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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Feierabende - Lustige und finstere Geschichten - -Author: Peter Rosegger - -Release Date: October 15, 2019 [EBook #60500] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae, - Oe, Ue) dargestellt. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit - halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an - das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt. - - In der Erzählung ‚Der Fremde im Vaterhause‘ wird ein Symbol - verwendet, welches aus einem Plus-Minus-Zeichen (±) mit einem - darunter liegenden Dreieck mit nach unten zeigender Spitze - (▼) besteht. Dieses Symbol wird in der vorliegenden Version - folgendermaßen dargestellt: [±▼]. - - Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit - den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kleinere Schrift: _Unterstriche_ - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Feierabende. - - Lustige und finstere Geschichten - - von - - P. K. Rosegger. - - Vierte Auflage. - - [Illustration] - - Wien. Pest. Leipzig. - - A. Hartleben’s Verlag. - - 1886. - - (Alle Rechte vorbehalten.) - - - - -Inhalt. - - -+Erster Theil+: Lustige Geschichten. - - Seite - - +Sommerabende+ 5 - - Das Mirakelkreuz 7 - - Der Schäfer von der Birkenheide 27 - - Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise 37 - - Der Fremde im Vaterhause 46 - - Als Hans der Grethe schrieb 58 - - Wie ein Kaiserjäger fensterln ging 69 - - Arthur heißt er 76 - - Eine Schatzgräberhistorie 82 - - Sanct Josef der Zweite 89 - - Der Wolfl von Kirchberg 95 - - Der Junge und der Alte 103 - - Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd 110 - - Studentenpulver 115 - - Eine Eisenbahngeschichte 123 - - Naturforscher auf der Alm 127 - - Eine mit Geld 141 - - Die Abelsberger Chronik 153 - - Der Burgermeister von Abelsberg 153 - - Der Brückenwirth zu Abelsberg 160 - - Der Schulmeister von Abelsberg 165 - - Der Thurmbau zu Abelsberg 169 - - Zu Abelsberg beim Spielchen 173 - - Ein Abelsberger Kalbskopf 177 - - Die Abelsberger der Majestät 179 - - Die Abelsberger Touristen 184 - - Ein Abelsberger auf dem Vesuv 191 - - Das reiche Jahr eines Abelsbergers 200 - - Ein junger Abelsberger in der Residenz 204 - - Eine Abelsberger Heiratsgeschichte 206 - - Der Abelsberger Baßgeigenkrieg 210 - - Wie Abelsberg bekehrt worden ist 217 - - Eine Abelsberger Katze 223 - - Zu Abelsberg wieder wer geworden 226 - - Ein Abelsberger Heutrog 228 - - -+Zweiter Theil+: Finstere Geschichten. - - +Winterabende+ 233 - - Ein Weg zur Schuld 237 - - Die guldene Grethe 286 - - Der Waldbrand 308 - - Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen 334 - - Es reigt in Lust ein Liebespaar 346 - - Trotzköpfe 365 - - Am Fenster der Liebsten 376 - - Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß 387 - - Der Gang zur Mutter 394 - - Mein einziger Sohn 408 - - Der Sündensteg 422 - - Der Thürmer von Münsterwald 442 - - Aga 461 - - Drei Stunden vor dem Sterben 469 - - - - -I. Theil. - -Sommerabende. - -Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik. - - - - -Sommerabende. - - -Zu den besten Dingen dieses Lebens -- alle Arbeitenden wissen es -- -gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe -durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt -durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der -Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu -erfreuen pflegt. - -Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben -ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends -dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser -auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis -die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat. -Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder -zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich -ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war, -unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten -Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen -ein wenig ungezogen und boshaft waren, so ließ man sie ziehen -- und -ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden. -Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit -und verlängert das Leben. - -Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen -eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal -Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht. - - Der Verfasser. - - - - -[Illustration] - - - - -Das Mirakelkreuz. - -Eine dramatische Idylle. - - -Personen: - - =Brandsteiner=, Besitzer eines Bauernhofes. - =Rosel=, seine Tochter. - =Peter=, Großknecht bei Brandsteiner. - - Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an - dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im - Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge. - - -1. Scene. - -+Rosel+ - - (_kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht, - Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit - Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift - sind. Einen Heurechen über der Achsel._) - -Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für -mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der -Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange. - - (_Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte_). - -Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen. - -+Peter+ - - (_aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe, - grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem - Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der - Achsel, die Flöte in der Hand_). - -Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle -Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an. - - (_Auf den Baum spähend._) - -Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel -gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’ -keine Federn. Unsereins -- bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott -wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs -funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als -Draufgab geben. -- Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s -Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl? - -+Rosel.+ - -Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat. - -+Peter+ (_lustig_). - -Stimm’ verschlagen! - - Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n, - So thät ich blasen und Zithern schlag’n, - Die Samstagnacht, die Samstagnacht, - Wo jede Grill’ ihr Liedel singt, - Wo jeder Bua zum Dirndl springt, - Wo jeder Heuschreck Musi macht! - -+Rosel.+ - -Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich -mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so -weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (_Für sich_:) Mein Herz -möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen! - -+Peter.+ - -Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen! - - (_Steckt die Flöte in den Hosenträger._) - -Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau, -laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der -ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen -aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus, -für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und -verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten. -Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl! - -+Rosel.+ - -Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit -Peter und Pauli?! - -+Peter.+ - -Nu, ich glaub’ nit! - -+Rosel.+ - -Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es -wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist. - -+Peter+ (_lustig_). - -Du, Roserl, da nimm’ mich mit! - -+Rosel.+ - -Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. -- Daß ich Dir’s -sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen -- ich muß in’s -Kloster. - -+Peter+ (_ironisch_). - -Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im -Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten. - -+Rosel.+ - -Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen -möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. -- - -+Peter.+ - -Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern -g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. -- In’s -Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische -Gedanken kriegen! -- Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine -saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für -Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit -gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst -und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin -denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt -- Roserl, denk nach, was -mag ihm dabei eingefallen sein? -- Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um -Dich! - -+Rosel.+ - -Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein -Ausweg -- ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund -versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder -zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner -armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die -Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken -- -- -freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine -Schecklo -- wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den -Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt -dir die Streu, wie’s dir recht ist! - -+Peter.+ - -Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich -mein Vater auch verschenkt -- und Roserl, ich geh’ mit Dir! - -+Rosel.+ - -Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät! - -+Peter.+ - -Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf -der Straßen, das kein Anwerth hätt’. -- Zu was Eins mich brauchen thät? --- Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich -dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht -hinein -- Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich -bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit? - -+Rosel.+ - -Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein -dalkerter Bub wärst -- ein anderer statt Dein thät das recht Steigl -’leicht gar noch finden. - -+Peter.+ - -Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst -justament lassen. - -+Rosel.+ - -Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn -- mit’m Vater reden. - -+Peter+ (_jauchzend_). - -Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten -komm’ ich schon auf gleich! - - (_Rechts ab._) - -+Rosel+ (_allein_). - -(_Ihm nachblickend._) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird -zu früh heiser. (_Sinnend._) Sauber gewachsen ist er -- na, da steh’ -ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s -schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. -- Die Schecklo wird freilich wohl -dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s -Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im -Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie -mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na: - - Das Landleb’n - Hat Gott geb’n - So heiter und froh, - Darum preisen - Die Weisen - Das Landleb’n so hoch! - - Auf den Bergen, - In den Thälern, - Auf den Wiesen im Grün, - Da fliegen - Kleine Englein - Mit Röselein hin. - - Sie kommen - Wohl her aus - Dem himmlischen Paradeis, - Sie bringen - Die Blümlein - Dem Landleb’n zum Preis. - - (_Links singend ab._) - - -2. Scene. - -+Der Brandsteiner+ - - (_tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene - Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger, - blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar - eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel - herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das - Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die - Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. -- Er hat ein kurzes - Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer._) - -(_Murmelnd._) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh -soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der -dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein -auf sein’ Hof. -- ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. -- -Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit! - - (_Schleudert Stein und Schwamm von sich._) - -Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. -- Aber -er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a -Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’ -eigenen Kopf nach -- alleweil sein’ eigenen -- und ’s wird schon ’s -Beste sein. - - (_Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches - Lied._) - -Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl -- er kann’s halt nit -lassen. Weil -- (_bewegt_) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt -- was -ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’ -Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil -gar so, gar so gern g’sungen. - - (_Peter tritt auf._) - -Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, +kann+ -nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und -Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben, -aber richtig ist’s: Das Stückl und Liedl hat mich und mein Weib -z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben -wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu -geschlagen hat und -- (_unwillig_) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran -denken! - -+Peter+ (_für sich_). - -’s Eisen wär warm. - -+Brandsteiner.+ - -In so weit recht, daß D’ da bist. (_Vertraulich._) Laß was red’n mit -Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn -umschaust. - -+Peter.+ - -Dirn? Für wen? - -+Brandsteiner.+ - -Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall. -Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz! - -+Peter+ (_trotzig_). - -Das thu’ ich nit. - -+Brandsteiner.+ - -Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. -- -Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt? - -+Peter.+ - -Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir -gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber -- -Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag -laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das -thu ich nit! - -+Brandsteiner.+ - -Du Tollpatsch, was hast denn? - -+Peter.+ - -Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der -Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die -Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer -- - -+Brandsteiner+ (_heftig_). - -Bist mir still! - -+Peter.+ - -Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener -Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch -sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein -Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen -Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine -saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’ -mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und -ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und -ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur -letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich -- bei Gott und allen -Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden! - -+Brandsteiner.+ - - (_mit den Händen seinen Kopf haltend_). - -Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’, -und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen! - -+Peter+ (_dumpf_). - -’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und -wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander -- mir schon alleseins. Sagen -hab’ ich Euch’s müssen. - -+Brandsteiner+ (_milder_). - -Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit -schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s -ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf -dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die -Rosel in’s Kloster geht. - -+Peter.+ - -So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor -fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß -ihr Alter recht gut! - -+Brandsteiner.+ - -Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. -- Weil -wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm -zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu -derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist -unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch -der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe -Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut -in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie -ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben, -Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf -- ist -einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen -gewesen -- saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt, -heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den -Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich -noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang -- mich hinaufstemm, ist -das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er -hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch -gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige -Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum, -daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild -wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder -haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden -und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und -- -Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt -hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon -g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die -Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’ -Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’ -auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr -Deines bittern Leidens -- was willst Du noch! Was soll ich Dir geben, -daß Du mich errettest aus dieser Noth! -- Sterben, mein Peter, sterben -will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen -Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind, -meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! -- -- -(_Ruhiger_): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’ -ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon -der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. -- Das ist der -letzte Bär gewesen, den sie in unserer Gemein erschossen haben. -- Die -Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum --- jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun. - -+Peter.+ - -Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt, -es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß, -wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den -Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen -- so wär’ ich der -Meinung -- -- - -+Brandsteiner.+ - -Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’. --- Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’ -ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie -mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’ -bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s -Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg. - -+Peter.+ - -Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht -sie ungern fort von heim und von ihrem Vater -- leicht ist sonst auch -noch wer da, den sie nicht gern verläßt -- weil’s in so einer G’mein -allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich -selber so Einen wissen thät. - -+Brandsteiner.+ - -Bist ein herzensguter Bursch, Peter! - -+Peter.+ - -Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen. - -+Brandsteiner.+ - -Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang -ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind -gewesen und thut’s vom Herzen gern. - -+Peter.+ - -Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich -ausred’ -- - -+Brandsteiner.+ - -Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath -brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’ -Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer. -Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so -der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein -Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein. -Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen. - -+Peter.+ - -Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große -alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen? - -+Brandsteiner.+ - -Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat -sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu -seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer. --- Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen -derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten auch ohne -die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’! - - (_Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab._) - -+Peter+ (_allein_). - -Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. -- (_Sich auf die Stirne -schlagend._) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was -+nit+ sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit -g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich -niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland -hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der -Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird! -(_Auf das Kreuz hinblickend._) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen -Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten -davor? Ich brauch’ Dich nit! (_Spöttisch._) Und boshaft ist er auch -noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen, -schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit -nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem -Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen. -(_Ein Geräusch auf dem Baum._) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl, -g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem -Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück -ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im -Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal -sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen. - - (_Steigt auf den Baum._) - - -3. Scene. - - (_Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert - nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das - Geschelle der heimziehenden Heerde._) - -+Rosel+ - -(_tritt links auf mit einem Blumenstrauß_). - -(_Gegen die Coulissen gewendet._) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt -auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer -Anderer. (_Zu sich_:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’, -ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich -jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten -will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel -nehmen kann sie mir’s nit. -- Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher -beinand’. -- (_Zagend gegen das Kreuz._) Wenn ich wissen thät! -- Das -Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja, -wenn ich wissen thät! -- All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor -einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen. --- Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein -Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. -- -Nein, aber -- wenn ich wissen thät! -- - - (_Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu - zieren._) - -Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein -bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün -und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit, -daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im -Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird -sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s -gethan mit Sorgen und Freuden, aber ich muß ja fort in’s Kloster -gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist -dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der -schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben -bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. -- Nachher, -wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und -schwach -- möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! -- Und -deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau -ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles -ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir, -Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen -redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg, -daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber -Sohn Jesus, wenn er schon einmal so +viel+ gethan hat, daß er den -Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner -Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine -einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch -dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus -- in’s Kloster taug’ ich -nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht; -Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’ -gewiß nit abschlagen. (_Stürzt nieder auf die Knie._) ’s ist ja nit von -Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth! - - (_In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen._) - -(_Leise._) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich -viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf! -(_Zutraulicher._) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria, -weil wir so weit richtig und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt -noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich -- wenn ich’s -auch meiner Tag nit will sagen -- die Seitenpfeifen gar so von Herzen -gern hör’ -- und -- aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau, -Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt -gleichwohl schon lang’ -- und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’ -g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt, -daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s -nit verlangen, daß -- ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich -rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (_Leise zum Bilde._) Der Peter -liegt mir im Sinn! -- ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit -ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern -- - - -4. Scene. - -+Brandsteiner+ - - (_der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend_). - -Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber -versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da, -wer hat Dir’s denn g’lernt? - -+Rosel+ - - (_nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die Brust - fallend_). - -Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die -Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh! - -+Brandsteiner.+ - -Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es -nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so -knie ich halt nieder vor diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott -mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden, -mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im -Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei -diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner -Bitt’! - - (_Ein kurzes Rauschen auf dem Baum._) - -+Rosel+ (_lebhaft_). - -Vater, ein Vogel ist geflogen! - -+Brandsteiner.+ - -Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west. - -+Rosel+ - - (_gegen das Alpenglühen_). - -Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen -Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen. - -+Brandsteiner+ (_für sich_). - -’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß -ich +dem+ dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser -Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen -thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie -ich d’ran bin! - - (_Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der - Flöte._) - -+Brandsteiner+ (_jauchzend_). - -Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s -Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und -giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du gütiger Herrgott im Himmel. -(_Lachend, eine Thräne im Auge_). Hab’ Dich schon g’seh’n, der -Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins -- -+wie+ der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher, -heut’ ist kein Bär nimmer da! - -+Peter+ - - (_hüpft vom Baum herab_). - -Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter -Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten. -Das ist a Baum! - -+Rosel+ - - (_schämt sich, zu sich_). - -Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört! - -+Peter.+ - -Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand -Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s -ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei -meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein -gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel -muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen, -Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft -anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen! - -+Brandsteiner+ (_für sich_). - -Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend -geschrieben. - -+Rosel+ (_verlegen_). - -Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein -Spott und ’leicht auch eine großmächtige Sünd’, und ich denk’, das -Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen. - -+Brandsteiner+ (_lustig_). - -Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und -- -- ich -kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! -- Jetzt muß der Jung’ schon -gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst -selber schau’n, Peter, wie Du mit +Dem+ dort oben auf gleich -kommst! - -+Peter.+ - -Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (_Gegen Rosel._) -+Der+ Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel -ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist -später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes -hinein. - -+Rosel+ - - (_ihm den Mund verhaltend_). - -Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner -dabei sein -- ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an. - -+Brandsteiner.+ - -’s ist vorbei -- sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn -schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; -- aber mein Bruder, der -Pfarrer --? - -+Peter.+ - -Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel! - - (_Vorhang fällt._) - -[Illustration] - - - - -Der Schäfer von der Birkenheide. - - -Der Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen -Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im -Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar, -das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere -vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen -Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die -Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein -zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die -Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen -auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen -wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen. - - Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“ - -„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem -grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte. - -„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um -lesen zu können, fraß er ihn auf. - -Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört -und die Esther kam nicht auf die Birkenheide. Der Widder genoß unter -seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz -schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die -Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die -Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“ - -„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon. - -Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß -Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“ - -„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther. - -„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“ - -Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg. - -Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte -auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden -Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein -Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die -Welt ist eitel.“ - -Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren, -wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und -albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. -- -Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff! - -Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben, -wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch -der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse -wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags -betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine -Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen -Brüder zu verspüren waren. - -Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen, -so ein grauer Bruder und unser Schäfer. Der graue Bruder ließ sein -behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend -hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und -fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem -einverstanden. - -Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl- -und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war -die ganze Herbstschur. - -Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen -unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch -von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten. -Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk -für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr -werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers -Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie -flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten -um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar -in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. -- Ja, Die -wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja, -nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann. -Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! -- Bei -seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste -Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren. - -Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder -auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu -reden: - -„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er -die Worte noch einmal, redete aber nicht weiter. Er stand lange auf -dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber -er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache -- es fiel ihm -nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel -ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren -enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen -herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun -versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend -auseinander. - -Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen -noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt -der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen -und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem -Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer -zusammen. - -Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag -zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und -wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen -stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus -und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle -zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die -mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere -Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes -Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein -tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein -Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und -Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der -Titus gar noch Oberer! - -Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe -bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum -letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst -aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An -diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider -Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich -zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente -spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster -herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist. - -Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen -Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es -war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als -je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände -auseinander und sagte: ~Dominus vobiscum!~ Sogleich aber erschrak -er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab. - -Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen -Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte -der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen -Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche, -der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der -Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so -geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder. -Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen -wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete -aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu -den leeren Kirchenstühlen nieder. - -Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf -dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch -nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der -Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also -der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden -kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben -Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt -sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene -Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man -riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das -nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als -ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle -in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die -Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt -also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat -nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder -davonhumpeln. - -Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und -bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die -Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze -hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an. - -Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang -ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten, -wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben -mußte. - -An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr -Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt einen gewaltigen Stich im -Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan, -um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller -Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im -Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr -oder gar ein schlechter Mensch? -- Nein, er bleibt im Versteck, und -wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz -hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’. - -Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches -demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein -wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang -zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt -sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich -geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als -sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und -reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster. - -Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich -um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes -auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den -Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber -- giebt -es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im -Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr -an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht -loszusprechen. - -Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt, -Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus -doch wohl fertig werden. - -So legte er denn das Ohr an’s Gitter. - -Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das -Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter -Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben -muß. Dann stockte es. - -Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die -Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und -empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen, -hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden, -ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter -Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert -und schluchzt. -- „Ja, und dann, Hochwürden, daß -- daß ich halt den -Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt -mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und -ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat -gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“ - -Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die -Gais-Esther vom Fischgraben. - -„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt -weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn -halt nimmer.“ - -Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl -rathen mag. - -Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl -hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein -Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt -er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und -murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich bös’. Da -müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute -um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“ - -Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon -recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl -nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem -lieben Herrgott.“ - -Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen. -„Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er -flüsternd. - -„Ei freilich ja, der Titus halt.“ - -„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum, -der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’ -in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in -Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es -nimmer!“ - -Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf -Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen -Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band -gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage -und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die -Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche. -Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth -- -und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden. - -Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er -wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und -die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten, -da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges -Leben einsog. - -Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch -an diesem Abende nach in ihr Haus -- „denn schau, wie Der Dich lieb -hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“ - -Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die -grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht -kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der -Birkenheide.“ - -[Illustration] - - - - -Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise - - -In den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der -Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in -den Maien. - -Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den -Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh -bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große -schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst -sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt, -daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein -„Ewigkeit Amen“ sagte. - -Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher, -als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren -Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger, -als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen -und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke -Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im -Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth -brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig -Töchterlein Kellnerin sein ließ. - -Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er -habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen -Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag -besprochen. - -Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge -Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die -Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor -- -es war zur frühen Nachmittagsstunde -- das Fest plötzlich ab und fuhr -mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und -schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner -Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges -und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der -Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien -sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte -heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der -Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine -junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne -Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen, -wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“ - -Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden -steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von -den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte -umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug -sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht, -über manches Wasser. - -Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen -die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der -Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich -werde die junge Frau schon selber führen. - -Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden -Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter -drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge -Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige -Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf -seinen Knieen. - -„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach -Schladernbach zurück?“ - -„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“ - -„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit -beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin -gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber -Schatz!“ - -„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor. - -Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel -Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen -rauhen Bergpfad noch betreten haben. - -Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und -endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts -hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden -Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines -Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig -vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß. - -Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem -schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone: - -„Da stehen die --“ - -„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele. - -„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen -Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das -Wasser gewohnt.“ - -„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei -Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“ - -„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl -meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir -gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“ - -So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer, -Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese -sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg; -der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und -streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen. - -„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei -Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“ - -Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der -Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer. - -In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück -Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran, -Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf -bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen -- den Weg alles -Zeitlichen. - -Der Pastor hatte -- um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden -- -zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war -davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was -Vormittag im Himmel gebunden worden -- da schlug er die Hände zusammen -über dem Haupte. - -Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er, -der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge -der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein; -einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne -ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er, -der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und -die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen. - -Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber, -aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen. -Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor -konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder -ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf -und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in -das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das -noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der -Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum -Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und -peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der -Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ -- -Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben -auch die Alpenwässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer -wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine -Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln. - -Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten -über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an -Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die -Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur, -denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen -hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau -erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die -Männer, und auch Fronele mit ihnen. - -„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und -zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie -drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson -im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten -sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches -Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“ -hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun -der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in -Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den -Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das, -was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag. - -Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein -drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm -sogar an den Kopf. -- „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese -Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine -Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum -Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren. - -Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des -Mannafalles in der Wüste. - -Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann -horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts -zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im -Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne -standen am Himmel. - -Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den -Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er -sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten; -sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne -Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten -Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die -schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet. - -Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand -er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache -kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er -nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch -die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei. - -Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer -hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen; -bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein, -wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde -nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib -gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen -- -aber wenn sie ihr den Brautring raubten...! - -Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe, -in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige -Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der -Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von -einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen -Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu. - -Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf -leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine -Spur von einem Bewohner. - -„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm -vergehen. - -Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben -im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und -siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen -die Steinschläger und bei ihnen das Fronele. - -Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit -Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich -mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu -erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen -der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher -aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune -gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen -und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen. - -Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten -kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor -nicht für gerathen und so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau, -bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die -Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen. - -Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und -sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten -hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die -kleine Hochzeitspartie im Gebirge. - -In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt. -Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom -Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz -eine Wiege bauen lassen. - -[Illustration] - - - - -Der Fremde im Vaterhause. - - -Die Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher. - -„Anderlacher Franz!“ ruft er. - -„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das -war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den -sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden. - -„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher. - -„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder -- der hat keine rothen -Augen!“ - -Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals -einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des -Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte -nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand -und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag -im Gebirge -- für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu -tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem -Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine -Schuldigkeit gethan. - -Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen -durch, um den Brief in Empfang zu nehmen. - -Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle, -wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim -Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war -zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater --- und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht -schreiben kann. - -Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich -- der Herr Pfarrer -von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst -nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was -daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm -sagen lassen. - -In dem heutigen Brief steht Folgendes: - - „Lieber Franzel! - - Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden, - wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu - behüten. - - Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe - beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht. - - Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das - Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei - Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die - Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst. - Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein - und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im - Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein. - - Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein - Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß - Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht. - - Vor einiger Zeit -- ich glaube, es ist schon drei Monate -- haben - sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und - ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich - festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das - nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient - sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem, - was man ihm aus Güte thut -- kurzum, er spielt den Herrn im Hause. - Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei - Rücksichten beobachten -- ich weiß nicht, ob sich der junge Student - mit diesem Menschen wird vertragen können. - - Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und - vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund - - Josef Paumgartner, - Curat zu St. Agnes.“ - -Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein -Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der -Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im -Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung. - -Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht -über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen -sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so -herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel -Sach’, was soll noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater -etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht -gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? -- Nein, nein, heimlich, das -thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die -Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen. - -Oder? -- - -Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein -- albern, daß es -ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater -nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer -in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer -erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und -lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt -wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er -- -sagt der Vater -- in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer -stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. -- Der -Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat -war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn -die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf -deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt -um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche -Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so -lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld -zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so -viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der -Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um -und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die -Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte -der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und -ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen. - -Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so -Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß -Gott wo sonst überall herum. - -In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter -anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was -soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“ - -Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause -und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht -geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt -das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen -frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten -Dich mit Freuden.“ - -Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer -- aber diese verdächtige -Einquartierung daheim! - -Die Vacanzen sind da. - -Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er -nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken. -Der Franzel ist in seiner Classe der Erste. - -„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten -zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den -Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden, -Anderlacher.“ - -Bischof hin und Bischof her -- der Franzel geht jetzt heim auf die Alm. -Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf -des Kronenwirths Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht -läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur -sein Gewehr -- im Schachen giebt’s Spatzen. - -Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein -graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch -die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser -Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für -Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan, -hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige -Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was -für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war, -als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck. -Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den -Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte -sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen -ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den -Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter -gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen -solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder -nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine -dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem -glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol --- und fröhlich ging’s der Heimat zu. - -Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so -thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem -steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was -ging ihm das Herz auf! - -An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er -unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn -der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit. - - * * * * * - -Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi. - -Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der -Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die -Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets -umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die -holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut -kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so -giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der -Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner -Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem -nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der -knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube -tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das -Leible z’samm!“ - -Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt -sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles -geschlichtet. - -Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden -- geschnitzt hat sie -der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden -Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt -schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten -nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig -des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste -- das erst seit Kurzem -seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum -Anpacken -- langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem -„Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit -- der Anderlacher ist -haushälterisch im Genuß -- ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So -sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein -- aber -inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er -hat es. - -Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben? - -Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der -weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben, -sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind, -während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer -Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand -hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten -rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart -betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und -Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der -himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“ - -Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über -den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein -unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am -Spulen, sei’s beim Nähkorb -- so kommt gleich die Maus der Gertrudis -und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein. - -Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht -„g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist -ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. -- - -Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die -Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den -Platz erobert hat. Der „süße Namen“ ~JI[±▼]IS~, der zu Häupten der -Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle, -das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den -Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume -zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen. - -„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer -vom Himmelreich.“ - -Sie schaukelt und singt: - - „Nutz Heidl, mei Schatz, - Auf’m Ofen steht die Katz, - Die schwarze und die weiße, - Die will das Büble beiße. - - Nutz hei ab, nutz hei ab, - Das Katzl lauft den Steig ab, - Lauft ein schwarzes Hündl nach, - Beißt dem Katzl ’s Fußel ab. - - Nutz Heidl - Grüne Stäudl - Rothe Beerl dran, - ’s Büble schlaft schon.“ - -Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das -Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den -Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen. - -’s ist aber auch kein Fried’ im Haus -- ein ketzerhaftes Poltern -vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und -- -sonst doch so ein gescheites Thier -- bellt er und winselt heute, wie -närrisch. - -„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“ - -Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“ - -Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“ - -Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein. -Nur der Vater -- so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet --- trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die -Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den -Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird -sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat -ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm -- gottlob, diesen -Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So -kommen sie zusammen.. - -„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter. - -„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd. - -Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er -richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! -- Man weiß -nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen -gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die -Tannen wachsen. - -Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel -gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt, -dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht -das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch, -der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in -den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin. - -„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt -sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden -Enkel zitternd die alten Hände entgegen. - -„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf -ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der -Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? -- Was -schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will -reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann -sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu, -„jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“ - -„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s -geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“ - -Sie schauen sich gegenseitig an. - -„Sicherlich wieder so ein Soldat?“ - -Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege, -jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, +der+ -ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“ - -Da macht der Bursche große Augen: Der! - -„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter. - -Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. -- -Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem -Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte -Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und -halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt -will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte -gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen. - -Der Maler -- Franz Defregger ist sein Name -- hat diese liebliche Scene -geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust -dargestellt. - -Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen -nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt. - -Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf -seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da -hab’ ich auch noch so Einen! -- Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht -ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz, -noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich -der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen -wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge -leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als -Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind -nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in -unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht -den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St. -Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut, -rechtschaffen und schön -- und aus der Sacristei kommt der Bruder, -der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem -Martinele das, was er selbst nicht hat -- ein liebes Weib. - -[Illustration] - - - - -Als Hans der Grethe schrieb. - - -„Ist sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum -Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich -da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“ - -Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der -scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich -jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen --- gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den -Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie -ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich -deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s -’leicht d’rauf? Und von wem denn?“ - -„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht -mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst -ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“ - -„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber -erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann -leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’ -ich Schaden than!“ - -Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich -an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom -Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein -Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz -verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht -d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, -weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst -derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie -den Brief mit Müh’ und Noth -- was er denn schreibt, wie’s ihm denn -geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß -kriegführen gehen!? - -Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans -recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster, -das ist eine dicke Glasscheiben gewesen. - -Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl -aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei -war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem -Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt, -und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er, -freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so -viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn -schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn -gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von -Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“ - -Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit -nieder gegen den Busen so jung, und zart -- ließ den Brief dort ruhen. -Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht -sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd: -„Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ -- Dann -später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er -wär’s selber -- wie er da so sauber gemalt ist.“ - -So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen -vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn -das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß -nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort -gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt. -Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich -gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich -Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“ - -Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen -Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit -zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn -so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’ -Sünd’, so viel Sünd’! - -Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu -im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf -der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der -Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat -sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das -ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl. - -Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf -die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl -kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die -Christl.“ - -Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die -Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut -kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam -zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte, -allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn -sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen -sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines -Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert. - -So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt -lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist -er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’. -Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei. - -Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und -der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken -war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und -Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt. -Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht, -was er Einem schreibt. - -Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- that -sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die -Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte. - -„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht -ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“ - -Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so -leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen -und Stecken, wie sie waren, dazwischen. - -„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl -freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans, -freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für -die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.“ - -Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“ - -Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen, -Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus -den Fingern zerren. - -„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich -Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt, -Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“ - -Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich -Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das -hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“ - -Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie -dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir -aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so, nur -Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s -halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich -weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht; -freilich trau’ ich mich nicht. -- Ging Dir halt nicht von statten, -meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st -probiren -- leicht ging’s, Christl.“ - -„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach -einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl -sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“ - -„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“ - -„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.“ - -„Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit -wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“ - -„Um so besser,“ rief die Christl. - -„Nein, ich -- weißt, er soll’s halt nicht wissen, und -- wirst steh’n -bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! -- Er -leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ -- ich weiß, daß er’s -nicht leid’t -- freilich nit.“ - -„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“ -sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’ -+still+ lesen lassen? +Laut+ soll er ihn lesen, Dir vorlesen -soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein -Wort davon -- kein Wort.“ - -Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja -- -weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben -angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er -den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin -steht.“ - -„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn -redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein, -auf alle Mittel und Weis’!“ - -„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“ - -„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’ -er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’ -Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du -mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“ - -„Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl, -„bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit, -thät’ mich der Hansl heiraten. -- Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen -’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen. -Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und -laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen -- ja, laß Dir Zeit!“ - -Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in -hoher Schichte, spannte an, fuhr heim. - -Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist -sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der -alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die -Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der -Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und -laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“ - -„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief -diese noch aus dem Walde zurück. - -Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen -hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das -Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie -nicht. - -Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie -diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus -dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt. - -Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze, -seitdem Vater und Mutter gestorben. - -„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und -Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt, -seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling, -Tochter, Kind. - -Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte -schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den -Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann -sagen, der Schwanenwirth-Christl.“ - -Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser -seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte. - -„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine -Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig. - -„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen -befangen schnell. - -Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den -er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand, -da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“ - -„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der -Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ -- - -„Der Schwanenwirth-Christl ihrer --“ - -„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut -lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim, -aber gleich wieder.“ - -Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er -den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern -stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich. -„Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern. -Innigstgeliebte Margaretha! -- steht’s geschrieben.“ - -Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber so -heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so -laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“ - -„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in -bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und -mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal -avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde, -was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich -denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage -ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So -schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, -daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil -sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das -von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht -geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses -sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut -hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf -mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir -paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief -brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in -den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am -Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du -von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein -Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab - - Dein - Johann Kinigl, - Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“ - -Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- „Von der -Muhme das!“ sagte er endlich. - -„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der -Schwanenwirth-Christl ihrer --“ - -„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein -niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen, -verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte. - -„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger -ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen -und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen -werden im Himmel geschlossen.“ - -„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen -Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem -Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er -sonst nichts, den Bettelsack um.“ - -„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich -deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl, -rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen; -kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den -Büchern lesen --“ - -„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet. -Marsch in Deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl -gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der -Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’ --- ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich -nit!“ - -Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte -ihrem Hofe zu. - -Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in -ihrem Namen: - - „Lieber Hans! - -Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben. - - Margaretha Krautwascherin.“ - -Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und -wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter -und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch -heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein -Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’. - - - - -Wie ein Kaiserjäger fensterln ging. - - -Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet; -ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach -den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle -Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen -Tropfen Wein geben. - -Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter -Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s -wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft. - -Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in -sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen -zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’ -die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht -unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das -Gemüth und wird zur Pein. - -Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und -gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn -umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht -im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte -daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die -treue, stille Heimat -- desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein -namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und -allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren. - -Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige -Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen. - -Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh -desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat -geduldet -- ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit -heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben, -oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat -wieder. - -Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier -einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat -zugetragen hat. - -Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches -Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war -befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in -Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht -lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den -Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens -mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab -sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den -Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem. - -Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger, -sondern erst die Einleitung. - -Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt -und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe -Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische -Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des -Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft -der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen -hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte -Allegorie. +Josef’s+ Herzensgebieterin aber war sehr jung und -schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen -Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz -Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur -einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war -nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag -in Steiermark. - -Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort -lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb -es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr -gesehen hatte. - -Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im -Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer -wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber -er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten -nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen -die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich -desertir’!“ - -Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die -Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“ - -Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen -Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht -beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht -hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt. -Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um -Viele damit zu beglücken? - -Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen. -Josef jubelte über diesen Befehl -- jetzt fährt oder marschirt er in -wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch -Minna wieder. - -Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment -geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er -indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder -hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er --“ Er gab dem Diener -einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder -vermehrte noch verminderte. - -Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’ -nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“ - -Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria, -das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das -- wie -zum Trotze -- alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht. - -Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden -Gemächern allein. -- Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte: -„Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“ - -Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die -Gassen dem Bahnhofe zu. - -In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher -Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf -seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den -Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und -marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu. - -Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß, -daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig -bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne -bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und -das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach -und ohne die geringste Beschwerde. - -Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird -es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“ --- Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest -und küssest, so wird sie es begreifen -- aber in zwei Stunden mußt Du -wieder auf dem Bahnhofe sein. - -Josef ist glückselig. - -Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder, -wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht -schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und -Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein. - -Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft -an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter; -jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen. -„Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna -einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch -noch die Scheibe ein! - -In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente -wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet. -Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen -ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken -nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier -und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel -Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche -die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die -Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“ - -Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die -Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und -Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“ - -Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und -brummte. - -„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben -gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer -Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“ - -Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem -Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch -kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen, -diesem verdächtigen Mauser!“ - -Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte -- jubelte über die Schläge, die -er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten -Nebenbuhler zugedacht. Wohl erzählt die Chronik auch von einer -zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen -Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der -Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig -auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde. - -Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien: -„Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in -den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe -schlug das Signal des Zuges nach Süden. - -Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre -des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern. - -Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat -Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener. - -„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel -geträumt.“ - -„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“ - -„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“ - -Der Schalk! - - - - -Arthur heißt er! - - -Wenn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr -gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste -und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten, -fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich -laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das -unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein -Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu -wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon -spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir -buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für -alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein! - -Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine -Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten -Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt -war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen. - -Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“ - -In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte -und bestrebt war, meinen Wunsch zu proclamiren, fühlte ich in meiner -Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich -mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz -gewesen. - -„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie -will nicht gehen.“ - -„Schön! Ist sie aufgetrieben?“ - -Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend -etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an -der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie -ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen -Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende -würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette -gemacht haben! - -„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen -da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so -liebenswürdigen Fräuleins --“ - -In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch -trat herein. - -„Servus, Malchen! -- Numero sicher?“ - -„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause -begleiten!“ - -Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der -unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf -das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte. - -„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“ - -„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“ - -Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort. - -„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen -gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing. - -„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“ - -„Werden Sie die Uhr selbst holen?“ - -„Jedenfalls.“ - -„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im -Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“ - -Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar -ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen -Diener“ wird. - -Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste -Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten -Zustand versetzt hatte. - -Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben. - -Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte -ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor -- und +wenn’s+ auch ein -wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! -- -Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge. - -Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las -dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet, -daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig -sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den -Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt -zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet -von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in einem einzigen -Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von -Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von -Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. -- Plötzlich -rief er aus: „Pardon!“ - -„Was haben Sie?“ - -„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn -glatt scheeren?“ - -„Pfui Teufel, so geschmacklos!“ - -„Ich dächte, Fieschi?“ - -„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“ - -„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im -Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“ - -Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück -- Gott im -Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt! - -Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht -- in stiller -Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die -Stirne. - -Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch, -wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen; -da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes -vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der -geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte. - -Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja -praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen; -also nur kein +graues+ Haar wachsen lassen, es wird schon noch -dunkelbraunes kommen! - -Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg -den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine -Eintrittskarte in das Opernhaus. - -Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war -wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein -mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht. - -„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war. - -„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“ - -„Haben Sie die Güte -- die Marke!“ - -„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“ - -„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“ - -„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon -spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“ - -„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“ - -„Ja, ja, das war ich.“ - -„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden -nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr -persönlich holen.“ - -„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult. - -„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich. - -Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie. - -„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der -Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Abenteurer, Sie, wenn Sie nichts -vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die -Polizei in der Nähe!“ - -„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich -kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie -keine Marke verabfolgten; -- es war auch sonst noch Jemand da --“ - -„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte -das Mädchen. - -„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise, -„und möglich, daß er heute wieder kommt -- +Arthur heißt er+!“ -Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten. - -Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn -doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie -nicht auf den ersten Augenblick -- bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß -sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“ - -Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. -- - -„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals. - -„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem -Opernhause zu. - -„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich -auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr -- -sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden. - -Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur. - -[Illustration] - - - - -Eine Schatzgräberhistorie. - - -Kann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je -noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just -nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein. - -Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in -der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz -zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet -hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben; -hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber, -das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll. - -Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide -ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so -Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet -durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz -und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen -Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter -umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und -tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit -ihm schon zur Hälfte im Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht -gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit -demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that -ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen -böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und -meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner -Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst -sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne -Capelle oben auf dem Birkenberg!“ - -Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine -prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte -sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die -Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen -Versunkenheit zogen. - -Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen -konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie -denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig -sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich -verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die -prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war -die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet -und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein -erbauen zu können. -- Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß -nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? -- Der gute Guido wußte -wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch -bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller -Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’ -ihm zur höchsten Freude. - -Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem -Unterhalte; doch der Schatz -- es war gerade, als ob der Böse darauf -säße -- den Schatz stach er nicht. - -Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte -noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld -zu schaffen für den gelobten Bau. - -Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen -sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen -Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im -Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an -einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust -und ächzte. - -Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und -murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus -und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam -und hilflos versterben.“ - -Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann -bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte -er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest -im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ -- Dann zog er mit bebender -Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter -Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und -wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt -- nur mein Jacob -kann’s sein -- so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings -verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um -Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann und thut mir -das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“ - -Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als -nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war, -wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden -- da -saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war -Geld darin, viel Geld.... - -Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? -- Ja, dachte er, das ist -ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und -sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und -damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man -abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem -Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen -und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns -Allen geholfen. - -Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge -das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem -rothen Dache weit in das Land hinaus. - -Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute, -das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den -Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald -fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen -Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde -zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu -seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein -Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er -gleich zehnmal gestorben. - -Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf -dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden -Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen -Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz -auf der Moorheide entdecke. - -Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder -schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem -der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in -seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig -stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte -ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und -jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß. -Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht -zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht. - -So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von -seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg -zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit -lauter Stimme: - -„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu -mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“ - -Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der -Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“ - -Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der -Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine -sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher -Junge und er genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die -Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt, -als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der -Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon -gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und -gescheit und viel manierlicher war, als der Alte. - -Es war im Städtchen bei einer Muhme erzogen worden und nur zur -Sommerszeit manchmal beim Oheim im Einödhäuschen. Guido hatte sich aber -nicht getraut, den Jüngling zur Rede zu stellen darüber, weshalb dieser -auf der Moorheide so herumsteche oder auf der Bank bei seiner Nichte -sitze. Und so hatte sich der junge Mann auch nicht verantwortet und -überhaupt niemals näher mit dem Alten verkehrt. - -Oft hatte sich der Geologe, als welcher der fremde junge Mann in -der Gegend herumging, so weit in’s Gebirge verstiegen, daß er keine -Menschenwohnung fand und im Freien übernachten mußte. So hatte er auch -gestern spät Abends auf dem einsamen Birkenberge in der stets offenen -Capelle Obdach gesucht und sich hinter dem Altare in seinen Mantel -geschlagen, bis zur Morgenfrühe, da er wieder weiterziehen wollte. Er -ruhte gut auf dem Stein. Freilich kam auch zu ihm der Jude mit dem -grauen Barte, der ihm seit vielen Jahren verschollen war; doch er kam -in lieber, freundlicher Traumgestalt, denn es war sein Vater. - -Da er nun aber plötzlich des Vaters und seinen Namen rufen gehört -hatte, fuhr er empor und auf den Alten zu, der angstgemartert vor dem -Altare lag. Guido war wortlos vor Schreck, er stöhnte und bat mit den -Händen um Gnade. - -Er hat Alles gestanden. Und eine Inschrift auf dem noch vorhandenen -ledernen Täschchen hat Alles erwiesen. „Was soll es weiter,“ sagte -der fremde Mann, „mich verlangt nur meines Vaters Grab zu wissen. Geld -hätte mich nicht gehoben, das muß eigene Arbeit thun.“ - -„Oh!“ rief der Alte verwirrt. „Wenn Du der Jacob Amsel bist, so ist die -Kirche Dein; sie ist von Deines Vaters Geld erbaut. Aber die Gertrudis -schenk’ mir heraus, die muß mir auf der Moorheide was helfen suchen.“ - -„Das Kirchlein schenke ich den Gläubigen,“ sagte der Geologe, „auf der -Moorheide aber giebt es sonst nichts zu suchen, als was Du lange schon -gefunden hast. Du alter Torfgräber, seit vielen Jahren hast Du vom -Schatze der Heide gezehrt.“ - -Der junge Gelehrte hatte bei dem Gerichte Fürbitte gethan, daß der -alte, einfältige Mann seine letzten Tage noch im Sonnenlichte verleben -durfte. Hingegen hat er um dessen sittiges Nichtchen gefreit und -dasselbe in den Banden der Ehe mit sich geführt. Das Kirchlein steht -heute noch auf dem Birkenberge. Der Geologe läßt es vor Verfall -bewahren, ihm ist es das theure Denkmal der Sterbestätte seines Vaters. -Er selbst aber hat aus der Erde Tiefe schon manchen Schatz gehoben, -den der Torfgräber in seinem Wahne vergebens würde gesucht haben. Von -allen Schätzen der liebste aber war ihm sein Mariechen. Den legte er -als echter Judensohn auf gute Zinsen an, und es verging kein Jahr, ohne -daß Interessen fällig wurden. Der alte Jacobssegen ging reichlich in -Erfüllung. - -[Illustration] - - - - -Sanct Josef der Zweite. - - -Wenn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt, -es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s -Kärntnerland, in das Thal der Gurk. - -In diesem Thale lebt Josef der Zweite. - -Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um -ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um aus ~P.~ -M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden -Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und -Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen -Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß, -in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß -ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem -eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige -Zeile zu finden, sondern -- und zum Unglücke -- mit der Nachfolge -des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung -und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur -Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen -anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt -haben, er hätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und -Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am -erquicklichsten war. - -Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm -einmal sein Beichtvater, ein alter Priester: - -„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in -den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist -ein Heide über und über!“ - -Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der -Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen -anderen Seelenfreund zu suchen. - -Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer -Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser, -mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze -an bis hinab zur großen Zehe. - -Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem -Beichtvater. - -„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit -dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein -Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen -als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen -und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der -Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“ - -„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät -wissen!“ meinte der Koloman. - -„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater. - -„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“ - -„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen -Johannes in der Wüste?“ - -„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die -Heuschrecken ein bißle lieber essen.“ - -„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und -Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St. -Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä --“ - -„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman. - -„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der -Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St. -Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer -- nun?“ - -Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. -- Wohl wahr, diese Welt -sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er, -der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode -auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde -nehmen. - -„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist -Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll -Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und -Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders -in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“ - -„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’ -und mein Weib nichts dagegen hätt’.“ - -„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht. - -„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der -Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daß ich heiraten sollt’, und -der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“ - -Der Priester schwieg ein Weilchen. - -„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den -irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin -müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. -- Euer Weib geht doch auch häufig -zur heiligen Beichte?“ - -„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so -möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“ - -„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der -Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen -Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach -dem Herzen Gottes --“ - -„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das -ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz -vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und -- nicht wahr, -Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? -- -gesteinigt, enthauptet, oder so was? -- nicht? -- Punctum, beim Josef -verbleib’ ich.“ - -In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die -Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den -zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der -Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen. - -Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes -und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein -Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten. - -Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war -gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung; -und sein Weib -- das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum -Beichtvater erwählt hatte, -- theilte mit ihm gern diese Entsagung, und -so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben. - -Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte -ihm sein Weib einen Lilienstamm -- (es war aber eine Zwiebeldolde) -- -nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei. - -Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen -lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock -und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl -nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr -salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel -gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt -wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher -Silberzehner dabei. - -So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus -der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s -Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der -Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“ - -Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte: - -„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“ - -„Warum?“ versetzte er. - -„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur -Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe. - -Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz -liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“ - -Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege? -Wieso denn? -- Wieso denn das, Maria?“ - -Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden. - -Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder -- -stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand. - -Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und -Wunder an ihr geschähen? - -„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks -zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause -geschehen. - -Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er -den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er -seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das -Buschwerk davon. - -In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es -genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen -wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig -- ein welker -Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses. - - - - -Der Wolfl von Kirchberg. - - -Sie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit -viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer, -trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie -voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz -am Wechsel. - -Ich bin dazumal -- es war vor Jahren -- an den Schauerdenkmalen -menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der -Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal -bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen -Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen, -regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in -der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu -schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter -Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen -Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen -und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein -schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu -den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels. - -Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der -Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere -hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“ - -Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz -über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch -hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte -eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das -war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat -zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr -Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt, -aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der -Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“ - -„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und -leise für sich setzte es bei: „Der +muß+ helfen, ’s kann gar nicht -anders sein.“ - -Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt -hastig fürbaß. - -Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele -hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist -wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die -tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein -Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste -schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem -undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder -und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte: -„Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“ - -Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich -sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das -er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den -Sitz nieder. - -„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich -ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen -dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent -aussehender junger Mann. - -„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen -Mannes zu entgegnen. - -„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem -Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen -sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’ -kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund -auf’s Saufen.“ - -Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der -Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer, -habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder -ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und -eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß. - -Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein -großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen -sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen -auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter -Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der -Wolfgangskirche -- an den Erzbischof Rauscher nach Wien -- ein -Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen -Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten so gern die -alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und -auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um -Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der -hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel -bauen.“ - -Was war die Antwort auf dieses Schreiben? -- Die Leute könnten auch in -der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in -den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. -- Das heißt, so hatte -dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine -Antwort. - -Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir -wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur -Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem -Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser -Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber -mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang -in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele -hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe. - -Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte -uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale -Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und -sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier -traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie -sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein -Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen -seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie -Bergmann und zieht Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und -führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die -seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit, -denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre -Spielereien verstecken in die hintersten Winkel. - -Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst -in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’ -seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in -der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf -aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig -ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine -Pickelhaube -- aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon -wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der -Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und -lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben -heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem -Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings, -der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich -dahinter und kichert. - -Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere -Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist -ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und -badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener -kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag -schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung -was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so -verführt, und bei der nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht -losgesprochen worden.“ - -Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder, -Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen, -voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte -mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu. -Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen -- -mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“ - -Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß -reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche -bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in -die Höllen hinab!“ - -Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß -man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn -in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt! -Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in -der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den -saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“ - -Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen -Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der -Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe. -Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht -nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die -Höhe glaube. - -Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns -die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“ - -Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß -Kranichsberg erstrecken? - -Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom -Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet. - -„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der -Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch -eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der -Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch -plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und -weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett -beiseite, und siehe -- das helle, holdselige Tageslicht und das weite -Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen. - -„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch -hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und -letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“ -Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich -an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht, -so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal -von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man -soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“ - -So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als -ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte, -sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast -stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann -sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein -Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“ - -Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich -wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein -schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen, -stand ein freundlicher Altar. - -Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß -des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl -dauerte -- doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche -wieder herstellen. - -Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es -sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche -geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er -mit seinem Herzlieb getraut worden. - -Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die -Welt hier oben. - -[Illustration] - - - - -Der Junge und der Alte. - - -„Na, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch -meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt -genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! -- -Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel. -Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen, -nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir -nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und -Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn +das+ -nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit -+solchen+ Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig -thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der -gescheit’ Seppel thät sein -- auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“ - -„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater -hat doch auch Eine genommen.“ - -„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)! -Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst -heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“ - -„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“ - -„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und -Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf --- hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen -(entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner -ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“ - -„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“ - -„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in -Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater -ist.“ - -„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, +warum+ er’s ist.“ - -„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die -Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“ - -„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich -schlafen.“ - -Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem -dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen. - -Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem -Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für -sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte -betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen -Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte. - -Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den -Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine. - -„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine -drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte. - -„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich -will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns -Zwei -- was wir ausgeredet haben -- ist’s dieweilen noch nichts. Ich -verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir -gach einfallt, daß ich komm’!“ - -Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner -Feinheit -- Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde. -Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt. -Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine -Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt -- sie soll nur warten, ’leicht wird -sie wärmer -- und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts -versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater -nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten, -auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. -- Deswegen -war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter -lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch -großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor -den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und -sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den -Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns -g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft -geben.“ -- Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß -es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine -noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem -Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist -Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann. - -Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich -um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um -einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der -Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch -auf den Vater nicht ganz vergessen. - -Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht -vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im -Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. -- -Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und -rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht -ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus -sechs Brettern... - -„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn. - -„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein -solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug -dazu.“ - -„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr -dermacht er’s.“ - -„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett -kosten. -- Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“ - -„Ja, wer -- wer denn?“ fragte der Sohn. - -„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann -liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt. -Keine Mutter haben, ein Waisel sein -- ’s ist eine arme Sach’. -Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich -gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch eine -Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen -Gedanken noch da.“ - -Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir -etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’ -auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater -denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das -vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir -ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich -wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“ - -„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen -muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin. -Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da. - -Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein -härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine -Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“ - -Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will. - -Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her, -jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die -Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“ - -„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind -auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich -bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß -sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den -Mann.“ - -Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die -Christine: „Na, welchen denn?“ - -„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr. -Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten -nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s -Eil!“ - -„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig -sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt -möcht’ er was dreinreden.“ - -„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich -fürchterlich vor dem Vater auf. - -„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei -Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“ - -„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal -lieber,“ drauf der Alte. - -„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich -Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt, -und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“ - -Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau -Keine an, außer Dir!“ - -„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis -auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel -von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach -einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er -Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm -heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine -Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater -und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von -Dir hab’ ich genug!“ - -Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr -- es -bleibt ja Alles aus! - -„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon -Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“ - -„Das mußt erst sehen,“ sagte diese -- und war fort. - --- Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an. - -„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß, -„einen Spaß wirst doch verstehen.“ - -„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes -denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“ - -Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der -nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der -Schneider und der Tischler sind fertig.“ - -Nun --? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht. - -[Illustration] - - - - -Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd. - - -Im Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das -Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der -Preiner-Michel den Bock geschossen. - -Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal -fuhr. Der Oberförster -- Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher -die Geschichte erzählt -- hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er -war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den -Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den -Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog, -wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der -Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“ - -„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel. - -„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“ - -„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“ - -„Der kann’s +nicht+ thun,“ sagte der Oberförster. - -„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der -Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“ - -„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was -geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß -der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl -geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das -wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt --“ und machte mit den zwei -Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn -schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken -wüßt’.“ - -„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der -Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne -und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt. - -„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es -ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“ - -„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“ - -„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen -festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem -fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“ - -„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel. - -„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als -traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß -es ausgeführt werden.“ - -„Nachher ist’s ja recht.“ - -„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“ - -Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei. - -„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich -+nicht+!“ - -„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum -mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“ - -„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“ - -„Nun, zu Deiner Beruhigung -- Du weißt ja, daß ich dem Herrn den -Büchsenspanner abgebe -- werde ich das Gewehr blind laden.“ - -„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn -schießen?“ - -„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und -schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den -hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat. -Nicht vergessen auf’s Balzen!“ - -„Ist recht.“ - -Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. -- - -Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich -mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der -Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf -fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine -klare stille Nacht. - -„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich -sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“ - -„Soll Sein Schade nicht sein. Doch -- hat Er’s gehört, jetzt? Ist das -nicht ein Schuß gewesen?“ - -„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat -mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine -ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts -Seltenes.“ - -Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr -Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie -das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn -wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen. - -So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in -dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine -Lust war. - -Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte -flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe. - -„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“ - -„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der -kleine Punkt....“ - -„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur -Wange. -- Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu -früh, aber siehe -- diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu -Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden. - -Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger -Vogel. -- Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den -Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! -- - -Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen! -Aber -- was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen -- -was das sein mag? -- Sogleich ist Licht gemacht -- welch’ eine -Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel. - -„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er -bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das -vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne bisweilen in die Nähe der -Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute -irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese -Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“ - -Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen; -auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel -kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den -todten Vogel herabgeschleudert hatte. - -„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu -früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an -meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen -gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“ - -In acht Tagen war das Revier verkauft. - -[Illustration] - - - - -Studentenpulver. - - -Da gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine -Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld. -Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine, -zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak -gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein -Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn -- einem -weitläufigen Verwandten Frischer’s -- eine feine Aufnahme und noble -Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem -einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er -selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des -Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen. - -Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland. - -„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der -Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen, -wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens -unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht -verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte Tausender -genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei -Kreuzköpfeln --“ - -„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt, -„Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens -wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele -halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. -- -Und jetzt habe ich eine Idee.“ - -„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal, -daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das -nicht glauben.“ - -„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer, -willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung -stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. -- Und Du, -Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“ - -„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte. - -„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. -- Der -schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“ - -Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche. - -Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das -versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem -„Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider -umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet, -es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun -gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres -dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die -Halterhütte. Der Halter -- Duckmichel hießen sie ihn -- war ein -kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur -in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die -bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist. -Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten, -Alraunen u. s. w. behangen. - -Die beiden Studenten -- Stroche war nicht ganz fremd im Hause -- wurden -mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und -Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet. --- Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr -hinter sich -- die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die -erste Bekanntschaft machen müsse. - -„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des -Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur -essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer. -Ist wohl vergunnt! -- Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’, -heißt’s, mein’ ich --? Na, gelt, weiß es ja. -- Viel dicker auf’s -Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der -Honig ist gar worden. -- Schau, schau. -- Vor nächst Jahren sind auch -einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten, -dem Schlederer-Ferl -- heißt er -- der Müh werth ein bissel ein -Studentenpulver gegeben.“ - -„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich -vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“ - -Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver -bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt -- -für Wildschützen eine gute Sach’. - -Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing -im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig, -der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver -angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf -die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte -laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so -stürze zusammen -- vergiß nicht drauf!“ - -Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze -Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf -kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster -hinaus auf die gegenüberstehende Felswand. - -Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es -ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß -die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel -- sei es wo -immer -- aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann -fragte er: was denn immer Neues in der Welt? - -„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte -Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der -Kufsteinerfestung -- der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“ - -„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „+Der+ -braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“ - -„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu. -„Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“ - -„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen -Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher -hätte. - -„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des -Räubers Kopf gesetzt!“ - -Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein -wenig mehr können, als Birnen sieden.“ - -„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte -der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s -wohl!“ - -„Weil --“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon -davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“ - -„Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin -gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß -dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede -Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht -sich schußfest -- aber vor diesem Pulver“ -- er deutete gegen seine -Brusttasche -- „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem. --- Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau -den schwarzen Hannes gesehen.“ - -„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter. - -„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben -kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am -linken Fuß?“ - -„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal -ein Standar in’s Knie geschossen.“ - -„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust -auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden -Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen. -Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir -gesteckt hab’!“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter? -Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner. -Nu, ’s ist ja recht.“ - -„Wohl, wohl, aber --“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver -thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren -haben ganz gewiß eines im Sack?!“ - -Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann, -„etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein -kostspielig Ding!“ - -„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür. -Was thät’ der Schuß denn kosten?“ - -„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der -Schuß kostet einen Thaler.“ - -Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes -Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. -- „Es kann -aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ -- Der Mann holte -seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die -Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“ - -„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s -Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet. - -„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig. -Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine -Creatur herum, die -- -- ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der -leibhaftige schwarze Hannes ist!“ - -Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl, -wie er hinkt und sich duckt und späht -- ’s ist der flüchtige Räuber. - -„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal -ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes, -einen Kugelstutzen!“ - -„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“ - -„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist -doch nicht schon geladen?“ - -„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da -heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen -Raben losgedrückt.“ - -„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden -Pulvergattungen zusammenkommen.“ - -„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr -mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver. - -Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken. - -„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar -hält,“ versetzte Frischer. - -„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und -wartet bis ich rufe.“ - -Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange. -Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“ -In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend -knallte der Schuß. - -Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten. -Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand. - -Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist -das Euer Pulver, das nicht kracht?“ - -„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s -ein Unglück!“ - -Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde -stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint -Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? -- -Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit -Schnupftabak. -- Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit -lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit -Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer -Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das -echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben -einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“ - -„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem -Kameraden geschehen?“ - -Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in -der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse -förmlich in den Schoß gefallen war. - -„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm -hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß -Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und -dumm sind. -- Ist noch Buttermilch anständig?“ - -Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben -heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten -auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das -Studentenpulver schnupfen sie selber. - -[Illustration] - - - - -Eine Eisenbahngeschichte. - - -Und sieben Plagen kamen über Aegypten. -- Es wären sicherlich acht -gekommen, aber die +Eisenbahner+ sind damals noch nicht gewesen. --- So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur -Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie -das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen -Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern -auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen -Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo -sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei -sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren -und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und -Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum -sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden. -Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen, -das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber -den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert -Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal -begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was -wachsen konnte. Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben -das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die -Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen -Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ -- „Nein,“ sagst -Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir -nicht feil.“ -- „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt -der Ingenieur, „dann aber +mußt+ Du uns den Grund abtreten!“ -- -„Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in -einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem -Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“ - -Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer, -und -- das ist gut. -- Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir -heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht -gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat -der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die -Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne -sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges -nicht ein -- ich auch nicht -- und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht -die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht -hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so -müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen. - -Wer sich widersetzt, der geht zugrunde. - -Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes -Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter -Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber -zwingt es. - -Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und -ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen. - -„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr -wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich -laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben; -ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben -sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar -nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die -Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch -nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten -Vater auf dem Todbett behandelt hat. -- Aber der Vorwand ist schlau, -Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen. - -Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das -Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend. - -„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie -ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“ - -„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses -armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“ - -Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „+Sechzehntausend -Gulden+.“ - --- Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine -Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke -über Haus und Grund des Schotterhans? -- Hier wird eine eiserne Brücke -gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben. - -Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das -Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es -pfeift auf ihn. - -Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute -lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über -seinem Giebel. - -Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen. -Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt -- wie er’s -stets gewünscht hatte -- im Hause seiner Vorfahren. - -[Illustration] - - - - -Naturforscher auf der Alm. - - -Im Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem -steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte. - -Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar -ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im -Land!“ - -„Was?“ schrie Alles. - -„Sie kommen gar auf die Alm.“ - -„Wer?“ - -„Sie rücken schon an.“ - -„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und -sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier -vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie -hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen -Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief -sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang -der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken -gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die -- die -- wie hast -gesagt, wie heißt der Feind?“ - -„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja -kein Feind nicht!“ - -„Was +denn+? So red’, wenn Du was weißt!“ - -„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’ -Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der -hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber --- mußt wissen -- seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht -bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter -Herr, und ein bissel zaubern --“ der Fritz ließ einen forschenden Blick -umherschießen -- „’s selb’ kann er auch.“ - -Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über -dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den -Kopf schütteln. - -Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin: -„Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“ - -„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den -Halterleuten, die beim Ofen saßen. - -„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort, -„die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie -der Radauer Schulmeister; haben aber -- rath’ ich -- noch größere -Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel -gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist -kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“ - -Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die -Welt haben sie erfunden?! -- Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott -Vater erschaffen!“ - -Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der -Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte. „Der Gott Vater!“ murmelte -er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. -- Aber -- nachher möcht’ ich -schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“ - -„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der -einen neuen Glauben aufbringen will?“ - -„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört -hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das -läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten -Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört, -hätten sie vor Freud’ angezunden über und über -- so viel hätten sie -beleuchtet. Bei allen Fenstern -- und es giebt viel Fenster in so einer -Stadt -- hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf -die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. -- Muß wohl was -dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“ - -So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im -Almwirthshaus. - -Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der -Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar -gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten, -ihrer Hütte zu. -- Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten -Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann -mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht -mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert -sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und -stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch -etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die -Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. -- Dann hat sie -- die Agatl --- auch noch extra was mit ihnen zu reden. - -So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. -- - --- Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen -in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen, -schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf -die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu -trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in -jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze -prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der -Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte -- eine Huldigung -der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über -diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und -rathlosesten aber waren -- diese Dominikanermönche selbst. Sie waren -unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht -auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise. -Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die -Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung -hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath, -wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne. - -„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber -zweihundert Gulden.