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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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-The Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Feierabende
- Lustige und finstere Geschichten
-
-Author: Peter Rosegger
-
-Release Date: October 15, 2019 [EBook #60500]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert.
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae,
- Oe, Ue) dargestellt.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
- halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an
- das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.
-
- In der Erzählung ‚Der Fremde im Vaterhause‘ wird ein Symbol
- verwendet, welches aus einem Plus-Minus-Zeichen (±) mit einem
- darunter liegenden Dreieck mit nach unten zeigender Spitze
- (▼) besteht. Dieses Symbol wird in der vorliegenden Version
- folgendermaßen dargestellt: [±▼].
-
- Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
- den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kleinere Schrift: _Unterstriche_
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Feierabende.
-
- Lustige und finstere Geschichten
-
- von
-
- P. K. Rosegger.
-
- Vierte Auflage.
-
- [Illustration]
-
- Wien. Pest. Leipzig.
-
- A. Hartleben’s Verlag.
-
- 1886.
-
- (Alle Rechte vorbehalten.)
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
-+Erster Theil+: Lustige Geschichten.
-
- Seite
-
- +Sommerabende+ 5
-
- Das Mirakelkreuz 7
-
- Der Schäfer von der Birkenheide 27
-
- Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise 37
-
- Der Fremde im Vaterhause 46
-
- Als Hans der Grethe schrieb 58
-
- Wie ein Kaiserjäger fensterln ging 69
-
- Arthur heißt er 76
-
- Eine Schatzgräberhistorie 82
-
- Sanct Josef der Zweite 89
-
- Der Wolfl von Kirchberg 95
-
- Der Junge und der Alte 103
-
- Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd 110
-
- Studentenpulver 115
-
- Eine Eisenbahngeschichte 123
-
- Naturforscher auf der Alm 127
-
- Eine mit Geld 141
-
- Die Abelsberger Chronik 153
-
- Der Burgermeister von Abelsberg 153
-
- Der Brückenwirth zu Abelsberg 160
-
- Der Schulmeister von Abelsberg 165
-
- Der Thurmbau zu Abelsberg 169
-
- Zu Abelsberg beim Spielchen 173
-
- Ein Abelsberger Kalbskopf 177
-
- Die Abelsberger der Majestät 179
-
- Die Abelsberger Touristen 184
-
- Ein Abelsberger auf dem Vesuv 191
-
- Das reiche Jahr eines Abelsbergers 200
-
- Ein junger Abelsberger in der Residenz 204
-
- Eine Abelsberger Heiratsgeschichte 206
-
- Der Abelsberger Baßgeigenkrieg 210
-
- Wie Abelsberg bekehrt worden ist 217
-
- Eine Abelsberger Katze 223
-
- Zu Abelsberg wieder wer geworden 226
-
- Ein Abelsberger Heutrog 228
-
-
-+Zweiter Theil+: Finstere Geschichten.
-
- +Winterabende+ 233
-
- Ein Weg zur Schuld 237
-
- Die guldene Grethe 286
-
- Der Waldbrand 308
-
- Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen 334
-
- Es reigt in Lust ein Liebespaar 346
-
- Trotzköpfe 365
-
- Am Fenster der Liebsten 376
-
- Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß 387
-
- Der Gang zur Mutter 394
-
- Mein einziger Sohn 408
-
- Der Sündensteg 422
-
- Der Thürmer von Münsterwald 442
-
- Aga 461
-
- Drei Stunden vor dem Sterben 469
-
-
-
-
-I. Theil.
-
-Sommerabende.
-
-Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.
-
-
-
-
-Sommerabende.
-
-
-Zu den besten Dingen dieses Lebens -- alle Arbeitenden wissen es --
-gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe
-durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt
-durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der
-Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu
-erfreuen pflegt.
-
-Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben
-ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends
-dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser
-auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis
-die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat.
-Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder
-zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich
-ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war,
-unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten
-Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen
-ein wenig ungezogen und boshaft waren, so ließ man sie ziehen -- und
-ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden.
-Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit
-und verlängert das Leben.
-
-Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen
-eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal
-Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Das Mirakelkreuz.
-
-Eine dramatische Idylle.
-
-
-Personen:
-
- =Brandsteiner=, Besitzer eines Bauernhofes.
- =Rosel=, seine Tochter.
- =Peter=, Großknecht bei Brandsteiner.
-
- Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an
- dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im
- Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.
-
-
-1. Scene.
-
-+Rosel+
-
- (_kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht,
- Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit
- Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift
- sind. Einen Heurechen über der Achsel._)
-
-Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für
-mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der
-Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.
-
- (_Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte_).
-
-Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.
-
-+Peter+
-
- (_aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe,
- grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem
- Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der
- Achsel, die Flöte in der Hand_).
-
-Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle
-Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.
-
- (_Auf den Baum spähend._)
-
-Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel
-gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’
-keine Federn. Unsereins -- bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott
-wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs
-funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als
-Draufgab geben. -- Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s
-Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?
-
-+Rosel.+
-
-Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.
-
-+Peter+ (_lustig_).
-
-Stimm’ verschlagen!
-
- Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,
- So thät ich blasen und Zithern schlag’n,
- Die Samstagnacht, die Samstagnacht,
- Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,
- Wo jeder Bua zum Dirndl springt,
- Wo jeder Heuschreck Musi macht!
-
-+Rosel.+
-
-Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich
-mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so
-weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (_Für sich_:) Mein Herz
-möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!
-
-+Peter.+
-
-Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!
-
- (_Steckt die Flöte in den Hosenträger._)
-
-Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau,
-laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der
-ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen
-aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus,
-für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und
-verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten.
-Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!
-
-+Rosel.+
-
-Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit
-Peter und Pauli?!
-
-+Peter.+
-
-Nu, ich glaub’ nit!
-
-+Rosel.+
-
-Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es
-wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.
-
-+Peter+ (_lustig_).
-
-Du, Roserl, da nimm’ mich mit!
-
-+Rosel.+
-
-Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. -- Daß ich Dir’s
-sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen -- ich muß in’s
-Kloster.
-
-+Peter+ (_ironisch_).
-
-Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im
-Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.
-
-+Rosel.+
-
-Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen
-möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. --
-
-+Peter.+
-
-Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern
-g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. -- In’s
-Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische
-Gedanken kriegen! -- Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine
-saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für
-Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit
-gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst
-und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin
-denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt -- Roserl, denk nach, was
-mag ihm dabei eingefallen sein? -- Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um
-Dich!
-
-+Rosel.+
-
-Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein
-Ausweg -- ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund
-versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder
-zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner
-armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die
-Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken -- --
-freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine
-Schecklo -- wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den
-Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt
-dir die Streu, wie’s dir recht ist!
-
-+Peter.+
-
-Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich
-mein Vater auch verschenkt -- und Roserl, ich geh’ mit Dir!
-
-+Rosel.+
-
-Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!
-
-+Peter.+
-
-Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf
-der Straßen, das kein Anwerth hätt’. -- Zu was Eins mich brauchen thät?
--- Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich
-dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht
-hinein -- Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich
-bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?
-
-+Rosel.+
-
-Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein
-dalkerter Bub wärst -- ein anderer statt Dein thät das recht Steigl
-’leicht gar noch finden.
-
-+Peter.+
-
-Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst
-justament lassen.
-
-+Rosel.+
-
-Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn -- mit’m Vater reden.
-
-+Peter+ (_jauchzend_).
-
-Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten
-komm’ ich schon auf gleich!
-
- (_Rechts ab._)
-
-+Rosel+ (_allein_).
-
-(_Ihm nachblickend._) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird
-zu früh heiser. (_Sinnend._) Sauber gewachsen ist er -- na, da steh’
-ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s
-schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. -- Die Schecklo wird freilich wohl
-dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s
-Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im
-Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie
-mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:
-
- Das Landleb’n
- Hat Gott geb’n
- So heiter und froh,
- Darum preisen
- Die Weisen
- Das Landleb’n so hoch!
-
- Auf den Bergen,
- In den Thälern,
- Auf den Wiesen im Grün,
- Da fliegen
- Kleine Englein
- Mit Röselein hin.
-
- Sie kommen
- Wohl her aus
- Dem himmlischen Paradeis,
- Sie bringen
- Die Blümlein
- Dem Landleb’n zum Preis.
-
- (_Links singend ab._)
-
-
-2. Scene.
-
-+Der Brandsteiner+
-
- (_tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene
- Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger,
- blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar
- eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel
- herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das
- Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die
- Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. -- Er hat ein kurzes
- Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer._)
-
-(_Murmelnd._) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh
-soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der
-dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein
-auf sein’ Hof. -- ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. --
-Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!
-
- (_Schleudert Stein und Schwamm von sich._)
-
-Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. -- Aber
-er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a
-Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’
-eigenen Kopf nach -- alleweil sein’ eigenen -- und ’s wird schon ’s
-Beste sein.
-
- (_Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches
- Lied._)
-
-Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl -- er kann’s halt nit
-lassen. Weil -- (_bewegt_) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt -- was
-ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’
-Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil
-gar so, gar so gern g’sungen.
-
- (_Peter tritt auf._)
-
-Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, +kann+
-nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und
-Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben,
-aber richtig ist’s: Das Stückl und Liedl hat mich und mein Weib
-z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben
-wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu
-geschlagen hat und -- (_unwillig_) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran
-denken!
-
-+Peter+ (_für sich_).
-
-’s Eisen wär warm.
-
-+Brandsteiner.+
-
-In so weit recht, daß D’ da bist. (_Vertraulich._) Laß was red’n mit
-Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn
-umschaust.
-
-+Peter.+
-
-Dirn? Für wen?
-
-+Brandsteiner.+
-
-Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall.
-Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!
-
-+Peter+ (_trotzig_).
-
-Das thu’ ich nit.
-
-+Brandsteiner.+
-
-Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. --
-Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?
-
-+Peter.+
-
-Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir
-gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber --
-Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag
-laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das
-thu ich nit!
-
-+Brandsteiner.+
-
-Du Tollpatsch, was hast denn?
-
-+Peter.+
-
-Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der
-Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die
-Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer --
-
-+Brandsteiner+ (_heftig_).
-
-Bist mir still!
-
-+Peter.+
-
-Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener
-Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch
-sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein
-Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen
-Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine
-saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’
-mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und
-ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und
-ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur
-letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich -- bei Gott und allen
-Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!
-
-+Brandsteiner.+
-
- (_mit den Händen seinen Kopf haltend_).
-
-Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’,
-und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!
-
-+Peter+ (_dumpf_).
-
-’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und
-wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander -- mir schon alleseins. Sagen
-hab’ ich Euch’s müssen.
-
-+Brandsteiner+ (_milder_).
-
-Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit
-schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s
-ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf
-dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die
-Rosel in’s Kloster geht.
-
-+Peter.+
-
-So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor
-fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß
-ihr Alter recht gut!
-
-+Brandsteiner.+
-
-Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. -- Weil
-wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm
-zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu
-derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist
-unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch
-der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe
-Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut
-in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie
-ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben,
-Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf -- ist
-einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen
-gewesen -- saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt,
-heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den
-Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich
-noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang -- mich hinaufstemm, ist
-das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er
-hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch
-gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige
-Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum,
-daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild
-wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder
-haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden
-und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und --
-Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt
-hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon
-g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die
-Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’
-Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’
-auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr
-Deines bittern Leidens -- was willst Du noch! Was soll ich Dir geben,
-daß Du mich errettest aus dieser Noth! -- Sterben, mein Peter, sterben
-will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen
-Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind,
-meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! -- --
-(_Ruhiger_): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’
-ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon
-der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. -- Das ist der
-letzte Bär gewesen, den sie in unserer Gemein erschossen haben. -- Die
-Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum
--- jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.
-
-+Peter.+
-
-Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt,
-es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß,
-wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den
-Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen -- so wär’ ich der
-Meinung -- --
-
-+Brandsteiner.+
-
-Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’.
--- Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’
-ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie
-mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’
-bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s
-Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.
-
-+Peter.+
-
-Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht
-sie ungern fort von heim und von ihrem Vater -- leicht ist sonst auch
-noch wer da, den sie nicht gern verläßt -- weil’s in so einer G’mein
-allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich
-selber so Einen wissen thät.
-
-+Brandsteiner.+
-
-Bist ein herzensguter Bursch, Peter!
-
-+Peter.+
-
-Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.
-
-+Brandsteiner.+
-
-Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang
-ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind
-gewesen und thut’s vom Herzen gern.
-
-+Peter.+
-
-Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich
-ausred’ --
-
-+Brandsteiner.+
-
-Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath
-brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’
-Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer.
-Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so
-der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein
-Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein.
-Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.
-
-+Peter.+
-
-Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große
-alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?
-
-+Brandsteiner.+
-
-Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat
-sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu
-seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer.
--- Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen
-derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten auch ohne
-die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!
-
- (_Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab._)
-
-+Peter+ (_allein_).
-
-Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. -- (_Sich auf die Stirne
-schlagend._) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was
-+nit+ sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit
-g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich
-niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland
-hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der
-Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird!
-(_Auf das Kreuz hinblickend._) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen
-Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten
-davor? Ich brauch’ Dich nit! (_Spöttisch._) Und boshaft ist er auch
-noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen,
-schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit
-nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem
-Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen.
-(_Ein Geräusch auf dem Baum._) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl,
-g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem
-Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück
-ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im
-Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal
-sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.
-
- (_Steigt auf den Baum._)
-
-
-3. Scene.
-
- (_Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert
- nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das
- Geschelle der heimziehenden Heerde._)
-
-+Rosel+
-
-(_tritt links auf mit einem Blumenstrauß_).
-
-(_Gegen die Coulissen gewendet._) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt
-auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer
-Anderer. (_Zu sich_:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’,
-ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich
-jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten
-will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel
-nehmen kann sie mir’s nit. -- Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher
-beinand’. -- (_Zagend gegen das Kreuz._) Wenn ich wissen thät! -- Das
-Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja,
-wenn ich wissen thät! -- All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor
-einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen.
--- Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein
-Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. --
-Nein, aber -- wenn ich wissen thät! --
-
- (_Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu
- zieren._)
-
-Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein
-bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün
-und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit,
-daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im
-Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird
-sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s
-gethan mit Sorgen und Freuden, aber ich muß ja fort in’s Kloster
-gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist
-dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der
-schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben
-bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. -- Nachher,
-wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und
-schwach -- möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! -- Und
-deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau
-ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles
-ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir,
-Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen
-redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg,
-daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber
-Sohn Jesus, wenn er schon einmal so +viel+ gethan hat, daß er den
-Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner
-Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine
-einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch
-dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus -- in’s Kloster taug’ ich
-nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht;
-Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’
-gewiß nit abschlagen. (_Stürzt nieder auf die Knie._) ’s ist ja nit von
-Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!
-
- (_In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen._)
-
-(_Leise._) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich
-viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf!
-(_Zutraulicher._) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria,
-weil wir so weit richtig und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt
-noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich -- wenn ich’s
-auch meiner Tag nit will sagen -- die Seitenpfeifen gar so von Herzen
-gern hör’ -- und -- aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau,
-Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt
-gleichwohl schon lang’ -- und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’
-g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt,
-daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s
-nit verlangen, daß -- ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich
-rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (_Leise zum Bilde._) Der Peter
-liegt mir im Sinn! -- ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit
-ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern --
-
-
-4. Scene.
-
-+Brandsteiner+
-
- (_der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend_).
-
-Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber
-versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da,
-wer hat Dir’s denn g’lernt?
-
-+Rosel+
-
- (_nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die Brust
- fallend_).
-
-Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die
-Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!
-
-+Brandsteiner.+
-
-Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es
-nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so
-knie ich halt nieder vor diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott
-mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden,
-mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im
-Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei
-diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner
-Bitt’!
-
- (_Ein kurzes Rauschen auf dem Baum._)
-
-+Rosel+ (_lebhaft_).
-
-Vater, ein Vogel ist geflogen!
-
-+Brandsteiner.+
-
-Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.
-
-+Rosel+
-
- (_gegen das Alpenglühen_).
-
-Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen
-Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.
-
-+Brandsteiner+ (_für sich_).
-
-’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß
-ich +dem+ dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser
-Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen
-thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie
-ich d’ran bin!
-
- (_Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der
- Flöte._)
-
-+Brandsteiner+ (_jauchzend_).
-
-Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s
-Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und
-giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du gütiger Herrgott im Himmel.
-(_Lachend, eine Thräne im Auge_). Hab’ Dich schon g’seh’n, der
-Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins --
-+wie+ der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher,
-heut’ ist kein Bär nimmer da!
-
-+Peter+
-
- (_hüpft vom Baum herab_).
-
-Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter
-Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten.
-Das ist a Baum!
-
-+Rosel+
-
- (_schämt sich, zu sich_).
-
-Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!
-
-+Peter.+
-
-Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand
-Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s
-ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei
-meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein
-gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel
-muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen,
-Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft
-anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!
-
-+Brandsteiner+ (_für sich_).
-
-Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend
-geschrieben.
-
-+Rosel+ (_verlegen_).
-
-Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein
-Spott und ’leicht auch eine großmächtige Sünd’, und ich denk’, das
-Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.
-
-+Brandsteiner+ (_lustig_).
-
-Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und -- -- ich
-kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! -- Jetzt muß der Jung’ schon
-gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst
-selber schau’n, Peter, wie Du mit +Dem+ dort oben auf gleich
-kommst!
-
-+Peter.+
-
-Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (_Gegen Rosel._)
-+Der+ Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel
-ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist
-später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes
-hinein.
-
-+Rosel+
-
- (_ihm den Mund verhaltend_).
-
-Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner
-dabei sein -- ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.
-
-+Brandsteiner.+
-
-’s ist vorbei -- sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn
-schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; -- aber mein Bruder, der
-Pfarrer --?
-
-+Peter.+
-
-Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!
-
- (_Vorhang fällt._)
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Schäfer von der Birkenheide.
-
-
-Der Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen
-Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im
-Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar,
-das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere
-vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen
-Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die
-Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein
-zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die
-Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen
-auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen
-wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.
-
- Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“
-
-„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem
-grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.
-
-„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um
-lesen zu können, fraß er ihn auf.
-
-Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört
-und die Esther kam nicht auf die Birkenheide. Der Widder genoß unter
-seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz
-schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die
-Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die
-Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“
-
-„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.
-
-Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß
-Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“
-
-„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.
-
-„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“
-
-Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg.
-
-Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte
-auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden
-Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein
-Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die
-Welt ist eitel.“
-
-Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren,
-wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und
-albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. --
-Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff!
-
-Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben,
-wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch
-der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse
-wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags
-betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine
-Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen
-Brüder zu verspüren waren.
-
-Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen,
-so ein grauer Bruder und unser Schäfer. Der graue Bruder ließ sein
-behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend
-hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und
-fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem
-einverstanden.
-
-Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl-
-und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war
-die ganze Herbstschur.
-
-Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen
-unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch
-von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten.
-Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk
-für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr
-werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers
-Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie
-flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten
-um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar
-in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. -- Ja, Die
-wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja,
-nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann.
-Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! -- Bei
-seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste
-Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren.
-
-Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder
-auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu
-reden:
-
-„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er
-die Worte noch einmal, redete aber nicht weiter. Er stand lange auf
-dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber
-er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache -- es fiel ihm
-nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel
-ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren
-enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen
-herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun
-versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend
-auseinander.
-
-Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen
-noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt
-der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen
-und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem
-Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer
-zusammen.
-
-Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag
-zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und
-wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen
-stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus
-und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle
-zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die
-mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere
-Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes
-Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein
-tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein
-Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und
-Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der
-Titus gar noch Oberer!
-
-Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe
-bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum
-letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst
-aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An
-diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider
-Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich
-zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente
-spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster
-herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist.
-
-Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen
-Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es
-war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als
-je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände
-auseinander und sagte: ~Dominus vobiscum!~ Sogleich aber erschrak
-er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab.
-
-Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen
-Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte
-der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen
-Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche,
-der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der
-Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so
-geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder.
-Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen
-wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete
-aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu
-den leeren Kirchenstühlen nieder.
-
-Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf
-dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch
-nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der
-Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also
-der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden
-kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben
-Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt
-sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene
-Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man
-riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das
-nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als
-ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle
-in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die
-Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt
-also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat
-nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder
-davonhumpeln.
-
-Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und
-bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die
-Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze
-hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an.
-
-Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang
-ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten,
-wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben
-mußte.
-
-An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr
-Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt einen gewaltigen Stich im
-Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan,
-um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller
-Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im
-Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr
-oder gar ein schlechter Mensch? -- Nein, er bleibt im Versteck, und
-wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz
-hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’.
-
-Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches
-demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein
-wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang
-zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt
-sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich
-geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als
-sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und
-reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster.
-
-Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich
-um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes
-auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den
-Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber -- giebt
-es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im
-Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr
-an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht
-loszusprechen.
-
-Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt,
-Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus
-doch wohl fertig werden.
-
-So legte er denn das Ohr an’s Gitter.
-
-Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das
-Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter
-Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben
-muß. Dann stockte es.
-
-Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die
-Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und
-empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen,
-hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden,
-ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter
-Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert
-und schluchzt. -- „Ja, und dann, Hochwürden, daß -- daß ich halt den
-Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt
-mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und
-ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat
-gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“
-
-Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die
-Gais-Esther vom Fischgraben.
-
-„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt
-weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn
-halt nimmer.“
-
-Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl
-rathen mag.
-
-Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl
-hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein
-Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt
-er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und
-murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich bös’. Da
-müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute
-um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“
-
-Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon
-recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl
-nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem
-lieben Herrgott.“
-
-Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen.
-„Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er
-flüsternd.
-
-„Ei freilich ja, der Titus halt.“
-
-„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum,
-der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’
-in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in
-Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es
-nimmer!“
-
-Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf
-Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen
-Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band
-gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage
-und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die
-Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche.
-Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth --
-und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden.
-
-Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er
-wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und
-die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten,
-da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges
-Leben einsog.
-
-Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch
-an diesem Abende nach in ihr Haus -- „denn schau, wie Der Dich lieb
-hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“
-
-Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die
-grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht
-kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der
-Birkenheide.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise
-
-
-In den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der
-Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in
-den Maien.
-
-Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den
-Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh
-bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große
-schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst
-sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt,
-daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein
-„Ewigkeit Amen“ sagte.
-
-Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher,
-als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren
-Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger,
-als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen
-und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke
-Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im
-Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth
-brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig
-Töchterlein Kellnerin sein ließ.
-
-Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er
-habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen
-Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag
-besprochen.
-
-Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge
-Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die
-Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor --
-es war zur frühen Nachmittagsstunde -- das Fest plötzlich ab und fuhr
-mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und
-schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner
-Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges
-und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der
-Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien
-sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte
-heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der
-Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine
-junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne
-Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen,
-wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“
-
-Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden
-steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von
-den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte
-umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug
-sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht,
-über manches Wasser.
-
-Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen
-die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der
-Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich
-werde die junge Frau schon selber führen.
-
-Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden
-Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter
-drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge
-Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige
-Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf
-seinen Knieen.
-
-„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach
-Schladernbach zurück?“
-
-„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“
-
-„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit
-beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin
-gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber
-Schatz!“
-
-„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.
-
-Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel
-Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen
-rauhen Bergpfad noch betreten haben.
-
-Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und
-endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts
-hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden
-Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines
-Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig
-vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.
-
-Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem
-schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:
-
-„Da stehen die --“
-
-„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.
-
-„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen
-Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das
-Wasser gewohnt.“
-
-„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei
-Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“
-
-„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl
-meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir
-gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“
-
-So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer,
-Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese
-sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg;
-der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und
-streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.
-
-„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei
-Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“
-
-Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der
-Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.
-
-In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück
-Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran,
-Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf
-bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen -- den Weg alles
-Zeitlichen.
-
-Der Pastor hatte -- um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden --
-zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war
-davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was
-Vormittag im Himmel gebunden worden -- da schlug er die Hände zusammen
-über dem Haupte.
-
-Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er,
-der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge
-der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein;
-einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne
-ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er,
-der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und
-die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.
-
-Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber,
-aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen.
-Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor
-konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder
-ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf
-und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in
-das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das
-noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der
-Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum
-Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und
-peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der
-Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ --
-Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben
-auch die Alpenwässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer
-wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine
-Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.
-
-Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten
-über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an
-Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die
-Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur,
-denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen
-hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau
-erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die
-Männer, und auch Fronele mit ihnen.
-
-„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und
-zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie
-drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson
-im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten
-sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches
-Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“
-hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun
-der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in
-Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den
-Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das,
-was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.
-
-Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein
-drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm
-sogar an den Kopf. -- „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese
-Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine
-Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum
-Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.
-
-Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des
-Mannafalles in der Wüste.
-
-Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann
-horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts
-zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im
-Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne
-standen am Himmel.
-
-Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den
-Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er
-sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten;
-sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne
-Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten
-Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die
-schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.
-
-Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand
-er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache
-kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er
-nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch
-die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.
-
-Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer
-hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen;
-bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein,
-wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde
-nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib
-gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen --
-aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!
-
-Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe,
-in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige
-Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der
-Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von
-einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen
-Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.
-
-Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf
-leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine
-Spur von einem Bewohner.
-
-„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm
-vergehen.
-
-Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben
-im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und
-siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen
-die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.
-
-Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit
-Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich
-mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu
-erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen
-der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher
-aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune
-gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen
-und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.
-
-Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten
-kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor
-nicht für gerathen und so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau,
-bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die
-Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.
-
-Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und
-sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten
-hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die
-kleine Hochzeitspartie im Gebirge.
-
-In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt.
-Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom
-Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz
-eine Wiege bauen lassen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Fremde im Vaterhause.
-
-
-Die Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher.
-
-„Anderlacher Franz!“ ruft er.
-
-„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das
-war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den
-sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden.
-
-„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher.
-
-„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder -- der hat keine rothen
-Augen!“
-
-Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals
-einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des
-Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte
-nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand
-und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag
-im Gebirge -- für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu
-tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem
-Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine
-Schuldigkeit gethan.
-
-Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen
-durch, um den Brief in Empfang zu nehmen.
-
-Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle,
-wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim
-Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war
-zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater
--- und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht
-schreiben kann.
-
-Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich -- der Herr Pfarrer
-von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst
-nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was
-daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm
-sagen lassen.
-
-In dem heutigen Brief steht Folgendes:
-
- „Lieber Franzel!
-
- Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden,
- wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu
- behüten.
-
- Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe
- beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht.
-
- Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das
- Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei
- Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die
- Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst.
- Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein
- und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im
- Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein.
-
- Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein
- Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß
- Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht.
-
- Vor einiger Zeit -- ich glaube, es ist schon drei Monate -- haben
- sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und
- ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich
- festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das
- nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient
- sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem,
- was man ihm aus Güte thut -- kurzum, er spielt den Herrn im Hause.
- Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei
- Rücksichten beobachten -- ich weiß nicht, ob sich der junge Student
- mit diesem Menschen wird vertragen können.
-
- Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und
- vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund
-
- Josef Paumgartner,
- Curat zu St. Agnes.“
-
-Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein
-Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der
-Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im
-Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung.
-
-Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht
-über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen
-sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so
-herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel
-Sach’, was soll noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater
-etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht
-gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? -- Nein, nein, heimlich, das
-thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die
-Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen.
-
-Oder? --
-
-Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein -- albern, daß es
-ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater
-nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer
-in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer
-erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und
-lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt
-wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er --
-sagt der Vater -- in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer
-stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. -- Der
-Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat
-war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn
-die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf
-deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt
-um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche
-Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so
-lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld
-zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so
-viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der
-Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um
-und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die
-Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte
-der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und
-ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen.
-
-Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so
-Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß
-Gott wo sonst überall herum.
-
-In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter
-anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was
-soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“
-
-Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause
-und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht
-geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt
-das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen
-frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten
-Dich mit Freuden.“
-
-Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer -- aber diese verdächtige
-Einquartierung daheim!
-
-Die Vacanzen sind da.
-
-Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er
-nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken.
-Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.
-
-„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten
-zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den
-Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden,
-Anderlacher.“
-
-Bischof hin und Bischof her -- der Franzel geht jetzt heim auf die Alm.
-Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf
-des Kronenwirths Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht
-läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur
-sein Gewehr -- im Schachen giebt’s Spatzen.
-
-Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein
-graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch
-die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser
-Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für
-Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan,
-hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige
-Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was
-für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war,
-als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck.
-Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den
-Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte
-sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen
-ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den
-Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter
-gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen
-solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder
-nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine
-dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem
-glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol
--- und fröhlich ging’s der Heimat zu.
-
-Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so
-thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem
-steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was
-ging ihm das Herz auf!
-
-An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er
-unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn
-der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.
-
- * * * * *
-
-Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.
-
-Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der
-Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die
-Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets
-umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die
-holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut
-kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so
-giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der
-Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner
-Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem
-nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der
-knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube
-tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das
-Leible z’samm!“
-
-Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt
-sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles
-geschlichtet.
-
-Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden -- geschnitzt hat sie
-der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden
-Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt
-schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten
-nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig
-des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste -- das erst seit Kurzem
-seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum
-Anpacken -- langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem
-„Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit -- der Anderlacher ist
-haushälterisch im Genuß -- ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So
-sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein -- aber
-inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er
-hat es.
-
-Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?
-
-Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der
-weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben,
-sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind,
-während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer
-Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand
-hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten
-rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart
-betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und
-Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der
-himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“
-
-Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über
-den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein
-unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am
-Spulen, sei’s beim Nähkorb -- so kommt gleich die Maus der Gertrudis
-und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.
-
-Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht
-„g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist
-ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. --
-
-Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die
-Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den
-Platz erobert hat. Der „süße Namen“ ~JI[±▼]IS~, der zu Häupten der
-Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle,
-das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den
-Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume
-zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.
-
-„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer
-vom Himmelreich.“
-
-Sie schaukelt und singt:
-
- „Nutz Heidl, mei Schatz,
- Auf’m Ofen steht die Katz,
- Die schwarze und die weiße,
- Die will das Büble beiße.
-
- Nutz hei ab, nutz hei ab,
- Das Katzl lauft den Steig ab,
- Lauft ein schwarzes Hündl nach,
- Beißt dem Katzl ’s Fußel ab.
-
- Nutz Heidl
- Grüne Stäudl
- Rothe Beerl dran,
- ’s Büble schlaft schon.“
-
-Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das
-Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den
-Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.
-
-’s ist aber auch kein Fried’ im Haus -- ein ketzerhaftes Poltern
-vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und --
-sonst doch so ein gescheites Thier -- bellt er und winselt heute, wie
-närrisch.
-
-„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“
-
-Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“
-
-Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“
-
-Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein.
-Nur der Vater -- so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet
--- trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die
-Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den
-Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird
-sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat
-ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm -- gottlob, diesen
-Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So
-kommen sie zusammen..
-
-„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.
-
-„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.
-
-Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er
-richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! -- Man weiß
-nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen
-gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die
-Tannen wachsen.
-
-Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel
-gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt,
-dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht
-das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch,
-der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in
-den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.
-
-„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt
-sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden
-Enkel zitternd die alten Hände entgegen.
-
-„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf
-ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der
-Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? -- Was
-schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will
-reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann
-sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu,
-„jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“
-
-„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s
-geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“
-
-Sie schauen sich gegenseitig an.
-
-„Sicherlich wieder so ein Soldat?“
-
-Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege,
-jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, +der+
-ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“
-
-Da macht der Bursche große Augen: Der!
-
-„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.
-
-Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. --
-Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem
-Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte
-Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und
-halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt
-will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte
-gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.
-
-Der Maler -- Franz Defregger ist sein Name -- hat diese liebliche Scene
-geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust
-dargestellt.
-
-Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen
-nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.
-
-Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf
-seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da
-hab’ ich auch noch so Einen! -- Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht
-ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz,
-noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich
-der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen
-wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge
-leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als
-Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind
-nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in
-unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht
-den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St.
-Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut,
-rechtschaffen und schön -- und aus der Sacristei kommt der Bruder,
-der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem
-Martinele das, was er selbst nicht hat -- ein liebes Weib.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Als Hans der Grethe schrieb.
-
-
-„Ist sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum
-Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich
-da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“
-
-Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der
-scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich
-jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen
--- gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den
-Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie
-ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich
-deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s
-’leicht d’rauf? Und von wem denn?“
-
-„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht
-mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst
-ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“
-
-„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber
-erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann
-leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’
-ich Schaden than!“
-
-Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich
-an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom
-Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein
-Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz
-verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht
-d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel,
-weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst
-derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie
-den Brief mit Müh’ und Noth -- was er denn schreibt, wie’s ihm denn
-geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß
-kriegführen gehen!?
-
-Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans
-recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster,
-das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.
-
-Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl
-aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei
-war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem
-Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt,
-und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er,
-freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so
-viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn
-schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn
-gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von
-Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“
-
-Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit
-nieder gegen den Busen so jung, und zart -- ließ den Brief dort ruhen.
-Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht
-sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd:
-„Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ -- Dann
-später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er
-wär’s selber -- wie er da so sauber gemalt ist.“
-
-So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen
-vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn
-das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß
-nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort
-gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt.
-Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich
-gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich
-Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“
-
-Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen
-Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit
-zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn
-so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’
-Sünd’, so viel Sünd’!
-
-Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu
-im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf
-der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der
-Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat
-sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das
-ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl.
-
-Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf
-die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl
-kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die
-Christl.“
-
-Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die
-Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut
-kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam
-zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte,
-allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn
-sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen
-sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines
-Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.
-
-So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt
-lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist
-er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’.
-Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.
-
-Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und
-der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken
-war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und
-Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt.
-Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht,
-was er Einem schreibt.
-
-Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- that
-sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die
-Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.
-
-„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht
-ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“
-
-Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so
-leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen
-und Stecken, wie sie waren, dazwischen.
-
-„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl
-freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans,
-freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für
-die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.“
-
-Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“
-
-Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen,
-Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus
-den Fingern zerren.
-
-„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich
-Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt,
-Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“
-
-Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich
-Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das
-hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“
-
-Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie
-dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir
-aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so, nur
-Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s
-halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich
-weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht;
-freilich trau’ ich mich nicht. -- Ging Dir halt nicht von statten,
-meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st
-probiren -- leicht ging’s, Christl.“
-
-„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach
-einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl
-sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“
-
-„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“
-
-„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.“
-
-„Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit
-wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“
-
-„Um so besser,“ rief die Christl.
-
-„Nein, ich -- weißt, er soll’s halt nicht wissen, und -- wirst steh’n
-bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! -- Er
-leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ -- ich weiß, daß er’s
-nicht leid’t -- freilich nit.“
-
-„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“
-sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’
-+still+ lesen lassen? +Laut+ soll er ihn lesen, Dir vorlesen
-soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein
-Wort davon -- kein Wort.“
-
-Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja --
-weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben
-angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er
-den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin
-steht.“
-
-„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn
-redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein,
-auf alle Mittel und Weis’!“
-
-„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“
-
-„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’
-er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’
-Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du
-mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“
-
-„Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl,
-„bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit,
-thät’ mich der Hansl heiraten. -- Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen
-’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen.
-Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und
-laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen -- ja, laß Dir Zeit!“
-
-Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in
-hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.
-
-Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist
-sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der
-alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die
-Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der
-Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und
-laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“
-
-„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief
-diese noch aus dem Walde zurück.
-
-Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen
-hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das
-Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie
-nicht.
-
-Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie
-diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus
-dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.
-
-Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze,
-seitdem Vater und Mutter gestorben.
-
-„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und
-Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt,
-seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling,
-Tochter, Kind.
-
-Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte
-schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den
-Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann
-sagen, der Schwanenwirth-Christl.“
-
-Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser
-seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.
-
-„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine
-Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.
-
-„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen
-befangen schnell.
-
-Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den
-er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand,
-da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“
-
-„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der
-Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ --
-
-„Der Schwanenwirth-Christl ihrer --“
-
-„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut
-lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim,
-aber gleich wieder.“
-
-Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er
-den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern
-stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich.
-„Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern.
-Innigstgeliebte Margaretha! -- steht’s geschrieben.“
-
-Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber so
-heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so
-laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“
-
-„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in
-bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und
-mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal
-avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde,
-was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich
-denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage
-ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So
-schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich,
-daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil
-sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das
-von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht
-geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses
-sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut
-hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf
-mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir
-paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief
-brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in
-den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am
-Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du
-von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein
-Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab
-
- Dein
- Johann Kinigl,
- Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“
-
-Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- „Von der
-Muhme das!“ sagte er endlich.
-
-„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der
-Schwanenwirth-Christl ihrer --“
-
-„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein
-niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen,
-verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.
-
-„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger
-ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen
-und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen
-werden im Himmel geschlossen.“
-
-„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen
-Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem
-Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er
-sonst nichts, den Bettelsack um.“
-
-„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich
-deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl,
-rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen;
-kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den
-Büchern lesen --“
-
-„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet.
-Marsch in Deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl
-gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der
-Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’
--- ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich
-nit!“
-
-Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte
-ihrem Hofe zu.
-
-Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in
-ihrem Namen:
-
- „Lieber Hans!
-
-Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.
-
- Margaretha Krautwascherin.“
-
-Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und
-wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter
-und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch
-heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein
-Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.
-
-
-
-
-Wie ein Kaiserjäger fensterln ging.
-
-
-Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet;
-ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach
-den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle
-Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen
-Tropfen Wein geben.
-
-Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter
-Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s
-wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.
-
-Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in
-sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen
-zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’
-die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht
-unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das
-Gemüth und wird zur Pein.
-
-Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und
-gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn
-umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht
-im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte
-daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die
-treue, stille Heimat -- desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein
-namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und
-allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.
-
-Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige
-Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.
-
-Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh
-desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat
-geduldet -- ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit
-heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben,
-oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat
-wieder.
-
-Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier
-einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat
-zugetragen hat.
-
-Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches
-Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war
-befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in
-Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht
-lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den
-Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens
-mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab
-sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den
-Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.
-
-Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger,
-sondern erst die Einleitung.
-
-Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt
-und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe
-Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische
-Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des
-Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft
-der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen
-hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte
-Allegorie. +Josef’s+ Herzensgebieterin aber war sehr jung und
-schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen
-Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz
-Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur
-einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war
-nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag
-in Steiermark.
-
-Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort
-lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb
-es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr
-gesehen hatte.
-
-Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im
-Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer
-wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber
-er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten
-nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen
-die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich
-desertir’!“
-
-Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die
-Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“
-
-Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen
-Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht
-beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht
-hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt.
-Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um
-Viele damit zu beglücken?
-
-Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen.
-Josef jubelte über diesen Befehl -- jetzt fährt oder marschirt er in
-wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch
-Minna wieder.
-
-Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment
-geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er
-indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder
-hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er --“ Er gab dem Diener
-einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder
-vermehrte noch verminderte.
-
-Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’
-nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“
-
-Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria,
-das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das -- wie
-zum Trotze -- alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.
-
-Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden
-Gemächern allein. -- Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte:
-„Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“
-
-Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die
-Gassen dem Bahnhofe zu.
-
-In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher
-Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf
-seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den
-Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und
-marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.
-
-Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß,
-daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig
-bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne
-bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und
-das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach
-und ohne die geringste Beschwerde.
-
-Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird
-es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“
--- Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest
-und küssest, so wird sie es begreifen -- aber in zwei Stunden mußt Du
-wieder auf dem Bahnhofe sein.
-
-Josef ist glückselig.
-
-Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder,
-wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht
-schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und
-Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.
-
-Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft
-an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter;
-jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen.
-„Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna
-einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch
-noch die Scheibe ein!
-
-In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente
-wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet.
-Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen
-ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken
-nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier
-und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel
-Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche
-die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die
-Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“
-
-Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die
-Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und
-Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“
-
-Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und
-brummte.
-
-„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben
-gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer
-Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“
-
-Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem
-Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch
-kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen,
-diesem verdächtigen Mauser!“
-
-Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte -- jubelte über die Schläge, die
-er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten
-Nebenbuhler zugedacht. Wohl erzählt die Chronik auch von einer
-zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen
-Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der
-Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig
-auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.
-
-Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien:
-„Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in
-den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe
-schlug das Signal des Zuges nach Süden.
-
-Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre
-des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.
-
-Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat
-Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.
-
-„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel
-geträumt.“
-
-„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“
-
-„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“
-
-Der Schalk!
-
-
-
-
-Arthur heißt er!
-
-
-Wenn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr
-gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste
-und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten,
-fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich
-laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das
-unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein
-Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu
-wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon
-spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir
-buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für
-alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!
-
-Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine
-Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten
-Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt
-war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.
-
-Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“
-
-In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte
-und bestrebt war, meinen Wunsch zu proclamiren, fühlte ich in meiner
-Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich
-mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz
-gewesen.
-
-„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie
-will nicht gehen.“
-
-„Schön! Ist sie aufgetrieben?“
-
-Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend
-etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an
-der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie
-ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen
-Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende
-würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette
-gemacht haben!
-
-„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen
-da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so
-liebenswürdigen Fräuleins --“
-
-In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch
-trat herein.
-
-„Servus, Malchen! -- Numero sicher?“
-
-„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause
-begleiten!“
-
-Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der
-unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf
-das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.
-
-„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“
-
-„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“
-
-Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.
-
-„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen
-gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.
-
-„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“
-
-„Werden Sie die Uhr selbst holen?“
-
-„Jedenfalls.“
-
-„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im
-Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“
-
-Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar
-ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen
-Diener“ wird.
-
-Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste
-Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten
-Zustand versetzt hatte.
-
-Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.
-
-Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte
-ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor -- und +wenn’s+ auch ein
-wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! --
-Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.
-
-Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las
-dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet,
-daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig
-sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den
-Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt
-zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet
-von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in einem einzigen
-Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von
-Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von
-Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. -- Plötzlich
-rief er aus: „Pardon!“
-
-„Was haben Sie?“
-
-„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn
-glatt scheeren?“
-
-„Pfui Teufel, so geschmacklos!“
-
-„Ich dächte, Fieschi?“
-
-„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“
-
-„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im
-Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“
-
-Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück -- Gott im
-Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!
-
-Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht -- in stiller
-Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die
-Stirne.
-
-Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch,
-wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen;
-da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes
-vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der
-geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.
-
-Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja
-praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen;
-also nur kein +graues+ Haar wachsen lassen, es wird schon noch
-dunkelbraunes kommen!
-
-Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg
-den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine
-Eintrittskarte in das Opernhaus.
-
-Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war
-wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein
-mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.
-
-„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.
-
-„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“
-
-„Haben Sie die Güte -- die Marke!“
-
-„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“
-
-„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“
-
-„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon
-spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“
-
-„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“
-
-„Ja, ja, das war ich.“
-
-„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden
-nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr
-persönlich holen.“
-
-„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.
-
-„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.
-
-Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.
-
-„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der
-Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Abenteurer, Sie, wenn Sie nichts
-vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die
-Polizei in der Nähe!“
-
-„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich
-kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie
-keine Marke verabfolgten; -- es war auch sonst noch Jemand da --“
-
-„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte
-das Mädchen.
-
-„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise,
-„und möglich, daß er heute wieder kommt -- +Arthur heißt er+!“
-Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.
-
-Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn
-doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie
-nicht auf den ersten Augenblick -- bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß
-sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“
-
-Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. --
-
-„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.
-
-„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem
-Opernhause zu.
-
-„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich
-auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr --
-sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.
-
-Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Eine Schatzgräberhistorie.
-
-
-Kann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je
-noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just
-nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein.
-
-Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in
-der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz
-zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet
-hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben;
-hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber,
-das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll.
-
-Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide
-ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so
-Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet
-durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz
-und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen
-Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter
-umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und
-tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit
-ihm schon zur Hälfte im Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht
-gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit
-demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that
-ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen
-böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und
-meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner
-Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst
-sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne
-Capelle oben auf dem Birkenberg!“
-
-Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine
-prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte
-sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die
-Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen
-Versunkenheit zogen.
-
-Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen
-konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie
-denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig
-sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich
-verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die
-prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war
-die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet
-und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein
-erbauen zu können. -- Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß
-nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? -- Der gute Guido wußte
-wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch
-bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller
-Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’
-ihm zur höchsten Freude.
-
-Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem
-Unterhalte; doch der Schatz -- es war gerade, als ob der Böse darauf
-säße -- den Schatz stach er nicht.
-
-Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte
-noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld
-zu schaffen für den gelobten Bau.
-
-Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen
-sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen
-Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im
-Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an
-einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust
-und ächzte.
-
-Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und
-murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus
-und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam
-und hilflos versterben.“
-
-Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann
-bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte
-er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest
-im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ -- Dann zog er mit bebender
-Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter
-Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und
-wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt -- nur mein Jacob
-kann’s sein -- so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings
-verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um
-Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann und thut mir
-das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“
-
-Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als
-nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war,
-wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden -- da
-saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war
-Geld darin, viel Geld....
-
-Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? -- Ja, dachte er, das ist
-ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und
-sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und
-damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man
-abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem
-Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen
-und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns
-Allen geholfen.
-
-Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge
-das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem
-rothen Dache weit in das Land hinaus.
-
-Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute,
-das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den
-Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald
-fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen
-Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde
-zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu
-seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein
-Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er
-gleich zehnmal gestorben.
-
-Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf
-dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden
-Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen
-Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz
-auf der Moorheide entdecke.
-
-Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder
-schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem
-der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in
-seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig
-stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte
-ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und
-jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß.
-Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht
-zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht.
-
-So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von
-seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg
-zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit
-lauter Stimme:
-
-„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu
-mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“
-
-Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der
-Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“
-
-Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der
-Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine
-sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher
-Junge und er genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die
-Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt,
-als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der
-Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon
-gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und
-gescheit und viel manierlicher war, als der Alte.
-
-Es war im Städtchen bei einer Muhme erzogen worden und nur zur
-Sommerszeit manchmal beim Oheim im Einödhäuschen. Guido hatte sich aber
-nicht getraut, den Jüngling zur Rede zu stellen darüber, weshalb dieser
-auf der Moorheide so herumsteche oder auf der Bank bei seiner Nichte
-sitze. Und so hatte sich der junge Mann auch nicht verantwortet und
-überhaupt niemals näher mit dem Alten verkehrt.
-
-Oft hatte sich der Geologe, als welcher der fremde junge Mann in
-der Gegend herumging, so weit in’s Gebirge verstiegen, daß er keine
-Menschenwohnung fand und im Freien übernachten mußte. So hatte er auch
-gestern spät Abends auf dem einsamen Birkenberge in der stets offenen
-Capelle Obdach gesucht und sich hinter dem Altare in seinen Mantel
-geschlagen, bis zur Morgenfrühe, da er wieder weiterziehen wollte. Er
-ruhte gut auf dem Stein. Freilich kam auch zu ihm der Jude mit dem
-grauen Barte, der ihm seit vielen Jahren verschollen war; doch er kam
-in lieber, freundlicher Traumgestalt, denn es war sein Vater.
-
-Da er nun aber plötzlich des Vaters und seinen Namen rufen gehört
-hatte, fuhr er empor und auf den Alten zu, der angstgemartert vor dem
-Altare lag. Guido war wortlos vor Schreck, er stöhnte und bat mit den
-Händen um Gnade.
-
-Er hat Alles gestanden. Und eine Inschrift auf dem noch vorhandenen
-ledernen Täschchen hat Alles erwiesen. „Was soll es weiter,“ sagte
-der fremde Mann, „mich verlangt nur meines Vaters Grab zu wissen. Geld
-hätte mich nicht gehoben, das muß eigene Arbeit thun.“
-
-„Oh!“ rief der Alte verwirrt. „Wenn Du der Jacob Amsel bist, so ist die
-Kirche Dein; sie ist von Deines Vaters Geld erbaut. Aber die Gertrudis
-schenk’ mir heraus, die muß mir auf der Moorheide was helfen suchen.“
-
-„Das Kirchlein schenke ich den Gläubigen,“ sagte der Geologe, „auf der
-Moorheide aber giebt es sonst nichts zu suchen, als was Du lange schon
-gefunden hast. Du alter Torfgräber, seit vielen Jahren hast Du vom
-Schatze der Heide gezehrt.“
-
-Der junge Gelehrte hatte bei dem Gerichte Fürbitte gethan, daß der
-alte, einfältige Mann seine letzten Tage noch im Sonnenlichte verleben
-durfte. Hingegen hat er um dessen sittiges Nichtchen gefreit und
-dasselbe in den Banden der Ehe mit sich geführt. Das Kirchlein steht
-heute noch auf dem Birkenberge. Der Geologe läßt es vor Verfall
-bewahren, ihm ist es das theure Denkmal der Sterbestätte seines Vaters.
