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-The Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Krawall
- Lustige Geschichten
-
-Author: Ludwig Thoma
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60702]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie
- möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Einige Textstellen in hochdeutscher
- Standardsprache sind stark regional gefärbt; diese wurden nicht
- verändert, sofern der Sinn des Textes allgemein verständlich
- bleibt. Gleiches gilt für die Passagen in bayerischem Dialekt.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen
- (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
- Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
-Krawall
-
-Lustige Geschichten
-
-
-
-
-[Illustration:
-
- Ullstein-Bücher
-
- Eine Sammlung
- zeitgenössischer
- Romane
-]
-
-
-
-
-[Illustration:
-
- Krawall
-
- Lustige Geschichten
-
- von
-
- Ludwig Thoma
-
- Ullstein & Co
- Berlin-Wien
-]
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Krawall 5
-
- Kaspar Asam 33
-
- Kabale und Liebe 59
-
- Die Fahnenweihe 83
-
- Die Richter 129
-
- Der Bader 151
-
- Der Kindlein 167
-
- Besserung 189
-
- Tante Frieda 207
-
- Die Indianerin 243
-
- Mucki 265
-
- Der Lämmergeier 279
-
- Der Einser 295
-
- Der Vertrag 305
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Krawall]
-
- Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen
-Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn
-selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter
-den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich
-will die Geschichte der Reihe nach erzählen.
-
-Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß
-auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns
-gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die
-privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und
-der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg
-gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder
-Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche
-ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der
-Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied
-Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den
-Säbel schleifen lassen.
-
-Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von
-der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet,
-wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf
-der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten
-Frauen einschreiben lassen.
-
-Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat
-man geglaubt, es ist schon so weit.
-
-Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal
-hintereinander. -- --
-
-Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still,
-eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die
-Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die
-Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber
-es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.
-
-Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er
-die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft
-vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die
-Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.
-
-Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind,
-denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen.
-Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war;
-später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.
-
-Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch.
-Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch
-spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die
-Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele
-Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.
-
-Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar
-Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt,
-lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so
-hinaufgezogen.
-
-„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn
-ich es aber wissen täte!“
-
-Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein
-paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der
-Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher
-haben damals keinen Spaß verstanden.
-
-Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied
-Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch
-geschlagen hat.
-
-Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen
-die Preußen zusammen.
-
-Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es
-war die erste Kontrollversammlung angesagt.
-
-Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.
-
-In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine
-andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den
-Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische
-Soldaten werden müssen.
-
-In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme
-zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben
-noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht
-mehr altbayrisch sein soll.
-
-„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt.
-„Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen
-Glauben!“
-
-Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche
-gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren
-voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon
-ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.
-
-Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den
-Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.
-
-Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.
-
-In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren
-ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die
-Karten und klopft ihm auf die Schulter.
-
-„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß
-auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“
-
-„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen
-Sie?“
-
-„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein
-Flegel bin.“
-
-„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist
-die Polizei?“
-
-„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig,
-„vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.
-
-Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den
-König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten
-von den Stockacher Bauern.“
-
-Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was
-sie denken sollen. Der Bezirksamtmann -- Alois Reich hat er geheißen,
-und er war aus der Rheinpfalz -- hat die Karten hingelegt und ist
-wütend auf den Marktplatz hinaus.
-
-Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von
-Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine
-Auskunft geben können oder wollen.
-
-„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.
-
-„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt,
-„hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir
-Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“
-
-„Aha! Pfeift der Wind aus +dem+ Loch? Ich will Ihnen was sagen.
-Innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern
-beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen
-Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid,
-dann sollen Sie mich kennen lernen.“
-
-„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger
-die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch
-werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein.
-Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste
-dagegen.“
-
-Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und
-offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es
-nur keine Konsequenzen gehabt hätte.
-
-Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung,
-oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.
-
-Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen
-eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es
-eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat,
-und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.
-
-Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen
-die Bauernburschen in die Stadt gekommen.
-
-Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in
-der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.
-
-Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich
-noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen
-und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie
-Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die
-Fenster gezittert haben.
-
-Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die
-Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.
-
-Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer
-aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt,
-sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander
-geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.
-
-Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich
-die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich
-angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die
-Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.
-
-Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein
-allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:
-
-„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“
-
-Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie
-nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist
-auf den Boden gelaufen.
-
-Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den
-andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben
-sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.
-
-Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der
-Jüngste Tag ist gekommen.
-
-Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein
-paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf,
-ein Wort gröber wie das andere.
-
-„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir
-schlecht!“
-
-Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm
-auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.
-
-Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in
-den Haufen hinein ist.
-
-Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht
-sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß
-und schreit:
-
-„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang
-wir noch bayrisch bleiben.“
-
-„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine
-solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten
-ist.“
-
-„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß
-herunter.
-
-Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.
-
-Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:
-
- „Schenkt’s mir amal was boarisch ein!
- Boarisch woll’n wir lustig sein,
- Schenkt’s mir amal was boarisch ein,
- Boarisch woll’n wir sein!“
-
-Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich
-schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der
-Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang
-in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.
-
-„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn
-er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“
-
-Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen,
-denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für
-kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen;
-aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl
-über das Rathaus her.
-
-Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben
-geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.
-
-Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein
-gesagt in der ganzen Gegend.
-
-Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den
-Gemeindeschreiber bei der Gurgel.
-
-„Wo sind die Preußen?“
-
-„Heraus damit!“
-
-„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“
-
-„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“
-
-Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen
-ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die
-Fenster, johlen und brüllen.
-
-Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.
-
-Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz
-gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in
-die Kirchgasse gelaufen.
-
-Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl
-geschehen.
-
-„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke.
-Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn
-selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der
-Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.
-
-Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde
-gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern
-stürmen das Rathaus!“
-
-„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes
-willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die
-Magistratsrät?“
-
-„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“
-
-„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“
-
-Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.
-
-„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die
-Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst
-und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“
-
-Und das war auch richtig.
-
-Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß
-Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt,
-und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie
-so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.
-
-Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:
-
-„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich
-alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am
-Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“
-
-„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“
-
-Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:
-
-„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“
-
-„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch
-ins Unglück.“
-
-Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.
-
-Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.
-
-Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm
-blasen.
-
-Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die
-Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.
-
-Aber kein Mensch kommt heraus.
-
-Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt,
-schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.
-
-Jetzt rasselt auch eine Trommel.
-
-Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm
-erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!
-
-Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich
-keiner blicken.
-
-Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.
-
-Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider
-sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.
-
-Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“
-
-„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.
-
-„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die
-Bauern sind über uns.“
-
-„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine
-Antwort mehr.
-
-Der Simon hält Kriegsrat.
-
-„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu
-ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“
-
-Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant.
-„Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen,
-denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln
-die Köpfe nicht einschlagen.“
-
-„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an
-den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt
-hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“
-
-Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß
-unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei
-der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.
-
-Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des
-Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich
-voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.
-
-Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen;
-aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und
-sein Feldwebel war bei ihm.
-
-Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und
-blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.
-
-Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre
-wahrscheinlich ein Unglück passiert.
-
-Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn
-ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später
-so gekommen.
-
-Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein
-fuchsteufelswildes Gesicht.
-
-Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an:
-„Wer sind Sie?“
-
-„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“
-
-„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen
-Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“
-
-„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit
-meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“
-
-„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an
-und den Trompeter und den Pionier.
-
-„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf
-unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.
-
-„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von
-ihm.“
-
-„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“
-
-„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.
-
-Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine
-Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir
-rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“
-
-Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß
-man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.
-
-Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel,
-denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.
-
-Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die
-Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen
-dann johlend auseinander.
-
-Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das
-Bier aus.
-
-Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe
-Umschau halten.
-
-„Was ist los, Batz?“
-
-„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere,
-und sie schreien immer noch.“
-
-„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“
-
-„Nein, da sieht man gar nichts.“
-
-„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse
-müssen sie kommen.“
-
-„Nein. Man sieht nichts.“
-
-„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau
-hin!“
-
-„Man sieht keinen Menschen nicht.“
-
-„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel
-Burschen auf dem Platz?“
-
-„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“
-
-„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“
-
-„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.
-
-„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß,
-schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und
-Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt
-das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“
-
-Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören,
-packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.
-
-Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher
-die Polizei heimgenommen.
-
-„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt
-schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“
-
-Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau
-gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben
-sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem
-Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und
-Aktendeckeln.
-
-Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen
-worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo
-zugerufen.
-
-Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit
-dem Säbel gedankt.
-
-„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt
-noch.“
-
-Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.
-
-„Was willst?“
-
-„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“
-
-„Was für einen Major?“ fragt der Simon.
-
-Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den
-Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.
-
-„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.
-
-„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“
-
-Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht
-die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem
-Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor
-lauter Angst, wer denn kommt.
-
-„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon
-was anderes geglaubt.“
-
-Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut
-seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch
-gefallen ist und sozusagen betäubt war.
-
-Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich
-Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.
-
-Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer
-sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in
-Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen
-auch nicht das schönste Leben gehabt.
-
-Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar
-jetzt anderweitig geschützt sind.
-
-Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später
-doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat
-es ausdrücklich so gewünscht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kaspar Asam]
-
- Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Hinauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer
-verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und
-Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.
-
-Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen
-hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten
-Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich
-für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.
-
-Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze,
-sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche
-Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen,
-Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser Beschäftigung so
-merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.
-
-Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein
-kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch
-schnallen konnte.
-
-Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch
-und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren
-und wurde den Dürnbuchern unheimlich.
-
-Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett
-wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war,
-erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.
-
-So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen
-Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser
-Ungerechtigkeit Haß gesogen.
-
-Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein
-Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als
-durch die Mißachtung der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit
-erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte
-bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch
-er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.
-
-Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen
-ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen
-Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der
-Zweifelhaftigkeit hegt.
-
-Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus
-Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den
-Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.
-
-Dann kam aber ein aufregender Vorfall.
-
-Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete,
-merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.
-
-Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen,
-oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch
-ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für
-schuldig hielt.
-
-Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht
-anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise
-einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.
-
-Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen
-Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der
-Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang
-überfallen und windelweich geschlagen.
-
-Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die
-öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.
-
-Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen
-war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.
-
-Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben
-durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten,
-daß ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder
-ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.
-
- * * * * *
-
-Die Tage vergingen.
-
-Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen
-des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche
-Nachrichten über das Meer.
-
-Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten,
-und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in
-China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?
-
-Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches,
-denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und
-freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis
-nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und
-von dort kam es zu lesen, daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein
-müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den
-Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.
-
-Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das
-Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich
-in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich
-vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die
-Gedanken, welche darüber anzustellen sind.
-
-Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel
-geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer
-Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er
-stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten
-mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden,
-die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris
-und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur
-schrieb, es sei genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den
-Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die
-Einladung zu einem Preiskegelschieben.
-
-Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht
-weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen
-merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.
-
-Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein
-großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam,
-Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.
-
-Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht
-und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn
-verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden,
-dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem
-Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam
-für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches
-ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.
-
-Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es
-hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden.
-„Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen,
-daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter
-den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den
-telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das
-Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...
-
-Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten
-mußten.
-
-Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber
-der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die
-Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern,
-daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.
-
-Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung
-und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister
-einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.
-
-Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken
-Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte
-sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen
-habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz
-neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen
-rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.
-
-Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen
-Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war
-falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines
-Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten
-mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen
-waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die
-tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet.
-Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß
-der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten gehalten habe. Nur der
-Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben
-wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse,
-könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.
-
-Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten
-Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen,
-und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug
-herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm
-des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener
-Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher
-die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war,
-als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im
-Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und
-daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.
-
-Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben
-und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine
-geheiligte Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das
-geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern
-dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die
-Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen
-Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner
-Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von
-Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz
-und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war
-ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität
-begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen
-müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte
-zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so
-hieß: Jugend hat keine Tugend.
-
-Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen,
-und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres
-Sohnes Anerkennung und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher
-Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er
-einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit
-mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte.
-Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.
-
- * * * * *
-
-Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal
-einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und
-Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an
-der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden
-betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke
-Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen
-Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der
-es mit Freude begrüßen mußte, nach so vielen Jubiläen endlich
-wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte
-einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden
-waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu
-gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus
-Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der
-stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert
-waren.
-
-Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und
-marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang
-genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und
-eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße
-heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten
-Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch,
-die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.
-
-„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen
-kletterte der Sieger von Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser
-merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von
-Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn
-Sebald machte soldatischen Lärm.
-
-„Achtung! Still--gestanden! Augen rechts! Präsentiert das -- Gewehr!“
-
-Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde
-Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.
-
-„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie,
-indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest
-für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen
-Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren
-wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres
-obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck,
-indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern
-Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“
-
-Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm
-die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An
-seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten,
-und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.
-
-„In Sektionen links schwenkt -- marsch!“
-
-Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen
-Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach
-Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.
-
-Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute
-das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der
-merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er
-für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht
-gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein
-Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte
-der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der Kirchgasse her mit Brausen
-und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von
-ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst
-kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark
-darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...
-
-Silentium!
-
-Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar
-Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts,
-und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen
-Bürgermeister, welcher nun sprach:
-
-„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari~
-sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort
-verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben.
-~Nil admirari~, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte
-Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen
-Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen
-sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vorsehung
-unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen
-Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen,
-in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener
-Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht,
-daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken?
-Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im
-bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner
-fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein
-tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.
-
-Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari!~ Welch ein
-Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund
-und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche
-Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch
-uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen
-gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und
-haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen! Denn nicht
-ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es
-war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern,
-welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher
-den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte,
-diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns
-nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind
-unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser
-Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene
-patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und
-Nord, hochverehrte Festversammlung, -- daß jene patriotischen Gefühle
-auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates
-und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten
-Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust
-schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die
-Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem
-engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können
-diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir
-rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und
-Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“
-
-Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur
-mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der
-Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit
-einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister.
-Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten
-Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen
-können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den
-Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben
-glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin
-feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede
-erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich auf die Schulter schlug und
-ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er
-hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten
-saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er
-sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter
-ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine
-Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück,
-fünf harte Taler und...
-
-Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will
-sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und
-verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen
-rechtskundigen Bürgermeister. ~Nil admirari!~
-
- * * * * *
-
-Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er
-seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß.
-Als vaterländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit
-Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer
-neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit
-überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als
-täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte
-seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger
-Anerkennung sicher zu sein.
-
-Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in
-hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige
-Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft
-begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und
-ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen
-führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das
-sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden
-mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche
-Erscheinung und bald eine ärgerliche Erscheinung. Unterweilen
-versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm
-das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der
-Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein
-idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die
-Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als
-gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher
-herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling
-der drei Monarchen.
-
-So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im
-dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende
-Gefühle.
-
-Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und
-nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene
-Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen,
-welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs
-gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen
-Bierzeichen im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der
-historischen Größe.
-
-Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in
-gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein
-Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin
-den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand
-gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken.
-Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu
-die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er
-hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die
-stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den
-schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Kabale und Liebe]
-
- Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren
-grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton
-sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von
-Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und
-wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich
-unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten
-dem Frühling entgegen.
-
-Wo aus, du junger Schlossergeselle?
-
-Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und
-bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.
-
-Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte
-er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin
-das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.
-
-Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr,
-und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich
-schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.
-
-Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter,
-zeigte sich lieblich zu ihm.
-
-Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die
-Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über
-knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.
-
-Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu
-einem andern in mondhellen Nächten.
-
-Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!
-
-Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu
-so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.
-
-Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen
-entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem
-Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem
-Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im
-Liebesgarten umher.
-
-Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit
-allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie
-verwelkt war.
-
-Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.
-
-Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige
-Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares
-hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten
-vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den
-Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war
-er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.
-
-Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen
-Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ?
-Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm
-Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins
-Freie schweifte.
-
-Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen
-ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber
-roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?
-
-Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß
-unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.
-
-Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in
-seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter
-dessen Zweigen er glücklich gewesen war.
-
-Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und
-darauf stand mit silbernen Buchstaben:
-
-Lebensweisheit in Versen.
-
-Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt
-war.
-
-
-Lenz und Herbst
-
- Die Blumen weinten in der Maiennacht
- Um des geschiednen Tages süße Wonne.
- Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht!
- Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.
-
- Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut,
- Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken,
- Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut,
- Sind welk die Blumen alle hingesunken.
-
-„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb
-die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und
-wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.
-
-Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:
-
- „Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und
- verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich
- nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde,
- und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse
- begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem
- allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker
- entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende
- Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben.
- Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem
- zahlreichen Besuche entgegen.
-
- Jakob Weindl, Theaterdirektor.
-
- Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen,
- unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen
- Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe,
- dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet,
- durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer
- wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater
- unbefriedigt verlassen.
-
- Die Redaktion.“
-
-Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den
-verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen
-Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter
-welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich
-vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet
-hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner,
-von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung
-um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch
-übernommen hatte.
-
-Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin
-der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus
-kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch
-andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte,
-vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder
-brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat
-irgend etwas anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den
-ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.
-
-Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch
-seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er
-schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß
-die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der
-butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.
-
-Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine
-Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die
-Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines
-so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer
-zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald
-darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein
-ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles
-Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preissuche
-eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es
-momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem
-Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen.
-Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu
-erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die
-Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch
-ätzender Lauge übergoß.
-
-Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen
-Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen,
-weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah
-ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die
-allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste
-des Apothekerprovisors Elfinger.
-
-Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale,
-und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden
-fallen.
-
-Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne
-zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus
-Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford
-und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen
-großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin
-schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in
-Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden
-Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine
-vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen.
-Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das
-war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen
-ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors,
-Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als
-Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die
-übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem
-Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die
-Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des
-Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein,
-und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen
-Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur
-Saaltüre.
-
-„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig
-auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.
-
-„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen
-vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er
-der Närrin solide Absichten vor, -- noch besser.“
-
-Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten?
-Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien
-vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.
-
-Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen
-waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die
-ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in
-diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.
-
-„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands -- ich verwerfe Dich
--- ein deutscher Jüngling!“
-
-Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände,
-daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.
-
-„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.
-
-„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter
-Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für
-ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse
-Instinkte.“
-
-„Aber als klassisches Stück?“
-
-„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch.
-Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die
-Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt,
-als der Hofmarschall auftrat?“
-
-Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges
-für seine Kritik zu verwenden.
-
-Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock
-reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die
-schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und
-deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war
-gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem
-Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine
-dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen,
-als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.
-
-Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte,
-wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die
-Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr
-umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie
-auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von
-liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese
-Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des
-Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes
-unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!
-
-Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder
-zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein
-finsteres Schicksal über die braven Leute kam.
-
-Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne,
-wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen
-war, und alle anderen schwiegen erschüttert.
-
-Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit
-nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und
-brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein
-höchst frivoles Lachen anzuheben.
-
-Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein,
-der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen
-abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich
-jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen
-konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer,
-welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten,
-mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der
-schuftige Sekretär diktierte.
-
-Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände
-ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual
-auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und
-arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche
-Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.
-
-Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte
-mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der
-immer mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz
-in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat
-an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du
-genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte!
-Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn
-im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“
-
-Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und
-bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein
-Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme,
-daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!
-
-Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem
-dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus
-dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts
-dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre
-Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute
-geschenkt hatte.
-
-Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford
-hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges
-Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den
-Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen
-Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde,
-rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte
-zu Herrn Elfinger hinüber.
-
-Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.
-
-Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den
-Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes
-malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit
-zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten
-Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie
-schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal.
-Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.
-
-Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät,
-wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten
-und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.
-
-Der Vorhang fiel.
-
-Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber
-Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte
-mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes
-und ging als der Letzte hinaus.
-
-Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo
-sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die
-Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.
-
-Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln
-Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer
-Babette folgte und in eine Nebengasse bog.
-
-Er schlich ihnen nach.
-
-Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die
-Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.
-
-„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die
-Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um
-Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke
-Ausfälligkeiten darin.“
-
-„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“
-
-„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den
-Herzog spielen läßt.“
-
-„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“
-
-„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie
-sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“
-
-„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht
-geben.“
-
-„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“
-
-Trollmann sperrte seine Haustüre auf.
-
-„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“
-
-„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“
-
-Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der
-Einleitung zu verwerten waren.
-
-Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die
-Befürchtungen Trollmanns bestätigte.
-
-Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig
-heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter
-Küssen das Unerlaubte versprochen hat.
-
-Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und
-forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen,
-wenn er es fertig bringe.
-
-Da tönte ein Halt.
-
-Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und
-legte seine Finger um den Adamsapfel.
-
-Wie sie zittert, die Memme!
-
-Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?
-
-Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge
-Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in
-Unordnung.
-
-„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will
-es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die
-Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild
-Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.
-
-Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige
-Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Die Fahnenweihe]
-
- Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
-
-
-[Illustration: Vorbereitung]
-
-Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der
-Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön
-der Reihe nach.
-
-Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim
-Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du
-sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“
-
-„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do
-koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er,
-„dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer,
-daß er einspannt.“
-
-Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und
-dem Hofbauern zum Dorf hinauf, daß die Stein geflogen und alle Hunde
-rebellisch geworden sind.
-
-„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte
-die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes
-Mitleid.
-
-Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing
-und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.
-
-Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.
-
-„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer.
-„Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins
-Höft, daß mir das gleich segn.“
-
-„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So
-lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö
-Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch
-her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös
-kimmt net vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt.
-Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“
-
-„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel.
-Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin;
-deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß
-mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“
-
-So geschah es.
-
-Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer
-Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.
-
-Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub,
-und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.
-
-Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.
-
-Sie war sehr schön, und -- wie am darauffolgenden Samstag das
-Distriktsblatt meldete: „von blendendem Glanze, geschmackvoller
-Symbolik und kunstreichster Ausführung“.
-
-In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über
-denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.
-
-Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub
-Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.
-
-Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit
-Strahlen angebracht.
-
-Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine
-Generalversammlung abgehalten.
-
-In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.
-
-Sämtliche Stimmen -- auch seine eigene -- erhielt der Hofbauer Nazi,
-welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das
-Fest verzögert hätte.
-
-Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe
-kaufen sollte, begegnete er den größten Schwierigkeiten, da alle
-Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer
-existiere leider noch nicht.
-
-Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten
-Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die
-Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.
-
-Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die
-vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.
-
-Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem
-Nutzen, wie wir später sehen werden.
-
-Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem
-Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das
-Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.
-
-Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten
-mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier
-sparen. Ich will nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht
-entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden
-sollte.
-
-Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet,
-darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der
-Streitfrage beteiligten.
-
-Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer,
-wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.
-
-„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum
-soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter
-Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach
-ma die Sach kurz und gengan zu an +jeden+. An Vorabend halt ma
-bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den
-Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein
-Sach.“
-
-Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich
-verhältnismäßig leicht.
-
-Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit
-jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.
-
-Und sie wurde gut benützt.
-
-Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu
-beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um
-sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an
-Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.
-
-Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle
-miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß
-warum.
-
-Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches
-Getu.
-
-Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die
-Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den
-Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt
-und die Andacht gestört ist.
-
-Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die
-Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann
-bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken,
-und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.
-
-Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich
-sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor
-der Kirchweih, dann langt es schon.
-
-Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war
-wie -- der Bader.
-
-Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.
-
-Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte
-die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand
-dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten
-Wege ausgesucht.
-
-Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz
-fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut
-an die Wand hinredete.
-
-Mein Freund, der Förster erzählte mir -- und dann ist es gewiß wahr --,
-daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader
-untergekommen sei.
-
-„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er,
-„sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige
-Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber
-net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was
-Besonderes beobachten müßt.“
-
-Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie
-sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.
-
-Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“
-
-Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam
-das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho
-wieder. Desmal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia
-der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei
-der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner
-rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und
-deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.
-
-„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren
-von wegen dem Rasiermesser.
-
-Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die
-Angst gönn, sag i:
-
-„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr
-Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“
-
-Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.
-
-Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:
-
-„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein
-schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern,
-der vor lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die
-stolze Trophäe, die ich halte“...
-
-„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt
-Di gar schö, i muaß niaßen.“
-
-Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt
-an Stuhl um und naus beim Tempel.
-
-„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö
-war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.
-
-„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz
-verwundert an.
-
-„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen,
-damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst
-kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag
-koan Spaß mehr.“
-
-„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is,
-nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein
-Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa Klub- und
-zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert
-seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit
-geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“
-
-Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing
-jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein,
-wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.
-
-Ich auch.
-
-[Illustration]
-
-
-[Illustration: Das Fest]
-
-„Seppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast
-as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh
-schmeißt, na geht’s los.“
-
-„Hamm ma’s? Firti!“
-
-Pum! Pum! Pum!
