Und Bluet an Gurt und Säbel gha.
-
- Hebel.
-
-
-Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob
-davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß
-ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen
-würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches
-geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief
-schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch
-dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu
-rühmen und zu freuen Ursache hättet.
-
-Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte,
-damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib und Leben dran zu wagen, war
-ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm
-achtete, wenn anstatt eines Helden +Glück+ eines Helden Tod mein
-Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu
-Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben -- das hab ich nicht, wiewohl
-ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und
-Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte,
-und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem
-Glauben, daß er +Gott zu Ehren+ das Schwert trage und +Gott+
-diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel
-glücklicher vorgekommen denn +ich+, wenn er etwa seiner alten
-Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm
-geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue
-und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn
-sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein
-prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten
-Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus,
-tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar
-sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg
-priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.
-
-Bei +Lützen, wo Gustavus Adolphus+, der große christliche Held,
-sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch
-zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen
-Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei
-+Nördlingen+ uns zusammengezogen.
-
-Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals +Horn+
-Befehl gebetet und das Lied gesungen: „Verzage nicht, du Häuflein
-klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig
-hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch
-gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir
-mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten
-hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk
-bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit
-von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen,
-aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte,
-wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.
-
-Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach
-überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug,
-ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden
-angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns
-doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern
-etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze
-Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das
-greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken
-und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den
-Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten
-still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu
-holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen
-gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an
-uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und
-kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von
-dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich stürzen,
-und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß
-ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der
-Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die
-Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen
-und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu
-bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz
-nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich
-befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: +nun+ hoffte ich eine
-Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn
-aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre,
-und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die
-Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte.
-Nun ließ ich mein Pferd los, -- aber im selben Augenblicke hatte
-auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die
-andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter
-den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den
-Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich
-die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn
-und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war
-ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu
-gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er
-so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte
-seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und
-ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach
-mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.
-
-Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße kommen konnte, war
-alles vorüber, -- unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen,
-und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir
-und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete
-im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich
-dem Feinde abgenommen.
-
-Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte,
-daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich
-zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir
-nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, -- übrigens haben wir die Fahne
-wieder! -- und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, --
-denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen -- so sei doch dafür
-der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, -- da sahen
-wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller
-gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.
-
-Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle
-gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn
-zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so
-wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts
-hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um
-sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon.
-Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch
-bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden
-Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte,
-weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2] aus dem Hause
-gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden
-Tag unser Regiment ein, das, so gut es anging, nach seinem schweren
-Verlust sich wieder gesammelt hatte.
-
-Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir
-zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch
-davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe.
-Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin
-selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege
-uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen
-treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“
-
-„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so
-schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne
-gestickt: ‚+Gott mit uns!+‘ und Gott war mit meiner und meines
-Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“
-Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte
-empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte
-und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist
-tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und
-der getreulicher sie bewahren würde, denn +dich+. +Glück zu dem
-Fähndrich!+“
-
-Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und
-Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles
-des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir:
-„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du
-fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal
-aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es
-muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“
-
-
- [2] Marodeurs.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-Der Brief. (Fortsetzung.)
-
- Kaum gedacht, kaum gedacht,
- Ward der Lust ein End gemacht.
-
- Altes Volkslied.
-
-
-Nun fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in
-das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit
-auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender,
-so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir
-einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück
-dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde
-wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas
-Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei
-Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster
-Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig
-und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege
-ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich
-schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine
-Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren
-konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt
-gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins
-Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten,
-und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.
-
-Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen
-Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren
-lassen, sondern mich noch einmal gedemütigt, und bereits zum dritten
-Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen,
-das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen
-schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment
-auch unter des Herzogs +Bernhard von Weimar+ Oberkommando gekommen
-war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein +Wittenweyer im
-Breisgau+ den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen +Johann
-von Götz+ und des Herzogs von +Savelli+ Oberbefehl gegenüber.
-Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die
-kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter
-gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward,
-weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein
-treffliches Lob davongetragen hatte.
-
-Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die
-Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt
-worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten
-aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „+Gott mit uns+;“ oder bei
-den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche das Deutsche
-nicht wohl aussprechen konnten, „+Emmanuel!+“ Die Götzischen und
-Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“
-
-Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der
-Generalmajor +Taupadel+ geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen
-stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir
-wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks
-herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen,
-und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve
-zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen
-Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein
-ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen
-war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang
-ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches
-französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen
-die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm
-verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war
-nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind,
-wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen
-würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich
-wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen
-und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor
-Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte
-Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu:
-der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann,
-widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie
-halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher
-aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten
-konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in
-seiner Nähe.
-
-„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft
-Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so
-lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst,
-so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“
-
-„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer
-will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde
-zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und
-am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht
-imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein
-wackerer Soldat verloren!“
-
-Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der
-heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und
-der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen
-will, so will ich’s selber tun!“ -- „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte
-Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie
-+Valentinus Gast+, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der
-Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen
-finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als
-er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“
-
-„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern
-tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. -- Du willst
-Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde,
-bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst
-morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen
-Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob
-ich’s selber wäre!“ -- Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die
-dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das
-Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom
-Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns
-fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der
-Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.
-
-Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf
-jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen
-hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein
-sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns,
-Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ -- „Lob und
-Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an
-ein Entlaufen nicht zu denken.
-
-Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor
-geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern
-die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr
-Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer
-Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle
-über die Klinge springen!“ -- „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich
-hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! --
-Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister
-und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten
-einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten
-sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen
-zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande
-durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben
-nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann
-gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst
-griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den
-Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht
-weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft,
-jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn
-nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den
-Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht
-mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den
-andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.
-
-Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches
-Gewitter losgebrochen, -- es ward schier ganz finster, stürmte und
-blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß
-die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte
-die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte
-nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.
-
-Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren
-noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben
-mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn
-wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer
-Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal
-sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete
-mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den
-angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu
-gelangen. -- „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so
-sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen
-in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:
-
- Wann es nun muß gestorben sein,
- So geb ich willig mich darein.
- Und denk in dieser letzten Not
- An meinen lieben Herren Gott.
- Und im Gebet ja immerzu
- Ich Jesu Namen rufen tu,
- Und schrei mit Herzen und Begier:
- Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.
-
-Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf
-die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben,
-hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen,
-ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.
-
-Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften
-uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren
-Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da
-meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich
-mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand
-eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch
-erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis
-auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf
-dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme
-deuchte mir bekannt, -- ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm
-jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann +Paradeiser+ genannt.
-„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! +Du oder ich!+“
-rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn
-kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren
-geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger
-Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir
-die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet,
-hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten,
-über die Mauer hinunter in den Strom.
-
-Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die
-Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden
-Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das
-Wasser heben und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts,
-wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten
-links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte
-aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „+Gott
-mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!+“ -- Während nämlich
-unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst
-+Rosa+ nebst dem Grafen von +Nassau+ der Kaiserlichen rechten
-Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte,
-hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder
-gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt
-getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo
-der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem
-Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom
-zu steigen.
-
-Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen
-Lobgesang aus der Ferne hörte, -- sie sangen aber den 124. Psalm:
-+Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!+ usw. -- begann der Haufe
-im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits
-Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten.
-Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden
-Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich
-fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich
-durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn
-heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er
-mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein
-Pferd und jagten mit mir davon.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-Der Brief. (Fortsetzung.)
-
- Ach wie bald, ach wie bald
- Schwindet Schönheit und Gestalt!
- Prahlst du gleich mit deinen Wangen,
- Die wie Milch und Purpur prangen,
- Ach, die Rosen welken all!
-
- Volkslied.
-
-
-Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem
-Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im
-Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd
-bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten,
-bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern
-wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun
-sei’s mein Letztes.
-
-Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich
-totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte
-mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme
-ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas
-von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder
-zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt,
-die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl
-der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er
-unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs
-Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. -- Es war aber das
-die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei
-Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben
-hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem
-Fieber von dem Haufen nach +Breisach+ geschleppt worden mit noch
-andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen
-hatte.
-
-[Illustration: Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19.
-Kap.)]
-
-Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine
-Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von
-der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen
-alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle
-die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach
-vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. -- Ach! zu mir
-hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „+Oh,
-wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner
-Zeit, was zu deinem Frieden dient!+“ -- aber es war vor meinen Augen
-verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen
-konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.
-
-Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig
-Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer
-alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene,
-und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern
-wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines
-Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir
-saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich
-ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine
-Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde,
-hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete
-es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam
-wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger
-gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, -- aber wir sollten noch
-Schrecklicheres erleben.
-
-Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste
-belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe
-am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als
-ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei
-noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten
-auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die
-Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es
-blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des
-Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen,
-heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und
-sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben,
-weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis
-zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen
-gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde
-und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und
-Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage
-in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die
-Festung nicht übergeben, -- so sollten wir selbst zusehen, was wir tun
-könnten, uns das Leben zu fristen!
-
-Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und
-Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche
-beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig
-wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere
-lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere
-und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige
-Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem
-Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, -- denn ihr würdet’s
-doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch
-unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als
-auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer
-geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in
-seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern
-noch eine Frist zur Buße geben -- freilich eine letzte.
-
-Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die
-Türe und rief -- denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder-
-und Totengeruches -- von oben herab uns zu: wenn noch einige von den
-Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, -- es sei ein
-Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die
-Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir
-erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen,
-wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt,
-unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer
-nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten
-im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem
-Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als
-wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des
-Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und
-Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war
-ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den
-Füßen halten, der Kommandant, Freiherr +von Reinach+, selber
-mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von
-der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht
-gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter
-übergeben werden.
-
-Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im
-Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief
-dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die
-Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und
-unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt
-allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm
-nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer
-gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler,
-Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde
-genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen
-Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um
-Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort
-einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den
-Akkord zu halten.
-
-Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger,
-welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu
-werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment
-liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder
-zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes
-Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war,
-weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen
-würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und
-gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich
-einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und
-Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum
-Willkomm. Sie kannten mich nicht, -- denn ich sah aus wie ein Gerippe,
-auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser
-bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider
-trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als
-ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle?
-Ich nannte ihnen meinen Namen, -- da fingen sie laut an zu lachen und
-riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich
-einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden?
-Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ --
-Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches
-ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich
-sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins
-Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein
-Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht
-haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns
-auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“
-
-Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil
-sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben.
-Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und
-wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich
-weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan,
-und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem
-Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.
-
-Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich
-vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern
-in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und
-einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das
-Stroh und -- ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe
-getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft
-ausgestanden -- plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem
-Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand
-hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in
-meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich
-ganz gewiß, es sei aus!
-
-Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme
-nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein
-habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und
-ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. -- Es war +Olufsohn+.
-Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah,
-kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind,
-„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden,
-weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß
-ich dich also finden muß.“ -- Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott
-segne dich, +Olufsohn+! So hab ich doch noch einen guten Freund in
-der Welt und will gerne sterben!“ -- Er aber erwiderte: „Das wolle Gott
-nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch
-meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt,
-ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo
-der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der
-gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen
-in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend
-aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß
-ich dem Lazarett zugewandert.
-
-Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und
-ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber
-sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und
-wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem
-Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der
-Feldscherer nachgeschickt würde.
-
-Dies geschah, -- und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich
-mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich
-in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen
-Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem
-Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht
-an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in
-der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin
-ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer
-wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es
-wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.
-
-Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah
-wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig
-und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich
-stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich
-gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind
-pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es
-ehedem nicht, wie ein rechter Christ +beides ist+: +tapfer wie
-ein Löwe und sanft wie ein Lamm+, hie aber habe ich’s erfahren. O
-du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin
-hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen
-und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich
-bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin
-ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was
-dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst
-herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.
-
-Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter
-Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein
-und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört,
-daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen
-sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein
-Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und
-selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was
-ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem
-Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.
-
-An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn
-mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft
-ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu
-und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte
-mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder
-heimkehren mußte.
-
-Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen,
-wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen
-gesund sein würde? -- „+Mit dem ist’s aus!+“ lautete die Antwort,
-„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß
-er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und
-sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen
-Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und
-scheint keinen Gedanken daran zu haben.“
-
-Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen
-würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „+Dies+ das
-Ende? -- Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß
-und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über
-mir gewaltet, -- wider den hilft kein Streiten!“
-
-Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen
-Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon
-Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren
-würde. -- „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. -- „Nicht mit?“
-fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ -- „Heimgehen will
-ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen,
-von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend
-heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß
-ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen
-bin.“ -- „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit
-deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber
-gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme,
-daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn,
-er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von
-dem Obersten bekomme. -- „+Ist’s also ernst?+“ fragte er traurig.
--- „+Ja, ’s ist ernst!+“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört,
-was der Feldscherer mit dir geredet hat. +Morgen scheiden wir!+“
-
-In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen
-und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und
-der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich
-ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte,
-und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.
-
-Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen,
-es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es
-gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur
-einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, -- denn das
-Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei
-Nördlingen, -- ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude
-nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte,
-wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen
-zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete.
-Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs
-Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.
-
-Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in
-Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle
-grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir
-ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich
-meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt
--- ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor
-dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum
-Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für
-alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn
-nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich
-und ging schnell davon.
-
-Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan,
-über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’
-ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen
-Blick zurückzuwerfen, -- sie setzten sich eben in Marsch, einzelne
-Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen
-durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem
-Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve!
--- -- „+Was geht’s dich an?+“ sagte ich, „+dein Weg ist der
-weiteste+!“ wandte mich und zog meine Straße.
-
-
- [3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung
- eines Zeitgenossen, welcher ~Theatr. Eur. III~ also schreibt:
-
- „Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche
- Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen
- Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen
- müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu
- beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese
- Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein
- und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll
- man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit
- keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und
- noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere,
- vorzunehmen bist gezwungen worden?
-
- „Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß
- in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal
- verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden?
- Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten
- Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen,
- wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige
- Gedärme weggefressen worden?
-
- „Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene
- Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit
- den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem
- schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann
- derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet,
- und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen
- Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als
- den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen)
- aufgefressen wird?
-
- „Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und
- Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers
- widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten
- ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem
- Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?
-
- „Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen
- aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger
- Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“
-
- „Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines
- Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst,
- nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor
- ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund
- Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl.,
- vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“
-
- „Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute,
- eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund
- und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und
- deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes
- Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei
- allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber
- belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“
-
- Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die
- Eroberung von Breisach verfertigte ~Distichon Chronologicum~ eine
- Stelle finden. Es lautete: ~Heroi in victo Bernhardo de Weymar
- Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum~:
-
- „~InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI IVngitVr & tanto DIgna
- pVeLLa VIro~.“
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-Der Brief. (Schluß.)
-
- Darum still, darum still,
- Füg ich mich, wie Gott es will.
-
- Volkslied.
-
-
-Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine
-große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein
-Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange
-des Lenzes waren, brannte sehr heiß, -- so legte ich mich denn nieder
-in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das
-Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen
-dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff
-ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen,
-sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der
-erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein
-Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich
-auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt
-hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der
-Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein:
-der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine
-Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu
-machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott
-dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von
-Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten
-läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel
-gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr,
-der Gott Israels! +Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du
-nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.+
-
-Ich mußte diesem Worte nachdenken! -- +Das+ hatte ich ja selbst
-schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „+Bann+“
-auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und
-mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und
-träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft
-herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und
-Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft
-schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder
-zerronnen!
-
-Ich gedachte +Olufsohns+. -- Wie ganz anders war’s dem gelungen!
-Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein
-armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht
-tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog
-er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach
-so viel abgestandenen Mühen und Gefahren -- ein Landläufer und Bettler,
-wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen,
-ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf
-mir allenthalben ein Bann gelegen?
-
-Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s
-wie Schuppen von den Augen -- +es war ein Unterschied, ein großer
-Unterschied zwischen mir und ihm+: er hatte seines Vaters Segen
-beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn
-gemacht. Ein Gebot hatte +ich+ unter die Füße getreten, +er+
-aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „+Du sollst deinen
-Vater und deine Mutter ehren!+“ und der Herr war Richter gewesen
-zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „+auf
-daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden+!“ Mich aber
-hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel
-gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht,
-siehe! das ist der +Bann, der auf dir liegt+!“ So sagte mir die
-Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.
-
-Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan
-würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den
-heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch,
-herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch,
-lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der
-Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht
-vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer
-Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch
-sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern
-erzählen, daß „+wenig und böse+“ die Zeit Eures Lebens gewesen um
-des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir:
-es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt,
-wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben
-Jahre lang gewesen war, -- ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst
-fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale
-wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich
-damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich
-beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.
-
-„+Wehe, wehe, wehe!+“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der
-Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum
-liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in
-der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen -- nur so lange noch, bis
-ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht,
-bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten
-Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir
-ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und
-ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir,
-ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“
-
-So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem
-anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder
-Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte
-mir nicht Ruhe noch Rast.
-
-Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den +Mainstrom+ wieder. Nun
-hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders
-beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen
-Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen
-werd ich Euch nicht mehr!
-
-Als ich an ein Dörflein kam unterhalb +Wertheim+ --
-+Bestenheida+ genannt -- konnt ich vor heftigem Stechen kaum
-mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon
-dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse,
-wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg
-gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er
-mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon.
-Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu
-mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen,
-leeren Zimmer.
-
-Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges
-Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen
-offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich
-fragte, wo ich denn sei. -- „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte
-das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest
-hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause gestorben; ich
-allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“
-
-„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. -- „Ein Waisenkind!
-Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages
-die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater
-totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben
-sie hierher getan.“
-
-„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, -- „der Krieg
-bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“
-
-„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber +beten+!
-Meine Mutter hat mich’s gelehrt -- ich bete alle Tage! -- Soll ich
-einmal beten?“ -- „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die
-Hände und hub an:
-
- „Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit,
- Sein Will’, der ist der beste;
- Zu helfen den’n er ist bereit,
- Die an ihn glauben feste.
- Er hilft aus Not,
- Der fromme Gott,
- Und züchtiget mit Maßen!
