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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 15:14:38 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Der Schulmeister und sein Sohn - Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege - -Author: Karl Heinrich Caspari - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60703] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche - Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern - die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird. - Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im - Text mehrmals auftreten. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts - versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende - des betreffenden Kapitels verschoben. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - -[Illustration: Ich fand ihn am Fenster stehen und dem abziehenden Volk -nachsehen (4. Kap.)] - - - - - Der Schulmeister und - sein Sohn - - Eine Erzählung aus dem - dreißigjährigen Kriege von - K. H. Caspari - - Neunzehnte Auflage - :: Mit acht Bildern :: - - [Illustration] - - 1913 - - Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart - - - - - [Illustration] - - Gedruckt in Stuttgart - bei J. F. +Steinkopf+ - - - - -Inhaltsübersicht. - - - Seite - - Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen 7 - - Zweites Kapitel. Der Sohn 10 - - Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk 14 - - Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber 21 - - Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach 26 - - Sechstes Kapitel. Die Warnung 33 - - Siebtes Kapitel. Der Torwart 37 - - Achtes Kapitel. Der Überfall 41 - - Neuntes Kapitel. Die Plünderung 46 - - Zehntes Kapitel. Die Entdeckung 50 - - Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht 56 - - Zwölftes Kapitel. Die Flucht 63 - - Dreizehntes Kapitel. Die Pest 69 - - Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr 79 - - Fünfzehntes Kapitel. Der Brief 83 - - Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 87 - - Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 91 - - Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 98 - - Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 104 - - Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 112 - - Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß) 124 - - Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod 136 - - Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht 141 - - Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß 147 - - - - -Vorrede zur ersten Auflage. - - -Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher -wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft -die +alten+ Kirchenbücher gewährt, -- einen wohltuenden Blick in -das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit. - -Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer -Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten -Schuldiener, +Udalrikus Gast+, geführte Kirchenbuch durchlesen, -der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem -warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende -Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr -lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen -seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich -aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes -von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, -- -und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift -- aus einer -sehr interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten -Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses -Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte -zusammenzustellen gesucht. - -Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener -selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht -herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse, -da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die -altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende -Sprache der modernen Zeit ferne zu halten. - -Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und -- Gottes -Segen. - - +Eschau+ bei Aschaffenburg, den 30. Mai 1851. - - +Der Verfasser+. - - - - -Motto: - - Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot, - Doch innen schwarzer Farbe, -- finster wie der Tod. - - +Walther von der Vogelweide+. - - - Es glänzet der Christen inwendiges Leben, - Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt. - Was ihnen der König des Himmels gegeben, - Ist keinem als ihnen nur selber bekannt. - - +Chr. Fr. Richter+. - - - - -Erstes Kapitel. - -Des Autors Stand und Herkommen. - - Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm - genügen. - - 1. Tim. 6, 6. - - -Seit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer -eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein -verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios -eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die -Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen -gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen -Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind. - -Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß -auch ich, +Udalricus Gast+ von +Sommerhausen+ im Frankenland, -mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser -letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich -nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer +Schuldiener+, -der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes -Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure -Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht -wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der, -welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem Gott, der -da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, -- +das+, -lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk -ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er -der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im -Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s -anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch -das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest, -und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht -verhalten, und lauten soll es: - - ~Soli Deo Gloria!~ - +Dem Herrn allein die Ehre+! - -Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir -nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende, -Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, -- doch läßt sich -nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch -meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf -absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur -ein weniges zum besseren Verständnis. - -Mein nun in Gott ruhender Vater, +Paulus Gast+, war seines -Handwerks ein Schneider drüben in +Winterhausen+. Mein Mütterlein -hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt -geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen, -dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins -Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich -sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich -zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen -aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem -seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter -dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach -wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines -Schuldieners betraut worden. - -Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit: -+mein alter Vater und Margareta Späthin+, der ich nun meine Hand -vor dem Altare Gottes geben konnte, -- mein Herz hatte ich ihr schon -seit zehn Jahren gegeben. -- Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn -und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich -alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit -nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn -schaut von Angesicht zu Angesicht. - -Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen -auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und -Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen. - -Das Städtlein +Sommerhausen+ liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt -billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint. -Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen -viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die -Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen, -wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher -Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der +Main+, der vom Bayreuther -Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden -Flecken Sommerhausen und Winterhausen. -- Gott segne dich, liebes -Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin -ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk -gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will -ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören -und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein -Gröschlein zu empfangen. +Das walte Gott+! - - - - -Zweites Kapitel. - -Der Sohn. - - Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn! - - Psalm 127, 3. - - -Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren. -Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in -das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des -Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand -und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie -wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen -hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der -Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ -- In der heiligen -Taufe ward es vertreten von +Valentin Orplich+, dem +Bäcken+, der -ihm den Namen +Valentin+ beilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf -dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten, -christlichen „+Valentinus+“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark -und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit. - -In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den Knaben aufgezogen, -soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. +Gewollt+ -wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit -ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir -treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst -sage: „+Die frühe+ mich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz -der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des -Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches -nicht mehr geschehen, oder aber -- es braucht heißer Trübsale, das Herz -wieder weich zu machen. - -Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon -nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter, -vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude, -wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem -Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens -hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr -klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen -guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war -gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein -am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen -am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und -doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er, -wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter -den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens -ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr -geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter -gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger -Jahre, als der leidige Krieg uns ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen -Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon -dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter -den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder -reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen. - -Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes -Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur +Naturgaben+, -die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl -sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner -lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? -- +zum -schweren Fall+! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein -Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s -unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den -Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so -schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist der +Geist des -Herrn+. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s -nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und -preiset? - -Anno 1626, am heiligen +Pfingstfest+, ist mein Valentin das erstemal zu -Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander -auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele -schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, -- den -Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein -schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen -schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu -gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei, -nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren Bruder -so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten -nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre. -Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles -ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der -andern Kinder ins Gotteshaus. - -Es waren ihrer gerade +zwölf+ in diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl -feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament -empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer -großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen -stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein -Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im -eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit, -die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht -hatte. - -Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen -sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser -Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre -Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe -mitten unter die Wölfe.“ -- Ist doch auch unter den Zwölfen, die der -Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit -der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn -geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum -Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser -Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen -haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht, -ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in -Nacht und Finsternis? - -So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber -fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies -arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe -sie, wie dir’s gefällt, -- in die Höhe oder in die Tiefe, durch die -grüne Aue oder durchs finstere Tal, -- nur führe sie so, daß keines von -dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der -großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu -den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“ - -+Er hat’s getan, -- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.+ - - - - -Drittes Kapitel. - -Valentin beim Handwerk. - - Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt, - Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! -- - Seit sie eingeritten in unseren Toren - Mit Schulterstück und rostigen Sporen, - Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren! - - Altenglische Ballade. - - -Eine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne -werden sollte, -- doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein -Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut, -ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag -noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen -werde, aber -- der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s. - -Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der -Heimsuchung über die evangelische Kirche gekommen, und auch bei uns, -in +Limpurgischen+ Landen, sah es bereits aus, als wenn der Leuchter -des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell gebrannt, wieder -von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In +Markt-Einersheim+, -+Possenheim+ und +Hellmizheim+ hatte das +Würzburger+ Domkapitel die -evangelischen Kirchen geschlossen, und die Seelsorger hatten sich auf -den Speckfeld geflüchtet, wo sie sonntäglich ihre Gemeinden unter -großen Anfechtungen versammelten und ermahnten, um des Herrn willen das -Unrecht zu ertragen, aber dabei fest zu beharren im wahren Glauben. -Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die Kirchgänger vom streifenden -Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf den Turm in Iphofen gesetzt -wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich loskaufen mußten. - -In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar -eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen -der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist, -und wehe -- dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern -Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen, -drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen. - -Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? -- +Ich nicht!+ -Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht -hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller -Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt -angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören -dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt, -daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als -auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann -findest, glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen -Menschen gefunden. - -So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu -+Valentin Orplich+, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen -Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu -fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als -stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er -werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm: -„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot -erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘ --- Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für -alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ -- Drauf war er’s zufrieden, -und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei, -den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des -elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, -- -‚+im Schatten des Vaters+,‘ sagt man, ‚+wird der Sohn groß+!‘ - -So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein -Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich -herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße -stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit -sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das -Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein -Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat -seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er -war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister -sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in -die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister -nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer, -doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den -Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen. - -In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein -gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich -vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der -Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen -Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen, -welcher der +Venusberg+ heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln -und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg -nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des -Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein -Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase -wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald -wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage -nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem -Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer -auch ein Warner da, der +treue Eckart+ genannt, der bäte und flehte, -dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die -geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm -Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen -Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des -Teufels Feste zu feiern. - -Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann -mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der +listige Versucher+, -der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte -Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem +Heil+ ihn abzuführen. -Der getreue Eckart aber ist +Gottes Wort+ und das +Gewissen+, die dem -Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er -sich von dem Versucher betören lassen will, -- aber bei den meisten -+leider umsonst+. - -In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum -Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze +Zechgesellschaft+ in der -unteren Schenke, -- die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der -Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten -sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend -sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind. -Da war im zweiundzwanziger Jahr +Michel Hamsterloch+, der Kornwucherer, --- der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf -dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht -Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei -kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten -und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der +Jäger von Erlach+, der -hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die -Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen -elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war -des Schenkwirts +Rosamund+, das liebliche Mägdlein, -- das hörte das -süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt -wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und -sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub -und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen, -doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!) - -Aber auch +das+ vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund, -daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von -+Zeit zu Zeit+ den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt -seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine -Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen -Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen -ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht -mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker -verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt -allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s -zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und -die Gemeinde den Seelsorger, -- der Tunichtgut achtet sich berufen, die -Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird -verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und -Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat -Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater -ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt, -will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot -treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück -und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat. -Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die -Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und -taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder -nüchtern wird und zur Vernunft kommt. - -Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl -unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte -doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder -nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚+Bet und arbeit, so hilft -Gott allezeit+‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer -ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen, -und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der -Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs -Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften -Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde; -die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt -laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit -Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit -der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische -Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚+dummen -Jakob+‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen -Mann verstanden. -- Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das -freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und -nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und -Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch -diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die -törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier -umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage. - - * * * * * - -Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so -zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht -eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine -Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter, -er gefällt mir nicht mehr, -- er ist unlustig geworden und Ihr werdet -sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang, -mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte -Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam. - - - - -Viertes Kapitel. - -Valentin der Schreiber. - - Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los, - Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben, - Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß, - Da meint er sein Glück zu heben. - Er gräbt und schaufelt so lang er lebt, - Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt. - - Schiller. - - -Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen -Valentin aufzuwecken, -- da hörte ich Stimmen auf der Gasse und -Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen -Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter -kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und -trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und -Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten -sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die -Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen -die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte -und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den -Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin -der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen -wird, und das also anhebt: - - 1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1], - Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret, - Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht, - Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t. - -Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das -Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum -Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft -schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen. -Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch -das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern -die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit -wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen -Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit -und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte. - -Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand -ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden -Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn -betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend -und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die -abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die -weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie -ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne -Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als -ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am -Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen -- schlechter könne -es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser. - -Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle, -wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und -Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der -+Amtskeller+ habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es -sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er -Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink -von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen, -sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem -Gewissen einen andern Beruf ergreife -- wir sollen dann gewiß unsere -Freude an ihm erleben. - -Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und -daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte -auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem -Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er -verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst -ein gutmütiger, freundlicher Mann war, -- doch aber bei so bewandten -Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn, -wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller -und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem -neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand -gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines -Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid -ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder -Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein -Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn, -denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch, -der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s -zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts -und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden. -Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich -Ehre von ihm haben.“ - -Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den -Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm -der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor -uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst -hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem -Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet: -Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das -alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die +Ehre+ und -der +Amtskeller+ galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater -und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten -Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am -Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen -Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz -gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder -auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens -vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser -auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu -und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. -- Um auf schlimme Wege -ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die -sollte er auch bald genug finden. - - - [1] Das Lied ist von +J. W. Zinkgref+ im Jahre 1624 gedichtet und - seine übrigen Verse heißen: - - 2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen! - Schlagt ritterlich darein! -- Eu’r Leben unverdrossen - Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch - Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch! - - 3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen, - Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen, - Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck, - Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck. - - 4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme, - Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme - Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut - Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut. - - 5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe, - Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe, - An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein, - Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein. - - 6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden - Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten, - Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier, - Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür. - - 7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben, - Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben: - Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin, - Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn. - - Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses - Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied - aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „+Kein besser - Leben ist auf dieser Welt zu denken+“ usw. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Der Jäger von Erlach. - - Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an - jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, - die auf seine Güte hoffen. - - Ps. 147, 10. 11. - - -In +Erlach+ hatte die +Seinsheimische+ Herrschaft seit einem -halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig, -hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die -untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff -und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er -grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine -Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner -Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele -hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was -einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm -wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche -Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward. - -Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der -Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch -mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend, -und als +Veit Geißendörfer+, der Torwart, ihm solches verwies, -weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes -leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte, -der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage -den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! -- Der Torwart -meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu -greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch -der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er -unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte. - -Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand, -der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden -könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein -Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender -Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König +Gustav Adolf -von Schweden+ mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm -das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung -über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens -sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen -Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu -Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh -ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so -huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann -zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten, -und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede -unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, -- -da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“ - -Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche -Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel, -die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte, -wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden. -Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher -geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße -folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute -Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller -vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und -ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde -nichts dawider haben, -- er war aber mittlerweile weit weg an den -Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, -gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich -an sie, wie es seine Art war, -- mit einem Male aber schaut ihm der -eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: -„Heißt Ihr nicht +Franz Sorawitz+, und habt unter dem +Friedländer+ -gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So -seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann -vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig -Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? -- Das sollt -Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein. -Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes -Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß -über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der -andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden -auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht -geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen -solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch -und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie -seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und -jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen. - -Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf -offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken -war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte, -welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der -andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers -angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne -Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter -dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was -seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen -mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier -am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der -gesprochen hätte wie ein Mann! -- Für was habt ihr denn Mauern und -Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt? --- Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein -Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen. -+Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!+“ - -Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand -mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und -seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern -könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre. -In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon, -um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und -stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die -Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen -Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die -schlimmen Gäste zu erwarten. - -Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und -ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein. -Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not -keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen -fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle -Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs -von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein -Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie -schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft -ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen. - -Da kam von ungefähr +Klaus Mündlein+ mit einem Karren Holz rechts -den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war, -und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen -die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn -nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore -hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der -Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht -auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann -wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger, -was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger -bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und -ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der -Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse. - -Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie -wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten -aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege -hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken -vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies -würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie -aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern -hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das -Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber -der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten, -auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er -hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und -sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach -dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den -letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner -ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor. - -Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen. -Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie -Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende -Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir -hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein -Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub, -die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte -ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die -Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen. -Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen -den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein -großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam -auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte: -„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich -ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den -Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die -dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles -Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug -jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er -das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum -besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“ - -Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne -gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und -Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn -man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter -Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger, -hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller -aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk -auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach. - -In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und -ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. -- Das war -es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie -und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches -Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als +Hans Ebeling+, der Türmer, -der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „+Nun lob, mein’ Seel’, -den Herren+,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter -vorübergezogen war. - -[Illustration: In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und -Bankettieren (5. Kap.)] - -Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der -Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten, -hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg -verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu -finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun -recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien -mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen -nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du -gesagt hast!“ - - - - -Sechstes Kapitel. - -Die Warnung. - - Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide - Und redet frech die Sprache Kanaans. - - Der Alchymist. - - -Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm -mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst -du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber -Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der -Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du -in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel -helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu -hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen, -denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und -gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es -dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte -und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen -und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen, -das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen -läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten, -wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s -gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet! -Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir -dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden -seinerzeit, -- wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen -Trost aber haben wir jetzt?“ - -Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich -wolle? er könne mich nicht verstehen. - -Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum -+krank, todkrank+, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum, -daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im -Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der -Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald -- -bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern -abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund -sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der -ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes -Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut -redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du, -unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind -wir wiederum bekümmert, und +diesmal+ haben wir +keinen Trost+!“ Ich -sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz -und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen -und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid -in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden. - -Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter -Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun -habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders -zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe -ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen -beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben -nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit -ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern -ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und -nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse -man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon -zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es -habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s -in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten -also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen, -daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe, -wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen -Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen, -auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein -Vorgesetzter, -- den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir -würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache. - -Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der -Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm -doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige -denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur -in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine -Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich -sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche, -die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn -er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des -Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind -geredet. - -Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von -Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren -wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen -bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten +Veit+, -der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den -Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten, -ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger -gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr -von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht, -antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz- -oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für -einen wüsten Gesellen, -- nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das -Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei, -und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn, -dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage -kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch -ist, da ist auch Feuer!“ - -Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes, -dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken, -der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten +Veit -Geißendörfer+, des Wächters auf dem untern Tor. - - - - -Siebtes Kapitel. - -Der Torwart. - - Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen, - Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen, - So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’, - Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar. - - -Am 10. Sonntag ~post trinitatis anno~ 1632 hatte der Amtskeller -nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen -für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden -Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf -dem +Speckfeld+ an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte -der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die -Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller -alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm -geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein -weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort -gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich -aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta -mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen. - -Unser hochbetagter Pfarrherr, ~M.~ +Hieronymus Theodoricus+, hatte am -Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt, -von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem -unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die -Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und -hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten, -damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und -bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. -Gesungen hatten wir: „+Es ist gewißlich an der Zeit+,“ und als ich -die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst -und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen -liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie -das Gesangbuch, -- ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die -man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so -oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte -und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels -allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm -entgegen!“ Das ist ein lutherisch ~Dies irae~, das kein Menschenkind -sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar -werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi. - -Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die -betrübte Zeit, kam +Veit Geißendörfer+, der Wächter auf dem untern -Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte -sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für -sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit -dem seligen Schenk +Konrad+ von +Limburg+ gegen den Erbfeind der -Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn -einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein -wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den -ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der -Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war -er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der -Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende -bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern -Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so -hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen. --- Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute -eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein -Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein -gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein -Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier -öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und -Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder -abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir -dann fröhlich miteinander verplaudert. - -Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen -- und das war ein -Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume -verhielt es sich also: - -Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen -von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen. -Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der -Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume -sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt; -alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem -Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe -geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden -können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein -Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann -plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf -in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt: -„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm -seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie -ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall -gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe -er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen -vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das -sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit -werde einschlagen müssen. - -Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen, -doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele -wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft -eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß -wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind -heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat. -So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit -Joseph: ‚+Träume kommen von Gott!+‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch -lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm, -und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust -vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl, -vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es -gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung -und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob -er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr -sterben.‘ +Glaubest du das?+“ -- „Das glaube ich,“ sagte der -Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und -drüben singen auf dem Gottesacker: - - Sein Trübsal, Jammer und Elend, - Ist kommen zu einem seligen End’. - Er hat getragen Christi Joch, - Ist gestorben und lebet doch.“ - -Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im -Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein -Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor -dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. -- „Laßt Euch das -nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand -wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ -eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf -grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott -Euch und mir für den Streit auf Erden -- +ehrlichen Kampf und seligen -Tod+!“ -- „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und -ging von dannen. - - - - -Achtes Kapitel. - -Der Überfall. - - Sein Jammer, Trübsal und Elend - Ist kommen zu einem seligen End’. - Er hat getragen Christi Joch, - Ist gestorben und lebet doch! - - -Am folgenden Tage feierte mein Kollege +Johannes Fentsch+ drüben in -+Winterhausen+ seine silberne Hochzeit. Mein +Johannes+, den er aus -der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern -Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden, -um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten -zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor -aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde. -Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und -zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen -herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege -so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander -ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle. - -Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer -fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel -erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich -ging er damals mir zur Seite, als wir seinen +Udalricus+, sein -einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen -und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice, -Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid -angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos -seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der -Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend -angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo -man sagen müsse: +Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die -nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!