-Er selbst aber hat aus der Erde Tiefe schon manchen Schatz gehoben,
-den der Torfgräber in seinem Wahne vergebens würde gesucht haben. Von
-allen Schätzen der liebste aber war ihm sein Mariechen. Den legte er
-als echter Judensohn auf gute Zinsen an, und es verging kein Jahr, ohne
-daß Interessen fällig wurden. Der alte Jacobssegen ging reichlich in
-Erfüllung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Sanct Josef der Zweite.
-
-
-Wenn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt,
-es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s
-Kärntnerland, in das Thal der Gurk.
-
-In diesem Thale lebt Josef der Zweite.
-
-Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um
-ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um aus ~P.~
-M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden
-Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und
-Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen
-Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß,
-in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß
-ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem
-eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige
-Zeile zu finden, sondern -- und zum Unglücke -- mit der Nachfolge
-des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung
-und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur
-Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen
-anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt
-haben, er hätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und
-Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am
-erquicklichsten war.
-
-Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm
-einmal sein Beichtvater, ein alter Priester:
-
-„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in
-den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist
-ein Heide über und über!“
-
-Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der
-Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen
-anderen Seelenfreund zu suchen.
-
-Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer
-Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser,
-mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze
-an bis hinab zur großen Zehe.
-
-Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem
-Beichtvater.
-
-„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit
-dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein
-Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen
-als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen
-und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der
-Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“
-
-„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät
-wissen!“ meinte der Koloman.
-
-„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater.
-
-„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“
-
-„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen
-Johannes in der Wüste?“
-
-„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die
-Heuschrecken ein bißle lieber essen.“
-
-„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und
-Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St.
-Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä --“
-
-„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman.
-
-„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der
-Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St.
-Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer -- nun?“
-
-Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. -- Wohl wahr, diese Welt
-sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er,
-der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode
-auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde
-nehmen.
-
-„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist
-Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll
-Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und
-Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders
-in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“
-
-„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’
-und mein Weib nichts dagegen hätt’.“
-
-„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht.
-
-„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der
-Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daß ich heiraten sollt’, und
-der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“
-
-Der Priester schwieg ein Weilchen.
-
-„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den
-irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin
-müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. -- Euer Weib geht doch auch häufig
-zur heiligen Beichte?“
-
-„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so
-möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“
-
-„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der
-Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen
-Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach
-dem Herzen Gottes --“
-
-„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das
-ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz
-vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und -- nicht wahr,
-Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? --
-gesteinigt, enthauptet, oder so was? -- nicht? -- Punctum, beim Josef
-verbleib’ ich.“
-
-In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die
-Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den
-zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der
-Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen.
-
-Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes
-und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein
-Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten.
-
-Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war
-gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung;
-und sein Weib -- das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum
-Beichtvater erwählt hatte, -- theilte mit ihm gern diese Entsagung, und
-so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben.
-
-Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte
-ihm sein Weib einen Lilienstamm -- (es war aber eine Zwiebeldolde) --
-nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei.
-
-Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen
-lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock
-und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl
-nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr
-salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel
-gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt
-wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher
-Silberzehner dabei.
-
-So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus
-der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s
-Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der
-Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“
-
-Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte:
-
-„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“
-
-„Warum?“ versetzte er.
-
-„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur
-Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe.
-
-Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz
-liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“
-
-Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege?
-Wieso denn? -- Wieso denn das, Maria?“
-
-Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden.
-
-Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder --
-stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand.
-
-Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und
-Wunder an ihr geschähen?
-
-„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks
-zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause
-geschehen.
-
-Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er
-den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er
-seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das
-Buschwerk davon.
-
-In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es
-genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen
-wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig -- ein welker
-Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses.
-
-
-
-
-Der Wolfl von Kirchberg.
-
-
-Sie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit
-viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer,
-trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie
-voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz
-am Wechsel.
-
-Ich bin dazumal -- es war vor Jahren -- an den Schauerdenkmalen
-menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der
-Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal
-bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen
-Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen,
-regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in
-der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu
-schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter
-Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen
-Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen
-und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein
-schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu
-den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels.
-
-Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der
-Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere
-hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“
-
-Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz
-über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch
-hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte
-eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das
-war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat
-zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr
-Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt,
-aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der
-Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“
-
-„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und
-leise für sich setzte es bei: „Der +muß+ helfen, ’s kann gar nicht
-anders sein.“
-
-Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt
-hastig fürbaß.
-
-Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele
-hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist
-wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die
-tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein
-Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste
-schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem
-undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder
-und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte:
-„Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“
-
-Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich
-sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das
-er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den
-Sitz nieder.
-
-„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich
-ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen
-dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent
-aussehender junger Mann.
-
-„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen
-Mannes zu entgegnen.
-
-„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem
-Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen
-sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’
-kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund
-auf’s Saufen.“
-
-Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der
-Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer,
-habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder
-ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und
-eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.
-
-Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein
-großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen
-sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen
-auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter
-Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der
-Wolfgangskirche -- an den Erzbischof Rauscher nach Wien -- ein
-Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen
-Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten so gern die
-alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und
-auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um
-Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der
-hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel
-bauen.“
-
-Was war die Antwort auf dieses Schreiben? -- Die Leute könnten auch in
-der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in
-den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. -- Das heißt, so hatte
-dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine
-Antwort.
-
-Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir
-wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur
-Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem
-Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser
-Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber
-mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang
-in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele
-hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.
-
-Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte
-uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale
-Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und
-sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier
-traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie
-sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein
-Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen
-seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie
-Bergmann und zieht Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und
-führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die
-seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit,
-denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre
-Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.
-
-Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst
-in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’
-seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in
-der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf
-aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig
-ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine
-Pickelhaube -- aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon
-wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der
-Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und
-lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben
-heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem
-Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings,
-der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich
-dahinter und kichert.
-
-Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere
-Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist
-ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und
-badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener
-kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag
-schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung
-was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so
-verführt, und bei der nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht
-losgesprochen worden.“
-
-Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder,
-Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen,
-voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte
-mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu.
-Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen --
-mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“
-
-Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß
-reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche
-bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in
-die Höllen hinab!“
-
-Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß
-man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn
-in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt!
-Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in
-der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den
-saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“
-
-Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen
-Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der
-Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe.
-Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht
-nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die
-Höhe glaube.
-
-Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns
-die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“
-
-Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß
-Kranichsberg erstrecken?
-
-Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom
-Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.
-
-„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der
-Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch
-eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der
-Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch
-plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und
-weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett
-beiseite, und siehe -- das helle, holdselige Tageslicht und das weite
-Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.
-
-„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch
-hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und
-letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“
-Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich
-an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht,
-so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal
-von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man
-soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“
-
-So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als
-ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte,
-sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast
-stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann
-sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein
-Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“
-
-Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich
-wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein
-schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen,
-stand ein freundlicher Altar.
-
-Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß
-des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl
-dauerte -- doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche
-wieder herstellen.
-
-Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es
-sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche
-geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er
-mit seinem Herzlieb getraut worden.
-
-Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die
-Welt hier oben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Junge und der Alte.
-
-
-„Na, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch
-meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt
-genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! --
-Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel.
-Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen,
-nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir
-nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und
-Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn +das+
-nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit
-+solchen+ Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig
-thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der
-gescheit’ Seppel thät sein -- auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“
-
-„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater
-hat doch auch Eine genommen.“
-
-„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)!
-Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst
-heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“
-
-„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“
-
-„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und
-Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf
--- hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen
-(entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner
-ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“
-
-„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“
-
-„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in
-Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater
-ist.“
-
-„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, +warum+ er’s ist.“
-
-„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die
-Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“
-
-„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich
-schlafen.“
-
-Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem
-dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.
-
-Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem
-Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für
-sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte
-betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen
-Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.
-
-Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den
-Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.
-
-„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine
-drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.
-
-„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich
-will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns
-Zwei -- was wir ausgeredet haben -- ist’s dieweilen noch nichts. Ich
-verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir
-gach einfallt, daß ich komm’!“
-
-Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner
-Feinheit -- Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde.
-Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt.
-Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine
-Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt -- sie soll nur warten, ’leicht wird
-sie wärmer -- und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts
-versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater
-nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten,
-auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. -- Deswegen
-war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter
-lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch
-großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor
-den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und
-sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den
-Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns
-g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft
-geben.“ -- Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß
-es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine
-noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem
-Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist
-Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.
-
-Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich
-um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um
-einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der
-Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch
-auf den Vater nicht ganz vergessen.
-
-Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht
-vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im
-Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. --
-Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und
-rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht
-ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus
-sechs Brettern...
-
-„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.
-
-„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein
-solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug
-dazu.“
-
-„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr
-dermacht er’s.“
-
-„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett
-kosten. -- Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“
-
-„Ja, wer -- wer denn?“ fragte der Sohn.
-
-„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann
-liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt.
-Keine Mutter haben, ein Waisel sein -- ’s ist eine arme Sach’.
-Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich
-gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch eine
-Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen
-Gedanken noch da.“
-
-Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir
-etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’
-auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater
-denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das
-vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir
-ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich
-wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“
-
-„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen
-muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin.
-Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.
-
-Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein
-härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine
-Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“
-
-Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.
-
-Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her,
-jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die
-Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“
-
-„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind
-auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich
-bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß
-sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den
-Mann.“
-
-Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die
-Christine: „Na, welchen denn?“
-
-„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr.
-Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten
-nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s
-Eil!“
-
-„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig
-sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt
-möcht’ er was dreinreden.“
-
-„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich
-fürchterlich vor dem Vater auf.
-
-„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei
-Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“
-
-„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal
-lieber,“ drauf der Alte.
-
-„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich
-Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt,
-und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“
-
-Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau
-Keine an, außer Dir!“
-
-„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis
-auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel
-von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach
-einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er
-Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm
-heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine
-Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater
-und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von
-Dir hab’ ich genug!“
-
-Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr -- es
-bleibt ja Alles aus!
-
-„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon
-Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“
-
-„Das mußt erst sehen,“ sagte diese -- und war fort.
-
--- Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.
-
-„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß,
-„einen Spaß wirst doch verstehen.“
-
-„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes
-denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“
-
-Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der
-nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der
-Schneider und der Tischler sind fertig.“
-
-Nun --? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd.
-
-
-Im Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das
-Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der
-Preiner-Michel den Bock geschossen.
-
-Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal
-fuhr. Der Oberförster -- Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher
-die Geschichte erzählt -- hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er
-war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den
-Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den
-Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog,
-wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der
-Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“
-
-„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.
-
-„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“
-
-„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“
-
-„Der kann’s +nicht+ thun,“ sagte der Oberförster.
-
-„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der
-Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“
-
-„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was
-geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß
-der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl
-geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das
-wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt --“ und machte mit den zwei
-Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn
-schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken
-wüßt’.“
-
-„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der
-Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne
-und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.
-
-„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es
-ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“
-
-„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“
-
-„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen
-festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem
-fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“
-
-„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.
-
-„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als
-traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß
-es ausgeführt werden.“
-
-„Nachher ist’s ja recht.“
-
-„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“
-
-Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.
-
-„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich
-+nicht+!“
-
-„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum
-mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“
-
-„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“
-
-„Nun, zu Deiner Beruhigung -- Du weißt ja, daß ich dem Herrn den
-Büchsenspanner abgebe -- werde ich das Gewehr blind laden.“
-
-„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn
-schießen?“
-
-„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und
-schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den
-hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat.
-Nicht vergessen auf’s Balzen!“
-
-„Ist recht.“
-
-Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. --
-
-Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich
-mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der
-Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf
-fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine
-klare stille Nacht.
-
-„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich
-sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“
-
-„Soll Sein Schade nicht sein. Doch -- hat Er’s gehört, jetzt? Ist das
-nicht ein Schuß gewesen?“
-
-„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat
-mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine
-ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts
-Seltenes.“
-
-Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr
-Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie
-das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn
-wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.
-
-So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in
-dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine
-Lust war.
-
-Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte
-flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.
-
-„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“
-
-„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der
-kleine Punkt....“
-
-„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur
-Wange. -- Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu
-früh, aber siehe -- diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu
-Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.
-
-Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger
-Vogel. -- Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den
-Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! --
-
-Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen!
-Aber -- was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen --
-was das sein mag? -- Sogleich ist Licht gemacht -- welch’ eine
-Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.
-
-„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er
-bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das
-vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne bisweilen in die Nähe der
-Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute
-irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese
-Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“
-
-Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen;
-auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel
-kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den
-todten Vogel herabgeschleudert hatte.
-
-„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu
-früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an
-meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen
-gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“
-
-In acht Tagen war das Revier verkauft.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Studentenpulver.
-
-
-Da gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine
-Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld.
-Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine,
-zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak
-gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein
-Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn -- einem
-weitläufigen Verwandten Frischer’s -- eine feine Aufnahme und noble
-Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem
-einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er
-selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des
-Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen.
-
-Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland.
-
-„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der
-Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen,
-wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens
-unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht
-verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte Tausender
-genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei
-Kreuzköpfeln --“
-
-„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt,
-„Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens
-wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele
-halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. --
-Und jetzt habe ich eine Idee.“
-
-„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal,
-daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das
-nicht glauben.“
-
-„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer,
-willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung
-stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. -- Und Du,
-Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“
-
-„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte.
-
-„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. -- Der
-schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“
-
-Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche.
-
-Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das
-versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem
-„Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider
-umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet,
-es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun
-gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres
-dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die
-Halterhütte. Der Halter -- Duckmichel hießen sie ihn -- war ein
-kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur
-in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die
-bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist.
-Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten,
-Alraunen u. s. w. behangen.
-
-Die beiden Studenten -- Stroche war nicht ganz fremd im Hause -- wurden
-mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und
-Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet.
--- Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr
-hinter sich -- die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die
-erste Bekanntschaft machen müsse.
-
-„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des
-Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur
-essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer.
-Ist wohl vergunnt! -- Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’,
-heißt’s, mein’ ich --? Na, gelt, weiß es ja. -- Viel dicker auf’s
-Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der
-Honig ist gar worden. -- Schau, schau. -- Vor nächst Jahren sind auch
-einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten,
-dem Schlederer-Ferl -- heißt er -- der Müh werth ein bissel ein
-Studentenpulver gegeben.“
-
-„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich
-vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“
-
-Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver
-bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt --
-für Wildschützen eine gute Sach’.
-
-Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing
-im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig,
-der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver
-angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf
-die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte
-laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so
-stürze zusammen -- vergiß nicht drauf!“
-
-Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze
-Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf
-kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster
-hinaus auf die gegenüberstehende Felswand.
-
-Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es
-ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß
-die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel -- sei es wo
-immer -- aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann
-fragte er: was denn immer Neues in der Welt?
-
-„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte
-Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der
-Kufsteinerfestung -- der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“
-
-„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „+Der+
-braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“
-
-„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu.
-„Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“
-
-„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen
-Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher
-hätte.
-
-„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des
-Räubers Kopf gesetzt!“
-
-Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein
-wenig mehr können, als Birnen sieden.“
-
-„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte
-der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s
-wohl!“
-
-„Weil --“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon
-davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“
-
-„Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin
-gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß
-dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede
-Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht
-sich schußfest -- aber vor diesem Pulver“ -- er deutete gegen seine
-Brusttasche -- „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem.
--- Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau
-den schwarzen Hannes gesehen.“
-
-„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter.
-
-„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben
-kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am
-linken Fuß?“
-
-„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal
-ein Standar in’s Knie geschossen.“
-
-„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust
-auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden
-Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen.
-Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir
-gesteckt hab’!“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter?
-Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner.
-Nu, ’s ist ja recht.“
-
-„Wohl, wohl, aber --“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver
-thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren
-haben ganz gewiß eines im Sack?!“
-
-Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann,
-„etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein
-kostspielig Ding!“
-
-„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür.
-Was thät’ der Schuß denn kosten?“
-
-„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der
-Schuß kostet einen Thaler.“
-
-Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes
-Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. -- „Es kann
-aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ -- Der Mann holte
-seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die
-Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“
-
-„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s
-Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet.
-
-„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig.
-Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine
-Creatur herum, die -- -- ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der
-leibhaftige schwarze Hannes ist!“
-
-Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl,
-wie er hinkt und sich duckt und späht -- ’s ist der flüchtige Räuber.
-
-„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal
-ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes,
-einen Kugelstutzen!“
-
-„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“
-
-„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist
-doch nicht schon geladen?“
-
-„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da
-heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen
-Raben losgedrückt.“
-
-„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden
-Pulvergattungen zusammenkommen.“
-
-„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr
-mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver.
-
-Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken.
-
-„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar
-hält,“ versetzte Frischer.
-
-„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und
-wartet bis ich rufe.“
-
-Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange.
-Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“
-In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend
-knallte der Schuß.
-
-Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten.
-Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand.
-
-Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist
-das Euer Pulver, das nicht kracht?“
-
-„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s
-ein Unglück!“
-
-Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde
-stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint
-Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? --
-Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit
-Schnupftabak. -- Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit
-lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit
-Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer
-Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das
-echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben
-einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“
-
-„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem
-Kameraden geschehen?“
-
-Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in
-der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse
-förmlich in den Schoß gefallen war.
-
-„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm
-hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß
-Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und
-dumm sind. -- Ist noch Buttermilch anständig?“
-
-Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben
-heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten
-auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das
-Studentenpulver schnupfen sie selber.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Eine Eisenbahngeschichte.
-
-
-Und sieben Plagen kamen über Aegypten. -- Es wären sicherlich acht
-gekommen, aber die +Eisenbahner+ sind damals noch nicht gewesen.
--- So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur
-Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie
-das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen
-Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern
-auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen
-Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo
-sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei
-sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren
-und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und
-Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum
-sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden.
-Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen,
-das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber
-den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert
-Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal
-begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was
-wachsen konnte. Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben
-das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die
-Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen
-Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ -- „Nein,“ sagst
-Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir
-nicht feil.“ -- „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt
-der Ingenieur, „dann aber +mußt+ Du uns den Grund abtreten!“ --
-„Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in
-einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem
-Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“
-
-Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer,
-und -- das ist gut. -- Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir
-heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht
-gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat
-der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die
-Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne
-sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges
-nicht ein -- ich auch nicht -- und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht
-die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht
-hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so
-müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.
-
-Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.
-
-Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes
-Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter
-Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber
-zwingt es.
-
-Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und
-ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.
-
-„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr
-wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich
-laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben;
-ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben
-sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar
-nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die
-Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch
-nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten
-Vater auf dem Todbett behandelt hat. -- Aber der Vorwand ist schlau,
-Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.
-
-Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das
-Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.
-
-„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie
-ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“
-
-„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses
-armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“
-
-Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „+Sechzehntausend
-Gulden+.“
-
--- Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine
-Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke
-über Haus und Grund des Schotterhans? -- Hier wird eine eiserne Brücke
-gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.
-
-Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das
-Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es
-pfeift auf ihn.
-
-Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute
-lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über
-seinem Giebel.
-
-Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen.
-Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt -- wie er’s
-stets gewünscht hatte -- im Hause seiner Vorfahren.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Naturforscher auf der Alm.
-
-
-Im Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem
-steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.
-
-Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar
-ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im
-Land!“
-
-„Was?“ schrie Alles.
-
-„Sie kommen gar auf die Alm.“
-
-„Wer?“
-
-„Sie rücken schon an.“
-
-„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und
-sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier
-vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie
-hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen
-Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief
-sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang
-der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken
-gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die -- die -- wie hast
-gesagt, wie heißt der Feind?“
-
-„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja
-kein Feind nicht!“
-
-„Was +denn+? So red’, wenn Du was weißt!“
-
-„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’
-Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der
-hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber
--- mußt wissen -- seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht
-bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter
-Herr, und ein bissel zaubern --“ der Fritz ließ einen forschenden Blick
-umherschießen -- „’s selb’ kann er auch.“
-
-Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über
-dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den
-Kopf schütteln.
-
-Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin:
-„Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“
-
-„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den
-Halterleuten, die beim Ofen saßen.
-
-„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort,
-„die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie
-der Radauer Schulmeister; haben aber -- rath’ ich -- noch größere
-Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel
-gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist
-kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“
-
-Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die
-Welt haben sie erfunden?! -- Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott
-Vater erschaffen!“
-
-Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der
-Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte. „Der Gott Vater!“ murmelte
-er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. -- Aber -- nachher möcht’ ich
-schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“
-
-„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der
-einen neuen Glauben aufbringen will?“
-
-„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört
-hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das
-läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten
-Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört,
-hätten sie vor Freud’ angezunden über und über -- so viel hätten sie
-beleuchtet. Bei allen Fenstern -- und es giebt viel Fenster in so einer
-Stadt -- hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf
-die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. -- Muß wohl was
-dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“
-
-So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im
-Almwirthshaus.
-
-Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der
-Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar
-gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten,
-ihrer Hütte zu. -- Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten
-Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann
-mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht
-mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert
-sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und
-stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch
-etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die
-Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. -- Dann hat sie -- die Agatl
--- auch noch extra was mit ihnen zu reden.
-
-So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. --
-
--- Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen
-in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen,
-schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf
-die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu
-trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in
-jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze
-prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der
-Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte -- eine Huldigung
-der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über
-diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und
-rathlosesten aber waren -- diese Dominikanermönche selbst. Sie waren
-unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht
-auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise.
-Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die
-Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung
-hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath,
-wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.
-
-„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber
-zweihundert Gulden.“
-
-„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.
-
-„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer,
-„der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“
-
-Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die
-Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich
-am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam
-belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer
-noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung
-ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der
-Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte -- meldete sich ein
-alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und
-erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme
-herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der
-Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite
-des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband
-und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf
-Oesterreich schwang -- da war es offen, kein Anderer als Der konnte
-die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte
-Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch
-die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen
-fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben
-entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen
-aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan
-gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die
-Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder
-herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte
-den Kletterer.
-
-Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich
-endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu
-entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige
-„Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem
-wackeren Veteran soll es -- weiß die Fama -- sein Lebtag nie besser
-ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner
-„gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.
-
-Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das
-Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die
-Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten
-Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens
-zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der
-Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt
-in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen
-und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen;
-der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den
-Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die
-Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet
-empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen,
-zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen
-Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse
-ausgezogen.
-
-Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.
-
-Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des
-Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase
-Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm,
-wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend
-welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei
-Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich
-geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten
-Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine
-Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.
-
-Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn
-uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit
-wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten
-um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen
-lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere
-Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte
-zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den
-Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.
-
-Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel
-saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser
-in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen
-auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen
-Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit
-der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch
-zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.
-
-Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der
-Welt und an sich selber. -- Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren,
-auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem
-Arm -- so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd
-ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll
-Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig
-die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte -- da stürmten
-sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie
-keck an der Hand und streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann
-wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter
-und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den
-Sonntagen.
-
-Und das -- meinte die Agatl bei sich -- sollten die Herren sein, die
-dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten
-die großen Gelehrten sein, die -- wie der Fritz erzählt hat -- den
-Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver,
-und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben,
-und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat),
-und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen
-Kopfhaar’ -- ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt
-und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten
-soll das Alles kommen? -- Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’
-muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar
--- ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s
-ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist,
-gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm
-mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. --
-
-Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei
-seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand
-gedrückt hatte. -- Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich
-wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für
-seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich
-nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph
-und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer
-Hälfte gern die Herzen und Nieren.
-
-Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo
-klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles
-mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und
-zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei,
-wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die
-in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und
-Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die
-Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen
-man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf
-Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie
-den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher
-noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem
-schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei
-war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr
-lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr
-Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe
-gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die
-Wurzel des Weiderich. -- Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um
-den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute,
-die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen
-abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken,
-sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.
-
-„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen,
-weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge
-schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen
-Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“
-
-„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr
-noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“
-
-Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.
-
-Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen
-grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor
-und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der
-Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt
-in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind
-so gern frißt -- mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge
-Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber
-nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.
-
-„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen
-die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und
-das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut
-stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten
-drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur
-einmal treibt. Und das -- kennst Du das auch nicht? -- das ist die
-blühende Untreu.“
-
-„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.
-
-„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“
-
-„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.
-
-„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch
-mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“
-
-Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die
-Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor:
-„Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“
-
-Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein
-Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“
-
-„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen,
-wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand
--- die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile
-in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.
-
-Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch
-allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle
-geprüft -- es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an
-den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in
-sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben
-und Schwaighütten hin verloren.
-
-Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit
-dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu.
-Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem
-auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der
-Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte
-sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle
-wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte
-sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen
-gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche
-die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des
-Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung
-des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit
-einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.
-
-Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer
-in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von
-der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche
-mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern
-Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein
-unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich
-rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer
-und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt --
-sie war doppelt schön.
-
-Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen
-Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen
-Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr
-geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“
-
-Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener
-geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. -- Aber es ist halt
-schwer, mit so einem weltfremden Herrn. -- Freilich ein großer
-Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....
-
-Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben
-mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum
-Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur
-Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht
-ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte.
-Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen
-und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein
-paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich
-rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge -- lang’
-thäten wir uns nicht aufhalten.“
-
-Der junge Mann ging mit ihr -- leisen Schrittes und im Herzen
-Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand
-zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im
-Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht
-Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und
-sie standen vor den Kühen.
-
-„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete
-auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’
-ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei
-Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an
-und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme
-Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie
-schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“
-
-Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die
-Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in
-der That, die Milch war ganz röthlich.
-
-Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte
-nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen
-genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine
-Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein
-Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber
-anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“
-
-Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune
-heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der
-Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“
-
-„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief
-das Mädchen.
-
-„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.
-
-Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich
-im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge
-allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer
-Stimme den Namen „Hansel“ rief.
-
-Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja,
-wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die
-rothe Milch. Adieu!“
-
-Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte
-er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine
-Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche
-getreten.“
-
-Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Eine mit Geld.
-
-
-Der Junge, der Samuel, trieb’s, -- er trieb die Ziegen auf die Weide
-und hütete sie.
-
-Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt,
-so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er
-wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten
-und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der
-Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.
-
-Diese Silberlinge!
-
-Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben --
-vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer
-wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen
-es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge
-nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit
-stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der
-Sammel -- der alte -- denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge,
-sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern
-im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie
-entgegen. Doch sollten sie -- wie Kaiser Rothbart -- so lange als
-möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt werden.
-Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und
-diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.
-
-Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich -- thust am besten
--- grabst ein, aber den Schatz -- wenn Du einmal auf ihn anstehst
--- grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen
-Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“
-
-Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich
-nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf
-wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich
-neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse
-jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander
-Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie
-waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe.
-Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich
-glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel
-hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können.
-Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe
-Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur
-Zeit der Noth.
-
-Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem
-Schatten ruhen -- zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der
-Söllertanne.
-
-Unter ihr selbst aber nie -- schon um keinen Verdacht zu erregen. Die
-Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund.
-Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz
-unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen
-sollte, selbst wenn -- kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig
-und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es
-Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern -- und selbst in diesem
-Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden
-konnte.
-
-Es hätte sich Alles fein geschlichtet -- wäre nur die Marianka nicht
-gewesen.
-
-In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel --
-wollte er sich überhaupt gesellen -- gern zum Förster, der oft durch
-den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen
-und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb
-der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen
-vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht
-mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.
-
-„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der
-Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka,
-das ist +mein+ Revier.“
-
-Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus
-dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das
-Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare,
-einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch
-die blühende Tochter Marianka hatte.
-
-Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die
-Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die
-Schafe vor den Wölfen.
-
-’s war kein Wunder -- bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel
-und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein
-und sann und im Sinnen einschlummern wollte, da war sie werth, daß man
-sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im
-Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.
-
-Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s
-nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im
-Walde, an sein Weilen bei ihr -- aber spricht nicht gern davon.
-
-Der Sammel und die Marianka -- nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am
-liebsten hätte der Grabenbursch auch +diesen+ Schatz vergraben --
-so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt
-mitten in der Liebesgeschichte.
-
-Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl,
-willst sie nehmen, die Marianka?“
-
-„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.
-
-„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf.
-„Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und
-hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist
-die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“
-
-Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok
-durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:
-
- „Lieber Fok!
-
- Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie
- heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s
- nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater
- gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe
- auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die
- Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger
-
- Sammel.“
-
-So ein Brief da!
-
-Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor
-dem Burschen. Was der Sammel wollte -- war es nicht ganz ehrenwerth?
-Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. -- Die Armen
-haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!
-
-Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke
-nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber
-meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief
-daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und
-das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun
-in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das -- was man Herz nennt
--- rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir
-die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt
-den Geldbeutel in die Brust!
-
-Den Geldbeutel? Die Silberlinge?
-
-In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den
-Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den
-kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses
-schöne Geld! -- Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie
-der Will’, ihr bleibt da drin liegen. -- +Ich+ hab’ zwei Hände,
-+sie+ hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur
-zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ --
-
-Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können,
-insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der
-Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.
-
-Zur selbigen Zeit -- er wurde gesehen -- ging der Fok einmal wie
-gewöhnlich mit seinem Pechsack aus -- und hatte auch eine großmächtige
-Kraue bei sich.
-
-Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an
-Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist
-schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der
-Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so
-denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der
-Welt. -- Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und
-die Alten. Die Marianka -- die arme -- wurde ganz blaß und tiefäugig
-vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu
-beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.
-
-Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme
-Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer
-Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel
-nicht sollte verloren gehen.
-
-Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja,
-warum nicht?
-
-Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen
-Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der
-Söllertanne zusammenführen ließ. -- Da haben sie gut liegen, wenn sonst
-auch nichts will wachsen.
-
-Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter,
-hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich
-der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser
-geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich
-einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.
-
-Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.
-
-Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine
-Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“
-
-„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“
-
-„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder
-verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst -- daß ich Dir’s schon sag’ --
-zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch
-nicht +viel+ d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s -- so lang mir der
-Herrgott die Gesundheit schenkt -- etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein
-Hunderter zum Anfangen -- was meinst?“
-
-Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!
-
-„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“
-
-„Eine Red’!“
-
-Ein Wort -- ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die
-Marianka.
-
-Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze,
-welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete --
-die Hochzeitskränze.
-
-Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf
-den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu,
-so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so
-oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“
-
-Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe
-ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende
-Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.
-
-Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück
-Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte
-aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen
-Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und
-allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner
-Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.
-
-Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder
-freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in
-Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin
-wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem
-Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen
-wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber
-Schwiegervater, der Branntweinbrenner. -- Der Sammel fürchtete
-nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues
-Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an
-Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den
-Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“
-
-„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und -- nimmt man’s
-recht, Du auch.“
-
-„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“
-
-„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor
-Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“
-
-Der Sammel war beruhigt. -- Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen
-in der Erde. -- Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der
-Fok ist fast immer zu Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht
-so leicht abtragen. -- So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf
-spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient
-sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom
-Schwiegervater.
-
-’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen
-nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s
-Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf
-steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch
-Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn,
-das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht
-hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz
-stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten
-auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der
-das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den
-Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es
-der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das
-insoweit eine ganz moralische Erzählung.
-
-Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe:
-„Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen!
-Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine
-rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch
-eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß -- noch von
-meiner Junggesellenschaft her.“
-
-Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was
-Sauberes sein. --
-
-Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und
-sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die
-Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.
-
-„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl
-(Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die
-Steine auseinanderwirft?“
-
-Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen
-im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.
-
-Gestorben, begraben -- und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus.
-Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige
-Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.
-
-Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat!
-Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.
-
-Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr:
-„Also jetzt geh’ ich!“
-
-„Wo willst denn heut noch hin?“
-
-Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’,
-warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf -- sie lag nicht
-allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der
-Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim
-Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer -- und wenn
-er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß -- der Sakermenter
-wußte, daß sie rund ist -- er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz
-gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth
-glühte, war der Schatz erreicht.
-
-Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der
-Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den
-Deckel herab, und siehe -- siehe -- alles Silber war dahin.
-
-Hingegen aber!
-
-Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten -- nagelneue, die erst vor
-wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. -- Und als sie der Sammel in
-wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend
-höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem
-Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:
-
-„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen
-Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich
-selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern
-glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den
-Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch
-des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der
-Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten
-auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar
-nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. --
-Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld
-wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf
-den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“
-
-„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren
-gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’
-Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“
-
-Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem
-Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“
-
-„Jeses und Josef, wie +so+ denn?!“
-
-„Verliehen war’s!“
-
-Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die
-heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.
-
-Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter
-an, eine Brave, Saubere -- Eine mit Geld!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Abelsberger Chronik.
-
-
-Der Burgermeister von Abelsberg.
-
-Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele
-Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die
-Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab -- sagen sie -- es verführe die
-Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so
-bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung
-des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten
-Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich
-ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde.
-Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre
-Steuern.
-
-Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die
-Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver
-nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da
-es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein.
-Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres
-Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe,
-Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben
-die Wildschützen in Sicherheit gebracht.
-
-Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten
-Abelsberger. Der Gemeindevorstand -- sie heißen ihn „Burgermeister“ --
-der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein --
-es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so
--- -- wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit
-auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf
-sonst was; und so -- munkelt man -- könnte es sich zutragen, daß
-eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der
-Gottesdienst ausbliebe, weil -- der Herr Pfarrer verreist.
-
-’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und
-über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd
-schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von
-den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein
-allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.
-
-Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht
-mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das
-linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. -- So war’s
-voreh’; dann ist’s anders geworden.
-
-Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe
-folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n:
-Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben
-werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war
-er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber
-das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter
-müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen,
-einen Ausgedienten; so Einer ist respectabel und kann laufen. Die
-Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und
-kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“
-
-Sie machten Ja darüber.
-
-Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein
-Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen
-langen klirrenden Säbel -- Gemeindegut -- und trug einen wuchtigen
-Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter
-Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen
-hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen
-gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das
-war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.
-
-„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach
-der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir
-gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal
-hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist
-meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die
-Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist,
-muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so
-muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag
-Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so
-wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen!
-Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer -- einfangen
-und in den Arrest treiben. Verstanden?“
-
-Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade
-und mit rasselndem Säbel davon.
-
-Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei,
-daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften,
-anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er
-in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an
-seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch
-dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand
-nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an
-welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.
-
-An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch,
-nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen
-Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus
-schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel
-schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus.
-Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die
-Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte
-er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.
-
-Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den
-schattigen Wald hinaus. -- Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei
-sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich
-auch heute der Diener meines Herrn.
-
-So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß
-hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder
-Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts
-klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem
-Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. -- Es wäre ein
-anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.
-
-Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er
-nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung
-zu, in welcher der Schuß gefallen war.
-
-Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann
-und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der
-Burgermeister von Abelsberg. -- Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte
-sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist +nicht+
-Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. -- Aber es
-ist ja der Burgermeister! -- rief in ihm eine andere Stimme. -- Thut
-nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein
-Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist
-jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot
-ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu
-zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg
-hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. --
-Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere
-Stimme. -- Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger
-mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der
-Ertappte sei +wer immer+: einfangen! -- Des höllischen Satans will
-ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht
-und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin.
-Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!
-
-Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig
-fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“
-
-Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.
-
-„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“
-
-„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja --
-es war ja --“
-
-„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger
-Stimme.
-
-„Na, so thu’ Er -- hi, hi -- -- thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“
-
-„Ich mach’ keinen Unterschied.“
-
-„Aber -- Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß --“
-
-„Im Namen des Gesetzes arretirt!“
-
-„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“
-
-„Marsch!“
-
-„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“
-
-„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel.
-Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart
-wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.
-
-Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der
-Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen
-erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die
-Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von
-Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch
-gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.
-
-Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche,
-sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein-
-für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den
-Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein
-mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen
-richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig;
-ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und
-ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen.
-Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine
-Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich,
-da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter
-für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und
-mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte,
-daß der Burgermeister darunter taumelte.
-
-Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg
-anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem
-Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat
-die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei
-uns sein Lebtag lang versorgt.“
-
-„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet,
-und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’
-pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“
-
-„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja
-vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die
-Kinder -- des Respectes wegen, versteht Er?“
-
-„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es
-wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn
-er stiehlt. -- Marsch!“
-
-Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem
-Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lärmendem, höhnendem
-Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der
-Schorsch:
-
-„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“
-
-Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen
-an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. -- Der
-Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem
-Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“
-
-Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale
-des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem
-Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung
-und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.
-
-Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.
-
-
-Der Brückenwirth zu Abelsberg.
-
-Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann;
-nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut
-besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als
-vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das
-Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.
-
-Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich
-bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der
-Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar
-sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit,
-sondern die Armuth.
-
-Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so
-die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja,
-schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den
-Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm
-kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann
-zu sein -- der Credit.
-
-Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit,
-aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm
-Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein
-Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der
-Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der
-reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er
-sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit
-verfiel.
-
-Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er
-nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran
-nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.
-
-Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche
-Sorge er -- der Brückenwirth -- getroffen hätte, daß er -- der Nachbar
--- zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.
-
-„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit
-schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die
-letzte Stunde verschoben hätt’! -- Ist er denn nicht da?“
-
-„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.
-
-„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder
-mitbringt.“
-
-Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und
-Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch
-finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der
-Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.
-
-„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.
-
-„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief
-ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der
-Brückenwirth sein Testament.
-
-„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem
-seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen
-nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig
-gewesen. -- Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich
-verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s
-der Herr aufschreiben.“
-
-Die Feder war schon lange naß gewesen.
-
-„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei
-Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll
-angeschafft werden. Nachher -- das auch aufschreiben: Beim hintern
-Altar -- der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat
-schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. -- Das Schulhaus braucht ein
-neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich -- daß tausend Gulden kommen
-sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme
-Waisenkinder aufschreiben. -- Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat,
-der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser
-Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. -- Aufgeschrieben ist’s?
-Nachher wär’s so weit richtig. Und -- wenn sie mich auf die Bank legen,
-so thut’s suchen im Bettstroh....“
-
-Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg
-und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es
-frohlockend: „Der Bruckenwirth -- wer hätt’ sich das vorgestellt!
-Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen
-Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken
-vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger
-was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir
-die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen,
-so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst
-erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger
-trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß.
-Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister
-zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:
-
- „Dem großen Wohlthäter der Gemein’
- Herrn Hans Michel Scherger
- Widmen diesen Stein
- Die dankbaren Abelsberger.“
-
-„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.
-
-In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.
-
-„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube
-vom Kopfe.
-
-Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um
-die Mittagszeit zum Essen rief.
-
-Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In
-derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die
-„Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der
-Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte
-sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.
-
-Und nach vierzehn Tagen war er gesund.
-
-Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu
-beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich
-hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen,
-und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt
-auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen
-sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’
-Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden
-thät.
-
-„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl
-so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s
-mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm
-beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war
-nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er
-Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich
-seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten
-es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.
-
-Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. -- Na, es
-war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben
-wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein
-Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor.
-Das Schulhaus braucht ein neues Dach -- es ist ja wahr! und wer wollte
-nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen
-Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben. Suchen mögen sie, wenn er
-auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....
-
-Gefunden hätten sie freilich nichts.
-
-Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war
-durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn
-der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und
-Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie
-läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr
-Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.
-
-
-Der Schulmeister von Abelsberg.
-
-War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg.
-Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen
-mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich
-graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur
-der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im
-Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der
-Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete
-Unkraut und säete Weizen -- zumeist taube Körner, die keine Keimkraft
-hatten. In Gottes Namen!
-
-Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem
-Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so
-verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine
-Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte
-er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb
-die Meinung sagte.
-
-Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm
-zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der
-Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von
-den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele
-dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der
-Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle.
-Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt
-sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur
-zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine
-Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser
-für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon
-allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner
-giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon
-gut.
-
-Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den
-Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber
-auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit
-Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie
-ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und
-den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen
-und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim
-bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen?
-Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die
-Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit!
-Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! -- Darum sagte ich:
-ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas
-mißliebig war bei den Leuten.
-
-Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die
-Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik
-aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht
-zusammenzufiedeln -- ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener
-und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem
-Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und
-gestrengen Gutsherrn wäre.
-
-„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister
-bissig.
-
-„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr
-laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“
-
-„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“
-
-Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest
-rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg
-gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am
-Aschermittwoch.
-
-Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht
-zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:
-
- „Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde
- untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister,
- an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu
- geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“
-
-Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein
-Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet
-
- L. L. von S.“
-
-Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster
-Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero
-feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin
-lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes
-dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt
-worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In
-ehrfurchtsvollster Erniedrigung
-
- Amt Abelsberg.“
-
-Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:
-
- „Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.
-
- L. L. von S.“
-
-Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem
-Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr.
-I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden
-sei. Dasselbe lautete wörtlich:
-
- „Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie
- gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.
-
- L. L. von S.“
-
-Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint
-haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister,
-der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde,
-einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.
-
-„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne
-Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“
-
-Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt,
-jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!
-
-Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung
-in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu
-sein.
-
-
-Der Thurmbau zu Abelsberg.
-
-Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die
-Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.
-
-Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte
-oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und
-Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal
-zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von
-Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber
-ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind
-sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und
-wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der
-Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und
-Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern
-ein wenig „in die Nacht hinein“.
-
-So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit
-seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei
-Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei
-Thürme hätten!“
-
-Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm
-wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.
-
-Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei
-Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“
-
-Der mußte auf der Stelle abdanken.
-
-Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach
-das Wort: „Geld zusammenschießen!“
-
-Der Mann mußte abdanken.
-
-Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren,
-jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch
-zwei Hörner haben --“
-
-Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen;
-nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine
-Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf
-das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder
-von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig!
-(Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich
-sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm
-zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel
-zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer
-Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in
-der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein
-Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen
-Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag.
-Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen
-Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“
-
-Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich
-zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch
-nicht um.
-
-Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der
-Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde
-zum Cassenwart gemacht -- und so war der Same gelegt zum Thurme, der
-sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen,
-an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben,
-mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer
-Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.
-
-Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche
-Mann kam -- auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für
-einen Thurm Gottes.
-
-Der Küster waltete treu seines Amtes und war -- nebstbei gesagt --
-nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche
-hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen --
-stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener
-goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede
-verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns
-sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an
-dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“
-eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen
-sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden.
-Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“
-
-Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen
-eben nicht schwer -- ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen
--- so trank er und trank wie ein Abelsberger.
-
-Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es --
-wie er so schön sagte -- „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein
-Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem
-Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit
-angehen will bis auf morgen -- eigentlich nur bis auf heute -- bis er
-nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt -- entdeckt er in
-seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor
-erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu
-thun pflegt. Das reicht für die Zeche -- es bleibt sogar noch etwas
-übrig.
-
-Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht
-nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist!
-„He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“
-
-Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war -- der
-letzte Knopf vom Thurmgeld -- da stand der Küster Thomas Reckenschlauch
-auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder
-umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war
-nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu
-sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken.
-Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und
-starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. -- „’s ist
-richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld -- er steht schon -- der zweite.
-Ach -- der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi!
-Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“
-
-Und taumelte entzückt nach Hause.
-
-Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun
-der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht
-hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten
-geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und
-zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat -- und
-daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten
-Thurm neben dem ersten stehen sieht.
-
-Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will:
-„Geh’ hin und thu’ desgleichen!“
-
-
-Zu Abelsberg beim Spielchen.
-
-Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie
-schlossen sich dabei ein -- der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein
-Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und
-ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein
-verbotenes Spiel! -- i bewahre -- beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“,
-ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.
-
-„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der
-Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von
-seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen
-Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes
-Geld.
-
-Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf
-weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl
-fürlieb nimmt. Und hernachen -- wie schon angedeutet worden -- ganz
-abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte
-in die Oberstube -- und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit
-leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin
-der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband
-hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt -- er
-war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten
-Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war -- und was die gut
-geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und
-dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten,
-so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem
-Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut
-es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen,
-hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn
-zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von
-Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber
-im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.
-
-Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und
-machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst
-spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.
-
-„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich
-doch auf Deinen Platz.“
-
-„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der
-geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“
-
-„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“
-
-So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem
-alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie
-der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut
-gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin
-und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl
-hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam
-ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit
-so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder,
-geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“
-
-„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s
-nächstemal +Deine+ Karten mit.“
-
-„Das ist eine Red’.“
-
-„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht
-in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“
-
-„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“
-
-„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten
-Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die
-Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“
-
-Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber
-sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch
-scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’
-gewesen, der Hochbergreichhofer?“
-
-Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig
-sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder
-nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen
-Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei -- ein rechter
-Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!
-
-Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich,
-Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“
-
-Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte
-wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel,
-aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.
-
-Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s
-Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“
-
-Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn.
-Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern
-nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that
-einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die
-Rose.
-
-Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah --
-den Spiegel.
-
-Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich
-langsam -- starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel
-offen lag -- starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt,
-Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden
-hast, der mir in die Karten schaut, nachher -- nachher glaub’ ich’s
-gern!“
-
-Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“
-rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist.
-Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’
-mir nicht unlieb gewesen, hätten +von+ Deinem Gelde noch lange gut
-gegessen und getrunken.“
-
-„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel +gar+ nicht aufgekommen, so wär’s
-Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.
-
-„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’
-uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du
-die Jause zahlst.“
-
-
-Ein Abelsberger Kalbskopf.
-
-Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte -- gestehen
-wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen -- einen Rausch. Auf
-dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie
-geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand -- zwei
-in eins und eins in zwei -- wie die siamesischen Brüder.
-
-Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat
-ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s
-mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:
-
- „Lieber Freund und Simerl!
-
- Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute
- Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
-
- Mit Grüßen
-
- Jakob K.
- Bäckermeister.“
-
-„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß
-er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um +eilf+ Uhr, und
-jetzt ist’s schon +zwölf+! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht
-zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir
-jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’
-zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und
-Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein
-Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet
-zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir
-auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s
-jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er
-mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden
-vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“
-
-D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende
-Zeilen:
-
- „Lieber Postschreiber!
-
- Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen
- heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
-
- Mit Grüßen
-
- Jacob K.
- Bäckermeister.“
-
-Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber,
-das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du
-bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber
-hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“
-
-Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl
-lachte sich in die Faust.
-
-Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das
-Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der
-Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören
-müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch
-wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.
-
-Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker
-Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim
-Weine saßen.
-
-„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister,
-„und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s
-aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie
-der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir
-Bruderschaft: Sollst leben!“
-
-Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er
-konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine
-Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja
-schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben
-hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr --“
-
-Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den
-Einser +doppelt+ gelesen.
-
-Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im
-Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein,
-der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den
-Schultern säße. -- In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu
-seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit
-
- „Trinken, trinken,
- Bis die Aeuglein sinken.“
-
-
-Die Abelsberger der Majestät.
-
-„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg,
-„denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht
-worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist,
-und von den Abelsbergern wird was erwartet.“
-
-„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der
-Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“
-
-„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein
-klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich
-mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir
-was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s,
-gar ist’s mit dem Simuliren.“
-
-„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.
-
-„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“
-
-So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so
-ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den
-Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein
-Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen,
-daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“
-
-Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der
-Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie
-hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das
-Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist,
-als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen
-in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät
-noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern
-Ehr’ macht. -- Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im
-Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts;
-die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht
-glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß
-man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten
-und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an
-beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann,
-den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt
-alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen -- und wenn die Wägen
-kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“
-
-Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik
-schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im
-Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der
-Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß
-unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen
-Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten
-zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße
-Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der
-Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind -- und daß sie
-fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. -- Sein die Manner mit
-mir einverstanden?“
-
-„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“
-
-Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes
-wurde angenommen. --
-
-Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. -- Den Rastelbinder
-brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn
-es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit
-aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse
-zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem
-Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten,
-daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen
-Eindruck machen könne.
-
-Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz
-stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn
-fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines
-Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte,
-wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen
-Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.
-
-Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn
-für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe
-Genugthuung.
-
-So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg
-heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf
-dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die
-Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten
-ihre bunteste Sonntagstracht an.
-
-Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz
-schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und
-Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende
-Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die
-Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der
-Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam,
-einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber
-waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten
-Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und
-Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das
-ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen
-Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein
-auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei
-Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure
-Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land
-haben!“
-
-Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den
-Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die
-Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und
-Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte
-Mauth prangte -- kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar
-zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub
-und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.
-
-Der Hof stutzte sehr -- gar sehr stutzte er über eine solche
-durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit -- und nach dem
-Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt
-stand, wurde nicht mehr verlangt.
-
-Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen,
-aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.
-
-Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er
-sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden
-Familien meinten, sie hätten gehört, daß das +ganze+ Land bei dem
-Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele
-Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des
-Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel
-Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.
-
-Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich
-verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath
-Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg
-verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt
-gewesen.
-
-Der Schelm!
-
-Er ist aber später Vorstand geworden.
-
-
-Die Abelsberger Touristen.
-
-Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen
-Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne
-Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle
-Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!
-
-Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang
-Mode werden sollte!
-
-Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt
-es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen
-und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen
-Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen
-Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte
-zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen
-haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit,
-vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt
-zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.