- Wer Gott vertraut,
- Fest auf ihn baut,
- Den will er nicht verlassen.
-
- Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht,
- Mein’ Hoffnung und mein Leben,
- Was mein Gott will, daß mir geschicht,
- Will ich nicht widerstreben:
- Sein Wort ist wahr,
- Denn all mein Haar
- Er selber hat gezählet;
- Er hüt’t und wacht,
- Stets für uns tracht’t,
- Auf daß uns gar nichts fehlet.
-
- Drum will ich gern von dieser Welt
- Scheiden nach Gottes Willen
- Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt,
- Will ich ihm halten stille.
- Mein’ arme Seel’
- Ich Gott befehl’
- In meinen letzten Stunden:
- O frommer Gott,
- Sünd’, Höll’ und Tod
- Hast du mir überwunden!“
-
-Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein
-Lob zugerichtet! -- Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt,
-und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des
-Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte
-ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den
-letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei
-Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein
-Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir
-kein nütze!“
-
-„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht,
-einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“
-
-„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon
-dagewesen, -- aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht
-aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“
-
-Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden
-Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden
-verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein
-so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber
-nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen
-und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den
-Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von
-hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch
-mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes
-Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen,
-aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und
-löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer
-Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt +tiefer, viel tiefer graben+! Womit
-Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren
-+himmlischen+ Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt,
-wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht
-Psalm 51 und lautet: =An dir allein= +hab ich gesündigt und
-Übel vor dir getan+, auf daß du recht behaltest in deinen Worten!
-+Das+ Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge
-Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, -- ich gönn Euch
-herzlich diese Freude, -- aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr
-am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde
-vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr
-bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre
-kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu
-Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn
-zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was
-für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen
-und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts
-ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber
-dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk
-an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung,
-der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und
-lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat.
-Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger
-dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer
-werten Wort, daß +Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder
-selig zu machen+.“
-
-So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß
-sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn
-hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich
-gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen
-Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind
-gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des
-Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s
-sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und
-dem Abgrund ewigen Jammers, -- gerade da hat der Herr die Decke von
-meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des
-Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen
-Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten,
-der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort
-gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese
-sein!
-
-Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel
-schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist,
-wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei
-der Hölle gewesen, ich bin so müde geworden von Seufzen, ich habe
-wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen
-manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort
-Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst,
-ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab
-ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das
-Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es
-durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark
-und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die
-alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal
-ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben
-auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in
-meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.
-
-Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch
-einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören,
-doch aber -- es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders
-beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade
-gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens,
-in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die
-geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt
-ich das Böse nicht auch hinnehmen?
-
- Warum sollt ich mich denn grämen,
- Hab ich doch Christum noch,
- Wer will mir den nehmen?
- Wer will mir den Himmel rauben,
- Den mir schon Gottes Sohn
- Beigelegt im Glauben.
-
-So lebt denn wohl, +herzliebe Eltern+! Gottes Lohn für jedes
-Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele
-gelegt! -- endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der
-Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine
-Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde
-beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, -- +dort+,
-wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. -- Ihr,
-meine lieben +Geschwister+, gedenket mein wiederum im Guten und
-betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, -- denn auf dem
-heißt’s: +Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!+
-
-Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß
-geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine
-Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder
-führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme
-gebricht. Sagt auch dem +Amtskeller+, daß ich ihn tausendmal um
-Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir
-stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen
-keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in
-Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn
-von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn
-gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter
-Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht
-anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele
-Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung
-verleihen wolle mit den andern allen!
-
-Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!
-
- Christus, der ist mein Leben,
- Und sterben mein Gewinn,
- Dem tu ich mich ergeben,
- Mit Freud fahr ich dahin.
-
-Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der
-+siebten+ kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs
-finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch
-Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem,
-der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin +lebet wohl
-und gedenket mein in Frieden+! Darum bittet Gott und Euch
-
- Euer getreuer Sohn
-
- =Valentinus Gast=,
-
- der Verlorene, aber +Wiedergefundene+.
-
-
- Am 3. Juni 1639.
-
-~P. S.~ Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem
-Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf
-den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten.
-Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein
-Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen
-Brief Euch zustellt, -- ich will das Wenige, was ich noch habe, vor
-meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich +allhier+ sterben, wird
-der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die
-Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. -- Werde ich Euch
-noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s
-manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! -- +Nun wie Gott
-will!+ Amen, Amen.
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
-Valentins Tod.
-
- Da neigt er sich nun eben,
- Verwelkt und sinket hin,
- Den ich sah aufwärts streben
- Mit also stolzem Sinn,
- Der Knabe, jung von Tagen,
- Sein Haupt herniedersenkt,
- Ach, ach, nun muß ich klagen,
- So sehr ist es erkränkt;
- Die Seel’ schon auf der Zungen
- Wird er’s jetzt hauchen aus,
- Nun muß es sein gerungen
- Mit Tod und letztem Strauß.
-
- Spee’s Trutz-Nachtigall.
-
-
-Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen,
-verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige
-Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden
-meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens
-war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war
-durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele
-freute sich Gottes, meines Heilandes.
-
-Da gedachte ich auch, wie die droben -- mein Weib und meine Töchter
-und mein Johannes -- auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des
-Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und
-Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn
-gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut,
-vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher
-waren sie mir wohl immer vorgekommen als solche, die geschieden aus
-großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die +Seligen+,
-angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und
-verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte,
-ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine
-Gedanken! -- der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind
-und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.
-
-Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht
-von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern
-und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und
-durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben,
-betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und
-Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte
-ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem
-getreuen Gott, -- derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den
-Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut
-nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken
-hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit
-seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus
-einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein
-Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten
-bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.
-
-Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr
-matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte,
-daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit
-begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem
-ich für ihn oder für mich zu beten hatte.
-
-Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn
-fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter
-unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:
-
- „Nur elf Jünger blieben treu,
- Gib daß gar kein Abfall sei.“
-
-Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen
-Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die
-Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich
-angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn
-Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, -- doch hat der
-gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen
-Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit
-meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und
-das Brot essen werde im Reich Gottes! -- -- Gott segne dich, Olufsohn!“
-
-Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan,
-und dankte dem Herrn, daß er es erhört.
-
-Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für
-sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet.
-Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr
-sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann
-wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte,
-so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem +Siegesbette+
-denn an einem +Siechbette+ zu stehen meinte.
-
-Endlich schlug es +ein Uhr+! Da hielt er den Atem an, wie wenn
-er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, -- es war
-wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit
-bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“
-rief und seinen Spruch anhub:
-
- „+Eins ist not!+ du treuer Gott,
- +Schenk uns einen sel’gen Tod+!“
-
-„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank
-auf sein Kissen zurück. -- „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn,
--- da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.
-
-Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete
-die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner
-seligen Mutter geworden waren, und betete, -- unten auf der Straße aber
-wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das
-Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen
-einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend,
-zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten
-und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da!
-sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals,
-da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und
-darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird.
-Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem
-Weinen: „+Armer, armer Valentin!+ was ist aus den hochgehenden
-Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen,
-wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, -- auf der
-grünen Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins
-arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du
-seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch -- wie muß ich dir,
-mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit
-dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß
-du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen
-in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. +Der
-Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei
-gelobet!+“
-
-Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah,
-daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und
-weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete
-mich mit viel lieblichen Worten.
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
-Noch ein Gottesgericht.
-
- Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.
-
- Sprichwort.
-
- Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!
- Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.
- Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,
- Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.
-
- Shakespeares Macbeth.
-
-
-Gegen Morgen schickt der +Pfarrherr+ zu mir und läßt mir
-ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse
-nehmen und mit hinter nach +Eibelstadt+ gehen, ein Soldat sei vom
-Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige
-Nachtmahl empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den
-Weg.
-
-Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und
-erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein
-gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen
-Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und
-eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und
-den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt.
-Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr
-treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.
-
-In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn +von Greifenklau+ Haus
-gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte.
-Als ich die Lichter angezündet und die ~vasa sacra~ hergerichtet,
-wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit
-meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das
-Rathaus ist.
-
-In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel
-Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern
-gedachte des Hingeschiedenen.
-
-Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann
-mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich
-freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei.
-Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister
-fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände
-bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach
-dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er
-unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem
-Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten
-in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das
-Städtlein heiße?
-
-„+Sommerhausen!+“ erwiderte ich. -- „Sommerhausen?“ sagte der
-Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen
-Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten
-einer unter unserem Regiment gedient.“
-
-„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter
-das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die
-herumliegenden Soldaten, -- es waren schwedische Dragoner, was ich
-jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“
-fragte ich, indem mir das Herz klopfte.
-
-„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der
-Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter
-Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort
-steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da
-sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst
-schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen,
-wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin
-nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen
-Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“
-
-„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt,
-nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer
-Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.
-
-„Ich heiße +Olufsohn, Swen Olufsohn+!“ gab er mir zur Antwort, „und
-bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen,
-und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen
-+Gast+, -- +Valentinus+ war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“
-
-Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname
-geheißen!
-
-„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja
-mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich
-auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt:
-Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“
-
-„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden
-Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“
-
-„Ja!“ erwiderte ich, „+er ist heim+ gekommen -- seit drei Tagen zu mir,
-seinem +leiblichen+ Vater und zu seiner +irdischen+ Heimat, und heute
-nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu
-seinem +himmlischen+ Vater und zu seiner +himmlischen+ Heimat. Euch
-aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“
-
-Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines
-Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun
-wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch
-Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er
-habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht,
-er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er
-selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott
-so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen,
-er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar
-ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen
-lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was
-meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und
-Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich
-sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn
-sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.
-
-Während wir noch also miteinander redeten, kam der +Pfarrherr+ ganz
-erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und
-sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben!
-Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen
-aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein
-verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen!
-Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine
-Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber,
-als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten,
-da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten
-freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei
-jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum
-Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst
-zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die
-Stube.
-
-[Illustration: Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu
-sehen (24. Kap.)]
-
-Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß
-aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei
-Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen
-umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren
-Stimme, „du Graukopf, -- hab ich dir nicht schon einmal den Schädel
-gespalten? -- Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und
-jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher
-in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine
-Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? +Vorwärts,
-vorwärts+, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute
-gibt’s Dukaten -- wird +alles+ geteilt, brüderlich! -- aber dem
-Grünrock seine gehören mir, -- pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück
-ihm die Kehle zu, -- ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes!
-’s sind zwei über einen! -- Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen
-starren! So -- jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der
-+Graukopf+ lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei,
-du kennst mich schon!“
-
-„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist +Nikol Paradeiser+, der den
-alten Veit erschlug!“
-
-„+Nikol Paradeiser?+“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel
-hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner!
-Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht
-stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! -- So ist’s
-recht, -- Teufel, da liegt er ja wieder! -- Hopp, hopp, Schimmel! --
-+Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!+ Laß mich doch, alter Tropf,
-du wirst mich doch nicht zwingen?“
-
-„+Das ist Gottes Gericht+, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich,
-„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen
-einen Mord begangen!“
-
-„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die
-ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, -- „ich
-bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid
-darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter
-dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben
-und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der
-Geschichte gesprochen, -- mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht
-er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn
-ich sah ihn auch leibhaftig.“
-
-„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein
-für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat
-euch geschlagen. +Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von
-nun an!+ -- Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen
-geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er
-seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes
-Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und
-fallen, da sie niemand jagt!“
-
-„+Niemand jagt?+“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist
-er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will
-dir den Rest geben, -- ich will -- ich will“ -- damit schleuderte
-er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von
-sich und sprang aus dem Bett, -- der Rittmeister lief herzu, wollte
-ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke
-jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und
-war tot.
-
-Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes
-mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der
-Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber
-und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister
-Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.
-
-
-
-
-Vierundzwanzigstes Kapitel.
-
-Schluß.
-
- Dem Leib ein Räumlein gönn’
- Bei frommer Christen Grab,
- Auf daß er seine Ruh’
- An ihrer Seite hab’!
-
-
-Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin
-Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war
-nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe
-weiterziehen müssen.
-
-Es hatte +Hans Ebeling+ meines Weibes und meiner Kinder, dazu
-des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden
-Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes
-hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte.
-Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben
-noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um
-ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube,
-ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte
-schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort
-einmal eine Liebe erzeigt, -- selbst des +Hans Mündleins+ Witwe
-kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen
-Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen,
-erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie
-jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen
-ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das
-war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr
-schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut
-Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin
-ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff
-mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald
-kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm,
-Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen
-noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten
-des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes
-gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid
-um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir
-gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“
-Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und
-Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter
-auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, --
-dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.
-
-Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur
-Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald
-das Lied anstimmten: „+Jerusalem, du hochgebaute Stadt!+“ Als die
-drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden,
-welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein,
-wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst,
-geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern
-Dragonern, welche den Zug schlossen.
-
-Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage
-sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben
-nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun
-laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die
-Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, -- dann war alles vorüber, und
-wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen.
--- Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis
-bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt
-begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch
-übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir
-alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen
-Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem
-Rittmeister -- nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die
-Wallfahrt auf Erden dauert.
-
- * * * * *
-
-Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? --
-Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen,
-abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in
-diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte,
-jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „+Komm!+“ und meiner
-Kinder Stimme: „+Komm, komm!+ du hast auf Erden nichts mehr zu
-suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre
-Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist
-mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins
-Begräbnis:
-
- Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
- Wollt Gott, ich war in dir!
- Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat,
- Und ist nicht mehr bei mir!
- Weit über Berg und Tale,
- Weit über blaches Feld
- Schwingt es sich über alle,
- Und eilt aus dieser Welt.
-
-Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das
-„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine
-Nachfahrt halte?
-
-Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der
-Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert
-während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt
-einen +besseren+ Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht,
-mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur
-Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird.
-+Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren+, und ob mein
-Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm
-gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, -- doch aber
-hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm
-und Nacht, in Angst und Not allezeit meine +Augen deinen Heiland
-gesehen+, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich,
-ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach:
-„Herr, hilf mir!“
-
-+Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine
-holdselige Gestalt festgehalten bis heute?+ Dann tritt her zu mir
-und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:
-
- ~Soli Deo Gloria!~
- =Dem Herrn allein die Ehre!=
- Amen!
-
-Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli ~anno Domini~ 1650.
-
- =Udalricus Gast=,
- zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Schulmeister und sein Sohn, by
-Karl Heinrich Caspari
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN ***
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-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Der Schulmeister und sein Sohn, by Karl Heinrich Caspari
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Der Schulmeister und sein Sohn
- Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
-
-Author: Karl Heinrich Caspari
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60703]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
-1913 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
-Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
-altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert,
-sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt
-wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
-Text mehrmals auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang
-des Texts versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das
-Ende des betreffenden Kapitels verschoben.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="cover" name="cover">
- <img class="mtop3" src="images/cover.jpg" alt="Original-Umschlag" /></a>
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="illu_001" name="illu_001">
- <img class="mtop3" src="images/illu_001.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot3 no-break-before">Ich fand ihn am Fenster
- stehen und dem abziehenden Volk nachsehen (<a href="#Viertes_Kapitel">4. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<h1>Der Schulmeister und sein Sohn</h1>
-
-<p class="s3 center">Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege von</p>
-
-<p class="s2 center">K. H. Caspari</p>
-
-<p class="s4 center">Neunzehnte Auflage<br />
-:: Mit acht Bildern ::</p>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="verlag" name="verlag">
- <img class="w5em padtop5" src="images/verlag.jpg" alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s3 center">1913<br />
-Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart</p>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="druckerei" name="druckerei">
- <img class="w3em padtop3" src="images/druckerei.jpg" alt="Signet der Druckerei" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">Gedruckt in Stuttgart<br />
-bei J. F. <em class="gesperrt">Steinkopf</em></p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsuebersicht">Inhaltsübersicht.</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zweites Kapitel. Der Sohn
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">10</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">14</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">21</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">26</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sechstes Kapitel. Die Warnung
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">33</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Siebtes Kapitel. Der Torwart
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Siebtes_Kapitel">37</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Achtes Kapitel. Der Überfall
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">41</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Neuntes Kapitel. Die Plünderung
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">46</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zehntes Kapitel. Die Entdeckung
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">50</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">56</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zwölftes Kapitel. Die Flucht
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">63</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Dreizehntes Kapitel. Die Pest
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">69</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">79</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Fünfzehntes Kapitel. Der Brief
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">83</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">87</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">91</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">98</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">104</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">112</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß)
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">124</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">136</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">141</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">147</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorrede_zur_ersten_Auflage">Vorrede zur ersten
-Auflage.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher
-wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft
-die <em class="gesperrt">alten</em> Kirchenbücher gewährt, &mdash; einen wohltuenden Blick in
-das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.</p>
-
-<p>Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer
-Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten
-Schuldiener, <em class="gesperrt">Udalrikus Gast</em>, geführte Kirchenbuch durchlesen,
-der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem
-warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende
-Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr
-lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen
-seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich
-aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes
-von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, &mdash;
-und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift &mdash; aus einer
-sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten
-Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses
-Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte
-zusammenzustellen gesucht.</p>
-
-<p>Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener
-selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht
-herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse,
-da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die
-altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende
-Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.</p>
-
-<p>Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und &mdash; Gottes
-Segen.</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Eschau</em> bei Aschaffenburg,
-den 30. Mai 1851.</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em>.</p>
-
-<p class="s4 center padtop5 break-before">Motto:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,</div>
- <div class="verse">Doch innen schwarzer Farbe, &mdash; finster wie der Tod.</div>
- <div class="verse s5 mleft9"><em class="gesperrt">Walther von der Vogelweide</em>.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es glänzet der Christen inwendiges Leben,</div>
- <div class="verse">Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.</div>
- <div class="verse">Was ihnen der König des Himmels gegeben,</div>
- <div class="verse">Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.</div>
- <div class="verse s5 mleft11"><em class="gesperrt">Chr. Fr. Richter</em>.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Des Autors Stand und Herkommen.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="motto1">
-
-<p>Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm
-genügen.</p>
-
-<p class="right mbot1">1. Tim. 6, 6.</p>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">S</span>eit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer
-eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein
-verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios
-eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die
-Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen
-gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen
-Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.</p>
-
-<p>Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß
-auch ich, <em class="gesperrt">Udalricus Gast</em> von <em class="gesperrt">Sommerhausen</em> im Frankenland,
-mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser
-letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich
-nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer <em class="gesperrt">Schuldiener</em>,
-der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes
-Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure
-Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht
-wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der,
-welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Gott, der
-da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, &mdash; <em class="gesperrt">das</em>,
-lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk
-ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er
-der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im
-Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s
-anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch
-das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest,
-und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht
-verhalten, und lauten soll es:</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1"><span class="antiqua">Soli Deo Gloria!</span><br />
-<em class="gesperrt">Dem Herrn allein die Ehre</em>!</p>
-
-<p>Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir
-nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende,
-Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, &mdash; doch läßt sich
-nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch
-meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf
-absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur
-ein weniges zum besseren Verständnis.</p>
-
-<p>Mein nun in Gott ruhender Vater, <em class="gesperrt">Paulus Gast</em>, war seines
-Handwerks ein Schneider drüben in <em class="gesperrt">Winterhausen</em>. Mein Mütterlein
-hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt
-geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen,
-dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins
-Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich
-sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich
-zu einem Schulmeister.<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen
-aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem
-seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter
-dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach
-wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines
-Schuldieners betraut worden.</p>
-
-<p>Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit:
-<em class="gesperrt">mein alter Vater und Margareta Späthin</em>, der ich nun meine Hand
-vor dem Altare Gottes geben konnte, &mdash; mein Herz hatte ich ihr schon
-seit zehn Jahren gegeben. &mdash; Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn
-und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich
-alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit
-nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn
-schaut von Angesicht zu Angesicht.</p>
-
-<p>Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen
-auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und
-Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.</p>
-
-<p>Das Städtlein <em class="gesperrt">Sommerhausen</em> liegt im gesegneten Frankenlande.