“ - -„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer. - -„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer, -„der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“ - -Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die -Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich -am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam -belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer -noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung -ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der -Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte -- meldete sich ein -alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und -erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme -herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der -Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite -des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband -und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf -Oesterreich schwang -- da war es offen, kein Anderer als Der konnte -die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte -Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch -die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen -fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben -entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen -aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan -gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die -Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder -herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte -den Kletterer. - -Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich -endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu -entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige -„Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem -wackeren Veteran soll es -- weiß die Fama -- sein Lebtag nie besser -ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner -„gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß. - -Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das -Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die -Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten -Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens -zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der -Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt -in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen -und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen; -der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den -Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die -Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet -empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen, -zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen -Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse -ausgezogen. - -Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt. - -Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des -Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase -Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm, -wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend -welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei -Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich -geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten -Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine -Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe. - -Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn -uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit -wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten -um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen -lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere -Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte -zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den -Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war. - -Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel -saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser -in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen -auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen -Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit -der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch -zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl. - -Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der -Welt und an sich selber. -- Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren, -auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem -Arm -- so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd -ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll -Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig -die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte -- da stürmten -sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie -keck an der Hand und streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann -wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter -und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den -Sonntagen. - -Und das -- meinte die Agatl bei sich -- sollten die Herren sein, die -dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten -die großen Gelehrten sein, die -- wie der Fritz erzählt hat -- den -Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver, -und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben, -und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat), -und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen -Kopfhaar’ -- ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt -und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten -soll das Alles kommen? -- Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’ -muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar --- ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s -ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist, -gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm -mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. -- - -Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei -seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand -gedrückt hatte. -- Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich -wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für -seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich -nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph -und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer -Hälfte gern die Herzen und Nieren. - -Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo -klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles -mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und -zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei, -wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die -in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und -Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die -Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen -man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf -Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie -den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher -noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem -schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei -war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr -lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr -Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe -gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die -Wurzel des Weiderich. -- Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um -den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute, -die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen -abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken, -sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt. - -„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen, -weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge -schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen -Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“ - -„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr -noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“ - -Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden. - -Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen -grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor -und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der -Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt -in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind -so gern frißt -- mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge -Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber -nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte. - -„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen -die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und -das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut -stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten -drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur -einmal treibt. Und das -- kennst Du das auch nicht? -- das ist die -blühende Untreu.“ - -„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher. - -„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“ - -„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte. - -„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch -mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“ - -Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die -Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor: -„Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“ - -Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein -Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“ - -„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen, -wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand --- die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile -in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht. - -Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch -allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle -geprüft -- es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an -den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in -sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben -und Schwaighütten hin verloren. - -Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit -dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu. -Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem -auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der -Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte -sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle -wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte -sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen -gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche -die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des -Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung -des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit -einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin. - -Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer -in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von -der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche -mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern -Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein -unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich -rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer -und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt -- -sie war doppelt schön. - -Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen -Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen -Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr -geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“ - -Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener -geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. -- Aber es ist halt -schwer, mit so einem weltfremden Herrn. -- Freilich ein großer -Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’.... - -Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben -mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum -Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur -Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht -ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte. -Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen -und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein -paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich -rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge -- lang’ -thäten wir uns nicht aufhalten.“ - -Der junge Mann ging mit ihr -- leisen Schrittes und im Herzen -Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand -zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im -Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht -Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und -sie standen vor den Kühen. - -„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete -auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’ -ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei -Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an -und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme -Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie -schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“ - -Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die -Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in -der That, die Milch war ganz röthlich. - -Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte -nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen -genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine -Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein -Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber -anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“ - -Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune -heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der -Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“ - -„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief -das Mädchen. - -„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück. - -Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich -im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge -allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer -Stimme den Namen „Hansel“ rief. - -Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja, -wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die -rothe Milch. Adieu!“ - -Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte -er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine -Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche -getreten.“ - -Die Agatl und der Hansel aber blieben oben. - -[Illustration] - - - - -Eine mit Geld. - - -Der Junge, der Samuel, trieb’s, -- er trieb die Ziegen auf die Weide -und hütete sie. - -Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt, -so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er -wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten -und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der -Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen. - -Diese Silberlinge! - -Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben -- -vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer -wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen -es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge -nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit -stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der -Sammel -- der alte -- denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge, -sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern -im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie -entgegen. Doch sollten sie -- wie Kaiser Rothbart -- so lange als -möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt werden. -Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und -diese Religion lehrte er auch seinem Sohn. - -Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich -- thust am besten --- grabst ein, aber den Schatz -- wenn Du einmal auf ihn anstehst --- grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen -Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“ - -Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich -nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf -wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich -neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse -jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander -Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie -waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe. -Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich -glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel -hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können. -Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe -Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur -Zeit der Noth. - -Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem -Schatten ruhen -- zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der -Söllertanne. - -Unter ihr selbst aber nie -- schon um keinen Verdacht zu erregen. Die -Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund. -Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz -unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen -sollte, selbst wenn -- kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig -und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es -Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern -- und selbst in diesem -Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden -konnte. - -Es hätte sich Alles fein geschlichtet -- wäre nur die Marianka nicht -gewesen. - -In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel -- -wollte er sich überhaupt gesellen -- gern zum Förster, der oft durch -den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen -und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb -der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen -vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht -mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka. - -„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der -Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka, -das ist +mein+ Revier.“ - -Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus -dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das -Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare, -einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch -die blühende Tochter Marianka hatte. - -Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die -Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die -Schafe vor den Wölfen. - -’s war kein Wunder -- bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel -und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein -und sann und im Sinnen einschlummern wollte, da war sie werth, daß man -sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im -Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab. - -Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s -nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im -Walde, an sein Weilen bei ihr -- aber spricht nicht gern davon. - -Der Sammel und die Marianka -- nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am -liebsten hätte der Grabenbursch auch +diesen+ Schatz vergraben -- -so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt -mitten in der Liebesgeschichte. - -Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl, -willst sie nehmen, die Marianka?“ - -„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche. - -„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf. -„Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und -hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist -die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“ - -Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok -durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief: - - „Lieber Fok! - - Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie - heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s - nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater - gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe - auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die - Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger - - Sammel.“ - -So ein Brief da! - -Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor -dem Burschen. Was der Sammel wollte -- war es nicht ganz ehrenwerth? -Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. -- Die Armen -haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld! - -Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke -nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber -meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief -daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und -das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun -in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das -- was man Herz nennt --- rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir -die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt -den Geldbeutel in die Brust! - -Den Geldbeutel? Die Silberlinge? - -In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den -Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den -kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses -schöne Geld! -- Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie -der Will’, ihr bleibt da drin liegen. -- +Ich+ hab’ zwei Hände, -+sie+ hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur -zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ -- - -Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können, -insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der -Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist. - -Zur selbigen Zeit -- er wurde gesehen -- ging der Fok einmal wie -gewöhnlich mit seinem Pechsack aus -- und hatte auch eine großmächtige -Kraue bei sich. - -Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an -Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist -schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der -Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so -denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der -Welt. -- Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und -die Alten. Die Marianka -- die arme -- wurde ganz blaß und tiefäugig -vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu -beichten hatte, betrafen den Grabenburschen. - -Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme -Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer -Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel -nicht sollte verloren gehen. - -Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja, -warum nicht? - -Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen -Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der -Söllertanne zusammenführen ließ. -- Da haben sie gut liegen, wenn sonst -auch nichts will wachsen. - -Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter, -hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich -der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser -geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich -einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde. - -Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken. - -Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine -Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“ - -„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“ - -„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder -verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst -- daß ich Dir’s schon sag’ -- -zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch -nicht +viel+ d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s -- so lang mir der -Herrgott die Gesundheit schenkt -- etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein -Hunderter zum Anfangen -- was meinst?“ - -Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen! - -„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“ - -„Eine Red’!“ - -Ein Wort -- ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die -Marianka. - -Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze, -welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete -- -die Hochzeitskränze. - -Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf -den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu, -so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so -oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“ - -Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe -ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende -Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen. - -Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück -Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte -aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen -Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und -allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner -Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak. - -Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder -freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in -Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin -wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem -Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen -wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber -Schwiegervater, der Branntweinbrenner. -- Der Sammel fürchtete -nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues -Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an -Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den -Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“ - -„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und -- nimmt man’s -recht, Du auch.“ - -„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“ - -„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor -Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“ - -Der Sammel war beruhigt. -- Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen -in der Erde. -- Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der -Fok ist fast immer zu Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht -so leicht abtragen. -- So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf -spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient -sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom -Schwiegervater. - -’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen -nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s -Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf -steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch -Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn, -das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht -hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz -stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten -auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der -das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den -Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es -der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das -insoweit eine ganz moralische Erzählung. - -Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe: -„Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen! -Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine -rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch -eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß -- noch von -meiner Junggesellenschaft her.“ - -Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was -Sauberes sein. -- - -Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und -sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die -Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen. - -„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl -(Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die -Steine auseinanderwirft?“ - -Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen -im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben. - -Gestorben, begraben -- und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus. -Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige -Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer. - -Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat! -Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen. - -Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr: -„Also jetzt geh’ ich!“ - -„Wo willst denn heut noch hin?“ - -Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’, -warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf -- sie lag nicht -allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der -Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim -Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer -- und wenn -er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß -- der Sakermenter -wußte, daß sie rund ist -- er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz -gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth -glühte, war der Schatz erreicht. - -Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der -Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den -Deckel herab, und siehe -- siehe -- alles Silber war dahin. - -Hingegen aber! - -Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten -- nagelneue, die erst vor -wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. -- Und als sie der Sammel in -wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend -höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem -Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel: - -„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen -Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich -selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern -glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den -Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch -des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der -Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten -auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar -nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. -- -Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld -wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf -den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“ - -„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren -gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’ -Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“ - -Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem -Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“ - -„Jeses und Josef, wie +so+ denn?!“ - -„Verliehen war’s!“ - -Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die -heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen. - -Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter -an, eine Brave, Saubere -- Eine mit Geld! - -[Illustration] - - - - -Die Abelsberger Chronik. - - -Der Burgermeister von Abelsberg. - -Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele -Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die -Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab -- sagen sie -- es verführe die -Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so -bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung -des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten -Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich -ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. -Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre -Steuern. - -Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die -Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver -nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da -es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein. -Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres -Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe, -Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben -die Wildschützen in Sicherheit gebracht. - -Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten -Abelsberger. Der Gemeindevorstand -- sie heißen ihn „Burgermeister“ -- -der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein -- -es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so --- -- wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit -auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf -sonst was; und so -- munkelt man -- könnte es sich zutragen, daß -eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der -Gottesdienst ausbliebe, weil -- der Herr Pfarrer verreist. - -’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und -über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd -schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von -den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein -allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt. - -Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht -mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das -linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. -- So war’s -voreh’; dann ist’s anders geworden. - -Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe -folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n: -Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben -werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war -er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber -das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter -müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen, -einen Ausgedienten; so Einer ist respectabel und kann laufen. Die -Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und -kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“ - -Sie machten Ja darüber. - -Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein -Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen -langen klirrenden Säbel -- Gemeindegut -- und trug einen wuchtigen -Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter -Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen -hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen -gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das -war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“. - -„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach -der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir -gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal -hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist -meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die -Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, -muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so -muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag -Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so -wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! -Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer -- einfangen -und in den Arrest treiben. Verstanden?“ - -Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade -und mit rasselndem Säbel davon. - -Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, -daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften, -anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er -in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an -seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch -dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand -nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an -welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte. - -An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, -nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen -Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus -schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel -schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. -Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die -Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte -er gefährliche Steuerbogen in der Tasche. - -Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den -schattigen Wald hinaus. -- Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei -sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich -auch heute der Diener meines Herrn. - -So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß -hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder -Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts -klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem -Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. -- Es wäre ein -anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß. - -Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er -nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung -zu, in welcher der Schuß gefallen war. - -Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann -und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der -Burgermeister von Abelsberg. -- Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte -sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist +nicht+ -Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. -- Aber es -ist ja der Burgermeister! -- rief in ihm eine andere Stimme. -- Thut -nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein -Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist -jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot -ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu -zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg -hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. -- -Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere -Stimme. -- Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger -mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der -Ertappte sei +wer immer+: einfangen! -- Des höllischen Satans will -ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht -und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin. -Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen! - -Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig -fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“ - -Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über. - -„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“ - -„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja -- -es war ja --“ - -„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger -Stimme. - -„Na, so thu’ Er -- hi, hi -- -- thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“ - -„Ich mach’ keinen Unterschied.“ - -„Aber -- Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß --“ - -„Im Namen des Gesetzes arretirt!“ - -„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“ - -„Marsch!“ - -„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“ - -„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. -Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart -wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor. - -Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der -Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen -erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die -Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von -Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch -gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte. - -Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche, -sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein- -für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den -Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein -mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen -richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig; -ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und -ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. -Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine -Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich, -da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter -für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und -mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte, -daß der Burgermeister darunter taumelte. - -Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg -anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem -Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat -die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei -uns sein Lebtag lang versorgt.“ - -„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet, -und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’ -pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“ - -„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja -vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die -Kinder -- des Respectes wegen, versteht Er?“ - -„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es -wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn -er stiehlt. -- Marsch!“ - -Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem -Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lärmendem, höhnendem -Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der -Schorsch: - -„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“ - -Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen -an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. -- Der -Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem -Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“ - -Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale -des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem -Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung -und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“. - -Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden. - - -Der Brückenwirth zu Abelsberg. - -Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; -nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut -besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als -vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das -Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak. - -Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich -bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der -Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar -sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, -sondern die Armuth. - -Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so -die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja, -schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den -Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm -kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann -zu sein -- der Credit. - -Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit, -aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm -Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein -Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der -Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der -reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er -sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit -verfiel. - -Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er -nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran -nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun. - -Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche -Sorge er -- der Brückenwirth -- getroffen hätte, daß er -- der Nachbar --- zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme. - -„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit -schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die -letzte Stunde verschoben hätt’! -- Ist er denn nicht da?“ - -„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden. - -„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder -mitbringt.“ - -Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und -Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch -finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der -Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde. - -„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es. - -„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief -ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der -Brückenwirth sein Testament. - -„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem -seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen -nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig -gewesen. -- Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich -verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s -der Herr aufschreiben.“ - -Die Feder war schon lange naß gewesen. - -„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei -Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll -angeschafft werden. Nachher -- das auch aufschreiben: Beim hintern -Altar -- der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat -schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. -- Das Schulhaus braucht ein -neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich -- daß tausend Gulden kommen -sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme -Waisenkinder aufschreiben. -- Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat, -der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser -Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. -- Aufgeschrieben ist’s? -Nachher wär’s so weit richtig. Und -- wenn sie mich auf die Bank legen, -so thut’s suchen im Bettstroh....“ - -Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg -und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es -frohlockend: „Der Bruckenwirth -- wer hätt’ sich das vorgestellt! -Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen -Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken -vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger -was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir -die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen, -so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst -erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger -trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß. -Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister -zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift: - - „Dem großen Wohlthäter der Gemein’ - Herrn Hans Michel Scherger - Widmen diesen Stein - Die dankbaren Abelsberger.“ - -„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich. - -In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme. - -„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube -vom Kopfe. - -Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um -die Mittagszeit zum Essen rief. - -Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In -derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die -„Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der -Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte -sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser. - -Und nach vierzehn Tagen war er gesund. - -Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu -beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich -hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, -und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt -auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen -sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’ -Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden -thät. - -„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl -so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s -mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm -beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war -nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er -Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich -seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten -es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth. - -Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. -- Na, es -war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben -wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein -Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. -Das Schulhaus braucht ein neues Dach -- es ist ja wahr! und wer wollte -nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen -Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben. Suchen mögen sie, wenn er -auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh.... - -Gefunden hätten sie freilich nichts. - -Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war -durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn -der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und -Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie -läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr -Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit. - - -Der Schulmeister von Abelsberg. - -War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. -Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen -mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich -graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur -der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im -Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der -Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete -Unkraut und säete Weizen -- zumeist taube Körner, die keine Keimkraft -hatten. In Gottes Namen! - -Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem -Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so -verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine -Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte -er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb -die Meinung sagte. - -Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm -zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der -Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von -den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele -dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der -Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. -Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt -sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur -zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine -Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser -für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon -allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner -giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon -gut. - -Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den -Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber -auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit -Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie -ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und -den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen -und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim -bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? -Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die -Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! -Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! -- Darum sagte ich: -ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas -mißliebig war bei den Leuten. - -Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die -Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik -aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht -zusammenzufiedeln -- ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener -und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem -Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und -gestrengen Gutsherrn wäre. - -„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister -bissig. - -„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr -laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“ - -„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“ - -Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest -rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg -gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am -Aschermittwoch. - -Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht -zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz: - - „Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde - untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, - an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu - geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“ - -Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein -Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet - - L. L. von S.“ - -Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster -Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero -feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin -lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes -dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt -worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In -ehrfurchtsvollster Erniedrigung - - Amt Abelsberg.“ - -Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn: - - „Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären. - - L. L. von S.“ - -Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem -Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr. -I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden -sei. Dasselbe lautete wörtlich: - - „Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie - gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde. - - L. L. von S.“ - -Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint -haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, -der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, -einschließen, und nicht in den Gemeindekotter. - -„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne -Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“ - -Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, -jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten! - -Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung -in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu -sein. - - -Der Thurmbau zu Abelsberg. - -Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die -Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben. - -Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte -oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und -Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal -zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von -Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber -ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind -sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und -wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der -Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und -Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern -ein wenig „in die Nacht hinein“. - -So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit -seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei -Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei -Thürme hätten!“ - -Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm -wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes. - -Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei -Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“ - -Der mußte auf der Stelle abdanken. - -Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach -das Wort: „Geld zusammenschießen!“ - -Der Mann mußte abdanken. - -Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, -jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch -zwei Hörner haben --“ - -Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; -nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine -Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf -das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder -von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! -(Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich -sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm -zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel -zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer -Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in -der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein -Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen -Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. -Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen -Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“ - -Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich -zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch -nicht um. - -Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der -Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde -zum Cassenwart gemacht -- und so war der Same gelegt zum Thurme, der -sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, -an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, -mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer -Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht. - -Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche -Mann kam -- auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für -einen Thurm Gottes. - -Der Küster waltete treu seines Amtes und war -- nebstbei gesagt -- -nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche -hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen -- -stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener -goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede -verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns -sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an -dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ -eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen -sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. -Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“ - -Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen -eben nicht schwer -- ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen --- so trank er und trank wie ein Abelsberger. - -Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es -- -wie er so schön sagte -- „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein -Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem -Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit -angehen will bis auf morgen -- eigentlich nur bis auf heute -- bis er -nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt -- entdeckt er in -seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor -erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu -thun pflegt. Das reicht für die Zeche -- es bleibt sogar noch etwas -übrig. - -Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht -nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist! -„He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“ - -Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war -- der -letzte Knopf vom Thurmgeld -- da stand der Küster Thomas Reckenschlauch -auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder -umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war -nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu -sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken. -Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und -starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. -- „’s ist -richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld -- er steht schon -- der zweite. -Ach -- der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! -Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“ - -Und taumelte entzückt nach Hause. - -Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun -der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht -hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten -geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und -zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat -- und -daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten -Thurm neben dem ersten stehen sieht. - -Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will: -„Geh’ hin und thu’ desgleichen!“ - - -Zu Abelsberg beim Spielchen. - -Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie -schlossen sich dabei ein -- der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein -Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und -ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein -verbotenes Spiel! -- i bewahre -- beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“, -ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib. - -„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der -Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von -seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen -Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes -Geld. - -Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf -weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl -fürlieb nimmt. Und hernachen -- wie schon angedeutet worden -- ganz -abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte -in die Oberstube -- und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit -leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin -der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband -hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt -- er -war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten -Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war -- und was die gut -geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und -dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, -so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem -Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut -es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, -hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn -zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von -Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber -im Pfarrhofe versagte ihm das Glück. - -Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und -machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst -spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ. - -„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich -doch auf Deinen Platz.“ - -„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der -geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“ - -„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“ - -So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem -alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie -der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut -gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin -und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl -hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam -ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit -so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder, -geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“ - -„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s -nächstemal +Deine+ Karten mit.“ - -„Das ist eine Red’.“ - -„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht -in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“ - -„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“ - -„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten -Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die -Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“ - -Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber -sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch -scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’ -gewesen, der Hochbergreichhofer?“ - -Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig -sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder -nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen -Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei -- ein rechter -Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’! - -Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich, -Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“ - -Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte -wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, -aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer. - -Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s -Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“ - -Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn. -Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern -nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that -einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die -Rose. - -Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah -- -den Spiegel. - -Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich -langsam -- starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel -offen lag -- starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt, -Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden -hast, der mir in die Karten schaut, nachher -- nachher glaub’ ich’s -gern!“ - -Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“ -rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist. -Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’ -mir nicht unlieb gewesen, hätten +von+ Deinem Gelde noch lange gut -gegessen und getrunken.“ - -„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel +gar+ nicht aufgekommen, so wär’s -Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer. - -„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’ -uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du -die Jause zahlst.“ - - -Ein Abelsberger Kalbskopf. - -Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte -- gestehen -wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen -- einen Rausch. Auf -dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie -geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand -- zwei -in eins und eins in zwei -- wie die siamesischen Brüder. - -Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat -ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s -mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände: - - „Lieber Freund und Simerl! - - Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute - Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf. - - Mit Grüßen - - Jakob K. - Bäckermeister.“ - -„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß -er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um +eilf+ Uhr, und -jetzt ist’s schon +zwölf+! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht -zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir -jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’ -zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und -Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein -Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet -zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir -auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s -jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er -mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden -vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“ - -D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende -Zeilen: - - „Lieber Postschreiber! - - Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen - heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf. - - Mit Grüßen - - Jacob K. - Bäckermeister.“ - -Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, -das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du -bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber -hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“ - -Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl -lachte sich in die Faust. - -Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das -Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der -Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören -müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch -wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen. - -Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker -Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim -Weine saßen. - -„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister, -„und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s -aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie -der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir -Bruderschaft: Sollst leben!“ - -Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er -konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine -Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja -schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben -hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr --“ - -Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den -Einser +doppelt+ gelesen. - -Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im -Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein, -der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den -Schultern säße. -- In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu -seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit - - „Trinken, trinken, - Bis die Aeuglein sinken.“ - - -Die Abelsberger der Majestät. - -„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg, -„denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht -worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist, -und von den Abelsbergern wird was erwartet.“ - -„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der -Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“ - -„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein -klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich -mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir -was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s, -gar ist’s mit dem Simuliren.“ - -„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister. - -„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“ - -So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so -ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den -Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein -Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen, -daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“ - -Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der -Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie -hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das -Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist, -als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen -in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät -noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern -Ehr’ macht. -- Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im -Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts; -die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht -glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß -man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten -und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an -beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, -den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt -alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen -- und wenn die Wägen -kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“ - -Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik -schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im -Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der -Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß -unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen -Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten -zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße -Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der -Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind -- und daß sie -fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. -- Sein die Manner mit -mir einverstanden?“ - -„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“ - -Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes -wurde angenommen. -- - -Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. -- Den Rastelbinder -brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn -es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit -aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse -zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem -Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten, -daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen -Eindruck machen könne. - -Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz -stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn -fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines -Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, -wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen -Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen. - -Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn -für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe -Genugthuung. - -So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg -heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf -dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die -Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten -ihre bunteste Sonntagstracht an. - -Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz -schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und -Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende -Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die -Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der -Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, -einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber -waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten -Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und -Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das -ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen -Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein -auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei -Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure -Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land -haben!“ - -Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den -Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die -Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und -Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte -Mauth prangte -- kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar -zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub -und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst. - -Der Hof stutzte sehr -- gar sehr stutzte er über eine solche -durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit -- und nach dem -Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt -stand, wurde nicht mehr verlangt. - -Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen, -aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg. - -Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er -sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden -Familien meinten, sie hätten gehört, daß das +ganze+ Land bei dem -Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele -Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des -Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel -Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre. - -Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich -verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath -Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg -verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt -gewesen. - -Der Schelm! - -Er ist aber später Vorstand geworden. - - -Die Abelsberger Touristen. - -Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen -Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne -Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle -Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang! - -Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang -Mode werden sollte! - -Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt -es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen -und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen -Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen -Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte -zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen -haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, -vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt -zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde. - -Und heute -- je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute -Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte -Frauen mit ihren zarten Kindern steigen heute auf Berge, auf denen -sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht -prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um -so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt -sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich. - -Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden! - -„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche -Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch -keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen --- das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst -wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch, -wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen -Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter -+lieben+ und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der -Welt. - -Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. -Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. -Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und -zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen -grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen -lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich -sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern -- es ist keine -Fabel, wahrlich nicht! -- Naturwein und blos Naturwein lagert. Und -wer eben Sinn dafür hat -- zwischen den Fässern auch das Plätschern -eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist -keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpflein -trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die -Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen. - -Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der -- wie Poeten so schön -sagen -- heute in den Blättern säuselt -- in den Zeitungsblättern -nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger, -denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese -Worte in sein Bierglas stechen lassen. - -Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in -der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der -Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt -- -weiß schon davon!“ - -Allmählich dann zogen sich -- dem Blatte nach -- die Naturschönheiten -der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in -dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im -eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und -Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen, -schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der -Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! -- Und mitten hindurch die -Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre -Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein -nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert -zu haben. - -Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als -Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir -nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden -gekommen bin, und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken -habe. Nu, heute mag’s anders sein.“ - -„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour -in’s Gesäuse!“ - -Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, -Würste, Schinken, Spielkarten -- eine „Hetz“ muß es geben! -- Mägdlein -wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und -der Schulmeisterssohn und Andere -- ihrer neun Stücke sind’s, die mit -Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den -Eisenbahnzug besteigen. - -Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl -- ganz gemacht für -Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die -lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und -folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge -und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten. - -Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas -angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue -Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden -sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, -denn -- sagten sie -- die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von -auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! -- Hierauf -sollten sie erzählen. - -„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! -- Das muß Einer selber -gesehen haben -- nicht wahr?“ - -Seine Genossen bestätigten es. - -„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“ - -„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“ - -„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“ - -„Und auf dem Reichenstein?“ - -„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und -wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir -in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem -das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis -gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete -er sich an die Genossen. - -„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „+das+ sind ein bißl -Gletscher!“ - -„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend! --- Und, in dem Gebirg ist Euch eine +Sonne+! -- ’s ist ein Gaudium -gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade -niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend -Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden -gestanden.“ - -„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so -zerschunden.“ - -„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler. - -„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um -fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? -- Hat Euch der Sakra -nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“ - -Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen. - -„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen -sollen!“ - -„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll -Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei -Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“ - -„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund -nicht mehr zu. - -„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil -davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“ - -„Herr Gott, das war eine Tour!“ - --- Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens. - -Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes -Schreiben: - - „Tauern, den 30./9. 1875. - - Werther Herr Bürgermeister! - - Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. - Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun - Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. - Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, - blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir - und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. - Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, - wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den - Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. - Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich - ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren - Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider - handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr - den Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu - suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause - gekommen sein. -- Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, - daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu - begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die - Ehre habe: - - Zwei Abendessen für 9 Personen 23 fl. 70 kr. - Ein Mittagsessen detto 15 „ 98 „ - Zwei Frühstück detto 8 „ 10 „ - Wein für 9 Personen 26 „ 48 „ - Dem Stubenmädchen für Depurgationen -- „ 80 „ - Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei - Fensterscheiben à 30 kr., zusammen 1 „ 30 „ - ------------- - Summa 76 fl. 36 kr. - - Um gefällige Notiznahme bittet - achtungsvoll ergebenst - Peter +Streicher+, Gasthausbesitzer in Tauern.“ - -Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine -Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und -stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer -an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen -Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister, -er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein -Ehrendiplom hiermit zu überreichen -- und las feierlichen Tones die -Gasthausrechnung des Peter Streicher vor. - - -Ein Abelsberger auf dem Vesuv. - -Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein -Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. -Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern -dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch -die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so -hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig -und flink über die Wiese hüpften -- sein Sinn stand höher. - -Da hatte er einmal -- es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, -die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur -Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt -- hatte er -also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden -Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein -Gemüth, hat -- so zu sagen -- sein bißchen schlummerndes Ideal -entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen -seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie. - -Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen -mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, -einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und -- Ehre seinem Mannesmuthe! --- zu besteigen. - -Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens -sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten. - -Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und -Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das -Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. -Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort -funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein -wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und -Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen -ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! -- Das weckte -Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, -darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten. - -Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein -groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer -geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland -hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol -kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute -nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als -der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem -Munde stand, und die ~fontana trevi~ in Rom, wo versteinerte -Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen. - -Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag -heißer wurde, er nahte -- dem feuerspeienden Berge. - -Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht -bekannt. -- - -Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab -schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes -zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in -Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte -Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann -keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf -sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten -Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, -und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich -nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das -nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“ - -Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu -zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit -seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine -schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß -ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr -- -ein Landsmann. -- Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A -Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und -immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden -Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da -auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze -ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des -Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte -das Haupt und wollte weiter trippeln. - -Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“ - -Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände -ausbreitend: „Jessas, Jessas, das -- ja, das ist ja wieder einmal an -ordentlicher Mensch -- a Landsmann! -- Freili, freili -- na, ih trau -mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! -- -Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“ -Er deutete gegen den Vesuv. - -Das war das Finden und Binden -- er schwur mir ewige Freundschaft. Wir -gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und -sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, -daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still -dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe -- wie es -sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz -alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke. - -Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die -Partie auf den Vesuv zu machen. - -Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen -Viehhändler an demselben Abend. - -„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit -den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte -und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube. - -Am andern Morgen -- es lag noch Finsterniß über den Wassern -- war -es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er -seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock -eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute! -Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der -gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles -möglichst hochdeutsch zu sprechen. - -Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei -graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts. - -„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er -so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht -habe, daß er sich nicht fürchtete. - -„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen -Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts -geschehen, es sind unser Fünfe.“ - -Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu. - -Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen -von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die -schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. -Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der -Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert -schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme -- hier stieg -mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden -und schüttelte den Kopf. - -„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der -Vesuv!“ - -„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist -nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der -ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint -gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das -- halt, Eselein, -schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem -italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns -daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er -nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den -Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der -Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, -frag’ ich, was ist das für ein Land?“ - -Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel -Eins in die Weichen gab. - -„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland -sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal -durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“ - -In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die -Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen. - -Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser -an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, -dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen. -Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See. - -Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern -den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des -Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed--, -das heißt auf der härenen Decke. - -Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und -Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der -letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter -den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der -Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde. - -„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus -theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden. - -Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine -mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine -äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig -und schründig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken -in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im -Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen -Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe -kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und -wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie -er immer röther und glühender wurde, und wie -- „Jesus Maria!“ rief -Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen. - -Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden -Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer -drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an -den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen -Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, -wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen -- der -feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot. - -Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen -Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da. -Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; -dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die -schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia -- dann die unabsehbare -Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das -Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen -Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und -unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt! - -Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände -von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das -liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis. - -Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die -kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der -Hölle, -- und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine. - -Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die -Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht -weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt -Mürzthaler Race sein!“ - -Eine Heerde Rinder entzückte ihn. - -Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den -Wildnissen der Vesuvkrone umher. - -Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine -Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu -ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort -hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber -wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt -zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der -prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche -die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen, -schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter -phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen -nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie -schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft -wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das -Röcheln eines Sterbenden. - -Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme -sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Cyklopen und -höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? -- Wie tief und -gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt! - -Ein mächtiges Donnern -- der Führer riß uns mit großen Schritten -zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus -den Schlünden. - -„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas -kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“ - -Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, -legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten -hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder -das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu -jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und -steckte sie in die Tasche -- zum ewigen Andenken. - -Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt -waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind -vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes -Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch -das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und -Kindeskinder!“ - -„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er -verheiratet --“ - -„Je nu, das heißt“ -- er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond --- „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner -Familie weiter keine Rede mehr. - -Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am -liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu -setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller -Seele zu feiern. - -Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch -volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“ - -Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel -geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen -und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von -dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben -unvergänglichen Ruhm zu ernten. - - [1] So wird im Volksmund der Vesuv genannt. - - -Das reiche Jahr eines Abelsbergers. - -Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle -Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat -das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so -höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen. - -Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr -kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen -haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen -noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch -zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur -darüber lustig machen würden. - -Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, -daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der -Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste -Bauer im Ober-Abelsberger Gau. - -Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet -und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch -beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten -Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse -Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht -auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen -Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge -sei. - -Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache -des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie -überhaupt dazu stillhalten. - -Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf -einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem -Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er -mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll -ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man -soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, -dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s -Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn -hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, -dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur -nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen -lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches -Jahr. - -Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die -zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und -wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten -gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund -vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E-- Eberhard -Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus -Schnee und Sturm gemacht. - -Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern. - -Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden -zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und -Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz -gewählt hätten. -- Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und -morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr -- was wird es -bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird -still sein. - -Siehe -- dort kommt schon was! -- Ein schwarzer Punkt im Gestöber, -langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein -schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter -Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine -Schultern schmiegt, und wankt vorüber. - -Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust -geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, -und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin -und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort -pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, -sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern -pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog -stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube. - -„Noch spät auf?“ sagte der Wirth. - -„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard. - -„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“ - -„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und -da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll -hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“ - -Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen -bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug -aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich -wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt -gehen wir’s wieder an. - -Lud frisch auf und hastete weiter. - -Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause -kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in -der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die -Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist -gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber -wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir -sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“ - -Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei? - -„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du -in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst, -merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir -sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen -und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den -Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, -wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo -wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“ - -Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen -gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort -mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard -Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb -für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein -tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was -man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der -Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in -Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den -Schweinstall zu. - - -Ein junger Abelsberger in der Residenz. - -Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren. -Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere -Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei -Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine -philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem -öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe -freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und -sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen -Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die -Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn -Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten. - -Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der -Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug, -zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke -einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach -vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine -Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er -meinen Herrn Professor einmal hört. - -„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so -kommen Sie mit!“ - -„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser -gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal. -Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der -Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den -höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein -Baum der Mann von der Straßenecke. -- Das ist ein dankbarer Mensch, -dachte sich der Student. -- Der Kleine wird vielleicht einen Schützer -im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der -Andere. - -Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken, -mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im -Trosse davon. - -„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme -fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des -Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“ - -Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen -Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte -er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos -vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an -seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner -Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit. - - -Eine Abelsberger Heiratsgeschichte. - -Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits -fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, -und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen -machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres -machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten -hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen -Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der -Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte -ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm -bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes -Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin -erregte. - -Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin -und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte -seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die -übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor -sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von -seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und -nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas -verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und -noch jung sei. - -Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, -wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die -Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid -verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen -Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu -Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und -Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten -Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken -einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit -auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß -die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch -nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich -den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige -Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu -retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, -ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der -Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr -befürwortete. Es geschah, aber der Notar -- wie solche Leute schon in -Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen -- schrieb -unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der -kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“ - -Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und -Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche -für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige -Stunden mehr zu leben habe. - -„Ist denn nicht +ein+ Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut -und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und -rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine -Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der -Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue. -Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe. - -Es +sei+ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte -sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe -und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie -Gott es wolle. - -So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr -obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es -wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze -der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette -weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging, -die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen -wurde. - -Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister -beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden -sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn -entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei -solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind! - -Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen, -bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in -den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern -kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des -Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen -kehrt, wieder zur Erde nieder. - -Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen -übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in -den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen. - -Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge -zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die -nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher -ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne -er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe -- und damit zog der -Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der -Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister -Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen -habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten -Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses -dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth, -ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn -- den Bäckermeister --- daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode -noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu -werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen -dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen Wege betreten -habe -- ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein -einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre -sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt. - -So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für -die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes. - -Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben, -sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken -fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, -damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu -seinem Gelde gelange. - -Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht -besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch -den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: -Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück -und ist auch keines werth. -- Der Bäckermeister soll’s auch bedenken! - - -Der Abelsberger Baßgeigenkrieg. - -Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg, -unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln -vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und -dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man -wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht -gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden -des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben. - -Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein -Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie -hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie -wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder -zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur -noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle -Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub. - -Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen -da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes -aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer -hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen. -Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem -wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich. - -Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem -Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein -musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene -Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des -kleinen Wirths-Friedl -- der ein passionirter Vogelfreund war -- auf -das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines -Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an -und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach -kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab. - -Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam -der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der -Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als -der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den -Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron -seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben -- es war eine große -ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg. - -Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging -Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige -nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag -den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß -es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags -Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie -schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie -nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon -all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst -ging’s an die Kutte. - -Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor -und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen -Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin -auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl -gottsrechtschaffen gebrummt. - -Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach -Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja -keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“ -Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit -den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der -Himmel über Abelsberg voller Geigen. - -Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend -geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger -manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher -in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein -paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein -paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so -trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse. -Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“ -männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache -bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen -Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater -und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und -was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus. - -Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden -Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment -gewesen; ~au contraire~, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, -die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. -Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. -Da schickte der neue Regenschori -- der nicht blos unter der Fahne der -„Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war -- in das -Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber -da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre -den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der -Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und -der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden -worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei -- man sehe es ja -doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ -- liberal. Maßen -sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen. - -Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine -Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der -Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der -Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles -gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. --- Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal -getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt, -und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut -erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen -habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau -des Kirchendieners. Und wenn er -- der Pfarrer -- endlich behaupte, -das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so -werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die -Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen. - -Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß -kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im -Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß -dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit -Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! -- und schlich durch -Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den -Pfarrhof. - -Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen -gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den -Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. -- „Albernheiten!“ sagte -das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze -Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die -Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus. - -Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen -räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie -sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen -aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort -verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die -Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das -Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ -- „Aber es handelt sich -nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“ -sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So -waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und -eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus. - -Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine -Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst -die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese, -gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche -mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber -steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen, -das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder -in den Pfarrhof schleppen. - -So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit -schwarzen Röcken und weißen Cravaten -- weiß Gott! -- zum obersten -Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die -Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des -Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr -den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke. - -Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am -Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die -wohlbekannte Stimme der Baßgeige. - -Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und -beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten -zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen -einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch -des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe. - -Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit -dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem -edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die -zum Papst, so gehen wir zum Kaiser! - -Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen -Rom, die andere gen Wien. - -Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des -Wirthshauses, und -- war tief verstimmt über den närrischen Hader, -dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend -selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde -ernstlich gefährdete. -- „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder -oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen -Vögelein -- wie wäre mir wohl!“ - -Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf -kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im -Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im -Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen -haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. -Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da -horchten die Ober-Abelsberger auf -- jetzt erst hörten sie, wie eine -Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist -nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen -heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer -und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander -- toll -zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd -ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken -und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft -wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen -graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den -Winkeln herum -- Männer und Weiber, Liberale und Klerikale -- Alles -durcheinander. - -Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und -- was -der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen -- die altehrwürdige -Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in -Ober-Abelsberg. - - -Wie Abelsberg bekehrt worden ist. - -Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in -welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen -Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort! -Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er -hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, +alle+ duckten die -Köpfe. -- „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur -Eine dabei!“ - -Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem -Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch -etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. -Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich -widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie -gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals -ich fahren will!“ - -Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets -entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will. - -Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham -sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. --- „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier -liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf -allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der -Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein -und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na, -da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“ - -Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe -höher. Der Richter macht schon den Mund auf. -- „Ah na,“ denkt er, -„in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen -und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen -und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur -rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“ - -Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die -Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte -seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers -die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon -zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches -alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die -ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren -die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein -und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen. - -Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen -Appetit herausgepredigt. Und -- ganz wie der Richter berechnet hatte -- -am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre -über und über mit Bärenpelz ausgefüttert. - -Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür -geklopft. -- „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“ -murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“ -keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er -im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. -Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf -gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt -gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten -hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden: - -„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben -in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! -- Und was wir halt sagen -wollten --“ - -„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der -Pfarrer leutselig ein. - -„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg -reden -- der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein. -Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so -recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. -- ’s ist -wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine -Veränderung nehmen -- wohl, wohl, Hochwürden!“ - -Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott -walt’s!“ - -„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind -zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor -der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen -schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den -ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in -Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s -auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. -- Jetzt, was mich -angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s -nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’ -wollt’ aufheben. -- Und so“ -- er wendete sich zu seinen Mitmännern -- -„redet jetzt Ihr Eure Sach’.“ - -Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu -den Soldaten.“ - -Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die -Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“ - -Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die -Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück. - -Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die -Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“ - -„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die -schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“ - -„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück. - -Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür: - -„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’ -sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’ -gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen -Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor -- da läuft sie zuweitest -davon.“ - -Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht -können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel -zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’ -Nächstenlieb’ nit wehren.“ - -„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch -bleibt!“ - -„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“ - -„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein -Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“ - -„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“ - -Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und -flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar -Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch, -daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit -hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem -Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“ - -Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’ -mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“ - -„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer. - -„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und -bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch -und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird -sicherlich eine Todsünd sein.“ - -„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger. - -Torkelte der Alte gegen die Thüre. - -Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg, -ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der -Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu -leih’n.“ - -„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes -Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die -Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“ - -„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung -geschehen,“ sagten Mehrere. - -„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die -Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. -Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im -Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“ - -Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher -noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit: - -„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr -Pfarrer.“ - -„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht, -von Herzen gern.“ - -„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und -daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim -im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer -sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im -Wald, so beim Predigtstudiren -- da thäten wir halt wohl schön bitten, -daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’ -mitnehmen.“ - -Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein -leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm -drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene -Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und -jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“ -riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen -miteinander!“ - - -Eine Abelsberger Katze. - -Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der -Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja, -hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und -Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der -feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß, -wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf -dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame -Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte, -wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses -richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle -Umstände satt. - -Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen, -ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die -schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der -Caplan ein Auge geworfen hatte. - -Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit -verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu -verwalten -- that’s auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber -Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers, -der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und -im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde, -als der Caplan -- gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren -die Hände gebunden -- wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster -Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat. - -Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische -fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand -hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel -ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister -im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er -kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum -Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm -salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke -Hand -- hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren -- schwaps! -ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon. - -Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm -in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das -erstemal. Husch war sie weg. - -Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und -der Caplan that wie das erste- und das zweitemal. - -So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh -und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische -und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am -allerwenigsten spotten. - -„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer. - -Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“ - -„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“ - -„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon -seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die -Leute sagen -- mag aber nicht d’ran glauben.“ - -„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“ - -„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur -daß man davon spricht. -- So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie -altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe -getrauen.“ - -„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer. - -„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“ - -„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle, -komm’, komm’ her zu mir!“ - -Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es -naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem -Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein -inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder -Hast die Flucht. - -Die beiden Priester blicken sich lautlos an. - -„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich. - -„Seltsam!“ entgegnet der Caplan. - -„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer. - -„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan. - -Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen -geschnitten. - - -Zu Abelsberg wieder wer geworden. - -Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der -Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die -Großhofbäuerin. - -Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der -Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf -eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach. - -Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte -ihn, ob er auf Jemanden warte. - -„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer -geworden.“ - -„Was bist?“ fragte die Bäuerin. - -„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er. - -„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin. - -„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber -Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir -halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“ - -Da entgegnete sie: „Wenn Du -- wie Du sagst --- wieder wer geworden -bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir -bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“ - -„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder -wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten -könnt’.“ - -„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst -Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt -sein! Schau’ mich an einmal!“ - -„Wär’ schon recht das --“ - -„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen -kernigen Mann -- bis ein Bauer im Hause ist.“ - -„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib --“ - -„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie. - -„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“ - -„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich -nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es -mit Dem ist.“ - -Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon, -was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“ - -„Wesweg denn?“ - -„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“ - -„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“ - -„Nun also, Bäurin?“ - -„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“ - -„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s -beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden -ist?“ - -„Witwer? Wer ist Witwer?“ - -„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da -steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“ - -„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht -gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“ - -„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd. - -Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber -der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich -wieder wer geworden -- er ist Großhofbauer geworden. - - -Ein Abelsberger Heutrog. - -Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine -neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert -worden, und jetzt ging’s an den Stall. - -Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem -Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der -Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen -in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen. -Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der -Heutrog -- ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen -- wenn -der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich -verlassen?“ - -„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für -Dich mitbiete.“ - -Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel -wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in -aller Früh. Aber der Heutrog? -- Da begegnet ihm sein Gevatter, der -Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest -mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des -Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich -möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog haben -- ein nagelneuer -Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“ - -„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und -Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und -macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um, -noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel -zu kaufen. - -Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei -nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht -selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch, -nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß -- gar keiner; -der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen. -Dafür aber ist -- als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück -kommt -- der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni -hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden -hinaufgetrieben. - -„Achti!“ ruft der Türken-Sepp. - -„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni. - -Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig. - -„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt -für meines Gevatters Bekannten. - -Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch -nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“ -schreit er. - -„Dreizehni!“ brüllt der Toni. - -„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze -- Fünfzehni! -- -sechzehni! -- siebzehni! -- Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die -um den Heutrog kämpfen. - --- Achtzehni! -- neunzehni! -- - -„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp. - -„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni. - -„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt -sitzt er in der Wolle.“ - -„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! -- zum -Drittenmal!“ - -Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog. - -„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der -Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner -Prahlsucht in die Falle gegangen. - -Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen -Schimmel herbei. -- „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck -mitgeboten, da ist der Heutrog.“ - -„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist -ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist -Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat -die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“ - -Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich -selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen -Beutel herausgeschrieen. - -„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist -was für Dich, bigott, für Dich selber!“ - -Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute -lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am -meisten. - -[Illustration] - - - - -II. Theil. - -Winterabende. - -Finstere Geschichten. - - - - -Winterabende. - - -Seit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und -Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und -Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben. - -Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster -aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben -und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch -vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als -+jene+ Gespenster vorzuführen, die leider +nicht+ abgeleugnet -werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in -heißem Streite liegt und die -- wie schrecklich +oft+ -- zur -tiefsten Tragik unseres Lebens werden. - -Demnach können das keine lustigen Geschichten sein -- sie werden -unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte. - -Der Dichter -- und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren -und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und -erfreuen möchte -- er darf die Schatten dieses irdischen Lebens -nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben -irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die -Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe -und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt -erbarmungslos richten. - -Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem -Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache, -daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß -die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die -Offenbarung dieses Principes -- und ginge sie auch durch Elend und -Jammer -- muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir -das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig -werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, +weil sich alle Schuld -auf Erden rächt+, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer -größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß -wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen, -und uns -- indem wir sie erkennen -- Kraft verleihen, die Dämonen zu -besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen. - -Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine -Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die -Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen -scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum -Frieden nicht vermißt werden. Ein Leid, welches +vor+ der Schuld -kommt, nennen wir Prüfung und ist -- wird sie mit einer gewissen -sittlichen Kraft ertragen -- eben so heilsam, als im Falle der Schuld -die Sühne. - -Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den -Abgrund gestürzt; sollte es aber doch +nicht+ sein, daß ich darin -nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein -solcher nach dem meinen handeln. - - Der Verfasser. - - - - -[Illustration] - - - - -Ein Weg zur Schuld. - - -Beim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man -sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart, -das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den -halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen -ein paar ertrunkene Fliegen. - -Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine -Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine -Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt, -sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach -rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen -Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er -scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche -auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen -beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines. -Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat -und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der -Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst. - -Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre -Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an der Hand gefaßt und weiß an -ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen -des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist -„bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter. - -Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit -das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen -Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen -sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon -manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern -und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner -Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen -und unterhaltsam -- man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört -haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“ - -Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde --- sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause -- seinen Arm -um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein -Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du -gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes -Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen -nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der -Herr noch einen Wein?“ - -„Einen Kuß!“ - -Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es -nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich -mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen -Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus -ihrem Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß -oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer -ein. - -„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so -freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld -reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden -miteinander, Adieu, Schatz!“ - -Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft. - -„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie. - -Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden -Haare hatte. -- „Was darf ich bringen?“ - -„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge. - -„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die -Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts, -er ist ganz --“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend, -daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre. - -„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die -Schätzungscommission ist da!“ - -Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes -verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf -den Arm nieder. - -„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem -Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. -- -Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit -uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“ - -Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine -Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das -Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will -- es -giebt nichts aus. - -Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und -Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig -wieder davon. - -Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank. - -Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann, -regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte -Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und -rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe -Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und -struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände, -die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen, -der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei -anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und -doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte, -nahm er eine freundliche Miene an. - -Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein. - -„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind -Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“ - -„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“ - -„Freilich, auch bei den Weinfässern.“ - -„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth. - -„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“ - -„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“ - -„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“ - -„Na, so bring’ was zu essen!“ - -„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der -Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“ - -Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem -Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das -Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte -er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf. - -Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte: -„Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund -hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du +ja+ -sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr -mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem -Sack. - -„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“ - -„Wenn die Dirn nicht will -- nachher -- -- ist’s freilich was Anders,“ -sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein. - -Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand -gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau, -zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das -tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich -noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht -mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich -eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn -Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“ - -Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen, -das könnt’ sie halt nimmer. - -„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen -schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut -geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben -dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“ - -Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine -Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und -der Rothhaarige -- das war ja der Seizmüller -- trommelte mit den -Fingern auf dem Tisch. -- - -Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin, -ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte. - -„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“ - -„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und -jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“ - -„Was sagst?“ - -„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich -mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“ - -„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof -hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin. - -„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen -Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den -Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der -Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon -hell verzagt.“ - -„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns -Schmalznocken.“ - -Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln -ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da -habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den -Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der -Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über -eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel -schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen -Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“ - -Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür -nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir -einen Andern?“ - -„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein -Geheimniß verschwiegen. - -Ungetröstet ging sie heimwärts. - -Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater, -dem Erlsberger, was denn der meine. - -„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der -Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht -sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen -ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst. -Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft -geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine, -bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher -recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine -Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich -anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa, -in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was, -wenn Du Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus -der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch -nicht ausbleiben.“ - -„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist -gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er -- Gott wird’s mir -verzeihen -- einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der -keine Lieb’ mitbringt.“ - -„Wesweg will er Dich +denn+, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der -Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist -- auf das -mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“ - -„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter, -„Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich -probir’s.“ - -„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s -Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon -entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und -Zweifeln und Fürchten taugt nichts. -- ’s wird schon gehen, er ist -brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt -- so mußt Dir -denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“ - -Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit, -findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses -das Amtssiegel herabgerissen. - -„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“ - -„Trinken.“ - -„Da sperren sie Euch ja ein!“ - -„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“ - -Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen - -Darauf trank er erst recht. - -Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses -war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des -Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich -sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für -ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen -Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa -dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit -Fingern auf mich. - -Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren -Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller -doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon -abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so -Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet, -das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und -Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“ - -In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die -verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der -Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und -dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon -geweckt. - -Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein -frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei -Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das -Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth -war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum -Staubhinabschwemmen -- länger wollten die Rößlein und die Reisenden -nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein einzigmal auf dem -Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war -immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am -Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die -Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht -merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf -der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so -seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war -der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter -den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das -Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen -angeblickt -- nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein -freundlich Wort über vergangene Zeit... - -Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers -geworden. - -Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren, -um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst -denn?“ - -„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und -Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“ - -„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s +mir+ nicht leid thut -d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack, -mußt nicht vergessen.“ - -„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch -all’ so machen.“ - -„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir -hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“ - -„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was -ich selber wollt’ -- und das muß ich Dir schon sagen: theuer mag das -Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es -nicht.“ - -„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem -Postbuben -- den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich -Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“ - -Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust -auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt -das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen -Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der -Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ. --- Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen, -aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit -mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige -Hochzeitsfest. - -Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und -auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der -Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche -große Banknoten beschwichtigt hatte. - -Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders -genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers -Hochzeit. - -Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in -die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich -geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den -Hausfrieden zu erhalten. - -Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf -das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl, -nicht ein einziger Grashalm stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin -nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem -Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein -im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin -erschlagen. -- Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern -sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum -den Grabkranz. - -Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört, -auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch -liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir -besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten. -Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“ - -„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß -Du ein Unterleibel tragst.“ - -„Trag’ auch keins, aber +könnt’+ eins tragen, und eine gute -Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“ -- - -So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat -geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als -Warnungstafel: Verbotener Weg! - -Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im -Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er -sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber -selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er -gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen -Wuthrausch über -- und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung. - -Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn -ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein -Eichtel Zeit hab’ Geduld, ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s -Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und -ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in -der Wirthschaft. --- - -In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der -Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige -Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die -jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die -Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet. -Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute -und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und -Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte. - -Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der -Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe -zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem -Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte -er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst -sich die Kellnerinliebelei +so+ aus? Walpa, Walpa, Dich muß man -anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“ - -Unter Weinen lachte sie auf. -- Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem -sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte. - -Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust -auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der -Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden -worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr -der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von -Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen, machst mich -zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’ -Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“ - -„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie -ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen +solchen+ -Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“ - -„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du -Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des -Herdes fiel und sie zusammenbrach. - -„So -- so --“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir -- weiß ich -wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib --- --“ - -Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es -+sein+. - -Das Weib lag in einer Ohnmacht. - -Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich -- -der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht --- insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen -vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o -Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“ - -Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals -laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes: -„Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen -kommt, sonst ist’s mein Verderben.“ - -Als sie wieder so weit genesen war, daß sie -- ein Schatten gegen -früher -- in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf -und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem -Menschen, dem Seizmüller, wieder befreit würde. Der geistliche Herr -riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren. - -„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich -lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“ - -Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. -- „Scheiden lassen --- das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett -könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“ - -„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin -schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat -nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen -Eltern folgt!“ - -„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und -wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber -die Schuld.“ -- - -Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den -Pfarrhof. - -Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie -ging zum Gericht und drängte auf Scheidung. - --- Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit -Menschengedenken noch nicht vorgekommen. - -„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei -sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“ - -„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein -Lebtag nicht einwilligen.“ - -„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal, -Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so -wollen wir Euren Mann, den Seizmüller, rufen lassen und ihm seine -Verpflichtungen vorhalten, damit --“ - -„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß, -so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in -solcher Angelegenheit bin dagewesen.“ - -„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der -redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“ - --- So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle -aussieht -- Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die -Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde. - -Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit -einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau -Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen -Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und -kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’ -mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn -schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“ - -Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und -hörte ihr zu. -- Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in -Liebessehnsucht? - -Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie -sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als -einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war. - -„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich -führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet -hast.“ - -„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“ - -„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“ - -Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun -schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen. - -Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein -undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz -aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte. - -Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst, -das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus; -dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich -befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es -die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen -abgelaufen ist, so -- nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist -hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die -Stadt...