-
-Und heute -- je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute
-Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte
-Frauen mit ihren zarten Kindern steigen heute auf Berge, auf denen
-sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht
-prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um
-so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt
-sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.
-
-Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!
-
-„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche
-Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch
-keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen
--- das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst
-wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch,
-wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen
-Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter
-+lieben+ und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der
-Welt.
-
-Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden.
-Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger.
-Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und
-zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen
-grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen
-lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich
-sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern -- es ist keine
-Fabel, wahrlich nicht! -- Naturwein und blos Naturwein lagert. Und
-wer eben Sinn dafür hat -- zwischen den Fässern auch das Plätschern
-eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist
-keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpflein
-trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die
-Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.
-
-Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der -- wie Poeten so schön
-sagen -- heute in den Blättern säuselt -- in den Zeitungsblättern
-nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger,
-denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese
-Worte in sein Bierglas stechen lassen.
-
-Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in
-der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der
-Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt --
-weiß schon davon!“
-
-Allmählich dann zogen sich -- dem Blatte nach -- die Naturschönheiten
-der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in
-dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im
-eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und
-Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen,
-schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der
-Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! -- Und mitten hindurch die
-Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre
-Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein
-nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert
-zu haben.
-
-Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als
-Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir
-nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden
-gekommen bin, und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken
-habe. Nu, heute mag’s anders sein.“
-
-„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour
-in’s Gesäuse!“
-
-Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen,
-Würste, Schinken, Spielkarten -- eine „Hetz“ muß es geben! -- Mägdlein
-wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und
-der Schulmeisterssohn und Andere -- ihrer neun Stücke sind’s, die mit
-Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den
-Eisenbahnzug besteigen.
-
-Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl -- ganz gemacht für
-Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die
-lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und
-folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge
-und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.
-
-Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas
-angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue
-Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden
-sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken,
-denn -- sagten sie -- die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von
-auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! -- Hierauf
-sollten sie erzählen.
-
-„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! -- Das muß Einer selber
-gesehen haben -- nicht wahr?“
-
-Seine Genossen bestätigten es.
-
-„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“
-
-„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“
-
-„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“
-
-„Und auf dem Reichenstein?“
-
-„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und
-wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir
-in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem
-das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis
-gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete
-er sich an die Genossen.
-
-„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „+das+ sind ein bißl
-Gletscher!“
-
-„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend!
--- Und, in dem Gebirg ist Euch eine +Sonne+! -- ’s ist ein Gaudium
-gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade
-niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend
-Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden
-gestanden.“
-
-„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so
-zerschunden.“
-
-„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.
-
-„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um
-fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? -- Hat Euch der Sakra
-nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“
-
-Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.
-
-„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen
-sollen!“
-
-„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll
-Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei
-Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“
-
-„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund
-nicht mehr zu.
-
-„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil
-davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“
-
-„Herr Gott, das war eine Tour!“
-
--- Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.
-
-Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes
-Schreiben:
-
- „Tauern, den 30./9. 1875.
-
- Werther Herr Bürgermeister!
-
- Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen.
- Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun
- Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei.
- Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben,
- blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir
- und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden.
- Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt,
- wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den
- Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten.
- Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich
- ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren
- Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider
- handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr
- den Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu
- suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause
- gekommen sein. -- Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen,
- daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu
- begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die
- Ehre habe:
-
- Zwei Abendessen für 9 Personen 23 fl. 70 kr.
- Ein Mittagsessen detto 15 „ 98 „
- Zwei Frühstück detto 8 „ 10 „
- Wein für 9 Personen 26 „ 48 „
- Dem Stubenmädchen für Depurgationen -- „ 80 „
- Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei
- Fensterscheiben à 30 kr., zusammen 1 „ 30 „
- -------------
- Summa 76 fl. 36 kr.
-
- Um gefällige Notiznahme bittet
- achtungsvoll ergebenst
- Peter +Streicher+, Gasthausbesitzer in Tauern.“
-
-Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine
-Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und
-stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer
-an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen
-Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister,
-er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein
-Ehrendiplom hiermit zu überreichen -- und las feierlichen Tones die
-Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.
-
-
-Ein Abelsberger auf dem Vesuv.
-
-Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein
-Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden.
-Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern
-dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch
-die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so
-hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig
-und flink über die Wiese hüpften -- sein Sinn stand höher.
-
-Da hatte er einmal -- es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch,
-die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur
-Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt -- hatte er
-also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden
-Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein
-Gemüth, hat -- so zu sagen -- sein bißchen schlummerndes Ideal
-entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen
-seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.
-
-Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen
-mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin,
-einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und -- Ehre seinem Mannesmuthe!
--- zu besteigen.
-
-Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens
-sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.
-
-Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und
-Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das
-Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie.
-Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort
-funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein
-wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und
-Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen
-ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! -- Das weckte
-Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist,
-darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.
-
-Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein
-groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer
-geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland
-hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol
-kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute
-nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als
-der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem
-Munde stand, und die ~fontana trevi~ in Rom, wo versteinerte
-Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.
-
-Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag
-heißer wurde, er nahte -- dem feuerspeienden Berge.
-
-Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht
-bekannt. --
-
-Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab
-schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes
-zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in
-Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte
-Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann
-keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf
-sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten
-Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte,
-und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich
-nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das
-nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“
-
-Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu
-zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit
-seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine
-schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß
-ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr --
-ein Landsmann. -- Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A
-Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und
-immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden
-Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da
-auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze
-ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des
-Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte
-das Haupt und wollte weiter trippeln.
-
-Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“
-
-Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände
-ausbreitend: „Jessas, Jessas, das -- ja, das ist ja wieder einmal an
-ordentlicher Mensch -- a Landsmann! -- Freili, freili -- na, ih trau
-mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! --
-Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“
-Er deutete gegen den Vesuv.
-
-Das war das Finden und Binden -- er schwur mir ewige Freundschaft. Wir
-gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und
-sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere,
-daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still
-dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe -- wie es
-sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz
-alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.
-
-Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die
-Partie auf den Vesuv zu machen.
-
-Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen
-Viehhändler an demselben Abend.
-
-„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit
-den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte
-und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.
-
-Am andern Morgen -- es lag noch Finsterniß über den Wassern -- war
-es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er
-seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock
-eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute!
-Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der
-gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles
-möglichst hochdeutsch zu sprechen.
-
-Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei
-graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.
-
-„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er
-so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht
-habe, daß er sich nicht fürchtete.
-
-„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen
-Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts
-geschehen, es sind unser Fünfe.“
-
-Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.
-
-Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen
-von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die
-schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab.
-Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der
-Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert
-schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme -- hier stieg
-mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden
-und schüttelte den Kopf.
-
-„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der
-Vesuv!“
-
-„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist
-nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der
-ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint
-gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das -- halt, Eselein,
-schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem
-italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns
-daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er
-nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den
-Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der
-Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt,
-frag’ ich, was ist das für ein Land?“
-
-Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel
-Eins in die Weichen gab.
-
-„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland
-sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal
-durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“
-
-In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die
-Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.
-
-Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser
-an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue,
-dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen.
-Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.
-
-Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern
-den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des
-Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed--,
-das heißt auf der härenen Decke.
-
-Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und
-Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der
-letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter
-den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der
-Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.
-
-„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus
-theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.
-
-Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine
-mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine
-äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig
-und schründig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken
-in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im
-Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen
-Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe
-kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und
-wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie
-er immer röther und glühender wurde, und wie -- „Jesus Maria!“ rief
-Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.
-
-Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden
-Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer
-drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an
-den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen
-Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend,
-wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen -- der
-feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.
-
-Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen
-Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da.
-Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria;
-dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die
-schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia -- dann die unabsehbare
-Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das
-Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen
-Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und
-unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!
-
-Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände
-von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das
-liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.
-
-Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die
-kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der
-Hölle, -- und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.
-
-Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die
-Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht
-weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt
-Mürzthaler Race sein!“
-
-Eine Heerde Rinder entzückte ihn.
-
-Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den
-Wildnissen der Vesuvkrone umher.
-
-Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine
-Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu
-ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort
-hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber
-wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt
-zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der
-prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche
-die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen,
-schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter
-phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen
-nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie
-schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft
-wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das
-Röcheln eines Sterbenden.
-
-Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme
-sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Cyklopen und
-höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? -- Wie tief und
-gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!
-
-Ein mächtiges Donnern -- der Führer riß uns mit großen Schritten
-zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus
-den Schlünden.
-
-„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas
-kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“
-
-Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche,
-legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten
-hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder
-das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu
-jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und
-steckte sie in die Tasche -- zum ewigen Andenken.
-
-Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt
-waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind
-vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes
-Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch
-das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und
-Kindeskinder!“
-
-„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er
-verheiratet --“
-
-„Je nu, das heißt“ -- er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond
--- „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner
-Familie weiter keine Rede mehr.
-
-Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am
-liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu
-setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller
-Seele zu feiern.
-
-Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch
-volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“
-
-Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel
-geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen
-und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von
-dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben
-unvergänglichen Ruhm zu ernten.
-
- [1] So wird im Volksmund der Vesuv genannt.
-
-
-Das reiche Jahr eines Abelsbergers.
-
-Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle
-Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat
-das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so
-höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.
-
-Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr
-kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen
-haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen
-noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch
-zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur
-darüber lustig machen würden.
-
-Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa,
-daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der
-Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste
-Bauer im Ober-Abelsberger Gau.
-
-Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet
-und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch
-beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten
-Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse
-Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht
-auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen
-Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge
-sei.
-
-Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache
-des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie
-überhaupt dazu stillhalten.
-
-Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf
-einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem
-Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er
-mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll
-ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man
-soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet,
-dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s
-Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn
-hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht,
-dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur
-nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen
-lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches
-Jahr.
-
-Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die
-zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und
-wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten
-gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund
-vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E-- Eberhard
-Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus
-Schnee und Sturm gemacht.
-
-Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.
-
-Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden
-zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und
-Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz
-gewählt hätten. -- Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und
-morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr -- was wird es
-bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird
-still sein.
-
-Siehe -- dort kommt schon was! -- Ein schwarzer Punkt im Gestöber,
-langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein
-schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter
-Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine
-Schultern schmiegt, und wankt vorüber.
-
-Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust
-geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen,
-und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin
-und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort
-pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam,
-sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern
-pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog
-stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.
-
-„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.
-
-„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.
-
-„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“
-
-„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und
-da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll
-hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“
-
-Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen
-bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug
-aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich
-wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt
-gehen wir’s wieder an.
-
-Lud frisch auf und hastete weiter.
-
-Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause
-kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in
-der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die
-Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist
-gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber
-wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir
-sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“
-
-Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?
-
-„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du
-in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst,
-merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir
-sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen
-und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den
-Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt,
-wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo
-wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“
-
-Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen
-gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort
-mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard
-Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb
-für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein
-tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was
-man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der
-Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in
-Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den
-Schweinstall zu.
-
-
-Ein junger Abelsberger in der Residenz.
-
-Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren.
-Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere
-Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei
-Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine
-philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem
-öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe
-freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und
-sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen
-Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die
-Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn
-Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.
-
-Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der
-Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug,
-zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke
-einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach
-vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine
-Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er
-meinen Herrn Professor einmal hört.
-
-„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so
-kommen Sie mit!“
-
-„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser
-gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal.
-Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der
-Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den
-höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein
-Baum der Mann von der Straßenecke. -- Das ist ein dankbarer Mensch,
-dachte sich der Student. -- Der Kleine wird vielleicht einen Schützer
-im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der
-Andere.
-
-Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken,
-mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im
-Trosse davon.
-
-„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme
-fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des
-Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“
-
-Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen
-Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte
-er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos
-vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an
-seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner
-Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.
-
-
-Eine Abelsberger Heiratsgeschichte.
-
-Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits
-fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt,
-und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen
-machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres
-machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten
-hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen
-Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der
-Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte
-ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm
-bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes
-Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin
-erregte.
-
-Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin
-und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte
-seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die
-übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor
-sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von
-seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und
-nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas
-verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und
-noch jung sei.
-
-Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit,
-wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die
-Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid
-verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen
-Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu
-Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und
-Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten
-Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken
-einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit
-auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß
-die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch
-nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich
-den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige
-Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu
-retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister,
-ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der
-Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr
-befürwortete. Es geschah, aber der Notar -- wie solche Leute schon in
-Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen -- schrieb
-unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der
-kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“
-
-Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und
-Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche
-für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige
-Stunden mehr zu leben habe.
-
-„Ist denn nicht +ein+ Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut
-und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und
-rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine
-Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der
-Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue.
-Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.
-
-Es +sei+ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte
-sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe
-und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie
-Gott es wolle.
-
-So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr
-obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es
-wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze
-der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette
-weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging,
-die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen
-wurde.
-
-Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister
-beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden
-sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn
-entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei
-solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!
-
-Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen,
-bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in
-den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern
-kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des
-Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen
-kehrt, wieder zur Erde nieder.
-
-Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen
-übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in
-den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.
-
-Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge
-zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die
-nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher
-ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne
-er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe -- und damit zog der
-Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der
-Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister
-Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen
-habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten
-Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses
-dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth,
-ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn -- den Bäckermeister
--- daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode
-noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu
-werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen
-dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen Wege betreten
-habe -- ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein
-einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre
-sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.
-
-So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für
-die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.
-
-Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben,
-sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken
-fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte,
-damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu
-seinem Gelde gelange.
-
-Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht
-besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch
-den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das:
-Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück
-und ist auch keines werth. -- Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!
-
-
-Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.
-
-Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg,
-unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln
-vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und
-dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man
-wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht
-gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden
-des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.
-
-Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein
-Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie
-hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie
-wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder
-zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur
-noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle
-Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.
-
-Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen
-da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes
-aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer
-hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen.
-Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem
-wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.
-
-Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem
-Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein
-musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene
-Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des
-kleinen Wirths-Friedl -- der ein passionirter Vogelfreund war -- auf
-das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines
-Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an
-und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach
-kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.
-
-Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam
-der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der
-Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als
-der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den
-Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron
-seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben -- es war eine große
-ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.
-
-Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging
-Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige
-nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag
-den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß
-es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags
-Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie
-schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie
-nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon
-all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst
-ging’s an die Kutte.
-
-Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor
-und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen
-Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin
-auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl
-gottsrechtschaffen gebrummt.
-
-Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach
-Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja
-keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“
-Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit
-den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der
-Himmel über Abelsberg voller Geigen.
-
-Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend
-geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger
-manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher
-in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein
-paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein
-paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so
-trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse.
-Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“
-männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache
-bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen
-Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater
-und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und
-was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.
-
-Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden
-Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment
-gewesen; ~au contraire~, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen,
-die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges.
-Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr.
-Da schickte der neue Regenschori -- der nicht blos unter der Fahne der
-„Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war -- in das
-Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber
-da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre
-den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der
-Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und
-der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden
-worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei -- man sehe es ja
-doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ -- liberal. Maßen
-sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.
-
-Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine
-Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der
-Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der
-Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles
-gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen.
--- Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal
-getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt,
-und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut
-erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen
-habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau
-des Kirchendieners. Und wenn er -- der Pfarrer -- endlich behaupte,
-das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so
-werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die
-Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.
-
-Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß
-kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im
-Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß
-dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit
-Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! -- und schlich durch
-Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den
-Pfarrhof.
-
-Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen
-gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den
-Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. -- „Albernheiten!“ sagte
-das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze
-Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die
-Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.
-
-Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen
-räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie
-sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen
-aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort
-verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die
-Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das
-Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ -- „Aber es handelt sich
-nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“
-sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So
-waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und
-eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.
-
-Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine
-Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst
-die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese,
-gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche
-mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber
-steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen,
-das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder
-in den Pfarrhof schleppen.
-
-So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit
-schwarzen Röcken und weißen Cravaten -- weiß Gott! -- zum obersten
-Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die
-Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des
-Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr
-den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.
-
-Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am
-Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die
-wohlbekannte Stimme der Baßgeige.
-
-Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und
-beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten
-zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen
-einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch
-des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.
-
-Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit
-dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem
-edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die
-zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!
-
-Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen
-Rom, die andere gen Wien.
-
-Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des
-Wirthshauses, und -- war tief verstimmt über den närrischen Hader,
-dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend
-selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde
-ernstlich gefährdete. -- „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder
-oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen
-Vögelein -- wie wäre mir wohl!“
-
-Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf
-kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im
-Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im
-Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen
-haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart.
-Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da
-horchten die Ober-Abelsberger auf -- jetzt erst hörten sie, wie eine
-Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist
-nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen
-heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer
-und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander -- toll
-zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd
-ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken
-und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft
-wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen
-graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den
-Winkeln herum -- Männer und Weiber, Liberale und Klerikale -- Alles
-durcheinander.
-
-Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und -- was
-der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen -- die altehrwürdige
-Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in
-Ober-Abelsberg.
-
-
-Wie Abelsberg bekehrt worden ist.
-
-Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in
-welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen
-Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort!
-Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er
-hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, +alle+ duckten die
-Köpfe. -- „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur
-Eine dabei!“
-
-Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem
-Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch
-etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz.
-Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich
-widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie
-gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals
-ich fahren will!“
-
-Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets
-entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.
-
-Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham
-sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest.
--- „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier
-liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf
-allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der
-Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein
-und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na,
-da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“
-
-Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe
-höher. Der Richter macht schon den Mund auf. -- „Ah na,“ denkt er,
-„in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen
-und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen
-und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur
-rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“
-
-Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die
-Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte
-seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers
-die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon
-zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches
-alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die
-ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren
-die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein
-und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.
-
-Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen
-Appetit herausgepredigt. Und -- ganz wie der Richter berechnet hatte --
-am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre
-über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.
-
-Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür
-geklopft. -- „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“
-murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“
-keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er
-im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt.
-Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf
-gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt
-gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten
-hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:
-
-„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben
-in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! -- Und was wir halt sagen
-wollten --“
-
-„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der
-Pfarrer leutselig ein.
-
-„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg
-reden -- der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein.
-Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so
-recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. -- ’s ist
-wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine
-Veränderung nehmen -- wohl, wohl, Hochwürden!“
-
-Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott
-walt’s!“
-
-„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind
-zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor
-der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen
-schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den
-ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in
-Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s
-auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. -- Jetzt, was mich
-angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s
-nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’
-wollt’ aufheben. -- Und so“ -- er wendete sich zu seinen Mitmännern --
-„redet jetzt Ihr Eure Sach’.“
-
-Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu
-den Soldaten.“
-
-Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die
-Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“
-
-Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die
-Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.
-
-Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die
-Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“
-
-„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die
-schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“
-
-„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.
-
-Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:
-
-„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’
-sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’
-gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen
-Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor -- da läuft sie zuweitest
-davon.“
-
-Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht
-können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel
-zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’
-Nächstenlieb’ nit wehren.“
-
-„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch
-bleibt!“
-
-„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“
-
-„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein
-Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“
-
-„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“
-
-Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und
-flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar
-Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch,
-daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit
-hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem
-Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“
-
-Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’
-mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“
-
-„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.
-
-„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und
-bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch
-und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird
-sicherlich eine Todsünd sein.“
-
-„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.
-
-Torkelte der Alte gegen die Thüre.
-
-Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg,
-ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der
-Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu
-leih’n.“
-
-„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes
-Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die
-Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“
-
-„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung
-geschehen,“ sagten Mehrere.
-
-„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die
-Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben.
-Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im
-Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“
-
-Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher
-noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:
-
-„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr
-Pfarrer.“
-
-„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht,
-von Herzen gern.“
-
-„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und
-daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim
-im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer
-sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im
-Wald, so beim Predigtstudiren -- da thäten wir halt wohl schön bitten,
-daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’
-mitnehmen.“
-
-Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein
-leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm
-drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene
-Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und
-jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“
-riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen
-miteinander!“
-
-
-Eine Abelsberger Katze.
-
-Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der
-Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja,
-hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und
-Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der
-feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß,
-wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf
-dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame
-Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte,
-wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses
-richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle
-Umstände satt.
-
-Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen,
-ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die
-schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der
-Caplan ein Auge geworfen hatte.
-
-Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit
-verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu
-verwalten -- that’s auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber
-Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers,
-der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und
-im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde,
-als der Caplan -- gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren
-die Hände gebunden -- wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster
-Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.
-
-Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische
-fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand
-hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel
-ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister
-im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er
-kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum
-Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm
-salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke
-Hand -- hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren -- schwaps!
-ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.
-
-Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm
-in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das
-erstemal. Husch war sie weg.
-
-Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und
-der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.
-
-So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh
-und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische
-und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am
-allerwenigsten spotten.
-
-„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.
-
-Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“
-
-„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“
-
-„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon
-seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die
-Leute sagen -- mag aber nicht d’ran glauben.“
-
-„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“
-
-„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur
-daß man davon spricht. -- So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie
-altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe
-getrauen.“
-
-„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.
-
-„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“
-
-„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle,
-komm’, komm’ her zu mir!“
-
-Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es
-naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem
-Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein
-inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder
-Hast die Flucht.
-
-Die beiden Priester blicken sich lautlos an.
-
-„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.
-
-„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.
-
-„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.
-
-„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.
-
-Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen
-geschnitten.
-
-
-Zu Abelsberg wieder wer geworden.
-
-Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der
-Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die
-Großhofbäuerin.
-
-Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der
-Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf
-eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.
-
-Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte
-ihn, ob er auf Jemanden warte.
-
-„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer
-geworden.“
-
-„Was bist?“ fragte die Bäuerin.
-
-„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.
-
-„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.
-
-„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber
-Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir
-halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“
-
-Da entgegnete sie: „Wenn Du -- wie Du sagst --- wieder wer geworden
-bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir
-bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“
-
-„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder
-wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten
-könnt’.“
-
-„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst
-Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt
-sein! Schau’ mich an einmal!“
-
-„Wär’ schon recht das --“
-
-„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen
-kernigen Mann -- bis ein Bauer im Hause ist.“
-
-„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib --“
-
-„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.
-
-„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“
-
-„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich
-nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es
-mit Dem ist.“
-
-Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon,
-was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“
-
-„Wesweg denn?“
-
-„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“
-
-„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“
-
-„Nun also, Bäurin?“
-
-„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“
-
-„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s
-beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden
-ist?“
-
-„Witwer? Wer ist Witwer?“
-
-„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da
-steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“
-
-„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht
-gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“
-
-„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.
-
-Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber
-der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich
-wieder wer geworden -- er ist Großhofbauer geworden.
-
-
-Ein Abelsberger Heutrog.
-
-Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine
-neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert
-worden, und jetzt ging’s an den Stall.
-
-Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem
-Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der
-Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen
-in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen.
-Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der
-Heutrog -- ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen -- wenn
-der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich
-verlassen?“
-
-„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für
-Dich mitbiete.“
-
-Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel
-wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in
-aller Früh. Aber der Heutrog? -- Da begegnet ihm sein Gevatter, der
-Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest
-mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des
-Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich
-möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog haben -- ein nagelneuer
-Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“
-
-„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und
-Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und
-macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um,
-noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel
-zu kaufen.
-
-Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei
-nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht
-selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch,
-nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß -- gar keiner;
-der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen.
-Dafür aber ist -- als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück
-kommt -- der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni
-hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden
-hinaufgetrieben.
-
-„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.
-
-„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.
-
-Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.
-
-„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt
-für meines Gevatters Bekannten.
-
-Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch
-nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“
-schreit er.
-
-„Dreizehni!“ brüllt der Toni.
-
-„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze -- Fünfzehni! --
-sechzehni! -- siebzehni! -- Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die
-um den Heutrog kämpfen.
-
--- Achtzehni! -- neunzehni! --
-
-„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.
-
-„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.
-
-„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt
-sitzt er in der Wolle.“
-
-„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! -- zum
-Drittenmal!“
-
-Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.
-
-„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der
-Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner
-Prahlsucht in die Falle gegangen.
-
-Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen
-Schimmel herbei. -- „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck
-mitgeboten, da ist der Heutrog.“
-
-„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist
-ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist
-Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat
-die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“
-
-Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich
-selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen
-Beutel herausgeschrieen.
-
-„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist
-was für Dich, bigott, für Dich selber!“
-
-Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute
-lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am
-meisten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-II. Theil.
-
-Winterabende.
-
-Finstere Geschichten.
-
-
-
-
-Winterabende.
-
-
-Seit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und
-Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und
-Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.
-
-Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster
-aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben
-und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch
-vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als
-+jene+ Gespenster vorzuführen, die leider +nicht+ abgeleugnet
-werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in
-heißem Streite liegt und die -- wie schrecklich +oft+ -- zur
-tiefsten Tragik unseres Lebens werden.
-
-Demnach können das keine lustigen Geschichten sein -- sie werden
-unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.
-
-Der Dichter -- und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren
-und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und
-erfreuen möchte -- er darf die Schatten dieses irdischen Lebens
-nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben
-irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die
-Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe
-und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt
-erbarmungslos richten.
-
-Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem
-Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache,
-daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß
-die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die
-Offenbarung dieses Principes -- und ginge sie auch durch Elend und
-Jammer -- muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir
-das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig
-werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, +weil sich alle Schuld
-auf Erden rächt+, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer
-größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß
-wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen,
-und uns -- indem wir sie erkennen -- Kraft verleihen, die Dämonen zu
-besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.
-
-Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine
-Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die
-Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen
-scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum
-Frieden nicht vermißt werden. Ein Leid, welches +vor+ der Schuld
-kommt, nennen wir Prüfung und ist -- wird sie mit einer gewissen
-sittlichen Kraft ertragen -- eben so heilsam, als im Falle der Schuld
-die Sühne.
-
-Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den
-Abgrund gestürzt; sollte es aber doch +nicht+ sein, daß ich darin
-nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein
-solcher nach dem meinen handeln.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Ein Weg zur Schuld.
-
-
-Beim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man
-sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart,
-das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den
-halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen
-ein paar ertrunkene Fliegen.
-
-Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine
-Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine
-Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt,
-sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach
-rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen
-Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er
-scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche
-auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen
-beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines.
-Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat
-und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der
-Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst.
-
-Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre
-Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an der Hand gefaßt und weiß an
-ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen
-des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist
-„bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter.
-
-Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit
-das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen
-Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen
-sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon
-manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern
-und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner
-Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen
-und unterhaltsam -- man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört
-haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“
-
-Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde
--- sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause -- seinen Arm
-um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein
-Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du
-gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes
-Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen
-nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der
-Herr noch einen Wein?“
-
-„Einen Kuß!“
-
-Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es
-nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich
-mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen
-Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus
-ihrem Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß
-oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer
-ein.
-
-„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so
-freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld
-reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden
-miteinander, Adieu, Schatz!“
-
-Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft.
-
-„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie.
-
-Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden
-Haare hatte. -- „Was darf ich bringen?“
-
-„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge.
-
-„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die
-Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts,
-er ist ganz --“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend,
-daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre.
-
-„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die
-Schätzungscommission ist da!“
-
-Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes
-verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf
-den Arm nieder.
-
-„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem
-Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. --
-Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit
-uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“
-
-Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine
-Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das
-Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will -- es
-giebt nichts aus.
-
-Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und
-Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig
-wieder davon.
-
-Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank.
-
-Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann,
-regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte
-Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und
-rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe
-Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und
-struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände,
-die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen,
-der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei
-anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und
-doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte,
-nahm er eine freundliche Miene an.
-
-Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein.
-
-„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind
-Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“
-
-„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“
-
-„Freilich, auch bei den Weinfässern.“
-
-„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth.
-
-„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“
-
-„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“
-
-„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“
-
-„Na, so bring’ was zu essen!“
-
-„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der
-Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“
-
-Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem
-Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das
-Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte
-er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf.
-
-Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte:
-„Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund
-hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du +ja+
-sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr
-mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem
-Sack.
-
-„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“
-
-„Wenn die Dirn nicht will -- nachher -- -- ist’s freilich was Anders,“
-sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein.
-
-Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand
-gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau,
-zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das
-tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich
-noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht
-mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich
-eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn
-Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“
-
-Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen,
-das könnt’ sie halt nimmer.
-
-„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen
-schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut
-geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben
-dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“
-
-Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine
-Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und
-der Rothhaarige -- das war ja der Seizmüller -- trommelte mit den
-Fingern auf dem Tisch. --
-
-Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin,
-ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte.
-
-„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“
-
-„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und
-jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“
-
-„Was sagst?“
-
-„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich
-mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“
-
-„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof
-hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin.
-
-„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen
-Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den
-Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der
-Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon
-hell verzagt.“
-
-„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns
-Schmalznocken.“
-
-Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln
-ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da
-habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den
-Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der
-Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über
-eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel
-schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen
-Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“
-
-Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür
-nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir
-einen Andern?“
-
-„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein
-Geheimniß verschwiegen.
-
-Ungetröstet ging sie heimwärts.
-
-Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater,
-dem Erlsberger, was denn der meine.
-
-„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der
-Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht
-sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen
-ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst.
-Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft
-geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine,
-bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher
-recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine
-Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich
-anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa,
-in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was,
-wenn Du Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus
-der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch
-nicht ausbleiben.“
-
-„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist
-gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er -- Gott wird’s mir
-verzeihen -- einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der
-keine Lieb’ mitbringt.“
-
-„Wesweg will er Dich +denn+, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der
-Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist -- auf das
-mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“
-
-„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter,
-„Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich
-probir’s.“
-
-„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s
-Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon
-entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und
-Zweifeln und Fürchten taugt nichts. -- ’s wird schon gehen, er ist
-brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt -- so mußt Dir
-denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“
-
-Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit,
-findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses
-das Amtssiegel herabgerissen.
-
-„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“
-
-„Trinken.“
-
-„Da sperren sie Euch ja ein!“
-
-„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“
-
-Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen
-
-Darauf trank er erst recht.
-
-Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses
-war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des
-Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich
-sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für
-ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen
-Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa
-dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit
-Fingern auf mich.
-
-Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren
-Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller
-doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon
-abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so
-Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet,
-das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und
-Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“
-
-In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die
-verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der
-Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und
-dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon
-geweckt.
-
-Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein
-frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei
-Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das
-Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth
-war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum
-Staubhinabschwemmen -- länger wollten die Rößlein und die Reisenden
-nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein einzigmal auf dem
-Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war
-immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am
-Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die
-Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht
-merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf
-der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so
-seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war
-der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter
-den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das
-Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen
-angeblickt -- nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein
-freundlich Wort über vergangene Zeit...
-
-Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers
-geworden.
-
-Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren,
-um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst
-denn?“
-
-„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und
-Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“
-
-„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s +mir+ nicht leid thut
-d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack,
-mußt nicht vergessen.“
-
-„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch
-all’ so machen.“
-
-„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir
-hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“
-
-„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was
-ich selber wollt’ -- und das muß ich Dir schon sagen: theuer mag das
-Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es
-nicht.“
-
-„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem
-Postbuben -- den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich
-Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“
-
-Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust
-auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt
-das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen
-Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der
-Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ.
--- Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen,
-aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit
-mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige
-Hochzeitsfest.
-
-Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und
-auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der
-Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche
-große Banknoten beschwichtigt hatte.
-
-Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders
-genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers
-Hochzeit.
-
-Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in
-die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich
-geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den
-Hausfrieden zu erhalten.
-
-Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf
-das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl,
-nicht ein einziger Grashalm stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin
-nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem
-Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein
-im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin
-erschlagen. -- Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern
-sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum
-den Grabkranz.
-
-Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört,
-auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch
-liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir
-besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten.
-Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“
-
-„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß
-Du ein Unterleibel tragst.“
-
-„Trag’ auch keins, aber +könnt’+ eins tragen, und eine gute
-Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“ --
-
-So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat
-geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als
-Warnungstafel: Verbotener Weg!
-
-Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im
-Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er
-sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber
-selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er
-gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen
-Wuthrausch über -- und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung.
-
-Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn
-ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein
-Eichtel Zeit hab’ Geduld, ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s
-Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und
-ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in
-der Wirthschaft. ---
-
-In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der
-Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige
-Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die
-jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die
-Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet.
-Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute
-und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und
-Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte.
-
-Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der
-Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe
-zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem
-Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte
-er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst
-sich die Kellnerinliebelei +so+ aus? Walpa, Walpa, Dich muß man
-anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“
-
-Unter Weinen lachte sie auf. -- Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem
-sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte.
-
-Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust
-auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der
-Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden
-worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr
-der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von
-Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen, machst mich
-zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’
-Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“
-
-„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie
-ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen +solchen+
-Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“
-
-„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du
-Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des
-Herdes fiel und sie zusammenbrach.
-
-„So -- so --“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir -- weiß ich
-wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib
--- --“
-
-Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es
-+sein+.
-
-Das Weib lag in einer Ohnmacht.
-
-Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich --
-der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht
--- insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen
-vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o
-Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“
-
-Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals
-laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes:
-„Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen
-kommt, sonst ist’s mein Verderben.“
-
-Als sie wieder so weit genesen war, daß sie -- ein Schatten gegen
-früher -- in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf
-und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem
-Menschen, dem Seizmüller, wieder befreit würde. Der geistliche Herr
-riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren.
-
-„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich
-lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“
-
-Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. -- „Scheiden lassen
--- das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett
-könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“
-
-„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin
-schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat
-nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen
-Eltern folgt!“
-
-„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und
-wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber
-die Schuld.“ --
-
-Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den
-Pfarrhof.
-
-Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie
-ging zum Gericht und drängte auf Scheidung.
-
--- Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit
-Menschengedenken noch nicht vorgekommen.
-
-„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei
-sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“
-
-„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein
-Lebtag nicht einwilligen.“
-
-„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal,
-Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so
-wollen wir Euren Mann, den Seizmüller, rufen lassen und ihm seine
-Verpflichtungen vorhalten, damit --“
-
-„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß,
-so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in
-solcher Angelegenheit bin dagewesen.“
-
-„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der
-redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“
-
--- So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle
-aussieht -- Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die
-Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde.
-
-Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit
-einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau
-Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen
-Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und
-kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’
-mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn
-schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“
-
-Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und
-hörte ihr zu. -- Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in
-Liebessehnsucht?
-
-Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie
-sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als
-einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war.
-
-„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich
-führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet
-hast.“
-
-„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“
-
-„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“
-
-Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun
-schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.
-
-Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein
-undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz
-aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.
-
-Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst,
-das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus;
-dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich
-befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es
-die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen
-abgelaufen ist, so -- nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist
-hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die
-Stadt...“
-
-Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde
-meinte. -- In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur
-Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der
-Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber
-wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann
-so zu verlassen -- und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe,
-von der er vorhin gesprochen?
-
-„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der
-Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte,
-in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt
-und ihn verderben lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es
-war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht
-hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz
-Niemanden zwingen kann.“
-
-Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s
-Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm
-ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich
-entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge
-dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.
-
-Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten
-sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien
-höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im
-Zickzack heran.
-
-„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher
-Freund sind Sie? -- Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon
-überall der Höllische, wo man hinschaut!“
-
-Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist
-zwischen den Büschen, man weiß es nicht -- verlangt es auch nicht zu
-wissen.
-
-Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal
-fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles,
-was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz
-verhärten zu lassen zu einem Stein.
-
-Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und
-glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes;
-sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen
-Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen
-die Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. -- Ob der Blasius
-wohl schon ein Weib hat? -- Der liebe Schutzengel behüte vor aller
-Versuchung. -- Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen,
-will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. --
-Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete
-sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern
-war, so hörte sie von ihm kein Wort. -- Das war ihre glücklichste Zeit
-und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber
-wie selten! -- Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne
-nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und
-höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat,
-so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige
-mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter
-und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den
-Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben
-hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der
-Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein
-Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen!
-Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“
-
-Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich
-wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir
-können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern
-Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich,
-ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“
-
-„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht
-Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst, ich wollt’ nicht auch meinem
-Gott danken, wärst Du aus dem Hause? -- Thät’st Dir wohl in die Faust
-lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das
-ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast
-mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen?
--- Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich --
-Du -- Du Creatur!“
-
-Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am
-Mühlbach, sank sie zu Boden.
-
--- Ihrem Leben ein Ende machen? -- Noch so jung, so weltbegehrend --
-und dieses Wütherichs wegen sterben! -- -- Nein, dafür haßt sie ihn zu
-sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint
-nicht mehr -- in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt,
-schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr
-geschieht -- alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber
-stürzen, als bei diesem Teufel leben.
-
-Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr
-eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle
-hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte
-auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt,
-ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn
-erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine
-Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. -- Sie
-hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte
-ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr
-verwandt.“
-
-„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat
-hat gemacht?“ meinte das Weiblein.
-
-„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa.
-
-„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die
-Alte ein.
-
-„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“
-
-„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch.
-Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem
-zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. -- Ich glaub’s schon! Vom
-Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule
-gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch
-schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“
-
-„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“
-versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer.
-
-„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im
-Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“
-
-„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein.
-
-„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen.
-Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich
-mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“
-
-„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die
-Walpa und eilte weiter.
-
-Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief
-sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die
-Eidechsen hin und her liefen.
-
-Auf diesem Stein -- ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange
-eines Posthorns hatte sie der Jugend fröhliche Zeit gesehen -- da
-fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch
-fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag
-des Abends goldreicher Sonnenschein.
-
-Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes
-Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch
-zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab,
-über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich
-hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche.
-Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron -- und huschte durch
-dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und
-Sand in den Lüften wehten. -- Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen
-Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das
-Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann
-nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen.
-Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem
-gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.
-
-Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare
-verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie -- und hier
-auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth,
-stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach
-seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der
-Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der
-Schaum des Bergstroms. -- Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie
-den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge,
-doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen
-Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich
-in die Tiefe zu stürzen -- da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und
-schleudert sie hin an das Ufer.
-
-Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den
-Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. -- Leicht
-hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden
--- vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß -- sein armes, hilfloses
-Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender
-Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.
-
-Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der
-Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank
-und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl
-sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber
-er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem
-Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen
-gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie
-am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus
-der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser
-stürzen wollte. Just daß er -- der geängstigte Gatte -- noch zu rechter
-Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme
-bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die
-Sache wieder schlichten werde.
-
-Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller
-Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen
-lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch
-ein vergittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das
-ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.
-
-„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es
-endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch
-da -- nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! --
-Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte
-ich fest. -- Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen
-könnt’, wie er mich martert? Das +kann’s+ aber nicht wissen, er
-sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist.
-Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“
-
-Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine
-Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ -- Dann
-wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe
-uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie
-ihr ganzes Herz.
-
-Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers.
-Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen
-der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn
-so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte,
-taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte
-sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. -- Man
-wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn
-kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre
-Erlösung vollenden.
-
-+Was+ will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg
-des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt
-auf der letzten Station steht? Wiesenwirthstochter! Du, mit Deinem
-guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das
-vollbringt? --
-
-Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der
-Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu.
-Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel -- dem Thiere ist es Arbeit
-und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von
-der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging
-ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden
-strebte eine Kreuzspinne empor.
-
-Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte
-Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke
-oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf.
-Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. --
-
-Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war
-schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen
-zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann
-wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein
-gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken -- ein Grabkreuz
--- wem galt es, ihr oder ihm?
-
-Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt,
-wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war
-dann wieder bewegungslos.
-
-Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit
-seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. -- Soll +sie+
-in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das
-tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?
-
-Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden
-empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene
-Fliege.
-
-„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.
-
-„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch
-trotzen? Heraus geh’!“
-
-Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie
-heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit
-wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“
-
-„Ja, möcht’ mich gefreuen!“
-
-„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“
-
-„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort.
-
-Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit
-Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer
-Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein
-gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still.
-
-Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so
-wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die
-wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“
-
-„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du
-Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst
-mich ja so gern.“
-
-Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege,
-wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde
-sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift
-verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem
-verlassenen Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen
-Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich
-gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in
-den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in
-Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. -- Aber
-das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind
-sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“
-Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar
-nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja
-von selbst, daß man es als Rattengift braucht.
-
-Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute
-beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf
-Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch.
-
-„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann.
-
-„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“
-
-„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf
-ich kein Arsenik hergeben.“
-
-„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich,
-das ist die Seizmüllerin in der Transau.“
-
-„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur
-gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“
-
-Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging,
-saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun
-aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen
-Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so
-gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonntagsstaate,
-an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war!
-Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte
-Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch
-nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch
-schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch.
-Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu
-den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. -- Ihr war
-wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. -- Man hat nur ein einzig Leben,
-und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was
-häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude
-weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein
-oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes
-Geschöpf. -- Und endlich sollte sie -- die Walpa -- ja der Welt wieder
-sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und
-fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig
-Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren;
-es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu
-zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir
-gegrüßt, mein süßes Leben! -- An einer alten Rothföhre kam sie vorüber,
-an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab
-sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien.
-
-Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann
-in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange
-stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf
-demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. --
-Wie schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! -- -- Als sie so auf
-ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die
-Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage.
--- Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun!
-
-Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer
-Schafwollenstoff für ein Frauenkleid.
-
--- Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der
-Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart,
-wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! --
-Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! -- -- Es
-verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm
-nieder -- sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf,
-sprang empor -- starrte sie an und grinste.
-
-„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft.
-
-„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr
-schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst
-mir die Augen auskratzen?“
-
-„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein
-Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich
-bedank mich für den schönen Rockzeug.“
-
-„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“
-
-„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“
-
-„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen
-wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s
-Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“
-
-Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging
-sie hinaus. --
-
-Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke.
-
-In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner
-Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das
-Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe
-zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er
-in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen
-durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor.
-
-„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch
-trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn
-er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er
-leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“
-
--- An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben
-mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht -- ist das auch
-so eine Art Manie? -- Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer
-Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun
-fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken
-wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes
-Wesen dürstete nach einer That.
-
-Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und
-Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie
-eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes.
-
-„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie
-mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt
-uns nicht lang’.“
-
-Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben
-größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen.
-
-Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner
-in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“
-
-Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus
-Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das
-viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner
-geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den
-Himmel!“
-
-Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung
-und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe
-wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er
-sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes
-Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr
-einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer
-taumelte.
-
-Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie:
-
-„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“
-
-Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten
-Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem
-Wandschrank verbarg.
-
-„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer
-Hand. Diese war leer.
-
-„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth.
-
-Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten
-schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe:
-
-„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl
-sehen.“
-
-Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und
-stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar
-halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der
-Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann
-eine blaßrothe Halsschleife.
-
-Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist
-denn das, meine Liebe?“
-
-„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig.
-
-„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du
-denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“
-
-„Weil -- weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“
-
-„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“
-schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her,
-oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“
-
-„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band
-hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß
-und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“
-
-Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man
-kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch
-nicht verstorben sein!“
-
-„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie.
-
-„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich
-die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir
-ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause.
-
-Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem
-Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß.
-
-Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein
-blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen,
-und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu
-sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand
-ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe
-ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes
-Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht
-und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden.
-
-Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie
-wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand
-gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie
-vor allen Leuten zu rechtfertigen.
-
-Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem
-Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle,
-er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern
-an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der
-Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein
-Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du,
-jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld
-gestohlen.“
-
-Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte
-geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist
-weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt
-weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du
-falscher Satan!“
-
-„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“
-
-Er ließ sie los: „So sag’ es!“
-
-„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“
-
-„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann
-ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann.
-
-Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der
-Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war.
-
-Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht.
-Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. --
-Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich
-wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß
-es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s
-Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. -- Troll’ Dich jetzt, Du
-Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“
-
-Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem
-Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des
-Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige,
-und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer
-Gelassenheit an weitere Arbeiten.
-
-Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er
-und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während
-seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe.
-
-Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die
-schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen.
-
-„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast
-weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug
-für allzwei.“
-
-Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte
-die Einladung.
-
-Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand
-der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone:
-„Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“
-
-Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus.
-
-„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich
-vergiftet! -- Jetzt bin ich hin! -- Du Weib -- mußt mit mir!“
-
-Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen
-ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach.
-
-Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch
-den Wagenflur, floh in die Mühle -- der Müller in wüthender Hast,
-doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um
-den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa
-wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch
-hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei
-zusammenbrach.
-
-Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war
-frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach
-einer guten That.
-
-Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf
-welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete
-Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. --
-Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und
-für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.
-
-„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.
-
-„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“
-
-„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht
-in die Transau.“
-
-„So wird er wohl wo anders hinführen.“
-
-„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“
-
-Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler
-Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr
-eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur
-Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen
-Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und
-Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend
-und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit
-ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin
-und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das
-Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und
-warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter
-den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle
-aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse
-und: „Der Michel, der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die
-Kleinen durcheinander.
-
-Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der
-Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser
-davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und
-sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund
-und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die
-Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.
-
-Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb
-gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen,
-daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin
-ertrunken sind.“
-
-Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem
-Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom
-hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den
-Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte
-alles Wasser hervor und rieb seinen Leib -- da hub der Kleine wieder an
-zu athmen.
-
-Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden
-unter freudiger Erregung nach Transau gebracht.
-
-„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser
-gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie
-wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und
-muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet.
-Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen
-und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die
-Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem Graben und
-sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“
-
-Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern
-der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine
-große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend
-wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen -- und
-dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib
-heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme.
-
-Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem
-lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag
-leer.
-
-„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man.
-
-Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht
-Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei
-versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein
-halbes Stündchen nach Hause gehe.
-
-Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle
-doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der
-Mühle sei heut’ was geschehen.“
-
-Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle
-war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute
-standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte,
-stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr
-entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist
-daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“
-
-Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu
-Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt.
-
-Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei
-dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig
-an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein
-Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In
-grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten.
-
-„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen
-ihn in’s Haus hineintragen.“
-
-„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen;
-wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom
-Bezirksgericht da sind.“
-
-„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht
-Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“
-
-Die Leute stutzten.
-
-„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer,
-„vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen
-ist!“
-
-„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte
-ein Anderer.
-
-„Das schaut seltsam aus.“
-
-„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“
-
-„’s geht nicht recht her.“
-
-„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein.
-
-Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen.
-
-Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’
-ich nicht, Du hast was angestellt!“
-
-„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn
-angestellt haben?“
-
-„Wird sich weisen!“
-
-Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst
-die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür.
-Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines
-natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben
-Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand
-dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in
-der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere
-Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran.
-Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes
-Gemurmel, ein verständnißvoller Blick.
-
-Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche
-bedeckt.
-
-Die Herren begaben sich -- es war schon Mitternacht -- in die Stube der
-Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in
-das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare
-aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht.
-
-Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der
-Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“
-
-„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“
-
-„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“
-
-„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie
-dumpf.
-
-„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr
-ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar nichts mehr, Seizmüllerin,
-gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“
-
-Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes
-Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an.
-Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken
-auf den Schoß und sie hauchte: „Da -- da bin ich. Hab’s ja gewußt diese
-Ehe bringt mich noch an den Galgen.“
-
-Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden.
-
- * * * * *
-
-Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll
-der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es.
-
-Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend
-die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa
-in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das
-Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die
-Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in
-städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter.
-Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller
-gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte.
-Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift
-verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr
-mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller
-würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib
-todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft
-dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz
-weinte. Es war der einstige Postillon, der Blasius Steiger -- nun
-schon glücklich verheiratet -- es war der Mann, an den sie liebend so
-oft gedacht hatte. -- Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen.
-
-Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es
-war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal
-vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später
-oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals
-Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er
-hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen -- „er hätte es
-gewißlich gut mit ihr gemeint“.
-
-Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen
-Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf
-die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern,
-die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein
-Blatt.
-
-Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen
-standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz
-fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem
-Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein
-Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.
-
-Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große
-Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und
-konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das
-Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe,
-ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?
-
-„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.
-
-Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers
-bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu
-erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und
-wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem
-Peiniger zu befreien.
-
-Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber
-entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht
-zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue
-empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht
-ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß
-es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“
-
-Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom
-Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in
-seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der
-seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem
-mußt Du Dich befreien, -- begann nun eine Rede zu halten, in welcher
-er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden
-Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß
-er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein
-langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das
-schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses
-Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die
-Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein
-Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste
-Weise zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue
-gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr
-Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte
-gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich
-möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden
-ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange
-gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der
-verdient das Leben nicht. -- Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen
-umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe,
-kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben
-zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände
-hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten;
-aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil
-seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist
-ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit,
-welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen
-mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes
-Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. -- Was Ihnen etwa noch gesagt
-werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren
-Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen
-zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen
-Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen,
-wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren,
-das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes
-Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange
-für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“
-
-Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger
-Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu
-spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie
-sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre
-Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie
-erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten
-Tones: „Der Herr Vertheidiger.“
-
-Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der
-Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter
-Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß
-ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender,
-dann in warmer Betonung so zu sprechen:
-
-„Meine Herren Richter!