-
-Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der
-Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im
-Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und
-tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an.
-
-Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein
-verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die
-Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der
-Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im
-Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut
-nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern
-schon eingeholt.
-
-Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau
-ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder
-hinzruck, und so weiter, bis der ~C~-Trompeter erklärt, jetzt sei
-ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit.
-
-So bricht der große Festtag in Kraglfing an!
-
-Allgemach wird es sieben Uhr.
-
-Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet
-auf die einheimischen und auswärtigen Vereine.
-
-Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig
-wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann.
-
-„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim
-Lamplwirt warten dö Veterana auf mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr.
-D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf;
-bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö
-ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö
-Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö
-liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“
-
-Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein
-paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem
-Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter.
-
-„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö
-Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i
-wollt, i lieget dahoam im Bett.“
-
-„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an,
-„moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen,
-nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“
-
-„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel.
-
-„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom
-Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh
-jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst.
-Pfüat Di!“
-
-Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom
-Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen
-Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben.
-
-„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta
-Pfeiferlverein?“
-
-Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus
-der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die
-Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt
-stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An--trötten! Schtüll
-schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“
-
-Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und
-Tritt zum Gemeindehaus.
-
-Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon
-haalt! Front!“
-
-Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den
-Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.)
-
-„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr
-werd a glei do sei.“
-
-Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der
-Hutkrempen.
-
-„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er.
-
-„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern
-wer’n aa nimmer lang aus sei.“
-
-„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über
-den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung.
-
-Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen
-läßt; drei Chargierte, der Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten
-vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden
-dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen
-Diskurs anfangen.
-
-Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen
-tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben.
-
-Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die
-Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben
-daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim
-Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der
-Hofbauer setzt sich in Positur:
-
-„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“
-
-Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie
-der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als
-tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen.
-
-Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist.
-
-Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger
-Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger
-Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger,
-Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren,
-die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die
-Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und
-zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn
-mehrere haben eine alte und eine neue gehabt.
-
-Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum
-Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche
-Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte.
-
-Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut
-in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt,
-nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her.
-
-Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte.
-
-An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub
-hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die
-Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter
-Ordnung.
-
-Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt.
-
-Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren
-frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern
-Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue
-Fahne gestiftet hatte.
-
-So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen.
-
-Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten
-Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine
-Blicke waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des
-Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen
-ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er
-den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs
-auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war
-so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten
-und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der
-Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten.
-
-Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt
-kommen würde. Und lang kam gar nichts.
-
-Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den
-Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man
-auch ein paar Brocken.
-
-„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“
-
-„I ko net.“
-
-„Du muaßt.“
-
-„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red
-verschlag’n. Mir is alles gleich.“
-
-„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di.
-Was moanst denn, daß de sagen tat?“
-
-„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“
-
-„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“
-
-„In Gott’s Nam!“
-
-Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen
-herauskommt, steigt der Bader auf das Podium.
-
-Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred
-halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal.
-
-„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt
-haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es
-ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes Fest, es ist ein großes
-Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in
-Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah,
-wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“
-
-Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt
-steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft
-wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank
-eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker
-niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing
-und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen
-daheim erzählen werden!...
-
-Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der
-Hofbauer.
-
-„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden!
-Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho
-gesagt, daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er
-a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und
-dös, was er sagen hat +wollen+. Und drum der Rauchklub soll leben;
-füfat hooch! hooch! hooch!“
-
-Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte
-noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen.
-
-Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi
-enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die
-Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat.
-
- Noch gleichet eier kleiner Kreis
- Dem leicht bewegten schwachen Reis,
- Doch wird er wachsen immerdar
- Und größer werden Jahr für Jahr,
- Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit,
- Nur pfleget die Geselligkeit,
- Drum, daß ihr immer tut desgleichen,
- Des sei die neue Fahn ein Zeichen,
- Weil Freindschaft steht auf dem Panür,
- Drum leb der +Rauchklub+ für und für.
-
-Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es
-schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie
-legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte,
-daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf
-und ab, als tät sie G’sott schneiden.
-
-Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch
-besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben
-hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte,
-damit jeder an seine Krankheit glauben möcht.
-
-Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar.
-
-Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den
-Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur
-Kirche hinunter.
-
-Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu
-beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den
-Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist.
-
-Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein
-Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen
-an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die
-Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und
-der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht
-angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische,
-alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt.
-
-In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten
-Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten
-kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt.
-
-Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst.
-
-Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach
-Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit
-Sauerkraut.
-
-„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man
-schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen.
-
-Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor.
-
-„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den
-großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch,
-pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller
-fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“...
-
-Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln
-auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt
-ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue
-Scharen drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll.
-
-Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen
-voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im
-Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine
-Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles
-in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß
-gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen
-Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird.
-
-In diese Idylle hinein blast auf einmal der ~C~-Trompeter das
-bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange
-Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei
-Reden losschießen will.
-
-„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden
-Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl,
-sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln und Gelächter.) Aber indem
-unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld
-daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die
-Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!)
-
-Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit,
-indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht
-vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch
-bringen werden. (Bravo!)
-
-Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate)
-ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen,
-daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir
-überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar
-nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!)
-
-Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit
-gedämpfter Schtümme hooch!“
-
-Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem
-Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht,
-daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie
-müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und
-deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute
-Red so viele Junge.
-
-Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der
-~C~-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei,
-dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf
-und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor
-Tellerklappern und Messerklirren überhört worden.
-
-Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und
-feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von
-Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von
-Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter,
-bis alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren.
-
-Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl
-seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand
-dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen
-Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher
-zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und
-den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen,
-probierte schon hie und da einer seine Singstimme.
-
-Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die
-Fliegen langsam im Zigarrenrauch.
-
-Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl
-nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce
-und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen
-zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß
-finden sollte. Die Jungen waren rasch verschwunden, mit Ausnahme der
-Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten,
-weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit
-ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim
-Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen,
-das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren
-Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim
-vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache
-seines Leidens.
-
-„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß
-nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so
-a.. Oes versteht’s mi scho..“
-
-„Jawohl,“ sagt der Hofbauer.
-
-„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r
-i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden
-Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es
-hat mei ganze Geisteskraft dazu g’hört, daß i überhaupts red’n hab
-kinna, an anderer war umg’fallen...“
-
-„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing,
-„aba jetzt is da wieda bessa?“
-
-„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“
-
-„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt
-jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei
-Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder
-aufg’richt.“
-
-„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt
-der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko
-oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern
-Leut krank, aba +mei+ Red’...“
-
-Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch
-schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen.
-
-Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut
-haben schon vom Mahl her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind
-leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen.
-
-Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also
-ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt
-unten und oben gleichmäßig weiter.
-
-Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die
-Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden
-aufgefrischt im Bierdusel.
-
-„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“
-fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si
-Dei Schlechtigkeit ausweisen.“
-
-„Wos hob i?“
-
-„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir
-advikatisch.“
-
-„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt
-ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe.
-
-Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her.
-
-„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“
-
-„Bst! Staat! D’Musik spielt.“
-
-Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn
-in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln
-und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist
-völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne
-fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der
-Hand drauf schlagt.
-
-Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede
-sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam
-schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und
-vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer
-schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus
-muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er kann.
-Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar,
-unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür
-kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil
-ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das
-andermal sagt er:
-
-„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl!
-Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom
-Jägersmann:“
-
- Es wollte ein Jägerlein jagen
- Dreiviertel Stunden vor Tag,
- Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa!
- Wohl in dem grünen Wald!
-
-Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei
-dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden.
-Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie
-den Anfang:
-
- Kein Kränzigen darfst du nicht tragen
- Auf deinen goldenen Haar,
- Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben
- Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa!
- Wie andere Jägersfraun.
-
-„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“
-
- Da Leberknödel und da Fastenknödel
- Hamm sie mit anand z’trag’n,
- Da hat da Leberknödel an Fastenknödel
- Uebern Tisch obi g’schlag’n.
-
- Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea,
- Zoag mar an Weg an d’Mühl oi,
- Kost net irr gea, kost net fei gea,
- Wat no mitt’n an Boch oi.
-
-„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an
-allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller
-werden die Maßkrüge leer.
-
-Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff
-geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum
-und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen
-stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf
-den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.
-
-Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“
-
-Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon
-in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der
-Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“
-
-In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl
-wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen.
-
-Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben.
-
-„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst
-ja Dei’s Nächsten Guat!“
-
-„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin
-Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder
-von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht
-bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich
-dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das
-offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden
-nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee
-sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner
-halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf
-rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do
-stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix
-Guats.“
-
-„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a
-Red...“
-
-„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei
-Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“
-
-„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand
-bin i, und Punktum!“
-
-„Oho!“
-
-„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer,
-„vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“
-
-Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht
-der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf,
-daß sich der Lärm legt.
-
-Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den
-Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu
-lenken.
-
-„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem
-ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es
-mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat
-ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich
-auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die
-wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches
-Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns
-alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“
-
-Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom
-Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen
-gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und
-rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind
-die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle
-Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich
-stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird
-immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den
-Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die
-Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern
-von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist
-der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch Pfeifen und Zurufen
-finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische
-Schlacht.
-
-Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe
-krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und
-Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter
-abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und
-entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat
-seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt
-sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso
-tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den
-Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider.
-
-Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen
-das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die
-brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der
-Gendarmerie, durchzudringen und die Völker zu trennen. Aber wie sieht
-der Festplatz in der Abenddämmerung aus!
-
-Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr
-gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben
-Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben
-der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies
-am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die
-zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Die Richter]
-
- Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Johann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal
-fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über
-seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so
-gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den
-landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit
-sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei
-war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle
-Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.
-
-Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant
-in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem
-Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die
-Kleidung des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt
-wurde.
-
-Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer
-jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe
-ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres
-Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.
-
-Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange.
-
-Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger,
-nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht
-ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten
-geführt hätte.
-
-Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen
-Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte,
-da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er
-blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der
-Herr Gendarmeriestationskommandant von Zeidlfing ihm einen Besuch
-abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt,
-sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte.
-
-Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage
-das Gesetz beleidigt hatte.
-
-Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese
-befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde.
-
-Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er
-bedenklich den Kopf.
-
-Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie
-Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll
-schreiben mochte wegen dem Pfifferling.
-
-Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht
-befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er
-miterlebt, ja sogar verursacht hatte.
-
-Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte,
-sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen.
-
-In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein
-Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte.
-
-Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges
-Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen
-beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein.
-
-„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“
-
-„I woaß scho,“ sagte der Feichtl.
-
-„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“
-
-„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa
-a kloans Präsent.“
-
-„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“
-
-„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf,
-i les Dir des meinige für.“
-
-Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und
-Genosse...“
-
-„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“
-
-„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt
-geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört,
-Glas?“
-
-„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß
-eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“
-
-„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“
-
-„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben
-hat.“...
-
-„Moanst? Nacha tua weiter!“
-
-„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der
-Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise
-ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben..
-Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“
-
-„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm
-da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch
-wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm
-g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia
-werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“
-
-„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da
-kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse
-sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft
-entfernten, daß diese Tathandlungen...“
-
-„Wia hoaßt dös?“
-
-„Tat...handlungen...“
-
-„So? Tua weiter!“
-
-„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem
-Zu--sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“
-
-„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“
-
-„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma
-mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da
-schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“
-
-„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner
-to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur
-wüßt, was i toa soll?“
-
-„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma,
-g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“
-
-„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena
-G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“
-
-„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi.
-Pfüat di daweil!“
-
-Der Dienstag kam.
-
-In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem
-Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei
-Schäfer. Sie standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem
-Gespräche begriffen.
-
-„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin
-’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“
-
-„Hast d’as draht?“ fragt Glas.
-
-„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net
-lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“
-
-„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern
-hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö
-Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma
-eing’sperrt san.“
-
-„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der
-macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an
-Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“
-
-So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer,
-weil die Türen gesperrt blieben bis zum Beginn der Sitzung. Der
-Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht
-gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen
-bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen
-Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen.
-
-Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot
-ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den
-„Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen
-Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten.
-
-Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse,
-einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals
-durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch
-späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine
-ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat
-gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller
-Schimmel erschießen helfen. Später in der langen Friedenzeit hatte
-er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene
-Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so
-trefflich zustatten kamen. --
-
-Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch
-häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab
-es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen
-Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen
-schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch
-seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen.
-Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er
-geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels
-stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.
-
-Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den
-Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann,
-wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das
-Schloß probierten, um endlich kopfschüttelnd weiter zu gehen. Oder
-wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an
-die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand
-Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:
-
-„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem
-Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.
-
-Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen
-Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in
-sehr übler Laune fragte:
-
-„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und
-noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum.
-Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen
-gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß
-ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch
-zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen
-aufschreiben und jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is
-das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich
-bitten darf...“
-
-Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch
-ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen
-lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu
-faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel--stern
-Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den
-Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen
-hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa
-reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“
-
-Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma
-z’erscht dro. Geh zua!“
-
-Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens
-in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s
-+Oes+ d’ Schöffa?“
-
-„Ja,“ sagte Feichtl.
-
-„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut
-treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne
-Viertelstund auf Enk...“
-
-„Auf ins?“ fragte Feichtl.
-
-„Natürli! Eigens auf Enk.“
-
-„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu.
-
-„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder.
-
-„Wo nauf?“ fragte Glas.
-
-„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli
-Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel.
-
-Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und
-setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie
-nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso
-verblüfft hinaufschaute.
-
-Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß
-Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an
-ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der
-Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten.
-
-Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte:
-
-„Sie sind heute zum ersten Male da?“
-
-„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen
-Körperverletzung...“
-
-„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“
-
-„G’wiß net!“ sagte Feichtl.
-
-Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen
-darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre.
-
-„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch
-fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“
-
-Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte,
-den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu
-schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte.
-
-Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes
-Namen ab, was noch geschehen werde.
-
-„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen
-groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel,
-rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“
-
-„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel.
-
-Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber
-niemand trat vor oder meldete sich.
-
-„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr
-sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in
-den Wirtshäusern herum.“
-
-Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam
-machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm
-offenbar etwas zu sagen hätten.
-
-„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen
-Sie etwas von den Angeklagten?“
-
-„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“
-stotterte Feichtl.
-
-„Was? Wie heißen Sie denn?“
-
-„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“
-
-„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“
-
-„I war der Glas...“
-
-„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter
-falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“
-
-„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr
-Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia
-ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt
-hamm...“
-
-Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme
-Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den
-Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen.
-
-Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten
-und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen
-meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die
-zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte.
-
-„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich
-habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen
-sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem
-sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese
-einfältige Verwechslung nicht passiert.“
-
-In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte
-Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die
-Autorität bei den „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er
-wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des
-Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des
-Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde.
-
-Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den
-„Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls
-sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er
-schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. --
-
-Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe
-eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine
-väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel
-aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen
-sollten.
-
-Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder
-erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er
-würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen
-brauchten. Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte.
-
-Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere:
-
-„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht
-an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den
-Großkopfeten.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Bader]
-
- Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und
-Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver
-so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.
-
-Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten
-Unruhe gewesen.
-
-Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die
-Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen
-wären.
-
-Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird
-die großen Besorgnisse leicht begreifen.
-
-Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas
-Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in
-Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder
-daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten
-Cervelatwurst anfing.
-
-Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre
-es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich
-bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem
-Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den
-Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet,
-und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine
-große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der
-Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute,
-sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.
-
-Und davon will ich jetzt erzählen.
-
-Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der
-Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik
-geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den
-Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung
-geführt haben.
-
-Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein,
-im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.
-
-„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“
-
-Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier
-gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.
-
-„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren!
-A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an
-Riß kriegt hat.“
-
-„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster.
-
-„Na, der Schacherl.“
-
-„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend
-über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“
-
-„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer.
-
-„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit
-konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht
-oft ihre eigenen Wege.“
-
-„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner,
-„d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“
-
-„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden
-is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das
-Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere
-befinden.
-
-Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends
-einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“
-
-„Oho! Was is denn los?“
-
-„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer
-krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze
-Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter
-natürli mitten drin. Einen solchenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich
-kein anständiger Mensch nicht hat halten können.
-
-Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der
-hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die
-Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr
-gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé
-is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“
-
-Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben,
-denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der
-Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.
-
-Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in
-der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier
-Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.
-
-Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter
-hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe
-von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend,
-brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.
-
-„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“
-
-„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter
-daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“
-
-„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“
-
-„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“
-
- „Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an,
- Es lebe der Reservemann!
- Der treu gedient hat seine Zei-a-eit,
- Ihm sei ein volles Glas geweiht!“
-
-„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr,
-Herr Dokta?“
-
-„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader;
-„die heutige Jugend...“
-
-Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.
-
- „Da drob’n auf da Höh
- Schteht die bayrisch Armee.
- Soldaten sollen leben!
- Schöne Mädigen daneben!
- Tapfre Bayern sein’s mir,
- Tapfre Bayern sein’s mir!“
-
-„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg!
-Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“
-
-Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin,
-schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen
-noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste
-Tanzerei im Gang.
-
-Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon
-deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht
-sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet
-zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank
-hineinschiebt.
-
-„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“
-
-„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo
-kommt’s denn her?“
-
-„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf
-Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma
-auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt.
-
-Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken.
-Und nacha san mar auf Huglfing.“
-
-„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat
-verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“
-
-„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm
-a’gefangt.“
-
-„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“
-
-„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört.
-Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß
-de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da
-schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog net, Cenzl! Dos kunnt’st net
-damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab
-i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“
-
-„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man
-schon eine solchene Roheit g’sehen?“
-
-„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an
-g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“
-
-„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“
-
-Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig
-und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden
-Rundgesang anstimmten.
-
- „Mir Bayern hamm Muat,
- Mir fürchten’s kein Bluat,
- Mir haben’s Kuraschi,
- Wenn das Blut fließt auf der Straße,
- Tapfere Bayern sein’s mir,
- Tapfere Bayern sein’s mir.“
-
-Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und
-gellende Pfiffe.
-
-An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.
-
-Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der
-Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.
-
-„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese
-Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen,
-ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie
-werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a
-Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der
-Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er
-auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.
-
-„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil
-größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta,
-net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“
-
-Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den
-johlenden Burschen vorbei.
-
- „Hat’s Di, Bodawaschl?
- Host koan Kreizer Geld im Taschl,
- Bodawaschl!“
-
-Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als
-wir schon im Freien angelangt waren.
-
-„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag
-Ihnen au -- auf Ehr und Gwi -- Gwissen. Ha -- hat er Boda -- -- Bo
--- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“
-
-„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“
-
-„N -- n -- nein! In die -- -- dieser Beziehung, hupp! ist es vo -- --
-von grr -- -- größter Be -- -- Bedeitung. Es hängt vie -- -- viel vo
--- -- von Ihrer Au -- -- Au -- -- Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no
--- -- nochmals, ha -- -- hat er Bo -- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“
-
-„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“
-
-„So? Hupp! Jetzt ko -- -- kost’s z -- -- z -- zwoa Mark..“
-
-Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle
-Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten.
-Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß
-der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.
-
-Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter
-meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.
-
-Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen,
-und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied
-deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und
-Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte
-noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann
-wurde es allmählich ruhig.
-
-Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich
-trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden
-starken Abbruch getan hatten.
-
-Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser
-erfreulichen Tatsache.
-
-Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de
-schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer
-nicht verlesen wurde. Hier ist er:
-
- Lieber Freind,
-
- wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm
- keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf
- hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er
- gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.
-
- es grist eich eier werder Freind
-
- Josef Reischl, Gidler.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Kindlein]
-
- Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat
-eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die
-Augen zu und macht seinen Mund spitzig.
-
-Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr
-Kindlein.“
-
-Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.
-
-Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne
-Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser
-Klaßprofessor.
-
-Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir
-hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem
-Kopf.
-
-Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit
-ihm auf die Jagd gehen durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut
-leiden und läßt es sich bloß nicht merken.
-
-Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut
-habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren,
-ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:
-
-„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’
-kalt.“
-
-Er heißt Gruber.
-
-Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.
-
-Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da
-haben alle gelacht, und er hat gefragt:
-
-„Warum lacht Ihr, Kindlein?“
-
-Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und
-hat gesagt:
-
-„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge
-verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“
-
-Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß
-ich es war.
-
-Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf
-mich hergegangen.
-
-Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor
-mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.
-
-Dann hat er gesagt:
-
-„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein
-räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“
-
-Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt.
-Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht
-der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß
-ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber
-der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter
-schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm
-die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.
-
-Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal
-in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir
-verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte
-auf den rechten Weg führen.“
-
-Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich
-nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat
-getan, als wenn er mich nicht sieht.
-
-Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund
-ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal
-deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein
-etwas antun.
-
-Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den
-Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.
-
-Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat
-sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der
-Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.
-
-Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.
-
-Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne
-Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der
-Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.
-
-Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben
-Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll
-Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er
-nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.
-
-Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht
-ausgelassen.
-
-Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf
-den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:
-
-„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch.
-Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte
-Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das
-Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch
-hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch
-stärken.“
-
-Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem
-Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich
-freuen muß.
-
-Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt
-anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.
-
-Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern
-gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.
-
-Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß
-wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht
-gönnt, daß wir frei haben.
-
-Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen
-umschmeißt.
-
-Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung
-gestanden ist.
-
-Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine
-Zigarre.
-
-Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi
-wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden
-hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.
-
-Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist
-von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn
-nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang
-gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz
-hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als
-wenn er viel gekostet hat.
-
-Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir
-haben auch geschimpft über den Kindlein.
-
-Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt
-worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der
-Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind die Professoren
-gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.
-
-Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf
-herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde
-haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat
-geschrien:
-
-„Jetzt bringen sie ihn.“
-
-Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.
-
-Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von
-Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat
-gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein
-geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume
-darauf sind.
-
-Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was
-ihm sein Herr anschafft.
-
-Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der
-Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.
-
-Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter
-tun wollen.
-
-Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der
-Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war
-der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht
-gekannt.
-
-Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.
-
-Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige
-aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung
-war.
-
-Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster,
-weil dort das Postament war und Blumen herum.
-
-Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl
-dabei.
-
-Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil
-er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.
-
-„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.
-
-„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich
-gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden,
-weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.
-
-Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt:
-„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“
-
-Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete,
-bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir
-den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein
-hineinschmeißen.
-
-Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte,
-daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.
-
-Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet,
-denn wenn es aufkommt, ist alles hin.
-
-Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch
-nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir
-dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.
-
-Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an
-der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die
-dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.
-
-Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh,
-daß mir niemand begegnet ist.
-
-Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel
-war.
-
-Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte
-gehört.
-
-Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.
-
-Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das
-Wochenblatt.
-
-Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er
-schon weit weg war.
-
-Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist
-kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.
-
-Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.
-
-Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.
-
-Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.
-
-Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an
-die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch
-schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt
-ihn schon einer.“
-
-„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat
-stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen
-haben.
-
-Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns
-versteckt und haben gehorcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz
-sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns
-niemand gehen sieht.“
-
-Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir
-stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem
-Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still
-die Stiege hinaufgegangen.
-
-Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist
-daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir
-so schwitzten.
-
-Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.
-
-Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der
-Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er
-lernt.
-
-Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen
-schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die
-dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den
-Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.
-
-Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so
-geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er
-lernt die dritte Konjugation.
-
-Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der
-Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es
-grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.
-
-Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und
-die Feier für den Aloysius.
-
-Aber sie ist nicht gewesen.
-
-Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute
-sind herumgestanden.
-
-Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben
-gestanden und der Falkenberg auch.
-
-Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da
-waren zwei Löcher darin.
-
-Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.
-
-„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.
-
-„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.
-
-„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.
-
-Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der
-Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst
-gehört hat.
-
-Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell
-hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie
-sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen,
-und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und
-der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat
-man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt,
-wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.
-
-Der Pedell hat das gesagt. --
-
-Ich habe mich nicht gerührt, und der Fritz auch nicht.
-
-Er hat nur zum Friedmann gesagt, daß er jetzt die dritte Konjugation
-kann.
-
-Ich bin zu den Großen hingegangen, wo die Professoren gestanden sind.
-
-Der Pedell hat immer geredet.
-
-Er erzählte alles immer wieder von vorne.
-
-Er hat gesagt, daß er daheim war und nachgedacht hat, ob er vielleicht
-eine Halbe Bier trinken soll.
-
-Auf einmal hat seine Frau gesagt, es hat gescheppert, als wenn eine
-Fensterscheibe hin ist.
-
-„Wo soll eine Fensterscheibe hin sein?“ hat er gefragt.
