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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 15:13:50 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Krawall - Lustige Geschichten - -Author: Ludwig Thoma - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60702] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie - möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Einige Textstellen in hochdeutscher - Standardsprache sind stark regional gefärbt; diese wurden nicht - verändert, sofern der Sinn des Textes allgemein verständlich - bleibt. Gleiches gilt für die Passagen in bayerischem Dialekt. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen - (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom - Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - -Krawall - -Lustige Geschichten - - - - -[Illustration: - - Ullstein-Bücher - - Eine Sammlung - zeitgenössischer - Romane -] - - - - -[Illustration: - - Krawall - - Lustige Geschichten - - von - - Ludwig Thoma - - Ullstein & Co - Berlin-Wien -] - - - - -Inhalt - - - Seite - - Krawall 5 - - Kaspar Asam 33 - - Kabale und Liebe 59 - - Die Fahnenweihe 83 - - Die Richter 129 - - Der Bader 151 - - Der Kindlein 167 - - Besserung 189 - - Tante Frieda 207 - - Die Indianerin 243 - - Mucki 265 - - Der Lämmergeier 279 - - Der Einser 295 - - Der Vertrag 305 - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Krawall] - - Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München - - -Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen -Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn -selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter -den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich -will die Geschichte der Reihe nach erzählen. - -Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß -auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns -gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die -privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und -der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg -gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder -Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche -ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der -Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied -Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den -Säbel schleifen lassen. - -Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von -der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet, -wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf -der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten -Frauen einschreiben lassen. - -Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat -man geglaubt, es ist schon so weit. - -Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal -hintereinander. -- -- - -Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still, -eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die -Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die -Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber -es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl. - -Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er -die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft -vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die -Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen. - -Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind, -denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen. -Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war; -später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen. - -Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch. -Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch -spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die -Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele -Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet. - -Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar -Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt, -lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so -hinaufgezogen. - -„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn -ich es aber wissen täte!“ - -Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein -paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der -Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher -haben damals keinen Spaß verstanden. - -Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied -Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch -geschlagen hat. - -Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen -die Preußen zusammen. - -Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es -war die erste Kontrollversammlung angesagt. - -Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht. - -In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine -andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den -Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische -Soldaten werden müssen. - -In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme -zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben -noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht -mehr altbayrisch sein soll. - -„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. -„Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen -Glauben!“ - -Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche -gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren -voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon -ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt. - -Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den -Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt. - -Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg. - -In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren -ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die -Karten und klopft ihm auf die Schulter. - -„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß -auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“ - -„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen -Sie?“ - -„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein -Flegel bin.“ - -„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist -die Polizei?“ - -„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, -„vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen. - -Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den -König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten -von den Stockacher Bauern.“ - -Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was -sie denken sollen. Der Bezirksamtmann -- Alois Reich hat er geheißen, -und er war aus der Rheinpfalz -- hat die Karten hingelegt und ist -wütend auf den Marktplatz hinaus. - -Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von -Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine -Auskunft geben können oder wollen. - -„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann. - -„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt, -„hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir -Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“ - -„Aha! Pfeift der Wind aus +dem+ Loch? Ich will Ihnen was sagen. -Innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern -beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen -Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, -dann sollen Sie mich kennen lernen.“ - -„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger -die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch -werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. -Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste -dagegen.“ - -Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und -offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es -nur keine Konsequenzen gehabt hätte. - -Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, -oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand. - -Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen -eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es -eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, -und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war. - -Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen -die Bauernburschen in die Stadt gekommen. - -Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in -der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht. - -Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich -noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen -und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie -Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die -Fenster gezittert haben. - -Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die -Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt. - -Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer -aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, -sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander -geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben. - -Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich -die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich -angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die -Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken. - -Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein -allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen: - -„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“ - -Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie -nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist -auf den Boden gelaufen. - -Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den -andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben -sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen. - -Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der -Jüngste Tag ist gekommen. - -Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein -paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf, -ein Wort gröber wie das andere. - -„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir -schlecht!“ - -Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm -auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod. - -Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in -den Haufen hinein ist. - -Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht -sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß -und schreit: - -„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang -wir noch bayrisch bleiben.“ - -„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine -solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten -ist.“ - -„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß -herunter. - -Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an. - -Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit: - - „Schenkt’s mir amal was boarisch ein! - Boarisch woll’n wir lustig sein, - Schenkt’s mir amal was boarisch ein, - Boarisch woll’n wir sein!“ - -Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich -schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der -Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang -in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche. - -„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn -er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“ - -Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen, -denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für -kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen; -aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl -über das Rathaus her. - -Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben -geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten. - -Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein -gesagt in der ganzen Gegend. - -Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den -Gemeindeschreiber bei der Gurgel. - -„Wo sind die Preußen?“ - -„Heraus damit!“ - -„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“ - -„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“ - -Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen -ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die -Fenster, johlen und brüllen. - -Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen. - -Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz -gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in -die Kirchgasse gelaufen. - -Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl -geschehen. - -„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke. -Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn -selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der -Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt. - -Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde -gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern -stürmen das Rathaus!“ - -„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes -willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die -Magistratsrät?“ - -„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“ - -„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“ - -Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig. - -„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die -Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst -und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“ - -Und das war auch richtig. - -Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß -Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt, -und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie -so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal. - -Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch: - -„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich -alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am -Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“ - -„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“ - -Aber der Messerschmied Simon fragt barsch: - -„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“ - -„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch -ins Unglück.“ - -Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei. - -Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt. - -Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm -blasen. - -Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die -Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall. - -Aber kein Mensch kommt heraus. - -Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, -schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen. - -Jetzt rasselt auch eine Trommel. - -Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm -erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan! - -Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich -keiner blicken. - -Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl. - -Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider -sind auch bei ihm Fenster und Läden zu. - -Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“ - -„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen. - -„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die -Bauern sind über uns.“ - -„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine -Antwort mehr. - -Der Simon hält Kriegsrat. - -„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu -ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“ - -Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant. -„Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen, -denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln -die Köpfe nicht einschlagen.“ - -„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an -den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt -hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“ - -Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß -unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei -der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte. - -Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des -Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich -voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei. - -Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen; -aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und -sein Feldwebel war bei ihm. - -Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und -blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück. - -Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre -wahrscheinlich ein Unglück passiert. - -Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn -ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später -so gekommen. - -Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein -fuchsteufelswildes Gesicht. - -Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: -„Wer sind Sie?“ - -„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“ - -„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen -Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“ - -„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit -meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“ - -„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an -und den Trompeter und den Pionier. - -„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf -unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will. - -„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von -ihm.“ - -„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“ - -„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst. - -Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine -Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir -rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“ - -Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß -man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt. - -Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, -denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen. - -Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die -Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen -dann johlend auseinander. - -Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das -Bier aus. - -Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe -Umschau halten. - -„Was ist los, Batz?“ - -„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere, -und sie schreien immer noch.“ - -„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“ - -„Nein, da sieht man gar nichts.“ - -„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse -müssen sie kommen.“ - -„Nein. Man sieht nichts.“ - -„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau -hin!“ - -„Man sieht keinen Menschen nicht.“ - -„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel -Burschen auf dem Platz?“ - -„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“ - -„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“ - -„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst. - -„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß, -schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und -Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt -das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“ - -Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören, -packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können. - -Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher -die Polizei heimgenommen. - -„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt -schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“ - -Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau -gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben -sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem -Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und -Aktendeckeln. - -Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen -worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo -zugerufen. - -Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit -dem Säbel gedankt. - -„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt -noch.“ - -Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß. - -„Was willst?“ - -„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“ - -„Was für einen Major?“ fragt der Simon. - -Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den -Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat. - -„Ist er noch drin?“ fragt der Simon. - -„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“ - -Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht -die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem -Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor -lauter Angst, wer denn kommt. - -„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon -was anderes geglaubt.“ - -Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut -seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch -gefallen ist und sozusagen betäubt war. - -Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich -Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat. - -Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer -sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in -Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen -auch nicht das schönste Leben gehabt. - -Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar -jetzt anderweitig geschützt sind. - -Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später -doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat -es ausdrücklich so gewünscht. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kaspar Asam] - - Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München - - -Hinauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer -verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und -Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut. - -Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen -hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten -Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich -für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde. - -Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze, -sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche -Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen, -Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser Beschäftigung so -merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach. - -Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein -kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch -schnallen konnte. - -Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch -und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren -und wurde den Dürnbuchern unheimlich. - -Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett -wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war, -erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie. - -So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen -Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser -Ungerechtigkeit Haß gesogen. - -Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein -Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als -durch die Mißachtung der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit -erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte -bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch -er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte. - -Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen -ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen -Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der -Zweifelhaftigkeit hegt. - -Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus -Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den -Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei. - -Dann kam aber ein aufregender Vorfall. - -Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete, -merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war. - -Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen, -oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch -ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für -schuldig hielt. - -Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht -anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise -einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen. - -Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen -Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der -Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang -überfallen und windelweich geschlagen. - -Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die -öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht. - -Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen -war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden. - -Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben -durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten, -daß ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder -ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas. - - * * * * * - -Die Tage vergingen. - -Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen -des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche -Nachrichten über das Meer. - -Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten, -und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in -China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an? - -Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches, -denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und -freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis -nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und -von dort kam es zu lesen, daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein -müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den -Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt. - -Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das -Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich -in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich -vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die -Gedanken, welche darüber anzustellen sind. - -Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel -geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer -Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er -stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten -mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden, -die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris -und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur -schrieb, es sei genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den -Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die -Einladung zu einem Preiskegelschieben. - -Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht -weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen -merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen. - -Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein -großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam, -Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt. - -Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht -und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn -verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden, -dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem -Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam -für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches -ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug. - -Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es -hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden. -„Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, -daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter -den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den -telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das -Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral... - -Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten -mußten. - -Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber -der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die -Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern, -daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten. - -Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung -und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister -einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten. - -Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken -Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte -sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen -habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz -neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen -rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle. - -Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen -Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war -falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines -Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten -mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen -waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die -tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet. -Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß -der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten gehalten habe. Nur der -Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben -wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse, -könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht. - -Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten -Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen, -und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug -herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm -des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener -Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher -die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war, -als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im -Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und -daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft. - -Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben -und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine -geheiligte Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das -geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern -dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die -Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen -Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner -Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von -Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz -und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war -ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität -begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen -müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte -zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so -hieß: Jugend hat keine Tugend. - -Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen, -und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres -Sohnes Anerkennung und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher -Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er -einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit -mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte. -Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war. - - * * * * * - -Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal -einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und -Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an -der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden -betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke -Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen -Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der -es mit Freude begrüßen mußte, nach so vielen Jubiläen endlich -wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte -einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden -waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu -gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus -Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der -stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert -waren. - -Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und -marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang -genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und -eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße -heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten -Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch, -die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet. - -„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen -kletterte der Sieger von Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser -merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von -Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn -Sebald machte soldatischen Lärm. - -„Achtung! Still--gestanden! Augen rechts! Präsentiert das -- Gewehr!“ - -Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde -Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen. - -„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie, -indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest -für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen -Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren -wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres -obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck, -indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern -Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“ - -Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm -die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An -seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten, -und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat. - -„In Sektionen links schwenkt -- marsch!“ - -Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen -Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach -Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war. - -Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute -das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der -merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er -für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht -gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein -Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte -der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der Kirchgasse her mit Brausen -und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von -ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst -kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark -darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige... - -Silentium! - -Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar -Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts, -und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen -Bürgermeister, welcher nun sprach: - -„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari~ -sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort -verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. -~Nil admirari~, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte -Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen -Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen -sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vorsehung -unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen -Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen, -in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener -Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht, -daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken? -Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im -bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner -fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein -tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes. - -Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari!~ Welch ein -Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund -und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche -Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch -uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen -gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und -haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen! Denn nicht -ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es -war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern, -welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher -den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte, -diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns -nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind -unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser -Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene -patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und -Nord, hochverehrte Festversammlung, -- daß jene patriotischen Gefühle -auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates -und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten -Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust -schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die -Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem -engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können -diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir -rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und -Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“ - -Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur -mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der -Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit -einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister. -Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten -Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen -können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den -Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben -glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin -feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede -erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich auf die Schulter schlug und -ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er -hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten -saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er -sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter -ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine -Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, -fünf harte Taler und... - -Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will -sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und -verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen -rechtskundigen Bürgermeister. ~Nil admirari!~ - - * * * * * - -Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er -seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß. -Als vaterländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit -Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer -neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit -überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als -täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte -seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger -Anerkennung sicher zu sein. - -Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in -hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige -Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft -begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und -ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen -führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das -sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden -mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche -Erscheinung und bald eine ärgerliche Erscheinung. Unterweilen -versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm -das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der -Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein -idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die -Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als -gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher -herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling -der drei Monarchen. - -So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im -dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende -Gefühle. - -Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und -nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene -Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen, -welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs -gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen -Bierzeichen im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der -historischen Größe. - -Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in -gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein -Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin -den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand -gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken. -Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu -die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er -hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die -stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den -schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Kabale und Liebe] - - Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München - - -Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren -grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton -sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von -Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und -wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich -unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten -dem Frühling entgegen. - -Wo aus, du junger Schlossergeselle? - -Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und -bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an. - -Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte -er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin -das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden. - -Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr, -und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich -schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam. - -Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter, -zeigte sich lieblich zu ihm. - -Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die -Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über -knarrende Stiegen an einen Gartenzaun. - -Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu -einem andern in mondhellen Nächten. - -Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer! - -Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu -so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt. - -Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen -entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem -Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem -Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im -Liebesgarten umher. - -Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit -allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie -verwelkt war. - -Jungfer Babette wandte sich von ihm ab. - -Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige -Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares -hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten -vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den -Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war -er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen. - -Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen -Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ? -Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm -Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins -Freie schweifte. - -Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen -ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber -roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche? - -Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß -unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte. - -Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in -seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter -dessen Zweigen er glücklich gewesen war. - -Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und -darauf stand mit silbernen Buchstaben: - -Lebensweisheit in Versen. - -Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt -war. - - -Lenz und Herbst - - Die Blumen weinten in der Maiennacht - Um des geschiednen Tages süße Wonne. - Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht! - Zu Diamanten schuf sie um die Sonne. - - Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut, - Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken, - Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut, - Sind welk die Blumen alle hingesunken. - -„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb -die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und -wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war. - -Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen: - - „Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und - verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich - nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde, - und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse - begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem - allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker - entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende - Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben. - Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem - zahlreichen Besuche entgegen. - - Jakob Weindl, Theaterdirektor. - - Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen, - unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen - Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe, - dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet, - durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer - wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater - unbefriedigt verlassen. - - Die Redaktion.“ - -Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den -verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen -Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter -welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich -vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet -hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner, -von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung -um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch -übernommen hatte. - -Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin -der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus -kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch -andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte, -vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder -brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat -irgend etwas anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den -ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte. - -Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch -seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er -schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß -die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der -butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne. - -Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine -Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die -Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines -so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer -zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald -darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein -ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles -Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preissuche -eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es -momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem -Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen. -Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu -erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die -Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch -ätzender Lauge übergoß. - -Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen -Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen, -weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah -ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die -allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste -des Apothekerprovisors Elfinger. - -Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale, -und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden -fallen. - -Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne -zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus -Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford -und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen -großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin -schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in -Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden -Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine -vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen. -Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das -war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen -ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors, -Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als -Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die -übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem -Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die -Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des -Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein, -und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen -Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur -Saaltüre. - -„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig -auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich. - -„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen -vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er -der Närrin solide Absichten vor, -- noch besser.“ - -Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten? -Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien -vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte. - -Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen -waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die -ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in -diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt. - -„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands -- ich verwerfe Dich --- ein deutscher Jüngling!“ - -Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände, -daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte. - -„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter. - -„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter -Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für -ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse -Instinkte.“ - -„Aber als klassisches Stück?“ - -„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch. -Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die -Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt, -als der Hofmarschall auftrat?“ - -Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges -für seine Kritik zu verwenden. - -Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock -reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die -schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und -deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war -gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem -Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine -dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen, -als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung. - -Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte, -wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die -Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr -umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie -auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von -liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese -Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des -Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes -unter die Armen verteilen wollte. Schwindel! - -Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder -zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein -finsteres Schicksal über die braven Leute kam. - -Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne, -wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen -war, und alle anderen schwiegen erschüttert. - -Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit -nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und -brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein -höchst frivoles Lachen anzuheben. - -Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein, -der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen -abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich -jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen -konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer, -welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten, -mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der -schuftige Sekretär diktierte. - -Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände -ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual -auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und -arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche -Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete. - -Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte -mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der -immer mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz -in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat -an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du -genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! -Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn -im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“ - -Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und -bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein -Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme, -daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest! - -Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem -dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus -dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts -dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre -Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute -geschenkt hatte. - -Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford -hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges -Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den -Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen -Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, -rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte -zu Herrn Elfinger hinüber. - -Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es. - -Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den -Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes -malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit -zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten -Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie -schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal. -Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade. - -Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, -wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten -und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete. - -Der Vorhang fiel. - -Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber -Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte -mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes -und ging als der Letzte hinaus. - -Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo -sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die -Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück. - -Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln -Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer -Babette folgte und in eine Nebengasse bog. - -Er schlich ihnen nach. - -Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die -Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe. - -„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die -Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um -Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke -Ausfälligkeiten darin.“ - -„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“ - -„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den -Herzog spielen läßt.“ - -„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“ - -„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie -sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“ - -„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht -geben.“ - -„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“ - -Trollmann sperrte seine Haustüre auf. - -„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“ - -„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“ - -Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der -Einleitung zu verwerten waren. - -Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die -Befürchtungen Trollmanns bestätigte. - -Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig -heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter -Küssen das Unerlaubte versprochen hat. - -Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und -forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen, -wenn er es fertig bringe. - -Da tönte ein Halt. - -Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und -legte seine Finger um den Adamsapfel. - -Wie sie zittert, die Memme! - -Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? - -Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge -Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in -Unordnung. - -„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will -es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die -Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild -Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird. - -Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige -Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Die Fahnenweihe] - - Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München - - -[Illustration: Vorbereitung] - -Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der -Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön -der Reihe nach. - -Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim -Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du -sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“ - -„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do -koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er, -„dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer, -daß er einspannt.