+ - -Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte, -blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute -hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein -goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, -- über dem Tal aber -und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern -lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes -aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu, -das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt. - -In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und -die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen -sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen, -sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen -Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem -Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem +Hans Mündlein+ und -seinem Sohn +Klaus+ einen guten Morgen bieten wollte, die heute -die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten. --- Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam, -fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum -seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die -bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten. - -Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder -herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er -sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes -Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer -hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert, -was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, -- siehe, da -kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten -sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter -ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte -nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern -Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen. - -Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß -mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen -Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf -das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm -aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte. - -„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten -Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte, -das Tor zuzumachen, -- aber die beiden Kroaten waren auch schon da und -mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie -warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem -Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber -behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den -Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins -Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein -unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel. - -Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und -mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will -ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier +Nikol Paradeiser+ -und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab -seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den -Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus -Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der -Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter -dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für -geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. -- Der Alte ließ sich -nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der -Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde -des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den -Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er -sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten -Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“ -jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins -steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein. - -Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft, -Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei, -ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um -nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu -kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch, -schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja, -Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen -wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind -groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter -Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“ -worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen -langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter -der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den -Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus. - -Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim -Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen -und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem -Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei -voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, -sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch -geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert -und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie -sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und -geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg -nach +Lindelbach+ liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den -Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen -guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der -Veit schon auf ihn gewartet. -- Ich führte ihn schnell nach Hause, -fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von -allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in -solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die -Soldaten vorbeijagen sehen, -- der Valentin war nicht daheim, sondern -eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk -im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und -nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars -Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen -nach zum gräflichen Schlosse. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Die Plünderung. - - Mit leichter Müh’ gewonnen -- lustig nun zu Pferd. - - Shakespeares Heinrich IV. - - -Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei -befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt -und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu -treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen -im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während -die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und -jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im -Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer -in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und -dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß -der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen -singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den -Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt -zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute -und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige -seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten -und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten. -„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend -Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr -alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht, -wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ -- Der Amtskeller bat um -Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht -tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und -nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm -auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm -den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme: -„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch -nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol -Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen -war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart -quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der -totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher -wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen -wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers -Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er -hätt’ es Euch auch getan!“ -- „Herr Amtskeller,“ rief ich über das -Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will -lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind -Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“ - -Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er -der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die -Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter -einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld -brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die -Pferde und war im Nu wieder davon. - -Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie -uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten, -schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die -Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen -habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber -sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten -abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl -mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen, -da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid, -den alten Mann beschuldigt zu haben. -- Es war aber offenbar, daß -sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie -die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem -Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor -aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen -und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie -das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für -den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart, -von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles -dieses war ihnen nur zu gut gelungen. - -[Illustration: Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte -heftig (10. Kap.)] - -Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so -war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit -- Gott sei’s -geklagt! -- etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese -Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort -eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und -die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft -über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der -Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas -an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der -ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen, -könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt, -als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt. -Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt -nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst -müsse kein Gott im Himmel sein! - -Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „+Verrat+“ lief es mir -eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in -Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes -Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich -nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich -fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt -fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein -könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und -gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute -rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem -Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein -Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst -nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er -daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, -- aber ich sah ihn -nirgends. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Die Entdeckung. - - Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles, - Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz - Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht. - - Thompsons Jahreszeiten. - - -Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren -Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen, -und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren -getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit -seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des -Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den -Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen. - -Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der -Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen, -an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und -getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte -im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die -Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten, -weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten -Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte -Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem -Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie -ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob -Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr -und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu -sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie -stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht -mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits -hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum -Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein -stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand, -das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert -bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf -seine schluchzende Mutter. - -Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter, -oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben -dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen -Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht -geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um -die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen, -oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den -Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen -Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer -ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie -auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren. - -Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt. -Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn -sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und -einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten -Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn -sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich -wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom -Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines -gewaltsamen Todes gestorben, -- sonst schien er zu schlafen. Seine -Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen -wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter -Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus -ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er -aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt, -stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand -seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte. - -Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich -gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets -bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende -und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich -gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und -fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier -Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte -klagen helfen. - -Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht -bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist -auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende -vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem +Johannes+ -durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun -eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört -worden; -- da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts -weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei -er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen -und zu Boden sinken wollte. - -Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß -ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an -meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach -Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von -Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen -Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen -gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein -Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten, -wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der -einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der -Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den -Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne -ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von -Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin -zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn -gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen -und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem -Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er -besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der -Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach -trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit -ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei -er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an -der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen -gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den -Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern -sei eilends nach Hause gegangen. - -Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während -des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und -gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann -gleich bekannt vorgekommen, -- er habe nur nicht recht gewußt, wo -er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe -verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch -spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst -dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber -der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe -ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen. - -Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht -wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne -sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater -Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder -sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes -Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit -anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes -Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand -auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes -Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen, -wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die -Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer -dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein -den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und -seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob -er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht -verdient um dich und deine Kinder!“ - -Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward, -hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich -aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich -kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind -groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich -rechtfertigen solle. - -Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei -den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr -nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er -in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die -Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den -seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn -der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer -gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm -auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle -Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und -werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein -Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst. - -Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib -und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und -bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und -die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend -Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um -das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause -gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.) - - - - -Elftes Kapitel. - -Ein Gottesgericht. - - Wo der Herr sein Häuflein richt’t, - Da bleibt kein Gottloser nicht, - Summa: Gott liebt alle Frommen, - Doch wer bös’ ist, muß umkommen. - - P. Gerhardt. - - -Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist -nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren -wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der -Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet: - - Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen, - Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen, - So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’, - Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar! - -Ach, das war kein Kleines! -- Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt -es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen -getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege -getan haben, so weiß ich’s nicht, -- ich wenigstens konnte dieses -Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in -der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand -jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den -Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du -hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen, -wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich, -du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig -geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte -ich mich an, daß ich nicht +streng+ genug, und dann wieder, daß ich -nicht +lind+ und +gütig+ genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald -auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin, -der sich grausam in mein Herz bohrte. - -Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken -unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein -miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen, -mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den -Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu -sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie -konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging, -sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und -denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott -finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen -Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war, -fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend, -meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, -sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, -- er sei mit -einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen -sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen: -„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die -andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen, -während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr -ausgestreckt habe. - -In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich -hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok, -und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich -stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „+Ich lasse -dich nicht, du segnest mich denn!+“ Als nun die Morgenröte anbrach, -war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden -Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in -guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte. - -Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts -bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und -zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist -wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, -- es -kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen -Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort. -Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner -gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben -hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den -aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene -Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So -beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest -zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht -verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft -anzuweisen, -- ich aber ging in die Schule. - -Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber -Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem -andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern -Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild -gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher -steigen +sie+ in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch -herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils -verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser -Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder -desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen -hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem -Gott, dessen Wahrzeichen lautet: +Holdselig den Freunden, erschrecklich -den Feinden!+ - -Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die -mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf -von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe -den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht -sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die -Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem -Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem -Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um -gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, -- dort -fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren -war, wie ich hörte, der +Meister+ von +Sulzdorf+. Er erzählte: es seien -heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn -geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen -hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend, -mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf -der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der -auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen -zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben -würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn -nur mit einem Finger anzurühren! -- Das habe er nun getan, und die -Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut -dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er -solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte -Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn -meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen -und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -- dann setzte er -sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an -zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte. - -Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von +Goßmannsdorf+ -gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und -Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie -sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig -vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern -sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen, -um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe -sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel -voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft -gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen -Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe -sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein -in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange -das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe -sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie -habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber -nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch, -wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber -sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf -gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe, -habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den -Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach -+Kleinochsenfurt+ ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles -erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen -zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut -und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören. - -Mittlerweile hat +Georg Ebert+, der Schmied, mit einem Stecken -des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der -leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen -Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem -Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können. -Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen -Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein -Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit -dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen. - -Wie dem auch sein mochte, -- hier hatte Gott gerichtet und sein Wort -erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm -gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids -getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und -durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines -bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer -ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte -und unerforschlich seine Wege!“ - -Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der -Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister -übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein -ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun -auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden, -wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft, --- es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras -da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein -häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte -zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis -zum großen Tage des Gerichts. - -+Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich -aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin, -ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.+ Ps. 37. - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Die Flucht. - - Was bringt Frieden? Lauter Freud. - Was bringt Kriegen? Lauter Leid. - Was bringt Frieden? Wein und Brot. - Was bringt Kriegen? Hungersnot. - Was bringt Frieden? Mut und Gut. - Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut. - Was bringt Frieden? Fröhlichkeit. - Was bringt Kriegen? Herzeleid. - Friede kommet aus dem Himmel, - Aus der Höll das Kriegsgetümmel. - - Alter Spruch. - - -Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab -dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt, -über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller -hinüberführen. - -Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest -du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die -Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, -- aber dem ist nicht -so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die -Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und -Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit -gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten -können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist -der beste! - -Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die -Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst -und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut, -sondern auch, -- das weiß Gott! -- unser Blut und unsere Tränen hängen -an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische -Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so -müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in -den Hütten seiner Väter wohnen. - -Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen -haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit -schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken -und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend, -dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe -vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh -ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an -Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts -zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634 -hereinbrachen. - -[Illustration: Unser Nachbar, der Schreiner, brachte ein Kreuz (13. -Kap.)] - -Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige -Schlacht bei +Nördlingen+, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig -verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige -Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben -das Dörflein +Lindelbach+ geplündert, den Kelch aus der Kirche -geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber -meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden -werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der -König +Gustavus Adolphus+ noch lebte, hatte die schwedische Armee den -Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde: -der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen, -betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen -hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte -freundlich für die empfangene Bewirtung. Das +kaiserliche+ Volk aber -trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen, -verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen. - -Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu -dem Reiterregiment des Grafen +Piccolomini+ gehörend, im hiesigen -Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße, -dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften, -daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein, -daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld -vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen, -welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte, -aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer, -die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen -ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen -Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh -oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen, -die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten, -die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die -Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den -ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren -Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das -nackte Leben. - -Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem -Kaiser +Ferdinandus+ an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und -sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann -wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres -zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die -meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu -retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und -dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich -sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder -todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre, -daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr -Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger -hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich -mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen, -sich über den Main in den +Gau+ zu flüchten, andere aber, darunter -auch wir, hofften in +Kitzingen+ und in den benachbarten Orten ein -Unterkommen zu finden. - -Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir -uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das -Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre -Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem -Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als -plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die -Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und -das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog -ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27. -Psalm vor: +Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich -mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir -denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet -sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet, -so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte -ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, -zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu -besuchen.+ - -Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und -alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten -Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum -heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des -Allmächtigen, als aber +Hans Ebeling+, der Türmer, anhub zu singen: - - Das Wort sie sollen lassen stahn - Und kein’n Dank dazu haben, - Er ist bei uns wohl auf dem Plan - Mit seinem Geist und Gaben. - Nehmen sie den Leib, - Gut, Ehr’, Kind und Weib. - Laß fahren dahin, - Sie haben’s kein Gewinn, - Das Reich muß uns doch bleiben, -- - -da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit -lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken -zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied -sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und -getröstet fühlte. - -Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der -+Amtskeller+ trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen -aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten -also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte: -darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war -dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, -- denn er -ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und -gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben. - -Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo -er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging -mit den Meinen nach +Kitzingen+, wo Gott einem alten Mann, den ich -nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und -vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat +Sebastian -Popp+ geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt. -Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig! - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Die Pest. - - Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, - Hat Gewalt vom höchsten Gott, - Heut wetzt er das Messer, - Es schneidet schon besser, - Bald wird er drein schneiden, - Wir müssen’s erleiden, - Hüte dich, schön’s Blümelein. - - Altes Lied. - - -Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil -wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder -nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem -Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den -Heimweg. - -Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker -kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch -zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner -konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt -hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den -Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große -Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen, -das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es -lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der -Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine -Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor -großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich -zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem -fremden Volk in den Häusern lägen, der alte +Merten Geuder+, der -Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot -mit ihnen, -- das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre -Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß -die Männer die Wahrheit gesprochen. - -Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen, -die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich -wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens, -wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr -da, in welchem nicht ein Toter lag. - -Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In -meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf -den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft -schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl -es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von -ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter -Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen -Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs -lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die -Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist. -Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen -Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr -mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun -nicht mehr hungern und dürsten, +es wird auch nicht mehr auf sie -fallen die Sonne oder irgend eine Hitze+, denn das Lamm mitten im -Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen! -Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß -es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe -entbundenen Seele galt. - -Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man -der Worte gedenken: +Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und -dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.+ Wenn man es mit -ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war, -wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause -nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr -den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute -Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei, -sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut, -wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der -Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen -als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen -hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in -+eine+ große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so -daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man -einen der Seinigen zur Ruhe gebracht. - -Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie -umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer -in der Luft eine Stimme gehört haben wollte: - - „Eßt Bibernell, - Sterbt ihr nicht so schnell!“ - -Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die -Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein -Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die -Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und -selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn -vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem -Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil -dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei. - -Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal, -aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die -Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches -Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei +gut+ von Natur, -die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer -und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben -nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die -Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat. - -Der Herr hatte beschlossen, daß +mein+ Haus auch leer werden sollte: -an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter, -Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward, -hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein -Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu -kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker -Stimme: „+Valentin+! +Valentin+! +Mein Sohn, mein Sohn!+“ rief. Als -es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem -Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand -gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend: - - „Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig, - Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig, - Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“ - -Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. -- - - „Dein Leid, mein Leid, - Meine Freud’, deine Freud’, - Deine Not, meine Not, - Mein Brot, dein Brot,“ - -so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben: -das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle -beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst -hat. - -Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das -Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, -- ich weiß -es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein -im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein -Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten -die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und -Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der -Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures -Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi -Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in -ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst -lohnen am großen Tage der Vergeltung. - -Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen -Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein +Johannes+ -zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am -selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem -Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest -abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich -aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die -Stadt erreiche. - -Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf. -Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten -uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im -Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder -aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen -heraus, und siehe! -- mit einem Male stand über dem Tal ein schöner, -glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte, -mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just -auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein -Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort -hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe -Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies -wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge, -wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ -- „Wie Gott will, mein Kind, du -meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und -empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen. - -Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn -willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach -die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm, -daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein -zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk -belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen -nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme. - -Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an -welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den -Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind -werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, -- aber ich sah -nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem -Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war. -Drin sah ich meinen Johannes liegen. - -Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem -Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf -schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß -er +tot+ sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller -seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod -aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater -zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er -sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der -Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen, -weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch -nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter -und Geschwistern begraben sein wolle. - -Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich -meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und -wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten -Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug -es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon -erfahren hatten, -- die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich -aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach. -Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein -Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte -mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling -mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker -zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige -Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig -geblieben waren unter dem großen Sterben. - -Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein -Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande -zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus -meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus -meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und -sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr -lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe -mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will -schreien zu dem Ewigen für und für!“ - -Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret -fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen -lassen mit Trauern und Weinen, +Gott aber wird euch mir wiedergeben -mit Wonne und Freude ewiglich+.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen -Himmel und rief: „Schauet da +hinauf+, lieber Bruder, und nicht bloß -da +hinunter+! ‚+Deine Toten werden leben+, spricht der Herr.‘“ -- -Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich -wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann -war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der -Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist -der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser -schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von -demselben Meister bereitet ist. - -Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu -sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus -großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen, -und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen. -Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen -mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin -- freilich mit großer -Schwachheit -- dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und -Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte. -So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines -Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem -geneigten Leser hiehersetzen will. - - +Es ist zu viel!+ - Mein Gott, wie kann ich es ertragen! - Mit Weib und Töchtern und dem Sohn - Eilst du in Einem Jahr davon. - Das heißet vierfach hart geschlagen. - So blieb ich deiner Pfeile Ziel? - +Es ist zu viel!+ - - +Herr, wie du willst!+ - Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen - Und andrer Fäll’ gewärtig sein, - Wohlan, ich gebe mich darein. - Ich will in Staub und Asche liegen, - Bis deiner Plagen Maß erfüllt. - +Herr, wie du willst!+ - - +Gib nur Geduld!+ - Und zünd in dem betrübten Herzen - Des Trostes helle Kerzen an, - Denn was mich noch erfreuen kann - Bei so viel überhäuften Schmerzen, - Ist einzig deine Vaterhuld. - +Gib nur Geduld!+ - - +Du meinst es gut+, - Auch wenn du mich mit Wermut speisest - Und aus dem Taumelkelche tränkst, - Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst, - Daß du den Weg zum Himmel weisest. - Dies stärket wieder meinen Mut: - +Du meinst es gut!+ - - +Mein liebstes Kind+ - War auch ein Gut, von dir erborget, - Drum geb ich es jetzt willig ab, - Weil ich nicht Macht dawider hab, - Und denk: wie wohl ist es versorget, - Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’, - +Mein liebstes Kind.+ - - +Nun gute Nacht+, - Ihr heiß von mir geliebten Seelen! - Lebt wohl in jenem Vaterland, - Darin euch lauter Lust bekannt, - Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen, - Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht, - +Nun gute Nacht!+ - - +Ich folge nach+, - Wenn es dem höchsten Gott gefället, - Da werdet nach der Traurigkeit - In unzerstörter Herrlichkeit - Ihr wiederum mir zugestellet, - Und hiemit end’t sich meine Klag’, - +Ich folge nach!+ - -+Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!+ - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Die Heimkehr. - - Scheiden bringet Herzeleid, - Wiederkommen -- Trost und Freud. - - Altes Lied. - - -Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich -meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn -Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli. - -Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war -nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und -kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und -Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen -ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß -der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr, -und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den -Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen -brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten, -das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem -Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall -auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah, -so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa -ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind, -der ihn anfallen wollte. - -Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am -Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames -Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang -eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein -Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und -ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit -schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und -begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein -Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den -Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines -alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die -Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem -Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang -umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und -als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein -kleines Bündelein in seiner Hand. - -Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem -und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der +Valentin+ ist -da!“ - -Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten -und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn -und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als -verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die -Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns -verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts -getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen, -Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre -meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet -vergeblich, -- alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald -Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war -mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid -davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die -Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und -Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so -liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden -herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern -ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu -Boden gesunken. - -[Illustration: Ich öffnete die Stubentüre und trat hinaus mit einem -Licht (14. Kap.)] - -Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch, -in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir -die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger -darauf deutete. Es waren die Worte: +Vater, ich habe gesündiget in -den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn -heiße!+ Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte -gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, -er war verloren und ist gefunden worden! -- „+In Gottes Namen+,“ -sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn. - -Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine -Mutter?“ -- „Sie ist tot!“ antwortete ich. - -„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. -- „Tot!“ - -„Und mein Brüderlein Johannes?“ -- „Tot, mein Sohn!“ - -„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. -- „Tot, auch -tot!“ - -„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen -und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen, -traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum -erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen -ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen: -aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine -Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern -hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war -schneeweiß. - -„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von -Hause weg bist?“ - -„Gut, mein Vater! -- Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme -heim mit heiler Seele. -- Ich bin noch nicht daheim, aber ich +komme+ -heim -- bald -- sehr bald. -- Das Haus bricht, darin meine Seele -geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn -sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der -verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“ - -Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit -nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich: -„Bist du krank, Valentin?