-
-Dann haben sie gehorcht, und er hat die Haustüre aufgemacht. Da ist ihm
-gewesen, als wenn er einen Schritt hört, und er ist in sein Zimmer und
-hat sein Gewehr geholt.
-
-Dann ist er hinaus und hat dreimal „Wer da?“ gerufen.
-
-Denn beim Militär hat er es so gelernt, wo er doch ein Feldwebel
-war. Und im Krieg haben sie es so gemacht, da ist immer einer Posten
-gestanden, und wenn er etwas Verdächtiges gehört hat, hat er „Wer
-da?“ rufen müssen. Es hat sich aber nichts mehr gerührt, und er ist
-im Hofe dreimal herumgegangen und hat nichts gesehen. Und dann ist er
-zum Sternbräu gegangen, weil er gedacht hat, daß er eine Halbe Bier
-trinken muß. Er hat gesagt, wenn er einen gesehen hätte, dann hätte er
-geschossen, denn wenn einer keine Antwort nicht gibt auf „Wer da“, muß
-er erschossen werden.
-
-Der Rektor hat ihn gefragt, ob er keinen Verdacht hat.
-
-Da hat der Pedell gesagt, daß er schon einen hat, aber er hat mit den
-Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er es noch nicht sagen darf, weil
-er ihn sonst nicht erwischt.
-
-Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell
-gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren
-gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt.
-
-Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt.
-Da hat der Pedell wieder mit den Augen geblinzelt und hat gesagt, daß
-er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort
-anschauen.
-
-Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß
-einmal „Wer da?“ und er schießt gleich.
-
-Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt,
-aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß,
-und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird.
-
-Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem
-Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und
-alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es
-zuerst gehört hat.
-
-Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz
-vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die
-Füße.
-
-Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar
-lachen müssen.
-
-Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist
-gefragt worden, ob keiner nichts weiß.
-
-Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius
-nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat.
-
-Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen
-zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.
-
-Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der
-Fritz wissen es.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Besserung]
-
- Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt:
-„Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so
-dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“
-
-Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel
-Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr
-hinausschieben darf.
-
-Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es
-noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit.
-
-Aber die Tante sagte:
-
-„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft
-versprochen.“
-
-Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das
-Geräucherte haben und Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so
-furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt,
-ob er nicht an sein Kind denkt.
-
-Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat
-freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er
-kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.
-
-Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde
-schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.
-
-Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir
-Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.
-
-Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug
-hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch
-Zigarren kaufen.
-
-Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter
-Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er
-ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.
-
-Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das
-Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat:
-„Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen
-Vierer.“
-
-Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer
-Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:
-
-„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem
-Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“
-
-Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom
-Omnibus.
-
-Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis
-hat man immer in der Tasche.
-
-Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns
-furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind.
-
-Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die
-Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war
-schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder
-lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.
-
-Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines
-gekommen, wo schon Leute darin waren.
-
-Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein
-großes, silbernes Pferd.
-
-Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat
-gescheppert.
-
-Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille,
-und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat
-zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er
-ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat.
-
-Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den
-Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.
-
-Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich
-angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden
-und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie
-alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich
-von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.
-
-Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der
-Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die
-verrohte Jugend sieht.“
-
-Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer
-weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe.
-
-Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und
-der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der
-ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt,
-daß die Volksschulen immer schlechter werden.
-
-Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es
-heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.
-
-Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen
-Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen
-auf den Kopf haut.
-
-Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben
-mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen
-Burschen ihr Sitzleder verhaut.
-
-Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen
-Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt:
-
-„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“
-
-Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß
-gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker
-aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute
-angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.
-
-Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben
-es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster
-hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.
-
-Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der
-Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“
-
-Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid
-haben.“
-
-Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt:
-
-„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst
-gestraft.“
-
-Und der große Mann sagte:
-
-„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“
-
-Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“
-
-Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als
-wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte:
-„Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen
-arretiert werden.“
-
-Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück
-geschehen, und es war gar nichts.
-
-Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen
-Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es
-nicht tun, meine Herren.“
-
-Das hat mich gefreut, und ich sagte:
-
-„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir
-die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht
-mehr hinaus.“
-
-Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte
-nein, weil er keine so starken nicht raucht.
-
-Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt
-und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute
-haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich
-muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf
-hauen.“
-
-Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns
-wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz
-schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich
-habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser
-wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
-zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann
-das Rauchen nicht vertragen.
-
-Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut
-genommen.
-
-Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind
-aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große
-Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen
-man die Anarchisten macht.“
-
-Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.
-
-Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren
-rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß
-nicht mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn
-es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in
-der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich
-hineingebrochen habe.
-
-Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden
-ist.
-
-Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein
-Gewohnheitsraucher.
-
-Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.
-
-Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die
-Lüge.
-
-Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun
-wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.
-
-Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie
-hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.
-
-Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum
-Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das
-Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der
-Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien:
-„Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das
-für ein Saustall?“
-
-Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo
-das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen
-und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“
-
-Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den
-Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“
-
-„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.
-
-„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen,
-daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“
-
-„Was bin ich?“ fragte der große Herr.
-
-„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es
-nicht erlaubt.“
-
-„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit
-Ruhe abmachen.“
-
-Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche
-Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
-Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann.
-Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der
-Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man
-arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst
-kriegt.
-
-Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber,
-daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet
-eine Mark.
-
-Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum
-Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.
-
-In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station
-gekommen.
-
-Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.
-
-Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so
-Kopfweh gehabt.
-
-Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat,
-wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich
-gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast
-Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
-möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich
-in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin,
-wenn ich einen Kamillentee kriege.
-
-Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und
-der Tisch war aufgedeckt.
-
-Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen
-hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das
-kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“
-
-Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll
-mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
-und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.
-
-Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich
-abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es
-ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt
-hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch
-viel braver werden.
-
-Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir
-eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen,
-es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt
-anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel
-lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz
-sind.
-
-Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar
-schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“
-
-Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und
-sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank
-war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird
-es schon halten und mir viele Freude machen.“ Da habe ich weinen
-müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod
-solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat
-geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern
-Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht
-mehr aufgehört hat.
-
-Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin
-gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet
-und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange
-aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Tante Frieda]
-
- Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Meine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und
-da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und
-von meinem Talent redet.
-
-Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es
-schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den
-Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.
-
-„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.
-
-„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt
-doch immer ganz von selber.“
-
-„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.
-
-„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt
-denken, daß sie die Schwester von Deinem verstorbenen Papa ist. Und
-überhaupt bist Du zu jung.“
-
-„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn
-sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie
-freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“
-
-Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du
-frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die
-Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe
-in die Welt und nehme eine Stellung.“
-
-Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber
-Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in
-Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“
-
-Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind
-alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt:
-„Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute
-Verdruß.“
-
-Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat
-geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich
-freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“
-
-Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der
-Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch
-ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles
-herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der
-Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir
-schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen
-trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat
-sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe,
-ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß
-Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht
-vertragen.“
-
-Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist
-vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante
-hat gesagt: „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die
-Kinder werden schon fertig damit.“
-
-Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war.
-Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er
-hat den Koffer genommen.
-
-Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht,
-daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so
-schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart
-war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner
-Mutter.
-
-„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und
-der Arzt findet nichts mehr.“
-
-„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben
-sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem
-nicht sagen.“
-
-Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert:
-„Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“
-
-„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte,
-finde ich schon etwas, daß sie geht.“
-
-Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer
-unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie
-gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“
-
-Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen
-Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er
-nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was
-man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“
-
-Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke
-ich Dir zwei Mark.“
-
-„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark
-geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine
-Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.
-
-Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell
-gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.
-
-Im Hauseingang hat die Tante gesagt:
-
-„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei
-Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“
-
-Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß
-sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.
-
-„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt
-schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“
-
-Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen
-hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem
-Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon
-gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat
-ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat
-den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht
-und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.
-
-Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder
-eine Torte geschenkt hätte.
-
-Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so
-herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie
-er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.
-
-Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich
-herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du
-Lausbube!“
-
-Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt
-und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“
-
-Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und
-hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er
-schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.
-
-Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das
-Wohnzimmer gegangen.
-
-Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz
-schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen
-Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei
-ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn
-gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln
-geschlagen hat.
-
-Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante
-etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen
-geht.
-
-Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig
-Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn
-sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts
-gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und
-in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat
-sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel
-gebraucht haben.
-
-Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel
-gebraucht hat.
-
-„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft
-erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem
-Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem
-jungen Baron Stunde gegeben.“
-
-„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein
-großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.
-
-Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den
-Haaren fester gesteckt und hat gesagt:
-
-„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit
-geredet.“
-
-Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und
-sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn
-er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele
-Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern
-haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was
-mitkriegte.“
-
-„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.
-
-„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum
-Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt
-Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas
-dagewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor
-gekriegt.“
-
-„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter
-gesagt.
-
-„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich
-gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere
-Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“
-
-Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so
-redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das
-Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen
-spanischen Nebel spritze.
-
-Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist,
-und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.
-
-Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.
-
-Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er
-Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große
-Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn
-zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein
-Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat
-wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele
-Geld gebraucht hat!“
-
-Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die
-Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat
-es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe
-gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser
-Amtsrichter?“
-
-Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor
-Steinberger.
-
-Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr
-gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark
-und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den
-Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll
-gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den
-Ohren.
-
-Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie.
-Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie
-auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.
-
-Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen
-sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer
-hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe
-gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.
-
-Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand
-gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber
-sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.
-
-Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich
-nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.
-
-Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn
-hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein
-unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.
-
-Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht,
-wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich
-tun, was man sich vornimmt.
-
-Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser
-Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts
-kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die
-Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer
-gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange
-gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser
-voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß
-es von seinen Flügeln getropft hat.
-
-Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn
-ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“
-
-Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch
-genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich
-gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist
-schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“
-
-Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem
-Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“
-
-Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es
-anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen
-sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.
-
-Das bin ich.
-
-Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich
-hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.
-
-Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“
-
-Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.
-
-„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.
-
-„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt
-gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe
-doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und
-auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.
-
-Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es
-denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der
-Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar
-weit spritzen damit.
-
-Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und
-meine Mutter ist auch mitgegangen.
-
-Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf
-unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine
-Augen auf mich gerollt.
-
-Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen
-ist so klug!“
-
-Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum
-studiert hat!“
-
-„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt
-es, daß sie so werden.“
-
-Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube,
-daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster
-offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch,
-und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein
-bißchen naß.
-
-Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal
-nicht gewesen.
-
-Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht
-schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.
-
-Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt,
-und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben.
-Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“
-
-Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch
-furchtbar angeschaut.
-
-Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver
-losgeht.
-
-Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt,
-weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so
-schnell die Suppe gerührt hat.
-
-Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht
-verderben lassen.
-
-Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst
-bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier
-in den Tod treibt.
-
-„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“
-
-Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.
-
-Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so
-feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre
-Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.
-
-Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen
-gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich
-gesehen.
-
-Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie
-alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa ist,
-und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.
-
-Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will
-nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.
-
-Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war,
-hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom
-Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher
-Mensch?“
-
-„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie
-gesagt.
-
-Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und
-ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.
-
-Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der
-Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.
-
-„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit
-dem linken Auge.“
-
-„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine
-schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn
-kennt, weil er so tüchtig ist.“
-
-Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen
-Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht,
-daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.
-
-Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen
-geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei
-diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist
-furchtbar schwer.
-
-Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein
-gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.
-
-Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf
-geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.
-
-Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.
-
-„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.
-
-„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr
-leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe
-es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen
-Koffer getragen.“
-
-Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell
-gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die
-Tante, daß sie höflich ist.
-
-Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß
-sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und
-sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch
-nicht viel mehr wie ein Expeditor.
-
-Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon
-aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon
-auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die
-Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.
-
-Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt:
-„Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“
-
-Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie
-hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger
-ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.
-
-Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich
-gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie
-kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich
-Ihnen schon erzählt habe.“
-
-Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn
-angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.
-
-Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante
-kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat
-gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird,
-gefallt es ihr gewiß.
-
-Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut
-hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.
-
-Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat
-gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß
-Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil
-sie kränklich ist.
-
-Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat
-gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das
-gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die
-ganze Arbeit im Haus.“
-
-Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir
-uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.
-
-Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt,
-sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension
-hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war,
-und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob er
-den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er
-kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch
-so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren
-in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß
-er die Beamten kennt.
-
-Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt
-gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat
-erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht
-gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert
-haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen
-hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht
-hinaus.
-
-Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind
-etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die
-Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund
-ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat;
-da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig
-war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine
-Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.
-
-Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will
-nachschauen, ob der Herd noch raucht.
-
-Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt,
-er ist immer so aufmerksam.
-
-Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr
-geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.
-
-Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante
-gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und
-seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.
-
-Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und
-der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht
-helfen kann.
-
-Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn
-der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die
-Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.
-
-Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie
-weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension
-keinen Bohnenkaffee kaufen.
-
-Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das
-Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.
-
-Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat,
-und er hat gesagt, ja.
-
-Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil
-die Studenten doch so gern Bier trinken.
-
-Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat,
-weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.
-
-Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.
-
-„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch
-viele Studenten, die kein Bier nicht trinken, und der Herr Amtsrichter
-hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“
-
-„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt.
-„Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß
-niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der
-Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal
-recht lustig.“
-
-Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber
-Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß,
-und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht
-lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“
-
-Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und
-hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist
-einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.
-
-Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat
-meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung
-gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: „Sei
-recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“
-
-Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen
-sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir!
-Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“
-
-Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee
-hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der
-Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort,
-wie sonst.
-
-Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat
-noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich
-wundern, wo das herkommt.
-
-Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin
-geschwind hinaus.
-
-In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe
-ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft
-sprengen muß.
-
-Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur
-hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe
-alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf
-Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.
-
-Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei
-ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat
-gepfaucht wie eine Katze.
-
-Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand
-kommt, es ist aber ganz still gewesen.
-
-Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die
-Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf
-der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat
-Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem
-andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist
-der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat
-hinuntergeschaut, warum es raucht.
-
-Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber
-wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und
-bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.
-
-Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die
-Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht
-gemerkt, daß ich fort war.
-
-Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer
-Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern,
-wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern
-sie sich nicht mehr um die Schwestern.
-
-Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat
-um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda
-nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.
-
-Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat
-geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man
-es seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“
-
-„Pfff--uum!“
-
-Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich
-furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür
-aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang
-ist voll Rauch gewesen.
-
-Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.
-
-Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.
-
-„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.
-
-„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.
-
-Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus
-der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie
-geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.
-
-„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist
-ihr schwach geworden, daß sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe
-gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.
-
-Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei
-ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“
-
-Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:
-
-„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches
-Ding!“
-
-„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.
-
-„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt,
-es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.
-
-„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist
-es nicht so arg.“
-
-„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen
-mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du
-bist der ruchlose Mörder!“
-
-„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz
-unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“
-
-Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld
-gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch
-gar nicht, was geschehen ist.
-
-„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat
-es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter
-auf die Knie bittet!“
-
-„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat
-meine Mutter gesagt.
-
-Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon
-beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach
-verbrannte Federn.
-
-Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war
-nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind
-verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander gestanden. Der
-Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von
-einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut.
-Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.
-
-„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund
-werden.“
-
-„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem
-abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich
-gehe heute noch fort!“
-
-Und sie ist aber auch fortgegangen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Die Indianerin]
-
- Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von
-ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil
-er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er
-viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte,
-und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.
-
-Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze
-Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante
-Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne
-nicht sieht.
-
-Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn
-sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat
-gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.
-
-Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und
-wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof
-machen.
-
-Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin
-und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber
-gelacht, weil meine Mutter seufzte.
-
-Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich
-es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen
-und Tiger schießen.
-
-Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut
-überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.
-
-Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben
-herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven
-fressen, die daneben herlaufen.
-
-Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich
-mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.
-
-Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein
-Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer,
-daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel
-Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte
-ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch
-ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.
-
-Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich
-viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.
-
-Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind
-oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle
-Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren
-haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der
-Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil
-die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die
-Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht
-leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn
-Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich
-einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist
-eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er
-gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal
-auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal
-beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen.
-Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt,
-und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.
-
-Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie
-stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze.
-Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß
-er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir
-weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist
-der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir
-geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut.
-Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die
-junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat
-er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und
-wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist,
-der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand
-gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir
-Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.
-
-Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht
-habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe
-Handschuhe.
-
-Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange
-nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und
-meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist
-hinein, und ich bin auch hinein.
-
-Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die
-Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns
-die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut,
-aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der
-Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele
-Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es
-traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich
-die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann
-hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen
-naß geworden sind.
-
-Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele
-Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als
-wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr
-Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht
-jetzt aufs Land.
-
-Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt
-aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft
-führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr
-Provisor ist.
-
-Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er
-gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich
-gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein
-kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf
-den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder
-auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das
-Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen
-nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.
-
-Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.
-
-Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.
-
-Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?
-
-Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.
-
-Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant,
-daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein
-großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.
-
-Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist,
-denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein
-sehr gebildetes Mädchen ist.
-
-Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er
-hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist,
-und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die
-Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden
-öfter auf den Keller geht.
-
-Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft,
-daß ich bald einen Bärenzucker hole.
-
-Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der
-Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht
-gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat
-und sie so weit heraushängen läßt.
-
-Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der
-Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.
-
-Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.
-
-Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und
-Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat
-den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt,
-er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante
-Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich
-trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat
-gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man
-schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.
-
-Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug,
-und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint,
-es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie
-hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante
-eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die
-Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß,
-weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre
-Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber
-Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres
-eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die
-Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt,
-sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.
-
-Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine
-Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer
-Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die
-Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den
-Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen
-gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann
-haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf
-geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder
-den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem
-Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante
-Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt.
-Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes
-Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt
-von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat
-noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt,
-sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil
-sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich
-der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet
-ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat
-die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte,
-und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle
-Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht
-und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann
-er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden
-und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht
-fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf
-genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann
-hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“
-
-Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat
-sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine
-Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat
-gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig
-sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht
-gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante
-Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich
-in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht
-alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot
-geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes
-Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.
-
-Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß
-sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher
-ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den
-Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav
-sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav
-ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine
-famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die
-Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr
-gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch
-fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so
-benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine
-Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen
-furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist
-köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne
-gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich
-köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das
-Indianerkind ist eben eine Perle.“
-
-„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch
-beleidigt?“
-
-„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat
-furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel
-gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie
-benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“
-
-„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.
-
-Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und
-hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren
-Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es
-vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee,
-den er daheim kriegt?
-
-Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu
-viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.
-
-Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum
-alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und
-jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn
-man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine
-Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch
-gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den
-ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen,
-aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der
-ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr,
-aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.
-
-Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert
-hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren
-benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber
-nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein
-Korsett nicht an.
-
-Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß
-wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun
-der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer
-gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne.
-Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die
-Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen
-Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz
-angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich
-gar nicht erklären kann.
-
-Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun
-gestanden, daß man es erklärt.
-
-Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am
-Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub
-lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt,
-„der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt,
-aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich
-angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat,
-und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt.
-Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine
-Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld
-bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine
-Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“
-
-„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß
-ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“
-
-„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“
-hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir
-haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat
-die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch
-bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die
-Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz
-Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.
-
-Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und
-sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie
-bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt,
-und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist
-abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.
-
-„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz
-erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes
-willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob
-sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora
-ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie
-sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora
-hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter
-gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat
-gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles
-sagen, aber man schweigt lieber.“
-
-Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine
-Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.
-
-Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie
-hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.
-
-Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt.
-Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie
-ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn
-er bloß die Rosa sieht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Mucki]
-
- Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch
-heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg
-einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch,
-die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu
-zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche
-wohnen.
-
-Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die
-Toilette.
-
-Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen
-der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich
-eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.
-
-Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr
-feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in
-herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald
-den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er
-sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von
-zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken.
-Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das
-Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der
-Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der
-Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.
-
-Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten
-Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier
-aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach
-einer ritterlichen Verbeugung die Hand.
-
-„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der
-heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir
-nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den
-Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und
-in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung
-der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem
-erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“
-
-Hier mußte Graf Sacken Atem holen...
-
-In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es
-hervor mit ungestümem Jauchzen.
-
-„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.
-
-Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die
-Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange.
--- --
-
-[Illustration]
-
-Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.
-
-Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf
-die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.
-
-Von dorther sollten die Husaren kommen.
-
-Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt
-wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die
-reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so
-abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten
-sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten,
-daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen,
-wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.
-
-Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den
-Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte
-mit den Füßchen.
-
-Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!
-
-Was das nur ist, so ein Husar?
-
-Und wie sie aussehen werden?
-
-Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt,
-der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund
-schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer
-Schnurrbart.
-
-Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!
-
-Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste
-herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt
-den Steinen.
-
-In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige
-Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen,
-hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch
-schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen,
-Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der
-Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte
-zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen
-auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der
-letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der
-starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein
-Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein
-Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen
-Schenkel.
-
-Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da
-tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend.
-Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in
-den Herzen der beiden.
-
-Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich
-stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen
-kamen leise, leise die Worte:
-
-„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“
-
-[Illustration]
-
-An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.
-
-Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.
-
-Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch
-nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt
-lag.
-
-Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein,
-wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen
-Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die
-feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor
-sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der
-Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.
-
-Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der
-Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?
-
-Wer weiß es?!...
-
-Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren
-Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre
-Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl
-deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar
-frischer, roter Lippen dachten. -- -- --
-
-Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen
-Bratenschüsseln herbei.
-
-Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den
-Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:
-
-„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger
-bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen
-Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann
-fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.
-
-Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren
-Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät
-Hussarren geziemt.
-
-Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“
-
-Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren
-Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.
-
-[Illustration]
-
-Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben.
-
-Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere
-mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki
-zurückgezogen.
-
-Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch
-zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.
-
-Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das
-selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie
-gesucht hatte.
-
-Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.
-
-Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm,
-aber das Unerhörte geschah.
-
-Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten
-Vorgesetzten nicht.
-
-Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den
-Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.
-
-Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl,
-wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn
-unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im
-Palmenhause.
-
-In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster
-hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut
-zum Herzen und wieder zurück jagte.
-
-Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein
-zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.
-
-„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du
-nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die
-keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine
-Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt -- äh
--- sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie
-mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne
-des ersten seligen Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und
-die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“
-
-Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner
-Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.
-
-Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick
-wieder, ich muß noch einen Gang machen.“
-
-Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.
-
-Es war ihr so eigentümlich +weich+ geworden.
-
-Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Lämmergeier]
-
- Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München
-
-
-Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus
-der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das
-Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer
-hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher
-für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“
-verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze
-und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen
-aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte
-und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit
-kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte
-Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es
-durcheinander.
-
-Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz
-besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter
-reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit
-verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich
-draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und
-gewichtige Wort.
-
-Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste
-Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n
-eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma
-b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht,
-daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“
-
-„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in
-jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.
-
-„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An
-solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat
-Hand und Fuaß!“
-
-„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an
-Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a
-Königsschloß!“
-
-„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein.
-„Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“
-
-Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin.
-Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich
-geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt
-hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos
-is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas
-entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland,
-da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu
-insern Kini und sein Haus...“
-
-In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen
-zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen
-Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt
-denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut erstickter Stimme und eilte
-mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein
-Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.
-
-Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut
-ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene
-Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen
-Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.
-
-Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm
-um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.
-
-Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er
-leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem
-blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.
-
-Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug
-gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu
-singen:
-
- Oba so zwoa, wia mir zwoa
- Dös gibt’s ja net glei.
- Duliä, dulio, duliä -- -- --
-
-„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte
-zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch
-die Zuschauer drängte.
-
-„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in
-da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern
-vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen,
-so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl
-mitanand! ... Du Luada!...“
-
-„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst
-sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst
-net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi
-eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net,
-Voda!...“
-
-„Wos? Herrgottsakrament!...“
-
-„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl
-ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a
-Paar starke Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß
-s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom
-Freihof!“
-
-Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch
-lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.
-
-Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten
-allein mit seiner Tochter.
-
-„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’
-hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a
-zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets
-Weibsbild!“ -- -- --
-
-[Illustration]
-
-Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht.
-Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und
-legte sich breit auf die duftenden Wiesen.
-
-Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das
-Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.
-
-„Loni, bist a’s Du?“
-
-„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“
-
-„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart
-g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O,
-mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri
-zum Buffalo Bill.“
-
-„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“
-
-„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i
-Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des
-Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua
-r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi
-g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa
-Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“
-
-„O, mei liaba Bua!...“
-
-„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des
-unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i
-so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen,
-als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles
-gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“
-
-„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz
-an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech,
-Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein,
-wia’s zua Lebzeiten...“
-
-„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean
-scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“
-
-„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa
-net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol
-g’setzt vom Himmi als mei Voda...“
-
-„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an
-Gedanken hab fassen kinna. Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du
-sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au,
-au! Herrgottsakrament!...“
-
-„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“
-
-„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“
-
-„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt
-hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“
-
-Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen
-und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen
-Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing.
-Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle
-diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so
-betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.
-
-Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und
-körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter
-dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.
-
-Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen
-Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!...
-dann nichts mehr!...
-
-Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das
-Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele
-gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“
-
-Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der
-Stirne sickerte das Blut -- --
-
-[Illustration]
-
-Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann.
-Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch
-geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm
-liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen
-auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.
-
-„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim liab’n Himmivoda? Und hot
-er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“
-
-„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am
-Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und
-mi!...“
-
-„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.
-
-„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“
-
-Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe
-Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem
-verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.
-
-„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat
-macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i
-Dir, dort, mei Loni!“
-
-„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner
-Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“
-
-Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein
-fremder Herr gesellt hatten, in schweigender Rührung. Der Freihofbauer
-unterbrach die Stille.
-
-„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben
-bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“
-
-„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir
-wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden
-is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen
-Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal
-ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem
-Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt
-sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer;
-der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des
-Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei
-Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg
-g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i
-nix mehr.“
-
-„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen
-ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und
-lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“
-
-Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen
-über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel
-aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“
-Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er
-trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre
-Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“
-
-Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten
-lange und innig.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Einser]
-
- Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München
-
-
-Es klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief:
-„Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe
-Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da
-wo sie am Platze sind.
-
-Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches
-verschämt zu Boden blickte.
-
-Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten
-geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen.
-
-Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine
-Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an.
-
-Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen.
-
-Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das
-Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig.
-
-Nein, an so etwas dachte er nicht.
-
-Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu
-werden.
-
-„Also, was wollen Sie?“
-
-Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich
-war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind
-also zu sich nehmen.
-
-Gut, oder vielmehr nicht gut.
-
-Was heißt zu sich nehmen?
-
-Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte?
-
-Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der ~adoptio~ oder
-Wahlkindschaft, und zwar vermittels der ~adoptio in specie minus
-plena~, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf
-bereits in der Geltungszeit des ~Codex Maximilianeus Bavaricus~
-als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die
-miterschienene Franziska Furtner.
-
-Ist es nicht so?
-
-Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“?
-
-Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines
-Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen?
-
-Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange
-Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit
-anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson.
-
-Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß
-er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist.
-
-Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger --
-Gott hab ihn selig -- immer zu sagen pflegte.
-
-Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die
-blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie
-stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie
-bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime
-Weisheit zu sehen.
-
-Endlich war die ~adoptio minus plena~ fertig.
-
-Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen:
-
-„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und
-mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“
-
-Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein
-lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin.
-
-Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken.
-
-Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet,
-und er geriet in einige Verlegenheit.
-
-Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die
-Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden.
-
-Er ging einige Male auf und ab und überlegte.
-
-Diese Sache war nicht einfach.
-
-Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine ~donatio inter vivos~,
-und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein.
-
-Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte.
-
-Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses
-Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg.
-
-Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und
-diktierte.
-
-„Nachtrag -- haben Sie?“
-
-„Nachtrag.“
-
-„Erstens:
-
-Nach Abschluß des Protokolles übergab das Wahlkind auf Betreiben der
-Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen -- fünf Blumen.
-
-Halten Sie, was sind das für Blumen?“
-
-„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“
-
-„So? So -- -- also schreiben Sie:
-
-.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei
-Nelken bezeichnet wurden.
-
-Zweitens:
-
-Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der
-Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der
-Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war.
-
-Drittens:
-
-Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um
-geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“
-
-So, das war geschehen.
-
-Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken
-einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo
-sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel
-gelangt.
-
-Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung.
-
-Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte.
-
-Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen
-pflegte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Der Vertrag]
-
- Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München
-
-
-Der Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter
-Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht
-um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen
-rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren.
-
-Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache,
-welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung
-veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich
-zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für
-Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen
-Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. --
-
-Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht
-gehegt, den Ehekontrakt einzugehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte
-Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit
-schon in der ~lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus~
-ausdrücklich mißbilligt erschien.
-
-Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das
-Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der
-Vertrag nicht perfekt.
-
-Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom
-Leibe und widmete sich ganz den Studien.
-
-Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit
-einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.
-
-Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse
-mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au.
-
-Und dies war folgendes.
-
-Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche
-mit einer neuen zu vertauschen.
-
-Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn,
-die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher
-in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner
-und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe.
-
-„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe
-des Preises die Ware erwerben?“
-
-„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner.
-
-„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal,
-Herr... Herr... wie heißen Sie?“
-
-„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera
-achti.“
-
-„Also, Herr Klampferer...“
-
-„Klampfner!“
-
-„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“
-
-„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“
-
-„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als ~prodigus, furiosus~,
-als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“
-
-„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi
-dablecken?“
-
-„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich
-um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“
-
-„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“
-
-„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht
-geschlossen.“
-
-Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große
-Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in
-dem andern war die neuangeschaffte.
-
-Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen.
-
-„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is
-dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl
-dafür.“
-
-„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“
-
-„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma
-Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba
-was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“
-
-„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“
-wandte sich der Rat an seine Zugeherin, -- „finden Sie den Preis
-ortsüblich und wertentsprechend?“
-
-„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach
-hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist
-doch nicht viel zum kriegen damit.“
-
-„Sie raten mir also zum Abschlusse?“
-
-„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres
-herausschauen.“
-
-„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ --
-
-„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n
-Buab’n abhol’n.“
-
-„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier
-Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des
-Vertrages.“
-
-„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“
-
-„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie
-haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die
-~traditio~ würde überdies ~brevi manu~ erfolgen, allein ich
-ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“
-
-„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“
-
-„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“
-
-Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben
-an, wobei er den Text laut vorlas.
-
-„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois
-Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“
-
-„Tandler vo der Au...“
-
-„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael
-Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande:
-
-Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger
-verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die
-demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte,
-von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte
-Bettwäsche... Bettwäsche. -- Nicht wahr?“
-
-„J... ja!“ sagte Klampfner.
-
-„Also fahren wir fort:
-
-Zweitens: Der vereinbarte... vereinbarte, auch wert...
-wertentsprechende Kaufpreis beträgt die Summe von zwei... zwei Mark
-Reichswährung, über deren Empfang der Verkäufer hiemit... hiemit
-quittiert. -- Sie können gleich bezahlen, Herr Klampfner.“
-
-„I will’s nit schuldi bleiben,“ sagt der Tändler und zählte auf den
-Tisch eine Mark und dann zehn Nickelstücke hin.
-
-„Schön,“ sagte Eschenberger, „fahren wir fort. Drittens: Die Einreden
-des Zwanges, des Irrtums... des Irrtums und... und des Betrugs sind...
-ausgeschlossen. -- So, das hätten wir. Wünschen Sie den Vertrag noch
-einmal vorgelesen?“
-
-„Na, g’wiß net!“
-
-„Gut. Also auf Vorlesen verzichtet und unterschrieben. Setzen Sie Ihre
-Unterschrift hierher.“
-
-Klampfner unterschrieb und ging dann, nachdem er erklärt hatte, daß
-sein Sohn das Bündel abholen werde. Die Zugeherin begleitete ihn zur
-Türe und lächelte beistimmend, als der Tändler sich mit der Faust an
-der Stirne rieb und dann mit dem Daumen gegen das Zimmer deutete, worin
-Eschenberger weilte.
-
-Einige Stunden später kam Klampfner junior und holte im Auftrage seines
-Vaters das Bündel Wäsche ab.
-
-Noch denselbigen Abend stellte sich aber heraus, daß eine unliebsame
-Verwechslung stattgefunden hatte. Dem Boten war das Bündel mit der
-neuen Wäsche übergeben worden.
-
-Michael Klampfner wurde eilig hievon in Kenntnis gesetzt, allein er
-verschloß sich heftig allem Zureden.
-
-„Wos?“ sagte er, „i soll de Wasch wieda hergeben? Waar mir scho z’dumm!
-Für wos hat er denn an Vertrag g’schrieben? Dös gilt, wia’s g’schrieben
-is. Irrtum is ausg’schlossen. Waar mir scho z’dumm!“
-
-Dieses geschah dem Königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger,
-welcher seinerzeit einen Brucheinser erhalten hatte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Von Ludwig Thoma erschienen bei Albert Langen in München:
-
- Assessor Karlchen und andere Geschichten
- Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte
- Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte
- Die Medaille. Komödie in einem Akt
- Die Lokalbahn. Komödie in drei Akten
- Agricola. Bauerngeschichten
- Hochzeit. Eine Bauerngeschichte
- Die Wilderer. Eine Bauerngeschichte
- Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit
- Der heilige Hies. Eine Bauerngeschichte
- Pistole oder Säbel? und anderes
- Andreas Vöst. Bauernroman
- Peter Schlemihl. Gedichte
- Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten
- Kleinstadtgeschichten
- Moritaten
- Moral. Komödie
- Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten
- Erster Klasse. Bauernschwank
-
-
-Ullstein-Bücher
-
-Bis jetzt sind erschienen:
-
- =Clara Viebig= Dilettanten des Lebens
- =Georg von Ompteda= Maria da Caza
- =Heinz Tovole= Frau Agna
- =Rudolph Stratz= Arme Thea
- =Fedor von Zobeltitz= Das Gasthaus zur Ehe
- =Paul Oskar Höcker= Die Sonne von St. Moritz
- =Ernst von Wolzogen= Mein erstes Abenteuer
- =Georg Engel= Die Last
- =Kurt Aram= Violet
- =Richard Voß= Der Todesweg auf den Piz Palü
- =Otto Ernst= Laßt Sonne herein
- =Max Kretzer= Der Mann ohne Gewissen
- =Wilhelm Zensen= Unter heißerer Sonne
- =Karl Rosner= Sehnsucht
- =Wilhelm Hegeler= Der Mut zum Glück
- =Peter Rosegger= Die Försterbuben
- =Rudolf Herzog= Nur eine Schauspielerin
- =Joseph Lauff= Marie Verwahnen
- =Rudolf Hans Bartsch= Elisabeth Kött
- =Franz Adam Beyerlein= Similde Hegewalt
- =Walter Bloem= Sonnenland
- =Richard Skowronnek= Bruder Leichtfuß
- =Felix Hollaender= Charlotte Adutti
- =Heinz Tovole= Mutter!..
- =Karl Rosner= Georg Bangs Liebe
- =Korfiz Holm= Thomas Kerkhoven
- =Ludwig Ganghofer= Gewitter im Mai
- =Georg von Ompteda= Denise de Montmidi
- =Ludwig Thoma= Krawall
-
-Jeder Band 1.-- Mark
-
-
-Ullstein & Co
-
-[Illustration]
-
-Berlin SW 68
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL ***
-
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-
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-
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
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-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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- The Project Gutenberg eBook of Krawall, by Ludwig Thoma.
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-<body>
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Krawall
- Lustige Geschichten
-
-Author: Ludwig Thoma
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60702]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so
-weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
-wurden stillschweigend korrigiert. Einige Textstellen in hochdeutscher
-Standardsprache sind stark regional gefärbt; diese wurden nicht
-verändert, sofern der Sinn des Textes allgemein verständlich bleibt.
-Gleiches gilt für die Passagen in bayerischem Dialekt.</p>
-
-<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren
-Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde
-vom Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s1 center break-before">Krawall</p>
-
-<p class="s2 center mbot3">Lustige Geschichten</p>
-
-<p class="center mbot1 break-before"><span class="s3">Ullstein-Bücher</span><br />
-Eine Sammlung zeitgenössischer Romane</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ullstein_buecher" name="ullstein_buecher">
- <img class="mbot2" src="images/ullstein_buecher.jpg" alt="Ullstein-Bücher" /></a>
-</div>
-
-<h1>Krawall</h1>
-
-<p class="s4 center">Lustige Geschichten</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center mbot3">Ludwig Thoma</p>
-
-<p class="s4 center mbot3">Ullstein &amp; Co<br />
-Berlin-Wien</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="cover" name="cover">
- <img class="mbot2 smalltitle" src="images/cover.jpg" alt="Titelseite" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak padtop3" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right mleft3">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Krawall
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Krawall">5</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Kaspar Asam
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Kaspar_Asam">33</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Kabale und Liebe
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Kabale_und_Liebe">59</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Die Fahnenweihe
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Die_Fahnenweihe">83</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Die Richter
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Die_Richter">129</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Bader
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Bader">151</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Kindlein
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Kindlein">167</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Besserung
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Besserung">189</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Tante Frieda
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Tante_Frieda">207</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Die Indianerin
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Die_Indianerin">243</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Mucki
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Mucki">265</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Lämmergeier
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Laemmergeier">279</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Einser
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Einser">295</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Vertrag
- </td>
- <td>
- <div class="right mleft3"><a href="#Der_Vertrag">305</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="inhalt_ende" name="inhalt_ende">
- <img class="mtop1 mbot1 w3em" src="images/inhalt_ende.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Krawall">Krawall</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap1_krawall" name="kap1_krawall">
- <img src="images/kap1_krawall.jpg" alt="Kapitel 1: Krawall" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_j" name="initial_j">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_j.jpg" alt="J" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">J</span>awohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen
-Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn
-selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter
-den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich
-will die Geschichte der Reihe nach erzählen.</p>
-
-<p>Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß
-auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns
-gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die
-privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und
-der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg
-gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder
-Landwehr älterer Ordnung, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> man auch sagt, ist zweimal in der Woche
-ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der
-Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied
-Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den
-Säbel schleifen lassen.</p>
-
-<p>Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von
-der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet,
-wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf
-der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten
-Frauen einschreiben lassen.</p>
-
-<p>Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat
-man geglaubt, es ist schon so weit.</p>
-
-<p>Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal
-hintereinander. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still,
-eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die
-Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die
-Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> vernommen hat, aber
-es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.</p>
-
-<p>Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er
-die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft
-vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die
-Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.</p>
-
-<p>Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind,
-denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen.
-Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war;
-später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.</p>
-
-<p>Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch.
-Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch
-spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die
-Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele
-Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p>Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar
-Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt,
-lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so
-hinaufgezogen.</p>
-
-<p>„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn
-ich es aber wissen täte!“</p>
-
-<p>Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein
-paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der
-Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher
-haben damals keinen Spaß verstanden.</p>
-
-<p>Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied
-Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch
-geschlagen hat.</p>
-
-<p>Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen
-die Preußen zusammen.</p>
-
-<p>Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es
-war die erste Kontrollversammlung angesagt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.</p>
-
-<p>In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine
-andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den
-Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische
-Soldaten werden müssen.</p>
-
-<p>In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme
-zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben
-noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht
-mehr altbayrisch sein soll.</p>
-
-<p>„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt.
-„Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen
-Glauben!“</p>
-
-<p>Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche
-gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren
-voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon
-ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den
-Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.</p>
-
-<p>Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.</p>
-
-<p>In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren
-ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die
-Karten und klopft ihm auf die Schulter.</p>
-
-<p>„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß
-auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“</p>
-
-<p>„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen
-Sie?“</p>
-
-<p>„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein
-Flegel bin.“</p>
-
-<p>„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist
-die Polizei?“</p>
-
-<p>„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig,
-„vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den
-König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten
-von den Stockacher Bauern.“</p>
-
-<p>Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was
-sie denken sollen. Der Bezirksamtmann &mdash; Alois Reich hat er geheißen,
-und er war aus der Rheinpfalz &mdash; hat die Karten hingelegt und ist
-wütend auf den Marktplatz hinaus.</p>
-
-<p>Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von
-Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine
-Auskunft geben können oder wollen.</p>
-
-<p>„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.</p>
-
-<p>„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt,
-„hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir
-Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“</p>
-
-<p>„Aha! Pfeift der Wind aus <em class="gesperrt">dem</em> Loch? Ich will Ihnen was sagen.
-Innerhalb dreimal vierund<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>zwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern
-beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen
-Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid,
-dann sollen Sie mich kennen lernen.“</p>
-
-<p>„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger
-die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch
-werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein.
-Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste
-dagegen.“</p>
-
-<p>Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und
-offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es
-nur keine Konsequenzen gehabt hätte.</p>
-
-<p>Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung,
-oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.</p>
-
-<p>Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen
-eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es
-eigentlich schwer ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat,
-und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.</p>
-
-<p>Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen
-die Bauernburschen in die Stadt gekommen.</p>
-
-<p>Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in
-der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.</p>
-
-<p>Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich
-noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen
-und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie
-Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die
-Fenster gezittert haben.</p>
-
-<p>Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die
-Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.</p>
-
-<p>Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer
-aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt,
-sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufein<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>ander
-geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.</p>
-
-<p>Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich
-die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich
-angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die
-Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.</p>
-
-<p>Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein
-allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:</p>
-
-<p>„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“</p>
-
-<p>Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie
-nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist
-auf den Boden gelaufen.</p>
-
-<p>Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den
-andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben
-sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der
-Jüngste Tag ist gekommen.</p>
-
-<p>Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein
-paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf,
-ein Wort gröber wie das andere.</p>
-
-<p>„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir
-schlecht!“</p>
-
-<p>Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm
-auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.</p>
-
-<p>Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in
-den Haufen hinein ist.</p>
-
-<p>Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht
-sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß
-und schreit:</p>
-
-<p>„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang
-wir noch bayrisch bleiben.“</p>
-
-<p>„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine
-solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten
-ist.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p>„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß
-herunter.</p>
-
-<p>Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.</p>
-
-<p>Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Schenkt’s mir amal was boarisch ein!</div>
- <div class="verse">Boarisch woll’n wir lustig sein,</div>
- <div class="verse">Schenkt’s mir amal was boarisch ein,</div>
- <div class="verse">Boarisch woll’n wir sein!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich
-schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der
-Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang
-in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.</p>
-
-<p>„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn
-er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“</p>
-
-<p>Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen,
-denn er hatte seine Pflicht<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> schon erfüllt und betrachtete sich für
-kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen;
-aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl
-über das Rathaus her.</p>
-
-<p>Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben
-geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.</p>
-
-<p>Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein
-gesagt in der ganzen Gegend.</p>
-
-<p>Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den
-Gemeindeschreiber bei der Gurgel.</p>
-
-<p>„Wo sind die Preußen?“</p>
-
-<p>„Heraus damit!“</p>
-
-<p>„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“</p>
-
-<p>„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“</p>
-
-<p>Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen
-ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die
-Fenster, johlen und brüllen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.</p>
-
-<p>Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz
-gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in
-die Kirchgasse gelaufen.</p>
-
-<p>Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl
-geschehen.</p>
-
-<p>„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke.
-Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn
-selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der
-Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.</p>
-
-<p>Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde
-gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern
-stürmen das Rathaus!“</p>
-
-<p>„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes
-willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die
-Magistratsrät?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p>„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“</p>
-
-<p>„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“</p>
-
-<p>Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.</p>
-
-<p>„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die
-Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst
-und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“</p>
-
-<p>Und das war auch richtig.</p>
-
-<p>Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß
-Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt,
-und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie
-so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.</p>
-
-<p>Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:</p>
-
-<p>„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich
-alarmiere am Kühberg, und meine<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Rotten stoßen mit den Ihrigen am
-Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“</p>
-
-<p>„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“</p>
-
-<p>Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:</p>
-
-<p>„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“</p>
-
-<p>„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch
-ins Unglück.“</p>
-
-<p>Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.</p>
-
-<p>Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.</p>
-
-<p>Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm
-blasen.</p>
-
-<p>Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die
-Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.</p>
-
-<p>Aber kein Mensch kommt heraus.</p>
-
-<p>Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt,
-schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.</p>
-
-<p>Jetzt rasselt auch eine Trommel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<p>Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm
-erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!</p>
-
-<p>Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich
-keiner blicken.</p>
-
-<p>Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.</p>
-
-<p>Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider
-sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.</p>
-
-<p>Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“</p>
-
-<p>„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.</p>
-
-<p>„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die
-Bauern sind über uns.“</p>
-
-<p>„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine
-Antwort mehr.</p>
-
-<p>Der Simon hält Kriegsrat.</p>
-
-<p>„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu
-ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-<p>Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant.
-„Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen,
-denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln
-die Köpfe nicht einschlagen.“</p>
-
-<p>„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an
-den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt
-hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“</p>
-
-<p>Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß
-unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei
-der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.</p>
-
-<p>Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des
-Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich
-voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.</p>
-
-<p>Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen;
-aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und
-sein Feldwebel war bei ihm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<p>Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und
-blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.</p>
-
-<p>Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre
-wahrscheinlich ein Unglück passiert.</p>
-
-<p>Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn
-ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später
-so gekommen.</p>
-
-<p>Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein
-fuchsteufelswildes Gesicht.</p>
-
-<p>Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an:
-„Wer sind Sie?“</p>
-
-<p>„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“</p>
-
-<p>„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen
-Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit
-meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p>„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an
-und den Trompeter und den Pionier.</p>
-
-<p>„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf
-unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.</p>
-
-<p>„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von
-ihm.“</p>
-
-<p>„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“</p>
-
-<p>„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.</p>
-
-<p>Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine
-Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir
-rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“</p>
-
-<p>Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß
-man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.</p>
-
-<p>Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel,
-denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p>Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die
-Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen
-dann johlend auseinander.</p>
-
-<p>Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das
-Bier aus.</p>
-
-<p>Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe
-Umschau halten.</p>
-
-<p>„Was ist los, Batz?“</p>
-
-<p>„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere,
-und sie schreien immer noch.“</p>
-
-<p>„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“</p>
-
-<p>„Nein, da sieht man gar nichts.“</p>
-
-<p>„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse
-müssen sie kommen.“</p>
-
-<p>„Nein. Man sieht nichts.“</p>
-
-<p>„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau
-hin!“</p>
-
-<p>„Man sieht keinen Menschen nicht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
-
-<p>„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel
-Burschen auf dem Platz?“</p>
-
-<p>„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“</p>
-
-<p>„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“</p>
-
-<p>„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.</p>
-
-<p>„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß,
-schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und
-Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt
-das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“</p>
-
-<p>Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören,
-packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.</p>
-
-<p>Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher
-die Polizei heimgenommen.</p>
-
-<p>„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt
-schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau
-gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben
-sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem
-Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und
-Aktendeckeln.</p>
-
-<p>Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen
-worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo
-zugerufen.</p>
-
-<p>Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit
-dem Säbel gedankt.</p>
-
-<p>„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt
-noch.“</p>
-
-<p>Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.</p>
-
-<p>„Was willst?“</p>
-
-<p>„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“</p>
-
-<p>„Was für einen Major?“ fragt der Simon.</p>
-
-<p>Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den
-Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p>„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.</p>
-
-<p>„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“</p>
-
-<p>Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht
-die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem
-Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor
-lauter Angst, wer denn kommt.</p>
-
-<p>„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon
-was anderes geglaubt.“</p>
-
-<p>Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut
-seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch
-gefallen ist und sozusagen betäubt war.</p>
-
-<p>Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich
-Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.</p>
-
-<p>Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer
-sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in
-Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> haben in den Kasernen
-auch nicht das schönste Leben gehabt.</p>
-
-<p>Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar
-jetzt anderweitig geschützt sind.</p>
-
-<p>Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später
-doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat
-es ausdrücklich so gewünscht.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende1" name="kap_ende1">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Kaspar_Asam">Kaspar Asam</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap2_kaspar_asam" name="kap2_kaspar_asam">
- <img src="images/kap2_kaspar_asam.jpg" alt="Kapitel 2: Kaspar Asam" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_h" name="initial_h">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>inauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer
-verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und
-Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.</p>
-
-<p>Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen
-hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten
-Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich
-für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.</p>
-
-<p>Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze,
-sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche
-Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen,
-Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Beschäftigung so
-merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.</p>
-
-<p>Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein
-kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch
-schnallen konnte.</p>
-
-<p>Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch
-und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren
-und wurde den Dürnbuchern unheimlich.</p>
-
-<p>Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett
-wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war,
-erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.</p>
-
-<p>So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen
-Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser
-Ungerechtigkeit Haß gesogen.</p>
-
-<p>Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein
-Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als
-durch die Mißachtung<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit
-erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte
-bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch
-er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.</p>
-
-<p>Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen
-ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen
-Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der
-Zweifelhaftigkeit hegt.</p>
-
-<p>Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus
-Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den
-Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.</p>
-
-<p>Dann kam aber ein aufregender Vorfall.</p>
-
-<p>Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete,
-merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.</p>
-
-<p>Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen,
-oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für
-schuldig hielt.</p>
-
-<p>Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht
-anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise
-einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.</p>
-
-<p>Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen
-Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der
-Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang
-überfallen und windelweich geschlagen.</p>
-
-<p>Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die
-öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.</p>
-
-<p>Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen
-war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.</p>
-
-<p>Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben
-durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten,
-daß<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder
-ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko1" name="tb_deko1">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Die Tage vergingen.</p>
-
-<p>Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen
-des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche
-Nachrichten über das Meer.</p>
-
-<p>Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten,
-und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in
-China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?</p>
-
-<p>Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches,
-denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und
-freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis
-nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und
-von dort kam es zu lesen,<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein
-müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den
-Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.</p>
-
-<p>Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das
-Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich
-in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich
-vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die
-Gedanken, welche darüber anzustellen sind.</p>
-
-<p>Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel
-geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer
-Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er
-stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten
-mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden,
-die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris
-und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur
-schrieb, es sei<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den
-Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die
-Einladung zu einem Preiskegelschieben.</p>
-
-<p>Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht
-weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen
-merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.</p>
-
-<p>Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein
-großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam,
-Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.</p>
-
-<p>Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht
-und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn
-verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden,
-dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem
-Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam
-für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches
-ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p>Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es
-hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden.