-
-Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde
-und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch
-erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in
-diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine
-Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden
-soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. -- Nie
-noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die
-Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit
-noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten
-Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum
-nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer,
-meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein
-Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen
-kann, geschweige denn ein warmes Blut von siebenundzwanzig Jahren.
-Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält
-hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer
-gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit
-zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie
-finden in dem Charakter des Mannes nicht +einen+ lichten Punkt;
-er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch
-nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar
-für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben
-gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit
-dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten.
-Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem
-Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen?
-Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein
-junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie
-dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie
-sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst
-vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht.
-Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden.
-Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt.
-Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein
-Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem
-verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe,
-ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen
-gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren
-Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen
-hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die
-wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich
-freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich,
-die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der
-Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe
-einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und
-Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und
-so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte
-mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre
-nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den
-Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor
-den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes
-Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte
-ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in
-dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen
-klagt sie +nicht+ an, der strengste Richter in der eigenen Brust
-klagt sie +nicht+ an! -- Und fällt es Ihnen nicht auf, meine
-Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen
-Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat?
-Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem
-andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine
-Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das
-Leben mit dem Leben belohnen. -- Wenn mein geehrter Herr Vorredner
-behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das
-Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser
-Frau +strafen+, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem
-viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie
-moralisch zur Tyrannenherrschaft des Ehemannes und begehen einen
-Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen
-Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie
-nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten,
-das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke,
-im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen
-Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot,
-dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft
-um’s liebe Dasein kämpfen. -- Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem
-Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes
-Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig -- seien Sie es auch,
-und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde
-genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht --
-lassen Sie es leben!“
-
-Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa
-ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.
-
-Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu
-bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So
-erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten
-Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.
-
-Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so
-aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens
-zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt
-und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte
-Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt
-und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer Bank
-und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus
-ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten
-Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses
-liebe goldene Licht -- oder die ewige Nacht! -- Welches soll nach
-menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? --
-
-Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie
-hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den
-Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.
-
-Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag,
-schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine
-mit Nein geantwortet.
-
-Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme
-sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir
-das Nein geschenkt?“
-
-Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur
-Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein
-Auge nieder und wurde roth und blaß.
-
-Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort:
-„Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt,
-nun will ich sterben!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die guldene Grethe.
-
-
-„Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam
-Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des ~vulgo~
-Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger,
-katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der
-Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen
-Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“
-
-So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen
-Papierbogen der Gemeinde vor.
-
-Es war das Fest der heiligen drei Könige.
-
-Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor
-dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ -- der bildlichen
-Darstellung von unseres Heilandes Geburt -- brannten zwei Wachskerzen,
-die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es
-sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.
-
-Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die
-heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und
-ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch
-die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel
-Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat
-des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein
-Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum,
-dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein
-Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger
-in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem
-anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten
-den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit
-und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du
-stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem
-Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine
-Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die
-hunderttausend Forellen im See dazu.
-
-Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael
-dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre
-Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael
-Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der
-Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
-
-Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der
-Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein
-Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen
-konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel,
-hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit
-ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
-
-Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben
-Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf
-der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr
-einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze
-Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt:
-„Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und
-alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen.
-Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich
-kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die
-Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge
-Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber
-die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig
-davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.
-
-Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben
-den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau,
-und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
-
-Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen,
-und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt,
-wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und
-Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten
-gehabt.
-
-Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der
-See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit
-der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter
-hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die
-Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt
-zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz, vom Himmel im
-Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.
-
-Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit
-dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein
-Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst
-berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen
-könne.
-
-Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine
-Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und
-die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den
-Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines
-Weges.
-
-Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung
-gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde
-schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam!
-Hast aber eilig.“
-
-Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit
-krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten,
-zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte
-eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen
-Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln,
-wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter
-einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen,
-zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder
-gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie
-goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie
-manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine
-halbe Welt von ihr spricht“.
-
-Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm,
-aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. --
-
-Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen.
-
-„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“
-sagte das Mädchen, ihm näher kommend.
-
-„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz.
-
-„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme
-Kirchweihnacht --“
-
-„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“
-
-„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast --“
-
-„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“
-
-„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --“
-
-„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren
-kann.“
-
-„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“
-
-„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“
-
-„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein
-Mädchen zu arm und zu gering sei --“
-
-„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“
-
-„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“
-
-„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“
-
-„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und
-ich habe den Franzl fahren lassen, und hab’ Keinen mehr angeschaut,
-und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich
-hab’ ich gedacht. -- Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen.
-Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“
-
-Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste
-gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie
-sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte,
-weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.
-
-Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen
-warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und
-ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg
-ab, der zum Bauer an der Wand führt.
-
- * * * * *
-
-Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen
-geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren
-dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel,
-der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge
-ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles
-versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit.
-Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen
-Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von
-unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des
-Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte,
-wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.
-
-Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze
-Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Candiszucker geformt. Die
-Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag
-finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch
-nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.
-
-Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war
-eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für
-die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die
-übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des
-Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß
-aufspunden.
-
-Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein
-des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein
-hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.
-
-Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche
-Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim
-letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch
-blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun
-pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.
-
-In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit
-allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende
-des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der
-Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig
-einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene
-Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende
-Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft
-verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen,
-geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ
-sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that
-einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll
-ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es
-die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst
-nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig
--- aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl
-hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner
-vornehmen Lahmleidigkeit -- aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein,
-und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande
-und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht,
-was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und
-thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten
-früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! -- --“
-
- * * * * *
-
-Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller
-loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man
-kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht.
-Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an
-zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern
-zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.
-
-Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein
-Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn -- wie
-die Leute sagen -- mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.
-
-Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und
-guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander,
-jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn
-über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit
-Kähnen zur Sommerszeit.
-
-Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln
-hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern
-die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre
-vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar
-die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird
-mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles
-schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und
-das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich
-gezierten Raum. -- Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die
-Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.
-
-Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein
-Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes
-Schlachtfeuer.
-
-Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen.
-Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente
-klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem
-Nebel hervor -- rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran,
-die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend
-und hüteschwingend die Hochzeiter.
-
-Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf,
-und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß
-die Kirchenfenster schrillen.
-
-Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne,
-schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.
-
- * * * * *
-
-Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände.
-In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür
-vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon.
-
-Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln
-strichen ihre gluthheißen Wangen. -- Jetzt werden sie getraut, dann
-ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser
-wie ich? -- Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr
-den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben
-die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das
-Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. -- Und wenn
-der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den
-Hof --
-
-Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte
-am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser
-auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich
-sie mitreißen kunnt, All’ miteinander -- nachher mit Freuden -- mit
-Freuden!“
-
-Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und
-Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und
-zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über
-den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne
-sehen.
-
-Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer
-troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze
-Wache.
-
-Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf
-einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene
-Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak,
-wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. -- Der
-Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel
-davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste
-Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den
-Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche
-Kaisertabak!“
-
-Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch
-ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig
-und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft;
-ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den
-Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige
-Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese
-Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem
-weitläufigen Wohngebäude. -- „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer
-Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm
-eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar
-das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief
-aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“ --
-
-Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter
-ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt
-durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren
-die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben
-hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an
-den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große,
-kluge Augen.
-
-Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger
-Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert
-das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen
-an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum
-Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken
-nieder -- --
-
-Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in
-den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm
-der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine
-Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei,
-ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken?
-Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“
-
-Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr
-vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
-
-Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie
-die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
-
-Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. -- Ueber dem Haupte die
-dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie
-niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen -- ist das eine trübe,
-kalte Welt!
-
-Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das
-aufwallende Blut.
-
-So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen
-hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still,
-sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der
-Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe,
-zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles
-still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da
-sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose
-Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und
-unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte:
-„Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur
-in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so
-stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß
-ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. -- Jetzt
-sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. --
-
-Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen,
-und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und
-Zack fliegt eine dunkle Linie -- ein Riß -- -- es berstet das Eis.
-
-Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken;
-sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.
-
-Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern
-mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
-
-Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin -- der See ist breit --
-und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des
-Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die
-Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist
-Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!
-
-Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser
-Wintertag. -- Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt
-mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben
-und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder
-flattern in der Nacht -- der Boden kracht -- wankt. -- Glückliche
-Fahrt, Seesteinerleut’! -- Es muß so sein, der Himmel will es selbst so
-haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern
-in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen,
-kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt
--- sie weiß es nur um eine Stunde früher. --
-
-Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse
-und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte
-Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht
-aber nicht.
-
-„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl
-wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den
-Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“
-
-Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s
-Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. -- Sie eilt auf ihn
-zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch,
-Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und
-schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im
-Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte
-dem Rachegefühl.
-
-Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon
-jahrelang krank.
-
-„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden,
-„will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist
-schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so
-gut, und nimmt Dich zu sich. -- Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott,
-Greth!“ -- Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die
-Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der
-Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.
-
-Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand
-die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das
-Mädchen lief seitab.
-
- * * * * *
-
-Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach
-dem Bruder geschickt. -- „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu
-lügen auch schon an! -- Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath;
-jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So
-sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.
-
-Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es
-zog ein frisches Lüftchen. -- Die Hochzeiter werden doch nicht schon
-abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von
-der Hirschwand herüber der See einbricht. -- Ei, ja, die bleiben heut’
-schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit
-in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein
-Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s
-aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. --
-Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.
-
-Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund
-gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
-
-Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig
-spät in das Dorf hinab.
-
-Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln
-Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind
-schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen.
-Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof
-drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom
-Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde
-Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und
-Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
-
-Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
-
-Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. -- Sie rennen in ihr
-Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der
-Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er
-hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik,
-schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er
-hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen
-sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.
-
-Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren
-heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt,
-er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem
-Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter
-wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis
-erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken’s
-nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist
-Alles vorbei! --
-
-Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie
-sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren
-schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln
-waren wie zwei Sternchen.
-
-Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer
-Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden,
-ja sie +müßten+ stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen
-glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände
-zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel
-für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger
-Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen!
-O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“
-
-Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere
-Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.
-
-In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein
-auf. -- ---
-
- * * * * *
-
-In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel
-abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in
-dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.
-
-Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners
-und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem
-lächelnden Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein
-löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.
-
-Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im
-Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
-
-Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das
-Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die
-Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie
-in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das
-alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen
-Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie
-auch.
-
-Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her,
-Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“
-
-Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die
-Greth auf, und verließ das Haus.
-
-Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die
-Eisdecke krache. Sie hörte nichts -- ja, das Wirthshaus hörte sie, und
-den Jubel, und immer nur das.
-
-Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und
-als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden,
-da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles
-auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin,
-sie war unschuldig -- der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das
-Eis bricht selber ein. -- Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s,
-daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht
-darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie
-in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.
-
-Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten
-nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.
-
-Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie
-einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen
-heiseren Schrei. -- --
-
-Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine
-Augen.
-
-Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’,
-das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war
-gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten.
-„Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich
-in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen
-schwebten die zwei glühenden Aeuglein.
-
-Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen
-fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich
-fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor,
-eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein
-Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um.
-Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende
-des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und
-Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit
-unter das Strohdach.
-
-Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte,
-leuchtete.
-
-Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände
-oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.
-
-Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil
-nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die
-Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen
-auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen.
-Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
-
-Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des
-Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst
-die zwei Aeuglein auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie
-heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf,
-und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
-
-Sie waren gerettet.
-
-Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das
-Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden
-in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem
-Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück
-auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
-
-„+Das+ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte
-ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen
-Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
-
-„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der
-Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. -- Eine Närrische haben
-wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“
-
-Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht
-ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie
-erbleichten.
-
-Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie
-verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie
-mit kläglicher Stimme.
-
-Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß
-zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis
-bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in
-ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so
-kalt. Dort stand der kleine Feuerherd -- jetzt dachlos in der Nacht;
-die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.
-
-Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von
-der rauchenden Brandstätte entfernen.
-
-„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum
-Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis.
--- Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie
-sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte
-zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir
-die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“
-
-Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am
-Herde kauern -- erstickt und verbrannt.
-
- * * * * *
-
-An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte
-es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und
-her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle
-Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
-
-Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem
-Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben
-und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in
-das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine
-gesicherte, warme Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der
-Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen
-Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.
-
-Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen
-sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt,
-ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den
-kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
-
-Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind
-darauf geschrieben:
-
- „Hier ruht die guldene Grethe,
- Geläutert hat sie erst der Tod;
- Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth
- Gedenk’ an sie und bete!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Waldbrand.
-
-
-Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt
-schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch,
-daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender
-Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man
-vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das
-Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der
-fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen
-Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem
-Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und
-Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun.
-Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein
-fürchterliches Unglück.
-
-Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus
-Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut
-des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich
-das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen
-das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine
-silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach
-weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner
-vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen
-griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren
-Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet
-und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und
-Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und
-Hitze zwangen sie zum Einhalten.
-
-„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch
-das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.
-
-Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den
-Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch
-zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen
-haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor
-dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“
-
-Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf
-und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits
-des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und
-muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und
-wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten,
-gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben
-brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der
-Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie
-wenn der Blitz in ihn gefahren.
-
-Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer
-schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s
-Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor,
-ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“
-
-Der Grübner fährt auf -- das ist ja wie am helllichten Morgen! und
-wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald
-wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im
-Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch
-die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose
-Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu
-sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem
-Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das
-waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und
-ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle
-Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum
-Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und
-nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und
-raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos
-von den Bäumen zausen -- und er schlug sich die Faust in’s Gesicht,
-daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten
-kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den
-fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! -- Bub’!“
-rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so
-sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“
-
-Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.
-
-„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.
-
-Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei
-arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie
-abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser
-hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare
-waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth
-beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der
-Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.
-
-„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen
-und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als
-gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das
-Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel
-dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man
-nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen
-Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie
-in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die
-Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches
-dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der
-Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte
-fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten
-war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den
-ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.
-
-Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem
-folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das
-rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den
-Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang.
-Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien
-in das Thal, und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf.
-Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht.
-Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur
-dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine
-einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten
-Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten
-davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab
-sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und
-machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu
-thun sei.
-
-Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die
-Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen
-das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und
-links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand,
-blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab
-heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie
-ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein
-einziger lebendiger Baum mehr drüben -- Alles verdorben. „Gregor!“
-schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein;
-jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein
-ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon
-sagen -- aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’
-zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den
-Hof hinab.
-
-Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen -- ein
-Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von
-den Hängen -- zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines
-verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus
-noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen
-in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann
-reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume
-wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der
-Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als
-Genovefa vor ihm stand und fragte:
-
-„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“
-
-„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die
-Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“
-
-„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm
-doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“
-
-„Ei, nu, und +wenn+ ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich
-an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein
-gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze
-Jahr, und nicht Du! -- -- Wird halt bei den Löschern gewesen sein und
-heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben -- was weiß ich!“
-
-Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er
-sprach kein Wort mehr.
-
-Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus
-nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber
--- heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging
-fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer
-Arbeit, aber heute +mußte+ sie, und sie wußte doch nicht, wer es
-ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts
-gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen,
-und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu
-kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als
-sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald
-beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine
-Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm
-förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und
-blutete an einzelnen Stellen.
-
-„Jesus -- aber Gregor!“ schrie Genovefa.
-
-Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“
-
-„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde;
-heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“
-
-„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das
-Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt
-so was recht ab. -- Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist,
-brennt es noch wo?“
-
-Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die
-Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.
-
-„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.
-
-„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“
-
-„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein
-brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß
-schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib
-gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich
-nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat
-das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der
-ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“
-
-„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich
-heim.“
-
-„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl -- hab’ mir sie ein
-bißchen stark verbrannt.“
-
-„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“
-
-„Meinst Du? -- Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst
-bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du
-bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt -- heute ist es
-mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre,
-so wärst Du jetzt eine Bettlerin. -- Ei, laß mich, es ist mir so heiß
-in der Brust -- Vefa, wenn ich +doch+ sterben müßte! -- Bauer,
-wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir
-jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir
-keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’
-ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du
-mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“
-
-„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“
-
-„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur
-so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß
-nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“
-
-Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu
-der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser
-Noth.
-
-„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es
-aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand
-sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben
-muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so
-kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe,
-so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie
-mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. -- Leg’ mir
-jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und
-sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa;
-und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß
-ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa,
-daß ich den Wald angezündet hab’!“
-
-„Jesus Maria! -- Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit
-der Schürze zu und zitterte.
-
-„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr
-Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun
-mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken,
-daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins
-ist uns jetzt halt auch begegnet. -- Am Samstag zum Feierabend bin
-ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne
--- das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und
-auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald
--- nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird -- das Korntragen war auch
-schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf
-einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl
-gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein
-an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’
-genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu
-feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir
-brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie
-sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so
-beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin
-dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach
-geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den
-nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den
-Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria!
-denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten,
-hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’
-ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner
-Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald
-mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und
-lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so,
-Vefa. -- Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da -- da drinnen brennt’s
-so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“
-
-„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er
-sogleich um den Arzt fährt.“
-
-„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich
-schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“
-
-Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und
-dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!
-
-Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich
-bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer,
-der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“
-
-Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr
-zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen
-wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf
-der Weid’.“
-
-Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.
-
-Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd:
-„Wo liegt er denn?“
-
-Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer
-ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen
-das Dorf.
-
-Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen,
-Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen
-hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie
-schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja
-vorüber.
-
-Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und
-Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud,
-die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten
-gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an.
-Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen
-waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb
-Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu
-geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch
-einige Schritte weiter.
-
-Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag
-auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.
-
-Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester:
-„Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch
-den Wald hinauf gegen das Dorf.
-
-Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet.
-Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit
-zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde
-zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen
-den Grübnerhof.
-
-Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen
-und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er
-einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen
-die Wand, wo die Bodenstiege war.
-
-Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und
-legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit
-einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie
-zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.
-
-Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften
-die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei
-Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen
-Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten
-Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter
-geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das
-Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun
-todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen
-verkaufen kann um Geld. -- Der Mann biß sich derb in die Lippen, das
-Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock -- aber
-dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und
-hätte sich gar alle Beine gebrochen.
-
-Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm
-her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm
-war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er
-ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.
-
-Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene
-Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das
-Merkwürdigste war ein Eichhörnchen -- oder war’s ein Wiesel, man kannte
-es nicht mehr recht -- es hing an einem Baume und hatte sich fest um
-einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz
-und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren
-jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart
-und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit
-demselben erst zur Welt gekommen.
-
-Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das
-fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der
-sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein
-großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder -- es
-ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht
-sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen
-lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s
-auch gethan haben, der ist so Einer, der! -- So war das Denken des
-erbitterten Mannes.
-
-Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im
-halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus
-Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen
-die Hölzlein noch herum -- hat der mir den Wald --?“
-
-Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte
-auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht
-bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen
-sterben müssen!“
-
-Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer
-so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’
-ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er
-mir gegessen!“
-
-Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört,
-was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger
-abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor
-so redet.“
-
-„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud;
-„ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s
-schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar
-nicht sagen, aber -- da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die
-andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein
-Christ.“
-
-Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit
-Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen
-schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein,
-und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.
-
-Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen
-um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt
-mir +den+ da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem
-Hause kommt!“
-
-Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still,
-und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht.
-Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht
-nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände
-ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten -- Ihr
-laßt den Gregor ordentlich begraben!“
-
-„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los;
-„ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug
-trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’
-nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber
-jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem
-sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? -- Nu, und hast noch nicht
-g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm -- laß Euch
-gern forttragen, all’ Zwei, gern!“
-
-Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die
-Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine
-nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch
-ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für
-den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft
-hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich
-schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne
-Tabak thut es sich halt auch nicht -- aber für ein ehrlich Begräbniß
-wird schon noch was übrig bleiben. -- Ich bitt’ Euch, Bauer, der
-Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s
-immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten -- laßt ihn christlich
-begraben!“
-
-„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und
-glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? -- Kasten und Kleider!
-Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen
-Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für
-den starren Gregor da draußen -- ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt
-mir den Wald? Wer? -- Treu und fleißig gedient, ja -- als ob ich ihn
-dafür nicht auch bezahlt und +über+zahlt hätt’!“
-
-„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen
-verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd
-wieder.
-
-Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du?
--- Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner
-ist ein Stein!“
-
-Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd,
-und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte
-bitterlich.
-
-Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem
-Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit
-der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und
-Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine
-Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.
-
-Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa
-allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu
-ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes
-Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich
-begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen
-Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die
-Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals
-beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen -- und wie der Bauer
-nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur
-+ein+ solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und
-lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch
-eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’
-mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein
-Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“
-
-„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr
-davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor
-nicht nachflucht -- der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“
-
-Und sie redeten nicht mehr davon.
-
-Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das
-Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann
-man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes
-seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten
-Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die
-Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die
-Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter
-wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben
-wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter
-und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den
-Schweiß und graben.
-
-Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus
-steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel
-hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen
-Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen
-in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel
-fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die
-Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht:
-„Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen
-die Haue über die Achsel und gehen heim.
-
-Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil
-im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst
-thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig
-abbrechen.“
-
-Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem
-Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist -- wie er
-gerade um einen kleinen Felsen säete -- ein Vöglein vor ihn hingehüpft
-und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in
-Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden
-zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der
-Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet.
-Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same
-eingewühlt -- dann war es für dieses Jahr fertig.
-
-Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte
-noch -- endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich
-unter das Dach zurück.
-
-Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte,
-die im Stalle zu schaffen verstand wie nicht bald Eine, mußte heuer
-auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft
-dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die
-Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals
-auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen
-ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken,
-aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl
-und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und
-einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten
-vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ
-er nicht rufen.
-
-Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die
-Vefa nichts?“
-
-„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“
-
-„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“
-
-„Nein, sie kriegt nichts!“
-
-„So! -- Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute
-denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe,
-und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer --“
-
-„So Einer! Was für Einer?“
-
-„Was Du an der Vefa thust -- man kann Dir bei Gericht nicht an, das
-weiß ich, denn Du hast sie überredet -- aber +schlecht+ ist es von
-Dir! -- Bauer, Du bist ein elender +Schuft+!“ Mit diesen Worten
-spie ihm der Knecht in’s Gesicht.
-
-„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch,
-wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“
-
-Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und
-schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach.
-
-„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an,
-„komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher -- bin so zornig
-gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“
-
-Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die
-Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum
-und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann
-ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch
-nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen
-und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was
-er dem verhaßten Bauer gethan hatte.
-
-Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch
-Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre
-waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf
-wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach
-wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn
-ihn irgend etwas wurmte.
-
-Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es
-um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa
-rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die
-Vieher röhren fürchterlich.“
-
-Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine
-Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh
-war von der Kette los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den
-wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah,
-war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den
-Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte
-in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’
-war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit
-sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und
-kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in
-der Wagenhütte -- er war nirgends.
-
-Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge
-kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam
-wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei
-den Thieren wie einst.
-
-„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und
-oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof
-wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen.
-Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur
-manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den
-Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. --
-Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum
-Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet
-und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es
-verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht
-zurück.
-
-„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht
-mich noch närrisch!“
-
-Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem
-Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren
-keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der
-Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen
-Kinder thun Einem die größte Pein an.“
-
-Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den
-Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner,
-er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles
-gut und es geschehe ihm nichts zu Leide.
-
-Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner:
-
-„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach
-Amerika.“
-
-„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an,
-aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf
-die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“
-
-Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher,
-als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange
-des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges
-kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da
-sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld,
-als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer
-hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte.
-So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras-
-und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich
-gedüngt.
-
-Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken -- so viel
-erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch
-wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem
-Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz,
-es war neues Leben in ihm.
-
-So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle
-mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt
-nach der Reihe über den Hang hinauf.
-
-Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem
-folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und
-zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe
-ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden -- was man
-denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als
-schneiden, immer schneiden -- nur daß sie sich zeitweilig noch das
-Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß
-und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze
-Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie
-dachte daran, daß heute der Jahrestag -- Gregor’s Sterbetag sei! Als
-sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und
-Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte
-am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte
-damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem
-Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches
-der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht
-mehr versengt, es grünte schon wieder.
-
-Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete.
-Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau
-auf diese Stelle -- nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen,
-nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den
-einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa
-ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.
-
-„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß
-schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und
-faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst
-merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst
-glauben!“
-
-Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und
-selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch
-fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete
-während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom
-Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon.
-
-Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß
-unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit
-nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt
-noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die
-Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt
-hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen
-eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so
-schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und
-in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und
-taumelte zurück.
-
-Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte
-ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das
-Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern.
-
-„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die
-zerfallende Leiche.
-
-Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er
-mit dem Arm in die scharfe Sichel -- aber er gab keinen Laut von sich.
-Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch
-Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. -- Für
-diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen
-den Bauer auf zwei Stangen.
-
- * * * * *
-
-Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den
-Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und
-her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte.
-Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück
-geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist
-herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das
-war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die
-bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht
-mehr.
-
-Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es
-ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn
-sonst wär’ er todt gewesen.“
-
-Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die
-Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“
-
-Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn
-der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das
-Testament gemacht.
-
-In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der
-Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht
-hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein
-daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf
-den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die
-Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“
-
-Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem
-Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen
-die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang,
-bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein,
-und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab.
-Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin
-ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des
-Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem
-Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten -- so
-steht’s im Testament.
-
-Aber Genovefa arbeitet doch -- sie würde sonst krank, meint sie. Nur in
-der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf
-den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das
-grüne Sterbebett ihres Gregor auf.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.
-
-
-Eine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den
-weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu
-schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie
-auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott
-verlassen.“
-
-Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne
-emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme
-schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem
-Baume gesehen.
-
-Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter
-ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird
-fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es
-keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst
-Niemanden.
-
-An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten
-wollten, aber auch nicht ruhen -- der Tag zum Beten und Sündigen.
-
-Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann
-von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im
-Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in
-ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe
-ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe
-kommen.
-
-Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut,
-in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind
-sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina,
-die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt
-und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet.
-Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade
-den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein
-Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt
-wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen,
-stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene
-rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr
-lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.
-
-Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr
-wünschenswerth macht -- und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s
-der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und
-in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst
-die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den
-Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei
-einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt
-ist.
-
-„Anasti!“
-
-Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns
-ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.
-
-Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang.
-Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann, sein Gewerbe ist zwar keine
-Schande, aber ein Spott -- er schafft die verendeten Thiere abseits.
-Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen,
-diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister
-Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes
-und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den
-Haushalt; +sie+ stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl
-die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten,
-sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der
-Andere. --
-
-„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.
-
-„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.
-
-„Dich will ich,“ antwortete sie.
-
-„Warst Du heute nicht in der Kirche?“
-
-„Freilich wohl.“
-
-„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter
-richtig ist.“
-
-„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und
-komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“
-
-Er that einen Lacher und ging zum Zaun.
-
-„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei
-der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.
-
-„Dummheiten.“
-
-„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“
-
-„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“
-
-„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender
-nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst
-wissen.“
-
-„Das weiß ich.“
-
-„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“
-
-„Geh’ heim und rede nicht so albern.“
-
-„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß
-Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“
-
-„Du fängst mir wieder selber an!“
-
-„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr
-gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit
-kommen, aber +vor+ der Copulation.“
-
-„Susi!“ rief er aus.
-
-„Ja,“ gab sie zur Antwort.
-
-„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ +ich+ Dich verführt?
-Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den
-Wald. Hab’ +ich+ Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem
-Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu
-gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“
-
-„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts
-Unrechtes, wenn man müd’ ist.“
-
-„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“
-
-„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und
-weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für
-Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“
-
-„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen
-kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will
-oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast,
-daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“
-
-„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir
-gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“
-
-„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die
-Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.
-
-„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine
-gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt.
-Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch
-Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den
-Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir
-nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“
-
-„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“
-
-„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben.
-Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar
-nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“
-
-Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. -- Das ist der Teufel von
-einem Weibe! --
-
-Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen
-getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie
-hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange
-hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere
-gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen
-Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war,
-auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit
-freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen
-vernünftigen Schluß fassen werde.
-
-In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die
-Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr
-er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie
-verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit
-des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen
-treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich
-sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der +vor+
-ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben
-könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.
-
-Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es
-doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß
-wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an
-eine Trennung dächten.
-
-„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch +mich+ zu
-diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und
-Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich
-es von Dir.“
-
-Das war recht klar gesprochen.
-
-Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So
-wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen
-zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.
-
-„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den
-Weg!“
-
-Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern
-habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück
-verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten -- ich nicht.“
-
-„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr
-meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“
-
-„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man
-freilich einen Kopf.“
-
-„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand,
-die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf
-alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil
-Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes
-zu nennen.“
-
-„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig
-an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück
-ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die
-Sünde, die an Euch hängt, müssen +wir+ büßen mit Verderben und
-Sterben.“
-
-„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts
-dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen
-wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei
-Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“
-
-„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“
-
-„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“
-
-„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann,
-um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange
-nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe
-ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst
-leicht nimmer los!“
-
-„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.
-
-„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich
-oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen
--- Du wirst gewiß Viele kennen -- so bist in einem Irrthum. Haben
-+will+ ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich
-lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“
-
-„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht
-und mit funkelndem Blick.
-
-„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am
-Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“
-
-„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir,
-daß Du früher beichten gehst.“
-
-„Wie meinst das?“
-
-„Man kann nicht wissen, was geschieht.“
-
-Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie
-um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn
-das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen
-lasse, geschehe ein Unglück.
-
-Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.
-
- * * * * *
-
-Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am
-Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem
-Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht
-an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich
-besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu
-Liebe der Rache entsagen zu können.
-
-So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht
-die ganze Welt sich um das Glück seiner Person drehen sollte. -- Daß
-dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine
-ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam
-seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.
-
-„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm
-plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du
-kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“
-
-Gratina, seine Braut, stand neben ihm.
-
-Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn
-Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe
-gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was
-an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar
-zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren,
-die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler
-gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht
-viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei
-Auszeichnungen über alle Maßen wohl.
-
-Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem
-Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg
-dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch.
-An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe
-brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und
-das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein
-förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster
-zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die
-Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz
-in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren
-Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der
-Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.
-
-Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge
-Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das
-Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften
-Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück
-zugetragen.“
-
-„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt
-schauen wir, daß wir weiter kommen.“
-
-Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren
-Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken
-haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit
-einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.
-
-„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren
-Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein
-ungeschicktes Messer bei Dir.“
-
-„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen
-weiter.
-
-Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen,
-Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle.
-Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit
-geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er
-wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können;
-allein sie zog schalkhaft die Thür zu.
-
-Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei
-demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen
-zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.
-
-Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um
-ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.
-
-Wenn sie Wort hält und kommt, so ist +jetzt+ die Zeit dazu. --
-
-Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier
-müßte sie kommen. -- Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf
-den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal
-mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen
-beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth
-geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß
-sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch
-wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr
-Leben einen Freund an mir haben. --
-
-In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen
-von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue
-Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des
-Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her
-geworfen wurden.
-
-Plötzlich schritt Suschen heran.
-
-Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und
-blickte ihn höhnisch an.
-
-„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“
-sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“
-
-„Wenn Du zum Hof willst, so ist das +Dein+ Weg nimmer!“
-
-„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.
-
-Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und
-fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’
-Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.
-
-„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.
-
-„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem
-wilden Satze über das Geländer.
-
-Ein einziger Schlag unten im Gestein -- und das Wasser brauste fort und
-fort. --
-
-Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei
-Bauern schritten rasch heran.
-
-„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“
-
-„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht
-fangen.“
-
-Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der
-Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht
-verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.
-
-Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte
-des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von
-dem Holzkorbe der Alten -- eilte damit davon.
-
-An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im
-Geäste der Antlistanne leblos.
-
-Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute
-nicht verwaschen sind:
-
- „Hier auf dieser Straßen
- Hat mich Gott verlassen.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Es reigt in Lust ein Liebespaar.
-
-
-Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans,
-der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im
-Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt
-vorbeischleicht.
-
-Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine
-Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art
-Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche
-dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener
-Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch
-Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.
-
-Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen.
-Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die
-zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen
-herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen.
-Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer
-Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück,
-desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer
-und summender das Tönen.
-
-Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen,
-und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und
-unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott
-zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld,
-der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich
-der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen
-zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr
-geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und
-durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht
-vollkommen genug.
-
-Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke
-auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz,
-daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich
-allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im
-Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!
-
-Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so
-ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei
-Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere
-der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult.
-Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik
-gemacht wird -- so war es denn Musik.
-
-Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine
-solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit
-erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten
-sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon
-gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern
-allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen,
-die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war
-gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis
-zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit
-einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was
-sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder
-und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was
-eben die Leute verlangten und -- bezahlten.
-
-Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem
-Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen
-über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter
-auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine
-heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen,
-sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück
-probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
-
-Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.
-
-Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der
-Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte,
-keine gute Zeit. -- „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich
-nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder
-zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo
-er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor.
-Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch
-braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen
-und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von
-seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er
-alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes
-lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was
-vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm
-gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel
-getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen,
-dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze
-Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die
-ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“
-verspotteten -- aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu
-Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges
-Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein
-Pfeiflein Tabak -- und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes
-mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte,
-welches wir Heimweh nennen.
-
-Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und
-sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.
-
-Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die
-Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen
-zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau
-zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“
-
-Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd
-davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar
-keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden,
-entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die
-Erde nieder. Und da dachte sich der alte Hans: Freilich, freilich, der
-Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der
-Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. --
-
-Auch dem Hans -- dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten -- wird
-das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die
-Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur
-Frucht gediehen ist -- ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es
-vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute
-verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu
-hören.
-
-Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken
-nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant
-einmal um den Namen gefragt. -- Umsonst wollt’ sie den Namen nicht
-sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste
-Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. -- Von dieser Zeit her
-ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der
-Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und
-gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl
-recht froh, daß ich wieder daheim.“
-
-Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange
-noch nicht tausend Wochen alt, und er -- schon gebeugt und mit weißem
-Haar.
-
-Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand
-auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam
-sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als
-sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“
-
-Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge
-Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu
-ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“
-
-„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.
-
-„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden,
-und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“
-
-Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte,
-mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren
-Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war;
-sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit
-einander gesprochen.
-
--- Ist’s ein Scherz -- so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken
--- so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst -- --
-Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl
-lang sein..
-
-„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“
-
-Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf
-Groschen.“
-
-„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten
-die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der
-Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf
-Güterhalbscheid.“
-
-Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt
-an seine Brust. Doch, als er wieder davon war -- ich meine, er ist
-schnurgerade zum Pfarrer gerannt -- da hat sie den Ziegen zugeschrien:
-„Ja bin ich denn gestorben -- denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“
-
-Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht
-lang’ -- in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.
-
-Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus
-geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die
-vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben
-gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der
-Burschen hat’s büßen müssen.
-
--- Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen!
-seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster
-beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah
-Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er
-dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes
-Glück er ihr wünsche.
-
-Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es
-der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem
-Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür
-heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu,
-Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und
-rastet ab!“
-
-Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der
-lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“
-
-Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein
-Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich
-selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles
-so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte:
-Bei der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den
-Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner
-schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.
-
-Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe
-und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern
-her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige
-Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem
-Kissen, mit einer Decke durch die Stube.
-
-Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei
-sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen -- und that einen gedehnten
-Zug aus dem Kruge.
-
-Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans,
-kriegen wir gar nichts zu hören?“ -- Er hätte das Wort wieder einfangen
-mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß
-zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade
-heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten
-vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit
-freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na,
-Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein
-andermal.“
-
-„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund
-rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl
-vormachen -- das wohl, ei, das wohl!“
-
-Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument
-und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug
-er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen -- auch +sein+
-Spielwerk muß gestimmt werden!
-
-Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem
-eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar
-nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen,
-daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die
-anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt
-nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen
-ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des
-Tonbrettes sein -- jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder
-beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell
-hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist
-es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen
-anderen Tonspielen.
-
-Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine
-liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie
-schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und
-horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die
-Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein
-zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.
-
-Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu
-mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer
-Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser
-sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s,
-hopsen wir Eins mit!“
-
-Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen
-Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten
-Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.
-
-Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier
-auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust
-gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick
-kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll
-haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.
-
-Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute
-schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der
-Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank.
--- Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn
-bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten
-Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern
-reigen.
-
-Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann
-eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck
-faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch
-ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die
-Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten
-rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher
-und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien
-es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war
-niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme
-hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich
-weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten
-sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren
-hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem
-Krampfe umklammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren
-Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen,
-halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.
-
-So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks
--- da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei
-gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden
-hingekollert. -- Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die
-Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes,
-langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt
-sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.
-
-„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig
-frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“
-
-Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich
-und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug
-die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“
-
-„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“
-
-So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten
-sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und
-sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu,
-an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu
-dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich
-zum Abzuge.
-
-„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der
-Sandhauser plötzlich.
-
-„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein
-paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon
-wieder gut.“
-
-„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.
-
-Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.
-
-Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“
-So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf
-den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein
-Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das
-letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses,
-hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über
-Dich!“
-
-Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen
-anzuzünden, das er im Munde trug.
-
-Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen
-stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.
-
-Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist
-ganz gut?“
-
-„Ja,“ antwortete er.
-
-Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“
-
-„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.
-
-Da wurde sie blaß.
-
-Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer
-über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen
-schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur
-Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren
-hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei
-große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war
-der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und den drei
-Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in
-Gottes Namen!“
-
-In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der
-Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug;
-schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann
-mit Hüllen zu versehen -- so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald
-war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.
-
-Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah
-den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte
-an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda
-wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt
-legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und
-sagte nichts.
-
-Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu
-holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.
-
-Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte
-bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht,
-reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der
-Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er
-lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie
-schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s
-schon besser.“
-
-Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und
-wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses
-Tuch um die Stirn.
-
-Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin
-in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem
-Bette kauern.
-
-Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu
-fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn
-sie sich nicht schlafen legt.“
-
-„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts -- gar nichts
---“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu
-unterdrücken.
-
-„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar
-keine Sorgen machen. -- Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die
-Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber -- muß
-sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“
-
-„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg -- mit ihm?“
-
-„Na, nu -- vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu
-Bette!“
-
-Das war befehlend gesprochen.
-
-Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie,
-„wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“
-
-Er nickte ihr beistimmend zu.
-
-„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“
-
-Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.
-
-„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda,
-wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder
-auf.“
-
-Dann gingen sie auseinander.
-
-Der Arzt kam auch zu +ihrem+ Bette, das unten in der großen Stube
-stand. Und er schickte durch den Boten auch für +sie+ Medicin --
-ganz die gleiche, wie für den Mann.
-
-Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm
-der Arzt: „Dieweilen nur Mandelmilch trinken, ich komme bald nach. Und
--- was ich sagen wollte -- wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“
-
-Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die
-Koberburger, wen es anginge.
-
-Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen
-Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich
-gehört, die jungen Sandhauserleut’!“
-
-„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als
-der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus,
-wenn nicht allzwei.“
-
-Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte
-hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. -- Dem ginge es schon
-besser. -- Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? -- Das hätte ihm der
-Arzt bislang noch verboten.
-
-Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“
-
--- Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges
-Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. --
-
-„Ich meine allerweg -- die hat sie schon eingeathmet.“
-
-Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch
-bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine -- gar keine.
-
-Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist
-dem -- Hans sein Spielwerk -- immer so bekannt vorgekommen. Und
-hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine
-Charfreitagsklapper.“
-
-Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu
-sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes
-durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum
-Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.
-
-„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.
-
-„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete
-die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze,
-welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt.
-„Was brauchst denn -- jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem
-sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s -- mein
-Mann stirbt!“
-
-Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s
-Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“
-
-Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. --
-
-Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die
-Hand, der bewegungslos dalag.
-
-Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser,
-kennst mich noch?“
-
-Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.
-
-„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten
-Wunsch gern vollführen.“
-
-Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er
-die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.
-
-„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.
-
-Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und
-beteten: „Vater unser!“
-
-Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf
-die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen
-standen.
-
-So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich:
-„Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ,
-verlaß ihn nicht! O heilige Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef,
-steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut
-sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht!
-Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o --“
-
-Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen
-von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche
-trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.
-
-Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da
-löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden
-zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.
-
-Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute,
-schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte:
-„Die Frieda! -- warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“
-
-Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile;
-endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte
-Nacht gewesen, Sandhauser.“
-
-„Ja,“ antwortete der Kranke.
-
-Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine
-Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er
-etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“
-
-Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um
--- unten in der Stube!“
-
-Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.
-
-„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.
-
-„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.
-
-Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.
-
-„Es kommt mir heut -- nicht recht vor!“ rief er fast laut.
-
-„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt
-sein.“
-
-Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal
-wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler
-Menschen.
-
-Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte
-Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im
-Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.
-
-„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird
-denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“
-
-Man hatte keine Entgegnung.
-
-„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still
-und starrte wie sinnend drein.
-
-Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den
-Kranken auf.
-
-„Jesus! -- Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“
-
-Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die
-Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an,
-herzerschütternd zu weinen.
-
-Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen.
-Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.
-
-Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.
-
-Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s
-Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet.
-Und die Schwalben waren längst davon.
-
-Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben
-sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt:
-In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden,
-versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.
-
-„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen
-entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn
-sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die
-Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu
-hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s
-ist grausig!“
-
-Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten
-Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben
-meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten
-wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.
-
-Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen
-Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck
-drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an
-seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.
-
-Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und
-vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so
-oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt
-sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Trotzköpfe.
-
-
-„Ja!“ sagte der Flori.
-
-„Nein!“ sagte die Vrona.
-
-„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche -- sein dunkles Auge
-leuchtete.
-
-„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen -- ihr blaues Auge
-zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm.
-
-„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein
-heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben?
-Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer
-sagt?“
-
-„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“
-
-„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches
-Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in
-Ewigkeit Adieu!“
-
-Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie
-hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und
-schau’ in mein Herz! -- Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“
-
-„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s
-+einmal+, was Du mir tausendmal hast gesagt.“
-
-„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter
-Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’
-ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner
-Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn
-Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört
-morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“
-
-„+Dir+ gehört’s und ich werde Dich nehmen.“
-
-„Du +wirst+ mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber
-ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. +Ganz+ frei
-sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“
-
-„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der
-Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte
-Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’,
-Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“
-
-„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben
-kannst?“
-
-„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.
-
-Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der
-Kaiser.“
-
-„Wieso der Kaiser?“
-
-„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei
-Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“
-
-„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der
-einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich,
-die Wirthschaft ist groß -- so bin ich frei vom Soldatendienst.“
-
-„Frei bist?“ rief das Mädchen aus -- es war ein Jubelruf.
-
-„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn
-wir Hochzeit halten?!“
-
-Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.
-
-Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der
-blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der
-Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.
-
- * * * * *
-
-Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und
-verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.
-
-Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.
-
-Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm
-dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte
-er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er
-gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille
-stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine
-Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit
-vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen
-und erzogen und geliebt wie ein Kind.
-
-Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind
-geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn,
-und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen
-hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt
-war -- und so stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da.
-Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld;
-Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!
-
-Sie thaten nichts Schlechtes.
-
-Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so
-viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa
-im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich
-gefestigt und verknorrt, bis -- in seinem fünfzigsten, in ihrem
-dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten
-Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht
-viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig
-im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig
-wie sie.
-
-Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das
-Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur
-allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht -- der Knecht seines
-Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß
-von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori
-ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft
-gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als
-daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so
-gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.
-
-Das bedenkt der Schwandhofer.
-
-Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori
-ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl
-dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will
-der Schwandhofer den Burschen losbringen, so muß er ihm Haus und
-Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie
-nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien
-schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er
-will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu
-verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!
-
-So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem
-Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die
-Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele -- seit
-kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen
-Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er
-nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben
-einen empfangen.
-
-Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in
-welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im
-massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der
-Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht,
-und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es
-ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit
-auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie
-ein Weniges, dann rückt er ein Weniges -- sind noch nicht beisammen;
-sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie
-richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit.
-Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage
-geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und
-bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.
-
-Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl
-seinen Sitz im hohen Rath -- auf dem Schemel neben dem Wandschrank,
-auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht -- aber er hatte keine
-Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich
-mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und
-schickt sich an, als wollte er reden.
-
-Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an
-und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.
-
-Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt
-angehen!“
-
-Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider
-zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“
-
-„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann
-ich nicht allein stehen.“
-
-„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.
-
-„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.
-
-„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.
-
-„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange
-umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“
-
-Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des
-Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf
-man fragen, wer es ist?“
-
-„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“
-
-„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann
-nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit
-derselben klarzustellen, und der Gründe waren so triftige, daß er den
-eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.
-
-Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand
-gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus
-Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet
-hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte:
-„Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht
-ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich
-vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun
-Folgendes zu sagen:
-
-„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der
-Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts
-mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und
-hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen
-Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben,
-weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden
-Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist
-gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern
-am wenigsten ansteht. -- Jetzt kannst schon gehen, Flori.“
-
-Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund
-murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“
-
-„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.
-
-Nun hub auch die Mutter an.
-
-„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau
-und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat
-Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht,
-Lecker! Sie hat die Stegbrunnerische Hoffart an sich. Hättest um
-etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch
-Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft
-dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater
-angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen
-Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie
-ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel
-als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der
-reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon
-wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’
-sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen
-Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du
-heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat
-sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als
-meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie
-arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden
-ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater
-da!“
-
-Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte
-beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug
-Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun
-auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge
-gestiegen, aber -- wie die Weiber schon sind -- seine Mutter hub noch
-einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was
-das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte,
-wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der
-Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“
-
-Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht!
-Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“
-
-Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.
-
-„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das
-freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der
-Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’
-ich, daß wir Regenwetter kriegen.“
-
-„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung
-niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr
-mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich,
-der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich
-hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein.
-Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen --
-wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen
-haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem
-red’ ich aus einem andern Ton.“
-
-„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.
-
-„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’
-abbringt!“
-
-„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.
-
-Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift
-hatte er zu bitten.
-
-„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.
-
-„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:
-
- „Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben)
- kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des
- ~vulgo~ Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina
- Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig
- zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr
- befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian
- Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und
- hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die
- oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig
- zu bescheinigen.
-
- Das k. k. Kreisgericht.
-
- N.“
-
-„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit,
-die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark
-genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, +das+
-will ich aufschreiben...“
-
-Der Flori fiel dem Alten in die Hand.
-
-„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme
-mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die
-Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’,
-schreib’!“
-
-„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die
-Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“
-
-„Dann sind wir fertig!“
-
-„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig
-sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.
-
-Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die
-Adern seiner Stirne schwollen an, seine Hände ballten sich zur Faust.
-Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich
-brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“
-
-Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines
-Vaterhauses.
-
-In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf
-der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.
-
-Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig.
-Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein
-schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind -- ersterer kam aus
-Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der
-Stegbrunnerischen Vrona.
-
-Beides blieb im Schwandhofe -- es war ein Ende und ein Anfang.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Am Fenster der Liebsten.
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-Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber
-die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind,
-sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war
-Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen,
-was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.
-
-Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den
-bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt
-bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“
-
-Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen
-sein Weib -- da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer
-heranwachsenden Tochter, allein. --
-
-In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein
-großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet,
-von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als
-Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres
-stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem
-Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam
-der andere dran -- der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam
-im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte
-er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart.
-Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen,
-das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein
-Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren
-ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte.
-Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel
-und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß
-ihm ein anderes Leben kommen müsse -- es fiebert leise zwischen Frost
-und Sonnengluth...
-
-Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. -- Ich wollte,
-ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen
-schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines
-Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene
-Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft
-leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die
-Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen
-und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten
-am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen
-goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein
-Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines
-Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so
-frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein
-d’rin sehen -- es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die
-heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm
-des Schlosses kreist.
-
-Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe
-um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! --
-Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! --
-Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den
-stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den
-steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes
-zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren
-Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen
-scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die
-wiederum am Fester steht -- zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen
-Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche.
-Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:
-
- „Meine Schuh, die ih trag,
- Sein vom Fuchsleder g’macht,
- Sie schlafen beim Tag
- Und geh’n aus bei der Nacht.“
-
-Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von
-warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend
-Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte
-Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden
-gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.
-
-Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina
-sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch
-hinab -- bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott
-verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte
-wohl mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem
-Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe
-hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein
-vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s
-Fenstergesimse zu heben.
-
-Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters,
-vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste
-leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim
-mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus
-stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und
-glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter -- der
-Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen -- dem stand es nicht an,
-anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel
-dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im
-Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte
-ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter -- meinte er
--- sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe
-Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige
-Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet,
-als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu
-Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz
-schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der
-Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind
-fertig.“
-
- * * * * *
-
-Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser
-Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend
-noch heute als ein Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie
-rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein
-finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl,
-aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so
-gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld,
-wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein
-kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der
-arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in
-Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über
-die Wilderei hatte er das Weib vergessen.