“ - -„Sehr krank und sehr müde -- ach, ich habe meinen letzten Weg auf -dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir, -daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon -getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt, --- es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in -Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles -geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die -Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“ - -Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott -gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in -das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl -seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das -kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas -Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment, -darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine -Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider -diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott -mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch -eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“ - -Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse -verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben -Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden -dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen -denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein -tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen -Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Der Brief. - - - +Wertheim+, den 20. Mai 1639. - - =An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter - +Margareta+, eine geborene +Späthin+, - in Sommerhausen.= - -Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will -ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und -herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch -so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen -von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich -über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich: -meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann -ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß -Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon -voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet -nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem -Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit -mir sündigem Menschen! - -Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! -- Daß ich’s geworden bin in -Euren Augen, ist also gekommen: - -Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß, -hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß -ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die -für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend -Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger -vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen -und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz -gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht -hinausführen würde. - -An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann, -den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen -gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen, -sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem -heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie -Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei -jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz -auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war -und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade -verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie -diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick -geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine -bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich -damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf -den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute -in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann -wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher -sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte -mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter, -daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen -gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde -darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger -aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß, -Bruder!“ -- Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld -erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach -ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische -antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit -ihm zusammentreffen. - -Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube -erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie -das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der -Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls -gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen -müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle -er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht -bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er -nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und -Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken, -daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle. - -So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der -alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei -geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor -unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein, -kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft -aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und -alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich, -eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande -bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen, -zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen -Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den -Amtskeller. - -Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat. -Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann, -der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur -guten Mutes sein -- er wolle den Leuten schon wacker Sand in die -Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder -Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach -den alten Geschichten krähen. - -Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er -glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn -als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann -mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen -Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder -zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen -ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld -getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken -geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht -und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem -gerechten Richter nicht entgangen sein! - - - - -Sechzehntes Kapitel. - -Der Brief. (Fortsetzung.) - - Vorgetan und nachgedacht - Hat manchen in groß Leid gebracht. - - -Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben -das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer -Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden. -Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen -konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der -Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer -und mochte sehr niedergeschlagen aussehen. - -„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das -Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen -und Würfel spielen, als auf der Erde liegen und in die Tannenäste und -in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei -den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und -morgen vull!“ - -Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich -in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher -Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer -gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei. - -„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen! --- solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht -brauchen.“ - -„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst -nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich -nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit -sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen -mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem -Diebsgesind Geld zu stehlen!“ - -Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach -Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen -Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da -wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den -Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht, -du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube -des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem -einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und -Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder -ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach -mir mit dem Fuße. - -Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn -meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den -Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber -fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich -los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit -gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als -er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte, -gebot er, mich zu binden -- denn morgen müsse ich hängen. - -So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben -hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte, -und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen -sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht -entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum -steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und -schliefen. - -Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken. -Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht -anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl -dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein -Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und -nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben, -wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen -können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht -hingerafft in meinen Sünden! - -Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich -in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme -spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke -durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten -zu den +Schwedischen+? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von -+Kitzingen+, -- soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht -leise, -- ein Messer habe ich schon bei mir!“ - -Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube -war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die -Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“ - -„Wozu?“ fragte der Roßbube. -- „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem -verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht -und noch so jämmerlich traktiert hat!“ - -„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt -Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen -machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“ - -Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich -geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er -die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht -oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend -wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die -Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir -alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und -das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er -einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann -mitgenommen, und bot mir auch davon an, -- ich wollte von diesem -Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum -zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war. - -Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten, -und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger, -freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der -Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm -er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem -Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht -werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner -vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch -mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen +Nürnberg+ ziehen, -wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich -nicht sagen. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - -Der Brief. (Fortsetzung.) - - Morgenrot, Morgenrot, - Leuchtest mir zum frühen Tod! - Bald wird die Trompete blasen, - Dann muß ich mein Leben lassen, - Ich und mancher Kamerad. - - Volkslied. - - -So hatte nun mein Kriegsleben angefangen! +Stolz hat’s begonnen, -trübselig geendet+, doch ’s ist so auch gut! - -Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das -sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein -Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus +Schweden+, teils -aus +Finnland+ gekommen und unter die Dragoner treten sollten. -Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne, -die es noch zu halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch -Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt. -Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische, -und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als -„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir -wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt, -wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht -viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen -in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, +Olufsohn+ geheißen, -mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb, -ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange -gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein -rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte -mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte, -fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber -ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für -ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer -ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem -König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun -und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren, -die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen -gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner -Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn -seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm -auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit -großer Gelassenheit gefallen ließ. - -Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager -abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee -mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach -Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß -und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit -meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug -des Königs -- weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war --- eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn -Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr -und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern -kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz -aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie -darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber -dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt! - -Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl -zu, dem König zu folgen, der wieder auf +Donauwörth+ zu gezogen. -Dort bin ich bei +Rain+ am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen. -Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im -Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen, -aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die -Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das -General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich -hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit -dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück -Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute -gekostet. - -Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends -um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das -gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein -Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und -Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt! -Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen -Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen -anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an: - - „Und wenn die Kugel geschossen ist, - Die mir mein’ Seel’ ausbläst, - Dann sag ich: bis zu dieser Frist - Bin ich allzeit voll gewest! - Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit - Hinüber in die Ewigkeit!“ - -Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und -stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. -- +O Herr, erbarme -dich!+ und vergilt mir nicht nach meiner Missetat! - -Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam, -brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß +Olufsohn+. Er -hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem -Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte, -was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken -gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er -seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die -Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und -daraus gelesen. - -„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen, -statt daheim zu hocken! -- Da hättest du auch einen tapfern Mut -bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze; -wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei -Gedanken das Herz schwer zu machen!“ -- Er aber schüttelte den Kopf, -sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder, -nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht. - -Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden -in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch -war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König -hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien -einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde. -Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch -nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle -ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun -begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir -sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und -in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen -auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn -tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein -Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die -Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte -geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei. - -Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte -einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen. -Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke -gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben, -traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und -das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in -den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät -lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts -getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es -sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge, -von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein -schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem -Tod in den Rachen laufen wollte. -- „+Nun, wer hat Lust?+“ fragte der -Korporal wieder und lachte, „+keiner+?“ - -„+Ich+,“ sagte +Olufsohn+, „+und ich auch+!“ wiederholte einer von den -+Finnländern+. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte -mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst, -vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „+Ich bin der Dritte!+“ -So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen -mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten -sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich -davon machen, -- da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und -der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom -Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes -Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben -verloren, zuerst der +Korporal+, dessen Pferd, von einem Schusse -getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte. -„Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern -gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil -er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott -sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrische -Schanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe -des Städtleins ist nun alsbald geschehen. - -[Illustration: Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen -und las in einem Büchlein (17. Kap.)] - -Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an -die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben, -dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke -fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also, -und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein -Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler -auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der -aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie -es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe; -wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe -sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe -gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine -sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, -- dem möge das Geld -durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. -- „Es sei so, -mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und -die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen -auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr -Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er -doch nicht gar leer ausgeht.“ - -So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig -Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die -Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte -zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl -ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren -trocken; der schwedische Fuchs habe es aber wohl verstanden, wie man -dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar -süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ -und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal. - -Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte -ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen, -denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege -ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm -nicht feind sein konnte. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - -Der Brief. (Fortsetzung.) - - I bi bi’m Paschal Paoli - In Corsika Draguner gsi, - Und gfochte hani, wie ne Ma’ - Und Bluet an Gurt und Säbel gha. - - Hebel. - - -Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob -davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß -ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen -würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches -geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief -schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch -dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu -rühmen und zu freuen Ursache hättet. - -Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte, -damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib und Leben dran zu wagen, war -ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm -achtete, wenn anstatt eines Helden +Glück+ eines Helden Tod mein -Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu -Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben -- das hab ich nicht, wiewohl -ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und -Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte, -und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem -Glauben, daß er +Gott zu Ehren+ das Schwert trage und +Gott+ -diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel -glücklicher vorgekommen denn +ich+, wenn er etwa seiner alten -Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm -geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue -und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn -sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein -prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten -Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus, -tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar -sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg -priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben. - -Bei +Lützen, wo Gustavus Adolphus+, der große christliche Held, -sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch -zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen -Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei -+Nördlingen+ uns zusammengezogen. - -Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals +Horn+ -Befehl gebetet und das Lied gesungen: „Verzage nicht, du Häuflein -klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig -hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch -gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir -mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten -hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk -bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit -von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen, -aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte, -wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken. - -Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach -überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug, -ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden -angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns -doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern -etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze -Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das -greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken -und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den -Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten -still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu -holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen -gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an -uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und -kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von -dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich stürzen, -und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß -ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der -Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die -Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen -und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu -bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz -nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich -befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: +nun+ hoffte ich eine -Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn -aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre, -und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die -Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte. -Nun ließ ich mein Pferd los, -- aber im selben Augenblicke hatte -auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die -andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter -den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den -Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich -die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn -und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war -ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu -gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er -so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte -seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und -ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach -mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte. - -Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße kommen konnte, war -alles vorüber, -- unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen, -und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir -und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete -im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich -dem Feinde abgenommen. - -Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte, -daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich -zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir -nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, -- übrigens haben wir die Fahne -wieder! -- und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, -- -denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen -- so sei doch dafür -der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, -- da sahen -wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller -gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte. - -Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle -gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn -zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so -wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts -hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um -sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon. -Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch -bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden -Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte, -weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2] aus dem Hause -gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden -Tag unser Regiment ein, das, so gut es anging, nach seinem schweren -Verlust sich wieder gesammelt hatte. - -Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir -zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch -davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe. -Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin -selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege -uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen -treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“ - -„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so -schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne -gestickt: ‚+Gott mit uns!+‘ und Gott war mit meiner und meines -Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“ -Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte -empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte -und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist -tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und -der getreulicher sie bewahren würde, denn +dich+. +Glück zu dem -Fähndrich!+“ - -Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und -Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles -des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir: -„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du -fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal -aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es -muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“ - - - [2] Marodeurs. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - -Der Brief. (Fortsetzung.) - - Kaum gedacht, kaum gedacht, - Ward der Lust ein End gemacht. - - Altes Volkslied. - - -Nun fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in -das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit -auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender, -so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir -einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück -dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde -wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas -Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei -Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster -Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig -und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege -ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich -schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine -Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren -konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt -gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins -Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten, -und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten. - -Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen -Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren -lassen, sondern mich noch einmal gedemütigt, und bereits zum dritten -Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen, -das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen -schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment -auch unter des Herzogs +Bernhard von Weimar+ Oberkommando gekommen -war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein +Wittenweyer im -Breisgau+ den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen +Johann -von Götz+ und des Herzogs von +Savelli+ Oberbefehl gegenüber. -Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die -kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter -gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward, -weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein -treffliches Lob davongetragen hatte. - -Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die -Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt -worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten -aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „+Gott mit uns+;“ oder bei -den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche das Deutsche -nicht wohl aussprechen konnten, „+Emmanuel!+“ Die Götzischen und -Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“ - -Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der -Generalmajor +Taupadel+ geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen -stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir -wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks -herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen, -und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve -zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen -Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein -ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen -war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang -ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches -französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen -die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm -verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war -nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind, -wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen -würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich -wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen -und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor -Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte -Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu: -der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann, -widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie -halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher -aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten -konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in -seiner Nähe. - -„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft -Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so -lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst, -so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“ - -„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer -will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde -zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und -am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht -imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein -wackerer Soldat verloren!“ - -Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der -heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und -der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen -will, so will ich’s selber tun!“ -- „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte -Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie -+Valentinus Gast+, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der -Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen -finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als -er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“ - -„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern -tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. -- Du willst -Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde, -bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst -morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen -Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob -ich’s selber wäre!“ -- Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die -dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das -Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom -Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns -fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der -Hand noch zum Abschiedsgruß winkte. - -Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf -jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen -hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein -sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns, -Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ -- „Lob und -Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an -ein Entlaufen nicht zu denken. - -Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor -geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern -die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr -Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer -Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle -über die Klinge springen!“ -- „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich -hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! -- -Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister -und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten -einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten -sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen -zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande -durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben -nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann -gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst -griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den -Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht -weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft, -jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn -nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den -Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht -mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den -andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden. - -Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches -Gewitter losgebrochen, -- es ward schier ganz finster, stürmte und -blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß -die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte -die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte -nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war. - -Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren -noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben -mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn -wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer -Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal -sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete -mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den -angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu -gelangen. -- „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so -sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen -in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten: - - Wann es nun muß gestorben sein, - So geb ich willig mich darein. - Und denk in dieser letzten Not - An meinen lieben Herren Gott. - Und im Gebet ja immerzu - Ich Jesu Namen rufen tu, - Und schrei mit Herzen und Begier: - Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen. - -Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf -die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben, -hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen, -ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn. - -Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften -uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren -Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da -meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich -mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand -eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch -erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis -auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf -dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme -deuchte mir bekannt, -- ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm -jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann +Paradeiser+ genannt. -„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! +Du oder ich!+“ -rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn -kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren -geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger -Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir -die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet, -hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten, -über die Mauer hinunter in den Strom. - -Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die -Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden -Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das -Wasser heben und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts, -wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten -links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte -aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „+Gott -mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!+“ -- Während nämlich -unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst -+Rosa+ nebst dem Grafen von +Nassau+ der Kaiserlichen rechten -Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte, -hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder -gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt -getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo -der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem -Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom -zu steigen. - -Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen -Lobgesang aus der Ferne hörte, -- sie sangen aber den 124. Psalm: -+Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!+ usw. -- begann der Haufe -im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits -Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten. -Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden -Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich -fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich -durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn -heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er -mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein -Pferd und jagten mit mir davon. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - -Der Brief. (Fortsetzung.) - - Ach wie bald, ach wie bald - Schwindet Schönheit und Gestalt! - Prahlst du gleich mit deinen Wangen, - Die wie Milch und Purpur prangen, - Ach, die Rosen welken all! - - Volkslied. - - -Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem -Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im -Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd -bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten, -bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern -wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun -sei’s mein Letztes. - -Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich -totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte -mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme -ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas -von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder -zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt, -die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl -der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er -unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs -Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. -- Es war aber das -die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei -Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben -hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem -Fieber von dem Haufen nach +Breisach+ geschleppt worden mit noch -andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen -hatte. - -[Illustration: Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19. -Kap.)] - -Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine -Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von -der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen -alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle -die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach -vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. -- Ach! zu mir -hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „+Oh, -wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner -Zeit, was zu deinem Frieden dient!+“ -- aber es war vor meinen Augen -verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen -konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen. - -Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig -Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer -alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene, -und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern -wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines -Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir -saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich -ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine -Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde, -hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete -es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam -wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger -gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, -- aber wir sollten noch -Schrecklicheres erleben. - -Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste -belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe -am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als -ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei -noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten -auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die -Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es -blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des -Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen, -heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und -sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben, -weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis -zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen -gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde -und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und -Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage -in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die -Festung nicht übergeben, -- so sollten wir selbst zusehen, was wir tun -könnten, uns das Leben zu fristen! - -Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und -Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche -beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig -wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere -lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere -und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige -Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem -Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, -- denn ihr würdet’s -doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch -unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als -auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer -geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in -seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern -noch eine Frist zur Buße geben -- freilich eine letzte. - -Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die -Türe und rief -- denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder- -und Totengeruches -- von oben herab uns zu: wenn noch einige von den -Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, -- es sei ein -Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die -Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir -erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen, -wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt, -unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer -nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten -im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem -Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als -wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des -Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und -Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war -ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den -Füßen halten, der Kommandant, Freiherr +von Reinach+, selber -mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von -der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht -gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter -übergeben werden. - -Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im -Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief -dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die -Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und -unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt -allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm -nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer -gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler, -Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde -genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen -Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um -Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort -einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den -Akkord zu halten. - -Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger, -welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu -werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment -liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder -zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes -Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war, -weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen -würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und -gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich -einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und -Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum -Willkomm. Sie kannten mich nicht, -- denn ich sah aus wie ein Gerippe, -auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser -bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider -trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als -ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle? -Ich nannte ihnen meinen Namen, -- da fingen sie laut an zu lachen und -riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich -einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden? -Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ -- -Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches -ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich -sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins -Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein -Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht -haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns -auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“ - -Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil -sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben. -Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und -wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich -weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan, -und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem -Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter. - -Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich -vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern -in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und -einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das -Stroh und -- ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe -getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft -ausgestanden -- plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem -Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand -hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in -meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich -ganz gewiß, es sei aus! - -Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme -nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein -habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und -ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. -- Es war +Olufsohn+. -Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah, -kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind, -„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden, -weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß -ich dich also finden muß.“ -- Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott -segne dich, +Olufsohn+! So hab ich doch noch einen guten Freund in -der Welt und will gerne sterben!“ -- Er aber erwiderte: „Das wolle Gott -nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch -meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt, -ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo -der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der -gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen -in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend -aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß -ich dem Lazarett zugewandert. - -Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und -ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber -sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und -wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem -Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der -Feldscherer nachgeschickt würde. - -Dies geschah, -- und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich -mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich -in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen -Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem -Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht -an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in -der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin -ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer -wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es -wieder in etwas besser mit mir zu werden schien. - -Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah -wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig -und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich -stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich -gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind -pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es -ehedem nicht, wie ein rechter Christ +beides ist+: +tapfer wie -ein Löwe und sanft wie ein Lamm+, hie aber habe ich’s erfahren. O -du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin -hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen -und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich -bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin -ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was -dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst -herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen. - -Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter -Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein -und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört, -daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen -sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein -Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und -selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was -ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem -Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen. - -An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn -mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft -ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu -und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte -mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder -heimkehren mußte. - -Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen, -wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen -gesund sein würde? -- „+Mit dem ist’s aus!+“ lautete die Antwort, -„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß -er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und -sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen -Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und -scheint keinen Gedanken daran zu haben.“ - -Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen -würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „+Dies+ das -Ende? -- Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß -und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über -mir gewaltet, -- wider den hilft kein Streiten!“ - -Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen -Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon -Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren -würde. -- „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. -- „Nicht mit?“ -fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ -- „Heimgehen will -ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen, -von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend -heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß -ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen -bin.