-„Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen,
-daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter
-den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den
-telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das
-Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...</p>
-
-<p>Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten
-mußten.</p>
-
-<p>Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber
-der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die
-Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern,
-daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.</p>
-
-<p>Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung
-und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister
-einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p>Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken
-Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte
-sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen
-habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz
-neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen
-rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.</p>
-
-<p>Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen
-Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war
-falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines
-Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten
-mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen
-waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die
-tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet.
-Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß
-der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten ge<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>halten habe. Nur der
-Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben
-wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse,
-könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.</p>
-
-<p>Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten
-Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen,
-und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug
-herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm
-des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener
-Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher
-die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war,
-als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im
-Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und
-daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.</p>
-
-<p>Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben
-und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine
-geheiligte<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das
-geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern
-dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die
-Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen
-Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner
-Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von
-Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz
-und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war
-ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität
-begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen
-müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte
-zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so
-hieß: Jugend hat keine Tugend.</p>
-
-<p>Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen,
-und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres
-Sohnes Anerkennung<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher
-Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er
-einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit
-mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte.
-Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko2" name="tb_deko2">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal
-einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und
-Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an
-der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden
-betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke
-Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen
-Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der
-es mit Freude begrüßen mußte, nach so<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> vielen Jubiläen endlich
-wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte
-einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden
-waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu
-gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus
-Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der
-stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert
-waren.</p>
-
-<p>Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und
-marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang
-genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und
-eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße
-heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten
-Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch,
-die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.</p>
-
-<p>„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen
-kletterte der Sieger von<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser
-merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von
-Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn
-Sebald machte soldatischen Lärm.</p>
-
-<p>„Achtung! Still&mdash;gestanden! Augen rechts! Präsentiert das &mdash; Gewehr!“</p>
-
-<p>Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde
-Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.</p>
-
-<p>„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie,
-indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest
-für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen
-Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren
-wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres
-obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck,
-indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern
-Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p>Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm
-die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An
-seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten,
-und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.</p>
-
-<p>„In Sektionen links schwenkt &mdash; marsch!“</p>
-
-<p>Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen
-Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach
-Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.</p>
-
-<p>Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute
-das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der
-merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er
-für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht
-gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein
-Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte
-der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Kirchgasse her mit Brausen
-und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von
-ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst
-kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark
-darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...</p>
-
-<p>Silentium!</p>
-
-<p>Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar
-Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts,
-und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen
-Bürgermeister, welcher nun sprach:</p>
-
-<p>„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! <span class="antiqua">Nil admirari</span>
-sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort
-verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben.
-<span class="antiqua">Nil admirari</span>, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte
-Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen
-Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen
-sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>sehung
-unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen
-Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen,
-in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener
-Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht,
-daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken?
-Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im
-bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner
-fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein
-tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.</p>
-
-<p>Hochverehrte Festversammlung! <span class="antiqua">Nil admirari!</span> Welch ein
-Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund
-und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche
-Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch
-uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen
-gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und
-haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen!<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Denn nicht
-ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es
-war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern,
-welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher
-den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte,
-diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns
-nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind
-unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser
-Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene
-patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und
-Nord, hochverehrte Festversammlung, &mdash; daß jene patriotischen Gefühle
-auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates
-und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten
-Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust
-schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die
-Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können
-diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir
-rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und
-Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“</p>
-
-<p>Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur
-mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der
-Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit
-einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister.
-Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten
-Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen
-können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den
-Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben
-glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin
-feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede
-erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> auf die Schulter schlug und
-ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er
-hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten
-saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er
-sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter
-ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine
-Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück,
-fünf harte Taler und...</p>
-
-<p>Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will
-sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und
-verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen
-rechtskundigen Bürgermeister. <span class="antiqua">Nil admirari!</span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko3" name="tb_deko3">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er
-seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß.
-Als vater<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit
-Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer
-neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit
-überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als
-täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte
-seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger
-Anerkennung sicher zu sein.</p>
-
-<p>Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in
-hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige
-Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft
-begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und
-ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen
-führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das
-sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden
-mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche
-Erscheinung und bald eine ärgerliche Er<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>scheinung. Unterweilen
-versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm
-das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der
-Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein
-idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die
-Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als
-gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher
-herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling
-der drei Monarchen.</p>
-
-<p>So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im
-dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende
-Gefühle.</p>
-
-<p>Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und
-nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene
-Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen,
-welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs
-gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen
-Bierzeichen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der
-historischen Größe.</p>
-
-<p>Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in
-gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein
-Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin
-den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand
-gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken.
-Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu
-die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er
-hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die
-stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den
-schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende2" name="kap_ende2">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Kabale_und_Liebe">Kabale und Liebe</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap3_kabale_und_liebe" name="kap3_kabale_und_liebe">
- <img src="images/kap3_kabale_und_liebe.jpg" alt="Kapitel 3: Kabale und Liebe" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Kleinstadtgeschichten.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_s" name="initial_s">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren
-grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton
-sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von
-Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und
-wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich
-unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten
-dem Frühling entgegen.</p>
-
-<p>Wo aus, du junger Schlossergeselle?</p>
-
-<p>Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und
-bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.</p>
-
-<p>Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte
-er; denn was ein Dürn<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>bucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin
-das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.</p>
-
-<p>Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr,
-und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich
-schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.</p>
-
-<p>Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter,
-zeigte sich lieblich zu ihm.</p>
-
-<p>Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die
-Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über
-knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.</p>
-
-<p>Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu
-einem andern in mondhellen Nächten.</p>
-
-<p>Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!</p>
-
-<p>Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu
-so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen
-entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem
-Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem
-Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im
-Liebesgarten umher.</p>
-
-<p>Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit
-allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie
-verwelkt war.</p>
-
-<p>Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.</p>
-
-<p>Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige
-Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares
-hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten
-vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den
-Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war
-er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.</p>
-
-<p>Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen
-Turnerkrawatte auftat und goldene<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Fransen auf die Brust baumeln ließ?
-Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm
-Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins
-Freie schweifte.</p>
-
-<p>Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen
-ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber
-roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?</p>
-
-<p>Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß
-unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.</p>
-
-<p>Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in
-seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter
-dessen Zweigen er glücklich gewesen war.</p>
-
-<p>Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und
-darauf stand mit silbernen Buchstaben:</p>
-
-<p class="center">Lebensweisheit in Versen.</p>
-
-<p>Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt
-war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5">Lenz und Herbst</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die Blumen weinten in der Maiennacht</div>
- <div class="verse">Um des geschiednen Tages süße Wonne.</div>
- <div class="verse">Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht!</div>
- <div class="verse">Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut,</div>
- <div class="verse">Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken,</div>
- <div class="verse">Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut,</div>
- <div class="verse">Sind welk die Blumen alle hingesunken.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb
-die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und
-wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.</p>
-
-<p>Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und
-verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich
-nur mehr wenige Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> dahier mit meinem Theater verbleiben werde,
-und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse
-begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem
-allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker
-entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende
-Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben.
-Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem
-zahlreichen Besuche entgegen.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">Jakob Weindl, Theaterdirektor.</p>
-
-<p>Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen,
-unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen
-Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe,
-dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet,
-durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer
-wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater
-unbefriedigt verlassen.</p>
-
-<p class="right mright2">Die Redaktion.“</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p>Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den
-verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen
-Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter
-welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich
-vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet
-hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner,
-von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung
-um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch
-übernommen hatte.</p>
-
-<p>Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin
-der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus
-kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch
-andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte,
-vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder
-brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat
-irgend etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den
-ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.</p>
-
-<p>Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch
-seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er
-schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß
-die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der
-butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.</p>
-
-<p>Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine
-Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die
-Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines
-so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer
-zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald
-darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein
-ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles
-Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preis<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>suche
-eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es
-momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem
-Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen.
-Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu
-erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die
-Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch
-ätzender Lauge übergoß.</p>
-
-<p>Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen
-Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen,
-weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah
-ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die
-allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste
-des Apothekerprovisors Elfinger.</p>
-
-<p>Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale,
-und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden
-fallen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne
-zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus
-Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford
-und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen
-großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin
-schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in
-Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden
-Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine
-vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen.
-Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das
-war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen
-ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors,
-Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als
-Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die
-übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem ins<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>besondere dem
-Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die
-Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des
-Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein,
-und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen
-Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur
-Saaltüre.</p>
-
-<p>„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig
-auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.</p>
-
-<p>„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen
-vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er
-der Närrin solide Absichten vor, &mdash; noch besser.“</p>
-
-<p>Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten?
-Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien
-vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.</p>
-
-<p>Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen
-waschechten Junker und<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> dumme Vorurteile verlachen konnte, und die
-ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in
-diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.</p>
-
-<p>„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands &mdash; ich verwerfe Dich
-&mdash; ein deutscher Jüngling!“</p>
-
-<p>Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände,
-daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.</p>
-
-<p>„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.</p>
-
-<p>„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter
-Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für
-ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse
-Instinkte.“</p>
-
-<p>„Aber als klassisches Stück?“</p>
-
-<p>„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch.
-Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die
-Ereignisse in die Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>wart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt,
-als der Hofmarschall auftrat?“</p>
-
-<p>Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges
-für seine Kritik zu verwenden.</p>
-
-<p>Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock
-reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die
-schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und
-deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war
-gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem
-Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine
-dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen,
-als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.</p>
-
-<p>Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte,
-wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die
-Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr
-umdrehte,<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie
-auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von
-liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese
-Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des
-Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes
-unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!</p>
-
-<p>Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder
-zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein
-finsteres Schicksal über die braven Leute kam.</p>
-
-<p>Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne,
-wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen
-war, und alle anderen schwiegen erschüttert.</p>
-
-<p>Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit
-nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und
-brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein
-höchst frivoles Lachen anzuheben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein,
-der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen
-abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich
-jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen
-konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer,
-welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten,
-mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der
-schuftige Sekretär diktierte.</p>
-
-<p>Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände
-ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual
-auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und
-arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche
-Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.</p>
-
-<p>Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte
-mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der
-immer<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz
-in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat
-an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du
-genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte!
-Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn
-im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“</p>
-
-<p>Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und
-bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein
-Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme,
-daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!</p>
-
-<p>Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem
-dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus
-dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts
-dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre
-Gedanken an einen blau<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>seidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute
-geschenkt hatte.</p>
-
-<p>Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford
-hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges
-Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den
-Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen
-Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde,
-rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte
-zu Herrn Elfinger hinüber.</p>
-
-<p>Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.</p>
-
-<p>Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den
-Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes
-malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit
-zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten
-Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie
-schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Saal.
-Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.</p>
-
-<p>Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät,
-wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten
-und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.</p>
-
-<p>Der Vorhang fiel.</p>
-
-<p>Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber
-Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte
-mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes
-und ging als der Letzte hinaus.</p>
-
-<p>Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo
-sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die
-Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.</p>
-
-<p>Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln
-Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer
-Babette folgte und in eine Nebengasse bog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>Er schlich ihnen nach.</p>
-
-<p>Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die
-Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.</p>
-
-<p>„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die
-Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um
-Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke
-Ausfälligkeiten darin.“</p>
-
-<p>„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“</p>
-
-<p>„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den
-Herzog spielen läßt.“</p>
-
-<p>„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“</p>
-
-<p>„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie
-sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht
-geben.“</p>
-
-<p>„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“</p>
-
-<p>Trollmann sperrte seine Haustüre auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p>„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“</p>
-
-<p>Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der
-Einleitung zu verwerten waren.</p>
-
-<p>Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die
-Befürchtungen Trollmanns bestätigte.</p>
-
-<p>Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig
-heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter
-Küssen das Unerlaubte versprochen hat.</p>
-
-<p>Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und
-forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen,
-wenn er es fertig bringe.</p>
-
-<p>Da tönte ein Halt.</p>
-
-<p>Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und
-legte seine Finger um den Adamsapfel.</p>
-
-<p>Wie sie zittert, die Memme!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p>Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?</p>
-
-<p>Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge
-Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in
-Unordnung.</p>
-
-<p>„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will
-es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die
-Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild
-Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.</p>
-
-<p>Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige
-Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende3" name="kap_ende3">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Fahnenweihe">Die Fahnenweihe</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap4_die_fahnenweihe" name="kap4_die_fahnenweihe">
- <img src="images/kap4_die_fahnenweihe.jpg" alt="Kapitel 4: Die Fahnenweihe" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<h3 class="hidden_header" id="Vorbereitung">Vorbereitung</h3>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap4a_vorbereitung" name="kap4a_vorbereitung">
- <img class="mbot2" src="images/kap4a_vorbereitung.jpg" alt="1. Abschnitt: Vorbereitung" /></a>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_v" name="initial_v">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_v.jpg" alt="V" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>ersprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der
-Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön
-der Reihe nach.</p>
-
-<p>Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim
-Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du
-sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“</p>
-
-<p>„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do
-koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er,
-„dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer,
-daß er einspannt.“</p>
-
-<p>Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und
-dem Hofbauern zum Dorf hinauf,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> daß die Stein geflogen und alle Hunde
-rebellisch geworden sind.</p>
-
-<p>„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte
-die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes
-Mitleid.</p>
-
-<p>Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing
-und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.</p>
-
-<p>Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.</p>
-
-<p>„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer.
-„Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins
-Höft, daß mir das gleich segn.“</p>
-
-<p>„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So
-lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö
-Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch
-her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös
-kimmt net<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt.
-Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“</p>
-
-<p>„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel.
-Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin;
-deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß
-mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“</p>
-
-<p>So geschah es.</p>
-
-<p>Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer
-Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.</p>
-
-<p>Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub,
-und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.</p>
-
-<p>Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.</p>
-
-<p>Sie war sehr schön, und &mdash; wie am darauffolgenden Samstag das
-Distriktsblatt meldete: „von<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> blendendem Glanze, geschmackvoller
-Symbolik und kunstreichster Ausführung“.</p>
-
-<p>In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über
-denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.</p>
-
-<p>Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub
-Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.</p>
-
-<p>Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit
-Strahlen angebracht.</p>
-
-<p>Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine
-Generalversammlung abgehalten.</p>
-
-<p>In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.</p>
-
-<p>Sämtliche Stimmen &mdash; auch seine eigene &mdash; erhielt der Hofbauer Nazi,
-welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das
-Fest verzögert hätte.</p>
-
-<p>Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe
-kaufen sollte, begegnete er<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> den größten Schwierigkeiten, da alle
-Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer
-existiere leider noch nicht.</p>
-
-<p>Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten
-Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die
-Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.</p>
-
-<p>Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die
-vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.</p>
-
-<p>Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem
-Nutzen, wie wir später sehen werden.</p>
-
-<p>Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem
-Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das
-Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.</p>
-
-<p>Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten
-mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier
-sparen. Ich will<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht
-entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden
-sollte.</p>
-
-<p>Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet,
-darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der
-Streitfrage beteiligten.</p>
-
-<p>Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer,
-wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.</p>
-
-<p>„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum
-soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter
-Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach
-ma die Sach kurz und gengan zu an <em class="gesperrt">jeden</em>. An Vorabend halt ma
-bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den
-Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein
-Sach.“</p>
-
-<p>Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich
-verhältnismäßig leicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p>Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit
-jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.</p>
-
-<p>Und sie wurde gut benützt.</p>
-
-<p>Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu
-beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um
-sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an
-Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.</p>
-
-<p>Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle
-miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß
-warum.</p>
-
-<p>Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches
-Getu.</p>
-
-<p>Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die
-Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den
-Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt
-und die Andacht gestört ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p>Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die
-Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann
-bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken,
-und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.</p>
-
-<p>Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich
-sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor
-der Kirchweih, dann langt es schon.</p>
-
-<p>Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war
-wie &mdash; der Bader.</p>
-
-<p>Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.</p>
-
-<p>Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte
-die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand
-dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten
-Wege ausgesucht.</p>
-
-<p>Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz
-fürchtig mit den Armen herum<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>schlegelte, und bald stat, bald recht laut
-an die Wand hinredete.</p>
-
-<p>Mein Freund, der Förster erzählte mir &mdash; und dann ist es gewiß wahr &mdash;,
-daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader
-untergekommen sei.</p>
-
-<p>„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er,
-„sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige
-Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber
-net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was
-Besonderes beobachten müßt.“</p>
-
-<p>Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie
-sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.</p>
-
-<p>Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“</p>
-
-<p>Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam
-das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho
-wieder. Des<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>mal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia
-der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei
-der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner
-rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und
-deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.</p>
-
-<p>„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren
-von wegen dem Rasiermesser.</p>
-
-<p>Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die
-Angst gönn, sag i:</p>
-
-<p>„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr
-Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“</p>
-
-<p>Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.</p>
-
-<p>Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:</p>
-
-<p>„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein
-schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern,
-der vor<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die
-stolze Trophäe, die ich halte“...</p>
-
-<p>„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt
-Di gar schö, i muaß niaßen.“</p>
-
-<p>Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt
-an Stuhl um und naus beim Tempel.</p>
-
-<p>„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö
-war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.</p>
-
-<p>„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz
-verwundert an.</p>
-
-<p>„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen,
-damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst
-kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag
-koan Spaß mehr.“</p>
-
-<p>„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is,
-nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein
-Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> Klub- und
-zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert
-seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit
-geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“</p>
-
-<p>Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing
-jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein,
-wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.</p>
-
-<p>Ich auch.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="abschn_ende1" name="abschn_ende1">
- <img class="mtop2 w6em mbot2" src="images/abschn_ende.jpg"
- alt="Ende des ersten Abschnitts" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<h3 class="hidden_header" id="Das_Fest">Das Fest</h3>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap4b_das_fest" name="kap4b_das_fest">
- <img class="mbot2" src="images/kap4b_das_fest.jpg" alt="2. Abschnitt: Das Fest" /></a>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_s2" name="initial_s2">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>eppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast
-as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh
-schmeißt, na geht’s los.“</p>
-
-<p>„Hamm ma’s? Firti!“</p>
-
-<p>Pum! Pum! Pum!</p>
-
-<p>Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der
-Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im
-Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und
-tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an.</p>
-
-<p>Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein
-verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der
-Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im
-Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut
-nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern
-schon eingeholt.</p>
-
-<p>Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau
-ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder
-hinzruck, und so weiter, bis der <span class="antiqua">C</span>-Trompeter erklärt, jetzt sei
-ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit.</p>
-
-<p>So bricht der große Festtag in Kraglfing an!</p>
-
-<p>Allgemach wird es sieben Uhr.</p>
-
-<p>Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet
-auf die einheimischen und auswärtigen Vereine.</p>
-
-<p>Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig
-wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann.</p>
-
-<p>„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim
-Lamplwirt warten dö Veterana auf<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr.
-D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf;
-bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö
-ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö
-Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö
-liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“</p>
-
-<p>Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein
-paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem
-Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter.</p>
-
-<p>„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö
-Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i
-wollt, i lieget dahoam im Bett.“</p>
-
-<p>„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an,
-„moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen,
-nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p>„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel.</p>
-
-<p>„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom
-Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh
-jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst.
-Pfüat Di!“</p>
-
-<p>Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom
-Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen
-Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben.</p>
-
-<p>„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta
-Pfeiferlverein?“</p>
-
-<p>Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus
-der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die
-Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt
-stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An&mdash;trötten! Schtüll
-schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p>Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und
-Tritt zum Gemeindehaus.</p>
-
-<p>Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon
-haalt! Front!“</p>
-
-<p>Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den
-Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.)</p>
-
-<p>„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr
-werd a glei do sei.“</p>
-
-<p>Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der
-Hutkrempen.</p>
-
-<p>„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er.</p>
-
-<p>„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern
-wer’n aa nimmer lang aus sei.“</p>
-
-<p>„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über
-den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung.</p>
-
-<p>Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen
-läßt; drei Chargierte, der<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten
-vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden
-dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen
-Diskurs anfangen.</p>
-
-<p>Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen
-tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben.</p>
-
-<p>Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die
-Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben
-daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim
-Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der
-Hofbauer setzt sich in Positur:</p>
-
-<p>„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“</p>
-
-<p>Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie
-der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als
-tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<p>Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist.</p>
-
-<p>Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger
-Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger
-Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger,
-Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren,
-die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die
-Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und
-zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn
-mehrere haben eine alte und eine neue gehabt.</p>
-
-<p>Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum
-Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche
-Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte.</p>
-
-<p>Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut
-in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
-nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her.</p>
-
-<p>Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte.</p>
-
-<p>An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub
-hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die
-Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter
-Ordnung.</p>
-
-<p>Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt.</p>
-
-<p>Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren
-frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern
-Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue
-Fahne gestiftet hatte.</p>
-
-<p>So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen.</p>
-
-<p>Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten
-Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine
-Blicke<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des
-Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen
-ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er
-den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs
-auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war
-so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten
-und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der
-Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten.</p>
-
-<p>Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt
-kommen würde. Und lang kam gar nichts.</p>
-
-<p>Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den
-Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man
-auch ein paar Brocken.</p>
-
-<p>„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“</p>
-
-<p>„I ko net.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>„Du muaßt.“</p>
-
-<p>„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red
-verschlag’n. Mir is alles gleich.“</p>
-
-<p>„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di.
-Was moanst denn, daß de sagen tat?“</p>
-
-<p>„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“</p>
-
-<p>„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“</p>
-
-<p>„In Gott’s Nam!“</p>
-
-<p>Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen
-herauskommt, steigt der Bader auf das Podium.</p>
-
-<p>Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred
-halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal.</p>
-
-<p>„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt
-haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es
-ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Fest, es ist ein großes
-Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in
-Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah,
-wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“</p>
-
-<p>Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt
-steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft
-wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank
-eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker
-niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing
-und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen
-daheim erzählen werden!...</p>
-
-<p>Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der
-Hofbauer.</p>
-
-<p>„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden!
-Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho
-gesagt,<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er
-a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und
-dös, was er sagen hat <em class="gesperrt">wollen</em>. Und drum der Rauchklub soll leben;
-füfat hooch! hooch! hooch!“</p>
-
-<p>Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte
-noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen.</p>
-
-<p>Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi
-enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die
-Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Noch gleichet eier kleiner Kreis</div>
- <div class="verse">Dem leicht bewegten schwachen Reis,</div>
- <div class="verse">Doch wird er wachsen immerdar</div>
- <div class="verse">Und größer werden Jahr für Jahr,</div>
- <div class="verse">Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit,</div>
- <div class="verse">Nur pfleget die Geselligkeit,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
- <div class="verse">Drum, daß ihr immer tut desgleichen,</div>
- <div class="verse">Des sei die neue Fahn ein Zeichen,</div>
- <div class="verse">Weil Freindschaft steht auf dem Panür,</div>
- <div class="verse">Drum leb der <em class="gesperrt">Rauchklub</em> für und für.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es
-schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie
-legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte,
-daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf
-und ab, als tät sie G’sott schneiden.</p>
-
-<p>Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch
-besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben
-hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte,
-damit jeder an seine Krankheit glauben möcht.</p>
-
-<p>Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p>Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den
-Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur
-Kirche hinunter.</p>
-
-<p>Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu
-beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den
-Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist.</p>
-
-<p>Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein
-Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen
-an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die
-Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und
-der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht
-angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische,
-alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt.</p>
-
-<p>In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten
-Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten
-kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst.</p>
-
-<p>Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach
-Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit
-Sauerkraut.</p>
-
-<p>„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man
-schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen.</p>
-
-<p>Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor.</p>
-
-<p>„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den
-großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch,
-pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller
-fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“...</p>
-
-<p>Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln
-auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt
-ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue
-Scharen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll.</p>
-
-<p>Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen
-voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im
-Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine
-Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles
-in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß
-gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen
-Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird.</p>
-
-<p>In diese Idylle hinein blast auf einmal der <span class="antiqua">C</span>-Trompeter das
-bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange
-Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei
-Reden losschießen will.</p>
-
-<p>„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden
-Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl,
-sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> und Gelächter.) Aber indem
-unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld
-daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die
-Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!)</p>
-
-<p>Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit,
-indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht
-vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch
-bringen werden. (Bravo!)</p>
-
-<p>Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate)
-ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen,
-daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir
-überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar
-nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!)</p>
-
-<p>Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit
-gedämpfter Schtümme hooch!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem
-Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht,
-daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie
-müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und
-deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute
-Red so viele Junge.</p>
-
-<p>Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der
-<span class="antiqua">C</span>-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei,
-dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf
-und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor
-Tellerklappern und Messerklirren überhört worden.</p>
-
-<p>Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und
-feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von
-Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von
-Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter,
-bis<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren.</p>
-
-<p>Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl
-seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand
-dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen
-Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher
-zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und
-den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen,
-probierte schon hie und da einer seine Singstimme.</p>
-
-<p>Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die
-Fliegen langsam im Zigarrenrauch.</p>
-
-<p>Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl
-nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce
-und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen
-zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß
-finden sollte. Die Jungen waren<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> rasch verschwunden, mit Ausnahme der
-Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten,
-weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit
-ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim
-Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen,
-das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren
-Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim
-vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache
-seines Leidens.</p>
-
-<p>„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß
-nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so
-a.. Oes versteht’s mi scho..“</p>
-
-<p>„Jawohl,“ sagt der Hofbauer.</p>
-
-<p>„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r
-i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden
-Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es
-hat mei ganze Geisteskraft dazu<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> g’hört, daß i überhaupts red’n hab
-kinna, an anderer war umg’fallen...“</p>
-
-<p>„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing,
-„aba jetzt is da wieda bessa?“</p>
-
-<p>„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“</p>
-
-<p>„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt
-jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei
-Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder
-aufg’richt.“</p>
-
-<p>„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt
-der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko
-oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern
-Leut krank, aba <em class="gesperrt">mei</em> Red’...“</p>
-
-<p>Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch
-schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen.</p>
-
-<p>Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut
-haben schon vom Mahl<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind
-leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen.</p>
-
-<p>Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also
-ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt
-unten und oben gleichmäßig weiter.</p>
-
-<p>Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die
-Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden
-aufgefrischt im Bierdusel.</p>
-
-<p>„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“
-fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si
-Dei Schlechtigkeit ausweisen.“</p>
-
-<p>„Wos hob i?“</p>
-
-<p>„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir
-advikatisch.“</p>
-
-<p>„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt
-ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her.</p>
-
-<p>„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“</p>
-
-<p>„Bst! Staat! D’Musik spielt.“</p>
-
-<p>Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn
-in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln
-und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist
-völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne
-fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der
-Hand drauf schlagt.</p>
-
-<p>Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede
-sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam
-schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und
-vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer
-schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus
-muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> kann.
-Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar,
-unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür
-kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil
-ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das
-andermal sagt er:</p>
-
-<p>„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl!
-Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom
-Jägersmann:“</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es wollte ein Jägerlein jagen</div>
- <div class="verse">Dreiviertel Stunden vor Tag,</div>
- <div class="verse">Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa!</div>
- <div class="verse">Wohl in dem grünen Wald!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei
-dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden.
-Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie
-den Anfang:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Kein Kränzigen darfst du nicht tragen</div>
- <div class="verse">Auf deinen goldenen Haar,</div>
- <div class="verse">Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben</div>
- <div class="verse">Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa!</div>
- <div class="verse">Wie andere Jägersfraun.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Da Leberknödel und da Fastenknödel</div>
- <div class="verse">Hamm sie mit anand z’trag’n,</div>
- <div class="verse">Da hat da Leberknödel an Fastenknödel</div>
- <div class="verse">Uebern Tisch obi g’schlag’n.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea,</div>
- <div class="verse">Zoag mar an Weg an d’Mühl oi,</div>
- <div class="verse">Kost net irr gea, kost net fei gea,</div>
- <div class="verse">Wat no mitt’n an Boch oi.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an
-allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller
-werden die Maßkrüge leer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff
-geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum
-und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen
-stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf
-den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.</p>
-
-<p>Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“</p>
-
-<p>Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon
-in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der
-Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“</p>
-
-<p>In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl
-wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen.</p>
-
-<p>Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben.</p>
-
-<p>„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst
-ja Dei’s Nächsten Guat!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin
-Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder
-von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht
-bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich
-dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das
-offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden
-nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee
-sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner
-halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf
-rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do
-stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix
-Guats.“</p>
-
-<p>„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a
-Red...“</p>
-
-<p>„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei
-Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<p>„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand
-bin i, und Punktum!“</p>
-
-<p>„Oho!“</p>
-
-<p>„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer,
-„vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“</p>
-
-<p>Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht
-der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf,
-daß sich der Lärm legt.</p>
-
-<p>Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den
-Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu
-lenken.</p>
-
-<p>„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem
-ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es
-mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat
-ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich
-auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches
-Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns
-alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“</p>
-
-<p>Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom
-Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen
-gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und
-rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind
-die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle
-Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich
-stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird
-immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den
-Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die
-Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern
-von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist
-der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Pfeifen und Zurufen
-finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische
-Schlacht.</p>
-
-<p>Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe
-krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und
-Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter
-abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und
-entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat
-seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt
-sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso
-tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den
-Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider.</p>
-
-<p>Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen
-das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die
-brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der
-Gendarmerie, durchzudringen und die<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Völker zu trennen. Aber wie sieht
-der Festplatz in der Abenddämmerung aus!</p>
-
-<p>Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr
-gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben
-Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben
-der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies
-am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die
-zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende4" name="kap_ende4">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Richter">Die Richter</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap5_die_richter" name="kap5_die_richter">
- <img src="images/kap5_die_richter.jpg" alt="Kapitel 5: Die Richter" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_j2" name="initial_j2">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_j.jpg" alt="J" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">J</span>ohann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal
-fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über
-seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so
-gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den
-landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit
-sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei
-war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle
-Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.</p>
-
-<p>Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant
-in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem
-Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die
-Kleidung<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt
-wurde.</p>
-
-<p>Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer
-jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe
-ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres
-Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.</p>
-
-<p>Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange.</p>
-
-<p>Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger,
-nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht
-ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten
-geführt hätte.</p>
-
-<p>Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen
-Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte,
-da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er
-blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der
-Herr Gendarmeriestationskomman<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>dant von Zeidlfing ihm einen Besuch
-abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt,
-sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte.</p>
-
-<p>Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage
-das Gesetz beleidigt hatte.</p>
-
-<p>Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese
-befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde.</p>
-
-<p>Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er
-bedenklich den Kopf.</p>
-
-<p>Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie
-Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll
-schreiben mochte wegen dem Pfifferling.</p>
-
-<p>Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht
-befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er
-miterlebt, ja sogar verursacht hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte,
-sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen.</p>
-
-<p>In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein
-Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte.</p>
-
-<p>Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges
-Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen
-beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein.</p>
-
-<p>„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“</p>
-
-<p>„I woaß scho,“ sagte der Feichtl.</p>
-
-<p>„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“</p>
-
-<p>„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa
-a kloans Präsent.“</p>
-
-<p>„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“</p>
-
-<p>„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf,
-i les Dir des meinige für.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<p>Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und
-Genosse...“</p>
-
-<p>„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“</p>
-
-<p>„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt
-geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört,
-Glas?“</p>
-
-<p>„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß
-eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“</p>
-
-<p>„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“</p>
-
-<p>„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben
-hat.“...</p>
-
-<p>„Moanst? Nacha tua weiter!“</p>
-
-<p>„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der
-Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise
-ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben..
-Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm
-da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch
-wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm
-g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia
-werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“</p>
-
-<p>„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da
-kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse
-sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft
-entfernten, daß diese Tathandlungen...“</p>
-
-<p>„Wia hoaßt dös?“</p>
-
-<p>„Tat...handlungen...“</p>
-
-<p>„So? Tua weiter!“</p>
-
-<p>„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem
-Zu&mdash;sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“</p>
-
-<p>„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma
-mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da
-schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“</p>
-
-<p>„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner
-to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur
-wüßt, was i toa soll?“</p>
-
-<p>„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma,
-g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“</p>
-
-<p>„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena
-G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“</p>
-
-<p>„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi.
-Pfüat di daweil!“</p>
-
-<p>Der Dienstag kam.</p>
-
-<p>In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem
-Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei
-Schäfer. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem
-Gespräche begriffen.</p>
-
-<p>„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin
-’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“</p>
-
-<p>„Hast d’as draht?“ fragt Glas.</p>
-
-<p>„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net
-lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“</p>
-
-<p>„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern
-hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö
-Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma
-eing’sperrt san.“</p>
-
-<p>„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der
-macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an
-Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“</p>
-
-<p>So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer,
-weil die Türen gesperrt blieben<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> bis zum Beginn der Sitzung. Der
-Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht
-gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen
-bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen
-Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen.</p>
-
-<p>Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot
-ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den
-„Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen
-Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten.</p>
-
-<p>Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse,
-einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals
-durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch
-späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine
-ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat
-gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller
-Schimmel erschießen helfen. Später<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> in der langen Friedenzeit hatte
-er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene
-Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so
-trefflich zustatten kamen. &mdash;</p>
-
-<p>Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch
-häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab
-es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen
-Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen
-schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch
-seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen.
-Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er
-geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels
-stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.</p>
-
-<p>Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den
-Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann,
-wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das
-Schloß probierten, um endlich kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>schüttelnd weiter zu gehen. Oder
-wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an
-die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand
-Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:</p>
-
-<p>„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem
-Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.</p>
-
-<p>Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen
-Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in
-sehr übler Laune fragte:</p>
-
-<p>„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und
-noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum.
-Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen
-gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß
-ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch
-zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen
-aufschreiben und<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is
-das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich
-bitten darf...“</p>
-
-<p>Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch
-ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen
-lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu
-faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel&mdash;stern
-Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den
-Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen
-hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa
-reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“</p>
-
-<p>Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma
-z’erscht dro. Geh zua!“</p>
-
-<p>Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens
-in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s
-<em class="gesperrt">Oes</em> d’ Schöffa?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Feichtl.</p>
-
-<p>„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut
-treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne
-Viertelstund auf Enk...“</p>
-
-<p>„Auf ins?“ fragte Feichtl.</p>
-
-<p>„Natürli! Eigens auf Enk.“</p>
-
-<p>„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu.</p>
-
-<p>„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder.</p>
-
-<p>„Wo nauf?“ fragte Glas.</p>
-
-<p>„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli
-Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel.</p>
-
-<p>Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und
-setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie
-nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso
-verblüfft hinaufschaute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span></p>
-
-<p>Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß
-Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an
-ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der
-Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten.</p>
-
-<p>Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte:</p>
-
-<p>„Sie sind heute zum ersten Male da?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen
-Körperverletzung...“</p>
-
-<p>„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“</p>
-
-<p>„G’wiß net!“ sagte Feichtl.</p>
-
-<p>Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen
-darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre.</p>
-
-<p>„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch
-fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte,
-den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu
-schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte.</p>
-
-<p>Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes
-Namen ab, was noch geschehen werde.</p>
-
-<p>„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen
-groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel,
-rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“</p>
-
-<p>„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel.</p>
-
-<p>Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber
-niemand trat vor oder meldete sich.</p>
-
-<p>„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr
-sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in
-den Wirtshäusern herum.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam
-machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm
-offenbar etwas zu sagen hätten.</p>
-
-<p>„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen
-Sie etwas von den Angeklagten?“</p>
-
-<p>„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“
-stotterte Feichtl.</p>
-
-<p>„Was? Wie heißen Sie denn?“</p>
-
-<p>„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“</p>
-
-<p>„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“</p>
-
-<p>„I war der Glas...“</p>
-
-<p>„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter
-falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“</p>
-
-<p>„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr
-Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia
-ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt
-hamm...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme
-Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den
-Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen.</p>
-
-<p>Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten
-und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen
-meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die
-zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte.</p>
-
-<p>„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich
-habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen
-sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem
-sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese
-einfältige Verwechslung nicht passiert.“</p>
-
-<p>In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte
-Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die
-Autorität bei den<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er
-wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des
-Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des
-Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde.</p>
-
-<p>Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den
-„Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls
-sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er
-schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. &mdash;</p>
-
-<p>Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe
-eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine
-väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel
-aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen
-sollten.</p>
-
-<p>Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder
-erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er
-würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen
-brauchten.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte.</p>
-
-<p>Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere:</p>
-
-<p>„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht
-an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den
-Großkopfeten.“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende5" name="kap_ende5">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Bader">Der Bader</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap6_der_bader" name="kap6_der_bader">
- <img src="images/kap6_der_bader.jpg" alt="Kapitel 5: Der Bader" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Agricola.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_e" name="initial_e">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>s ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und
-Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver
-so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.</p>
-
-<p>Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten
-Unruhe gewesen.</p>
-
-<p>Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die
-Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen
-wären.</p>
-
-<p>Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird
-die großen Besorgnisse leicht begreifen.</p>
-
-<p>Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas
-Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in
-Fürth zehn<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder
-daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten
-Cervelatwurst anfing.</p>
-
-<p>Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre
-es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich
-bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem
-Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den
-Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet,
-und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine
-große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der
-Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute,
-sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.</p>
-
-<p>Und davon will ich jetzt erzählen.</p>
-
-<p>Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der
-Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik
-geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden,<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> weil an den
-Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung
-geführt haben.</p>
-
-<p>Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein,
-im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.</p>
-
-<p>„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“</p>
-
-<p>Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier
-gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.</p>
-
-<p>„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren!
-A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an
-Riß kriegt hat.“</p>
-
-<p>„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster.</p>
-
-<p>„Na, der Schacherl.“</p>
-
-<p>„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend
-über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“</p>
-
-<p>„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p>
-
-<p>„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit
-konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht
-oft ihre eigenen Wege.“</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner,
-„d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“</p>
-
-<p>„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden
-is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das
-Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere
-befinden.</p>
-
-<p>Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends
-einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“</p>
-
-<p>„Oho! Was is denn los?“</p>
-
-<p>„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer
-krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze
-Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter
-natürli mitten drin. Einen sol<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>chenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich
-kein anständiger Mensch nicht hat halten können.</p>
-
-<p>Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der
-hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die
-Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr
-gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé
-is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“</p>
-
-<p>Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben,
-denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der
-Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.</p>
-
-<p>Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in
-der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier
-Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.</p>
-
-<p>Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter
-hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe
-von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend,<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.</p>
-
-<p>„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“</p>
-
-<p>„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter
-daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“</p>
-
-<p>„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“</p>
-
-<p>„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an,</div>
- <div class="verse">Es lebe der Reservemann!</div>
- <div class="verse">Der treu gedient hat seine Zei-a-eit,</div>
- <div class="verse">Ihm sei ein volles Glas geweiht!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr,
-Herr Dokta?“</p>
-
-<p>„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader;
-„die heutige Jugend...“</p>
-
-<p>Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Da drob’n auf da Höh</div>
- <div class="verse">Schteht die bayrisch Armee.</div>
- <div class="verse">Soldaten sollen leben!</div>
- <div class="verse">Schöne Mädigen daneben!</div>
- <div class="verse mleft1">Tapfre Bayern sein’s mir,</div>
- <div class="verse mleft1">Tapfre Bayern sein’s mir!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg!
-Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“</p>
-
-<p>Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin,
-schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen
-noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste
-Tanzerei im Gang.</p>
-
-<p>Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon
-deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht
-sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet
-zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank
-hineinschiebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p>
-
-<p>„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“</p>
-
-<p>„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo
-kommt’s denn her?“</p>
-
-<p>„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf
-Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma
-auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt.</p>
-
-<p>Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken.
-Und nacha san mar auf Huglfing.“</p>
-
-<p>„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat
-verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“</p>
-
-<p>„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm
-a’gefangt.“</p>
-
-<p>„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“</p>
-
-<p>„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört.
-Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß
-de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da
-schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> net, Cenzl! Dos kunnt’st net
-damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab
-i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“</p>
-
-<p>„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man
-schon eine solchene Roheit g’sehen?“</p>
-
-<p>„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an
-g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“</p>
-
-<p>„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“</p>
-
-<p>Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig
-und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden
-Rundgesang anstimmten.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Mir Bayern hamm Muat,</div>
- <div class="verse">Mir fürchten’s kein Bluat,</div>
- <div class="verse">Mir haben’s Kuraschi,</div>
- <div class="verse">Wenn das Blut fließt auf der Straße,</div>
- <div class="verse mleft1">Tapfere Bayern sein’s mir,</div>
- <div class="verse mleft1">Tapfere Bayern sein’s mir.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und
-gellende Pfiffe.</p>
-
-<p>An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.</p>
-
-<p>Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der
-Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.</p>
-
-<p>„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese
-Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen,
-ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie
-werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a
-Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der
-Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er
-auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.</p>
-
-<p>„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil
-größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta,
-net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“</p>
-
-<p>Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den
-johlenden Burschen vorbei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Hat’s Di, Bodawaschl?</div>
- <div class="verse">Host koan Kreizer Geld im Taschl,</div>
- <div class="verse mleft1">Bodawaschl!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als
-wir schon im Freien angelangt waren.</p>
-
-<p>„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag
-Ihnen au &mdash; auf Ehr und Gwi &mdash; Gwissen. Ha &mdash; hat er Boda &mdash; &mdash; Bo
-&mdash; &mdash; Bo &mdash; &mdash; Bodawaschl g’sagt?“</p>
-
-<p>„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“</p>
-
-<p>„N &mdash; n &mdash; nein! In die &mdash; &mdash; dieser Beziehung, hupp! ist es vo &mdash; &mdash;
-von grr &mdash; &mdash; größter Be &mdash; &mdash; Bedeitung. Es hängt vie &mdash; &mdash; viel vo
-&mdash; &mdash; von Ihrer Au &mdash; &mdash; Au &mdash; &mdash; Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no
-&mdash; &mdash; nochmals, ha &mdash; &mdash; hat er Bo &mdash; &mdash; Bo &mdash; &mdash; Bodawaschl g’sagt?“</p>
-
-<p>„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“</p>
-
-<p>„So? Hupp! Jetzt ko &mdash; &mdash; kost’s z &mdash; &mdash; z &mdash; zwoa Mark..“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle
-Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten.
-Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß
-der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.</p>
-
-<p>Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter
-meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.</p>
-
-<p>Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen,
-und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied
-deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und
-Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte
-noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann
-wurde es allmählich ruhig.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich
-trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden
-starken Abbruch getan hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<p>Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser
-erfreulichen Tatsache.</p>
-
-<p>Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de
-schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer
-nicht verlesen wurde. Hier ist er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center">Lieber Freind,</p>
-
-<p>wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm
-keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf
-hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er
-gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.</p>
-
-<p class="mleft1">es grist eich eier werder Freind</p>
-
-<p class="right mright2">Josef Reischl, Gidler.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende6" name="kap_ende6">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Kindlein">Der Kindlein</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap7_der_kindlein" name="kap7_der_kindlein">
- <img src="images/kap7_der_kindlein.jpg" alt="Kapitel 7: Der Kindlein" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Lausbubengeschichten.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_u" name="initial_u">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_u.jpg" alt="U" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat
-eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die
-Augen zu und macht seinen Mund spitzig.</p>
-
-<p>Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr
-Kindlein.“</p>
-
-<p>Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.</p>
-
-<p>Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne
-Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser
-Klaßprofessor.</p>
-
-<p>Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir
-hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem
-Kopf.</p>
-
-<p>Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit
-ihm auf die Jagd gehen<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut
-leiden und läßt es sich bloß nicht merken.</p>
-
-<p>Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut
-habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren,
-ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:</p>
-
-<p>„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’
-kalt.“</p>
-
-<p>Er heißt Gruber.</p>
-
-<p>Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.</p>
-
-<p>Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da
-haben alle gelacht, und er hat gefragt:</p>
-
-<p>„Warum lacht Ihr, Kindlein?“</p>
-
-<p>Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und
-hat gesagt:</p>
-
-<p>„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge
-verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p>Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß
-ich es war.</p>
-
-<p>Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf
-mich hergegangen.</p>
-
-<p>Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor
-mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.</p>
-
-<p>Dann hat er gesagt:</p>
-
-<p>„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein
-räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“</p>
-
-<p>Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt.
-Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht
-der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß
-ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber
-der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter
-schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm
-die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-<p>Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal
-in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir
-verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte
-auf den rechten Weg führen.“</p>
-
-<p>Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich
-nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat
-getan, als wenn er mich nicht sieht.</p>
-
-<p>Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund
-ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal
-deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein
-etwas antun.</p>
-
-<p>Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den
-Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.</p>
-
-<p>Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat
-sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der
-Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<p>Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.</p>
-
-<p>Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne
-Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der
-Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.</p>
-
-<p>Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben
-Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll
-Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er
-nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.</p>
-
-<p>Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht
-ausgelassen.</p>
-
-<p>Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf
-den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:</p>
-
-<p>„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch.
-Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte
-Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch
-hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch
-stärken.“</p>
-
-<p>Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem
-Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich
-freuen muß.</p>
-
-<p>Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt
-anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.</p>
-
-<p>Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern
-gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.</p>
-
-<p>Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß
-wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht
-gönnt, daß wir frei haben.</p>
-
-<p>Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen
-umschmeißt.</p>
-
-<p>Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung
-gestanden ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<p>Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine
-Zigarre.</p>
-
-<p>Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi
-wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden
-hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.</p>
-
-<p>Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist
-von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn
-nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang
-gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz
-hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als
-wenn er viel gekostet hat.</p>
-
-<p>Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir
-haben auch geschimpft über den Kindlein.</p>
-
-<p>Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt
-worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der
-Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> die Professoren
-gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.</p>
-
-<p>Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf
-herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde
-haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat
-geschrien:</p>
-
-<p>„Jetzt bringen sie ihn.“</p>
-
-<p>Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.</p>
-
-<p>Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von
-Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat
-gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein
-geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume
-darauf sind.</p>
-
-<p>Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was
-ihm sein Herr anschafft.</p>
-
-<p>Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der
-Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter
-tun wollen.</p>
-
-<p>Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der
-Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war
-der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht
-gekannt.</p>
-
-<p>Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.</p>
-
-<p>Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige
-aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung
-war.</p>
-
-<p>Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster,
-weil dort das Postament war und Blumen herum.</p>
-
-<p>Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl
-dabei.</p>
-
-<p>Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil
-er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span></p>
-
-<p>„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.</p>
-
-<p>„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich
-gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden,
-weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.</p>
-
-<p>Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt:
-„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“</p>
-
-<p>Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete,
-bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir
-den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein
-hineinschmeißen.</p>
-
-<p>Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte,
-daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.</p>
-
-<p>Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet,
-denn wenn es aufkommt, ist alles hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<p>Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch
-nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir
-dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.</p>
-
-<p>Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an
-der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die
-dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.</p>
-
-<p>Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh,
-daß mir niemand begegnet ist.</p>
-
-<p>Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel
-war.</p>
-
-<p>Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte
-gehört.</p>
-
-<p>Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.</p>
-
-<p>Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das
-Wochenblatt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p>
-
-<p>Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er
-schon weit weg war.</p>
-
-<p>Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist
-kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.</p>
-
-<p>Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.</p>
-
-<p>Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.</p>
-
-<p>Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.</p>
-
-<p>Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an
-die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch
-schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt
-ihn schon einer.“</p>
-
-<p>„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat
-stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen
-haben.</p>
-
-<p>Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns
-versteckt und haben ge<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>horcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz
-sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns
-niemand gehen sieht.“</p>
-
-<p>Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir
-stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem
-Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still
-die Stiege hinaufgegangen.</p>
-
-<p>Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist
-daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir
-so schwitzten.</p>
-
-<p>Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.</p>
-
-<p>Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der
-Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er
-lernt.</p>
-
-<p>Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen
-schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die
-dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den
-Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span></p>
-
-<p>Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so
-geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er
-lernt die dritte Konjugation.</p>
-
-<p>Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der
-Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es
-grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.</p>
-
-<p>Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und
-die Feier für den Aloysius.</p>
-
-<p>Aber sie ist nicht gewesen.</p>
-
-<p>Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute
-sind herumgestanden.</p>
-
-<p>Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben
-gestanden und der Falkenberg auch.</p>
-
-<p>Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da
-waren zwei Löcher darin.</p>
-
-<p>Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.</p>
-
-<p>„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p>
-
-<p>„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.</p>
-
-<p>„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.</p>
-
-<p>Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der
-Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst
-gehört hat.</p>
-
-<p>Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell
-hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie
-sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen,
-und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und
-der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat
-man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt,
-wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.</p>
-
-<p>Der Pedell hat das gesagt. &mdash;</p>
-
-<p>Ich habe mich nicht gerührt, und der Fritz auch nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<p>Er hat nur zum Friedmann gesagt, daß er jetzt die dritte Konjugation
-kann.</p>
-
-<p>Ich bin zu den Großen hingegangen, wo die Professoren gestanden sind.</p>
-
-<p>Der Pedell hat immer geredet.</p>
-
-<p>Er erzählte alles immer wieder von vorne.</p>
-
-<p>Er hat gesagt, daß er daheim war und nachgedacht hat, ob er vielleicht
-eine Halbe Bier trinken soll.</p>
-
-<p>Auf einmal hat seine Frau gesagt, es hat gescheppert, als wenn eine
-Fensterscheibe hin ist.</p>
-
-<p>„Wo soll eine Fensterscheibe hin sein?“ hat er gefragt.</p>
-
-<p>Dann haben sie gehorcht, und er hat die Haustüre aufgemacht. Da ist ihm
-gewesen, als wenn er einen Schritt hört, und er ist in sein Zimmer und
-hat sein Gewehr geholt.</p>
-
-<p>Dann ist er hinaus und hat dreimal „Wer da?“ gerufen.</p>
-
-<p>Denn beim Militär hat er es so gelernt, wo er doch ein Feldwebel
-war. Und im Krieg haben sie es so gemacht, da ist immer einer Posten
-gestanden, und wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> er etwas Verdächtiges gehört hat, hat er „Wer
-da?“ rufen müssen. Es hat sich aber nichts mehr gerührt, und er ist
-im Hofe dreimal herumgegangen und hat nichts gesehen. Und dann ist er
-zum Sternbräu gegangen, weil er gedacht hat, daß er eine Halbe Bier
-trinken muß. Er hat gesagt, wenn er einen gesehen hätte, dann hätte er
-geschossen, denn wenn einer keine Antwort nicht gibt auf „Wer da“, muß
-er erschossen werden.</p>
-
-<p>Der Rektor hat ihn gefragt, ob er keinen Verdacht hat.</p>
-
-<p>Da hat der Pedell gesagt, daß er schon einen hat, aber er hat mit den
-Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er es noch nicht sagen darf, weil
-er ihn sonst nicht erwischt.</p>
-
-<p>Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell
-gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren
-gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt.</p>
-
-<p>Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt.
-Da hat der Pedell wieder mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Augen geblinzelt und hat gesagt, daß
-er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort
-anschauen.</p>
-
-<p>Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß
-einmal „Wer da?“ und er schießt gleich.</p>
-
-<p>Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt,
-aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß,
-und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird.</p>
-
-<p>Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem
-Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und
-alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es
-zuerst gehört hat.</p>
-
-<p>Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz
-vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die
-Füße.</p>
-
-<p>Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar
-lachen müssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<p>Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist
-gefragt worden, ob keiner nichts weiß.</p>
-
-<p>Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius
-nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat.</p>
-
-<p>Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen
-zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.</p>
-
-<p>Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der
-Fritz wissen es.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende7" name="kap_ende7">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Besserung">Besserung</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap8_besserung" name="kap8_besserung">
- <img src="images/kap8_besserung.jpg" alt="Kapitel 8: Besserung" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Lausbubengeschichten.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_w" name="initial_w">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>ie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt:
-„Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so
-dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“</p>
-
-<p>Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel
-Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr
-hinausschieben darf.</p>
-
-<p>Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es
-noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit.</p>
-
-<p>Aber die Tante sagte:</p>
-
-<p>„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft
-versprochen.“</p>
-
-<p>Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das
-Geräucherte haben und Eier<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so
-furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt,
-ob er nicht an sein Kind denkt.</p>
-
-<p>Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat
-freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er
-kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.</p>
-
-<p>Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde
-schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.</p>
-
-<p>Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir
-Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.</p>
-
-<p>Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug
-hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch
-Zigarren kaufen.</p>
-
-<p>Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter
-Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er
-ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das
-Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat:
-„Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen
-Vierer.“</p>
-
-<p>Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer
-Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:</p>
-
-<p>„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem
-Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“</p>
-
-<p>Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom
-Omnibus.</p>
-
-<p>Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis
-hat man immer in der Tasche.</p>
-
-<p>Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns
-furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind.</p>
-
-<p>Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die
-Handwerksburschen müssen dem Gendarm<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> ihr Zeugnis hergeben. Aber es war
-schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder
-lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.</p>
-
-<p>Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines
-gekommen, wo schon Leute darin waren.</p>
-
-<p>Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein
-großes, silbernes Pferd.</p>
-
-<p>Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat
-gescheppert.</p>
-
-<p>Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille,
-und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat
-zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er
-ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat.</p>
-
-<p>Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den
-Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.</p>
-
-<p>Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> und hat mich
-angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden
-und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie
-alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich
-von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.</p>
-
-<p>Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der
-Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die
-verrohte Jugend sieht.“</p>
-
-<p>Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer
-weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe.</p>
-
-<p>Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und
-der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der
-ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt,
-daß die Volksschulen immer schlechter werden.</p>
-
-<p>Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es
-heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen
-Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen
-auf den Kopf haut.</p>
-
-<p>Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben
-mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen
-Burschen ihr Sitzleder verhaut.</p>
-
-<p>Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen
-Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt:</p>
-
-<p>„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“</p>
-
-<p>Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß
-gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker
-aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute
-angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.</p>
-
-<p>Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben
-es schnell ausgetrunken. Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> haben wir die Gläser zum Fenster
-hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.</p>
-
-<p>Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der
-Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“</p>
-
-<p>Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid
-haben.“</p>
-
-<p>Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt:</p>
-
-<p>„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst
-gestraft.“</p>
-
-<p>Und der große Mann sagte:</p>
-
-<p>„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“</p>
-
-<p>Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“</p>
-
-<p>Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als
-wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte:
-„Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen
-arretiert werden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück
-geschehen, und es war gar nichts.</p>
-
-<p>Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen
-Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es
-nicht tun, meine Herren.“</p>
-
-<p>Das hat mich gefreut, und ich sagte:</p>
-
-<p>„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir
-die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht
-mehr hinaus.“</p>
-
-<p>Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte
-nein, weil er keine so starken nicht raucht.</p>
-
-<p>Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt
-und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute
-haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich
-muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf
-hauen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p>
-
-<p>Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns
-wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz
-schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich
-habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser
-wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
-zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann
-das Rauchen nicht vertragen.</p>
-
-<p>Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut
-genommen.</p>
-
-<p>Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind
-aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große
-Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen
-man die Anarchisten macht.“</p>
-
-<p>Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.</p>
-
-<p>Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren
-rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß
-nicht mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn
-es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in
-der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich
-hineingebrochen habe.</p>
-
-<p>Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden
-ist.</p>
-
-<p>Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein
-Gewohnheitsraucher.</p>
-
-<p>Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.</p>
-
-<p>Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die
-Lüge.</p>
-
-<p>Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun
-wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.</p>
-
-<p>Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie
-hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.</p>
-
-<p>Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum
-Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das
-Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> der
-Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien:
-„Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das
-für ein Saustall?“</p>
-
-<p>Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo
-das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen
-und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“</p>
-
-<p>Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den
-Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“</p>
-
-<p>„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.</p>
-
-<p>„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen,
-daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“</p>
-
-<p>„Was bin ich?“ fragte der große Herr.</p>
-
-<p>„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es
-nicht erlaubt.“</p>
-
-<p>„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit
-Ruhe abmachen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p>
-
-<p>Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche
-Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
-Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann.
-Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der
-Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man
-arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst
-kriegt.</p>
-
-<p>Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber,
-daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet
-eine Mark.</p>
-
-<p>Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum
-Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.</p>
-
-<p>In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station
-gekommen.</p>
-
-<p>Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.</p>
-
-<p>Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so
-Kopfweh gehabt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p>Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat,
-wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich
-gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast
-Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
-möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich
-in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin,
-wenn ich einen Kamillentee kriege.</p>
-
-<p>Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und
-der Tisch war aufgedeckt.</p>
-
-<p>Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen
-hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das
-kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“</p>
-
-<p>Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll
-mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
-und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<p>Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich
-abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es
-ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt
-hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch
-viel braver werden.</p>
-
-<p>Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir
-eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen,
-es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt
-anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel
-lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz
-sind.</p>
-
-<p>Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar
-schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“</p>
-
-<p>Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und
-sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank
-war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird
-es schon halten und mir viele Freude machen.<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>“ Da habe ich weinen
-müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod
-solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat
-geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern
-Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht
-mehr aufgehört hat.</p>
-
-<p>Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin
-gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet
-und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange
-aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende8" name="kap_ende8">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Tante_Frieda">Tante Frieda</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap9_tante_frieda" name="kap9_tante_frieda">
- <img src="images/kap9_tante_frieda.jpg" alt="Kapitel 9: Tante Frieda" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Tante Frieda.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_m" name="initial_m">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_m.jpg" alt="M" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">M</span>eine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und
-da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und
-von meinem Talent redet.</p>
-
-<p>Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es
-schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den
-Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.</p>
-
-<p>„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt
-doch immer ganz von selber.“</p>
-
-<p>„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.</p>
-
-<p>„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt
-denken, daß sie die Schwester von<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Deinem verstorbenen Papa ist. Und
-überhaupt bist Du zu jung.“</p>
-
-<p>„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn
-sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie
-freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“</p>
-
-<p>Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du
-frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die
-Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe
-in die Welt und nehme eine Stellung.“</p>
-
-<p>Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber
-Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in
-Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“</p>
-
-<p>Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind
-alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt:
-„Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute
-Verdruß.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat
-geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich
-freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“</p>
-
-<p>Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der
-Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch
-ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles
-herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der
-Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir
-schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen
-trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat
-sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe,
-ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß
-Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht
-vertragen.“</p>
-
-<p>Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist
-vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante
-hat gesagt:<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die
-Kinder werden schon fertig damit.“</p>
-
-<p>Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war.
-Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er
-hat den Koffer genommen.</p>
-
-<p>Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht,
-daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so
-schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart
-war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner
-Mutter.</p>
-
-<p>„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und
-der Arzt findet nichts mehr.“</p>
-
-<p>„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben
-sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem
-nicht sagen.“</p>
-
-<p>Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert:
-„Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<p>„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte,
-finde ich schon etwas, daß sie geht.“</p>
-
-<p>Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer
-unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie
-gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“</p>
-
-<p>Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen
-Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er
-nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was
-man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“</p>
-
-<p>Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke
-ich Dir zwei Mark.“</p>
-
-<p>„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark
-geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine
-Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.</p>
-
-<p>Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell
-gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p>
-
-<p>Im Hauseingang hat die Tante gesagt:</p>
-
-<p>„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei
-Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß
-sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.</p>
-
-<p>„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt
-schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“</p>
-
-<p>Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen
-hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem
-Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon
-gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat
-ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat
-den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht
-und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.</p>
-
-<p>Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder
-eine Torte geschenkt hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so
-herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie
-er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.</p>
-
-<p>Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich
-herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du
-Lausbube!“</p>
-
-<p>Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt
-und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“</p>
-
-<p>Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und
-hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er
-schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.</p>
-
-<p>Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das
-Wohnzimmer gegangen.</p>
-
-<p>Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz
-schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen
-Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei
-ist wieder weggerutscht, und ich habe einen<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> spanischen Nebel auf ihn
-gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln
-geschlagen hat.</p>
-
-<p>Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante
-etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen
-geht.</p>
-
-<p>Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig
-Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn
-sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts
-gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und
-in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat
-sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel
-gebraucht haben.</p>
-
-<p>Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel
-gebraucht hat.</p>
-
-<p>„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft
-erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem
-Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem
-jungen Baron Stunde gegeben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein
-großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.</p>
-
-<p>Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den
-Haaren fester gesteckt und hat gesagt:</p>
-
-<p>„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit
-geredet.“</p>
-
-<p>Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und
-sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn
-er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele
-Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern
-haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was
-mitkriegte.“</p>
-
-<p>„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.</p>
-
-<p>„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum
-Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt
-Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas
-da<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>gewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor
-gekriegt.“</p>
-
-<p>„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter
-gesagt.</p>
-
-<p>„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich
-gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere
-Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“</p>
-
-<p>Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so
-redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das
-Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen
-spanischen Nebel spritze.</p>
-
-<p>Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist,
-und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.</p>
-
-<p>Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.</p>
-
-<p>Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er
-Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große
-Stiefel.<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn
-zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein
-Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat
-wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele
-Geld gebraucht hat!“</p>
-
-<p>Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die
-Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat
-es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe
-gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser
-Amtsrichter?“</p>
-
-<p>Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor
-Steinberger.</p>
-
-<p>Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr
-gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark
-und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den
-Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll
-gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den
-Ohren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span></p>
-
-<p>Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie.
-Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie
-auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.</p>
-
-<p>Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen
-sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer
-hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe
-gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.</p>
-
-<p>Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand
-gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber
-sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.</p>
-
-<p>Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich
-nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.</p>
-
-<p>Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn
-hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein
-unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p>
-
-<p>Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht,
-wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich
-tun, was man sich vornimmt.</p>
-
-<p>Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser
-Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts
-kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die
-Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer
-gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange
-gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser
-voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß
-es von seinen Flügeln getropft hat.</p>
-
-<p>Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn
-ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“</p>
-
-<p>Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch
-genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich
-gehört, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist
-schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“</p>
-
-<p>Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem
-Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“</p>
-
-<p>Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es
-anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen
-sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.</p>
-
-<p>Das bin ich.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich
-hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.</p>
-
-<p>Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“</p>
-
-<p>Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.</p>
-
-<p>„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.</p>
-
-<p>„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt
-gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe
-doch mein<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und
-auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.</p>
-
-<p>Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es
-denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der
-Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar
-weit spritzen damit.</p>
-
-<p>Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und
-meine Mutter ist auch mitgegangen.</p>
-
-<p>Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf
-unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine
-Augen auf mich gerollt.</p>
-
-<p>Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen
-ist so klug!“</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum
-studiert hat!“</p>
-
-<p>„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt
-es, daß sie so werden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-<p>Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube,
-daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster
-offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch,
-und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein
-bißchen naß.</p>
-
-<p>Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal
-nicht gewesen.</p>
-
-<p>Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht
-schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.</p>
-
-<p>Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt,
-und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben.
-Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“</p>
-
-<p>Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch
-furchtbar angeschaut.</p>
-
-<p>Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver
-losgeht.</p>
-
-<p>Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt,
-weil ihre Nase vorne ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> weiß war und weil sie mit dem Löffel so
-schnell die Suppe gerührt hat.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht
-verderben lassen.</p>
-
-<p>Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst
-bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier
-in den Tod treibt.</p>
-
-<p>„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“</p>
-
-<p>Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.</p>
-
-<p>Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so
-feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre
-Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.</p>
-
-<p>Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen
-gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich
-gesehen.</p>
-
-<p>Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie
-alle mögen, weil sie doch die<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Schwester von unserem lieben Papa ist,
-und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.</p>
-
-<p>Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will
-nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.</p>
-
-<p>Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war,
-hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom
-Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher
-Mensch?“</p>
-
-<p>„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie
-gesagt.</p>
-
-<p>Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und
-ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der
-Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.</p>
-
-<p>„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit
-dem linken Auge.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p>
-
-<p>„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine
-schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn
-kennt, weil er so tüchtig ist.“</p>
-
-<p>Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen
-Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht,
-daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.</p>
-
-<p>Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen
-geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei
-diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist
-furchtbar schwer.</p>
-
-<p>Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein
-gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.</p>
-
-<p>Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf
-geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.</p>
-
-<p>Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<p>„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.</p>
-
-<p>„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr
-leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe
-es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen
-Koffer getragen.“</p>
-
-<p>Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell
-gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die
-Tante, daß sie höflich ist.</p>
-
-<p>Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß
-sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und
-sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch
-nicht viel mehr wie ein Expeditor.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon
-aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon
-auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die
-Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span></p>
-
-<p>Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt:
-„Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“</p>
-
-<p>Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie
-hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger
-ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich
-gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie
-kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich
-Ihnen schon erzählt habe.“</p>
-
-<p>Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn
-angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.</p>
-
-<p>Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante
-kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat
-gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird,
-gefallt es ihr gewiß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span></p>
-
-<p>Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut
-hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.</p>
-
-<p>Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat
-gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß
-Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil
-sie kränklich ist.</p>
-
-<p>Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat
-gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das
-gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die
-ganze Arbeit im Haus.“</p>
-
-<p>Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir
-uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.</p>
-
-<p>Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt,
-sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension
-hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war,
-und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> hat sie gefragt, ob er
-den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er
-kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch
-so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren
-in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß
-er die Beamten kennt.</p>
-
-<p>Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt
-gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat
-erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht
-gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert
-haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen
-hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht
-hinaus.</p>
-
-<p>Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind
-etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die
-Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund
-ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat;
-da hat die Tante immer eine Ant<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>wort geben müssen, und wenn sie fertig
-war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine
-Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.</p>
-
-<p>Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will
-nachschauen, ob der Herd noch raucht.</p>
-
-<p>Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt,
-er ist immer so aufmerksam.</p>
-
-<p>Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr
-geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante
-gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und
-seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.</p>
-
-<p>Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und
-der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht
-helfen kann.</p>
-
-<p>Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn
-der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die
-Tante<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie
-weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension
-keinen Bohnenkaffee kaufen.</p>
-
-<p>Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das
-Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.</p>
-
-<p>Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat,
-und er hat gesagt, ja.</p>
-
-<p>Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil
-die Studenten doch so gern Bier trinken.</p>
-
-<p>Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat,
-weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.</p>
-
-<p>Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.</p>
-
-<p>„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch
-viele Studenten, die kein Bier<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> nicht trinken, und der Herr Amtsrichter
-hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“</p>
-
-<p>„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt.
-„Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß
-niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der
-Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal
-recht lustig.“</p>
-
-<p>Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber
-Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß,
-und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht
-lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“</p>
-
-<p>Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und
-hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist
-einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.</p>
-
-<p>Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat
-meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung
-gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat ge<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>sagt: „Sei
-recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“</p>
-
-<p>Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen
-sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir!
-Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“</p>
-
-<p>Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee
-hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der
-Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort,
-wie sonst.</p>
-
-<p>Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat
-noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich
-wundern, wo das herkommt.</p>
-
-<p>Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin
-geschwind hinaus.</p>
-
-<p>In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe
-ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft
-sprengen muß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p>
-
-<p>Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur
-hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe
-alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf
-Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.</p>
-
-<p>Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei
-ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat
-gepfaucht wie eine Katze.</p>
-
-<p>Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand
-kommt, es ist aber ganz still gewesen.</p>
-
-<p>Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die
-Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf
-der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat
-Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem
-andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist
-der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat
-hinuntergeschaut, warum es raucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p>
-
-<p>Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber
-wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und
-bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.</p>
-
-<p>Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die
-Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht
-gemerkt, daß ich fort war.</p>
-
-<p>Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer
-Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern,
-wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern
-sie sich nicht mehr um die Schwestern.</p>
-
-<p>Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat
-um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda
-nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.</p>
-
-<p>Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat
-geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man
-es seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“</p>
-
-<p>„Pfff&mdash;uum!“</p>
-
-<p>Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich
-furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür
-aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang
-ist voll Rauch gewesen.</p>
-
-<p>Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.</p>
-
-<p>Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.</p>
-
-<p>„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.</p>
-
-<p>Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus
-der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie
-geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist
-ihr schwach geworden, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe
-gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.</p>
-
-<p>Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei
-ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“</p>
-
-<p>Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:</p>
-
-<p>„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches
-Ding!“</p>
-
-<p>„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.</p>
-
-<p>„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt,
-es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.</p>
-
-<p>„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist
-es nicht so arg.“</p>
-
-<p>„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen
-mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du
-bist der ruchlose Mörder!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p>
-
-<p>„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz
-unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“</p>
-
-<p>Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld
-gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch
-gar nicht, was geschehen ist.</p>
-
-<p>„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat
-es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter
-auf die Knie bittet!“</p>
-
-<p>„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat
-meine Mutter gesagt.</p>
-
-<p>Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon
-beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach
-verbrannte Federn.</p>
-
-<p>Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war
-nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind
-verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander ge<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span>standen. Der
-Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von
-einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut.
-Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.</p>
-
-<p>„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund
-werden.“</p>
-
-<p>„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem
-abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich
-gehe heute noch fort!“</p>
-
-<p>Und sie ist aber auch fortgegangen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende9" name="kap_ende9">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Die_Indianerin">Die Indianerin</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap10_die_indianerin" name="kap10_die_indianerin">
- <img src="images/kap10_die_indianerin.jpg" alt="Kapitel 10: Die Indianerin" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Tante Frieda.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_a" name="initial_a">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>uf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von
-ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil
-er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er
-viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte,
-und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.</p>
-
-<p>Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze
-Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante
-Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne
-nicht sieht.</p>
-
-<p>Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn
-sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat
-gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p>
-
-<p>Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und
-wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof
-machen.</p>
-
-<p>Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin
-und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber
-gelacht, weil meine Mutter seufzte.</p>
-
-<p>Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich
-es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen
-und Tiger schießen.</p>
-
-<p>Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut
-überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.</p>
-
-<p>Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben
-herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven
-fressen, die daneben herlaufen.</p>
-
-<p>Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich
-mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-<p>Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein
-Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer,
-daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel
-Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte
-ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch
-ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.</p>
-
-<p>Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich
-viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.</p>
-
-<p>Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind
-oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle
-Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren
-haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der
-Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil
-die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die
-Rosa heiraten. Er ist<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht
-leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn
-Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich
-einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist
-eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er
-gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal
-auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal
-beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen.
-Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt,
-und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.</p>
-
-<p>Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie
-stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze.
-Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß
-er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir
-weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir
-geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut.
-Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die
-junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat
-er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und
-wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist,
-der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand
-gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir
-Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.</p>
-
-<p>Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht
-habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe
-Handschuhe.</p>
-
-<p>Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange
-nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und
-meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist
-hinein, und ich bin auch hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span></p>
-
-<p>Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die
-Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns
-die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut,
-aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der
-Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele
-Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es
-traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich
-die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann
-hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen
-naß geworden sind.</p>
-
-<p>Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele
-Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als
-wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr
-Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht
-jetzt aufs Land.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt
-aufs Land gehen, weil der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft
-führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr
-Provisor ist.</p>
-
-<p>Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er
-gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich
-gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein
-kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf
-den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder
-auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das
-Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen
-nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.</p>
-
-<p>Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.</p>
-
-<p>Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.</p>
-
-<p>Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?</p>
-
-<p>Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-<p>Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant,
-daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein
-großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist,
-denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein
-sehr gebildetes Mädchen ist.</p>
-
-<p>Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er
-hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist,
-und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die
-Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden
-öfter auf den Keller geht.</p>
-
-<p>Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft,
-daß ich bald einen Bärenzucker hole.</p>
-
-<p>Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der
-Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht
-gesagt, warum sie<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat
-und sie so weit heraushängen läßt.</p>
-
-<p>Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der
-Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.</p>
-
-<p>Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.</p>
-
-<p>Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und
-Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat
-den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt,
-er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante
-Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich
-trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat
-gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man
-schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.</p>
-
-<p>Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug,
-und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint,
-es<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie
-hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante
-eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die
-Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß,
-weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre
-Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber
-Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres
-eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die
-Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt,
-sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.</p>
-
-<p>Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine
-Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer
-Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die
-Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den
-Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen
-gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> dann
-haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf
-geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder
-den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem
-Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante
-Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt.
-Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes
-Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt
-von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat
-noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt,
-sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil
-sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich
-der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet
-ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat
-die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte,
-und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> dann hätten sie alle
-Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht
-und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann
-er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden
-und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht
-fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf
-genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann
-hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“</p>
-
-<p>Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat
-sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine
-Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat
-gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig
-sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht
-gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante
-Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich
-in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> daß nicht
-alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot
-geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes
-Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.</p>
-
-<p>Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß
-sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher
-ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den
-Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav
-sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav
-ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine
-famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die
-Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr
-gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch
-fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so
-benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine
-Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen
-furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat ge<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>rufen: „Nein, Du bist
-köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne
-gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich
-köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das
-Indianerkind ist eben eine Perle.“</p>
-
-<p>„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch
-beleidigt?“</p>
-
-<p>„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat
-furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel
-gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie
-benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“</p>
-
-<p>„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.</p>
-
-<p>Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und
-hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren
-Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es
-vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee,
-den er daheim kriegt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span></p>
-
-<p>Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu
-viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.</p>
-
-<p>Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum
-alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und
-jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn
-man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine
-Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch
-gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den
-ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen,
-aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der
-ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr,
-aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.</p>
-
-<p>Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert
-hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren
-benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay,<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> aber
-nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein
-Korsett nicht an.</p>
-
-<p>Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß
-wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun
-der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer
-gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne.
-Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die
-Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen
-Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz
-angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich
-gar nicht erklären kann.</p>
-
-<p>Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun
-gestanden, daß man es erklärt.</p>
-
-<p>Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am
-Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub
-lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt,
-„der Seitz ist immer dort gestanden<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> und hat mit seinem Hut geschwenkt,
-aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich
-angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat,
-und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt.
-Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine
-Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld
-bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine
-Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“</p>
-
-<p>„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß
-ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“</p>
-
-<p>„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“
-hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir
-haben uns sehr gut unterhalten.“ &mdash; „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat
-die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch
-bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die
-Tante angeschaut. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz
-Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.</p>
-
-<p>Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und
-sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie
-bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt,
-und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist
-abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.</p>
-
-<p>„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz
-erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes
-willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob
-sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora
-ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie
-sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora
-hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter
-gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>
-gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles
-sagen, aber man schweigt lieber.“</p>
-
-<p>Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine
-Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.</p>
-
-<p>Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie
-hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.</p>
-
-<p>Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt.
-Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie
-ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn
-er bloß die Rosa sieht.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende10" name="kap_ende10">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Mucki">Mucki</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap11_mucki" name="kap11_mucki">
- <img src="images/kap11_mucki.jpg" alt="Kapitel 11: Mucki" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Assessor Karlchen.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_a2" name="initial_a2">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>uf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch
-heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg
-einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch,
-die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu
-zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche
-wohnen.</p>
-
-<p>Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die
-Toilette.</p>
-
-<p>Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen
-der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich
-eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.</p>
-
-<p>Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr
-feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in
-herrlicher Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>blüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald
-den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er
-sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von
-zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken.
-Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das
-Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der
-Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der
-Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.</p>
-
-<p>Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten
-Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier
-aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach
-einer ritterlichen Verbeugung die Hand.</p>
-
-<p>„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der
-heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir
-nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den
-Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> Jungfrau hintrat und
-in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung
-der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem
-erhabenen, beglückenden &mdash; äh &mdash; Bunde &mdash;“</p>
-
-<p>Hier mußte Graf Sacken Atem holen...</p>
-
-<p>In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es
-hervor mit ungestümem Jauchzen.</p>
-
-<p>„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.</p>
-
-<p>Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die
-Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. &mdash; &mdash; Lange, lange.
-&mdash; &mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko4" name="tb_deko4">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.</p>
-
-<p>Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf
-die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.</p>
-
-<p>Von dorther sollten die Husaren kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-<p>Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt
-wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die
-reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so
-abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten
-sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten,
-daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen,
-wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.</p>
-
-<p>Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den
-Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte
-mit den Füßchen.</p>
-
-<p>Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!</p>
-
-<p>Was das nur ist, so ein Husar?</p>
-
-<p>Und wie sie aussehen werden?</p>
-
-<p>Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt,
-der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund
-schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer
-Schnurrbart.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p>
-
-<p>Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!</p>
-
-<p>Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste
-herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt
-den Steinen.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige
-Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen,
-hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch
-schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen,
-Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der
-Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte
-zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen
-auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der
-letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der
-starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein
-Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein
-Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen
-Schenkel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p>
-
-<p>Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da
-tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend.
-Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in
-den Herzen der beiden.</p>
-
-<p>Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich
-stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen
-kamen leise, leise die Worte:</p>
-
-<p>„Also <em class="gesperrt">das</em> ist ein Husar?? &mdash; &mdash; &mdash;!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko5" name="tb_deko5">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.</p>
-
-<p>Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.</p>
-
-<p>Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch
-nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt
-lag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span></p>
-
-<p>Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte <em class="gesperrt">furchtbar</em> sein,
-wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen
-Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die
-feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor
-sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der
-Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.</p>
-
-<p>Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der
-Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?</p>
-
-<p>Wer weiß es?!...</p>
-
-<p>Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren
-Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre
-Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl
-deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar
-frischer, roter Lippen dachten. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen
-Bratenschüsseln herbei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span></p>
-
-<p>Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den
-Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:</p>
-
-<p>„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger
-bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen
-Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann
-fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.</p>
-
-<p>Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren
-Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät
-Hussarren geziemt.</p>
-
-<p>Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“</p>
-
-<p>Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren
-Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko6" name="tb_deko6">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p>
-
-<p>Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben.</p>
-
-<p>Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere
-mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki
-zurückgezogen.</p>
-
-<p>Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch
-zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.</p>
-
-<p>Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das
-selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie
-gesucht hatte.</p>
-
-<p>Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.</p>
-
-<p>Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm,
-aber das Unerhörte geschah.</p>
-
-<p>Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten
-Vorgesetzten nicht.</p>
-
-<p>Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den
-Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p>
-
-<p>Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl,
-wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn
-unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im
-Palmenhause.</p>
-
-<p>In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster
-hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut
-zum Herzen und wieder zurück jagte.</p>
-
-<p>Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein
-zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.</p>
-
-<p>„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du
-nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die
-keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine
-Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt &mdash; äh
-&mdash; sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie
-mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne
-des ersten seligen<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und
-die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“</p>
-
-<p>Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner
-Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.</p>
-
-<p>Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick
-wieder, ich muß noch einen Gang machen.“</p>
-
-<p>Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.</p>
-
-<p>Es war ihr so eigentümlich <em class="gesperrt">weich</em> geworden.</p>
-
-<p>Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende11" name="kap_ende11">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Laemmergeier">Der Lämmergeier</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap12_der_laemmergeier" name="kap12_der_laemmergeier">
- <img src="images/kap12_der_laemmergeier.jpg" alt="Kapitel 12: Der Lämmergeier" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Assessor Karlchen.
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_v2" name="initial_v2">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_v.jpg" alt="V" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">V</span>or dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus
-der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das
-Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer
-hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher
-für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“
-verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze
-und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen
-aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte
-und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit
-kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte
-Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es
-durcheinander.</p>
-
-<p>Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz
-besetzt. Unter einer mächtigen Linde<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> saßen die Honoratioren, lauter
-reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit
-verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich
-draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und
-gewichtige Wort.</p>
-
-<p>Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste
-Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n
-eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma
-b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht,
-daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“</p>
-
-<p>„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in
-jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.</p>
-
-<p>„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An
-solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat
-Hand und Fuaß!“</p>
-
-<p>„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> der Greis. „Schaug an
-Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a
-Königsschloß!“</p>
-
-<p>„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein.
-„Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“</p>
-
-<p>Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin.
-Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich
-geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt
-hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos
-is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas
-entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland,
-da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu
-insern Kini und sein Haus...“</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen
-zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen
-Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt
-denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut er<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>stickter Stimme und eilte
-mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein
-Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.</p>
-
-<p>Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut
-ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene
-Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen
-Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.</p>
-
-<p>Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm
-um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.</p>
-
-<p>Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er
-leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem
-blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.</p>
-
-<p>Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug
-gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu
-singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Oba so zwoa, wia mir zwoa</div>
- <div class="verse">Dös gibt’s ja net glei.</div>
- <div class="verse mleft1">Duliä, dulio, duliä &mdash; &mdash; &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p>
-
-<p>„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte
-zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch
-die Zuschauer drängte.</p>
-
-<p>„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in
-da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern
-vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen,
-so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl
-mitanand! ... Du Luada!...“</p>
-
-<p>„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst
-sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst
-net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi
-eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net,
-Voda!...“</p>
-
-<p>„Wos? Herrgottsakrament!...“</p>
-
-<p>„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl
-ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a
-Paar starke<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß
-s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom
-Freihof!“</p>
-
-<p>Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch
-lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.</p>
-
-<p>Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten
-allein mit seiner Tochter.</p>
-
-<p>„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’
-hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a
-zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets
-Weibsbild!“ &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko7" name="tb_deko7">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht.
-Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und
-legte sich breit auf die duftenden Wiesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-<p>Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das
-Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.</p>
-
-<p>„Loni, bist a’s Du?“</p>
-
-<p>„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“</p>
-
-<p>„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart
-g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O,
-mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri
-zum Buffalo Bill.“</p>
-
-<p>„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“</p>
-
-<p>„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i
-Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des
-Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua
-r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi
-g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa
-Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“</p>
-
-<p>„O, mei liaba Bua!...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des
-unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i
-so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen,
-als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles
-gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“</p>
-
-<p>„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz
-an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech,
-Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein,
-wia’s zua Lebzeiten...“</p>
-
-<p>„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean
-scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“</p>
-
-<p>„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa
-net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol
-g’setzt vom Himmi als mei Voda...“</p>
-
-<p>„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an
-Gedanken hab fassen kinna.<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du
-sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au,
-au! Herrgottsakrament!...“</p>
-
-<p>„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“</p>
-
-<p>„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“</p>
-
-<p>„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt
-hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“</p>
-
-<p>Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen
-und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen
-Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing.
-Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle
-diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so
-betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.</p>
-
-<p>Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und
-körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter
-dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span></p>
-
-<p>Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen
-Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!...
-dann nichts mehr!...</p>
-
-<p>Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das
-Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele
-gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“</p>
-
-<p>Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der
-Stirne sickerte das Blut &mdash; &mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="tb_deko8" name="tb_deko8">
- <img class="mtop1 mbot1 w4em" src="images/tb_deko.jpg"
- alt="Gedankensprung" /></a>
-</div>
-
-<p>Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann.
-Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch
-geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm
-liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen
-auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.</p>
-
-<p>„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> liab’n Himmivoda? Und hot
-er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“</p>
-
-<p>„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am
-Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und
-mi!...“</p>
-
-<p>„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.</p>
-
-<p>„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“</p>
-
-<p>Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe
-Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem
-verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.</p>
-
-<p>„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat
-macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i
-Dir, dort, mei Loni!“</p>
-
-<p>„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner
-Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“</p>
-
-<p>Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein
-fremder Herr gesellt hatten, in<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> schweigender Rührung. Der Freihofbauer
-unterbrach die Stille.</p>
-
-<p>„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben
-bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“</p>
-
-<p>„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir
-wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden
-is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen
-Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal
-ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem
-Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt
-sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer;
-der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des
-Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei
-Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg
-g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i
-nix mehr.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p>
-
-<p>„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen
-ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und
-lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“</p>
-
-<p>Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen
-über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel
-aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“
-Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er
-trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre
-Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“</p>
-
-<p>Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten
-lange und innig.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende12" name="kap_ende12">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Einser">Der Einser</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap13_der_einser" name="kap13_der_einser">
- <img src="images/kap13_der_einser.jpg" alt="Kapitel 13: Der Einser" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Pistole oder Säbel?
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_e2" name="initial_e2">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>s klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief:
-„Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe
-Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da
-wo sie am Platze sind.</p>
-
-<p>Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches
-verschämt zu Boden blickte.</p>
-
-<p>Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten
-geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen.</p>
-
-<p>Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine
-Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an.</p>
-
-<p>Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span></p>
-
-<p>Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das
-Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig.</p>
-
-<p>Nein, an so etwas dachte er nicht.</p>
-
-<p>Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu
-werden.</p>
-
-<p>„Also, was wollen Sie?“</p>
-
-<p>Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich
-war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind
-also zu sich nehmen.</p>
-
-<p>Gut, oder vielmehr nicht gut.</p>
-
-<p>Was heißt zu sich nehmen?</p>
-
-<p>Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte?</p>
-
-<p>Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der <span class="antiqua">adoptio</span> oder
-Wahlkindschaft, und zwar vermittels der <span class="antiqua">adoptio in specie minus
-plena</span>, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf
-bereits in der<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Geltungszeit des <span class="antiqua">Codex Maximilianeus Bavaricus</span>
-als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die
-miterschienene Franziska Furtner.</p>
-
-<p>Ist es nicht so?</p>
-
-<p>Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“?</p>
-
-<p>Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines
-Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen?</p>
-
-<p>Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange
-Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit
-anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson.</p>
-
-<p>Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß
-er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist.</p>
-
-<p>Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger &mdash;
-Gott hab ihn selig &mdash; immer zu sagen pflegte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p>
-
-<p>Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die
-blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie
-stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie
-bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime
-Weisheit zu sehen.</p>
-
-<p>Endlich war die <span class="antiqua">adoptio minus plena</span> fertig.</p>
-
-<p>Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen:</p>
-
-<p>„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und
-mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“</p>
-
-<p>Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein
-lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin.</p>
-
-<p>Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken.</p>
-
-<p>Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet,
-und er geriet in einige Verlegenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p>
-
-<p>Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die
-Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden.</p>
-
-<p>Er ging einige Male auf und ab und überlegte.</p>
-
-<p>Diese Sache war nicht einfach.</p>
-
-<p>Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine <span class="antiqua">donatio inter vivos</span>,
-und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein.</p>
-
-<p>Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte.</p>
-
-<p>Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses
-Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg.</p>
-
-<p>Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und
-diktierte.</p>
-
-<p>„Nachtrag &mdash; haben Sie?“</p>
-
-<p>„Nachtrag.“</p>
-
-<p>„Erstens:</p>
-
-<p>Nach Abschluß des Protokolles übergab das<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Wahlkind auf Betreiben der
-Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen &mdash; fünf Blumen.</p>
-
-<p>Halten Sie, was sind das für Blumen?“</p>
-
-<p>„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“</p>
-
-<p>„So? So &mdash; &mdash; also schreiben Sie:</p>
-
-<p>.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei
-Nelken bezeichnet wurden.</p>
-
-<p>Zweitens:</p>
-
-<p>Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der
-Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der
-Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war.</p>
-
-<p>Drittens:</p>
-
-<p>Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um
-geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“</p>
-
-<p>So, das war geschehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span></p>
-
-<p>Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken
-einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo
-sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel
-gelangt.</p>
-
-<p>Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung.</p>
-
-<p>Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte.</p>
-
-<p>Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen
-pflegte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende13" name="kap_ende13">
- <img class="mtop2 w12em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden_header" id="Der_Vertrag">Der Vertrag</h2>
-
-<div class="figcenter showebook">
- <a id="kap14_der_vertrag" name="kap14_der_vertrag">
- <img src="images/kap14_der_vertrag.jpg" alt="Kapitel 14: Der Vertrag" /></a>
-</div>
-
-<p class="center mbot2 no-break-before">Aus: Pistole oder Säbel?
-Verlag Albert Langen, München</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d" name="initial_d">
- <img class="mtop-1 w6em" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter
-Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht
-um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen
-rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren.</p>
-
-<p>Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache,
-welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung
-veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich
-zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für
-Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen
-Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. &mdash;</p>
-
-<p>Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht
-gehegt, den Ehekontrakt einzu<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span>gehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte
-Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit
-schon in der <span class="antiqua">lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus</span>
-ausdrücklich mißbilligt erschien.</p>
-
-<p>Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das
-Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der
-Vertrag nicht perfekt.</p>
-
-<p>Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom
-Leibe und widmete sich ganz den Studien.</p>
-
-<p>Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit
-einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.</p>
-
-<p>Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse
-mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au.</p>
-
-<p>Und dies war folgendes.</p>
-
-<p>Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche
-mit einer neuen zu vertauschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span></p>
-
-<p>Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn,
-die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher
-in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner
-und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe.</p>
-
-<p>„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe
-des Preises die Ware erwerben?“</p>
-
-<p>„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner.</p>
-
-<p>„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal,
-Herr... Herr... wie heißen Sie?“</p>
-
-<p>„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera
-achti.“</p>
-
-<p>„Also, Herr Klampferer...“</p>
-
-<p>„Klampfner!“</p>
-
-<p>„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span></p>
-
-<p>„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“</p>
-
-<p>„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als <span class="antiqua">prodigus, furiosus</span>,
-als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“</p>
-
-<p>„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi
-dablecken?“</p>
-
-<p>„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich
-um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“</p>
-
-<p>„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“</p>
-
-<p>„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht
-geschlossen.“</p>
-
-<p>Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große
-Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in
-dem andern war die neuangeschaffte.</p>
-
-<p>Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen.</p>
-
-<p>„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is
-dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl
-dafür.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span></p>
-
-<p>„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“</p>
-
-<p>„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma
-Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba
-was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“</p>
-
-<p>„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“
-wandte sich der Rat an seine Zugeherin, &mdash; „finden Sie den Preis
-ortsüblich und wertentsprechend?“</p>
-
-<p>„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach
-hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist
-doch nicht viel zum kriegen damit.“</p>
-
-<p>„Sie raten mir also zum Abschlusse?“</p>
-
-<p>„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres
-herausschauen.“</p>
-
-<p>„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ &mdash;</p>
-
-<p>„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n
-Buab’n abhol’n.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span></p>
-
-<p>„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier
-Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des
-Vertrages.“</p>
-
-<p>„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“</p>
-
-<p>„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie
-haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die
-<span class="antiqua">traditio</span> würde überdies <span class="antiqua">brevi manu</span> erfolgen, allein ich
-ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“</p>
-
-<p>„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“</p>
-
-<p>„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“</p>
-
-<p>Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben
-an, wobei er den Text laut vorlas.</p>
-
-<p>„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois
-Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“</p>
-
-<p>„Tandler vo der Au...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span></p>
-
-<p>„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael
-Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande:</p>
-
-<p>Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger
-verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die
-demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte,
-von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte
-Bettwäsche... Bettwäsche. &mdash; Nicht wahr?“</p>
-
-<p>„J... ja!“ sagte Klampfner.</p>
-
-<p>„Also fahren wir fort:</p>
-
-<p>Zweitens: Der vereinbarte... vereinbarte, auch wert...
-wertentsprechende Kaufpreis beträgt die Summe von zwei... zwei Mark
-Reichswährung, über deren Empfang der Verkäufer hiemit... hiemit
-quittiert. &mdash; Sie können gleich bezahlen, Herr Klampfner.“</p>
-
-<p>„I will’s nit schuldi bleiben,“ sagt der Tändler und zählte auf den
-Tisch eine Mark und dann zehn Nickelstücke hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span></p>
-
-<p>„Schön,“ sagte Eschenberger, „fahren wir fort. Drittens: Die Einreden
-des Zwanges, des Irrtums... des Irrtums und... und des Betrugs sind
-... ausgeschlossen. &mdash; So, das hätten wir. Wünschen Sie den Vertrag
-noch einmal vorgelesen?“</p>
-
-<p>„Na, g’wiß net!“</p>
-
-<p>„Gut. Also auf Vorlesen verzichtet und unterschrieben. Setzen Sie Ihre
-Unterschrift hierher.“</p>
-
-<p>Klampfner unterschrieb und ging dann, nachdem er erklärt hatte, daß
-sein Sohn das Bündel abholen werde. Die Zugeherin begleitete ihn zur
-Türe und lächelte beistimmend, als der Tändler sich mit der Faust an
-der Stirne rieb und dann mit dem Daumen gegen das Zimmer deutete, worin
-Eschenberger weilte.</p>
-
-<p>Einige Stunden später kam Klampfner junior und holte im Auftrage seines
-Vaters das Bündel Wäsche ab.</p>
-
-<p>Noch denselbigen Abend stellte sich aber heraus, daß eine unliebsame
-Verwechslung stattgefunden hatte. Dem Boten war das Bündel mit der
-neuen Wäsche übergeben worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span></p>
-
-<p>Michael Klampfner wurde eilig hievon in Kenntnis gesetzt, allein er
-verschloß sich heftig allem Zureden.</p>
-
-<p>„Wos?“ sagte er, „i soll de Wasch wieda hergeben? Waar mir scho z’dumm!
-Für wos hat er denn an Vertrag g’schrieben? Dös gilt, wia’s g’schrieben
-is. Irrtum is ausg’schlossen. Waar mir scho z’dumm!“</p>
-
-<p>Dieses geschah dem Königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger,
-welcher seinerzeit einen Brucheinser erhalten hatte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="buch_ende" name="buch_ende">
- <img class="mtop2 w6em" src="images/buch_ende.jpg"
- alt="Kapitel-Ende" /></a>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s2 center">Von Ludwig Thoma erschienen bei Albert Langen
-in München:</p>
-
-<p class="p0">Assessor Karlchen und andere Geschichten<br />
-Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte<br />
-Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte<br />
-Die Medaille. Komödie in einem Akt<br />
-Die Lokalbahn. Komödie in drei Akten<br />
-Agricola. Bauerngeschichten<br />
-Hochzeit. Eine Bauerngeschichte<br />
-Die Wilderer. Eine Bauerngeschichte<br />
-Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit<br />
-Der heilige Hies. Eine Bauerngeschichte<br />
-Pistole oder Säbel? und anderes<br />
-Andreas Vöst. Bauernroman<br />
-Peter Schlemihl. Gedichte<br />
-Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten<br />
-Kleinstadtgeschichten<br />
-Moritaten<br />
-Moral. Komödie<br />
-Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten<br />
-Erster Klasse. Bauernschwank</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s1 center">Ullstein-Bücher</p>
-
-<p class="center">Bis jetzt sind erschienen:</p>
-
-<p class="p0 s5 mleft3"><b>Clara Viebig</b> Dilettanten des Lebens<br />
-<b>Georg von Ompteda</b> Maria da Caza<br />
-<b>Heinz Tovole</b> Frau Agna<br />
-<b>Rudolph Stratz</b> Arme Thea<br />
-<b>Fedor von Zobeltitz</b> Das Gasthaus zur Ehe<br />
-<b>Paul Oskar Höcker</b> Die Sonne von St. Moritz<br />
-<b>Ernst von Wolzogen</b> Mein erstes Abenteuer<br />
-<b>Georg Engel</b> Die Last<br />
-<b>Kurt Aram</b> Violet<br />
-<b>Richard Voß</b> Der Todesweg auf den Piz Palü<br />
-<b>Otto Ernst</b> Laßt Sonne herein<br />
-<b>Max Kretzer</b> Der Mann ohne Gewissen<br />
-<b>Wilhelm Zensen</b> Unter heißerer Sonne<br />
-<b>Karl Rosner</b> Sehnsucht<br />
-<b>Wilhelm Hegeler</b> Der Mut zum Glück<br />
-<b>Peter Rosegger</b> Die Försterbuben<br />
-<b>Rudolf Herzog</b> Nur eine Schauspielerin<br />
-<b>Joseph Lauff</b> Marie Verwahnen<br />
-<b>Rudolf Hans Bartsch</b> Elisabeth Kött<br />
-<b>Franz Adam Beyerlein</b> Similde Hegewalt<br />
-<b>Walter Bloem</b> Sonnenland<br />
-<b>Richard Skowronnek</b> Bruder Leichtfuß<br />
-<b>Felix Hollaender</b> Charlotte Adutti<br />
-<b>Heinz Tovole</b> Mutter!..<br />
-<b>Karl Rosner</b> Georg Bangs Liebe<br />
-<b>Korfiz Holm</b> Thomas Kerkhoven<br />
-<b>Ludwig Ganghofer</b> Gewitter im Mai<br />
-<b>Georg von Ompteda</b> Denise de Montmidi<br />
-<b>Ludwig Thoma</b> Krawall</p>
-
-<p class="s1 center">Jeder Band 1.&mdash; Mark</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="figcenter">
- <p class="mtop3 center">Ullstein &amp; Co</p>
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w6em no-break-before" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
- <p class="center no-break-before">Berlin SW 68</p>
-</div>
-
-</div>
-<pre>
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Krawall, by Ludwig Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRAWALL ***
-
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