“ - -Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und -dem Hofbauern zum Dorf hinauf, daß die Stein geflogen und alle Hunde -rebellisch geworden sind. - -„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte -die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes -Mitleid. - -Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing -und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde. - -Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh. - -„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer. -„Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins -Höft, daß mir das gleich segn.“ - -„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So -lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö -Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch -her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös -kimmt net vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt. -Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“ - -„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel. -Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin; -deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß -mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“ - -So geschah es. - -Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer -Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer. - -Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub, -und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet. - -Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde. - -Sie war sehr schön, und -- wie am darauffolgenden Samstag das -Distriktsblatt meldete: „von blendendem Glanze, geschmackvoller -Symbolik und kunstreichster Ausführung“. - -In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über -denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel. - -Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub -Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“. - -Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit -Strahlen angebracht. - -Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine -Generalversammlung abgehalten. - -In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers. - -Sämtliche Stimmen -- auch seine eigene -- erhielt der Hofbauer Nazi, -welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das -Fest verzögert hätte. - -Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe -kaufen sollte, begegnete er den größten Schwierigkeiten, da alle -Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer -existiere leider noch nicht. - -Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten -Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die -Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen. - -Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die -vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft. - -Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem -Nutzen, wie wir später sehen werden. - -Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem -Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das -Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann. - -Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten -mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier -sparen. Ich will nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht -entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden -sollte. - -Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet, -darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der -Streitfrage beteiligten. - -Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer, -wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. - -„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum -soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter -Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach -ma die Sach kurz und gengan zu an +jeden+. An Vorabend halt ma -bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den -Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein -Sach.“ - -Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich -verhältnismäßig leicht. - -Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit -jeder Zeit zur Vorbereitung hatte. - -Und sie wurde gut benützt. - -Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu -beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um -sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an -Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf. - -Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle -miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß -warum. - -Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches -Getu. - -Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die -Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den -Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt -und die Andacht gestört ist. - -Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die -Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann -bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken, -und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt. - -Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich -sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor -der Kirchweih, dann langt es schon. - -Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war -wie -- der Bader. - -Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war. - -Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte -die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand -dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten -Wege ausgesucht. - -Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz -fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut -an die Wand hinredete. - -Mein Freund, der Förster erzählte mir -- und dann ist es gewiß wahr --, -daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader -untergekommen sei. - -„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er, -„sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige -Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber -net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was -Besonderes beobachten müßt.“ - -Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie -sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken. - -Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“ - -Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam -das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho -wieder. Desmal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia -der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei -der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner -rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und -deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken. - -„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren -von wegen dem Rasiermesser. - -Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die -Angst gönn, sag i: - -„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr -Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“ - -Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter. - -Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an: - -„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein -schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern, -der vor lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die -stolze Trophäe, die ich halte“... - -„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt -Di gar schö, i muaß niaßen.“ - -Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt -an Stuhl um und naus beim Tempel. - -„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö -war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war. - -„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz -verwundert an. - -„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen, -damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst -kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag -koan Spaß mehr.“ - -„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is, -nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein -Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa Klub- und -zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert -seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit -geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“ - -Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing -jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein, -wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt. - -Ich auch. - -[Illustration] - - -[Illustration: Das Fest] - -„Seppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast -as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh -schmeißt, na geht’s los.“ - -„Hamm ma’s? Firti!“ - -Pum! Pum! Pum! - -Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der -Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im -Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und -tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an. - -Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein -verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die -Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der -Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im -Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut -nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern -schon eingeholt. - -Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau -ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder -hinzruck, und so weiter, bis der ~C~-Trompeter erklärt, jetzt sei -ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit. - -So bricht der große Festtag in Kraglfing an! - -Allgemach wird es sieben Uhr. - -Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet -auf die einheimischen und auswärtigen Vereine. - -Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig -wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann. - -„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim -Lamplwirt warten dö Veterana auf mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr. -D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf; -bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö -ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö -Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö -liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“ - -Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein -paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem -Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter. - -„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö -Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i -wollt, i lieget dahoam im Bett.“ - -„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an, -„moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen, -nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“ - -„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel. - -„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom -Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh -jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst. -Pfüat Di!“ - -Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom -Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen -Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben. - -„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta -Pfeiferlverein?“ - -Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus -der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die -Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt -stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An--trötten! Schtüll -schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“ - -Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und -Tritt zum Gemeindehaus. - -Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon -haalt! Front!“ - -Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den -Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.) - -„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr -werd a glei do sei.“ - -Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der -Hutkrempen. - -„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er. - -„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern -wer’n aa nimmer lang aus sei.“ - -„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über -den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung. - -Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen -läßt; drei Chargierte, der Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten -vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden -dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen -Diskurs anfangen. - -Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen -tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben. - -Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die -Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben -daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim -Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der -Hofbauer setzt sich in Positur: - -„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“ - -Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie -der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als -tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen. - -Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist. - -Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger -Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger -Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger, -Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren, -die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die -Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und -zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn -mehrere haben eine alte und eine neue gehabt. - -Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum -Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche -Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte. - -Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut -in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt, -nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her. - -Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte. - -An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub -hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die -Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter -Ordnung. - -Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt. - -Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren -frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern -Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue -Fahne gestiftet hatte. - -So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen. - -Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten -Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine -Blicke waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des -Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen -ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er -den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs -auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war -so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten -und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der -Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten. - -Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt -kommen würde. Und lang kam gar nichts. - -Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den -Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man -auch ein paar Brocken. - -„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“ - -„I ko net.“ - -„Du muaßt.“ - -„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red -verschlag’n. Mir is alles gleich.“ - -„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di. -Was moanst denn, daß de sagen tat?“ - -„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“ - -„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“ - -„In Gott’s Nam!“ - -Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen -herauskommt, steigt der Bader auf das Podium. - -Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred -halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal. - -„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt -haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es -ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes Fest, es ist ein großes -Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in -Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah, -wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“ - -Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt -steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft -wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank -eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker -niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing -und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen -daheim erzählen werden!... - -Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der -Hofbauer. - -„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden! -Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho -gesagt, daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er -a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und -dös, was er sagen hat +wollen+. Und drum der Rauchklub soll leben; -füfat hooch! hooch! hooch!“ - -Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte -noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen. - -Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi -enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die -Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat. - - Noch gleichet eier kleiner Kreis - Dem leicht bewegten schwachen Reis, - Doch wird er wachsen immerdar - Und größer werden Jahr für Jahr, - Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit, - Nur pfleget die Geselligkeit, - Drum, daß ihr immer tut desgleichen, - Des sei die neue Fahn ein Zeichen, - Weil Freindschaft steht auf dem Panür, - Drum leb der +Rauchklub+ für und für. - -Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es -schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie -legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte, -daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf -und ab, als tät sie G’sott schneiden. - -Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch -besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben -hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte, -damit jeder an seine Krankheit glauben möcht. - -Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar. - -Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den -Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur -Kirche hinunter. - -Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu -beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den -Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist. - -Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein -Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen -an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die -Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und -der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht -angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische, -alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt. - -In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten -Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten -kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt. - -Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst. - -Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach -Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit -Sauerkraut. - -„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man -schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen. - -Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor. - -„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den -großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch, -pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller -fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“... - -Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln -auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt -ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue -Scharen drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll. - -Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen -voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im -Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine -Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles -in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß -gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen -Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird. - -In diese Idylle hinein blast auf einmal der ~C~-Trompeter das -bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange -Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei -Reden losschießen will. - -„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden -Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl, -sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln und Gelächter.) Aber indem -unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld -daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die -Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!) - -Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit, -indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht -vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch -bringen werden. (Bravo!) - -Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate) -ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen, -daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir -überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar -nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!) - -Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit -gedämpfter Schtümme hooch!“ - -Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem -Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht, -daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie -müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und -deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute -Red so viele Junge. - -Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der -~C~-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei, -dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf -und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor -Tellerklappern und Messerklirren überhört worden. - -Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und -feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von -Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von -Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter, -bis alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren. - -Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl -seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand -dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen -Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher -zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und -den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen, -probierte schon hie und da einer seine Singstimme. - -Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die -Fliegen langsam im Zigarrenrauch. - -Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl -nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce -und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen -zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß -finden sollte. Die Jungen waren rasch verschwunden, mit Ausnahme der -Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten, -weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit -ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim -Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen, -das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren -Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim -vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache -seines Leidens. - -„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß -nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so -a.. Oes versteht’s mi scho..“ - -„Jawohl,“ sagt der Hofbauer. - -„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r -i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden -Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es -hat mei ganze Geisteskraft dazu g’hört, daß i überhaupts red’n hab -kinna, an anderer war umg’fallen...“ - -„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing, -„aba jetzt is da wieda bessa?“ - -„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“ - -„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt -jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei -Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder -aufg’richt.“ - -„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt -der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko -oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern -Leut krank, aba +mei+ Red’...“ - -Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch -schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen. - -Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut -haben schon vom Mahl her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind -leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen. - -Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also -ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt -unten und oben gleichmäßig weiter. - -Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die -Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden -aufgefrischt im Bierdusel. - -„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“ -fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si -Dei Schlechtigkeit ausweisen.“ - -„Wos hob i?“ - -„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir -advikatisch.“ - -„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt -ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe. - -Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her. - -„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“ - -„Bst! Staat! D’Musik spielt.“ - -Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn -in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln -und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist -völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne -fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der -Hand drauf schlagt. - -Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede -sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam -schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und -vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer -schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus -muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er kann. -Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar, -unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür -kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil -ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das -andermal sagt er: - -„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl! -Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom -Jägersmann:“ - - Es wollte ein Jägerlein jagen - Dreiviertel Stunden vor Tag, - Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa! - Wohl in dem grünen Wald! - -Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei -dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden. -Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie -den Anfang: - - Kein Kränzigen darfst du nicht tragen - Auf deinen goldenen Haar, - Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben - Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa! - Wie andere Jägersfraun. - -„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“ - - Da Leberknödel und da Fastenknödel - Hamm sie mit anand z’trag’n, - Da hat da Leberknödel an Fastenknödel - Uebern Tisch obi g’schlag’n. - - Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea, - Zoag mar an Weg an d’Mühl oi, - Kost net irr gea, kost net fei gea, - Wat no mitt’n an Boch oi. - -„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an -allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller -werden die Maßkrüge leer. - -Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff -geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum -und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen -stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf -den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen. - -Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“ - -Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon -in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der -Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“ - -In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl -wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen. - -Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben. - -„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst -ja Dei’s Nächsten Guat!“ - -„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin -Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder -von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht -bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich -dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das -offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden -nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee -sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner -halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf -rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do -stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix -Guats.“ - -„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a -Red...“ - -„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei -Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“ - -„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand -bin i, und Punktum!“ - -„Oho!“ - -„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer, -„vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“ - -Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht -der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf, -daß sich der Lärm legt. - -Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den -Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu -lenken. - -„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem -ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es -mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat -ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich -auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die -wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches -Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns -alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“ - -Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom -Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen -gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und -rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind -die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle -Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich -stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird -immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den -Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die -Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern -von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist -der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch Pfeifen und Zurufen -finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische -Schlacht. - -Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe -krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und -Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter -abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und -entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat -seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt -sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso -tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den -Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider. - -Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen -das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die -brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der -Gendarmerie, durchzudringen und die Völker zu trennen. Aber wie sieht -der Festplatz in der Abenddämmerung aus! - -Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr -gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben -Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben -der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies -am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die -zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Die Richter] - - Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München - - -Johann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal -fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über -seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so -gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den -landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit -sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei -war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle -Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren. - -Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant -in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem -Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die -Kleidung des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt -wurde. - -Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer -jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe -ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres -Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden. - -Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange. - -Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger, -nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht -ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten -geführt hätte. - -Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen -Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte, -da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er -blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der -Herr Gendarmeriestationskommandant von Zeidlfing ihm einen Besuch -abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt, -sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte. - -Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage -das Gesetz beleidigt hatte. - -Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese -befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde. - -Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er -bedenklich den Kopf. - -Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie -Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll -schreiben mochte wegen dem Pfifferling. - -Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht -befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er -miterlebt, ja sogar verursacht hatte. - -Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte, -sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen. - -In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein -Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte. - -Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges -Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen -beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein. - -„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“ - -„I woaß scho,“ sagte der Feichtl. - -„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“ - -„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa -a kloans Präsent.“ - -„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“ - -„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf, -i les Dir des meinige für.“ - -Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und -Genosse...“ - -„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“ - -„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt -geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört, -Glas?“ - -„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß -eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“ - -„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“ - -„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben -hat.“... - -„Moanst? Nacha tua weiter!“ - -„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der -Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise -ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben.. -Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“ - -„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm -da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch -wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm -g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia -werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“ - -„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da -kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse -sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft -entfernten, daß diese Tathandlungen...“ - -„Wia hoaßt dös?“ - -„Tat...handlungen...“ - -„So? Tua weiter!“ - -„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem -Zu--sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“ - -„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“ - -„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma -mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da -schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“ - -„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner -to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur -wüßt, was i toa soll?“ - -„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma, -g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“ - -„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena -G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“ - -„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi. -Pfüat di daweil!“ - -Der Dienstag kam. - -In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem -Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei -Schäfer. Sie standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem -Gespräche begriffen. - -„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin -’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“ - -„Hast d’as draht?“ fragt Glas. - -„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net -lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“ - -„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern -hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö -Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma -eing’sperrt san.“ - -„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der -macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an -Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“ - -So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer, -weil die Türen gesperrt blieben bis zum Beginn der Sitzung. Der -Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht -gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen -bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen -Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen. - -Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot -ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den -„Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen -Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten. - -Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse, -einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals -durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch -späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine -ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat -gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller -Schimmel erschießen helfen. Später in der langen Friedenzeit hatte -er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene -Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so -trefflich zustatten kamen. -- - -Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch -häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab -es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen -Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen -schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch -seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen. -Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er -geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels -stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte. - -Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den -Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann, -wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das -Schloß probierten, um endlich kopfschüttelnd weiter zu gehen. Oder -wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an -die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand -Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne: - -„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem -Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw. - -Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen -Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in -sehr übler Laune fragte: - -„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und -noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum. -Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen -gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß -ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch -zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen -aufschreiben und jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is -das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich -bitten darf...“ - -Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch -ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen -lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu -faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel--stern -Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den -Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen -hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa -reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“ - -Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma -z’erscht dro. Geh zua!“ - -Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens -in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s -+Oes+ d’ Schöffa?“ - -„Ja,“ sagte Feichtl. - -„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut -treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne -Viertelstund auf Enk...“ - -„Auf ins?“ fragte Feichtl. - -„Natürli! Eigens auf Enk.“ - -„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu. - -„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder. - -„Wo nauf?“ fragte Glas. - -„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli -Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel. - -Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und -setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie -nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso -verblüfft hinaufschaute. - -Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß -Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an -ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der -Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten. - -Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte: - -„Sie sind heute zum ersten Male da?“ - -„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen -Körperverletzung...“ - -„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“ - -„G’wiß net!“ sagte Feichtl. - -Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen -darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre. - -„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch -fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“ - -Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte, -den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu -schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte. - -Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes -Namen ab, was noch geschehen werde. - -„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen -groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel, -rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“ - -„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel. - -Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber -niemand trat vor oder meldete sich. - -„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr -sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in -den Wirtshäusern herum.“ - -Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam -machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm -offenbar etwas zu sagen hätten. - -„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen -Sie etwas von den Angeklagten?“ - -„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“ -stotterte Feichtl. - -„Was? Wie heißen Sie denn?“ - -„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“ - -„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“ - -„I war der Glas...“ - -„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter -falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“ - -„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr -Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia -ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt -hamm...“ - -Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme -Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den -Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen. - -Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten -und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen -meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die -zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte. - -„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich -habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen -sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem -sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese -einfältige Verwechslung nicht passiert.“ - -In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte -Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die -Autorität bei den „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er -wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des -Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des -Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde. - -Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den -„Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls -sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er -schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. -- - -Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe -eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine -väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel -aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen -sollten. - -Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder -erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er -würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen -brauchten. Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte. - -Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere: - -„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht -an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den -Großkopfeten.“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Bader] - - Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München - - -Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und -Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver -so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen. - -Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten -Unruhe gewesen. - -Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die -Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen -wären. - -Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird -die großen Besorgnisse leicht begreifen. - -Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas -Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in -Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder -daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten -Cervelatwurst anfing. - -Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre -es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich -bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem -Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den -Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet, -und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine -große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der -Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute, -sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden. - -Und davon will ich jetzt erzählen. - -Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der -Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik -geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den -Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung -geführt haben. - -Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein, -im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind. - -„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“ - -Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier -gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist. - -„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren! -A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an -Riß kriegt hat.“ - -„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster. - -„Na, der Schacherl.“ - -„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend -über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“ - -„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer. - -„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit -konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht -oft ihre eigenen Wege.“ - -„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner, -„d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“ - -„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden -is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das -Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere -befinden. - -Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends -einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“ - -„Oho! Was is denn los?“ - -„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer -krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze -Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter -natürli mitten drin. Einen solchenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich -kein anständiger Mensch nicht hat halten können. - -Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der -hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die -Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr -gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé -is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“ - -Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben, -denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der -Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert. - -Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in -der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier -Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze. - -Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter -hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe -von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend, -brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet. - -„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“ - -„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter -daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“ - -„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“ - -„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“ - - „Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an, - Es lebe der Reservemann! - Der treu gedient hat seine Zei-a-eit, - Ihm sei ein volles Glas geweiht!“ - -„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr, -Herr Dokta?“ - -„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader; -„die heutige Jugend...“ - -Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren. - - „Da drob’n auf da Höh - Schteht die bayrisch Armee. - Soldaten sollen leben! - Schöne Mädigen daneben! - Tapfre Bayern sein’s mir, - Tapfre Bayern sein’s mir!“ - -„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg! -Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“ - -Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin, -schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen -noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste -Tanzerei im Gang. - -Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon -deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht -sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet -zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank -hineinschiebt. - -„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“ - -„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo -kommt’s denn her?“ - -„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf -Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma -auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt. - -Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken. -Und nacha san mar auf Huglfing.“ - -„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat -verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“ - -„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm -a’gefangt.“ - -„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“ - -„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört. -Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß -de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da -schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog net, Cenzl! Dos kunnt’st net -damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab -i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“ - -„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man -schon eine solchene Roheit g’sehen?“ - -„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an -g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“ - -„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“ - -Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig -und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden -Rundgesang anstimmten. - - „Mir Bayern hamm Muat, - Mir fürchten’s kein Bluat, - Mir haben’s Kuraschi, - Wenn das Blut fließt auf der Straße, - Tapfere Bayern sein’s mir, - Tapfere Bayern sein’s mir.“ - -Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und -gellende Pfiffe. - -An meinem Tisch war die Stimmung geteilt. - -Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der -Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird. - -„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese -Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen, -ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie -werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a -Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der -Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er -auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat. - -„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil -größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta, -net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“ - -Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den -johlenden Burschen vorbei. - - „Hat’s Di, Bodawaschl? - Host koan Kreizer Geld im Taschl, - Bodawaschl!“ - -Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als -wir schon im Freien angelangt waren. - -„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag -Ihnen au -- auf Ehr und Gwi -- Gwissen. Ha -- hat er Boda -- -- Bo --- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“ - -„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“ - -„N -- n -- nein! In die -- -- dieser Beziehung, hupp! ist es vo -- -- -von grr -- -- größter Be -- -- Bedeitung. Es hängt vie -- -- viel vo --- -- von Ihrer Au -- -- Au -- -- Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no --- -- nochmals, ha -- -- hat er Bo -- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“ - -„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“ - -„So? Hupp! Jetzt ko -- -- kost’s z -- -- z -- zwoa Mark..“ - -Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle -Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten. -Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß -der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde. - -Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter -meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen. - -Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen, -und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied -deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und -Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte -noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann -wurde es allmählich ruhig. - -Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich -trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden -starken Abbruch getan hatten. - -Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser -erfreulichen Tatsache. - -Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de -schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer -nicht verlesen wurde. Hier ist er: - - Lieber Freind, - - wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm - keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf - hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er - gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen. - - es grist eich eier werder Freind - - Josef Reischl, Gidler. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Kindlein] - - Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München - - -Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat -eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die -Augen zu und macht seinen Mund spitzig. - -Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr -Kindlein.