“ -- „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit -deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber -gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme, -daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn, -er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von -dem Obersten bekomme. -- „+Ist’s also ernst?+“ fragte er traurig. --- „+Ja, ’s ist ernst!+“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört, -was der Feldscherer mit dir geredet hat. +Morgen scheiden wir!+“ - -In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen -und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und -der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich -ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte, -und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg. - -Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen, -es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es -gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur -einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, -- denn das -Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei -Nördlingen, -- ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude -nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte, -wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen -zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete. -Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs -Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite. - -Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in -Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle -grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir -ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich -meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt --- ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor -dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum -Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für -alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn -nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich -und ging schnell davon. - -Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan, -über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’ -ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen -Blick zurückzuwerfen, -- sie setzten sich eben in Marsch, einzelne -Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen -durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem -Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve! --- -- „+Was geht’s dich an?+“ sagte ich, „+dein Weg ist der -weiteste+!“ wandte mich und zog meine Straße. - - - [3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung - eines Zeitgenossen, welcher ~Theatr. Eur. III~ also schreibt: - - „Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche - Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen - Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen - müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu - beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese - Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein - und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll - man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit - keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und - noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, - vorzunehmen bist gezwungen worden? - - „Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß - in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal - verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? - Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten - Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, - wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige - Gedärme weggefressen worden? - - „Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene - Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit - den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem - schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann - derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, - und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen - Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als - den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) - aufgefressen wird? - - „Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und - Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers - widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten - ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem - Quartier jämmerlich schlachten und verzehren? - - „Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen - aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger - Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“ - - „Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines - Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, - nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor - ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund - Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., - vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“ - - „Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, - eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund - und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und - deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes - Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei - allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber - belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“ - - Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die - Eroberung von Breisach verfertigte ~Distichon Chronologicum~ eine - Stelle finden. Es lautete: ~Heroi in victo Bernhardo de Weymar - Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum~: - - „~InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI IVngitVr & tanto DIgna - pVeLLa VIro~.“ - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - -Der Brief. (Schluß.) - - Darum still, darum still, - Füg ich mich, wie Gott es will. - - Volkslied. - - -Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine -große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein -Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange -des Lenzes waren, brannte sehr heiß, -- so legte ich mich denn nieder -in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das -Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen -dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff -ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen, -sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der -erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein -Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich -auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt -hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der -Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein: -der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine -Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu -machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott -dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von -Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten -läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel -gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr, -der Gott Israels! +Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du -nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.+ - -Ich mußte diesem Worte nachdenken! -- +Das+ hatte ich ja selbst -schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „+Bann+“ -auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und -mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und -träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft -herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und -Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft -schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder -zerronnen! - -Ich gedachte +Olufsohns+. -- Wie ganz anders war’s dem gelungen! -Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein -armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht -tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog -er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach -so viel abgestandenen Mühen und Gefahren -- ein Landläufer und Bettler, -wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen, -ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf -mir allenthalben ein Bann gelegen? - -Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s -wie Schuppen von den Augen -- +es war ein Unterschied, ein großer -Unterschied zwischen mir und ihm+: er hatte seines Vaters Segen -beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn -gemacht. Ein Gebot hatte +ich+ unter die Füße getreten, +er+ -aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „+Du sollst deinen -Vater und deine Mutter ehren!+“ und der Herr war Richter gewesen -zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „+auf -daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden+!“ Mich aber -hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel -gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht, -siehe! das ist der +Bann, der auf dir liegt+!“ So sagte mir die -Stimme meines nun aufgewachten Gewissens. - -Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan -würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den -heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch, -herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch, -lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der -Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht -vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer -Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch -sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern -erzählen, daß „+wenig und böse+“ die Zeit Eures Lebens gewesen um -des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir: -es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt, -wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben -Jahre lang gewesen war, -- ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst -fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale -wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich -damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich -beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen. - -„+Wehe, wehe, wehe!+“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der -Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum -liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in -der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen -- nur so lange noch, bis -ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht, -bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten -Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir -ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und -ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir, -ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“ - -So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem -anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder -Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte -mir nicht Ruhe noch Rast. - -Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den +Mainstrom+ wieder. Nun -hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders -beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen -Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen -werd ich Euch nicht mehr! - -Als ich an ein Dörflein kam unterhalb +Wertheim+ -- -+Bestenheida+ genannt -- konnt ich vor heftigem Stechen kaum -mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon -dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse, -wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg -gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er -mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon. -Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu -mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen, -leeren Zimmer. - -Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges -Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen -offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich -fragte, wo ich denn sei. -- „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte -das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest -hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause gestorben; ich -allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“ - -„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. -- „Ein Waisenkind! -Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages -die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater -totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben -sie hierher getan.“ - -„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, -- „der Krieg -bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“ - -„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber +beten+! -Meine Mutter hat mich’s gelehrt -- ich bete alle Tage! -- Soll ich -einmal beten?“ -- „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die -Hände und hub an: - - „Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, - Sein Will’, der ist der beste; - Zu helfen den’n er ist bereit, - Die an ihn glauben feste. - Er hilft aus Not, - Der fromme Gott, - Und züchtiget mit Maßen! - Wer Gott vertraut, - Fest auf ihn baut, - Den will er nicht verlassen. - - Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht, - Mein’ Hoffnung und mein Leben, - Was mein Gott will, daß mir geschicht, - Will ich nicht widerstreben: - Sein Wort ist wahr, - Denn all mein Haar - Er selber hat gezählet; - Er hüt’t und wacht, - Stets für uns tracht’t, - Auf daß uns gar nichts fehlet. - - Drum will ich gern von dieser Welt - Scheiden nach Gottes Willen - Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt, - Will ich ihm halten stille. - Mein’ arme Seel’ - Ich Gott befehl’ - In meinen letzten Stunden: - O frommer Gott, - Sünd’, Höll’ und Tod - Hast du mir überwunden!“ - -Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein -Lob zugerichtet! -- Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt, -und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des -Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte -ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den -letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei -Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein -Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir -kein nütze!“ - -„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht, -einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“ - -„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon -dagewesen, -- aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht -aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“ - -Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden -Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden -verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein -so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber -nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen -und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den -Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von -hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch -mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes -Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen, -aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und -löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer -Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt +tiefer, viel tiefer graben+! Womit -Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren -+himmlischen+ Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt, -wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht -Psalm 51 und lautet: =An dir allein= +hab ich gesündigt und -Übel vor dir getan+, auf daß du recht behaltest in deinen Worten! -+Das+ Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge -Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, -- ich gönn Euch -herzlich diese Freude, -- aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr -am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde -vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr -bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre -kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu -Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn -zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was -für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen -und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts -ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber -dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk -an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung, -der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und -lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat. -Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger -dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer -werten Wort, daß +Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder -selig zu machen+.“ - -So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß -sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn -hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich -gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen -Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind -gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des -Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s -sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und -dem Abgrund ewigen Jammers, -- gerade da hat der Herr die Decke von -meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des -Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen -Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten, -der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort -gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese -sein! - -Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel -schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist, -wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei -der Hölle gewesen, ich bin so müde geworden von Seufzen, ich habe -wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen -manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort -Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, -ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab -ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das -Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es -durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark -und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die -alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal -ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben -auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in -meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele. - -Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch -einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören, -doch aber -- es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders -beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade -gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens, -in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die -geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt -ich das Böse nicht auch hinnehmen? - - Warum sollt ich mich denn grämen, - Hab ich doch Christum noch, - Wer will mir den nehmen? - Wer will mir den Himmel rauben, - Den mir schon Gottes Sohn - Beigelegt im Glauben. - -So lebt denn wohl, +herzliebe Eltern+! Gottes Lohn für jedes -Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele -gelegt! -- endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der -Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine -Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde -beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, -- +dort+, -wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. -- Ihr, -meine lieben +Geschwister+, gedenket mein wiederum im Guten und -betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, -- denn auf dem -heißt’s: +Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!+ - -Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß -geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine -Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder -führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme -gebricht. Sagt auch dem +Amtskeller+, daß ich ihn tausendmal um -Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir -stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen -keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in -Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn -von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn -gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter -Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht -anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele -Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung -verleihen wolle mit den andern allen! - -Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit! - - Christus, der ist mein Leben, - Und sterben mein Gewinn, - Dem tu ich mich ergeben, - Mit Freud fahr ich dahin. - -Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der -+siebten+ kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs -finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch -Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem, -der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin +lebet wohl -und gedenket mein in Frieden+! Darum bittet Gott und Euch - - Euer getreuer Sohn - - =Valentinus Gast=, - - der Verlorene, aber +Wiedergefundene+. - - - Am 3. Juni 1639. - -~P. S.~ Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem -Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf -den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten. -Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein -Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen -Brief Euch zustellt, -- ich will das Wenige, was ich noch habe, vor -meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich +allhier+ sterben, wird -der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die -Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. -- Werde ich Euch -noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s -manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! -- +Nun wie Gott -will!+ Amen, Amen. - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - -Valentins Tod. - - Da neigt er sich nun eben, - Verwelkt und sinket hin, - Den ich sah aufwärts streben - Mit also stolzem Sinn, - Der Knabe, jung von Tagen, - Sein Haupt herniedersenkt, - Ach, ach, nun muß ich klagen, - So sehr ist es erkränkt; - Die Seel’ schon auf der Zungen - Wird er’s jetzt hauchen aus, - Nun muß es sein gerungen - Mit Tod und letztem Strauß. - - Spee’s Trutz-Nachtigall. - - -Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen, -verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige -Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden -meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens -war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war -durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele -freute sich Gottes, meines Heilandes. - -Da gedachte ich auch, wie die droben -- mein Weib und meine Töchter -und mein Johannes -- auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des -Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und -Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn -gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut, -vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher -waren sie mir wohl immer vorgekommen als solche, die geschieden aus -großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die +Seligen+, -angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und -verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte, -ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine -Gedanken! -- der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind -und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren. - -Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht -von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern -und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und -durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben, -betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und -Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte -ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem -getreuen Gott, -- derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den -Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut -nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken -hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit -seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus -einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein -Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten -bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind. - -Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr -matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte, -daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit -begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem -ich für ihn oder für mich zu beten hatte. - -Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn -fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter -unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch: - - „Nur elf Jünger blieben treu, - Gib daß gar kein Abfall sei.“ - -Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen -Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die -Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich -angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn -Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, -- doch hat der -gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen -Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit -meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und -das Brot essen werde im Reich Gottes! -- -- Gott segne dich, Olufsohn!“ - -Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan, -und dankte dem Herrn, daß er es erhört. - -Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für -sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet. -Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr -sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann -wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte, -so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem +Siegesbette+ -denn an einem +Siechbette+ zu stehen meinte. - -Endlich schlug es +ein Uhr+! Da hielt er den Atem an, wie wenn -er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, -- es war -wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit -bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“ -rief und seinen Spruch anhub: - - „+Eins ist not!+ du treuer Gott, - +Schenk uns einen sel’gen Tod+!“ - -„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank -auf sein Kissen zurück. -- „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn, --- da hatte sein Herz den letzten Schlag getan. - -Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete -die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner -seligen Mutter geworden waren, und betete, -- unten auf der Straße aber -wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das -Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen -einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend, -zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten -und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da! -sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals, -da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und -darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird. -Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem -Weinen: „+Armer, armer Valentin!+ was ist aus den hochgehenden -Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen, -wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, -- auf der -grünen Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins -arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du -seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch -- wie muß ich dir, -mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit -dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß -du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen -in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. +Der -Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei -gelobet!+“ - -Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah, -daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und -weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete -mich mit viel lieblichen Worten. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - -Noch ein Gottesgericht. - - Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen. - - Sprichwort. - - Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde! - Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt. - Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen, - Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten. - - Shakespeares Macbeth. - - -Gegen Morgen schickt der +Pfarrherr+ zu mir und läßt mir -ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse -nehmen und mit hinter nach +Eibelstadt+ gehen, ein Soldat sei vom -Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige -Nachtmahl empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den -Weg. - -Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und -erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein -gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen -Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und -eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und -den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt. -Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr -treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt. - -In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn +von Greifenklau+ Haus -gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte. -Als ich die Lichter angezündet und die ~vasa sacra~ hergerichtet, -wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit -meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das -Rathaus ist. - -In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel -Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern -gedachte des Hingeschiedenen. - -Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann -mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich -freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei. -Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister -fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände -bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach -dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er -unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem -Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten -in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das -Städtlein heiße? - -„+Sommerhausen!+“ erwiderte ich. -- „Sommerhausen?“ sagte der -Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen -Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten -einer unter unserem Regiment gedient.“ - -„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter -das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die -herumliegenden Soldaten, -- es waren schwedische Dragoner, was ich -jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“ -fragte ich, indem mir das Herz klopfte. - -„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der -Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter -Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort -steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da -sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst -schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen, -wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin -nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen -Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“ - -„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt, -nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer -Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen. - -„Ich heiße +Olufsohn, Swen Olufsohn+!“ gab er mir zur Antwort, „und -bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen, -und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen -+Gast+, -- +Valentinus+ war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“ - -Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname -geheißen! - -„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja -mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich -auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt: -Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“ - -„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden -Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“ - -„Ja!“ erwiderte ich, „+er ist heim+ gekommen -- seit drei Tagen zu mir, -seinem +leiblichen+ Vater und zu seiner +irdischen+ Heimat, und heute -nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu -seinem +himmlischen+ Vater und zu seiner +himmlischen+ Heimat. Euch -aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“ - -Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines -Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun -wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch -Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er -habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht, -er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er -selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott -so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen, -er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar -ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen -lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was -meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und -Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich -sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn -sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden. - -Während wir noch also miteinander redeten, kam der +Pfarrherr+ ganz -erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und -sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben! -Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen -aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein -verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen! -Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine -Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber, -als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten, -da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten -freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei -jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum -Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst -zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die -Stube. - -[Illustration: Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu -sehen (24. Kap.)] - -Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß -aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei -Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen -umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren -Stimme, „du Graukopf, -- hab ich dir nicht schon einmal den Schädel -gespalten? -- Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und -jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher -in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine -Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? +Vorwärts, -vorwärts+, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute -gibt’s Dukaten -- wird +alles+ geteilt, brüderlich! -- aber dem -Grünrock seine gehören mir, -- pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück -ihm die Kehle zu, -- ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes! -’s sind zwei über einen! -- Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen -starren! So -- jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der -+Graukopf+ lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei, -du kennst mich schon!“ - -„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist +Nikol Paradeiser+, der den -alten Veit erschlug!“ - -„+Nikol Paradeiser?+“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel -hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner! -Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht -stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! -- So ist’s -recht, -- Teufel, da liegt er ja wieder! -- Hopp, hopp, Schimmel! -- -+Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!+ Laß mich doch, alter Tropf, -du wirst mich doch nicht zwingen?“ - -„+Das ist Gottes Gericht+, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich, -„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen -einen Mord begangen!“ - -„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die -ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, -- „ich -bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid -darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter -dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben -und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der -Geschichte gesprochen, -- mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht -er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn -ich sah ihn auch leibhaftig.“ - -„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein -für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat -euch geschlagen. +Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von -nun an!+ -- Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen -geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er -seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes -Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und -fallen, da sie niemand jagt!“ - -„+Niemand jagt?+“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist -er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will -dir den Rest geben, -- ich will -- ich will“ -- damit schleuderte -er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von -sich und sprang aus dem Bett, -- der Rittmeister lief herzu, wollte -ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke -jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und -war tot. - -Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes -mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der -Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber -und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister -Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte. - - - - -Vierundzwanzigstes Kapitel. - -Schluß. - - Dem Leib ein Räumlein gönn’ - Bei frommer Christen Grab, - Auf daß er seine Ruh’ - An ihrer Seite hab’! - - -Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin -Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war -nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe -weiterziehen müssen. - -Es hatte +Hans Ebeling+ meines Weibes und meiner Kinder, dazu -des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden -Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes -hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte. -Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben -noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um -ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube, -ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte -schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort -einmal eine Liebe erzeigt, -- selbst des +Hans Mündleins+ Witwe -kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen -Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen, -erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie -jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen -ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das -war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr -schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut -Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin -ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff -mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald -kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm, -Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen -noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten -des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes -gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid -um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir -gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“ -Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und -Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter -auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, -- -dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu. - -Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur -Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald -das Lied anstimmten: „+Jerusalem, du hochgebaute Stadt!+“ Als die -drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden, -welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein, -wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst, -geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern -Dragonern, welche den Zug schlossen. - -Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage -sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben -nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun -laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die -Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, -- dann war alles vorüber, und -wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen. --- Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis -bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt -begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch -übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir -alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen -Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem -Rittmeister -- nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die -Wallfahrt auf Erden dauert. - - * * * * * - -Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? -- -Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen, -abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in -diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte, -jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „+Komm!+“ und meiner -Kinder Stimme: „+Komm, komm!+ du hast auf Erden nichts mehr zu -suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre -Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist -mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins -Begräbnis: - - Jerusalem, du hochgebaute Stadt, - Wollt Gott, ich war in dir! - Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat, - Und ist nicht mehr bei mir! - Weit über Berg und Tale, - Weit über blaches Feld - Schwingt es sich über alle, - Und eilt aus dieser Welt. - -Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das -„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine -Nachfahrt halte? - -Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der -Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert -während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt -einen +besseren+ Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht, -mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur -Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird. -+Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren+, und ob mein -Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm -gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, -- doch aber -hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm -und Nacht, in Angst und Not allezeit meine +Augen deinen Heiland -gesehen+, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich, -ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach: -„Herr, hilf mir!“ - -+Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine -holdselige Gestalt festgehalten bis heute?+ Dann tritt her zu mir -und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen: - - ~Soli Deo Gloria!~ - =Dem Herrn allein die Ehre!= - Amen! - -Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli ~anno Domini~ 1650. - - =Udalricus Gast=, - zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Schulmeister und sein Sohn, by -Karl Heinrich Caspari - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN *** - -***** This file should be named 60703-0.txt or 60703-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/7/0/60703/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Der Schulmeister und sein Sohn - Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege - -Author: Karl Heinrich Caspari - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60703] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von -1913 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und -altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, -sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt -wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im -Text mehrmals auftreten.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang -des Texts versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das -Ende des betreffenden Kapitels verschoben.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="cover" name="cover"> - <img class="mtop3" src="images/cover.jpg" alt="Original-Umschlag" /></a> -</div> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="illu_001" name="illu_001"> - <img class="mtop3" src="images/illu_001.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot3 no-break-before">Ich fand ihn am Fenster - stehen und dem abziehenden Volk nachsehen (<a href="#Viertes_Kapitel">4. Kap.</a>)</p> -</div> - -<div class="titelei"> - -<h1>Der Schulmeister und sein Sohn</h1> - -<p class="s3 center">Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege von</p> - -<p class="s2 center">K. H. Caspari</p> - -<p class="s4 center">Neunzehnte Auflage<br /> -:: Mit acht Bildern ::</p> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="verlag" name="verlag"> - <img class="w5em padtop5" src="images/verlag.jpg" alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s3 center">1913<br /> -Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart</p> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="druckerei" name="druckerei"> - <img class="w3em padtop3" src="images/druckerei.jpg" alt="Signet der Druckerei" /></a> -</div> - -<p class="center">Gedruckt in Stuttgart<br /> -bei J. F. <em class="gesperrt">Steinkopf</em></p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsuebersicht">Inhaltsübersicht.</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zweites Kapitel. Der Sohn - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">10</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">14</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">21</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">26</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sechstes Kapitel. Die Warnung - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">33</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Siebtes Kapitel. Der Torwart - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Siebtes_Kapitel">37</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Achtes Kapitel. Der Überfall - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">41</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Neuntes Kapitel. Die Plünderung - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">46</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zehntes Kapitel. Die Entdeckung - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">50</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">56</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zwölftes Kapitel. Die Flucht - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">63</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Dreizehntes Kapitel. Die Pest - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">69</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">79</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Fünfzehntes Kapitel. Der Brief - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">83</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">87</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">91</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">98</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">104</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">112</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß) - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">124</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">136</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">141</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">147</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorrede_zur_ersten_Auflage">Vorrede zur ersten -Auflage.</h2> - -</div> - -<p>Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher -wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft -die <em class="gesperrt">alten</em> Kirchenbücher gewährt, — einen wohltuenden Blick in -das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.</p> - -<p>Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer -Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten -Schuldiener, <em class="gesperrt">Udalrikus Gast</em>, geführte Kirchenbuch durchlesen, -der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem -warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende -Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr -lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen -seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich -aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes -von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, — -und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift — aus einer -sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten -Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses -Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte -zusammenzustellen gesucht.</p> - -<p>Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener -selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht -herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse, -da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die -altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende -Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.</p> - -<p>Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und — Gottes -Segen.</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Eschau</em> bei Aschaffenburg, -den 30. Mai 1851.</p> - -<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em>.</p> - -<p class="s4 center padtop5 break-before">Motto:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,</div> - <div class="verse">Doch innen schwarzer Farbe, — finster wie der Tod.</div> - <div class="verse s5 mleft9"><em class="gesperrt">Walther von der Vogelweide</em>.</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es glänzet der Christen inwendiges Leben,</div> - <div class="verse">Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.</div> - <div class="verse">Was ihnen der König des Himmels gegeben,</div> - <div class="verse">Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.</div> - <div class="verse s5 mleft11"><em class="gesperrt">Chr. Fr. Richter</em>.</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Des Autors Stand und Herkommen.</span></h2> - -</div> - -<div class="motto1"> - -<p>Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm -genügen.</p> - -<p class="right mbot1">1. Tim. 6, 6.</p> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">S</span>eit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer -eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein -verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios -eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die -Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen -gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen -Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.</p> - -<p>Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß -auch ich, <em class="gesperrt">Udalricus Gast</em> von <em class="gesperrt">Sommerhausen</em> im Frankenland, -mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser -letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich -nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer <em class="gesperrt">Schuldiener</em>, -der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes -Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure -Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht -wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der, -welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Gott, der -da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, — <em class="gesperrt">das</em>, -lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk -ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er -der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im -Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s -anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch -das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest, -und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht -verhalten, und lauten soll es:</p> - -<p class="center mtop1 mbot1"><span class="antiqua">Soli Deo Gloria!</span><br /> -<em class="gesperrt">Dem Herrn allein die Ehre</em>!</p> - -<p>Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir -nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende, -Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, — doch läßt sich -nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch -meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf -absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur -ein weniges zum besseren Verständnis.</p> - -<p>Mein nun in Gott ruhender Vater, <em class="gesperrt">Paulus Gast</em>, war seines -Handwerks ein Schneider drüben in <em class="gesperrt">Winterhausen</em>. Mein Mütterlein -hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt -geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen, -dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins -Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich -sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich -zu einem Schulmeister.<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen -aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem -seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter -dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach -wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines -Schuldieners betraut worden.</p> - -<p>Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit: -<em class="gesperrt">mein alter Vater und Margareta Späthin</em>, der ich nun meine Hand -vor dem Altare Gottes geben konnte, — mein Herz hatte ich ihr schon -seit zehn Jahren gegeben. — Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn -und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich -alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit -nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn -schaut von Angesicht zu Angesicht.</p> - -<p>Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen -auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und -Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.</p> - -<p>Das Städtlein <em class="gesperrt">Sommerhausen</em> liegt im gesegneten Frankenlande. -Es führt billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube -scheint. Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, -dagegen viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, -wenn die Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren -vielen Türmen, wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch -ein stattlicher Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der <em class="gesperrt">Main</em>, -der vom Bayreuther Lande herunterkommt und hier die Grenze macht -zwischen den beiden Flecken Sommerhausen und Winterhausen. — Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -segne dich, liebes Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und -Kindeskind. Hier bin ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter -Hoffnung an mein Tagewerk gegangen, hier hab ich des Tages Last und -Hitze getragen, hier will ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte -Stunde schlagen hören und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft -zum Feierabend, mein Gröschlein zu empfangen. <em class="gesperrt">Das walte Gott</em>!</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Sohn.</span></h2> - -</div> - -<div class="motto1"> - -<p>Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!</p> - -<p class="right mbot1">Psalm 127, 3.</p> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>m 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren. -Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in -das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des -Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand -und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie -wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen -hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der -Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ — In der -heiligen Taufe ward es vertreten von <em class="gesperrt">Valentin Orplich</em>, dem -<em class="gesperrt">Bäcken</em>, der ihm den Namen <em class="gesperrt">Valentin</em> beilegte. Ich hab’s -nicht unterlassen, auf dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß -er einen rechten, christlichen „<em class="gesperrt">Valentinus</em>“ aus ihm machen -wolle, einen Helden, stark und streitbar wider diese Welt und alle -Feinde seiner Seligkeit.</p> - -<p>In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Knaben aufgezogen, -soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. -<em class="gesperrt">Gewollt</em> wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in -der Einfältigkeit ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen -finden konnte, ist mir treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß -der Herr nicht umsonst sage: „<em class="gesperrt">Die frühe</em> mich suchen, werden mich -finden.“ Es ist das Herz der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das -liebliche, hehre Bild des Herrn Christus noch leichtlich sich prägen -läßt. Später kann solches nicht mehr geschehen, oder aber — es braucht -heißer Trübsale, das Herz wieder weich zu machen.