-Es führt billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube
-scheint. Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung,
-dagegen viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick,
-wenn die Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren
-vielen Türmen, wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch
-ein stattlicher Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der <em class="gesperrt">Main</em>,
-der vom Bayreuther Lande herunterkommt und hier die Grenze macht
-zwischen den beiden Flecken Sommerhausen und Winterhausen. &mdash; Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-segne dich, liebes Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und
-Kindeskind. Hier bin ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter
-Hoffnung an mein Tagewerk gegangen, hier hab ich des Tages Last und
-Hitze getragen, hier will ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte
-Stunde schlagen hören und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft
-zum Feierabend, mein Gröschlein zu empfangen. <em class="gesperrt">Das walte Gott</em>!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Sohn.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="motto1">
-
-<p>Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!</p>
-
-<p class="right mbot1">Psalm 127, 3.</p>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>m 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren.
-Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in
-das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des
-Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand
-und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie
-wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen
-hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der
-Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ &mdash; In der
-heiligen Taufe ward es vertreten von <em class="gesperrt">Valentin Orplich</em>, dem
-<em class="gesperrt">Bäcken</em>, der ihm den Namen <em class="gesperrt">Valentin</em> beilegte. Ich hab’s
-nicht unterlassen, auf dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß
-er einen rechten, christlichen „<em class="gesperrt">Valentinus</em>“ aus ihm machen
-wolle, einen Helden, stark und streitbar wider diese Welt und alle
-Feinde seiner Seligkeit.</p>
-
-<p>In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Knaben aufgezogen,
-soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist.
-<em class="gesperrt">Gewollt</em> wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in
-der Einfältigkeit ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen
-finden konnte, ist mir treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß
-der Herr nicht umsonst sage: „<em class="gesperrt">Die frühe</em> mich suchen, werden mich
-finden.“ Es ist das Herz der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das
-liebliche, hehre Bild des Herrn Christus noch leichtlich sich prägen
-läßt. Später kann solches nicht mehr geschehen, oder aber &mdash; es braucht
-heißer Trübsale, das Herz wieder weich zu machen.</p>
-
-<p>Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon
-nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter,
-vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude,
-wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem
-Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens
-hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr
-klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen
-guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war
-gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein
-am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen
-am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und
-doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er,
-wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter
-den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens
-ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr
-geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter
-gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger
-Jahre, als der leidige Krieg uns<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen
-Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon
-dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter
-den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder
-reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.</p>
-
-<p>Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein
-tapferes Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur
-<em class="gesperrt">Naturgaben</em>, die ein Kind noch lange nicht geschickt machen
-zum Himmelreich, obwohl sie vor Menschen es zieren. Wohin ist
-Absolom gekommen mit seiner lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem
-hochherzigen Wesen? &mdash; <em class="gesperrt">zum schweren Fall</em>! Ein Mensch mit solchen
-Eigenschaften ist wie ein Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln
-seine Fahrt beginnt. Wenn’s unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s
-einen stattlichen Lauf in den Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm
-in die Segel fährt, wird’s um so schneller zerscheitert. Der rechte
-Fahrwind aber ist der <em class="gesperrt">Geist des Herrn</em>. Ich hätte das wohl wissen
-können, aber wo ist der Vater, dem’s nicht süß eingeht, wenn alle Welt
-sein Kind als ein liebwertes lobt und preiset?</p>
-
-<p>Anno 1626, am heiligen <em class="gesperrt">Pfingstfest</em>, ist mein Valentin das
-erstemal zu Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle
-miteinander auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine
-Seele schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, &mdash;
-den Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein
-schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen
-schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu
-gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei,
-nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> Bruder
-so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten
-nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre.
-Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles
-ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der
-andern Kinder ins Gotteshaus.</p>
-
-<p>Es waren ihrer gerade <em class="gesperrt">zwölf</em> in diesem Jahre, die ihr erstes
-Nachtmahl feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das
-Sakrament empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich
-mich einer großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den
-Kirchenstühlen stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im
-Städtlein Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen
-im eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne
-Zeit, die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg
-gebracht hatte.</p>
-
-<p>Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen
-sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser
-Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre
-Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe
-mitten unter die Wölfe.“ &mdash; Ist doch auch unter den Zwölfen, die der
-Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit
-der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn
-geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum
-Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser
-Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen
-haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht,
-ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in
-Nacht und Finsternis?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber
-fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies
-arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe
-sie, wie dir’s gefällt, &mdash; in die Höhe oder in die Tiefe, durch die
-grüne Aue oder durchs finstere Tal, &mdash; nur führe sie so, daß keines von
-dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der
-großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu
-den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er hat’s getan, &mdash; ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Valentin beim Handwerk.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,</div>
- <div class="verse">Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! &mdash;</div>
- <div class="verse mleft2">Seit sie eingeritten in unseren Toren</div>
- <div class="verse mleft2">Mit Schulterstück und rostigen Sporen,</div>
- <div class="verse mleft2">Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!</div>
- <div class="verse s5 mleft16">Altenglische Ballade.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">E</span>ine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne
-werden sollte, &mdash; doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein
-Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut,
-ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag
-noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen
-werde, aber &mdash; der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.</p>
-
-<p>Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der
-Heimsuchung über die evangelische Kirche gekom<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>men, und auch bei
-uns, in <em class="gesperrt">Limpurgischen</em> Landen, sah es bereits aus, als
-wenn der Leuchter des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell
-gebrannt, wieder von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In
-<em class="gesperrt">Markt-Einersheim</em>, <em class="gesperrt">Possenheim</em> und <em class="gesperrt">Hellmizheim</em> hatte
-das <em class="gesperrt">Würzburger</em> Domkapitel die evangelischen Kirchen geschlossen,
-und die Seelsorger hatten sich auf den Speckfeld geflüchtet, wo sie
-sonntäglich ihre Gemeinden unter großen Anfechtungen versammelten und
-ermahnten, um des Herrn willen das Unrecht zu ertragen, aber dabei fest
-zu beharren im wahren Glauben. Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die
-Kirchgänger vom streifenden Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf
-den Turm in Iphofen gesetzt wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich
-loskaufen mußten.</p>
-
-<p>In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar
-eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen
-der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist,
-und wehe &mdash; dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern
-Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen,
-drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.</p>
-
-<p>Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? &mdash; <em class="gesperrt">Ich nicht!</em>
-Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht
-hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller
-Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt
-angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören
-dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt,
-daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als
-auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann
-findest,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen
-Menschen gefunden.</p>
-
-<p>So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu
-<em class="gesperrt">Valentin Orplich</em>, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen
-Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu
-fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als
-stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er
-werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm:
-„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot
-erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘
-&mdash; Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für
-alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ &mdash; Drauf war er’s zufrieden,
-und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei,
-den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des
-elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, &mdash;
-‚<em class="gesperrt">im Schatten des Vaters</em>,‘ sagt man, ‚<em class="gesperrt">wird der Sohn groß</em>!‘</p>
-
-<p>So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein
-Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich
-herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße
-stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit
-sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das
-Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein
-Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat
-seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er
-war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister
-sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>schäft ihm in
-die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister
-nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer,
-doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den
-Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.</p>
-
-<p>In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein
-gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich
-vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der
-Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen
-Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen,
-welcher der <em class="gesperrt">Venusberg</em> heißt. Dort brächten sie in heidnischen
-Greueln und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den
-Berg nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag
-des Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander
-und ein Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande
-und blase wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre,
-werde alsbald wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind
-dahinten, frage nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern
-wolle sofort dem Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem
-Spielmann immer auch ein Warner da, der <em class="gesperrt">treue Eckart</em> genannt,
-der bäte und flehte, dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei
-zeitlich und ewig um die geschehen, welche sich verlocken ließen; aber
-nur wenige gäben ihm Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei,
-führe den ganzen Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören
-müßten, um des Teufels Feste zu feiern.</p>
-
-<p>Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann
-mit der wundersamen, verlockenden Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> ist der <em class="gesperrt">listige
-Versucher</em>, der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und
-die rechte Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem <em class="gesperrt">Heil</em>
-ihn abzuführen. Der getreue Eckart aber ist <em class="gesperrt">Gottes Wort</em> und das
-<em class="gesperrt">Gewissen</em>, die dem Menschen die Wahrheit verraten und sein Los
-ihm voraussagen, wenn er sich von dem Versucher betören lassen will, &mdash;
-aber bei den meisten <em class="gesperrt">leider umsonst</em>.</p>
-
-<p>In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum
-Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze <em class="gesperrt">Zechgesellschaft</em> in der
-unteren Schenke, &mdash; die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der
-Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten
-sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend
-sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben
-sind. Da war im zweiundzwanziger Jahr <em class="gesperrt">Michel Hamsterloch</em>, der
-Kornwucherer, &mdash; der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten
-Taler auf dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du
-sollst nicht Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen,
-bis ihn drei kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen
-ausplünderten und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der <em class="gesperrt">Jäger von
-Erlach</em>, der hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor
-Lust ihm die Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er
-auch seinen elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten
-werde. Da war des Schenkwirts <em class="gesperrt">Rosamund</em>, das liebliche Mägdlein,
-&mdash; das hörte das süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit
-und breit gerühmt wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm
-verlassen ward, und sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in
-den Fluten begrub und unter den<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer
-Eckart gewesen, doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)</p>
-
-<p>Aber auch <em class="gesperrt">das</em> vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund,
-daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von
-<em class="gesperrt">Zeit zu Zeit</em> den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt
-seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine
-Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen
-Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen
-ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht
-mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker
-verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt
-allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s
-zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und
-die Gemeinde den Seelsorger, &mdash; der Tunichtgut achtet sich berufen, die
-Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird
-verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und
-Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat
-Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater
-ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt,
-will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot
-treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück
-und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat.
-Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die
-Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und
-taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder
-nüchtern wird und zur Vernunft kommt.</p>
-
-<p>Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religions<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>krieges, und obwohl
-unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte
-doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder
-nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚<em class="gesperrt">Bet und arbeit, so hilft
-Gott allezeit</em>‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer
-ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen,
-und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der
-Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs
-Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften
-Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde;
-die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt
-laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit
-Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit
-der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische
-Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚<em class="gesperrt">dummen
-Jakob</em>‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen
-Mann verstanden. &mdash; Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das
-freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und
-nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und
-Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch
-diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die
-törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier
-umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.</p>
-
-<div class="center">
-
-<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" /> &emsp;
-<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" /> &emsp;
-<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" />
-
-</div>
-
-<p>Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so
-zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht
-eigentlich über ihn zu kla<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>gen, aber so oft ich ein Näheres über seine
-Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter,
-er gefällt mir nicht mehr, &mdash; er ist unlustig geworden und Ihr werdet
-sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang,
-mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte
-Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Valentin der Schreiber.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,</div>
- <div class="verse">Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,</div>
- <div class="verse">Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,</div>
- <div class="verse">Da meint er sein Glück zu heben.</div>
- <div class="verse">Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,</div>
- <div class="verse">Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.</div>
- <div class="verse s5 mleft16">Schiller.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">E</span>ines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen
-Valentin aufzuwecken, &mdash; da hörte ich Stimmen auf der Gasse und
-Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen
-Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter
-kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und
-trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und
-Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten
-sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die
-Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen
-die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte
-und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den
-Kriegszeiten auf<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>gekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin
-der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen
-wird, und das also anhebt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>,</div>
- <div class="verse">Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,</div>
- <div class="verse">Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,</div>
- <div class="verse">Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<p>Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das
-Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum
-Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft
-schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen.
-Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch
-das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern
-die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit
-wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen
-Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit
-und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.</p>
-
-<p>Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand
-ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden
-Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn
-betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend
-und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die
-abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die
-weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie
-ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne
-Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als
-ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am
-Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> backen &mdash; schlechter könne
-es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.</p>
-
-<p>Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle,
-wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und
-Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der
-<em class="gesperrt">Amtskeller</em> habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es
-sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er
-Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink
-von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen,
-sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem
-Gewissen einen andern Beruf ergreife &mdash; wir sollen dann gewiß unsere
-Freude an ihm erleben.</p>
-
-<p>Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und
-daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte
-auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem
-Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er
-verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst
-ein gutmütiger, freundlicher Mann war, &mdash; doch aber bei so bewandten
-Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn,
-wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller
-und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem
-neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand
-gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines
-Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid
-ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder
-Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein
-Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> jedem seine Weise, auch Eurem Sohn,
-denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch,
-der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s
-zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts
-und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden.
-Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich
-Ehre von ihm haben.“</p>
-
-<p class="mbot2">Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den
-Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm
-der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor
-uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst
-hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem
-Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet:
-Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das
-alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die <em class="gesperrt">Ehre</em> und
-der <em class="gesperrt">Amtskeller</em> galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater
-und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten
-Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am
-Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen
-Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz
-gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder
-auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens
-vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser
-auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu
-und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. &mdash; Um auf schlimme Wege
-ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die
-sollte er auch bald genug finden.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Das Lied ist von <em class="gesperrt">J. W. Zinkgref</em> im Jahre 1624
-gedichtet und seine übrigen Verse heißen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!</div>
- <div class="verse">Schlagt ritterlich darein! &mdash; Eu’r Leben unverdrossen</div>
- <div class="verse">Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch</div>
- <div class="verse">Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,</div>
- <div class="verse">Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,</div>
- <div class="verse">Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,</div>
- <div class="verse">Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,</div>
- <div class="verse">Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme</div>
- <div class="verse">Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut</div>
- <div class="verse">Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,</div>
- <div class="verse">Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,</div>
- <div class="verse">An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,</div>
- <div class="verse">Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden</div>
- <div class="verse">Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,</div>
- <div class="verse">Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,</div>
- <div class="verse">Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,</div>
- <div class="verse">Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:</div>
- <div class="verse">Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,</div>
- <div class="verse">Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses Liedes
-ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied aus dem
-Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „<em class="gesperrt">Kein besser Leben ist auf
-dieser Welt zu denken</em>“ usw.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Jäger von Erlach.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="motto1">
-
-<p>Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an
-jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,
-die auf seine Güte hoffen.</p>
-
-<p class="right mbot1">Ps. 147, 10. 11.</p>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>n <em class="gesperrt">Erlach</em> hatte die <em class="gesperrt">Seinsheimische</em> Herrschaft seit einem
-halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig,
-hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die
-untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff
-und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er
-grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine
-Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner
-Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele
-hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was
-einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm
-wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche
-Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.</p>
-
-<p>Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der
-Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch
-mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend,
-und als <em class="gesperrt">Veit Geißendörfer</em>, der Torwart, ihm solches verwies,
-weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes
-leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte,
-der Amtskeller solle ihn strafen,<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> wenn er Lust dazu trüge. Er frage
-den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! &mdash; Der Torwart
-meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu
-greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch
-der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er
-unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.</p>
-
-<p>Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand,
-der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden
-könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein
-Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender
-Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König <em class="gesperrt">Gustav Adolf
-von Schweden</em> mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm
-das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung
-über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens
-sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen
-Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu
-Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh
-ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so
-huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann
-zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten,
-und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede
-unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, &mdash;
-da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“</p>
-
-<p>Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche
-Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel,
-die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte,
-wieder hervorgeholt<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden.
-Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher
-geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße
-folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute
-Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller
-vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und
-ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde
-nichts dawider haben, &mdash; er war aber mittlerweile weit weg an den Rhein
-gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, gehen
-sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich an sie,
-wie es seine Art war, &mdash; mit einem Male aber schaut ihm der eine von
-den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: „Heißt Ihr
-nicht <em class="gesperrt">Franz Sorawitz</em>, und habt unter dem <em class="gesperrt">Friedländer</em>
-gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So
-seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann
-vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig
-Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? &mdash; Das sollt
-Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein.
-Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes
-Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß
-über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der
-andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden
-auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht
-geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen
-solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch
-und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie
-seinen Hauptmann. Dann sprangen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> die Schweden auf ihre Pferde und
-jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.</p>
-
-<p>Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf
-offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken
-war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte,
-welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der
-andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers
-angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne
-Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter
-dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was
-seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen
-mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier
-am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der
-gesprochen hätte wie ein Mann! &mdash; Für was habt ihr denn Mauern und
-Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt?