“ - -Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen. - -Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne -Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser -Klaßprofessor. - -Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir -hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem -Kopf. - -Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit -ihm auf die Jagd gehen durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut -leiden und läßt es sich bloß nicht merken. - -Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut -habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren, -ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt: - -„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’ -kalt.“ - -Er heißt Gruber. - -Aber der Falkenberg schimpft gar nicht. - -Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da -haben alle gelacht, und er hat gefragt: - -„Warum lacht Ihr, Kindlein?“ - -Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und -hat gesagt: - -„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge -verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“ - -Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß -ich es war. - -Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf -mich hergegangen. - -Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor -mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt. - -Dann hat er gesagt: - -„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein -räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“ - -Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt. -Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht -der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß -ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber -der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter -schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm -die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn. - -Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal -in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir -verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte -auf den rechten Weg führen.“ - -Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich -nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat -getan, als wenn er mich nicht sieht. - -Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund -ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal -deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein -etwas antun. - -Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den -Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht. - -Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat -sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der -Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben. - -Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut. - -Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne -Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der -Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt. - -Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben -Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll -Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er -nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist. - -Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht -ausgelassen. - -Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf -den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt: - -„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch. -Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte -Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das -Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch -hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch -stärken.“ - -Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem -Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich -freuen muß. - -Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt -anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier. - -Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern -gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen. - -Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß -wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht -gönnt, daß wir frei haben. - -Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen -umschmeißt. - -Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung -gestanden ist. - -Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine -Zigarre. - -Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi -wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden -hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist. - -Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist -von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn -nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang -gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz -hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als -wenn er viel gekostet hat. - -Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir -haben auch geschimpft über den Kindlein. - -Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt -worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der -Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind die Professoren -gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist. - -Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf -herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde -haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat -geschrien: - -„Jetzt bringen sie ihn.“ - -Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf. - -Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von -Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat -gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein -geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume -darauf sind. - -Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was -ihm sein Herr anschafft. - -Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der -Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren. - -Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter -tun wollen. - -Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der -Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war -der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht -gekannt. - -Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört. - -Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige -aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung -war. - -Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster, -weil dort das Postament war und Blumen herum. - -Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl -dabei. - -Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil -er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat. - -„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt. - -„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich -gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden, -weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste. - -Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt: -„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“ - -Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete, -bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir -den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein -hineinschmeißen. - -Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte, -daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe. - -Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet, -denn wenn es aufkommt, ist alles hin. - -Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch -nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir -dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt. - -Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an -der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die -dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort. - -Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh, -daß mir niemand begegnet ist. - -Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel -war. - -Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte -gehört. - -Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt. - -Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das -Wochenblatt. - -Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er -schon weit weg war. - -Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist -kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist. - -Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu. - -Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen. - -Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es. - -Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an -die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch -schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt -ihn schon einer.“ - -„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat -stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen -haben. - -Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns -versteckt und haben gehorcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz -sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns -niemand gehen sieht.“ - -Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir -stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem -Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still -die Stiege hinaufgegangen. - -Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist -daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir -so schwitzten. - -Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft. - -Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der -Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er -lernt. - -Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen -schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die -dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den -Kranzler, und keiner hat etwas gewußt. - -Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so -geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er -lernt die dritte Konjugation. - -Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der -Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es -grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß. - -Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und -die Feier für den Aloysius. - -Aber sie ist nicht gewesen. - -Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute -sind herumgestanden. - -Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben -gestanden und der Falkenberg auch. - -Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da -waren zwei Löcher darin. - -Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt. - -„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt. - -„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt. - -„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt. - -Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der -Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst -gehört hat. - -Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell -hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie -sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen, -und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und -der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat -man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt, -wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft. - -Der Pedell hat das gesagt. -- - -Ich habe mich nicht gerührt, und der Fritz auch nicht. - -Er hat nur zum Friedmann gesagt, daß er jetzt die dritte Konjugation -kann. - -Ich bin zu den Großen hingegangen, wo die Professoren gestanden sind. - -Der Pedell hat immer geredet. - -Er erzählte alles immer wieder von vorne. - -Er hat gesagt, daß er daheim war und nachgedacht hat, ob er vielleicht -eine Halbe Bier trinken soll. - -Auf einmal hat seine Frau gesagt, es hat gescheppert, als wenn eine -Fensterscheibe hin ist. - -„Wo soll eine Fensterscheibe hin sein?“ hat er gefragt. - -Dann haben sie gehorcht, und er hat die Haustüre aufgemacht. Da ist ihm -gewesen, als wenn er einen Schritt hört, und er ist in sein Zimmer und -hat sein Gewehr geholt. - -Dann ist er hinaus und hat dreimal „Wer da?“ gerufen. - -Denn beim Militär hat er es so gelernt, wo er doch ein Feldwebel -war. Und im Krieg haben sie es so gemacht, da ist immer einer Posten -gestanden, und wenn er etwas Verdächtiges gehört hat, hat er „Wer -da?“ rufen müssen. Es hat sich aber nichts mehr gerührt, und er ist -im Hofe dreimal herumgegangen und hat nichts gesehen. Und dann ist er -zum Sternbräu gegangen, weil er gedacht hat, daß er eine Halbe Bier -trinken muß. Er hat gesagt, wenn er einen gesehen hätte, dann hätte er -geschossen, denn wenn einer keine Antwort nicht gibt auf „Wer da“, muß -er erschossen werden. - -Der Rektor hat ihn gefragt, ob er keinen Verdacht hat. - -Da hat der Pedell gesagt, daß er schon einen hat, aber er hat mit den -Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er es noch nicht sagen darf, weil -er ihn sonst nicht erwischt. - -Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell -gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren -gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt. - -Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt. -Da hat der Pedell wieder mit den Augen geblinzelt und hat gesagt, daß -er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort -anschauen. - -Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß -einmal „Wer da?“ und er schießt gleich. - -Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt, -aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß, -und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird. - -Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem -Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und -alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es -zuerst gehört hat. - -Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz -vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die -Füße. - -Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar -lachen müssen. - -Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist -gefragt worden, ob keiner nichts weiß. - -Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius -nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat. - -Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen -zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels. - -Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der -Fritz wissen es. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Besserung] - - Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München - - -Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt: -„Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so -dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“ - -Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel -Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr -hinausschieben darf. - -Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es -noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit. - -Aber die Tante sagte: - -„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft -versprochen.“ - -Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das -Geräucherte haben und Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so -furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, -ob er nicht an sein Kind denkt. - -Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat -freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er -kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis. - -Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde -schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht. - -Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir -Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht. - -Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug -hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch -Zigarren kaufen. - -Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter -Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er -ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet. - -Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das -Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: -„Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen -Vierer.“ - -Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer -Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt: - -„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem -Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“ - -Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom -Omnibus. - -Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis -hat man immer in der Tasche. - -Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns -furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind. - -Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die -Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war -schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder -lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen. - -Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines -gekommen, wo schon Leute darin waren. - -Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein -großes, silbernes Pferd. - -Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat -gescheppert. - -Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille, -und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat -zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er -ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat. - -Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den -Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht. - -Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich -angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden -und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie -alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich -von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist. - -Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der -Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die -verrohte Jugend sieht.“ - -Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer -weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe. - -Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und -der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der -ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, -daß die Volksschulen immer schlechter werden. - -Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es -heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben. - -Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen -Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen -auf den Kopf haut. - -Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben -mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen -Burschen ihr Sitzleder verhaut. - -Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen -Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt: - -„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“ - -Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß -gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker -aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute -angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen. - -Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben -es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster -hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen. - -Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der -Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“ - -Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid -haben.“ - -Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt: - -„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst -gestraft.“ - -Und der große Mann sagte: - -„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“ - -Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“ - -Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als -wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: -„Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen -arretiert werden.“ - -Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück -geschehen, und es war gar nichts. - -Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen -Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es -nicht tun, meine Herren.“ - -Das hat mich gefreut, und ich sagte: - -„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir -die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht -mehr hinaus.“ - -Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte -nein, weil er keine so starken nicht raucht. - -Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt -und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute -haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich -muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf -hauen.“ - -Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns -wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz -schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich -habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser -wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark -zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann -das Rauchen nicht vertragen. - -Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut -genommen. - -Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind -aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große -Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen -man die Anarchisten macht.“ - -Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war. - -Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren -rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß -nicht mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn -es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in -der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich -hineingebrochen habe. - -Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden -ist. - -Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein -Gewohnheitsraucher. - -Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat. - -Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die -Lüge. - -Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun -wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt. - -Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie -hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß. - -Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum -Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das -Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der -Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: -„Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das -für ein Saustall?“ - -Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo -das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen -und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“ - -Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den -Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“ - -„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor. - -„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen, -daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“ - -„Was bin ich?“ fragte der große Herr. - -„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es -nicht erlaubt.“ - -„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit -Ruhe abmachen.“ - -Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche -Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der -Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann. -Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der -Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man -arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst -kriegt. - -Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber, -daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet -eine Mark. - -Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum -Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird. - -In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station -gekommen. - -Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet. - -Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so -Kopfweh gehabt. - -Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat, -wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich -gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast -Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein -möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich -in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, -wenn ich einen Kamillentee kriege. - -Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und -der Tisch war aufgedeckt. - -Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen -hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das -kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“ - -Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll -mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, -und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt. - -Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich -abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es -ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt -hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch -viel braver werden. - -Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir -eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen, -es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt -anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel -lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz -sind. - -Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar -schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“ - -Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und -sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank -war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird -es schon halten und mir viele Freude machen.“ Da habe ich weinen -müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod -solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat -geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern -Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht -mehr aufgehört hat. - -Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin -gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet -und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange -aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Tante Frieda] - - Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München - - -Meine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und -da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und -von meinem Talent redet. - -Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es -schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den -Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht. - -„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie. - -„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt -doch immer ganz von selber.“ - -„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich. - -„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt -denken, daß sie die Schwester von Deinem verstorbenen Papa ist. Und -überhaupt bist Du zu jung.“ - -„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn -sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie -freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“ - -Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du -frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die -Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe -in die Welt und nehme eine Stellung.“ - -Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber -Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in -Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“ - -Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind -alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt: -„Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute -Verdruß.“ - -Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat -geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich -freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“ - -Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der -Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch -ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles -herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der -Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir -schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen -trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat -sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe, -ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß -Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht -vertragen.“ - -Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist -vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante -hat gesagt: „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die -Kinder werden schon fertig damit.“ - -Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war. -Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er -hat den Koffer genommen. - -Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht, -daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so -schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart -war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner -Mutter. - -„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und -der Arzt findet nichts mehr.“ - -„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben -sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem -nicht sagen.“ - -Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert: -„Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“ - -„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte, -finde ich schon etwas, daß sie geht.“ - -Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer -unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie -gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“ - -Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen -Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er -nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was -man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“ - -Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke -ich Dir zwei Mark.“ - -„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark -geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine -Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen. - -Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell -gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist. - -Im Hauseingang hat die Tante gesagt: - -„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei -Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“ - -Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß -sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat. - -„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt -schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“ - -Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen -hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem -Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon -gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat -ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat -den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht -und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt. - -Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder -eine Torte geschenkt hätte. - -Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so -herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie -er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht. - -Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich -herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du -Lausbube!“ - -Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt -und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“ - -Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und -hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er -schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe. - -Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das -Wohnzimmer gegangen. - -Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz -schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen -Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei -ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn -gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln -geschlagen hat. - -Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante -etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen -geht. - -Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig -Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn -sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts -gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und -in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat -sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel -gebraucht haben. - -Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel -gebraucht hat. - -„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft -erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem -Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem -jungen Baron Stunde gegeben.“ - -„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein -großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt. - -Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den -Haaren fester gesteckt und hat gesagt: - -„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit -geredet.“ - -Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und -sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn -er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele -Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern -haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was -mitkriegte.“ - -„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt. - -„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum -Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt -Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas -dagewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor -gekriegt.“ - -„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter -gesagt. - -„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich -gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere -Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“ - -Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so -redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das -Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen -spanischen Nebel spritze. - -Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist, -und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht. - -Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut. - -Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er -Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große -Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn -zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein -Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat -wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele -Geld gebraucht hat!“ - -Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die -Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat -es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe -gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser -Amtsrichter?“ - -Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor -Steinberger. - -Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr -gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark -und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den -Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll -gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den -Ohren. - -Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie. -Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie -auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat. - -Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen -sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer -hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe -gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist. - -Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand -gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber -sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei. - -Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich -nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein. - -Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn -hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein -unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht. - -Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht, -wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich -tun, was man sich vornimmt. - -Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser -Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts -kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die -Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer -gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange -gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser -voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß -es von seinen Flügeln getropft hat. - -Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn -ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“ - -Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch -genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich -gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist -schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“ - -Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem -Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“ - -Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es -anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen -sein, wie der nichtsnutzige Lausbub. - -Das bin ich. - -Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich -hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne. - -Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“ - -Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen. - -„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt. - -„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt -gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe -doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und -auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben. - -Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es -denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der -Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar -weit spritzen damit. - -Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und -meine Mutter ist auch mitgegangen. - -Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf -unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine -Augen auf mich gerollt. - -Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen -ist so klug!“ - -Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum -studiert hat!“ - -„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt -es, daß sie so werden.“ - -Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube, -daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster -offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch, -und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein -bißchen naß. - -Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal -nicht gewesen. - -Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht -schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen. - -Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt, -und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben. -Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“ - -Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch -furchtbar angeschaut. - -Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver -losgeht. - -Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt, -weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so -schnell die Suppe gerührt hat. - -Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht -verderben lassen. - -Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst -bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier -in den Tod treibt. - -„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“ - -Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann. - -Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so -feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre -Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht. - -Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen -gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich -gesehen. - -Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie -alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa ist, -und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist. - -Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will -nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat. - -Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war, -hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom -Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher -Mensch?“ - -„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie -gesagt. - -Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und -ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult. - -Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der -Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist. - -„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit -dem linken Auge.“ - -„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine -schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn -kennt, weil er so tüchtig ist.“ - -Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen -Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht, -daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag. - -Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen -geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei -diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist -furchtbar schwer. - -Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein -gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint. - -Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf -geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß. - -Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist. - -„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich. - -„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr -leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe -es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen -Koffer getragen.“ - -Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell -gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die -Tante, daß sie höflich ist. - -Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß -sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und -sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch -nicht viel mehr wie ein Expeditor. - -Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon -aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon -auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die -Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist. - -Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt: -„Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“ - -Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie -hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger -ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot. - -Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich -gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie -kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich -Ihnen schon erzählt habe.“ - -Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn -angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß. - -Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante -kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat -gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird, -gefallt es ihr gewiß. - -Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut -hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat. - -Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat -gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß -Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil -sie kränklich ist. - -Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat -gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das -gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die -ganze Arbeit im Haus.“ - -Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir -uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht. - -Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt, -sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension -hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war, -und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob er -den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er -kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch -so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren -in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß -er die Beamten kennt. - -Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt -gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat -erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht -gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert -haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen -hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht -hinaus. - -Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind -etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die -Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund -ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat; -da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig -war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine -Mutter hat gleich wieder etwas gefragt. - -Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will -nachschauen, ob der Herd noch raucht. - -Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt, -er ist immer so aufmerksam. - -Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr -geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit. - -Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante -gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und -seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt. - -Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und -der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht -helfen kann. - -Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn -der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die -Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben. - -Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie -weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension -keinen Bohnenkaffee kaufen. - -Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das -Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht. - -Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat, -und er hat gesagt, ja. - -Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil -die Studenten doch so gern Bier trinken. - -Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat, -weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte. - -Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht. - -„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch -viele Studenten, die kein Bier nicht trinken, und der Herr Amtsrichter -hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“ - -„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt. -„Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß -niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der -Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal -recht lustig.“ - -Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber -Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß, -und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht -lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“ - -Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und -hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist -einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen. - -Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat -meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung -gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: „Sei -recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“ - -Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen -sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir! -Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“ - -Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee -hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der -Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort, -wie sonst. - -Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat -noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich -wundern, wo das herkommt. - -Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin -geschwind hinaus. - -In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe -ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft -sprengen muß. - -Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur -hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe -alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf -Minuten brennt, und sie ist herausgehängt. - -Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei -ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat -gepfaucht wie eine Katze. - -Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand -kommt, es ist aber ganz still gewesen. - -Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die -Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf -der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat -Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem -andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist -der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat -hinuntergeschaut, warum es raucht. - -Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber -wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und -bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist. - -Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die -Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht -gemerkt, daß ich fort war. - -Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer -Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern, -wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern -sie sich nicht mehr um die Schwestern. - -Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat -um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda -nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk. - -Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat -geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man -es seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“ - -„Pfff--uum!“ - -Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich -furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür -aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang -ist voll Rauch gewesen. - -Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache. - -Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt. - -„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien. - -„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien. - -Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus -der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie -geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt. - -„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist -ihr schwach geworden, daß sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe -gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben. - -Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei -ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“ - -Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien: - -„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches -Ding!“ - -„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen. - -„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt, -es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante. - -„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist -es nicht so arg.“ - -„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen -mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du -bist der ruchlose Mörder!“ - -„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz -unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“ - -Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld -gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch -gar nicht, was geschehen ist. - -„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat -es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter -auf die Knie bittet!“ - -„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat -meine Mutter gesagt. - -Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon -beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach -verbrannte Federn. - -Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war -nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind -verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander gestanden. Der -Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von -einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut. -Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist. - -„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund -werden.“ - -„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem -abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich -gehe heute noch fort!