-
-Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein
-erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht
-weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte
-schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im
-Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr
-seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie
-lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft,
-wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem
-niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der
-Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.
-
-Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er
-nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine
-Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu
-nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines
-Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße
-Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der Wend;
-sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen
-ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe.
-Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte:
-„Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon.
-Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder
-auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und
-Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der
-Försterssohn vorübergehen mußte.
-
-Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich
-schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer
-Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser
-als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das
-Beten, wohl aber das Singen gelehrt. -- Ein Blitzmädchen war’s!
-
-Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in
-der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten
-Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß
-sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen,
-um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb
-allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.
-
-„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und
-des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er
-dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da
-fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem
-sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus
-Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und
-kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte, das Fenster war geschlossen;
-er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war
-vergebens.
-
-Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube
-schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn
-sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. -- Schon wollte
-der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln.
-Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der
-Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine
-mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und
-lauerte.
-
-Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:
-
- „’s Vögerl am See
- Schwingt hin und schwingt he
- Schwingt auf und schwingt nieder
- Und mein blauäugigs Dirndl,
- Heut komm’ ich Dir wieder.“
-
-Oswald’s Stimme.
-
-Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der
-Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir
-heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir,
-Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir
-das Messer ein!“
-
-Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen
-im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso
-die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen
-des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein
-Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein als
-sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt,
-vergeht das Singen. -- Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan.
-Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern,
-bis der Fensterflügel sich aufthat.
-
-„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“
-
-„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf
-bis zum Kinn.
-
-„Ja,“ sagte er.
-
-„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“
-
-Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine
-Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die
-Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand,
-sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen
-Fingerchen.
-
-„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem
-Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich
-unten.“
-
-„Warum soll die Ranke denn brechen?“
-
-„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten
-hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“
-
-„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.
-
-„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre
-schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“
-
-„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine
-Hand ein wenig näher an ihre Brust.
-
-„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du
-mich aus der Gefahr wolltest befreien.“
-
-„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“
-
-„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom
-Fenster sollst mich heißen -- zu Dir in’s Stübel hinein.“
-
-„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.
-
-„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben
-Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit
-einander die Zeit vertrieben?“
-
-Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.
-
-„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt.
-Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in
-diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf
-mich nehmen.“
-
-„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.
-
-„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon
-munter.“
-
-„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese
-Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“
-
-„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu
-Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“
-
-„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen
-zurück.
-
-„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von
-mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“
-
-„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst.
-„Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da
-hängt allerhand dran und da verzappelt man sich hinein, wie die Mucken
-in das Spinnenweb. -- Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’
-Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank
-sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’
-Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen
-thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“
-
-Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens
-innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht
-nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon
-schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau
-rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück:
-„Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater
-versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch
-bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem
-Tage Deine Mutter ist gestorben --“
-
-Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen,
-den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit
-einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf
-dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg
-rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.
-
-Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in
-die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem
-Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das
-Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um
-so besser....
-
-Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein
-Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder
-auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner
-Brust -- er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.
-
- * * * * *
-
-Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte
-Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und
-hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit
-den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn
-Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt
-fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend,
-geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß.
-
-
-Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing
-er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse
-mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft.
-Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann
-schoß er --
-
-Die Geschichte ist schwer wie Blei.
-
-In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein
-Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges,
-herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels
-der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten
-sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein
-glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten
-Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. -- Für schlechte
-Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man
-wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen
-könne. -- Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager,
-sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.
-
-Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart
-den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl
-leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager
-sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock
-nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus
-und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“
-
-Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete
-freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt
-mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit
-einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu
-Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so
-viel bin ich Dir werth....“
-
-Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen
-gesehen. Er schwieg eine Weile.
-
-„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit
-Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’
-gemeint.“
-
-„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich
-+lach’+ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches
-Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst
-nimmer!“
-
-Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte
-mit feuchtem Auge.
-
-Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.
-
-Ein Kindlein! -- Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses
-Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke
-an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde
-wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen
-spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz
-mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.
-
-Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in
-die Welt hinaus. -- Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein
-Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende
-Bleikugeln heiß. -- Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer
-Braten gar sonderlich wohl bekommen.
-
-Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten
-von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen
-Winkel des Vorgemachs und sagte:
-
-„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’
--- ein Dieb!“
-
-Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des
-Kindes zusammen.
-
-„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding.
-Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der
-Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“
-
-„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort
-haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie
-sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in
-einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das
-+Unrecht+ nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem
-Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern
-bleiben!“
-
-„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und
-ging davon.
-
-Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das
-Bettlein des Kindes niederrann. -- „Er hat keine Freude. Da ist sein
-Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht
-sich eine Freude....“
-
-Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine
-Gefahr -- ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht
-angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.
-
-Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.
-
-Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele,
-bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm
-die Wange; -- ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß
-daheim, bei seinem kleinen Bübel.“
-
-Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht
-auslassen.
-
-„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen
-Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die
-Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“
-
-Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht
-mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem
-Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.
-
-Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die
-kriechenden, die fliegenden, die springenden -- so hub seine Begier
-gewaltig an zu glühen...
-
-Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der
-Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß
-man brav arbeiten, dann wird’s gut.
-
-Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere
-Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete
-in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie
-kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! -- Aber sie
-betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme
-es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut
-Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber
-Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ -- Sie schluchzte dabei
-und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als
-die Früchte lagen. Das Knäblein -- es war ein halbes Jahr kaum alt --
-jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute
-kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses
-eingeschlummert.
-
-Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren
-Stangen. -- Franz war noch nicht zurück.
-
-Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder
-Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger.
-Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des
-Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.
-
-Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der
-Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an
-einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war,
-als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie
-verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich,
-daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie
-sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden.
--- Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte
-es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. -- Die blauen Glocken
-der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie
-läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.
-
-Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank
-mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut,
-einen Schritt ihres Mannes zu hören -- und sie hörte doch nichts.
-
-Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch
-leuchteten, da es schon dunkel war. -- Irrlichter sollen auch zuweilen
-in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen
-sind Augen Gottes -- so hat’s oftmals die Ahne gesagt. -- Und jetzt,
-Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er
-hat uns lieb; -- Gottes Auge wacht auch über dem Vater...
-
-Ein Knall -- -- da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes
-gegangen.
-
-Sie stieß einen lauten Schrei aus -- sie preßte das Kind an sich.
-
-Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt
-nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der
-Schlucht -- vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen.
-Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und
-Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan -- und fand sein sterbendes
-Weib.
-
-Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die
-Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch
-bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische
-mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das
-letztemal erfreute.
-
-Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr
-sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein
-Franz -- gelt -- das Wildern -- laßt sein?“
-
-Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.
-
-Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind -- ein zitterndes
-Tröpflein in ihrem Auge -- -- dann war es starr und öde auf dem lieben,
-trautsamen Antlitz.
-
-Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie
-nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Gang zur Mutter.
-
-
-Die Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken
-nieder. Es war Feierabend -- Feierabend des Tages und Jahres --
-Sylvesterabend.
-
-Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt
-nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub
-der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne:
-Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. -- Wiege
-und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders,
-wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges
-Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen,
-das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste
-Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der
-Amster.
-
-Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein
-glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha
-saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in
-den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das
-Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern -- -- o, lieber Leser, wie
-könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin
-geworden, in solcher Stunde schaut!
-
-Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel
-legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht
-gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein
-Hase -- mit offenen Augen!“
-
-Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne
-auf und lächelte.
-
-„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und
-ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.
-
-Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen
-seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre
-vermeint, der Zukunft -- dem Kinde.
-
-Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das
-hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten
-über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener
-Größe und Form -- in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von
-Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und
-leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen
-lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es
-alle Stiefel nach +einem+ Leisten schlage. Aber das harte Tragen!
-Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf
-dem Höcker.
-
-Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein,
-und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von
-der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich
-wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht
-gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr
-hinübergehen.“
-
-Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen
-wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!
-
-„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben
-bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht
-schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum.
-Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges
-Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“
-
-Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert
-waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was
-Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in
-der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen
-ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht
-auslegen. Daß es nur +heut’+ nicht wär’!“
-
-„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der
-Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.
-
-„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In
-der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster
-wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! -- Aber
-+Dich+ mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht -- von wegen
-dem, was Du vorhin hast gesagt.“
-
-Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es
-nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht
-wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam
-ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach
-Hause gehen.
-
-So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel
-anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.
-
-Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher
-das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des
-Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das
-Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.
-
--- Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre
-alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins
-um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß
-dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti
-so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu
-viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.
-
-Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab,
-dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach
-und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden
-dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann
-dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während
-Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und
-hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als
-Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein
-Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so
-wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust
-drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne
-schon sein -- hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu
-sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles
-sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. -- So
-eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.
-
-Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über
-kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und
-wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete,
-daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er
-vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus
-seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken
-im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht
-wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das
-Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine
-Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte
-von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher
-Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten -- ob eine Zeit
-kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung,
-nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein
-wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so
-hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? -- Wolfgang, der
-über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist
-horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er
-nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten
-Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem
-Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher
-hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste
-von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den
-Seegruber-See ergoß.
-
-Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den
-Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu
-sehen. Er rüstete sich in Gedanken für alle Fälle, so wie es ja seine
-Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu
-sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die
-Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.
-
-Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in
-denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand
-an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen
-und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht
-ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse
-hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche
-Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren,
-wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines
-Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann
-stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein
-dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien,
-das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine
-los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das
-Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es
-bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so
-hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues
-Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern
-mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um
-mehrere Stunden verlängern? -- Er stemmte sich auf den Stock und
-fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur
-Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor
-sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so
-fröhlicher ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ
-sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers
-hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer
-kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in
-den Boden hinein -- und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche
-verschwunden.
-
-Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch
-eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück
-aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken:
-Jetzt hat mich die Erde verschlungen! -- Dann war er betäubt.
-
-Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub,
-welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der
-Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu
-dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender
-Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer
-der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden,
-gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.
-
-„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte
-er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig
-zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle
-nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er,
-wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen
-könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile
-finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen
-tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an
-die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht,
-daß ich die heutige Sylvesternacht beim Wasser zubringen sollte;
-Andere sitzen beim Wein.
-
-Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß
-er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee
-und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen
-Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s
-ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen
-bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts
-(Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon
-hinauskommen. -- Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in
-Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. -- O ’s ist hell
-zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein
-Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so
-schreckbare Art zugrunde gehen kann!
-
-Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’.
-Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich.
-In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den
-Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein
-bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter,
-hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht
-und laßt sich’s gut gehen. -- Herrgott, rette mich!“
-
-Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des
-Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte
-einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder.
-Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse
-erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte
-brach die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte
-sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden
-Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen
-in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in
-Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten
-wunderbar zarte Regenbogenfarben.
-
-„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch
-hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir
-nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der
-Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört
-vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen,
-und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit
-hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät
-wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben
-für die morgige Predigt. -- Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht
-auf mich thäten warten.“
-
-Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern -- ohne Erfolg;
-ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund
-geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich
-fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste
-Zeit zum Verzweifeln -- es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich
-stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus
-zum Seegrub-See. -- O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute
-deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer
-wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin
-bald vorbei ist! -- O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf
-Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem
-Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur
-willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“
-
-Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so
-jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.
-
-Da erbarmte sich Gott -- jener Gott, den heute die Welt nicht mehr
-nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“
-besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch
-göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen
-menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht
-von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten
-Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in
-der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer
-Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.
-
-Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht
-mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen
-Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.
-
-Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee
-verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich
-behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang
-hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche
-Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster
-sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der
-Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder.
-Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe
-ruft, oder dergleichen -- das ist selbstverständlich. Die Hauptsache
-ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.
-
-Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen
-Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der
-uns zuvor ist kommen.“
-
-„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte
-sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’
-den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“
-
-Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten
-Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“
-
-Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen
-Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die
-Worte nicht.
-
-„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von
-den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“
-
-„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu
-bedenken.
-
-„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.
-
-„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“
-
-Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich
-mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid
-genäht.“
-
-So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas
-angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch
-den Schnee brächen -- und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf
-aus der schreckbaren Schlucht.
-
-Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit
-vom Loch hintan und lachte.
-
-Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er
-in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.
-
-Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang
-war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann
-bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen
-sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern
-wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und
-hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche
-Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und
-jetzt gehen wir heim.“
-
-Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf
-mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder
-ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab
-und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit
-seiner Mutter stände. -- Das Weiblein sei im Bett -- sonst wüßten sie
-nichts.
-
-Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte,
-rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’
-beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s
-nachher schon sagen, warum.“
-
-Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande
-fand -- zwar mühselig, aber stets heiter.
-
-„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und
-beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’
-ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. -- Ja, ich muß Dir
-was sagen, Wolfl -- aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“
-
-„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut
-geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’
-wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“
-
-„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl
-länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein
-Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß
-Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich
-gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s
-wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“
-
-Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl
-gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen,
-anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.
-
-„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’
-einen Terno gemacht.“
-
-Da horchte der Wolfgang auf.
-
-„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt --
-und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im
-Bettstroh ist das Geld. -- Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so
-geschreckt?“
-
-Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße
-Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon
-der Frost herrühre.
-
-„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer
-ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so
-habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das
-nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! -- Es ist das
-Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein.
-Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. -- Und jetzt, wenn Du meinst,
-daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf
-und thu mir sie grüßen!“
-
-O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der
-Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse
-Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem
-jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre -- da drückte der Vater
-seinen ersten Knaben an’s Herz.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mein einziger Sohn.
-
-
-Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften
-Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen
-Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und
-weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That
-der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. -- In den Papieren eines
-Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:
-
-Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich
-habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles,
-arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen
-richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und
-wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand
-empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.
-
-Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang
-ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind -- einen Sohn, und
-ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu
-fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht
-zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die
-Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter
-dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die
-dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.
-
-Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will
-nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube --
-aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn
-lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.
-
-Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt
-beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener
-ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei
-besaß er großen Ehrgeiz, der -- wie wohlthätig dieser Charakterzug
-auch bei jungen Leuten wirken mag -- mir doch bei meinem Sohne fast zu
-überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den
-glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in
-seinen Augen.
-
-Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging
-eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber -- Alfred kam
-nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief,
-der folgendermaßen beginnt:
-
- „Liebe Eltern!
-
- Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit,
- daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei
- Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse
- entgangen sind u. s. w.“
-
-Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine
-Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger -- dünkt mich -- in seinem
-Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus
-vergnügliche Vacanzen. -- Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den
-Nachbar sagen.
-
-Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung
-seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.
-
-Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein
-hübsches -- ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein
-Alfred -- aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein
-noch größerer Fehler als bei Männern.
-
-Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den
-kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung
-genossen, keine Arbeit gelernt -- war keine Häuslichkeit inne geworden.
-Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der ~haute
-volée~ des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und
-fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen.
-Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber
-redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.
-
-Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn.
-Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines
-Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der
-Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte.
-Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich
-zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und
-wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth
-wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe
-sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.
-
-Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da
-aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.
-
-„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen
-Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil
-ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“
-
-„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine
-Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge
-besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig
-erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine
-Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“
-
-Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.
-
-Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.
-
-Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken,
-wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge
-Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen,
-und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in
-seinem eigenen Haupte -- am Steuerrade der Vernunft.
-
-Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.
-
-Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden
-war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des
-Gerichtsschreibers.
-
-Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:
-
- „Mein lieber, guter Vater!
-
- Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu
- machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber
- ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens
- Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß
- dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher
- Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn
-
- Alfred.“
-
-Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief
-mitten auseinander. -- Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du
-gutes Kind? -- Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der
-Mensch ist seines Schicksals Schmied? -- Und mich, den Vater, willst
-Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! -- Es kann hier
-nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei
-versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren,
-so lange es möglich!
-
-Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den
-Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren
-verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath,
-als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht,
-aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf
-solche Art verlieren, das ist ein Schlag!
-
-Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er
-sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen
-lassen -- nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut -- so müßten sein
-gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand
-gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst
-voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns
-fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter
-Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein
-Kind zu retten.
-
-Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst
-von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch
-abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. -- Es
-vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.
-
-Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich
-bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich
-wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem
-Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht
-geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das
-mich rief, war einmal da.
-
-Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des
-Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! -- Nach diesem Grundsatze hat der
-Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die
-Schultern des Volkes gewälzt.
-
-Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf
-mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine
-Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer
-ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des
-Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir
-endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer,
-daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen
-Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.
-
-Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen
-hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem
-vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße,
-hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände
-vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der
-Selbstmorde.
-
-Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft
-erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu
-fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege
-nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: -- das war nicht Gottes Stimme,
-denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit
-seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht
-das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet
-hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall
-des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.
-
-So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden
-Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So
-war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich
-nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen
-That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an.
-Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!
-
-Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.
-
-Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung
-die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt
--- abgelehnt von dem Angeklagten selbst.
-
-Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen
-sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu
-verzichten. Wie ich harmlos war!
-
-Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging
-ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche
-Publicum.
-
-Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und
-Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah.
-Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. -- „Die Geliebte zu
-ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte!
-Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe
-Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und
-Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.
-
-Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen
-Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe
-fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben
-vergeblich gesucht werde.
-
-„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche
-Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die
-Leut’ solche Ansichten hätten!“
-
-Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.
-
-Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei
-bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.
-
-Der Angeklagte war mein Sohn. -- -- --
-
-Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung
-sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines
-mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken -- ich
-merkte es wohl -- ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder
-gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen
-mich. -- Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu
-sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der
-des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder
-hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte
-das nützen! In der Stadt -- gleichwohl diese ziemlich weit von meinem
-Gute entfernt lag -- war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen
-Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte
-laut -- daß mir der Grund des Herzens erbebte -- den Namen Alfred
-Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen
-des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching,
-durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus
-ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.
-
-Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da
-mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem
-kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das
-Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt
-gesühnt -- an ihm, an mir.
-
-Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der
-Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen
-sah ich mit dem Kopfe nicken.
-
-Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der
-Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche
-Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.
-
-Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.
-
-Ich kann kein Wort davon vergessen.
-
-„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben;
-das -- ich wußte es -- war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt
-wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu
-meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch,
-verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes
-und ich bin schuldig geworden; -- so endet meine Qual! -- Aber auf
-meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint --
-ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu
-entgehen?“
-
-„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube
-an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und -- eine leichtfertige
-Ausrede.“
-
-„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten
-Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir.
--- Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses
-zerstören; +sie+ wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse
-keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns
-ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir
-selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen
-Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß
-gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht
-am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen
-andern Ausweg, als den Tod? -- Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie,
-beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen
-gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir
-haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung
-und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter
-höchstes nicht!“
-
-„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der
-Tribüne.
-
-„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen.
-Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. -- O, hätte ich
-doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich
-in den Jammer gestoßen. -- Wißt es noch, wie es war. -- An meiner
-Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht
-mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute +vor+ ihr wäre
-ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos
-für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch
-gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke -- die
-mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der
-Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe
-gegen +meinen+ Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile
-eilen die Leute herbei und führen mich davon. -- Und jetzt nannten es
-die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode
-mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die
-durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten
-Richter, thut an mir desgleichen.“
-
-Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf
-die Bank.
-
-Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn
-war der:
-
-Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in
-das Irrenhaus.
-
-Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und
-gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging
-hinaus.
-
-Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf
-den fällt das Blut!“
-
-Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.
-
-Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich,
-und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei
-freigesprochen worden.
-
-Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.
-
-Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich
-auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches
-gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner
-Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß
-kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr
-das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem
-trauten Herzen ausgeweint -- aber ich wagte es nicht, in ihr zartes,
-reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich
-blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes
-zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; --
-aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und
-ihre Haare begannen rasch zu bleichen.
-
-Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres
-Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene
-Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem
-Elternherzen bereiten mag....
-
- * * * * *
-
-Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der
-Hauptstadt:
-
- „Liebste, allerliebste Eltern!
-
- Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre
- geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu
- leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann
- ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet
- auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es
- sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn
-
- Alfred.“
-
-Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise,
-sie habe ja längst Alles gewußt.
-
-Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem
-heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die
-er uns angethan.
-
-Gott weiß es -- wir haben ihm verziehen.
-
-Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben
-könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes
-Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu
-erziehen. -- Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein
-Gewissen dadurch erleichtert worden.
-
-Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind
-allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.
-
-Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind
-angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten
-Streben, es vor Leichtsinn zu wahren, es vor allen Leidenschaften
-des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm
-heranzubilden.
-
-Es ist unser einziges Kind.
-
-Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er
-Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück,
-wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Sündensteg.
-
-
-„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“
-
-Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.
-
-„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“
-
-„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“
-
-„Und was bewirkt sie?“
-
-„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der
-heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen
-Todes schuldig.“
-
-„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’,
-Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch
-die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden
---“
-
-„Alle kann ich, Herr Katechet.“
-
-„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade
-Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt,
-der fährt in die --“
-
-„Hölle!“ ergänzen die Kinder.
-
-Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn
-in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht,
-der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom
-Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.
-
-Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger
-empor.
-
-„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“
-
-Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer
-mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem -- vor dem --“
-
-„Teufel --“
-
-„Nicht zu fürchten.“
-
-Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom -- Andern. --
-
-So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte
-Geschichte.
-
-Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er
-hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er
-kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig.
--- Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und
-das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch
-ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im
-Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie --
-kurz, er hat was gelernt.
-
-Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war,
-erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von
-der Magdalena.
-
-„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann
-wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“
-Und lief davon.
-
-Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte
-sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab,
-steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“
-
-„Wesweg’?“
-
-„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum
-Fressen gern.“
-
-„Das kunnt Jeder sagen.“
-
-„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so
-kommt’s nur auf’s Probiren an.“
-
-„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“
-
-„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden,
-Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger
-gegen Himmel.“
-
-„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und
-drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen
-zu einer Sünd’!“
-
-„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“
-
-„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“
-
-„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“
-
-„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich
-denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“
-
-„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“
-
-„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht
-weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den
-Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“
-
-„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu
-gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“
-
-„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das
-Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein
-Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu
-suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’
-zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch
-ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“
-
-„Dirndl, Du bist aber schon gar!“
-
-„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht
-Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem
-Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“
-
-„Stehen soll’s bleiben!“
-
-„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’
-seid es am wenigsten. -- Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum
-Feind!“
-
-Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s
-Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“
-
-„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur
-kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! -- So. Bist halt
-doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“
-
-Dann gingen sie auseinander.
-
- * * * * *
-
-Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm,
-aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der
-Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen
-über die Zeit ausgeblieben.
-
-Der Steghofer -- die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute
-recht gut wie er’s trieb -- war ein roher, jähzorniger Mensch; das
-hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der
-Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein
-„angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der
-eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach
-dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde.
-Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der
-niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig
-nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen
-und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser
-einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das
-geschehen wird.
-
-Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen,
-die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause
-getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren
-hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines
-Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer
-war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte -- der
-Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte -- der Alte erreichte
-nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher
-viel feiner machen....
-
-Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist
-gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen.
-Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann
-zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.
-
-„Auch die Prügel?“
-
-„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das
-nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in
-Ewigkeit gegen sich.“
-
-„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“
-
-Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt
-giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen
-laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.
-
-„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter
-Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle
-lustigen Kameraden wieder.“
-
-„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“
-
-Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen
-nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es
-keinen Lohn findet; seiner -- des Guten selbst willen -- wird der echte
-und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein
-suchen, Gutes gethan zu haben.“
-
-Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen
-wie dem Crispin?
-
-Der Crispin, als er das gehört hatte -- bei einer Feierlichkeit, vom
-Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik
-gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen -- der Crispin also dachte
-und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer
-gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern
-Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf +dieser+ zu thun
-hab’.“
-
-Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor
-Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten
-Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.
-
-Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein
-Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.
-
-Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein:
-„Dir ist Einer zuviel im Steghof!“
-
-„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.
-
-„Ja!“ lacht der Bauer -- seine Stimme ist aber doch schon heiser --
-„der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten
-Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin
-ich +nicht+. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich
-ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen
-möchtest weiden.“
-
-Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel
-seiner Finger in das eigene Fleisch. -- Soll er denn sein Leben
-verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und
-Hof! -- Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber
-helfen.
-
-Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden
-waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.
-
-„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an,
-wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer
-Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“
-
-„Wo hast denn Du Dein Korn?“
-
-„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige
-Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“
-
-„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist
-Sünd’, kommst in die Höll’!“
-
-„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt;
-ist nicht assecurirt gewesen!“
-
-„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.
-
-„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder
-beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“
-
-Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte
-bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er
-denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So
-schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.
-
-Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in
-Freuden.
-
- * * * * *
-
-Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die
-Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal
-Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod
-abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur,
-daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß
-verlangt. -- Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.
-
-Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.
-
-Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das
-Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben
-oder nicht. -- Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch
-ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich,
-stark genug, einander zu zerfleischen.
-
-Das Laster geht geraden Weg.
-
-Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die
-gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie
-willst mir sie verkaufen?“
-
-„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel,
-„willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr
-mitsammt der Kette.“
-
-„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts
-gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“
-
-„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s.
-Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und --“ er legte die
-Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“
-
-„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“
-
- * * * * *
-
-Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt
-durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab,
-welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte:
-Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? --
-
-Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in
-das Häuschen seines Freundes.
-
-„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig
-wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei
-gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem
-Kameraden ein Stück Blei hin.
-
-„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“
-
-„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“
-
-„Das mag auch sein.“
-
-Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war,
-als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.
-
-„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich,
-„da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“
-
-Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.
-
-„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß
-ich Dich frag’ Franz, -- hast Du Dir’s überlegt?“
-
-„Was?“
-
-„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“
-
-„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.
-
-„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen
-Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz,
-und wir wollen alleweil zusammenhalten.“
-
-„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich
-arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher
-bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber
-nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt -- thätest Du nicht sein --
-mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur
-so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“
-
-Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden.
-Beide schüttelten sich die Hände.
-
-Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.
-
-„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere
-nickte mit dem Kopfe.
-
-„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu
-beweisen.
-
-„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“
-
-„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“
-
-Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir
-schwören, daß Du mir hilfst?“
-
-„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’,
-das wird doch nicht vonnöthen sein?“
-
-„Man kann’s nicht wissen.“
-
-„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’
-kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“
-
-„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in
-der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am
-allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“
-
-„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird
-doch nichts Unrechtes sein.“
-
-„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib
-haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin
-fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“
-
-„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was
-kann ich Dir denn thun?“
-
-„Rath’ einmal.“
-
-„Wieder Korn tragen helfen?“
-
-„Nein, Franz.“
-
-„Brauchst etliche Groschen Geld?“
-
-„Nein, Franz!“
-
-„Soll ich Dir Eine überreden?“
-
-„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“
-
-„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“
-
-„-- -- Nein, Franz.“
-
-„Ihm das Haus anzünden?“
-
-„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“
-
-„Kunnt’ nicht mehr rathen.“
-
-„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es
--- aber greif’ zu, trink’, trink’ -- Du mußt mir schwören, daß Du es
-Niemand sagst!“
-
-„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“
-
-„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand!
-Bei Gott und Deiner Seel’! -- Du willst nicht? Nicht einmal den Arm
-heben, mir zu Lieb?“
-
-„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier
-kann ich’s noch weniger.“
-
-„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“
-
-Dem Wachszieher -- wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ --
-vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen
-Seele!“
-
-Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.
-
-„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin.
--- „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt,
-daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“
-
-„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber
-gleich, was Du verlangst.“
-
-„Ich? Was ich verlang’?“
-
-„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“
-
-Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den
-Steghofer um.“
-
-Der Franz prallt zurück.
-
-Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen,
-wie ernst es ihm ist.
-
-„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab:
-„Geh’, geh’! -- Geh’!“
-
-„Also, Du magst nicht?“
-
-„Mein Lebtag nicht. +Mein Lebtag nicht!+“
-
-„So. -- Also +meineidig+ willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt
-der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.
-
-„Daß Du +so+ was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“
-
-„Und hast doch geschworen!“
-
-„Hätt’ -- hätt’ ich Dir +das+ geschworen?“ ächzt der Franz und
-ringt nach Athem.
-
-„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir
-nicht zu helfen.“
-
-Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.
-
-„Nun?“ frägt der Soldat.
-
-„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor
-behüt’ mich Gott.“
-
-„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde
-ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du,
-einen +Vatermord+! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur,
-hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich
-einen Schurken, Dein Lebtag lang.“
-
-Der arme Franz -- in Wahn befangen -- rang die Hände, starrte stumm
-vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß
-er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und
-ein zweifacher Mörder sein! -- Aber Vatermord und Meineid sind die
-schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid
-nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der
-Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge
-ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst --
-Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt
-und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben -- die Hand hat falsch
-geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s
-Firmament. Wer löscht ihn aus? --
-
-Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.
-
-„Nun?“ fragte der Crispin wieder.
-
-„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“
-
-„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“
-
-„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“
-
-„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder
-behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen
-Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei
-still.“
-
-Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte:
-„Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s
-Bestimmung. -- Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei
-in sieben Tagen ausgeräumt!“
-
-Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und
-stürzte aus der Stube -- in die erste finstere Nacht des neuen Jahres
-hinein.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden
-Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den
-trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn
-doch nicht der Rechte.
-
-Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch
-die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse
-es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald
-ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur
-Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein
-fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser
-Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen
-bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten
-ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne,
-wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in
-den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden
-worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der
-Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich
-in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten
-diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine
-Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.
-
-Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und
-Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.
-
-Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte
-seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.
-
-Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu
-geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im
-Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.
-
-Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der
-Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. -- Wenn
-das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter +diesem+ Manne
-brechen, er +muß+ brechen. -- Der Bursche nahm eine Handsäge unter
-den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen
-die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg
-hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel
-durch.
-
-„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten
-Zeit brechen.“
-
-Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.
-
-Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete
-das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen
-hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; -- sie
-läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der
-Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. -- Heute saß
-er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen
-Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden.
-Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana
-war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun
-an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben,
-dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.
-
-„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das
-kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“
-
-„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.
-
-„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“
-
-„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“
-
-„Wer?“
-
-„Nun, wer denn? Der Crispin.“
-
-Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die
-Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin +ich+!“
-
-„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand
-und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher
-nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er
-hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien
-denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die
-Sense.
-
-„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.
-
-„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem
-Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“
-
-„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern
-über den Waldsteig.“
-
-„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte
-der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur
-Herdgluth.
-
-In demselben Augenblicke knallte ein Schuß -- gellte ein Schrei --
-klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.
-
-Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch
-die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden
-Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe
-schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel
-und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem
-den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.
-
-Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem
-Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner
-Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.
-
- * * * * *
-
-„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz,
-der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich
-hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“
-
-Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch
-ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust
-emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was
-mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn
-geschossen habe.
-
-„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und
-dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich
-ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor
-Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen
-legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf,
-um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden,
-und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es
-nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige
-Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und
-den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die
-Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.
-
-Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee
-leitete sie gegen die Natterklamm.
-
-„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die
-Leute.
-
-„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich
-selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.
-
-Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu -- und der
-Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und
-Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln
-vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren
-die Tritte nicht mehr zu spüren.
-
-„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.
-
-Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.
-
-Als sie nach zwei Tagen -- es war der siebente Tag nach der
-Neujahrsnacht -- den Sarg des Crispin durch den Wald und an den
-Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den
-Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz
-als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin
-des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten
-Tagen benommen hätte. -- Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts
-gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im
-Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen,
-daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er!
-Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“
-
-Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen;
-der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die
-Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er.
-Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.
-
-In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm
-die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer
-von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende
-Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf
-dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin -- Gemordete
-liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen
-Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ --
-
-Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft,
-Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.
-
-Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das
-Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten
-Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Thürmer von Münsterwald.
-
-
-In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.
-
-Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn?
-Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein
-darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen
-Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch
-wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in
-demselben für ihre Abende vorbereiten können.
-
-„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes
-Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt.
-Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen
-in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen
-Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen
-gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s
-nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der
-leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß
-schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube
-unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon
-die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die
-neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird
-sich der Thürmer die Zeit vertreiben? -- Jetzt liegen sie neun Stunden
-lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch
-immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der
-Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!
-
-Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin
-über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange
-Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden
-Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön
-seine Glocken klingen.
-
-Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in
-welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht
-die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die
-Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht
-tiefer; sein Mund murmelt:
-
- „Die Lust hat uns verbunden,
- Die Schuld hat uns getrennt.“
-
-Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit.
-Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines
-nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die
-Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst
-lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und
-seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm,
-bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.
-
-Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken
-läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer
-zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der
-Töne -- er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran
-dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und
-Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande -- der Eine
-wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.
-
- „Die Lust hat uns verbunden,
- Die Schuld hat uns getrennt.“
-
-In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet,
-drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen
-Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den
-Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten,
-keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel
-herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen,
-unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren
-breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.
-
-Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst
-er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich
-schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser
-Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein
-Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam
-scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. --
-Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser
-Jahreszeit bei uns nicht viel herum!
-
-Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte
-sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren
-aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde
-Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle,
-auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen
-Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.
-
-Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte,
-da wurde die Kirche zu klein -- und das will in Münsterwald was sagen!
-Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit
-Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter
-dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche
-die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht
-desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal,
-aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges
-in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine
-Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte
-einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“
-
-Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben
-Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum
-Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang,
-er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht
-nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer?
-Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.
-
-Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches
-Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in
-den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach -- auf der
-kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name
-„Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer
-wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben
-zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da
-das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen
-Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name
-Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum
-Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton
-eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum
-Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! -- Da ist ein
-junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? -- Zu
-Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der
-Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin.
-Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an -- und das
-war sein Weihnachtsfest.
-
-Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den
-bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las.
-Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte
-mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in
-die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach
-der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte
-derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein
-gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von
-den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel
-schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.
-
-Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er:
-„Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte
-Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“
-
-Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige
-Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme
-schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“
-
-„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den
-Pfarrhof.“
-
-Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie
-+Der+ kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben
-und Sterben, Du heiliger Gott!“ --
-
-Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende
-Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald
-zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen
-Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über
-der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe
-mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht.
-Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden.
-Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche
-dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe
-mein Kind umgebracht.“
-
-Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf
-seinen Platz -- und schwieg.
-
-„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.
-
-„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist
-gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten
-erfassen.
-
-„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so
-schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen.
-Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen -- aber eine Sünde,
-Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten
-haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust
-hat uns verbunden! -- Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick
-für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten
-gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen
-einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und
-Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht
-dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn +der+
-Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren
-jetzt der geistliche Herr in die Höh’! -- Hat +brav+ studirt, der
-Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. -- Wie er in seinem
-einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und
-uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in
-die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem
-Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger
-Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus
-hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die
-Leute gar gesagt haben: Wenn +solche+ Kirchenglocken läuten, da
-wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück
-nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’
-vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der
-Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen
-die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein,
-gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in
-der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen,
-der Maria-Himmelfahrtstag war’s -- werde ich eilends von meinem Thurm
-gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen
-und mitten drin haben sie -- mit einem Strick die Hände gebunden --
-meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie
-wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß
-der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald
-geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem
-Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer,
-geistlicher Mann! Was +das+ ist, wenn Einem das eigene Kind auf
-einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was +das+ ist! Tausend
-Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! -- Nichts
-weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein
-Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin,
-sonst war er brav. Und jetzt auf einmal +das+! -- Daß mich der
-Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat
-er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! --
-Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben
-gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen,
-daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld
-braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster
-hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat
-hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als
-wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift
-kein’s. -- Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb!
-Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei
-mir wollen Schutz suchen. -- Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und
-Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust
-zurück. -- Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus
-der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort -- und seit dieser Stund’
-hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“
-
-Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er
-zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl
-bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel
-fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat,
-ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“
-
-„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei,
-sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret
-der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache
-auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz
-geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr
-habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande,
-die Ihr auf +Euer+ Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s,
-weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen
-unschuldig gewesen!“
-
-„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände -- aus Verzweiflung
--- aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:
-
-„Wie wißt Ihr denn das?“
-
-„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“
-
-„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so
-häßlich als geizig gewesen ist.“
-
-„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche;
-„sollte der Moses keine solche gehabt haben?“
-
-„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort
-müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“
-
-„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“
-
-Der Alte horchte auf.
-
-„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“
-
-„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er
-das selber nicht gesagt?“
-
-„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus
-Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den
-Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“
-
-„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für
-meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“
-
-„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die
-Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“
-
-„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume
-erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja,
-so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger
-Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“
-
-Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’
-mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“
-
-„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen.
-Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht
-mehr zurückkehren.“
-
-„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um
-Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich
-such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“
-
-„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal
-vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine
-Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat.
-Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu
-früh kommen.“
-
-„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß!
-Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst
-heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen
-soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“
-
-„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl
-kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für
-einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt:
-der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte
-Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der
-Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte
-damals ja gehört haben. -- Und so wird’s wieder lebendig.“
-
-„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der
-Thürmer.
-
-„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren
-Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der
-Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der
-des Mammons wegen beim Juden einsteigt. -- Valentin hat in einem
-katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet,
-dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des
-Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu
-verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den
-Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine
-Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“
-
-„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.
-
-„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren,
-daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere
-zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne
-nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen
-Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen
-Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit
-dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten
-sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu
-sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“
-
-„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“
-
-Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater,
-wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“
-
- * * * * *
-
-Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so
-seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton,
-so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es
-eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen
-den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“
-
-Der alte Mann läutete und läutete -- vergaß in der Freude auf das
-Aufhören. --
-
-Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.
-
-Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren
-Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in
-den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein
-Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.
-
-Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch
-ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben
-nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen
-Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen
-müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen
-als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu
-sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und
-der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen
-werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so
-leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem
-Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber
-diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und
-jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die
-Absolution.
-
-„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der
-Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich
-lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich!
-Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte
-ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s
-Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen
-Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas,
-Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde
-richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch
-nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir
-barmherzig bist!“
-
-„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen
-Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.
-
-„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß
-Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“
-
-„Das sagst +Du+ mir nicht mehr, mein lieber Martin.“
-
-„Weißt +Eins+, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“
-
-Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der
-Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich
-doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“
-
-„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“
-versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich
-sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen,
-hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das
-kommt von mir!“
-
-„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht
-verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“
-
-„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter,
-„der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen.
-Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint,
-wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch
-wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt
-daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die
-Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen
-Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen
-und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er
-sich holen wollen -- da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’
-gewesen.“
-
-„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? -- daß er sich beim Mädel
-wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“
-
-„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“
-
-„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du -- wenn Du schon schlecht
-hast sein können -- ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die
-Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“
-
-„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin
-nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald
-geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber
-gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! -- Heut’
-versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann -- aber
-wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern
-Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“
-
-Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter
-an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und
-soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! -- hättest Du vorig’ Jahr
-nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? -- so kennt man
-Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“
-
-„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt
-seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet
-gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein
-Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie
-ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die
-Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche
-Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest,
-Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein
-aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her,
-und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen:
-jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’
-ich umhergewurmt, daß ich doch +einmal+ etwas vom Valentin hören
-sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt
-weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne
-nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich
-mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt,
-hab’ nicht mehr gefragt -- aber still ist’s in mir nimmer geworden. --
-Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir
-möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und
-bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“
-
-Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht
-lange liegen.
-
-„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der
-Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und
-sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“
-
-„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt
-kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen,
-wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken -- Du wirst Deinen
-guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen,
-Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder -- aber was wird aus mir armem
-Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“
-
-Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem
-wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er
-den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich
-gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es
-wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute
-haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“
-
-„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? -- Als in der heiligen
-Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel
-thäten läuten! ’s ist +keine+ Mär’, Du +bist+ ein Engel!“
-
-„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das
-kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen
-Kindern!“
-
-„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und
-knarrte die Stiege hinab.
-
-Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm
-hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. -- Niemand
-sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen,
-daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch
-ausgehetzte Valentin stecke.
-
-Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich
-bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des
-Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine
-Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das
-wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“
-
-Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege
-hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.
-
-Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus
-Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles
-wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der
-Korbflechter Martin gethan habe.
-
-„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.
-
-„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie
-mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus
-Verzweiflung das Leben genommen!“
-
-„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute,
-kaum Ihr ihn von +einer+ Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der
-andern an. Ein Mord -- und der Selbstmord ist auch einer -- läßt gar
-nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige +ich+ den Valentin,
-er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“
-
- * * * * *
-
-Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort.
-Sein letztes Wort an die Leute von Münsterwald war die Bitte, dem
-Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts
-Schlechtes nachzutragen -- das freiwillige Geständniß hätte Alles
-gelöscht.
-
-Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden
-Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.
-
-Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge
-gegen Himmel empor. -- Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein
-Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Aga.
-
-
-Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem
-Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen
-ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der
-gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte -- aber
-vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten
-getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme
-Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat
-ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den
-Hochaltar begleiten wollen -- da ist sie vorgestern in der ruhsamen
-Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt
-gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag
-kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die
-Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub.
-Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen
-wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter
-getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat
-sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.
-
-Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu
-Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke.
-Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem
-Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen
-mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!
-
-Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein
-Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und
-den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des
-Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken -- guck’ ich
-ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der
-alten Aga.
-
-Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen
-des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist
-ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei
-Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so
-blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten
-sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur
-das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz
-und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben
-geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die
-Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen
-Gottes hat geschrieben.
-
-Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann
-gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines
-Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge
-und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit,
-schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein?
-Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen
-in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des
-Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen.
-Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort
-gewesen.
-
-Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf
-die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen
-Blättchen vom Heidegestrüpp -- da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast
-Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und
-kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben
-im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das
-Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern
-Hausbedarf.“
-
-Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles
-Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.
-
-Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus
-gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein
-und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten
-und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen
-Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie
-der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne
-heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen
-und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen;
-sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie
-zusammenströmte.
-
-Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur
-Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte
-ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter
-daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein
-schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf
-brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und
-schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.
-
-Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie
-hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will
-ich’s der Mutter heimtragen!“
-
-„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann,
-„ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst
-bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl
-schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die
-nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“
-
-So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie
-begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz
-liegt verborgen. --
-
-Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand
-an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und
-ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt
-und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat
-die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint
-von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“
-
-Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren
-lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage,
-da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter
-und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen
-ihre Herzen nicht mochten erklimmen.
-
-Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die
-Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte,
-und grüßten mit Anstand und verlangten -- das Mädchen. Da fragte die
-Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da
-wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur
-Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’
-Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in
-seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.
-
-Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter.
-Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern
-vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der
-Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und
-fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete
-mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.
-
-Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war
-Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe
-senden.
-
-Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen
-Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen
-und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie
-ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen
-Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken
-in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte,
-so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit -- sie wolle bei der
-nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr.
-Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie
-eines Tages -- als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen --
-gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne
-sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im
-kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein
-glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte
-versüßen. -- -- --
-
-Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.
-
-Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig
-Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein
-Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das
-Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder
-gehen, wohin es ihm beliebe -- er halte es nicht auf.
-
-So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock
-in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der
-Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh
-ist die Mutter gelegen -- kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der
-Wange.
-
-Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt,
-wie lange sie müsse dienen und arbeiten?
-
-Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die
-folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß
-Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“
-
-An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben
-und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in
-langer Noth und Drangsal.
-
-Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine
-rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen.
-Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’
-entblättern!
-
-Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus
-siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert
-mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein
-neues Jahr der Lasten zugetrunken.
-
-Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau
-gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen
-gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn
-als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das
-hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga
-erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend
-gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich
-entlockt ward.
-
-Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns
-aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner
-Markung.
-
-Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie
-gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten
-Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’
-hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht
-belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist
-Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das
-Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das
-hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur
-Zeit der Heidelbeerenblüthe zum erstenmale hatte gesehen, lag seit
-fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod
-ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen:
-im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. --
-
-So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen,
-da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie
-freundlich diesem Hohne der Erde entführt. -- -- --
-
-Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die
-Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.
-
-Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Drei Stunden vor dem Sterben.
-
-
-Sie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.
-
-Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen
-auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel
-Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann
-geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will
-nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.
-
-Der Andere -- Lorenz -- schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen
-hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen
-Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete.
-Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger
-Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in
-Arm gingen -- denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht
-gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten -- denn der
-Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn
-Einer zu tief in den Wald hinausging -- denn der Orden sprach von den
-heiligen Mauern. -- Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht
-er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die
-Büsche.
-
-Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.
-
-„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.
-
-„Nur beten,“ versetzte der Andere.
-
-„Beten? Kannst Du’s jetzt?“
-
-„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen
-steht, nur selten.“
-
-„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“
-
-„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich
-ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich
-selber beten -- Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber
-Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“
-
-„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte
-sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians
-werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte
-doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht
-zur goldenen Kette brächte!“
-
-„Golden, golden -- wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz
-gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich
-einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders.
-Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich --
-Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen
-Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das
-Stift und seine guten Weine.“
-
-Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das
-Haupt und blickte gegen die blauenden Felswände auf. Ueber denselben
-stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.
-
-„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das
-himmlische Zion.“
-
-„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen,
-heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“
-
-„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen
-Glauben!“
-
-„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“
-
-„Und Menschen fischen?“
-
-„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“
-
-„Wie, Du wolltest --?“
-
-„Baden.“
-
-„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? --
-Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“
-
-„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen!
-Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“
-
-„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus,
-machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht
-abschreckend wirken sollte.
-
-„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand
-ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre
-mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es
-entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“
-
-„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.
-
-„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er
-und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser
-Welt!“
-
-„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute
-in der Luft liegen.“
-
-Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag
-aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht
-hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen
-Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu
-sein, hätte erst auch sein Schönes!“
-
-„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.
-
-Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. --
-
-Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes
-Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund
-zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine
-Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.
-
-Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende
-Blicke um sich. -- Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück
-für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras -- und bald standen
-sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel
-vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken
-waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht
-Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde
-Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen
-den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. --
-Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie
-junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den
-schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als
-es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf
-seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.
-
-Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche
-vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.
-
-Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem
-See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest
-mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in
-zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“
-
-Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das
-weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen
-Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser,
-seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die
-Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.
-
-Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den
-See. -- So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was
-ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.
-
-Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde,
-verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse
-hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So
-versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde,
-das Haupt dem Himmel.
-
-Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu
-sein. -- Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts
-gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher
-Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen
-wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die
-lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so
-schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft
-war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’
-verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im
-Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn,
-tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu
-hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten
-der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen
-schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen,
-rieselte das Wasser.
-
-Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt,
-welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten
-sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See,
-kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde
-wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.
-
-Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen
-sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus
-dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.
-
-Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht,
-an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da
-sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte
-heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen
-dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten.
-Lorenz meinte, es sei auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu
-schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden
--- demselben nach.
-
-Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen
-Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu
-holen.
-
-Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte
-nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel
-erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen
-Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen,
-weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.
-
-Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde.
-Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als
-auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den
-Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern
-hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu
-kommen.
-
-„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“
-
-„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß
-auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das
-erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“
-
-Das Wort hat ein Drittes gehört.
-
-Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die
-Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie
-ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und
-heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten,
-welche zerstreut mit Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich
-nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.
-
-Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume
-des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz
-schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.
-
-In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie
-flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende
-Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen
-knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung
-der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und
-der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.
-
-Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten
-Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber
-denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange
-Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen.
-Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige
-Minuten vor sechs.
-
-Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in
-tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter
-Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und
-vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der
-Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die
-Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden,
-die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. --
-Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen
-umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.
-
-Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben
-wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen
-des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener
-Seelen -- so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen
-Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im
-Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal
-wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in
-Andacht -- in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte
-nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen
-in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. --
-
-Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da -- jählings
-war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall -- -- die Mauern
-des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm.
-Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren
-verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. --
-
-„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle
-eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen,
-wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die
-Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf
-den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach
-Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die
-Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden
-Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim
-Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ -- Sie bewegten sich nicht.
-Man faßte sie an -- jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an
-ihren Chorröcken waren geschmolzen.
-
-Zwei junge Leben waren dahin.
-
- * * * * *
-
-Nun fragen wir Alle: Warum?
-
-Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach
-dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon
-die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand
-seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr
-und an diesen senkrecht nieder -- in ihr Leben.
-
-Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet!
--- Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt
-worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das
-Fatum, der Zufall kennt keine Moral.
-
-Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die
-Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE ***
-
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-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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- The Project Gutenberg eBook of Feierabende, by Peter Rosegger.