-&mdash; Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein
-Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen.
-<em class="gesperrt">Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!</em>“</p>
-
-<p>Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand
-mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und
-seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern
-könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre.
-In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon,
-um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und
-stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die
-Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> jungen
-Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die
-schlimmen Gäste zu erwarten.</p>
-
-<p>Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und
-ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein.
-Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not
-keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen
-fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle
-Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs
-von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein
-Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie
-schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft
-ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.</p>
-
-<p>Da kam von ungefähr <em class="gesperrt">Klaus Mündlein</em> mit einem Karren Holz rechts
-den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war,
-und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen
-die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn
-nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore
-hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der
-Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht
-auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann
-wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger,
-was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger
-bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und
-ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der
-Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie
-wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten
-aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege
-hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken
-vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies
-würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie
-aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern
-hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das
-Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber
-der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten,
-auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er
-hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und
-sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach
-dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den
-letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner
-ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.</p>
-
-<p>Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen.
-Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie
-Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende
-Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir
-hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein
-Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub,
-die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte
-ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die
-Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen.
-Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen
-den Klaus, der noch<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein
-großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam
-auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte:
-„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich
-ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den
-Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die
-dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles
-Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug
-jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er
-das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum
-besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“</p>
-
-<p>Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne
-gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und
-Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn
-man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter
-Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger,
-hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller
-aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk
-auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.</p>
-
-<p>In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und
-ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. &mdash; Das war
-es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie
-und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches
-Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em>, der Türmer,
-der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „<em class="gesperrt">Nun lob, mein’ Seel’,
-den Herren</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter
-vorübergezogen war.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_034" name="illu_034">
- <img class="mtop1" src="images/illu_034.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">In der Schenkstatt aber ging’s
- nun an ein Zechen und Bankettieren (<a href="#Fuenftes_Kapitel">5. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der
-Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten,
-hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg
-verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu
-finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun
-recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien
-mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen
-nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du
-gesagt hast!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Warnung.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide</div>
- <div class="verse">Und redet frech die Sprache Kanaans.</div>
- <div class="verse s5 mleft12">Der Alchymist.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">F</span>olgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm
-mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst
-du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber
-Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der
-Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du
-in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel
-helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu
-hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen,
-denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und
-gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dür<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>fen, um es
-dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte
-und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen
-und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen,
-das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen
-läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten,
-wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s
-gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!
-Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir
-dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden
-seinerzeit, &mdash; wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen
-Trost aber haben wir jetzt?“</p>
-
-<p>Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich
-wolle? er könne mich nicht verstehen.</p>
-
-<p>Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum
-<em class="gesperrt">krank, todkrank</em>, und wir, deine Eltern, zittern und zagen
-wiederum, daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der
-Vater im Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist
-der Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald
-&mdash; bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern
-abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund
-sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der
-ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes
-Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut
-redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst
-du, unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum
-sind wir wiederum bekümmert, und <em class="gesperrt">diesmal</em> haben wir <em class="gesperrt">keinen
-Trost</em>!“ Ich sprach noch viel, wie mir’s die väterliche<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> Liebe, mein
-bekümmerte Herz und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle
-guten Rat annehmen und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare
-nicht mit Herzeleid in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer
-geworden.</p>
-
-<p>Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter
-Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun
-habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders
-zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe
-ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen
-beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben
-nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit
-ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern
-ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und
-nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse
-man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon
-zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es
-habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s
-in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten
-also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen,
-daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe,
-wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen
-Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen,
-auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein
-Vorgesetzter, &mdash; den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir
-würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.</p>
-
-<p>Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> wiewohl der
-Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm
-doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige
-denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur
-in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine
-Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich
-sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche,
-die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn
-er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des
-Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind
-geredet.</p>
-
-<p>Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von
-Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren
-wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen
-bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten <em class="gesperrt">Veit</em>,
-der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den
-Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten,
-ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger
-gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr
-von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht,
-antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz-
-oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für
-einen wüsten Gesellen, &mdash; nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das
-Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei,
-und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn,
-dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage
-kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch
-ist, da ist auch Feuer!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p>Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes,
-dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken,
-der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten <em class="gesperrt">Veit
-Geißendörfer</em>, des Wächters auf dem untern Tor.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Siebtes_Kapitel">Siebtes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Torwart.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,</div>
- <div class="verse">Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,</div>
- <div class="verse">So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,</div>
- <div class="verse">Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>m 10. Sonntag <span class="antiqua">post trinitatis anno</span> 1632 hatte der Amtskeller
-nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen
-für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden
-Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf
-dem <em class="gesperrt">Speckfeld</em> an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte
-der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die
-Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller
-alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm
-geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein
-weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort
-gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich
-aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta
-mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.</p>
-
-<p>Unser hochbetagter Pfarrherr, <span class="antiqua">M.</span> <em class="gesperrt">Hieronymus Theodoricus</em>,
-hatte am Morgen über das sonntägliche<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> Evangelium gepredigt, das, wie
-bekannt, von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit
-Jerusalem unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt
-auch die Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte,
-und hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu
-beten, damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne
-und bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene.
-Gesungen hatten wir: „<em class="gesperrt">Es ist gewißlich an der Zeit</em>,“ und als ich
-die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst
-und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen
-liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie
-das Gesangbuch, &mdash; ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die
-man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer,
-so oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich
-bewegte und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des
-Erzengels allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet
-aus, ihm entgegen!“ Das ist ein lutherisch <span class="antiqua">Dies irae</span>, das kein
-Menschenkind sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle
-müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.</p>
-
-<p>Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die
-betrübte Zeit, kam <em class="gesperrt">Veit Geißendörfer</em>, der Wächter auf dem untern
-Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte sich
-zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für sein
-Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit dem
-seligen Schenk <em class="gesperrt">Konrad</em> von <em class="gesperrt">Limburg</em> gegen den Erbfeind der
-Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn
-einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein
-wackerer Kriegsmann stets<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> sich gehalten, wiewohl er nicht zu den
-ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der
-Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war
-er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der
-Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende
-bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern
-Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so
-hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen.
-&mdash; Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute
-eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein
-Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein
-gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein
-Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier
-öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und
-Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder
-abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir
-dann fröhlich miteinander verplaudert.</p>
-
-<p>Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen &mdash; und das war ein
-Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume
-verhielt es sich also:</p>
-
-<p>Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen
-von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen.
-Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der
-Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume
-sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt;
-alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem
-Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe
-geeilt und habe den<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden
-können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein
-Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann
-plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf
-in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt:
-„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm
-seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie
-ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall
-gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe
-er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen
-vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das
-sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit
-werde einschlagen müssen.</p>
-
-<p>Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen,
-doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele
-wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft
-eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß
-wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind
-heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat.
-So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit
-Joseph: ‚<em class="gesperrt">Träume kommen von Gott!</em>‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch
-lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm,
-und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust
-vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl,
-vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es
-gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung
-und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> glaubt, wird leben, ob
-er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr
-sterben.‘ <em class="gesperrt">Glaubest du das?</em>“ &mdash; „Das glaube ich,“ sagte der
-Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und
-drüben singen auf dem Gottesacker:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Sein Trübsal, Jammer und Elend,</div>
- <div class="verse">Ist kommen zu einem seligen End’.</div>
- <div class="verse">Er hat getragen Christi Joch,</div>
- <div class="verse">Ist gestorben und lebet doch.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im
-Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein
-Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor
-dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. &mdash; „Laßt Euch das
-nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand
-wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ
-eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf
-grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott
-Euch und mir für den Streit auf Erden &mdash; <em class="gesperrt">ehrlichen Kampf und seligen
-Tod</em>!“ &mdash; „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und
-ging von dannen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Überfall.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Sein Jammer, Trübsal und Elend</div>
- <div class="verse">Ist kommen zu einem seligen End’.</div>
- <div class="verse">Er hat getragen Christi Joch,</div>
- <div class="verse">Ist gestorben und lebet doch!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>m folgenden Tage feierte mein Kollege <em class="gesperrt">Johannes Fentsch</em> drüben
-in <em class="gesperrt">Winterhausen</em> seine silberne Hochzeit. Mein <em class="gesperrt">Johannes</em>,
-den er aus der Taufe<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus
-in unsern Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben
-gefunden, um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem
-Taufpaten zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit
-das Tor aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten
-wurde. Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm
-und zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen
-herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege
-so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander
-ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.</p>
-
-<p>Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer
-fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel
-erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich
-ging er damals mir zur Seite, als wir seinen <em class="gesperrt">Udalricus</em>, sein
-einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen
-und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice,
-Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid
-angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos
-seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der
-Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend
-angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo
-man sagen müsse: <em class="gesperrt">Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die
-nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!</em></p>
-
-<p>Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte,
-blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute
-hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein
-goldiger Schein lag<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> auf dem Gipfel der Weinberge, &mdash; über dem Tal aber
-und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern
-lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes
-aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu,
-das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.</p>
-
-<p>In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und
-die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen
-sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen,
-sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen
-Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem
-Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem <em class="gesperrt">Hans Mündlein</em> und
-seinem Sohn <em class="gesperrt">Klaus</em> einen guten Morgen bieten wollte, die heute
-die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten.
-&mdash; Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam,
-fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum
-seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die
-bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.</p>
-
-<p>Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder
-herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er
-sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes
-Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer
-hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert,
-was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, &mdash; siehe, da
-kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten
-sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter
-ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte
-nach<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern
-Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.</p>
-
-<p>Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß
-mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen
-Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf
-das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm
-aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.</p>
-
-<p>„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten
-Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte,
-das Tor zuzumachen, &mdash; aber die beiden Kroaten waren auch schon da und
-mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie
-warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem
-Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber
-behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den
-Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins
-Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein
-unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.</p>
-
-<p>Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und
-mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will
-ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier <em class="gesperrt">Nikol Paradeiser</em>
-und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab
-seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den
-Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus
-Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der
-Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter
-dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für
-geratener, sich nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> in den Handel zu mischen. &mdash; Der Alte ließ sich
-nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der
-Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde
-des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den
-Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er
-sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten
-Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“
-jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins
-steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.</p>
-
-<p>Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft,
-Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei,
-ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um
-nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu
-kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch,
-schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja,
-Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen
-wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind
-groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter
-Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“
-worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen
-langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter
-der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den
-Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.</p>
-
-<p>Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim
-Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen
-und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem
-Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei
-voll<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben,
-sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch
-geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert
-und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie
-sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und
-geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg
-nach <em class="gesperrt">Lindelbach</em> liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den
-Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen
-guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der
-Veit schon auf ihn gewartet. &mdash; Ich führte ihn schnell nach Hause,
-fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von
-allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in
-solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die
-Soldaten vorbeijagen sehen, &mdash; der Valentin war nicht daheim, sondern
-eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk
-im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und
-nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars
-Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen
-nach zum gräflichen Schlosse.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Plünderung.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Mit leichter Müh’ gewonnen &mdash; lustig nun zu Pferd.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Shakespeares Heinrich IV.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>uf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei
-befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt
-und schaute erschreckt dem<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu
-treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen
-im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während
-die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und
-jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im
-Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer
-in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und
-dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß
-der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen
-singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den
-Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt
-zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute
-und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige
-seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten
-und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten.
-„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend
-Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr
-alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht,
-wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ &mdash; Der Amtskeller bat um
-Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht
-tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und
-nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm
-auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm
-den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme:
-„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch
-nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol
-Paradeiser heiße!“ Jedermann<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen
-war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart
-quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der
-totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher
-wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen
-wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers
-Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er
-hätt’ es Euch auch getan!“ &mdash; „Herr Amtskeller,“ rief ich über das
-Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will
-lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind
-Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“</p>
-
-<p>Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er
-der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die
-Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter
-einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld
-brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die
-Pferde und war im Nu wieder davon.</p>
-
-<p>Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie
-uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten,
-schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die
-Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen
-habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber
-sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten
-abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl
-mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen,
-da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid,
-den alten Mann beschuldigt zu haben. &mdash; Es war aber offen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>bar, daß
-sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie
-die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem
-Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor
-aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen
-und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie
-das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für
-den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart,
-von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles
-dieses war ihnen nur zu gut gelungen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_052" name="illu_052">
- <img class="mtop1" src="images/illu_052.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Seine Mutter kniete neben dem
- Leichnam und schluchzte heftig (<a href="#Zehntes_Kapitel">10. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so
-war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit &mdash; Gott sei’s
-geklagt! &mdash; etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese
-Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort
-eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und
-die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft
-über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der
-Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas
-an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der
-ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen,
-könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt,
-als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt.
-Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt
-nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst
-müsse kein Gott im Himmel sein!</p>
-
-<p>Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „<em class="gesperrt">Verrat</em>“ lief es mir
-eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in
-Limburgischen Landen ohnehin<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> alle Wetter gingen, wo ich unser armes
-Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich
-nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich
-fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt
-fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein
-könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und
-gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute
-rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem
-Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein
-Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst
-nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er
-daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, &mdash; aber ich sah ihn
-nirgends.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Entdeckung.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,</div>
- <div class="verse">Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz</div>
- <div class="verse">Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Thompsons Jahreszeiten.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren
-Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen,
-und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren
-getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit
-seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des
-Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den
-Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p>Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der
-Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen,
-an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und
-getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte
-im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die
-Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten,
-weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten
-Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte
-Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem
-Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie
-ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob
-Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr
-und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu
-sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie
-stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht
-mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits
-hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum
-Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein
-stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand,
-das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert
-bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf
-seine schluchzende Mutter.</p>
-
-<p>Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter,
-oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben
-dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen
-Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um
-die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen,
-oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den
-Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen
-Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer
-ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie
-auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.</p>
-
-<p>Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt.
-Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn
-sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und
-einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten
-Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn
-sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich
-wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom
-Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines
-gewaltsamen Todes gestorben, &mdash; sonst schien er zu schlafen. Seine
-Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen
-wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter
-Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus
-ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er
-aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt,
-stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand
-seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.</p>
-
-<p>Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich
-gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets
-bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende
-und wie er ster<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>bend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich
-gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und
-fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier
-Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte
-klagen helfen.</p>
-
-<p>Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht
-bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist
-auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende
-vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem <em class="gesperrt">Johannes</em>
-durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun
-eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört
-worden; &mdash; da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts
-weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei
-er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen
-und zu Boden sinken wollte.</p>
-
-<p>Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß
-ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an
-meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach
-Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von
-Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen
-Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen
-gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein
-Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten,
-wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der
-einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der
-Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den
-Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne
-ihn wohl, er habe<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von
-Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin
-zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn
-gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen
-und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem
-Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er
-besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der
-Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach
-trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit
-ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei
-er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an
-der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen
-gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den
-Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern
-sei eilends nach Hause gegangen.</p>
-
-<p>Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während
-des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und
-gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann
-gleich bekannt vorgekommen, &mdash; er habe nur nicht recht gewußt, wo
-er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe
-verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch
-spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst
-dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber
-der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe
-ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.</p>
-
-<p>Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Bot<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>schaft ihm gebracht
-wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne
-sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater
-Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder
-sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes
-Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit
-anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes
-Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand
-auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes
-Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen,
-wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die
-Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer
-dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein
-den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und
-seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob
-er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht
-verdient um dich und deine Kinder!“</p>
-
-<p>Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward,
-hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich
-aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich
-kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind
-groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich
-rechtfertigen solle.</p>
-
-<p>Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei
-den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr
-nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er
-in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den
-seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn
-der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer
-gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm
-auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle
-Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und
-werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein
-Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.</p>
-
-<p>Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib
-und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und
-bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und
-die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend
-Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um
-das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause
-gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Ein Gottesgericht.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wo der Herr sein Häuflein richt’t,</div>
- <div class="verse">Da bleibt kein Gottloser nicht,</div>
- <div class="verse">Summa: Gott liebt alle Frommen,</div>
- <div class="verse">Doch wer bös’ ist, muß umkommen.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">P. Gerhardt.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>as an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist
-nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren
-wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der
-Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,</div>
- <div class="verse">Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,</div>
- <div class="verse">So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,</div>
- <div class="verse">Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ach, das war kein Kleines! &mdash; Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt
-es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen
-getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege
-getan haben, so weiß ich’s nicht, &mdash; ich wenigstens konnte dieses
-Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in
-der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand
-jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den
-Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du
-hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen,
-wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich,
-du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig
-geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte
-ich mich an, daß ich nicht <em class="gesperrt">streng</em> genug, und dann wieder, daß
-ich nicht <em class="gesperrt">lind</em> und <em class="gesperrt">gütig</em> genug gegen ihn gewesen, und
-warf mich bald auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein
-Stachel darin, der sich grausam in mein Herz bohrte.</p>
-
-<p>Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken
-unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein
-miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen,
-mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den
-Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu
-sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie
-konnte nicht einmal weinen. Endlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> als es auf Mitternacht zuging,
-sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und
-denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott
-finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen
-Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war,
-fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend,
-meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war,
-sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, &mdash; er sei mit
-einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen
-sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen:
-„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die
-andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen,
-während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr
-ausgestreckt habe.</p>
-
-<p>In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich
-hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok,
-und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich
-stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „<em class="gesperrt">Ich lasse
-dich nicht, du segnest mich denn!</em>“ Als nun die Morgenröte anbrach,
-war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden
-Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in
-guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.</p>
-
-<p>Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts
-bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und
-zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist
-wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, &mdash; es
-kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> meinen
-Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort.
-Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner
-gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben
-hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den
-aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene
-Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So
-beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest
-zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht
-verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft
-anzuweisen, &mdash; ich aber ging in die Schule.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber
-Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem
-andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern
-Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild
-gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher
-steigen <em class="gesperrt">sie</em> in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit
-welch herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen,
-teils verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in
-dieser Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe
-und Kinder desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen
-Händen hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden
-von dem Gott, dessen Wahrzeichen lautet: <em class="gesperrt">Holdselig den Freunden,
-erschrecklich den Feinden!</em></p>
-
-<p>Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die
-mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf
-von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht
-sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die
-Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem
-Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem
-Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um
-gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, &mdash;
-dort fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem
-Karren war, wie ich hörte, der <em class="gesperrt">Meister</em> von <em class="gesperrt">Sulzdorf</em>. Er
-erzählte: es seien heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf
-gekommen, hätten ihn geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten
-ihn dann in die Tannen hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über
-einen Baumstamm liegend, mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden.
-Weil der Baumstamm auf der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der
-Schultheiß von Erlach, der auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den
-Leichnam nach Sommerhausen zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf
-ihrem Gottesacker geben würden, und weil auch keiner der Bauersleute
-sich dazu verstanden, ihn nur mit einem Finger anzurühren! &mdash; Das habe
-er nun getan, und die Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger
-anfangen, was ihnen gut dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie
-wollten ihn auch nicht, er solle ihn in den Main werfen oder auf den
-Schindanger tragen, sagte Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder
-siedet oder bratet ihn meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den
-Jäger bei den Füßen und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße,
-&mdash; dann setzte er sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der
-Tasche und fing an zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr
-kümmern wollte.</p>
-
-<p>Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von <em class="gesperrt">Goß<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>mannsdorf</em>
-gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und
-Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie
-sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig
-vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern
-sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen,
-um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe
-sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel
-voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft
-gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen
-Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe
-sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein
-in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange
-das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe
-sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie
-habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber
-nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch,
-wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber
-sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf
-gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe,
-habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den
-Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach
-<em class="gesperrt">Kleinochsenfurt</em> ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles
-erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen
-zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut
-und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.</p>
-
-<p>Mittlerweile hat <em class="gesperrt">Georg Ebert</em>, der Schmied, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> einem Stecken
-des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der
-leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen
-Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem
-Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können.
-Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen
-Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein
-Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit
-dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.</p>
-
-<p>Wie dem auch sein mochte, &mdash; hier hatte Gott gerichtet und sein Wort
-erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm
-gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids
-getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und
-durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines
-bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer
-ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte
-und unerforschlich seine Wege!“</p>
-
-<p>Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der
-Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister
-übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein
-ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun
-auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden,
-wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft,
-&mdash; es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras
-da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein
-häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> die Stätte
-zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis
-zum großen Tage des Gerichts.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich
-aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin,
-ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.</em> Ps. 37.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Flucht.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Was bringt Frieden? Lauter Freud.</div>
- <div class="verse">Was bringt Kriegen? Lauter Leid.</div>
- <div class="verse">Was bringt Frieden? Wein und Brot.</div>
- <div class="verse">Was bringt Kriegen? Hungersnot.</div>
- <div class="verse">Was bringt Frieden? Mut und Gut.</div>
- <div class="verse">Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.</div>
- <div class="verse">Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.</div>
- <div class="verse">Was bringt Kriegen? Herzeleid.</div>
- <div class="verse">Friede kommet aus dem Himmel,</div>
- <div class="verse">Aus der Höll das Kriegsgetümmel.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Alter Spruch.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">B</span>is hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab
-dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt,
-über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller
-hinüberführen.</p>
-
-<p>Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest
-du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die
-Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, &mdash; aber dem ist nicht
-so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die
-Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weis<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>heit und
-Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit
-gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten
-können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist
-der beste!</p>
-
-<p>Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die
-Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst
-und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut,
-sondern auch, &mdash; das weiß Gott! &mdash; unser Blut und unsere Tränen hängen
-an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische
-Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so
-müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in
-den Hütten seiner Väter wohnen.</p>
-
-<p>Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen
-haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit
-schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken
-und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend,
-dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe
-vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh
-ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an
-Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts
-zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634
-hereinbrachen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_070" name="illu_070">
- <img class="mtop1" src="images/illu_070.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Unser Nachbar, der Schreiner,
- brachte ein Kreuz (<a href="#Dreizehntes_Kapitel">13. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die
-blutige Schlacht bei <em class="gesperrt">Nördlingen</em>, und nun zog das von dem edlen
-Schwedenkönig verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her
-gegen die hiesige Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel
-Unfug verübt, haben das Dörflein <em class="gesperrt">Lindelbach</em> geplündert, den
-Kelch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> aus der Kirche geraubt und die Hostien mit Füßen getreten.
-Solches geschah aber meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie
-bei jedem Heere gefunden werden, und wurde mitunter streng bestraft.
-Vornehmlich solange der König <em class="gesperrt">Gustavus Adolphus</em> noch lebte,
-hatte die schwedische Armee den Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht
-und Manneszucht gehalten wurde: der geborene Schwede oder Finnländer,
-als sie zuerst zu uns kamen, betete stets, ehe er an den Tisch sich
-setzte, und wenn er gegessen hatte, reichte er dem Hauswirt und der
-Hauswirtin die Hand und dankte freundlich für die empfangene Bewirtung.
-Das <em class="gesperrt">kaiserliche</em> Volk aber trieb den Krieg als ein Handwerk, war
-im Kriegslager aufgewachsen, verachtete den Bürger und fürchtete weder
-Gott noch Menschen.</p>
-
-<p>Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes,
-zu dem Reiterregiment des Grafen <em class="gesperrt">Piccolomini</em> gehörend, im
-hiesigen Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch
-die Straße, dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu
-wirtschaften, daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte.
-Nicht allein, daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln
-und Geld vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch
-diejenigen, welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot
-schmeckte, aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen
-die Männer, die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen
-und schossen ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den
-unschuldigen Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn
-eine Kuh oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie
-abzogen, die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen
-Betten, die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-die Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf
-den ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus
-ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als
-das nackte Leben.</p>
-
-<p>Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem
-Kaiser <em class="gesperrt">Ferdinandus</em> an der Spitze seiner Armee hier durchkomme
-und sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann
-wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres
-zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die
-meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu
-retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und
-dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich
-sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder
-todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre,
-daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr
-Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger
-hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich
-mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen,
-sich über den Main in den <em class="gesperrt">Gau</em> zu flüchten, andere aber, darunter
-auch wir, hofften in <em class="gesperrt">Kitzingen</em> und in den benachbarten Orten ein
-Unterkommen zu finden.</p>
-
-<p>Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir
-uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das
-Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre
-Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem
-Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als
-plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> die Hintersten auf die
-Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und
-das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog
-ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27.
-Psalm vor: <em class="gesperrt">Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich
-mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir
-denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet
-sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet,
-so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte
-ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang,
-zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu
-besuchen.</em></p>
-
-<p>Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und
-alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten
-Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum
-heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des
-Allmächtigen, als aber <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em>, der Türmer, anhub zu singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das Wort sie sollen lassen stahn</div>
- <div class="verse">Und kein’n Dank dazu haben,</div>
- <div class="verse">Er ist bei uns wohl auf dem Plan</div>
- <div class="verse">Mit seinem Geist und Gaben.</div>
- <div class="verse">Nehmen sie den Leib,</div>
- <div class="verse">Gut, Ehr’, Kind und Weib.</div>
- <div class="verse">Laß fahren dahin,</div>
- <div class="verse">Sie haben’s kein Gewinn,</div>
- <div class="verse">Das Reich muß uns doch bleiben, &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p class="p0">da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit
-lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken
-zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied
-sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und
-getröstet fühlte.</p>
-
-<p>Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der
-<em class="gesperrt">Amtskeller</em> trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen
-aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten
-also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte:
-darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war
-dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, &mdash; denn er
-ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und
-gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.</p>
-
-<p>Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo
-er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging
-mit den Meinen nach <em class="gesperrt">Kitzingen</em>, wo Gott einem alten Mann, den ich
-nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und
-vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat <em class="gesperrt">Sebastian
-Popp</em> geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt.
-Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Pest.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,</div>
- <div class="verse">Hat Gewalt vom höchsten Gott,</div>
- <div class="verse">Heut wetzt er das Messer,</div>
- <div class="verse">Es schneidet schon besser,</div>
- <div class="verse">Bald wird er drein schneiden,</div>
- <div class="verse">Wir müssen’s erleiden,</div>
- <div class="verse">Hüte dich, schön’s Blümelein.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Altes Lied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">N</span>ach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil
-wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder
-nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem
-Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den
-Heimweg.</p>
-
-<p>Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker
-kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch
-zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner
-konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt
-hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den
-Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große
-Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen,
-das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es
-lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der
-Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine
-Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor
-großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich
-zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem
-fremden Volk in den<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Häusern lägen, der alte <em class="gesperrt">Merten Geuder</em>, der
-Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot
-mit ihnen, &mdash; das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre
-Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß
-die Männer die Wahrheit gesprochen.</p>
-
-<p>Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen,
-die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich
-wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens,
-wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr
-da, in welchem nicht ein Toter lag.</p>
-
-<p>Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In
-meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf
-den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft
-schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl
-es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von
-ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter
-Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen
-Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs
-lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die
-Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist.
-Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen
-Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr
-mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun
-nicht mehr hungern und dürsten, <em class="gesperrt">es wird auch nicht mehr auf sie
-fallen die Sonne oder irgend eine Hitze</em>, denn das Lamm mitten im
-Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasser<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>brunnen!
-Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß
-es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe
-entbundenen Seele galt.</p>
-
-<p>Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man
-der Worte gedenken: <em class="gesperrt">Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und
-dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.</em> Wenn man es mit
-ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war,
-wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause
-nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr
-den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute
-Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei,
-sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut,
-wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der
-Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen
-als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen
-hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in
-<em class="gesperrt">eine</em> große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so
-daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man
-einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.</p>
-
-<p>Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie
-umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer
-in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Eßt Bibernell,</div>
- <div class="verse">Sterbt ihr nicht so schnell!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die
-Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein
-Wasser an sein Bett und eilten aus seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Nähe, und sobald er die
-Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und
-selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn
-vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem
-Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil
-dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.</p>
-
-<p>Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal,
-aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die
-Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches
-Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei <em class="gesperrt">gut</em>
-von Natur, die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier
-nicht grausamer und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen
-angeborenen Trieben nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes
-nicht gezähmt und die Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.</p>
-
-<p>Der Herr hatte beschlossen, daß <em class="gesperrt">mein</em> Haus auch leer werden
-sollte: an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine
-Töchter, Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es
-Abend ward, hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen
-lassen, mein Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch
-ohne mich mehr zu kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie
-etlichemal mit starker Stimme: „<em class="gesperrt">Valentin</em>! <em class="gesperrt">Valentin</em>!
-<em class="gesperrt">Mein Sohn, mein Sohn!</em>“ rief. Als es aber Mitternacht ward,
-richtete sie sich plötzlich auf in ihrem Bett, schaute mit gerötetem
-Antlitz über sich, als ob sie dort jemand gewahre, und rief laut, ihre
-Arme ausbreitend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,</div>
- <div class="verse">Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig,</div>
- <div class="verse">Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p>Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. &mdash;</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Dein Leid, mein Leid,</div>
- <div class="verse">Meine Freud’, deine Freud’,</div>
- <div class="verse">Deine Not, meine Not,</div>
- <div class="verse">Mein Brot, dein Brot,“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben:
-das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle
-beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst
-hat.</p>
-
-<p>Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das
-Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, &mdash; ich weiß
-es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein
-im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein
-Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten
-die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und
-Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der
-Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures
-Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi
-Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in
-ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst
-lohnen am großen Tage der Vergeltung.</p>
-
-<p>Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen
-Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein
-<em class="gesperrt">Johannes</em> zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und
-beschloß, noch am selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken,
-wo ich ihn bei dem Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um
-das Aufhören der Pest abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> ließ
-also den Knaben sogleich aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor
-einbrechender Nacht die Stadt erreiche.</p>
-
-<p>Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf.
-Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten
-uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im
-Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder
-aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen
-heraus, und siehe! &mdash; mit einem Male stand über dem Tal ein schöner,
-glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte,
-mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just
-auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein
-Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort
-hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe
-Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies
-wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge,
-wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ &mdash; „Wie Gott will, mein Kind, du
-meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und
-empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.</p>
-
-<p>Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn
-willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach
-die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm,
-daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein
-zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk
-belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen
-nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.</p>
-
-<p>Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen des<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>selben Tages, an
-welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den
-Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind
-werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, &mdash; aber ich sah
-nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem
-Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war.
-Drin sah ich meinen Johannes liegen.</p>
-
-<p>Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem
-Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf
-schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß
-er <em class="gesperrt">tot</em> sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller
-seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod
-aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater
-zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er
-sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der
-Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen,
-weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch
-nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter
-und Geschwistern begraben sein wolle.</p>
-
-<p>Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich
-meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und
-wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten
-Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug
-es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon
-erfahren hatten, &mdash; die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich
-aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach.
-Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein
-Psalmbüchlein,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte
-mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling
-mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker
-zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige
-Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig
-geblieben waren unter dem großen Sterben.</p>
-
-<p>Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein
-Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande
-zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus
-meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus
-meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und
-sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr
-lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe
-mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will
-schreien zu dem Ewigen für und für!“</p>
-
-<p>Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret
-fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen
-lassen mit Trauern und Weinen, <em class="gesperrt">Gott aber wird euch mir wiedergeben
-mit Wonne und Freude ewiglich</em>.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen
-Himmel und rief: „Schauet da <em class="gesperrt">hinauf</em>, lieber Bruder, und nicht
-bloß da <em class="gesperrt">hinunter</em>! ‚<em class="gesperrt">Deine Toten werden leben</em>, spricht
-der Herr.‘“ &mdash; Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und
-sein Wort hat mich wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer
-und einfältiger Mann war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir
-vorhielt, aber wenn der Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s
-uns besser ein. Es ist der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem
-Nachbarhaus<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> besser schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben
-Korne gemahlen und von demselben Meister bereitet ist.</p>
-
-<p>Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu
-sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus
-großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen,
-und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen.
-Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen
-mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin &mdash; freilich mit großer
-Schwachheit &mdash; dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und
-Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte.
-So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines
-Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem
-geneigten Leser hiehersetzen will.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Es ist zu viel!</em></div>
- <div class="verse">Mein Gott, wie kann ich es ertragen!</div>
- <div class="verse">Mit Weib und Töchtern und dem Sohn</div>
- <div class="verse">Eilst du in Einem Jahr davon.</div>
- <div class="verse">Das heißet vierfach hart geschlagen.</div>
- <div class="verse">So blieb ich deiner Pfeile Ziel?</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Es ist zu viel!</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Herr, wie du willst!</em></div>
- <div class="verse">Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen</div>
- <div class="verse">Und andrer Fäll’ gewärtig sein,</div>
- <div class="verse">Wohlan, ich gebe mich darein.</div>
- <div class="verse">Ich will in Staub und Asche liegen,</div>
- <div class="verse">Bis deiner Plagen Maß erfüllt.</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Herr, wie du willst!</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Gib nur Geduld!</em></div>
- <div class="verse">Und zünd in dem betrübten Herzen</div>
- <div class="verse">Des Trostes helle Kerzen an,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
- <div class="verse">Denn was mich noch erfreuen kann</div>
- <div class="verse">Bei so viel überhäuften Schmerzen,</div>
- <div class="verse">Ist einzig deine Vaterhuld.</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Gib nur Geduld!</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Du meinst es gut</em>,</div>
- <div class="verse">Auch wenn du mich mit Wermut speisest</div>
- <div class="verse">Und aus dem Taumelkelche tränkst,</div>
- <div class="verse">Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst,</div>
- <div class="verse">Daß du den Weg zum Himmel weisest.</div>
- <div class="verse">Dies stärket wieder meinen Mut:</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Du meinst es gut!</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Mein liebstes Kind</em></div>
- <div class="verse">War auch ein Gut, von dir erborget,</div>
- <div class="verse">Drum geb ich es jetzt willig ab,</div>
- <div class="verse">Weil ich nicht Macht dawider hab,</div>
- <div class="verse">Und denk: wie wohl ist es versorget,</div>
- <div class="verse">Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Mein liebstes Kind.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Nun gute Nacht</em>,</div>
- <div class="verse">Ihr heiß von mir geliebten Seelen!</div>
- <div class="verse">Lebt wohl in jenem Vaterland,</div>
- <div class="verse">Darin euch lauter Lust bekannt,</div>
- <div class="verse">Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen,</div>
- <div class="verse">Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Nun gute Nacht!</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Ich folge nach</em>,</div>
- <div class="verse">Wenn es dem höchsten Gott gefället,</div>
- <div class="verse">Da werdet nach der Traurigkeit</div>
- <div class="verse">In unzerstörter Herrlichkeit</div>
- <div class="verse">Ihr wiederum mir zugestellet,</div>
- <div class="verse">Und hiemit end’t sich meine Klag’,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Ich folge nach!</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Die Heimkehr.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Scheiden bringet Herzeleid,</div>
- <div class="verse">Wiederkommen &mdash; Trost und Freud.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Altes Lied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">U</span>nter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich
-meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn
-Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.</p>
-
-<p>Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war
-nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und
-kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und
-Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen
-ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß
-der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr,
-und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den
-Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen
-brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten,
-das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem
-Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall
-auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah,
-so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa
-ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind,
-der ihn anfallen wollte.</p>
-
-<p>Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am
-Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames
-Kämmerlein. Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>über aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang
-eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein
-Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und
-ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit
-schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und
-begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein
-Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den
-Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines
-alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die
-Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem
-Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang
-umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und
-als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein
-kleines Bündelein in seiner Hand.</p>
-
-<p>Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem
-und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der <em class="gesperrt">Valentin</em> ist
-da!“</p>
-
-<p>Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten
-und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn
-und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als
-verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die
-Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns
-verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts
-getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen,
-Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre
-meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet
-vergeblich, &mdash; alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald
-Angst, bald Freude, wenn ich an dem An<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>gekommenen hinaufsah, er war
-mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid
-davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die
-Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und
-Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so
-liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden
-herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern
-ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu
-Boden gesunken.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_088" name="illu_088">
- <img class="mtop1" src="images/illu_088.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Ich öffnete die Stubentüre und
- trat hinaus mit einem Licht (<a href="#Vierzehntes_Kapitel">14. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch,
-in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir
-die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger
-darauf deutete. Es waren die Worte: <em class="gesperrt">Vater, ich habe gesündiget in
-den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn
-heiße!</em> Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte
-gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden,
-er war verloren und ist gefunden worden! &mdash; „<em class="gesperrt">In Gottes Namen</em>,“
-sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.</p>
-
-<p>Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine
-Mutter?“ &mdash; „Sie ist tot!“ antwortete ich.</p>
-
-<p>„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. &mdash; „Tot!“</p>
-
-<p>„Und mein Brüderlein Johannes?“ &mdash; „Tot, mein Sohn!“</p>
-
-<p>„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. &mdash; „Tot, auch
-tot!“</p>
-
-<p>„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen
-und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen,
-traurigen Ton, der mir<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum
-erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen
-ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen:
-aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine
-Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern
-hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war
-schneeweiß.</p>
-
-<p>„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von
-Hause weg bist?“</p>
-
-<p>„Gut, mein Vater! &mdash; Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und
-komme heim mit heiler Seele. &mdash; Ich bin noch nicht daheim, aber ich
-<em class="gesperrt">komme</em> heim &mdash; bald &mdash; sehr bald. &mdash; Das Haus bricht, darin
-meine Seele geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar.