“ - -Und sie ist aber auch fortgegangen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Die Indianerin] - - Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München - - -Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von -ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil -er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er -viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte, -und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt. - -Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze -Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante -Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne -nicht sieht. - -Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn -sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat -gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt. - -Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und -wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof -machen. - -Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin -und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber -gelacht, weil meine Mutter seufzte. - -Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich -es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen -und Tiger schießen. - -Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut -überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind. - -Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben -herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven -fressen, die daneben herlaufen. - -Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich -mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen. - -Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein -Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer, -daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel -Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte -ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch -ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe. - -Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich -viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann. - -Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind -oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle -Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren -haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der -Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil -die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die -Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht -leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn -Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich -einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist -eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er -gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal -auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal -beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen. -Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt, -und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen. - -Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie -stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze. -Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß -er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir -weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist -der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir -geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut. -Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die -junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat -er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und -wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist, -der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand -gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir -Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich. - -Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht -habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe -Handschuhe. - -Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange -nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und -meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist -hinein, und ich bin auch hinein. - -Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die -Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns -die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut, -aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der -Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele -Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es -traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich -die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann -hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen -naß geworden sind. - -Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele -Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als -wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr -Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht -jetzt aufs Land. - -Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt -aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft -führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr -Provisor ist. - -Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er -gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich -gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein -kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf -den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder -auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das -Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen -nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen. - -Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt. - -Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt. - -Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame? - -Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen. - -Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant, -daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein -großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen. - -Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist, -denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein -sehr gebildetes Mädchen ist. - -Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er -hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist, -und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die -Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden -öfter auf den Keller geht. - -Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft, -daß ich bald einen Bärenzucker hole. - -Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der -Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht -gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat -und sie so weit heraushängen läßt. - -Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der -Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis. - -Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken. - -Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und -Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat -den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt, -er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante -Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich -trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat -gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man -schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt. - -Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug, -und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint, -es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie -hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante -eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die -Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß, -weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre -Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber -Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres -eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die -Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt, -sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein. - -Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine -Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer -Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die -Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den -Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen -gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann -haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf -geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder -den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem -Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante -Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt. -Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes -Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt -von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat -noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt, -sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil -sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich -der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet -ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat -die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte, -und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle -Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht -und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann -er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden -und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht -fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf -genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann -hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“ - -Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat -sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine -Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat -gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig -sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht -gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante -Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich -in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht -alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot -geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes -Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner. - -Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß -sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher -ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den -Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav -sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav -ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine -famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die -Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr -gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch -fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so -benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine -Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen -furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist -köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne -gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich -köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das -Indianerkind ist eben eine Perle.“ - -„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch -beleidigt?“ - -„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat -furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel -gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie -benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“ - -„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt. - -Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und -hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren -Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es -vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee, -den er daheim kriegt? - -Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu -viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung. - -Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum -alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und -jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn -man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine -Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch -gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den -ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen, -aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der -ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr, -aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt. - -Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert -hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren -benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber -nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein -Korsett nicht an. - -Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß -wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun -der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer -gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne. -Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die -Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen -Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz -angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich -gar nicht erklären kann. - -Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun -gestanden, daß man es erklärt. - -Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am -Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub -lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt, -„der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt, -aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich -angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat, -und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt. -Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine -Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld -bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine -Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“ - -„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß -ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“ - -„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“ -hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir -haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat -die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch -bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die -Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz -Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe. - -Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und -sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie -bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt, -und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist -abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht. - -„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz -erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes -willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob -sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora -ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie -sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora -hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter -gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat -gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles -sagen, aber man schweigt lieber.“ - -Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine -Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen. - -Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie -hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen. - -Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt. -Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie -ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn -er bloß die Rosa sieht. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Mucki] - - Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München - - -Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch -heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg -einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch, -die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu -zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche -wohnen. - -Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die -Toilette. - -Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen -der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich -eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand. - -Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr -feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in -herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald -den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er -sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von -zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken. -Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das -Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der -Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der -Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten. - -Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten -Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier -aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach -einer ritterlichen Verbeugung die Hand. - -„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der -heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir -nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den -Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und -in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung -der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem -erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“ - -Hier mußte Graf Sacken Atem holen... - -In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es -hervor mit ungestümem Jauchzen. - -„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus. - -Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die -Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange. --- -- - -[Illustration] - -Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume. - -Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf -die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt. - -Von dorther sollten die Husaren kommen. - -Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt -wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die -reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so -abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten -sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten, -daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen, -wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß. - -Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den -Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte -mit den Füßchen. - -Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren! - -Was das nur ist, so ein Husar? - -Und wie sie aussehen werden? - -Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt, -der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund -schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer -Schnurrbart. - -Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!! - -Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste -herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt -den Steinen. - -In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige -Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen, -hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch -schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen, -Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der -Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte -zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen -auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der -letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der -starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein -Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein -Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen -Schenkel. - -Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da -tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend. -Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in -den Herzen der beiden. - -Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich -stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen -kamen leise, leise die Worte: - -„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“ - -[Illustration] - -An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere. - -Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden. - -Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch -nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt -lag. - -Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein, -wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen -Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die -feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor -sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der -Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend. - -Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der -Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf? - -Wer weiß es?!... - -Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren -Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre -Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl -deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar -frischer, roter Lippen dachten. -- -- -- - -Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen -Bratenschüsseln herbei. - -Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den -Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er: - -„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger -bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen -Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann -fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen. - -Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren -Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät -Hussarren geziemt. - -Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“ - -Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren -Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut. - -[Illustration] - -Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben. - -Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere -mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki -zurückgezogen. - -Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch -zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand. - -Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das -selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie -gesucht hatte. - -Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild. - -Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm, -aber das Unerhörte geschah. - -Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten -Vorgesetzten nicht. - -Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den -Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten. - -Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl, -wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn -unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im -Palmenhause. - -In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster -hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut -zum Herzen und wieder zurück jagte. - -Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein -zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet. - -„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du -nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die -keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine -Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt -- äh --- sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie -mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne -des ersten seligen Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und -die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“ - -Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner -Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite. - -Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick -wieder, ich muß noch einen Gang machen.“ - -Dann enteilte sie, so rasch sie konnte. - -Es war ihr so eigentümlich +weich+ geworden. - -Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. -- -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Lämmergeier] - - Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München - - -Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus -der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das -Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer -hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher -für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“ -verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze -und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen -aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte -und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit -kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte -Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es -durcheinander. - -Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz -besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter -reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit -verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich -draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und -gewichtige Wort. - -Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste -Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n -eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma -b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht, -daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“ - -„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in -jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen. - -„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An -solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat -Hand und Fuaß!“ - -„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an -Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a -Königsschloß!“ - -„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein. -„Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“ - -Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin. -Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich -geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt -hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos -is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas -entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland, -da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu -insern Kini und sein Haus...“ - -In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen -zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen -Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt -denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut erstickter Stimme und eilte -mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein -Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte. - -Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut -ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene -Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen -Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein. - -Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm -um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute. - -Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er -leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem -blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken. - -Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug -gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu -singen: - - Oba so zwoa, wia mir zwoa - Dös gibt’s ja net glei. - Duliä, dulio, duliä -- -- -- - -„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte -zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch -die Zuschauer drängte. - -„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in -da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern -vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen, -so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl -mitanand! ... Du Luada!...“ - -„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst -sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst -net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi -eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net, -Voda!...“ - -„Wos? Herrgottsakrament!...“ - -„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl -ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a -Paar starke Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß -s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom -Freihof!“ - -Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch -lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte. - -Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten -allein mit seiner Tochter. - -„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’ -hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a -zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets -Weibsbild!“ -- -- -- - -[Illustration] - -Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht. -Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und -legte sich breit auf die duftenden Wiesen. - -Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das -Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren. - -„Loni, bist a’s Du?“ - -„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“ - -„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart -g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O, -mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri -zum Buffalo Bill.“ - -„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“ - -„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i -Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des -Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua -r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi -g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa -Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“ - -„O, mei liaba Bua!...“ - -„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des -unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i -so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen, -als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles -gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“ - -„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz -an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech, -Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein, -wia’s zua Lebzeiten...“ - -„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean -scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“ - -„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa -net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol -g’setzt vom Himmi als mei Voda...“ - -„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an -Gedanken hab fassen kinna. Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du -sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au, -au! Herrgottsakrament!...“ - -„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“ - -„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“ - -„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt -hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“ - -Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen -und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen -Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing. -Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle -diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so -betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam. - -Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und -körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter -dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte. - -Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen -Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!... -dann nichts mehr!... - -Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das -Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele -gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“ - -Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der -Stirne sickerte das Blut -- -- - -[Illustration] - -Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann. -Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch -geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm -liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen -auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung. - -„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim liab’n Himmivoda? Und hot -er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“ - -„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am -Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und -mi!...“ - -„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke. - -„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“ - -Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe -Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem -verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah. - -„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat -macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i -Dir, dort, mei Loni!“ - -„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner -Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“ - -Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein -fremder Herr gesellt hatten, in schweigender Rührung. Der Freihofbauer -unterbrach die Stille. - -„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben -bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“ - -„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir -wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden -is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen -Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal -ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem -Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt -sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer; -der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des -Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei -Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg -g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i -nix mehr.“ - -„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen -ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und -lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“ - -Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen -über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel -aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“ -Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er -trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre -Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“ - -Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten -lange und innig. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Einser] - - Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München - - -Es klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief: -„Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe -Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da -wo sie am Platze sind. - -Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches -verschämt zu Boden blickte. - -Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten -geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen. - -Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine -Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an. - -Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen. - -Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das -Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig. - -Nein, an so etwas dachte er nicht. - -Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu -werden. - -„Also, was wollen Sie?“ - -Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich -war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind -also zu sich nehmen. - -Gut, oder vielmehr nicht gut. - -Was heißt zu sich nehmen? - -Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte? - -Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der ~adoptio~ oder -Wahlkindschaft, und zwar vermittels der ~adoptio in specie minus -plena~, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf -bereits in der Geltungszeit des ~Codex Maximilianeus Bavaricus~ -als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die -miterschienene Franziska Furtner. - -Ist es nicht so? - -Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“? - -Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines -Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen? - -Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange -Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit -anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson. - -Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß -er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist. - -Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger -- -Gott hab ihn selig -- immer zu sagen pflegte. - -Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die -blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie -stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie -bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime -Weisheit zu sehen. - -Endlich war die ~adoptio minus plena~ fertig. - -Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen: - -„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und -mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“ - -Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein -lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin. - -Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken. - -Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet, -und er geriet in einige Verlegenheit. - -Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die -Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden. - -Er ging einige Male auf und ab und überlegte. - -Diese Sache war nicht einfach. - -Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine ~donatio inter vivos~, -und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein. - -Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte. - -Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses -Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg. - -Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und -diktierte. - -„Nachtrag -- haben Sie?“ - -„Nachtrag.“ - -„Erstens: - -Nach Abschluß des Protokolles übergab das Wahlkind auf Betreiben der -Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen -- fünf Blumen. - -Halten Sie, was sind das für Blumen?“ - -„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“ - -„So? So -- -- also schreiben Sie: - -.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei -Nelken bezeichnet wurden. - -Zweitens: - -Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der -Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der -Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war. - -Drittens: - -Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um -geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“ - -So, das war geschehen. - -Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken -einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo -sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel -gelangt. - -Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung. - -Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte. - -Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen -pflegte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Der Vertrag] - - Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München - - -Der Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter -Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht -um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen -rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren. - -Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache, -welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung -veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich -zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für -Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen -Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. -- - -Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht -gehegt, den Ehekontrakt einzugehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte -Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit -schon in der ~lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus~ -ausdrücklich mißbilligt erschien. - -Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das -Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der -Vertrag nicht perfekt. - -Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom -Leibe und widmete sich ganz den Studien. - -Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit -einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern. - -Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse -mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au. - -Und dies war folgendes. - -Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche -mit einer neuen zu vertauschen. - -Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn, -die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher -in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner -und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe. - -„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe -des Preises die Ware erwerben?“ - -„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner. - -„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal, -Herr... Herr... wie heißen Sie?“ - -„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera -achti.“ - -„Also, Herr Klampferer...“ - -„Klampfner!“ - -„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“ - -„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“ - -„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als ~prodigus, furiosus~, -als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“ - -„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi -dablecken?“ - -„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich -um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“ - -„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“ - -„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht -geschlossen.“ - -Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große -Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in -dem andern war die neuangeschaffte. - -Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen. - -„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is -dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl -dafür.“ - -„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“ - -„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma -Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba -was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“ - -„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“ -wandte sich der Rat an seine Zugeherin, -- „finden Sie den Preis -ortsüblich und wertentsprechend?“ - -„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach -hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist -doch nicht viel zum kriegen damit.“ - -„Sie raten mir also zum Abschlusse?“ - -„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres -herausschauen.“ - -„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ -- - -„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n -Buab’n abhol’n.“ - -„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier -Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des -Vertrages.“ - -„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“ - -„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie -haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die -~traditio~ würde überdies ~brevi manu~ erfolgen, allein ich -ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“ - -„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“ - -„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“ - -Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben -an, wobei er den Text laut vorlas. - -„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois -Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“ - -„Tandler vo der Au...“ - -„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael -Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande: - -Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger -verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die -demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte, -von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte -Bettwäsche... Bettwäsche. -- Nicht wahr?“ - -„J... ja!“ sagte Klampfner. - -„Also fahren wir fort: - -Zweitens: Der vereinbarte... vereinbarte, auch wert... -wertentsprechende Kaufpreis beträgt die Summe von zwei... zwei Mark -Reichswährung, über deren Empfang der Verkäufer hiemit... hiemit -quittiert. -- Sie können gleich bezahlen, Herr Klampfner.“ - -„I will’s nit schuldi bleiben,“ sagt der Tändler und zählte auf den -Tisch eine Mark und dann zehn Nickelstücke hin. - -„Schön,“ sagte Eschenberger, „fahren wir fort. Drittens: Die Einreden -des Zwanges, des Irrtums... des Irrtums und... und des Betrugs sind... -ausgeschlossen. -- So, das hätten wir. Wünschen Sie den Vertrag noch -einmal vorgelesen?“ - -„Na, g’wiß net!“ - -„Gut. Also auf Vorlesen verzichtet und unterschrieben. Setzen Sie Ihre -Unterschrift hierher.“ - -Klampfner unterschrieb und ging dann, nachdem er erklärt hatte, daß -sein Sohn das Bündel abholen werde. Die Zugeherin begleitete ihn zur -Türe und lächelte beistimmend, als der Tändler sich mit der Faust an -der Stirne rieb und dann mit dem Daumen gegen das Zimmer deutete, worin -Eschenberger weilte. - -Einige Stunden später kam Klampfner junior und holte im Auftrage seines -Vaters das Bündel Wäsche ab. - -Noch denselbigen Abend stellte sich aber heraus, daß eine unliebsame -Verwechslung stattgefunden hatte. Dem Boten war das Bündel mit der -neuen Wäsche übergeben worden. - -Michael Klampfner wurde eilig hievon in Kenntnis gesetzt, allein er -verschloß sich heftig allem Zureden. - -„Wos?“ sagte er, „i soll de Wasch wieda hergeben? Waar mir scho z’dumm! -Für wos hat er denn an Vertrag g’schrieben? Dös gilt, wia’s g’schrieben -is. Irrtum is ausg’schlossen. Waar mir scho z’dumm!“ - -Dieses geschah dem Königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger, -welcher seinerzeit einen Brucheinser erhalten hatte. - -[Illustration] - - - - -Von Ludwig Thoma erschienen bei Albert Langen in München: - - Assessor Karlchen und andere Geschichten - Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte - Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte - Die Medaille. Komödie in einem Akt - Die Lokalbahn. Komödie in drei Akten - Agricola. Bauerngeschichten - Hochzeit. Eine Bauerngeschichte - Die Wilderer. Eine Bauerngeschichte - Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit - Der heilige Hies. Eine Bauerngeschichte - Pistole oder Säbel? und anderes - Andreas Vöst. Bauernroman - Peter Schlemihl. Gedichte - Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten - Kleinstadtgeschichten - Moritaten - Moral. Komödie - Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten - Erster Klasse. Bauernschwank - - -Ullstein-Bücher - -Bis jetzt sind erschienen: - - =Clara Viebig= Dilettanten des Lebens - =Georg von Ompteda= Maria da Caza - =Heinz Tovole= Frau Agna - =Rudolph Stratz= Arme Thea - =Fedor von Zobeltitz= Das Gasthaus zur Ehe - =Paul Oskar Höcker= Die Sonne von St. Moritz - =Ernst von Wolzogen= Mein erstes Abenteuer - =Georg Engel= Die Last - =Kurt Aram= Violet - =Richard Voß= Der Todesweg auf den Piz Palü - =Otto Ernst= Laßt Sonne herein - =Max Kretzer= Der Mann ohne Gewissen - =Wilhelm Zensen= Unter heißerer Sonne - =Karl Rosner= Sehnsucht - =Wilhelm Hegeler= Der Mut zum Glück - =Peter Rosegger= Die Försterbuben - =Rudolf Herzog= Nur eine Schauspielerin - =Joseph Lauff= Marie Verwahnen - =Rudolf Hans Bartsch= Elisabeth Kött - =Franz Adam Beyerlein= Similde Hegewalt - =Walter Bloem= Sonnenland - =Richard Skowronnek= Bruder Leichtfuß - =Felix Hollaender= Charlotte Adutti - =Heinz Tovole= Mutter!.. - =Karl Rosner= Georg Bangs Liebe - =Korfiz Holm= Thomas Kerkhoven - =Ludwig Ganghofer= Gewitter im Mai - =Georg von Ompteda= Denise de Montmidi - =Ludwig Thoma= Krawall - -Jeder Band 1.-- Mark - - -Ullstein & Co - -[Illustration] - -Berlin SW 68 - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL *** - -***** This file should be named 60702-0.txt or 60702-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/7/0/60702/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/60702-0.zip b/old/60702-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 5f58f86..0000000 --- a/old/60702-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60702-h.zip b/old/60702-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 309f2d9..0000000 --- a/old/60702-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60702-h/60702-h.htm b/old/60702-h/60702-h.htm deleted file mode 100644 index d7d1400..0000000 --- a/old/60702-h/60702-h.htm +++ /dev/null @@ -1,7026 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Krawall, by Ludwig Thoma. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -div.chapter,div.section {page-break-before: always;} - -.break-before {page-break-before: always;} -.no-break-before {page-break-before: avoid;} - -div.reklame { - width: 40%; - margin: 2em 30%;} - -h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both;} - -h1,.s1 {font-size: 225%;} -h2,.s2 {font-size: 175%;} -h3,.s3 {font-size: 125%;} -.s4 {font-size: 110%;} -.s5 {font-size: 90%;} - -h1 {padding-top: 3em;} - -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em;} - -p.p0,p.center {text-indent: 0;} - -.mtop-1 {margin-top: -1em;} -.mtop1 {margin-top: 1em;} -.mtop2 {margin-top: 2em;} -.mtop3 {margin-top: 3em;} -.mbot1 {margin-bottom: 1em;} -.mbot2 {margin-bottom: 2em;} -.mbot3 {margin-bottom: 3em;} -.mleft1 {margin-left: 1em;} -.mleft3 {margin-left: 3em;} -.mleft5 {margin-left: 5em;} -.mright2 {margin-right: 2em;} - -.padtop3 {padding-top: 3em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both;} - -hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 95%; - font-size: 70%; - text-align: right; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; - font-style: normal; - color: #999999;} /* page numbers */ - -.blockquot { - margin: 1.5em 5%; - font-size: 95%;} - -.center {text-align: center;} - -.right {text-align: right;} - -.antiqua {font-style: italic;} - -.gesperrt { - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; } - -em.gesperrt { - font-style: normal; } - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center;} - -img {max-width: 100%; height: auto;} - -div.dc { - float: left; - margin: 0.5em 0.9em 0 0;} - -.hide-first {visibility: hidden; - margin-left: -0.5em;} - -.w3em {width: 3em; height: auto;} -.w4em {width: 4em; height: auto;} -.w6em {width: 6em; height: auto;} -.w12em {width: 12em; height: auto;} - -.smalltitle {height: 600px; width: auto;} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} - -.poetry { - display: inline-block; - text-align: left;} - -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} - -.poetry .verse { - text-indent: -3em; - padding-left: 3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em;} - -.showebook {visibility: hidden; display: none;} -.nohtml {visibility: hidden; display: none;} - -@media handheld { - -.nohtml {visibility: visible; display: inline;} -.showebook {visibility: visible; display: block;} - -.hidden_header { - visibility: hidden; - height: 0.01em;} - -div.dc {float: left;} - -em.gesperrt { - font-family: sans-serif, serif; - font-size: 90%; - margin-right: 0;} - -.poetry { - display: block; - text-align: left; - margin-left: 2.5em;} - -hr.full {visibility: hidden; display: none;} - -div.reklame { - width: 90%; - margin: auto 5%;} - -} - </style> - </head> -<body> - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Krawall - Lustige Geschichten - -Author: Ludwig Thoma - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60702] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so -weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler -wurden stillschweigend korrigiert. Einige Textstellen in hochdeutscher -Standardsprache sind stark regional gefärbt; diese wurden nicht -verändert, sofern der Sinn des Textes allgemein verständlich bleibt. -Gleiches gilt für die Passagen in bayerischem Dialekt.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren -Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde -vom Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<p class="s1 center break-before">Krawall</p> - -<p class="s2 center mbot3">Lustige Geschichten</p> - -<p class="center mbot1 break-before"><span class="s3">Ullstein-Bücher</span><br /> -Eine Sammlung zeitgenössischer Romane</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ullstein_buecher" name="ullstein_buecher"> - <img class="mbot2" src="images/ullstein_buecher.jpg" alt="Ullstein-Bücher" /></a> -</div> - -<h1>Krawall</h1> - -<p class="s4 center">Lustige Geschichten</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s3 center mbot3">Ludwig Thoma</p> - -<p class="s4 center mbot3">Ullstein & Co<br /> -Berlin-Wien</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="cover" name="cover"> - <img class="mbot2 smalltitle" src="images/cover.jpg" alt="Titelseite" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak padtop3" id="Inhalt">Inhalt</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right mleft3">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Krawall - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Krawall">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Kaspar Asam - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Kaspar_Asam">33</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Kabale und Liebe - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Kabale_und_Liebe">59</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Die Fahnenweihe - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Die_Fahnenweihe">83</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Die Richter - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Die_Richter">129</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Bader - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Bader">151</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Kindlein - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Kindlein">167</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Besserung - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Besserung">189</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Tante Frieda - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Tante_Frieda">207</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Die Indianerin - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Die_Indianerin">243</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Mucki - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Mucki">265</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Lämmergeier - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Laemmergeier">279</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Einser - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Einser">295</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Vertrag - </td> - <td> - <div class="right mleft3"><a href="#Der_Vertrag">305</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="figcenter"> - <a id="inhalt_ende" name="inhalt_ende"> - <img class="mtop1 mbot1 w3em" src="images/inhalt_ende.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Krawall">Krawall</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap1_krawall" name="kap1_krawall"> - <img src="images/kap1_krawall.jpg" alt="Kapitel 1: Krawall" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_j" name="initial_j"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_j.jpg" alt="J" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">J</span>awohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen -Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn -selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter -den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich -will die Geschichte der Reihe nach erzählen.</p> - -<p>Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß -auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns -gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die -privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und -der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg -gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder -Landwehr älterer Ordnung, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> man auch sagt, ist zweimal in der Woche -ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der -Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied -Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den -Säbel schleifen lassen.</p> - -<p>Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von -der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet, -wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf -der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten -Frauen einschreiben lassen.</p> - -<p>Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat -man geglaubt, es ist schon so weit.</p> - -<p>Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal -hintereinander. — —</p> - -<p>Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still, -eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die -Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die -Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> vernommen hat, aber -es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.</p> - -<p>Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er -die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft -vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die -Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.</p> - -<p>Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind, -denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen. -Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war; -später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.</p> - -<p>Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch. -Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch -spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die -Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele -Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar -Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt, -lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so -hinaufgezogen.</p> - -<p>„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn -ich es aber wissen täte!“</p> - -<p>Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein -paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der -Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher -haben damals keinen Spaß verstanden.</p> - -<p>Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied -Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch -geschlagen hat.</p> - -<p>Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen -die Preußen zusammen.</p> - -<p>Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es -war die erste Kontrollversammlung angesagt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.</p> - -<p>In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine -andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den -Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische -Soldaten werden müssen.</p> - -<p>In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme -zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben -noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht -mehr altbayrisch sein soll.</p> - -<p>„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. -„Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen -Glauben!“</p> - -<p>Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche -gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren -voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon -ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den -Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.</p> - -<p>Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.</p> - -<p>In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren -ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die -Karten und klopft ihm auf die Schulter.</p> - -<p>„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß -auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“</p> - -<p>„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen -Sie?“</p> - -<p>„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein -Flegel bin.“</p> - -<p>„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist -die Polizei?“</p> - -<p>„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, -„vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p>Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den -König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten -von den Stockacher Bauern.“</p> - -<p>Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was -sie denken sollen. Der Bezirksamtmann — Alois Reich hat er geheißen, -und er war aus der Rheinpfalz — hat die Karten hingelegt und ist -wütend auf den Marktplatz hinaus.</p> - -<p>Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von -Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine -Auskunft geben können oder wollen.</p> - -<p>„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.</p> - -<p>„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt, -„hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir -Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“</p> - -<p>„Aha! Pfeift der Wind aus <em class="gesperrt">dem</em> Loch? Ich will Ihnen was sagen. -Innerhalb dreimal vierund<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>zwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern -beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen -Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, -dann sollen Sie mich kennen lernen.“</p> - -<p>„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger -die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch -werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. -Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste -dagegen.“</p> - -<p>Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und -offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es -nur keine Konsequenzen gehabt hätte.</p> - -<p>Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, -oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.</p> - -<p>Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen -eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es -eigentlich schwer ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, -und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.</p> - -<p>Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen -die Bauernburschen in die Stadt gekommen.</p> - -<p>Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in -der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.</p> - -<p>Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich -noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen -und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie -Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die -Fenster gezittert haben.