</p> - -<p>Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon -nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter, -vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude, -wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem -Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens -hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr -klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen -guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war -gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein -am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen -am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und -doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er, -wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter -den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens -ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr -geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter -gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger -Jahre, als der leidige Krieg uns<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen -Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon -dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter -den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder -reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.</p> - -<p>Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein -tapferes Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur -<em class="gesperrt">Naturgaben</em>, die ein Kind noch lange nicht geschickt machen -zum Himmelreich, obwohl sie vor Menschen es zieren. Wohin ist -Absolom gekommen mit seiner lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem -hochherzigen Wesen? — <em class="gesperrt">zum schweren Fall</em>! Ein Mensch mit solchen -Eigenschaften ist wie ein Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln -seine Fahrt beginnt. Wenn’s unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s -einen stattlichen Lauf in den Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm -in die Segel fährt, wird’s um so schneller zerscheitert. Der rechte -Fahrwind aber ist der <em class="gesperrt">Geist des Herrn</em>. Ich hätte das wohl wissen -können, aber wo ist der Vater, dem’s nicht süß eingeht, wenn alle Welt -sein Kind als ein liebwertes lobt und preiset?</p> - -<p>Anno 1626, am heiligen <em class="gesperrt">Pfingstfest</em>, ist mein Valentin das -erstemal zu Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle -miteinander auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine -Seele schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, — -den Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein -schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen -schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu -gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei, -nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> Bruder -so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten -nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre. -Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles -ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der -andern Kinder ins Gotteshaus.</p> - -<p>Es waren ihrer gerade <em class="gesperrt">zwölf</em> in diesem Jahre, die ihr erstes -Nachtmahl feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das -Sakrament empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich -mich einer großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den -Kirchenstühlen stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im -Städtlein Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen -im eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne -Zeit, die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg -gebracht hatte.</p> - -<p>Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen -sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser -Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre -Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe -mitten unter die Wölfe.“ — Ist doch auch unter den Zwölfen, die der -Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit -der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn -geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum -Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser -Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen -haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht, -ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in -Nacht und Finsternis?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber -fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies -arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe -sie, wie dir’s gefällt, — in die Höhe oder in die Tiefe, durch die -grüne Aue oder durchs finstere Tal, — nur führe sie so, daß keines von -dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der -großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu -den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“</p> - -<p><em class="gesperrt">Er hat’s getan, — ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.</em></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Valentin beim Handwerk.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,</div> - <div class="verse">Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! —</div> - <div class="verse mleft2">Seit sie eingeritten in unseren Toren</div> - <div class="verse mleft2">Mit Schulterstück und rostigen Sporen,</div> - <div class="verse mleft2">Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!</div> - <div class="verse s5 mleft16">Altenglische Ballade.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>ine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne -werden sollte, — doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein -Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut, -ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag -noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen -werde, aber — der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.</p> - -<p>Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der -Heimsuchung über die evangelische Kirche gekom<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>men, und auch bei -uns, in <em class="gesperrt">Limpurgischen</em> Landen, sah es bereits aus, als -wenn der Leuchter des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell -gebrannt, wieder von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In -<em class="gesperrt">Markt-Einersheim</em>, <em class="gesperrt">Possenheim</em> und <em class="gesperrt">Hellmizheim</em> hatte -das <em class="gesperrt">Würzburger</em> Domkapitel die evangelischen Kirchen geschlossen, -und die Seelsorger hatten sich auf den Speckfeld geflüchtet, wo sie -sonntäglich ihre Gemeinden unter großen Anfechtungen versammelten und -ermahnten, um des Herrn willen das Unrecht zu ertragen, aber dabei fest -zu beharren im wahren Glauben. Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die -Kirchgänger vom streifenden Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf -den Turm in Iphofen gesetzt wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich -loskaufen mußten.</p> - -<p>In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar -eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen -der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist, -und wehe — dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern -Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen, -drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.</p> - -<p>Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? — <em class="gesperrt">Ich nicht!</em> -Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht -hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller -Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt -angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören -dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt, -daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als -auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann -findest,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen -Menschen gefunden.</p> - -<p>So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu -<em class="gesperrt">Valentin Orplich</em>, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen -Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu -fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als -stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er -werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm: -„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot -erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘ -— Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für -alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ — Drauf war er’s zufrieden, -und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei, -den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des -elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, — -‚<em class="gesperrt">im Schatten des Vaters</em>,‘ sagt man, ‚<em class="gesperrt">wird der Sohn groß</em>!‘</p> - -<p>So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein -Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich -herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße -stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit -sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das -Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein -Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat -seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er -war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister -sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>schäft ihm in -die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister -nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer, -doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den -Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.</p> - -<p>In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein -gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich -vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der -Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen -Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen, -welcher der <em class="gesperrt">Venusberg</em> heißt. Dort brächten sie in heidnischen -Greueln und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den -Berg nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag -des Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander -und ein Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande -und blase wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, -werde alsbald wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind -dahinten, frage nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern -wolle sofort dem Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem -Spielmann immer auch ein Warner da, der <em class="gesperrt">treue Eckart</em> genannt, -der bäte und flehte, dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei -zeitlich und ewig um die geschehen, welche sich verlocken ließen; aber -nur wenige gäben ihm Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, -führe den ganzen Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören -müßten, um des Teufels Feste zu feiern.</p> - -<p>Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann -mit der wundersamen, verlockenden Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> ist der <em class="gesperrt">listige -Versucher</em>, der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und -die rechte Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem <em class="gesperrt">Heil</em> -ihn abzuführen. Der getreue Eckart aber ist <em class="gesperrt">Gottes Wort</em> und das -<em class="gesperrt">Gewissen</em>, die dem Menschen die Wahrheit verraten und sein Los -ihm voraussagen, wenn er sich von dem Versucher betören lassen will, — -aber bei den meisten <em class="gesperrt">leider umsonst</em>.</p> - -<p>In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum -Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze <em class="gesperrt">Zechgesellschaft</em> in der -unteren Schenke, — die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der -Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten -sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend -sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben -sind. Da war im zweiundzwanziger Jahr <em class="gesperrt">Michel Hamsterloch</em>, der -Kornwucherer, — der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten -Taler auf dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du -sollst nicht Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, -bis ihn drei kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen -ausplünderten und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der <em class="gesperrt">Jäger von -Erlach</em>, der hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor -Lust ihm die Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er -auch seinen elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten -werde. Da war des Schenkwirts <em class="gesperrt">Rosamund</em>, das liebliche Mägdlein, -— das hörte das süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit -und breit gerühmt wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm -verlassen ward, und sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in -den Fluten begrub und unter den<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer -Eckart gewesen, doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)</p> - -<p>Aber auch <em class="gesperrt">das</em> vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund, -daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von -<em class="gesperrt">Zeit zu Zeit</em> den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt -seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine -Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen -Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen -ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht -mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker -verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt -allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s -zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und -die Gemeinde den Seelsorger, — der Tunichtgut achtet sich berufen, die -Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird -verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und -Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat -Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater -ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt, -will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot -treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück -und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat. -Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die -Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und -taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder -nüchtern wird und zur Vernunft kommt.</p> - -<p>Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religions<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>krieges, und obwohl -unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte -doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder -nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚<em class="gesperrt">Bet und arbeit, so hilft -Gott allezeit</em>‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer -ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen, -und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der -Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs -Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften -Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde; -die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt -laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit -Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit -der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische -Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚<em class="gesperrt">dummen -Jakob</em>‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen -Mann verstanden. — Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das -freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und -nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und -Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch -diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die -törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier -umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.</p> - -<div class="center"> - -<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" />   -<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" />   -<img class="h0_8em" src="images/zier.jpg" alt="Verzierung" /> - -</div> - -<p>Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so -zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht -eigentlich über ihn zu kla<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>gen, aber so oft ich ein Näheres über seine -Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter, -er gefällt mir nicht mehr, — er ist unlustig geworden und Ihr werdet -sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang, -mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte -Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Valentin der Schreiber.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,</div> - <div class="verse">Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,</div> - <div class="verse">Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,</div> - <div class="verse">Da meint er sein Glück zu heben.</div> - <div class="verse">Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,</div> - <div class="verse">Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.</div> - <div class="verse s5 mleft16">Schiller.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>ines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen -Valentin aufzuwecken, — da hörte ich Stimmen auf der Gasse und -Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen -Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter -kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und -trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und -Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten -sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die -Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen -die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte -und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den -Kriegszeiten auf<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>gekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin -der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen -wird, und das also anhebt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>,</div> - <div class="verse">Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,</div> - <div class="verse">Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,</div> - <div class="verse">Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p> - -<p>Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das -Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum -Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft -schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen. -Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch -das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern -die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit -wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen -Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit -und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.</p> - -<p>Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand -ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden -Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn -betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend -und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die -abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die -weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie -ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne -Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als -ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am -Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> backen — schlechter könne -es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.</p> - -<p>Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle, -wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und -Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der -<em class="gesperrt">Amtskeller</em> habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es -sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er -Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink -von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen, -sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem -Gewissen einen andern Beruf ergreife — wir sollen dann gewiß unsere -Freude an ihm erleben.</p> - -<p>Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und -daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte -auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem -Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er -verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst -ein gutmütiger, freundlicher Mann war, — doch aber bei so bewandten -Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn, -wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller -und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem -neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand -gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines -Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid -ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder -Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein -Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> jedem seine Weise, auch Eurem Sohn, -denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch, -der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s -zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts -und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden. -Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich -Ehre von ihm haben.“</p> - -<p class="mbot2">Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den -Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm -der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor -uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst -hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem -Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet: -Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das -alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die <em class="gesperrt">Ehre</em> und -der <em class="gesperrt">Amtskeller</em> galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater -und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten -Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am -Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen -Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz -gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder -auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens -vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser -auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu -und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. — Um auf schlimme Wege -ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die -sollte er auch bald genug finden.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Das Lied ist von <em class="gesperrt">J. W. Zinkgref</em> im Jahre 1624 -gedichtet und seine übrigen Verse heißen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!</div> - <div class="verse">Schlagt ritterlich darein! — Eu’r Leben unverdrossen</div> - <div class="verse">Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch</div> - <div class="verse">Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,</div> - <div class="verse">Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,</div> - <div class="verse">Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,</div> - <div class="verse">Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,</div> - <div class="verse">Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme</div> - <div class="verse">Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut</div> - <div class="verse">Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,</div> - <div class="verse">Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,</div> - <div class="verse">An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,</div> - <div class="verse">Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden</div> - <div class="verse">Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,</div> - <div class="verse">Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,</div> - <div class="verse">Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,</div> - <div class="verse">Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:</div> - <div class="verse">Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,</div> - <div class="verse">Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses Liedes -ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied aus dem -Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „<em class="gesperrt">Kein besser Leben ist auf -dieser Welt zu denken</em>“ usw.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Jäger von Erlach.</span></h2> - -</div> - -<div class="motto1"> - -<p>Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an -jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, -die auf seine Güte hoffen.</p> - -<p class="right mbot1">Ps. 147, 10. 11.</p> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>n <em class="gesperrt">Erlach</em> hatte die <em class="gesperrt">Seinsheimische</em> Herrschaft seit einem -halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig, -hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die -untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff -und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er -grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine -Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner -Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele -hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was -einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm -wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche -Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.</p> - -<p>Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der -Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch -mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend, -und als <em class="gesperrt">Veit Geißendörfer</em>, der Torwart, ihm solches verwies, -weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes -leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte, -der Amtskeller solle ihn strafen,<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> wenn er Lust dazu trüge. Er frage -den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! — Der Torwart -meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu -greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch -der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er -unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.</p> - -<p>Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand, -der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden -könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein -Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender -Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König <em class="gesperrt">Gustav Adolf -von Schweden</em> mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm -das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung -über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens -sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen -Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu -Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh -ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so -huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann -zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten, -und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede -unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, — -da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“</p> - -<p>Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche -Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel, -die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte, -wieder hervorgeholt<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden. -Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher -geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße -folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute -Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller -vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und -ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde -nichts dawider haben, — er war aber mittlerweile weit weg an den Rhein -gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, gehen -sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich an sie, -wie es seine Art war, — mit einem Male aber schaut ihm der eine von -den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: „Heißt Ihr -nicht <em class="gesperrt">Franz Sorawitz</em>, und habt unter dem <em class="gesperrt">Friedländer</em> -gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So -seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann -vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig -Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? — Das sollt -Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein. -Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes -Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß -über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der -andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden -auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht -geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen -solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch -und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie -seinen Hauptmann. Dann sprangen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> die Schweden auf ihre Pferde und -jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.</p> - -<p>Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf -offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken -war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte, -welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der -andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers -angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne -Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter -dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was -seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen -mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier -am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der -gesprochen hätte wie ein Mann! — Für was habt ihr denn Mauern und -Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt? -— Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein -Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen. -<em class="gesperrt">Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!</em>“</p> - -<p>Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand -mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und -seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern -könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre. -In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon, -um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und -stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die -Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> jungen -Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die -schlimmen Gäste zu erwarten.</p> - -<p>Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und -ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein. -Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not -keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen -fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle -Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs -von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein -Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie -schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft -ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.</p> - -<p>Da kam von ungefähr <em class="gesperrt">Klaus Mündlein</em> mit einem Karren Holz rechts -den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war, -und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen -die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn -nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore -hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der -Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht -auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann -wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger, -was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger -bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und -ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der -Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie -wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten -aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege -hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken -vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies -würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie -aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern -hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das -Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber -der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten, -auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er -hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und -sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach -dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den -letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner -ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.</p> - -<p>Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen. -Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie -Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende -Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir -hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein -Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub, -die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte -ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die -Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen. -Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen -den Klaus, der noch<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein -großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam -auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte: -„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich -ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den -Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die -dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles -Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug -jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er -das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum -besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“</p> - -<p>Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne -gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und -Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn -man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter -Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger, -hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller -aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk -auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.</p> - -<p>In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und -ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. — Das war -es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie -und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches -Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em>, der Türmer, -der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „<em class="gesperrt">Nun lob, mein’ Seel’, -den Herren</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter -vorübergezogen war.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_034" name="illu_034"> - <img class="mtop1" src="images/illu_034.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">In der Schenkstatt aber ging’s - nun an ein Zechen und Bankettieren (<a href="#Fuenftes_Kapitel">5. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der -Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten, -hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg -verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu -finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun -recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien -mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen -nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du -gesagt hast!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Warnung.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide</div> - <div class="verse">Und redet frech die Sprache Kanaans.</div> - <div class="verse s5 mleft12">Der Alchymist.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">F</span>olgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm -mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst -du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber -Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der -Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du -in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel -helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu -hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen, -denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und -gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dür<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>fen, um es -dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte -und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen -und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen, -das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen -läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten, -wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s -gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet! -Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir -dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden -seinerzeit, — wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen -Trost aber haben wir jetzt?“</p> - -<p>Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich -wolle? er könne mich nicht verstehen.</p> - -<p>Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum -<em class="gesperrt">krank, todkrank</em>, und wir, deine Eltern, zittern und zagen -wiederum, daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der -Vater im Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist -der Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald -— bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern -abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund -sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der -ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes -Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut -redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst -du, unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum -sind wir wiederum bekümmert, und <em class="gesperrt">diesmal</em> haben wir <em class="gesperrt">keinen -Trost</em>!“ Ich sprach noch viel, wie mir’s die väterliche<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> Liebe, mein -bekümmerte Herz und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle -guten Rat annehmen und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare -nicht mit Herzeleid in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer -geworden.</p> - -<p>Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter -Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun -habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders -zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe -ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen -beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben -nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit -ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern -ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und -nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse -man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon -zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es -habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s -in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten -also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen, -daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe, -wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen -Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen, -auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein -Vorgesetzter, — den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir -würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.</p> - -<p>Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> wiewohl der -Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm -doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige -denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur -in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine -Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich -sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche, -die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn -er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des -Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind -geredet.</p> - -<p>Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von -Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren -wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen -bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten <em class="gesperrt">Veit</em>, -der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den -Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten, -ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger -gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr -von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht, -antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz- -oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für -einen wüsten Gesellen, — nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das -Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei, -und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn, -dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage -kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch -ist, da ist auch Feuer!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes, -dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken, -der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten <em class="gesperrt">Veit -Geißendörfer</em>, des Wächters auf dem untern Tor.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Siebtes_Kapitel">Siebtes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Torwart.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,</div> - <div class="verse">Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,</div> - <div class="verse">So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,</div> - <div class="verse">Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>m 10. Sonntag <span class="antiqua">post trinitatis anno</span> 1632 hatte der Amtskeller -nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen -für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden -Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf -dem <em class="gesperrt">Speckfeld</em> an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte -der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die -Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller -alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm -geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein -weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort -gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich -aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta -mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.</p> - -<p>Unser hochbetagter Pfarrherr, <span class="antiqua">M.</span> <em class="gesperrt">Hieronymus Theodoricus</em>, -hatte am Morgen über das sonntägliche<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> Evangelium gepredigt, das, wie -bekannt, von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit -Jerusalem unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt -auch die Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, -und hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu -beten, damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne -und bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. -Gesungen hatten wir: „<em class="gesperrt">Es ist gewißlich an der Zeit</em>,“ und als ich -die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst -und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen -liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie -das Gesangbuch, — ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die -man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, -so oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich -bewegte und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des -Erzengels allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet -aus, ihm entgegen!“ Das ist ein lutherisch <span class="antiqua">Dies irae</span>, das kein -Menschenkind sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle -müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.</p> - -<p>Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die -betrübte Zeit, kam <em class="gesperrt">Veit Geißendörfer</em>, der Wächter auf dem untern -Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte sich -zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für sein -Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit dem -seligen Schenk <em class="gesperrt">Konrad</em> von <em class="gesperrt">Limburg</em> gegen den Erbfeind der -Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn -einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein -wackerer Kriegsmann stets<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> sich gehalten, wiewohl er nicht zu den -ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der -Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war -er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der -Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende -bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern -Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so -hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen. -— Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute -eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein -Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein -gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein -Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier -öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und -Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder -abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir -dann fröhlich miteinander verplaudert.</p> - -<p>Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen — und das war ein -Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume -verhielt es sich also:</p> - -<p>Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen -von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen. -Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der -Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume -sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt; -alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem -Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe -geeilt und habe den<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden -können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein -Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann -plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf -in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt: -„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm -seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie -ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall -gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe -er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen -vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das -sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit -werde einschlagen müssen.</p> - -<p>Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen, -doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele -wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft -eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß -wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind -heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat. -So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit -Joseph: ‚<em class="gesperrt">Träume kommen von Gott!</em>‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch -lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm, -und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust -vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl, -vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es -gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung -und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> glaubt, wird leben, ob -er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr -sterben.‘ <em class="gesperrt">Glaubest du das?</em>“ — „Das glaube ich,“ sagte der -Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und -drüben singen auf dem Gottesacker:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Sein Trübsal, Jammer und Elend,</div> - <div class="verse">Ist kommen zu einem seligen End’.</div> - <div class="verse">Er hat getragen Christi Joch,</div> - <div class="verse">Ist gestorben und lebet doch.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im -Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein -Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor -dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. — „Laßt Euch das -nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand -wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ -eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf -grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott -Euch und mir für den Streit auf Erden — <em class="gesperrt">ehrlichen Kampf und seligen -Tod</em>!“ — „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und -ging von dannen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Überfall.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Sein Jammer, Trübsal und Elend</div> - <div class="verse">Ist kommen zu einem seligen End’.</div> - <div class="verse">Er hat getragen Christi Joch,</div> - <div class="verse">Ist gestorben und lebet doch!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>m folgenden Tage feierte mein Kollege <em class="gesperrt">Johannes Fentsch</em> drüben -in <em class="gesperrt">Winterhausen</em> seine silberne Hochzeit. Mein <em class="gesperrt">Johannes</em>, -den er aus der Taufe<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus -in unsern Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben -gefunden, um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem -Taufpaten zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit -das Tor aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten -wurde. Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm -und zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen -herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege -so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander -ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.</p> - -<p>Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer -fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel -erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich -ging er damals mir zur Seite, als wir seinen <em class="gesperrt">Udalricus</em>, sein -einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen -und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice, -Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid -angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos -seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der -Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend -angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo -man sagen müsse: <em class="gesperrt">Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die -nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!</em></p> - -<p>Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte, -blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute -hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein -goldiger Schein lag<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> auf dem Gipfel der Weinberge, — über dem Tal aber -und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern -lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes -aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu, -das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.</p> - -<p>In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und -die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen -sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen, -sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen -Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem -Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem <em class="gesperrt">Hans Mündlein</em> und -seinem Sohn <em class="gesperrt">Klaus</em> einen guten Morgen bieten wollte, die heute -die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten. -— Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam, -fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum -seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die -bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.</p> - -<p>Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder -herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er -sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes -Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer -hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert, -was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, — siehe, da -kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten -sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter -ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte -nach<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern -Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.</p> - -<p>Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß -mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen -Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf -das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm -aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.</p> - -<p>„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten -Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte, -das Tor zuzumachen, — aber die beiden Kroaten waren auch schon da und -mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie -warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem -Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber -behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den -Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins -Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein -unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.</p> - -<p>Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und -mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will -ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier <em class="gesperrt">Nikol Paradeiser</em> -und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab -seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den -Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus -Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der -Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter -dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für -geratener, sich nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> in den Handel zu mischen. — Der Alte ließ sich -nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der -Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde -des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den -Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er -sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten -Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“ -jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins -steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.</p> - -<p>Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft, -Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei, -ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um -nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu -kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch, -schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja, -Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen -wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind -groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter -Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“ -worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen -langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter -der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den -Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.</p> - -<p>Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim -Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen -und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem -Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei -voll<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, -sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch -geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert -und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie -sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und -geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg -nach <em class="gesperrt">Lindelbach</em> liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den -Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen -guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der -Veit schon auf ihn gewartet. — Ich führte ihn schnell nach Hause, -fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von -allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in -solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die -Soldaten vorbeijagen sehen, — der Valentin war nicht daheim, sondern -eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk -im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und -nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars -Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen -nach zum gräflichen Schlosse.