-Dem Herrn sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen
-können: Der verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein
-Vaterhaus!“</p>
-
-<p>Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit
-nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich:
-„Bist du krank, Valentin?“</p>
-
-<p>„Sehr krank und sehr müde &mdash; ach, ich habe meinen letzten Weg auf
-dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir,
-daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon
-getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt,
-&mdash; es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in
-Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles
-geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die
-Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“</p>
-
-<p>Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott
-gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> ihn in
-das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl
-seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das
-kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas
-Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment,
-darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine
-Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider
-diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott
-mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch
-eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“</p>
-
-<p>Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse
-verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben
-Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden
-dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen
-denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein
-tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen
-Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief.</span></h2>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Wertheim</em>,
-den 20. Mai 1639.</p>
-
-<p class="center"><b>An meinen Vater <em class="gesperrt">Udalricum Gast</em> und meine Mutter<br />
-<em class="gesperrt">Margareta</em>, eine geborene <em class="gesperrt">Späthin</em>,<br />
-in Sommerhausen.</b></p>
-
-<p class="p0"><span class="initial">V</span>on dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will
-ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und
-herzliebe Mutter.<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch
-so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen
-von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich
-über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich:
-meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann
-ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß
-Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon
-voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet
-nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem
-Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit
-mir sündigem Menschen!</p>
-
-<p>Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! &mdash; Daß ich’s geworden bin in
-Euren Augen, ist also gekommen:</p>
-
-<p>Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß,
-hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß
-ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die
-für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend
-Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger
-vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen
-und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz
-gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht
-hinausführen würde.</p>
-
-<p>An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann,
-den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen
-gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen,
-sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem
-heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie
-Dienst nehmen wollte, so könne er mir<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> denselben empfehlen, und sei
-jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz
-auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war
-und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade
-verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie
-diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick
-geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine
-bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich
-damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf
-den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute
-in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann
-wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher
-sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte
-mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter,
-daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen
-gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde
-darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger
-aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß,
-Bruder!“ &mdash; Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld
-erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach
-ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische
-antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit
-ihm zusammentreffen.</p>
-
-<p>Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube
-erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie
-das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der
-Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
-gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen
-müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle
-er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht
-bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er
-nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und
-Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken,
-daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.</p>
-
-<p>So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der
-alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei
-geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor
-unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein,
-kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft
-aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und
-alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich,
-eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande
-bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen,
-zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen
-Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den
-Amtskeller.</p>
-
-<p>Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat.
-Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann,
-der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur
-guten Mutes sein &mdash; er wolle den Leuten schon wacker Sand in die
-Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder
-Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach
-den alten Geschichten krähen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-<p>Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er
-glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn
-als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann
-mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen
-Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder
-zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen
-ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld
-getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken
-geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht
-und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem
-gerechten Richter nicht entgangen sein!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Vorgetan und nachgedacht</div>
- <div class="verse">Hat manchen in groß Leid gebracht.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>ch zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben
-das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer
-Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden.
-Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen
-konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der
-Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer
-und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.</p>
-
-<p>„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das
-Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen
-und Würfel spielen, als auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Erde liegen und in die Tannenäste und
-in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei
-den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und
-morgen vull!“</p>
-
-<p>Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich
-in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher
-Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer
-gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.</p>
-
-<p>„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen!
-&mdash; solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht
-brauchen.“</p>
-
-<p>„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst
-nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich
-nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit
-sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen
-mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem
-Diebsgesind Geld zu stehlen!“</p>
-
-<p>Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach
-Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen
-Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da
-wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den
-Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht,
-du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube
-des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem
-einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und
-Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder
-ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach
-mir mit dem Fuße.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p>Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn
-meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den
-Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber
-fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich
-los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit
-gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als
-er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte,
-gebot er, mich zu binden &mdash; denn morgen müsse ich hängen.</p>
-
-<p>So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben
-hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte,
-und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen
-sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht
-entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum
-steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und
-schliefen.</p>
-
-<p>Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken.
-Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht
-anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl
-dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein
-Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und
-nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben,
-wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen
-können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht
-hingerafft in meinen Sünden!</p>
-
-<p>Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich
-in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme
-spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s,<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> wenn ich Eure Stricke
-durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten
-zu den <em class="gesperrt">Schwedischen</em>? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von
-<em class="gesperrt">Kitzingen</em>, &mdash; soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht
-leise, &mdash; ein Messer habe ich schon bei mir!“</p>
-
-<p>Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube
-war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die
-Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“</p>
-
-<p>„Wozu?“ fragte der Roßbube. &mdash; „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem
-verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht
-und noch so jämmerlich traktiert hat!“</p>
-
-<p>„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt
-Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen
-machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“</p>
-
-<p>Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich
-geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er
-die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht
-oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend
-wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die
-Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir
-alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und
-das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er
-einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann
-mitgenommen, und bot mir auch davon an, &mdash; ich wollte von diesem
-Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum
-zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p>Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten,
-und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger,
-freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der
-Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm
-er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem
-Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht
-werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner
-vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch
-mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen <em class="gesperrt">Nürnberg</em>
-ziehen, wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann
-ich nicht sagen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Morgenrot, Morgenrot,</div>
- <div class="verse">Leuchtest mir zum frühen Tod!</div>
- <div class="verse">Bald wird die Trompete blasen,</div>
- <div class="verse">Dann muß ich mein Leben lassen,</div>
- <div class="verse">Ich und mancher Kamerad.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Volkslied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">S</span>o hatte nun mein Kriegsleben angefangen! <em class="gesperrt">Stolz hat’s begonnen,
-trübselig geendet</em>, doch ’s ist so auch gut!</p>
-
-<p>Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das
-sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein
-Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus <em class="gesperrt">Schweden</em>, teils
-aus <em class="gesperrt">Finnland</em> gekommen und unter die Dragoner treten sollten.
-Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne,
-die es noch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch
-Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt.
-Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische,
-und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als
-„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir
-wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt,
-wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht
-viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen
-in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, <em class="gesperrt">Olufsohn</em> geheißen,
-mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb,
-ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange
-gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein
-rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte
-mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte,
-fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber
-ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für
-ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer
-ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem
-König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun
-und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren,
-die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen
-gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner
-Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn
-seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm
-auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit
-großer Gelassenheit gefallen ließ.</p>
-
-<p>Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Fried<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>ländische Lager
-abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee
-mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach
-Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß
-und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit
-meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug
-des Königs &mdash; weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war
-&mdash; eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn
-Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr
-und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern
-kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz
-aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie
-darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber
-dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!</p>
-
-<p>Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl
-zu, dem König zu folgen, der wieder auf <em class="gesperrt">Donauwörth</em> zu gezogen.
-Dort bin ich bei <em class="gesperrt">Rain</em> am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen.
-Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im
-Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen,
-aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die
-Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das
-General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich
-hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit
-dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück
-Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute
-gekostet.</p>
-
-<p>Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles be<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>reitet, lagen wir abends
-um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das
-gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein
-Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und
-Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt!
-Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen
-Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen
-anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Und wenn die Kugel geschossen ist,</div>
- <div class="verse">Die mir mein’ Seel’ ausbläst,</div>
- <div class="verse">Dann sag ich: bis zu dieser Frist</div>
- <div class="verse">Bin ich allzeit voll gewest!</div>
- <div class="verse">Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit</div>
- <div class="verse">Hinüber in die Ewigkeit!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und
-stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. &mdash; <em class="gesperrt">O Herr, erbarme
-dich!</em> und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!</p>
-
-<p>Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam,
-brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß <em class="gesperrt">Olufsohn</em>. Er
-hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem
-Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte,
-was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken
-gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er
-seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die
-Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und
-daraus gelesen.</p>
-
-<p>„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen,
-statt daheim zu hocken! &mdash; Da hättest du auch<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> einen tapfern Mut
-bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze;
-wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei
-Gedanken das Herz schwer zu machen!“ &mdash; Er aber schüttelte den Kopf,
-sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder,
-nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.</p>
-
-<p>Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden
-in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch
-war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König
-hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien
-einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde.
-Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch
-nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle
-ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun
-begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir
-sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und
-in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen
-auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn
-tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein
-Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die
-Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte
-geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.</p>
-
-<p>Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte
-einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen.
-Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke
-gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben,
-traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in
-den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät
-lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts
-getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es
-sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge,
-von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein
-schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem Tod
-in den Rachen laufen wollte. &mdash; „<em class="gesperrt">Nun, wer hat Lust?</em>“ fragte der
-Korporal wieder und lachte, „<em class="gesperrt">keiner</em>?“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Ich</em>,“ sagte <em class="gesperrt">Olufsohn</em>, „<em class="gesperrt">und ich auch</em>!“ wiederholte
-einer von den <em class="gesperrt">Finnländern</em>. Olufsohn, der neben mir gehalten,
-stieg ab und wollte mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte:
-„Was du vermagst, vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte:
-„<em class="gesperrt">Ich bin der Dritte!</em>“ So gingen wir an dem König vorüber, der
-uns freundlich zunickte, liefen mit den Planken unter mörderischem
-Schießen über die Brücke und machten sie fest. Als es geschehen,
-wollten wir uns so schnell als möglich davon machen, &mdash; da krachten
-wiederum die Stücke der Bayrischen, und der Finnländer stürzte, zum
-Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom Kopf geschossen, ich aber
-blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes Regiment im vollen Jagen
-über die Brücke setzen, wobei viele das Leben verloren, zuerst der
-<em class="gesperrt">Korporal</em>, dessen Pferd, von einem Schusse getroffen, sich
-aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte. „Nun kommt er ja
-naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern gemeint hat,“ sagte
-einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil er sich gegen ihn
-zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott sei der Seele gnädig!“
-Von den übrigen ward hierauf die bayrische<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Schanze genommen. Hiemit
-entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe des Städtleins ist nun
-alsbald geschehen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_106" name="illu_106">
- <img class="mtop1" src="images/illu_106.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Er hatte seine hellgeputzten
- Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein (<a href="#Siebzehntes_Kapitel">17. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an
-die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben,
-dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke
-fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also,
-und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein
-Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler
-auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der
-aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie
-es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe;
-wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe
-sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe
-gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine
-sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, &mdash; dem möge das Geld
-durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. &mdash; „Es sei so,
-mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und
-die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen
-auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr
-Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er
-doch nicht gar leer ausgeht.“</p>
-
-<p>So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig
-Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die
-Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte
-zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl
-ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren
-trocken; der schwedische Fuchs habe es<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> aber wohl verstanden, wie man
-dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar
-süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“
-und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.</p>
-
-<p>Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte
-ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen,
-denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege
-ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm
-nicht feind sein konnte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">I bi bi’m Paschal Paoli</div>
- <div class="verse">In Corsika Draguner gsi,</div>
- <div class="verse">Und gfochte hani, wie ne Ma’</div>
- <div class="verse">Und Bluet an Gurt und Säbel gha.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Hebel.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob
-davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß
-ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen
-würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches
-geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief
-schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch
-dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu
-rühmen und zu freuen Ursache hättet.</p>
-
-<p>Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte,
-damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> und Leben dran zu wagen, war
-ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm
-achtete, wenn anstatt eines Helden <em class="gesperrt">Glück</em> eines Helden Tod mein
-Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu
-Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben &mdash; das hab ich nicht, wiewohl
-ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und
-Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte,
-und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem
-Glauben, daß er <em class="gesperrt">Gott zu Ehren</em> das Schwert trage und <em class="gesperrt">Gott</em>
-diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel
-glücklicher vorgekommen denn <em class="gesperrt">ich</em>, wenn er etwa seiner alten
-Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm
-geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue
-und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn
-sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein
-prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten
-Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus,
-tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar
-sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg
-priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.</p>
-
-<p>Bei <em class="gesperrt">Lützen, wo Gustavus Adolphus</em>, der große christliche Held,
-sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch
-zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen
-Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei
-<em class="gesperrt">Nördlingen</em> uns zusammengezogen.</p>
-
-<p>Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals <em class="gesperrt">Horn</em>
-Befehl gebetet und das Lied gesungen:<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> „Verzage nicht, du Häuflein
-klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig
-hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch
-gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir
-mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten
-hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk
-bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit
-von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen,
-aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte,
-wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.</p>
-
-<p>Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach
-überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug,
-ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden
-angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns
-doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern
-etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze
-Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das
-greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken
-und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den
-Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten
-still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu
-holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen
-gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an
-uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und
-kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von
-dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> stürzen,
-und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß
-ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der
-Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die
-Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen
-und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu
-bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz
-nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich
-befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: <em class="gesperrt">nun</em> hoffte ich eine
-Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn
-aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre,
-und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die
-Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte.
-Nun ließ ich mein Pferd los, &mdash; aber im selben Augenblicke hatte
-auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die
-andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter
-den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den
-Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich
-die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn
-und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war
-ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu
-gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er
-so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte
-seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und
-ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach
-mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.</p>
-
-<p>Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> kommen konnte, war
-alles vorüber, &mdash; unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen,
-und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir
-und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete
-im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich
-dem Feinde abgenommen.</p>
-
-<p>Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte,
-daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich
-zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir
-nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, &mdash; übrigens haben wir die Fahne
-wieder! &mdash; und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, &mdash;
-denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen &mdash; so sei doch dafür
-der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, &mdash; da sahen
-wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller
-gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.</p>
-
-<p>Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle
-gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn
-zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so
-wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts
-hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um
-sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon.
-Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch
-bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden
-Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte,
-weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> aus dem Hause
-gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden
-Tag unser Regiment ein, das, so gut es<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> anging, nach seinem schweren
-Verlust sich wieder gesammelt hatte.</p>
-
-<p>Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir
-zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch
-davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe.
-Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin
-selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege
-uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen
-treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“</p>
-
-<p>„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so
-schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne
-gestickt: ‚<em class="gesperrt">Gott mit uns!</em>‘ und Gott war mit meiner und meines
-Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“
-Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte
-empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte
-und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist
-tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und
-der getreulicher sie bewahren würde, denn <em class="gesperrt">dich</em>. <em class="gesperrt">Glück zu dem
-Fähndrich!</em>“</p>
-
-<p class="mbot2">Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und
-Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles
-des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir:
-„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du
-fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal
-aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es
-muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Marodeurs.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Kaum gedacht, kaum gedacht,</div>
- <div class="verse">Ward der Lust ein End gemacht.</div>
- <div class="verse s5 mleft7">Altes Volkslied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">N</span>un fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in
-das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit
-auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender,
-so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir
-einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück
-dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde
-wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas
-Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei
-Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster
-Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig
-und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege
-ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich
-schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine
-Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren
-konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt
-gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins
-Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten,
-und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.</p>
-
-<p>Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen
-Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren
-lassen, sondern mich noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>mal gedemütigt, und bereits zum dritten
-Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen,
-das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen
-schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment
-auch unter des Herzogs <em class="gesperrt">Bernhard von Weimar</em> Oberkommando gekommen
-war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein <em class="gesperrt">Wittenweyer im
-Breisgau</em> den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen <em class="gesperrt">Johann
-von Götz</em> und des Herzogs von <em class="gesperrt">Savelli</em> Oberbefehl gegenüber.
-Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die
-kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter
-gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward,
-weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein
-treffliches Lob davongetragen hatte.</p>
-
-<p>Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die
-Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt
-worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten
-aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „<em class="gesperrt">Gott mit uns</em>;“
-oder bei den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche
-das Deutsche nicht wohl aussprechen konnten, „<em class="gesperrt">Emmanuel!</em>“ Die
-Götzischen und Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“</p>
-
-<p>Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen
-der Generalmajor <em class="gesperrt">Taupadel</em> geführt, von der Kaiserlichen
-und Bayrischen stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und
-zurückgetrieben. Wir wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des
-kaiserlichen Volks herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen
-sich zu trennen, und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu
-der Re<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>serve zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten
-und tiefen Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in
-den Rhein ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen
-angeschwollen war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über
-deren Eingang ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen
-etliches französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen
-die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm
-verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war
-nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind,
-wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen
-würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich
-wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen
-und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor
-Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte
-Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu:
-der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann,
-widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie
-halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher
-aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten
-konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in
-seiner Nähe.</p>
-
-<p>„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft
-Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so
-lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst,
-so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“</p>
-
-<p>„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer
-will mithalten?“ sagte Olufsohn, und be<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>mühte sich, von seinem Pferde
-zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und
-am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht
-imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein
-wackerer Soldat verloren!“</p>
-
-<p>Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der
-heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und
-der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen
-will, so will ich’s selber tun!“ &mdash; „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte
-Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie
-<em class="gesperrt">Valentinus Gast</em>, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der
-Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen
-finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als
-er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“</p>
-
-<p>„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern
-tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. &mdash; Du willst
-Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde,
-bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst
-morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen
-Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob
-ich’s selber wäre!“ &mdash; Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die
-dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das
-Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom
-Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns
-fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der
-Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.</p>
-
-<p>Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> hätte hellauf
-jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen
-hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein
-sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns,
-Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ &mdash; „Lob und
-Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an
-ein Entlaufen nicht zu denken.</p>
-
-<p>Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor
-geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern
-die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr
-Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer
-Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle
-über die Klinge springen!“ &mdash; „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich
-hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! &mdash;
-Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister
-und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten
-einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten
-sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen
-zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande
-durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben
-nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann
-gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst
-griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den
-Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht
-weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft,
-jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn
-nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den
-Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> hineinstürzten und nicht
-mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den
-andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.</p>
-
-<p>Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches
-Gewitter losgebrochen, &mdash; es ward schier ganz finster, stürmte und
-blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß
-die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte
-die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte
-nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.</p>
-
-<p>Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren
-noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben
-mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn
-wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer
-Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal
-sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete
-mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den
-angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu
-gelangen. &mdash; „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so
-sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen
-in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wann es nun muß gestorben sein,</div>
- <div class="verse">So geb ich willig mich darein.</div>
- <div class="verse">Und denk in dieser letzten Not</div>
- <div class="verse">An meinen lieben Herren Gott.</div>
- <div class="verse">Und im Gebet ja immerzu</div>
- <div class="verse">Ich Jesu Namen rufen tu,</div>
- <div class="verse">Und schrei mit Herzen und Begier:</div>
- <div class="verse">Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p class="p0">Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf
-die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben,
-hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen,
-ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.</p>
-
-<p>Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften
-uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren
-Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da
-meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich
-mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand
-eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch
-erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis
-auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf
-dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme
-deuchte mir bekannt, &mdash; ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm
-jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann <em class="gesperrt">Paradeiser</em> genannt.
-„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! <em class="gesperrt">Du oder ich!</em>“
-rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn
-kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren
-geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger
-Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir
-die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet,
-hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten,
-über die Mauer hinunter in den Strom.</p>
-
-<p>Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die
-Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden
-Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das
-Wasser heben<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts,
-wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten
-links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte
-aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „<em class="gesperrt">Gott
-mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!</em>“ &mdash; Während nämlich
-unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst
-<em class="gesperrt">Rosa</em> nebst dem Grafen von <em class="gesperrt">Nassau</em> der Kaiserlichen rechten
-Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte,
-hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder
-gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt
-getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo
-der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem
-Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom
-zu steigen.</p>
-
-<p>Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen
-Lobgesang aus der Ferne hörte, &mdash; sie sangen aber den 124. Psalm:
-<em class="gesperrt">Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!</em> usw. &mdash; begann der Haufe
-im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits
-Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten.
-Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden
-Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich
-fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich
-durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn
-heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er
-mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein
-Pferd und jagten mit mir davon.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ach wie bald, ach wie bald</div>
- <div class="verse">Schwindet Schönheit und Gestalt!</div>
- <div class="verse">Prahlst du gleich mit deinen Wangen,</div>
- <div class="verse">Die wie Milch und Purpur prangen,</div>
- <div class="verse">Ach, die Rosen welken all!</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Volkslied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>ir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem
-Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im
-Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd
-bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten,
-bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern
-wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun
-sei’s mein Letztes.</p>
-
-<p>Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich
-totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte
-mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme
-ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas
-von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder
-zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt,
-die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl
-der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er
-unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs
-Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. &mdash; Es war aber das
-die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei
-Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben
-hatte. So bin ich denn in großer Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>heit und andauerndem heftigem
-Fieber von dem Haufen nach <em class="gesperrt">Breisach</em> geschleppt worden mit noch
-andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen
-hatte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_124" name="illu_124">
- <img class="mtop1" src="images/illu_124.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Die Kaiserlichen drangen mir
- nach auf dem Fuße (<a href="#Neunzehntes_Kapitel">19. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine
-Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von
-der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen
-alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle
-die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach
-vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. &mdash; Ach! zu mir
-hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „<em class="gesperrt">Oh,
-wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner
-Zeit, was zu deinem Frieden dient!</em>“ &mdash; aber es war vor meinen Augen
-verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen
-konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.</p>
-
-<p>Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig
-Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer
-alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene,
-und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern
-wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines
-Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir
-saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich
-ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine
-Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde,
-hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete
-es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam
-wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> ich von unsäglichem Hunger
-gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, &mdash; aber wir sollten noch
-Schrecklicheres erleben.</p>
-
-<p>Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste
-belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe
-am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als
-ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei
-noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten
-auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die
-Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es
-blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des
-Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen,
-heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und
-sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben,
-weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis
-zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen
-gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde
-und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und
-Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage
-in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die
-Festung nicht übergeben, &mdash; so sollten wir selbst zusehen, was wir tun
-könnten, uns das Leben zu fristen!</p>
-
-<p>Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und
-Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche
-beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig
-wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere
-lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere
-und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> wieder einige
-Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem
-Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, &mdash; denn ihr würdet’s
-doch nicht glauben.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch
-unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als
-auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer
-geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in
-seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern
-noch eine Frist zur Buße geben &mdash; freilich eine letzte.</p>
-
-<p>Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die
-Türe und rief &mdash; denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder-
-und Totengeruches &mdash; von oben herab uns zu: wenn noch einige von den
-Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, &mdash; es sei ein
-Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die
-Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir
-erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen,
-wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt,
-unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer
-nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten
-im Hof hin<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem
-Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als
-wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des
-Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und
-Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war
-ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den
-Füßen halten, der Kommandant, Freiherr <em class="gesperrt">von Reinach</em>, selber
-mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von
-der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht
-gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter
-übergeben werden.</p>
-
-<p>Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im
-Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief
-dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die
-Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und
-unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt
-allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm
-nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer
-gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler,
-Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde
-genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen
-Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um
-Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort
-einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den
-Akkord zu halten.</p>
-
-<p>Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger,
-welche schwedische Dienste nahmen, den<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Rhein hinunter gebracht zu
-werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment
-liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder
-zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes
-Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war,
-weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen
-würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und
-gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich
-einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und
-Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum
-Willkomm. Sie kannten mich nicht, &mdash; denn ich sah aus wie ein Gerippe,
-auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser
-bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider
-trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als
-ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle?
-Ich nannte ihnen meinen Namen, &mdash; da fingen sie laut an zu lachen und
-riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich
-einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden?
-Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ &mdash;
-Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches
-ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich
-sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins
-Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein
-Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht
-haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns
-auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“</p>
-
-<p>Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> Todes achteten, weil
-sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben.
-Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und
-wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich
-weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan,
-und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem
-Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.</p>
-
-<p>Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich
-vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern
-in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und
-einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das
-Stroh und &mdash; ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe
-getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft
-ausgestanden &mdash; plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem
-Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand
-hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in
-meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich
-ganz gewiß, es sei aus!</p>
-
-<p>Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme
-nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein
-habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und
-ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. &mdash; Es war <em class="gesperrt">Olufsohn</em>.
-Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah,
-kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind,
-„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden,
-weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß
-ich dich also finden muß.“ &mdash; Ich nahm seine Hand und sagte:<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> „Gott
-segne dich, <em class="gesperrt">Olufsohn</em>! So hab ich doch noch einen guten Freund in
-der Welt und will gerne sterben!“ &mdash; Er aber erwiderte: „Das wolle Gott
-nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch
-meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt,
-ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo
-der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der
-gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen
-in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend
-aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß
-ich dem Lazarett zugewandert.</p>
-
-<p>Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und
-ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber
-sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und
-wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem
-Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der
-Feldscherer nachgeschickt würde.</p>
-
-<p>Dies geschah, &mdash; und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich
-mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich
-in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen
-Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem
-Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht
-an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in
-der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin
-ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer
-wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es
-wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.</p>
-
-<p>Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> führen sah
-wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig
-und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich
-stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich
-gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind
-pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es
-ehedem nicht, wie ein rechter Christ <em class="gesperrt">beides ist</em>: <em class="gesperrt">tapfer wie
-ein Löwe und sanft wie ein Lamm</em>, hie aber habe ich’s erfahren. O
-du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin
-hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen
-und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich
-bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin
-ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was
-dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst
-herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.</p>
-
-<p>Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter
-Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein
-und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört,
-daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen
-sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein
-Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und
-selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was
-ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem
-Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.</p>
-
-<p>An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn
-mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft
-ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu
-und wieherte hell auf vor<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte
-mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder
-heimkehren mußte.</p>
-
-<p>Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen,
-wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen
-gesund sein würde? &mdash; „<em class="gesperrt">Mit dem ist’s aus!</em>“ lautete die Antwort,
-„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß
-er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und
-sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen
-Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und
-scheint keinen Gedanken daran zu haben.“</p>
-
-<p>Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen
-würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „<em class="gesperrt">Dies</em> das
-Ende? &mdash; Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß
-und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über
-mir gewaltet, &mdash; wider den hilft kein Streiten!“</p>
-
-<p>Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen
-Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon
-Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren
-würde. &mdash; „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. &mdash; „Nicht mit?“
-fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ &mdash; „Heimgehen will
-ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen,
-von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend
-heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß
-ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen
-bin.“ &mdash; „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit
-deinem Gott; wer hat<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber
-gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme,
-daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn,
-er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von
-dem Obersten bekomme. &mdash; „<em class="gesperrt">Ist’s also ernst?</em>“ fragte er traurig.
-&mdash; „<em class="gesperrt">Ja, ’s ist ernst!</em>“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört,
-was der Feldscherer mit dir geredet hat. <em class="gesperrt">Morgen scheiden wir!</em>“</p>
-
-<p>In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen
-und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und
-der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich
-ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte,
-und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.</p>
-
-<p>Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen,
-es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es
-gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur
-einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, &mdash; denn das
-Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei
-Nördlingen, &mdash; ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude
-nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte,
-wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen
-zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete.
-Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs
-Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.</p>
-
-<p>Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in
-Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle
-grüne Reiser auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir
-ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich
-meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt
-&mdash; ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor
-dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum
-Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für
-alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn
-nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich
-und ging schnell davon.</p>
-
-<p>Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan,
-über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’
-ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen
-Blick zurückzuwerfen, &mdash; sie setzten sich eben in Marsch, einzelne
-Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen
-durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem
-Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve!
-&mdash; &mdash; „<em class="gesperrt">Was geht’s dich an?</em>“ sagte ich, „<em class="gesperrt">dein Weg ist der
-weiteste</em>!“ wandte mich und zog meine Straße.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a>
-Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der
-Schilderung eines Zeitgenossen, welcher <span class="antiqua">Theatr. Eur. III</span> also
-schreibt:</p>
-
-<p>„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot,
-so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich
-aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein
-dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu
-glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als
-wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was
-soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit
-keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch
-wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen
-bist gezwungen worden?</p>
-
-<p>„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem
-einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und
-ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit
-bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche
-Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret,
-aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?</p>
-
-<p>„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene
-Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den
-Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk
-zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder
-mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von
-seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen
-zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im
-Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?</p>
-
-<p>„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente
-einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden,
-er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben,
-denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und
-verzehren?</p>
-
-<p>„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen
-aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten
-Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“</p>
-
-<p>„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines
-Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr
-aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen
-132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor
-zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben
-worden?“</p>
-
-<p>„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in
-die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen
-verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden
-wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel
-schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet
-ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern
-Ursach genommen.“</p>
-
-<p>Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von
-Breisach verfertigte <span class="antiqua">Distichon Chronologicum</span> eine Stelle finden.
-Es lautete: <span class="antiqua">Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de
-expugnato Brisaco Carmen Chronologicum</span>:</p>
-
-<p class="center">„<span class="antiqua">InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI<br />
-IVngitVr &amp; tanto DIgna pVeLLa VIro</span>.“</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Schluß.)</span></span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Darum still, darum still,</div>
- <div class="verse">Füg ich mich, wie Gott es will.</div>
- <div class="verse s5 mleft9">Volkslied.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine
-große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein
-Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange
-des<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> Lenzes waren, brannte sehr heiß, &mdash; so legte ich mich denn nieder
-in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das
-Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen
-dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff
-ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen,
-sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der
-erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein
-Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich
-auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt
-hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der
-Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein:
-der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine
-Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu
-machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott
-dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von
-Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten
-läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel
-gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr,
-der Gott Israels! <em class="gesperrt">Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du
-nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.</em></p>
-
-<p>Ich mußte diesem Worte nachdenken! &mdash; <em class="gesperrt">Das</em> hatte ich ja selbst
-schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „<em class="gesperrt">Bann</em>“
-auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und
-mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und
-träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft
-herzhaft wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und
-Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft
-schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder
-zerronnen!</p>
-
-<p>Ich gedachte <em class="gesperrt">Olufsohns</em>. &mdash; Wie ganz anders war’s dem gelungen!
-Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein
-armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht
-tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog
-er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach
-so viel abgestandenen Mühen und Gefahren &mdash; ein Landläufer und Bettler,
-wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen,
-ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf
-mir allenthalben ein Bann gelegen?</p>
-
-<p>Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s
-wie Schuppen von den Augen &mdash; <em class="gesperrt">es war ein Unterschied, ein großer
-Unterschied zwischen mir und ihm</em>: er hatte seines Vaters Segen
-beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn
-gemacht. Ein Gebot hatte <em class="gesperrt">ich</em> unter die Füße getreten, <em class="gesperrt">er</em>
-aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „<em class="gesperrt">Du sollst deinen
-Vater und deine Mutter ehren!</em>“ und der Herr war Richter gewesen
-zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „<em class="gesperrt">auf
-daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden</em>!“ Mich aber
-hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel
-gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht,
-siehe! das ist der <em class="gesperrt">Bann, der auf dir liegt</em>!“ So sagte mir die
-Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan
-würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den
-heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch,
-herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch,
-lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der
-Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht
-vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer
-Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch
-sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern
-erzählen, daß „<em class="gesperrt">wenig und böse</em>“ die Zeit Eures Lebens gewesen um
-des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir:
-es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt,
-wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben
-Jahre lang gewesen war, &mdash; ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst
-fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale
-wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich
-damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich
-beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Wehe, wehe, wehe!</em>“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der
-Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum
-liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in
-der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen &mdash; nur so lange noch, bis
-ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht,
-bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten
-Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir
-ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und
-ihm sagen<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir,
-ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“</p>
-
-<p>So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem
-anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder
-Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte
-mir nicht Ruhe noch Rast.</p>
-
-<p>Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den <em class="gesperrt">Mainstrom</em> wieder. Nun
-hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders
-beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen
-Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen
-werd ich Euch nicht mehr!</p>
-
-<p>Als ich an ein Dörflein kam unterhalb <em class="gesperrt">Wertheim</em> &mdash;
-<em class="gesperrt">Bestenheida</em> genannt &mdash; konnt ich vor heftigem Stechen kaum
-mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon
-dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse,
-wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg
-gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er
-mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon.
-Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu
-mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen,
-leeren Zimmer.</p>
-
-<p>Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges
-Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen
-offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich
-fragte, wo ich denn sei. &mdash; „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte
-das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest
-hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> gestorben; ich
-allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“</p>
-
-<p>„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. &mdash; „Ein Waisenkind!
-Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages
-die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater
-totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben
-sie hierher getan.“</p>
-
-<p>„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, &mdash; „der Krieg
-bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber <em class="gesperrt">beten</em>!
-Meine Mutter hat mich’s gelehrt &mdash; ich bete alle Tage! &mdash; Soll ich
-einmal beten?“ &mdash; „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die
-Hände und hub an:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit,</div>
- <div class="verse">Sein Will’, der ist der beste;</div>
- <div class="verse">Zu helfen den’n er ist bereit,</div>
- <div class="verse">Die an ihn glauben feste.</div>
- <div class="verse">Er hilft aus Not,</div>
- <div class="verse">Der fromme Gott,</div>
- <div class="verse">Und züchtiget mit Maßen!</div>
- <div class="verse">Wer Gott vertraut,</div>
- <div class="verse">Fest auf ihn baut,</div>
- <div class="verse">Den will er nicht verlassen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht,</div>
- <div class="verse">Mein’ Hoffnung und mein Leben,</div>
- <div class="verse">Was mein Gott will, daß mir geschicht,</div>
- <div class="verse">Will ich nicht widerstreben:</div>
- <div class="verse">Sein Wort ist wahr,</div>
- <div class="verse">Denn all mein Haar</div>
- <div class="verse">Er selber hat gezählet;</div>
- <div class="verse">Er hüt’t und wacht,</div>
- <div class="verse">Stets für uns tracht’t,</div>
- <div class="verse">Auf daß uns gar nichts fehlet.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
- <div class="verse">Drum will ich gern von dieser Welt</div>
- <div class="verse">Scheiden nach Gottes Willen</div>
- <div class="verse">Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt,</div>
- <div class="verse">Will ich ihm halten stille.</div>
- <div class="verse">Mein’ arme Seel’</div>
- <div class="verse">Ich Gott befehl’</div>
- <div class="verse">In meinen letzten Stunden:</div>
- <div class="verse">O frommer Gott,</div>
- <div class="verse">Sünd’, Höll’ und Tod</div>
- <div class="verse">Hast du mir überwunden!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein
-Lob zugerichtet! &mdash; Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt,
-und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des
-Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte
-ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den
-letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei
-Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein
-Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir
-kein nütze!“</p>
-
-<p>„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht,
-einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“</p>
-
-<p>„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon
-dagewesen, &mdash; aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht
-aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“</p>
-
-<p>Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden
-Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden
-verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein
-so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber
-nun all<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen
-und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den
-Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von
-hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch
-mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes
-Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen,
-aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und
-löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer
-Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt <em class="gesperrt">tiefer, viel tiefer graben</em>! Womit
-Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren
-<em class="gesperrt">himmlischen</em> Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt,
-wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht
-Psalm 51 und lautet: <b>An dir allein</b> <em class="gesperrt">hab ich gesündigt und
-Übel vor dir getan</em>, auf daß du recht behaltest in deinen Worten!