</p> - -<p>Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die -Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.</p> - -<p>Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer -aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, -sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufein<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>ander -geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.</p> - -<p>Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich -die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich -angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die -Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.</p> - -<p>Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein -allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:</p> - -<p>„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“</p> - -<p>Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie -nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist -auf den Boden gelaufen.</p> - -<p>Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den -andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben -sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der -Jüngste Tag ist gekommen.</p> - -<p>Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein -paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf, -ein Wort gröber wie das andere.</p> - -<p>„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir -schlecht!“</p> - -<p>Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm -auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.</p> - -<p>Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in -den Haufen hinein ist.</p> - -<p>Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht -sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß -und schreit:</p> - -<p>„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang -wir noch bayrisch bleiben.“</p> - -<p>„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine -solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten -ist.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> - -<p>„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß -herunter.</p> - -<p>Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.</p> - -<p>Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Schenkt’s mir amal was boarisch ein!</div> - <div class="verse">Boarisch woll’n wir lustig sein,</div> - <div class="verse">Schenkt’s mir amal was boarisch ein,</div> - <div class="verse">Boarisch woll’n wir sein!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich -schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der -Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang -in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.</p> - -<p>„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn -er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“</p> - -<p>Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen, -denn er hatte seine Pflicht<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> schon erfüllt und betrachtete sich für -kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen; -aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl -über das Rathaus her.</p> - -<p>Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben -geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.</p> - -<p>Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein -gesagt in der ganzen Gegend.</p> - -<p>Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den -Gemeindeschreiber bei der Gurgel.</p> - -<p>„Wo sind die Preußen?“</p> - -<p>„Heraus damit!“</p> - -<p>„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“</p> - -<p>„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“</p> - -<p>Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen -ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die -Fenster, johlen und brüllen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.</p> - -<p>Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz -gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in -die Kirchgasse gelaufen.</p> - -<p>Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl -geschehen.</p> - -<p>„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke. -Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn -selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der -Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.</p> - -<p>Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde -gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern -stürmen das Rathaus!“</p> - -<p>„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes -willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die -Magistratsrät?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“</p> - -<p>„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“</p> - -<p>Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.</p> - -<p>„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die -Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst -und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“</p> - -<p>Und das war auch richtig.</p> - -<p>Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß -Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt, -und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie -so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.</p> - -<p>Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:</p> - -<p>„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich -alarmiere am Kühberg, und meine<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Rotten stoßen mit den Ihrigen am -Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“</p> - -<p>„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“</p> - -<p>Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:</p> - -<p>„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“</p> - -<p>„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch -ins Unglück.“</p> - -<p>Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.</p> - -<p>Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.</p> - -<p>Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm -blasen.</p> - -<p>Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die -Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.</p> - -<p>Aber kein Mensch kommt heraus.</p> - -<p>Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, -schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.</p> - -<p>Jetzt rasselt auch eine Trommel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p> - -<p>Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm -erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!</p> - -<p>Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich -keiner blicken.</p> - -<p>Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.</p> - -<p>Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider -sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.</p> - -<p>Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“</p> - -<p>„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.</p> - -<p>„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die -Bauern sind über uns.“</p> - -<p>„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine -Antwort mehr.</p> - -<p>Der Simon hält Kriegsrat.</p> - -<p>„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu -ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> - -<p>Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant. -„Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen, -denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln -die Köpfe nicht einschlagen.“</p> - -<p>„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an -den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt -hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“</p> - -<p>Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß -unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei -der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.</p> - -<p>Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des -Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich -voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.</p> - -<p>Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen; -aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und -sein Feldwebel war bei ihm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> - -<p>Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und -blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.</p> - -<p>Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre -wahrscheinlich ein Unglück passiert.</p> - -<p>Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn -ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später -so gekommen.</p> - -<p>Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein -fuchsteufelswildes Gesicht.</p> - -<p>Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: -„Wer sind Sie?“</p> - -<p>„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“</p> - -<p>„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen -Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“</p> - -<p>„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit -meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p>„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an -und den Trompeter und den Pionier.</p> - -<p>„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf -unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.</p> - -<p>„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von -ihm.“</p> - -<p>„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“</p> - -<p>„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.</p> - -<p>Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine -Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir -rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“</p> - -<p>Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß -man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.</p> - -<p>Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, -denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<p>Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die -Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen -dann johlend auseinander.</p> - -<p>Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das -Bier aus.</p> - -<p>Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe -Umschau halten.</p> - -<p>„Was ist los, Batz?“</p> - -<p>„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere, -und sie schreien immer noch.“</p> - -<p>„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“</p> - -<p>„Nein, da sieht man gar nichts.“</p> - -<p>„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse -müssen sie kommen.“</p> - -<p>„Nein. Man sieht nichts.“</p> - -<p>„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau -hin!“</p> - -<p>„Man sieht keinen Menschen nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p> - -<p>„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel -Burschen auf dem Platz?“</p> - -<p>„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“</p> - -<p>„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“</p> - -<p>„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.</p> - -<p>„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß, -schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und -Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt -das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“</p> - -<p>Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören, -packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.</p> - -<p>Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher -die Polizei heimgenommen.</p> - -<p>„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt -schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau -gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben -sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem -Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und -Aktendeckeln.</p> - -<p>Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen -worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo -zugerufen.</p> - -<p>Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit -dem Säbel gedankt.</p> - -<p>„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt -noch.“</p> - -<p>Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.</p> - -<p>„Was willst?“</p> - -<p>„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“</p> - -<p>„Was für einen Major?“ fragt der Simon.</p> - -<p>Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den -Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> - -<p>„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.</p> - -<p>„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“</p> - -<p>Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht -die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem -Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor -lauter Angst, wer denn kommt.</p> - -<p>„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon -was anderes geglaubt.“</p> - -<p>Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut -seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch -gefallen ist und sozusagen betäubt war.</p> - -<p>Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich -Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.</p> - -<p>Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer -sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in -Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> haben in den Kasernen -auch nicht das schönste Leben gehabt.</p> - -<p>Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar -jetzt anderweitig geschützt sind.</p> - -<p>Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später -doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat -es ausdrücklich so gewünscht.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende1" name="kap_ende1"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Kaspar_Asam">Kaspar Asam</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap2_kaspar_asam" name="kap2_kaspar_asam"> - <img src="images/kap2_kaspar_asam.jpg" alt="Kapitel 2: Kaspar Asam" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_h" name="initial_h"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>inauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer -verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und -Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.</p> - -<p>Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen -hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten -Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich -für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.</p> - -<p>Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze, -sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche -Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen, -Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Beschäftigung so -merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.</p> - -<p>Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein -kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch -schnallen konnte.</p> - -<p>Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch -und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren -und wurde den Dürnbuchern unheimlich.</p> - -<p>Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett -wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war, -erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.</p> - -<p>So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen -Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser -Ungerechtigkeit Haß gesogen.</p> - -<p>Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein -Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als -durch die Mißachtung<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit -erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte -bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch -er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.</p> - -<p>Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen -ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen -Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der -Zweifelhaftigkeit hegt.</p> - -<p>Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus -Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den -Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.</p> - -<p>Dann kam aber ein aufregender Vorfall.</p> - -<p>Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete, -merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.</p> - -<p>Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen, -oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für -schuldig hielt.</p> - -<p>Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht -anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise -einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.</p> - -<p>Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen -Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der -Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang -überfallen und windelweich geschlagen.</p> - -<p>Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die -öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.</p> - -<p>Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen -war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.</p> - -<p>Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben -durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten, -daß<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder -ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko1" name="tb_deko1"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Die Tage vergingen.</p> - -<p>Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen -des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche -Nachrichten über das Meer.</p> - -<p>Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten, -und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in -China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?</p> - -<p>Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches, -denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und -freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis -nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und -von dort kam es zu lesen,<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein -müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den -Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.</p> - -<p>Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das -Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich -in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich -vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die -Gedanken, welche darüber anzustellen sind.</p> - -<p>Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel -geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer -Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er -stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten -mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden, -die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris -und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur -schrieb, es sei<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den -Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die -Einladung zu einem Preiskegelschieben.</p> - -<p>Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht -weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen -merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.</p> - -<p>Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein -großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam, -Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.</p> - -<p>Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht -und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn -verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden, -dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem -Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam -für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches -ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<p>Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es -hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden. -„Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, -daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter -den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den -telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das -Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...</p> - -<p>Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten -mußten.</p> - -<p>Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber -der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die -Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern, -daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.</p> - -<p>Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung -und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister -einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<p>Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken -Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte -sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen -habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz -neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen -rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.</p> - -<p>Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen -Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war -falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines -Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten -mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen -waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die -tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet. -Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß -der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten ge<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>halten habe. Nur der -Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben -wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse, -könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.</p> - -<p>Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten -Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen, -und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug -herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm -des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener -Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher -die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war, -als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im -Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und -daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.</p> - -<p>Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben -und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine -geheiligte<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das -geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern -dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die -Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen -Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner -Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von -Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz -und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war -ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität -begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen -müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte -zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so -hieß: Jugend hat keine Tugend.</p> - -<p>Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen, -und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres -Sohnes Anerkennung<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher -Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er -einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit -mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte. -Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko2" name="tb_deko2"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal -einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und -Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an -der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden -betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke -Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen -Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der -es mit Freude begrüßen mußte, nach so<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> vielen Jubiläen endlich -wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte -einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden -waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu -gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus -Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der -stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert -waren.</p> - -<p>Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und -marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang -genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und -eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße -heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten -Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch, -die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.</p> - -<p>„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen -kletterte der Sieger von<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser -merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von -Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn -Sebald machte soldatischen Lärm.</p> - -<p>„Achtung! Still—gestanden! Augen rechts! Präsentiert das — Gewehr!“</p> - -<p>Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde -Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.</p> - -<p>„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie, -indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest -für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen -Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren -wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres -obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck, -indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern -Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p>Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm -die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An -seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten, -und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.</p> - -<p>„In Sektionen links schwenkt — marsch!“</p> - -<p>Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen -Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach -Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.</p> - -<p>Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute -das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der -merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er -für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht -gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein -Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte -der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Kirchgasse her mit Brausen -und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von -ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst -kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark -darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...</p> - -<p>Silentium!</p> - -<p>Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar -Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts, -und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen -Bürgermeister, welcher nun sprach:</p> - -<p>„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! <span class="antiqua">Nil admirari</span> -sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort -verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. -<span class="antiqua">Nil admirari</span>, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte -Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen -Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen -sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>sehung -unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen -Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen, -in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener -Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht, -daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken? -Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im -bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner -fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein -tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.</p> - -<p>Hochverehrte Festversammlung! <span class="antiqua">Nil admirari!</span> Welch ein -Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund -und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche -Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch -uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen -gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und -haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen!<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Denn nicht -ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es -war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern, -welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher -den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte, -diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns -nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind -unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser -Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene -patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und -Nord, hochverehrte Festversammlung, — daß jene patriotischen Gefühle -auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates -und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten -Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust -schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die -Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> -engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können -diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir -rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und -Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“</p> - -<p>Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur -mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der -Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit -einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister. -Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten -Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen -können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den -Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben -glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin -feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede -erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> auf die Schulter schlug und -ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er -hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten -saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er -sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter -ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine -Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, -fünf harte Taler und...</p> - -<p>Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will -sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und -verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen -rechtskundigen Bürgermeister. <span class="antiqua">Nil admirari!</span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko3" name="tb_deko3"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er -seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß. -Als vater<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit -Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer -neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit -überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als -täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte -seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger -Anerkennung sicher zu sein.</p> - -<p>Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in -hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige -Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft -begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und -ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen -führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das -sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden -mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche -Erscheinung und bald eine ärgerliche Er<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>scheinung. Unterweilen -versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm -das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der -Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein -idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die -Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als -gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher -herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling -der drei Monarchen.</p> - -<p>So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im -dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende -Gefühle.</p> - -<p>Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und -nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene -Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen, -welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs -gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen -Bierzeichen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der -historischen Größe.</p> - -<p>Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in -gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein -Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin -den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand -gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken. -Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu -die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er -hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die -stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den -schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende2" name="kap_ende2"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Kabale_und_Liebe">Kabale und Liebe</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap3_kabale_und_liebe" name="kap3_kabale_und_liebe"> - <img src="images/kap3_kabale_und_liebe.jpg" alt="Kapitel 3: Kabale und Liebe" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_s" name="initial_s"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren -grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton -sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von -Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und -wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich -unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten -dem Frühling entgegen.</p> - -<p>Wo aus, du junger Schlossergeselle?</p> - -<p>Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und -bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.</p> - -<p>Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte -er; denn was ein Dürn<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>bucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin -das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.</p> - -<p>Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr, -und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich -schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.</p> - -<p>Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter, -zeigte sich lieblich zu ihm.</p> - -<p>Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die -Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über -knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.</p> - -<p>Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu -einem andern in mondhellen Nächten.</p> - -<p>Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!</p> - -<p>Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu -so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen -entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem -Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem -Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im -Liebesgarten umher.</p> - -<p>Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit -allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie -verwelkt war.</p> - -<p>Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.</p> - -<p>Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige -Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares -hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten -vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den -Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war -er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.</p> - -<p>Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen -Turnerkrawatte auftat und goldene<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Fransen auf die Brust baumeln ließ? -Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm -Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins -Freie schweifte.</p> - -<p>Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen -ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber -roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?</p> - -<p>Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß -unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.</p> - -<p>Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in -seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter -dessen Zweigen er glücklich gewesen war.</p> - -<p>Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und -darauf stand mit silbernen Buchstaben:</p> - -<p class="center">Lebensweisheit in Versen.</p> - -<p>Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt -war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5">Lenz und Herbst</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die Blumen weinten in der Maiennacht</div> - <div class="verse">Um des geschiednen Tages süße Wonne.</div> - <div class="verse">Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht!</div> - <div class="verse">Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut,</div> - <div class="verse">Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken,</div> - <div class="verse">Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut,</div> - <div class="verse">Sind welk die Blumen alle hingesunken.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb -die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und -wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.</p> - -<p>Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und -verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich -nur mehr wenige Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> dahier mit meinem Theater verbleiben werde, -und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse -begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem -allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker -entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende -Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben. -Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem -zahlreichen Besuche entgegen.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">Jakob Weindl, Theaterdirektor.</p> - -<p>Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen, -unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen -Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe, -dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet, -durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer -wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater -unbefriedigt verlassen.</p> - -<p class="right mright2">Die Redaktion.“</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<p>Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den -verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen -Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter -welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich -vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet -hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner, -von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung -um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch -übernommen hatte.</p> - -<p>Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin -der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus -kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch -andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte, -vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder -brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat -irgend etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den -ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.</p> - -<p>Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch -seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er -schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß -die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der -butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.</p> - -<p>Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine -Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die -Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines -so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer -zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald -darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein -ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles -Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preis<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>suche -eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es -momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem -Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen. -Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu -erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die -Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch -ätzender Lauge übergoß.</p> - -<p>Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen -Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen, -weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah -ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die -allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste -des Apothekerprovisors Elfinger.</p> - -<p>Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale, -und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden -fallen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne -zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus -Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford -und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen -großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin -schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in -Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden -Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine -vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen. -Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das -war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen -ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors, -Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als -Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die -übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem ins<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>besondere dem -Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die -Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des -Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein, -und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen -Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur -Saaltüre.</p> - -<p>„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig -auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.</p> - -<p>„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen -vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er -der Närrin solide Absichten vor, — noch besser.“</p> - -<p>Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten? -Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien -vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.</p> - -<p>Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen -waschechten Junker und<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> dumme Vorurteile verlachen konnte, und die -ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in -diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.</p> - -<p>„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands — ich verwerfe Dich -— ein deutscher Jüngling!“</p> - -<p>Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände, -daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.</p> - -<p>„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.</p> - -<p>„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter -Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für -ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse -Instinkte.“</p> - -<p>„Aber als klassisches Stück?“</p> - -<p>„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch. -Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die -Ereignisse in die Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>wart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt, -als der Hofmarschall auftrat?“</p> - -<p>Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges -für seine Kritik zu verwenden.</p> - -<p>Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock -reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die -schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und -deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war -gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem -Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine -dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen, -als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.</p> - -<p>Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte, -wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die -Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr -umdrehte,<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie -auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von -liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese -Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des -Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes -unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!</p> - -<p>Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder -zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein -finsteres Schicksal über die braven Leute kam.</p> - -<p>Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne, -wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen -war, und alle anderen schwiegen erschüttert.</p> - -<p>Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit -nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und -brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein -höchst frivoles Lachen anzuheben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> - -<p>Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein, -der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen -abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich -jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen -konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer, -welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten, -mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der -schuftige Sekretär diktierte.</p> - -<p>Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände -ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual -auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und -arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche -Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.</p> - -<p>Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte -mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der -immer<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz -in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat -an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du -genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! -Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn -im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“</p> - -<p>Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und -bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein -Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme, -daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!</p> - -<p>Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem -dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus -dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts -dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre -Gedanken an einen blau<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>seidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute -geschenkt hatte.</p> - -<p>Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford -hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges -Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den -Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen -Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, -rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte -zu Herrn Elfinger hinüber.</p> - -<p>Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.</p> - -<p>Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den -Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes -malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit -zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten -Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie -schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Saal. -Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.</p> - -<p>Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, -wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten -und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.</p> - -<p>Der Vorhang fiel.</p> - -<p>Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber -Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte -mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes -und ging als der Letzte hinaus.</p> - -<p>Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo -sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die -Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.</p> - -<p>Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln -Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer -Babette folgte und in eine Nebengasse bog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<p>Er schlich ihnen nach.</p> - -<p>Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die -Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.</p> - -<p>„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die -Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um -Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke -Ausfälligkeiten darin.“</p> - -<p>„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“</p> - -<p>„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den -Herzog spielen läßt.“</p> - -<p>„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“</p> - -<p>„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie -sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“</p> - -<p>„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht -geben.“</p> - -<p>„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“</p> - -<p>Trollmann sperrte seine Haustüre auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“</p> - -<p>„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“</p> - -<p>Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der -Einleitung zu verwerten waren.</p> - -<p>Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die -Befürchtungen Trollmanns bestätigte.</p> - -<p>Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig -heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter -Küssen das Unerlaubte versprochen hat.</p> - -<p>Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und -forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen, -wenn er es fertig bringe.</p> - -<p>Da tönte ein Halt.</p> - -<p>Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und -legte seine Finger um den Adamsapfel.</p> - -<p>Wie sie zittert, die Memme!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p>Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?</p> - -<p>Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge -Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in -Unordnung.</p> - -<p>„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will -es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die -Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild -Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.</p> - -<p>Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige -Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende3" name="kap_ende3"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Fahnenweihe">Die Fahnenweihe</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap4_die_fahnenweihe" name="kap4_die_fahnenweihe"> - <img src="images/kap4_die_fahnenweihe.jpg" alt="Kapitel 4: Die Fahnenweihe" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> - -<h3 class="hidden_header" id="Vorbereitung">Vorbereitung</h3> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap4a_vorbereitung" name="kap4a_vorbereitung"> - <img class="mbot2" src="images/kap4a_vorbereitung.jpg" alt="1. Abschnitt: Vorbereitung" /></a> -</div> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_v" name="initial_v"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_v.jpg" alt="V" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>ersprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der -Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön -der Reihe nach.</p> - -<p>Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim -Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du -sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“</p> - -<p>„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do -koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er, -„dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer, -daß er einspannt.“</p> - -<p>Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und -dem Hofbauern zum Dorf hinauf,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> daß die Stein geflogen und alle Hunde -rebellisch geworden sind.</p> - -<p>„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte -die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes -Mitleid.</p> - -<p>Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing -und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.</p> - -<p>Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.</p> - -<p>„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer. -„Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins -Höft, daß mir das gleich segn.“</p> - -<p>„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So -lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö -Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch -her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös -kimmt net<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt. -Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“</p> - -<p>„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel. -Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin; -deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß -mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“</p> - -<p>So geschah es.</p> - -<p>Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer -Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.</p> - -<p>Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub, -und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.</p> - -<p>Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.</p> - -<p>Sie war sehr schön, und — wie am darauffolgenden Samstag das -Distriktsblatt meldete: „von<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> blendendem Glanze, geschmackvoller -Symbolik und kunstreichster Ausführung“.</p> - -<p>In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über -denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.</p> - -<p>Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub -Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.</p> - -<p>Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit -Strahlen angebracht.</p> - -<p>Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine -Generalversammlung abgehalten.</p> - -<p>In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.</p> - -<p>Sämtliche Stimmen — auch seine eigene — erhielt der Hofbauer Nazi, -welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das -Fest verzögert hätte.</p> - -<p>Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe -kaufen sollte, begegnete er<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> den größten Schwierigkeiten, da alle -Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer -existiere leider noch nicht.</p> - -<p>Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten -Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die -Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.</p> - -<p>Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die -vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.</p> - -<p>Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem -Nutzen, wie wir später sehen werden.</p> - -<p>Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem -Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das -Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.</p> - -<p>Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten -mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier -sparen. Ich will<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht -entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden -sollte.</p> - -<p>Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet, -darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der -Streitfrage beteiligten.</p> - -<p>Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer, -wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.