“ - -Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde -meinte. -- In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur -Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der -Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber -wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann -so zu verlassen -- und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe, -von der er vorhin gesprochen? - -„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der -Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte, -in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt -und ihn verderben lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es -war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht -hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz -Niemanden zwingen kann.“ - -Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s -Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm -ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich -entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge -dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln. - -Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten -sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien -höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im -Zickzack heran. - -„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher -Freund sind Sie? -- Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon -überall der Höllische, wo man hinschaut!“ - -Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist -zwischen den Büschen, man weiß es nicht -- verlangt es auch nicht zu -wissen. - -Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal -fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles, -was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz -verhärten zu lassen zu einem Stein. - -Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und -glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes; -sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen -Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen -die Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. -- Ob der Blasius -wohl schon ein Weib hat? -- Der liebe Schutzengel behüte vor aller -Versuchung. -- Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen, -will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. -- -Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete -sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern -war, so hörte sie von ihm kein Wort. -- Das war ihre glücklichste Zeit -und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber -wie selten! -- Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne -nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und -höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat, -so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige -mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter -und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den -Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben -hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der -Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein -Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen! -Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“ - -Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich -wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir -können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern -Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich, -ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“ - -„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht -Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst, ich wollt’ nicht auch meinem -Gott danken, wärst Du aus dem Hause? -- Thät’st Dir wohl in die Faust -lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das -ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast -mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen? --- Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich -- -Du -- Du Creatur!“ - -Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am -Mühlbach, sank sie zu Boden. - --- Ihrem Leben ein Ende machen? -- Noch so jung, so weltbegehrend -- -und dieses Wütherichs wegen sterben! -- -- Nein, dafür haßt sie ihn zu -sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint -nicht mehr -- in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt, -schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr -geschieht -- alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber -stürzen, als bei diesem Teufel leben. - -Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr -eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle -hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte -auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt, -ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn -erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine -Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. -- Sie -hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte -ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr -verwandt.“ - -„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat -hat gemacht?“ meinte das Weiblein. - -„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa. - -„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die -Alte ein. - -„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“ - -„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch. -Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem -zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. -- Ich glaub’s schon! Vom -Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule -gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch -schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“ - -„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“ -versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer. - -„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im -Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“ - -„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein. - -„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen. -Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich -mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“ - -„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die -Walpa und eilte weiter. - -Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief -sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die -Eidechsen hin und her liefen. - -Auf diesem Stein -- ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange -eines Posthorns hatte sie der Jugend fröhliche Zeit gesehen -- da -fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch -fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag -des Abends goldreicher Sonnenschein. - -Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes -Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch -zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab, -über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich -hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche. -Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron -- und huschte durch -dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und -Sand in den Lüften wehten. -- Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen -Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das -Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann -nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen. -Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem -gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern. - -Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare -verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie -- und hier -auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth, -stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach -seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der -Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der -Schaum des Bergstroms. -- Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie -den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge, -doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen -Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich -in die Tiefe zu stürzen -- da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und -schleudert sie hin an das Ufer. - -Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den -Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. -- Leicht -hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden --- vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß -- sein armes, hilfloses -Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender -Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus. - -Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der -Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank -und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl -sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber -er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem -Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen -gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie -am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus -der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser -stürzen wollte. Just daß er -- der geängstigte Gatte -- noch zu rechter -Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme -bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die -Sache wieder schlichten werde. - -Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller -Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen -lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch -ein vergittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das -ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr. - -„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es -endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch -da -- nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! -- -Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte -ich fest. -- Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen -könnt’, wie er mich martert? Das +kann’s+ aber nicht wissen, er -sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist. -Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“ - -Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine -Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ -- Dann -wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe -uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie -ihr ganzes Herz. - -Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers. -Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen -der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn -so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte, -taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte -sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. -- Man -wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn -kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre -Erlösung vollenden. - -+Was+ will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg -des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt -auf der letzten Station steht? Wiesenwirthstochter! Du, mit Deinem -guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das -vollbringt? -- - -Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der -Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu. -Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel -- dem Thiere ist es Arbeit -und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von -der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging -ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden -strebte eine Kreuzspinne empor. - -Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte -Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke -oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf. -Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. -- - -Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war -schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen -zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann -wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein -gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken -- ein Grabkreuz --- wem galt es, ihr oder ihm? - -Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt, -wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war -dann wieder bewegungslos. - -Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit -seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. -- Soll +sie+ -in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das -tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen? - -Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden -empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene -Fliege. - -„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut. - -„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch -trotzen? Heraus geh’!“ - -Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie -heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit -wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“ - -„Ja, möcht’ mich gefreuen!“ - -„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“ - -„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort. - -Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit -Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer -Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein -gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still. - -Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so -wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die -wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“ - -„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du -Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst -mich ja so gern.“ - -Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege, -wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde -sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift -verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem -verlassenen Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen -Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich -gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in -den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in -Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. -- Aber -das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind -sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“ -Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar -nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja -von selbst, daß man es als Rattengift braucht. - -Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute -beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf -Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch. - -„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann. - -„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“ - -„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf -ich kein Arsenik hergeben.“ - -„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich, -das ist die Seizmüllerin in der Transau.“ - -„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur -gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“ - -Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging, -saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun -aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen -Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so -gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonntagsstaate, -an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war! -Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte -Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch -nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch -schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch. -Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu -den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. -- Ihr war -wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. -- Man hat nur ein einzig Leben, -und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was -häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude -weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein -oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes -Geschöpf. -- Und endlich sollte sie -- die Walpa -- ja der Welt wieder -sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und -fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig -Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren; -es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu -zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir -gegrüßt, mein süßes Leben! -- An einer alten Rothföhre kam sie vorüber, -an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab -sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien. - -Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann -in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange -stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf -demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. -- -Wie schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! -- -- Als sie so auf -ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die -Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage. --- Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun! - -Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer -Schafwollenstoff für ein Frauenkleid. - --- Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der -Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart, -wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! -- -Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! -- -- Es -verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm -nieder -- sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf, -sprang empor -- starrte sie an und grinste. - -„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft. - -„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr -schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst -mir die Augen auskratzen?“ - -„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein -Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich -bedank mich für den schönen Rockzeug.“ - -„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“ - -„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“ - -„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen -wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s -Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“ - -Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging -sie hinaus. -- - -Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke. - -In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner -Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das -Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe -zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er -in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen -durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor. - -„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch -trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn -er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er -leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“ - --- An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben -mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht -- ist das auch -so eine Art Manie? -- Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer -Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun -fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken -wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes -Wesen dürstete nach einer That. - -Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und -Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie -eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes. - -„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie -mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt -uns nicht lang’.“ - -Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben -größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen. - -Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner -in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“ - -Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus -Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das -viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner -geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den -Himmel!“ - -Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung -und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe -wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er -sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes -Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr -einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer -taumelte. - -Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie: - -„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“ - -Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten -Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem -Wandschrank verbarg. - -„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer -Hand. Diese war leer. - -„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth. - -Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten -schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe: - -„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl -sehen.“ - -Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und -stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar -halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der -Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann -eine blaßrothe Halsschleife. - -Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist -denn das, meine Liebe?“ - -„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig. - -„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du -denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“ - -„Weil -- weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“ - -„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“ -schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her, -oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“ - -„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band -hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß -und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“ - -Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man -kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch -nicht verstorben sein!“ - -„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie. - -„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich -die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir -ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause. - -Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem -Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß. - -Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein -blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen, -und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu -sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand -ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe -ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes -Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht -und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden. - -Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie -wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand -gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie -vor allen Leuten zu rechtfertigen. - -Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem -Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle, -er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern -an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der -Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein -Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du, -jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld -gestohlen.“ - -Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte -geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist -weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt -weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du -falscher Satan!“ - -„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“ - -Er ließ sie los: „So sag’ es!“ - -„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“ - -„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann -ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann. - -Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der -Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war. - -Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht. -Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. -- -Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich -wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß -es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s -Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. -- Troll’ Dich jetzt, Du -Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“ - -Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem -Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des -Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige, -und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer -Gelassenheit an weitere Arbeiten. - -Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er -und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während -seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe. - -Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die -schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen. - -„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast -weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug -für allzwei.“ - -Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte -die Einladung. - -Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand -der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone: -„Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“ - -Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus. - -„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich -vergiftet! -- Jetzt bin ich hin! -- Du Weib -- mußt mit mir!“ - -Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen -ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach. - -Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch -den Wagenflur, floh in die Mühle -- der Müller in wüthender Hast, -doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um -den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa -wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch -hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei -zusammenbrach. - -Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war -frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach -einer guten That. - -Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf -welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete -Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. -- -Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und -für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß. - -„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu. - -„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“ - -„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht -in die Transau.“ - -„So wird er wohl wo anders hinführen.“ - -„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“ - -Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler -Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr -eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur -Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen -Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und -Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend -und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit -ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin -und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das -Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und -warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter -den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle -aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse -und: „Der Michel, der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die -Kleinen durcheinander. - -Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der -Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser -davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und -sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund -und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die -Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten. - -Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb -gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen, -daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin -ertrunken sind.“ - -Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem -Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom -hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den -Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte -alles Wasser hervor und rieb seinen Leib -- da hub der Kleine wieder an -zu athmen. - -Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden -unter freudiger Erregung nach Transau gebracht. - -„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser -gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie -wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und -muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet. -Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen -und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die -Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem Graben und -sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“ - -Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern -der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine -große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend -wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen -- und -dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib -heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme. - -Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem -lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag -leer. - -„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man. - -Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht -Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei -versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein -halbes Stündchen nach Hause gehe. - -Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle -doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der -Mühle sei heut’ was geschehen.“ - -Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle -war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute -standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte, -stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr -entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist -daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“ - -Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu -Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt. - -Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei -dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig -an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein -Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In -grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten. - -„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen -ihn in’s Haus hineintragen.“ - -„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen; -wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom -Bezirksgericht da sind.“ - -„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht -Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“ - -Die Leute stutzten. - -„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer, -„vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen -ist!“ - -„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte -ein Anderer. - -„Das schaut seltsam aus.“ - -„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“ - -„’s geht nicht recht her.“ - -„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein. - -Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen. - -Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’ -ich nicht, Du hast was angestellt!“ - -„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn -angestellt haben?“ - -„Wird sich weisen!“ - -Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst -die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür. -Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines -natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben -Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand -dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in -der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere -Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran. -Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes -Gemurmel, ein verständnißvoller Blick. - -Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche -bedeckt. - -Die Herren begaben sich -- es war schon Mitternacht -- in die Stube der -Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in -das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare -aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht. - -Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der -Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“ - -„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“ - -„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“ - -„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie -dumpf. - -„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr -ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar nichts mehr, Seizmüllerin, -gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“ - -Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes -Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an. -Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken -auf den Schoß und sie hauchte: „Da -- da bin ich. Hab’s ja gewußt diese -Ehe bringt mich noch an den Galgen.“ - -Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden. - - * * * * * - -Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll -der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es. - -Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend -die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa -in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das -Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die -Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in -städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter. -Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller -gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte. -Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift -verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr -mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller -würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib -todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft -dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz -weinte. Es war der einstige Postillon, der Blasius Steiger -- nun -schon glücklich verheiratet -- es war der Mann, an den sie liebend so -oft gedacht hatte. -- Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen. - -Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es -war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal -vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später -oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals -Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er -hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen -- „er hätte es -gewißlich gut mit ihr gemeint“. - -Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen -Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf -die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern, -die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein -Blatt. - -Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen -standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz -fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem -Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein -Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere. - -Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große -Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und -konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das -Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe, -ihren Mann aus dem Leben zu schaffen? - -„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa. - -Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers -bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu -erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und -wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem -Peiniger zu befreien. - -Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber -entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht -zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue -empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht -ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß -es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“ - -Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom -Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in -seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der -seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem -mußt Du Dich befreien, -- begann nun eine Rede zu halten, in welcher -er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden -Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß -er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein -langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das -schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses -Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die -Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein -Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste -Weise zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue -gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr -Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte -gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich -möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden -ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange -gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der -verdient das Leben nicht. -- Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen -umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe, -kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben -zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände -hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten; -aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil -seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist -ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit, -welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen -mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes -Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. -- Was Ihnen etwa noch gesagt -werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren -Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen -zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen -Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen, -wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren, -das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes -Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange -für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“ - -Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger -Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu -spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie -sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre -Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie -erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten -Tones: „Der Herr Vertheidiger.“ - -Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der -Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter -Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß -ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender, -dann in warmer Betonung so zu sprechen: - -„Meine Herren Richter! - -Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde -und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch -erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in -diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine -Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden -soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. -- Nie -noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die -Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit -noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten -Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum -nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer, -meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein -Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen -kann, geschweige denn ein warmes Blut von siebenundzwanzig Jahren. -Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält -hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer -gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit -zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie -finden in dem Charakter des Mannes nicht +einen+ lichten Punkt; -er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch -nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar -für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben -gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit -dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten. -Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem -Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen? -Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein -junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie -dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie -sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst -vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht. -Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden. -Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt. -Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein -Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem -verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe, -ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen -gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren -Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen -hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die -wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich -freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich, -die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der -Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe -einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und -Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und -so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte -mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre -nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den -Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor -den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes -Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte -ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in -dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen -klagt sie +nicht+ an, der strengste Richter in der eigenen Brust -klagt sie +nicht+ an! -- Und fällt es Ihnen nicht auf, meine -Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen -Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat? -Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem -andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine -Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das -Leben mit dem Leben belohnen. -- Wenn mein geehrter Herr Vorredner -behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das -Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser -Frau +strafen+, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem -viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie -moralisch zur Tyrannenherrschaft des Ehemannes und begehen einen -Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen -Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie -nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten, -das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke, -im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen -Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot, -dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft -um’s liebe Dasein kämpfen. -- Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem -Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes -Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig -- seien Sie es auch, -und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde -genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht -- -lassen Sie es leben!“ - -Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa -ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne. - -Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu -bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So -erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten -Reihe aus dem Saale in das Nebengemach. - -Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so -aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens -zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt -und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte -Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt -und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer Bank -und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus -ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten -Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses -liebe goldene Licht -- oder die ewige Nacht! -- Welches soll nach -menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? -- - -Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie -hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den -Saal und nahmen Platz in ihren Bänken. - -Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag, -schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine -mit Nein geantwortet. - -Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme -sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir -das Nein geschenkt?“ - -Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur -Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein -Auge nieder und wurde roth und blaß. - -Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort: -„Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt, -nun will ich sterben!“ - -[Illustration] - - - - -Die guldene Grethe. - - -„Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam -Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des ~vulgo~ -Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, -katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der -Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen -Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“ - -So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen -Papierbogen der Gemeinde vor. - -Es war das Fest der heiligen drei Könige. - -Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor -dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ -- der bildlichen -Darstellung von unseres Heilandes Geburt -- brannten zwei Wachskerzen, -die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es -sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme. - -Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die -heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und -ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch -die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel -Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat -des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein -Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, -dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein -Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger -in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem -anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten -den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit -und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du -stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem -Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine -Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die -hunderttausend Forellen im See dazu. - -Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael -dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre -Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael -Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der -Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde. - -Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der -Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein -Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen -konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, -hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit -ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt. - -Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben -Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf -der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr -einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze -Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: -„Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und -alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. -Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich -kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die -Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge -Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber -die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig -davon gegangen bis zur nächsten Almhütte. - -Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben -den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau, -und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen. - -Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, -und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, -wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und -Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten -gehabt. - -Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der -See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit -der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter -hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die -Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt -zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz, vom Himmel im -Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet. - -Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit -dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein -Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst -berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen -könne. - -Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine -Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und -die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den -Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines -Weges. - -Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung -gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde -schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam! -Hast aber eilig.“ - -Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit -krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten, -zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte -eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen -Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, -wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter -einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, -zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder -gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie -goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie -manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine -halbe Welt von ihr spricht“. - -Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, -aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. -- - -Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen. - -„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“ -sagte das Mädchen, ihm näher kommend. - -„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz. - -„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme -Kirchweihnacht --“ - -„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“ - -„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast --“ - -„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“ - -„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --“ - -„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren -kann.“ - -„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“ - -„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“ - -„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein -Mädchen zu arm und zu gering sei --“ - -„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“ - -„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“ - -„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“ - -„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und -ich habe den Franzl fahren lassen, und hab’ Keinen mehr angeschaut, -und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich -hab’ ich gedacht. -- Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen. -Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“ - -Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste -gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie -sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, -weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten. - -Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen -warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und -ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg -ab, der zum Bauer an der Wand führt. - - * * * * * - -Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen -geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren -dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, -der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge -ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles -versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. -Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen -Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von -unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des -Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, -wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt. - -Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze -Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Candiszucker geformt. Die -Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag -finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch -nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit. - -Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war -eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für -die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die -übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des -Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß -aufspunden. - -Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein -des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein -hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber. - -Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche -Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim -letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch -blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun -pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt. - -In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit -allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende -des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der -Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig -einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene -Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende -Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft -verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen, -geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ -sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that -einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll -ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es -die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst -nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig --- aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl -hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner -vornehmen Lahmleidigkeit -- aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein, -und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande -und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht, -was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und -thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten -früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! -- --“ - - * * * * * - -Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller -loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man -kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. -Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an -zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern -zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt. - -Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein -Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn -- wie -die Leute sagen -- mit einem Messer könnte in Stücke schneiden. - -Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und -guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander, -jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn -über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit -Kähnen zur Sommerszeit. - -Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln -hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern -die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre -vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar -die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird -mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles -schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und -das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich -gezierten Raum. -- Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die -Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen. - -Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein -Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes -Schlachtfeuer. - -Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen. -Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente -klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem -Nebel hervor -- rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, -die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend -und hüteschwingend die Hochzeiter. - -Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf, -und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß -die Kirchenfenster schrillen. - -Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne, -schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan. - - * * * * * - -Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. -In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür -vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon. - -Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln -strichen ihre gluthheißen Wangen. -- Jetzt werden sie getraut, dann -ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser -wie ich? -- Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr -den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben -die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das -Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. -- Und wenn -der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den -Hof -- - -Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte -am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser -auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich -sie mitreißen kunnt, All’ miteinander -- nachher mit Freuden -- mit -Freuden!“ - -Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und -Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und -zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über -den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne -sehen. - -Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer -troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze -Wache. - -Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf -einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene -Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak, -wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. -- Der -Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel -davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste -Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den -Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche -Kaisertabak!“ - -Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch -ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig -und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft; -ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den -Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige -Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese -Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem -weitläufigen Wohngebäude. -- „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer -Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm -eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar -das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief -aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“ -- - -Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter -ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt -durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren -die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben -hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an -den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große, -kluge Augen. - -Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger -Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert -das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen -an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum -Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken -nieder -- -- - -Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in -den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm -der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine -Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei, -ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? -Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“ - -Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr -vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen. - -Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie -die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen. - -Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. -- Ueber dem Haupte die -dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie -niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen -- ist das eine trübe, -kalte Welt! - -Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das -aufwallende Blut. - -So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen -hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still, -sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der -Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, -zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles -still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da -sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose -Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und -unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: -„Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur -in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so -stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß -ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. -- Jetzt -sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. -- - -Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, -und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und -Zack fliegt eine dunkle Linie -- ein Riß -- -- es berstet das Eis. - -Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; -sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun. - -Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern -mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war. - -Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin -- der See ist breit -- -und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des -Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die -Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist -Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit! - -Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser -Wintertag. -- Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt -mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben -und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder -flattern in der Nacht -- der Boden kracht -- wankt. -- Glückliche -Fahrt, Seesteinerleut’! -- Es muß so sein, der Himmel will es selbst so -haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern -in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen, -kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt --- sie weiß es nur um eine Stunde früher. -- - -Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse -und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte -Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht -aber nicht. - -„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl -wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den -Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“ - -Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s -Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. -- Sie eilt auf ihn -zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch, -Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und -schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im -Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte -dem Rachegefühl. - -Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon -jahrelang krank. - -„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, -„will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist -schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so -gut, und nimmt Dich zu sich. -- Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott, -Greth!“ -- Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die -Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der -Loserwand hinan und ging hin über die Höhe. - -Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand -die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das -Mädchen lief seitab. - - * * * * * - -Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach -dem Bruder geschickt. -- „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu -lügen auch schon an! -- Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath; -jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So -sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon. - -Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es -zog ein frisches Lüftchen. -- Die Hochzeiter werden doch nicht schon -abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von -der Hirschwand herüber der See einbricht. -- Ei, ja, die bleiben heut’ -schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit -in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein -Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s -aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. -- -Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin. - -Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund -gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter. - -Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig -spät in das Dorf hinab. - -Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln -Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind -schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. -Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof -drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom -Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde -Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und -Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer. - -Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt. - -Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. -- Sie rennen in ihr -Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der -Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er -hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, -schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er -hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen -sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See. - -Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren -heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt, -er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem -Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter -wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis -erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken’s -nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist -Alles vorbei! -- - -Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie -sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren -schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln -waren wie zwei Sternchen. - -Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer -Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, -ja sie +müßten+ stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen -glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände -zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel -für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger -Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen! -O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“ - -Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere -Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden. - -In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein -auf. -- --- - - * * * * * - -In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel -abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in -dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin. - -Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners -und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem -lächelnden Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein -löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch. - -Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im -Vorhause gellte ein wildes Auflachen. - -Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das -Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die -Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie -in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das -alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen -Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie -auch. - -Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her, -Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“ - -Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die -Greth auf, und verließ das Haus. - -Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die -Eisdecke krache. Sie hörte nichts -- ja, das Wirthshaus hörte sie, und -den Jubel, und immer nur das. - -Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und -als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, -da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles -auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin, -sie war unschuldig -- der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das -Eis bricht selber ein. -- Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s, -daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht -darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie -in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch. - -Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten -nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen. - -Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie -einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen -heiseren Schrei. -- -- - -Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine -Augen. - -Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, -das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war -gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. -„Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich -in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen -schwebten die zwei glühenden Aeuglein. - -Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen -fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich -fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, -eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein -Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. -Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende -des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und -Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit -unter das Strohdach. - -Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, -leuchtete. - -Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände -oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen. - -Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil -nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die -Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen -auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. -Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken. - -Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des -Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst -die zwei Aeuglein auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie -heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf, -und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage. - -Sie waren gerettet. - -Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das -Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden -in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem -Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück -auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter. - -„+Das+ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte -ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen -Weibe den Arm zum Aussteigen gab. - -„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der -Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. -- Eine Närrische haben -wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“ - -Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht -ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie -erbleichten. - -Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie -verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie -mit kläglicher Stimme. - -Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß -zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis -bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in -ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so -kalt. Dort stand der kleine Feuerherd -- jetzt dachlos in der Nacht; -die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin. - -Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von -der rauchenden Brandstätte entfernen. - -„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum -Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. --- Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie -sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte -zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir -die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“ - -Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am -Herde kauern -- erstickt und verbrannt. - - * * * * * - -An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte -es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und -her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle -Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen. - -Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem -Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben -und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in -das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine -gesicherte, warme Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der -Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen -Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe. - -Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen -sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, -ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den -kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun. - -Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind -darauf geschrieben: - - „Hier ruht die guldene Grethe, - Geläutert hat sie erst der Tod; - Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth - Gedenk’ an sie und bete!“ - -[Illustration] - - - - -Der Waldbrand. - - -Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt -schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch, -daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender -Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man -vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das -Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der -fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen -Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem -Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und -Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun. -Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein -fürchterliches Unglück. - -Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus -Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut -des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich -das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen -das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine -silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach -weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner -vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen -griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren -Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet -und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und -Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und -Hitze zwangen sie zum Einhalten. - -„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch -das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos. - -Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den -Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch -zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen -haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor -dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“ - -Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf -und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits -des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und -muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und -wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten, -gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben -brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der -Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie -wenn der Blitz in ihn gefahren. - -Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer -schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s -Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor, -ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“ - -Der Grübner fährt auf -- das ist ja wie am helllichten Morgen! und -wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald -wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im -Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch -die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose -Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu -sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem -Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das -waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und -ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle -Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum -Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und -nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und -raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos -von den Bäumen zausen -- und er schlug sich die Faust in’s Gesicht, -daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten -kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den -fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! -- Bub’!“ -rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so -sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“ - -Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht. - -„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer. - -Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei -arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie -abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser -hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare -waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth -beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der -Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist. - -„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen -und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als -gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das -Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel -dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man -nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen -Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie -in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die -Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches -dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der -Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte -fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten -war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den -ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen. - -Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem -folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das -rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den -Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang. -Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien -in das Thal, und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf. -Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht. -Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur -dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine -einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten -Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten -davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab -sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und -machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu -thun sei. - -Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die -Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen -das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und -links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand, -blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab -heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie -ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein -einziger lebendiger Baum mehr drüben -- Alles verdorben. „Gregor!“ -schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein; -jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein -ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon -sagen -- aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’ -zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den -Hof hinab. - -Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen -- ein -Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von -den Hängen -- zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines -verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus -noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen -in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann -reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume -wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der -Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als -Genovefa vor ihm stand und fragte: - -„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“ - -„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die -Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“ - -„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm -doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“ - -„Ei, nu, und +wenn+ ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich -an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein -gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze -Jahr, und nicht Du! -- -- Wird halt bei den Löschern gewesen sein und -heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben -- was weiß ich!“ - -Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er -sprach kein Wort mehr. - -Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus -nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber --- heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging -fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer -Arbeit, aber heute +mußte+ sie, und sie wußte doch nicht, wer es -ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts -gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen, -und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu -kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als -sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald -beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine -Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm -förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und -blutete an einzelnen Stellen. - -„Jesus -- aber Gregor!“ schrie Genovefa. - -Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“ - -„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde; -heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“ - -„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das -Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt -so was recht ab. -- Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist, -brennt es noch wo?“ - -Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die -Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben. - -„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann. - -„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“ - -„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein -brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß -schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib -gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich -nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat -das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der -ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“ - -„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich -heim.“ - -„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl -- hab’ mir sie ein -bißchen stark verbrannt.“ - -„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“ - -„Meinst Du? -- Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst -bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du -bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt -- heute ist es -mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre, -so wärst Du jetzt eine Bettlerin. -- Ei, laß mich, es ist mir so heiß -in der Brust -- Vefa, wenn ich +doch+ sterben müßte! -- Bauer, -wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir -jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir -keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’ -ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du -mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“ - -„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“ - -„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur -so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß -nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“ - -Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu -der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser -Noth. - -„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es -aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand -sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben -muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so -kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe, -so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie -mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. -- Leg’ mir -jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und -sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa; -und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß -ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa, -daß ich den Wald angezündet hab’!“ - -„Jesus Maria! -- Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit -der Schürze zu und zitterte. - -„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr -Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun -mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken, -daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins -ist uns jetzt halt auch begegnet. -- Am Samstag zum Feierabend bin -ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne --- das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und -auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald --- nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird -- das Korntragen war auch -schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf -einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl -gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein -an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’ -genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu -feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir -brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie -sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so -beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin -dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach -geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den -nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den -Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria! -denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten, -hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’ -ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner -Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald -mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und -lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so, -Vefa. -- Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da -- da drinnen brennt’s -so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“ - -„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er -sogleich um den Arzt fährt.“ - -„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich -schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“ - -Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und -dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet! - -Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich -bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer, -der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“ - -Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr -zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen -wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf -der Weid’.“ - -Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer. - -Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd: -„Wo liegt er denn?“ - -Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer -ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen -das Dorf. - -Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen, -Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen -hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie -schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja -vorüber. - -Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und -Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud, -die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten -gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an. -Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen -waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb -Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu -geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch -einige Schritte weiter. - -Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag -auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt. - -Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester: -„Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch -den Wald hinauf gegen das Dorf. - -Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet. -Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit -zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde -zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen -den Grübnerhof. - -Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen -und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er -einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen -die Wand, wo die Bodenstiege war. - -Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und -legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit -einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie -zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag. - -Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften -die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei -Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen -Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten -Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter -geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das -Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun -todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen -verkaufen kann um Geld. -- Der Mann biß sich derb in die Lippen, das -Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock -- aber -dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und -hätte sich gar alle Beine gebrochen. - -Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm -her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm -war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er -ihn erst, weil er das Essen halb verschütte. - -Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene -Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das -Merkwürdigste war ein Eichhörnchen -- oder war’s ein Wiesel, man kannte -es nicht mehr recht -- es hing an einem Baume und hatte sich fest um -einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz -und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren -jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart -und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit -demselben erst zur Welt gekommen. - -Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das -fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der -sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein -großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder -- es -ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht -sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen -lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s -auch gethan haben, der ist so Einer, der! -- So war das Denken des -erbitterten Mannes. - -Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im -halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus -Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen -die Hölzlein noch herum -- hat der mir den Wald --?“ - -Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte -auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht -bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen -sterben müssen!“ - -Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer -so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’ -ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er -mir gegessen!“ - -Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört, -was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger -abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor -so redet.“ - -„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud; -„ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s -schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar -nicht sagen, aber -- da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die -andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein -Christ.“ - -Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit -Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen -schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein, -und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen. - -Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen -um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt -mir +den+ da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem -Hause kommt!“ - -Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still, -und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht. -Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht -nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände -ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten -- Ihr -laßt den Gregor ordentlich begraben!“ - -„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los; -„ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug -trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’ -nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber -jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem -sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? -- Nu, und hast noch nicht -g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm -- laß Euch -gern forttragen, all’ Zwei, gern!“ - -Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die -Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine -nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch -ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für -den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft -hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich -schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne -Tabak thut es sich halt auch nicht -- aber für ein ehrlich Begräbniß -wird schon noch was übrig bleiben. -- Ich bitt’ Euch, Bauer, der -Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s -immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten -- laßt ihn christlich -begraben!“ - -„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und -glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? -- Kasten und Kleider! -Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen -Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für -den starren Gregor da draußen -- ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt -mir den Wald? Wer? -- Treu und fleißig gedient, ja -- als ob ich ihn -dafür nicht auch bezahlt und +über+zahlt hätt’!“ - -„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen -verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd -wieder. - -Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du? --- Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner -ist ein Stein!“ - -Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd, -und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte -bitterlich. - -Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem -Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit -der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und -Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine -Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete. - -Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa -allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu -ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes -Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich -begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen -Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die -Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals -beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen -- und wie der Bauer -nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur -+ein+ solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und -lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch -eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’ -mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein -Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“ - -„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr -davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor -nicht nachflucht -- der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“ - -Und sie redeten nicht mehr davon. - -Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das -Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann -man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes -seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten -Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die -Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die -Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter -wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben -wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter -und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den -Schweiß und graben. - -Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus -steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel -hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen -Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen -in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel -fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die -Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht: -„Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen -die Haue über die Achsel und gehen heim. - -Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil -im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst -thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig -abbrechen.“ - -Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem -Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist -- wie er -gerade um einen kleinen Felsen säete -- ein Vöglein vor ihn hingehüpft -und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in -Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden -zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der -Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet. -Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same -eingewühlt -- dann war es für dieses Jahr fertig. - -Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte -noch -- endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich -unter das Dach zurück. - -Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte, -die im Stalle zu schaffen verstand wie nicht bald Eine, mußte heuer -auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft -dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die -Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals -auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen -ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken, -aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl -und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und -einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten -vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ -er nicht rufen. - -Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die -Vefa nichts?“ - -„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“ - -„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“ - -„Nein, sie kriegt nichts!“ - -„So! -- Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute -denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe, -und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer --“ - -„So Einer! Was für Einer?“ - -„Was Du an der Vefa thust -- man kann Dir bei Gericht nicht an, das -weiß ich, denn Du hast sie überredet -- aber +schlecht+ ist es von -Dir! -- Bauer, Du bist ein elender +Schuft+!“ Mit diesen Worten -spie ihm der Knecht in’s Gesicht. - -„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch, -wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“ - -Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und -schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach. - -„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an, -„komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher -- bin so zornig -gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“ - -Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die -Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum -und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann -ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch -nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen -und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was -er dem verhaßten Bauer gethan hatte. - -Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch -Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre -waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf -wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach -wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn -ihn irgend etwas wurmte. - -Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es -um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa -rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die -Vieher röhren fürchterlich.“ - -Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine -Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh -war von der Kette los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den -wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah, -war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den -Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte -in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’ -war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit -sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und -kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in -der Wagenhütte -- er war nirgends. - -Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge -kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam -wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei -den Thieren wie einst. - -„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und -oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof -wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen. -Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur -manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den -Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. -- -Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum -Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet -und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es -verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht -zurück. - -„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht -mich noch närrisch!“ - -Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem -Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren -keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der -Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen -Kinder thun Einem die größte Pein an.“ - -Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den -Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner, -er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles -gut und es geschehe ihm nichts zu Leide. - -Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner: - -„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach -Amerika.“ - -„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an, -aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf -die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“ - -Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher, -als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange -des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges -kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da -sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld, -als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer -hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte. -So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras- -und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich -gedüngt. - -Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken -- so viel -erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch -wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem -Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz, -es war neues Leben in ihm. - -So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle -mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt -nach der Reihe über den Hang hinauf. - -Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem -folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und -zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe -ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden -- was man -denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als -schneiden, immer schneiden -- nur daß sie sich zeitweilig noch das -Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß -und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze -Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie -dachte daran, daß heute der Jahrestag -- Gregor’s Sterbetag sei! Als -sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und -Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte -am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte -damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem -Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches -der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht -mehr versengt, es grünte schon wieder. - -Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete. -Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau -auf diese Stelle -- nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen, -nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den -einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa -ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte. - -„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß -schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und -faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst -merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst -glauben!“ - -Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und -selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch -fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete -während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom -Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon. - -Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß -unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit -nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt -noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die -Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt -hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen -eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so -schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und -in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und -taumelte zurück. - -Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte -ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das -Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern. - -„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die -zerfallende Leiche. - -Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er -mit dem Arm in die scharfe Sichel -- aber er gab keinen Laut von sich. -Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch -Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. -- Für -diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen -den Bauer auf zwei Stangen. - - * * * * * - -Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den -Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und -her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte. -Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück -geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist -herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das -war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die -bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht -mehr. - -Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es -ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn -sonst wär’ er todt gewesen.“ - -Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die -Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“ - -Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn -der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das -Testament gemacht. - -In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der -Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht -hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein -daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf -den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die -Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“ - -Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem -Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen -die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang, -bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein, -und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab. -Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin -ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des -Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem -Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten -- so -steht’s im Testament. - -Aber Genovefa arbeitet doch -- sie würde sonst krank, meint sie. Nur in -der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf -den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das -grüne Sterbebett ihres Gregor auf. - -[Illustration] - - - - -Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen. - - -Eine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den -weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu -schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie -auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott -verlassen.“ - -Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne -emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme -schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem -Baume gesehen. - -Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter -ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird -fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es -keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst -Niemanden. - -An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten -wollten, aber auch nicht ruhen -- der Tag zum Beten und Sündigen. - -Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann -von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im -Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in -ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe -ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe -kommen. - -Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut, -in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind -sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina, -die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt -und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet. -Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade -den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein -Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt -wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen, -stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene -rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr -lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele. - -Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr -wünschenswerth macht -- und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s -der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und -in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst -die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den -Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei -einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt -ist. - -„Anasti!“ - -Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns -ein blondes Mädchenköpfchen wiegen. - -Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang. -Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann, sein Gewerbe ist zwar keine -Schande, aber ein Spott -- er schafft die verendeten Thiere abseits. -Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen, -diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister -Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes -und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den -Haushalt; +sie+ stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl -die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten, -sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der -Andere. -- - -„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun. - -„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn. - -„Dich will ich,“ antwortete sie. - -„Warst Du heute nicht in der Kirche?“ - -„Freilich wohl.“ - -„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter -richtig ist.“ - -„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und -komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“ - -Er that einen Lacher und ging zum Zaun. - -„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei -der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie. - -„Dummheiten.“ - -„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“ - -„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“ - -„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender -nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst -wissen.“ - -„Das weiß ich.“ - -„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“ - -„Geh’ heim und rede nicht so albern.“ - -„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß -Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“ - -„Du fängst mir wieder selber an!“ - -„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr -gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit -kommen, aber +vor+ der Copulation.“ - -„Susi!“ rief er aus. - -„Ja,“ gab sie zur Antwort. - -„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ +ich+ Dich verführt? -Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den -Wald. Hab’ +ich+ Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem -Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu -gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“ - -„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts -Unrechtes, wenn man müd’ ist.“ - -„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“ - -„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und -weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für -Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“ - -„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen -kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will -oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast, -daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“ - -„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir -gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“ - -„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die -Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück. - -„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine -gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt. -Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch -Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den -Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir -nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“ - -„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“ - -„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben. -Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar -nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“ - -Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. -- Das ist der Teufel von -einem Weibe! -- - -Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen -getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie -hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange -hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere -gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen -Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war, -auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit -freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen -vernünftigen Schluß fassen werde. - -In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die -Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr -er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie -verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit -des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen -treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich -sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der +vor+ -ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben -könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei. - -Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es -doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß -wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an -eine Trennung dächten. - -„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch +mich+ zu -diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und -Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich -es von Dir.“ - -Das war recht klar gesprochen. - -Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So -wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen -zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen. - -„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den -Weg!“ - -Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern -habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück -verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten -- ich nicht.“ - -„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr -meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“ - -„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man -freilich einen Kopf.“ - -„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand, -die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf -alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil -Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes -zu nennen.“ - -„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig -an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück -ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die -Sünde, die an Euch hängt, müssen +wir+ büßen mit Verderben und -Sterben.“ - -„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts -dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen -wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei -Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“ - -„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“ - -„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“ - -„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann, -um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange -nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe -ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst -leicht nimmer los!“ - -„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er. - -„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich -oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen --- Du wirst gewiß Viele kennen -- so bist in einem Irrthum. Haben -+will+ ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich -lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“ - -„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht -und mit funkelndem Blick. - -„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am -Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“ - -„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir, -daß Du früher beichten gehst.“ - -„Wie meinst das?“ - -„Man kann nicht wissen, was geschieht.“ - -Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie -um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn -das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen -lasse, geschehe ein Unglück. - -Es kam auf diese Zeilen keine Antwort. - - * * * * * - -Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am -Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem -Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht -an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich -besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu -Liebe der Rache entsagen zu können. - -So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht -die ganze Welt sich um das Glück seiner Person drehen sollte. -- Daß -dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine -ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam -seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne. - -„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm -plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du -kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“ - -Gratina, seine Braut, stand neben ihm. - -Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn -Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe -gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was -an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar -zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren, -die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler -gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht -viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei -Auszeichnungen über alle Maßen wohl. - -Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem -Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg -dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch. -An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe -brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und -das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein -förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster -zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die -Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz -in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren -Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der -Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“. - -Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge -Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das -Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften -Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück -zugetragen.“ - -„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt -schauen wir, daß wir weiter kommen.“ - -Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren -Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken -haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit -einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst. - -„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren -Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein -ungeschicktes Messer bei Dir.“ - -„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen -weiter. - -Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen, -Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle. -Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit -geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er -wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können; -allein sie zog schalkhaft die Thür zu. - -Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei -demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen -zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder. - -Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um -ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte. - -Wenn sie Wort hält und kommt, so ist +jetzt+ die Zeit dazu. -- - -Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier -müßte sie kommen. -- Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf -den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal -mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen -beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth -geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß -sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch -wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr -Leben einen Freund an mir haben. -- - -In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen -von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue -Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des -Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her -geworfen wurden. - -Plötzlich schritt Suschen heran. - -Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und -blickte ihn höhnisch an. - -„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“ -sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“ - -„Wenn Du zum Hof willst, so ist das +Dein+ Weg nimmer!“ - -„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole. - -Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und -fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’ -Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr. - -„Stich mich nieder!“ stöhnte sie. - -„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem -wilden Satze über das Geländer. - -Ein einziger Schlag unten im Gestein -- und das Wasser brauste fort und -fort. -- - -Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei -Bauern schritten rasch heran. - -„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“ - -„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht -fangen.“ - -Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der -Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht -verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei. - -Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte -des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von -dem Holzkorbe der Alten -- eilte damit davon. - -An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im -Geäste der Antlistanne leblos. - -Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute -nicht verwaschen sind: - - „Hier auf dieser Straßen - Hat mich Gott verlassen.“ - -[Illustration] - - - - -Es reigt in Lust ein Liebespaar. - - -Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans, -der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im -Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt -vorbeischleicht. - -Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine -Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art -Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche -dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener -Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch -Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können. - -Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. -Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die -zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen -herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. -Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer -Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, -desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer -und summender das Tönen. - -Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, -und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und -unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott -zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, -der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich -der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen -zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr -geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und -durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht -vollkommen genug. - -Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke -auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, -daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich -allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im -Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten! - -Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so -ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei -Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere -der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. -Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik -gemacht wird -- so war es denn Musik. - -Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine -solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit -erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten -sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon -gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern -allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, -die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war -gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis -zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit -einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was -sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder -und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was -eben die Leute verlangten und -- bezahlten. - -Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem -Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen -über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter -auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine -heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, -sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück -probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück. - -Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum. - -Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der -Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, -keine gute Zeit. -- „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich -nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder -zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo -er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. -Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch -braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen -und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von -seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er -alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes -lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was -vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm -gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel -getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, -dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze -Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die -ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ -verspotteten -- aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu -Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges -Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein -Pfeiflein Tabak -- und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes -mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, -welches wir Heimweh nennen. - -Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und -sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele. - -Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die -Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen -zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau -zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“ - -Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd -davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar -keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden, -entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die -Erde nieder. Und da dachte sich der alte Hans: Freilich, freilich, der -Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der -Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. -- - -Auch dem Hans -- dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten -- wird -das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die -Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur -Frucht gediehen ist -- ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es -vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute -verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu -hören. - -Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken -nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant -einmal um den Namen gefragt. -- Umsonst wollt’ sie den Namen nicht -sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste -Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. -- Von dieser Zeit her -ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der -Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und -gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl -recht froh, daß ich wieder daheim.“ - -Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange -noch nicht tausend Wochen alt, und er -- schon gebeugt und mit weißem -Haar. - -Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand -auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam -sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als -sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“ - -Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge -Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu -ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“ - -„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd. - -„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden, -und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“ - -Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte, -mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren -Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war; -sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit -einander gesprochen. - --- Ist’s ein Scherz -- so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken --- so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst -- -- -Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl -lang sein.. - -„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“ - -Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf -Groschen.“ - -„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten -die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der -Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf -Güterhalbscheid.“ - -Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt -an seine Brust. Doch, als er wieder davon war -- ich meine, er ist -schnurgerade zum Pfarrer gerannt -- da hat sie den Ziegen zugeschrien: -„Ja bin ich denn gestorben -- denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“ - -Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht -lang’ -- in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen. - -Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus -geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die -vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben -gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der -Burschen hat’s büßen müssen. - --- Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen! -seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster -beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah -Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er -dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes -Glück er ihr wünsche. - -Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es -der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem -Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür -heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu, -Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und -rastet ab!“ - -Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der -lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“ - -Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein -Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich -selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles -so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte: -Bei der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den -Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner -schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen. - -Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe -und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern -her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige -Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem -Kissen, mit einer Decke durch die Stube. - -Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei -sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen -- und that einen gedehnten -Zug aus dem Kruge. - -Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans, -kriegen wir gar nichts zu hören?“ -- Er hätte das Wort wieder einfangen -mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß -zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade -heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten -vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit -freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na, -Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein -andermal.“ - -„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund -rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl -vormachen -- das wohl, ei, das wohl!“ - -Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument -und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug -er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen -- auch +sein+ -Spielwerk muß gestimmt werden! - -Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem -eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar -nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen, -daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die -anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt -nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen -ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des -Tonbrettes sein -- jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder -beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell -hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist -es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen -anderen Tonspielen. - -Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine -liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie -schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und -horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die -Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein -zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß. - -Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu -mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer -Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser -sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s, -hopsen wir Eins mit!“ - -Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen -Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten -Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes. - -Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier -auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust -gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick -kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll -haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen. - -Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute -schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der -Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank. --- Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn -bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten -Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern -reigen. - -Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann -eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck -faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch -ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die -Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten -rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher -und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien -es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war -niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme -hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich -weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten -sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren -hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem -Krampfe umklammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren -Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen, -halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen. - -So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks --- da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei -gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden -hingekollert. -- Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die -Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes, -langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt -sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen. - -„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig -frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“ - -Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich -und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug -die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“ - -„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“ - -So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten -sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und -sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu, -an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu -dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich -zum Abzuge. - -„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der -Sandhauser plötzlich. - -„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein -paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon -wieder gut.“ - -„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib. - -Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus. - -Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“ -So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf -den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein -Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das -letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses, -hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über -Dich!“ - -Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen -anzuzünden, das er im Munde trug. - -Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen -stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt. - -Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist -ganz gut?“ - -„Ja,“ antwortete er. - -Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“ - -„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er. - -Da wurde sie blaß. - -Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer -über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen -schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur -Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren -hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei -große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war -der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und den drei -Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in -Gottes Namen!“ - -In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der -Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug; -schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann -mit Hüllen zu versehen -- so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald -war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser. - -Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah -den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte -an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda -wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt -legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und -sagte nichts. - -Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu -holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre. - -Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte -bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht, -reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der -Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er -lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie -schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s -schon besser.“ - -Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und -wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses -Tuch um die Stirn. - -Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin -in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem -Bette kauern. - -Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu -fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn -sie sich nicht schlafen legt.“ - -„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts -- gar nichts ---“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu -unterdrücken. - -„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar -keine Sorgen machen. -- Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die -Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber -- muß -sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“ - -„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg -- mit ihm?“ - -„Na, nu -- vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu -Bette!“ - -Das war befehlend gesprochen. - -Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie, -„wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“ - -Er nickte ihr beistimmend zu. - -„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“ - -Er lächelte. Sie drückten sich die Hände. - -„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda, -wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder -auf.“ - -Dann gingen sie auseinander. - -Der Arzt kam auch zu +ihrem+ Bette, das unten in der großen Stube -stand. Und er schickte durch den Boten auch für +sie+ Medicin -- -ganz die gleiche, wie für den Mann. - -Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm -der Arzt: „Dieweilen nur Mandelmilch trinken, ich komme bald nach. Und --- was ich sagen wollte -- wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“ - -Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die -Koberburger, wen es anginge. - -Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen -Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich -gehört, die jungen Sandhauserleut’!“ - -„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als -der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus, -wenn nicht allzwei.“ - -Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte -hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. -- Dem ginge es schon -besser. -- Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? -- Das hätte ihm der -Arzt bislang noch verboten. - -Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“ - --- Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges -Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. -- - -„Ich meine allerweg -- die hat sie schon eingeathmet.“ - -Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch -bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine -- gar keine. - -Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist -dem -- Hans sein Spielwerk -- immer so bekannt vorgekommen. Und -hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine -Charfreitagsklapper.“ - -Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu -sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes -durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum -Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand. - -„Was suchst denn?“ fragte die Kranke. - -„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete -die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze, -welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt. -„Was brauchst denn -- jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem -sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s -- mein -Mann stirbt!“ - -Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s -Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“ - -Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. -- - -Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die -Hand, der bewegungslos dalag. - -Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser, -kennst mich noch?“ - -Er neigte kaum bemerkbar das Haupt. - -„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten -Wunsch gern vollführen.“ - -Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er -die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens. - -„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin. - -Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und -beteten: „Vater unser!“ - -Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf -die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen -standen. - -So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich: -„Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ, -verlaß ihn nicht! O heilige Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef, -steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut -sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht! -Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o --“ - -Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen -von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche -trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten. - -Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da -löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden -zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon. - -Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute, -schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte: -„Die Frieda! -- warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“ - -Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile; -endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte -Nacht gewesen, Sandhauser.“ - -„Ja,“ antwortete der Kranke. - -Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine -Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er -etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“ - -Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um --- unten in der Stube!“ - -Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war. - -„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er. - -„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar. - -Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte. - -„Es kommt mir heut -- nicht recht vor!“ rief er fast laut. - -„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt -sein.“ - -Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal -wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler -Menschen. - -Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte -Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im -Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon. - -„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird -denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“ - -Man hatte keine Entgegnung. - -„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still -und starrte wie sinnend drein. - -Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den -Kranken auf. - -„Jesus! -- Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“ - -Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die -Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an, -herzerschütternd zu weinen. - -Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen. -Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden. - -Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war. - -Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s -Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet. -Und die Schwalben waren längst davon. - -Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben -sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt: -In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden, -versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden. - -„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen -entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn -sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die -Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu -hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s -ist grausig!“ - -Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten -Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben -meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten -wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen. - -Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen -Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck -drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an -seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen. - -Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und -vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so -oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt -sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt. - -[Illustration] - - - - -Trotzköpfe. - - -„Ja!“ sagte der Flori. - -„Nein!“ sagte die Vrona. - -„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche -- sein dunkles Auge -leuchtete. - -„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen -- ihr blaues Auge -zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm. - -„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein -heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben? -Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer -sagt?“ - -„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“ - -„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches -Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in -Ewigkeit Adieu!“ - -Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie -hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und -schau’ in mein Herz! -- Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“ - -„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s -+einmal+, was Du mir tausendmal hast gesagt.“ - -„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter -Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’ -ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner -Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn -Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört -morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“ - -„+Dir+ gehört’s und ich werde Dich nehmen.“ - -„Du +wirst+ mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber -ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. +Ganz+ frei -sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“ - -„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der -Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte -Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’, -Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“ - -„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben -kannst?“ - -„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche. - -Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der -Kaiser.“ - -„Wieso der Kaiser?“ - -„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei -Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“ - -„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der -einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich, -die Wirthschaft ist groß -- so bin ich frei vom Soldatendienst.“ - -„Frei bist?“ rief das Mädchen aus -- es war ein Jubelruf. - -„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn -wir Hochzeit halten?!“ - -Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein. - -Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der -blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der -Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert. - - * * * * * - -Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und -verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen. - -Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau. - -Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm -dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte -er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er -gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille -stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine -Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit -vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen -und erzogen und geliebt wie ein Kind. - -Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind -geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn, -und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen -hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt -war -- und so stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da. -Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld; -Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid! - -Sie thaten nichts Schlechtes. - -Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so -viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa -im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich -gefestigt und verknorrt, bis -- in seinem fünfzigsten, in ihrem -dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten -Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht -viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig -im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig -wie sie. - -Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das -Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur -allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht -- der Knecht seines -Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß -von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori -ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft -gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als -daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so -gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand. - -Das bedenkt der Schwandhofer. - -Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori -ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl -dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will -der Schwandhofer den Burschen losbringen, so muß er ihm Haus und -Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie -nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien -schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er -will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu -verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei! - -So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem -Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die -Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele -- seit -kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen -Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er -nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben -einen empfangen. - -Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in -welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im -massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der -Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht, -und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es -ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit -auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie -ein Weniges, dann rückt er ein Weniges -- sind noch nicht beisammen; -sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie -richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit. -Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage -geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und -bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen. - -Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl -seinen Sitz im hohen Rath -- auf dem Schemel neben dem Wandschrank, -auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht -- aber er hatte keine -Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich -mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und -schickt sich an, als wollte er reden. - -Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an -und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft. - -Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt -angehen!“ - -Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider -zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“ - -„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann -ich nicht allein stehen.“ - -„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte. - -„Ich will heiraten!“ sagte der Flori. - -„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone. - -„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange -umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“ - -Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des -Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf -man fragen, wer es ist?“ - -„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“ - -„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann -nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit -derselben klarzustellen, und der Gründe waren so triftige, daß er den -eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte. - -Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand -gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus -Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet -hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte: -„Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht -ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich -vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun -Folgendes zu sagen: - -„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der -Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts -mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und -hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen -Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben, -weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden -Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist -gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern -am wenigsten ansteht. -- Jetzt kannst schon gehen, Flori.“ - -Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund -murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“ - -„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte. - -Nun hub auch die Mutter an. - -„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau -und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat -Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht, -Lecker! Sie hat die Stegbrunnerische Hoffart an sich. Hättest um -etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch -Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft -dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater -angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen -Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie -ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel -als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der -reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon -wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’ -sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen -Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du -heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat -sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als -meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie -arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden -ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater -da!“ - -Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte -beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug -Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun -auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge -gestiegen, aber -- wie die Weiber schon sind -- seine Mutter hub noch -einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was -das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte, -wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der -Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“ - -Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht! -Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“ - -Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig. - -„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das -freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der -Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’ -ich, daß wir Regenwetter kriegen.