-<em class="gesperrt">Das</em> Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge
-Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, &mdash; ich gönn Euch
-herzlich diese Freude, &mdash; aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr
-am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde
-vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr
-bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre
-kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu
-Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn
-zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was
-für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen
-und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts
-ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk
-an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung,
-der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und
-lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat.
-Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger
-dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer
-werten Wort, daß <em class="gesperrt">Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder
-selig zu machen</em>.“</p>
-
-<p>So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß
-sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn
-hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich
-gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen
-Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind
-gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des
-Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s
-sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und
-dem Abgrund ewigen Jammers, &mdash; gerade da hat der Herr die Decke von
-meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des
-Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen
-Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten,
-der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort
-gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese
-sein!</p>
-
-<p>Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel
-schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist,
-wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei
-der Hölle gewesen, ich bin<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> so müde geworden von Seufzen, ich habe
-wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen
-manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort
-Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst,
-ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab
-ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das
-Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es
-durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark
-und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die
-alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal
-ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben
-auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in
-meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.</p>
-
-<p>Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch
-einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören,
-doch aber &mdash; es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders
-beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade
-gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens,
-in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die
-geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt
-ich das Böse nicht auch hinnehmen?</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Warum sollt ich mich denn grämen,</div>
- <div class="verse">Hab ich doch Christum noch,</div>
- <div class="verse">Wer will mir den nehmen?</div>
- <div class="verse">Wer will mir den Himmel rauben,</div>
- <div class="verse">Den mir schon Gottes Sohn</div>
- <div class="verse">Beigelegt im Glauben.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>So lebt denn wohl, <em class="gesperrt">herzliebe Eltern</em>! Gottes Lohn für jedes
-Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele
-gelegt! &mdash; endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der
-Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine
-Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde
-beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, &mdash; <em class="gesperrt">dort</em>,
-wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. &mdash; Ihr,
-meine lieben <em class="gesperrt">Geschwister</em>, gedenket mein wiederum im Guten und
-betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, &mdash; denn auf dem
-heißt’s: <em class="gesperrt">Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!</em></p>
-
-<p>Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß
-geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine
-Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder
-führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme
-gebricht. Sagt auch dem <em class="gesperrt">Amtskeller</em>, daß ich ihn tausendmal um
-Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir
-stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen
-keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in
-Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn
-von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn
-gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter
-Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht
-anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele
-Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung
-verleihen wolle mit den andern allen!</p>
-
-<p>Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Christus, der ist mein Leben,</div>
- <div class="verse">Und sterben mein Gewinn,</div>
- <div class="verse">Dem tu ich mich ergeben,</div>
- <div class="verse">Mit Freud fahr ich dahin.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der
-<em class="gesperrt">siebten</em> kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs
-finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch
-Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem,
-der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin <em class="gesperrt">lebet wohl
-und gedenket mein in Frieden</em>! Darum bittet Gott und Euch</p>
-
-<p class="center">Euer getreuer Sohn</p>
-
-<p class="center mleft7"><b>Valentinus Gast</b>,</p>
-
-<p class="right">der Verlorene, aber
-<em class="gesperrt">Wiedergefundene</em>.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop2">Am 3. Juni 1639.</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem
-Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf
-den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten.
-Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein
-Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen
-Brief Euch zustellt, &mdash; ich will das Wenige, was ich noch habe, vor
-meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich <em class="gesperrt">allhier</em> sterben, wird
-der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die
-Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. &mdash; Werde ich Euch
-noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s
-manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! &mdash; <em class="gesperrt">Nun wie Gott
-will!</em> Amen, Amen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Valentins Tod.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Da neigt er sich nun eben,</div>
- <div class="verse">Verwelkt und sinket hin,</div>
- <div class="verse">Den ich sah aufwärts streben</div>
- <div class="verse">Mit also stolzem Sinn,</div>
- <div class="verse">Der Knabe, jung von Tagen,</div>
- <div class="verse">Sein Haupt herniedersenkt,</div>
- <div class="verse">Ach, ach, nun muß ich klagen,</div>
- <div class="verse">So sehr ist es erkränkt;</div>
- <div class="verse">Die Seel’ schon auf der Zungen</div>
- <div class="verse">Wird er’s jetzt hauchen aus,</div>
- <div class="verse">Nun muß es sein gerungen</div>
- <div class="verse">Mit Tod und letztem Strauß.</div>
- <div class="verse s5 mleft4">Spee’s Trutz-Nachtigall.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen,
-verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige
-Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden
-meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens
-war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war
-durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele
-freute sich Gottes, meines Heilandes.</p>
-
-<p>Da gedachte ich auch, wie die droben &mdash; mein Weib und meine Töchter
-und mein Johannes &mdash; auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des
-Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und
-Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn
-gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut,
-vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher
-waren sie mir wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> immer vorgekommen als solche, die geschieden aus
-großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die <em class="gesperrt">Seligen</em>,
-angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und
-verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte,
-ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine
-Gedanken! &mdash; der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind
-und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.</p>
-
-<p>Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht
-von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern
-und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und
-durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben,
-betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und
-Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte
-ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem
-getreuen Gott, &mdash; derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den
-Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut
-nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken
-hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit
-seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus
-einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein
-Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten
-bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.</p>
-
-<p>Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr
-matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte,
-daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit
-begraben<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem
-ich für ihn oder für mich zu beten hatte.</p>
-
-<p>Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn
-fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter
-unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Nur elf Jünger blieben treu,</div>
- <div class="verse">Gib daß gar kein Abfall sei.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen
-Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die
-Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich
-angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn
-Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, &mdash; doch hat der
-gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen
-Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit
-meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und
-das Brot essen werde im Reich Gottes! &mdash; &mdash; Gott segne dich, Olufsohn!“</p>
-
-<p>Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan,
-und dankte dem Herrn, daß er es erhört.</p>
-
-<p>Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für
-sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet.
-Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr
-sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann
-wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte,
-so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem <em class="gesperrt">Siegesbette</em>
-denn an einem <em class="gesperrt">Siechbette</em> zu stehen meinte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p>
-
-<p>Endlich schlug es <em class="gesperrt">ein Uhr</em>! Da hielt er den Atem an, wie wenn
-er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, &mdash; es war
-wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit
-bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“
-rief und seinen Spruch anhub:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„<em class="gesperrt">Eins ist not!</em> du treuer Gott,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Schenk uns einen sel’gen Tod</em>!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank
-auf sein Kissen zurück. &mdash; „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn,
-&mdash; da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.</p>
-
-<p>Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete
-die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner
-seligen Mutter geworden waren, und betete, &mdash; unten auf der Straße aber
-wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das
-Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen
-einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend,
-zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten
-und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da!
-sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals,
-da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und
-darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird.
-Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem
-Weinen: „<em class="gesperrt">Armer, armer Valentin!</em> was ist aus den hochgehenden
-Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen,
-wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, &mdash; auf der
-grünen<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins
-arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du
-seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch &mdash; wie muß ich dir,
-mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit
-dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß
-du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen
-in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. <em class="gesperrt">Der
-Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei
-gelobet!</em>“</p>
-
-<p>Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah,
-daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und
-weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete
-mich mit viel lieblichen Worten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="left" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes
-Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Noch ein Gottesgericht.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.</div>
- <div class="verse s5 mleft20">Sprichwort.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!</div>
- <div class="verse">Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.</div>
- <div class="verse">Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,</div>
- <div class="verse">Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.</div>
- <div class="verse s5 mleft11">Shakespeares Macbeth.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">G</span>egen Morgen schickt der <em class="gesperrt">Pfarrherr</em> zu mir und läßt mir
-ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse
-nehmen und mit hinter nach <em class="gesperrt">Eibelstadt</em> gehen, ein Soldat sei vom
-Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige
-Nachtmahl<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den
-Weg.</p>
-
-<p>Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und
-erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein
-gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen
-Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und
-eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und
-den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt.
-Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr
-treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.</p>
-
-<p>In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn <em class="gesperrt">von Greifenklau</em> Haus
-gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte.
-Als ich die Lichter angezündet und die <span class="antiqua">vasa sacra</span> hergerichtet,
-wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit
-meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das
-Rathaus ist.</p>
-
-<p>In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel
-Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern
-gedachte des Hingeschiedenen.</p>
-
-<p>Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann
-mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich
-freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei.
-Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister
-fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände
-bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach
-dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er
-unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem
-Morgen ge<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>kommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten
-in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das
-Städtlein heiße?</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Sommerhausen!</em>“ erwiderte ich. &mdash; „Sommerhausen?“ sagte der
-Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen
-Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten
-einer unter unserem Regiment gedient.“</p>
-
-<p>„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter
-das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die
-herumliegenden Soldaten, &mdash; es waren schwedische Dragoner, was ich
-jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“
-fragte ich, indem mir das Herz klopfte.</p>
-
-<p>„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der
-Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter
-Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort
-steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da
-sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst
-schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen,
-wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin
-nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen
-Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“</p>
-
-<p>„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt,
-nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer
-Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.</p>
-
-<p>„Ich heiße <em class="gesperrt">Olufsohn, Swen Olufsohn</em>!“ gab er mir zur Antwort,
-„und bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem
-Gordonschen, und dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen,
-hat geheißen <em class="gesperrt">Gast</em>, &mdash; <em class="gesperrt">Valentinus</em> war sein Vorname! Kennt
-Ihr den Namen?“</p>
-
-<p>Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname
-geheißen!</p>
-
-<p>„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja
-mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich
-auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt:
-Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“</p>
-
-<p>„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden
-Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“</p>
-
-<p>„Ja!“ erwiderte ich, „<em class="gesperrt">er ist heim</em> gekommen &mdash; seit drei Tagen
-zu mir, seinem <em class="gesperrt">leiblichen</em> Vater und zu seiner <em class="gesperrt">irdischen</em>
-Heimat, und heute nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser
-Städtchen zogt, zu seinem <em class="gesperrt">himmlischen</em> Vater und zu seiner
-<em class="gesperrt">himmlischen</em> Heimat. Euch aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“</p>
-
-<p>Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines
-Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun
-wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch
-Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er
-habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht,
-er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er
-selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott
-so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen,
-er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar
-ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen
-lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was
-meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlich<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>keit und
-Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich
-sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn
-sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.</p>
-
-<p>Während wir noch also miteinander redeten, kam der <em class="gesperrt">Pfarrherr</em>
-ganz erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und
-sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben!
-Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen
-aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein
-verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen!
-Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine
-Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber,
-als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten,
-da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten
-freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei
-jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum
-Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst
-zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die
-Stube.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_158" name="illu_158">
- <img class="mtop1" src="images/illu_158.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot1 no-break-before">Sie kamen haufenweise in meine
- Stube, ihn noch einmal zu sehen (<a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">24. Kap.</a>)</p>
-</div>
-
-<p>Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß
-aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei
-Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen
-umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren
-Stimme, „du Graukopf, &mdash; hab ich dir nicht schon einmal den Schädel
-gespalten? &mdash; Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und
-jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher
-in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine
-Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? <em class="gesperrt">Vorwärts,
-vor<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>wärts</em>, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute
-gibt’s Dukaten &mdash; wird <em class="gesperrt">alles</em> geteilt, brüderlich! &mdash; aber dem
-Grünrock seine gehören mir, &mdash; pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück
-ihm die Kehle zu, &mdash; ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes!
-’s sind zwei über einen! &mdash; Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen
-starren! So &mdash; jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der
-<em class="gesperrt">Graukopf</em> lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei,
-du kennst mich schon!“</p>
-
-<p>„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist <em class="gesperrt">Nikol Paradeiser</em>, der den
-alten Veit erschlug!“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Nikol Paradeiser?</em>“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel
-hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner!
-Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht
-stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! &mdash; So ist’s
-recht, &mdash; Teufel, da liegt er ja wieder! &mdash; Hopp, hopp, Schimmel! &mdash;
-<em class="gesperrt">Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!</em> Laß mich doch, alter Tropf,
-du wirst mich doch nicht zwingen?“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Das ist Gottes Gericht</em>, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich,
-„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen
-einen Mord begangen!“</p>
-
-<p>„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die
-ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, &mdash; „ich
-bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid
-darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter
-dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben
-und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der
-Geschichte gesprochen, &mdash; mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht
-er!“ und es ist mir ein Schrecken<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> durch alle Glieder gefahren, denn
-ich sah ihn auch leibhaftig.“</p>
-
-<p>„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein
-für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat
-euch geschlagen. <em class="gesperrt">Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von
-nun an!</em> &mdash; Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen
-geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er
-seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes
-Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und
-fallen, da sie niemand jagt!“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Niemand jagt?</em>“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist
-er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will
-dir den Rest geben, &mdash; ich will &mdash; ich will“ &mdash; damit schleuderte
-er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von
-sich und sprang aus dem Bett, &mdash; der Rittmeister lief herzu, wollte
-ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke
-jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und
-war tot.</p>
-
-<p>Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes
-mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der
-Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber
-und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister
-Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<h2 class="left" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel.<br />
-
-<span class="mleft2">Schluß.</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry_right">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Dem Leib ein Räumlein gönn’</div>
- <div class="verse">Bei frommer Christen Grab,</div>
- <div class="verse">Auf daß er seine Ruh’</div>
- <div class="verse">An ihrer Seite hab’!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin
-Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war
-nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe
-weiterziehen müssen.</p>
-
-<p>Es hatte <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em> meines Weibes und meiner Kinder, dazu
-des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden
-Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes
-hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte.
-Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben
-noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um
-ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube,
-ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte
-schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort
-einmal eine Liebe erzeigt, &mdash; selbst des <em class="gesperrt">Hans Mündleins</em> Witwe
-kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen
-Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen,
-erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie
-jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen
-ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das
-war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr
-schlug, hörten wir einen starken Schritt auf<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> der Straße und laut
-Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin
-ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff
-mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald
-kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm,
-Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen
-noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten
-des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes
-gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid
-um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir
-gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“
-Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und
-Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter
-auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, &mdash;
-dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.</p>
-
-<p>Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur
-Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald
-das Lied anstimmten: „<em class="gesperrt">Jerusalem, du hochgebaute Stadt!</em>“ Als die
-drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden,
-welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein,
-wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst,
-geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern
-Dragonern, welche den Zug schlossen.</p>
-
-<p>Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage
-sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben
-nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun
-laßt uns den Leib<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die
-Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, &mdash; dann war alles vorüber, und
-wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen.
-&mdash; Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis
-bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt
-begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch
-übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir
-alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen
-Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem
-Rittmeister &mdash; nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die
-Wallfahrt auf Erden dauert.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? &mdash;
-Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen,
-abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in
-diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte,
-jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „<em class="gesperrt">Komm!</em>“ und meiner
-Kinder Stimme: „<em class="gesperrt">Komm, komm!</em> du hast auf Erden nichts mehr zu
-suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre
-Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist
-mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins
-Begräbnis:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Jerusalem, du hochgebaute Stadt,</div>
- <div class="verse">Wollt Gott, ich war in dir!</div>
- <div class="verse">Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat,</div>
- <div class="verse">Und ist nicht mehr bei mir!</div>
- <div class="verse">Weit über Berg und Tale,</div>
- <div class="verse">Weit über blaches Feld</div>
- <div class="verse">Schwingt es sich über alle,</div>
- <div class="verse">Und eilt aus dieser Welt.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-<p>Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das
-„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine
-Nachfahrt halte?</p>
-
-<p>Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der
-Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert
-während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt
-einen <em class="gesperrt">besseren</em> Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht,
-mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur
-Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird.
-<em class="gesperrt">Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren</em>, und ob mein
-Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm
-gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, &mdash; doch aber
-hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm
-und Nacht, in Angst und Not allezeit meine <em class="gesperrt">Augen deinen Heiland
-gesehen</em>, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich,
-ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach:
-„Herr, hilf mir!“</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine
-holdselige Gestalt festgehalten bis heute?</em> Dann tritt her zu mir
-und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1"><span class="antiqua">Soli Deo Gloria!</span><br />
-<b>Dem Herrn allein die Ehre!</b><br />
-Amen!</p>
-
-<p>Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli <span class="antiqua">anno Domini</span> 1650.</p>
-
-<p class="right"><span class="mright5"><b>Udalricus Gast</b>,</span><br />
-zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Schulmeister und sein Sohn, by
-Karl Heinrich Caspari
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN ***
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--- a/old/60703-h/images/druckerei.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
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deleted file mode 100644
index 721d012..0000000
--- a/old/60703-h/images/illu_001.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_034.jpg b/old/60703-h/images/illu_034.jpg
deleted file mode 100644
index 78e3990..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_052.jpg b/old/60703-h/images/illu_052.jpg
deleted file mode 100644
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_070.jpg b/old/60703-h/images/illu_070.jpg
deleted file mode 100644
index 390091e..0000000
--- a/old/60703-h/images/illu_070.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_088.jpg b/old/60703-h/images/illu_088.jpg
deleted file mode 100644
index 4e5eefa..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_106.jpg b/old/60703-h/images/illu_106.jpg
deleted file mode 100644
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Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_124.jpg b/old/60703-h/images/illu_124.jpg
deleted file mode 100644
index e8e8fa1..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/illu_158.jpg b/old/60703-h/images/illu_158.jpg
deleted file mode 100644
index d8f7843..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/verlag.jpg b/old/60703-h/images/verlag.jpg
deleted file mode 100644
index 630a260..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/60703-h/images/zier.jpg b/old/60703-h/images/zier.jpg
deleted file mode 100644
index 8703ac3..0000000
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Binary files differ