</p> - -<p>„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum -soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter -Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach -ma die Sach kurz und gengan zu an <em class="gesperrt">jeden</em>. An Vorabend halt ma -bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den -Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein -Sach.“</p> - -<p>Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich -verhältnismäßig leicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p>Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit -jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.</p> - -<p>Und sie wurde gut benützt.</p> - -<p>Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu -beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um -sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an -Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.</p> - -<p>Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle -miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß -warum.</p> - -<p>Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches -Getu.</p> - -<p>Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die -Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den -Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt -und die Andacht gestört ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> - -<p>Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die -Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann -bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken, -und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.</p> - -<p>Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich -sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor -der Kirchweih, dann langt es schon.</p> - -<p>Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war -wie — der Bader.</p> - -<p>Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.</p> - -<p>Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte -die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand -dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten -Wege ausgesucht.</p> - -<p>Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz -fürchtig mit den Armen herum<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>schlegelte, und bald stat, bald recht laut -an die Wand hinredete.</p> - -<p>Mein Freund, der Förster erzählte mir — und dann ist es gewiß wahr —, -daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader -untergekommen sei.</p> - -<p>„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er, -„sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige -Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber -net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was -Besonderes beobachten müßt.“</p> - -<p>Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie -sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.</p> - -<p>Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“</p> - -<p>Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam -das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho -wieder. Des<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>mal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia -der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei -der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner -rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und -deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.</p> - -<p>„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren -von wegen dem Rasiermesser.</p> - -<p>Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die -Angst gönn, sag i:</p> - -<p>„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr -Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“</p> - -<p>Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.</p> - -<p>Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:</p> - -<p>„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein -schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern, -der vor<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die -stolze Trophäe, die ich halte“...</p> - -<p>„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt -Di gar schö, i muaß niaßen.“</p> - -<p>Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt -an Stuhl um und naus beim Tempel.</p> - -<p>„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö -war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.</p> - -<p>„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz -verwundert an.</p> - -<p>„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen, -damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst -kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag -koan Spaß mehr.“</p> - -<p>„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is, -nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein -Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> Klub- und -zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert -seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit -geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“</p> - -<p>Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing -jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein, -wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.</p> - -<p>Ich auch.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="abschn_ende1" name="abschn_ende1"> - <img class="mtop2 w6em mbot2" src="images/abschn_ende.jpg" - alt="Ende des ersten Abschnitts" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<h3 class="hidden_header" id="Das_Fest">Das Fest</h3> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap4b_das_fest" name="kap4b_das_fest"> - <img class="mbot2" src="images/kap4b_das_fest.jpg" alt="2. Abschnitt: Das Fest" /></a> -</div> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_s2" name="initial_s2"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>eppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast -as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh -schmeißt, na geht’s los.“</p> - -<p>„Hamm ma’s? Firti!“</p> - -<p>Pum! Pum! Pum!</p> - -<p>Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der -Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im -Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und -tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an.</p> - -<p>Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein -verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> -Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der -Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im -Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut -nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern -schon eingeholt.</p> - -<p>Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau -ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder -hinzruck, und so weiter, bis der <span class="antiqua">C</span>-Trompeter erklärt, jetzt sei -ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit.</p> - -<p>So bricht der große Festtag in Kraglfing an!</p> - -<p>Allgemach wird es sieben Uhr.</p> - -<p>Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet -auf die einheimischen und auswärtigen Vereine.</p> - -<p>Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig -wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann.</p> - -<p>„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim -Lamplwirt warten dö Veterana auf<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr. -D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf; -bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö -ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö -Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö -liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“</p> - -<p>Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein -paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem -Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter.</p> - -<p>„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö -Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i -wollt, i lieget dahoam im Bett.“</p> - -<p>„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an, -„moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen, -nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p> - -<p>„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel.</p> - -<p>„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom -Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh -jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst. -Pfüat Di!“</p> - -<p>Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom -Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen -Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben.</p> - -<p>„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta -Pfeiferlverein?“</p> - -<p>Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus -der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die -Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt -stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An—trötten! Schtüll -schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - -<p>Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und -Tritt zum Gemeindehaus.</p> - -<p>Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon -haalt! Front!“</p> - -<p>Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den -Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.)</p> - -<p>„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr -werd a glei do sei.“</p> - -<p>Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der -Hutkrempen.</p> - -<p>„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er.</p> - -<p>„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern -wer’n aa nimmer lang aus sei.“</p> - -<p>„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über -den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung.</p> - -<p>Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen -läßt; drei Chargierte, der<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten -vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden -dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen -Diskurs anfangen.</p> - -<p>Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen -tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben.</p> - -<p>Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die -Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben -daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim -Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der -Hofbauer setzt sich in Positur:</p> - -<p>„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“</p> - -<p>Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie -der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als -tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> - -<p>Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist.</p> - -<p>Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger -Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger -Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger, -Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren, -die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die -Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und -zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn -mehrere haben eine alte und eine neue gehabt.</p> - -<p>Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum -Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche -Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte.</p> - -<p>Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut -in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> -nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her.</p> - -<p>Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte.</p> - -<p>An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub -hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die -Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter -Ordnung.</p> - -<p>Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt.</p> - -<p>Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren -frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern -Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue -Fahne gestiftet hatte.</p> - -<p>So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen.</p> - -<p>Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten -Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine -Blicke<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des -Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen -ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er -den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs -auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war -so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten -und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der -Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten.</p> - -<p>Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt -kommen würde. Und lang kam gar nichts.</p> - -<p>Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den -Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man -auch ein paar Brocken.</p> - -<p>„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“</p> - -<p>„I ko net.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>„Du muaßt.“</p> - -<p>„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red -verschlag’n. Mir is alles gleich.“</p> - -<p>„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di. -Was moanst denn, daß de sagen tat?“</p> - -<p>„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“</p> - -<p>„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“</p> - -<p>„In Gott’s Nam!“</p> - -<p>Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen -herauskommt, steigt der Bader auf das Podium.</p> - -<p>Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred -halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal.</p> - -<p>„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt -haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es -ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Fest, es ist ein großes -Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in -Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah, -wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“</p> - -<p>Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt -steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft -wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank -eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker -niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing -und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen -daheim erzählen werden!...</p> - -<p>Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der -Hofbauer.</p> - -<p>„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden! -Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho -gesagt,<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er -a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und -dös, was er sagen hat <em class="gesperrt">wollen</em>. Und drum der Rauchklub soll leben; -füfat hooch! hooch! hooch!“</p> - -<p>Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte -noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen.</p> - -<p>Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi -enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die -Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Noch gleichet eier kleiner Kreis</div> - <div class="verse">Dem leicht bewegten schwachen Reis,</div> - <div class="verse">Doch wird er wachsen immerdar</div> - <div class="verse">Und größer werden Jahr für Jahr,</div> - <div class="verse">Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit,</div> - <div class="verse">Nur pfleget die Geselligkeit,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> - <div class="verse">Drum, daß ihr immer tut desgleichen,</div> - <div class="verse">Des sei die neue Fahn ein Zeichen,</div> - <div class="verse">Weil Freindschaft steht auf dem Panür,</div> - <div class="verse">Drum leb der <em class="gesperrt">Rauchklub</em> für und für.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es -schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie -legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte, -daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf -und ab, als tät sie G’sott schneiden.</p> - -<p>Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch -besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben -hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte, -damit jeder an seine Krankheit glauben möcht.</p> - -<p>Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p>Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den -Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur -Kirche hinunter.</p> - -<p>Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu -beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den -Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist.</p> - -<p>Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein -Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen -an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die -Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und -der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht -angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische, -alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt.</p> - -<p>In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten -Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten -kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst.</p> - -<p>Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach -Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit -Sauerkraut.</p> - -<p>„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man -schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen.</p> - -<p>Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor.</p> - -<p>„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den -großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch, -pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller -fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“...</p> - -<p>Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln -auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt -ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue -Scharen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll.</p> - -<p>Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen -voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im -Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine -Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles -in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß -gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen -Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird.</p> - -<p>In diese Idylle hinein blast auf einmal der <span class="antiqua">C</span>-Trompeter das -bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange -Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei -Reden losschießen will.</p> - -<p>„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden -Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl, -sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> und Gelächter.) Aber indem -unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld -daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die -Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!)</p> - -<p>Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit, -indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht -vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch -bringen werden. (Bravo!)</p> - -<p>Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate) -ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen, -daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir -überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar -nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!)</p> - -<p>Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit -gedämpfter Schtümme hooch!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem -Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht, -daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie -müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und -deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute -Red so viele Junge.</p> - -<p>Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der -<span class="antiqua">C</span>-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei, -dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf -und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor -Tellerklappern und Messerklirren überhört worden.</p> - -<p>Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und -feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von -Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von -Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter, -bis<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren.</p> - -<p>Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl -seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand -dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen -Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher -zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und -den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen, -probierte schon hie und da einer seine Singstimme.</p> - -<p>Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die -Fliegen langsam im Zigarrenrauch.</p> - -<p>Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl -nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce -und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen -zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß -finden sollte. Die Jungen waren<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> rasch verschwunden, mit Ausnahme der -Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten, -weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit -ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim -Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen, -das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren -Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim -vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache -seines Leidens.</p> - -<p>„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß -nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so -a.. Oes versteht’s mi scho..“</p> - -<p>„Jawohl,“ sagt der Hofbauer.</p> - -<p>„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r -i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden -Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es -hat mei ganze Geisteskraft dazu<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> g’hört, daß i überhaupts red’n hab -kinna, an anderer war umg’fallen...“</p> - -<p>„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing, -„aba jetzt is da wieda bessa?“</p> - -<p>„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“</p> - -<p>„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt -jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei -Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder -aufg’richt.“</p> - -<p>„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt -der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko -oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern -Leut krank, aba <em class="gesperrt">mei</em> Red’...“</p> - -<p>Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch -schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen.</p> - -<p>Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut -haben schon vom Mahl<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind -leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen.</p> - -<p>Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also -ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt -unten und oben gleichmäßig weiter.</p> - -<p>Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die -Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden -aufgefrischt im Bierdusel.</p> - -<p>„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“ -fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si -Dei Schlechtigkeit ausweisen.“</p> - -<p>„Wos hob i?“</p> - -<p>„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir -advikatisch.“</p> - -<p>„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt -ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<p>Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her.</p> - -<p>„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“</p> - -<p>„Bst! Staat! D’Musik spielt.“</p> - -<p>Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn -in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln -und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist -völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne -fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der -Hand drauf schlagt.</p> - -<p>Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede -sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam -schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und -vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer -schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus -muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> kann. -Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar, -unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür -kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil -ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das -andermal sagt er:</p> - -<p>„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl! -Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom -Jägersmann:“</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es wollte ein Jägerlein jagen</div> - <div class="verse">Dreiviertel Stunden vor Tag,</div> - <div class="verse">Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa!</div> - <div class="verse">Wohl in dem grünen Wald!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei -dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden. -Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie -den Anfang:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Kein Kränzigen darfst du nicht tragen</div> - <div class="verse">Auf deinen goldenen Haar,</div> - <div class="verse">Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben</div> - <div class="verse">Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa!</div> - <div class="verse">Wie andere Jägersfraun.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Da Leberknödel und da Fastenknödel</div> - <div class="verse">Hamm sie mit anand z’trag’n,</div> - <div class="verse">Da hat da Leberknödel an Fastenknödel</div> - <div class="verse">Uebern Tisch obi g’schlag’n.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea,</div> - <div class="verse">Zoag mar an Weg an d’Mühl oi,</div> - <div class="verse">Kost net irr gea, kost net fei gea,</div> - <div class="verse">Wat no mitt’n an Boch oi.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an -allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller -werden die Maßkrüge leer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff -geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum -und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen -stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf -den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.</p> - -<p>Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“</p> - -<p>Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon -in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der -Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“</p> - -<p>In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl -wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen.</p> - -<p>Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben.</p> - -<p>„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst -ja Dei’s Nächsten Guat!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin -Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder -von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht -bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich -dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das -offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden -nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee -sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner -halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf -rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do -stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix -Guats.“</p> - -<p>„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a -Red...“</p> - -<p>„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei -Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> - -<p>„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand -bin i, und Punktum!“</p> - -<p>„Oho!“</p> - -<p>„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer, -„vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“</p> - -<p>Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht -der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf, -daß sich der Lärm legt.</p> - -<p>Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den -Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu -lenken.</p> - -<p>„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem -ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es -mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat -ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich -auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> -wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches -Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns -alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“</p> - -<p>Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom -Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen -gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und -rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind -die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle -Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich -stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird -immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den -Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die -Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern -von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist -der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Pfeifen und Zurufen -finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische -Schlacht.</p> - -<p>Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe -krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und -Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter -abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und -entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat -seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt -sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso -tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den -Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider.</p> - -<p>Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen -das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die -brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der -Gendarmerie, durchzudringen und die<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Völker zu trennen. Aber wie sieht -der Festplatz in der Abenddämmerung aus!</p> - -<p>Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr -gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben -Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben -der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies -am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die -zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende4" name="kap_ende4"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Richter">Die Richter</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap5_die_richter" name="kap5_die_richter"> - <img src="images/kap5_die_richter.jpg" alt="Kapitel 5: Die Richter" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_j2" name="initial_j2"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_j.jpg" alt="J" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">J</span>ohann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal -fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über -seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so -gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den -landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit -sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei -war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle -Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.</p> - -<p>Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant -in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem -Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die -Kleidung<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt -wurde.</p> - -<p>Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer -jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe -ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres -Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.</p> - -<p>Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange.</p> - -<p>Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger, -nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht -ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten -geführt hätte.</p> - -<p>Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen -Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte, -da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er -blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der -Herr Gendarmeriestationskomman<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>dant von Zeidlfing ihm einen Besuch -abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt, -sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte.</p> - -<p>Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage -das Gesetz beleidigt hatte.</p> - -<p>Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese -befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde.</p> - -<p>Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er -bedenklich den Kopf.</p> - -<p>Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie -Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll -schreiben mochte wegen dem Pfifferling.</p> - -<p>Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht -befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er -miterlebt, ja sogar verursacht hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte, -sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen.</p> - -<p>In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein -Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte.</p> - -<p>Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges -Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen -beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein.</p> - -<p>„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“</p> - -<p>„I woaß scho,“ sagte der Feichtl.</p> - -<p>„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“</p> - -<p>„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa -a kloans Präsent.“</p> - -<p>„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“</p> - -<p>„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf, -i les Dir des meinige für.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<p>Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und -Genosse...“</p> - -<p>„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“</p> - -<p>„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt -geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört, -Glas?“</p> - -<p>„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß -eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“</p> - -<p>„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“</p> - -<p>„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben -hat.“...</p> - -<p>„Moanst? Nacha tua weiter!“</p> - -<p>„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der -Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise -ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben.. -Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> - -<p>„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm -da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch -wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm -g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia -werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“</p> - -<p>„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da -kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse -sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft -entfernten, daß diese Tathandlungen...“</p> - -<p>„Wia hoaßt dös?“</p> - -<p>„Tat...handlungen...“</p> - -<p>„So? Tua weiter!“</p> - -<p>„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem -Zu—sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“</p> - -<p>„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma -mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da -schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“</p> - -<p>„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner -to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur -wüßt, was i toa soll?“</p> - -<p>„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma, -g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“</p> - -<p>„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena -G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“</p> - -<p>„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi. -Pfüat di daweil!“</p> - -<p>Der Dienstag kam.</p> - -<p>In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem -Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei -Schäfer. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem -Gespräche begriffen.</p> - -<p>„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin -’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“</p> - -<p>„Hast d’as draht?“ fragt Glas.</p> - -<p>„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net -lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“</p> - -<p>„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern -hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö -Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma -eing’sperrt san.“</p> - -<p>„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der -macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an -Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“</p> - -<p>So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer, -weil die Türen gesperrt blieben<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> bis zum Beginn der Sitzung. Der -Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht -gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen -bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen -Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen.</p> - -<p>Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot -ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den -„Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen -Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten.</p> - -<p>Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse, -einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals -durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch -späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine -ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat -gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller -Schimmel erschießen helfen. Später<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> in der langen Friedenzeit hatte -er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene -Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so -trefflich zustatten kamen. —</p> - -<p>Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch -häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab -es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen -Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen -schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch -seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen. -Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er -geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels -stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.</p> - -<p>Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den -Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann, -wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das -Schloß probierten, um endlich kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>schüttelnd weiter zu gehen. Oder -wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an -die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand -Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:</p> - -<p>„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem -Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.</p> - -<p>Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen -Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in -sehr übler Laune fragte:</p> - -<p>„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und -noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum. -Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen -gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß -ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch -zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen -aufschreiben und<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is -das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich -bitten darf...“</p> - -<p>Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch -ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen -lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu -faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel—stern -Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den -Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen -hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa -reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“</p> - -<p>Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma -z’erscht dro. Geh zua!“</p> - -<p>Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens -in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s -<em class="gesperrt">Oes</em> d’ Schöffa?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> - -<p>„Ja,“ sagte Feichtl.</p> - -<p>„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut -treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne -Viertelstund auf Enk...“</p> - -<p>„Auf ins?“ fragte Feichtl.</p> - -<p>„Natürli! Eigens auf Enk.“</p> - -<p>„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu.</p> - -<p>„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder.</p> - -<p>„Wo nauf?“ fragte Glas.</p> - -<p>„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli -Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel.</p> - -<p>Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und -setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie -nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso -verblüfft hinaufschaute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span></p> - -<p>Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß -Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an -ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der -Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten.</p> - -<p>Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte:</p> - -<p>„Sie sind heute zum ersten Male da?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen -Körperverletzung...“</p> - -<p>„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“</p> - -<p>„G’wiß net!“ sagte Feichtl.</p> - -<p>Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen -darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre.</p> - -<p>„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch -fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte, -den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu -schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte.</p> - -<p>Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes -Namen ab, was noch geschehen werde.</p> - -<p>„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen -groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel, -rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“</p> - -<p>„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel.</p> - -<p>Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber -niemand trat vor oder meldete sich.</p> - -<p>„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr -sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in -den Wirtshäusern herum.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam -machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm -offenbar etwas zu sagen hätten.</p> - -<p>„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen -Sie etwas von den Angeklagten?“</p> - -<p>„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“ -stotterte Feichtl.</p> - -<p>„Was? Wie heißen Sie denn?“</p> - -<p>„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“</p> - -<p>„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“</p> - -<p>„I war der Glas...“</p> - -<p>„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter -falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“</p> - -<p>„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr -Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia -ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt -hamm...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<p>Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme -Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den -Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen.</p> - -<p>Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten -und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen -meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die -zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte.</p> - -<p>„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich -habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen -sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem -sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese -einfältige Verwechslung nicht passiert.“</p> - -<p>In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte -Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die -Autorität bei den<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er -wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des -Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des -Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde.</p> - -<p>Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den -„Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls -sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er -schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. —</p> - -<p>Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe -eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine -väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel -aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen -sollten.</p> - -<p>Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder -erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er -würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen -brauchten.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte.</p> - -<p>Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere:</p> - -<p>„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht -an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den -Großkopfeten.“</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende5" name="kap_ende5"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Bader">Der Bader</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap6_der_bader" name="kap6_der_bader"> - <img src="images/kap6_der_bader.jpg" alt="Kapitel 5: Der Bader" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_e" name="initial_e"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>s ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und -Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver -so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.</p> - -<p>Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten -Unruhe gewesen.</p> - -<p>Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die -Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen -wären.</p> - -<p>Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird -die großen Besorgnisse leicht begreifen.</p> - -<p>Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas -Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in -Fürth zehn<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder -daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten -Cervelatwurst anfing.</p> - -<p>Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre -es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich -bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem -Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den -Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet, -und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine -große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der -Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute, -sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.</p> - -<p>Und davon will ich jetzt erzählen.</p> - -<p>Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der -Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik -geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden,<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> weil an den -Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung -geführt haben.</p> - -<p>Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein, -im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.</p> - -<p>„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“</p> - -<p>Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier -gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.</p> - -<p>„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren! -A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an -Riß kriegt hat.“</p> - -<p>„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster.</p> - -<p>„Na, der Schacherl.“</p> - -<p>„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend -über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“</p> - -<p>„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p> - -<p>„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit -konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht -oft ihre eigenen Wege.“</p> - -<p>„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner, -„d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“</p> - -<p>„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden -is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das -Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere -befinden.</p> - -<p>Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends -einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“</p> - -<p>„Oho! Was is denn los?“</p> - -<p>„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer -krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze -Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter -natürli mitten drin. Einen sol<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>chenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich -kein anständiger Mensch nicht hat halten können.</p> - -<p>Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der -hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die -Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr -gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé -is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“</p> - -<p>Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben, -denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der -Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.</p> - -<p>Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in -der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier -Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.</p> - -<p>Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter -hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe -von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend,<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.</p> - -<p>„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“</p> - -<p>„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter -daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“</p> - -<p>„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“</p> - -<p>„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an,</div> - <div class="verse">Es lebe der Reservemann!</div> - <div class="verse">Der treu gedient hat seine Zei-a-eit,</div> - <div class="verse">Ihm sei ein volles Glas geweiht!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr, -Herr Dokta?“</p> - -<p>„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader; -„die heutige Jugend...“</p> - -<p>Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Da drob’n auf da Höh</div> - <div class="verse">Schteht die bayrisch Armee.</div> - <div class="verse">Soldaten sollen leben!</div> - <div class="verse">Schöne Mädigen daneben!</div> - <div class="verse mleft1">Tapfre Bayern sein’s mir,</div> - <div class="verse mleft1">Tapfre Bayern sein’s mir!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg! -Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“</p> - -<p>Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin, -schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen -noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste -Tanzerei im Gang.</p> - -<p>Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon -deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht -sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet -zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank -hineinschiebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p> - -<p>„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“</p> - -<p>„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo -kommt’s denn her?“</p> - -<p>„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf -Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma -auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt.</p> - -<p>Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken. -Und nacha san mar auf Huglfing.“</p> - -<p>„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat -verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“</p> - -<p>„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm -a’gefangt.“</p> - -<p>„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“</p> - -<p>„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört. -Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß -de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da -schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> net, Cenzl! Dos kunnt’st net -damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab -i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“</p> - -<p>„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man -schon eine solchene Roheit g’sehen?“</p> - -<p>„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an -g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“</p> - -<p>„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“</p> - -<p>Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig -und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden -Rundgesang anstimmten.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Mir Bayern hamm Muat,</div> - <div class="verse">Mir fürchten’s kein Bluat,</div> - <div class="verse">Mir haben’s Kuraschi,</div> - <div class="verse">Wenn das Blut fließt auf der Straße,</div> - <div class="verse mleft1">Tapfere Bayern sein’s mir,</div> - <div class="verse mleft1">Tapfere Bayern sein’s mir.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und -gellende Pfiffe.</p> - -<p>An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.</p> - -<p>Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der -Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.</p> - -<p>„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese -Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen, -ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie -werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a -Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der -Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er -auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.</p> - -<p>„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil -größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta, -net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“</p> - -<p>Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den -johlenden Burschen vorbei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Hat’s Di, Bodawaschl?</div> - <div class="verse">Host koan Kreizer Geld im Taschl,</div> - <div class="verse mleft1">Bodawaschl!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als -wir schon im Freien angelangt waren.</p> - -<p>„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag -Ihnen au — auf Ehr und Gwi — Gwissen. Ha — hat er Boda — — Bo -— — Bo — — Bodawaschl g’sagt?“</p> - -<p>„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“</p> - -<p>„N — n — nein! In die — — dieser Beziehung, hupp! ist es vo — — -von grr — — größter Be — — Bedeitung. Es hängt vie — — viel vo -— — von Ihrer Au — — Au — — Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no -— — nochmals, ha — — hat er Bo — — Bo — — Bodawaschl g’sagt?“</p> - -<p>„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“</p> - -<p>„So? Hupp! Jetzt ko — — kost’s z — — z — zwoa Mark..“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle -Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten. -Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß -der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.</p> - -<p>Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter -meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.</p> - -<p>Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen, -und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied -deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und -Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte -noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann -wurde es allmählich ruhig.