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Plünderung.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Mit leichter Müh’ gewonnen — lustig nun zu Pferd.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Shakespeares Heinrich IV.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>uf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei -befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt -und schaute erschreckt dem<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu -treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen -im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während -die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und -jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im -Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer -in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und -dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß -der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen -singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den -Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt -zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute -und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige -seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten -und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten. -„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend -Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr -alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht, -wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ — Der Amtskeller bat um -Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht -tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und -nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm -auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm -den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme: -„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch -nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol -Paradeiser heiße!“ Jedermann<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen -war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart -quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der -totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher -wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen -wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers -Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er -hätt’ es Euch auch getan!“ — „Herr Amtskeller,“ rief ich über das -Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will -lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind -Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“</p> - -<p>Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er -der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die -Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter -einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld -brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die -Pferde und war im Nu wieder davon.</p> - -<p>Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie -uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten, -schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die -Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen -habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber -sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten -abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl -mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen, -da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid, -den alten Mann beschuldigt zu haben. — Es war aber offen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>bar, daß -sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie -die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem -Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor -aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen -und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie -das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für -den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart, -von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles -dieses war ihnen nur zu gut gelungen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_052" name="illu_052"> - <img class="mtop1" src="images/illu_052.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Seine Mutter kniete neben dem - Leichnam und schluchzte heftig (<a href="#Zehntes_Kapitel">10. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so -war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit — Gott sei’s -geklagt! — etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese -Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort -eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und -die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft -über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der -Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas -an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der -ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen, -könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt, -als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt. -Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt -nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst -müsse kein Gott im Himmel sein!</p> - -<p>Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „<em class="gesperrt">Verrat</em>“ lief es mir -eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in -Limburgischen Landen ohnehin<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> alle Wetter gingen, wo ich unser armes -Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich -nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich -fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt -fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein -könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und -gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute -rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem -Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein -Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst -nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er -daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, — aber ich sah ihn -nirgends.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Entdeckung.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,</div> - <div class="verse">Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz</div> - <div class="verse">Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Thompsons Jahreszeiten.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren -Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen, -und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren -getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit -seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des -Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den -Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - -<p>Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der -Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen, -an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und -getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte -im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die -Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten, -weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten -Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte -Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem -Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie -ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob -Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr -und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu -sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie -stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht -mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits -hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum -Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein -stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand, -das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert -bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf -seine schluchzende Mutter.</p> - -<p>Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter, -oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben -dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen -Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um -die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen, -oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den -Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen -Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer -ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie -auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.</p> - -<p>Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt. -Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn -sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und -einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten -Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn -sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich -wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom -Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines -gewaltsamen Todes gestorben, — sonst schien er zu schlafen. Seine -Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen -wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter -Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus -ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er -aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt, -stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand -seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.</p> - -<p>Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich -gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets -bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende -und wie er ster<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>bend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich -gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und -fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier -Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte -klagen helfen.</p> - -<p>Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht -bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist -auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende -vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem <em class="gesperrt">Johannes</em> -durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun -eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört -worden; — da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts -weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei -er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen -und zu Boden sinken wollte.</p> - -<p>Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß -ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an -meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach -Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von -Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen -Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen -gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein -Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten, -wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der -einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der -Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den -Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne -ihn wohl, er habe<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von -Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin -zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn -gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen -und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem -Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er -besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der -Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach -trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit -ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei -er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an -der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen -gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den -Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern -sei eilends nach Hause gegangen.</p> - -<p>Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während -des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und -gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann -gleich bekannt vorgekommen, — er habe nur nicht recht gewußt, wo -er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe -verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch -spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst -dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber -der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe -ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.</p> - -<p>Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Bot<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>schaft ihm gebracht -wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne -sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater -Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder -sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes -Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit -anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes -Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand -auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes -Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen, -wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die -Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer -dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein -den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und -seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob -er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht -verdient um dich und deine Kinder!“</p> - -<p>Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward, -hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich -aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich -kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind -groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich -rechtfertigen solle.</p> - -<p>Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei -den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr -nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er -in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den -seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn -der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer -gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm -auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle -Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und -werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein -Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.</p> - -<p>Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib -und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und -bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und -die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend -Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um -das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause -gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Ein Gottesgericht.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wo der Herr sein Häuflein richt’t,</div> - <div class="verse">Da bleibt kein Gottloser nicht,</div> - <div class="verse">Summa: Gott liebt alle Frommen,</div> - <div class="verse">Doch wer bös’ ist, muß umkommen.</div> - <div class="verse s5 mleft11">P. Gerhardt.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>as an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist -nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren -wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der -Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,</div> - <div class="verse">Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,</div> - <div class="verse">So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,</div> - <div class="verse">Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ach, das war kein Kleines! — Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt -es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen -getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege -getan haben, so weiß ich’s nicht, — ich wenigstens konnte dieses -Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in -der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand -jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den -Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du -hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen, -wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich, -du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig -geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte -ich mich an, daß ich nicht <em class="gesperrt">streng</em> genug, und dann wieder, daß -ich nicht <em class="gesperrt">lind</em> und <em class="gesperrt">gütig</em> genug gegen ihn gewesen, und -warf mich bald auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein -Stachel darin, der sich grausam in mein Herz bohrte.</p> - -<p>Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken -unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein -miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen, -mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den -Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu -sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie -konnte nicht einmal weinen. Endlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> als es auf Mitternacht zuging, -sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und -denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott -finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen -Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war, -fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend, -meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, -sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, — er sei mit -einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen -sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen: -„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die -andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen, -während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr -ausgestreckt habe.</p> - -<p>In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich -hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok, -und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich -stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „<em class="gesperrt">Ich lasse -dich nicht, du segnest mich denn!</em>“ Als nun die Morgenröte anbrach, -war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden -Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in -guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.</p> - -<p>Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts -bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und -zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist -wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, — es -kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> meinen -Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort. -Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner -gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben -hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den -aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene -Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So -beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest -zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht -verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft -anzuweisen, — ich aber ging in die Schule.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber -Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem -andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern -Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild -gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher -steigen <em class="gesperrt">sie</em> in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit -welch herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, -teils verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in -dieser Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe -und Kinder desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen -Händen hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden -von dem Gott, dessen Wahrzeichen lautet: <em class="gesperrt">Holdselig den Freunden, -erschrecklich den Feinden!</em></p> - -<p>Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die -mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf -von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht -sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die -Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem -Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem -Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um -gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, — -dort fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem -Karren war, wie ich hörte, der <em class="gesperrt">Meister</em> von <em class="gesperrt">Sulzdorf</em>. Er -erzählte: es seien heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf -gekommen, hätten ihn geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten -ihn dann in die Tannen hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über -einen Baumstamm liegend, mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. -Weil der Baumstamm auf der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der -Schultheiß von Erlach, der auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den -Leichnam nach Sommerhausen zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf -ihrem Gottesacker geben würden, und weil auch keiner der Bauersleute -sich dazu verstanden, ihn nur mit einem Finger anzurühren! — Das habe -er nun getan, und die Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger -anfangen, was ihnen gut dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie -wollten ihn auch nicht, er solle ihn in den Main werfen oder auf den -Schindanger tragen, sagte Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder -siedet oder bratet ihn meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den -Jäger bei den Füßen und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -— dann setzte er sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der -Tasche und fing an zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr -kümmern wollte.</p> - -<p>Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von <em class="gesperrt">Goß<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>mannsdorf</em> -gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und -Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie -sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig -vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern -sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen, -um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe -sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel -voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft -gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen -Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe -sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein -in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange -das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe -sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie -habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber -nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch, -wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber -sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf -gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe, -habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den -Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach -<em class="gesperrt">Kleinochsenfurt</em> ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles -erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen -zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut -und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.</p> - -<p>Mittlerweile hat <em class="gesperrt">Georg Ebert</em>, der Schmied, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> einem Stecken -des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der -leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen -Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem -Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können. -Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen -Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein -Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit -dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.</p> - -<p>Wie dem auch sein mochte, — hier hatte Gott gerichtet und sein Wort -erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm -gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids -getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und -durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines -bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer -ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte -und unerforschlich seine Wege!“</p> - -<p>Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der -Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister -übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein -ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun -auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden, -wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft, -— es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras -da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein -häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> die Stätte -zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis -zum großen Tage des Gerichts.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich -aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin, -ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.</em> Ps. 37.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Flucht.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Was bringt Frieden? Lauter Freud.</div> - <div class="verse">Was bringt Kriegen? Lauter Leid.</div> - <div class="verse">Was bringt Frieden? Wein und Brot.</div> - <div class="verse">Was bringt Kriegen? Hungersnot.</div> - <div class="verse">Was bringt Frieden? Mut und Gut.</div> - <div class="verse">Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.</div> - <div class="verse">Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.</div> - <div class="verse">Was bringt Kriegen? Herzeleid.</div> - <div class="verse">Friede kommet aus dem Himmel,</div> - <div class="verse">Aus der Höll das Kriegsgetümmel.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Alter Spruch.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">B</span>is hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab -dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt, -über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller -hinüberführen.</p> - -<p>Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest -du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die -Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, — aber dem ist nicht -so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die -Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weis<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>heit und -Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit -gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten -können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist -der beste!</p> - -<p>Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die -Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst -und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut, -sondern auch, — das weiß Gott! — unser Blut und unsere Tränen hängen -an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische -Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so -müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in -den Hütten seiner Väter wohnen.</p> - -<p>Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen -haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit -schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken -und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend, -dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe -vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh -ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an -Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts -zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634 -hereinbrachen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_070" name="illu_070"> - <img class="mtop1" src="images/illu_070.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Unser Nachbar, der Schreiner, - brachte ein Kreuz (<a href="#Dreizehntes_Kapitel">13. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die -blutige Schlacht bei <em class="gesperrt">Nördlingen</em>, und nun zog das von dem edlen -Schwedenkönig verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her -gegen die hiesige Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel -Unfug verübt, haben das Dörflein <em class="gesperrt">Lindelbach</em> geplündert, den -Kelch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> aus der Kirche geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. -Solches geschah aber meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie -bei jedem Heere gefunden werden, und wurde mitunter streng bestraft. -Vornehmlich solange der König <em class="gesperrt">Gustavus Adolphus</em> noch lebte, -hatte die schwedische Armee den Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht -und Manneszucht gehalten wurde: der geborene Schwede oder Finnländer, -als sie zuerst zu uns kamen, betete stets, ehe er an den Tisch sich -setzte, und wenn er gegessen hatte, reichte er dem Hauswirt und der -Hauswirtin die Hand und dankte freundlich für die empfangene Bewirtung. -Das <em class="gesperrt">kaiserliche</em> Volk aber trieb den Krieg als ein Handwerk, war -im Kriegslager aufgewachsen, verachtete den Bürger und fürchtete weder -Gott noch Menschen.</p> - -<p>Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, -zu dem Reiterregiment des Grafen <em class="gesperrt">Piccolomini</em> gehörend, im -hiesigen Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch -die Straße, dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu -wirtschaften, daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. -Nicht allein, daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln -und Geld vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch -diejenigen, welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot -schmeckte, aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen -die Männer, die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen -und schossen ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den -unschuldigen Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn -eine Kuh oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie -abzogen, die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen -Betten, die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -die Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf -den ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus -ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als -das nackte Leben.</p> - -<p>Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem -Kaiser <em class="gesperrt">Ferdinandus</em> an der Spitze seiner Armee hier durchkomme -und sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann -wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres -zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die -meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu -retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und -dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich -sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder -todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre, -daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr -Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger -hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich -mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen, -sich über den Main in den <em class="gesperrt">Gau</em> zu flüchten, andere aber, darunter -auch wir, hofften in <em class="gesperrt">Kitzingen</em> und in den benachbarten Orten ein -Unterkommen zu finden.</p> - -<p>Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir -uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das -Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre -Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem -Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als -plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> die Hintersten auf die -Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und -das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog -ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27. -Psalm vor: <em class="gesperrt">Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich -mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir -denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet -sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet, -so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte -ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, -zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu -besuchen.</em></p> - -<p>Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und -alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten -Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum -heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des -Allmächtigen, als aber <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em>, der Türmer, anhub zu singen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das Wort sie sollen lassen stahn</div> - <div class="verse">Und kein’n Dank dazu haben,</div> - <div class="verse">Er ist bei uns wohl auf dem Plan</div> - <div class="verse">Mit seinem Geist und Gaben.</div> - <div class="verse">Nehmen sie den Leib,</div> - <div class="verse">Gut, Ehr’, Kind und Weib.</div> - <div class="verse">Laß fahren dahin,</div> - <div class="verse">Sie haben’s kein Gewinn,</div> - <div class="verse">Das Reich muß uns doch bleiben, —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p> - -<p class="p0">da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit -lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken -zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied -sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und -getröstet fühlte.</p> - -<p>Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der -<em class="gesperrt">Amtskeller</em> trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen -aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten -also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte: -darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war -dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, — denn er -ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und -gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.</p> - -<p>Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo -er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging -mit den Meinen nach <em class="gesperrt">Kitzingen</em>, wo Gott einem alten Mann, den ich -nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und -vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat <em class="gesperrt">Sebastian -Popp</em> geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt. -Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Pest.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,</div> - <div class="verse">Hat Gewalt vom höchsten Gott,</div> - <div class="verse">Heut wetzt er das Messer,</div> - <div class="verse">Es schneidet schon besser,</div> - <div class="verse">Bald wird er drein schneiden,</div> - <div class="verse">Wir müssen’s erleiden,</div> - <div class="verse">Hüte dich, schön’s Blümelein.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Altes Lied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">N</span>ach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil -wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder -nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem -Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den -Heimweg.</p> - -<p>Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker -kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch -zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner -konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt -hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den -Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große -Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen, -das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es -lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der -Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine -Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor -großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich -zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem -fremden Volk in den<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Häusern lägen, der alte <em class="gesperrt">Merten Geuder</em>, der -Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot -mit ihnen, — das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre -Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß -die Männer die Wahrheit gesprochen.</p> - -<p>Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen, -die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich -wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens, -wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr -da, in welchem nicht ein Toter lag.</p> - -<p>Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In -meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf -den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft -schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl -es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von -ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter -Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen -Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs -lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die -Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist. -Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen -Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr -mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun -nicht mehr hungern und dürsten, <em class="gesperrt">es wird auch nicht mehr auf sie -fallen die Sonne oder irgend eine Hitze</em>, denn das Lamm mitten im -Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasser<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>brunnen! -Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß -es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe -entbundenen Seele galt.</p> - -<p>Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man -der Worte gedenken: <em class="gesperrt">Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und -dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.</em> Wenn man es mit -ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war, -wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause -nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr -den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute -Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei, -sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut, -wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der -Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen -als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen -hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in -<em class="gesperrt">eine</em> große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so -daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man -einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.</p> - -<p>Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie -umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer -in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Eßt Bibernell,</div> - <div class="verse">Sterbt ihr nicht so schnell!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die -Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein -Wasser an sein Bett und eilten aus seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Nähe, und sobald er die -Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und -selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn -vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem -Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil -dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.</p> - -<p>Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal, -aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die -Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches -Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei <em class="gesperrt">gut</em> -von Natur, die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier -nicht grausamer und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen -angeborenen Trieben nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes -nicht gezähmt und die Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.</p> - -<p>Der Herr hatte beschlossen, daß <em class="gesperrt">mein</em> Haus auch leer werden -sollte: an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine -Töchter, Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es -Abend ward, hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen -lassen, mein Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch -ohne mich mehr zu kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie -etlichemal mit starker Stimme: „<em class="gesperrt">Valentin</em>! <em class="gesperrt">Valentin</em>! -<em class="gesperrt">Mein Sohn, mein Sohn!</em>“ rief. Als es aber Mitternacht ward, -richtete sie sich plötzlich auf in ihrem Bett, schaute mit gerötetem -Antlitz über sich, als ob sie dort jemand gewahre, und rief laut, ihre -Arme ausbreitend:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,</div> - <div class="verse">Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig,</div> - <div class="verse">Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. —</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Dein Leid, mein Leid,</div> - <div class="verse">Meine Freud’, deine Freud’,</div> - <div class="verse">Deine Not, meine Not,</div> - <div class="verse">Mein Brot, dein Brot,“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben: -das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle -beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst -hat.</p> - -<p>Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das -Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, — ich weiß -es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein -im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein -Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten -die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und -Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der -Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures -Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi -Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in -ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst -lohnen am großen Tage der Vergeltung.</p> - -<p>Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen -Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein -<em class="gesperrt">Johannes</em> zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und -beschloß, noch am selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, -wo ich ihn bei dem Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um -das Aufhören der Pest abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> ließ -also den Knaben sogleich aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor -einbrechender Nacht die Stadt erreiche.</p> - -<p>Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf. -Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten -uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im -Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder -aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen -heraus, und siehe! — mit einem Male stand über dem Tal ein schöner, -glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte, -mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just -auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein -Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort -hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe -Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies -wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge, -wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ — „Wie Gott will, mein Kind, du -meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und -empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.</p> - -<p>Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn -willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach -die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm, -daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein -zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk -belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen -nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.</p> - -<p>Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen des<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>selben Tages, an -welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den -Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind -werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, — aber ich sah -nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem -Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war. -Drin sah ich meinen Johannes liegen.</p> - -<p>Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem -Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf -schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß -er <em class="gesperrt">tot</em> sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller -seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod -aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater -zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er -sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der -Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen, -weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch -nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter -und Geschwistern begraben sein wolle.</p> - -<p>Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich -meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und -wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten -Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug -es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon -erfahren hatten, — die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich -aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach. -Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein -Psalmbüchlein,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte -mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling -mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker -zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige -Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig -geblieben waren unter dem großen Sterben.</p> - -<p>Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein -Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande -zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus -meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus -meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und -sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr -lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe -mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will -schreien zu dem Ewigen für und für!“</p> - -<p>Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret -fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen -lassen mit Trauern und Weinen, <em class="gesperrt">Gott aber wird euch mir wiedergeben -mit Wonne und Freude ewiglich</em>.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen -Himmel und rief: „Schauet da <em class="gesperrt">hinauf</em>, lieber Bruder, und nicht -bloß da <em class="gesperrt">hinunter</em>! ‚<em class="gesperrt">Deine Toten werden leben</em>, spricht -der Herr.‘“ — Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und -sein Wort hat mich wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer -und einfältiger Mann war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir -vorhielt, aber wenn der Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s -uns besser ein. Es ist der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem -Nachbarhaus<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> besser schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben -Korne gemahlen und von demselben Meister bereitet ist.</p> - -<p>Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu -sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus -großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen, -und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen. -Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen -mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin — freilich mit großer -Schwachheit — dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und -Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte. -So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines -Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem -geneigten Leser hiehersetzen will.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Es ist zu viel!</em></div> - <div class="verse">Mein Gott, wie kann ich es ertragen!</div> - <div class="verse">Mit Weib und Töchtern und dem Sohn</div> - <div class="verse">Eilst du in Einem Jahr davon.</div> - <div class="verse">Das heißet vierfach hart geschlagen.</div> - <div class="verse">So blieb ich deiner Pfeile Ziel?</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Es ist zu viel!</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Herr, wie du willst!</em></div> - <div class="verse">Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen</div> - <div class="verse">Und andrer Fäll’ gewärtig sein,</div> - <div class="verse">Wohlan, ich gebe mich darein.</div> - <div class="verse">Ich will in Staub und Asche liegen,</div> - <div class="verse">Bis deiner Plagen Maß erfüllt.</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Herr, wie du willst!</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Gib nur Geduld!</em></div> - <div class="verse">Und zünd in dem betrübten Herzen</div> - <div class="verse">Des Trostes helle Kerzen an,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> - <div class="verse">Denn was mich noch erfreuen kann</div> - <div class="verse">Bei so viel überhäuften Schmerzen,</div> - <div class="verse">Ist einzig deine Vaterhuld.</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Gib nur Geduld!</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Du meinst es gut</em>,</div> - <div class="verse">Auch wenn du mich mit Wermut speisest</div> - <div class="verse">Und aus dem Taumelkelche tränkst,</div> - <div class="verse">Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst,</div> - <div class="verse">Daß du den Weg zum Himmel weisest.</div> - <div class="verse">Dies stärket wieder meinen Mut:</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Du meinst es gut!</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Mein liebstes Kind</em></div> - <div class="verse">War auch ein Gut, von dir erborget,</div> - <div class="verse">Drum geb ich es jetzt willig ab,</div> - <div class="verse">Weil ich nicht Macht dawider hab,</div> - <div class="verse">Und denk: wie wohl ist es versorget,</div> - <div class="verse">Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Mein liebstes Kind.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Nun gute Nacht</em>,</div> - <div class="verse">Ihr heiß von mir geliebten Seelen!</div> - <div class="verse">Lebt wohl in jenem Vaterland,</div> - <div class="verse">Darin euch lauter Lust bekannt,</div> - <div class="verse">Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen,</div> - <div class="verse">Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Nun gute Nacht!</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Ich folge nach</em>,</div> - <div class="verse">Wenn es dem höchsten Gott gefället,</div> - <div class="verse">Da werdet nach der Traurigkeit</div> - <div class="verse">In unzerstörter Herrlichkeit</div> - <div class="verse">Ihr wiederum mir zugestellet,</div> - <div class="verse">Und hiemit end’t sich meine Klag’,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Ich folge nach!</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><em class="gesperrt">Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!</em></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Die Heimkehr.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Scheiden bringet Herzeleid,</div> - <div class="verse">Wiederkommen — Trost und Freud.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Altes Lied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">U</span>nter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich -meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn -Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.</p> - -<p>Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war -nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und -kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und -Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen -ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß -der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr, -und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den -Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen -brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten, -das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem -Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall -auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah, -so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa -ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind, -der ihn anfallen wollte.</p> - -<p>Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am -Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames -Kämmerlein. Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>über aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang -eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein -Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und -ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit -schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und -begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein -Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den -Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines -alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die -Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem -Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang -umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und -als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein -kleines Bündelein in seiner Hand.</p> - -<p>Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem -und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der <em class="gesperrt">Valentin</em> ist -da!“</p> - -<p>Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten -und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn -und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als -verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die -Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns -verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts -getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen, -Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre -meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet -vergeblich, — alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald -Angst, bald Freude, wenn ich an dem An<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>gekommenen hinaufsah, er war -mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid -davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die -Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und -Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so -liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden -herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern -ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu -Boden gesunken.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_088" name="illu_088"> - <img class="mtop1" src="images/illu_088.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Ich öffnete die Stubentüre und - trat hinaus mit einem Licht (<a href="#Vierzehntes_Kapitel">14. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch, -in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir -die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger -darauf deutete. Es waren die Worte: <em class="gesperrt">Vater, ich habe gesündiget in -den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn -heiße!</em> Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte -gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, -er war verloren und ist gefunden worden! — „<em class="gesperrt">In Gottes Namen</em>,“ -sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.</p> - -<p>Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine -Mutter?“ — „Sie ist tot!“ antwortete ich.