“ - -„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung -niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr -mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich, -der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich -hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein. -Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen -- -wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen -haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem -red’ ich aus einem andern Ton.“ - -„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte. - -„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’ -abbringt!“ - -„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür. - -Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift -hatte er zu bitten. - -„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte. - -„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las: - - „Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben) - kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des - ~vulgo~ Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina - Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig - zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr - befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian - Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und - hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die - oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig - zu bescheinigen. - - Das k. k. Kreisgericht. - - N.“ - -„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit, -die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark -genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, +das+ -will ich aufschreiben...“ - -Der Flori fiel dem Alten in die Hand. - -„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme -mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die -Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’, -schreib’!“ - -„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die -Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“ - -„Dann sind wir fertig!“ - -„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig -sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube. - -Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die -Adern seiner Stirne schwollen an, seine Hände ballten sich zur Faust. -Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich -brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“ - -Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines -Vaterhauses. - -In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf -der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina. - -Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig. -Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein -schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind -- ersterer kam aus -Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der -Stegbrunnerischen Vrona. - -Beides blieb im Schwandhofe -- es war ein Ende und ein Anfang. - -[Illustration] - - - - -Am Fenster der Liebsten. - - -Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber -die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind, -sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war -Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen, -was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat. - -Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den -bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt -bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“ - -Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen -sein Weib -- da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer -heranwachsenden Tochter, allein. -- - -In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein -großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet, -von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als -Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres -stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem -Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam -der andere dran -- der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam -im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte -er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart. -Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen, -das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein -Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren -ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte. -Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel -und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß -ihm ein anderes Leben kommen müsse -- es fiebert leise zwischen Frost -und Sonnengluth... - -Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. -- Ich wollte, -ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen -schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines -Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene -Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft -leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die -Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen -und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten -am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen -goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein -Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines -Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so -frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein -d’rin sehen -- es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die -heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm -des Schlosses kreist. - -Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe -um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! -- -Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! -- -Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den -stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den -steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes -zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren -Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen -scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die -wiederum am Fester steht -- zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen -Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche. -Anfangs ist es nur eine Entschuldigung: - - „Meine Schuh, die ih trag, - Sein vom Fuchsleder g’macht, - Sie schlafen beim Tag - Und geh’n aus bei der Nacht.“ - -Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von -warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend -Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte -Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden -gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht. - -Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina -sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch -hinab -- bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott -verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte -wohl mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem -Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe -hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein -vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s -Fenstergesimse zu heben. - -Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters, -vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste -leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim -mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus -stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und -glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter -- der -Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen -- dem stand es nicht an, -anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel -dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im -Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte -ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter -- meinte er --- sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe -Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige -Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet, -als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu -Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz -schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der -Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind -fertig.“ - - * * * * * - -Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser -Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend -noch heute als ein Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie -rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein -finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl, -aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so -gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld, -wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein -kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der -arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in -Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über -die Wilderei hatte er das Weib vergessen. - -Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein -erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht -weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte -schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im -Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr -seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie -lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft, -wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem -niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der -Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert. - -Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er -nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine -Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu -nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines -Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße -Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der Wend; -sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen -ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe. -Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte: -„Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon. -Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder -auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und -Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der -Försterssohn vorübergehen mußte. - -Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich -schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer -Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser -als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das -Beten, wohl aber das Singen gelehrt. -- Ein Blitzmädchen war’s! - -Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in -der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten -Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß -sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen, -um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb -allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht. - -„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und -des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er -dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da -fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem -sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus -Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und -kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte, das Fenster war geschlossen; -er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war -vergebens. - -Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube -schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn -sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. -- Schon wollte -der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln. -Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der -Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine -mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und -lauerte. - -Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen: - - „’s Vögerl am See - Schwingt hin und schwingt he - Schwingt auf und schwingt nieder - Und mein blauäugigs Dirndl, - Heut komm’ ich Dir wieder.“ - -Oswald’s Stimme. - -Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der -Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir -heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir, -Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir -das Messer ein!“ - -Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen -im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso -die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen -des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein -Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein als -sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt, -vergeht das Singen. -- Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan. -Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern, -bis der Fensterflügel sich aufthat. - -„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“ - -„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf -bis zum Kinn. - -„Ja,“ sagte er. - -„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“ - -Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine -Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die -Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand, -sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen -Fingerchen. - -„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem -Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich -unten.“ - -„Warum soll die Ranke denn brechen?“ - -„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten -hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“ - -„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie. - -„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre -schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“ - -„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine -Hand ein wenig näher an ihre Brust. - -„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du -mich aus der Gefahr wolltest befreien.“ - -„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“ - -„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom -Fenster sollst mich heißen -- zu Dir in’s Stübel hinein.“ - -„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie. - -„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben -Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit -einander die Zeit vertrieben?“ - -Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln. - -„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt. -Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in -diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf -mich nehmen.“ - -„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie. - -„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon -munter.“ - -„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese -Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“ - -„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu -Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“ - -„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen -zurück. - -„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von -mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“ - -„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst. -„Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da -hängt allerhand dran und da verzappelt man sich hinein, wie die Mucken -in das Spinnenweb. -- Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’ -Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank -sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’ -Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen -thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“ - -Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens -innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht -nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon -schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau -rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück: -„Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater -versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch -bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem -Tage Deine Mutter ist gestorben --“ - -Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen, -den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit -einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf -dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg -rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon. - -Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in -die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem -Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das -Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um -so besser.... - -Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein -Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder -auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner -Brust -- er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk. - - * * * * * - -Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte -Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und -hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit -den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn -Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt -fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend, -geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten. - -[Illustration] - - - - -Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß. - - -Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing -er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse -mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft. -Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann -schoß er -- - -Die Geschichte ist schwer wie Blei. - -In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein -Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges, -herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels -der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten -sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein -glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten -Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. -- Für schlechte -Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man -wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen -könne. -- Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager, -sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen. - -Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart -den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl -leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager -sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock -nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus -und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“ - -Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete -freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt -mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit -einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu -Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so -viel bin ich Dir werth....“ - -Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen -gesehen. Er schwieg eine Weile. - -„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit -Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’ -gemeint.“ - -„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich -+lach’+ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches -Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst -nimmer!“ - -Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte -mit feuchtem Auge. - -Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen. - -Ein Kindlein! -- Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses -Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke -an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde -wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen -spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz -mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege. - -Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in -die Welt hinaus. -- Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein -Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende -Bleikugeln heiß. -- Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer -Braten gar sonderlich wohl bekommen. - -Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten -von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen -Winkel des Vorgemachs und sagte: - -„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’ --- ein Dieb!“ - -Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des -Kindes zusammen. - -„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding. -Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der -Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“ - -„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort -haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie -sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in -einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das -+Unrecht+ nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem -Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern -bleiben!“ - -„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und -ging davon. - -Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das -Bettlein des Kindes niederrann. -- „Er hat keine Freude. Da ist sein -Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht -sich eine Freude....“ - -Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine -Gefahr -- ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht -angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu. - -Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon. - -Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele, -bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm -die Wange; -- ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß -daheim, bei seinem kleinen Bübel.“ - -Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht -auslassen. - -„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen -Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die -Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“ - -Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht -mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem -Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge. - -Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die -kriechenden, die fliegenden, die springenden -- so hub seine Begier -gewaltig an zu glühen... - -Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der -Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß -man brav arbeiten, dann wird’s gut. - -Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere -Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete -in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie -kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! -- Aber sie -betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme -es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut -Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber -Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ -- Sie schluchzte dabei -und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als -die Früchte lagen. Das Knäblein -- es war ein halbes Jahr kaum alt -- -jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute -kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses -eingeschlummert. - -Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren -Stangen. -- Franz war noch nicht zurück. - -Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder -Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. -Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des -Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu. - -Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der -Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an -einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war, -als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie -verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, -daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie -sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. --- Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte -es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. -- Die blauen Glocken -der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie -läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille. - -Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank -mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, -einen Schritt ihres Mannes zu hören -- und sie hörte doch nichts. - -Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch -leuchteten, da es schon dunkel war. -- Irrlichter sollen auch zuweilen -in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen -sind Augen Gottes -- so hat’s oftmals die Ahne gesagt. -- Und jetzt, -Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er -hat uns lieb; -- Gottes Auge wacht auch über dem Vater... - -Ein Knall -- -- da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes -gegangen. - -Sie stieß einen lauten Schrei aus -- sie preßte das Kind an sich. - -Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt -nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der -Schlucht -- vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. -Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und -Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan -- und fand sein sterbendes -Weib. - -Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die -Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch -bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische -mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das -letztemal erfreute. - -Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr -sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein -Franz -- gelt -- das Wildern -- laßt sein?“ - -Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein. - -Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind -- ein zitterndes -Tröpflein in ihrem Auge -- -- dann war es starr und öde auf dem lieben, -trautsamen Antlitz. - -Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie -nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen. - -[Illustration] - - - - -Der Gang zur Mutter. - - -Die Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken -nieder. Es war Feierabend -- Feierabend des Tages und Jahres -- -Sylvesterabend. - -Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt -nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub -der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne: -Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. -- Wiege -und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders, -wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges -Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen, -das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste -Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der -Amster. - -Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein -glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha -saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in -den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das -Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern -- -- o, lieber Leser, wie -könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin -geworden, in solcher Stunde schaut! - -Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel -legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht -gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein -Hase -- mit offenen Augen!“ - -Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne -auf und lächelte. - -„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und -ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth. - -Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen -seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre -vermeint, der Zukunft -- dem Kinde. - -Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das -hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten -über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener -Größe und Form -- in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von -Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und -leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen -lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es -alle Stiefel nach +einem+ Leisten schlage. Aber das harte Tragen! -Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf -dem Höcker. - -Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein, -und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von -der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich -wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht -gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr -hinübergehen.“ - -Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen -wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter! - -„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben -bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht -schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum. -Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges -Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“ - -Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert -waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was -Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in -der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen -ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht -auslegen. Daß es nur +heut’+ nicht wär’!“ - -„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der -Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib. - -„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In -der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster -wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! -- Aber -+Dich+ mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht -- von wegen -dem, was Du vorhin hast gesagt.“ - -Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es -nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht -wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam -ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach -Hause gehen. - -So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel -anzog, den Stock zur Hand nahm und ging. - -Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher -das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des -Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das -Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad. - --- Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre -alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins -um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß -dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti -so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu -viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift. - -Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab, -dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach -und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden -dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann -dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während -Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und -hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als -Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein -Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so -wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust -drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne -schon sein -- hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu -sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles -sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. -- So -eile denn, daß Du bald wieder zurück bist. - -Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über -kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und -wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete, -daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er -vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus -seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken -im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht -wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das -Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine -Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte -von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher -Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten -- ob eine Zeit -kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung, -nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein -wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so -hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? -- Wolfgang, der -über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist -horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er -nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten -Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem -Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher -hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste -von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den -Seegruber-See ergoß. - -Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den -Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu -sehen. Er rüstete sich in Gedanken für alle Fälle, so wie es ja seine -Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu -sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die -Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee. - -Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in -denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand -an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen -und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht -ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse -hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche -Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren, -wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines -Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann -stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein -dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien, -das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine -los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das -Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es -bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so -hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues -Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern -mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um -mehrere Stunden verlängern? -- Er stemmte sich auf den Stock und -fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur -Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor -sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so -fröhlicher ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ -sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers -hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer -kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in -den Boden hinein -- und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche -verschwunden. - -Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch -eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück -aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken: -Jetzt hat mich die Erde verschlungen! -- Dann war er betäubt. - -Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub, -welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der -Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu -dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender -Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer -der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden, -gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers. - -„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte -er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig -zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle -nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er, -wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen -könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile -finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen -tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an -die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht, -daß ich die heutige Sylvesternacht beim Wasser zubringen sollte; -Andere sitzen beim Wein. - -Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß -er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee -und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen -Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s -ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen -bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts -(Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon -hinauskommen. -- Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in -Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. -- O ’s ist hell -zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein -Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so -schreckbare Art zugrunde gehen kann! - -Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’. -Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich. -In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den -Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein -bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter, -hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht -und laßt sich’s gut gehen. -- Herrgott, rette mich!“ - -Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des -Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte -einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder. -Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse -erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte -brach die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte -sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden -Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen -in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in -Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten -wunderbar zarte Regenbogenfarben. - -„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch -hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir -nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der -Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört -vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen, -und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit -hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät -wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben -für die morgige Predigt. -- Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht -auf mich thäten warten.“ - -Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern -- ohne Erfolg; -ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund -geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich -fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste -Zeit zum Verzweifeln -- es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich -stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus -zum Seegrub-See. -- O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute -deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer -wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin -bald vorbei ist! -- O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf -Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem -Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur -willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“ - -Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so -jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben. - -Da erbarmte sich Gott -- jener Gott, den heute die Welt nicht mehr -nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“ -besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch -göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen -menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht -von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten -Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in -der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer -Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne. - -Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht -mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen -Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen. - -Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee -verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich -behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang -hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche -Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster -sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der -Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder. -Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe -ruft, oder dergleichen -- das ist selbstverständlich. Die Hauptsache -ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen. - -Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen -Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der -uns zuvor ist kommen.“ - -„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte -sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’ -den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“ - -Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten -Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“ - -Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen -Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die -Worte nicht. - -„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von -den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“ - -„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu -bedenken. - -„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine. - -„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“ - -Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich -mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid -genäht.“ - -So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas -angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch -den Schnee brächen -- und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf -aus der schreckbaren Schlucht. - -Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit -vom Loch hintan und lachte. - -Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er -in diesem Falle mit ihnen theilen müsse. - -Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang -war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann -bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen -sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern -wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und -hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche -Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und -jetzt gehen wir heim.“ - -Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf -mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder -ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab -und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit -seiner Mutter stände. -- Das Weiblein sei im Bett -- sonst wüßten sie -nichts. - -Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte, -rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’ -beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s -nachher schon sagen, warum.“ - -Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande -fand -- zwar mühselig, aber stets heiter. - -„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und -beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’ -ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. -- Ja, ich muß Dir -was sagen, Wolfl -- aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“ - -„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut -geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’ -wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“ - -„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl -länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein -Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß -Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich -gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s -wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“ - -Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl -gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen, -anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen. - -„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’ -einen Terno gemacht.“ - -Da horchte der Wolfgang auf. - -„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt -- -und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im -Bettstroh ist das Geld. -- Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so -geschreckt?“ - -Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße -Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon -der Frost herrühre. - -„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer -ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so -habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das -nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! -- Es ist das -Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein. -Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. -- Und jetzt, wenn Du meinst, -daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf -und thu mir sie grüßen!“ - -O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der -Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse -Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem -jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre -- da drückte der Vater -seinen ersten Knaben an’s Herz. - -[Illustration] - - - - -Mein einziger Sohn. - - -Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften -Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen -Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und -weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That -der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. -- In den Papieren eines -Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen: - -Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich -habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles, -arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen -richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und -wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand -empfängt er den Lohn oder die Züchtigung. - -Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang -ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind -- einen Sohn, und -ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu -fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht -zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die -Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter -dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die -dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen. - -Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will -nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube -- -aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn -lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen. - -Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt -beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener -ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei -besaß er großen Ehrgeiz, der -- wie wohlthätig dieser Charakterzug -auch bei jungen Leuten wirken mag -- mir doch bei meinem Sohne fast zu -überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den -glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in -seinen Augen. - -Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging -eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber -- Alfred kam -nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief, -der folgendermaßen beginnt: - - „Liebe Eltern! - - Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit, - daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei - Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse - entgangen sind u. s. w.“ - -Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine -Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger -- dünkt mich -- in seinem -Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus -vergnügliche Vacanzen. -- Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den -Nachbar sagen. - -Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung -seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an. - -Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein -hübsches -- ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein -Alfred -- aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein -noch größerer Fehler als bei Männern. - -Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den -kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung -genossen, keine Arbeit gelernt -- war keine Häuslichkeit inne geworden. -Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der ~haute -volée~ des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und -fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen. -Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber -redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel. - -Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn. -Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines -Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der -Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte. -Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich -zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und -wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth -wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe -sie ungezähltemale den Namen Alfred aus. - -Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da -aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste. - -„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen -Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil -ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“ - -„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine -Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge -besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig -erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine -Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“ - -Alfred entgegnete kein Wort und ging davon. - -Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher. - -Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken, -wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge -Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen, -und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in -seinem eigenen Haupte -- am Steuerrade der Vernunft. - -Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen. - -Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden -war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des -Gerichtsschreibers. - -Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt: - - „Mein lieber, guter Vater! - - Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu - machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber - ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens - Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß - dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher - Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn - - Alfred.“ - -Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief -mitten auseinander. -- Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du -gutes Kind? -- Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der -Mensch ist seines Schicksals Schmied? -- Und mich, den Vater, willst -Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! -- Es kann hier -nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei -versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren, -so lange es möglich! - -Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den -Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren -verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath, -als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht, -aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf -solche Art verlieren, das ist ein Schlag! - -Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er -sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen -lassen -- nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut -- so müßten sein -gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand -gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst -voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns -fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter -Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein -Kind zu retten. - -Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst -von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch -abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. -- Es -vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen. - -Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich -bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich -wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem -Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht -geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das -mich rief, war einmal da. - -Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des -Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! -- Nach diesem Grundsatze hat der -Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die -Schultern des Volkes gewälzt. - -Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf -mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine -Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer -ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des -Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir -endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer, -daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen -Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte. - -Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen -hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem -vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße, -hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände -vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der -Selbstmorde. - -Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft -erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu -fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege -nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: -- das war nicht Gottes Stimme, -denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit -seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht -das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet -hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall -des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war. - -So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden -Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So -war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich -nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen -That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an. -Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?! - -Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal. - -Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung -die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt --- abgelehnt von dem Angeklagten selbst. - -Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen -sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu -verzichten. Wie ich harmlos war! - -Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging -ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche -Publicum. - -Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und -Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah. -Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. -- „Die Geliebte zu -ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte! -Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe -Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und -Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte. - -Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen -Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe -fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben -vergeblich gesucht werde. - -„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche -Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die -Leut’ solche Ansichten hätten!“ - -Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung. - -Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei -bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht. - -Der Angeklagte war mein Sohn. -- -- -- - -Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung -sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines -mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken -- ich -merkte es wohl -- ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder -gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen -mich. -- Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu -sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der -des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder -hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte -das nützen! In der Stadt -- gleichwohl diese ziemlich weit von meinem -Gute entfernt lag -- war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen -Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte -laut -- daß mir der Grund des Herzens erbebte -- den Namen Alfred -Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen -des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching, -durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus -ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte. - -Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da -mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem -kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das -Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt -gesühnt -- an ihm, an mir. - -Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der -Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen -sah ich mit dem Kopfe nicken. - -Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der -Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche -Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle. - -Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen. - -Ich kann kein Wort davon vergessen. - -„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben; -das -- ich wußte es -- war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt -wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu -meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch, -verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes -und ich bin schuldig geworden; -- so endet meine Qual! -- Aber auf -meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint -- -ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu -entgehen?“ - -„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube -an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und -- eine leichtfertige -Ausrede.“ - -„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten -Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir. --- Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses -zerstören; +sie+ wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse -keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns -ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir -selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen -Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß -gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht -am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen -andern Ausweg, als den Tod? -- Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie, -beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen -gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir -haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung -und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter -höchstes nicht!“ - -„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der -Tribüne. - -„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen. -Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. -- O, hätte ich -doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich -in den Jammer gestoßen. -- Wißt es noch, wie es war. -- An meiner -Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht -mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute +vor+ ihr wäre -ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos -für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch -gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke -- die -mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der -Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe -gegen +meinen+ Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile -eilen die Leute herbei und führen mich davon. -- Und jetzt nannten es -die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode -mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die -durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten -Richter, thut an mir desgleichen.“ - -Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf -die Bank. - -Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn -war der: - -Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in -das Irrenhaus. - -Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und -gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging -hinaus. - -Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf -den fällt das Blut!“ - -Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen. - -Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich, -und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei -freigesprochen worden. - -Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht. - -Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich -auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches -gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner -Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß -kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr -das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem -trauten Herzen ausgeweint -- aber ich wagte es nicht, in ihr zartes, -reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich -blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes -zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; -- -aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und -ihre Haare begannen rasch zu bleichen. - -Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres -Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene -Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem -Elternherzen bereiten mag.... - - * * * * * - -Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der -Hauptstadt: - - „Liebste, allerliebste Eltern! - - Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre - geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu - leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann - ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet - auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es - sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn - - Alfred.“ - -Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise, -sie habe ja längst Alles gewußt. - -Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem -heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die -er uns angethan. - -Gott weiß es -- wir haben ihm verziehen. - -Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben -könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes -Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu -erziehen. -- Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein -Gewissen dadurch erleichtert worden. - -Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind -allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus. - -Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind -angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten -Streben, es vor Leichtsinn zu wahren, es vor allen Leidenschaften -des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm -heranzubilden. - -Es ist unser einziges Kind. - -Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er -Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück, -wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen. - -[Illustration] - - - - -Der Sündensteg. - - -„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“ - -Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich. - -„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“ - -„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“ - -„Und was bewirkt sie?“ - -„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der -heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen -Todes schuldig.“ - -„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’, -Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch -die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden ---“ - -„Alle kann ich, Herr Katechet.“ - -„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade -Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt, -der fährt in die --“ - -„Hölle!“ ergänzen die Kinder. - -Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn -in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht, -der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom -Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht. - -Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger -empor. - -„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“ - -Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer -mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem -- vor dem --“ - -„Teufel --“ - -„Nicht zu fürchten.“ - -Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom -- Andern. -- - -So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte -Geschichte. - -Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er -hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er -kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig. --- Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und -das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch -ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im -Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie -- -kurz, er hat was gelernt. - -Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war, -erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von -der Magdalena. - -„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann -wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“ -Und lief davon. - -Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte -sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab, -steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“ - -„Wesweg’?“ - -„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum -Fressen gern.“ - -„Das kunnt Jeder sagen.“ - -„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so -kommt’s nur auf’s Probiren an.“ - -„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“ - -„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden, -Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger -gegen Himmel.“ - -„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und -drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen -zu einer Sünd’!“ - -„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“ - -„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“ - -„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“ - -„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich -denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“ - -„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“ - -„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht -weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den -Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“ - -„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu -gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“ - -„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das -Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein -Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu -suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’ -zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch -ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“ - -„Dirndl, Du bist aber schon gar!“ - -„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht -Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem -Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“ - -„Stehen soll’s bleiben!“ - -„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’ -seid es am wenigsten. -- Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum -Feind!“ - -Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s -Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“ - -„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur -kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! -- So. Bist halt -doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“ - -Dann gingen sie auseinander. - - * * * * * - -Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm, -aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der -Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen -über die Zeit ausgeblieben. - -Der Steghofer -- die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute -recht gut wie er’s trieb -- war ein roher, jähzorniger Mensch; das -hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der -Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein -„angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der -eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach -dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde. -Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der -niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig -nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen -und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser -einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das -geschehen wird. - -Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen, -die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause -getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren -hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines -Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer -war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte -- der -Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte -- der Alte erreichte -nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher -viel feiner machen.... - -Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist -gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen. -Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann -zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei. - -„Auch die Prügel?“ - -„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das -nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in -Ewigkeit gegen sich.“ - -„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“ - -Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt -giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen -laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen. - -„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter -Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle -lustigen Kameraden wieder.“ - -„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“ - -Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen -nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es -keinen Lohn findet; seiner -- des Guten selbst willen -- wird der echte -und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein -suchen, Gutes gethan zu haben.“ - -Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen -wie dem Crispin? - -Der Crispin, als er das gehört hatte -- bei einer Feierlichkeit, vom -Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik -gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen -- der Crispin also dachte -und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer -gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern -Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf +dieser+ zu thun -hab’.“ - -Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor -Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten -Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht. - -Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein -Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’. - -Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein: -„Dir ist Einer zuviel im Steghof!“ - -„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat. - -„Ja!“ lacht der Bauer -- seine Stimme ist aber doch schon heiser -- -„der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten -Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin -ich +nicht+. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich -ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen -möchtest weiden.“ - -Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel -seiner Finger in das eigene Fleisch. -- Soll er denn sein Leben -verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und -Hof! -- Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber -helfen. - -Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden -waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen. - -„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an, -wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer -Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“ - -„Wo hast denn Du Dein Korn?“ - -„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige -Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“ - -„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist -Sünd’, kommst in die Höll’!“ - -„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt; -ist nicht assecurirt gewesen!“ - -„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz. - -„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder -beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“ - -Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte -bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er -denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So -schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon. - -Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in -Freuden. - - * * * * * - -Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die -Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal -Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod -abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur, -daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß -verlangt. -- Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein. - -Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof. - -Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das -Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben -oder nicht. -- Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch -ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich, -stark genug, einander zu zerfleischen. - -Das Laster geht geraden Weg. - -Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die -gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie -willst mir sie verkaufen?“ - -„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel, -„willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr -mitsammt der Kette.“ - -„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts -gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“ - -„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s. -Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und --“ er legte die -Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“ - -„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“ - - * * * * * - -Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt -durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab, -welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte: -Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? -- - -Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in -das Häuschen seines Freundes. - -„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig -wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei -gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem -Kameraden ein Stück Blei hin. - -„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“ - -„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“ - -„Das mag auch sein.“ - -Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war, -als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf. - -„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich, -„da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“ - -Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an. - -„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß -ich Dich frag’ Franz, -- hast Du Dir’s überlegt?“ - -„Was?“ - -„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“ - -„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort. - -„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen -Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz, -und wir wollen alleweil zusammenhalten.“ - -„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich -arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher -bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber -nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt -- thätest Du nicht sein -- -mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur -so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“ - -Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden. -Beide schüttelten sich die Hände. - -Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte. - -„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere -nickte mit dem Kopfe. - -„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu -beweisen. - -„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“ - -„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“ - -Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir -schwören, daß Du mir hilfst?“ - -„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’, -das wird doch nicht vonnöthen sein?“ - -„Man kann’s nicht wissen.“ - -„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’ -kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“ - -„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in -der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am -allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“ - -„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird -doch nichts Unrechtes sein.“ - -„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib -haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin -fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“ - -„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was -kann ich Dir denn thun?“ - -„Rath’ einmal.“ - -„Wieder Korn tragen helfen?“ - -„Nein, Franz.“ - -„Brauchst etliche Groschen Geld?“ - -„Nein, Franz!“ - -„Soll ich Dir Eine überreden?“ - -„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“ - -„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“ - -„-- -- Nein, Franz.“ - -„Ihm das Haus anzünden?“ - -„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“ - -„Kunnt’ nicht mehr rathen.“ - -„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es --- aber greif’ zu, trink’, trink’ -- Du mußt mir schwören, daß Du es -Niemand sagst!“ - -„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“ - -„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand! -Bei Gott und Deiner Seel’! -- Du willst nicht? Nicht einmal den Arm -heben, mir zu Lieb?“ - -„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier -kann ich’s noch weniger.“ - -„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“ - -Dem Wachszieher -- wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ -- -vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen -Seele!“ - -Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf. - -„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin. --- „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt, -daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“ - -„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber -gleich, was Du verlangst.“ - -„Ich? Was ich verlang’?“ - -„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“ - -Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den -Steghofer um.“ - -Der Franz prallt zurück. - -Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen, -wie ernst es ihm ist. - -„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab: -„Geh’, geh’! -- Geh’!“ - -„Also, Du magst nicht?“ - -„Mein Lebtag nicht. +Mein Lebtag nicht!+“ - -„So. -- Also +meineidig+ willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt -der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln. - -„Daß Du +so+ was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“ - -„Und hast doch geschworen!“ - -„Hätt’ -- hätt’ ich Dir +das+ geschworen?“ ächzt der Franz und -ringt nach Athem. - -„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir -nicht zu helfen.“ - -Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht. - -„Nun?“ frägt der Soldat. - -„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor -behüt’ mich Gott.“ - -„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde -ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du, -einen +Vatermord+! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur, -hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich -einen Schurken, Dein Lebtag lang.“ - -Der arme Franz -- in Wahn befangen -- rang die Hände, starrte stumm -vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß -er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und -ein zweifacher Mörder sein! -- Aber Vatermord und Meineid sind die -schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid -nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der -Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge -ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst -- -Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt -und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben -- die Hand hat falsch -geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s -Firmament. Wer löscht ihn aus? -- - -Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn. - -„Nun?“ fragte der Crispin wieder. - -„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“ - -„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“ - -„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“ - -„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder -behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen -Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei -still.“ - -Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: -„Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s -Bestimmung. -- Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei -in sieben Tagen ausgeräumt!“ - -Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und -stürzte aus der Stube -- in die erste finstere Nacht des neuen Jahres -hinein. - - * * * * * - -Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden -Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den -trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn -doch nicht der Rechte. - -Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch -die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse -es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald -ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur -Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein -fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser -Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen -bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten -ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, -wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in -den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden -worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der -Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich -in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten -diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine -Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin. - -Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und -Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm. - -Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte -seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war. - -Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu -geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im -Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe. - -Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der -Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. -- Wenn -das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter +diesem+ Manne -brechen, er +muß+ brechen. -- Der Bursche nahm eine Handsäge unter -den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen -die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg -hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel -durch. - -„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten -Zeit brechen.“ - -Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu. - -Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete -das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen -hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; -- sie -läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der -Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. -- Heute saß -er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen -Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden. -Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana -war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun -an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben, -dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete. - -„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das -kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“ - -„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen. - -„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“ - -„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“ - -„Wer?“ - -„Nun, wer denn? Der Crispin.“ - -Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die -Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin +ich+!“ - -„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand -und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher -nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er -hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien -denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die -Sense. - -„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen. - -„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem -Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“ - -„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern -über den Waldsteig.“ - -„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte -der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur -Herdgluth. - -In demselben Augenblicke knallte ein Schuß -- gellte ein Schrei -- -klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden. - -Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch -die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden -Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe -schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel -und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem -den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat. - -Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem -Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner -Kugel getroffen zu Boden gestürzt war. - - * * * * * - -„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz, -der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich -hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“ - -Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch -ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust -emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was -mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn -geschossen habe. - -„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und -dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich -ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor -Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen -legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf, -um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden, -und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es -nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige -Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und -den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die -Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern. - -Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee -leitete sie gegen die Natterklamm. - -„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die -Leute. - -„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich -selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort. - -Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu -- und der -Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und -Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln -vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren -die Tritte nicht mehr zu spüren. - -„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute. - -Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück. - -Als sie nach zwei Tagen -- es war der siebente Tag nach der -Neujahrsnacht -- den Sarg des Crispin durch den Wald und an den -Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den -Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz -als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin -des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten -Tagen benommen hätte. -- Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts -gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im -Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen, -daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er! -Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“ - -Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen; -der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die -Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er. -Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen. - -In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm -die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer -von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende -Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf -dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin -- Gemordete -liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen -Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ -- - -Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft, -Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden. - -Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das -Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten -Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln. - -[Illustration] - - - - -Der Thürmer von Münsterwald. - - -In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann. - -Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? -Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein -darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen -Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch -wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in -demselben für ihre Abende vorbereiten können. - -„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes -Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. -Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen -in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen -Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen -gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s -nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der -leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß -schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube -unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon -die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die -neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird -sich der Thürmer die Zeit vertreiben? -- Jetzt liegen sie neun Stunden -lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch -immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der -Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe! - -Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin -über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange -Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden -Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön -seine Glocken klingen. - -Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in -welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht -die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die -Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht -tiefer; sein Mund murmelt: - - „Die Lust hat uns verbunden, - Die Schuld hat uns getrennt.“ - -Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. -Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines -nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die -Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst -lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und -seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, -bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt. - -Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken -läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer -zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der -Töne -- er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran -dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und -Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande -- der Eine -wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald. - - „Die Lust hat uns verbunden, - Die Schuld hat uns getrennt.“ - -In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, -drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen -Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den -Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, -keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel -herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, -unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren -breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen. - -Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst -er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich -schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser -Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein -Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam -scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. -- -Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser -Jahreszeit bei uns nicht viel herum! - -Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte -sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren -aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde -Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, -auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen -Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald. - -Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, -da wurde die Kirche zu klein -- und das will in Münsterwald was sagen! -Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit -Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter -dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche -die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht -desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, -aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges -in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine -Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte -einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“ - -Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben -Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum -Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, -er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht -nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? -Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren. - -Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches -Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in -den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach -- auf der -kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name -„Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer -wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben -zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da -das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen -Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name -Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum -Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton -eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum -Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! -- Da ist ein -junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? -- Zu -Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der -Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin. -Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an -- und das -war sein Weihnachtsfest. - -Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den -bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las. -Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte -mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in -die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach -der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte -derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein -gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von -den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel -schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen. - -Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er: -„Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte -Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“ - -Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige -Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme -schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“ - -„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den -Pfarrhof.“ - -Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie -+Der+ kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben -und Sterben, Du heiliger Gott!“ -- - -Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende -Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald -zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen -Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über -der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe -mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht. -Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden. -Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche -dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe -mein Kind umgebracht.“ - -Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf -seinen Platz -- und schwieg. - -„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer. - -„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist -gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten -erfassen. - -„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so -schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen. -Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen -- aber eine Sünde, -Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten -haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust -hat uns verbunden! -- Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick -für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten -gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen -einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und -Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht -dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn +der+ -Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren -jetzt der geistliche Herr in die Höh’! -- Hat +brav+ studirt, der -Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. -- Wie er in seinem -einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und -uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in -die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem -Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger -Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus -hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die -Leute gar gesagt haben: Wenn +solche+ Kirchenglocken läuten, da -wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück -nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’ -vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der -Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen -die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein, -gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in -der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen, -der Maria-Himmelfahrtstag war’s -- werde ich eilends von meinem Thurm -gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen -und mitten drin haben sie -- mit einem Strick die Hände gebunden -- -meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie -wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß -der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald -geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem -Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer, -geistlicher Mann! Was +das+ ist, wenn Einem das eigene Kind auf -einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was +das+ ist! Tausend -Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! -- Nichts -weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein -Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin, -sonst war er brav. Und jetzt auf einmal +das+! -- Daß mich der -Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat -er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! -- -Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben -gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen, -daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld -braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster -hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat -hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als -wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift -kein’s. -- Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb! -Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei -mir wollen Schutz suchen. -- Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und -Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust -zurück. -- Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus -der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort -- und seit dieser Stund’ -hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“ - -Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er -zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl -bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel -fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat, -ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“ - -„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei, -sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret -der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache -auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz -geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr -habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande, -die Ihr auf +Euer+ Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s, -weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen -unschuldig gewesen!“ - -„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände -- aus Verzweiflung --- aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei: - -„Wie wißt Ihr denn das?“ - -„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“ - -„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so -häßlich als geizig gewesen ist.“ - -„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche; -„sollte der Moses keine solche gehabt haben?“ - -„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort -müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“ - -„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“ - -Der Alte horchte auf. - -„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“ - -„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er -das selber nicht gesagt?“ - -„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus -Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den -Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“ - -„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für -meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“ - -„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die -Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“ - -„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume -erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja, -so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger -Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“ - -Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’ -mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“ - -„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen. -Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht -mehr zurückkehren.“ - -„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um -Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich -such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“ - -„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal -vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine -Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat. -Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu -früh kommen.“ - -„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß! -Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst -heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen -soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“ - -„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl -kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für -einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt: -der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte -Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der -Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte -damals ja gehört haben. -- Und so wird’s wieder lebendig.“ - -„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der -Thürmer. - -„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren -Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der -Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der -des Mammons wegen beim Juden einsteigt. -- Valentin hat in einem -katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet, -dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des -Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu -verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den -Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine -Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“ - -„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer. - -„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren, -daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere -zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne -nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen -Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen -Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit -dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten -sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu -sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“ - -„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“ - -Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater, -wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“ - - * * * * * - -Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so -seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton, -so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es -eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen -den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“ - -Der alte Mann läutete und läutete -- vergaß in der Freude auf das -Aufhören. -- - -Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald. - -Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren -Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in -den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein -Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien. - -Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch -ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben -nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen -Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen -müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen -als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu -sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und -der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen -werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so -leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem -Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber -diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und -jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die -Absolution. - -„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der -Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich -lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich! -Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte -ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s -Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen -Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas, -Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde -richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch -nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir -barmherzig bist!“ - -„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen -Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer. - -„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß -Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“ - -„Das sagst +Du+ mir nicht mehr, mein lieber Martin.“ - -„Weißt +Eins+, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“ - -Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der -Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich -doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“ - -„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“ -versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich -sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen, -hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das -kommt von mir!“ - -„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht -verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“ - -„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter, -„der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen. -Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint, -wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch -wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt -daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die -Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen -Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen -und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er -sich holen wollen -- da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’ -gewesen.“ - -„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? -- daß er sich beim Mädel -wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“ - -„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“ - -„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du -- wenn Du schon schlecht -hast sein können -- ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die -Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“ - -„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin -nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald -geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber -gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! -- Heut’ -versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann -- aber -wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern -Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“ - -Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter -an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und -soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! -- hättest Du vorig’ Jahr -nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? -- so kennt man -Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“ - -„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt -seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet -gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein -Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie -ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die -Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche -Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest, -Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein -aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her, -und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen: -jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’ -ich umhergewurmt, daß ich doch +einmal+ etwas vom Valentin hören -sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt -weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne -nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich -mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt, -hab’ nicht mehr gefragt -- aber still ist’s in mir nimmer geworden. -- -Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir -möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und -bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“ - -Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht -lange liegen. - -„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der -Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und -sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“ - -„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt -kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen, -wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken -- Du wirst Deinen -guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen, -Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder -- aber was wird aus mir armem -Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“ - -Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem -wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er -den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich -gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es -wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute -haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“ - -„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? -- Als in der heiligen -Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel -thäten läuten! ’s ist +keine+ Mär’, Du +bist+ ein Engel!“ - -„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das -kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen -Kindern!“ - -„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und -knarrte die Stiege hinab. - -Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm -hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. -- Niemand -sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen, -daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch -ausgehetzte Valentin stecke. - -Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich -bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des -Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine -Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das -wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“ - -Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege -hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas. - -Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus -Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles -wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der -Korbflechter Martin gethan habe. - -„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer. - -„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie -mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus -Verzweiflung das Leben genommen!“ - -„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute, -kaum Ihr ihn von +einer+ Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der -andern an. Ein Mord -- und der Selbstmord ist auch einer -- läßt gar -nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige +ich+ den Valentin, -er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“ - - * * * * * - -Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort. -Sein letztes Wort an die Leute von Münsterwald war die Bitte, dem -Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts -Schlechtes nachzutragen -- das freiwillige Geständniß hätte Alles -gelöscht. - -Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden -Priestern nach, so lange er sie sehen konnte. - -Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge -gegen Himmel empor. -- Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein -Wiedersehen und ewige Seligkeit sein. - -[Illustration] - - - - -Aga. - - -Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem -Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen -ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der -gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte -- aber -vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten -getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme -Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat -ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den -Hochaltar begleiten wollen -- da ist sie vorgestern in der ruhsamen -Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt -gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag -kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die -Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub. -Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen -wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter -getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat -sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben. - -Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu -Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke. -Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem -Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen -mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel! - -Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein -Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und -den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des -Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken -- guck’ ich -ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der -alten Aga. - -Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen -des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist -ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei -Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so -blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten -sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur -das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz -und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben -geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die -Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen -Gottes hat geschrieben. - -Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann -gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines -Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge -und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit, -schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein? -Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen -in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des -Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen. -Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort -gewesen. - -Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf -die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen -Blättchen vom Heidegestrüpp -- da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast -Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und -kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben -im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das -Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern -Hausbedarf.“ - -Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles -Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen. - -Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus -gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein -und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten -und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen -Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie -der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne -heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen -und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen; -sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie -zusammenströmte. - -Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur -Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte -ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter -daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein -schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf -brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und -schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß. - -Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie -hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will -ich’s der Mutter heimtragen!“ - -„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann, -„ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst -bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl -schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die -nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“ - -So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie -begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz -liegt verborgen. -- - -Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand -an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und -ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt -und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat -die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint -von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“ - -Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren -lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage, -da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter -und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen -ihre Herzen nicht mochten erklimmen. - -Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die -Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte, -und grüßten mit Anstand und verlangten -- das Mädchen. Da fragte die -Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da -wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur -Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’ -Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in -seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen. - -Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter. -Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern -vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der -Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und -fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete -mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind. - -Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war -Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe -senden. - -Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen -Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen -und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie -ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen -Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken -in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte, -so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit -- sie wolle bei der -nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr. -Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie -eines Tages -- als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen -- -gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne -sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im -kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein -glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte -versüßen. -- -- -- - -Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen. - -Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig -Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein -Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das -Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder -gehen, wohin es ihm beliebe -- er halte es nicht auf. - -So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock -in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der -Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh -ist die Mutter gelegen -- kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der -Wange. - -Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt, -wie lange sie müsse dienen und arbeiten? - -Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die -folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß -Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“ - -An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben -und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in -langer Noth und Drangsal. - -Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine -rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen. -Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’ -entblättern! - -Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus -siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert -mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein -neues Jahr der Lasten zugetrunken. - -Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau -gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen -gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn -als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das -hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga -erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend -gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich -entlockt ward. - -Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns -aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner -Markung. - -Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie -gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten -Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’ -hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht -belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist -Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das -Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das -hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur -Zeit der Heidelbeerenblüthe zum erstenmale hatte gesehen, lag seit -fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod -ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen: -im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. -- - -So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen, -da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie -freundlich diesem Hohne der Erde entführt. -- -- -- - -Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die -Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein. - -Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt. - -[Illustration] - - - - -Drei Stunden vor dem Sterben. - - -Sie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm. - -Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen -auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel -Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann -geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will -nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen. - -Der Andere -- Lorenz -- schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen -hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen -Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete. -Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger -Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in -Arm gingen -- denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht -gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten -- denn der -Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn -Einer zu tief in den Wald hinausging -- denn der Orden sprach von den -heiligen Mauern. -- Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht -er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die -Büsche. - -Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr. - -„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester. - -„Nur beten,“ versetzte der Andere. - -„Beten? Kannst Du’s jetzt?“ - -„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen -steht, nur selten.“ - -„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“ - -„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich -ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich -selber beten -- Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber -Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“ - -„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte -sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians -werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte -doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht -zur goldenen Kette brächte!“ - -„Golden, golden -- wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz -gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich -einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders. -Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich -- -Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen -Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das -Stift und seine guten Weine.“ - -Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das -Haupt und blickte gegen die blauenden Felswände auf. Ueber denselben -stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken. - -„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das -himmlische Zion.“ - -„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen, -heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“ - -„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen -Glauben!“ - -„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“ - -„Und Menschen fischen?“ - -„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“ - -„Wie, Du wolltest --?“ - -„Baden.“ - -„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? -- -Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“ - -„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen! -Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“ - -„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus, -machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht -abschreckend wirken sollte. - -„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand -ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre -mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es -entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“ - -„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere. - -„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er -und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser -Welt!“ - -„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute -in der Luft liegen.“ - -Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag -aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht -hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen -Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu -sein, hätte erst auch sein Schönes!“ - -„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz. - -Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. -- - -Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes -Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund -zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine -Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe. - -Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende -Blicke um sich. -- Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück -für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras -- und bald standen -sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel -vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken -waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht -Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde -Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen -den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. -- -Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie -junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den -schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als -es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf -seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten. - -Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche -vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper. - -Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem -See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest -mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in -zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“ - -Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das -weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen -Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser, -seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die -Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz. - -Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den -See. -- So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was -ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde. - -Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde, -verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse -hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So -versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde, -das Haupt dem Himmel. - -Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu -sein. -- Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts -gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher -Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen -wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die -lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so -schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft -war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’ -verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im -Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn, -tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu -hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten -der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen -schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen, -rieselte das Wasser. - -Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt, -welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten -sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See, -kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde -wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß. - -Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen -sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus -dem Wasser und floh in das Dickicht hinein. - -Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht, -an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da -sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte -heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen -dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten. -Lorenz meinte, es sei auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu -schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden --- demselben nach. - -Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen -Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu -holen. - -Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte -nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel -erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen -Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen, -weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte. - -Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde. -Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als -auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den -Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern -hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu -kommen. - -„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“ - -„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß -auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das -erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“ - -Das Wort hat ein Drittes gehört. - -Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die -Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie -ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und -heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten, -welche zerstreut mit Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich -nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen. - -Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume -des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz -schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal. - -In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie -flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende -Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen -knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung -der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und -der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben. - -Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten -Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber -denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange -Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen. -Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige -Minuten vor sechs. - -Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in -tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter -Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und -vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der -Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die -Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden, -die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. -- -Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen -umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare. - -Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben -wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen -des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener -Seelen -- so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen -Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im -Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal -wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in -Andacht -- in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte -nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen -in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. -- - -Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da -- jählings -war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall -- -- die Mauern -des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm. -Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren -verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. -- - -„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle -eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen, -wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die -Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf -den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach -Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die -Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden -Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim -Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ -- Sie bewegten sich nicht. -Man faßte sie an -- jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an -ihren Chorröcken waren geschmolzen. - -Zwei junge Leben waren dahin. - - * * * * * - -Nun fragen wir Alle: Warum? - -Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach -dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon -die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand -seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr -und an diesen senkrecht nieder -- in ihr Leben. - -Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet! --- Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt -worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das -Fatum, der Zufall kennt keine Moral. - -Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die -Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter. - -[Illustration] - - - - -K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE *** - -***** This file should be named 60500-0.txt or 60500-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/0/60500/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/60500-0.zip b/old/60500-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 32959ac..0000000 --- a/old/60500-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h.zip b/old/60500-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8f57bfb..0000000 --- a/old/60500-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/60500-h.htm b/old/60500-h/60500-h.htm deleted file mode 100644 index e972a26..0000000 --- a/old/60500-h/60500-h.htm +++ /dev/null @@ -1,17014 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Feierabende, by Peter Rosegger. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Feierabende - Lustige und finstere Geschichten - -Author: Peter Rosegger - -Release Date: October 15, 2019 [EBook #60500] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. Umlaute -in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) -dargestellt.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der -Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben. Die -Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<h1>Feierabende.</h1> - -<p class="s2 center mtop1 mbot1">Lustige und finstere Geschichten</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot2"><b>P. K. Rosegger.</b></p> - -<p class="center">Vierte Auflage.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="mtop3 w5em" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s4 center mtop3"><b>Wien. Pest. Leipzig.</b></p> - -<p class="s4 center">A. Hartleben’s Verlag.</p> - -<p class="center">1886.</p> - -<p class="s5 center">(Alle Rechte vorbehalten.)</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><em class="gesperrt">Erster Theil</em>: - <b>Lustige Geschichten.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="s5"> </div> - </td> - <td> - <div class="s5 right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft2"><em class="gesperrt">Sommerabende</em></div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sommerabende">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Das Mirakelkreuz - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Das_Mirakelkreuz">7</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Schäfer von der Birkenheide - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Schaefer_von_der_Birkenheide">27</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Herrn_Pastor_Meneschilds_Hochzeitsreise">37</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Fremde im Vaterhause - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Fremde_im_Vaterhause">46</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Als Hans der Grethe schrieb - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Als_Hans_der_Grethe_schrieb">58</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Wie ein Kaiserjäger fensterln ging - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Wie_ein_Kaiserjaeger_fensterln_ging">69</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Arthur heißt er - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Arthur_heisst_er">76</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Eine Schatzgräberhistorie - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Eine_Schatzgraeberhistorie">82</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sanct Josef der Zweite - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sanct_Josef_der_Zweite">89</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Wolfl von Kirchberg - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Wolfl_von_Kirchberg">95</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Junge und der Alte - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Junge_und_der_Alte">103</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Graf_Adlerstamm_auf_der_Hahnenjagd">110</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Studentenpulver - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Studentenpulver">115</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Eine Eisenbahngeschichte - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Eine_Eisenbahngeschichte">123</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Naturforscher auf der Alm - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Naturforscher_auf_der_Alm">127</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Eine mit Geld - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Eine_mit_Geld">141</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Die Abelsberger Chronik - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_Chronik">153</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Der Burgermeister von Abelsberg</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Burgermeister_von_Abelsberg">153</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Der Brückenwirth zu Abelsberg</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Brueckenwirth_von_Abelsberg">160</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Der Schulmeister von Abelsberg</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Schulmeister_von_Abelsberg">165</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Der Thurmbau zu Abelsberg</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Thurmbau_zu_Abelsberg">169</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Zu Abelsberg beim Spielchen</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zu_Abelsberg_beim_Spielchen">173</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Ein Abelsberger Kalbskopf</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_Kalbskopf">177</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Die Abelsberger der Majestät</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_der_Majestaet">179</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Die Abelsberger Touristen</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_Touristen">184</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Ein Abelsberger auf dem Vesuv</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_auf_dem_Vesuv">191</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Das reiche Jahr eines Abelsbergers</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Das_reiche_Jahr_eines_Abelsbergers">200</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Ein junger Abelsberger in der Residenz</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Ein_junger_Abelsberger_in_der_Residenz">204</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Eine Abelsberger Heiratsgeschichte</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Eine_Abelsberger_Heiratsgeschichte">206</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Der Abelsberger Baßgeigenkrieg</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Abelsberger_Bassgeigenkrieg">210</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Wie Abelsberg bekehrt worden ist</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Wie_Abelsberg_bekehrt_worden_ist">217</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Eine Abelsberger Katze</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Eine_Abelsberger_Katze">223</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Zu Abelsberg wieder wer geworden</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zu_Abelsberg_wieder_wer_geworden">226</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft1">Ein Abelsberger Heutrog</div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_Heutrog">228</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padtop1" colspan="2"> - <div class="center"><em class="gesperrt">Zweiter Theil</em>: - <b>Finstere Geschichten.</b></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="mleft2"><em class="gesperrt">Winterabende</em></div> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Winterabende">233</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Ein Weg zur Schuld - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Ein_Weg_zur_Schuld">237</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Die guldene Grethe - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Die_guldene_Grethe">286</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Waldbrand - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Waldbrand">308</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Hier_auf_dieser_Strassen_hat_mich_Gott_verlassen">334</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Es reigt in Lust ein Liebespaar - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Es_reigt_in_Lust_ein_Liebespaar">346</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Trotzköpfe - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Trotzkoepfe">365</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Am Fenster der Liebsten - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Am_Fenster_der_Liebsten">376</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Was_der_Franz_Schlager_fuer_ein_Wildpret_schoss">387</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Gang zur Mutter - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Gang_zur_Mutter">394</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Mein einziger Sohn - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Mein_einziger_Sohn">408</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Sündensteg - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Suendensteg">422</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Der Thürmer von Münsterwald - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Der_Thuermer_von_Muensterwald">442</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Aga - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Aga">461</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Drei Stunden vor dem Sterben - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Drei_Stunden_vor_dem_Sterben">469</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="I_Theil"><span class="s6">I. Theil.</span><br /> - -<b>Sommerabende.</b></h2> - -<p class="s3 center">Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<h3 id="Sommerabende">Sommerabende.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_z" name="initial_z"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_z.jpg" alt="Z" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">Z</span>u den besten Dingen dieses Lebens — alle Arbeitenden wissen es — -gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe -durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt -durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der -Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu -erfreuen pflegt.</p> - -<p>Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben -ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends -dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser -auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis -die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat. -Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder -zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich -ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war, -unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten -Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen -ein wenig ungezogen und<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> boshaft waren, so ließ man sie ziehen — und -ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden. -Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit -und verlängert das Leben.</p> - -<p>Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen -eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal -Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.</p> - -<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kopf1" name="kopf1"> - <img class="mtop3" src="images/kopf.jpg" - alt="Kopfstück Sommerabende" /></a> -</div> - -<h3 class="nobreak" id="Das_Mirakelkreuz">Das Mirakelkreuz.</h3> - -</div> - -<p class="center">Eine dramatische Idylle.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="personen">Personen:</p> - -<p class="mleft2"><b>Brandsteiner</b>, Besitzer eines Bauernhofes.</p> - -<p class="mleft2"><b>Rosel</b>, seine Tochter.</p> - -<p class="mleft2"><b>Peter</b>, Großknecht bei Brandsteiner.</p> - -<p class="regie">Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an -dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im -Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.</p> - -<p class="s4 center mtop1"><b>1. Scene.</b></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht, -Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit -Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift -sind. Einen Heurechen über der Achsel.)</p> - -<p>Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für -mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der -Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.</p> - -<p class="regie">(Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte).</p> - -<p>Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em></p> - -<p class="regie">(aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe, -grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem -Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der -Achsel, die Flöte in der Hand).</p> - -<p>Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle -Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p> - -<p class="regie">(Auf den Baum spähend.)</p> - -<p>Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel -gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’ -keine Federn. Unsereins — bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott -wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs -funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als -Draufgab geben. — Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s -Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p> - -<p>Stimm’ verschlagen!</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,</div> - <div class="verse">So thät ich blasen und Zithern schlag’n,</div> - <div class="verse">Die Samstagnacht, die Samstagnacht,</div> - <div class="verse">Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,</div> - <div class="verse">Wo jeder Bua zum Dirndl springt,</div> - <div class="verse">Wo jeder Heuschreck Musi macht!</div> - </div> -</div> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich -mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so -weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (<span class="klein">Für sich</span>:) Mein Herz -möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!</p> - -<p class="regie">(Steckt die Flöte in den Hosenträger.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau, -laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der -ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen -aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus, -für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und -verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten. -Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit -Peter und Pauli?!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Nu, ich glaub’ nit!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es -wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p> - -<p>Du, Roserl, da nimm’ mich mit!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. — Daß ich Dir’s -sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen — ich muß in’s -Kloster.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">ironisch</span>).</p> - -<p>Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im -Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen -möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. —</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern -g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. — In’s -Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische -Gedanken kriegen! — Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine -saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für -Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit -gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst -und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin -denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt — Roserl, denk nach, was -mag ihm dabei eingefallen sein? — Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um -Dich!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein -Ausweg — ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund -versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder -zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner -armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die -Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken — — -freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine -Schecklo — wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den -Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt -dir die Streu, wie’s dir recht ist!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich -mein Vater auch verschenkt — und Roserl, ich geh’ mit Dir!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf -der Straßen, das kein Anwerth hätt’. — Zu was Eins mich brauchen thät? -— Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich -dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht -hinein — Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich -bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein -dalkerter Bub wärst — ein anderer statt Dein thät das recht Steigl -’leicht gar noch finden.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst -justament lassen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p> - -<p>Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn — mit’m Vater reden.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">jauchzend</span>).</p> - -<p>Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten -komm’ ich schon auf gleich!</p> - -<p class="regie">(Rechts ab.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">allein</span>).</p> - -<p>(<span class="klein">Ihm nachblickend.</span>) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird -zu früh heiser. (<span class="klein">Sinnend.</span>) Sauber gewachsen ist er — na, da steh’ -ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s -schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. — Die Schecklo wird freilich wohl -dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s -Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im -Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie -mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das Landleb’n</div> - <div class="verse">Hat Gott geb’n</div> - <div class="verse">So heiter und froh,</div> - <div class="verse">Darum preisen</div> - <div class="verse">Die Weisen</div> - <div class="verse">Das Landleb’n so hoch!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Auf den Bergen,</div> - <div class="verse">In den Thälern,</div> - <div class="verse">Auf den Wiesen im Grün,</div> - <div class="verse">Da fliegen</div> - <div class="verse">Kleine Englein</div> - <div class="verse">Mit Röselein hin.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Sie kommen</div> - <div class="verse">Wohl her aus</div> - <div class="verse">Dem himmlischen Paradeis,</div> - <div class="verse">Sie bringen</div> - <div class="verse">Die Blümlein</div> - <div class="verse">Dem Landleb’n zum Preis.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="regie">(Links singend ab.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p class="s4 center mtop2"><b>2. Scene.</b></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Der Brandsteiner</em></p> - -<p class="regie">(tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene -Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger, -blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar -eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel -herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das -Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die -Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. — Er hat ein kurzes -Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer.)</p> - -<p>(<span class="klein">Murmelnd.</span>) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh -soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der -dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein -auf sein’ Hof. — ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. — -Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!</p> - -<p class="regie">(Schleudert Stein und Schwamm von sich.)</p> - -<p>Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. — Aber -er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a -Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’ -eigenen Kopf nach — alleweil sein’ eigenen — und ’s wird schon ’s -Beste sein.</p> - -<p class="regie">(Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches -Lied.)</p> - -<p>Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl — er kann’s halt nit -lassen. Weil — (<span class="klein">bewegt</span>) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt — was -ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’ -Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil -gar so, gar so gern g’sungen.</p> - -<p class="regie">(Peter tritt auf.)</p> - -<p>Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, <em class="gesperrt">kann</em> -nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und -Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben, -aber richtig ist’s: Das Stückl<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> und Liedl hat mich und mein Weib -z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben -wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu -geschlagen hat und — (<span class="klein">unwillig</span>) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran -denken!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p> - -<p>’s Eisen wär warm.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>In so weit recht, daß D’ da bist. (<span class="klein">Vertraulich.</span>) Laß was red’n mit -Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn -umschaust.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Dirn? Für wen?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall. -Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">trotzig</span>).</p> - -<p>Das thu’ ich nit.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. — -Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir -gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber — -Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag -laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das -thu ich nit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Du Tollpatsch, was hast denn?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der -Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die -Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer —</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">heftig</span>).</p> - -<p>Bist mir still!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener -Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch -sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein -Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen -Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine -saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’ -mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und -ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und -ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur -letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich — bei Gott und allen -Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p class="regie">(mit den Händen seinen Kopf haltend).</p> - -<p>Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’, -und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">dumpf</span>).</p> - -<p>’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und -wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander — mir schon alleseins. Sagen -hab’ ich Euch’s müssen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">milder</span>).</p> - -<p>Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit -schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s -ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf -dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die -Rosel in’s Kloster geht.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor -fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß -ihr Alter recht gut!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. — Weil -wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm -zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu -derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist -unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch -der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe -Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut -in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie -ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben, -Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf — ist -einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen -gewesen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> — saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt, -heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den -Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich -noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang — mich hinaufstemm, ist -das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er -hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch -gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige -Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum, -daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild -wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder -haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden -und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und — -Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt -hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon -g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die -Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’ -Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’ -auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr -Deines bittern Leidens — was willst Du noch! Was soll ich Dir geben, -daß Du mich errettest aus dieser Noth! — Sterben, mein Peter, sterben -will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen -Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind, -meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! — — -(<span class="klein">Ruhiger</span>): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’ -ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon -der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. — Das ist der -letzte Bär gewesen, den sie<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> in unserer Gemein erschossen haben. — Die -Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum -— jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt, -es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß, -wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den -Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen — so wär’ ich der -Meinung — —</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’. -— Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’ -ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie -mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’ -bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s -Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht -sie ungern fort von heim und von ihrem Vater — leicht ist sonst auch -noch wer da, den sie nicht gern verläßt — weil’s in so einer G’mein -allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich -selber so Einen wissen thät.