</p> - -<p>Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich -trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden -starken Abbruch getan hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p> - -<p>Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser -erfreulichen Tatsache.</p> - -<p>Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de -schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer -nicht verlesen wurde. Hier ist er:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="center">Lieber Freind,</p> - -<p>wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm -keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf -hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er -gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.</p> - -<p class="mleft1">es grist eich eier werder Freind</p> - -<p class="right mright2">Josef Reischl, Gidler.</p> - -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende6" name="kap_ende6"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Kindlein">Der Kindlein</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap7_der_kindlein" name="kap7_der_kindlein"> - <img src="images/kap7_der_kindlein.jpg" alt="Kapitel 7: Der Kindlein" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Lausbubengeschichten. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_u" name="initial_u"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_u.jpg" alt="U" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat -eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die -Augen zu und macht seinen Mund spitzig.</p> - -<p>Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr -Kindlein.“</p> - -<p>Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.</p> - -<p>Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne -Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser -Klaßprofessor.</p> - -<p>Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir -hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem -Kopf.</p> - -<p>Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit -ihm auf die Jagd gehen<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut -leiden und läßt es sich bloß nicht merken.</p> - -<p>Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut -habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren, -ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:</p> - -<p>„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’ -kalt.“</p> - -<p>Er heißt Gruber.</p> - -<p>Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.</p> - -<p>Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da -haben alle gelacht, und er hat gefragt:</p> - -<p>„Warum lacht Ihr, Kindlein?“</p> - -<p>Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und -hat gesagt:</p> - -<p>„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge -verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p> - -<p>Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß -ich es war.</p> - -<p>Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf -mich hergegangen.</p> - -<p>Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor -mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.</p> - -<p>Dann hat er gesagt:</p> - -<p>„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein -räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“</p> - -<p>Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt. -Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht -der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß -ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber -der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter -schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm -die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p> - -<p>Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal -in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir -verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte -auf den rechten Weg führen.“</p> - -<p>Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich -nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat -getan, als wenn er mich nicht sieht.</p> - -<p>Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund -ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal -deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein -etwas antun.</p> - -<p>Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den -Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.</p> - -<p>Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat -sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der -Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<p>Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.</p> - -<p>Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne -Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der -Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.</p> - -<p>Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben -Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll -Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er -nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.</p> - -<p>Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht -ausgelassen.</p> - -<p>Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf -den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:</p> - -<p>„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch. -Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte -Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> -Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch -hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch -stärken.“</p> - -<p>Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem -Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich -freuen muß.</p> - -<p>Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt -anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.</p> - -<p>Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern -gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.</p> - -<p>Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß -wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht -gönnt, daß wir frei haben.</p> - -<p>Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen -umschmeißt.</p> - -<p>Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung -gestanden ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p> - -<p>Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine -Zigarre.</p> - -<p>Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi -wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden -hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.</p> - -<p>Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist -von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn -nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang -gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz -hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als -wenn er viel gekostet hat.</p> - -<p>Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir -haben auch geschimpft über den Kindlein.</p> - -<p>Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt -worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der -Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> die Professoren -gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.</p> - -<p>Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf -herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde -haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat -geschrien:</p> - -<p>„Jetzt bringen sie ihn.“</p> - -<p>Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.</p> - -<p>Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von -Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat -gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein -geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume -darauf sind.</p> - -<p>Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was -ihm sein Herr anschafft.</p> - -<p>Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der -Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter -tun wollen.</p> - -<p>Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der -Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war -der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht -gekannt.</p> - -<p>Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.</p> - -<p>Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige -aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung -war.</p> - -<p>Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster, -weil dort das Postament war und Blumen herum.</p> - -<p>Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl -dabei.</p> - -<p>Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil -er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span></p> - -<p>„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.</p> - -<p>„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich -gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden, -weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.</p> - -<p>Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt: -„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“</p> - -<p>Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete, -bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir -den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein -hineinschmeißen.</p> - -<p>Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte, -daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.</p> - -<p>Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet, -denn wenn es aufkommt, ist alles hin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p> - -<p>Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch -nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir -dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.</p> - -<p>Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an -der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die -dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.</p> - -<p>Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh, -daß mir niemand begegnet ist.</p> - -<p>Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel -war.</p> - -<p>Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte -gehört.</p> - -<p>Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.</p> - -<p>Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das -Wochenblatt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p> - -<p>Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er -schon weit weg war.</p> - -<p>Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist -kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.</p> - -<p>Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.</p> - -<p>Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.</p> - -<p>Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.</p> - -<p>Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an -die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch -schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt -ihn schon einer.“</p> - -<p>„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat -stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen -haben.</p> - -<p>Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns -versteckt und haben ge<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>horcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz -sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns -niemand gehen sieht.“</p> - -<p>Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir -stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem -Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still -die Stiege hinaufgegangen.</p> - -<p>Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist -daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir -so schwitzten.</p> - -<p>Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.</p> - -<p>Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der -Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er -lernt.</p> - -<p>Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen -schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die -dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den -Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span></p> - -<p>Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so -geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er -lernt die dritte Konjugation.</p> - -<p>Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der -Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es -grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.</p> - -<p>Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und -die Feier für den Aloysius.</p> - -<p>Aber sie ist nicht gewesen.</p> - -<p>Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute -sind herumgestanden.</p> - -<p>Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben -gestanden und der Falkenberg auch.</p> - -<p>Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da -waren zwei Löcher darin.</p> - -<p>Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.</p> - -<p>„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p> - -<p>„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.</p> - -<p>„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.</p> - -<p>Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der -Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst -gehört hat.</p> - -<p>Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell -hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie -sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen, -und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und -der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat -man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt, -wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.</p> - -<p>Der Pedell hat das gesagt. —</p> - -<p>Ich habe mich nicht gerührt, und der Fritz auch nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<p>Er hat nur zum Friedmann gesagt, daß er jetzt die dritte Konjugation -kann.</p> - -<p>Ich bin zu den Großen hingegangen, wo die Professoren gestanden sind.</p> - -<p>Der Pedell hat immer geredet.</p> - -<p>Er erzählte alles immer wieder von vorne.</p> - -<p>Er hat gesagt, daß er daheim war und nachgedacht hat, ob er vielleicht -eine Halbe Bier trinken soll.</p> - -<p>Auf einmal hat seine Frau gesagt, es hat gescheppert, als wenn eine -Fensterscheibe hin ist.</p> - -<p>„Wo soll eine Fensterscheibe hin sein?“ hat er gefragt.</p> - -<p>Dann haben sie gehorcht, und er hat die Haustüre aufgemacht. Da ist ihm -gewesen, als wenn er einen Schritt hört, und er ist in sein Zimmer und -hat sein Gewehr geholt.</p> - -<p>Dann ist er hinaus und hat dreimal „Wer da?“ gerufen.</p> - -<p>Denn beim Militär hat er es so gelernt, wo er doch ein Feldwebel -war. Und im Krieg haben sie es so gemacht, da ist immer einer Posten -gestanden, und wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> er etwas Verdächtiges gehört hat, hat er „Wer -da?“ rufen müssen. Es hat sich aber nichts mehr gerührt, und er ist -im Hofe dreimal herumgegangen und hat nichts gesehen. Und dann ist er -zum Sternbräu gegangen, weil er gedacht hat, daß er eine Halbe Bier -trinken muß. Er hat gesagt, wenn er einen gesehen hätte, dann hätte er -geschossen, denn wenn einer keine Antwort nicht gibt auf „Wer da“, muß -er erschossen werden.</p> - -<p>Der Rektor hat ihn gefragt, ob er keinen Verdacht hat.</p> - -<p>Da hat der Pedell gesagt, daß er schon einen hat, aber er hat mit den -Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er es noch nicht sagen darf, weil -er ihn sonst nicht erwischt.</p> - -<p>Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell -gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren -gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt.</p> - -<p>Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt. -Da hat der Pedell wieder mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Augen geblinzelt und hat gesagt, daß -er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort -anschauen.</p> - -<p>Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß -einmal „Wer da?“ und er schießt gleich.</p> - -<p>Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt, -aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß, -und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird.</p> - -<p>Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem -Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und -alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es -zuerst gehört hat.</p> - -<p>Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz -vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die -Füße.</p> - -<p>Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar -lachen müssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p> - -<p>Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist -gefragt worden, ob keiner nichts weiß.</p> - -<p>Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius -nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat.</p> - -<p>Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen -zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.</p> - -<p>Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der -Fritz wissen es.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende7" name="kap_ende7"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Besserung">Besserung</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap8_besserung" name="kap8_besserung"> - <img src="images/kap8_besserung.jpg" alt="Kapitel 8: Besserung" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Lausbubengeschichten. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_w" name="initial_w"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>ie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt: -„Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so -dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“</p> - -<p>Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel -Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr -hinausschieben darf.</p> - -<p>Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es -noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit.</p> - -<p>Aber die Tante sagte:</p> - -<p>„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft -versprochen.“</p> - -<p>Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das -Geräucherte haben und Eier<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so -furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, -ob er nicht an sein Kind denkt.</p> - -<p>Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat -freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er -kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.</p> - -<p>Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde -schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.</p> - -<p>Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir -Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.</p> - -<p>Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug -hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch -Zigarren kaufen.</p> - -<p>Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter -Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er -ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das -Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: -„Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen -Vierer.“</p> - -<p>Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer -Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:</p> - -<p>„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem -Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“</p> - -<p>Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom -Omnibus.</p> - -<p>Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis -hat man immer in der Tasche.</p> - -<p>Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns -furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind.</p> - -<p>Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die -Handwerksburschen müssen dem Gendarm<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> ihr Zeugnis hergeben. Aber es war -schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder -lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.</p> - -<p>Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines -gekommen, wo schon Leute darin waren.</p> - -<p>Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein -großes, silbernes Pferd.</p> - -<p>Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat -gescheppert.</p> - -<p>Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille, -und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat -zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er -ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat.</p> - -<p>Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den -Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.</p> - -<p>Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> und hat mich -angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden -und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie -alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich -von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.</p> - -<p>Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der -Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die -verrohte Jugend sieht.“</p> - -<p>Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer -weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe.</p> - -<p>Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und -der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der -ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, -daß die Volksschulen immer schlechter werden.</p> - -<p>Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es -heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p> - -<p>Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen -Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen -auf den Kopf haut.</p> - -<p>Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben -mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen -Burschen ihr Sitzleder verhaut.</p> - -<p>Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen -Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt:</p> - -<p>„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“</p> - -<p>Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß -gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker -aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute -angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.</p> - -<p>Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben -es schnell ausgetrunken. Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> haben wir die Gläser zum Fenster -hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.</p> - -<p>Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der -Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“</p> - -<p>Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid -haben.“</p> - -<p>Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt:</p> - -<p>„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst -gestraft.“</p> - -<p>Und der große Mann sagte:</p> - -<p>„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“</p> - -<p>Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“</p> - -<p>Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als -wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: -„Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen -arretiert werden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p> - -<p>Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück -geschehen, und es war gar nichts.</p> - -<p>Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen -Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es -nicht tun, meine Herren.“</p> - -<p>Das hat mich gefreut, und ich sagte:</p> - -<p>„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir -die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht -mehr hinaus.“</p> - -<p>Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte -nein, weil er keine so starken nicht raucht.</p> - -<p>Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt -und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute -haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich -muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf -hauen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p> - -<p>Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns -wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz -schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich -habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser -wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark -zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann -das Rauchen nicht vertragen.</p> - -<p>Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut -genommen.</p> - -<p>Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind -aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große -Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen -man die Anarchisten macht.“</p> - -<p>Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.</p> - -<p>Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren -rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß -nicht mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn -es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in -der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich -hineingebrochen habe.</p> - -<p>Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden -ist.</p> - -<p>Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein -Gewohnheitsraucher.</p> - -<p>Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.</p> - -<p>Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die -Lüge.</p> - -<p>Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun -wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.</p> - -<p>Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie -hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.</p> - -<p>Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum -Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das -Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> der -Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: -„Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das -für ein Saustall?“</p> - -<p>Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo -das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen -und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“</p> - -<p>Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den -Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“</p> - -<p>„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.</p> - -<p>„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen, -daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“</p> - -<p>„Was bin ich?“ fragte der große Herr.</p> - -<p>„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es -nicht erlaubt.“</p> - -<p>„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit -Ruhe abmachen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p> - -<p>Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche -Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der -Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann. -Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der -Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man -arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst -kriegt.</p> - -<p>Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber, -daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet -eine Mark.</p> - -<p>Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum -Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.</p> - -<p>In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station -gekommen.</p> - -<p>Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.</p> - -<p>Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so -Kopfweh gehabt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - -<p>Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat, -wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich -gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast -Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein -möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich -in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, -wenn ich einen Kamillentee kriege.</p> - -<p>Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und -der Tisch war aufgedeckt.</p> - -<p>Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen -hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das -kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“</p> - -<p>Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll -mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, -und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p> - -<p>Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich -abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es -ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt -hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch -viel braver werden.</p> - -<p>Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir -eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen, -es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt -anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel -lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz -sind.</p> - -<p>Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar -schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“</p> - -<p>Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und -sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank -war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird -es schon halten und mir viele Freude machen.<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>“ Da habe ich weinen -müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod -solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat -geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern -Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht -mehr aufgehört hat.</p> - -<p>Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin -gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet -und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange -aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende8" name="kap_ende8"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Tante_Frieda">Tante Frieda</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap9_tante_frieda" name="kap9_tante_frieda"> - <img src="images/kap9_tante_frieda.jpg" alt="Kapitel 9: Tante Frieda" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Tante Frieda. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_m" name="initial_m"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_m.jpg" alt="M" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">M</span>eine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und -da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und -von meinem Talent redet.</p> - -<p>Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es -schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den -Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.</p> - -<p>„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.</p> - -<p>„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt -doch immer ganz von selber.“</p> - -<p>„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.</p> - -<p>„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt -denken, daß sie die Schwester von<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Deinem verstorbenen Papa ist. Und -überhaupt bist Du zu jung.“</p> - -<p>„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn -sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie -freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“</p> - -<p>Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du -frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die -Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe -in die Welt und nehme eine Stellung.“</p> - -<p>Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber -Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in -Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“</p> - -<p>Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind -alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt: -„Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute -Verdruß.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat -geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich -freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“</p> - -<p>Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der -Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch -ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles -herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der -Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir -schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen -trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat -sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe, -ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß -Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht -vertragen.“</p> - -<p>Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist -vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante -hat gesagt:<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die -Kinder werden schon fertig damit.“</p> - -<p>Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war. -Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er -hat den Koffer genommen.</p> - -<p>Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht, -daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so -schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart -war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner -Mutter.</p> - -<p>„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und -der Arzt findet nichts mehr.“</p> - -<p>„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben -sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem -nicht sagen.“</p> - -<p>Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert: -„Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p> - -<p>„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte, -finde ich schon etwas, daß sie geht.“</p> - -<p>Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer -unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie -gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“</p> - -<p>Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen -Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er -nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was -man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“</p> - -<p>Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke -ich Dir zwei Mark.“</p> - -<p>„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark -geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine -Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.</p> - -<p>Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell -gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p> - -<p>Im Hauseingang hat die Tante gesagt:</p> - -<p>„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei -Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“</p> - -<p>Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß -sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.</p> - -<p>„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt -schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“</p> - -<p>Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen -hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem -Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon -gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat -ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat -den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht -und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.</p> - -<p>Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder -eine Torte geschenkt hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p>Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so -herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie -er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.</p> - -<p>Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich -herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du -Lausbube!“</p> - -<p>Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt -und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“</p> - -<p>Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und -hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er -schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.</p> - -<p>Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das -Wohnzimmer gegangen.</p> - -<p>Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz -schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen -Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei -ist wieder weggerutscht, und ich habe einen<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> spanischen Nebel auf ihn -gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln -geschlagen hat.</p> - -<p>Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante -etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen -geht.</p> - -<p>Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig -Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn -sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts -gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und -in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat -sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel -gebraucht haben.</p> - -<p>Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel -gebraucht hat.</p> - -<p>„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft -erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem -Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem -jungen Baron Stunde gegeben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein -großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.</p> - -<p>Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den -Haaren fester gesteckt und hat gesagt:</p> - -<p>„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit -geredet.“</p> - -<p>Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und -sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn -er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele -Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern -haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was -mitkriegte.“</p> - -<p>„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.</p> - -<p>„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum -Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt -Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas -da<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>gewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor -gekriegt.“</p> - -<p>„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter -gesagt.</p> - -<p>„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich -gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere -Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“</p> - -<p>Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so -redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das -Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen -spanischen Nebel spritze.</p> - -<p>Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist, -und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.</p> - -<p>Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.</p> - -<p>Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er -Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große -Stiefel.<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn -zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein -Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat -wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele -Geld gebraucht hat!“</p> - -<p>Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die -Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat -es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe -gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser -Amtsrichter?“</p> - -<p>Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor -Steinberger.</p> - -<p>Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr -gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark -und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den -Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll -gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den -Ohren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span></p> - -<p>Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie. -Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie -auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.</p> - -<p>Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen -sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer -hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe -gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.</p> - -<p>Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand -gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber -sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.</p> - -<p>Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich -nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.</p> - -<p>Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn -hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein -unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p> - -<p>Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht, -wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich -tun, was man sich vornimmt.</p> - -<p>Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser -Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts -kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die -Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer -gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange -gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser -voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß -es von seinen Flügeln getropft hat.</p> - -<p>Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn -ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“</p> - -<p>Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch -genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich -gehört, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist -schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“</p> - -<p>Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem -Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“</p> - -<p>Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es -anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen -sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.</p> - -<p>Das bin ich.</p> - -<p>Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich -hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.</p> - -<p>Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“</p> - -<p>Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.</p> - -<p>„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.</p> - -<p>„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt -gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe -doch mein<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und -auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.</p> - -<p>Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es -denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der -Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar -weit spritzen damit.</p> - -<p>Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und -meine Mutter ist auch mitgegangen.</p> - -<p>Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf -unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine -Augen auf mich gerollt.</p> - -<p>Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen -ist so klug!“</p> - -<p>Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum -studiert hat!“</p> - -<p>„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt -es, daß sie so werden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p> - -<p>Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube, -daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster -offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch, -und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein -bißchen naß.</p> - -<p>Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal -nicht gewesen.</p> - -<p>Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht -schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.</p> - -<p>Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt, -und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben. -Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“</p> - -<p>Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch -furchtbar angeschaut.</p> - -<p>Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver -losgeht.</p> - -<p>Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt, -weil ihre Nase vorne ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> weiß war und weil sie mit dem Löffel so -schnell die Suppe gerührt hat.</p> - -<p>Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht -verderben lassen.</p> - -<p>Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst -bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier -in den Tod treibt.</p> - -<p>„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“</p> - -<p>Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.</p> - -<p>Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so -feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre -Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.</p> - -<p>Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen -gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich -gesehen.</p> - -<p>Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie -alle mögen, weil sie doch die<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Schwester von unserem lieben Papa ist, -und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.</p> - -<p>Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will -nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.</p> - -<p>Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war, -hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom -Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher -Mensch?“</p> - -<p>„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie -gesagt.</p> - -<p>Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und -ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.</p> - -<p>Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der -Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.</p> - -<p>„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit -dem linken Auge.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p> - -<p>„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine -schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn -kennt, weil er so tüchtig ist.“</p> - -<p>Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen -Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht, -daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.</p> - -<p>Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen -geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei -diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist -furchtbar schwer.</p> - -<p>Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein -gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.</p> - -<p>Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf -geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.</p> - -<p>Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<p>„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.</p> - -<p>„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr -leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe -es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen -Koffer getragen.“</p> - -<p>Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell -gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die -Tante, daß sie höflich ist.</p> - -<p>Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß -sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und -sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch -nicht viel mehr wie ein Expeditor.</p> - -<p>Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon -aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon -auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die -Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span></p> - -<p>Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt: -„Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“</p> - -<p>Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie -hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger -ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.</p> - -<p>Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich -gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie -kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich -Ihnen schon erzählt habe.“</p> - -<p>Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn -angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.</p> - -<p>Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante -kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat -gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird, -gefallt es ihr gewiß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span></p> - -<p>Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut -hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.</p> - -<p>Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat -gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß -Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil -sie kränklich ist.</p> - -<p>Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat -gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das -gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die -ganze Arbeit im Haus.“</p> - -<p>Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir -uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.</p> - -<p>Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt, -sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension -hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war, -und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> hat sie gefragt, ob er -den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er -kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch -so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren -in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß -er die Beamten kennt.</p> - -<p>Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt -gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat -erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht -gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert -haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen -hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht -hinaus.</p> - -<p>Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind -etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die -Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund -ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat; -da hat die Tante immer eine Ant<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>wort geben müssen, und wenn sie fertig -war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine -Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.</p> - -<p>Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will -nachschauen, ob der Herd noch raucht.</p> - -<p>Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt, -er ist immer so aufmerksam.</p> - -<p>Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr -geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.</p> - -<p>Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante -gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und -seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.</p> - -<p>Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und -der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht -helfen kann.</p> - -<p>Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn -der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die -Tante<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.</p> - -<p>Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie -weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension -keinen Bohnenkaffee kaufen.</p> - -<p>Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das -Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.</p> - -<p>Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat, -und er hat gesagt, ja.</p> - -<p>Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil -die Studenten doch so gern Bier trinken.</p> - -<p>Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat, -weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.</p> - -<p>Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.</p> - -<p>„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch -viele Studenten, die kein Bier<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> nicht trinken, und der Herr Amtsrichter -hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“</p> - -<p>„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt. -„Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß -niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der -Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal -recht lustig.“</p> - -<p>Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber -Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß, -und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht -lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“</p> - -<p>Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und -hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist -einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.</p> - -<p>Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat -meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung -gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat ge<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>sagt: „Sei -recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“</p> - -<p>Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen -sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir! -Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“</p> - -<p>Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee -hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der -Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort, -wie sonst.</p> - -<p>Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat -noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich -wundern, wo das herkommt.</p> - -<p>Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin -geschwind hinaus.</p> - -<p>In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe -ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft -sprengen muß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p> - -<p>Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur -hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe -alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf -Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.</p> - -<p>Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei -ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat -gepfaucht wie eine Katze.</p> - -<p>Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand -kommt, es ist aber ganz still gewesen.</p> - -<p>Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die -Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf -der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat -Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem -andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist -der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat -hinuntergeschaut, warum es raucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p> - -<p>Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber -wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und -bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.</p> - -<p>Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die -Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht -gemerkt, daß ich fort war.</p> - -<p>Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer -Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern, -wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern -sie sich nicht mehr um die Schwestern.</p> - -<p>Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat -um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda -nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.</p> - -<p>Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat -geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man -es seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“</p> - -<p>„Pfff—uum!“</p> - -<p>Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich -furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür -aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang -ist voll Rauch gewesen.</p> - -<p>Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.</p> - -<p>Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.</p> - -<p>„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.</p> - -<p>„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.</p> - -<p>Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus -der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie -geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.</p> - -<p>„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist -ihr schwach geworden, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe -gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.</p> - -<p>Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei -ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“</p> - -<p>Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:</p> - -<p>„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches -Ding!“</p> - -<p>„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.</p> - -<p>„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt, -es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.</p> - -<p>„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist -es nicht so arg.