</p> - -<p>„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. — „Tot!“</p> - -<p>„Und mein Brüderlein Johannes?“ — „Tot, mein Sohn!“</p> - -<p>„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. — „Tot, auch -tot!“</p> - -<p>„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen -und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen, -traurigen Ton, der mir<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum -erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen -ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen: -aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine -Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern -hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war -schneeweiß.</p> - -<p>„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von -Hause weg bist?“</p> - -<p>„Gut, mein Vater! — Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und -komme heim mit heiler Seele. — Ich bin noch nicht daheim, aber ich -<em class="gesperrt">komme</em> heim — bald — sehr bald. — Das Haus bricht, darin -meine Seele geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. -Dem Herrn sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen -können: Der verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein -Vaterhaus!“</p> - -<p>Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit -nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich: -„Bist du krank, Valentin?“</p> - -<p>„Sehr krank und sehr müde — ach, ich habe meinen letzten Weg auf -dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir, -daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon -getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt, -— es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in -Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles -geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die -Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“</p> - -<p>Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott -gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> ihn in -das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl -seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das -kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas -Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment, -darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine -Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider -diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott -mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch -eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“</p> - -<p>Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse -verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben -Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden -dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen -denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein -tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen -Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief.</span></h2> - -</div> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Wertheim</em>, -den 20. Mai 1639.</p> - -<p class="center"><b>An meinen Vater <em class="gesperrt">Udalricum Gast</em> und meine Mutter<br /> -<em class="gesperrt">Margareta</em>, eine geborene <em class="gesperrt">Späthin</em>,<br /> -in Sommerhausen.</b></p> - -<p class="p0"><span class="initial">V</span>on dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will -ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und -herzliebe Mutter.<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch -so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen -von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich -über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich: -meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann -ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß -Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon -voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet -nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem -Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit -mir sündigem Menschen!</p> - -<p>Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! — Daß ich’s geworden bin in -Euren Augen, ist also gekommen:</p> - -<p>Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß, -hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß -ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die -für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend -Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger -vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen -und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz -gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht -hinausführen würde.</p> - -<p>An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann, -den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen -gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen, -sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem -heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie -Dienst nehmen wollte, so könne er mir<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> denselben empfehlen, und sei -jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz -auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war -und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade -verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie -diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick -geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine -bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich -damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf -den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute -in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann -wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher -sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte -mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter, -daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen -gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde -darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger -aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß, -Bruder!“ — Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld -erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach -ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische -antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit -ihm zusammentreffen.</p> - -<p>Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube -erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie -das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der -Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> -gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen -müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle -er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht -bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er -nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und -Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken, -daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.</p> - -<p>So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der -alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei -geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor -unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein, -kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft -aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und -alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich, -eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande -bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen, -zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen -Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den -Amtskeller.</p> - -<p>Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat. -Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann, -der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur -guten Mutes sein — er wolle den Leuten schon wacker Sand in die -Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder -Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach -den alten Geschichten krähen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - -<p>Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er -glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn -als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann -mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen -Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder -zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen -ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld -getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken -geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht -und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem -gerechten Richter nicht entgangen sein!</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Vorgetan und nachgedacht</div> - <div class="verse">Hat manchen in groß Leid gebracht.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>ch zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben -das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer -Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden. -Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen -konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der -Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer -und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.</p> - -<p>„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das -Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen -und Würfel spielen, als auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Erde liegen und in die Tannenäste und -in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei -den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und -morgen vull!“</p> - -<p>Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich -in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher -Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer -gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.</p> - -<p>„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen! -— solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht -brauchen.“</p> - -<p>„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst -nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich -nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit -sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen -mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem -Diebsgesind Geld zu stehlen!“</p> - -<p>Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach -Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen -Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da -wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den -Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht, -du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube -des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem -einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und -Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder -ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach -mir mit dem Fuße.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p>Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn -meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den -Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber -fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich -los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit -gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als -er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte, -gebot er, mich zu binden — denn morgen müsse ich hängen.</p> - -<p>So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben -hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte, -und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen -sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht -entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum -steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und -schliefen.</p> - -<p>Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken. -Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht -anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl -dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein -Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und -nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben, -wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen -können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht -hingerafft in meinen Sünden!</p> - -<p>Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich -in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme -spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s,<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> wenn ich Eure Stricke -durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten -zu den <em class="gesperrt">Schwedischen</em>? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von -<em class="gesperrt">Kitzingen</em>, — soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht -leise, — ein Messer habe ich schon bei mir!“</p> - -<p>Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube -war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die -Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“</p> - -<p>„Wozu?“ fragte der Roßbube. — „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem -verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht -und noch so jämmerlich traktiert hat!“</p> - -<p>„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt -Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen -machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“</p> - -<p>Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich -geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er -die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht -oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend -wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die -Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir -alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und -das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er -einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann -mitgenommen, und bot mir auch davon an, — ich wollte von diesem -Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum -zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p>Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten, -und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger, -freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der -Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm -er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem -Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht -werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner -vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch -mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen <em class="gesperrt">Nürnberg</em> -ziehen, wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann -ich nicht sagen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Morgenrot, Morgenrot,</div> - <div class="verse">Leuchtest mir zum frühen Tod!</div> - <div class="verse">Bald wird die Trompete blasen,</div> - <div class="verse">Dann muß ich mein Leben lassen,</div> - <div class="verse">Ich und mancher Kamerad.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Volkslied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">S</span>o hatte nun mein Kriegsleben angefangen! <em class="gesperrt">Stolz hat’s begonnen, -trübselig geendet</em>, doch ’s ist so auch gut!</p> - -<p>Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das -sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein -Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus <em class="gesperrt">Schweden</em>, teils -aus <em class="gesperrt">Finnland</em> gekommen und unter die Dragoner treten sollten. -Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne, -die es noch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch -Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt. -Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische, -und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als -„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir -wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt, -wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht -viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen -in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, <em class="gesperrt">Olufsohn</em> geheißen, -mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb, -ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange -gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein -rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte -mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte, -fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber -ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für -ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer -ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem -König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun -und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren, -die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen -gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner -Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn -seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm -auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit -großer Gelassenheit gefallen ließ.</p> - -<p>Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Fried<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>ländische Lager -abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee -mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach -Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß -und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit -meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug -des Königs — weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war -— eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn -Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr -und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern -kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz -aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie -darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber -dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!</p> - -<p>Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl -zu, dem König zu folgen, der wieder auf <em class="gesperrt">Donauwörth</em> zu gezogen. -Dort bin ich bei <em class="gesperrt">Rain</em> am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen. -Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im -Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen, -aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die -Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das -General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich -hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit -dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück -Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute -gekostet.</p> - -<p>Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles be<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>reitet, lagen wir abends -um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das -gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein -Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und -Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt! -Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen -Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen -anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Und wenn die Kugel geschossen ist,</div> - <div class="verse">Die mir mein’ Seel’ ausbläst,</div> - <div class="verse">Dann sag ich: bis zu dieser Frist</div> - <div class="verse">Bin ich allzeit voll gewest!</div> - <div class="verse">Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit</div> - <div class="verse">Hinüber in die Ewigkeit!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und -stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. — <em class="gesperrt">O Herr, erbarme -dich!</em> und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!</p> - -<p>Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam, -brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß <em class="gesperrt">Olufsohn</em>. Er -hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem -Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte, -was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken -gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er -seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die -Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und -daraus gelesen.</p> - -<p>„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen, -statt daheim zu hocken! — Da hättest du auch<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> einen tapfern Mut -bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze; -wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei -Gedanken das Herz schwer zu machen!“ — Er aber schüttelte den Kopf, -sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder, -nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.</p> - -<p>Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden -in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch -war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König -hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien -einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde. -Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch -nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle -ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun -begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir -sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und -in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen -auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn -tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein -Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die -Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte -geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.</p> - -<p>Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte -einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen. -Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke -gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben, -traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in -den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät -lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts -getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es -sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge, -von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein -schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem Tod -in den Rachen laufen wollte. — „<em class="gesperrt">Nun, wer hat Lust?</em>“ fragte der -Korporal wieder und lachte, „<em class="gesperrt">keiner</em>?“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Ich</em>,“ sagte <em class="gesperrt">Olufsohn</em>, „<em class="gesperrt">und ich auch</em>!“ wiederholte -einer von den <em class="gesperrt">Finnländern</em>. Olufsohn, der neben mir gehalten, -stieg ab und wollte mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: -„Was du vermagst, vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: -„<em class="gesperrt">Ich bin der Dritte!</em>“ So gingen wir an dem König vorüber, der -uns freundlich zunickte, liefen mit den Planken unter mörderischem -Schießen über die Brücke und machten sie fest. Als es geschehen, -wollten wir uns so schnell als möglich davon machen, — da krachten -wiederum die Stücke der Bayrischen, und der Finnländer stürzte, zum -Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom Kopf geschossen, ich aber -blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes Regiment im vollen Jagen -über die Brücke setzen, wobei viele das Leben verloren, zuerst der -<em class="gesperrt">Korporal</em>, dessen Pferd, von einem Schusse getroffen, sich -aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte. „Nun kommt er ja -naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern gemeint hat,“ sagte -einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil er sich gegen ihn -zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott sei der Seele gnädig!“ -Von den übrigen ward hierauf die bayrische<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Schanze genommen. Hiemit -entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe des Städtleins ist nun -alsbald geschehen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_106" name="illu_106"> - <img class="mtop1" src="images/illu_106.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Er hatte seine hellgeputzten - Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein (<a href="#Siebzehntes_Kapitel">17. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an -die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben, -dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke -fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also, -und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein -Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler -auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der -aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie -es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe; -wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe -sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe -gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine -sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, — dem möge das Geld -durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. — „Es sei so, -mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und -die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen -auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr -Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er -doch nicht gar leer ausgeht.“</p> - -<p>So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig -Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die -Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte -zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl -ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren -trocken; der schwedische Fuchs habe es<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> aber wohl verstanden, wie man -dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar -süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ -und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.</p> - -<p>Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte -ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen, -denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege -ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm -nicht feind sein konnte.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">I bi bi’m Paschal Paoli</div> - <div class="verse">In Corsika Draguner gsi,</div> - <div class="verse">Und gfochte hani, wie ne Ma’</div> - <div class="verse">Und Bluet an Gurt und Säbel gha.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Hebel.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob -davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß -ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen -würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches -geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief -schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch -dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu -rühmen und zu freuen Ursache hättet.</p> - -<p>Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte, -damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> und Leben dran zu wagen, war -ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm -achtete, wenn anstatt eines Helden <em class="gesperrt">Glück</em> eines Helden Tod mein -Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu -Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben — das hab ich nicht, wiewohl -ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und -Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte, -und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem -Glauben, daß er <em class="gesperrt">Gott zu Ehren</em> das Schwert trage und <em class="gesperrt">Gott</em> -diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel -glücklicher vorgekommen denn <em class="gesperrt">ich</em>, wenn er etwa seiner alten -Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm -geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue -und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn -sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein -prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten -Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus, -tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar -sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg -priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.</p> - -<p>Bei <em class="gesperrt">Lützen, wo Gustavus Adolphus</em>, der große christliche Held, -sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch -zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen -Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei -<em class="gesperrt">Nördlingen</em> uns zusammengezogen.</p> - -<p>Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals <em class="gesperrt">Horn</em> -Befehl gebetet und das Lied gesungen:<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> „Verzage nicht, du Häuflein -klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig -hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch -gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir -mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten -hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk -bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit -von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen, -aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte, -wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.</p> - -<p>Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach -überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug, -ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden -angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns -doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern -etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze -Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das -greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken -und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den -Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten -still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu -holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen -gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an -uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und -kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von -dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> stürzen, -und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß -ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der -Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die -Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen -und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu -bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz -nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich -befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: <em class="gesperrt">nun</em> hoffte ich eine -Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn -aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre, -und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die -Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte. -Nun ließ ich mein Pferd los, — aber im selben Augenblicke hatte -auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die -andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter -den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den -Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich -die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn -und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war -ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu -gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er -so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte -seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und -ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach -mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.</p> - -<p>Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> kommen konnte, war -alles vorüber, — unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen, -und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir -und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete -im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich -dem Feinde abgenommen.</p> - -<p>Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte, -daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich -zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir -nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, — übrigens haben wir die Fahne -wieder! — und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, — -denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen — so sei doch dafür -der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, — da sahen -wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller -gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.</p> - -<p>Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle -gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn -zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so -wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts -hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um -sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon. -Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch -bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden -Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte, -weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> aus dem Hause -gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden -Tag unser Regiment ein, das, so gut es<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> anging, nach seinem schweren -Verlust sich wieder gesammelt hatte.</p> - -<p>Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir -zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch -davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe. -Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin -selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege -uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen -treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“</p> - -<p>„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so -schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne -gestickt: ‚<em class="gesperrt">Gott mit uns!</em>‘ und Gott war mit meiner und meines -Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“ -Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte -empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte -und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist -tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und -der getreulicher sie bewahren würde, denn <em class="gesperrt">dich</em>. <em class="gesperrt">Glück zu dem -Fähndrich!</em>“</p> - -<p class="mbot2">Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und -Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles -des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir: -„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du -fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal -aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es -muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Marodeurs.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Kaum gedacht, kaum gedacht,</div> - <div class="verse">Ward der Lust ein End gemacht.</div> - <div class="verse s5 mleft7">Altes Volkslied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">N</span>un fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in -das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit -auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender, -so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir -einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück -dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde -wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas -Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei -Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster -Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig -und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege -ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich -schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine -Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren -konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt -gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins -Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten, -und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.</p> - -<p>Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen -Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren -lassen, sondern mich noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>mal gedemütigt, und bereits zum dritten -Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen, -das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen -schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment -auch unter des Herzogs <em class="gesperrt">Bernhard von Weimar</em> Oberkommando gekommen -war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein <em class="gesperrt">Wittenweyer im -Breisgau</em> den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen <em class="gesperrt">Johann -von Götz</em> und des Herzogs von <em class="gesperrt">Savelli</em> Oberbefehl gegenüber. -Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die -kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter -gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward, -weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein -treffliches Lob davongetragen hatte.</p> - -<p>Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die -Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt -worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten -aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „<em class="gesperrt">Gott mit uns</em>;“ -oder bei den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche -das Deutsche nicht wohl aussprechen konnten, „<em class="gesperrt">Emmanuel!</em>“ Die -Götzischen und Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“</p> - -<p>Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen -der Generalmajor <em class="gesperrt">Taupadel</em> geführt, von der Kaiserlichen -und Bayrischen stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und -zurückgetrieben. Wir wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des -kaiserlichen Volks herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen -sich zu trennen, und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu -der Re<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>serve zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten -und tiefen Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in -den Rhein ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen -angeschwollen war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über -deren Eingang ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen -etliches französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen -die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm -verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war -nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind, -wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen -würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich -wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen -und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor -Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte -Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu: -der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann, -widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie -halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher -aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten -konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in -seiner Nähe.</p> - -<p>„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft -Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so -lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst, -so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“</p> - -<p>„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer -will mithalten?“ sagte Olufsohn, und be<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>mühte sich, von seinem Pferde -zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und -am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht -imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein -wackerer Soldat verloren!“</p> - -<p>Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der -heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und -der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen -will, so will ich’s selber tun!“ — „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte -Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie -<em class="gesperrt">Valentinus Gast</em>, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der -Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen -finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als -er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“</p> - -<p>„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern -tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. — Du willst -Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde, -bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst -morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen -Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob -ich’s selber wäre!“ — Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die -dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das -Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom -Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns -fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der -Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.</p> - -<p>Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> hätte hellauf -jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen -hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein -sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns, -Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ — „Lob und -Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an -ein Entlaufen nicht zu denken.</p> - -<p>Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor -geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern -die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr -Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer -Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle -über die Klinge springen!“ — „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich -hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! — -Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister -und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten -einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten -sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen -zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande -durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben -nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann -gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst -griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den -Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht -weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft, -jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn -nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den -Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> hineinstürzten und nicht -mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den -andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.</p> - -<p>Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches -Gewitter losgebrochen, — es ward schier ganz finster, stürmte und -blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß -die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte -die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte -nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.</p> - -<p>Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren -noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben -mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn -wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer -Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal -sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete -mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den -angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu -gelangen. — „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so -sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen -in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wann es nun muß gestorben sein,</div> - <div class="verse">So geb ich willig mich darein.</div> - <div class="verse">Und denk in dieser letzten Not</div> - <div class="verse">An meinen lieben Herren Gott.</div> - <div class="verse">Und im Gebet ja immerzu</div> - <div class="verse">Ich Jesu Namen rufen tu,</div> - <div class="verse">Und schrei mit Herzen und Begier:</div> - <div class="verse">Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p class="p0">Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf -die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben, -hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen, -ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.</p> - -<p>Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften -uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren -Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da -meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich -mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand -eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch -erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis -auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf -dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme -deuchte mir bekannt, — ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm -jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann <em class="gesperrt">Paradeiser</em> genannt. -„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! <em class="gesperrt">Du oder ich!</em>“ -rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn -kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren -geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger -Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir -die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet, -hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten, -über die Mauer hinunter in den Strom.</p> - -<p>Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die -Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden -Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das -Wasser heben<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts, -wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten -links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte -aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „<em class="gesperrt">Gott -mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!</em>“ — Während nämlich -unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst -<em class="gesperrt">Rosa</em> nebst dem Grafen von <em class="gesperrt">Nassau</em> der Kaiserlichen rechten -Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte, -hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder -gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt -getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo -der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem -Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom -zu steigen.</p> - -<p>Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen -Lobgesang aus der Ferne hörte, — sie sangen aber den 124. Psalm: -<em class="gesperrt">Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!</em> usw. — begann der Haufe -im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits -Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten. -Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden -Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich -fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich -durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn -heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er -mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein -Pferd und jagten mit mir davon.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Fortsetzung.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ach wie bald, ach wie bald</div> - <div class="verse">Schwindet Schönheit und Gestalt!</div> - <div class="verse">Prahlst du gleich mit deinen Wangen,</div> - <div class="verse">Die wie Milch und Purpur prangen,</div> - <div class="verse">Ach, die Rosen welken all!</div> - <div class="verse s5 mleft11">Volkslied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>ir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem -Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im -Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd -bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten, -bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern -wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun -sei’s mein Letztes.</p> - -<p>Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich -totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte -mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme -ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas -von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder -zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt, -die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl -der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er -unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs -Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. — Es war aber das -die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei -Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben -hatte. So bin ich denn in großer Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>heit und andauerndem heftigem -Fieber von dem Haufen nach <em class="gesperrt">Breisach</em> geschleppt worden mit noch -andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen -hatte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_124" name="illu_124"> - <img class="mtop1" src="images/illu_124.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Die Kaiserlichen drangen mir - nach auf dem Fuße (<a href="#Neunzehntes_Kapitel">19. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine -Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von -der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen -alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle -die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach -vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. — Ach! zu mir -hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „<em class="gesperrt">Oh, -wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner -Zeit, was zu deinem Frieden dient!</em>“ — aber es war vor meinen Augen -verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen -konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.</p> - -<p>Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig -Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer -alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene, -und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern -wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines -Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir -saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich -ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine -Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde, -hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete -es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam -wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> ich von unsäglichem Hunger -gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, — aber wir sollten noch -Schrecklicheres erleben.</p> - -<p>Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste -belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe -am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als -ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei -noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten -auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die -Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es -blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des -Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen, -heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und -sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben, -weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis -zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen -gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde -und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und -Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage -in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die -Festung nicht übergeben, — so sollten wir selbst zusehen, was wir tun -könnten, uns das Leben zu fristen!</p> - -<p>Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und -Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche -beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig -wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere -lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere -und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> wieder einige -Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem -Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, — denn ihr würdet’s -doch nicht glauben.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch -unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als -auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer -geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in -seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern -noch eine Frist zur Buße geben — freilich eine letzte.</p> - -<p>Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die -Türe und rief — denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder- -und Totengeruches — von oben herab uns zu: wenn noch einige von den -Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, — es sei ein -Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die -Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir -erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen, -wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt, -unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer -nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten -im Hof hin<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem -Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als -wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des -Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und -Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war -ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den -Füßen halten, der Kommandant, Freiherr <em class="gesperrt">von Reinach</em>, selber -mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von -der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht -gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter -übergeben werden.</p> - -<p>Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im -Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief -dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die -Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und -unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt -allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm -nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer -gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler, -Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde -genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen -Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um -Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort -einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den -Akkord zu halten.</p> - -<p>Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger, -welche schwedische Dienste nahmen, den<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Rhein hinunter gebracht zu -werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment -liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder -zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes -Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war, -weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen -würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und -gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich -einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und -Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum -Willkomm. Sie kannten mich nicht, — denn ich sah aus wie ein Gerippe, -auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser -bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider -trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als -ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle? -Ich nannte ihnen meinen Namen, — da fingen sie laut an zu lachen und -riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich -einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden? -Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ — -Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches -ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich -sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins -Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein -Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht -haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns -auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“</p> - -<p>Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> Todes achteten, weil -sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben. -Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und -wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich -weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan, -und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem -Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.