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Bist ein herzensguter Bursch, Peter!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang -ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind -gewesen und thut’s vom Herzen gern.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich -ausred’ —</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath -brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’ -Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer. -Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so -der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein -Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein. -Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große -alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat -sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu -seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer. -— Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen -derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> auch ohne -die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!</p> - -<p class="regie">(Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts -ab.)</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">allein</span>).</p> - -<p>Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. — (<span class="klein">Sich auf die Stirne -schlagend.</span>) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was -<em class="gesperrt">nit</em> sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit -g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich -niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland -hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der -Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird! -(<span class="klein">Auf das Kreuz hinblickend.</span>) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen -Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten -davor? Ich brauch’ Dich nit! (<span class="klein">Spöttisch.</span>) Und boshaft ist er auch -noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen, -schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit -nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem -Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen. -(<span class="klein">Ein Geräusch auf dem Baum.</span>) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl, -g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem -Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück -ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im -Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal -sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.</p> - -<p class="regie">(Steigt auf den Baum.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p class="s4 center mtop2"><b>3. Scene.</b></p> - -<p class="regie">(Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert -nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das -Geschelle der heimziehenden Heerde.)</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(tritt links auf mit einem Blumenstrauß).</p> - -<p>(<span class="klein">Gegen die Coulissen gewendet.</span>) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt -auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer -Anderer. (<span class="klein">Zu sich</span>:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’, -ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich -jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten -will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel -nehmen kann sie mir’s nit. — Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher -beinand’. — (<span class="klein">Zagend gegen das Kreuz.</span>) Wenn ich wissen thät! — Das -Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja, -wenn ich wissen thät! — All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor -einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen. -— Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein -Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. — -Nein, aber — wenn ich wissen thät! —</p> - -<p class="regie">(Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu -zieren.)</p> - -<p>Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein -bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün -und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit, -daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im -Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird -sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s -gethan mit Sorgen und Freuden,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> aber ich muß ja fort in’s Kloster -gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist -dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der -schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben -bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. — Nachher, -wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und -schwach — möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! — Und -deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau -ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles -ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir, -Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen -redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg, -daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber -Sohn Jesus, wenn er schon einmal so <em class="gesperrt">viel</em> gethan hat, daß er den -Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner -Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine -einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch -dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus — in’s Kloster taug’ ich -nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht; -Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’ -gewiß nit abschlagen. (<span class="klein">Stürzt nieder auf die Knie.</span>) ’s ist ja nit von -Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!</p> - -<p class="regie">(In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen.)</p> - -<p>(<span class="klein">Leise.</span>) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich -viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf! -(<span class="klein">Zutraulicher.</span>) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria, -weil wir so weit richtig<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt -noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich — wenn ich’s -auch meiner Tag nit will sagen — die Seitenpfeifen gar so von Herzen -gern hör’ — und — aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau, -Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt -gleichwohl schon lang’ — und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’ -g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt, -daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s -nit verlangen, daß — ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich -rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (<span class="klein">Leise zum Bilde.</span>) Der Peter -liegt mir im Sinn! — ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit -ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern —</p> - -<p class="s4 center mtop2"><b>4. Scene.</b></p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em></p> - -<p class="regie">(der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend).</p> - -<p>Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber -versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da, -wer hat Dir’s denn g’lernt?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die -Brust fallend).</p> - -<p>Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die -Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es -nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so -knie ich halt nieder vor<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott -mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden, -mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im -Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei -diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner -Bitt’!</p> - -<p class="regie">(Ein kurzes Rauschen auf dem Baum.)</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">lebhaft</span>).</p> - -<p>Vater, ein Vogel ist geflogen!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em></p> - -<p>Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(gegen das Alpenglühen).</p> - -<p>Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen -Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p> - -<p>’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß -ich <em class="gesperrt">dem</em> dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser -Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen -thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie -ich d’ran bin!</p> - -<p class="regie">(Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der -Flöte.)</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">jauchzend</span>).</p> - -<p>Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s -Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und -giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> gütiger Herrgott im Himmel. -(<span class="klein">Lachend, eine Thräne im Auge</span>). Hab’ Dich schon g’seh’n, der -Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins — -<em class="gesperrt">wie</em> der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher, -heut’ ist kein Bär nimmer da!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em></p> - -<p class="regie">(hüpft vom Baum herab).</p> - -<p>Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter -Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten. -Das ist a Baum!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(schämt sich, zu sich).</p> - -<p>Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand -Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s -ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei -meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein -gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel -muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen, -Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft -anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p> - -<p>Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend -geschrieben.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">verlegen</span>).</p> - -<p>Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein -Spott und ’leicht auch eine großmächtige<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Sünd’, und ich denk’, das -Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p> - -<p>Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und — — ich -kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! — Jetzt muß der Jung’ schon -gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst -selber schau’n, Peter, wie Du mit <em class="gesperrt">Dem</em> dort oben auf gleich -kommst!</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (<span class="klein">Gegen Rosel.</span>) -<em class="gesperrt">Der</em> Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel -ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist -später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes -hinein.</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p> - -<p class="regie">(ihm den Mund verhaltend).</p> - -<p>Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner -dabei sein — ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.</p> - -<p><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p> - -<p>’s ist vorbei — sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn -schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; — aber mein Bruder, der -Pfarrer —?</p> - -<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p> - -<p>Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!</p> - -<p class="regie">(Vorhang fällt.)</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_1" name="kap_ende_1"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Schaefer_von_der_Birkenheide">Der Schäfer von der Birkenheide.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d1" name="initial_d1"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen -Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im -Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar, -das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere -vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen -Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die -Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein -zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die -Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen -auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen -wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.</p> - -<p class="right mright2 mbot1">Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“</p> - -<p>„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem -grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.</p> - -<p>„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um -lesen zu können, fraß er ihn auf.</p> - -<p>Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört -und die Esther kam nicht auf die Birken<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>heide. Der Widder genoß unter -seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz -schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die -Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die -Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“</p> - -<p>„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.</p> - -<p>Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß -Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“</p> - -<p>„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.</p> - -<p>„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“</p> - -<p>Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg.</p> - -<p>Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte -auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden -Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein -Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die -Welt ist eitel.“</p> - -<p>Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren, -wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und -albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. — -Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff!</p> - -<p>Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben, -wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch -der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse -wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags -betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine -Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen -Brüder zu verspüren waren.</p> - -<p>Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen, -so ein grauer Bruder und unser<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Schäfer. Der graue Bruder ließ sein -behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend -hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und -fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem -einverstanden.</p> - -<p>Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl- -und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war -die ganze Herbstschur.</p> - -<p>Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen -unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch -von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten. -Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk -für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr -werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers -Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie -flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten -um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar -in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. — Ja, Die -wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja, -nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann. -Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! — Bei -seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste -Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren.</p> - -<p>Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder -auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu -reden:</p> - -<p>„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er -die Worte noch einmal, redete aber nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> weiter. Er stand lange auf -dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber -er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache — es fiel ihm -nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel -ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren -enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen -herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun -versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend -auseinander.</p> - -<p>Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen -noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt -der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen -und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem -Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer -zusammen.</p> - -<p>Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag -zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und -wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen -stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus -und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle -zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die -mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere -Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes -Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein -tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein -Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und -Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der -Titus gar noch Oberer!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe -bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum -letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst -aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An -diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider -Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich -zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente -spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster -herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist.</p> - -<p>Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen -Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es -war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als -je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände -auseinander und sagte: <span class="antiqua">Dominus vobiscum!</span> Sogleich aber erschrak -er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab.</p> - -<p>Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen -Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte -der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen -Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche, -der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der -Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so -geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder. -Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen -wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete -aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu -den leeren Kirchenstühlen nieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p>Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf -dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch -nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der -Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also -der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden -kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben -Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt -sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene -Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man -riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das -nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als -ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle -in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die -Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt -also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat -nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder -davonhumpeln.</p> - -<p>Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und -bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die -Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze -hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an.</p> - -<p>Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang -ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten, -wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben -mußte.</p> - -<p>An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr -Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> einen gewaltigen Stich im -Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan, -um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller -Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im -Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr -oder gar ein schlechter Mensch? — Nein, er bleibt im Versteck, und -wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz -hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’.</p> - -<p>Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches -demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein -wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang -zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt -sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich -geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als -sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und -reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster.</p> - -<p>Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich -um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes -auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den -Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber — giebt -es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im -Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr -an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht -loszusprechen.</p> - -<p>Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt, -Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus -doch wohl fertig werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p> - -<p>So legte er denn das Ohr an’s Gitter.</p> - -<p>Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das -Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter -Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben -muß. Dann stockte es.</p> - -<p>Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die -Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und -empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen, -hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden, -ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter -Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert -und schluchzt. — „Ja, und dann, Hochwürden, daß — daß ich halt den -Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt -mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und -ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat -gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“</p> - -<p>Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die -Gais-Esther vom Fischgraben.</p> - -<p>„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt -weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn -halt nimmer.“</p> - -<p>Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl -rathen mag.</p> - -<p>Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl -hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein -Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt -er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und -murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> bös’. Da -müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute -um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“</p> - -<p>Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon -recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl -nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem -lieben Herrgott.“</p> - -<p>Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen. -„Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er -flüsternd.</p> - -<p>„Ei freilich ja, der Titus halt.“</p> - -<p>„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum, -der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’ -in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in -Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es -nimmer!“</p> - -<p>Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf -Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen -Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band -gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage -und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die -Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche. -Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth — -und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden.</p> - -<p>Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er -wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und -die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten, -da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges -Leben einsog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> - -<p>Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch -an diesem Abende nach in ihr Haus — „denn schau, wie Der Dich lieb -hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“</p> - -<p>Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die -grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht -kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der -Birkenheide.“</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_2" name="kap_ende_2"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - -<h3 id="Herrn_Pastor_Meneschilds_Hochzeitsreise">Herrn Pastor -Meneschild’s Hochzeitsreise.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i1" name="initial_i1"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>n den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der -Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in -den Maien.</p> - -<p>Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den -Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh -bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große -schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst -sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt, -daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein -„Ewigkeit Amen“ sagte.</p> - -<p>Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher, -als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren -Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger, -als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen -und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke -Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im -Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth -brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig -Töchterlein Kellnerin sein ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er -habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen -Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag -besprochen.</p> - -<p>Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge -Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die -Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor — -es war zur frühen Nachmittagsstunde — das Fest plötzlich ab und fuhr -mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und -schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner -Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges -und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der -Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien -sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte -heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der -Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine -junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne -Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen, -wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“</p> - -<p>Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden -steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von -den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte -umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug -sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht, -über manches Wasser.</p> - -<p>Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen -die junge Frau über die unwirthlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Stellen zu geleiten. Der -Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich -werde die junge Frau schon selber führen.</p> - -<p>Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden -Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter -drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge -Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige -Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf -seinen Knieen.</p> - -<p>„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach -Schladernbach zurück?“</p> - -<p>„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“</p> - -<p>„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit -beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin -gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber -Schatz!“</p> - -<p>„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.</p> - -<p>Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel -Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen -rauhen Bergpfad noch betreten haben.</p> - -<p>Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und -endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts -hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden -Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines -Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig -vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> - -<p>Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem -schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:</p> - -<p>„Da stehen die —“</p> - -<p>„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.</p> - -<p>„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen -Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das -Wasser gewohnt.“</p> - -<p>„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei -Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“</p> - -<p>„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl -meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir -gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“</p> - -<p>So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer, -Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese -sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg; -der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und -streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.</p> - -<p>„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei -Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“</p> - -<p>Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der -Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.</p> - -<p>In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück -Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran, -Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf -bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen — den Weg alles -Zeitlichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>Der Pastor hatte — um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden — -zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war -davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was -Vormittag im Himmel gebunden worden — da schlug er die Hände zusammen -über dem Haupte.</p> - -<p>Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er, -der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge -der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein; -einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne -ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er, -der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und -die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.</p> - -<p>Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber, -aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen. -Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor -konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder -ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf -und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in -das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das -noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der -Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum -Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und -peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der -Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ — -Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben -auch die Alpen<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>wässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer -wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine -Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.</p> - -<p>Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten -über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an -Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die -Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur, -denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen -hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau -erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die -Männer, und auch Fronele mit ihnen.</p> - -<p>„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und -zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie -drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson -im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten -sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches -Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“ -hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun -der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in -Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den -Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das, -was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.</p> - -<p>Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein -drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm -sogar an den Kopf. — „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese -Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum -Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.</p> - -<p>Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des -Mannafalles in der Wüste.</p> - -<p>Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann -horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts -zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im -Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne -standen am Himmel.</p> - -<p>Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den -Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er -sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten; -sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne -Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten -Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die -schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.</p> - -<p>Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand -er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache -kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er -nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch -die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.</p> - -<p>Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer -hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen; -bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein, -wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde -nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib -gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen — -aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> - -<p>Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe, -in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige -Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der -Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von -einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen -Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.</p> - -<p>Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf -leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine -Spur von einem Bewohner.</p> - -<p>„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm -vergehen.</p> - -<p>Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben -im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und -siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen -die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.</p> - -<p>Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit -Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich -mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu -erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen -der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher -aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune -gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen -und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.</p> - -<p>Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten -kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor -nicht für gerathen und<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau, -bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die -Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.</p> - -<p>Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und -sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten -hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die -kleine Hochzeitspartie im Gebirge.</p> - -<p>In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt. -Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom -Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz -eine Wiege bauen lassen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_3" name="kap_ende_3"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Fremde_im_Vaterhause">Der Fremde im Vaterhause.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d2" name="initial_d2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher.</p> - -<p>„Anderlacher Franz!“ ruft er.</p> - -<p>„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das -war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den -sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden.</p> - -<p>„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher.</p> - -<p>„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder — der hat keine rothen -Augen!“</p> - -<p>Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals -einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des -Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte -nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand -und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag -im Gebirge — für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu -tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem -Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine -Schuldigkeit gethan.</p> - -<p>Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen -durch, um den Brief in Empfang zu nehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle, -wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim -Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war -zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater -— und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht -schreiben kann.</p> - -<p>Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich — der Herr Pfarrer -von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst -nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was -daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm -sagen lassen.</p> - -<p>In dem heutigen Brief steht Folgendes:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft2">„Lieber Franzel!</p> - -<p>Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden, -wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu -behüten.</p> - -<p>Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe -beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht.</p> - -<p>Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das -Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei -Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die -Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst. -Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein -und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im -Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p>Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein -Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß -Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht.</p> - -<p>Vor einiger Zeit — ich glaube, es ist schon drei Monate — haben -sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und -ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich -festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das -nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient -sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem, -was man ihm aus Güte thut — kurzum, er spielt den Herrn im Hause. -Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei -Rücksichten beobachten — ich weiß nicht, ob sich der junge Student -mit diesem Menschen wird vertragen können.</p> - -<p>Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und -vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund</p> - -<p class="right mright2">Josef Paumgartner,<br /> -<span class="s5">Curat zu St. Agnes.“</span></p> - -</div> - -<p>Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein -Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der -Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im -Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung.</p> - -<p>Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht -über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen -sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so -herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel -Sach’, was soll<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater -etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht -gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? — Nein, nein, heimlich, das -thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die -Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen.</p> - -<p>Oder? —</p> - -<p>Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein — albern, daß es -ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater -nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer -in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer -erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und -lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt -wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er — -sagt der Vater — in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer -stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. — Der -Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat -war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn -die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf -deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt -um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche -Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so -lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld -zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so -viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der -Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um -und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> -Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte -der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und -ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen.</p> - -<p>Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so -Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß -Gott wo sonst überall herum.</p> - -<p>In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter -anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was -soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“</p> - -<p>Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause -und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht -geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt -das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen -frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten -Dich mit Freuden.“</p> - -<p>Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer — aber diese verdächtige -Einquartierung daheim!</p> - -<p>Die Vacanzen sind da.</p> - -<p>Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er -nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken. -Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.</p> - -<p>„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten -zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den -Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden, -Anderlacher.“</p> - -<p>Bischof hin und Bischof her — der Franzel geht jetzt heim auf die Alm. -Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf -des Kronenwirths Braunen und die<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht -läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur -sein Gewehr — im Schachen giebt’s Spatzen.</p> - -<p>Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein -graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch -die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser -Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für -Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan, -hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige -Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was -für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war, -als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck. -Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den -Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte -sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen -ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den -Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter -gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen -solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder -nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine -dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem -glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol -— und fröhlich ging’s der Heimat zu.</p> - -<p>Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so -thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem -steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was -ging ihm das Herz auf!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p> - -<p>An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er -unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn -der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.</p> - -<p>Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der -Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die -Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets -umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die -holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut -kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so -giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der -Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner -Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem -nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der -knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube -tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das -Leible z’samm!“</p> - -<p>Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt -sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles -geschlichtet.</p> - -<p>Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden — geschnitzt hat sie -der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden -Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt -schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten -nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig -des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste — das erst seit Kurzem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> -seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum -Anpacken — langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem -„Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit — der Anderlacher ist -haushälterisch im Genuß — ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So -sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein — aber -inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er -hat es.</p> - -<p>Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?</p> - -<p>Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der -weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben, -sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind, -während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer -Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand -hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten -rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart -betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und -Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der -himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“</p> - -<p>Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über -den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein -unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am -Spulen, sei’s beim Nähkorb — so kommt gleich die Maus der Gertrudis -und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.</p> - -<p>Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht -„g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist -ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> - -<p>Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die -Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den -Platz erobert hat. Der „süße Namen“ JI<img class="inline_symbol" -src="images/symbol.png" alt="Symbol" />IS, der zu Häupten der -Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle, -das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den -Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume -zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.</p> - -<p>„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer -vom Himmelreich.“</p> - -<p>Sie schaukelt und singt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Nutz Heidl, mei Schatz,</div> - <div class="verse">Auf’m Ofen steht die Katz,</div> - <div class="verse">Die schwarze und die weiße,</div> - <div class="verse">Die will das Büble beiße.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nutz hei ab, nutz hei ab,</div> - <div class="verse">Das Katzl lauft den Steig ab,</div> - <div class="verse">Lauft ein schwarzes Hündl nach,</div> - <div class="verse">Beißt dem Katzl ’s Fußel ab.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nutz Heidl</div> - <div class="verse">Grüne Stäudl</div> - <div class="verse">Rothe Beerl dran,</div> - <div class="verse">’s Büble schlaft schon.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das -Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den -Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.</p> - -<p>’s ist aber auch kein Fried’ im Haus — ein ketzerhaftes Poltern -vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und — -sonst doch so ein gescheites Thier — bellt er und winselt heute, wie -närrisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p>„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“</p> - -<p>Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“</p> - -<p>Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“</p> - -<p>Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein. -Nur der Vater — so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet -— trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die -Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den -Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird -sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat -ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm — gottlob, diesen -Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So -kommen sie zusammen..</p> - -<p>„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.</p> - -<p>„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.</p> - -<p>Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er -richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! — Man weiß -nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen -gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die -Tannen wachsen.</p> - -<p>Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel -gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt, -dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht -das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch, -der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in -den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p>„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt -sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden -Enkel zitternd die alten Hände entgegen.</p> - -<p>„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf -ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der -Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? — Was -schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will -reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann -sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu, -„jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“</p> - -<p>„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s -geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“</p> - -<p>Sie schauen sich gegenseitig an.</p> - -<p>„Sicherlich wieder so ein Soldat?“</p> - -<p>Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege, -jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, <em class="gesperrt">der</em> -ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“</p> - -<p>Da macht der Bursche große Augen: Der!</p> - -<p>„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.</p> - -<p>Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. — -Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem -Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte -Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und -halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt -will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte -gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Der Maler — Franz Defregger ist sein Name — hat diese liebliche Scene -geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust -dargestellt.</p> - -<p>Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen -nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.</p> - -<p>Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf -seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da -hab’ ich auch noch so Einen! — Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht -ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz, -noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich -der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen -wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge -leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als -Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind -nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in -unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht -den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St. -Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut, -rechtschaffen und schön — und aus der Sacristei kommt der Bruder, -der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem -Martinele das, was er selbst nicht hat — ein liebes Weib.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_4" name="kap_ende_4"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<h3 id="Als_Hans_der_Grethe_schrieb">Als Hans der Grethe schrieb.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i2" name="initial_i2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">„I</span>st sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum -Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich -da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“</p> - -<p>Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der -scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich -jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen -— gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den -Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie -ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich -deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s -’leicht d’rauf? Und von wem denn?“</p> - -<p>„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht -mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst -ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“</p> - -<p>„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber -erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann -leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’ -ich Schaden than!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<p>Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich -an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom -Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein -Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz -verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht -d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, -weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst -derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie -den Brief mit Müh’ und Noth — was er denn schreibt, wie’s ihm denn -geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. — Daß er gar zuletzt muß -kriegführen gehen!?</p> - -<p>Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans -recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster, -das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.</p> - -<p>Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl -aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei -war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem -Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt, -und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er, -freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so -viel gewachsen, der Schnauzbart! — Na, der Hansl, was wird er denn -schreiben? — Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn -gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von -Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“</p> - -<p>Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit -nieder gegen den Busen so jung,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> und zart — ließ den Brief dort ruhen. -Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht -sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd: -„Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ — Dann -später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er -wär’s selber — wie er da so sauber gemalt ist.“</p> - -<p>So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen -vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn -das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß -nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort -gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt. -Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich -gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag — Muß ich -Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“</p> - -<p>Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen -Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit -zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn -so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’ -Sünd’, so viel Sünd’!</p> - -<p>Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu -im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf -der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der -Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat -sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das -ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen — die arme Gretl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf -die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl -kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die -Christl.“</p> - -<p>Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die -Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut -kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam -zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte, -allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn -sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen -sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines -Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.</p> - -<p>So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen — er ist halt -lang genug gewesen — ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist -er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’. -Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.</p> - -<p>Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und -der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken -war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und -Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt. -Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht, -was er Einem schreibt.</p> - -<p>Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt — that -sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die -Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> - -<p>„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht -ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“</p> - -<p>Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so -leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen -und Stecken, wie sie waren, dazwischen.</p> - -<p>„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl -freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans — ja von Hans, -freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für -die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da — der Soldatenbrief.“</p> - -<p>Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“</p> - -<p>Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen, -Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus -den Fingern zerren.</p> - -<p>„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich -Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt, -Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“</p> - -<p>Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich -Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das -hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“</p> - -<p>Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie -dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir -aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? — Ja so, nur -Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s -halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich -weiß mir keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht; -freilich trau’ ich mich nicht. — Ging Dir halt nicht von statten, -meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st -probiren — leicht ging’s, Christl.“</p> - -<p>„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach -einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl -sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“</p> - -<p>„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“</p> - -<p>„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann — stocktaub — kennst ihn ja.“</p> - -<p>„Freilich wohl, aber — Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit -wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“</p> - -<p>„Um so besser,“ rief die Christl.</p> - -<p>„Nein, ich — weißt, er soll’s halt nicht wissen, und — wirst steh’n -bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! — Er -leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ — ich weiß, daß er’s -nicht leid’t — freilich nit.“</p> - -<p>„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“ -sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’ -<em class="gesperrt">still</em> lesen lassen? <em class="gesperrt">Laut</em> soll er ihn lesen, Dir vorlesen -soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein -Wort davon — kein Wort.“</p> - -<p>Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja — -weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben -angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er -den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin -steht.“</p> - -<p>„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn -redest! Wenn er laut liest und kein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Wort hört, wie soll denn das sein, -auf alle Mittel und Weis’!“</p> - -<p>„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“</p> - -<p>„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’ -er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’ -Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du -mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“</p> - -<p>„Das ist gescheit — wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl, -„bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit, -thät’ mich der Hansl heiraten. — Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen -’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen. -Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und -laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen — ja, laß Dir Zeit!“</p> - -<p>Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in -hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.</p> - -<p>Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist -sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der -alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die -Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der -Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und -laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“</p> - -<p>„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief -diese noch aus dem Walde zurück.</p> - -<p>Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen -hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das -Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie -nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie -diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus -dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.</p> - -<p>Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze, -seitdem Vater und Mutter gestorben.</p> - -<p>„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und -Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt, -seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling, -Tochter, Kind.</p> - -<p>Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte -schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den -Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann -sagen, der Schwanenwirth-Christl.“</p> - -<p>Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser -seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.</p> - -<p>„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine -Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.</p> - -<p>„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen -befangen schnell.</p> - -<p>Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den -er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand, -da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“</p> - -<p>„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der -Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ —</p> - -<p>„Der Schwanenwirth-Christl ihrer —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p> - -<p>„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut -lesen, weil — weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim, -aber gleich wieder.“</p> - -<p>Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er -den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern -stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich. -„Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern. -Innigstgeliebte Margaretha! — steht’s geschrieben.“</p> - -<p>Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. — Taub ist er freilich, aber so -heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so -laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“</p> - -<p>„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in -bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und -mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal -avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde, -was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich -denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage -ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So -schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, -daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil -sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das -von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht -geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses -sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut -hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf -mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir -paar Zeilen, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief -brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in -den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am -Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du -von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein -Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab</p> - -<p>Dein</p> - -<p class="right mbot1"><span class="mright6">Johann Kinigl,</span><br /> -Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“</p> - -<p>Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. — „Von der -Muhme das!“ sagte er endlich.</p> - -<p>„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der -Schwanenwirth-Christl ihrer —“</p> - -<p>„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein -niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen, -verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.</p> - -<p>„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger -ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen -und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen -werden im Himmel geschlossen.“</p> - -<p>„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen -Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem -Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er -sonst nichts, den Bettelsack um.“</p> - -<p>„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich -deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl, -rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen; -kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den -Büchern lesen —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p> - -<p>„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet. -Marsch in Deinen Stall, Dirn! — Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl -gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. — Kommt der -Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’ -— ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich -nit!“</p> - -<p>Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte -ihrem Hofe zu.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in -ihrem Namen:</p> - -<p class="mtop1 mleft2">„Lieber Hans!</p> - -<p>Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.</p> - -<p class="right mright2 mbot1">Margaretha Krautwascherin.“</p> - -<p>Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und -wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter -und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch -heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein -Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_5" name="kap_ende_5"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<h3 id="Wie_ein_Kaiserjaeger_fensterln_ging">Wie ein Kaiserjäger -fensterln ging.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_h" name="initial_h"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>eimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet; -ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach -den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle -Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen -Tropfen Wein geben.</p> - -<p>Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter -Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s -wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.</p> - -<p>Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in -sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen -zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’ -die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht -unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das -Gemüth und wird zur Pein.</p> - -<p>Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und -gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn -umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht -im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die -treue, stille Heimat — desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein -namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und -allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.</p> - -<p>Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige -Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.</p> - -<p>Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh -desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat -geduldet — ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit -heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben, -oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat -wieder.</p> - -<p>Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier -einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat -zugetragen hat.</p> - -<p>Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches -Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war -befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in -Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht -lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den -Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens -mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab -sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den -Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.</p> - -<p>Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger, -sondern erst die Einleitung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> - -<p>Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt -und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe -Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische -Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des -Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft -der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen -hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte -Allegorie. <em class="gesperrt">Josef’s</em> Herzensgebieterin aber war sehr jung und -schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen -Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz -Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur -einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war -nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag -in Steiermark.</p> - -<p>Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort -lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb -es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr -gesehen hatte.</p> - -<p>Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im -Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer -wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber -er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten -nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen -die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich -desertir’!“</p> - -<p>Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die -Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> - -<p>Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen -Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht -beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht -hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt. -Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um -Viele damit zu beglücken?</p> - -<p>Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen. -Josef jubelte über diesen Befehl — jetzt fährt oder marschirt er in -wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch -Minna wieder.</p> - -<p>Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment -geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er -indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder -hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er —“ Er gab dem Diener -einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder -vermehrte noch verminderte.</p> - -<p>Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’ -nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“</p> - -<p>Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria, -das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das — wie -zum Trotze — alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.</p> - -<p>Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden -Gemächern allein. — Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte: -„Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“</p> - -<p>Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die -Gassen dem Bahnhofe zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher -Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf -seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den -Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und -marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.</p> - -<p>Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß, -daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig -bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne -bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und -das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach -und ohne die geringste Beschwerde.</p> - -<p>Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird -es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“ -— Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest -und küssest, so wird sie es begreifen — aber in zwei Stunden mußt Du -wieder auf dem Bahnhofe sein.</p> - -<p>Josef ist glückselig.</p> - -<p>Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder, -wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht -schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und -Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.</p> - -<p>Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft -an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter; -jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen. -„Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna -einmal von<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch -noch die Scheibe ein!</p> - -<p>In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente -wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet. -Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen -ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken -nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier -und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel -Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche -die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die -Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“</p> - -<p>Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die -Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und -Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“</p> - -<p>Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und -brummte.</p> - -<p>„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben -gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer -Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“</p> - -<p>Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem -Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch -kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen, -diesem verdächtigen Mauser!“</p> - -<p>Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte — jubelte über die Schläge, die -er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten -Nebenbuhler zugedacht. Wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> erzählt die Chronik auch von einer -zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen -Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der -Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig -auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.</p> - -<p>Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien: -„Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in -den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe -schlug das Signal des Zuges nach Süden.</p> - -<p>Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre -des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.</p> - -<p>Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat -Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.</p> - -<p>„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel -geträumt.“</p> - -<p>„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“</p> - -<p>„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“</p> - -<p>Der Schalk!</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_6" name="kap_ende_6"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - -<h3 id="Arthur_heisst_er">Arthur heißt er!</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_w" name="initial_w"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr -gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste -und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten, -fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich -laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das -unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein -Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu -wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon -spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir -buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für -alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!</p> - -<p>Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine -Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten -Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt -war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.</p> - -<p>Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“</p> - -<p>In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte -und bestrebt war, meinen Wunsch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> proclamiren, fühlte ich in meiner -Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich -mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz -gewesen.</p> - -<p>„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie -will nicht gehen.“</p> - -<p>„Schön! Ist sie aufgetrieben?“</p> - -<p>Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend -etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an -der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie -ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen -Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende -würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette -gemacht haben!</p> - -<p>„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen -da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so -liebenswürdigen Fräuleins —“</p> - -<p>In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch -trat herein.</p> - -<p>„Servus, Malchen! — Numero sicher?“</p> - -<p>„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause -begleiten!“</p> - -<p>Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der -unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf -das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.</p> - -<p>„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“</p> - -<p>„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“</p> - -<p>Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen -gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.</p> - -<p>„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“</p> - -<p>„Werden Sie die Uhr selbst holen?“</p> - -<p>„Jedenfalls.“</p> - -<p>„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im -Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“</p> - -<p>Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar -ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen -Diener“ wird.</p> - -<p>Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste -Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten -Zustand versetzt hatte.</p> - -<p>Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.</p> - -<p>Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte -ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor — und <em class="gesperrt">wenn’s</em> auch ein -wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! — -Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.</p> - -<p>Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las -dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet, -daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig -sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den -Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt -zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet -von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> einem einzigen -Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von -Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von -Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. — Plötzlich -rief er aus: „Pardon!“</p> - -<p>„Was haben Sie?“</p> - -<p>„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn -glatt scheeren?“</p> - -<p>„Pfui Teufel, so geschmacklos!“</p> - -<p>„Ich dächte, Fieschi?“</p> - -<p>„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“</p> - -<p>„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im -Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“</p> - -<p>Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück — Gott im -Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!</p> - -<p>Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht — in stiller -Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die -Stirne.</p> - -<p>Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch, -wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen; -da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes -vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der -geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.</p> - -<p>Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja -praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen; -also nur kein <em class="gesperrt">graues</em> Haar wachsen lassen, es wird schon noch -dunkelbraunes kommen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg -den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine -Eintrittskarte in das Opernhaus.</p> - -<p>Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war -wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein -mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.</p> - -<p>„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.</p> - -<p>„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“</p> - -<p>„Haben Sie die Güte — die Marke!“</p> - -<p>„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“</p> - -<p>„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“</p> - -<p>„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon -spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“</p> - -<p>„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“</p> - -<p>„Ja, ja, das war ich.“</p> - -<p>„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden -nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr -persönlich holen.“</p> - -<p>„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.</p> - -<p>„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.</p> - -<p>Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.</p> - -<p>„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der -Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Aben<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>teurer, Sie, wenn Sie nichts -vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die -Polizei in der Nähe!“</p> - -<p>„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich -kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie -keine Marke verabfolgten; — es war auch sonst noch Jemand da —“</p> - -<p>„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte -das Mädchen.</p> - -<p>„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise, -„und möglich, daß er heute wieder kommt — <em class="gesperrt">Arthur heißt er</em>!“ -Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.</p> - -<p>Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn -doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie -nicht auf den ersten Augenblick — bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß -sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“</p> - -<p>Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. —</p> - -<p>„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.</p> - -<p>„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem -Opernhause zu.</p> - -<p>„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich -auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr — -sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.</p> - -<p>Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_7" name="kap_ende_7"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<h3 id="Eine_Schatzgraeberhistorie">Eine Schatzgräberhistorie.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_k" name="initial_k"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_k.jpg" alt="K" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">K</span>ann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je -noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just -nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein.</p> - -<p>Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in -der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz -zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet -hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben; -hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber, -das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll.</p> - -<p>Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide -ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so -Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet -durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz -und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen -Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter -umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und -tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit -ihm schon zur Hälfte im<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht -gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit -demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that -ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen -böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und -meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner -Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst -sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne -Capelle oben auf dem Birkenberg!“</p> - -<p>Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine -prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte -sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die -Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen -Versunkenheit zogen.</p> - -<p>Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen -konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie -denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig -sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich -verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die -prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war -die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet -und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein -erbauen zu können. — Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß -nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? — Der gute Guido wußte -wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch -bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller -Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’ -ihm zur höchsten Freude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p> - -<p>Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem -Unterhalte; doch der Schatz — es war gerade, als ob der Böse darauf -säße — den Schatz stach er nicht.</p> - -<p>Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte -noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld -zu schaffen für den gelobten Bau.</p> - -<p>Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen -sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen -Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im -Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an -einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust -und ächzte.</p> - -<p>Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und -murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus -und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam -und hilflos versterben.“</p> - -<p>Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann -bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte -er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest -im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ — Dann zog er mit bebender -Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter -Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und -wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt — nur mein Jacob -kann’s sein — so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings -verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um -Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> und thut mir -das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“</p> - -<p>Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als -nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war, -wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden — da -saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war -Geld darin, viel Geld....</p> - -<p>Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? — Ja, dachte er, das ist -ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und -sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und -damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man -abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem -Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen -und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns -Allen geholfen.</p> - -<p>Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge -das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem -rothen Dache weit in das Land hinaus.</p> - -<p>Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute, -das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den -Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald -fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen -Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde -zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu -seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein -Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er -gleich zehnmal gestorben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf -dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden -Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen -Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz -auf der Moorheide entdecke.</p> - -<p>Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder -schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem -der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in -seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig -stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte -ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und -jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß. -Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht -zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht.</p> - -<p>So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von -seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg -zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit -lauter Stimme:</p> - -<p>„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu -mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“</p> - -<p>Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der -Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“</p> - -<p>Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der -Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine -sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher -Junge und er<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die -Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt, -als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der -Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon -gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und -gescheit und viel manierlicher war, als der Alte.</p> - -<p>Es war im Städtchen bei einer Muhme erzogen worden und nur zur -Sommerszeit manchmal beim Oheim im Einödhäuschen. Guido hatte sich aber -nicht getraut, den Jüngling zur Rede zu stellen darüber, weshalb dieser -auf der Moorheide so herumsteche oder auf der Bank bei seiner Nichte -sitze. Und so hatte sich der junge Mann auch nicht verantwortet und -überhaupt niemals näher mit dem Alten verkehrt.</p> - -<p>Oft hatte sich der Geologe, als welcher der fremde junge Mann in -der Gegend herumging, so weit in’s Gebirge verstiegen, daß er keine -Menschenwohnung fand und im Freien übernachten mußte. So hatte er auch -gestern spät Abends auf dem einsamen Birkenberge in der stets offenen -Capelle Obdach gesucht und sich hinter dem Altare in seinen Mantel -geschlagen, bis zur Morgenfrühe, da er wieder weiterziehen wollte. Er -ruhte gut auf dem Stein. Freilich kam auch zu ihm der Jude mit dem -grauen Barte, der ihm seit vielen Jahren verschollen war; doch er kam -in lieber, freundlicher Traumgestalt, denn es war sein Vater.</p> - -<p>Da er nun aber plötzlich des Vaters und seinen Namen rufen gehört -hatte, fuhr er empor und auf den Alten zu, der angstgemartert vor dem -Altare lag. Guido war wortlos vor Schreck, er stöhnte und bat mit den -Händen um Gnade.</p> - -<p>Er hat Alles gestanden. Und eine Inschrift auf dem noch vorhandenen -ledernen Täschchen hat Alles erwiesen.<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> „Was soll es weiter,“ sagte -der fremde Mann, „mich verlangt nur meines Vaters Grab zu wissen. Geld -hätte mich nicht gehoben, das muß eigene Arbeit thun.“</p> - -<p>„Oh!“ rief der Alte verwirrt. „Wenn Du der Jacob Amsel bist, so ist die -Kirche Dein; sie ist von Deines Vaters Geld erbaut. Aber die Gertrudis -schenk’ mir heraus, die muß mir auf der Moorheide was helfen suchen.“</p> - -<p>„Das Kirchlein schenke ich den Gläubigen,“ sagte der Geologe, „auf der -Moorheide aber giebt es sonst nichts zu suchen, als was Du lange schon -gefunden hast. Du alter Torfgräber, seit vielen Jahren hast Du vom -Schatze der Heide gezehrt.“</p> - -<p>Der junge Gelehrte hatte bei dem Gerichte Fürbitte gethan, daß der -alte, einfältige Mann seine letzten Tage noch im Sonnenlichte verleben -durfte. Hingegen hat er um dessen sittiges Nichtchen gefreit und -dasselbe in den Banden der Ehe mit sich geführt. Das Kirchlein steht -heute noch auf dem Birkenberge. Der Geologe läßt es vor Verfall -bewahren, ihm ist es das theure Denkmal der Sterbestätte seines Vaters. -Er selbst aber hat aus der Erde Tiefe schon manchen Schatz gehoben, -den der Torfgräber in seinem Wahne vergebens würde gesucht haben. Von -allen Schätzen der liebste aber war ihm sein Mariechen. Den legte er -als echter Judensohn auf gute Zinsen an, und es verging kein Jahr, ohne -daß Interessen fällig wurden. Der alte Jacobssegen ging reichlich in -Erfüllung.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_8" name="kap_ende_8"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<h3 id="Sanct_Josef_der_Zweite">Sanct Josef der Zweite.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_w2" name="initial_w2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt, -es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s -Kärntnerland, in das Thal der Gurk.</p> - -<p>In diesem Thale lebt Josef der Zweite.</p> - -<p>Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um -ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um aus <span class="antiqua">P.</span> -M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden -Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und -Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen -Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß, -in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß -ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem -eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige -Zeile zu finden, sondern — und zum Unglücke — mit der Nachfolge -des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung -und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur -Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen -anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt -haben, er<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> hätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und -Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am -erquicklichsten war.</p> - -<p>Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm -einmal sein Beichtvater, ein alter Priester:</p> - -<p>„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in -den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist -ein Heide über und über!“</p> - -<p>Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der -Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen -anderen Seelenfreund zu suchen.</p> - -<p>Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer -Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser, -mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze -an bis hinab zur großen Zehe.</p> - -<p>Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem -Beichtvater.</p> - -<p>„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit -dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein -Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen -als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen -und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der -Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“</p> - -<p>„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät -wissen!“ meinte der Koloman.</p> - -<p>„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater.</p> - -<p>„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p>„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen -Johannes in der Wüste?“</p> - -<p>„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die -Heuschrecken ein bißle lieber essen.“</p> - -<p>„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und -Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St. -Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä —“</p> - -<p>„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman.</p> - -<p>„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der -Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St. -Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer — nun?“</p> - -<p>Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. — Wohl wahr, diese Welt -sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er, -der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode -auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde -nehmen.</p> - -<p>„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist -Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll -Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und -Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders -in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“</p> - -<p>„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’ -und mein Weib nichts dagegen hätt’.“</p> - -<p>„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht.</p> - -<p>„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der -Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> ich heiraten sollt’, und -der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“</p> - -<p>Der Priester schwieg ein Weilchen.</p> - -<p>„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den -irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin -müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. — Euer Weib geht doch auch häufig -zur heiligen Beichte?“</p> - -<p>„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so -möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“</p> - -<p>„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der -Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen -Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach -dem Herzen Gottes —“</p> - -<p>„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das -ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz -vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und — nicht wahr, -Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? — -gesteinigt, enthauptet, oder so was? — nicht? — Punctum, beim Josef -verbleib’ ich.“</p> - -<p>In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die -Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den -zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der -Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen.</p> - -<p>Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes -und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein -Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war -gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung; -und sein Weib — das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum -Beichtvater erwählt hatte, — theilte mit ihm gern diese Entsagung, und -so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben.</p> - -<p>Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte -ihm sein Weib einen Lilienstamm — (es war aber eine Zwiebeldolde) — -nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei.</p> - -<p>Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen -lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock -und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl -nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr -salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel -gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt -wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher -Silberzehner dabei.</p> - -<p>So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus -der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s -Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der -Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“</p> - -<p>Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte:</p> - -<p>„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“</p> - -<p>„Warum?“ versetzte er.</p> - -<p>„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur -Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> - -<p>Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz -liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“</p> - -<p>Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege? -Wieso denn? — Wieso denn das, Maria?“</p> - -<p>Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden.</p> - -<p>Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder — -stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand.</p> - -<p>Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und -Wunder an ihr geschähen?</p> - -<p>„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks -zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause -geschehen.</p> - -<p>Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er -den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er -seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das -Buschwerk davon.</p> - -<p>In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es -genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen -wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig — ein welker -Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_9" name="kap_ende_9"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Wolfl_von_Kirchberg">Der Wolfl von Kirchberg.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_s" name="initial_s"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit -viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer, -trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie -voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz -am Wechsel.</p> - -<p>Ich bin dazumal — es war vor Jahren — an den Schauerdenkmalen -menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der -Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal -bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen -Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen, -regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in -der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu -schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter -Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen -Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen -und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein -schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu -den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der -Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere -hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“</p> - -<p>Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz -über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch -hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte -eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das -war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat -zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr -Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt, -aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der -Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“</p> - -<p>„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und -leise für sich setzte es bei: „Der <em class="gesperrt">muß</em> helfen, ’s kann gar nicht -anders sein.“</p> - -<p>Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt -hastig fürbaß.</p> - -<p>Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele -hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist -wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die -tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein -Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste -schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem -undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder -und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte: -„Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich -sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das -er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den -Sitz nieder.</p> - -<p>„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich -ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen -dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent -aussehender junger Mann.</p> - -<p>„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen -Mannes zu entgegnen.</p> - -<p>„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem -Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen -sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’ -kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund -auf’s Saufen.“</p> - -<p>Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der -Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer, -habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder -ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und -eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.</p> - -<p>Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein -großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen -sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen -auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter -Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der -Wolfgangskirche — an den Erzbischof Rauscher nach Wien — ein -Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen -Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> so gern die -alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und -auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um -Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der -hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel -bauen.“</p> - -<p>Was war die Antwort auf dieses Schreiben? — Die Leute könnten auch in -der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in -den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. — Das heißt, so hatte -dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine -Antwort.</p> - -<p>Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir -wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur -Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem -Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser -Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber -mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang -in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele -hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.</p> - -<p>Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte -uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale -Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und -sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier -traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie -sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein -Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen -seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie -Bergmann und zieht<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und -führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die -seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit, -denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre -Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.</p> - -<p>Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst -in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’ -seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in -der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf -aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig -ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine -Pickelhaube — aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon -wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der -Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und -lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben -heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem -Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings, -der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich -dahinter und kichert.</p> - -<p>Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere -Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist -ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und -badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener -kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag -schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung -was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so -verführt, und bei der<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht -losgesprochen worden.“</p> - -<p>Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder, -Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen, -voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte -mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu. -Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen — -mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“</p> - -<p>Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß -reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche -bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in -die Höllen hinab!“</p> - -<p>Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß -man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn -in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt! -Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in -der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den -saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“</p> - -<p>Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen -Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der -Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe. -Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht -nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die -Höhe glaube.</p> - -<p>Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns -die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - -<p>Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß -Kranichsberg erstrecken?</p> - -<p>Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom -Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.</p> - -<p>„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der -Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch -eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der -Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch -plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und -weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett -beiseite, und siehe — das helle, holdselige Tageslicht und das weite -Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.</p> - -<p>„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch -hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und -letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“ -Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich -an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht, -so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal -von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man -soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“</p> - -<p>So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als -ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte, -sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast -stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann -sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein -Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p>Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich -wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein -schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen, -stand ein freundlicher Altar.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß -des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl -dauerte — doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche -wieder herstellen.</p> - -<p>Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es -sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche -geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er -mit seinem Herzlieb getraut worden.</p> - -<p>Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die -Welt hier oben.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_10" name="kap_ende_10"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Junge_und_der_Alte">Der Junge und der Alte.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_n" name="initial_n"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_n.jpg" alt="„N" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">N</span>a, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch -meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt -genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! — -Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel. -Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen, -nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir -nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und -Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn <em class="gesperrt">das</em> -nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit -<em class="gesperrt">solchen</em> Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig -thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der -gescheit’ Seppel thät sein — auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“</p> - -<p>„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater -hat doch auch Eine genommen.“</p> - -<p>„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)! -Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst -heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“</p> - -<p>„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p> - -<p>„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und -Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf -— hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen -(entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner -ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“</p> - -<p>„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“</p> - -<p>„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in -Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater -ist.“</p> - -<p>„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, <em class="gesperrt">warum</em> er’s ist.“</p> - -<p>„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die -Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“</p> - -<p>„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich -schlafen.“</p> - -<p>Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem -dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.</p> - -<p>Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem -Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für -sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte -betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen -Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.</p> - -<p>Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den -Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.</p> - -<p>„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine -drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p>„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich -will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns -Zwei — was wir ausgeredet haben — ist’s dieweilen noch nichts. Ich -verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir -gach einfallt, daß ich komm’!“</p> - -<p>Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner -Feinheit — Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde. -Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt. -Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine -Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt — sie soll nur warten, ’leicht wird -sie wärmer — und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts -versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater -nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten, -auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. — Deswegen -war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter -lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch -großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor -den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und -sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den -Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns -g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft -geben.“ — Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß -es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine -noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem -Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist -Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich -um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um -einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der -Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch -auf den Vater nicht ganz vergessen.</p> - -<p>Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht -vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im -Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. — -Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und -rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht -ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus -sechs Brettern...</p> - -<p>„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.</p> - -<p>„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein -solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug -dazu.“</p> - -<p>„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr -dermacht er’s.“</p> - -<p>„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett -kosten. — Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“</p> - -<p>„Ja, wer — wer denn?“ fragte der Sohn.</p> - -<p>„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann -liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt. -Keine Mutter haben, ein Waisel sein — ’s ist eine arme Sach’. -Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich -gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> eine -Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen -Gedanken noch da.“</p> - -<p>Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir -etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’ -auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater -denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das -vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir -ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich -wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“</p> - -<p>„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen -muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin. -Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.</p> - -<p>Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein -härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine -Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.</p> - -<p>Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her, -jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die -Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“</p> - -<p>„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind -auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich -bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß -sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den -Mann.“</p> - -<p>Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die -Christine: „Na, welchen denn?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr. -Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten -nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s -Eil!“</p> - -<p>„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig -sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt -möcht’ er was dreinreden.“</p> - -<p>„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich -fürchterlich vor dem Vater auf.</p> - -<p>„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei -Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“</p> - -<p>„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal -lieber,“ drauf der Alte.</p> - -<p>„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich -Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt, -und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“</p> - -<p>Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau -Keine an, außer Dir!“</p> - -<p>„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis -auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel -von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach -einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er -Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm -heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine -Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater -und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von -Dir hab’ ich genug!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> - -<p>Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr — es -bleibt ja Alles aus!</p> - -<p>„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon -Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“</p> - -<p>„Das mußt erst sehen,“ sagte diese — und war fort.</p> - -<p>— Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.</p> - -<p>„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß, -„einen Spaß wirst doch verstehen.“</p> - -<p>„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes -denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“</p> - -<p>Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der -nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der -Schneider und der Tischler sind fertig.“</p> - -<p>Nun —? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_11" name="kap_ende_11"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<h3 id="Graf_Adlerstamm_auf_der_Hahnenjagd">Graf Adlerstamm auf der -Hahnenjagd.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i3" name="initial_i3"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>m Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das -Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der -Preiner-Michel den Bock geschossen.</p> - -<p>Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal -fuhr. Der Oberförster — Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher -die Geschichte erzählt — hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er -war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den -Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den -Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog, -wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der -Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“</p> - -<p>„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.</p> - -<p>„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“</p> - -<p>„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“</p> - -<p>„Der kann’s <em class="gesperrt">nicht</em> thun,“ sagte der Oberförster.</p> - -<p>„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der -Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was -geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß -der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl -geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das -wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt —“ und machte mit den zwei -Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn -schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken -wüßt’.“</p> - -<p>„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der -Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne -und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.</p> - -<p>„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es -ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“</p> - -<p>„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“</p> - -<p>„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen -festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem -fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“</p> - -<p>„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.</p> - -<p>„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als -traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß -es ausgeführt werden.“</p> - -<p>„Nachher ist’s ja recht.“</p> - -<p>„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“</p> - -<p>Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.</p> - -<p>„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich -<em class="gesperrt">nicht</em>!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> - -<p>„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum -mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“</p> - -<p>„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“</p> - -<p>„Nun, zu Deiner Beruhigung — Du weißt ja, daß ich dem Herrn den -Büchsenspanner abgebe — werde ich das Gewehr blind laden.“</p> - -<p>„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn -schießen?“</p> - -<p>„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und -schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den -hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat. -Nicht vergessen auf’s Balzen!“</p> - -<p>„Ist recht.“</p> - -<p>Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. —</p> - -<p>Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich -mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der -Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf -fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine -klare stille Nacht.</p> - -<p>„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich -sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“</p> - -<p>„Soll Sein Schade nicht sein. Doch — hat Er’s gehört, jetzt? Ist das -nicht ein Schuß gewesen?“</p> - -<p>„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat -mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine -ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts -Seltenes.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - -<p>Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr -Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie -das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn -wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.</p> - -<p>So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in -dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine -Lust war.</p> - -<p>Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte -flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.</p> - -<p>„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“</p> - -<p>„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der -kleine Punkt....“</p> - -<p>„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur -Wange. — Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu -früh, aber siehe — diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu -Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.</p> - -<p>Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger -Vogel. — Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den -Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! —</p> - -<p>Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen! -Aber — was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen — -was das sein mag? — Sogleich ist Licht gemacht — welch’ eine -Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.</p> - -<p>„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er -bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das -vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> bisweilen in die Nähe der -Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute -irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese -Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“</p> - -<p>Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen; -auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel -kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den -todten Vogel herabgeschleudert hatte.</p> - -<p>„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu -früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an -meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen -gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“</p> - -<p>In acht Tagen war das Revier verkauft.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_12" name="kap_ende_12"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p> - -<h3 id="Studentenpulver">Studentenpulver.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d3" name="initial_d3"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>a gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine -Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld. -Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine, -zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak -gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein -Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn — einem -weitläufigen Verwandten Frischer’s — eine feine Aufnahme und noble -Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem -einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er -selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des -Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen.</p> - -<p>Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland.</p> - -<p>„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der -Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen, -wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens -unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht -verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Tausender -genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei -Kreuzköpfeln —“</p> - -<p>„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt, -„Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens -wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele -halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. — -Und jetzt habe ich eine Idee.“</p> - -<p>„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal, -daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das -nicht glauben.“</p> - -<p>„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer, -willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung -stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. — Und Du, -Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“</p> - -<p>„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte.</p> - -<p>„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. — Der -schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“</p> - -<p>Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche.</p> - -<p>Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das -versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem -„Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider -umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet, -es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun -gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres -dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die -Halterhütte. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Halter — Duckmichel hießen sie ihn — war ein -kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur -in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die -bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist. -Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten, -Alraunen u. s. w. behangen.</p> - -<p>Die beiden Studenten — Stroche war nicht ganz fremd im Hause — wurden -mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und -Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet. -— Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr -hinter sich — die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die -erste Bekanntschaft machen müsse.</p> - -<p>„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des -Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur -essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer. -Ist wohl vergunnt! — Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’, -heißt’s, mein’ ich —? Na, gelt, weiß es ja. — Viel dicker auf’s -Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der -Honig ist gar worden. — Schau, schau. — Vor nächst Jahren sind auch -einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten, -dem Schlederer-Ferl — heißt er — der Müh werth ein bissel ein -Studentenpulver gegeben.“</p> - -<p>„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich -vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“</p> - -<p>Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver -bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt — -für Wildschützen eine gute Sach’.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> - -<p>Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing -im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig, -der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver -angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf -die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte -laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so -stürze zusammen — vergiß nicht drauf!“</p> - -<p>Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze -Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf -kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster -hinaus auf die gegenüberstehende Felswand.</p> - -<p>Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es -ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß -die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel — sei es wo -immer — aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann -fragte er: was denn immer Neues in der Welt?</p> - -<p>„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte -Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der -Kufsteinerfestung — der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“</p> - -<p>„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „<em class="gesperrt">Der</em> -braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“</p> - -<p>„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu. -„Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“</p> - -<p>„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen -Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher -hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<p>„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des -Räubers Kopf gesetzt!“</p> - -<p>Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein -wenig mehr können, als Birnen sieden.“</p> - -<p>„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte -der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s -wohl!“</p> - -<p>„Weil —“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon -davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“</p> - -<p>„Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin -gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß -dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede -Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht -sich schußfest — aber vor diesem Pulver“ — er deutete gegen seine -Brusttasche — „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem. -— Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau -den schwarzen Hannes gesehen.“</p> - -<p>„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter.</p> - -<p>„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben -kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am -linken Fuß?“</p> - -<p>„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal -ein Standar in’s Knie geschossen.“</p> - -<p>„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust -auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden -Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen. -Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir -gesteckt hab’!<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter? -Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner. -Nu, ’s ist ja recht.“</p> - -<p>„Wohl, wohl, aber —“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver -thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren -haben ganz gewiß eines im Sack?!“</p> - -<p>Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann, -„etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein -kostspielig Ding!“</p> - -<p>„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür. -Was thät’ der Schuß denn kosten?“</p> - -<p>„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der -Schuß kostet einen Thaler.“</p> - -<p>Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes -Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. — „Es kann -aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ — Der Mann holte -seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die -Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“</p> - -<p>„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s -Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet.</p> - -<p>„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig. -Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine -Creatur herum, die — — ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der -leibhaftige schwarze Hannes ist!“</p> - -<p>Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl, -wie er hinkt und sich duckt und späht — ’s ist der flüchtige Räuber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<p>„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal -ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes, -einen Kugelstutzen!“</p> - -<p>„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“</p> - -<p>„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist -doch nicht schon geladen?“</p> - -<p>„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da -heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen -Raben losgedrückt.“</p> - -<p>„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden -Pulvergattungen zusammenkommen.“</p> - -<p>„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr -mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver.</p> - -<p>Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken.</p> - -<p>„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar -hält,“ versetzte Frischer.</p> - -<p>„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und -wartet bis ich rufe.“</p> - -<p>Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange. -Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“ -In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend -knallte der Schuß.</p> - -<p>Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten. -Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand.</p> - -<p>Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist -das Euer Pulver, das nicht kracht?“</p> - -<p>„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s -ein Unglück!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde -stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint -Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? — -Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit -Schnupftabak. — Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit -lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit -Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer -Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das -echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben -einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“</p> - -<p>„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem -Kameraden geschehen?“</p> - -<p>Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in -der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse -förmlich in den Schoß gefallen war.</p> - -<p>„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm -hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß -Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und -dumm sind. — Ist noch Buttermilch anständig?“</p> - -<p>Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben -heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten -auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das -Studentenpulver schnupfen sie selber.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_13" name="kap_ende_13"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<h3 id="Eine_Eisenbahngeschichte">Eine Eisenbahngeschichte.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_u" name="initial_u"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_u.jpg" alt="U" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nd sieben Plagen kamen über Aegypten. — Es wären sicherlich acht -gekommen, aber die <em class="gesperrt">Eisenbahner</em> sind damals noch nicht gewesen. -— So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur -Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie -das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen -Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern -auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen -Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo -sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei -sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren -und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und -Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum -sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden. -Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen, -das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber -den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert -Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal -begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was -wachsen konnte.<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben -das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die -Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen -Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ — „Nein,“ sagst -Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir -nicht feil.“ — „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt -der Ingenieur, „dann aber <em class="gesperrt">mußt</em> Du uns den Grund abtreten!“ — -„Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in -einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem -Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“</p> - -<p>Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer, -und — das ist gut. — Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir -heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht -gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat -der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die -Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne -sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges -nicht ein — ich auch nicht — und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht -die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht -hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so -müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.</p> - -<p>Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.</p> - -<p>Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes -Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter -Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber -zwingt es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und -ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.</p> - -<p>„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr -wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich -laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben; -ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben -sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar -nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die -Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch -nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten -Vater auf dem Todbett behandelt hat. — Aber der Vorwand ist schlau, -Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.</p> - -<p>Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das -Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.</p> - -<p>„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie -ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“</p> - -<p>„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses -armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“</p> - -<p>Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „<em class="gesperrt">Sechzehntausend -Gulden</em>.“</p> - -<p>— Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine -Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke -über Haus und Grund des Schotterhans? — Hier wird eine eiserne Brücke -gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> - -<p>Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das -Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es -pfeift auf ihn.</p> - -<p>Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute -lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über -seinem Giebel.</p> - -<p>Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen. -Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt — wie er’s -stets gewünscht hatte — im Hause seiner Vorfahren.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_14" name="kap_ende_14"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<h3 id="Naturforscher_auf_der_Alm">Naturforscher auf der Alm.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i4" name="initial_i4"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>m Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem -steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.</p> - -<p>Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar -ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im -Land!“</p> - -<p>„Was?“ schrie Alles.</p> - -<p>„Sie kommen gar auf die Alm.“</p> - -<p>„Wer?“</p> - -<p>„Sie rücken schon an.“</p> - -<p>„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und -sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier -vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie -hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen -Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief -sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang -der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken -gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die — die — wie hast -gesagt, wie heißt der Feind?“</p> - -<p>„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja -kein Feind nicht!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>„Was <em class="gesperrt">denn</em>? So red’, wenn Du was weißt!“</p> - -<p>„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’ -Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der -hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber -— mußt wissen — seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht -bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter -Herr, und ein bissel zaubern —“ der Fritz ließ einen forschenden Blick -umherschießen — „’s selb’ kann er auch.“</p> - -<p>Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über -dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den -Kopf schütteln.</p> - -<p>Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin: -„Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“</p> - -<p>„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den -Halterleuten, die beim Ofen saßen.</p> - -<p>„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort, -„die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie -der Radauer Schulmeister; haben aber — rath’ ich — noch größere -Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel -gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist -kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“</p> - -<p>Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die -Welt haben sie erfunden?! — Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott -Vater erschaffen!“</p> - -<p>Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der -Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte.<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> „Der Gott Vater!“ murmelte -er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. — Aber — nachher möcht’ ich -schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“</p> - -<p>„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der -einen neuen Glauben aufbringen will?“</p> - -<p>„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört -hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das -läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten -Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört, -hätten sie vor Freud’ angezunden über und über — so viel hätten sie -beleuchtet. Bei allen Fenstern — und es giebt viel Fenster in so einer -Stadt — hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf -die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. — Muß wohl was -dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“</p> - -<p>So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im -Almwirthshaus.</p> - -<p>Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der -Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar -gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten, -ihrer Hütte zu. — Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten -Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann -mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht -mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert -sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und -stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch -etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die -Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. — Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> hat sie — die Agatl -— auch noch extra was mit ihnen zu reden.</p> - -<p>So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. —</p> - -<p>— Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen -in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen, -schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf -die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu -trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in -jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze -prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der -Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte — eine Huldigung -der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über -diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und -rathlosesten aber waren — diese Dominikanermönche selbst. Sie waren -unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht -auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise. -Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die -Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung -hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath, -wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.</p> - -<p>„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber -zweihundert Gulden.“</p> - -<p>„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.</p> - -<p>„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer, -„der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p> - -<p>Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die -Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich -am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam -belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer -noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung -ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der -Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte — meldete sich ein -alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und -erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme -herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der -Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite -des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband -und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf -Oesterreich schwang — da war es offen, kein Anderer als Der konnte -die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte -Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch -die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen -fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben -entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen -aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan -gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die -Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder -herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte -den Kletterer.</p> - -<p>Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich -endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu -entfernen. Er bekam hierauf selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>verständlich seine reglementsmäßige -„Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem -wackeren Veteran soll es — weiß die Fama — sein Lebtag nie besser -ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner -„gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.</p> - -<p>Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das -Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die -Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten -Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens -zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der -Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt -in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen -und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen; -der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den -Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die -Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet -empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen, -zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen -Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse -ausgezogen.</p> - -<p>Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.</p> - -<p>Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des -Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase -Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm, -wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend -welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei -Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich -geeignet sein könnten, die guten, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>fachen Leute in ihrem alten -Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine -Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.</p> - -<p>Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn -uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit -wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten -um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen -lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere -Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte -zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den -Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.</p> - -<p>Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel -saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser -in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen -auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen -Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit -der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch -zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.</p> - -<p>Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der -Welt und an sich selber. — Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren, -auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem -Arm — so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd -ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll -Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig -die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte — da stürmten -sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie -keck an der Hand und<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann -wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter -und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den -Sonntagen.</p> - -<p>Und das — meinte die Agatl bei sich — sollten die Herren sein, die -dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten -die großen Gelehrten sein, die — wie der Fritz erzählt hat — den -Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver, -und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben, -und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat), -und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen -Kopfhaar’ — ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt -und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten -soll das Alles kommen? — Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’ -muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar -— ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s -ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist, -gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm -mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. —</p> - -<p>Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei -seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand -gedrückt hatte. — Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich -wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für -seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich -nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph -und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer -Hälfte gern die Herzen und Nieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<p>Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo -klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles -mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und -zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei, -wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die -in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und -Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die -Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen -man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf -Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie -den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher -noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem -schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei -war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr -lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr -Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe -gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die -Wurzel des Weiderich. — Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um -den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute, -die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen -abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken, -sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.</p> - -<p>„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen, -weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge -schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen -Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> - -<p>„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr -noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“</p> - -<p>Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.