“</p> - -<p>„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen -mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du -bist der ruchlose Mörder!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p> - -<p>„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz -unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“</p> - -<p>Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld -gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch -gar nicht, was geschehen ist.</p> - -<p>„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat -es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter -auf die Knie bittet!“</p> - -<p>„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat -meine Mutter gesagt.</p> - -<p>Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon -beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach -verbrannte Federn.</p> - -<p>Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war -nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind -verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander ge<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span>standen. Der -Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von -einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut. -Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.</p> - -<p>„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund -werden.“</p> - -<p>„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem -abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich -gehe heute noch fort!“</p> - -<p>Und sie ist aber auch fortgegangen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende9" name="kap_ende9"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Indianerin">Die Indianerin</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap10_die_indianerin" name="kap10_die_indianerin"> - <img src="images/kap10_die_indianerin.jpg" alt="Kapitel 10: Die Indianerin" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Tante Frieda. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_a" name="initial_a"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>uf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von -ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil -er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er -viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte, -und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.</p> - -<p>Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze -Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante -Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne -nicht sieht.</p> - -<p>Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn -sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat -gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p> - -<p>Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und -wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof -machen.</p> - -<p>Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin -und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber -gelacht, weil meine Mutter seufzte.</p> - -<p>Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich -es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen -und Tiger schießen.</p> - -<p>Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut -überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.</p> - -<p>Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben -herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven -fressen, die daneben herlaufen.</p> - -<p>Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich -mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p> - -<p>Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein -Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer, -daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel -Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte -ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch -ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.</p> - -<p>Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich -viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.</p> - -<p>Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind -oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle -Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren -haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der -Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil -die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die -Rosa heiraten. Er ist<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht -leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn -Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich -einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist -eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er -gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal -auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal -beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen. -Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt, -und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.</p> - -<p>Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie -stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze. -Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß -er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir -weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist -der<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir -geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut. -Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die -junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat -er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und -wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist, -der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand -gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir -Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.</p> - -<p>Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht -habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe -Handschuhe.</p> - -<p>Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange -nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und -meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist -hinein, und ich bin auch hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span></p> - -<p>Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die -Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns -die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut, -aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der -Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele -Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es -traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich -die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann -hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen -naß geworden sind.</p> - -<p>Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele -Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als -wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr -Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht -jetzt aufs Land.</p> - -<p>Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt -aufs Land gehen, weil der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft -führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr -Provisor ist.</p> - -<p>Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er -gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich -gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein -kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf -den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder -auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das -Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen -nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.</p> - -<p>Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.</p> - -<p>Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.</p> - -<p>Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?</p> - -<p>Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p> - -<p>Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant, -daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein -großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.</p> - -<p>Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist, -denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein -sehr gebildetes Mädchen ist.</p> - -<p>Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er -hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist, -und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die -Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden -öfter auf den Keller geht.</p> - -<p>Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft, -daß ich bald einen Bärenzucker hole.</p> - -<p>Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der -Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht -gesagt, warum sie<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat -und sie so weit heraushängen läßt.</p> - -<p>Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der -Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.</p> - -<p>Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.</p> - -<p>Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und -Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat -den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt, -er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante -Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich -trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat -gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man -schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.</p> - -<p>Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug, -und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint, -es<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie -hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante -eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die -Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß, -weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre -Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber -Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres -eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die -Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt, -sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.</p> - -<p>Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine -Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer -Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die -Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den -Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen -gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> dann -haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf -geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder -den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem -Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante -Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt. -Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes -Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt -von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat -noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt, -sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil -sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich -der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet -ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat -die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte, -und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> dann hätten sie alle -Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht -und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann -er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden -und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht -fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf -genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann -hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“</p> - -<p>Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat -sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine -Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat -gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig -sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht -gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante -Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich -in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> daß nicht -alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot -geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes -Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.</p> - -<p>Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß -sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher -ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den -Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav -sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav -ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine -famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die -Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr -gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch -fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so -benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine -Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen -furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat ge<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>rufen: „Nein, Du bist -köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne -gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich -köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das -Indianerkind ist eben eine Perle.“</p> - -<p>„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch -beleidigt?“</p> - -<p>„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat -furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel -gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie -benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“</p> - -<p>„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.</p> - -<p>Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und -hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren -Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es -vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee, -den er daheim kriegt?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span></p> - -<p>Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu -viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.</p> - -<p>Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum -alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und -jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn -man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine -Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch -gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den -ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen, -aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der -ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr, -aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.</p> - -<p>Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert -hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren -benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay,<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> aber -nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein -Korsett nicht an.</p> - -<p>Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß -wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun -der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer -gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne. -Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die -Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen -Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz -angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich -gar nicht erklären kann.</p> - -<p>Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun -gestanden, daß man es erklärt.</p> - -<p>Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am -Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub -lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt, -„der Seitz ist immer dort gestanden<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> und hat mit seinem Hut geschwenkt, -aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich -angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat, -und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt. -Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine -Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld -bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine -Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“</p> - -<p>„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß -ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“</p> - -<p>„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“ -hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir -haben uns sehr gut unterhalten.“ — „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat -die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch -bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die -Tante angeschaut. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz -Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.</p> - -<p>Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und -sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie -bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt, -und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist -abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.</p> - -<p>„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz -erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes -willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob -sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora -ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie -sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora -hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter -gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> -gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles -sagen, aber man schweigt lieber.“</p> - -<p>Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine -Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.</p> - -<p>Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie -hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.</p> - -<p>Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt. -Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie -ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn -er bloß die Rosa sieht.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende10" name="kap_ende10"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Mucki">Mucki</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap11_mucki" name="kap11_mucki"> - <img src="images/kap11_mucki.jpg" alt="Kapitel 11: Mucki" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Assessor Karlchen. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_a2" name="initial_a2"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>uf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch -heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg -einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch, -die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu -zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche -wohnen.</p> - -<p>Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die -Toilette.</p> - -<p>Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen -der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich -eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.</p> - -<p>Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr -feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in -herrlicher Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>blüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald -den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er -sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von -zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken. -Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das -Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der -Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der -Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.</p> - -<p>Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten -Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier -aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach -einer ritterlichen Verbeugung die Hand.</p> - -<p>„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der -heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir -nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den -Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> Jungfrau hintrat und -in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung -der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem -erhabenen, beglückenden — äh — Bunde —“</p> - -<p>Hier mußte Graf Sacken Atem holen...</p> - -<p>In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es -hervor mit ungestümem Jauchzen.</p> - -<p>„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.</p> - -<p>Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die -Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. — — Lange, lange. -— —</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko4" name="tb_deko4"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.</p> - -<p>Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf -die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.</p> - -<p>Von dorther sollten die Husaren kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - -<p>Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt -wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die -reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so -abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten -sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten, -daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen, -wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.</p> - -<p>Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den -Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte -mit den Füßchen.</p> - -<p>Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!</p> - -<p>Was das nur ist, so ein Husar?</p> - -<p>Und wie sie aussehen werden?</p> - -<p>Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt, -der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund -schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer -Schnurrbart.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p> - -<p>Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!</p> - -<p>Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste -herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt -den Steinen.</p> - -<p>In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige -Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen, -hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch -schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen, -Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der -Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte -zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen -auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der -letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der -starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein -Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein -Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen -Schenkel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p> - -<p>Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da -tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend. -Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in -den Herzen der beiden.</p> - -<p>Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich -stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen -kamen leise, leise die Worte:</p> - -<p>„Also <em class="gesperrt">das</em> ist ein Husar?? — — —!“</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko5" name="tb_deko5"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.</p> - -<p>Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.</p> - -<p>Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch -nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt -lag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span></p> - -<p>Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte <em class="gesperrt">furchtbar</em> sein, -wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen -Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die -feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor -sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der -Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.</p> - -<p>Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der -Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?</p> - -<p>Wer weiß es?!...</p> - -<p>Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren -Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre -Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl -deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar -frischer, roter Lippen dachten. — — —</p> - -<p>Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen -Bratenschüsseln herbei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span></p> - -<p>Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den -Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:</p> - -<p>„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger -bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen -Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann -fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.</p> - -<p>Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren -Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät -Hussarren geziemt.</p> - -<p>Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“</p> - -<p>Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren -Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko6" name="tb_deko6"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p> - -<p>Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben.</p> - -<p>Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere -mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki -zurückgezogen.</p> - -<p>Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch -zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.</p> - -<p>Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das -selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie -gesucht hatte.</p> - -<p>Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.</p> - -<p>Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm, -aber das Unerhörte geschah.</p> - -<p>Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten -Vorgesetzten nicht.</p> - -<p>Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den -Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p> - -<p>Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl, -wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn -unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im -Palmenhause.</p> - -<p>In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster -hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut -zum Herzen und wieder zurück jagte.</p> - -<p>Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein -zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.</p> - -<p>„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du -nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die -keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine -Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt — äh -— sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie -mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne -des ersten seligen<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und -die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“</p> - -<p>Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner -Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.</p> - -<p>Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick -wieder, ich muß noch einen Gang machen.“</p> - -<p>Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.</p> - -<p>Es war ihr so eigentümlich <em class="gesperrt">weich</em> geworden.</p> - -<p>Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. — — —</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende11" name="kap_ende11"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Laemmergeier">Der Lämmergeier</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap12_der_laemmergeier" name="kap12_der_laemmergeier"> - <img src="images/kap12_der_laemmergeier.jpg" alt="Kapitel 12: Der Lämmergeier" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Assessor Karlchen. -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_v2" name="initial_v2"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_v.jpg" alt="V" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>or dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus -der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das -Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer -hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher -für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“ -verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze -und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen -aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte -und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit -kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte -Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es -durcheinander.</p> - -<p>Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz -besetzt. Unter einer mächtigen Linde<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> saßen die Honoratioren, lauter -reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit -verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich -draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und -gewichtige Wort.</p> - -<p>Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste -Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n -eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma -b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht, -daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“</p> - -<p>„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in -jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.</p> - -<p>„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An -solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat -Hand und Fuaß!“</p> - -<p>„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> der Greis. „Schaug an -Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a -Königsschloß!“</p> - -<p>„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein. -„Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“</p> - -<p>Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin. -Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich -geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt -hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos -is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas -entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland, -da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu -insern Kini und sein Haus...“</p> - -<p>In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen -zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen -Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt -denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut er<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>stickter Stimme und eilte -mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein -Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.</p> - -<p>Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut -ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene -Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen -Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.</p> - -<p>Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm -um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.</p> - -<p>Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er -leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem -blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.</p> - -<p>Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug -gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu -singen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Oba so zwoa, wia mir zwoa</div> - <div class="verse">Dös gibt’s ja net glei.</div> - <div class="verse mleft1">Duliä, dulio, duliä — — —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p> - -<p>„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte -zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch -die Zuschauer drängte.</p> - -<p>„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in -da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern -vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen, -so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl -mitanand! ... Du Luada!...“</p> - -<p>„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst -sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst -net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi -eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net, -Voda!...“</p> - -<p>„Wos? Herrgottsakrament!...“</p> - -<p>„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl -ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a -Paar starke<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß -s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom -Freihof!“</p> - -<p>Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch -lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.</p> - -<p>Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten -allein mit seiner Tochter.</p> - -<p>„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’ -hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a -zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets -Weibsbild!“ — — —</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko7" name="tb_deko7"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht. -Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und -legte sich breit auf die duftenden Wiesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - -<p>Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das -Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.</p> - -<p>„Loni, bist a’s Du?“</p> - -<p>„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“</p> - -<p>„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart -g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O, -mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri -zum Buffalo Bill.“</p> - -<p>„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“</p> - -<p>„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i -Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des -Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua -r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi -g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa -Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“</p> - -<p>„O, mei liaba Bua!...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p> - -<p>„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des -unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i -so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen, -als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles -gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“</p> - -<p>„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz -an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech, -Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein, -wia’s zua Lebzeiten...“</p> - -<p>„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean -scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“</p> - -<p>„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa -net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol -g’setzt vom Himmi als mei Voda...“</p> - -<p>„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an -Gedanken hab fassen kinna.<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du -sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au, -au! Herrgottsakrament!...“</p> - -<p>„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“</p> - -<p>„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“</p> - -<p>„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt -hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“</p> - -<p>Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen -und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen -Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing. -Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle -diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so -betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.</p> - -<p>Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und -körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter -dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span></p> - -<p>Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen -Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!... -dann nichts mehr!...</p> - -<p>Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das -Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele -gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“</p> - -<p>Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der -Stirne sickerte das Blut — —</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="tb_deko8" name="tb_deko8"> - <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg" - alt="Gedankensprung" /></a> -</div> - -<p>Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann. -Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch -geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm -liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen -auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.</p> - -<p>„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> liab’n Himmivoda? Und hot -er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“</p> - -<p>„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am -Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und -mi!...“</p> - -<p>„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.</p> - -<p>„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“</p> - -<p>Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe -Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem -verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.</p> - -<p>„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat -macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i -Dir, dort, mei Loni!“</p> - -<p>„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner -Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“</p> - -<p>Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein -fremder Herr gesellt hatten, in<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> schweigender Rührung. Der Freihofbauer -unterbrach die Stille.</p> - -<p>„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben -bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“</p> - -<p>„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir -wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden -is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen -Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal -ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem -Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt -sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer; -der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des -Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei -Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg -g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i -nix mehr.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p> - -<p>„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen -ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und -lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“</p> - -<p>Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen -über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel -aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“ -Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er -trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre -Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“</p> - -<p>Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten -lange und innig.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende12" name="kap_ende12"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Einser">Der Einser</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap13_der_einser" name="kap13_der_einser"> - <img src="images/kap13_der_einser.jpg" alt="Kapitel 13: Der Einser" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Pistole oder Säbel? -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_e2" name="initial_e2"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>s klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief: -„Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe -Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da -wo sie am Platze sind.</p> - -<p>Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches -verschämt zu Boden blickte.</p> - -<p>Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten -geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen.</p> - -<p>Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine -Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an.</p> - -<p>Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span></p> - -<p>Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das -Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig.</p> - -<p>Nein, an so etwas dachte er nicht.</p> - -<p>Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu -werden.</p> - -<p>„Also, was wollen Sie?“</p> - -<p>Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich -war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind -also zu sich nehmen.</p> - -<p>Gut, oder vielmehr nicht gut.</p> - -<p>Was heißt zu sich nehmen?</p> - -<p>Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte?</p> - -<p>Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der <span class="antiqua">adoptio</span> oder -Wahlkindschaft, und zwar vermittels der <span class="antiqua">adoptio in specie minus -plena</span>, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf -bereits in der<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Geltungszeit des <span class="antiqua">Codex Maximilianeus Bavaricus</span> -als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die -miterschienene Franziska Furtner.</p> - -<p>Ist es nicht so?</p> - -<p>Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“?</p> - -<p>Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines -Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen?</p> - -<p>Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange -Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit -anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson.</p> - -<p>Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß -er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist.</p> - -<p>Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger — -Gott hab ihn selig — immer zu sagen pflegte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p> - -<p>Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die -blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie -stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie -bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime -Weisheit zu sehen.</p> - -<p>Endlich war die <span class="antiqua">adoptio minus plena</span> fertig.</p> - -<p>Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen:</p> - -<p>„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und -mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“</p> - -<p>Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein -lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin.</p> - -<p>Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken.</p> - -<p>Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet, -und er geriet in einige Verlegenheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p> - -<p>Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die -Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden.</p> - -<p>Er ging einige Male auf und ab und überlegte.</p> - -<p>Diese Sache war nicht einfach.</p> - -<p>Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine <span class="antiqua">donatio inter vivos</span>, -und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein.</p> - -<p>Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte.</p> - -<p>Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses -Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg.</p> - -<p>Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und -diktierte.</p> - -<p>„Nachtrag — haben Sie?“</p> - -<p>„Nachtrag.“</p> - -<p>„Erstens:</p> - -<p>Nach Abschluß des Protokolles übergab das<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Wahlkind auf Betreiben der -Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen — fünf Blumen.</p> - -<p>Halten Sie, was sind das für Blumen?“</p> - -<p>„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“</p> - -<p>„So? So — — also schreiben Sie:</p> - -<p>.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei -Nelken bezeichnet wurden.</p> - -<p>Zweitens:</p> - -<p>Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der -Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der -Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war.</p> - -<p>Drittens:</p> - -<p>Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um -geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“</p> - -<p>So, das war geschehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span></p> - -<p>Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken -einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo -sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel -gelangt.</p> - -<p>Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung.</p> - -<p>Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte.</p> - -<p>Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen -pflegte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende13" name="kap_ende13"> - <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Vertrag">Der Vertrag</h2> - -<div class="figcenter showebook"> - <a id="kap14_der_vertrag" name="kap14_der_vertrag"> - <img src="images/kap14_der_vertrag.jpg" alt="Kapitel 14: Der Vertrag" /></a> -</div> - -<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Pistole oder Säbel? -Verlag Albert Langen, München</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d" name="initial_d"> - <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter -Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht -um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen -rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren.</p> - -<p>Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache, -welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung -veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich -zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für -Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen -Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. —</p> - -<p>Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht -gehegt, den Ehekontrakt einzu<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span>gehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte -Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit -schon in der <span class="antiqua">lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus</span> -ausdrücklich mißbilligt erschien.</p> - -<p>Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das -Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der -Vertrag nicht perfekt.</p> - -<p>Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom -Leibe und widmete sich ganz den Studien.</p> - -<p>Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit -einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.</p> - -<p>Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse -mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au.</p> - -<p>Und dies war folgendes.</p> - -<p>Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche -mit einer neuen zu vertauschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span></p> - -<p>Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn, -die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher -in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner -und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe.</p> - -<p>„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe -des Preises die Ware erwerben?“</p> - -<p>„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner.</p> - -<p>„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal, -Herr... Herr... wie heißen Sie?“</p> - -<p>„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera -achti.“</p> - -<p>„Also, Herr Klampferer...“</p> - -<p>„Klampfner!“</p> - -<p>„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span></p> - -<p>„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“</p> - -<p>„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als <span class="antiqua">prodigus, furiosus</span>, -als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“</p> - -<p>„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi -dablecken?“</p> - -<p>„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich -um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“</p> - -<p>„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“</p> - -<p>„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht -geschlossen.“</p> - -<p>Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große -Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in -dem andern war die neuangeschaffte.</p> - -<p>Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen.</p> - -<p>„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is -dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl -dafür.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span></p> - -<p>„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“</p> - -<p>„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma -Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba -was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“</p> - -<p>„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“ -wandte sich der Rat an seine Zugeherin, — „finden Sie den Preis -ortsüblich und wertentsprechend?“</p> - -<p>„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach -hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist -doch nicht viel zum kriegen damit.“</p> - -<p>„Sie raten mir also zum Abschlusse?“</p> - -<p>„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres -herausschauen.“</p> - -<p>„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ —</p> - -<p>„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n -Buab’n abhol’n.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span></p> - -<p>„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier -Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des -Vertrages.“</p> - -<p>„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“</p> - -<p>„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie -haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die -<span class="antiqua">traditio</span> würde überdies <span class="antiqua">brevi manu</span> erfolgen, allein ich -ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“</p> - -<p>„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“</p> - -<p>„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“</p> - -<p>Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben -an, wobei er den Text laut vorlas.</p> - -<p>„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois -Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“</p> - -<p>„Tandler vo der Au...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span></p> - -<p>„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael -Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande:</p> - -<p>Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger -verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die -demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte, -von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte -Bettwäsche... Bettwäsche. — Nicht wahr?“</p> - -<p>„J... ja!“ sagte Klampfner.</p> - -<p>„Also fahren wir fort:</p> - -<p>Zweitens: Der vereinbarte... vereinbarte, auch wert... -wertentsprechende Kaufpreis beträgt die Summe von zwei... zwei Mark -Reichswährung, über deren Empfang der Verkäufer hiemit... hiemit -quittiert. — Sie können gleich bezahlen, Herr Klampfner.“</p> - -<p>„I will’s nit schuldi bleiben,“ sagt der Tändler und zählte auf den -Tisch eine Mark und dann zehn Nickelstücke hin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span></p> - -<p>„Schön,“ sagte Eschenberger, „fahren wir fort. Drittens: Die Einreden -des Zwanges, des Irrtums... des Irrtums und... und des Betrugs sind -... ausgeschlossen. — So, das hätten wir. Wünschen Sie den Vertrag -noch einmal vorgelesen?“</p> - -<p>„Na, g’wiß net!“</p> - -<p>„Gut. Also auf Vorlesen verzichtet und unterschrieben. Setzen Sie Ihre -Unterschrift hierher.“</p> - -<p>Klampfner unterschrieb und ging dann, nachdem er erklärt hatte, daß -sein Sohn das Bündel abholen werde. Die Zugeherin begleitete ihn zur -Türe und lächelte beistimmend, als der Tändler sich mit der Faust an -der Stirne rieb und dann mit dem Daumen gegen das Zimmer deutete, worin -Eschenberger weilte.</p> - -<p>Einige Stunden später kam Klampfner junior und holte im Auftrage seines -Vaters das Bündel Wäsche ab.</p> - -<p>Noch denselbigen Abend stellte sich aber heraus, daß eine unliebsame -Verwechslung stattgefunden hatte. Dem Boten war das Bündel mit der -neuen Wäsche übergeben worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span></p> - -<p>Michael Klampfner wurde eilig hievon in Kenntnis gesetzt, allein er -verschloß sich heftig allem Zureden.</p> - -<p>„Wos?“ sagte er, „i soll de Wasch wieda hergeben? Waar mir scho z’dumm! -Für wos hat er denn an Vertrag g’schrieben? Dös gilt, wia’s g’schrieben -is. Irrtum is ausg’schlossen. Waar mir scho z’dumm!“</p> - -<p>Dieses geschah dem Königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger, -welcher seinerzeit einen Brucheinser erhalten hatte.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="buch_ende" name="buch_ende"> - <img class="mtop2 w6em" src="images/buch_ende.jpg" - alt="Kapitel-Ende" /></a> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<div class="reklame"> - -<p class="s2 center">Von Ludwig Thoma erschienen bei Albert Langen -in München:</p> - -<p class="p0">Assessor Karlchen und andere Geschichten<br /> -Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte<br /> -Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte<br /> -Die Medaille. Komödie in einem Akt<br /> -Die Lokalbahn. Komödie in drei Akten<br /> -Agricola. Bauerngeschichten<br /> -Hochzeit. Eine Bauerngeschichte<br /> -Die Wilderer. Eine Bauerngeschichte<br /> -Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit<br /> -Der heilige Hies. Eine Bauerngeschichte<br /> -Pistole oder Säbel? und anderes<br /> -Andreas Vöst. Bauernroman<br /> -Peter Schlemihl. Gedichte<br /> -Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten<br /> -Kleinstadtgeschichten<br /> -Moritaten<br /> -Moral. Komödie<br /> -Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten<br /> -Erster Klasse. Bauernschwank</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<div class="reklame"> - -<p class="s1 center">Ullstein-Bücher</p> - -<p class="center">Bis jetzt sind erschienen:</p> - -<p class="p0 s5 mleft3"><b>Clara Viebig</b> Dilettanten des Lebens<br /> -<b>Georg von Ompteda</b> Maria da Caza<br /> -<b>Heinz Tovole</b> Frau Agna<br /> -<b>Rudolph Stratz</b> Arme Thea<br /> -<b>Fedor von Zobeltitz</b> Das Gasthaus zur Ehe<br /> -<b>Paul Oskar Höcker</b> Die Sonne von St. Moritz<br /> -<b>Ernst von Wolzogen</b> Mein erstes Abenteuer<br /> -<b>Georg Engel</b> Die Last<br /> -<b>Kurt Aram</b> Violet<br /> -<b>Richard Voß</b> Der Todesweg auf den Piz Palü<br /> -<b>Otto Ernst</b> Laßt Sonne herein<br /> -<b>Max Kretzer</b> Der Mann ohne Gewissen<br /> -<b>Wilhelm Zensen</b> Unter heißerer Sonne<br /> -<b>Karl Rosner</b> Sehnsucht<br /> -<b>Wilhelm Hegeler</b> Der Mut zum Glück<br /> -<b>Peter Rosegger</b> Die Försterbuben<br /> -<b>Rudolf Herzog</b> Nur eine Schauspielerin<br /> -<b>Joseph Lauff</b> Marie Verwahnen<br /> -<b>Rudolf Hans Bartsch</b> Elisabeth Kött<br /> -<b>Franz Adam Beyerlein</b> Similde Hegewalt<br /> -<b>Walter Bloem</b> Sonnenland<br /> -<b>Richard Skowronnek</b> Bruder Leichtfuß<br /> -<b>Felix Hollaender</b> Charlotte Adutti<br /> -<b>Heinz Tovole</b> Mutter!..<br /> -<b>Karl Rosner</b> Georg Bangs Liebe<br /> -<b>Korfiz Holm</b> Thomas Kerkhoven<br /> -<b>Ludwig Ganghofer</b> Gewitter im Mai<br /> -<b>Georg von Ompteda</b> Denise de Montmidi<br /> -<b>Ludwig Thoma</b> Krawall</p> - -<p class="s1 center">Jeder Band 1.— Mark</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<div class="figcenter"> - <p class="mtop3 center">Ullstein & Co</p> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w6em no-break-before" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> - <p class="center no-break-before">Berlin SW 68</p> -</div> - -</div> -<pre> - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL *** - -***** This file should be named 60702-h.htm or 60702-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/7/0/60702/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - - -</body> -</html> diff --git a/old/60702-h/images/abschn_ende.jpg b/old/60702-h/images/abschn_ende.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b34988a..0000000 --- a/old/60702-h/images/abschn_ende.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60702-h/images/buch_ende.jpg b/old/60702-h/images/buch_ende.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 56a55c5..0000000 --- a/old/60702-h/images/buch_ende.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60702-h/images/cover.jpg b/old/60702-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file 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