</p> - -<p>Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich -vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern -in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und -einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das -Stroh und — ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe -getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft -ausgestanden — plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem -Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand -hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in -meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich -ganz gewiß, es sei aus!</p> - -<p>Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme -nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein -habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und -ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. — Es war <em class="gesperrt">Olufsohn</em>. -Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah, -kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind, -„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden, -weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß -ich dich also finden muß.“ — Ich nahm seine Hand und sagte:<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> „Gott -segne dich, <em class="gesperrt">Olufsohn</em>! So hab ich doch noch einen guten Freund in -der Welt und will gerne sterben!“ — Er aber erwiderte: „Das wolle Gott -nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch -meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt, -ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo -der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der -gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen -in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend -aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß -ich dem Lazarett zugewandert.</p> - -<p>Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und -ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber -sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und -wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem -Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der -Feldscherer nachgeschickt würde.</p> - -<p>Dies geschah, — und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich -mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich -in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen -Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem -Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht -an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in -der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin -ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer -wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es -wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.</p> - -<p>Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> führen sah -wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig -und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich -stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich -gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind -pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es -ehedem nicht, wie ein rechter Christ <em class="gesperrt">beides ist</em>: <em class="gesperrt">tapfer wie -ein Löwe und sanft wie ein Lamm</em>, hie aber habe ich’s erfahren. O -du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin -hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen -und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich -bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin -ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was -dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst -herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.</p> - -<p>Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter -Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein -und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört, -daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen -sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein -Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und -selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was -ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem -Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.</p> - -<p>An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn -mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft -ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu -und wieherte hell auf vor<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte -mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder -heimkehren mußte.</p> - -<p>Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen, -wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen -gesund sein würde? — „<em class="gesperrt">Mit dem ist’s aus!</em>“ lautete die Antwort, -„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß -er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und -sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen -Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und -scheint keinen Gedanken daran zu haben.“</p> - -<p>Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen -würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „<em class="gesperrt">Dies</em> das -Ende? — Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß -und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über -mir gewaltet, — wider den hilft kein Streiten!“</p> - -<p>Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen -Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon -Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren -würde. — „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. — „Nicht mit?“ -fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ — „Heimgehen will -ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen, -von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend -heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß -ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen -bin.“ — „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit -deinem Gott; wer hat<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber -gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme, -daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn, -er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von -dem Obersten bekomme. — „<em class="gesperrt">Ist’s also ernst?</em>“ fragte er traurig. -— „<em class="gesperrt">Ja, ’s ist ernst!</em>“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört, -was der Feldscherer mit dir geredet hat. <em class="gesperrt">Morgen scheiden wir!</em>“</p> - -<p>In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen -und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und -der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich -ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte, -und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.</p> - -<p>Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen, -es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es -gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur -einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, — denn das -Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei -Nördlingen, — ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude -nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte, -wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen -zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete. -Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs -Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.</p> - -<p>Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in -Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle -grüne Reiser auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir -ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich -meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt -— ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor -dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum -Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für -alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn -nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich -und ging schnell davon.</p> - -<p>Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan, -über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’ -ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen -Blick zurückzuwerfen, — sie setzten sich eben in Marsch, einzelne -Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen -durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem -Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve! -— — „<em class="gesperrt">Was geht’s dich an?</em>“ sagte ich, „<em class="gesperrt">dein Weg ist der -weiteste</em>!“ wandte mich und zog meine Straße.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> -Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der -Schilderung eines Zeitgenossen, welcher <span class="antiqua">Theatr. Eur. III</span> also -schreibt:</p> - -<p>„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, -so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich -aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein -dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu -glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als -wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was -soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit -keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch -wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen -bist gezwungen worden?</p> - -<p>„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem -einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und -ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit -bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche -Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, -aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?</p> - -<p>„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene -Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den -Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk -zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder -mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von -seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen -zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im -Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?</p> - -<p>„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente -einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden, -er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben, -denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und -verzehren?</p> - -<p>„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen -aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten -Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“</p> - -<p>„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines -Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr -aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen -132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor -zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben -worden?“</p> - -<p>„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in -die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen -verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden -wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel -schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet -ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern -Ursach genommen.“</p> - -<p>Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von -Breisach verfertigte <span class="antiqua">Distichon Chronologicum</span> eine Stelle finden. -Es lautete: <span class="antiqua">Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de -expugnato Brisaco Carmen Chronologicum</span>:</p> - -<p class="center">„<span class="antiqua">InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI<br /> -IVngitVr & tanto DIgna pVeLLa VIro</span>.“</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Der Brief. <span class="s5 non_bold">(Schluß.)</span></span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Darum still, darum still,</div> - <div class="verse">Füg ich mich, wie Gott es will.</div> - <div class="verse s5 mleft9">Volkslied.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine -große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein -Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange -des<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> Lenzes waren, brannte sehr heiß, — so legte ich mich denn nieder -in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das -Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen -dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff -ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen, -sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der -erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein -Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich -auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt -hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der -Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein: -der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine -Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu -machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott -dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von -Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten -läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel -gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr, -der Gott Israels! <em class="gesperrt">Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du -nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.</em></p> - -<p>Ich mußte diesem Worte nachdenken! — <em class="gesperrt">Das</em> hatte ich ja selbst -schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „<em class="gesperrt">Bann</em>“ -auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und -mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und -träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft -herzhaft wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und -Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft -schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder -zerronnen!</p> - -<p>Ich gedachte <em class="gesperrt">Olufsohns</em>. — Wie ganz anders war’s dem gelungen! -Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein -armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht -tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog -er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach -so viel abgestandenen Mühen und Gefahren — ein Landläufer und Bettler, -wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen, -ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf -mir allenthalben ein Bann gelegen?</p> - -<p>Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s -wie Schuppen von den Augen — <em class="gesperrt">es war ein Unterschied, ein großer -Unterschied zwischen mir und ihm</em>: er hatte seines Vaters Segen -beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn -gemacht. Ein Gebot hatte <em class="gesperrt">ich</em> unter die Füße getreten, <em class="gesperrt">er</em> -aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „<em class="gesperrt">Du sollst deinen -Vater und deine Mutter ehren!</em>“ und der Herr war Richter gewesen -zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „<em class="gesperrt">auf -daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden</em>!“ Mich aber -hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel -gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht, -siehe! das ist der <em class="gesperrt">Bann, der auf dir liegt</em>!“ So sagte mir die -Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan -würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den -heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch, -herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch, -lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der -Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht -vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer -Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch -sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern -erzählen, daß „<em class="gesperrt">wenig und böse</em>“ die Zeit Eures Lebens gewesen um -des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir: -es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt, -wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben -Jahre lang gewesen war, — ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst -fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale -wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich -damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich -beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Wehe, wehe, wehe!</em>“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der -Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum -liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in -der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen — nur so lange noch, bis -ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht, -bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten -Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir -ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und -ihm sagen<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir, -ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“</p> - -<p>So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem -anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder -Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte -mir nicht Ruhe noch Rast.</p> - -<p>Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den <em class="gesperrt">Mainstrom</em> wieder. Nun -hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders -beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen -Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen -werd ich Euch nicht mehr!</p> - -<p>Als ich an ein Dörflein kam unterhalb <em class="gesperrt">Wertheim</em> — -<em class="gesperrt">Bestenheida</em> genannt — konnt ich vor heftigem Stechen kaum -mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon -dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse, -wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg -gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er -mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon. -Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu -mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen, -leeren Zimmer.</p> - -<p>Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges -Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen -offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich -fragte, wo ich denn sei. — „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte -das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest -hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> gestorben; ich -allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“</p> - -<p>„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. — „Ein Waisenkind! -Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages -die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater -totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben -sie hierher getan.“</p> - -<p>„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, — „der Krieg -bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber <em class="gesperrt">beten</em>! -Meine Mutter hat mich’s gelehrt — ich bete alle Tage! — Soll ich -einmal beten?“ — „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die -Hände und hub an:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit,</div> - <div class="verse">Sein Will’, der ist der beste;</div> - <div class="verse">Zu helfen den’n er ist bereit,</div> - <div class="verse">Die an ihn glauben feste.</div> - <div class="verse">Er hilft aus Not,</div> - <div class="verse">Der fromme Gott,</div> - <div class="verse">Und züchtiget mit Maßen!</div> - <div class="verse">Wer Gott vertraut,</div> - <div class="verse">Fest auf ihn baut,</div> - <div class="verse">Den will er nicht verlassen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht,</div> - <div class="verse">Mein’ Hoffnung und mein Leben,</div> - <div class="verse">Was mein Gott will, daß mir geschicht,</div> - <div class="verse">Will ich nicht widerstreben:</div> - <div class="verse">Sein Wort ist wahr,</div> - <div class="verse">Denn all mein Haar</div> - <div class="verse">Er selber hat gezählet;</div> - <div class="verse">Er hüt’t und wacht,</div> - <div class="verse">Stets für uns tracht’t,</div> - <div class="verse">Auf daß uns gar nichts fehlet.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> - <div class="verse">Drum will ich gern von dieser Welt</div> - <div class="verse">Scheiden nach Gottes Willen</div> - <div class="verse">Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt,</div> - <div class="verse">Will ich ihm halten stille.</div> - <div class="verse">Mein’ arme Seel’</div> - <div class="verse">Ich Gott befehl’</div> - <div class="verse">In meinen letzten Stunden:</div> - <div class="verse">O frommer Gott,</div> - <div class="verse">Sünd’, Höll’ und Tod</div> - <div class="verse">Hast du mir überwunden!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein -Lob zugerichtet! — Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt, -und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des -Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte -ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den -letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei -Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein -Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir -kein nütze!“</p> - -<p>„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht, -einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“</p> - -<p>„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon -dagewesen, — aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht -aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“</p> - -<p>Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden -Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden -verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein -so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber -nun all<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen -und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den -Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von -hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch -mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes -Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen, -aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und -löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer -Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt <em class="gesperrt">tiefer, viel tiefer graben</em>! Womit -Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren -<em class="gesperrt">himmlischen</em> Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt, -wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht -Psalm 51 und lautet: <b>An dir allein</b> <em class="gesperrt">hab ich gesündigt und -Übel vor dir getan</em>, auf daß du recht behaltest in deinen Worten! -<em class="gesperrt">Das</em> Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge -Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, — ich gönn Euch -herzlich diese Freude, — aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr -am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde -vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr -bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre -kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu -Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn -zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was -für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen -und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts -ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk -an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung, -der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und -lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat. -Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger -dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer -werten Wort, daß <em class="gesperrt">Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder -selig zu machen</em>.“</p> - -<p>So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß -sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn -hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich -gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen -Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind -gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des -Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s -sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und -dem Abgrund ewigen Jammers, — gerade da hat der Herr die Decke von -meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des -Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen -Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten, -der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort -gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese -sein!</p> - -<p>Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel -schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist, -wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei -der Hölle gewesen, ich bin<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> so müde geworden von Seufzen, ich habe -wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen -manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort -Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, -ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab -ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das -Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es -durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark -und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die -alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal -ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben -auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in -meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.</p> - -<p>Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch -einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören, -doch aber — es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders -beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade -gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens, -in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die -geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt -ich das Böse nicht auch hinnehmen?</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Warum sollt ich mich denn grämen,</div> - <div class="verse">Hab ich doch Christum noch,</div> - <div class="verse">Wer will mir den nehmen?</div> - <div class="verse">Wer will mir den Himmel rauben,</div> - <div class="verse">Den mir schon Gottes Sohn</div> - <div class="verse">Beigelegt im Glauben.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>So lebt denn wohl, <em class="gesperrt">herzliebe Eltern</em>! Gottes Lohn für jedes -Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele -gelegt! — endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der -Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine -Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde -beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, — <em class="gesperrt">dort</em>, -wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. — Ihr, -meine lieben <em class="gesperrt">Geschwister</em>, gedenket mein wiederum im Guten und -betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, — denn auf dem -heißt’s: <em class="gesperrt">Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!</em></p> - -<p>Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß -geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine -Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder -führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme -gebricht. Sagt auch dem <em class="gesperrt">Amtskeller</em>, daß ich ihn tausendmal um -Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir -stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen -keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in -Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn -von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn -gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter -Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht -anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele -Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung -verleihen wolle mit den andern allen!</p> - -<p>Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Christus, der ist mein Leben,</div> - <div class="verse">Und sterben mein Gewinn,</div> - <div class="verse">Dem tu ich mich ergeben,</div> - <div class="verse">Mit Freud fahr ich dahin.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der -<em class="gesperrt">siebten</em> kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs -finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch -Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem, -der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin <em class="gesperrt">lebet wohl -und gedenket mein in Frieden</em>! Darum bittet Gott und Euch</p> - -<p class="center">Euer getreuer Sohn</p> - -<p class="center mleft7"><b>Valentinus Gast</b>,</p> - -<p class="right">der Verlorene, aber -<em class="gesperrt">Wiedergefundene</em>.</p> - -<p class="right mright2 mtop2">Am 3. Juni 1639.</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem -Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf -den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten. -Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein -Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen -Brief Euch zustellt, — ich will das Wenige, was ich noch habe, vor -meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich <em class="gesperrt">allhier</em> sterben, wird -der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die -Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. — Werde ich Euch -noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s -manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! — <em class="gesperrt">Nun wie Gott -will!</em> Amen, Amen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Valentins Tod.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Da neigt er sich nun eben,</div> - <div class="verse">Verwelkt und sinket hin,</div> - <div class="verse">Den ich sah aufwärts streben</div> - <div class="verse">Mit also stolzem Sinn,</div> - <div class="verse">Der Knabe, jung von Tagen,</div> - <div class="verse">Sein Haupt herniedersenkt,</div> - <div class="verse">Ach, ach, nun muß ich klagen,</div> - <div class="verse">So sehr ist es erkränkt;</div> - <div class="verse">Die Seel’ schon auf der Zungen</div> - <div class="verse">Wird er’s jetzt hauchen aus,</div> - <div class="verse">Nun muß es sein gerungen</div> - <div class="verse">Mit Tod und letztem Strauß.</div> - <div class="verse s5 mleft4">Spee’s Trutz-Nachtigall.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen, -verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige -Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden -meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens -war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war -durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele -freute sich Gottes, meines Heilandes.</p> - -<p>Da gedachte ich auch, wie die droben — mein Weib und meine Töchter -und mein Johannes — auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des -Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und -Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn -gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut, -vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher -waren sie mir wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> immer vorgekommen als solche, die geschieden aus -großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die <em class="gesperrt">Seligen</em>, -angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und -verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte, -ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine -Gedanken! — der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind -und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.</p> - -<p>Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht -von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern -und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und -durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben, -betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und -Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte -ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem -getreuen Gott, — derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den -Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut -nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken -hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit -seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus -einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein -Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten -bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.</p> - -<p>Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr -matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte, -daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit -begraben<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem -ich für ihn oder für mich zu beten hatte.</p> - -<p>Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn -fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter -unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Nur elf Jünger blieben treu,</div> - <div class="verse">Gib daß gar kein Abfall sei.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen -Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die -Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich -angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn -Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, — doch hat der -gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen -Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit -meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und -das Brot essen werde im Reich Gottes! — — Gott segne dich, Olufsohn!“</p> - -<p>Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan, -und dankte dem Herrn, daß er es erhört.</p> - -<p>Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für -sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet. -Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr -sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann -wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte, -so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem <em class="gesperrt">Siegesbette</em> -denn an einem <em class="gesperrt">Siechbette</em> zu stehen meinte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p> - -<p>Endlich schlug es <em class="gesperrt">ein Uhr</em>! Da hielt er den Atem an, wie wenn -er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, — es war -wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit -bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“ -rief und seinen Spruch anhub:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„<em class="gesperrt">Eins ist not!</em> du treuer Gott,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Schenk uns einen sel’gen Tod</em>!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank -auf sein Kissen zurück. — „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn, -— da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.</p> - -<p>Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete -die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner -seligen Mutter geworden waren, und betete, — unten auf der Straße aber -wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das -Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen -einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend, -zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten -und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da! -sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals, -da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und -darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird. -Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem -Weinen: „<em class="gesperrt">Armer, armer Valentin!</em> was ist aus den hochgehenden -Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen, -wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, — auf der -grünen<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins -arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du -seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch — wie muß ich dir, -mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit -dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß -du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen -in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. <em class="gesperrt">Der -Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei -gelobet!</em>“</p> - -<p>Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah, -daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und -weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete -mich mit viel lieblichen Worten.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="left" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes -Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Noch ein Gottesgericht.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.</div> - <div class="verse s5 mleft20">Sprichwort.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!</div> - <div class="verse">Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.</div> - <div class="verse">Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,</div> - <div class="verse">Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.</div> - <div class="verse s5 mleft11">Shakespeares Macbeth.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">G</span>egen Morgen schickt der <em class="gesperrt">Pfarrherr</em> zu mir und läßt mir -ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse -nehmen und mit hinter nach <em class="gesperrt">Eibelstadt</em> gehen, ein Soldat sei vom -Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige -Nachtmahl<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den -Weg.</p> - -<p>Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und -erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein -gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen -Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und -eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und -den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt. -Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr -treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.</p> - -<p>In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn <em class="gesperrt">von Greifenklau</em> Haus -gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte. -Als ich die Lichter angezündet und die <span class="antiqua">vasa sacra</span> hergerichtet, -wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit -meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das -Rathaus ist.</p> - -<p>In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel -Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern -gedachte des Hingeschiedenen.</p> - -<p>Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann -mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich -freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei. -Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister -fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände -bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach -dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er -unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem -Morgen ge<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>kommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten -in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das -Städtlein heiße?</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Sommerhausen!</em>“ erwiderte ich. — „Sommerhausen?“ sagte der -Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen -Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten -einer unter unserem Regiment gedient.“</p> - -<p>„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter -das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die -herumliegenden Soldaten, — es waren schwedische Dragoner, was ich -jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“ -fragte ich, indem mir das Herz klopfte.</p> - -<p>„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der -Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter -Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort -steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da -sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst -schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen, -wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin -nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen -Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“</p> - -<p>„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt, -nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer -Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.</p> - -<p>„Ich heiße <em class="gesperrt">Olufsohn, Swen Olufsohn</em>!“ gab er mir zur Antwort, -„und bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem -Gordonschen, und dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, -hat geheißen <em class="gesperrt">Gast</em>, — <em class="gesperrt">Valentinus</em> war sein Vorname! Kennt -Ihr den Namen?“</p> - -<p>Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname -geheißen!</p> - -<p>„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja -mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich -auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt: -Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“</p> - -<p>„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden -Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“</p> - -<p>„Ja!“ erwiderte ich, „<em class="gesperrt">er ist heim</em> gekommen — seit drei Tagen -zu mir, seinem <em class="gesperrt">leiblichen</em> Vater und zu seiner <em class="gesperrt">irdischen</em> -Heimat, und heute nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser -Städtchen zogt, zu seinem <em class="gesperrt">himmlischen</em> Vater und zu seiner -<em class="gesperrt">himmlischen</em> Heimat. Euch aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“</p> - -<p>Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines -Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun -wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch -Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er -habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht, -er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er -selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott -so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen, -er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar -ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen -lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was -meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlich<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>keit und -Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich -sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn -sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.</p> - -<p>Während wir noch also miteinander redeten, kam der <em class="gesperrt">Pfarrherr</em> -ganz erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und -sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben! -Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen -aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein -verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen! -Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine -Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber, -als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten, -da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten -freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei -jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum -Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst -zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die -Stube.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_158" name="illu_158"> - <img class="mtop1" src="images/illu_158.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot1 no-break-before">Sie kamen haufenweise in meine - Stube, ihn noch einmal zu sehen (<a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">24. Kap.</a>)</p> -</div> - -<p>Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß -aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei -Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen -umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren -Stimme, „du Graukopf, — hab ich dir nicht schon einmal den Schädel -gespalten? — Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und -jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher -in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine -Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? <em class="gesperrt">Vorwärts, -vor<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>wärts</em>, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute -gibt’s Dukaten — wird <em class="gesperrt">alles</em> geteilt, brüderlich! — aber dem -Grünrock seine gehören mir, — pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück -ihm die Kehle zu, — ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes! -’s sind zwei über einen! — Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen -starren! So — jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der -<em class="gesperrt">Graukopf</em> lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei, -du kennst mich schon!“</p> - -<p>„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist <em class="gesperrt">Nikol Paradeiser</em>, der den -alten Veit erschlug!“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Nikol Paradeiser?</em>“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel -hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner! -Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht -stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! — So ist’s -recht, — Teufel, da liegt er ja wieder! — Hopp, hopp, Schimmel! — -<em class="gesperrt">Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!</em> Laß mich doch, alter Tropf, -du wirst mich doch nicht zwingen?“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Das ist Gottes Gericht</em>, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich, -„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen -einen Mord begangen!“</p> - -<p>„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die -ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, — „ich -bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid -darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter -dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben -und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der -Geschichte gesprochen, — mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht -er!“ und es ist mir ein Schrecken<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> durch alle Glieder gefahren, denn -ich sah ihn auch leibhaftig.“</p> - -<p>„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein -für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat -euch geschlagen. <em class="gesperrt">Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von -nun an!</em> — Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen -geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er -seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes -Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und -fallen, da sie niemand jagt!“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Niemand jagt?</em>“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist -er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will -dir den Rest geben, — ich will — ich will“ — damit schleuderte -er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von -sich und sprang aus dem Bett, — der Rittmeister lief herzu, wollte -ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke -jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und -war tot.</p> - -<p>Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes -mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der -Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber -und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister -Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<h2 class="left" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel.<br /> - -<span class="mleft2">Schluß.</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry_right"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Dem Leib ein Räumlein gönn’</div> - <div class="verse">Bei frommer Christen Grab,</div> - <div class="verse">Auf daß er seine Ruh’</div> - <div class="verse">An ihrer Seite hab’!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin -Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war -nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe -weiterziehen müssen.</p> - -<p>Es hatte <em class="gesperrt">Hans Ebeling</em> meines Weibes und meiner Kinder, dazu -des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden -Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes -hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte. -Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben -noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um -ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube, -ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte -schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort -einmal eine Liebe erzeigt, — selbst des <em class="gesperrt">Hans Mündleins</em> Witwe -kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen -Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen, -erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie -jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen -ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das -war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr -schlug, hörten wir einen starken Schritt auf<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> der Straße und laut -Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin -ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff -mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald -kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm, -Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen -noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten -des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes -gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid -um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir -gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“ -Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und -Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter -auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, — -dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.</p> - -<p>Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur -Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald -das Lied anstimmten: „<em class="gesperrt">Jerusalem, du hochgebaute Stadt!</em>“ Als die -drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden, -welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein, -wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst, -geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern -Dragonern, welche den Zug schlossen.</p> - -<p>Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage -sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben -nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun -laßt uns den Leib<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die -Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, — dann war alles vorüber, und -wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen. -— Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis -bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt -begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch -übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir -alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen -Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem -Rittmeister — nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die -Wallfahrt auf Erden dauert.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? — -Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen, -abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in -diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte, -jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „<em class="gesperrt">Komm!</em>“ und meiner -Kinder Stimme: „<em class="gesperrt">Komm, komm!</em> du hast auf Erden nichts mehr zu -suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre -Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist -mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins -Begräbnis:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Jerusalem, du hochgebaute Stadt,</div> - <div class="verse">Wollt Gott, ich war in dir!</div> - <div class="verse">Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat,</div> - <div class="verse">Und ist nicht mehr bei mir!</div> - <div class="verse">Weit über Berg und Tale,</div> - <div class="verse">Weit über blaches Feld</div> - <div class="verse">Schwingt es sich über alle,</div> - <div class="verse">Und eilt aus dieser Welt.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p> - -<p>Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das -„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine -Nachfahrt halte?</p> - -<p>Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der -Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert -während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt -einen <em class="gesperrt">besseren</em> Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht, -mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur -Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird. -<em class="gesperrt">Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren</em>, und ob mein -Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm -gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, — doch aber -hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm -und Nacht, in Angst und Not allezeit meine <em class="gesperrt">Augen deinen Heiland -gesehen</em>, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich, -ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach: -„Herr, hilf mir!“</p> - -<p><em class="gesperrt">Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine -holdselige Gestalt festgehalten bis heute?</em> Dann tritt her zu mir -und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:</p> - -<p class="center mtop1 mbot1"><span class="antiqua">Soli Deo Gloria!</span><br /> -<b>Dem Herrn allein die Ehre!</b><br /> -Amen!</p> - -<p>Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli <span class="antiqua">anno Domini</span> 1650.</p> - -<p class="right"><span class="mright5"><b>Udalricus Gast</b>,</span><br /> -zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.</p> - -<hr class="r65" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Schulmeister und sein Sohn, by -Karl Heinrich Caspari - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHULMEISTER UND SEIN SOHN *** - -***** This file should be named 60703-h.htm or 60703-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/7/0/60703/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60703-h/images/cover.jpg b/old/60703-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5c3466c..0000000 --- a/old/60703-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/druckerei.jpg b/old/60703-h/images/druckerei.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 837aa9b..0000000 --- a/old/60703-h/images/druckerei.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_001.jpg b/old/60703-h/images/illu_001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 721d012..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_034.jpg b/old/60703-h/images/illu_034.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 78e3990..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_034.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_052.jpg b/old/60703-h/images/illu_052.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ae09dc0..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_052.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_070.jpg b/old/60703-h/images/illu_070.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 390091e..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_070.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_088.jpg b/old/60703-h/images/illu_088.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4e5eefa..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_088.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_106.jpg b/old/60703-h/images/illu_106.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 89d0069..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_106.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_124.jpg b/old/60703-h/images/illu_124.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e8e8fa1..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_124.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/illu_158.jpg b/old/60703-h/images/illu_158.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d8f7843..0000000 --- a/old/60703-h/images/illu_158.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/verlag.jpg b/old/60703-h/images/verlag.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 630a260..0000000 --- a/old/60703-h/images/verlag.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60703-h/images/zier.jpg b/old/60703-h/images/zier.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8703ac3..0000000 --- a/old/60703-h/images/zier.jpg +++ /dev/null |