</p> - -<p>Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen -grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor -und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der -Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt -in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind -so gern frißt — mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge -Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber -nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen -die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und -das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut -stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten -drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur -einmal treibt. Und das — kennst Du das auch nicht? — das ist die -blühende Untreu.“</p> - -<p>„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“</p> - -<p>„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.</p> - -<p>„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch -mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“</p> - -<p>Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die -Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor: -„Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein -Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“</p> - -<p>„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen, -wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand -— die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile -in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.</p> - -<p>Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch -allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle -geprüft — es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an -den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in -sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben -und Schwaighütten hin verloren.</p> - -<p>Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit -dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu. -Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem -auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der -Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte -sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle -wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte -sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen -gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche -die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des -Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung -des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit -einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span></p> - -<p>Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer -in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von -der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche -mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern -Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein -unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich -rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer -und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt — -sie war doppelt schön.</p> - -<p>Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen -Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen -Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr -geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“</p> - -<p>Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener -geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. — Aber es ist halt -schwer, mit so einem weltfremden Herrn. — Freilich ein großer -Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....</p> - -<p>Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben -mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum -Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur -Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht -ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte. -Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen -und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein -paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich -rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge — lang’ -thäten wir uns nicht aufhalten.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann ging mit ihr — leisen Schrittes und im Herzen -Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand -zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im -Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht -Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und -sie standen vor den Kühen.</p> - -<p>„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete -auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’ -ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei -Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an -und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme -Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie -schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“</p> - -<p>Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die -Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in -der That, die Milch war ganz röthlich.</p> - -<p>Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte -nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen -genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine -Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein -Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber -anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“</p> - -<p>Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune -heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der -Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> - -<p>„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief -das Mädchen.</p> - -<p>„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.</p> - -<p>Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich -im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge -allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer -Stimme den Namen „Hansel“ rief.</p> - -<p>Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja, -wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die -rothe Milch. Adieu!“</p> - -<p>Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte -er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine -Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche -getreten.“</p> - -<p>Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_15" name="kap_ende_15"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p> - -<h3 id="Eine_mit_Geld">Eine mit Geld.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d4" name="initial_d4"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Junge, der Samuel, trieb’s, — er trieb die Ziegen auf die Weide -und hütete sie.</p> - -<p>Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt, -so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er -wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten -und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der -Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.</p> - -<p>Diese Silberlinge!</p> - -<p>Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben — -vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer -wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen -es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge -nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit -stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der -Sammel — der alte — denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge, -sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern -im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie -entgegen. Doch sollten sie — wie Kaiser Rothbart — so lange als -möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> werden. -Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und -diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.</p> - -<p>Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich — thust am besten -— grabst ein, aber den Schatz — wenn Du einmal auf ihn anstehst -— grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen -Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“</p> - -<p>Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich -nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf -wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich -neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse -jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander -Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie -waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe. -Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich -glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel -hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können. -Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe -Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur -Zeit der Noth.</p> - -<p>Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem -Schatten ruhen — zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der -Söllertanne.</p> - -<p>Unter ihr selbst aber nie — schon um keinen Verdacht zu erregen. Die -Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund. -Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz -unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen -sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> selbst wenn — kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig -und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es -Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern — und selbst in diesem -Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden -konnte.</p> - -<p>Es hätte sich Alles fein geschlichtet — wäre nur die Marianka nicht -gewesen.</p> - -<p>In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel — -wollte er sich überhaupt gesellen — gern zum Förster, der oft durch -den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen -und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb -der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen -vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht -mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.</p> - -<p>„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der -Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka, -das ist <em class="gesperrt">mein</em> Revier.“</p> - -<p>Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus -dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das -Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare, -einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch -die blühende Tochter Marianka hatte.</p> - -<p>Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die -Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die -Schafe vor den Wölfen.</p> - -<p>’s war kein Wunder — bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel -und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein -und sann und im Sinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> einschlummern wollte, da war sie werth, daß man -sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im -Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.</p> - -<p>Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s -nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im -Walde, an sein Weilen bei ihr — aber spricht nicht gern davon.</p> - -<p>Der Sammel und die Marianka — nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am -liebsten hätte der Grabenbursch auch <em class="gesperrt">diesen</em> Schatz vergraben — -so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt -mitten in der Liebesgeschichte.</p> - -<p>Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl, -willst sie nehmen, die Marianka?“</p> - -<p>„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.</p> - -<p>„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf. -„Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und -hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist -die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“</p> - -<p>Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok -durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft3">„Lieber Fok!</p> - -<p>Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie -heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s -nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater -gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe -auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die -Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger</p> - -<p class="right mright2">Sammel.“</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>So ein Brief da!</p> - -<p>Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor -dem Burschen. Was der Sammel wollte — war es nicht ganz ehrenwerth? -Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. — Die Armen -haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!</p> - -<p>Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke -nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber -meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief -daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und -das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun -in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das — was man Herz nennt -— rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir -die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt -den Geldbeutel in die Brust!</p> - -<p>Den Geldbeutel? Die Silberlinge?</p> - -<p>In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den -Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den -kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses -schöne Geld! — Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie -der Will’, ihr bleibt da drin liegen. — <em class="gesperrt">Ich</em> hab’ zwei Hände, -<em class="gesperrt">sie</em> hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur -zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ —</p> - -<p>Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können, -insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der -Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>Zur selbigen Zeit — er wurde gesehen — ging der Fok einmal wie -gewöhnlich mit seinem Pechsack aus — und hatte auch eine großmächtige -Kraue bei sich.</p> - -<p>Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an -Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist -schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der -Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so -denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der -Welt. — Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und -die Alten. Die Marianka — die arme — wurde ganz blaß und tiefäugig -vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu -beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.</p> - -<p>Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme -Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer -Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel -nicht sollte verloren gehen.</p> - -<p>Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja, -warum nicht?</p> - -<p>Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen -Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der -Söllertanne zusammenführen ließ. — Da haben sie gut liegen, wenn sonst -auch nichts will wachsen.</p> - -<p>Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter, -hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich -der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser -geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich -einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<p>Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.</p> - -<p>Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine -Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“</p> - -<p>„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“</p> - -<p>„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder -verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst — daß ich Dir’s schon sag’ — -zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch -nicht <em class="gesperrt">viel</em> d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s — so lang mir der -Herrgott die Gesundheit schenkt — etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein -Hunderter zum Anfangen — was meinst?“</p> - -<p>Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!</p> - -<p>„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“</p> - -<p>„Eine Red’!“</p> - -<p>Ein Wort — ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die -Marianka.</p> - -<p>Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze, -welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete — -die Hochzeitskränze.</p> - -<p>Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf -den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu, -so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so -oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“</p> - -<p>Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe -ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende -Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - -<p>Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück -Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte -aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen -Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und -allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner -Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.</p> - -<p>Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder -freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in -Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin -wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem -Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen -wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber -Schwiegervater, der Branntweinbrenner. — Der Sammel fürchtete -nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues -Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an -Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den -Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“</p> - -<p>„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und — nimmt man’s -recht, Du auch.“</p> - -<p>„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“</p> - -<p>„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor -Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“</p> - -<p>Der Sammel war beruhigt. — Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen -in der Erde. — Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der -Fok ist fast immer zu<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht -so leicht abtragen. — So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf -spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient -sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom -Schwiegervater.</p> - -<p>’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen -nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s -Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf -steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch -Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn, -das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht -hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz -stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten -auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der -das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den -Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es -der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das -insoweit eine ganz moralische Erzählung.</p> - -<p>Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe: -„Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen! -Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine -rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch -eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß — noch von -meiner Junggesellenschaft her.“</p> - -<p>Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was -Sauberes sein. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p> - -<p>Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und -sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die -Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.</p> - -<p>„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl -(Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die -Steine auseinanderwirft?“</p> - -<p>Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen -im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.</p> - -<p>Gestorben, begraben — und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus. -Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige -Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.</p> - -<p>Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat! -Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.</p> - -<p>Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr: -„Also jetzt geh’ ich!“</p> - -<p>„Wo willst denn heut noch hin?“</p> - -<p>Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’, -warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf — sie lag nicht -allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der -Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim -Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer — und wenn -er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß — der Sakermenter -wußte, daß sie rund ist — er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz -gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth -glühte, war der Schatz erreicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<p>Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der -Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den -Deckel herab, und siehe — siehe — alles Silber war dahin.</p> - -<p>Hingegen aber!</p> - -<p>Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten — nagelneue, die erst vor -wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. — Und als sie der Sammel in -wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend -höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem -Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:</p> - -<p>„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen -Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich -selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern -glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den -Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch -des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der -Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten -auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar -nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. — -Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld -wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf -den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“</p> - -<p>„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren -gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’ -Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p> - -<p>Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem -Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“</p> - -<p>„Jeses und Josef, wie <em class="gesperrt">so</em> denn?!“</p> - -<p>„Verliehen war’s!“</p> - -<p>Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die -heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.</p> - -<p>Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter -an, eine Brave, Saubere — Eine mit Geld!</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_16" name="kap_ende_16"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p> - -<h3 id="Die_Abelsberger_Chronik">Die Abelsberger Chronik.</h3> - -</div> - -<h4 id="Der_Burgermeister_von_Abelsberg">Der Burgermeister von Abelsberg.</h4> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d5" name="initial_d5"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele -Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die -Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab — sagen sie — es verführe die -Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so -bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung -des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten -Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich -ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. -Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre -Steuern.</p> - -<p>Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die -Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver -nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da -es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein. -Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres -Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe, -Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben -die Wildschützen in Sicherheit gebracht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span></p> - -<p>Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten -Abelsberger. Der Gemeindevorstand — sie heißen ihn „Burgermeister“ — -der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein — -es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so -— — wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit -auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf -sonst was; und so — munkelt man — könnte es sich zutragen, daß -eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der -Gottesdienst ausbliebe, weil — der Herr Pfarrer verreist.</p> - -<p>’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und -über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd -schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von -den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein -allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.</p> - -<p>Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht -mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das -linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. — So war’s -voreh’; dann ist’s anders geworden.</p> - -<p>Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe -folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n: -Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben -werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war -er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber -das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter -müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen, -einen Ausgedienten; so Einer ist<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> respectabel und kann laufen. Die -Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und -kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“</p> - -<p>Sie machten Ja darüber.</p> - -<p>Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein -Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen -langen klirrenden Säbel — Gemeindegut — und trug einen wuchtigen -Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter -Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen -hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen -gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das -war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.</p> - -<p>„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach -der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir -gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal -hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist -meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die -Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, -muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so -muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag -Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so -wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! -Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer — einfangen -und in den Arrest treiben. Verstanden?“</p> - -<p>Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade -und mit rasselndem Säbel davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p> - -<p>Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, -daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften, -anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er -in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an -seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch -dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand -nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an -welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.</p> - -<p>An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, -nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen -Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus -schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel -schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. -Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die -Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte -er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.</p> - -<p>Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den -schattigen Wald hinaus. — Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei -sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich -auch heute der Diener meines Herrn.</p> - -<p>So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß -hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder -Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts -klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem -Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. — Es wäre ein -anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p> - -<p>Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er -nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung -zu, in welcher der Schuß gefallen war.</p> - -<p>Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann -und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der -Burgermeister von Abelsberg. — Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte -sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist <em class="gesperrt">nicht</em> -Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. — Aber es -ist ja der Burgermeister! — rief in ihm eine andere Stimme. — Thut -nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein -Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist -jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot -ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu -zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg -hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. — -Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere -Stimme. — Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger -mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der -Ertappte sei <em class="gesperrt">wer immer</em>: einfangen! — Des höllischen Satans will -ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht -und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin. -Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!</p> - -<p>Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig -fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“</p> - -<p>Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span></p> - -<p>„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“</p> - -<p>„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja — -es war ja —“</p> - -<p>„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger -Stimme.</p> - -<p>„Na, so thu’ Er — hi, hi — — thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“</p> - -<p>„Ich mach’ keinen Unterschied.“</p> - -<p>„Aber — Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß —“</p> - -<p>„Im Namen des Gesetzes arretirt!“</p> - -<p>„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“</p> - -<p>„Marsch!“</p> - -<p>„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“</p> - -<p>„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. -Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart -wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.</p> - -<p>Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der -Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen -erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die -Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von -Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch -gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.</p> - -<p>Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche, -sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein- -für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den -Buckel geschnallt, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein -mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen -richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig; -ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und -ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. -Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine -Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich, -da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter -für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und -mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte, -daß der Burgermeister darunter taumelte.</p> - -<p>Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg -anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem -Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat -die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei -uns sein Lebtag lang versorgt.“</p> - -<p>„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet, -und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’ -pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“</p> - -<p>„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja -vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die -Kinder — des Respectes wegen, versteht Er?“</p> - -<p>„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es -wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn -er stiehlt. — Marsch!“</p> - -<p>Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem -Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> von lärmendem, höhnendem -Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der -Schorsch:</p> - -<p>„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“</p> - -<p>Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen -an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. — Der -Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem -Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“</p> - -<p>Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale -des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem -Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung -und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.</p> - -<p>Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Der_Brueckenwirth_von_Abelsberg">Der Brückenwirth zu Abelsberg.</h4> - -</div> - -<p>Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; -nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut -besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als -vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das -Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.</p> - -<p>Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich -bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der -Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar -sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, -sondern die Armuth.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p> - -<p>Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so -die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja, -schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den -Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm -kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann -zu sein — der Credit.</p> - -<p>Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit, -aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm -Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein -Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der -Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der -reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er -sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit -verfiel.</p> - -<p>Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er -nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran -nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.</p> - -<p>Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche -Sorge er — der Brückenwirth — getroffen hätte, daß er — der Nachbar -— zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.</p> - -<p>„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit -schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die -letzte Stunde verschoben hätt’! — Ist er denn nicht da?“</p> - -<p>„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.</p> - -<p>„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder -mitbringt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und -Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch -finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der -Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.</p> - -<p>„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.</p> - -<p>„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief -ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der -Brückenwirth sein Testament.</p> - -<p>„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem -seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen -nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig -gewesen. — Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich -verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s -der Herr aufschreiben.“</p> - -<p>Die Feder war schon lange naß gewesen.</p> - -<p>„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei -Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll -angeschafft werden. Nachher — das auch aufschreiben: Beim hintern -Altar — der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat -schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. — Das Schulhaus braucht ein -neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich — daß tausend Gulden kommen -sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme -Waisenkinder aufschreiben. — Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat, -der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser -Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. — Aufgeschrieben ist’s? -Nachher wär’s so weit richtig. Und — wenn sie mich auf die Bank legen, -so thut’s suchen im Bettstroh....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<p>Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg -und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es -frohlockend: „Der Bruckenwirth — wer hätt’ sich das vorgestellt! -Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen -Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken -vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger -was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir -die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen, -so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst -erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger -trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß. -Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister -zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Dem großen Wohlthäter der Gemein’</div> - <div class="verse">Herrn Hans Michel Scherger</div> - <div class="verse">Widmen diesen Stein</div> - <div class="verse">Die dankbaren Abelsberger.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.</p> - -<p>In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.</p> - -<p>„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube -vom Kopfe.</p> - -<p>Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um -die Mittagszeit zum Essen rief.</p> - -<p>Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In -derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die -„Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> wurde nicht geholt. Der -Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte -sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.</p> - -<p>Und nach vierzehn Tagen war er gesund.</p> - -<p>Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu -beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich -hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, -und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt -auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen -sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’ -Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden -thät.</p> - -<p>„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl -so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s -mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm -beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war -nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er -Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich -seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten -es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.</p> - -<p>Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. — Na, es -war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben -wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein -Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. -Das Schulhaus braucht ein neues Dach — es ist ja wahr! und wer wollte -nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen -Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben.<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Suchen mögen sie, wenn er -auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....</p> - -<p>Gefunden hätten sie freilich nichts.</p> - -<p>Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war -durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn -der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und -Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie -läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr -Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Der_Schulmeister_von_Abelsberg">Der Schulmeister von Abelsberg.</h4> - -</div> - -<p>War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. -Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen -mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich -graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur -der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im -Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der -Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete -Unkraut und säete Weizen — zumeist taube Körner, die keine Keimkraft -hatten. In Gottes Namen!</p> - -<p>Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem -Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so -verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine -Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte -er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb -die Meinung sagte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm -zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der -Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von -den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele -dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der -Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. -Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt -sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur -zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine -Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser -für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon -allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner -giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon -gut.</p> - -<p>Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den -Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber -auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit -Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie -ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und -den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen -und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim -bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? -Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die -Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! -Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! — Darum sagte ich: -ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas -mißliebig war bei den Leuten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p> - -<p>Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die -Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik -aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht -zusammenzufiedeln — ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener -und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem -Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und -gestrengen Gutsherrn wäre.</p> - -<p>„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister -bissig.</p> - -<p>„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr -laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“</p> - -<p>„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“</p> - -<p>Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest -rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg -gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am -Aschermittwoch.</p> - -<p>Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht -zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:</p> - -<div class="brief"> - -<p>„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde -untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, -an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu -geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“</p> - -</div> - -<p>Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein -Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet</p> - -<p class="right mright2">L. L. von S.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p>Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster -Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero -feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin -lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes -dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt -worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In -ehrfurchtsvollster Erniedrigung</p> - -<p class="right mright2 mbot1">Amt Abelsberg.“</p> - -<p>Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:</p> - -<div class="brief"> - -<p>„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.</p> - -<p class="right mright2">L. L. von S.“</p> - -</div> - -<p>Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem -Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr. -I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden -sei. Dasselbe lautete wörtlich:</p> - -<div class="brief"> - -<p>„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie -gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.</p> - -<p class="right mright2">L. L. von S.“</p> - -</div> - -<p>Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint -haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, -der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, -einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.</p> - -<p>„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne -Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p>Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, -jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!</p> - -<p>Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung -in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu -sein.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Der_Thurmbau_zu_Abelsberg">Der Thurmbau zu Abelsberg.</h4> - -</div> - -<p>Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die -Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.</p> - -<p>Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte -oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und -Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal -zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von -Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber -ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind -sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und -wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der -Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und -Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern -ein wenig „in die Nacht hinein“.</p> - -<p>So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit -seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei -Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei -Thürme hätten!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p>Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm -wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.</p> - -<p>Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei -Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“</p> - -<p>Der mußte auf der Stelle abdanken.</p> - -<p>Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach -das Wort: „Geld zusammenschießen!“</p> - -<p>Der Mann mußte abdanken.</p> - -<p>Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, -jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch -zwei Hörner haben —“</p> - -<p>Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; -nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine -Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf -das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder -von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! -(Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich -sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm -zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel -zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer -Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in -der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein -Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen -Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. -Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen -Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p> - -<p>Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich -zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch -nicht um.</p> - -<p>Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der -Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde -zum Cassenwart gemacht — und so war der Same gelegt zum Thurme, der -sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, -an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, -mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer -Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.</p> - -<p>Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche -Mann kam — auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für -einen Thurm Gottes.</p> - -<p>Der Küster waltete treu seines Amtes und war — nebstbei gesagt — -nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche -hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen — -stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener -goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede -verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns -sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an -dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ -eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen -sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. -Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“</p> - -<p>Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen -eben nicht schwer — ihm war das Trinken<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> schon lieber, als das Küssen -— so trank er und trank wie ein Abelsberger.</p> - -<p>Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es — -wie er so schön sagte — „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein -Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem -Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit -angehen will bis auf morgen — eigentlich nur bis auf heute — bis er -nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt — entdeckt er in -seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor -erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu -thun pflegt. Das reicht für die Zeche — es bleibt sogar noch etwas -übrig.</p> - -<p>Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht -nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist! -„He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“</p> - -<p>Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war — der -letzte Knopf vom Thurmgeld — da stand der Küster Thomas Reckenschlauch -auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder -umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war -nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu -sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken. -Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und -starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. — „’s ist -richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld — er steht schon — der zweite. -Ach — der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! -Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“</p> - -<p>Und taumelte entzückt nach Hause.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<p>Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun -der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht -hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten -geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und -zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat — und -daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten -Thurm neben dem ersten stehen sieht.</p> - -<p>Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will: -„Geh’ hin und thu’ desgleichen!“</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Zu_Abelsberg_beim_Spielchen">Zu Abelsberg beim Spielchen.</h4> - -</div> - -<p>Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie -schlossen sich dabei ein — der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein -Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und -ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein -verbotenes Spiel! — i bewahre — beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“, -ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.</p> - -<p>„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der -Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von -seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen -Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes -Geld.</p> - -<p>Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf -weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl -fürlieb nimmt. Und hernachen — wie schon angedeutet worden — ganz -abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte -in<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> die Oberstube — und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit -leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin -der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband -hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt — er -war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten -Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war — und was die gut -geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und -dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, -so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem -Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut -es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, -hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn -zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von -Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber -im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.</p> - -<p>Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und -machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst -spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.</p> - -<p>„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich -doch auf Deinen Platz.“</p> - -<p>„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der -geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“</p> - -<p>„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“</p> - -<p>So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem -alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie -der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut -gebratene<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin -und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl -hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam -ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit -so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder, -geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“</p> - -<p>„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s -nächstemal <em class="gesperrt">Deine</em> Karten mit.“</p> - -<p>„Das ist eine Red’.“</p> - -<p>„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht -in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“</p> - -<p>„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“</p> - -<p>„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten -Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die -Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“</p> - -<p>Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber -sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch -scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’ -gewesen, der Hochbergreichhofer?“</p> - -<p>Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig -sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder -nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen -Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei — ein rechter -Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!</p> - -<p>Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich, -Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p> - -<p>Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte -wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, -aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.</p> - -<p>Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s -Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“</p> - -<p>Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn. -Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern -nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that -einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die -Rose.</p> - -<p>Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah — -den Spiegel.</p> - -<p>Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich -langsam — starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel -offen lag — starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt, -Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden -hast, der mir in die Karten schaut, nachher — nachher glaub’ ich’s -gern!“</p> - -<p>Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“ -rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist. -Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’ -mir nicht unlieb gewesen, hätten <em class="gesperrt">von</em> Deinem Gelde noch lange gut -gegessen und getrunken.“</p> - -<p>„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel <em class="gesperrt">gar</em> nicht aufgekommen, so wär’s -Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’ -uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du -die Jause zahlst.“</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Ein_Abelsberger_Kalbskopf">Ein Abelsberger Kalbskopf.</h4> - -</div> - -<p>Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte — gestehen -wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen — einen Rausch. Auf -dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie -geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand — zwei -in eins und eins in zwei — wie die siamesischen Brüder.</p> - -<p>Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat -ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s -mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft2">„Lieber Freund und Simerl!</p> - -<p>Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute -Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.</p> - -<p>Mit Grüßen</p> - -<p class="right mright2"><span class="mright1_5">Jacob K.</span><br /> -Bäckermeister.“</p> - -</div> - -<p>„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß -er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um <em class="gesperrt">eilf</em> Uhr, und -jetzt ist’s schon <em class="gesperrt">zwölf</em>! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht -zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir -jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’ -zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und -Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein -Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Briefe alle verspätet -zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir -auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s -jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er -mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden -vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“</p> - -<p>D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende -Zeilen:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft2">„Lieber Postschreiber!</p> - -<p>Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen -heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.</p> - -<p>Mit Grüßen</p> - -<p class="right mright2"><span class="mright1_5">Jakob K.</span><br /> -Bäckermeister.“</p> - -</div> - -<p>Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, -das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du -bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber -hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“</p> - -<p>Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl -lachte sich in die Faust.</p> - -<p>Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das -Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der -Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören -müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch -wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.</p> - -<p>Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker -Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim -Weine saßen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p> - -<p>„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister, -„und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s -aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie -der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir -Bruderschaft: Sollst leben!“</p> - -<p>Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er -konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine -Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja -schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben -hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr —“</p> - -<p>Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den -Einser <em class="gesperrt">doppelt</em> gelesen.</p> - -<p>Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im -Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein, -der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den -Schultern säße. — In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu -seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Trinken, trinken,</div> - <div class="verse">Bis die Aeuglein sinken.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="section"> - -<h4 id="Die_Abelsberger_der_Majestaet">Die Abelsberger der Majestät.</h4> - -</div> - -<p>„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg, -„denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht -worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist, -und von den Abelsbergern wird was erwartet.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p> - -<p>„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der -Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“</p> - -<p>„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein -klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich -mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir -was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s, -gar ist’s mit dem Simuliren.“</p> - -<p>„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.</p> - -<p>„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“</p> - -<p>So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so -ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den -Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein -Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen, -daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“</p> - -<p>Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der -Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie -hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das -Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist, -als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen -in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät -noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern -Ehr’ macht. — Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im -Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts; -die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht -glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß -man den Leuten zuschauen; das wird<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> die hohen Herrschaften unterhalten -und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an -beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, -den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt -alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen — und wenn die Wägen -kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“</p> - -<p>Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik -schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im -Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der -Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß -unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen -Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten -zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße -Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der -Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind — und daß sie -fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. — Sein die Manner mit -mir einverstanden?“</p> - -<p>„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“</p> - -<p>Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes -wurde angenommen. —</p> - -<p>Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. — Den Rastelbinder -brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn -es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit -aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse -zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem -Leben und Treiben der Bevölkerung ge<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>winne. Es wäre nur zu verhüten, -daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen -Eindruck machen könne.</p> - -<p>Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz -stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn -fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines -Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, -wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen -Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.</p> - -<p>Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn -für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe -Genugthuung.</p> - -<p>So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg -heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf -dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die -Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten -ihre bunteste Sonntagstracht an.</p> - -<p>Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz -schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und -Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende -Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die -Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der -Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, -einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber -waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten -Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und -Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen -Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein -auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei -Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure -Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land -haben!“</p> - -<p>Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den -Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die -Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und -Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte -Mauth prangte — kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar -zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub -und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.</p> - -<p>Der Hof stutzte sehr — gar sehr stutzte er über eine solche -durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit — und nach dem -Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt -stand, wurde nicht mehr verlangt.</p> - -<p>Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen, -aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.</p> - -<p>Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er -sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden -Familien meinten, sie hätten gehört, daß das <em class="gesperrt">ganze</em> Land bei dem -Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele -Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des -Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel -Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<p>Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich -verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath -Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg -verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt -gewesen.</p> - -<p>Der Schelm!</p> - -<p>Er ist aber später Vorstand geworden.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Die_Abelsberger_Touristen">Die Abelsberger Touristen.</h4> - -</div> - -<p>Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen -Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne -Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle -Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!</p> - -<p>Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang -Mode werden sollte!</p> - -<p>Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt -es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen -und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen -Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen -Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte -zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen -haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, -vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt -zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.</p> - -<p>Und heute — je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute -Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte -Frauen mit ihren zarten<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Kindern steigen heute auf Berge, auf denen -sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht -prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um -so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt -sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.</p> - -<p>Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!</p> - -<p>„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche -Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch -keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen -— das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst -wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch, -wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen -Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter -<em class="gesperrt">lieben</em> und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der -Welt.</p> - -<p>Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. -Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. -Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und -zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen -grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen -lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich -sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern — es ist keine -Fabel, wahrlich nicht! — Naturwein und blos Naturwein lagert. Und -wer eben Sinn dafür hat — zwischen den Fässern auch das Plätschern -eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist -keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Tröpflein -trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die -Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.</p> - -<p>Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der — wie Poeten so schön -sagen — heute in den Blättern säuselt — in den Zeitungsblättern -nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger, -denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese -Worte in sein Bierglas stechen lassen.</p> - -<p>Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in -der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der -Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt — -weiß schon davon!“</p> - -<p>Allmählich dann zogen sich — dem Blatte nach — die Naturschönheiten -der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in -dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im -eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und -Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen, -schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der -Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! — Und mitten hindurch die -Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre -Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein -nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert -zu haben.</p> - -<p>Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als -Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir -nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden -gekommen bin, und<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken -habe. Nu, heute mag’s anders sein.“</p> - -<p>„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour -in’s Gesäuse!“</p> - -<p>Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, -Würste, Schinken, Spielkarten — eine „Hetz“ muß es geben! — Mägdlein -wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und -der Schulmeisterssohn und Andere — ihrer neun Stücke sind’s, die mit -Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den -Eisenbahnzug besteigen.</p> - -<p>Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl — ganz gemacht für -Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die -lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und -folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge -und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.</p> - -<p>Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas -angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue -Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden -sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, -denn — sagten sie — die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von -auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! — Hierauf -sollten sie erzählen.</p> - -<p>„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! — Das muß Einer selber -gesehen haben — nicht wahr?“</p> - -<p>Seine Genossen bestätigten es.</p> - -<p>„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“</p> - -<p>„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p> - -<p>„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“</p> - -<p>„Und auf dem Reichenstein?“</p> - -<p>„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und -wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir -in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem -das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis -gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete -er sich an die Genossen.</p> - -<p>„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „<em class="gesperrt">das</em> sind ein bißl -Gletscher!“</p> - -<p>„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend! -— Und, in dem Gebirg ist Euch eine <em class="gesperrt">Sonne</em>! — ’s ist ein Gaudium -gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade -niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend -Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden -gestanden.“</p> - -<p>„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so -zerschunden.“</p> - -<p>„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.</p> - -<p>„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um -fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? — Hat Euch der Sakra -nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“</p> - -<p>Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.</p> - -<p>„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen -sollen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll -Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei -Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“</p> - -<p>„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund -nicht mehr zu.</p> - -<p>„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil -davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“</p> - -<p>„Herr Gott, das war eine Tour!“</p> - -<p>— Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.</p> - -<p>Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes -Schreiben:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="right mright2">„Tauern, den 30./9. 1875.</p> - -<p class="mleft3">Werther Herr Bürgermeister!</p> - -<p>Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. -Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun -Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. -Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, -blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir -und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. -Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, -wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den -Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. -Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich -ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren -Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider -handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr -den<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu -suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause -gekommen sein. — Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, -daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu -begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die -Ehre habe:</p> - -<table class="collapse nowrap" summary="Gasthausrechnung"> - <tr> - <td> - Zwei Abendessen - </td> - <td> - <div class="center">für 9 Personen</div> - </td> - <td> - <div class="right">23 </div> - </td> - <td> - <div class="center">fl.</div> - </td> - <td> - <div class="right">70 </div> - </td> - <td> - <div class="center">kr.</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Ein Mittagsessen - </td> - <td> - <div class="center">detto</div> - </td> - <td> - <div class="right">15 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">98 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zwei Frühstück - </td> - <td> - <div class="center">detto</div> - </td> - <td> - <div class="right">8 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">10 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - Wein für 9 Personen - </td> - <td> - <div class="right">26 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">48 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - Dem Stubenmädchen für Depurgationen - </td> - <td> - <div class="right">— </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - <td> - <div class="right">80 </div> - </td> - <td> - <div class="center">„</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" colspan="2"> - Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei<br /> - Fensterscheiben à 30 kr., zusammen - </td> - <td class="bb vab"> - <div class="right">1 </div> - </td> - <td class="bb vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="bb vab"> - <div class="right">30 </div> - </td> - <td class="bb vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - <div class="right">Summa </div> - </td> - <td> - <div class="right">76 </div> - </td> - <td> - <div class="center">fl.</div> - </td> - <td> - <div class="right">36 </div> - </td> - <td> - <div class="center">kr.</div> - </td> - </tr> -</table> - -<p>Um gefällige Notiznahme bittet</p> - -<p class="mleft2">achtungsvoll ergebenst</p> - -<p class="right mright1">Peter <em class="gesperrt">Streicher</em>, -Gasthausbesitzer in Tauern.“</p></div> - -<p>Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine -Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und -stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer -an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen -Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister, -er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein -Ehrendiplom hiermit zu überreichen — und las feierlichen Tones die -Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<h4 id="Ein_Abelsberger_auf_dem_Vesuv">Ein Abelsberger auf dem Vesuv.</h4> - -</div> - -<p>Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein -Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. -Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern -dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch -die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so -hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig -und flink über die Wiese hüpften — sein Sinn stand höher.</p> - -<p>Da hatte er einmal — es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, -die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur -Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt — hatte er -also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden -Berge<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein -Gemüth, hat — so zu sagen — sein bißchen schlummerndes Ideal -entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen -seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.</p> - -<p>Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen -mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, -einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und — Ehre seinem Mannesmuthe! -— zu besteigen.</p> - -<p>Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens -sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.</p> - -<p>Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und -Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend,<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> die hatten das -Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. -Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort -funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein -wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und -Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen -ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! — Das weckte -Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, -darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.</p> - -<p>Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein -groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer -geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland -hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol -kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute -nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als -der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem -Munde stand, und die <span class="antiqua">fontana trevi</span> in Rom, wo versteinerte -Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.</p> - -<p>Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag -heißer wurde, er nahte — dem feuerspeienden Berge.</p> - -<p>Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht -bekannt. —</p> - -<p>Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab -schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes -zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in -Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte -Gesten<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann -keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf -sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten -Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, -und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich -nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das -nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“</p> - -<p>Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu -zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit -seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine -schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß -ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr — -ein Landsmann. — Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A -Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und -immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden -Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da -auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze -ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des -Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte -das Haupt und wollte weiter trippeln.</p> - -<p>Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“</p> - -<p>Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände -ausbreitend: „Jessas, Jessas, das — ja, das ist ja wieder einmal an -ordentlicher Mensch — a Landsmann! — Freili, freili — na, ih trau -mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! — -Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“ -Er deutete gegen den Vesuv.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p> - -<p>Das war das Finden und Binden — er schwur mir ewige Freundschaft. Wir -gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und -sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, -daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still -dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe — wie es -sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz -alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.</p> - -<p>Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die -Partie auf den Vesuv zu machen.</p> - -<p>Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen -Viehhändler an demselben Abend.</p> - -<p>„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit -den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte -und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.</p> - -<p>Am andern Morgen — es lag noch Finsterniß über den Wassern — war -es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er -seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock -eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute! -Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der -gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles -möglichst hochdeutsch zu sprechen.</p> - -<p>Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei -graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.</p> - -<p>„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er -so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht -habe, daß er sich nicht fürchtete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p> - -<p>„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen -Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts -geschehen, es sind unser Fünfe.“</p> - -<p>Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.</p> - -<p>Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen -von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die -schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. -Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der -Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert -schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme — hier stieg -mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden -und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der -Vesuv!“</p> - -<p>„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist -nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der -ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint -gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das — halt, Eselein, -schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem -italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns -daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er -nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den -Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der -Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, -frag’ ich, was ist das für ein Land?“</p> - -<p>Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel -Eins in die Weichen gab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p> - -<p>„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland -sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal -durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“</p> - -<p>In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die -Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.</p> - -<p>Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser -an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, -dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen. -Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.</p> - -<p>Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern -den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des -Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed—, -das heißt auf der härenen Decke.</p> - -<p>Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und -Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der -letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter -den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der -Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.</p> - -<p>„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus -theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.</p> - -<p>Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine -mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine -äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig -und schründig ist die Lava, und<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> dann wieder wollen die Füße versinken -in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im -Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen -Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe -kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und -wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie -er immer röther und glühender wurde, und wie — „Jesus Maria!“ rief -Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.</p> - -<p>Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden -Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer -drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an -den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen -Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, -wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen — der -feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.</p> - -<p>Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen -Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da. -Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; -dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die -schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia — dann die unabsehbare -Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das -Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen -Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und -unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!</p> - -<p>Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände -von Sorento, und der dämmerige Gebirgs<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>zug des Monte Albino, und das -liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.</p> - -<p>Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die -kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der -Hölle, — und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.</p> - -<p>Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die -Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht -weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt -Mürzthaler Race sein!“</p> - -<p>Eine Heerde Rinder entzückte ihn.</p> - -<p>Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den -Wildnissen der Vesuvkrone umher.</p> - -<p>Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine -Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu -ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort -hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber -wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt -zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der -prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche -die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen, -schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter -phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen -nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie -schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft -wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das -Röcheln eines Sterbenden.</p> - -<p>Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme -sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> die Essen der Cyklopen und -höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? — Wie tief und -gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!</p> - -<p>Ein mächtiges Donnern — der Führer riß uns mit großen Schritten -zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus -den Schlünden.</p> - -<p>„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas -kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“</p> - -<p>Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, -legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten -hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder -das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu -jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und -steckte sie in die Tasche — zum ewigen Andenken.</p> - -<p>Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt -waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind -vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes -Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch -das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und -Kindeskinder!“</p> - -<p>„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er -verheiratet —“</p> - -<p>„Je nu, das heißt“ — er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond -— „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner -Familie weiter keine Rede mehr.</p> - -<p>Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am -liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu -setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller -Seele zu feiern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p> - -<p>Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch -volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“</p> - -<p>Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel -geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen -und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von -dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben -unvergänglichen Ruhm zu ernten.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> So wird im Volksmund der Vesuv genannt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="section"> - -<h4 id="Das_reiche_Jahr_eines_Abelsbergers">Das reiche Jahr eines -Abelsbergers.</h4> - -</div> - -<p>Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle -Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat -das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so -höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.</p> - -<p>Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr -kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen -haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen -noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch -zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur -darüber lustig machen würden.</p> - -<p>Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, -daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der -Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste -Bauer im Ober-Abelsberger Gau.</p> - -<p>Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet -und gehalten, hat in der Christnacht<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> seine Ochsen mit Weihrauch -beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten -Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse -Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht -auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen -Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge -sei.</p> - -<p>Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache -des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie -überhaupt dazu stillhalten.</p> - -<p>Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf -einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem -Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er -mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll -ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man -soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, -dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s -Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn -hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, -dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur -nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen -lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches -Jahr.</p> - -<p>Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die -zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und -wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten -gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund -vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E—<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Eberhard -Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus -Schnee und Sturm gemacht.</p> - -<p>Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.</p> - -<p>Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden -zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und -Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz -gewählt hätten. — Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und -morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr — was wird es -bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird -still sein.</p> - -<p>Siehe — dort kommt schon was! — Ein schwarzer Punkt im Gestöber, -langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein -schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter -Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine -Schultern schmiegt, und wankt vorüber.</p> - -<p>Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust -geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, -und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin -und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort -pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, -sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern -pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog -stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.</p> - -<p>„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.</p> - -<p>„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.</p> - -<p>„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - -<p>„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und -da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll -hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“</p> - -<p>Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen -bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug -aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich -wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt -gehen wir’s wieder an.</p> - -<p>Lud frisch auf und hastete weiter.</p> - -<p>Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause -kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in -der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die -Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist -gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber -wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir -sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“</p> - -<p>Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?</p> - -<p>„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du -in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst, -merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir -sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen -und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den -Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, -wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo -wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p> - -<p>Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen -gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort -mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard -Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb -für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein -tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was -man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der -Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in -Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den -Schweinstall zu.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Ein_junger_Abelsberger_in_der_Residenz">Ein junger Abelsberger in -der Residenz.</h4> - -</div> - -<p>Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren. -Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere -Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei -Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine -philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem -öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe -freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und -sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen -Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die -Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn -Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.</p> - -<p>Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der -Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug, -zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke -einen schlichten,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach -vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine -Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er -meinen Herrn Professor einmal hört.</p> - -<p>„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so -kommen Sie mit!“</p> - -<p>„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser -gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal. -Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der -Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den -höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein -Baum der Mann von der Straßenecke. — Das ist ein dankbarer Mensch, -dachte sich der Student. — Der Kleine wird vielleicht einen Schützer -im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der -Andere.</p> - -<p>Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken, -mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im -Trosse davon.</p> - -<p>„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme -fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des -Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“</p> - -<p>Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen -Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte -er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos -vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an -seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner -Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p> - -<h4 id="Eine_Abelsberger_Heiratsgeschichte">Eine Abelsberger -Heiratsgeschichte.</h4> - -</div> - -<p>Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits -fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, -und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen -machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres -machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten -hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen -Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der -Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte -ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm -bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes -Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin -erregte.</p> - -<p>Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin -und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte -seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die -übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor -sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von -seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und -nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas -verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und -noch jung sei.</p> - -<p>Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, -wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die -Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid -verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen -Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> -Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und -Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten -Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken -einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit -auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß -die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch -nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich -den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige -Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu -retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, -ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der -Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr -befürwortete. Es geschah, aber der Notar — wie solche Leute schon in -Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen — schrieb -unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der -kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“</p> - -<p>Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und -Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche -für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige -Stunden mehr zu leben habe.</p> - -<p>„Ist denn nicht <em class="gesperrt">ein</em> Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut -und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und -rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine -Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der -Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue. -Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p> - -<p>Es <em class="gesperrt">sei</em> kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte -sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe -und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie -Gott es wolle.</p> - -<p>So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr -obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es -wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze -der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette -weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging, -die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen -wurde.</p> - -<p>Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister -beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden -sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn -entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei -solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!</p> - -<p>Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen, -bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in -den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern -kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des -Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen -kehrt, wieder zur Erde nieder.</p> - -<p>Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen -übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in -den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.</p> - -<p>Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge -zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Angelegenheiten, die -nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher -ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne -er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe — und damit zog der -Bäckermeister ein Papier aus der Tasche — einen Schuldbrief in der -Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister -Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen -habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten -Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses -dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth, -ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn — den Bäckermeister -— daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode -noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu -werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen -dadurch ehren, daß sie — wozu er bereits die amtlichen Wege betreten -habe — ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein -einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre -sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.</p> - -<p>So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für -die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.</p> - -<p>Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben, -sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken -fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, -damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu -seinem Gelde gelange.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p> - -<p>Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht -besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch -den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: -Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück -und ist auch keines werth. — Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Der_Abelsberger_Bassgeigenkrieg">Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.</h4> - -</div> - -<p>Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg, -unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln -vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und -dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man -wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht -gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden -des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.</p> - -<p>Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein -Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie -hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie -wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder -zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur -noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle -Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.</p> - -<p>Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen -da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes -aus Nervosität anhuben zu<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> winseln und die Trommelfelle der Tänzer -hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen. -Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem -wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.</p> - -<p>Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem -Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein -musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene -Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des -kleinen Wirths-Friedl — der ein passionirter Vogelfreund war — auf -das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines -Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an -und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach -kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.</p> - -<p>Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam -der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der -Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als -der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den -Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron -seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben — es war eine große -ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.</p> - -<p>Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging -Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige -nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag -den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß -es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags -Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> und Walzer. Und wenn sie -schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie -nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon -all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst -ging’s an die Kutte.</p> - -<p>Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor -und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen -Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin -auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl -gottsrechtschaffen gebrummt.</p> - -<p>Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach -Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja -keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“ -Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit -den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der -Himmel über Abelsberg voller Geigen.</p> - -<p>Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend -geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger -manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher -in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein -paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein -paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so -trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse. -Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“ -männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache -bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen -Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> zwischen Vater -und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und -was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.</p> - -<p>Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden -Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment -gewesen; <span class="antiqua">au contraire</span>, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, -die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. -Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. -Da schickte der neue Regenschori — der nicht blos unter der Fahne der -„Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war — in das -Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber -da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre -den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der -Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und -der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden -worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei — man sehe es ja -doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ — liberal. Maßen -sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.</p> - -<p>Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine -Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der -Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der -Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles -gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. -— Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal -getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt, -und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut -erinnerlich wäre, die einst<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>malen der Geige den Bauch eingesessen -habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau -des Kirchendieners. Und wenn er — der Pfarrer — endlich behaupte, -das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so -werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die -Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.</p> - -<p>Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß -kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im -Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß -dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit -Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! — und schlich durch -Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den -Pfarrhof.</p> - -<p>Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen -gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den -Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. — „Albernheiten!“ sagte -das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze -Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die -Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.</p> - -<p>Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen -räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie -sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen -aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort -verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die -Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das -Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ — „Aber es handelt<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> sich -nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“ -sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So -waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und -eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.</p> - -<p>Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine -Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst -die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese, -gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche -mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber -steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen, -das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder -in den Pfarrhof schleppen.</p> - -<p>So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit -schwarzen Röcken und weißen Cravaten — weiß Gott! — zum obersten -Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die -Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des -Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr -den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.</p> - -<p>Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am -Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die -wohlbekannte Stimme der Baßgeige.</p> - -<p>Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und -beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten -zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen -einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch -des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span></p> - -<p>Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit -dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem -edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die -zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!</p> - -<p>Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen -Rom, die andere gen Wien.</p> - -<p>Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des -Wirthshauses, und — war tief verstimmt über den närrischen Hader, -dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend -selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde -ernstlich gefährdete. — „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder -oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen -Vögelein — wie wäre mir wohl!“</p> - -<p>Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf -kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im -Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im -Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen -haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. -Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da -horchten die Ober-Abelsberger auf — jetzt erst hörten sie, wie eine -Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist -nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen -heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer -und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander — toll -zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd -ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken -und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Töne aus. Ganz schauderhaft -wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen -graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den -Winkeln herum — Männer und Weiber, Liberale und Klerikale — Alles -durcheinander.</p> - -<p>Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und — was -der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen — die altehrwürdige -Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in -Ober-Abelsberg.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Wie_Abelsberg_bekehrt_worden_ist">Wie Abelsberg bekehrt -worden ist.</h4> - -</div> - -<p>Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in -welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen -Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort! -Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er -hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, <em class="gesperrt">alle</em> duckten die -Köpfe. — „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur -Eine dabei!“</p> - -<p>Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem -Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch -etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. -Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich -widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie -gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals -ich fahren will!“</p> - -<p>Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets -entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span></p> - -<p>Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham -sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. -— „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier -liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf -allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der -Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein -und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na, -da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“</p> - -<p>Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe -höher. Der Richter macht schon den Mund auf. — „Ah na,“ denkt er, -„in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen -und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen -und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur -rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“</p> - -<p>Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die -Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte -seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers -die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon -zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches -alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die -ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren -die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein -und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.</p> - -<p>Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen -Appetit herausgepredigt. Und — ganz wie der Richter berechnet hatte — -am andern Tag war der Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre -über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.</p> - -<p>Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür -geklopft. — „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“ -murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“ -keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er -im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. -Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf -gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt -gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten -hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:</p> - -<p>„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben -in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! — Und was wir halt sagen -wollten —“</p> - -<p>„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der -Pfarrer leutselig ein.</p> - -<p>„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg -reden — der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein. -Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so -recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. — ’s ist -wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine -Veränderung nehmen — wohl, wohl, Hochwürden!“</p> - -<p>Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott -walt’s!“</p> - -<p>„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind -zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor -der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen -schlechten Schick haben. Wissen uns eh<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> schon nicht mehr aus mit den -ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in -Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s -auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. — Jetzt, was mich -angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s -nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’ -wollt’ aufheben. — Und so“ — er wendete sich zu seinen Mitmännern — -„redet jetzt Ihr Eure Sach’.“</p> - -<p>Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu -den Soldaten.“</p> - -<p>Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die -Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“</p> - -<p>Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die -Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.</p> - -<p>Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die -Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“</p> - -<p>„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die -schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“</p> - -<p>„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.</p> - -<p>Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:</p> - -<p>„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’ -sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’ -gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen -Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor — da läuft sie zuweitest -davon.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p> - -<p>Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht -können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel -zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’ -Nächstenlieb’ nit wehren.“</p> - -<p>„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch -bleibt!“</p> - -<p>„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“</p> - -<p>„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein -Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“</p> - -<p>„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“</p> - -<p>Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und -flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar -Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch, -daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit -hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem -Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“</p> - -<p>Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’ -mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“</p> - -<p>„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.</p> - -<p>„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und -bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch -und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird -sicherlich eine Todsünd sein.“</p> - -<p>„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span></p> - -<p>Torkelte der Alte gegen die Thüre.</p> - -<p>Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg, -ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der -Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu -leih’n.“</p> - -<p>„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes -Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die -Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“</p> - -<p>„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung -geschehen,“ sagten Mehrere.</p> - -<p>„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die -Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. -Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im -Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“</p> - -<p>Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher -noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:</p> - -<p>„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr -Pfarrer.“</p> - -<p>„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht, -von Herzen gern.“</p> - -<p>„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und -daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim -im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer -sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im -Wald, so beim Predigtstudiren — da thäten wir halt wohl schön bitten, -daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’ -mitnehmen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p> - -<p>Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein -leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm -drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene -Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und -jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“ -riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen -miteinander!“</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Eine_Abelsberger_Katze">Eine Abelsberger Katze.</h4> - -</div> - -<p>Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der -Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja, -hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und -Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der -feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß, -wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf -dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame -Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte, -wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses -richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle -Umstände satt.</p> - -<p>Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen, -ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die -schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der -Caplan ein Auge geworfen hatte.</p> - -<p>Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit -verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu -verwalten — that’s auch mit Umsicht<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> und Gewissenhaftigkeit. Aber -Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers, -der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und -im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde, -als der Caplan — gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren -die Hände gebunden — wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster -Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.</p> - -<p>Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische -fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand -hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel -ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister -im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er -kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum -Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm -salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke -Hand — hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren — schwaps! -ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.</p> - -<p>Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm -in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das -erstemal. Husch war sie weg.</p> - -<p>Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und -der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.</p> - -<p>So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh -und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische -und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am -allerwenigsten spotten.</p> - -<p>„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p> - -<p>Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“</p> - -<p>„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“</p> - -<p>„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon -seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die -Leute sagen — mag aber nicht d’ran glauben.“</p> - -<p>„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“</p> - -<p>„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur -daß man davon spricht. — So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie -altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe -getrauen.“</p> - -<p>„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.</p> - -<p>„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“</p> - -<p>„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle, -komm’, komm’ her zu mir!“</p> - -<p>Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es -naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem -Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein -inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder -Hast die Flucht.</p> - -<p>Die beiden Priester blicken sich lautlos an.</p> - -<p>„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.</p> - -<p>„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.</p> - -<p>„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.</p> - -<p>„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.</p> - -<p>Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen -geschnitten.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span></p> - -<h4 id="Zu_Abelsberg_wieder_wer_geworden">Zu Abelsberg wieder wer -geworden.</h4> - -</div> - -<p>Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der -Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die -Großhofbäuerin.</p> - -<p>Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der -Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf -eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.</p> - -<p>Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte -ihn, ob er auf Jemanden warte.</p> - -<p>„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer -geworden.“</p> - -<p>„Was bist?“ fragte die Bäuerin.</p> - -<p>„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.</p> - -<p>„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.</p> - -<p>„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber -Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir -halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“</p> - -<p>Da entgegnete sie: „Wenn Du — wie Du sagst —- wieder wer geworden -bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir -bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“</p> - -<p>„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder -wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten -könnt’.“</p> - -<p>„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst -Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt -sein! Schau’ mich an einmal!“</p> - -<p>„Wär’ schon recht das —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p> - -<p>„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen -kernigen Mann — bis ein Bauer im Hause ist.“</p> - -<p>„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib —“</p> - -<p>„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.</p> - -<p>„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“</p> - -<p>„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich -nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es -mit Dem ist.“</p> - -<p>Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon, -was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“</p> - -<p>„Wesweg denn?“</p> - -<p>„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“</p> - -<p>„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“</p> - -<p>„Nun also, Bäurin?“</p> - -<p>„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“</p> - -<p>„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s -beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden -ist?“</p> - -<p>„Witwer? Wer ist Witwer?“</p> - -<p>„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da -steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“</p> - -<p>„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht -gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“</p> - -<p>„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<p>Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber -der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich -wieder wer geworden — er ist Großhofbauer geworden.</p> - -<div class="section"> - -<h4 id="Ein_Abelsberger_Heutrog">Ein Abelsberger Heutrog.</h4> - -</div> - -<p>Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine -neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert -worden, und jetzt ging’s an den Stall.</p> - -<p>Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem -Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der -Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen -in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen. -Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der -Heutrog — ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen — wenn -der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich -verlassen?“</p> - -<p>„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für -Dich mitbiete.“</p> - -<p>Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel -wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in -aller Früh. Aber der Heutrog? — Da begegnet ihm sein Gevatter, der -Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest -mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des -Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich -möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> haben — ein nagelneuer -Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“</p> - -<p>„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und -Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und -macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um, -noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel -zu kaufen.</p> - -<p>Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei -nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht -selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch, -nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß — gar keiner; -der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen. -Dafür aber ist — als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück -kommt — der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni -hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden -hinaufgetrieben.</p> - -<p>„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.</p> - -<p>„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.</p> - -<p>Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.</p> - -<p>„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt -für meines Gevatters Bekannten.</p> - -<p>Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch -nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“ -schreit er.</p> - -<p>„Dreizehni!“ brüllt der Toni.</p> - -<p>„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze — Fünfzehni! — -sechzehni! — siebzehni! — Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die -um den Heutrog kämpfen.</p> - -<p>— Achtzehni! — neunzehni! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span></p> - -<p>„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.</p> - -<p>„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.</p> - -<p>„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt -sitzt er in der Wolle.“</p> - -<p>„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! — zum -Drittenmal!“</p> - -<p>Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.</p> - -<p>„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der -Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner -Prahlsucht in die Falle gegangen.</p> - -<p>Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen -Schimmel herbei. — „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck -mitgeboten, da ist der Heutrog.“</p> - -<p>„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist -ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist -Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat -die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“</p> - -<p>Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich -selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen -Beutel herausgeschrieen.</p> - -<p>„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist -was für Dich, bigott, für Dich selber!“</p> - -<p>Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute -lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am -meisten.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_17" name="kap_ende_17"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="II_Theil"><span class="s6">II. Theil.</span><br /> - -<b>Winterabende.</b></h2> - -<p class="s3 center">Finstere Geschichten.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p> - -<h3 id="Winterabende">Winterabende.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_s2" name="initial_s2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>eit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und -Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und -Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.</p> - -<p>Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster -aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben -und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch -vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als -<em class="gesperrt">jene</em> Gespenster vorzuführen, die leider <em class="gesperrt">nicht</em> abgeleugnet -werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in -heißem Streite liegt und die — wie schrecklich <em class="gesperrt">oft</em> — zur -tiefsten Tragik unseres Lebens werden.</p> - -<p>Demnach können das keine lustigen Geschichten sein — sie werden -unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.</p> - -<p>Der Dichter — und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren -und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und -erfreuen möchte — er darf die Schatten dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> irdischen Lebens -nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben -irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die -Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe -und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt -erbarmungslos richten.</p> - -<p>Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem -Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache, -daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß -die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die -Offenbarung dieses Principes — und ginge sie auch durch Elend und -Jammer — muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir -das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig -werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, <em class="gesperrt">weil sich alle Schuld -auf Erden rächt</em>, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer -größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß -wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen, -und uns — indem wir sie erkennen — Kraft verleihen, die Dämonen zu -besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.</p> - -<p>Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine -Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die -Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen -scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum -Frieden nicht vermißt<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> werden. Ein Leid, welches <em class="gesperrt">vor</em> der Schuld -kommt, nennen wir Prüfung und ist — wird sie mit einer gewissen -sittlichen Kraft ertragen — eben so heilsam, als im Falle der Schuld -die Sühne.</p> - -<p>Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den -Abgrund gestürzt; sollte es aber doch <em class="gesperrt">nicht</em> sein, daß ich darin -nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein -solcher nach dem meinen handeln.</p> - -<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kopf2" name="kopf2"> - <img class="mtop3" src="images/kopf.jpg" - alt="Kopfstück Winterabende" /></a> -</div> - -<h3 class="nobreak" id="Ein_Weg_zur_Schuld">Ein Weg zur Schuld.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_b" name="initial_b"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_b.jpg" alt="B" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">B</span>eim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man -sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart, -das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den -halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen -ein paar ertrunkene Fliegen.</p> - -<p>Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine -Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine -Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt, -sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach -rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen -Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er -scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche -auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen -beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines. -Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat -und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der -Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst.</p> - -<p>Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre -Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> der Hand gefaßt und weiß an -ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen -des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist -„bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter.</p> - -<p>Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit -das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen -Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen -sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon -manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern -und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner -Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen -und unterhaltsam — man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört -haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“</p> - -<p>Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde -— sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause — seinen Arm -um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein -Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du -gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes -Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen -nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der -Herr noch einen Wein?“</p> - -<p>„Einen Kuß!“</p> - -<p>Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es -nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich -mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen -Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus -ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß -oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer -ein.</p> - -<p>„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so -freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld -reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden -miteinander, Adieu, Schatz!“</p> - -<p>Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft.</p> - -<p>„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie.</p> - -<p>Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden -Haare hatte. — „Was darf ich bringen?“</p> - -<p>„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge.</p> - -<p>„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die -Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts, -er ist ganz —“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend, -daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre.</p> - -<p>„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die -Schätzungscommission ist da!“</p> - -<p>Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes -verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf -den Arm nieder.</p> - -<p>„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem -Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. — -Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit -uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“</p> - -<p>Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine -Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das -Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will — es -giebt nichts aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p> - -<p>Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und -Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig -wieder davon.</p> - -<p>Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank.</p> - -<p>Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann, -regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte -Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und -rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe -Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und -struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände, -die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen, -der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei -anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und -doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte, -nahm er eine freundliche Miene an.</p> - -<p>Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein.</p> - -<p>„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind -Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“</p> - -<p>„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“</p> - -<p>„Freilich, auch bei den Weinfässern.“</p> - -<p>„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth.</p> - -<p>„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“</p> - -<p>„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“</p> - -<p>„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p> - -<p>„Na, so bring’ was zu essen!“</p> - -<p>„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der -Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“</p> - -<p>Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem -Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das -Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte -er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf.</p> - -<p>Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte: -„Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund -hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du <em class="gesperrt">ja</em> -sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr -mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem -Sack.</p> - -<p>„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“</p> - -<p>„Wenn die Dirn nicht will — nachher — — ist’s freilich was Anders,“ -sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein.</p> - -<p>Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand -gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau, -zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das -tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich -noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht -mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich -eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn -Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span></p> - -<p>Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen, -das könnt’ sie halt nimmer.</p> - -<p>„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen -schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut -geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben -dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“</p> - -<p>Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine -Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und -der Rothhaarige — das war ja der Seizmüller — trommelte mit den -Fingern auf dem Tisch. —</p> - -<p>Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin, -ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte.</p> - -<p>„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“</p> - -<p>„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und -jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“</p> - -<p>„Was sagst?“</p> - -<p>„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich -mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“</p> - -<p>„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof -hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin.</p> - -<p>„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen -Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den -Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der -Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon -hell verzagt.“</p> - -<p>„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns -Schmalznocken.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - -<p>Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln -ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da -habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den -Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der -Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über -eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel -schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen -Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“</p> - -<p>Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür -nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir -einen Andern?“</p> - -<p>„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein -Geheimniß verschwiegen.</p> - -<p>Ungetröstet ging sie heimwärts.</p> - -<p>Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater, -dem Erlsberger, was denn der meine.</p> - -<p>„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der -Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht -sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen -ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst. -Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft -geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine, -bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher -recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine -Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich -anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa, -in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was, -wenn Du<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus -der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch -nicht ausbleiben.“</p> - -<p>„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist -gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er — Gott wird’s mir -verzeihen — einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der -keine Lieb’ mitbringt.“</p> - -<p>„Wesweg will er Dich <em class="gesperrt">denn</em>, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der -Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist — auf das -mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“</p> - -<p>„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter, -„Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich -probir’s.“</p> - -<p>„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s -Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon -entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und -Zweifeln und Fürchten taugt nichts. — ’s wird schon gehen, er ist -brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt — so mußt Dir -denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“</p> - -<p>Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit, -findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses -das Amtssiegel herabgerissen.</p> - -<p>„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“</p> - -<p>„Trinken.“</p> - -<p>„Da sperren sie Euch ja ein!“</p> - -<p>„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“</p> - -<p>Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - -<p>Darauf trank er erst recht.</p> - -<p>Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses -war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des -Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich -sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für -ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen -Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa -dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit -Fingern auf mich.</p> - -<p>Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren -Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller -doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon -abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so -Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet, -das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und -Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“</p> - -<p>In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die -verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der -Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und -dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon -geweckt.</p> - -<p>Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein -frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei -Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das -Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth -war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum -Staubhinabschwemmen — länger wollten die Rößlein und die Reisenden -nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> einzigmal auf dem -Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war -immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am -Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die -Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht -merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf -der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so -seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war -der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter -den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das -Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen -angeblickt — nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein -freundlich Wort über vergangene Zeit...</p> - -<p>Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers -geworden.</p> - -<p>Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren, -um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst -denn?“</p> - -<p>„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und -Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“</p> - -<p>„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s <em class="gesperrt">mir</em> nicht leid thut -d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack, -mußt nicht vergessen.“</p> - -<p>„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch -all’ so machen.“</p> - -<p>„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir -hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“</p> - -<p>„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was -ich selber wollt’ — und das muß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Dir schon sagen: theuer mag das -Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es -nicht.“</p> - -<p>„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem -Postbuben — den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich -Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“</p> - -<p>Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust -auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt -das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen -Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der -Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ. -— Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen, -aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit -mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige -Hochzeitsfest.</p> - -<p>Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und -auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der -Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche -große Banknoten beschwichtigt hatte.</p> - -<p>Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders -genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers -Hochzeit.</p> - -<p>Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in -die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich -geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den -Hausfrieden zu erhalten.</p> - -<p>Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf -das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl, -nicht ein einziger Grashalm<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin -nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem -Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein -im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin -erschlagen. — Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern -sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum -den Grabkranz.</p> - -<p>Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört, -auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch -liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir -besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten. -Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“</p> - -<p>„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß -Du ein Unterleibel tragst.“</p> - -<p>„Trag’ auch keins, aber <em class="gesperrt">könnt’</em> eins tragen, und eine gute -Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“ —</p> - -<p>So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat -geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als -Warnungstafel: Verbotener Weg!</p> - -<p>Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im -Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er -sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber -selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er -gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen -Wuthrausch über — und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung.</p> - -<p>Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn -ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein -Eichtel Zeit hab’ Geduld,<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s -Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und -ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in -der Wirthschaft. —-</p> - -<p>In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der -Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige -Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die -jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die -Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet. -Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute -und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und -Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte.</p> - -<p>Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der -Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe -zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem -Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte -er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst -sich die Kellnerinliebelei <em class="gesperrt">so</em> aus? Walpa, Walpa, Dich muß man -anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“</p> - -<p>Unter Weinen lachte sie auf. — Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem -sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte.</p> - -<p>Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust -auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der -Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden -worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr -der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von -Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> machst mich -zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’ -Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“</p> - -<p>„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie -ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen <em class="gesperrt">solchen</em> -Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“</p> - -<p>„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du -Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des -Herdes fiel und sie zusammenbrach.</p> - -<p>„So — so —“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir — weiß ich -wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib -— —“</p> - -<p>Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es -<em class="gesperrt">sein</em>.</p> - -<p>Das Weib lag in einer Ohnmacht.</p> - -<p>Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich — -der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht -— insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen -vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o -Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“</p> - -<p>Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals -laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes: -„Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen -kommt, sonst ist’s mein Verderben.“</p> - -<p>Als sie wieder so weit genesen war, daß sie — ein Schatten gegen -früher — in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf -und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem -Menschen, dem Seizmüller, wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> befreit würde. Der geistliche Herr -riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren.</p> - -<p>„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich -lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“</p> - -<p>Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. — „Scheiden lassen -— das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett -könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“</p> - -<p>„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin -schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat -nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen -Eltern folgt!“</p> - -<p>„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und -wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber -die Schuld.“ —</p> - -<p>Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den -Pfarrhof.</p> - -<p>Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie -ging zum Gericht und drängte auf Scheidung.</p> - -<p>— Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit -Menschengedenken noch nicht vorgekommen.</p> - -<p>„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei -sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“</p> - -<p>„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein -Lebtag nicht einwilligen.“</p> - -<p>„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal, -Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so -wollen wir Euren Mann, den Seiz<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>müller, rufen lassen und ihm seine -Verpflichtungen vorhalten, damit —“</p> - -<p>„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß, -so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in -solcher Angelegenheit bin dagewesen.“</p> - -<p>„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der -redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“</p> - -<p>— So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle -aussieht — Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die -Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde.</p> - -<p>Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit -einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau -Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen -Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und -kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’ -mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn -schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“</p> - -<p>Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und -hörte ihr zu. — Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in -Liebessehnsucht?</p> - -<p>Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie -sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als -einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war.</p> - -<p>„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich -führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet -hast.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p> - -<p>„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“</p> - -<p>„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“</p> - -<p>Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun -schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.</p> - -<p>Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein -undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz -aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.</p> - -<p>Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst, -das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus; -dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich -befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es -die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen -abgelaufen ist, so — nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist -hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die -Stadt...“</p> - -<p>Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde -meinte. — In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur -Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der -Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber -wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann -so zu verlassen — und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe, -von der er vorhin gesprochen?</p> - -<p>„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der -Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte, -in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt -und ihn verderben<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es -war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht -hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz -Niemanden zwingen kann.“</p> - -<p>Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s -Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm -ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich -entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge -dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.</p> - -<p>Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten -sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien -höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im -Zickzack heran.</p> - -<p>„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher -Freund sind Sie? — Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon -überall der Höllische, wo man hinschaut!“</p> - -<p>Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist -zwischen den Büschen, man weiß es nicht — verlangt es auch nicht zu -wissen.</p> - -<p>Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal -fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles, -was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz -verhärten zu lassen zu einem Stein.</p> - -<p>Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und -glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes; -sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen -Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen -die<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. — Ob der Blasius -wohl schon ein Weib hat? — Der liebe Schutzengel behüte vor aller -Versuchung. — Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen, -will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. — -Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete -sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern -war, so hörte sie von ihm kein Wort. — Das war ihre glücklichste Zeit -und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber -wie selten! — Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne -nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und -höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat, -so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige -mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter -und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den -Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben -hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der -Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein -Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen! -Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“</p> - -<p>Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich -wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir -können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern -Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich, -ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“</p> - -<p>„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht -Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> ich wollt’ nicht auch meinem -Gott danken, wärst Du aus dem Hause? — Thät’st Dir wohl in die Faust -lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das -ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast -mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen? -— Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich — -Du — Du Creatur!“</p> - -<p>Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am -Mühlbach, sank sie zu Boden.</p> - -<p>— Ihrem Leben ein Ende machen? — Noch so jung, so weltbegehrend — -und dieses Wütherichs wegen sterben! — — Nein, dafür haßt sie ihn zu -sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint -nicht mehr — in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt, -schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr -geschieht — alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber -stürzen, als bei diesem Teufel leben.</p> - -<p>Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr -eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle -hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte -auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt, -ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn -erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine -Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. — Sie -hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte -ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr -verwandt.“</p> - -<p>„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat -hat gemacht?“ meinte das Weiblein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p> - -<p>„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa.</p> - -<p>„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die -Alte ein.</p> - -<p>„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“</p> - -<p>„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch. -Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem -zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. — Ich glaub’s schon! Vom -Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule -gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch -schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“</p> - -<p>„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“ -versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer.</p> - -<p>„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im -Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“</p> - -<p>„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein.</p> - -<p>„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen. -Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich -mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“</p> - -<p>„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die -Walpa und eilte weiter.</p> - -<p>Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief -sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die -Eidechsen hin und her liefen.</p> - -<p>Auf diesem Stein — ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange -eines Posthorns hatte sie der Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> fröhliche Zeit gesehen — da -fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch -fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag -des Abends goldreicher Sonnenschein.</p> - -<p>Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes -Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch -zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab, -über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich -hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche. -Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron — und huschte durch -dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und -Sand in den Lüften wehten. — Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen -Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das -Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann -nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen. -Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem -gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.</p> - -<p>Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare -verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie — und hier -auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth, -stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach -seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der -Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der -Schaum des Bergstroms. — Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie -den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge, -doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> -Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich -in die Tiefe zu stürzen — da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und -schleudert sie hin an das Ufer.</p> - -<p>Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den -Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. — Leicht -hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden -— vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß — sein armes, hilfloses -Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender -Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.</p> - -<p>Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der -Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank -und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl -sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber -er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem -Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen -gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie -am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus -der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser -stürzen wollte. Just daß er — der geängstigte Gatte — noch zu rechter -Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme -bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die -Sache wieder schlichten werde.</p> - -<p>Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller -Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen -lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch -ein ver<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>gittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das -ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.</p> - -<p>„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es -endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch -da — nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! — -Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte -ich fest. — Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen -könnt’, wie er mich martert? Das <em class="gesperrt">kann’s</em> aber nicht wissen, er -sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist. -Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“</p> - -<p>Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine -Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ — Dann -wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe -uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie -ihr ganzes Herz.</p> - -<p>Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers. -Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen -der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn -so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte, -taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte -sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. — Man -wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn -kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre -Erlösung vollenden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Was</em> will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg -des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt -auf der letzten Station steht? Wiesen<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span>wirthstochter! Du, mit Deinem -guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das -vollbringt? —</p> - -<p>Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der -Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu. -Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel — dem Thiere ist es Arbeit -und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von -der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging -ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden -strebte eine Kreuzspinne empor.</p> - -<p>Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte -Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke -oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf. -Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. —</p> - -<p>Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war -schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen -zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann -wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein -gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken — ein Grabkreuz -— wem galt es, ihr oder ihm?</p> - -<p>Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt, -wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war -dann wieder bewegungslos.</p> - -<p>Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit -seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. — Soll <em class="gesperrt">sie</em> -in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das -tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span></p> - -<p>Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden -empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene -Fliege.</p> - -<p>„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.</p> - -<p>„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch -trotzen? Heraus geh’!“</p> - -<p>Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie -heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit -wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“</p> - -<p>„Ja, möcht’ mich gefreuen!“</p> - -<p>„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“</p> - -<p>„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort.</p> - -<p>Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit -Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer -Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein -gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so -wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die -wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“</p> - -<p>„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du -Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst -mich ja so gern.“</p> - -<p>Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege, -wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde -sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift -verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem -verlassenen<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen -Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich -gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in -den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in -Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. — Aber -das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind -sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“ -Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar -nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja -von selbst, daß man es als Rattengift braucht.</p> - -<p>Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute -beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf -Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch.</p> - -<p>„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann.</p> - -<p>„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“</p> - -<p>„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf -ich kein Arsenik hergeben.“</p> - -<p>„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich, -das ist die Seizmüllerin in der Transau.“</p> - -<p>„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur -gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“</p> - -<p>Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging, -saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun -aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen -Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so -gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonn<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>tagsstaate, -an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war! -Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte -Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch -nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch -schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch. -Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu -den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. — Ihr war -wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. — Man hat nur ein einzig Leben, -und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was -häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude -weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein -oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes -Geschöpf. — Und endlich sollte sie — die Walpa — ja der Welt wieder -sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und -fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig -Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren; -es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu -zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir -gegrüßt, mein süßes Leben! — An einer alten Rothföhre kam sie vorüber, -an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab -sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien.</p> - -<p>Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann -in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange -stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf -demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. — -Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! — — Als sie so auf -ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die -Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage. -— Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun!</p> - -<p>Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer -Schafwollenstoff für ein Frauenkleid.</p> - -<p>— Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der -Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart, -wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! — -Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! — — Es -verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm -nieder — sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf, -sprang empor — starrte sie an und grinste.</p> - -<p>„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft.</p> - -<p>„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr -schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst -mir die Augen auskratzen?“</p> - -<p>„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein -Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich -bedank mich für den schönen Rockzeug.“</p> - -<p>„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“</p> - -<p>„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“</p> - -<p>„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen -wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s -Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p> - -<p>Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging -sie hinaus. —</p> - -<p>Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke.</p> - -<p>In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner -Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das -Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe -zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er -in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen -durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor.</p> - -<p>„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch -trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn -er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er -leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“</p> - -<p>— An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben -mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht — ist das auch -so eine Art Manie? — Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer -Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun -fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken -wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes -Wesen dürstete nach einer That.</p> - -<p>Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und -Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie -eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes.</p> - -<p>„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie -mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt -uns nicht lang’.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - -<p>Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben -größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen.</p> - -<p>Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner -in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“</p> - -<p>Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus -Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das -viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner -geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den -Himmel!“</p> - -<p>Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung -und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe -wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er -sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes -Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr -einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer -taumelte.</p> - -<p>Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie:</p> - -<p>„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“</p> - -<p>Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten -Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem -Wandschrank verbarg.</p> - -<p>„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer -Hand. Diese war leer.</p> - -<p>„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p> - -<p>Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten -schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe:</p> - -<p>„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl -sehen.“</p> - -<p>Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und -stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar -halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der -Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann -eine blaßrothe Halsschleife.</p> - -<p>Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist -denn das, meine Liebe?“</p> - -<p>„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig.</p> - -<p>„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du -denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“</p> - -<p>„Weil — weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“</p> - -<p>„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“ -schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her, -oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“</p> - -<p>„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band -hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß -und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“</p> - -<p>Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man -kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch -nicht verstorben sein!“</p> - -<p>„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p> - -<p>„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich -die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir -ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause.</p> - -<p>Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem -Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß.</p> - -<p>Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein -blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen, -und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu -sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand -ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe -ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes -Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht -und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden.</p> - -<p>Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie -wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand -gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie -vor allen Leuten zu rechtfertigen.</p> - -<p>Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem -Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle, -er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern -an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der -Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein -Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du, -jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld -gestohlen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - -<p>Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte -geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist -weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt -weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du -falscher Satan!“</p> - -<p>„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“</p> - -<p>Er ließ sie los: „So sag’ es!“</p> - -<p>„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“</p> - -<p>„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann -ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann.</p> - -<p>Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der -Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war.</p> - -<p>Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht. -Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. — -Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich -wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß -es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s -Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. — Troll’ Dich jetzt, Du -Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“</p> - -<p>Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem -Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des -Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige, -und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer -Gelassenheit an weitere Arbeiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p> - -<p>Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er -und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während -seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe.</p> - -<p>Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die -schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen.</p> - -<p>„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast -weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug -für allzwei.“</p> - -<p>Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte -die Einladung.</p> - -<p>Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand -der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone: -„Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“</p> - -<p>Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus.</p> - -<p>„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich -vergiftet! — Jetzt bin ich hin! — Du Weib — mußt mit mir!“</p> - -<p>Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen -ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach.</p> - -<p>Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch -den Wagenflur, floh in die Mühle — der Müller in wüthender Hast, -doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um -den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa -wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch -hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei -zusammenbrach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p> - -<p>Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war -frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach -einer guten That.</p> - -<p>Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf -welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete -Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. — -Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und -für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.</p> - -<p>„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.</p> - -<p>„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“</p> - -<p>„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht -in die Transau.“</p> - -<p>„So wird er wohl wo anders hinführen.“</p> - -<p>„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“</p> - -<p>Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler -Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr -eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur -Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen -Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und -Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend -und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit -ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin -und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das -Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und -warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter -den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle -aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse -und: „Der Michel,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die -Kleinen durcheinander.</p> - -<p>Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der -Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser -davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und -sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund -und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die -Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.</p> - -<p>Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb -gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen, -daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin -ertrunken sind.“</p> - -<p>Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem -Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom -hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den -Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte -alles Wasser hervor und rieb seinen Leib — da hub der Kleine wieder an -zu athmen.</p> - -<p>Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden -unter freudiger Erregung nach Transau gebracht.</p> - -<p>„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser -gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie -wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und -muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet. -Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen -und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die -Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Graben und -sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“</p> - -<p>Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern -der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine -große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend -wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen — und -dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib -heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme.</p> - -<p>Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem -lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag -leer.</p> - -<p>„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man.</p> - -<p>Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht -Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei -versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein -halbes Stündchen nach Hause gehe.</p> - -<p>Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle -doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der -Mühle sei heut’ was geschehen.“</p> - -<p>Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle -war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute -standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte, -stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr -entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist -daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p> - -<p>Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu -Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt.</p> - -<p>Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei -dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig -an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein -Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In -grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten.</p> - -<p>„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen -ihn in’s Haus hineintragen.“</p> - -<p>„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen; -wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom -Bezirksgericht da sind.“</p> - -<p>„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht -Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“</p> - -<p>Die Leute stutzten.</p> - -<p>„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer, -„vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen -ist!“</p> - -<p>„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte -ein Anderer.</p> - -<p>„Das schaut seltsam aus.“</p> - -<p>„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“</p> - -<p>„’s geht nicht recht her.“</p> - -<p>„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein.</p> - -<p>Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen.</p> - -<p>Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’ -ich nicht, Du hast was angestellt!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p> - -<p>„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn -angestellt haben?“</p> - -<p>„Wird sich weisen!“</p> - -<p>Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst -die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür. -Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines -natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben -Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand -dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in -der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere -Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran. -Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes -Gemurmel, ein verständnißvoller Blick.</p> - -<p>Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche -bedeckt.</p> - -<p>Die Herren begaben sich — es war schon Mitternacht — in die Stube der -Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in -das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare -aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht.</p> - -<p>Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der -Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“</p> - -<p>„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“</p> - -<p>„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“</p> - -<p>„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie -dumpf.</p> - -<p>„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr -ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> nichts mehr, Seizmüllerin, -gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“</p> - -<p>Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes -Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an. -Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken -auf den Schoß und sie hauchte: „Da — da bin ich. Hab’s ja gewußt diese -Ehe bringt mich noch an den Galgen.“</p> - -<p>Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll -der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es.</p> - -<p>Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend -die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa -in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das -Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die -Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in -städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter. -Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller -gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte. -Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift -verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr -mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller -würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib -todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft -dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz -weinte. Es war der einstige<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> Postillon, der Blasius Steiger — nun -schon glücklich verheiratet — es war der Mann, an den sie liebend so -oft gedacht hatte. — Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen.</p> - -<p>Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es -war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal -vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später -oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals -Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er -hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen — „er hätte es -gewißlich gut mit ihr gemeint“.</p> - -<p>Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen -Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf -die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern, -die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein -Blatt.</p> - -<p>Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen -standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz -fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem -Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein -Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.</p> - -<p>Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große -Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und -konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das -Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe, -ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span></p> - -<p>„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.</p> - -<p>Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers -bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu -erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und -wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem -Peiniger zu befreien.</p> - -<p>Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber -entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht -zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue -empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht -ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß -es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“</p> - -<p>Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom -Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in -seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der -seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem -mußt Du Dich befreien, — begann nun eine Rede zu halten, in welcher -er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden -Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß -er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein -langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das -schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses -Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die -Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein -Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste -Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue -gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr -Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte -gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich -möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden -ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange -gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der -verdient das Leben nicht. — Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen -umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe, -kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben -zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände -hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten; -aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil -seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist -ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit, -welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen -mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes -Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. — Was Ihnen etwa noch gesagt -werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren -Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen -zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen -Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen, -wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren, -das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes -Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange -für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p> - -<p>Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger -Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu -spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie -sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre -Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie -erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten -Tones: „Der Herr Vertheidiger.“</p> - -<p>Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der -Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter -Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß -ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender, -dann in warmer Betonung so zu sprechen:</p> - -<p>„Meine Herren Richter!</p> - -<p>Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde -und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch -erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in -diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine -Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden -soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. — Nie -noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die -Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit -noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten -Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum -nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer, -meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein -Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen -kann, geschweige denn ein warmes<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> Blut von siebenundzwanzig Jahren. -Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält -hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer -gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit -zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie -finden in dem Charakter des Mannes nicht <em class="gesperrt">einen</em> lichten Punkt; -er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch -nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar -für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben -gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit -dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten. -Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem -Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen? -Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein -junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie -dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie -sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst -vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht. -Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden. -Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt. -Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein -Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem -verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe, -ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen -gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren -Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen -hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> -wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich -freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich, -die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der -Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe -einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und -Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und -so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte -mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre -nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den -Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor -den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes -Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte -ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in -dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen -klagt sie <em class="gesperrt">nicht</em> an, der strengste Richter in der eigenen Brust -klagt sie <em class="gesperrt">nicht</em> an! — Und fällt es Ihnen nicht auf, meine -Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen -Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat? -Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem -andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine -Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das -Leben mit dem Leben belohnen. — Wenn mein geehrter Herr Vorredner -behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das -Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser -Frau <em class="gesperrt">strafen</em>, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem -viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie -moralisch zur Tyrannen<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>herrschaft des Ehemannes und begehen einen -Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen -Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie -nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten, -das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke, -im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen -Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot, -dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft -um’s liebe Dasein kämpfen. — Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem -Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes -Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig — seien Sie es auch, -und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde -genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht — -lassen Sie es leben!“</p> - -<p>Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa -ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.</p> - -<p>Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu -bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So -erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten -Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.</p> - -<p>Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so -aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens -zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt -und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte -Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt -und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> Bank -und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus -ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten -Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses -liebe goldene Licht — oder die ewige Nacht! — Welches soll nach -menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? —</p> - -<p>Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie -hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den -Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.</p> - -<p>Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag, -schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine -mit Nein geantwortet.</p> - -<p>Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme -sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir -das Nein geschenkt?“</p> - -<p>Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur -Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein -Auge nieder und wurde roth und blaß.</p> - -<p>Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort: -„Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt, -nun will ich sterben!“</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_18" name="kap_ende_18"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p> - -<h3 id="Die_guldene_Grethe">Die guldene Grethe.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_e" name="initial_e"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">„E</span>s begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam -Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des <span class="antiqua">vulgo</span> -Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, -katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der -Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen -Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“</p> - -<p>So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen -Papierbogen der Gemeinde vor.</p> - -<p>Es war das Fest der heiligen drei Könige.</p> - -<p>Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor -dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ — der bildlichen -Darstellung von unseres Heilandes Geburt — brannten zwei Wachskerzen, -die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es -sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.</p> - -<p>Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die -heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und -ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch -die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel -Aufsehen gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span> unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat -des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein -Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, -dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein -Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger -in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem -anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten -den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit -und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du -stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem -Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine -Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die -hunderttausend Forellen im See dazu.</p> - -<p>Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael -dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre -Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael -Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der -Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.</p> - -<p>Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der -Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein -Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen -konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, -hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit -ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.</p> - -<p>Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben -Welt hören, war auf der Jagd dage<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>wesen, hatte die Maria Haldegger auf -der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr -einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze -Bauernhaus an der Wand. — Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: -„Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und -alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. -Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich -kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die -Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge -Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber -die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig -davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.</p> - -<p>Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben -den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau, -und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.</p> - -<p>Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, -und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, -wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und -Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten -gehabt.</p> - -<p>Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der -See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit -der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter -hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die -Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt -zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> vom Himmel im -Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.</p> - -<p>Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit -dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein -Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst -berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen -könne.</p> - -<p>Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine -Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und -die Sprenge — das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den -Priester — zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines -Weges.</p> - -<p>Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung -gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde -schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam! -Hast aber eilig.“</p> - -<p>Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit -krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten, -zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte -eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen -Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, -wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter -einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, -zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder -gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie -goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie -manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine -halbe Welt von ihr spricht“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span></p> - -<p>Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, -aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. —</p> - -<p>Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen.</p> - -<p>„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“ -sagte das Mädchen, ihm näher kommend.</p> - -<p>„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz.</p> - -<p>„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme -Kirchweihnacht —“</p> - -<p>„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“</p> - -<p>„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast —“</p> - -<p>„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“</p> - -<p>„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast —“</p> - -<p>„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren -kann.“</p> - -<p>„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“</p> - -<p>„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“</p> - -<p>„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein -Mädchen zu arm und zu gering sei —“</p> - -<p>„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“</p> - -<p>„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“</p> - -<p>„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“</p> - -<p>„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und -ich habe den Franzl fahren lassen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> hab’ Keinen mehr angeschaut, -und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich -hab’ ich gedacht. — Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen. -Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“</p> - -<p>Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste -gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie -sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, -weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.</p> - -<p>Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen -warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und -ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg -ab, der zum Bauer an der Wand führt.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen -geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren -dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, -der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge -ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles -versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. -Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen -Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von -unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des -Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, -wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.</p> - -<p>Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze -Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> Candiszucker geformt. Die -Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag -finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch -nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.</p> - -<p>Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war -eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für -die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die -übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des -Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß -aufspunden.</p> - -<p>Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein -des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein -hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.</p> - -<p>Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche -Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim -letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch -blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun -pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.</p> - -<p>In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit -allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende -des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der -Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig -einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene -Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende -Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft -verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> Fingern in die losen, -geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ -sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that -einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll -ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es -die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst -nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig -— aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl -hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner -vornehmen Lahmleidigkeit — aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein, -und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande -und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht, -was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und -thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten -früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! — —“</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller -loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man -kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. -Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an -zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern -zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.</p> - -<p>Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein -Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn — wie -die Leute sagen — mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p> - -<p>Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und -guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander, -jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn -über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit -Kähnen zur Sommerszeit.</p> - -<p>Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln -hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern -die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre -vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar -die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird -mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles -schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und -das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich -gezierten Raum. — Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die -Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.</p> - -<p>Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein -Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes -Schlachtfeuer.</p> - -<p>Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen. -Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente -klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem -Nebel hervor — rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, -die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend -und hüteschwingend die Hochzeiter.</p> - -<p>Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf, -und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß -die Kirchenfenster schrillen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p> - -<p>Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne, -schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. -In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür -vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon.</p> - -<p>Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln -strichen ihre gluthheißen Wangen. — Jetzt werden sie getraut, dann -ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser -wie ich? — Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr -den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben -die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das -Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. — Und wenn -der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den -Hof —</p> - -<p>Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte -am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser -auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich -sie mitreißen kunnt, All’ miteinander — nachher mit Freuden — mit -Freuden!“</p> - -<p>Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und -Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und -zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über -den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne -sehen.</p> - -<p>Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer -troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze -Wache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span></p> - -<p>Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf -einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene -Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak, -wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. — Der -Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel -davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste -Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den -Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche -Kaisertabak!“</p> - -<p>Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch -ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig -und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft; -ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den -Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige -Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese -Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem -weitläufigen Wohngebäude. — „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer -Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm -eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar -das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief -aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“ —</p> - -<p>Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter -ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt -durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren -die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben -hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> -den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große, -kluge Augen.</p> - -<p>Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger -Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert -das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen -an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum -Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken -nieder — —</p> - -<p>Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in -den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm -der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine -Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei, -ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? -Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“</p> - -<p>Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr -vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.</p> - -<p>Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie -die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.</p> - -<p>Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. — Ueber dem Haupte die -dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie -niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen — ist das eine trübe, -kalte Welt!</p> - -<p>Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das -aufwallende Blut.</p> - -<p>So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen -hier, über und unter den Gewässern. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> stand sie plötzlich still, -sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der -Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, -zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles -still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da -sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose -Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und -unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: -„Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur -in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so -stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß -ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. — Jetzt -sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. —</p> - -<p>Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, -und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und -Zack fliegt eine dunkle Linie — ein Riß — — es berstet das Eis.</p> - -<p>Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; -sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.</p> - -<p>Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern -mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.</p> - -<p>Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin — der See ist breit — -und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des -Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die -Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist -Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p> - -<p>Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser -Wintertag. — Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt -mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben -und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder -flattern in der Nacht — der Boden kracht — wankt. — Glückliche -Fahrt, Seesteinerleut’! — Es muß so sein, der Himmel will es selbst so -haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern -in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen, -kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt -— sie weiß es nur um eine Stunde früher. —</p> - -<p>Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse -und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte -Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht -aber nicht.</p> - -<p>„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl -wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den -Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“</p> - -<p>Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s -Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. — Sie eilt auf ihn -zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch, -Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und -schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im -Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte -dem Rachegefühl.</p> - -<p>Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon -jahrelang krank.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p> - -<p>„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, -„will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist -schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so -gut, und nimmt Dich zu sich. — Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott, -Greth!“ — Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die -Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der -Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.</p> - -<p>Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand -die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das -Mädchen lief seitab.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach -dem Bruder geschickt. — „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu -lügen auch schon an! — Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath; -jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So -sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.</p> - -<p>Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es -zog ein frisches Lüftchen. — Die Hochzeiter werden doch nicht schon -abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von -der Hirschwand herüber der See einbricht. — Ei, ja, die bleiben heut’ -schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit -in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein -Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s -aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. — -Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p> - -<p>Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund -gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.</p> - -<p>Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig -spät in das Dorf hinab.</p> - -<p>Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln -Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind -schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. -Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof -drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom -Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde -Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und -Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.</p> - -<p>Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.</p> - -<p>Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. — Sie rennen in ihr -Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der -Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er -hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, -schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er -hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen -sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.</p> - -<p>Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren -heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt, -er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem -Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter -wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis -erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein.<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Die merken’s -nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist -Alles vorbei! —</p> - -<p>Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie -sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren -schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln -waren wie zwei Sternchen.</p> - -<p>Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer -Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, -ja sie <em class="gesperrt">müßten</em> stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen -glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände -zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel -für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger -Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen! -O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“</p> - -<p>Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere -Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.</p> - -<p>In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein -auf. — —</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel -abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in -dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.</p> - -<p>Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners -und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem -lächelnden Ehepaare anstieß,<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> ging sein Glas in Scherben, und der Wein -löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.</p> - -<p>Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im -Vorhause gellte ein wildes Auflachen.</p> - -<p>Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das -Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die -Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie -in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das -alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen -Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie -auch.</p> - -<p>Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her, -Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“</p> - -<p>Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die -Greth auf, und verließ das Haus.</p> - -<p>Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die -Eisdecke krache. Sie hörte nichts — ja, das Wirthshaus hörte sie, und -den Jubel, und immer nur das.</p> - -<p>Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und -als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, -da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles -auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin, -sie war unschuldig — der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das -Eis bricht selber ein. — Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s, -daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht -darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie -in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span></p> - -<p>Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten -nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.</p> - -<p>Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie -einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen -heiseren Schrei. — —</p> - -<p>Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine -Augen.</p> - -<p>Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’, -das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war -gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. -„Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich -in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen -schwebten die zwei glühenden Aeuglein.</p> - -<p>Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen -fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich -fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, -eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein -Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um. -Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende -des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und -Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit -unter das Strohdach.</p> - -<p>Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, -leuchtete.</p> - -<p>Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände -oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.</p> - -<p>Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil -nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> wahrten, irrte die -Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen -auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. -Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.</p> - -<p>Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des -Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst -die zwei Aeuglein auf dem See. — Und siehe, endlich leuchteten sie -heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf, -und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.</p> - -<p>Sie waren gerettet.</p> - -<p>Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das -Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden -in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem -Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück -auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Das</em> ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte -ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen -Weibe den Arm zum Aussteigen gab.</p> - -<p>„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der -Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. — Eine Närrische haben -wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“</p> - -<p>Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. — Das Eis bricht -ein auf dem See! — Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie -erbleichten.</p> - -<p>Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie -verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie -mit kläglicher Stimme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span></p> - -<p>Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß -zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis -bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in -ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so -kalt. Dort stand der kleine Feuerherd — jetzt dachlos in der Nacht; -die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.</p> - -<p>Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von -der rauchenden Brandstätte entfernen.</p> - -<p>„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum -Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. -— Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie -sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte -zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir -die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“</p> - -<p>Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am -Herde kauern — erstickt und verbrannt.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte -es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und -her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle -Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.</p> - -<p>Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem -Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben -und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in -das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine -gesicherte, warme Stube<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> bereitet war. Auf dem Landwege ging der -Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen -Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.</p> - -<p>Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen -sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, -ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den -kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.</p> - -<p>Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind -darauf geschrieben:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Hier ruht die guldene Grethe,</div> - <div class="verse">Geläutert hat sie erst der Tod;</div> - <div class="verse">Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth</div> - <div class="verse">Gedenk’ an sie und bete!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_19" name="kap_ende_19"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Waldbrand">Der Waldbrand.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_a" name="initial_a"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>m südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt -schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch, -daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender -Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man -vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das -Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der -fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen -Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem -Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und -Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun. -Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein -fürchterliches Unglück.</p> - -<p>Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus -Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut -des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich -das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen -das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine -silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> -weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner -vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen -griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren -Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet -und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und -Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und -Hitze zwangen sie zum Einhalten.</p> - -<p>„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch -das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.</p> - -<p>Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den -Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch -zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen -haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor -dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“</p> - -<p>Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf -und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits -des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und -muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und -wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten, -gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben -brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der -Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie -wenn der Blitz in ihn gefahren.</p> - -<p>Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer -schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s -Fenster, daß die Scheiben<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> klirren, und ein Knecht, der alte Gregor, -ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“</p> - -<p>Der Grübner fährt auf — das ist ja wie am helllichten Morgen! und -wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald -wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im -Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch -die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose -Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu -sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem -Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das -waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und -ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle -Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum -Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und -nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und -raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos -von den Bäumen zausen — und er schlug sich die Faust in’s Gesicht, -daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten -kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den -fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! — Bub’!“ -rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so -sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“</p> - -<p>Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.</p> - -<p>„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.</p> - -<p>Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei -arbeitete, hackte er noch die Aeste von den<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> Stämmen und schleppte sie -abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser -hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare -waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth -beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der -Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.</p> - -<p>„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen -und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als -gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das -Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel -dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man -nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen -Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie -in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die -Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches -dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der -Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte -fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten -war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den -ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.</p> - -<p>Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem -folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das -rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den -Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang. -Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien -in das Thal, und aus den Schluchten stiegen<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> schneeweiße Nebel auf. -Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht. -Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur -dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine -einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten -Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten -davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab -sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und -machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu -thun sei.</p> - -<p>Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die -Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen -das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und -links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand, -blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab -heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie -ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein -einziger lebendiger Baum mehr drüben — Alles verdorben. „Gregor!“ -schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein; -jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein -ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon -sagen — aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’ -zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den -Hof hinab.</p> - -<p>Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen — ein -Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von -den Hängen — zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines -verbrannten<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus -noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen -in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann -reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume -wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der -Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als -Genovefa vor ihm stand und fragte:</p> - -<p>„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“</p> - -<p>„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die -Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“</p> - -<p>„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm -doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“</p> - -<p>„Ei, nu, und <em class="gesperrt">wenn</em> ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich -an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein -gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze -Jahr, und nicht Du! — — Wird halt bei den Löschern gewesen sein und -heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben — was weiß ich!“</p> - -<p>Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er -sprach kein Wort mehr.</p> - -<p>Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus -nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber -— heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging -fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer -Arbeit, aber heute <em class="gesperrt">mußte</em> sie, und sie wußte doch nicht, wer es -ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts -gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen, -und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu -kommen. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als -sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald -beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine -Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm -förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und -blutete an einzelnen Stellen.</p> - -<p>„Jesus — aber Gregor!“ schrie Genovefa.</p> - -<p>Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“</p> - -<p>„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde; -heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“</p> - -<p>„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das -Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt -so was recht ab. — Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist, -brennt es noch wo?“</p> - -<p>Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die -Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.</p> - -<p>„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.</p> - -<p>„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“</p> - -<p>„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein -brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß -schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib -gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich -nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat -das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der -ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span></p> - -<p>„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich -heim.“</p> - -<p>„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl — hab’ mir sie ein -bißchen stark verbrannt.“</p> - -<p>„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“</p> - -<p>„Meinst Du? — Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst -bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du -bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt — heute ist es -mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre, -so wärst Du jetzt eine Bettlerin. — Ei, laß mich, es ist mir so heiß -in der Brust — Vefa, wenn ich <em class="gesperrt">doch</em> sterben müßte! — Bauer, -wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir -jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir -keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’ -ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du -mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“</p> - -<p>„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“</p> - -<p>„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur -so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß -nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“</p> - -<p>Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu -der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser -Noth.</p> - -<p>„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es -aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand -sagst, so lang’ ich lebe.<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben -muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so -kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe, -so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie -mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. — Leg’ mir -jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und -sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa; -und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß -ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa, -daß ich den Wald angezündet hab’!“</p> - -<p>„Jesus Maria! — Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit -der Schürze zu und zitterte.</p> - -<p>„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr -Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun -mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken, -daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins -ist uns jetzt halt auch begegnet. — Am Samstag zum Feierabend bin -ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne -— das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und -auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald -— nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird — das Korntragen war auch -schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf -einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl -gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein -an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’ -genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu -feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> mir -brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie -sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so -beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin -dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach -geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den -nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den -Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria! -denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten, -hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’ -ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner -Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald -mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und -lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so, -Vefa. — Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da — da drinnen brennt’s -so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“</p> - -<p>„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er -sogleich um den Arzt fährt.“</p> - -<p>„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich -schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“</p> - -<p>Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und -dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!</p> - -<p>Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich -bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer, -der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p> - -<p>Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr -zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen -wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf -der Weid’.“</p> - -<p>Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.</p> - -<p>Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd: -„Wo liegt er denn?“</p> - -<p>Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer -ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen -das Dorf.</p> - -<p>Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen, -Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen -hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie -schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja -vorüber.</p> - -<p>Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und -Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud, -die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten -gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an. -Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen -waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb -Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu -geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch -einige Schritte weiter.</p> - -<p>Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag -auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span></p> - -<p>Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester: -„Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch -den Wald hinauf gegen das Dorf.</p> - -<p>Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet. -Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit -zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde -zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen -den Grübnerhof.</p> - -<p>Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen -und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er -einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen -die Wand, wo die Bodenstiege war.</p> - -<p>Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und -legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit -einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie -zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.</p> - -<p>Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften -die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei -Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen -Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten -Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter -geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das -Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun -todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen -verkaufen kann um Geld. — Der Mann biß sich derb in die Lippen,<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> das -Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock — aber -dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und -hätte sich gar alle Beine gebrochen.</p> - -<p>Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm -her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm -war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er -ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.</p> - -<p>Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene -Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das -Merkwürdigste war ein Eichhörnchen — oder war’s ein Wiesel, man kannte -es nicht mehr recht — es hing an einem Baume und hatte sich fest um -einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz -und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren -jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart -und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit -demselben erst zur Welt gekommen.</p> - -<p>Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das -fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der -sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein -großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder — es -ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht -sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen -lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s -auch gethan haben, der ist so Einer, der! — So war das Denken des -erbitterten Mannes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span></p> - -<p>Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im -halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus -Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen -die Hölzlein noch herum — hat der mir den Wald —?“</p> - -<p>Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte -auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht -bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen -sterben müssen!“</p> - -<p>Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer -so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’ -ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er -mir gegessen!“</p> - -<p>Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört, -was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger -abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor -so redet.“</p> - -<p>„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud; -„ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s -schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar -nicht sagen, aber — da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die -andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein -Christ.“</p> - -<p>Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit -Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen -schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein, -und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span></p> - -<p>Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen -um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt -mir <em class="gesperrt">den</em> da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem -Hause kommt!“</p> - -<p>Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still, -und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht. -Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht -nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände -ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten — Ihr -laßt den Gregor ordentlich begraben!“</p> - -<p>„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los; -„ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug -trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’ -nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber -jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem -sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? — Nu, und hast noch nicht -g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm — laß Euch -gern forttragen, all’ Zwei, gern!“</p> - -<p>Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die -Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine -nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch -ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für -den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft -hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich -schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne -Tabak thut es sich halt auch nicht — aber für ein ehrlich Begräbniß -wird schon noch was übrig bleiben. — Ich bitt’ Euch, Bauer, der<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span> -Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s -immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten — laßt ihn christlich -begraben!“</p> - -<p>„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und -glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? — Kasten und Kleider! -Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen -Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für -den starren Gregor da draußen — ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt -mir den Wald? Wer? — Treu und fleißig gedient, ja — als ob ich ihn -dafür nicht auch bezahlt und <em class="gesperrt">über</em>zahlt hätt’!“</p> - -<p>„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen -verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd -wieder.</p> - -<p>Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du? -— Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner -ist ein Stein!“</p> - -<p>Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd, -und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte -bitterlich.</p> - -<p>Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem -Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit -der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und -Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine -Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.</p> - -<p>Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa -allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu -ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes -Dienst<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span>jahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich -begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen -Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die -Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals -beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen — und wie der Bauer -nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur -<em class="gesperrt">ein</em> solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und -lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch -eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’ -mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein -Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“</p> - -<p>„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr -davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor -nicht nachflucht — der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“</p> - -<p>Und sie redeten nicht mehr davon.</p> - -<p>Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das -Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann -man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes -seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten -Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die -Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die -Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter -wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben -wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter -und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den -Schweiß und graben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span></p> - -<p>Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus -steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel -hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen -Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen -in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel -fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die -Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht: -„Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen -die Haue über die Achsel und gehen heim.</p> - -<p>Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil -im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst -thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig -abbrechen.“</p> - -<p>Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem -Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist — wie er -gerade um einen kleinen Felsen säete — ein Vöglein vor ihn hingehüpft -und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in -Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden -zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der -Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet. -Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same -eingewühlt — dann war es für dieses Jahr fertig.</p> - -<p>Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte -noch — endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich -unter das Dach zurück.</p> - -<p>Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte, -die im Stalle zu schaffen verstand wie<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> nicht bald Eine, mußte heuer -auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft -dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die -Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals -auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen -ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken, -aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl -und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und -einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten -vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ -er nicht rufen.</p> - -<p>Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die -Vefa nichts?“</p> - -<p>„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“</p> - -<p>„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“</p> - -<p>„Nein, sie kriegt nichts!“</p> - -<p>„So! — Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute -denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe, -und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer —“</p> - -<p>„So Einer! Was für Einer?“</p> - -<p>„Was Du an der Vefa thust — man kann Dir bei Gericht nicht an, das -weiß ich, denn Du hast sie überredet — aber <em class="gesperrt">schlecht</em> ist es von -Dir! — Bauer, Du bist ein elender <em class="gesperrt">Schuft</em>!“ Mit diesen Worten -spie ihm der Knecht in’s Gesicht.</p> - -<p>„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch, -wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p> - -<p>Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und -schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach.</p> - -<p>„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an, -„komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher — bin so zornig -gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“</p> - -<p>Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die -Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum -und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann -ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch -nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen -und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was -er dem verhaßten Bauer gethan hatte.</p> - -<p>Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch -Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre -waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf -wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach -wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn -ihn irgend etwas wurmte.</p> - -<p>Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es -um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa -rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die -Vieher röhren fürchterlich.“</p> - -<p>Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine -Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh -war von der Kette<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den -wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah, -war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den -Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte -in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’ -war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit -sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und -kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in -der Wagenhütte — er war nirgends.</p> - -<p>Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge -kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam -wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei -den Thieren wie einst.</p> - -<p>„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und -oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof -wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen. -Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur -manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den -Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. — -Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum -Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet -und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es -verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht -zurück.</p> - -<p>„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht -mich noch närrisch!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span></p> - -<p>Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem -Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren -keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der -Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen -Kinder thun Einem die größte Pein an.“</p> - -<p>Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den -Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner, -er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles -gut und es geschehe ihm nichts zu Leide.</p> - -<p>Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner:</p> - -<p>„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach -Amerika.“</p> - -<p>„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an, -aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf -die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“</p> - -<p>Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher, -als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange -des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges -kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da -sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld, -als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer -hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte. -So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras- -und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich -gedüngt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span></p> - -<p>Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken — so viel -erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch -wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem -Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz, -es war neues Leben in ihm.</p> - -<p>So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle -mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt -nach der Reihe über den Hang hinauf.</p> - -<p>Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem -folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und -zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe -ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden — was man -denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als -schneiden, immer schneiden — nur daß sie sich zeitweilig noch das -Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß -und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze -Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie -dachte daran, daß heute der Jahrestag — Gregor’s Sterbetag sei! Als -sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und -Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte -am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte -damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem -Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches -der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht -mehr versengt, es grünte schon wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span></p> - -<p>Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete. -Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau -auf diese Stelle — nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen, -nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den -einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa -ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.</p> - -<p>„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß -schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und -faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst -merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst -glauben!“</p> - -<p>Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und -selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch -fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete -während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom -Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon.</p> - -<p>Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß -unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit -nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt -noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die -Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt -hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen -eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so -schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und -in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und -taumelte zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p> - -<p>Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte -ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das -Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern.</p> - -<p>„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die -zerfallende Leiche.</p> - -<p>Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er -mit dem Arm in die scharfe Sichel — aber er gab keinen Laut von sich. -Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch -Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. — Für -diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen -den Bauer auf zwei Stangen.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den -Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und -her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte. -Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück -geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist -herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das -war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die -bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht -mehr.</p> - -<p>Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es -ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn -sonst wär’ er todt gewesen.“</p> - -<p>Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die -Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span></p> - -<p>Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn -der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das -Testament gemacht.</p> - -<p>In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der -Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht -hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein -daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf -den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die -Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“</p> - -<p>Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem -Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen -die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang, -bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein, -und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab. -Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin -ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des -Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem -Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten — so -steht’s im Testament.</p> - -<p>Aber Genovefa arbeitet doch — sie würde sonst krank, meint sie. Nur in -der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf -den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das -grüne Sterbebett ihres Gregor auf.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_20" name="kap_ende_20"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span></p> - -<h3 id="Hier_auf_dieser_Strassen_hat_mich_Gott_verlassen">Hier auf dieser -Straßen hat mich Gott verlassen.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_e2" name="initial_e2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>ine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den -weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu -schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie -auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott -verlassen.“</p> - -<p>Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne -emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme -schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem -Baume gesehen.</p> - -<p>Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter -ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird -fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es -keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst -Niemanden.</p> - -<p>An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten -wollten, aber auch nicht ruhen — der Tag zum Beten und Sündigen.</p> - -<p>Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann -von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im -Schatten des Obstgartens. Aus seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> Augen funkelt die Gluth, die in -ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe -ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe -kommen.</p> - -<p>Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut, -in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind -sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina, -die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt -und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet. -Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade -den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein -Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt -wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen, -stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene -rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr -lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.</p> - -<p>Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr -wünschenswerth macht — und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s -der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und -in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst -die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den -Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei -einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt -ist.</p> - -<p>„Anasti!“</p> - -<p>Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns -ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.</p> - -<p>Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang. -Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> sein Gewerbe ist zwar keine -Schande, aber ein Spott — er schafft die verendeten Thiere abseits. -Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen, -diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister -Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes -und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den -Haushalt; <em class="gesperrt">sie</em> stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl -die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten, -sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der -Andere. —</p> - -<p>„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.</p> - -<p>„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.</p> - -<p>„Dich will ich,“ antwortete sie.</p> - -<p>„Warst Du heute nicht in der Kirche?“</p> - -<p>„Freilich wohl.“</p> - -<p>„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter -richtig ist.“</p> - -<p>„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und -komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“</p> - -<p>Er that einen Lacher und ging zum Zaun.</p> - -<p>„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei -der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.</p> - -<p>„Dummheiten.“</p> - -<p>„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“</p> - -<p>„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“</p> - -<p>„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender -nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst -wissen.“</p> - -<p>„Das weiß ich.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p> - -<p>„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“</p> - -<p>„Geh’ heim und rede nicht so albern.“</p> - -<p>„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß -Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“</p> - -<p>„Du fängst mir wieder selber an!“</p> - -<p>„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr -gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit -kommen, aber <em class="gesperrt">vor</em> der Copulation.“</p> - -<p>„Susi!“ rief er aus.</p> - -<p>„Ja,“ gab sie zur Antwort.</p> - -<p>„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ <em class="gesperrt">ich</em> Dich verführt? -Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den -Wald. Hab’ <em class="gesperrt">ich</em> Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem -Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu -gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“</p> - -<p>„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts -Unrechtes, wenn man müd’ ist.“</p> - -<p>„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“</p> - -<p>„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und -weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für -Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“</p> - -<p>„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen -kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will -oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast, -daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span></p> - -<p>„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir -gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“</p> - -<p>„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die -Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.</p> - -<p>„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine -gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt. -Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch -Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den -Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir -nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“</p> - -<p>„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“</p> - -<p>„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben. -Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar -nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“</p> - -<p>Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. — Das ist der Teufel von -einem Weibe! —</p> - -<p>Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen -getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie -hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange -hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere -gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen -Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war, -auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit -freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen -vernünftigen Schluß fassen werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span></p> - -<p>In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die -Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr -er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie -verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit -des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen -treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich -sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der <em class="gesperrt">vor</em> -ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben -könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.</p> - -<p>Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es -doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß -wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an -eine Trennung dächten.</p> - -<p>„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch <em class="gesperrt">mich</em> zu -diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und -Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich -es von Dir.“</p> - -<p>Das war recht klar gesprochen.</p> - -<p>Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So -wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen -zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.</p> - -<p>„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den -Weg!“</p> - -<p>Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern -habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück -verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten — ich nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span></p> - -<p>„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr -meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“</p> - -<p>„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man -freilich einen Kopf.“</p> - -<p>„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand, -die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf -alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil -Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes -zu nennen.“</p> - -<p>„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig -an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück -ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die -Sünde, die an Euch hängt, müssen <em class="gesperrt">wir</em> büßen mit Verderben und -Sterben.“</p> - -<p>„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts -dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen -wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei -Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“</p> - -<p>„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“</p> - -<p>„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“</p> - -<p>„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann, -um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange -nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe -ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst -leicht nimmer los!“</p> - -<p>„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span></p> - -<p>„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich -oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen -— Du wirst gewiß Viele kennen — so bist in einem Irrthum. Haben -<em class="gesperrt">will</em> ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich -lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“</p> - -<p>„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht -und mit funkelndem Blick.</p> - -<p>„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am -Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“</p> - -<p>„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir, -daß Du früher beichten gehst.“</p> - -<p>„Wie meinst das?“</p> - -<p>„Man kann nicht wissen, was geschieht.“</p> - -<p>Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie -um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn -das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen -lasse, geschehe ein Unglück.</p> - -<p>Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am -Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem -Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht -an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich -besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu -Liebe der Rache entsagen zu können.</p> - -<p>So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht -die ganze Welt sich um das Glück seiner Person<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> drehen sollte. — Daß -dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine -ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam -seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.</p> - -<p>„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm -plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du -kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“</p> - -<p>Gratina, seine Braut, stand neben ihm.</p> - -<p>Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn -Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe -gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was -an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar -zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren, -die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler -gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht -viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei -Auszeichnungen über alle Maßen wohl.</p> - -<p>Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem -Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg -dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch. -An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe -brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und -das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein -förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster -zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die -Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz -in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> -Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der -Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.</p> - -<p>Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge -Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das -Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften -Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück -zugetragen.“</p> - -<p>„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt -schauen wir, daß wir weiter kommen.“</p> - -<p>Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren -Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken -haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit -einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.</p> - -<p>„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren -Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein -ungeschicktes Messer bei Dir.“</p> - -<p>„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen -weiter.</p> - -<p>Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen, -Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle. -Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit -geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er -wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können; -allein sie zog schalkhaft die Thür zu.</p> - -<p>Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei -demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen -zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span></p> - -<p>Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um -ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.</p> - -<p>Wenn sie Wort hält und kommt, so ist <em class="gesperrt">jetzt</em> die Zeit dazu. —</p> - -<p>Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier -müßte sie kommen. — Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf -den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal -mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen -beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth -geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß -sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch -wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr -Leben einen Freund an mir haben. —</p> - -<p>In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen -von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue -Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des -Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her -geworfen wurden.</p> - -<p>Plötzlich schritt Suschen heran.</p> - -<p>Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und -blickte ihn höhnisch an.</p> - -<p>„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“ -sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“</p> - -<p>„Wenn Du zum Hof willst, so ist das <em class="gesperrt">Dein</em> Weg nimmer!“</p> - -<p>„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span></p> - -<p>Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und -fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’ -Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.</p> - -<p>„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.</p> - -<p>„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem -wilden Satze über das Geländer.</p> - -<p>Ein einziger Schlag unten im Gestein — und das Wasser brauste fort und -fort. —</p> - -<p>Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei -Bauern schritten rasch heran.</p> - -<p>„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“</p> - -<p>„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht -fangen.“</p> - -<p>Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der -Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht -verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.</p> - -<p>Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte -des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von -dem Holzkorbe der Alten — eilte damit davon.</p> - -<p>An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im -Geäste der Antlistanne leblos.</p> - -<p>Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute -nicht verwaschen sind:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Hier auf dieser Straßen</div> - <div class="verse">Hat mich Gott verlassen.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_21" name="kap_ende_21"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span></p> - -<h3 id="Es_reigt_in_Lust_ein_Liebespaar">Es reigt in Lust ein -Liebespaar.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_h2" name="initial_h2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>ier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans, -der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im -Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt -vorbeischleicht.</p> - -<p>Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine -Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art -Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche -dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener -Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch -Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.</p> - -<p>Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. -Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die -zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen -herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. -Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer -Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, -desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer -und summender das Tönen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span></p> - -<p>Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, -und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und -unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott -zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, -der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich -der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen -zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr -geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und -durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht -vollkommen genug.</p> - -<p>Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke -auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, -daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich -allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im -Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!</p> - -<p>Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so -ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei -Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere -der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. -Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik -gemacht wird — so war es denn Musik.</p> - -<p>Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine -solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit -erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten -sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon -gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern -allerlei<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, -die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war -gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis -zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit -einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was -sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder -und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was -eben die Leute verlangten und — bezahlten.</p> - -<p>Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem -Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen -über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter -auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine -heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, -sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück -probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.</p> - -<p>Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.</p> - -<p>Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der -Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, -keine gute Zeit. — „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich -nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder -zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo -er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. -Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch -braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen -und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span> -seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er -alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes -lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was -vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm -gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel -getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, -dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze -Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die -ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ -verspotteten — aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu -Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges -Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein -Pfeiflein Tabak — und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes -mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, -welches wir Heimweh nennen.</p> - -<p>Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und -sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.</p> - -<p>Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die -Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen -zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau -zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“</p> - -<p>Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd -davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar -keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden, -entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die -Erde nieder. Und da dachte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> der alte Hans: Freilich, freilich, der -Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der -Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. —</p> - -<p>Auch dem Hans — dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten — wird -das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die -Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur -Frucht gediehen ist — ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es -vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute -verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu -hören.</p> - -<p>Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken -nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant -einmal um den Namen gefragt. — Umsonst wollt’ sie den Namen nicht -sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste -Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. — Von dieser Zeit her -ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der -Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und -gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl -recht froh, daß ich wieder daheim.“</p> - -<p>Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange -noch nicht tausend Wochen alt, und er — schon gebeugt und mit weißem -Haar.</p> - -<p>Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand -auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam -sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als -sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p> - -<p>Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge -Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu -ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“</p> - -<p>„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.</p> - -<p>„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden, -und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“</p> - -<p>Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte, -mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren -Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war; -sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit -einander gesprochen.</p> - -<p>— Ist’s ein Scherz — so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken -— so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst — — -Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl -lang sein..</p> - -<p>„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“</p> - -<p>Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf -Groschen.“</p> - -<p>„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten -die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der -Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf -Güterhalbscheid.“</p> - -<p>Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt -an seine Brust. Doch, als er wieder davon war — ich meine, er ist -schnurgerade zum Pfarrer gerannt — da hat sie den Ziegen zugeschrien: -„Ja bin ich denn gestorben — denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span></p> - -<p>Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht -lang’ — in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.</p> - -<p>Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus -geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die -vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben -gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der -Burschen hat’s büßen müssen.</p> - -<p>— Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen! -seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster -beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah -Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er -dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes -Glück er ihr wünsche.</p> - -<p>Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es -der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem -Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür -heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu, -Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und -rastet ab!“</p> - -<p>Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der -lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“</p> - -<p>Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein -Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich -selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles -so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte: -Bei<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span> der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den -Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner -schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.</p> - -<p>Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe -und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern -her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige -Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem -Kissen, mit einer Decke durch die Stube.</p> - -<p>Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei -sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen — und that einen gedehnten -Zug aus dem Kruge.</p> - -<p>Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans, -kriegen wir gar nichts zu hören?“ — Er hätte das Wort wieder einfangen -mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß -zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade -heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten -vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit -freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na, -Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein -andermal.“</p> - -<p>„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund -rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl -vormachen — das wohl, ei, das wohl!“</p> - -<p>Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument -und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug -er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen — auch <em class="gesperrt">sein</em> -Spielwerk muß gestimmt werden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span></p> - -<p>Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem -eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar -nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen, -daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die -anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt -nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen -ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des -Tonbrettes sein — jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder -beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell -hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist -es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen -anderen Tonspielen.</p> - -<p>Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine -liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie -schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und -horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die -Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein -zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.</p> - -<p>Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu -mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer -Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser -sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s, -hopsen wir Eins mit!“</p> - -<p>Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen -Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten -Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p> - -<p>Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier -auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust -gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick -kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll -haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.</p> - -<p>Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute -schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der -Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank. -— Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn -bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten -Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern -reigen.</p> - -<p>Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann -eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck -faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch -ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die -Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten -rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher -und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien -es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war -niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme -hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich -weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten -sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren -hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem -Krampfe um<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span>klammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren -Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen, -halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.</p> - -<p>So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks -— da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei -gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden -hingekollert. — Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die -Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes, -langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt -sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.</p> - -<p>„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig -frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“</p> - -<p>Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich -und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug -die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“</p> - -<p>„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“</p> - -<p>So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten -sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und -sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu, -an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu -dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich -zum Abzuge.</p> - -<p>„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der -Sandhauser plötzlich.</p> - -<p>„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein -paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon -wieder gut.“</p> - -<p>„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span></p> - -<p>Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.</p> - -<p>Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“ -So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf -den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein -Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das -letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses, -hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über -Dich!“</p> - -<p>Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen -anzuzünden, das er im Munde trug.</p> - -<p>Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen -stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.</p> - -<p>Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist -ganz gut?“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete er.</p> - -<p>Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“</p> - -<p>„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.</p> - -<p>Da wurde sie blaß.</p> - -<p>Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer -über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen -schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur -Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren -hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei -große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war -der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> den drei -Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in -Gottes Namen!“</p> - -<p>In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der -Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug; -schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann -mit Hüllen zu versehen — so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald -war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.</p> - -<p>Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah -den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte -an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda -wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt -legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und -sagte nichts.</p> - -<p>Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu -holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.</p> - -<p>Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte -bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht, -reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der -Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er -lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie -schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s -schon besser.“</p> - -<p>Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und -wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses -Tuch um die Stirn.</p> - -<p>Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin -in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem -Bette kauern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span></p> - -<p>Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu -fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn -sie sich nicht schlafen legt.“</p> - -<p>„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts — gar nichts -—“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu -unterdrücken.</p> - -<p>„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar -keine Sorgen machen. — Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die -Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber — muß -sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“</p> - -<p>„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg — mit ihm?“</p> - -<p>„Na, nu — vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu -Bette!“</p> - -<p>Das war befehlend gesprochen.</p> - -<p>Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie, -„wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“</p> - -<p>Er nickte ihr beistimmend zu.</p> - -<p>„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“</p> - -<p>Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.</p> - -<p>„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda, -wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder -auf.“</p> - -<p>Dann gingen sie auseinander.</p> - -<p>Der Arzt kam auch zu <em class="gesperrt">ihrem</em> Bette, das unten in der großen Stube -stand. Und er schickte durch den Boten auch für <em class="gesperrt">sie</em> Medicin — -ganz die gleiche, wie für den Mann.</p> - -<p>Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm -der Arzt: „Dieweilen nur Mandel<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span>milch trinken, ich komme bald nach. Und -— was ich sagen wollte — wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“</p> - -<p>Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die -Koberburger, wen es anginge.</p> - -<p>Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen -Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich -gehört, die jungen Sandhauserleut’!“</p> - -<p>„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als -der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus, -wenn nicht allzwei.“</p> - -<p>Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte -hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. — Dem ginge es schon -besser. — Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? — Das hätte ihm der -Arzt bislang noch verboten.</p> - -<p>Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“</p> - -<p>— Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges -Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. —</p> - -<p>„Ich meine allerweg — die hat sie schon eingeathmet.“</p> - -<p>Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch -bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine — gar keine.</p> - -<p>Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist -dem — Hans sein Spielwerk — immer so bekannt vorgekommen. Und -hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine -Charfreitagsklapper.“</p> - -<p>Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu -sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes -durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum -Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span></p> - -<p>„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.</p> - -<p>„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete -die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze, -welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt. -„Was brauchst denn — jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem -sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s — mein -Mann stirbt!“</p> - -<p>Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s -Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“</p> - -<p>Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. —</p> - -<p>Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die -Hand, der bewegungslos dalag.</p> - -<p>Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser, -kennst mich noch?“</p> - -<p>Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.</p> - -<p>„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten -Wunsch gern vollführen.“</p> - -<p>Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er -die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.</p> - -<p>„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.</p> - -<p>Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und -beteten: „Vater unser!“</p> - -<p>Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf -die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen -standen.</p> - -<p>So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich: -„Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ, -verlaß ihn nicht! O heilige<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef, -steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut -sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht! -Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o —“</p> - -<p>Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen -von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche -trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.</p> - -<p>Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da -löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden -zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.</p> - -<p>Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute, -schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte: -„Die Frieda! — warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“</p> - -<p>Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile; -endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte -Nacht gewesen, Sandhauser.“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete der Kranke.</p> - -<p>Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine -Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er -etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“</p> - -<p>Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um -— unten in der Stube!“</p> - -<p>Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.</p> - -<p>„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.</p> - -<p>„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.</p> - -<p>Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span></p> - -<p>„Es kommt mir heut — nicht recht vor!“ rief er fast laut.</p> - -<p>„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt -sein.“</p> - -<p>Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal -wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler -Menschen.</p> - -<p>Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte -Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im -Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.</p> - -<p>„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird -denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“</p> - -<p>Man hatte keine Entgegnung.</p> - -<p>„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still -und starrte wie sinnend drein.</p> - -<p>Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den -Kranken auf.</p> - -<p>„Jesus! — Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“</p> - -<p>Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die -Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an, -herzerschütternd zu weinen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen. -Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.</p> - -<p>Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.</p> - -<p>Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s -Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet. -Und die Schwalben waren längst davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span></p> - -<p>Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben -sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt: -In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden, -versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.</p> - -<p>„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen -entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn -sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die -Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu -hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s -ist grausig!“</p> - -<p>Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten -Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben -meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten -wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.</p> - -<p>Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen -Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck -drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an -seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.</p> - -<p>Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und -vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so -oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt -sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_22" name="kap_ende_22"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span></p> - -<h3 id="Trotzkoepfe">Trotzköpfe.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i5" name="initial_i5"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="J" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">„J</span>a!“ sagte der Flori.</p> - -<p>„Nein!“ sagte die Vrona.</p> - -<p>„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche — sein dunkles Auge -leuchtete.</p> - -<p>„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen — ihr blaues Auge -zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm.</p> - -<p>„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein -heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben? -Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer -sagt?“</p> - -<p>„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“</p> - -<p>„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches -Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in -Ewigkeit Adieu!“</p> - -<p>Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie -hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und -schau’ in mein Herz! — Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“</p> - -<p>„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s -<em class="gesperrt">einmal</em>, was Du mir tausendmal hast gesagt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span></p> - -<p>„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter -Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’ -ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner -Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn -Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört -morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Dir</em> gehört’s und ich werde Dich nehmen.“</p> - -<p>„Du <em class="gesperrt">wirst</em> mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber -ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. <em class="gesperrt">Ganz</em> frei -sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“</p> - -<p>„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der -Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte -Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’, -Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“</p> - -<p>„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben -kannst?“</p> - -<p>„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.</p> - -<p>Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der -Kaiser.“</p> - -<p>„Wieso der Kaiser?“</p> - -<p>„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei -Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“</p> - -<p>„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der -einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich, -die Wirthschaft ist groß — so bin ich frei vom Soldatendienst.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span></p> - -<p>„Frei bist?“ rief das Mädchen aus — es war ein Jubelruf.</p> - -<p>„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn -wir Hochzeit halten?!“</p> - -<p>Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.</p> - -<p>Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der -blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der -Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.</p> - -<p class="center mtop1 mbot1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und -verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.</p> - -<p>Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.</p> - -<p>Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm -dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte -er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er -gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille -stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine -Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit -vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen -und erzogen und geliebt wie ein Kind.</p> - -<p>Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind -geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn, -und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen -hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt -war — und so<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da. -Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld; -Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!</p> - -<p>Sie thaten nichts Schlechtes.</p> - -<p>Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so -viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa -im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich -gefestigt und verknorrt, bis — in seinem fünfzigsten, in ihrem -dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten -Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht -viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig -im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig -wie sie.</p> - -<p>Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das -Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur -allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht — der Knecht seines -Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß -von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori -ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft -gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als -daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so -gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.</p> - -<p>Das bedenkt der Schwandhofer.</p> - -<p>Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori -ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl -dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will -der Schwandhofer den Bur<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span>schen losbringen, so muß er ihm Haus und -Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie -nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien -schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er -will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu -verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!</p> - -<p>So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem -Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die -Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele — seit -kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen -Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er -nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben -einen empfangen.</p> - -<p>Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in -welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im -massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der -Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht, -und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es -ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit -auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie -ein Weniges, dann rückt er ein Weniges — sind noch nicht beisammen; -sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie -richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit. -Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage -geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und -bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span></p> - -<p>Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl -seinen Sitz im hohen Rath — auf dem Schemel neben dem Wandschrank, -auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht — aber er hatte keine -Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich -mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und -schickt sich an, als wollte er reden.</p> - -<p>Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an -und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.</p> - -<p>Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt -angehen!“</p> - -<p>Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider -zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“</p> - -<p>„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann -ich nicht allein stehen.“</p> - -<p>„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.</p> - -<p>„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.</p> - -<p>„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.</p> - -<p>„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange -umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“</p> - -<p>Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des -Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf -man fragen, wer es ist?“</p> - -<p>„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“</p> - -<p>„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann -nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit -derselben klarzustellen, und der<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> Gründe waren so triftige, daß er den -eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.</p> - -<p>Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand -gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus -Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet -hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte: -„Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht -ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich -vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun -Folgendes zu sagen:</p> - -<p>„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der -Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts -mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und -hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen -Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben, -weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden -Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist -gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern -am wenigsten ansteht. — Jetzt kannst schon gehen, Flori.“</p> - -<p>Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund -murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“</p> - -<p>„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.</p> - -<p>Nun hub auch die Mutter an.</p> - -<p>„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau -und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat -Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht, -Lecker! Sie hat die Steg<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span>brunnerische Hoffart an sich. Hättest um -etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch -Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft -dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater -angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen -Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie -ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel -als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der -reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon -wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’ -sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen -Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du -heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat -sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als -meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie -arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden -ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater -da!“</p> - -<p>Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte -beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug -Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun -auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge -gestiegen, aber — wie die Weiber schon sind — seine Mutter hub noch -einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was -das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte, -wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der -Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span></p> - -<p>Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht! -Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“</p> - -<p>Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.</p> - -<p>„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das -freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der -Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’ -ich, daß wir Regenwetter kriegen.“</p> - -<p>„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung -niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr -mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich, -der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich -hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein. -Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen — -wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen -haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem -red’ ich aus einem andern Ton.“</p> - -<p>„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.</p> - -<p>„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’ -abbringt!“</p> - -<p>„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.</p> - -<p>Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift -hatte er zu bitten.</p> - -<p>„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.</p> - -<p>„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span></p> - -<div class="brief"> - -<p>„Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben) -kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des -<span class="antiqua">vulgo</span> Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina -Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig -zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr -befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian -Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und -hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die -oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig -zu bescheinigen.</p> - -<p class="right mright2">Das k. k. Kreisgericht.<br /> -<span class="mright3">N.“</span></p> - -</div> - -<p>„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit, -die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark -genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, <em class="gesperrt">das</em> -will ich aufschreiben...“</p> - -<p>Der Flori fiel dem Alten in die Hand.</p> - -<p>„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme -mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die -Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’, -schreib’!“</p> - -<p>„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die -Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“</p> - -<p>„Dann sind wir fertig!“</p> - -<p>„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig -sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.</p> - -<p>Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die -Adern seiner Stirne schwollen an, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> Hände ballten sich zur Faust. -Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich -brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“</p> - -<p>Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines -Vaterhauses.</p> - -<p>In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf -der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.</p> - -<p>Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig. -Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein -schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind — ersterer kam aus -Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der -Stegbrunnerischen Vrona.</p> - -<p>Beides blieb im Schwandhofe — es war ein Ende und ein Anfang.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_23" name="kap_ende_23"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span></p> - -<h3 id="Am_Fenster_der_Liebsten">Am Fenster der Liebsten.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d6" name="initial_d6"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber -die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind, -sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war -Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen, -was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.</p> - -<p>Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den -bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt -bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“</p> - -<p>Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen -sein Weib — da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer -heranwachsenden Tochter, allein. —</p> - -<p>In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein -großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet, -von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als -Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres -stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem -Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam -der andere dran — der Thoma<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> mit der durchschossenen Hand. Der bekam -im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte -er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart. -Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen, -das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein -Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren -ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte. -Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel -und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß -ihm ein anderes Leben kommen müsse — es fiebert leise zwischen Frost -und Sonnengluth...</p> - -<p>Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. — Ich wollte, -ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen -schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines -Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene -Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft -leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die -Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen -und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten -am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen -goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein -Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines -Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so -frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein -d’rin sehen — es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die -heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm -des Schlosses kreist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span></p> - -<p>Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe -um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! — -Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! — -Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den -stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den -steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes -zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren -Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen -scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die -wiederum am Fester steht — zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen -Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche. -Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Meine Schuh, die ih trag,</div> - <div class="verse">Sein vom Fuchsleder g’macht,</div> - <div class="verse">Sie schlafen beim Tag</div> - <div class="verse">Und geh’n aus bei der Nacht.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von -warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend -Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte -Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden -gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.</p> - -<p>Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina -sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch -hinab — bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott -verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte -wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem -Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe -hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein -vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s -Fenstergesimse zu heben.</p> - -<p>Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters, -vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste -leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim -mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus -stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und -glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter — der -Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen — dem stand es nicht an, -anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel -dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im -Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte -ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter — meinte er -— sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe -Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige -Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet, -als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu -Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz -schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der -Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind -fertig.“</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser -Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend -noch heute als ein<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span> Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie -rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein -finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl, -aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so -gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld, -wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein -kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der -arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in -Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über -die Wilderei hatte er das Weib vergessen.</p> - -<p>Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein -erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht -weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte -schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im -Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr -seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie -lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft, -wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem -niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der -Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.</p> - -<p>Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er -nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine -Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu -nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines -Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße -Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> Wend; -sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen -ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe. -Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte: -„Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon. -Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder -auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und -Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der -Försterssohn vorübergehen mußte.</p> - -<p>Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich -schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer -Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser -als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das -Beten, wohl aber das Singen gelehrt. — Ein Blitzmädchen war’s!</p> - -<p>Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in -der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten -Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß -sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen, -um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb -allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.</p> - -<p>„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und -des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er -dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da -fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem -sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus -Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und -kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte,<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> das Fenster war geschlossen; -er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war -vergebens.</p> - -<p>Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube -schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn -sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. — Schon wollte -der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln. -Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der -Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine -mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und -lauerte.</p> - -<p>Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„’s Vögerl am See</div> - <div class="verse">Schwingt hin und schwingt he</div> - <div class="verse">Schwingt auf und schwingt nieder</div> - <div class="verse">Und mein blauäugigs Dirndl,</div> - <div class="verse">Heut komm’ ich Dir wieder.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Oswald’s Stimme.</p> - -<p>Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der -Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir -heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir, -Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir -das Messer ein!“</p> - -<p>Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen -im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso -die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen -des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein -Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> als -sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt, -vergeht das Singen. — Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan. -Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern, -bis der Fensterflügel sich aufthat.</p> - -<p>„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“</p> - -<p>„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf -bis zum Kinn.</p> - -<p>„Ja,“ sagte er.</p> - -<p>„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“</p> - -<p>Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine -Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die -Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand, -sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen -Fingerchen.</p> - -<p>„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem -Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich -unten.“</p> - -<p>„Warum soll die Ranke denn brechen?“</p> - -<p>„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten -hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“</p> - -<p>„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.</p> - -<p>„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre -schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“</p> - -<p>„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine -Hand ein wenig näher an ihre Brust.</p> - -<p>„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du -mich aus der Gefahr wolltest befreien.“</p> - -<p>„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span></p> - -<p>„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom -Fenster sollst mich heißen — zu Dir in’s Stübel hinein.“</p> - -<p>„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.</p> - -<p>„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben -Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit -einander die Zeit vertrieben?“</p> - -<p>Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.</p> - -<p>„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt. -Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in -diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf -mich nehmen.“</p> - -<p>„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.</p> - -<p>„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon -munter.“</p> - -<p>„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese -Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“</p> - -<p>„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu -Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“</p> - -<p>„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen -zurück.</p> - -<p>„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von -mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“</p> - -<p>„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst. -„Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da -hängt allerhand dran und da<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> verzappelt man sich hinein, wie die Mucken -in das Spinnenweb. — Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’ -Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank -sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’ -Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen -thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“</p> - -<p>Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens -innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht -nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon -schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau -rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück: -„Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater -versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch -bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem -Tage Deine Mutter ist gestorben —“</p> - -<p>Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen, -den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit -einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf -dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg -rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.</p> - -<p>Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in -die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem -Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das -Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um -so besser....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span></p> - -<p>Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein -Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder -auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner -Brust — er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte -Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und -hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit -den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn -Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt -fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend, -geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_24" name="kap_ende_24"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span></p> - -<h3 id="Was_der_Franz_Schlager_fuer_ein_Wildpret_schoss">Was der Franz -Schlager für ein Wildpret schoß.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_a2" name="initial_a2"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>nfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing -er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse -mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft. -Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann -schoß er —</p> - -<p>Die Geschichte ist schwer wie Blei.</p> - -<p>In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein -Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges, -herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels -der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten -sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein -glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten -Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. — Für schlechte -Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man -wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen -könne. — Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager, -sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span></p> - -<p>Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart -den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl -leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager -sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock -nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus -und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“</p> - -<p>Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete -freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt -mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit -einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu -Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so -viel bin ich Dir werth....“</p> - -<p>Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen -gesehen. Er schwieg eine Weile.</p> - -<p>„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit -Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’ -gemeint.“</p> - -<p>„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich -<em class="gesperrt">lach’</em> schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches -Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst -nimmer!“</p> - -<p>Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte -mit feuchtem Auge.</p> - -<p>Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.</p> - -<p>Ein Kindlein! — Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses -Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke -an die Vaterfreuden, an<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde -wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen -spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz -mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.</p> - -<p>Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in -die Welt hinaus. — Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein -Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende -Bleikugeln heiß. — Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer -Braten gar sonderlich wohl bekommen.</p> - -<p>Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten -von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen -Winkel des Vorgemachs und sagte:</p> - -<p>„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’ -— ein Dieb!“</p> - -<p>Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des -Kindes zusammen.</p> - -<p>„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding. -Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der -Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“</p> - -<p>„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort -haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie -sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in -einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das -<em class="gesperrt">Unrecht</em> nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem -Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern -bleiben!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span></p> - -<p>„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und -ging davon.</p> - -<p>Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das -Bettlein des Kindes niederrann. — „Er hat keine Freude. Da ist sein -Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht -sich eine Freude....“</p> - -<p>Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine -Gefahr — ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht -angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.</p> - -<p>Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.</p> - -<p>Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele, -bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm -die Wange; — ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß -daheim, bei seinem kleinen Bübel.“</p> - -<p>Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht -auslassen.</p> - -<p>„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen -Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die -Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“</p> - -<p>Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht -mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem -Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.</p> - -<p>Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die -kriechenden, die fliegenden, die springenden — so hub seine Begier -gewaltig an zu glühen...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span></p> - -<p>Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der -Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß -man brav arbeiten, dann wird’s gut.</p> - -<p>Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere -Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete -in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie -kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! — Aber sie -betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme -es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut -Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber -Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ — Sie schluchzte dabei -und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als -die Früchte lagen. Das Knäblein — es war ein halbes Jahr kaum alt — -jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute -kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses -eingeschlummert.</p> - -<p>Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren -Stangen. — Franz war noch nicht zurück.</p> - -<p>Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder -Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. -Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des -Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.</p> - -<p>Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der -Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an -einer Schlucht hin. Das rauschende<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> Wasser that ihr weh, denn ihr war, -als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie -verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, -daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie -sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. -— Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte -es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. — Die blauen Glocken -der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie -läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.</p> - -<p>Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank -mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, -einen Schritt ihres Mannes zu hören — und sie hörte doch nichts.</p> - -<p>Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch -leuchteten, da es schon dunkel war. — Irrlichter sollen auch zuweilen -in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen -sind Augen Gottes — so hat’s oftmals die Ahne gesagt. — Und jetzt, -Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er -hat uns lieb; — Gottes Auge wacht auch über dem Vater...</p> - -<p>Ein Knall — — da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes -gegangen.</p> - -<p>Sie stieß einen lauten Schrei aus — sie preßte das Kind an sich.</p> - -<p>Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt -nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der -Schlucht — vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. -Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> -Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan — und fand sein sterbendes -Weib.</p> - -<p>Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die -Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch -bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische -mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das -letztemal erfreute.</p> - -<p>Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr -sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein -Franz — gelt — das Wildern — laßt sein?“</p> - -<p>Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.</p> - -<p>Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind — ein zitterndes -Tröpflein in ihrem Auge — — dann war es starr und öde auf dem lieben, -trautsamen Antlitz.</p> - -<p>Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie -nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_25" name="kap_ende_25"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Gang_zur_Mutter">Der Gang zur Mutter.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d7" name="initial_d7"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken -nieder. Es war Feierabend — Feierabend des Tages und Jahres — -Sylvesterabend.</p> - -<p>Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt -nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub -der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne: -Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. — Wiege -und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders, -wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges -Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen, -das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste -Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der -Amster.</p> - -<p>Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein -glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha -saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in -den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das -Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern — — o, lieber Leser, wie -könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin -geworden, in solcher Stunde schaut!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span></p> - -<p>Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel -legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht -gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein -Hase — mit offenen Augen!“</p> - -<p>Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne -auf und lächelte.</p> - -<p>„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und -ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.</p> - -<p>Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen -seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre -vermeint, der Zukunft — dem Kinde.</p> - -<p>Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das -hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten -über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener -Größe und Form — in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von -Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und -leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen -lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es -alle Stiefel nach <em class="gesperrt">einem</em> Leisten schlage. Aber das harte Tragen! -Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf -dem Höcker.</p> - -<p>Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein, -und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von -der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich -wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht -gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr -hinübergehen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span></p> - -<p>Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen -wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!</p> - -<p>„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben -bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht -schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum. -Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges -Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“</p> - -<p>Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert -waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was -Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in -der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen -ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht -auslegen. Daß es nur <em class="gesperrt">heut’</em> nicht wär’!“</p> - -<p>„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der -Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.</p> - -<p>„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In -der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster -wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! — Aber -<em class="gesperrt">Dich</em> mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht — von wegen -dem, was Du vorhin hast gesagt.“</p> - -<p>Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es -nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht -wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam -ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach -Hause gehen.</p> - -<p>So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel -anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span></p> - -<p>Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher -das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des -Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das -Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.</p> - -<p>— Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre -alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins -um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß -dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti -so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu -viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.</p> - -<p>Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab, -dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach -und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden -dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann -dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während -Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und -hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als -Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein -Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so -wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust -drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne -schon sein — hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu -sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles -sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. — So -eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span></p> - -<p>Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über -kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und -wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete, -daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er -vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus -seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken -im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht -wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das -Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine -Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte -von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher -Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten — ob eine Zeit -kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung, -nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein -wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so -hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? — Wolfgang, der -über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist -horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er -nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten -Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem -Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher -hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste -von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den -Seegruber-See ergoß.</p> - -<p>Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den -Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu -sehen. Er rüstete sich in Gedanken<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span> für alle Fälle, so wie es ja seine -Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu -sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die -Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.</p> - -<p>Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in -denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand -an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen -und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht -ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse -hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche -Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren, -wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines -Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann -stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein -dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien, -das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine -los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das -Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es -bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so -hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues -Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern -mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um -mehrere Stunden verlängern? — Er stemmte sich auf den Stock und -fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur -Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor -sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so -fröhlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span> ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ -sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers -hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer -kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in -den Boden hinein — und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche -verschwunden.</p> - -<p>Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch -eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück -aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken: -Jetzt hat mich die Erde verschlungen! — Dann war er betäubt.</p> - -<p>Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub, -welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der -Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu -dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender -Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer -der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden, -gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.</p> - -<p>„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte -er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig -zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle -nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er, -wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen -könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile -finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen -tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an -die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht, -daß ich die heutige Syl<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span>vesternacht beim Wasser zubringen sollte; -Andere sitzen beim Wein.</p> - -<p>Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß -er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee -und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen -Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s -ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen -bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts -(Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon -hinauskommen. — Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in -Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. — O ’s ist hell -zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein -Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so -schreckbare Art zugrunde gehen kann!</p> - -<p>Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’. -Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich. -In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den -Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein -bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter, -hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht -und laßt sich’s gut gehen. — Herrgott, rette mich!“</p> - -<p>Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des -Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte -einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder. -Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse -erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte -brach<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span> die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte -sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden -Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen -in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in -Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten -wunderbar zarte Regenbogenfarben.</p> - -<p>„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch -hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir -nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der -Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört -vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen, -und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit -hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät -wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben -für die morgige Predigt. — Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht -auf mich thäten warten.“</p> - -<p>Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern — ohne Erfolg; -ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund -geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich -fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste -Zeit zum Verzweifeln — es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich -stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus -zum Seegrub-See. — O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute -deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer -wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin -bald vorbei ist! — O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> auf -Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem -Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur -willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“</p> - -<p>Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so -jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.</p> - -<p>Da erbarmte sich Gott — jener Gott, den heute die Welt nicht mehr -nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“ -besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch -göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen -menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht -von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten -Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in -der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer -Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.</p> - -<p>Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht -mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen -Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.</p> - -<p>Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee -verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich -behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang -hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche -Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster -sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der -Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder. -Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> Stimme, die um Hilfe -ruft, oder dergleichen — das ist selbstverständlich. Die Hauptsache -ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.</p> - -<p>Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen -Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der -uns zuvor ist kommen.“</p> - -<p>„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte -sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’ -den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“</p> - -<p>Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten -Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“</p> - -<p>Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen -Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die -Worte nicht.</p> - -<p>„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von -den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“</p> - -<p>„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu -bedenken.</p> - -<p>„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.</p> - -<p>„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“</p> - -<p>Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich -mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid -genäht.“</p> - -<p>So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas -angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch -den Schnee brächen — und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf -aus der schreckbaren Schlucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span></p> - -<p>Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit -vom Loch hintan und lachte.</p> - -<p>Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er -in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.</p> - -<p>Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang -war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann -bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen -sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern -wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und -hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche -Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und -jetzt gehen wir heim.“</p> - -<p>Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf -mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder -ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab -und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit -seiner Mutter stände. — Das Weiblein sei im Bett — sonst wüßten sie -nichts.</p> - -<p>Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte, -rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’ -beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s -nachher schon sagen, warum.“</p> - -<p>Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande -fand — zwar mühselig, aber stets heiter.</p> - -<p>„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und -beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’ -ich Dich in der heutigen<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> Nacht herübergeplagt hab’. — Ja, ich muß Dir -was sagen, Wolfl — aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“</p> - -<p>„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut -geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’ -wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“</p> - -<p>„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl -länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein -Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß -Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich -gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s -wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“</p> - -<p>Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl -gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen, -anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.</p> - -<p>„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’ -einen Terno gemacht.“</p> - -<p>Da horchte der Wolfgang auf.</p> - -<p>„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt — -und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im -Bettstroh ist das Geld. — Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so -geschreckt?“</p> - -<p>Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße -Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon -der Frost herrühre.</p> - -<p>„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer -ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so -habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das -nimmst mit! Was<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! — Es ist das -Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein. -Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. — Und jetzt, wenn Du meinst, -daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf -und thu mir sie grüßen!“</p> - -<p>O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der -Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse -Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem -jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre — da drückte der Vater -seinen ersten Knaben an’s Herz.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_26" name="kap_ende_26"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span></p> - -<h3 id="Mein_einziger_Sohn">Mein einziger Sohn.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d8" name="initial_d8"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>iese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften -Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen -Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und -weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That -der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. — In den Papieren eines -Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:</p> - -<p>Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich -habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles, -arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen -richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und -wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand -empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.</p> - -<p>Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang -ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind — einen Sohn, und -ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu -fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht -zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die -Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter -dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> Kind sieht nicht die -dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.</p> - -<p>Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will -nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube — -aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn -lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.</p> - -<p>Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt -beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener -ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei -besaß er großen Ehrgeiz, der — wie wohlthätig dieser Charakterzug -auch bei jungen Leuten wirken mag — mir doch bei meinem Sohne fast zu -überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den -glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in -seinen Augen.</p> - -<p>Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging -eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber — Alfred kam -nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief, -der folgendermaßen beginnt:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft3">„Liebe Eltern!</p> - -<p>Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit, -daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei -Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse -entgangen sind u. s. w.“</p> - -</div> - -<p>Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine -Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger — dünkt mich — in seinem -Kopf, und er war doch heimge<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span>kommen zu Muttern und genoß durchaus -vergnügliche Vacanzen. — Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den -Nachbar sagen.</p> - -<p>Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung -seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.</p> - -<p>Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein -hübsches — ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein -Alfred — aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein -noch größerer Fehler als bei Männern.</p> - -<p>Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den -kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung -genossen, keine Arbeit gelernt — war keine Häuslichkeit inne geworden. -Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der <span class="antiqua">haute -volée</span> des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und -fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen. -Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber -redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.</p> - -<p>Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn. -Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines -Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der -Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte. -Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich -zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und -wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth -wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe -sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span></p> - -<p>Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da -aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.</p> - -<p>„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen -Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil -ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine -Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge -besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig -erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine -Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“</p> - -<p>Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.</p> - -<p>Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.</p> - -<p>Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken, -wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge -Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen, -und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in -seinem eigenen Haupte — am Steuerrade der Vernunft.</p> - -<p>Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.</p> - -<p>Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden -war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des -Gerichtsschreibers.</p> - -<p>Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft3">„Mein lieber, guter Vater!</p> - -<p>Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu -machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber -ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens -Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß -dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher -Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn</p> - -<p class="right mright2">Alfred.“</p> - -</div> - -<p>Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief -mitten auseinander. — Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du -gutes Kind? — Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der -Mensch ist seines Schicksals Schmied? — Und mich, den Vater, willst -Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! — Es kann hier -nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei -versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren, -so lange es möglich!</p> - -<p>Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den -Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren -verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath, -als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht, -aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf -solche Art verlieren, das ist ein Schlag!</p> - -<p>Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er -sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen -lassen — nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut — so müßten sein -gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand -gewonnen haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst -voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns -fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter -Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein -Kind zu retten.</p> - -<p>Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst -von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch -abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. — Es -vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.</p> - -<p>Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich -bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich -wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem -Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht -geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das -mich rief, war einmal da.</p> - -<p>Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des -Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! — Nach diesem Grundsatze hat der -Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die -Schultern des Volkes gewälzt.</p> - -<p>Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf -mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine -Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer -ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des -Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir -endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer, -daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen -Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p> - -<p>Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen -hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem -vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße, -hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände -vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der -Selbstmorde.</p> - -<p>Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft -erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu -fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege -nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: — das war nicht Gottes Stimme, -denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit -seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht -das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet -hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall -des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.</p> - -<p>So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden -Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So -war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich -nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen -That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an. -Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!</p> - -<p>Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.</p> - -<p>Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung -die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt -— abgelehnt von dem Angeklagten selbst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span></p> - -<p>Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen -sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu -verzichten. Wie ich harmlos war!</p> - -<p>Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging -ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche -Publicum.</p> - -<p>Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und -Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah. -Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. — „Die Geliebte zu -ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte! -Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe -Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und -Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.</p> - -<p>Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen -Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe -fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben -vergeblich gesucht werde.</p> - -<p>„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche -Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die -Leut’ solche Ansichten hätten!“</p> - -<p>Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.</p> - -<p>Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei -bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.</p> - -<p>Der Angeklagte war mein Sohn. — — —</p> - -<p>Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung -sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines -mattleuchtenden Auges war auf<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> mich gefallen. Ein leises Zucken — ich -merkte es wohl — ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder -gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen -mich. — Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu -sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der -des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder -hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte -das nützen! In der Stadt — gleichwohl diese ziemlich weit von meinem -Gute entfernt lag — war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen -Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte -laut — daß mir der Grund des Herzens erbebte — den Namen Alfred -Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen -des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching, -durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus -ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.</p> - -<p>Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da -mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem -kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das -Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt -gesühnt — an ihm, an mir.</p> - -<p>Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der -Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen -sah ich mit dem Kopfe nicken.</p> - -<p>Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der -Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche -Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span></p> - -<p>Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.</p> - -<p>Ich kann kein Wort davon vergessen.</p> - -<p>„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben; -das — ich wußte es — war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt -wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu -meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch, -verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes -und ich bin schuldig geworden; — so endet meine Qual! — Aber auf -meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint — -ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu -entgehen?“</p> - -<p>„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube -an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und — eine leichtfertige -Ausrede.“</p> - -<p>„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten -Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir. -— Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses -zerstören; <em class="gesperrt">sie</em> wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse -keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns -ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir -selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen -Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß -gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht -am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen -andern Ausweg, als den Tod? — Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie, -beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen -gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> geschrieben. Wir -haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung -und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter -höchstes nicht!“</p> - -<p>„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der -Tribüne.</p> - -<p>„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen. -Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. — O, hätte ich -doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich -in den Jammer gestoßen. — Wißt es noch, wie es war. — An meiner -Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht -mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute <em class="gesperrt">vor</em> ihr wäre -ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos -für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch -gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke — die -mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der -Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe -gegen <em class="gesperrt">meinen</em> Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile -eilen die Leute herbei und führen mich davon. — Und jetzt nannten es -die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode -mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die -durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten -Richter, thut an mir desgleichen.“</p> - -<p>Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf -die Bank.</p> - -<p>Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn -war der:</p> - -<p>Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in -das Irrenhaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span></p> - -<p>Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und -gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging -hinaus.</p> - -<p>Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf -den fällt das Blut!“</p> - -<p>Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.</p> - -<p>Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich, -und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei -freigesprochen worden.</p> - -<p>Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.</p> - -<p>Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich -auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches -gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner -Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß -kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr -das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem -trauten Herzen ausgeweint — aber ich wagte es nicht, in ihr zartes, -reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich -blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes -zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; — -aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und -ihre Haare begannen rasch zu bleichen.</p> - -<p>Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres -Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene -Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem -Elternherzen bereiten mag....</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span></p> - -<p>Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der -Hauptstadt:</p> - -<div class="brief"> - -<p class="mleft2">„Liebste, allerliebste Eltern!</p> - -<p>Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre -geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu -leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann -ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet -auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es -sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn</p> - -<p class="right mright2">Alfred.“</p> - -</div> - -<p>Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise, -sie habe ja längst Alles gewußt.</p> - -<p>Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem -heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die -er uns angethan.</p> - -<p>Gott weiß es — wir haben ihm verziehen.</p> - -<p>Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben -könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes -Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu -erziehen. — Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein -Gewissen dadurch erleichtert worden.</p> - -<p>Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind -allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.</p> - -<p>Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind -angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten -Streben, es vor Leichtsinn zu wahren,<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span> es vor allen Leidenschaften -des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm -heranzubilden.</p> - -<p>Es ist unser einziges Kind.</p> - -<p>Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er -Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück, -wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_27" name="kap_ende_27"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Suendensteg">Der Sündensteg.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d9" name="initial_d9"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">„D</span>u Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“</p> - -<p>Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.</p> - -<p>„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“</p> - -<p>„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“</p> - -<p>„Und was bewirkt sie?“</p> - -<p>„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der -heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen -Todes schuldig.“</p> - -<p>„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’, -Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch -die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun -fremden —“</p> - -<p>„Alle kann ich, Herr Katechet.“</p> - -<p>„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade -Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt, -der fährt in die —“</p> - -<p>„Hölle!“ ergänzen die Kinder.</p> - -<p>Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn -in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> der Crispin schon gar nicht, -der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom -Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.</p> - -<p>Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger -empor.</p> - -<p>„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“</p> - -<p>Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer -mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem — vor dem —“</p> - -<p>„Teufel —“</p> - -<p>„Nicht zu fürchten.“</p> - -<p>Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom — Andern. —</p> - -<p>So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte -Geschichte.</p> - -<p>Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er -hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er -kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig. -— Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und -das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch -ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im -Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie — -kurz, er hat was gelernt.</p> - -<p>Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war, -erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von -der Magdalena.</p> - -<p>„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann -wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“ -Und lief davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span></p> - -<p>Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte -sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab, -steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“</p> - -<p>„Wesweg’?“</p> - -<p>„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum -Fressen gern.“</p> - -<p>„Das kunnt Jeder sagen.“</p> - -<p>„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so -kommt’s nur auf’s Probiren an.“</p> - -<p>„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“</p> - -<p>„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden, -Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger -gegen Himmel.“</p> - -<p>„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und -drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen -zu einer Sünd’!“</p> - -<p>„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“</p> - -<p>„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“</p> - -<p>„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“</p> - -<p>„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich -denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“</p> - -<p>„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“</p> - -<p>„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht -weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den -Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span></p> - -<p>„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu -gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“</p> - -<p>„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das -Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein -Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu -suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’ -zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch -ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“</p> - -<p>„Dirndl, Du bist aber schon gar!“</p> - -<p>„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht -Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem -Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“</p> - -<p>„Stehen soll’s bleiben!“</p> - -<p>„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’ -seid es am wenigsten. — Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum -Feind!“</p> - -<p>Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s -Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“</p> - -<p>„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur -kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! — So. Bist halt -doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“</p> - -<p>Dann gingen sie auseinander.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm, -aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der -Steghofer, bei dem das Mädchen<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span> diente. Sie war ein Viertelstündchen -über die Zeit ausgeblieben.</p> - -<p>Der Steghofer — die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute -recht gut wie er’s trieb — war ein roher, jähzorniger Mensch; das -hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der -Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein -„angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der -eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach -dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde. -Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der -niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig -nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen -und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser -einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das -geschehen wird.</p> - -<p>Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen, -die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause -getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren -hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines -Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer -war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte — der -Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte — der Alte erreichte -nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher -viel feiner machen....</p> - -<p>Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist -gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen. -Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span> solle er darin seinen Mann -zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.</p> - -<p>„Auch die Prügel?“</p> - -<p>„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das -nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in -Ewigkeit gegen sich.“</p> - -<p>„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“</p> - -<p>Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt -giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen -laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.</p> - -<p>„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter -Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle -lustigen Kameraden wieder.“</p> - -<p>„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“</p> - -<p>Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen -nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es -keinen Lohn findet; seiner — des Guten selbst willen — wird der echte -und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein -suchen, Gutes gethan zu haben.“</p> - -<p>Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen -wie dem Crispin?</p> - -<p>Der Crispin, als er das gehört hatte — bei einer Feierlichkeit, vom -Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik -gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen — der Crispin also dachte -und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer -gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern -Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf <em class="gesperrt">dieser</em> zu thun -hab’.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span></p> - -<p>Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor -Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten -Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.</p> - -<p>Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein -Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.</p> - -<p>Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein: -„Dir ist Einer zuviel im Steghof!“</p> - -<p>„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.</p> - -<p>„Ja!“ lacht der Bauer — seine Stimme ist aber doch schon heiser — -„der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten -Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin -ich <em class="gesperrt">nicht</em>. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich -ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen -möchtest weiden.“</p> - -<p>Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel -seiner Finger in das eigene Fleisch. — Soll er denn sein Leben -verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und -Hof! — Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber -helfen.</p> - -<p>Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden -waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.</p> - -<p>„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an, -wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer -Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“</p> - -<p>„Wo hast denn Du Dein Korn?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span></p> - -<p>„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige -Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“</p> - -<p>„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist -Sünd’, kommst in die Höll’!“</p> - -<p>„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt; -ist nicht assecurirt gewesen!“</p> - -<p>„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.</p> - -<p>„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder -beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“</p> - -<p>Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte -bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er -denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So -schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.</p> - -<p>Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in -Freuden.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die -Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal -Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod -abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur, -daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß -verlangt. — Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.</p> - -<p>Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.</p> - -<p>Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das -Korn. Jetzt war der Teufel los, der<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> Crispin mochte an einen glauben -oder nicht. — Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch -ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich, -stark genug, einander zu zerfleischen.</p> - -<p>Das Laster geht geraden Weg.</p> - -<p>Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die -gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie -willst mir sie verkaufen?“</p> - -<p>„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel, -„willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr -mitsammt der Kette.“</p> - -<p>„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts -gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“</p> - -<p>„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s. -Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und —“ er legte die -Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“</p> - -<p>„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt -durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab, -welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte: -Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? —</p> - -<p>Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in -das Häuschen seines Freundes.</p> - -<p>„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig -wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei -gegossen. Und was ist heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span>gekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem -Kameraden ein Stück Blei hin.</p> - -<p>„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“</p> - -<p>„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“</p> - -<p>„Das mag auch sein.“</p> - -<p>Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war, -als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.</p> - -<p>„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich, -„da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“</p> - -<p>Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.</p> - -<p>„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß -ich Dich frag’ Franz, — hast Du Dir’s überlegt?“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“</p> - -<p>„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.</p> - -<p>„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen -Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz, -und wir wollen alleweil zusammenhalten.“</p> - -<p>„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich -arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher -bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber -nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt — thätest Du nicht sein — -mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur -so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“</p> - -<p>Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden. -Beide schüttelten sich die Hände.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span></p> - -<p>Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.</p> - -<p>„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere -nickte mit dem Kopfe.</p> - -<p>„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu -beweisen.</p> - -<p>„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“</p> - -<p>„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“</p> - -<p>Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir -schwören, daß Du mir hilfst?“</p> - -<p>„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’, -das wird doch nicht vonnöthen sein?“</p> - -<p>„Man kann’s nicht wissen.“</p> - -<p>„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’ -kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“</p> - -<p>„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in -der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am -allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“</p> - -<p>„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird -doch nichts Unrechtes sein.“</p> - -<p>„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib -haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin -fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“</p> - -<p>„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was -kann ich Dir denn thun?“</p> - -<p>„Rath’ einmal.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span></p> - -<p>„Wieder Korn tragen helfen?“</p> - -<p>„Nein, Franz.“</p> - -<p>„Brauchst etliche Groschen Geld?“</p> - -<p>„Nein, Franz!“</p> - -<p>„Soll ich Dir Eine überreden?“</p> - -<p>„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“</p> - -<p>„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“</p> - -<p>„— — Nein, Franz.“</p> - -<p>„Ihm das Haus anzünden?“</p> - -<p>„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“</p> - -<p>„Kunnt’ nicht mehr rathen.“</p> - -<p>„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es -— aber greif’ zu, trink’, trink’ — Du mußt mir schwören, daß Du es -Niemand sagst!“</p> - -<p>„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“</p> - -<p>„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand! -Bei Gott und Deiner Seel’! — Du willst nicht? Nicht einmal den Arm -heben, mir zu Lieb?“</p> - -<p>„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier -kann ich’s noch weniger.“</p> - -<p>„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“</p> - -<p>Dem Wachszieher — wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ — -vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen -Seele!“</p> - -<p>Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.</p> - -<p>„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin. -— „Alter Satan, da drüben, Du hast<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span> mir heut’ das letztemal gesagt, -daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“</p> - -<p>„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber -gleich, was Du verlangst.“</p> - -<p>„Ich? Was ich verlang’?“</p> - -<p>„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“</p> - -<p>Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den -Steghofer um.“</p> - -<p>Der Franz prallt zurück.</p> - -<p>Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen, -wie ernst es ihm ist.</p> - -<p>„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab: -„Geh’, geh’! — Geh’!“</p> - -<p>„Also, Du magst nicht?“</p> - -<p>„Mein Lebtag nicht. <em class="gesperrt">Mein Lebtag nicht!</em>“</p> - -<p>„So. — Also <em class="gesperrt">meineidig</em> willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt -der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.</p> - -<p>„Daß Du <em class="gesperrt">so</em> was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“</p> - -<p>„Und hast doch geschworen!“</p> - -<p>„Hätt’ — hätt’ ich Dir <em class="gesperrt">das</em> geschworen?“ ächzt der Franz und -ringt nach Athem.</p> - -<p>„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir -nicht zu helfen.“</p> - -<p>Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.</p> - -<p>„Nun?“ frägt der Soldat.</p> - -<p>„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor -behüt’ mich Gott.“</p> - -<p>„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde -ich’s selber thun. Du könntest einen<span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span> Vatermord verhindern, hörst Du, -einen <em class="gesperrt">Vatermord</em>! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur, -hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich -einen Schurken, Dein Lebtag lang.“</p> - -<p>Der arme Franz — in Wahn befangen — rang die Hände, starrte stumm -vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß -er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und -ein zweifacher Mörder sein! — Aber Vatermord und Meineid sind die -schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid -nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der -Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge -ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst — -Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt -und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben — die Hand hat falsch -geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s -Firmament. Wer löscht ihn aus? —</p> - -<p>Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.</p> - -<p>„Nun?“ fragte der Crispin wieder.</p> - -<p>„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“</p> - -<p>„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“</p> - -<p>„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“</p> - -<p>„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder -behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen -Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei -still.“</p> - -<p>Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: -„Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst.<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span> Du siehst, dem Alten ist’s -Bestimmung. — Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei -in sieben Tagen ausgeräumt!“</p> - -<p>Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und -stürzte aus der Stube — in die erste finstere Nacht des neuen Jahres -hinein.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden -Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den -trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn -doch nicht der Rechte.</p> - -<p>Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch -die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse -es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald -ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur -Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein -fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser -Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen -bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten -ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, -wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in -den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden -worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der -Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich -in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten -diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine -Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span></p> - -<p>Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und -Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.</p> - -<p>Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte -seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.</p> - -<p>Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu -geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im -Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.</p> - -<p>Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der -Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. — Wenn -das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter <em class="gesperrt">diesem</em> Manne -brechen, er <em class="gesperrt">muß</em> brechen. — Der Bursche nahm eine Handsäge unter -den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen -die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg -hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel -durch.</p> - -<p>„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten -Zeit brechen.“</p> - -<p>Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.</p> - -<p>Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete -das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen -hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; — sie -läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der -Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. — Heute saß -er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen -Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden. -Eigentlich mochte er das Mädchen, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> sang, auch leiden; Juliana -war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun -an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben, -dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.</p> - -<p>„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das -kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“</p> - -<p>„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.</p> - -<p>„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“</p> - -<p>„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“</p> - -<p>„Wer?“</p> - -<p>„Nun, wer denn? Der Crispin.“</p> - -<p>Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die -Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin <em class="gesperrt">ich</em>!“</p> - -<p>„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand -und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher -nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er -hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien -denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die -Sense.</p> - -<p>„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.</p> - -<p>„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem -Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“</p> - -<p>„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern -über den Waldsteig.“</p> - -<p>„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte -der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur -Herdgluth.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span></p> - -<p>In demselben Augenblicke knallte ein Schuß — gellte ein Schrei — -klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.</p> - -<p>Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch -die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden -Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe -schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel -und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem -den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.</p> - -<p>Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem -Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner -Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz, -der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich -hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“</p> - -<p>Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch -ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust -emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was -mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn -geschossen habe.</p> - -<p>„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und -dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich -ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor -Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen -legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf, -um<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden, -und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es -nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige -Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und -den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die -Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.</p> - -<p>Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee -leitete sie gegen die Natterklamm.</p> - -<p>„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die -Leute.</p> - -<p>„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich -selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.</p> - -<p>Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu — und der -Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und -Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln -vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren -die Tritte nicht mehr zu spüren.</p> - -<p>„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.</p> - -<p>Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.</p> - -<p>Als sie nach zwei Tagen — es war der siebente Tag nach der -Neujahrsnacht — den Sarg des Crispin durch den Wald und an den -Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den -Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz -als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin -des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten -Tagen benommen hätte. — Gar wie ein Irrsinniger.<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> Beim Tag nichts -gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im -Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen, -daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er! -Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“</p> - -<p>Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen; -der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die -Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er. -Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.</p> - -<p>In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm -die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer -von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende -Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf -dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin — Gemordete -liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen -Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ —</p> - -<p>Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft, -Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.</p> - -<p>Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das -Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten -Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_28" name="kap_ende_28"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Thuermer_von_Muensterwald">Der Thürmer von Münsterwald.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_i6" name="initial_i6"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>n der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.</p> - -<p>Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? -Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein -darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen -Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch -wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in -demselben für ihre Abende vorbereiten können.</p> - -<p>„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes -Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. -Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen -in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen -Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen -gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s -nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der -leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß -schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube -unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon -die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span> auf dem Thurm erst die -neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird -sich der Thürmer die Zeit vertreiben? — Jetzt liegen sie neun Stunden -lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch -immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der -Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!</p> - -<p>Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin -über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange -Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden -Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön -seine Glocken klingen.</p> - -<p>Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in -welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht -die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die -Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht -tiefer; sein Mund murmelt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Die Lust hat uns verbunden,</div> - <div class="verse">Die Schuld hat uns getrennt.“</div> - </div> -</div> - -<p>Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. -Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines -nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die -Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst -lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und -seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, -bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.</p> - -<p>Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken -läuten. Ein Heil war im Anzug, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span> Gnade für Münsterwald. Der Thürmer -zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der -Töne — er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran -dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und -Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande — der Eine -wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Die Lust hat uns verbunden,</div> - <div class="verse">Die Schuld hat uns getrennt.“</div> - </div> -</div> - -<p>In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, -drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen -Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den -Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, -keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel -herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, -unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren -breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.</p> - -<p>Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst -er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich -schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser -Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein -Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam -scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. — -Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser -Jahreszeit bei uns nicht viel herum!</p> - -<p>Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte -sich bald in Lob und Bewunderung.<span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span> Auch die Leute von Münsterwald waren -aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde -Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, -auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen -Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.</p> - -<p>Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, -da wurde die Kirche zu klein — und das will in Münsterwald was sagen! -Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit -Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter -dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche -die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht -desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, -aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges -in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine -Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte -einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“</p> - -<p>Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben -Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum -Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, -er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht -nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? -Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.</p> - -<p>Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches -Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in -den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach — auf der -kleinsten dieser Glocken<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> stand mit Kreide geschrieben der Name -„Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer -wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben -zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da -das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen -Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name -Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum -Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton -eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum -Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! — Da ist ein -junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? — Zu -Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der -Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin. -Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an — und das -war sein Weihnachtsfest.</p> - -<p>Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den -bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las. -Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte -mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in -die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach -der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte -derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein -gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von -den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel -schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.</p> - -<p>Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er: -„Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beicht<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span>stuhl nicht der rechte -Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“</p> - -<p>Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige -Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme -schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“</p> - -<p>„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den -Pfarrhof.“</p> - -<p>Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie -<em class="gesperrt">Der</em> kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben -und Sterben, Du heiliger Gott!“ —</p> - -<p>Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende -Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald -zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen -Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über -der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe -mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht. -Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden. -Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche -dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe -mein Kind umgebracht.“</p> - -<p>Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf -seinen Platz — und schwieg.</p> - -<p>„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.</p> - -<p>„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist -gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten -erfassen.</p> - -<p>„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so -schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen. -Ach, das Neugeborne schon ist<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span> eine Sünde gewesen — aber eine Sünde, -Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten -haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust -hat uns verbunden! — Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick -für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten -gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen -einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und -Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht -dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn <em class="gesperrt">der</em> -Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren -jetzt der geistliche Herr in die Höh’! — Hat <em class="gesperrt">brav</em> studirt, der -Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. — Wie er in seinem -einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und -uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in -die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem -Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger -Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus -hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die -Leute gar gesagt haben: Wenn <em class="gesperrt">solche</em> Kirchenglocken läuten, da -wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück -nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’ -vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der -Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen -die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein, -gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in -der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen, -der Maria-Himmel<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span>fahrtstag war’s — werde ich eilends von meinem Thurm -gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen -und mitten drin haben sie — mit einem Strick die Hände gebunden — -meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie -wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß -der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald -geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem -Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer, -geistlicher Mann! Was <em class="gesperrt">das</em> ist, wenn Einem das eigene Kind auf -einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was <em class="gesperrt">das</em> ist! Tausend -Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! — Nichts -weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein -Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin, -sonst war er brav. Und jetzt auf einmal <em class="gesperrt">das</em>! — Daß mich der -Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat -er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! — -Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben -gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen, -daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld -braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster -hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat -hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als -wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift -kein’s. — Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb! -Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei -mir wollen Schutz suchen. — Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und -Zorn<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span> mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust -zurück. — Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus -der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort — und seit dieser Stund’ -hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“</p> - -<p>Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er -zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl -bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel -fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat, -ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“</p> - -<p>„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei, -sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret -der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache -auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz -geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr -habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande, -die Ihr auf <em class="gesperrt">Euer</em> Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s, -weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen -unschuldig gewesen!“</p> - -<p>„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände — aus Verzweiflung -— aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:</p> - -<p>„Wie wißt Ihr denn das?“</p> - -<p>„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“</p> - -<p>„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so -häßlich als geizig gewesen ist.“</p> - -<p>„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche; -„sollte der Moses keine solche gehabt haben?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span></p> - -<p>„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort -müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“</p> - -<p>„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“</p> - -<p>Der Alte horchte auf.</p> - -<p>„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“</p> - -<p>„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er -das selber nicht gesagt?“</p> - -<p>„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus -Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den -Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“</p> - -<p>„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für -meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“</p> - -<p>„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die -Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“</p> - -<p>„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume -erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja, -so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger -Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“</p> - -<p>Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’ -mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“</p> - -<p>„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen. -Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht -mehr zurückkehren.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span></p> - -<p>„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um -Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich -such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“</p> - -<p>„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal -vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine -Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat. -Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu -früh kommen.“</p> - -<p>„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß! -Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst -heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen -soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“</p> - -<p>„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl -kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für -einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt: -der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte -Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der -Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte -damals ja gehört haben. — Und so wird’s wieder lebendig.“</p> - -<p>„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der -Thürmer.</p> - -<p>„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren -Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der -Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der -des Mammons wegen beim Juden einsteigt. — Valentin hat in einem -katho<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span>lischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet, -dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des -Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu -verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den -Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine -Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“</p> - -<p>„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.</p> - -<p>„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren, -daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere -zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne -nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen -Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen -Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit -dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten -sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu -sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“</p> - -<p>„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“</p> - -<p>Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater, -wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so -seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton, -so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es -eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen -den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span></p> - -<p>Der alte Mann läutete und läutete — vergaß in der Freude auf das -Aufhören. —</p> - -<p>Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.</p> - -<p>Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren -Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in -den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein -Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.</p> - -<p>Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch -ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben -nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen -Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen -müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen -als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu -sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und -der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen -werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so -leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem -Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber -diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und -jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die -Absolution.</p> - -<p>„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der -Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich -lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich! -Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte -ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> -Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen -Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas, -Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde -richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch -nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir -barmherzig bist!“</p> - -<p>„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen -Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.</p> - -<p>„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß -Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“</p> - -<p>„Das sagst <em class="gesperrt">Du</em> mir nicht mehr, mein lieber Martin.“</p> - -<p>„Weißt <em class="gesperrt">Eins</em>, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“</p> - -<p>Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der -Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich -doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“</p> - -<p>„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“ -versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich -sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen, -hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das -kommt von mir!“</p> - -<p>„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht -verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“</p> - -<p>„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter, -„der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen. -Die hab’ ich oftmalen auf<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span>gesucht, und just das, hab’ ich vermeint, -wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch -wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt -daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die -Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen -Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen -und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er -sich holen wollen — da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’ -gewesen.“</p> - -<p>„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? — daß er sich beim Mädel -wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“</p> - -<p>„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“</p> - -<p>„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du — wenn Du schon schlecht -hast sein können — ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die -Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“</p> - -<p>„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin -nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald -geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber -gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! — Heut’ -versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann — aber -wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern -Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“</p> - -<p>Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter -an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und -soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! — hättest Du vorig’ Jahr -nicht Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span>meindevorstand von Grabendorf werden sollen? — so kennt man -Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“</p> - -<p>„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt -seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet -gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein -Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie -ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die -Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche -Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest, -Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein -aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her, -und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen: -jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’ -ich umhergewurmt, daß ich doch <em class="gesperrt">einmal</em> etwas vom Valentin hören -sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt -weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne -nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich -mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt, -hab’ nicht mehr gefragt — aber still ist’s in mir nimmer geworden. — -Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir -möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und -bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“</p> - -<p>Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht -lange liegen.</p> - -<p>„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der -Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> Deinem Beichtvater und -sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“</p> - -<p>„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt -kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen, -wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken — Du wirst Deinen -guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen, -Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder — aber was wird aus mir armem -Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“</p> - -<p>Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem -wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er -den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich -gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es -wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute -haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“</p> - -<p>„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? — Als in der heiligen -Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel -thäten läuten! ’s ist <em class="gesperrt">keine</em> Mär’, Du <em class="gesperrt">bist</em> ein Engel!“</p> - -<p>„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das -kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen -Kindern!“</p> - -<p>„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und -knarrte die Stiege hinab.</p> - -<p>Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm -hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. — Niemand -sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen, -daß in diesem Pater Christof<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch -ausgehetzte Valentin stecke.</p> - -<p>Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich -bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des -Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine -Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das -wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“</p> - -<p>Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege -hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.</p> - -<p>Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus -Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles -wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der -Korbflechter Martin gethan habe.</p> - -<p>„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.</p> - -<p>„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie -mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus -Verzweiflung das Leben genommen!“</p> - -<p>„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute, -kaum Ihr ihn von <em class="gesperrt">einer</em> Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der -andern an. Ein Mord — und der Selbstmord ist auch einer — läßt gar -nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige <em class="gesperrt">ich</em> den Valentin, -er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort. -Sein letztes Wort an die Leute von Münster<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span>wald war die Bitte, dem -Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts -Schlechtes nachzutragen — das freiwillige Geständniß hätte Alles -gelöscht.</p> - -<p>Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden -Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.</p> - -<p>Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge -gegen Himmel empor. — Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein -Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_29" name="kap_ende_29"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p> - -<h3 id="Aga">Aga.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_d10" name="initial_d10"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem -Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen -ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der -gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte — aber -vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten -getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme -Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat -ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den -Hochaltar begleiten wollen — da ist sie vorgestern in der ruhsamen -Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt -gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag -kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die -Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub. -Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen -wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter -getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat -sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p> - -<p>Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu -Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke. -Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem -Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen -mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!</p> - -<p>Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein -Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und -den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des -Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken — guck’ ich -ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der -alten Aga.</p> - -<p>Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen -des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist -ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei -Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so -blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten -sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur -das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz -und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben -geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die -Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen -Gottes hat geschrieben.</p> - -<p>Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann -gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines -Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge -und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit, -schönes<span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span> Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein? -Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen -in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des -Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen. -Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort -gewesen.</p> - -<p>Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf -die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen -Blättchen vom Heidegestrüpp — da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast -Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und -kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben -im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das -Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern -Hausbedarf.“</p> - -<p>Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles -Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.</p> - -<p>Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus -gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein -und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten -und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen -Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie -der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne -heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen -und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen; -sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie -zusammenströmte.</p> - -<p>Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur -Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen,<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> zu Aga gesellt, und sagte -ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter -daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein -schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf -brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und -schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.</p> - -<p>Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie -hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will -ich’s der Mutter heimtragen!“</p> - -<p>„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann, -„ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst -bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl -schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die -nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“</p> - -<p>So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie -begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz -liegt verborgen. —</p> - -<p>Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand -an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und -ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt -und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat -die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint -von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“</p> - -<p>Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren -lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage, -da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter -und Kind<span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span> sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen -ihre Herzen nicht mochten erklimmen.</p> - -<p>Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die -Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte, -und grüßten mit Anstand und verlangten — das Mädchen. Da fragte die -Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da -wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur -Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’ -Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in -seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.</p> - -<p>Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter. -Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern -vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der -Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und -fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete -mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.</p> - -<p>Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war -Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe -senden.</p> - -<p>Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen -Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen -und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie -ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen -Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken -in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte, -so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit — sie wolle bei<span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span> der -nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr. -Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie -eines Tages — als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen — -gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne -sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im -kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein -glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte -versüßen. — — —</p> - -<p>Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.</p> - -<p>Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig -Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein -Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das -Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder -gehen, wohin es ihm beliebe — er halte es nicht auf.</p> - -<p>So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock -in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der -Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh -ist die Mutter gelegen — kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der -Wange.</p> - -<p>Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt, -wie lange sie müsse dienen und arbeiten?</p> - -<p>Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die -folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß -Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“</p> - -<p>An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben -und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in -langer Noth und Drangsal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span></p> - -<p>Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine -rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen. -Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’ -entblättern!</p> - -<p>Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus -siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert -mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein -neues Jahr der Lasten zugetrunken.</p> - -<p>Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau -gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen -gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn -als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das -hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga -erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend -gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich -entlockt ward.</p> - -<p>Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns -aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner -Markung.</p> - -<p>Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie -gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten -Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’ -hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht -belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist -Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das -Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das -hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur -Zeit der Heidelbeerenblüthe zum<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> erstenmale hatte gesehen, lag seit -fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod -ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen: -im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. —</p> - -<p>So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen, -da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie -freundlich diesem Hohne der Erde entführt. — — —</p> - -<p>Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die -Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.</p> - -<p>Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_30" name="kap_ende_30"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span></p> - -<h3 id="Drei_Stunden_vor_dem_Sterben">Drei Stunden vor dem Sterben.</h3> - -</div> - -<div class="dc"> - <a id="initial_s3" name="initial_s3"> - <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.</p> - -<p>Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen -auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel -Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann -geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will -nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.</p> - -<p>Der Andere — Lorenz — schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen -hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen -Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete. -Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger -Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in -Arm gingen — denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht -gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten — denn der -Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn -Einer zu tief in den Wald hinausging — denn der Orden sprach von den -heiligen Mauern. — Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht -er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die -Büsche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span></p> - -<p>Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.</p> - -<p>„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.</p> - -<p>„Nur beten,“ versetzte der Andere.</p> - -<p>„Beten? Kannst Du’s jetzt?“</p> - -<p>„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen -steht, nur selten.“</p> - -<p>„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“</p> - -<p>„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich -ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich -selber beten — Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber -Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“</p> - -<p>„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte -sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians -werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte -doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht -zur goldenen Kette brächte!“</p> - -<p>„Golden, golden — wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz -gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich -einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders. -Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich — -Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen -Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das -Stift und seine guten Weine.“</p> - -<p>Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das -Haupt und blickte gegen die blauenden<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span> Felswände auf. Ueber denselben -stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.</p> - -<p>„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das -himmlische Zion.“</p> - -<p>„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen, -heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“</p> - -<p>„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen -Glauben!“</p> - -<p>„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“</p> - -<p>„Und Menschen fischen?“</p> - -<p>„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“</p> - -<p>„Wie, Du wolltest —?“</p> - -<p>„Baden.“</p> - -<p>„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? — -Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“</p> - -<p>„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen! -Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“</p> - -<p>„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus, -machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht -abschreckend wirken sollte.</p> - -<p>„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand -ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre -mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es -entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“</p> - -<p>„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.</p> - -<p>„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er -und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser -Welt!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span></p> - -<p>„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute -in der Luft liegen.“</p> - -<p>Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag -aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht -hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen -Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu -sein, hätte erst auch sein Schönes!“</p> - -<p>„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.</p> - -<p>Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. —</p> - -<p>Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes -Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund -zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine -Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.</p> - -<p>Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende -Blicke um sich. — Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück -für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras — und bald standen -sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel -vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken -waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht -Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde -Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen -den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. — -Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie -junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den -schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span> Augen, als -es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf -seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.</p> - -<p>Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche -vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.</p> - -<p>Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem -See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest -mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in -zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“</p> - -<p>Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das -weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen -Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser, -seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die -Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.</p> - -<p>Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den -See. — So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was -ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.</p> - -<p>Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde, -verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse -hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So -versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde, -das Haupt dem Himmel.</p> - -<p>Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu -sein. — Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts -gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher -Schleier ging<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen -wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die -lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so -schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft -war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’ -verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im -Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn, -tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu -hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten -der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen -schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen, -rieselte das Wasser.</p> - -<p>Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt, -welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten -sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See, -kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde -wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.</p> - -<p>Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen -sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus -dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.</p> - -<p>Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht, -an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da -sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte -heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen -dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten. -Lorenz meinte, es sei<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu -schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden -— demselben nach.</p> - -<p>Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen -Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu -holen.</p> - -<p>Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte -nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel -erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen -Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen, -weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.</p> - -<p>Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde. -Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als -auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den -Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern -hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu -kommen.</p> - -<p>„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“</p> - -<p>„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß -auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das -erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“</p> - -<p>Das Wort hat ein Drittes gehört.</p> - -<p>Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die -Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie -ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und -heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten, -welche zerstreut mit<span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span> Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich -nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.</p> - -<p>Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume -des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz -schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.</p> - -<p>In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie -flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende -Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen -knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung -der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und -der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.</p> - -<p>Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten -Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber -denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange -Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen. -Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige -Minuten vor sechs.</p> - -<p>Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in -tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter -Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und -vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der -Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die -Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden, -die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. — -Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen -umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span></p> - -<p>Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben -wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen -des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener -Seelen — so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen -Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im -Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal -wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in -Andacht — in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte -nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen -in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. —</p> - -<p>Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da — jählings -war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall — — die Mauern -des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm. -Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren -verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. —</p> - -<p>„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle -eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen, -wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die -Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf -den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach -Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die -Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden -Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim -Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ — Sie bewegten sich nicht. -Man faßte sie an — jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an -ihren Chorröcken waren geschmolzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span></p> - -<p>Zwei junge Leben waren dahin.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nun fragen wir Alle: Warum?</p> - -<p>Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach -dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon -die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand -seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr -und an diesen senkrecht nieder — in ihr Leben.</p> - -<p>Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet! -— Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt -worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das -Fatum, der Zufall kennt keine Moral.</p> - -<p>Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die -Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kap_ende_31" name="kap_ende_31"> - <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg" - alt="Kapitelende" /></a> -</div> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s5 center mtop3">K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.</p> - -<hr class="r10" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE *** - -***** This file should be named 60500-h.htm or 60500-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/0/60500/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60500-h/images/cover.jpg b/old/60500-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9a5b732..0000000 --- a/old/60500-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_a.jpg b/old/60500-h/images/initial_a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 75756af..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_b.jpg b/old/60500-h/images/initial_b.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1192c16..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_b.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_d.jpg b/old/60500-h/images/initial_d.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 83f215f..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_d.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_e.jpg b/old/60500-h/images/initial_e.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f08d0aa..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_e.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_h.jpg b/old/60500-h/images/initial_h.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2bc7e29..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_h.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_i.jpg b/old/60500-h/images/initial_i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bdc6744..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_k.jpg b/old/60500-h/images/initial_k.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2dd1f9e..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_k.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_n.jpg b/old/60500-h/images/initial_n.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a844b8d..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_n.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_s.jpg b/old/60500-h/images/initial_s.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 029d6bf..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_s.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_u.jpg b/old/60500-h/images/initial_u.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 84c74fa..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_u.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_w.jpg b/old/60500-h/images/initial_w.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6bcc061..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_w.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/initial_z.jpg b/old/60500-h/images/initial_z.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c71c7f8..0000000 --- a/old/60500-h/images/initial_z.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/kap_ende.jpg b/old/60500-h/images/kap_ende.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ae7eca2..0000000 --- a/old/60500-h/images/kap_ende.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/kopf.jpg b/old/60500-h/images/kopf.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 48f43bc..0000000 --- a/old/60500-h/images/kopf.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/signet.jpg b/old/60500-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eb20bef..0000000 --- a/old/60500-h/images/signet.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60500-h/images/symbol.png b/old/60500-h/images/symbol.png Binary files differdeleted file mode 100644 index d183b63..0000000 --- a/old/60500-h/images/symbol.png +++ /dev/null |