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Feierabende
- Lustige und finstere Geschichten
-
-Author: Peter Rosegger
-
-Release Date: October 15, 2019 [EBook #60500]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. Umlaute
-in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae, Oe, Ue)
-dargestellt.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der
-Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben. Die
-Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<h1>Feierabende.</h1>
-
-<p class="s2 center mtop1 mbot1">Lustige und finstere Geschichten</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop2 mbot2"><b>P. K. Rosegger.</b></p>
-
-<p class="center">Vierte Auflage.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="mtop3 w5em" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop3"><b>Wien. Pest. Leipzig.</b></p>
-
-<p class="s4 center">A. Hartleben’s Verlag.</p>
-
-<p class="center">1886.</p>
-
-<p class="s5 center">(Alle Rechte vorbehalten.)</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><em class="gesperrt">Erster Theil</em>:
- <b>Lustige Geschichten.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="s5">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="s5 right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft2"><em class="gesperrt">Sommerabende</em></div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Sommerabende">5</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Das Mirakelkreuz
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Das_Mirakelkreuz">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Schäfer von der Birkenheide
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Schaefer_von_der_Birkenheide">27</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Herrn_Pastor_Meneschilds_Hochzeitsreise">37</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Fremde im Vaterhause
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Fremde_im_Vaterhause">46</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Als Hans der Grethe schrieb
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Als_Hans_der_Grethe_schrieb">58</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Wie ein Kaiserjäger fensterln ging
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Wie_ein_Kaiserjaeger_fensterln_ging">69</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Arthur heißt er
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Arthur_heisst_er">76</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Eine Schatzgräberhistorie
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Eine_Schatzgraeberhistorie">82</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sanct Josef der Zweite
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Sanct_Josef_der_Zweite">89</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Wolfl von Kirchberg
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Wolfl_von_Kirchberg">95</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Junge und der Alte
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Junge_und_der_Alte">103</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Graf_Adlerstamm_auf_der_Hahnenjagd">110</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Studentenpulver
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Studentenpulver">115</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Eine Eisenbahngeschichte
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Eine_Eisenbahngeschichte">123</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Naturforscher auf der Alm
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Naturforscher_auf_der_Alm">127</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Eine mit Geld
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Eine_mit_Geld">141</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Die Abelsberger Chronik
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_Chronik">153</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Der Burgermeister von Abelsberg</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Burgermeister_von_Abelsberg">153</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Der Brückenwirth zu Abelsberg</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Brueckenwirth_von_Abelsberg">160</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Der Schulmeister von Abelsberg</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Schulmeister_von_Abelsberg">165</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Der Thurmbau zu Abelsberg</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Thurmbau_zu_Abelsberg">169</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Zu Abelsberg beim Spielchen</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zu_Abelsberg_beim_Spielchen">173</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Ein Abelsberger Kalbskopf</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_Kalbskopf">177</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Die Abelsberger der Majestät</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_der_Majestaet">179</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Die Abelsberger Touristen</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Die_Abelsberger_Touristen">184</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Ein Abelsberger auf dem Vesuv</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_auf_dem_Vesuv">191</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Das reiche Jahr eines Abelsbergers</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Das_reiche_Jahr_eines_Abelsbergers">200</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Ein junger Abelsberger in der Residenz</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Ein_junger_Abelsberger_in_der_Residenz">204</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Eine Abelsberger Heiratsgeschichte</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Eine_Abelsberger_Heiratsgeschichte">206</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Der Abelsberger Baßgeigenkrieg</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Abelsberger_Bassgeigenkrieg">210</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Wie Abelsberg bekehrt worden ist</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Wie_Abelsberg_bekehrt_worden_ist">217</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Eine Abelsberger Katze</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Eine_Abelsberger_Katze">223</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Zu Abelsberg wieder wer geworden</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zu_Abelsberg_wieder_wer_geworden">226</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft1">Ein Abelsberger Heutrog</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Ein_Abelsberger_Heutrog">228</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padtop1" colspan="2">
- <div class="center"><em class="gesperrt">Zweiter Theil</em>:
- <b>Finstere Geschichten.</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="mleft2"><em class="gesperrt">Winterabende</em></div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Winterabende">233</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Ein Weg zur Schuld
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Ein_Weg_zur_Schuld">237</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Die guldene Grethe
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Die_guldene_Grethe">286</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Waldbrand
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Waldbrand">308</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Hier_auf_dieser_Strassen_hat_mich_Gott_verlassen">334</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Es reigt in Lust ein Liebespaar
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Es_reigt_in_Lust_ein_Liebespaar">346</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Trotzköpfe
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Trotzkoepfe">365</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Am Fenster der Liebsten
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Am_Fenster_der_Liebsten">376</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Was_der_Franz_Schlager_fuer_ein_Wildpret_schoss">387</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Gang zur Mutter
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Gang_zur_Mutter">394</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Mein einziger Sohn
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Mein_einziger_Sohn">408</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Sündensteg
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Suendensteg">422</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Der Thürmer von Münsterwald
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Der_Thuermer_von_Muensterwald">442</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Aga
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Aga">461</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Drei Stunden vor dem Sterben
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Drei_Stunden_vor_dem_Sterben">469</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="I_Theil"><span class="s6">I. Theil.</span><br />
-
-<b>Sommerabende.</b></h2>
-
-<p class="s3 center">Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<h3 id="Sommerabende">Sommerabende.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_z" name="initial_z">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_z.jpg" alt="Z" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">Z</span>u den besten Dingen dieses Lebens &mdash; alle Arbeitenden wissen es &mdash;
-gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe
-durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt
-durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der
-Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu
-erfreuen pflegt.</p>
-
-<p>Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben
-ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends
-dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser
-auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis
-die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat.
-Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder
-zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich
-ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war,
-unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten
-Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen
-ein wenig ungezogen und<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> boshaft waren, so ließ man sie ziehen &mdash; und
-ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden.
-Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit
-und verlängert das Leben.</p>
-
-<p>Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen
-eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal
-Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.</p>
-
-<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kopf1" name="kopf1">
- <img class="mtop3" src="images/kopf.jpg"
- alt="Kopfstück Sommerabende" /></a>
-</div>
-
-<h3 class="nobreak" id="Das_Mirakelkreuz">Das Mirakelkreuz.</h3>
-
-</div>
-
-<p class="center">Eine dramatische Idylle.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="personen">Personen:</p>
-
-<p class="mleft2"><b>Brandsteiner</b>, Besitzer eines Bauernhofes.</p>
-
-<p class="mleft2"><b>Rosel</b>, seine Tochter.</p>
-
-<p class="mleft2"><b>Peter</b>, Großknecht bei Brandsteiner.</p>
-
-<p class="regie">Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an
-dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im
-Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><b>1. Scene.</b></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht,
-Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit
-Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift
-sind. Einen Heurechen über der Achsel.)</p>
-
-<p>Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für
-mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der
-Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.</p>
-
-<p class="regie">(Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte).</p>
-
-<p>Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em></p>
-
-<p class="regie">(aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe,
-grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem
-Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der
-Achsel, die Flöte in der Hand).</p>
-
-<p>Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle
-Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p class="regie">(Auf den Baum spähend.)</p>
-
-<p>Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel
-gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’
-keine Federn. Unsereins &mdash; bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott
-wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs
-funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als
-Draufgab geben. &mdash; Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s
-Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p>
-
-<p>Stimm’ verschlagen!</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,</div>
- <div class="verse">So thät ich blasen und Zithern schlag’n,</div>
- <div class="verse">Die Samstagnacht, die Samstagnacht,</div>
- <div class="verse">Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,</div>
- <div class="verse">Wo jeder Bua zum Dirndl springt,</div>
- <div class="verse">Wo jeder Heuschreck Musi macht!</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich
-mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so
-weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (<span class="klein">Für sich</span>:) Mein Herz
-möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!</p>
-
-<p class="regie">(Steckt die Flöte in den Hosenträger.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau,
-laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der
-ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen
-aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus,
-für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und
-verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten.
-Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit
-Peter und Pauli?!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Nu, ich glaub’ nit!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es
-wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p>
-
-<p>Du, Roserl, da nimm’ mich mit!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. &mdash; Daß ich Dir’s
-sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen &mdash; ich muß in’s
-Kloster.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">ironisch</span>).</p>
-
-<p>Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im
-Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen
-möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern
-g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. &mdash; In’s
-Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische
-Gedanken kriegen! &mdash; Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine
-saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für
-Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit
-gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst
-und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin
-denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt &mdash; Roserl, denk nach, was
-mag ihm dabei eingefallen sein? &mdash; Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um
-Dich!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein
-Ausweg &mdash; ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund
-versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder
-zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner
-armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die
-Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken &mdash; &mdash;
-freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine
-Schecklo &mdash; wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den
-Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt
-dir die Streu, wie’s dir recht ist!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich
-mein Vater auch verschenkt &mdash; und Roserl, ich geh’ mit Dir!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf
-der Straßen, das kein Anwerth hätt’. &mdash; Zu was Eins mich brauchen thät?
-&mdash; Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich
-dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht
-hinein &mdash; Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich
-bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein
-dalkerter Bub wärst &mdash; ein anderer statt Dein thät das recht Steigl
-’leicht gar noch finden.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst
-justament lassen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel.</em></p>
-
-<p>Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn &mdash; mit’m Vater reden.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">jauchzend</span>).</p>
-
-<p>Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten
-komm’ ich schon auf gleich!</p>
-
-<p class="regie">(Rechts ab.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">allein</span>).</p>
-
-<p>(<span class="klein">Ihm nachblickend.</span>) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird
-zu früh heiser. (<span class="klein">Sinnend.</span>) Sauber gewachsen ist er &mdash; na, da steh’
-ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s
-schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. &mdash; Die Schecklo wird freilich wohl
-dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s
-Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im
-Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie
-mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das Landleb’n</div>
- <div class="verse">Hat Gott geb’n</div>
- <div class="verse">So heiter und froh,</div>
- <div class="verse">Darum preisen</div>
- <div class="verse">Die Weisen</div>
- <div class="verse">Das Landleb’n so hoch!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Auf den Bergen,</div>
- <div class="verse">In den Thälern,</div>
- <div class="verse">Auf den Wiesen im Grün,</div>
- <div class="verse">Da fliegen</div>
- <div class="verse">Kleine Englein</div>
- <div class="verse">Mit Röselein hin.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Sie kommen</div>
- <div class="verse">Wohl her aus</div>
- <div class="verse">Dem himmlischen Paradeis,</div>
- <div class="verse">Sie bringen</div>
- <div class="verse">Die Blümlein</div>
- <div class="verse">Dem Landleb’n zum Preis.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="regie">(Links singend ab.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><b>2. Scene.</b></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Der Brandsteiner</em></p>
-
-<p class="regie">(tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene
-Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger,
-blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar
-eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel
-herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das
-Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die
-Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. &mdash; Er hat ein kurzes
-Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer.)</p>
-
-<p>(<span class="klein">Murmelnd.</span>) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh
-soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der
-dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein
-auf sein’ Hof. &mdash; ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. &mdash;
-Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!</p>
-
-<p class="regie">(Schleudert Stein und Schwamm von sich.)</p>
-
-<p>Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. &mdash; Aber
-er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a
-Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’
-eigenen Kopf nach &mdash; alleweil sein’ eigenen &mdash; und ’s wird schon ’s
-Beste sein.</p>
-
-<p class="regie">(Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches
-Lied.)</p>
-
-<p>Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl &mdash; er kann’s halt nit
-lassen. Weil &mdash; (<span class="klein">bewegt</span>) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt &mdash; was
-ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’
-Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil
-gar so, gar so gern g’sungen.</p>
-
-<p class="regie">(Peter tritt auf.)</p>
-
-<p>Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, <em class="gesperrt">kann</em>
-nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und
-Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben,
-aber richtig ist’s: Das Stückl<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> und Liedl hat mich und mein Weib
-z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben
-wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu
-geschlagen hat und &mdash; (<span class="klein">unwillig</span>) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran
-denken!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p>
-
-<p>’s Eisen wär warm.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>In so weit recht, daß D’ da bist. (<span class="klein">Vertraulich.</span>) Laß was red’n mit
-Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn
-umschaust.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Dirn? Für wen?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall.
-Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">trotzig</span>).</p>
-
-<p>Das thu’ ich nit.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. &mdash;
-Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir
-gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber &mdash;
-Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag
-laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das
-thu ich nit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Du Tollpatsch, was hast denn?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der
-Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die
-Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">heftig</span>).</p>
-
-<p>Bist mir still!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener
-Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch
-sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein
-Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen
-Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine
-saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’
-mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und
-ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und
-ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur
-letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich &mdash; bei Gott und allen
-Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p class="regie">(mit den Händen seinen Kopf haltend).</p>
-
-<p>Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’,
-und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">dumpf</span>).</p>
-
-<p>’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und
-wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander &mdash; mir schon alleseins. Sagen
-hab’ ich Euch’s müssen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">milder</span>).</p>
-
-<p>Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit
-schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s
-ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf
-dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die
-Rosel in’s Kloster geht.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor
-fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß
-ihr Alter recht gut!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. &mdash; Weil
-wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm
-zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu
-derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist
-unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch
-der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe
-Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut
-in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie
-ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben,
-Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf &mdash; ist
-einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen
-gewesen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> &mdash; saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt,
-heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den
-Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich
-noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang &mdash; mich hinaufstemm, ist
-das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er
-hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch
-gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige
-Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum,
-daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild
-wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder
-haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden
-und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und &mdash;
-Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt
-hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon
-g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die
-Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’
-Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’
-auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr
-Deines bittern Leidens &mdash; was willst Du noch! Was soll ich Dir geben,
-daß Du mich errettest aus dieser Noth! &mdash; Sterben, mein Peter, sterben
-will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen
-Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind,
-meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! &mdash; &mdash;
-(<span class="klein">Ruhiger</span>): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’
-ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon
-der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. &mdash; Das ist der
-letzte Bär gewesen, den sie<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> in unserer Gemein erschossen haben. &mdash; Die
-Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum
-&mdash; jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt,
-es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß,
-wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den
-Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen &mdash; so wär’ ich der
-Meinung&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’.
-&mdash; Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’
-ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie
-mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’
-bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s
-Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht
-sie ungern fort von heim und von ihrem Vater &mdash; leicht ist sonst auch
-noch wer da, den sie nicht gern verläßt &mdash; weil’s in so einer G’mein
-allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich
-selber so Einen wissen thät.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Bist ein herzensguter Bursch, Peter!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang
-ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind
-gewesen und thut’s vom Herzen gern.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich
-ausred’&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath
-brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’
-Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer.
-Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so
-der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein
-Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein.
-Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große
-alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat
-sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu
-seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer.
-&mdash; Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen
-derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> auch ohne
-die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!</p>
-
-<p class="regie">(Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts
-ab.)</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em> (<span class="klein">allein</span>).</p>
-
-<p>Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. &mdash; (<span class="klein">Sich auf die Stirne
-schlagend.</span>) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was
-<em class="gesperrt">nit</em> sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit
-g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich
-niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland
-hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der
-Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird!
-(<span class="klein">Auf das Kreuz hinblickend.</span>) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen
-Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten
-davor? Ich brauch’ Dich nit! (<span class="klein">Spöttisch.</span>) Und boshaft ist er auch
-noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen,
-schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit
-nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem
-Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen.
-(<span class="klein">Ein Geräusch auf dem Baum.</span>) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl,
-g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem
-Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück
-ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im
-Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal
-sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.</p>
-
-<p class="regie">(Steigt auf den Baum.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><b>3. Scene.</b></p>
-
-<p class="regie">(Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert
-nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das
-Geschelle der heimziehenden Heerde.)</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(tritt links auf mit einem Blumenstrauß).</p>
-
-<p>(<span class="klein">Gegen die Coulissen gewendet.</span>) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt
-auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer
-Anderer. (<span class="klein">Zu sich</span>:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’,
-ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich
-jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten
-will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel
-nehmen kann sie mir’s nit. &mdash; Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher
-beinand’. &mdash; (<span class="klein">Zagend gegen das Kreuz.</span>) Wenn ich wissen thät! &mdash; Das
-Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja,
-wenn ich wissen thät! &mdash; All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor
-einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen.
-&mdash; Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein
-Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. &mdash;
-Nein, aber &mdash; wenn ich wissen thät!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="regie">(Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu
-zieren.)</p>
-
-<p>Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein
-bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün
-und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit,
-daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im
-Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird
-sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s
-gethan mit Sorgen und Freuden,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> aber ich muß ja fort in’s Kloster
-gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist
-dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der
-schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben
-bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. &mdash; Nachher,
-wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und
-schwach &mdash; möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! &mdash; Und
-deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau
-ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles
-ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir,
-Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen
-redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg,
-daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber
-Sohn Jesus, wenn er schon einmal so <em class="gesperrt">viel</em> gethan hat, daß er den
-Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner
-Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine
-einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch
-dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus &mdash; in’s Kloster taug’ ich
-nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht;
-Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’
-gewiß nit abschlagen. (<span class="klein">Stürzt nieder auf die Knie.</span>) ’s ist ja nit von
-Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!</p>
-
-<p class="regie">(In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen.)</p>
-
-<p>(<span class="klein">Leise.</span>) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich
-viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf!
-(<span class="klein">Zutraulicher.</span>) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria,
-weil wir so weit richtig<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt
-noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich &mdash; wenn ich’s
-auch meiner Tag nit will sagen &mdash; die Seitenpfeifen gar so von Herzen
-gern hör’ &mdash; und &mdash; aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau,
-Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt
-gleichwohl schon lang’ &mdash; und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’
-g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt,
-daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s
-nit verlangen, daß &mdash; ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich
-rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (<span class="klein">Leise zum Bilde.</span>) Der Peter
-liegt mir im Sinn! &mdash; ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit
-ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><b>4. Scene.</b></p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em></p>
-
-<p class="regie">(der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend).</p>
-
-<p>Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber
-versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da,
-wer hat Dir’s denn g’lernt?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die
-Brust fallend).</p>
-
-<p>Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die
-Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es
-nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so
-knie ich halt nieder vor<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott
-mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden,
-mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im
-Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei
-diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner
-Bitt’!</p>
-
-<p class="regie">(Ein kurzes Rauschen auf dem Baum.)</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">lebhaft</span>).</p>
-
-<p>Vater, ein Vogel ist geflogen!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em></p>
-
-<p>Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(gegen das Alpenglühen).</p>
-
-<p>Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen
-Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p>
-
-<p>’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß
-ich <em class="gesperrt">dem</em> dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser
-Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen
-thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie
-ich d’ran bin!</p>
-
-<p class="regie">(Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der
-Flöte.)</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">jauchzend</span>).</p>
-
-<p>Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s
-Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und
-giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> gütiger Herrgott im Himmel.
-(<span class="klein">Lachend, eine Thräne im Auge</span>). Hab’ Dich schon g’seh’n, der
-Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins &mdash;
-<em class="gesperrt">wie</em> der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher,
-heut’ ist kein Bär nimmer da!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter</em></p>
-
-<p class="regie">(hüpft vom Baum herab).</p>
-
-<p>Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter
-Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten.
-Das ist a Baum!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(schämt sich, zu sich).</p>
-
-<p>Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand
-Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s
-ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei
-meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein
-gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel
-muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen,
-Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft
-anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">für sich</span>).</p>
-
-<p>Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend
-geschrieben.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em> (<span class="klein">verlegen</span>).</p>
-
-<p>Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein
-Spott und ’leicht auch eine großmächtige<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Sünd’, und ich denk’, das
-Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Brandsteiner</em> (<span class="klein">lustig</span>).</p>
-
-<p>Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und &mdash; &mdash; ich
-kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! &mdash; Jetzt muß der Jung’ schon
-gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst
-selber schau’n, Peter, wie Du mit <em class="gesperrt">Dem</em> dort oben auf gleich
-kommst!</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (<span class="klein">Gegen Rosel.</span>)
-<em class="gesperrt">Der</em> Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel
-ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist
-später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes
-hinein.</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Rosel</em></p>
-
-<p class="regie">(ihm den Mund verhaltend).</p>
-
-<p>Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner
-dabei sein &mdash; ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Brandsteiner.</em></p>
-
-<p>’s ist vorbei &mdash; sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn
-schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; &mdash; aber mein Bruder, der
-Pfarrer &mdash;?</p>
-
-<p class="personen"><em class="gesperrt">Peter.</em></p>
-
-<p>Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!</p>
-
-<p class="regie">(Vorhang fällt.)</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_1" name="kap_ende_1">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Schaefer_von_der_Birkenheide">Der Schäfer von der Birkenheide.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d1" name="initial_d1">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen
-Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im
-Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar,
-das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere
-vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen
-Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die
-Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein
-zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die
-Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen
-auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen
-wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot1">Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“</p>
-
-<p>„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem
-grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.</p>
-
-<p>„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um
-lesen zu können, fraß er ihn auf.</p>
-
-<p>Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört
-und die Esther kam nicht auf die Birken<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>heide. Der Widder genoß unter
-seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz
-schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die
-Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die
-Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“</p>
-
-<p>„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.</p>
-
-<p>Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß
-Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“</p>
-
-<p>„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.</p>
-
-<p>„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“</p>
-
-<p>Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg.</p>
-
-<p>Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte
-auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden
-Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein
-Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die
-Welt ist eitel.“</p>
-
-<p>Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren,
-wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und
-albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. &mdash;
-Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff!</p>
-
-<p>Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben,
-wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch
-der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse
-wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags
-betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine
-Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen
-Brüder zu verspüren waren.</p>
-
-<p>Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen,
-so ein grauer Bruder und unser<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Schäfer. Der graue Bruder ließ sein
-behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend
-hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und
-fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem
-einverstanden.</p>
-
-<p>Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl-
-und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war
-die ganze Herbstschur.</p>
-
-<p>Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen
-unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch
-von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten.
-Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk
-für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr
-werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers
-Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie
-flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten
-um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar
-in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. &mdash; Ja, Die
-wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja,
-nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann.
-Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! &mdash; Bei
-seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste
-Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren.</p>
-
-<p>Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder
-auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu
-reden:</p>
-
-<p>„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er
-die Worte noch einmal, redete aber nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> weiter. Er stand lange auf
-dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber
-er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache &mdash; es fiel ihm
-nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel
-ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren
-enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen
-herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun
-versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend
-auseinander.</p>
-
-<p>Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen
-noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt
-der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen
-und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem
-Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer
-zusammen.</p>
-
-<p>Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag
-zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und
-wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen
-stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus
-und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle
-zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die
-mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere
-Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes
-Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein
-tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein
-Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und
-Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der
-Titus gar noch Oberer!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe
-bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum
-letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst
-aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An
-diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider
-Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich
-zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente
-spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster
-herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist.</p>
-
-<p>Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen
-Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es
-war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als
-je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände
-auseinander und sagte: <span class="antiqua">Dominus vobiscum!</span> Sogleich aber erschrak
-er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab.</p>
-
-<p>Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen
-Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte
-der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen
-Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche,
-der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der
-Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so
-geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder.
-Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen
-wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete
-aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu
-den leeren Kirchenstühlen nieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf
-dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch
-nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der
-Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also
-der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden
-kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben
-Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt
-sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene
-Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man
-riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das
-nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als
-ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle
-in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die
-Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt
-also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat
-nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder
-davonhumpeln.</p>
-
-<p>Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und
-bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die
-Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze
-hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an.</p>
-
-<p>Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang
-ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten,
-wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben
-mußte.</p>
-
-<p>An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr
-Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> einen gewaltigen Stich im
-Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan,
-um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller
-Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im
-Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr
-oder gar ein schlechter Mensch? &mdash; Nein, er bleibt im Versteck, und
-wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz
-hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’.</p>
-
-<p>Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches
-demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein
-wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang
-zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt
-sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich
-geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als
-sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und
-reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster.</p>
-
-<p>Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich
-um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes
-auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den
-Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber &mdash; giebt
-es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im
-Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr
-an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht
-loszusprechen.</p>
-
-<p>Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt,
-Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus
-doch wohl fertig werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p>
-
-<p>So legte er denn das Ohr an’s Gitter.</p>
-
-<p>Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das
-Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter
-Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben
-muß. Dann stockte es.</p>
-
-<p>Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die
-Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und
-empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen,
-hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden,
-ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter
-Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert
-und schluchzt. &mdash; „Ja, und dann, Hochwürden, daß &mdash; daß ich halt den
-Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt
-mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und
-ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat
-gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“</p>
-
-<p>Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die
-Gais-Esther vom Fischgraben.</p>
-
-<p>„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt
-weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn
-halt nimmer.“</p>
-
-<p>Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl
-rathen mag.</p>
-
-<p>Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl
-hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein
-Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt
-er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und
-murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> bös’. Da
-müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute
-um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“</p>
-
-<p>Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon
-recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl
-nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem
-lieben Herrgott.“</p>
-
-<p>Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen.
-„Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er
-flüsternd.</p>
-
-<p>„Ei freilich ja, der Titus halt.“</p>
-
-<p>„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum,
-der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’
-in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in
-Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es
-nimmer!“</p>
-
-<p>Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf
-Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen
-Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band
-gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage
-und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die
-Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche.
-Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth &mdash;
-und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden.</p>
-
-<p>Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er
-wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und
-die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten,
-da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges
-Leben einsog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<p>Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch
-an diesem Abende nach in ihr Haus &mdash; „denn schau, wie Der Dich lieb
-hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“</p>
-
-<p>Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die
-grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht
-kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der
-Birkenheide.“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_2" name="kap_ende_2">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<h3 id="Herrn_Pastor_Meneschilds_Hochzeitsreise">Herrn Pastor
-Meneschild’s Hochzeitsreise.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i1" name="initial_i1">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>n den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der
-Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in
-den Maien.</p>
-
-<p>Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den
-Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh
-bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große
-schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst
-sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt,
-daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein
-„Ewigkeit Amen“ sagte.</p>
-
-<p>Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher,
-als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren
-Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger,
-als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen
-und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke
-Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im
-Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth
-brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig
-Töchterlein Kellnerin sein ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er
-habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen
-Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag
-besprochen.</p>
-
-<p>Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge
-Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die
-Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor &mdash;
-es war zur frühen Nachmittagsstunde &mdash; das Fest plötzlich ab und fuhr
-mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und
-schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner
-Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges
-und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der
-Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien
-sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte
-heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der
-Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine
-junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne
-Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen,
-wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“</p>
-
-<p>Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden
-steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von
-den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte
-umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug
-sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht,
-über manches Wasser.</p>
-
-<p>Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen
-die junge Frau über die unwirthlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Stellen zu geleiten. Der
-Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich
-werde die junge Frau schon selber führen.</p>
-
-<p>Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden
-Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter
-drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge
-Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige
-Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf
-seinen Knieen.</p>
-
-<p>„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach
-Schladernbach zurück?“</p>
-
-<p>„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“</p>
-
-<p>„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit
-beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin
-gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber
-Schatz!“</p>
-
-<p>„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.</p>
-
-<p>Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel
-Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen
-rauhen Bergpfad noch betreten haben.</p>
-
-<p>Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und
-endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts
-hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden
-Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines
-Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig
-vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<p>Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem
-schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:</p>
-
-<p>„Da stehen die&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.</p>
-
-<p>„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen
-Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das
-Wasser gewohnt.“</p>
-
-<p>„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei
-Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“</p>
-
-<p>„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl
-meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir
-gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“</p>
-
-<p>So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer,
-Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese
-sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg;
-der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und
-streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.</p>
-
-<p>„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei
-Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“</p>
-
-<p>Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der
-Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.</p>
-
-<p>In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück
-Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran,
-Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf
-bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen &mdash; den Weg alles
-Zeitlichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>Der Pastor hatte &mdash; um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden &mdash;
-zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war
-davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was
-Vormittag im Himmel gebunden worden &mdash; da schlug er die Hände zusammen
-über dem Haupte.</p>
-
-<p>Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er,
-der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge
-der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein;
-einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne
-ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er,
-der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und
-die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.</p>
-
-<p>Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber,
-aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen.
-Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor
-konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder
-ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf
-und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in
-das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das
-noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der
-Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum
-Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und
-peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der
-Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ &mdash;
-Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben
-auch die Alpen<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>wässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer
-wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine
-Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.</p>
-
-<p>Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten
-über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an
-Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die
-Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur,
-denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen
-hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau
-erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die
-Männer, und auch Fronele mit ihnen.</p>
-
-<p>„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und
-zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie
-drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson
-im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten
-sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches
-Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“
-hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun
-der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in
-Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den
-Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das,
-was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.</p>
-
-<p>Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein
-drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm
-sogar an den Kopf. &mdash; „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese
-Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum
-Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.</p>
-
-<p>Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des
-Mannafalles in der Wüste.</p>
-
-<p>Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann
-horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts
-zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im
-Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne
-standen am Himmel.</p>
-
-<p>Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den
-Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er
-sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten;
-sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne
-Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten
-Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die
-schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.</p>
-
-<p>Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand
-er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache
-kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er
-nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch
-die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.</p>
-
-<p>Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer
-hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen;
-bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein,
-wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde
-nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib
-gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen &mdash;
-aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p>Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe,
-in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige
-Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der
-Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von
-einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen
-Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.</p>
-
-<p>Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf
-leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine
-Spur von einem Bewohner.</p>
-
-<p>„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm
-vergehen.</p>
-
-<p>Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben
-im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und
-siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen
-die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.</p>
-
-<p>Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit
-Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich
-mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu
-erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen
-der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher
-aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune
-gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen
-und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.</p>
-
-<p>Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten
-kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor
-nicht für gerathen und<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau,
-bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die
-Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.</p>
-
-<p>Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und
-sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten
-hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die
-kleine Hochzeitspartie im Gebirge.</p>
-
-<p>In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt.
-Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom
-Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz
-eine Wiege bauen lassen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_3" name="kap_ende_3">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Fremde_im_Vaterhause">Der Fremde im Vaterhause.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d2" name="initial_d2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher.</p>
-
-<p>„Anderlacher Franz!“ ruft er.</p>
-
-<p>„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das
-war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den
-sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden.</p>
-
-<p>„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher.</p>
-
-<p>„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder &mdash; der hat keine rothen
-Augen!“</p>
-
-<p>Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals
-einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des
-Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte
-nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand
-und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag
-im Gebirge &mdash; für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu
-tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem
-Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine
-Schuldigkeit gethan.</p>
-
-<p>Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen
-durch, um den Brief in Empfang zu nehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p>Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle,
-wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim
-Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war
-zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater
-&mdash; und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht
-schreiben kann.</p>
-
-<p>Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich &mdash; der Herr Pfarrer
-von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst
-nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was
-daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm
-sagen lassen.</p>
-
-<p>In dem heutigen Brief steht Folgendes:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft2">„Lieber Franzel!</p>
-
-<p>Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden,
-wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu
-behüten.</p>
-
-<p>Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe
-beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht.</p>
-
-<p>Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das
-Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei
-Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die
-Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst.
-Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein
-und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im
-Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p>Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein
-Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß
-Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht.</p>
-
-<p>Vor einiger Zeit &mdash; ich glaube, es ist schon drei Monate &mdash; haben
-sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und
-ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich
-festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das
-nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient
-sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem,
-was man ihm aus Güte thut &mdash; kurzum, er spielt den Herrn im Hause.
-Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei
-Rücksichten beobachten &mdash; ich weiß nicht, ob sich der junge Student
-mit diesem Menschen wird vertragen können.</p>
-
-<p>Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und
-vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund</p>
-
-<p class="right mright2">Josef Paumgartner,<br />
-<span class="s5">Curat zu St. Agnes.“</span></p>
-
-</div>
-
-<p>Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein
-Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der
-Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im
-Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung.</p>
-
-<p>Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht
-über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen
-sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so
-herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel
-Sach’, was soll<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater
-etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht
-gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? &mdash; Nein, nein, heimlich, das
-thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die
-Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen.</p>
-
-<p>Oder?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein &mdash; albern, daß es
-ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater
-nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer
-in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer
-erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und
-lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt
-wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er &mdash;
-sagt der Vater &mdash; in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer
-stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. &mdash; Der
-Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat
-war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn
-die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf
-deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt
-um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche
-Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so
-lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld
-zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so
-viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der
-Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um
-und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte
-der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und
-ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so
-Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß
-Gott wo sonst überall herum.</p>
-
-<p>In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter
-anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was
-soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“</p>
-
-<p>Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause
-und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht
-geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt
-das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen
-frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten
-Dich mit Freuden.“</p>
-
-<p>Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer &mdash; aber diese verdächtige
-Einquartierung daheim!</p>
-
-<p>Die Vacanzen sind da.</p>
-
-<p>Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er
-nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken.
-Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.</p>
-
-<p>„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten
-zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den
-Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden,
-Anderlacher.“</p>
-
-<p>Bischof hin und Bischof her &mdash; der Franzel geht jetzt heim auf die Alm.
-Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf
-des Kronenwirths Braunen und die<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht
-läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur
-sein Gewehr &mdash; im Schachen giebt’s Spatzen.</p>
-
-<p>Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein
-graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch
-die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser
-Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für
-Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan,
-hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige
-Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was
-für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war,
-als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck.
-Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den
-Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte
-sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen
-ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den
-Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter
-gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen
-solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder
-nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine
-dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem
-glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol
-&mdash; und fröhlich ging’s der Heimat zu.</p>
-
-<p>Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so
-thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem
-steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was
-ging ihm das Herz auf!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p>An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er
-unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn
-der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.</p>
-
-<p>Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der
-Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die
-Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets
-umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die
-holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut
-kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so
-giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der
-Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner
-Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem
-nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der
-knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube
-tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das
-Leible z’samm!“</p>
-
-<p>Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt
-sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles
-geschlichtet.</p>
-
-<p>Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden &mdash; geschnitzt hat sie
-der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden
-Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt
-schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten
-nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig
-des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste &mdash; das erst seit Kurzem<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum
-Anpacken &mdash; langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem
-„Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit &mdash; der Anderlacher ist
-haushälterisch im Genuß &mdash; ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So
-sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein &mdash; aber
-inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er
-hat es.</p>
-
-<p>Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?</p>
-
-<p>Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der
-weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben,
-sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind,
-während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer
-Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand
-hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten
-rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart
-betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und
-Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der
-himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“</p>
-
-<p>Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über
-den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein
-unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am
-Spulen, sei’s beim Nähkorb &mdash; so kommt gleich die Maus der Gertrudis
-und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.</p>
-
-<p>Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht
-„g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist
-ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
-
-<p>Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die
-Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den
-Platz erobert hat. Der „süße Namen“ JI<img class="inline_symbol"
-src="images/symbol.png" alt="Symbol" />IS, der zu Häupten der
-Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle,
-das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den
-Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume
-zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.</p>
-
-<p>„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer
-vom Himmelreich.“</p>
-
-<p>Sie schaukelt und singt:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Nutz Heidl, mei Schatz,</div>
- <div class="verse">Auf’m Ofen steht die Katz,</div>
- <div class="verse">Die schwarze und die weiße,</div>
- <div class="verse">Die will das Büble beiße.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nutz hei ab, nutz hei ab,</div>
- <div class="verse">Das Katzl lauft den Steig ab,</div>
- <div class="verse">Lauft ein schwarzes Hündl nach,</div>
- <div class="verse">Beißt dem Katzl ’s Fußel ab.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nutz Heidl</div>
- <div class="verse">Grüne Stäudl</div>
- <div class="verse">Rothe Beerl dran,</div>
- <div class="verse">’s Büble schlaft schon.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das
-Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den
-Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.</p>
-
-<p>’s ist aber auch kein Fried’ im Haus &mdash; ein ketzerhaftes Poltern
-vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und &mdash;
-sonst doch so ein gescheites Thier &mdash; bellt er und winselt heute, wie
-närrisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p>„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“</p>
-
-<p>Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“</p>
-
-<p>Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“</p>
-
-<p>Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein.
-Nur der Vater &mdash; so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet
-&mdash; trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die
-Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den
-Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird
-sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat
-ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm &mdash; gottlob, diesen
-Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So
-kommen sie zusammen..</p>
-
-<p>„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.</p>
-
-<p>„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.</p>
-
-<p>Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er
-richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! &mdash; Man weiß
-nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen
-gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die
-Tannen wachsen.</p>
-
-<p>Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel
-gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt,
-dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht
-das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch,
-der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in
-den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p>„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt
-sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden
-Enkel zitternd die alten Hände entgegen.</p>
-
-<p>„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf
-ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der
-Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? &mdash; Was
-schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will
-reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann
-sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu,
-„jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“</p>
-
-<p>„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s
-geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“</p>
-
-<p>Sie schauen sich gegenseitig an.</p>
-
-<p>„Sicherlich wieder so ein Soldat?“</p>
-
-<p>Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege,
-jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, <em class="gesperrt">der</em>
-ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“</p>
-
-<p>Da macht der Bursche große Augen: Der!</p>
-
-<p>„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.</p>
-
-<p>Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. &mdash;
-Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem
-Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte
-Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und
-halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt
-will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte
-gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Der Maler &mdash; Franz Defregger ist sein Name &mdash; hat diese liebliche Scene
-geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust
-dargestellt.</p>
-
-<p>Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen
-nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.</p>
-
-<p>Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf
-seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da
-hab’ ich auch noch so Einen! &mdash; Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht
-ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz,
-noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich
-der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen
-wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge
-leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als
-Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind
-nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in
-unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht
-den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St.
-Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut,
-rechtschaffen und schön &mdash; und aus der Sacristei kommt der Bruder,
-der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem
-Martinele das, was er selbst nicht hat &mdash; ein liebes Weib.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_4" name="kap_ende_4">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<h3 id="Als_Hans_der_Grethe_schrieb">Als Hans der Grethe schrieb.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i2" name="initial_i2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">„I</span>st sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum
-Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich
-da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“</p>
-
-<p>Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der
-scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich
-jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen
-&mdash; gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den
-Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie
-ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich
-deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s
-’leicht d’rauf? Und von wem denn?“</p>
-
-<p>„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht
-mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst
-ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“</p>
-
-<p>„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber
-erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann
-leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’
-ich Schaden than!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p>Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich
-an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom
-Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein
-Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz
-verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht
-d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel,
-weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst
-derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie
-den Brief mit Müh’ und Noth &mdash; was er denn schreibt, wie’s ihm denn
-geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. &mdash; Daß er gar zuletzt muß
-kriegführen gehen!?</p>
-
-<p>Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans
-recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster,
-das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.</p>
-
-<p>Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl
-aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei
-war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem
-Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt,
-und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er,
-freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so
-viel gewachsen, der Schnauzbart! &mdash; Na, der Hansl, was wird er denn
-schreiben? &mdash; Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn
-gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von
-Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“</p>
-
-<p>Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit
-nieder gegen den Busen so jung,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> und zart &mdash; ließ den Brief dort ruhen.
-Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht
-sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd:
-„Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ &mdash; Dann
-später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er
-wär’s selber &mdash; wie er da so sauber gemalt ist.“</p>
-
-<p>So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen
-vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn
-das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß
-nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort
-gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt.
-Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich
-gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag &mdash; Muß ich
-Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“</p>
-
-<p>Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen
-Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit
-zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn
-so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’
-Sünd’, so viel Sünd’!</p>
-
-<p>Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu
-im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf
-der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der
-Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat
-sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das
-ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen &mdash; die arme Gretl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf
-die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl
-kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die
-Christl.“</p>
-
-<p>Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die
-Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut
-kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam
-zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte,
-allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn
-sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen
-sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines
-Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.</p>
-
-<p>So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen &mdash; er ist halt
-lang genug gewesen &mdash; ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist
-er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’.
-Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.</p>
-
-<p>Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und
-der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken
-war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und
-Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt.
-Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht,
-was er Einem schreibt.</p>
-
-<p>Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt &mdash; that
-sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die
-Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
-
-<p>„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht
-ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“</p>
-
-<p>Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so
-leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen
-und Stecken, wie sie waren, dazwischen.</p>
-
-<p>„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl
-freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans &mdash; ja von Hans,
-freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für
-die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da &mdash; der Soldatenbrief.“</p>
-
-<p>Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“</p>
-
-<p>Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen,
-Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus
-den Fingern zerren.</p>
-
-<p>„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich
-Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt,
-Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“</p>
-
-<p>Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich
-Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das
-hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“</p>
-
-<p>Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie
-dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir
-aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? &mdash; Ja so, nur
-Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s
-halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich
-weiß mir keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht;
-freilich trau’ ich mich nicht. &mdash; Ging Dir halt nicht von statten,
-meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st
-probiren &mdash; leicht ging’s, Christl.“</p>
-
-<p>„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach
-einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl
-sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“</p>
-
-<p>„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“</p>
-
-<p>„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann &mdash; stocktaub &mdash; kennst ihn ja.“</p>
-
-<p>„Freilich wohl, aber &mdash; Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit
-wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“</p>
-
-<p>„Um so besser,“ rief die Christl.</p>
-
-<p>„Nein, ich &mdash; weißt, er soll’s halt nicht wissen, und &mdash; wirst steh’n
-bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! &mdash; Er
-leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ &mdash; ich weiß, daß er’s
-nicht leid’t &mdash; freilich nit.“</p>
-
-<p>„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“
-sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’
-<em class="gesperrt">still</em> lesen lassen? <em class="gesperrt">Laut</em> soll er ihn lesen, Dir vorlesen
-soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein
-Wort davon &mdash; kein Wort.“</p>
-
-<p>Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja &mdash;
-weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben
-angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er
-den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin
-steht.“</p>
-
-<p>„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn
-redest! Wenn er laut liest und kein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Wort hört, wie soll denn das sein,
-auf alle Mittel und Weis’!“</p>
-
-<p>„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“</p>
-
-<p>„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’
-er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’
-Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du
-mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“</p>
-
-<p>„Das ist gescheit &mdash; wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl,
-„bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit,
-thät’ mich der Hansl heiraten. &mdash; Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen
-’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen.
-Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und
-laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen &mdash; ja, laß Dir Zeit!“</p>
-
-<p>Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in
-hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.</p>
-
-<p>Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist
-sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der
-alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die
-Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der
-Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und
-laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“</p>
-
-<p>„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief
-diese noch aus dem Walde zurück.</p>
-
-<p>Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen
-hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das
-Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie
-nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie
-diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus
-dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.</p>
-
-<p>Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze,
-seitdem Vater und Mutter gestorben.</p>
-
-<p>„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und
-Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt,
-seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling,
-Tochter, Kind.</p>
-
-<p>Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte
-schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den
-Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann
-sagen, der Schwanenwirth-Christl.“</p>
-
-<p>Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser
-seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.</p>
-
-<p>„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine
-Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.</p>
-
-<p>„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen
-befangen schnell.</p>
-
-<p>Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den
-er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand,
-da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“</p>
-
-<p>„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der
-Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Der Schwanenwirth-Christl ihrer&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p>„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut
-lesen, weil &mdash; weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim,
-aber gleich wieder.“</p>
-
-<p>Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er
-den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern
-stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich.
-„Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern.
-Innigstgeliebte Margaretha! &mdash; steht’s geschrieben.“</p>
-
-<p>Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. &mdash; Taub ist er freilich, aber so
-heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so
-laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“</p>
-
-<p>„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in
-bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und
-mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal
-avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde,
-was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich
-denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage
-ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So
-schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich,
-daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil
-sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das
-von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht
-geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses
-sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut
-hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf
-mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir
-paar Zeilen, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief
-brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in
-den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am
-Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du
-von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein
-Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab</p>
-
-<p>Dein</p>
-
-<p class="right mbot1"><span class="mright6">Johann Kinigl,</span><br />
-Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“</p>
-
-<p>Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. &mdash; „Von der
-Muhme das!“ sagte er endlich.</p>
-
-<p>„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der
-Schwanenwirth-Christl ihrer&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein
-niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen,
-verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.</p>
-
-<p>„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger
-ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen
-und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen
-werden im Himmel geschlossen.“</p>
-
-<p>„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen
-Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem
-Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er
-sonst nichts, den Bettelsack um.“</p>
-
-<p>„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich
-deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl,
-rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen;
-kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den
-Büchern lesen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet.
-Marsch in Deinen Stall, Dirn! &mdash; Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl
-gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. &mdash; Kommt der
-Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’
-&mdash; ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich
-nit!“</p>
-
-<p>Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte
-ihrem Hofe zu.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in
-ihrem Namen:</p>
-
-<p class="mtop1 mleft2">„Lieber Hans!</p>
-
-<p>Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot1">Margaretha Krautwascherin.“</p>
-
-<p>Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und
-wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter
-und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch
-heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein
-Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_5" name="kap_ende_5">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<h3 id="Wie_ein_Kaiserjaeger_fensterln_ging">Wie ein Kaiserjäger
-fensterln ging.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_h" name="initial_h">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>eimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet;
-ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach
-den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle
-Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen
-Tropfen Wein geben.</p>
-
-<p>Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter
-Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s
-wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.</p>
-
-<p>Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in
-sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen
-zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’
-die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht
-unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das
-Gemüth und wird zur Pein.</p>
-
-<p>Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und
-gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn
-umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht
-im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die
-treue, stille Heimat &mdash; desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein
-namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und
-allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.</p>
-
-<p>Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige
-Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.</p>
-
-<p>Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh
-desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat
-geduldet &mdash; ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit
-heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben,
-oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat
-wieder.</p>
-
-<p>Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier
-einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat
-zugetragen hat.</p>
-
-<p>Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches
-Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war
-befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in
-Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht
-lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den
-Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens
-mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab
-sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den
-Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.</p>
-
-<p>Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger,
-sondern erst die Einleitung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<p>Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt
-und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe
-Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische
-Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des
-Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft
-der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen
-hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte
-Allegorie. <em class="gesperrt">Josef’s</em> Herzensgebieterin aber war sehr jung und
-schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen
-Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz
-Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur
-einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war
-nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag
-in Steiermark.</p>
-
-<p>Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort
-lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb
-es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr
-gesehen hatte.</p>
-
-<p>Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im
-Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer
-wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber
-er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten
-nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen
-die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich
-desertir’!“</p>
-
-<p>Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die
-Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p>Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen
-Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht
-beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht
-hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt.
-Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um
-Viele damit zu beglücken?</p>
-
-<p>Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen.
-Josef jubelte über diesen Befehl &mdash; jetzt fährt oder marschirt er in
-wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch
-Minna wieder.</p>
-
-<p>Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment
-geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er
-indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder
-hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er &mdash;“ Er gab dem Diener
-einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder
-vermehrte noch verminderte.</p>
-
-<p>Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’
-nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“</p>
-
-<p>Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria,
-das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das &mdash; wie
-zum Trotze &mdash; alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.</p>
-
-<p>Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden
-Gemächern allein. &mdash; Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte:
-„Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“</p>
-
-<p>Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die
-Gassen dem Bahnhofe zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher
-Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf
-seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den
-Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und
-marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.</p>
-
-<p>Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß,
-daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig
-bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne
-bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und
-das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach
-und ohne die geringste Beschwerde.</p>
-
-<p>Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird
-es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“
-&mdash; Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest
-und küssest, so wird sie es begreifen &mdash; aber in zwei Stunden mußt Du
-wieder auf dem Bahnhofe sein.</p>
-
-<p>Josef ist glückselig.</p>
-
-<p>Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder,
-wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht
-schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und
-Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.</p>
-
-<p>Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft
-an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter;
-jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen.
-„Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna
-einmal von<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch
-noch die Scheibe ein!</p>
-
-<p>In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente
-wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet.
-Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen
-ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken
-nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier
-und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel
-Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche
-die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die
-Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“</p>
-
-<p>Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die
-Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und
-Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“</p>
-
-<p>Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und
-brummte.</p>
-
-<p>„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben
-gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer
-Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“</p>
-
-<p>Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem
-Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch
-kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen,
-diesem verdächtigen Mauser!“</p>
-
-<p>Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte &mdash; jubelte über die Schläge, die
-er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten
-Nebenbuhler zugedacht. Wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> erzählt die Chronik auch von einer
-zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen
-Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der
-Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig
-auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.</p>
-
-<p>Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien:
-„Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in
-den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe
-schlug das Signal des Zuges nach Süden.</p>
-
-<p>Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre
-des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.</p>
-
-<p>Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat
-Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.</p>
-
-<p>„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel
-geträumt.“</p>
-
-<p>„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“</p>
-
-<p>„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“</p>
-
-<p>Der Schalk!</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_6" name="kap_ende_6">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<h3 id="Arthur_heisst_er">Arthur heißt er!</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_w" name="initial_w">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr
-gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste
-und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten,
-fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich
-laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das
-unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein
-Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu
-wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon
-spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir
-buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für
-alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!</p>
-
-<p>Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine
-Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten
-Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt
-war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.</p>
-
-<p>Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“</p>
-
-<p>In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte
-und bestrebt war, meinen Wunsch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> proclamiren, fühlte ich in meiner
-Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich
-mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz
-gewesen.</p>
-
-<p>„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie
-will nicht gehen.“</p>
-
-<p>„Schön! Ist sie aufgetrieben?“</p>
-
-<p>Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend
-etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an
-der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie
-ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen
-Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende
-würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette
-gemacht haben!</p>
-
-<p>„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen
-da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so
-liebenswürdigen Fräuleins&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch
-trat herein.</p>
-
-<p>„Servus, Malchen! &mdash; Numero sicher?“</p>
-
-<p>„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause
-begleiten!“</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der
-unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf
-das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.</p>
-
-<p>„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“</p>
-
-<p>„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“</p>
-
-<p>Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen
-gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.</p>
-
-<p>„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“</p>
-
-<p>„Werden Sie die Uhr selbst holen?“</p>
-
-<p>„Jedenfalls.“</p>
-
-<p>„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im
-Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“</p>
-
-<p>Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar
-ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen
-Diener“ wird.</p>
-
-<p>Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste
-Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten
-Zustand versetzt hatte.</p>
-
-<p>Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.</p>
-
-<p>Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte
-ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor &mdash; und <em class="gesperrt">wenn’s</em> auch ein
-wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! &mdash;
-Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.</p>
-
-<p>Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las
-dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet,
-daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig
-sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den
-Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt
-zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet
-von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> einem einzigen
-Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von
-Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von
-Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u.&nbsp;s.&nbsp;w. &mdash; Plötzlich
-rief er aus: „Pardon!“</p>
-
-<p>„Was haben Sie?“</p>
-
-<p>„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn
-glatt scheeren?“</p>
-
-<p>„Pfui Teufel, so geschmacklos!“</p>
-
-<p>„Ich dächte, Fieschi?“</p>
-
-<p>„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“</p>
-
-<p>„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im
-Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“</p>
-
-<p>Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück &mdash; Gott im
-Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!</p>
-
-<p>Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht &mdash; in stiller
-Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die
-Stirne.</p>
-
-<p>Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch,
-wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen;
-da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes
-vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der
-geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.</p>
-
-<p>Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja
-praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen;
-also nur kein <em class="gesperrt">graues</em> Haar wachsen lassen, es wird schon noch
-dunkelbraunes kommen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p>Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg
-den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine
-Eintrittskarte in das Opernhaus.</p>
-
-<p>Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war
-wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein
-mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.</p>
-
-<p>„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.</p>
-
-<p>„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“</p>
-
-<p>„Haben Sie die Güte &mdash; die Marke!“</p>
-
-<p>„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“</p>
-
-<p>„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“</p>
-
-<p>„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon
-spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“</p>
-
-<p>„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“</p>
-
-<p>„Ja, ja, das war ich.“</p>
-
-<p>„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden
-nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr
-persönlich holen.“</p>
-
-<p>„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.</p>
-
-<p>„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.</p>
-
-<p>Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.</p>
-
-<p>„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der
-Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Aben<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>teurer, Sie, wenn Sie nichts
-vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die
-Polizei in der Nähe!“</p>
-
-<p>„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich
-kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie
-keine Marke verabfolgten; &mdash; es war auch sonst noch Jemand da&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte
-das Mädchen.</p>
-
-<p>„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise,
-„und möglich, daß er heute wieder kommt &mdash; <em class="gesperrt">Arthur heißt er</em>!“
-Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.</p>
-
-<p>Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn
-doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie
-nicht auf den ersten Augenblick &mdash; bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß
-sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“</p>
-
-<p>Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.</p>
-
-<p>„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem
-Opernhause zu.</p>
-
-<p>„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich
-auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr &mdash;
-sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.</p>
-
-<p>Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_7" name="kap_ende_7">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<h3 id="Eine_Schatzgraeberhistorie">Eine Schatzgräberhistorie.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_k" name="initial_k">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_k.jpg" alt="K" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">K</span>ann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je
-noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just
-nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein.</p>
-
-<p>Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in
-der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz
-zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet
-hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben;
-hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber,
-das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll.</p>
-
-<p>Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide
-ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so
-Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet
-durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz
-und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen
-Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter
-umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und
-tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit
-ihm schon zur Hälfte im<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht
-gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit
-demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that
-ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen
-böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und
-meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner
-Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst
-sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne
-Capelle oben auf dem Birkenberg!“</p>
-
-<p>Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine
-prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte
-sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die
-Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen
-Versunkenheit zogen.</p>
-
-<p>Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen
-konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie
-denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig
-sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich
-verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die
-prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war
-die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet
-und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein
-erbauen zu können. &mdash; Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß
-nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? &mdash; Der gute Guido wußte
-wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch
-bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller
-Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’
-ihm zur höchsten Freude.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
-
-<p>Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem
-Unterhalte; doch der Schatz &mdash; es war gerade, als ob der Böse darauf
-säße &mdash; den Schatz stach er nicht.</p>
-
-<p>Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte
-noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld
-zu schaffen für den gelobten Bau.</p>
-
-<p>Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen
-sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen
-Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im
-Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an
-einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust
-und ächzte.</p>
-
-<p>Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und
-murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus
-und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam
-und hilflos versterben.“</p>
-
-<p>Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann
-bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte
-er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest
-im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ &mdash; Dann zog er mit bebender
-Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter
-Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und
-wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt &mdash; nur mein Jacob
-kann’s sein &mdash; so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings
-verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um
-Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> und thut mir
-das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“</p>
-
-<p>Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als
-nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war,
-wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden &mdash; da
-saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war
-Geld darin, viel Geld....</p>
-
-<p>Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? &mdash; Ja, dachte er, das ist
-ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und
-sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und
-damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man
-abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem
-Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen
-und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns
-Allen geholfen.</p>
-
-<p>Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge
-das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem
-rothen Dache weit in das Land hinaus.</p>
-
-<p>Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute,
-das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den
-Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald
-fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen
-Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde
-zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu
-seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein
-Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er
-gleich zehnmal gestorben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf
-dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden
-Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen
-Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz
-auf der Moorheide entdecke.</p>
-
-<p>Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder
-schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem
-der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in
-seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig
-stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte
-ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und
-jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß.
-Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht
-zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht.</p>
-
-<p>So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von
-seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg
-zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit
-lauter Stimme:</p>
-
-<p>„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu
-mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“</p>
-
-<p>Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der
-Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“</p>
-
-<p>Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der
-Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine
-sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher
-Junge und er<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die
-Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt,
-als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der
-Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon
-gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und
-gescheit und viel manierlicher war, als der Alte.</p>
-
-<p>Es war im Städtchen bei einer Muhme erzogen worden und nur zur
-Sommerszeit manchmal beim Oheim im Einödhäuschen. Guido hatte sich aber
-nicht getraut, den Jüngling zur Rede zu stellen darüber, weshalb dieser
-auf der Moorheide so herumsteche oder auf der Bank bei seiner Nichte
-sitze. Und so hatte sich der junge Mann auch nicht verantwortet und
-überhaupt niemals näher mit dem Alten verkehrt.</p>
-
-<p>Oft hatte sich der Geologe, als welcher der fremde junge Mann in
-der Gegend herumging, so weit in’s Gebirge verstiegen, daß er keine
-Menschenwohnung fand und im Freien übernachten mußte. So hatte er auch
-gestern spät Abends auf dem einsamen Birkenberge in der stets offenen
-Capelle Obdach gesucht und sich hinter dem Altare in seinen Mantel
-geschlagen, bis zur Morgenfrühe, da er wieder weiterziehen wollte. Er
-ruhte gut auf dem Stein. Freilich kam auch zu ihm der Jude mit dem
-grauen Barte, der ihm seit vielen Jahren verschollen war; doch er kam
-in lieber, freundlicher Traumgestalt, denn es war sein Vater.</p>
-
-<p>Da er nun aber plötzlich des Vaters und seinen Namen rufen gehört
-hatte, fuhr er empor und auf den Alten zu, der angstgemartert vor dem
-Altare lag. Guido war wortlos vor Schreck, er stöhnte und bat mit den
-Händen um Gnade.</p>
-
-<p>Er hat Alles gestanden. Und eine Inschrift auf dem noch vorhandenen
-ledernen Täschchen hat Alles erwiesen.<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> „Was soll es weiter,“ sagte
-der fremde Mann, „mich verlangt nur meines Vaters Grab zu wissen. Geld
-hätte mich nicht gehoben, das muß eigene Arbeit thun.“</p>
-
-<p>„Oh!“ rief der Alte verwirrt. „Wenn Du der Jacob Amsel bist, so ist die
-Kirche Dein; sie ist von Deines Vaters Geld erbaut. Aber die Gertrudis
-schenk’ mir heraus, die muß mir auf der Moorheide was helfen suchen.“</p>
-
-<p>„Das Kirchlein schenke ich den Gläubigen,“ sagte der Geologe, „auf der
-Moorheide aber giebt es sonst nichts zu suchen, als was Du lange schon
-gefunden hast. Du alter Torfgräber, seit vielen Jahren hast Du vom
-Schatze der Heide gezehrt.“</p>
-
-<p>Der junge Gelehrte hatte bei dem Gerichte Fürbitte gethan, daß der
-alte, einfältige Mann seine letzten Tage noch im Sonnenlichte verleben
-durfte. Hingegen hat er um dessen sittiges Nichtchen gefreit und
-dasselbe in den Banden der Ehe mit sich geführt. Das Kirchlein steht
-heute noch auf dem Birkenberge. Der Geologe läßt es vor Verfall
-bewahren, ihm ist es das theure Denkmal der Sterbestätte seines Vaters.
-Er selbst aber hat aus der Erde Tiefe schon manchen Schatz gehoben,
-den der Torfgräber in seinem Wahne vergebens würde gesucht haben. Von
-allen Schätzen der liebste aber war ihm sein Mariechen. Den legte er
-als echter Judensohn auf gute Zinsen an, und es verging kein Jahr, ohne
-daß Interessen fällig wurden. Der alte Jacobssegen ging reichlich in
-Erfüllung.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_8" name="kap_ende_8">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<h3 id="Sanct_Josef_der_Zweite">Sanct Josef der Zweite.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_w2" name="initial_w2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_w.jpg" alt="W" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>enn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt,
-es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s
-Kärntnerland, in das Thal der Gurk.</p>
-
-<p>In diesem Thale lebt Josef der Zweite.</p>
-
-<p>Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um
-ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um aus <span class="antiqua">P.</span>
-M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden
-Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und
-Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen
-Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß,
-in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß
-ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem
-eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige
-Zeile zu finden, sondern &mdash; und zum Unglücke &mdash; mit der Nachfolge
-des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung
-und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur
-Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen
-anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt
-haben, er<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> hätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und
-Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am
-erquicklichsten war.</p>
-
-<p>Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm
-einmal sein Beichtvater, ein alter Priester:</p>
-
-<p>„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in
-den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist
-ein Heide über und über!“</p>
-
-<p>Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der
-Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen
-anderen Seelenfreund zu suchen.</p>
-
-<p>Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer
-Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser,
-mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze
-an bis hinab zur großen Zehe.</p>
-
-<p>Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem
-Beichtvater.</p>
-
-<p>„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit
-dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein
-Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen
-als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen
-und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der
-Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“</p>
-
-<p>„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät
-wissen!“ meinte der Koloman.</p>
-
-<p>„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater.</p>
-
-<p>„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p>„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen
-Johannes in der Wüste?“</p>
-
-<p>„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die
-Heuschrecken ein bißle lieber essen.“</p>
-
-<p>„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und
-Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St.
-Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman.</p>
-
-<p>„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der
-Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St.
-Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer &mdash; nun?“</p>
-
-<p>Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. &mdash; Wohl wahr, diese Welt
-sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er,
-der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode
-auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde
-nehmen.</p>
-
-<p>„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist
-Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll
-Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und
-Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders
-in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“</p>
-
-<p>„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’
-und mein Weib nichts dagegen hätt’.“</p>
-
-<p>„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht.</p>
-
-<p>„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der
-Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> ich heiraten sollt’, und
-der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“</p>
-
-<p>Der Priester schwieg ein Weilchen.</p>
-
-<p>„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den
-irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin
-müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. &mdash; Euer Weib geht doch auch häufig
-zur heiligen Beichte?“</p>
-
-<p>„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so
-möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“</p>
-
-<p>„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der
-Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen
-Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach
-dem Herzen Gottes&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das
-ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz
-vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und &mdash; nicht wahr,
-Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? &mdash;
-gesteinigt, enthauptet, oder so was? &mdash; nicht? &mdash; Punctum, beim Josef
-verbleib’ ich.“</p>
-
-<p>In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die
-Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den
-zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der
-Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen.</p>
-
-<p>Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes
-und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein
-Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p>Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war
-gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung;
-und sein Weib &mdash; das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum
-Beichtvater erwählt hatte, &mdash; theilte mit ihm gern diese Entsagung, und
-so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben.</p>
-
-<p>Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte
-ihm sein Weib einen Lilienstamm &mdash; (es war aber eine Zwiebeldolde) &mdash;
-nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei.</p>
-
-<p>Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen
-lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock
-und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl
-nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr
-salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel
-gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt
-wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher
-Silberzehner dabei.</p>
-
-<p>So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus
-der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s
-Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der
-Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“</p>
-
-<p>Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte:</p>
-
-<p>„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“</p>
-
-<p>„Warum?“ versetzte er.</p>
-
-<p>„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur
-Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p>Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz
-liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“</p>
-
-<p>Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege?
-Wieso denn? &mdash; Wieso denn das, Maria?“</p>
-
-<p>Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden.</p>
-
-<p>Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder &mdash;
-stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand.</p>
-
-<p>Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und
-Wunder an ihr geschähen?</p>
-
-<p>„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks
-zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause
-geschehen.</p>
-
-<p>Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er
-den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er
-seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das
-Buschwerk davon.</p>
-
-<p>In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es
-genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen
-wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig &mdash; ein welker
-Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_9" name="kap_ende_9">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Wolfl_von_Kirchberg">Der Wolfl von Kirchberg.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_s" name="initial_s">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit
-viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer,
-trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie
-voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz
-am Wechsel.</p>
-
-<p>Ich bin dazumal &mdash; es war vor Jahren &mdash; an den Schauerdenkmalen
-menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der
-Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal
-bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen
-Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen,
-regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in
-der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu
-schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter
-Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen
-Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen
-und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein
-schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu
-den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p>Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der
-Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere
-hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“</p>
-
-<p>Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz
-über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch
-hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte
-eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das
-war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat
-zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr
-Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt,
-aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der
-Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“</p>
-
-<p>„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und
-leise für sich setzte es bei: „Der <em class="gesperrt">muß</em> helfen, ’s kann gar nicht
-anders sein.“</p>
-
-<p>Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt
-hastig fürbaß.</p>
-
-<p>Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele
-hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist
-wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die
-tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein
-Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste
-schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem
-undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder
-und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte:
-„Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich
-sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das
-er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den
-Sitz nieder.</p>
-
-<p>„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich
-ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen
-dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent
-aussehender junger Mann.</p>
-
-<p>„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen
-Mannes zu entgegnen.</p>
-
-<p>„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem
-Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen
-sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’
-kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund
-auf’s Saufen.“</p>
-
-<p>Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der
-Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer,
-habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder
-ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und
-eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.</p>
-
-<p>Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein
-großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen
-sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen
-auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter
-Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der
-Wolfgangskirche &mdash; an den Erzbischof Rauscher nach Wien &mdash; ein
-Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen
-Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> so gern die
-alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und
-auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um
-Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der
-hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel
-bauen.“</p>
-
-<p>Was war die Antwort auf dieses Schreiben? &mdash; Die Leute könnten auch in
-der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in
-den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. &mdash; Das heißt, so hatte
-dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine
-Antwort.</p>
-
-<p>Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir
-wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur
-Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem
-Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser
-Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber
-mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang
-in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele
-hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.</p>
-
-<p>Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte
-uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale
-Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und
-sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier
-traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie
-sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein
-Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen
-seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie
-Bergmann und zieht<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und
-führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die
-seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit,
-denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre
-Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.</p>
-
-<p>Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst
-in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’
-seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in
-der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf
-aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig
-ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine
-Pickelhaube &mdash; aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon
-wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der
-Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und
-lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben
-heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem
-Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings,
-der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich
-dahinter und kichert.</p>
-
-<p>Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere
-Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist
-ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und
-badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener
-kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag
-schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung
-was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so
-verführt, und bei der<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht
-losgesprochen worden.“</p>
-
-<p>Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder,
-Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen,
-voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte
-mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu.
-Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen &mdash;
-mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“</p>
-
-<p>Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß
-reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche
-bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in
-die Höllen hinab!“</p>
-
-<p>Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß
-man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn
-in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt!
-Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in
-der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den
-saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“</p>
-
-<p>Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen
-Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der
-Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe.
-Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht
-nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die
-Höhe glaube.</p>
-
-<p>Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns
-die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p>Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß
-Kranichsberg erstrecken?</p>
-
-<p>Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom
-Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.</p>
-
-<p>„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der
-Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch
-eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der
-Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch
-plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und
-weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett
-beiseite, und siehe &mdash; das helle, holdselige Tageslicht und das weite
-Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.</p>
-
-<p>„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch
-hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und
-letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“
-Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich
-an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht,
-so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal
-von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man
-soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“</p>
-
-<p>So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als
-ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte,
-sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast
-stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann
-sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein
-Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p>Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich
-wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein
-schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen,
-stand ein freundlicher Altar.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß
-des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl
-dauerte &mdash; doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche
-wieder herstellen.</p>
-
-<p>Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es
-sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche
-geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er
-mit seinem Herzlieb getraut worden.</p>
-
-<p>Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die
-Welt hier oben.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_10" name="kap_ende_10">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Junge_und_der_Alte">Der Junge und der Alte.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_n" name="initial_n">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_n.jpg" alt="„N" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">N</span>a, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch
-meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt
-genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! &mdash;
-Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel.
-Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen,
-nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir
-nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und
-Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn <em class="gesperrt">das</em>
-nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit
-<em class="gesperrt">solchen</em> Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig
-thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der
-gescheit’ Seppel thät sein &mdash; auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“</p>
-
-<p>„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater
-hat doch auch Eine genommen.“</p>
-
-<p>„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)!
-Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst
-heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“</p>
-
-<p>„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
-
-<p>„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und
-Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf
-&mdash; hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen
-(entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner
-ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“</p>
-
-<p>„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“</p>
-
-<p>„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in
-Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater
-ist.“</p>
-
-<p>„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, <em class="gesperrt">warum</em> er’s ist.“</p>
-
-<p>„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die
-Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“</p>
-
-<p>„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich
-schlafen.“</p>
-
-<p>Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem
-dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.</p>
-
-<p>Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem
-Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für
-sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte
-betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen
-Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.</p>
-
-<p>Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den
-Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.</p>
-
-<p>„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine
-drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p>„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich
-will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns
-Zwei &mdash; was wir ausgeredet haben &mdash; ist’s dieweilen noch nichts. Ich
-verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir
-gach einfallt, daß ich komm’!“</p>
-
-<p>Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner
-Feinheit &mdash; Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde.
-Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt.
-Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine
-Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt &mdash; sie soll nur warten, ’leicht wird
-sie wärmer &mdash; und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts
-versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater
-nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten,
-auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. &mdash; Deswegen
-war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter
-lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch
-großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor
-den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und
-sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den
-Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns
-g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft
-geben.“ &mdash; Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß
-es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine
-noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem
-Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist
-Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich
-um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um
-einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der
-Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch
-auf den Vater nicht ganz vergessen.</p>
-
-<p>Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht
-vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im
-Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. &mdash;
-Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und
-rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht
-ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus
-sechs Brettern...</p>
-
-<p>„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.</p>
-
-<p>„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein
-solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug
-dazu.“</p>
-
-<p>„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr
-dermacht er’s.“</p>
-
-<p>„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett
-kosten. &mdash; Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“</p>
-
-<p>„Ja, wer &mdash; wer denn?“ fragte der Sohn.</p>
-
-<p>„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann
-liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt.
-Keine Mutter haben, ein Waisel sein &mdash; ’s ist eine arme Sach’.
-Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich
-gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> eine
-Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen
-Gedanken noch da.“</p>
-
-<p>Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir
-etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’
-auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater
-denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das
-vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir
-ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich
-wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“</p>
-
-<p>„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen
-muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin.
-Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.</p>
-
-<p>Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein
-härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine
-Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.</p>
-
-<p>Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her,
-jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die
-Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“</p>
-
-<p>„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind
-auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich
-bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß
-sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den
-Mann.“</p>
-
-<p>Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die
-Christine: „Na, welchen denn?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr.
-Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten
-nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s
-Eil!“</p>
-
-<p>„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig
-sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt
-möcht’ er was dreinreden.“</p>
-
-<p>„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich
-fürchterlich vor dem Vater auf.</p>
-
-<p>„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei
-Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“</p>
-
-<p>„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal
-lieber,“ drauf der Alte.</p>
-
-<p>„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich
-Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt,
-und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“</p>
-
-<p>Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau
-Keine an, außer Dir!“</p>
-
-<p>„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis
-auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel
-von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach
-einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er
-Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm
-heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine
-Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater
-und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von
-Dir hab’ ich genug!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr &mdash; es
-bleibt ja Alles aus!</p>
-
-<p>„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon
-Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“</p>
-
-<p>„Das mußt erst sehen,“ sagte diese &mdash; und war fort.</p>
-
-<p>&mdash; Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.</p>
-
-<p>„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß,
-„einen Spaß wirst doch verstehen.“</p>
-
-<p>„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes
-denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“</p>
-
-<p>Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der
-nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der
-Schneider und der Tischler sind fertig.“</p>
-
-<p>Nun &mdash;? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_11" name="kap_ende_11">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<h3 id="Graf_Adlerstamm_auf_der_Hahnenjagd">Graf Adlerstamm auf der
-Hahnenjagd.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i3" name="initial_i3">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>m Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das
-Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der
-Preiner-Michel den Bock geschossen.</p>
-
-<p>Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal
-fuhr. Der Oberförster &mdash; Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher
-die Geschichte erzählt &mdash; hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er
-war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den
-Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den
-Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog,
-wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der
-Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“</p>
-
-<p>„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.</p>
-
-<p>„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“</p>
-
-<p>„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“</p>
-
-<p>„Der kann’s <em class="gesperrt">nicht</em> thun,“ sagte der Oberförster.</p>
-
-<p>„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der
-Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was
-geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß
-der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl
-geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das
-wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt &mdash;“ und machte mit den zwei
-Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn
-schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken
-wüßt’.“</p>
-
-<p>„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der
-Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne
-und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.</p>
-
-<p>„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es
-ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“</p>
-
-<p>„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“</p>
-
-<p>„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen
-festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem
-fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“</p>
-
-<p>„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.</p>
-
-<p>„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als
-traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß
-es ausgeführt werden.“</p>
-
-<p>„Nachher ist’s ja recht.“</p>
-
-<p>„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“</p>
-
-<p>Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.</p>
-
-<p>„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich
-<em class="gesperrt">nicht</em>!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p>„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum
-mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“</p>
-
-<p>„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“</p>
-
-<p>„Nun, zu Deiner Beruhigung &mdash; Du weißt ja, daß ich dem Herrn den
-Büchsenspanner abgebe &mdash; werde ich das Gewehr blind laden.“</p>
-
-<p>„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn
-schießen?“</p>
-
-<p>„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und
-schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den
-hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat.
-Nicht vergessen auf’s Balzen!“</p>
-
-<p>„Ist recht.“</p>
-
-<p>Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich
-mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der
-Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf
-fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine
-klare stille Nacht.</p>
-
-<p>„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich
-sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“</p>
-
-<p>„Soll Sein Schade nicht sein. Doch &mdash; hat Er’s gehört, jetzt? Ist das
-nicht ein Schuß gewesen?“</p>
-
-<p>„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat
-mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine
-ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts
-Seltenes.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr
-Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie
-das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn
-wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.</p>
-
-<p>So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in
-dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine
-Lust war.</p>
-
-<p>Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte
-flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“</p>
-
-<p>„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der
-kleine Punkt....“</p>
-
-<p>„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur
-Wange. &mdash; Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu
-früh, aber siehe &mdash; diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu
-Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.</p>
-
-<p>Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger
-Vogel. &mdash; Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den
-Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen!
-Aber &mdash; was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen &mdash;
-was das sein mag? &mdash; Sogleich ist Licht gemacht &mdash; welch’ eine
-Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.</p>
-
-<p>„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er
-bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das
-vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> bisweilen in die Nähe der
-Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute
-irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese
-Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“</p>
-
-<p>Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen;
-auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel
-kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den
-todten Vogel herabgeschleudert hatte.</p>
-
-<p>„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu
-früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an
-meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen
-gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“</p>
-
-<p>In acht Tagen war das Revier verkauft.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_12" name="kap_ende_12">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-<h3 id="Studentenpulver">Studentenpulver.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d3" name="initial_d3">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>a gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine
-Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld.
-Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine,
-zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak
-gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein
-Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn &mdash; einem
-weitläufigen Verwandten Frischer’s &mdash; eine feine Aufnahme und noble
-Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem
-einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er
-selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des
-Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen.</p>
-
-<p>Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland.</p>
-
-<p>„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der
-Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen,
-wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens
-unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht
-verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Tausender
-genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei
-Kreuzköpfeln&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt,
-„Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens
-wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele
-halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. &mdash;
-Und jetzt habe ich eine Idee.“</p>
-
-<p>„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal,
-daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das
-nicht glauben.“</p>
-
-<p>„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer,
-willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung
-stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. &mdash; Und Du,
-Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“</p>
-
-<p>„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte.</p>
-
-<p>„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. &mdash; Der
-schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“</p>
-
-<p>Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche.</p>
-
-<p>Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das
-versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem
-„Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider
-umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet,
-es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun
-gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres
-dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die
-Halterhütte. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Halter &mdash; Duckmichel hießen sie ihn &mdash; war ein
-kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur
-in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die
-bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist.
-Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten,
-Alraunen u.&nbsp;s.&nbsp;w. behangen.</p>
-
-<p>Die beiden Studenten &mdash; Stroche war nicht ganz fremd im Hause &mdash; wurden
-mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und
-Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet.
-&mdash; Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr
-hinter sich &mdash; die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die
-erste Bekanntschaft machen müsse.</p>
-
-<p>„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des
-Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur
-essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer.
-Ist wohl vergunnt! &mdash; Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’,
-heißt’s, mein’ ich &mdash;? Na, gelt, weiß es ja. &mdash; Viel dicker auf’s
-Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der
-Honig ist gar worden. &mdash; Schau, schau. &mdash; Vor nächst Jahren sind auch
-einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten,
-dem Schlederer-Ferl &mdash; heißt er &mdash; der Müh werth ein bissel ein
-Studentenpulver gegeben.“</p>
-
-<p>„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich
-vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“</p>
-
-<p>Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver
-bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt &mdash;
-für Wildschützen eine gute Sach’.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p>Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing
-im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig,
-der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver
-angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf
-die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte
-laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so
-stürze zusammen &mdash; vergiß nicht drauf!“</p>
-
-<p>Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze
-Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf
-kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster
-hinaus auf die gegenüberstehende Felswand.</p>
-
-<p>Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es
-ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß
-die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel &mdash; sei es wo
-immer &mdash; aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann
-fragte er: was denn immer Neues in der Welt?</p>
-
-<p>„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte
-Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der
-Kufsteinerfestung &mdash; der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“</p>
-
-<p>„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „<em class="gesperrt">Der</em>
-braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“</p>
-
-<p>„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu.
-„Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“</p>
-
-<p>„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen
-Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher
-hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des
-Räubers Kopf gesetzt!“</p>
-
-<p>Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein
-wenig mehr können, als Birnen sieden.“</p>
-
-<p>„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte
-der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s
-wohl!“</p>
-
-<p>„Weil &mdash;“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon
-davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“</p>
-
-<p>„Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin
-gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß
-dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede
-Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht
-sich schußfest &mdash; aber vor diesem Pulver“ &mdash; er deutete gegen seine
-Brusttasche &mdash; „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem.
-&mdash; Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau
-den schwarzen Hannes gesehen.“</p>
-
-<p>„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter.</p>
-
-<p>„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben
-kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am
-linken Fuß?“</p>
-
-<p>„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal
-ein Standar in’s Knie geschossen.“</p>
-
-<p>„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust
-auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden
-Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen.
-Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir
-gesteckt hab’!<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter?
-Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner.
-Nu, ’s ist ja recht.“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl, aber &mdash;“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver
-thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren
-haben ganz gewiß eines im Sack?!“</p>
-
-<p>Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann,
-„etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein
-kostspielig Ding!“</p>
-
-<p>„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür.
-Was thät’ der Schuß denn kosten?“</p>
-
-<p>„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der
-Schuß kostet einen Thaler.“</p>
-
-<p>Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes
-Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. &mdash; „Es kann
-aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ &mdash; Der Mann holte
-seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die
-Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“</p>
-
-<p>„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s
-Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet.</p>
-
-<p>„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig.
-Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine
-Creatur herum, die &mdash; &mdash; ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der
-leibhaftige schwarze Hannes ist!“</p>
-
-<p>Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl,
-wie er hinkt und sich duckt und späht &mdash; ’s ist der flüchtige Räuber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p>„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal
-ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes,
-einen Kugelstutzen!“</p>
-
-<p>„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“</p>
-
-<p>„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist
-doch nicht schon geladen?“</p>
-
-<p>„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da
-heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen
-Raben losgedrückt.“</p>
-
-<p>„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden
-Pulvergattungen zusammenkommen.“</p>
-
-<p>„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr
-mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver.</p>
-
-<p>Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken.</p>
-
-<p>„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar
-hält,“ versetzte Frischer.</p>
-
-<p>„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und
-wartet bis ich rufe.“</p>
-
-<p>Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange.
-Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“
-In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend
-knallte der Schuß.</p>
-
-<p>Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten.
-Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand.</p>
-
-<p>Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist
-das Euer Pulver, das nicht kracht?“</p>
-
-<p>„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s
-ein Unglück!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde
-stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint
-Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? &mdash;
-Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit
-Schnupftabak. &mdash; Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit
-lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit
-Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer
-Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das
-echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben
-einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“</p>
-
-<p>„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem
-Kameraden geschehen?“</p>
-
-<p>Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in
-der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse
-förmlich in den Schoß gefallen war.</p>
-
-<p>„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm
-hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß
-Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und
-dumm sind. &mdash; Ist noch Buttermilch anständig?“</p>
-
-<p>Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben
-heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten
-auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das
-Studentenpulver schnupfen sie selber.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_13" name="kap_ende_13">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<h3 id="Eine_Eisenbahngeschichte">Eine Eisenbahngeschichte.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_u" name="initial_u">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_u.jpg" alt="U" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">U</span>nd sieben Plagen kamen über Aegypten. &mdash; Es wären sicherlich acht
-gekommen, aber die <em class="gesperrt">Eisenbahner</em> sind damals noch nicht gewesen.
-&mdash; So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur
-Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie
-das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen
-Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern
-auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen
-Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo
-sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei
-sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren
-und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und
-Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum
-sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden.
-Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen,
-das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber
-den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert
-Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal
-begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was
-wachsen konnte.<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben
-das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die
-Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen
-Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ &mdash; „Nein,“ sagst
-Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir
-nicht feil.“ &mdash; „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt
-der Ingenieur, „dann aber <em class="gesperrt">mußt</em> Du uns den Grund abtreten!“ &mdash;
-„Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in
-einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem
-Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“</p>
-
-<p>Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer,
-und &mdash; das ist gut. &mdash; Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir
-heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht
-gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat
-der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die
-Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne
-sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges
-nicht ein &mdash; ich auch nicht &mdash; und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht
-die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht
-hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so
-müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.</p>
-
-<p>Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.</p>
-
-<p>Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes
-Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter
-Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber
-zwingt es.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und
-ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.</p>
-
-<p>„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr
-wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich
-laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben;
-ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben
-sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar
-nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die
-Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch
-nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten
-Vater auf dem Todbett behandelt hat. &mdash; Aber der Vorwand ist schlau,
-Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.</p>
-
-<p>Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das
-Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.</p>
-
-<p>„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie
-ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“</p>
-
-<p>„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses
-armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“</p>
-
-<p>Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „<em class="gesperrt">Sechzehntausend
-Gulden</em>.“</p>
-
-<p>&mdash; Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine
-Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke
-über Haus und Grund des Schotterhans? &mdash; Hier wird eine eiserne Brücke
-gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<p>Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das
-Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es
-pfeift auf ihn.</p>
-
-<p>Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute
-lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über
-seinem Giebel.</p>
-
-<p>Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen.
-Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt &mdash; wie er’s
-stets gewünscht hatte &mdash; im Hause seiner Vorfahren.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_14" name="kap_ende_14">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<h3 id="Naturforscher_auf_der_Alm">Naturforscher auf der Alm.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i4" name="initial_i4">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>m Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem
-steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.</p>
-
-<p>Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar
-ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im
-Land!“</p>
-
-<p>„Was?“ schrie Alles.</p>
-
-<p>„Sie kommen gar auf die Alm.“</p>
-
-<p>„Wer?“</p>
-
-<p>„Sie rücken schon an.“</p>
-
-<p>„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und
-sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier
-vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie
-hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen
-Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief
-sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang
-der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken
-gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die &mdash; die &mdash; wie hast
-gesagt, wie heißt der Feind?“</p>
-
-<p>„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja
-kein Feind nicht!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>„Was <em class="gesperrt">denn</em>? So red’, wenn Du was weißt!“</p>
-
-<p>„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’
-Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der
-hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber
-&mdash; mußt wissen &mdash; seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht
-bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter
-Herr, und ein bissel zaubern &mdash;“ der Fritz ließ einen forschenden Blick
-umherschießen &mdash; „’s selb’ kann er auch.“</p>
-
-<p>Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über
-dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den
-Kopf schütteln.</p>
-
-<p>Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin:
-„Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“</p>
-
-<p>„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den
-Halterleuten, die beim Ofen saßen.</p>
-
-<p>„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort,
-„die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie
-der Radauer Schulmeister; haben aber &mdash; rath’ ich &mdash; noch größere
-Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel
-gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist
-kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“</p>
-
-<p>Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die
-Welt haben sie erfunden?! &mdash; Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott
-Vater erschaffen!“</p>
-
-<p>Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der
-Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte.<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> „Der Gott Vater!“ murmelte
-er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. &mdash; Aber &mdash; nachher möcht’ ich
-schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“</p>
-
-<p>„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der
-einen neuen Glauben aufbringen will?“</p>
-
-<p>„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört
-hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das
-läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten
-Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört,
-hätten sie vor Freud’ angezunden über und über &mdash; so viel hätten sie
-beleuchtet. Bei allen Fenstern &mdash; und es giebt viel Fenster in so einer
-Stadt &mdash; hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf
-die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. &mdash; Muß wohl was
-dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“</p>
-
-<p>So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im
-Almwirthshaus.</p>
-
-<p>Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der
-Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar
-gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten,
-ihrer Hütte zu. &mdash; Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten
-Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann
-mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht
-mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert
-sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und
-stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch
-etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die
-Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. &mdash; Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> hat sie &mdash; die Agatl
-&mdash; auch noch extra was mit ihnen zu reden.</p>
-
-<p>So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen
-in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen,
-schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf
-die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu
-trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in
-jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze
-prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der
-Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte &mdash; eine Huldigung
-der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über
-diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und
-rathlosesten aber waren &mdash; diese Dominikanermönche selbst. Sie waren
-unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht
-auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise.
-Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die
-Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung
-hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath,
-wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.</p>
-
-<p>„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber
-zweihundert Gulden.“</p>
-
-<p>„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.</p>
-
-<p>„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer,
-„der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p>Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die
-Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich
-am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam
-belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer
-noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung
-ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der
-Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte &mdash; meldete sich ein
-alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und
-erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme
-herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der
-Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite
-des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband
-und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf
-Oesterreich schwang &mdash; da war es offen, kein Anderer als Der konnte
-die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte
-Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch
-die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen
-fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben
-entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen
-aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan
-gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die
-Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder
-herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte
-den Kletterer.</p>
-
-<p>Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich
-endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu
-entfernen. Er bekam hierauf selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>verständlich seine reglementsmäßige
-„Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem
-wackeren Veteran soll es &mdash; weiß die Fama &mdash; sein Lebtag nie besser
-ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner
-„gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.</p>
-
-<p>Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das
-Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die
-Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten
-Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens
-zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der
-Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt
-in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen
-und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen;
-der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den
-Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die
-Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet
-empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen,
-zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen
-Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse
-ausgezogen.</p>
-
-<p>Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.</p>
-
-<p>Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des
-Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase
-Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm,
-wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend
-welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei
-Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich
-geeignet sein könnten, die guten, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>fachen Leute in ihrem alten
-Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine
-Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.</p>
-
-<p>Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn
-uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit
-wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten
-um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen
-lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere
-Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte
-zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den
-Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.</p>
-
-<p>Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel
-saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser
-in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen
-auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen
-Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit
-der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch
-zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.</p>
-
-<p>Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der
-Welt und an sich selber. &mdash; Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren,
-auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem
-Arm &mdash; so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd
-ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll
-Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig
-die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte &mdash; da stürmten
-sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie
-keck an der Hand und<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann
-wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter
-und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den
-Sonntagen.</p>
-
-<p>Und das &mdash; meinte die Agatl bei sich &mdash; sollten die Herren sein, die
-dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten
-die großen Gelehrten sein, die &mdash; wie der Fritz erzählt hat &mdash; den
-Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver,
-und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben,
-und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat),
-und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen
-Kopfhaar’ &mdash; ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt
-und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten
-soll das Alles kommen? &mdash; Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’
-muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar
-&mdash; ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s
-ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist,
-gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm
-mag „derlangen“. So simulirte die Agatl.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei
-seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand
-gedrückt hatte. &mdash; Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich
-wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für
-seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich
-nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph
-und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer
-Hälfte gern die Herzen und Nieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<p>Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo
-klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles
-mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und
-zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei,
-wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die
-in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und
-Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die
-Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen
-man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf
-Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie
-den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher
-noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem
-schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei
-war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr
-lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr
-Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe
-gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die
-Wurzel des Weiderich. &mdash; Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um
-den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute,
-die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen
-abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken,
-sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.</p>
-
-<p>„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen,
-weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge
-schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen
-Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr
-noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“</p>
-
-<p>Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.</p>
-
-<p>Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen
-grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor
-und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der
-Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt
-in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind
-so gern frißt &mdash; mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge
-Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber
-nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen
-die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und
-das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut
-stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten
-drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur
-einmal treibt. Und das &mdash; kennst Du das auch nicht? &mdash; das ist die
-blühende Untreu.“</p>
-
-<p>„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“</p>
-
-<p>„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.</p>
-
-<p>„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch
-mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“</p>
-
-<p>Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die
-Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor:
-„Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein
-Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“</p>
-
-<p>„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen,
-wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand
-&mdash; die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile
-in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.</p>
-
-<p>Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch
-allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle
-geprüft &mdash; es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an
-den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in
-sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben
-und Schwaighütten hin verloren.</p>
-
-<p>Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit
-dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu.
-Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem
-auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der
-Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte
-sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle
-wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte
-sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen
-gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche
-die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des
-Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung
-des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit
-einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span></p>
-
-<p>Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer
-in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von
-der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche
-mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern
-Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein
-unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich
-rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer
-und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt &mdash;
-sie war doppelt schön.</p>
-
-<p>Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen
-Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen
-Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr
-geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“</p>
-
-<p>Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener
-geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. &mdash; Aber es ist halt
-schwer, mit so einem weltfremden Herrn. &mdash; Freilich ein großer
-Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....</p>
-
-<p>Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben
-mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum
-Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur
-Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht
-ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte.
-Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen
-und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein
-paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich
-rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge &mdash; lang’
-thäten wir uns nicht aufhalten.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann ging mit ihr &mdash; leisen Schrittes und im Herzen
-Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand
-zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im
-Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht
-Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und
-sie standen vor den Kühen.</p>
-
-<p>„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete
-auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’
-ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei
-Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an
-und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme
-Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie
-schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“</p>
-
-<p>Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die
-Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in
-der That, die Milch war ganz röthlich.</p>
-
-<p>Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte
-nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen
-genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine
-Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein
-Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber
-anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“</p>
-
-<p>Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune
-heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der
-Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-<p>„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief
-das Mädchen.</p>
-
-<p>„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.</p>
-
-<p>Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich
-im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge
-allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer
-Stimme den Namen „Hansel“ rief.</p>
-
-<p>Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja,
-wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die
-rothe Milch. Adieu!“</p>
-
-<p>Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte
-er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine
-Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche
-getreten.“</p>
-
-<p>Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_15" name="kap_ende_15">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p>
-
-<h3 id="Eine_mit_Geld">Eine mit Geld.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d4" name="initial_d4">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>er Junge, der Samuel, trieb’s, &mdash; er trieb die Ziegen auf die Weide
-und hütete sie.</p>
-
-<p>Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt,
-so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er
-wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten
-und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der
-Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.</p>
-
-<p>Diese Silberlinge!</p>
-
-<p>Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben &mdash;
-vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer
-wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen
-es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge
-nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit
-stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der
-Sammel &mdash; der alte &mdash; denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge,
-sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern
-im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie
-entgegen. Doch sollten sie &mdash; wie Kaiser Rothbart &mdash; so lange als
-möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> werden.
-Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und
-diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.</p>
-
-<p>Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich &mdash; thust am besten
-&mdash; grabst ein, aber den Schatz &mdash; wenn Du einmal auf ihn anstehst
-&mdash; grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen
-Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“</p>
-
-<p>Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich
-nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf
-wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich
-neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse
-jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander
-Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie
-waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe.
-Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich
-glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel
-hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können.
-Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe
-Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur
-Zeit der Noth.</p>
-
-<p>Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem
-Schatten ruhen &mdash; zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der
-Söllertanne.</p>
-
-<p>Unter ihr selbst aber nie &mdash; schon um keinen Verdacht zu erregen. Die
-Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund.
-Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz
-unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen
-sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> selbst wenn &mdash; kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig
-und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es
-Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern &mdash; und selbst in diesem
-Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden
-konnte.</p>
-
-<p>Es hätte sich Alles fein geschlichtet &mdash; wäre nur die Marianka nicht
-gewesen.</p>
-
-<p>In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel &mdash;
-wollte er sich überhaupt gesellen &mdash; gern zum Förster, der oft durch
-den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen
-und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb
-der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen
-vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht
-mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.</p>
-
-<p>„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der
-Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka,
-das ist <em class="gesperrt">mein</em> Revier.“</p>
-
-<p>Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus
-dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das
-Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare,
-einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch
-die blühende Tochter Marianka hatte.</p>
-
-<p>Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die
-Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die
-Schafe vor den Wölfen.</p>
-
-<p>’s war kein Wunder &mdash; bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel
-und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein
-und sann und im Sinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> einschlummern wollte, da war sie werth, daß man
-sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im
-Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.</p>
-
-<p>Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s
-nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im
-Walde, an sein Weilen bei ihr &mdash; aber spricht nicht gern davon.</p>
-
-<p>Der Sammel und die Marianka &mdash; nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am
-liebsten hätte der Grabenbursch auch <em class="gesperrt">diesen</em> Schatz vergraben &mdash;
-so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt
-mitten in der Liebesgeschichte.</p>
-
-<p>Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl,
-willst sie nehmen, die Marianka?“</p>
-
-<p>„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.</p>
-
-<p>„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf.
-„Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und
-hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist
-die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“</p>
-
-<p>Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok
-durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft3">„Lieber Fok!</p>
-
-<p>Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie
-heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s
-nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater
-gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe
-auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die
-Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger</p>
-
-<p class="right mright2">Sammel.“</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>So ein Brief da!</p>
-
-<p>Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor
-dem Burschen. Was der Sammel wollte &mdash; war es nicht ganz ehrenwerth?
-Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. &mdash; Die Armen
-haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!</p>
-
-<p>Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke
-nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber
-meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief
-daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und
-das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun
-in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das &mdash; was man Herz nennt
-&mdash; rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir
-die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt
-den Geldbeutel in die Brust!</p>
-
-<p>Den Geldbeutel? Die Silberlinge?</p>
-
-<p>In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den
-Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den
-kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses
-schöne Geld! &mdash; Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie
-der Will’, ihr bleibt da drin liegen. &mdash; <em class="gesperrt">Ich</em> hab’ zwei Hände,
-<em class="gesperrt">sie</em> hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur
-zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können,
-insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der
-Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>Zur selbigen Zeit &mdash; er wurde gesehen &mdash; ging der Fok einmal wie
-gewöhnlich mit seinem Pechsack aus &mdash; und hatte auch eine großmächtige
-Kraue bei sich.</p>
-
-<p>Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an
-Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist
-schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der
-Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so
-denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der
-Welt. &mdash; Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und
-die Alten. Die Marianka &mdash; die arme &mdash; wurde ganz blaß und tiefäugig
-vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu
-beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.</p>
-
-<p>Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme
-Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer
-Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel
-nicht sollte verloren gehen.</p>
-
-<p>Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja,
-warum nicht?</p>
-
-<p>Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen
-Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der
-Söllertanne zusammenführen ließ. &mdash; Da haben sie gut liegen, wenn sonst
-auch nichts will wachsen.</p>
-
-<p>Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter,
-hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich
-der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser
-geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich
-einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.</p>
-
-<p>Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine
-Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“</p>
-
-<p>„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“</p>
-
-<p>„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder
-verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst &mdash; daß ich Dir’s schon sag’ &mdash;
-zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch
-nicht <em class="gesperrt">viel</em> d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s &mdash; so lang mir der
-Herrgott die Gesundheit schenkt &mdash; etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein
-Hunderter zum Anfangen &mdash; was meinst?“</p>
-
-<p>Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!</p>
-
-<p>„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“</p>
-
-<p>„Eine Red’!“</p>
-
-<p>Ein Wort &mdash; ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die
-Marianka.</p>
-
-<p>Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze,
-welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete &mdash;
-die Hochzeitskränze.</p>
-
-<p>Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf
-den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu,
-so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so
-oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“</p>
-
-<p>Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe
-ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende
-Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p>Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück
-Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte
-aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen
-Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und
-allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner
-Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.</p>
-
-<p>Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder
-freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in
-Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin
-wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem
-Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen
-wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber
-Schwiegervater, der Branntweinbrenner. &mdash; Der Sammel fürchtete
-nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues
-Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an
-Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den
-Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“</p>
-
-<p>„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und &mdash; nimmt man’s
-recht, Du auch.“</p>
-
-<p>„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“</p>
-
-<p>„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor
-Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“</p>
-
-<p>Der Sammel war beruhigt. &mdash; Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen
-in der Erde. &mdash; Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der
-Fok ist fast immer zu<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht
-so leicht abtragen. &mdash; So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf
-spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient
-sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom
-Schwiegervater.</p>
-
-<p>’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen
-nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s
-Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf
-steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch
-Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn,
-das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht
-hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz
-stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten
-auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der
-das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den
-Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es
-der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das
-insoweit eine ganz moralische Erzählung.</p>
-
-<p>Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe:
-„Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen!
-Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine
-rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch
-eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß &mdash; noch von
-meiner Junggesellenschaft her.“</p>
-
-<p>Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was
-Sauberes sein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-<p>Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und
-sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die
-Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.</p>
-
-<p>„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl
-(Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die
-Steine auseinanderwirft?“</p>
-
-<p>Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen
-im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.</p>
-
-<p>Gestorben, begraben &mdash; und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus.
-Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige
-Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.</p>
-
-<p>Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat!
-Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.</p>
-
-<p>Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr:
-„Also jetzt geh’ ich!“</p>
-
-<p>„Wo willst denn heut noch hin?“</p>
-
-<p>Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’,
-warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf &mdash; sie lag nicht
-allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der
-Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim
-Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer &mdash; und wenn
-er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß &mdash; der Sakermenter
-wußte, daß sie rund ist &mdash; er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz
-gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth
-glühte, war der Schatz erreicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p>
-
-<p>Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der
-Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den
-Deckel herab, und siehe &mdash; siehe &mdash; alles Silber war dahin.</p>
-
-<p>Hingegen aber!</p>
-
-<p>Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten &mdash; nagelneue, die erst vor
-wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. &mdash; Und als sie der Sammel in
-wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend
-höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem
-Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:</p>
-
-<p>„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen
-Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich
-selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern
-glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den
-Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch
-des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der
-Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten
-auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar
-nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. &mdash;
-Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld
-wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf
-den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“</p>
-
-<p>„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren
-gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’
-Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p>
-
-<p>Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem
-Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“</p>
-
-<p>„Jeses und Josef, wie <em class="gesperrt">so</em> denn?!“</p>
-
-<p>„Verliehen war’s!“</p>
-
-<p>Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die
-heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.</p>
-
-<p>Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter
-an, eine Brave, Saubere &mdash; Eine mit Geld!</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_16" name="kap_ende_16">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<h3 id="Die_Abelsberger_Chronik">Die Abelsberger Chronik.</h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Der_Burgermeister_von_Abelsberg">Der Burgermeister von Abelsberg.</h4>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d5" name="initial_d5">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele
-Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die
-Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab &mdash; sagen sie &mdash; es verführe die
-Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so
-bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung
-des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten
-Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich
-ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde.
-Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre
-Steuern.</p>
-
-<p>Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die
-Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver
-nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da
-es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein.
-Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres
-Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe,
-Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben
-die Wildschützen in Sicherheit gebracht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span></p>
-
-<p>Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten
-Abelsberger. Der Gemeindevorstand &mdash; sie heißen ihn „Burgermeister“ &mdash;
-der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein &mdash;
-es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so
-&mdash; &mdash; wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit
-auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf
-sonst was; und so &mdash; munkelt man &mdash; könnte es sich zutragen, daß
-eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der
-Gottesdienst ausbliebe, weil &mdash; der Herr Pfarrer verreist.</p>
-
-<p>’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und
-über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd
-schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von
-den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein
-allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.</p>
-
-<p>Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht
-mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das
-linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. &mdash; So war’s
-voreh’; dann ist’s anders geworden.</p>
-
-<p>Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe
-folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n:
-Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben
-werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war
-er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber
-das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter
-müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen,
-einen Ausgedienten; so Einer ist<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> respectabel und kann laufen. Die
-Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und
-kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“</p>
-
-<p>Sie machten Ja darüber.</p>
-
-<p>Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein
-Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen
-langen klirrenden Säbel &mdash; Gemeindegut &mdash; und trug einen wuchtigen
-Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter
-Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen
-hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen
-gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das
-war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.</p>
-
-<p>„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach
-der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir
-gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal
-hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist
-meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die
-Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist,
-muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so
-muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag
-Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so
-wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen!
-Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer &mdash; einfangen
-und in den Arrest treiben. Verstanden?“</p>
-
-<p>Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade
-und mit rasselndem Säbel davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p>
-
-<p>Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei,
-daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften,
-anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er
-in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an
-seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch
-dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand
-nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an
-welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.</p>
-
-<p>An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch,
-nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen
-Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus
-schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel
-schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus.
-Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die
-Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte
-er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.</p>
-
-<p>Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den
-schattigen Wald hinaus. &mdash; Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei
-sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich
-auch heute der Diener meines Herrn.</p>
-
-<p>So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß
-hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder
-Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts
-klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem
-Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. &mdash; Es wäre ein
-anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<p>Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er
-nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung
-zu, in welcher der Schuß gefallen war.</p>
-
-<p>Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann
-und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der
-Burgermeister von Abelsberg. &mdash; Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte
-sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist <em class="gesperrt">nicht</em>
-Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. &mdash; Aber es
-ist ja der Burgermeister! &mdash; rief in ihm eine andere Stimme. &mdash; Thut
-nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein
-Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist
-jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot
-ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu
-zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg
-hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. &mdash;
-Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere
-Stimme. &mdash; Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger
-mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der
-Ertappte sei <em class="gesperrt">wer immer</em>: einfangen! &mdash; Des höllischen Satans will
-ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht
-und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin.
-Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!</p>
-
-<p>Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig
-fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“</p>
-
-<p>Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span></p>
-
-<p>„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“</p>
-
-<p>„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja &mdash;
-es war ja&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger
-Stimme.</p>
-
-<p>„Na, so thu’ Er &mdash; hi, hi &mdash; &mdash; thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“</p>
-
-<p>„Ich mach’ keinen Unterschied.“</p>
-
-<p>„Aber &mdash; Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Im Namen des Gesetzes arretirt!“</p>
-
-<p>„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“</p>
-
-<p>„Marsch!“</p>
-
-<p>„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“</p>
-
-<p>„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel.
-Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart
-wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.</p>
-
-<p>Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der
-Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen
-erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die
-Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von
-Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch
-gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.</p>
-
-<p>Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche,
-sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein-
-für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den
-Buckel geschnallt, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein
-mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen
-richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig;
-ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und
-ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen.
-Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine
-Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich,
-da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter
-für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und
-mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte,
-daß der Burgermeister darunter taumelte.</p>
-
-<p>Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg
-anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem
-Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat
-die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei
-uns sein Lebtag lang versorgt.“</p>
-
-<p>„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet,
-und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’
-pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“</p>
-
-<p>„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja
-vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die
-Kinder &mdash; des Respectes wegen, versteht Er?“</p>
-
-<p>„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es
-wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn
-er stiehlt. &mdash; Marsch!“</p>
-
-<p>Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem
-Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> von lärmendem, höhnendem
-Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der
-Schorsch:</p>
-
-<p>„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“</p>
-
-<p>Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen
-an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. &mdash; Der
-Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem
-Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“</p>
-
-<p>Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale
-des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem
-Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung
-und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.</p>
-
-<p>Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Der_Brueckenwirth_von_Abelsberg">Der Brückenwirth zu Abelsberg.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann;
-nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut
-besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als
-vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das
-Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.</p>
-
-<p>Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich
-bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der
-Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar
-sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit,
-sondern die Armuth.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-<p>Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so
-die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja,
-schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den
-Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm
-kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann
-zu sein &mdash; der Credit.</p>
-
-<p>Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit,
-aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm
-Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein
-Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der
-Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der
-reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er
-sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit
-verfiel.</p>
-
-<p>Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er
-nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran
-nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.</p>
-
-<p>Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche
-Sorge er &mdash; der Brückenwirth &mdash; getroffen hätte, daß er &mdash; der Nachbar
-&mdash; zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.</p>
-
-<p>„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit
-schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die
-letzte Stunde verschoben hätt’! &mdash; Ist er denn nicht da?“</p>
-
-<p>„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.</p>
-
-<p>„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder
-mitbringt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und
-Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch
-finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der
-Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.</p>
-
-<p>„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.</p>
-
-<p>„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief
-ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der
-Brückenwirth sein Testament.</p>
-
-<p>„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem
-seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen
-nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig
-gewesen. &mdash; Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich
-verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s
-der Herr aufschreiben.“</p>
-
-<p>Die Feder war schon lange naß gewesen.</p>
-
-<p>„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei
-Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll
-angeschafft werden. Nachher &mdash; das auch aufschreiben: Beim hintern
-Altar &mdash; der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat
-schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. &mdash; Das Schulhaus braucht ein
-neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich &mdash; daß tausend Gulden kommen
-sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme
-Waisenkinder aufschreiben. &mdash; Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat,
-der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser
-Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. &mdash; Aufgeschrieben ist’s?
-Nachher wär’s so weit richtig. Und &mdash; wenn sie mich auf die Bank legen,
-so thut’s suchen im Bettstroh....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg
-und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es
-frohlockend: „Der Bruckenwirth &mdash; wer hätt’ sich das vorgestellt!
-Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen
-Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken
-vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger
-was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir
-die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen,
-so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst
-erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger
-trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß.
-Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister
-zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Dem großen Wohlthäter der Gemein’</div>
- <div class="verse">Herrn Hans Michel Scherger</div>
- <div class="verse">Widmen diesen Stein</div>
- <div class="verse">Die dankbaren Abelsberger.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.</p>
-
-<p>In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.</p>
-
-<p>„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube
-vom Kopfe.</p>
-
-<p>Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um
-die Mittagszeit zum Essen rief.</p>
-
-<p>Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In
-derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die
-„Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> wurde nicht geholt. Der
-Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte
-sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.</p>
-
-<p>Und nach vierzehn Tagen war er gesund.</p>
-
-<p>Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu
-beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich
-hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen,
-und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt
-auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen
-sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’
-Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden
-thät.</p>
-
-<p>„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl
-so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s
-mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm
-beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war
-nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er
-Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich
-seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten
-es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.</p>
-
-<p>Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. &mdash; Na, es
-war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben
-wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein
-Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor.
-Das Schulhaus braucht ein neues Dach &mdash; es ist ja wahr! und wer wollte
-nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen
-Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben.<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Suchen mögen sie, wenn er
-auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....</p>
-
-<p>Gefunden hätten sie freilich nichts.</p>
-
-<p>Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war
-durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn
-der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und
-Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie
-läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr
-Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Der_Schulmeister_von_Abelsberg">Der Schulmeister von Abelsberg.</h4>
-
-</div>
-
-<p>War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg.
-Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen
-mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich
-graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur
-der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im
-Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der
-Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete
-Unkraut und säete Weizen &mdash; zumeist taube Körner, die keine Keimkraft
-hatten. In Gottes Namen!</p>
-
-<p>Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem
-Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so
-verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine
-Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte
-er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb
-die Meinung sagte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm
-zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der
-Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von
-den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele
-dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der
-Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle.
-Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt
-sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur
-zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine
-Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser
-für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon
-allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner
-giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon
-gut.</p>
-
-<p>Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den
-Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber
-auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit
-Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie
-ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und
-den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen
-und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim
-bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen?
-Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die
-Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit!
-Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! &mdash; Darum sagte ich:
-ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas
-mißliebig war bei den Leuten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p>
-
-<p>Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die
-Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik
-aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht
-zusammenzufiedeln &mdash; ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener
-und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem
-Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und
-gestrengen Gutsherrn wäre.</p>
-
-<p>„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister
-bissig.</p>
-
-<p>„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr
-laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“</p>
-
-<p>„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“</p>
-
-<p>Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest
-rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg
-gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am
-Aschermittwoch.</p>
-
-<p>Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht
-zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p>„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde
-untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister,
-an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu
-geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein
-Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet</p>
-
-<p class="right mright2">L. L. von S.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster
-Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero
-feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin
-lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes
-dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt
-worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In
-ehrfurchtsvollster Erniedrigung</p>
-
-<p class="right mright2 mbot1">Amt Abelsberg.“</p>
-
-<p>Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p>„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.</p>
-
-<p class="right mright2">L. L. von S.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem
-Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr.
-I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden
-sei. Dasselbe lautete wörtlich:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p>„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie
-gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.</p>
-
-<p class="right mright2">L. L. von S.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint
-haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister,
-der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde,
-einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.</p>
-
-<p>„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne
-Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p>Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt,
-jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!</p>
-
-<p>Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung
-in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu
-sein.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Der_Thurmbau_zu_Abelsberg">Der Thurmbau zu Abelsberg.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die
-Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.</p>
-
-<p>Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte
-oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und
-Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal
-zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von
-Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber
-ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind
-sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und
-wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der
-Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und
-Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern
-ein wenig „in die Nacht hinein“.</p>
-
-<p>So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit
-seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei
-Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei
-Thürme hätten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm
-wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.</p>
-
-<p>Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei
-Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“</p>
-
-<p>Der mußte auf der Stelle abdanken.</p>
-
-<p>Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach
-das Wort: „Geld zusammenschießen!“</p>
-
-<p>Der Mann mußte abdanken.</p>
-
-<p>Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren,
-jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch
-zwei Hörner haben&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen;
-nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine
-Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf
-das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder
-von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig!
-(Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich
-sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm
-zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel
-zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer
-Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in
-der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein
-Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen
-Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag.
-Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen
-Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p>Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich
-zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch
-nicht um.</p>
-
-<p>Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der
-Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde
-zum Cassenwart gemacht &mdash; und so war der Same gelegt zum Thurme, der
-sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen,
-an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben,
-mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer
-Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.</p>
-
-<p>Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche
-Mann kam &mdash; auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für
-einen Thurm Gottes.</p>
-
-<p>Der Küster waltete treu seines Amtes und war &mdash; nebstbei gesagt &mdash;
-nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche
-hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen &mdash;
-stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener
-goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede
-verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns
-sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an
-dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“
-eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen
-sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden.
-Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“</p>
-
-<p>Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen
-eben nicht schwer &mdash; ihm war das Trinken<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> schon lieber, als das Küssen
-&mdash; so trank er und trank wie ein Abelsberger.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es &mdash;
-wie er so schön sagte &mdash; „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein
-Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem
-Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit
-angehen will bis auf morgen &mdash; eigentlich nur bis auf heute &mdash; bis er
-nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt &mdash; entdeckt er in
-seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor
-erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu
-thun pflegt. Das reicht für die Zeche &mdash; es bleibt sogar noch etwas
-übrig.</p>
-
-<p>Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht
-nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist!
-„He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“</p>
-
-<p>Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war &mdash; der
-letzte Knopf vom Thurmgeld &mdash; da stand der Küster Thomas Reckenschlauch
-auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder
-umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war
-nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu
-sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken.
-Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und
-starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. &mdash; „’s ist
-richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld &mdash; er steht schon &mdash; der zweite.
-Ach &mdash; der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi!
-Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“</p>
-
-<p>Und taumelte entzückt nach Hause.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<p>Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun
-der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht
-hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten
-geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und
-zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat &mdash; und
-daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten
-Thurm neben dem ersten stehen sieht.</p>
-
-<p>Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will:
-„Geh’ hin und thu’ desgleichen!“</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Zu_Abelsberg_beim_Spielchen">Zu Abelsberg beim Spielchen.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie
-schlossen sich dabei ein &mdash; der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein
-Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und
-ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein
-verbotenes Spiel! &mdash; i bewahre &mdash; beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“,
-ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.</p>
-
-<p>„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der
-Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von
-seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen
-Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes
-Geld.</p>
-
-<p>Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf
-weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl
-fürlieb nimmt. Und hernachen &mdash; wie schon angedeutet worden &mdash; ganz
-abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte
-in<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> die Oberstube &mdash; und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit
-leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin
-der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband
-hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt &mdash; er
-war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten
-Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war &mdash; und was die gut
-geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und
-dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten,
-so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem
-Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut
-es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen,
-hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn
-zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von
-Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber
-im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.</p>
-
-<p>Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und
-machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst
-spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.</p>
-
-<p>„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich
-doch auf Deinen Platz.“</p>
-
-<p>„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der
-geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“</p>
-
-<p>„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“</p>
-
-<p>So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem
-alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie
-der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut
-gebratene<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin
-und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl
-hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam
-ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit
-so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder,
-geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“</p>
-
-<p>„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s
-nächstemal <em class="gesperrt">Deine</em> Karten mit.“</p>
-
-<p>„Das ist eine Red’.“</p>
-
-<p>„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht
-in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“</p>
-
-<p>„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“</p>
-
-<p>„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten
-Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die
-Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“</p>
-
-<p>Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber
-sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch
-scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’
-gewesen, der Hochbergreichhofer?“</p>
-
-<p>Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig
-sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder
-nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen
-Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei &mdash; ein rechter
-Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!</p>
-
-<p>Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich,
-Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p>
-
-<p>Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte
-wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel,
-aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.</p>
-
-<p>Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s
-Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“</p>
-
-<p>Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn.
-Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern
-nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that
-einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die
-Rose.</p>
-
-<p>Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah &mdash;
-den Spiegel.</p>
-
-<p>Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich
-langsam &mdash; starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel
-offen lag &mdash; starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt,
-Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden
-hast, der mir in die Karten schaut, nachher &mdash; nachher glaub’ ich’s
-gern!“</p>
-
-<p>Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“
-rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist.
-Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’
-mir nicht unlieb gewesen, hätten <em class="gesperrt">von</em> Deinem Gelde noch lange gut
-gegessen und getrunken.“</p>
-
-<p>„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel <em class="gesperrt">gar</em> nicht aufgekommen, so wär’s
-Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’
-uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du
-die Jause zahlst.“</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Ein_Abelsberger_Kalbskopf">Ein Abelsberger Kalbskopf.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte &mdash; gestehen
-wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen &mdash; einen Rausch. Auf
-dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie
-geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand &mdash; zwei
-in eins und eins in zwei &mdash; wie die siamesischen Brüder.</p>
-
-<p>Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat
-ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s
-mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft2">„Lieber Freund und Simerl!</p>
-
-<p>Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute
-Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.</p>
-
-<p>Mit Grüßen</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="mright1_5">Jacob K.</span><br />
-Bäckermeister.“</p>
-
-</div>
-
-<p>„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß
-er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um <em class="gesperrt">eilf</em> Uhr, und
-jetzt ist’s schon <em class="gesperrt">zwölf</em>! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht
-zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir
-jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’
-zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und
-Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein
-Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Briefe alle verspätet
-zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir
-auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s
-jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er
-mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden
-vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“</p>
-
-<p>D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende
-Zeilen:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft2">„Lieber Postschreiber!</p>
-
-<p>Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen
-heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.</p>
-
-<p>Mit Grüßen</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="mright1_5">Jakob K.</span><br />
-Bäckermeister.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber,
-das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du
-bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber
-hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“</p>
-
-<p>Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl
-lachte sich in die Faust.</p>
-
-<p>Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das
-Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der
-Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören
-müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch
-wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.</p>
-
-<p>Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker
-Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim
-Weine saßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<p>„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister,
-„und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s
-aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie
-der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir
-Bruderschaft: Sollst leben!“</p>
-
-<p>Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er
-konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine
-Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja
-schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben
-hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den
-Einser <em class="gesperrt">doppelt</em> gelesen.</p>
-
-<p>Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im
-Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein,
-der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den
-Schultern säße. &mdash; In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu
-seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Trinken, trinken,</div>
- <div class="verse">Bis die Aeuglein sinken.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Die_Abelsberger_der_Majestaet">Die Abelsberger der Majestät.</h4>
-
-</div>
-
-<p>„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg,
-„denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht
-worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist,
-und von den Abelsbergern wird was erwartet.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p>
-
-<p>„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der
-Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“</p>
-
-<p>„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein
-klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich
-mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir
-was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s,
-gar ist’s mit dem Simuliren.“</p>
-
-<p>„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.</p>
-
-<p>„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“</p>
-
-<p>So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so
-ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den
-Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein
-Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen,
-daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“</p>
-
-<p>Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der
-Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie
-hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das
-Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist,
-als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen
-in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät
-noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern
-Ehr’ macht. &mdash; Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im
-Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts;
-die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht
-glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß
-man den Leuten zuschauen; das wird<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> die hohen Herrschaften unterhalten
-und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an
-beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann,
-den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt
-alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen &mdash; und wenn die Wägen
-kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“</p>
-
-<p>Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik
-schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im
-Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der
-Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß
-unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen
-Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten
-zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße
-Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der
-Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind &mdash; und daß sie
-fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. &mdash; Sein die Manner mit
-mir einverstanden?“</p>
-
-<p>„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“</p>
-
-<p>Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes
-wurde angenommen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. &mdash; Den Rastelbinder
-brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn
-es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit
-aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse
-zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem
-Leben und Treiben der Bevölkerung ge<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>winne. Es wäre nur zu verhüten,
-daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen
-Eindruck machen könne.</p>
-
-<p>Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz
-stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn
-fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines
-Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte,
-wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen
-Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.</p>
-
-<p>Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn
-für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe
-Genugthuung.</p>
-
-<p>So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg
-heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf
-dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die
-Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten
-ihre bunteste Sonntagstracht an.</p>
-
-<p>Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz
-schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und
-Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende
-Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die
-Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der
-Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam,
-einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber
-waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten
-Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und
-Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen
-Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein
-auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei
-Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure
-Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land
-haben!“</p>
-
-<p>Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den
-Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die
-Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und
-Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte
-Mauth prangte &mdash; kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar
-zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub
-und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.</p>
-
-<p>Der Hof stutzte sehr &mdash; gar sehr stutzte er über eine solche
-durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit &mdash; und nach dem
-Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt
-stand, wurde nicht mehr verlangt.</p>
-
-<p>Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen,
-aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.</p>
-
-<p>Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er
-sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden
-Familien meinten, sie hätten gehört, daß das <em class="gesperrt">ganze</em> Land bei dem
-Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele
-Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des
-Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel
-Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<p>Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich
-verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath
-Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg
-verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt
-gewesen.</p>
-
-<p>Der Schelm!</p>
-
-<p>Er ist aber später Vorstand geworden.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Die_Abelsberger_Touristen">Die Abelsberger Touristen.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen
-Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne
-Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle
-Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!</p>
-
-<p>Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang
-Mode werden sollte!</p>
-
-<p>Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt
-es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen
-und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen
-Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen
-Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte
-zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen
-haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit,
-vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt
-zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.</p>
-
-<p>Und heute &mdash; je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute
-Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte
-Frauen mit ihren zarten<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Kindern steigen heute auf Berge, auf denen
-sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht
-prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um
-so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt
-sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.</p>
-
-<p>Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!</p>
-
-<p>„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche
-Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch
-keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen
-&mdash; das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst
-wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch,
-wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen
-Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter
-<em class="gesperrt">lieben</em> und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der
-Welt.</p>
-
-<p>Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden.
-Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger.
-Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und
-zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen
-grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen
-lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich
-sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern &mdash; es ist keine
-Fabel, wahrlich nicht! &mdash; Naturwein und blos Naturwein lagert. Und
-wer eben Sinn dafür hat &mdash; zwischen den Fässern auch das Plätschern
-eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist
-keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Tröpflein
-trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die
-Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.</p>
-
-<p>Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der &mdash; wie Poeten so schön
-sagen &mdash; heute in den Blättern säuselt &mdash; in den Zeitungsblättern
-nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger,
-denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese
-Worte in sein Bierglas stechen lassen.</p>
-
-<p>Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in
-der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der
-Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt &mdash;
-weiß schon davon!“</p>
-
-<p>Allmählich dann zogen sich &mdash; dem Blatte nach &mdash; die Naturschönheiten
-der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in
-dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im
-eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und
-Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen,
-schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der
-Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! &mdash; Und mitten hindurch die
-Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre
-Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein
-nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert
-zu haben.</p>
-
-<p>Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als
-Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir
-nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden
-gekommen bin, und<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken
-habe. Nu, heute mag’s anders sein.“</p>
-
-<p>„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour
-in’s Gesäuse!“</p>
-
-<p>Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen,
-Würste, Schinken, Spielkarten &mdash; eine „Hetz“ muß es geben! &mdash; Mägdlein
-wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und
-der Schulmeisterssohn und Andere &mdash; ihrer neun Stücke sind’s, die mit
-Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den
-Eisenbahnzug besteigen.</p>
-
-<p>Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl &mdash; ganz gemacht für
-Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die
-lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und
-folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge
-und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.</p>
-
-<p>Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas
-angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue
-Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden
-sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken,
-denn &mdash; sagten sie &mdash; die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von
-auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! &mdash; Hierauf
-sollten sie erzählen.</p>
-
-<p>„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! &mdash; Das muß Einer selber
-gesehen haben &mdash; nicht wahr?“</p>
-
-<p>Seine Genossen bestätigten es.</p>
-
-<p>„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“</p>
-
-<p>„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<p>„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“</p>
-
-<p>„Und auf dem Reichenstein?“</p>
-
-<p>„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und
-wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir
-in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem
-das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis
-gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete
-er sich an die Genossen.</p>
-
-<p>„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „<em class="gesperrt">das</em> sind ein bißl
-Gletscher!“</p>
-
-<p>„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend!
-&mdash; Und, in dem Gebirg ist Euch eine <em class="gesperrt">Sonne</em>! &mdash; ’s ist ein Gaudium
-gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade
-niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend
-Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden
-gestanden.“</p>
-
-<p>„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so
-zerschunden.“</p>
-
-<p>„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.</p>
-
-<p>„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um
-fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? &mdash; Hat Euch der Sakra
-nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“</p>
-
-<p>Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.</p>
-
-<p>„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen
-sollen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll
-Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei
-Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“</p>
-
-<p>„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund
-nicht mehr zu.</p>
-
-<p>„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil
-davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“</p>
-
-<p>„Herr Gott, das war eine Tour!“</p>
-
-<p>&mdash; Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.</p>
-
-<p>Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes
-Schreiben:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="right mright2">„Tauern, den 30./9. 1875.</p>
-
-<p class="mleft3">Werther Herr Bürgermeister!</p>
-
-<p>Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen.
-Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun
-Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei.
-Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben,
-blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir
-und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden.
-Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt,
-wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den
-Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten.
-Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich
-ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren
-Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider
-handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr
-den<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu
-suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause
-gekommen sein. &mdash; Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen,
-daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu
-begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die
-Ehre habe:</p>
-
-<table class="collapse nowrap" summary="Gasthausrechnung">
- <tr>
- <td>
- Zwei Abendessen
- </td>
- <td>
- <div class="center">für 9 Personen</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">23&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">fl.</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">70&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">kr.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Ein Mittagsessen
- </td>
- <td>
- <div class="center">detto</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">15&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">98&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zwei Frühstück
- </td>
- <td>
- <div class="center">detto</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">8&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">10&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- Wein für 9 Personen
- </td>
- <td>
- <div class="right">26&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">48&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- Dem Stubenmädchen für Depurgationen&nbsp;
- </td>
- <td>
- <div class="right">&mdash;&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">80&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">„</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" colspan="2">
- Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei<br />
- Fensterscheiben à 30 kr., zusammen
- </td>
- <td class="bb vab">
- <div class="right">1&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="bb vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="bb vab">
- <div class="right">30&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="bb vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <div class="right">Summa&emsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">76&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">fl.</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right">36&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">kr.</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Um gefällige Notiznahme bittet</p>
-
-<p class="mleft2">achtungsvoll ergebenst</p>
-
-<p class="right mright1">Peter <em class="gesperrt">Streicher</em>,
-Gasthausbesitzer in Tauern.“</p></div>
-
-<p>Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine
-Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und
-stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer
-an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen
-Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister,
-er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein
-Ehrendiplom hiermit zu überreichen &mdash; und las feierlichen Tones die
-Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<h4 id="Ein_Abelsberger_auf_dem_Vesuv">Ein Abelsberger auf dem Vesuv.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein
-Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden.
-Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern
-dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch
-die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so
-hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig
-und flink über die Wiese hüpften &mdash; sein Sinn stand höher.</p>
-
-<p>Da hatte er einmal &mdash; es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch,
-die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur
-Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt &mdash; hatte er
-also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden
-Berge<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein
-Gemüth, hat &mdash; so zu sagen &mdash; sein bißchen schlummerndes Ideal
-entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen
-seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.</p>
-
-<p>Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen
-mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin,
-einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und &mdash; Ehre seinem Mannesmuthe!
-&mdash; zu besteigen.</p>
-
-<p>Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens
-sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.</p>
-
-<p>Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und
-Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend,<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> die hatten das
-Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie.
-Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort
-funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein
-wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und
-Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen
-ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! &mdash; Das weckte
-Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist,
-darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.</p>
-
-<p>Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein
-groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer
-geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland
-hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol
-kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute
-nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als
-der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem
-Munde stand, und die <span class="antiqua">fontana trevi</span> in Rom, wo versteinerte
-Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.</p>
-
-<p>Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag
-heißer wurde, er nahte &mdash; dem feuerspeienden Berge.</p>
-
-<p>Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht
-bekannt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab
-schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes
-zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in
-Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte
-Gesten<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann
-keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf
-sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten
-Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte,
-und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich
-nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das
-nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“</p>
-
-<p>Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu
-zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit
-seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine
-schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß
-ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr &mdash;
-ein Landsmann. &mdash; Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A
-Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und
-immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden
-Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da
-auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze
-ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des
-Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte
-das Haupt und wollte weiter trippeln.</p>
-
-<p>Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“</p>
-
-<p>Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände
-ausbreitend: „Jessas, Jessas, das &mdash; ja, das ist ja wieder einmal an
-ordentlicher Mensch &mdash; a Landsmann! &mdash; Freili, freili &mdash; na, ih trau
-mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! &mdash;
-Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“
-Er deutete gegen den Vesuv.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>Das war das Finden und Binden &mdash; er schwur mir ewige Freundschaft. Wir
-gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und
-sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere,
-daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still
-dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe &mdash; wie es
-sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz
-alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.</p>
-
-<p>Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die
-Partie auf den Vesuv zu machen.</p>
-
-<p>Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen
-Viehhändler an demselben Abend.</p>
-
-<p>„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit
-den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte
-und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.</p>
-
-<p>Am andern Morgen &mdash; es lag noch Finsterniß über den Wassern &mdash; war
-es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er
-seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock
-eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute!
-Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der
-gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles
-möglichst hochdeutsch zu sprechen.</p>
-
-<p>Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei
-graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.</p>
-
-<p>„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er
-so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht
-habe, daß er sich nicht fürchtete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p>
-
-<p>„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen
-Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts
-geschehen, es sind unser Fünfe.“</p>
-
-<p>Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.</p>
-
-<p>Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen
-von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die
-schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab.
-Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der
-Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert
-schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme &mdash; hier stieg
-mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden
-und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der
-Vesuv!“</p>
-
-<p>„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist
-nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der
-ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint
-gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das &mdash; halt, Eselein,
-schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem
-italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns
-daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er
-nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den
-Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der
-Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt,
-frag’ ich, was ist das für ein Land?“</p>
-
-<p>Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel
-Eins in die Weichen gab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland
-sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal
-durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die
-Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.</p>
-
-<p>Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser
-an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue,
-dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen.
-Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.</p>
-
-<p>Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern
-den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des
-Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed&mdash;,
-das heißt auf der härenen Decke.</p>
-
-<p>Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und
-Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der
-letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter
-den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der
-Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.</p>
-
-<p>„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus
-theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.</p>
-
-<p>Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine
-mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine
-äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig
-und schründig ist die Lava, und<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> dann wieder wollen die Füße versinken
-in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im
-Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen
-Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe
-kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und
-wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie
-er immer röther und glühender wurde, und wie &mdash; „Jesus Maria!“ rief
-Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.</p>
-
-<p>Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden
-Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer
-drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an
-den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen
-Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend,
-wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen &mdash; der
-feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.</p>
-
-<p>Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen
-Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da.
-Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria;
-dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die
-schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia &mdash; dann die unabsehbare
-Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das
-Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen
-Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und
-unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!</p>
-
-<p>Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände
-von Sorento, und der dämmerige Gebirgs<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>zug des Monte Albino, und das
-liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.</p>
-
-<p>Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die
-kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der
-Hölle, &mdash; und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.</p>
-
-<p>Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die
-Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht
-weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt
-Mürzthaler Race sein!“</p>
-
-<p>Eine Heerde Rinder entzückte ihn.</p>
-
-<p>Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den
-Wildnissen der Vesuvkrone umher.</p>
-
-<p>Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine
-Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu
-ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort
-hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber
-wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt
-zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der
-prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche
-die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen,
-schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter
-phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen
-nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie
-schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft
-wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das
-Röcheln eines Sterbenden.</p>
-
-<p>Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme
-sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> die Essen der Cyklopen und
-höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? &mdash; Wie tief und
-gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!</p>
-
-<p>Ein mächtiges Donnern &mdash; der Führer riß uns mit großen Schritten
-zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus
-den Schlünden.</p>
-
-<p>„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas
-kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“</p>
-
-<p>Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche,
-legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten
-hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder
-das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu
-jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und
-steckte sie in die Tasche &mdash; zum ewigen Andenken.</p>
-
-<p>Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt
-waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind
-vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes
-Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch
-das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und
-Kindeskinder!“</p>
-
-<p>„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er
-verheiratet&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Je nu, das heißt“ &mdash; er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond
-&mdash; „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner
-Familie weiter keine Rede mehr.</p>
-
-<p>Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am
-liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu
-setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller
-Seele zu feiern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-<p>Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch
-volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“</p>
-
-<p>Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel
-geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen
-und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von
-dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben
-unvergänglichen Ruhm zu ernten.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> So wird im Volksmund der Vesuv genannt.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Das_reiche_Jahr_eines_Abelsbergers">Das reiche Jahr eines
-Abelsbergers.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle
-Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat
-das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so
-höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.</p>
-
-<p>Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr
-kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen
-haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen
-noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch
-zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur
-darüber lustig machen würden.</p>
-
-<p>Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa,
-daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der
-Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste
-Bauer im Ober-Abelsberger Gau.</p>
-
-<p>Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet
-und gehalten, hat in der Christnacht<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> seine Ochsen mit Weihrauch
-beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten
-Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse
-Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht
-auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen
-Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge
-sei.</p>
-
-<p>Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache
-des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie
-überhaupt dazu stillhalten.</p>
-
-<p>Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf
-einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem
-Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er
-mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll
-ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man
-soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet,
-dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s
-Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn
-hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht,
-dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur
-nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen
-lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches
-Jahr.</p>
-
-<p>Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die
-zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und
-wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten
-gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund
-vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E&mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Eberhard
-Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus
-Schnee und Sturm gemacht.</p>
-
-<p>Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.</p>
-
-<p>Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden
-zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und
-Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz
-gewählt hätten. &mdash; Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und
-morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr &mdash; was wird es
-bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird
-still sein.</p>
-
-<p>Siehe &mdash; dort kommt schon was! &mdash; Ein schwarzer Punkt im Gestöber,
-langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein
-schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter
-Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine
-Schultern schmiegt, und wankt vorüber.</p>
-
-<p>Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust
-geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen,
-und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin
-und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort
-pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam,
-sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern
-pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog
-stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.</p>
-
-<p>„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.</p>
-
-<p>„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.</p>
-
-<p>„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p>„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und
-da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll
-hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“</p>
-
-<p>Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen
-bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug
-aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich
-wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt
-gehen wir’s wieder an.</p>
-
-<p>Lud frisch auf und hastete weiter.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause
-kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in
-der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die
-Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist
-gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber
-wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir
-sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“</p>
-
-<p>Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?</p>
-
-<p>„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du
-in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst,
-merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir
-sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen
-und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den
-Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt,
-wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo
-wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen
-gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort
-mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard
-Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb
-für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein
-tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was
-man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der
-Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in
-Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den
-Schweinstall zu.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Ein_junger_Abelsberger_in_der_Residenz">Ein junger Abelsberger in
-der Residenz.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren.
-Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere
-Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei
-Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine
-philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem
-öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe
-freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und
-sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen
-Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die
-Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn
-Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.</p>
-
-<p>Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der
-Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug,
-zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke
-einen schlichten,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach
-vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine
-Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er
-meinen Herrn Professor einmal hört.</p>
-
-<p>„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so
-kommen Sie mit!“</p>
-
-<p>„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser
-gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal.
-Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der
-Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den
-höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein
-Baum der Mann von der Straßenecke. &mdash; Das ist ein dankbarer Mensch,
-dachte sich der Student. &mdash; Der Kleine wird vielleicht einen Schützer
-im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der
-Andere.</p>
-
-<p>Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken,
-mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im
-Trosse davon.</p>
-
-<p>„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme
-fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des
-Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“</p>
-
-<p>Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen
-Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte
-er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos
-vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an
-seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner
-Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<h4 id="Eine_Abelsberger_Heiratsgeschichte">Eine Abelsberger
-Heiratsgeschichte.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits
-fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt,
-und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen
-machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres
-machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten
-hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen
-Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der
-Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte
-ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm
-bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes
-Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin
-erregte.</p>
-
-<p>Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin
-und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte
-seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die
-übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor
-sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von
-seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und
-nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas
-verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und
-noch jung sei.</p>
-
-<p>Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit,
-wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die
-Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid
-verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen
-Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und
-Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten
-Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken
-einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit
-auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß
-die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch
-nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich
-den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige
-Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu
-retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister,
-ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der
-Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr
-befürwortete. Es geschah, aber der Notar &mdash; wie solche Leute schon in
-Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen &mdash; schrieb
-unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der
-kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“</p>
-
-<p>Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und
-Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche
-für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige
-Stunden mehr zu leben habe.</p>
-
-<p>„Ist denn nicht <em class="gesperrt">ein</em> Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut
-und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und
-rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine
-Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der
-Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue.
-Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-<p>Es <em class="gesperrt">sei</em> kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte
-sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe
-und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie
-Gott es wolle.</p>
-
-<p>So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr
-obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es
-wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze
-der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette
-weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging,
-die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen
-wurde.</p>
-
-<p>Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister
-beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden
-sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn
-entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei
-solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!</p>
-
-<p>Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen,
-bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in
-den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern
-kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des
-Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen
-kehrt, wieder zur Erde nieder.</p>
-
-<p>Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen
-übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in
-den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.</p>
-
-<p>Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge
-zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Angelegenheiten, die
-nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher
-ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne
-er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe &mdash; und damit zog der
-Bäckermeister ein Papier aus der Tasche &mdash; einen Schuldbrief in der
-Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister
-Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen
-habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten
-Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses
-dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth,
-ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn &mdash; den Bäckermeister
-&mdash; daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode
-noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu
-werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen
-dadurch ehren, daß sie &mdash; wozu er bereits die amtlichen Wege betreten
-habe &mdash; ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein
-einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre
-sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.</p>
-
-<p>So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für
-die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.</p>
-
-<p>Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben,
-sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken
-fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte,
-damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu
-seinem Gelde gelange.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-<p>Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht
-besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch
-den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das:
-Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück
-und ist auch keines werth. &mdash; Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Der_Abelsberger_Bassgeigenkrieg">Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg,
-unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln
-vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und
-dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man
-wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht
-gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden
-des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.</p>
-
-<p>Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein
-Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie
-hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie
-wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder
-zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur
-noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle
-Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.</p>
-
-<p>Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen
-da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes
-aus Nervosität anhuben zu<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> winseln und die Trommelfelle der Tänzer
-hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen.
-Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem
-wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.</p>
-
-<p>Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem
-Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein
-musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene
-Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des
-kleinen Wirths-Friedl &mdash; der ein passionirter Vogelfreund war &mdash; auf
-das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines
-Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an
-und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach
-kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.</p>
-
-<p>Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam
-der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der
-Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als
-der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den
-Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron
-seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben &mdash; es war eine große
-ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.</p>
-
-<p>Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging
-Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige
-nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag
-den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß
-es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags
-Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> und Walzer. Und wenn sie
-schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie
-nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon
-all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst
-ging’s an die Kutte.</p>
-
-<p>Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor
-und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen
-Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin
-auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl
-gottsrechtschaffen gebrummt.</p>
-
-<p>Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach
-Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja
-keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“
-Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit
-den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der
-Himmel über Abelsberg voller Geigen.</p>
-
-<p>Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend
-geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger
-manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher
-in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein
-paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein
-paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so
-trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse.
-Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z.&nbsp;B. die „Liberalen“
-männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache
-bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen
-Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> zwischen Vater
-und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und
-was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.</p>
-
-<p>Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden
-Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment
-gewesen; <span class="antiqua">au contraire</span>, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen,
-die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges.
-Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr.
-Da schickte der neue Regenschori &mdash; der nicht blos unter der Fahne der
-„Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war &mdash; in das
-Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber
-da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre
-den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der
-Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und
-der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden
-worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei &mdash; man sehe es ja
-doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ &mdash; liberal. Maßen
-sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.</p>
-
-<p>Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine
-Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der
-Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der
-Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles
-gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen.
-&mdash; Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal
-getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt,
-und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut
-erinnerlich wäre, die einst<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>malen der Geige den Bauch eingesessen
-habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau
-des Kirchendieners. Und wenn er &mdash; der Pfarrer &mdash; endlich behaupte,
-das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so
-werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die
-Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.</p>
-
-<p>Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß
-kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im
-Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß
-dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit
-Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! &mdash; und schlich durch
-Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den
-Pfarrhof.</p>
-
-<p>Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen
-gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den
-Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. &mdash; „Albernheiten!“ sagte
-das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze
-Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die
-Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.</p>
-
-<p>Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen
-räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie
-sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen
-aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort
-verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die
-Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das
-Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ &mdash; „Aber es handelt<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> sich
-nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“
-sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So
-waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und
-eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.</p>
-
-<p>Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine
-Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst
-die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese,
-gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche
-mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber
-steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen,
-das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder
-in den Pfarrhof schleppen.</p>
-
-<p>So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit
-schwarzen Röcken und weißen Cravaten &mdash; weiß Gott! &mdash; zum obersten
-Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die
-Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des
-Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr
-den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.</p>
-
-<p>Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am
-Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die
-wohlbekannte Stimme der Baßgeige.</p>
-
-<p>Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und
-beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten
-zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen
-einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch
-des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span></p>
-
-<p>Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit
-dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem
-edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die
-zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!</p>
-
-<p>Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen
-Rom, die andere gen Wien.</p>
-
-<p>Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des
-Wirthshauses, und &mdash; war tief verstimmt über den närrischen Hader,
-dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend
-selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde
-ernstlich gefährdete. &mdash; „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder
-oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen
-Vögelein &mdash; wie wäre mir wohl!“</p>
-
-<p>Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf
-kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im
-Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im
-Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen
-haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart.
-Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da
-horchten die Ober-Abelsberger auf &mdash; jetzt erst hörten sie, wie eine
-Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist
-nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen
-heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer
-und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander &mdash; toll
-zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd
-ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken
-und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Töne aus. Ganz schauderhaft
-wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen
-graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den
-Winkeln herum &mdash; Männer und Weiber, Liberale und Klerikale &mdash; Alles
-durcheinander.</p>
-
-<p>Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und &mdash; was
-der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen &mdash; die altehrwürdige
-Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in
-Ober-Abelsberg.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Wie_Abelsberg_bekehrt_worden_ist">Wie Abelsberg bekehrt
-worden ist.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in
-welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen
-Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort!
-Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er
-hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, <em class="gesperrt">alle</em> duckten die
-Köpfe. &mdash; „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur
-Eine dabei!“</p>
-
-<p>Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem
-Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch
-etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz.
-Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich
-widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie
-gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals
-ich fahren will!“</p>
-
-<p>Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets
-entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span></p>
-
-<p>Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham
-sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest.
-&mdash; „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier
-liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf
-allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der
-Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein
-und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na,
-da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“</p>
-
-<p>Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe
-höher. Der Richter macht schon den Mund auf. &mdash; „Ah na,“ denkt er,
-„in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen
-und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen
-und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur
-rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“</p>
-
-<p>Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die
-Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte
-seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers
-die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon
-zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches
-alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die
-ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren
-die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein
-und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.</p>
-
-<p>Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen
-Appetit herausgepredigt. Und &mdash; ganz wie der Richter berechnet hatte &mdash;
-am andern Tag war der Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre
-über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.</p>
-
-<p>Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür
-geklopft. &mdash; „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“
-murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“
-keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er
-im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt.
-Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf
-gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt
-gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten
-hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:</p>
-
-<p>„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben
-in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! &mdash; Und was wir halt sagen
-wollten&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der
-Pfarrer leutselig ein.</p>
-
-<p>„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg
-reden &mdash; der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein.
-Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so
-recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. &mdash; ’s ist
-wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine
-Veränderung nehmen &mdash; wohl, wohl, Hochwürden!“</p>
-
-<p>Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott
-walt’s!“</p>
-
-<p>„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind
-zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor
-der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen
-schlechten Schick haben. Wissen uns eh<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> schon nicht mehr aus mit den
-ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in
-Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s
-auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. &mdash; Jetzt, was mich
-angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s
-nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’
-wollt’ aufheben. &mdash; Und so“ &mdash; er wendete sich zu seinen Mitmännern &mdash;
-„redet jetzt Ihr Eure Sach’.“</p>
-
-<p>Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu
-den Soldaten.“</p>
-
-<p>Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die
-Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“</p>
-
-<p>Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die
-Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.</p>
-
-<p>Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die
-Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“</p>
-
-<p>„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die
-schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“</p>
-
-<p>„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.</p>
-
-<p>Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:</p>
-
-<p>„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’
-sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’
-gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen
-Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor &mdash; da läuft sie zuweitest
-davon.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p>
-
-<p>Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht
-können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel
-zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’
-Nächstenlieb’ nit wehren.“</p>
-
-<p>„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch
-bleibt!“</p>
-
-<p>„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“</p>
-
-<p>„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein
-Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“</p>
-
-<p>Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und
-flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar
-Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch,
-daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit
-hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem
-Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“</p>
-
-<p>Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’
-mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“</p>
-
-<p>„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.</p>
-
-<p>„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und
-bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch
-und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird
-sicherlich eine Todsünd sein.“</p>
-
-<p>„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span></p>
-
-<p>Torkelte der Alte gegen die Thüre.</p>
-
-<p>Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg,
-ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der
-Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu
-leih’n.“</p>
-
-<p>„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes
-Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die
-Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“</p>
-
-<p>„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung
-geschehen,“ sagten Mehrere.</p>
-
-<p>„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die
-Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben.
-Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im
-Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“</p>
-
-<p>Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher
-noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:</p>
-
-<p>„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr
-Pfarrer.“</p>
-
-<p>„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht,
-von Herzen gern.“</p>
-
-<p>„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und
-daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim
-im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer
-sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im
-Wald, so beim Predigtstudiren &mdash; da thäten wir halt wohl schön bitten,
-daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’
-mitnehmen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p>
-
-<p>Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein
-leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm
-drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene
-Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und
-jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“
-riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen
-miteinander!“</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Eine_Abelsberger_Katze">Eine Abelsberger Katze.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der
-Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja,
-hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und
-Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der
-feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß,
-wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf
-dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame
-Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte,
-wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses
-richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle
-Umstände satt.</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen,
-ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die
-schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der
-Caplan ein Auge geworfen hatte.</p>
-
-<p>Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit
-verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu
-verwalten &mdash; that’s auch mit Umsicht<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> und Gewissenhaftigkeit. Aber
-Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers,
-der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und
-im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde,
-als der Caplan &mdash; gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren
-die Hände gebunden &mdash; wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster
-Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.</p>
-
-<p>Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische
-fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand
-hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel
-ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister
-im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er
-kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum
-Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm
-salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke
-Hand &mdash; hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren &mdash; schwaps!
-ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.</p>
-
-<p>Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm
-in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das
-erstemal. Husch war sie weg.</p>
-
-<p>Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und
-der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.</p>
-
-<p>So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh
-und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische
-und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am
-allerwenigsten spotten.</p>
-
-<p>„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p>
-
-<p>Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“</p>
-
-<p>„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“</p>
-
-<p>„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon
-seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die
-Leute sagen &mdash; mag aber nicht d’ran glauben.“</p>
-
-<p>„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“</p>
-
-<p>„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur
-daß man davon spricht. &mdash; So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie
-altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe
-getrauen.“</p>
-
-<p>„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.</p>
-
-<p>„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“</p>
-
-<p>„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle,
-komm’, komm’ her zu mir!“</p>
-
-<p>Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es
-naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem
-Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein
-inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder
-Hast die Flucht.</p>
-
-<p>Die beiden Priester blicken sich lautlos an.</p>
-
-<p>„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.</p>
-
-<p>„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.</p>
-
-<p>„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.</p>
-
-<p>„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.</p>
-
-<p>Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen
-geschnitten.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span></p>
-
-<h4 id="Zu_Abelsberg_wieder_wer_geworden">Zu Abelsberg wieder wer
-geworden.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der
-Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die
-Großhofbäuerin.</p>
-
-<p>Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der
-Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf
-eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.</p>
-
-<p>Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte
-ihn, ob er auf Jemanden warte.</p>
-
-<p>„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer
-geworden.“</p>
-
-<p>„Was bist?“ fragte die Bäuerin.</p>
-
-<p>„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.</p>
-
-<p>„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.</p>
-
-<p>„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber
-Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir
-halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“</p>
-
-<p>Da entgegnete sie: „Wenn Du &mdash; wie Du sagst &mdash;- wieder wer geworden
-bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir
-bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“</p>
-
-<p>„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder
-wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten
-könnt’.“</p>
-
-<p>„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst
-Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt
-sein! Schau’ mich an einmal!“</p>
-
-<p>„Wär’ schon recht das&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p>
-
-<p>„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen
-kernigen Mann &mdash; bis ein Bauer im Hause ist.“</p>
-
-<p>„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.</p>
-
-<p>„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“</p>
-
-<p>„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich
-nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es
-mit Dem ist.“</p>
-
-<p>Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon,
-was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“</p>
-
-<p>„Wesweg denn?“</p>
-
-<p>„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“</p>
-
-<p>„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“</p>
-
-<p>„Nun also, Bäurin?“</p>
-
-<p>„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“</p>
-
-<p>„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s
-beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden
-ist?“</p>
-
-<p>„Witwer? Wer ist Witwer?“</p>
-
-<p>„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da
-steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“</p>
-
-<p>„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht
-gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“</p>
-
-<p>„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<p>Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber
-der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich
-wieder wer geworden &mdash; er ist Großhofbauer geworden.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Ein_Abelsberger_Heutrog">Ein Abelsberger Heutrog.</h4>
-
-</div>
-
-<p>Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine
-neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert
-worden, und jetzt ging’s an den Stall.</p>
-
-<p>Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem
-Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der
-Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen
-in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen.
-Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der
-Heutrog &mdash; ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen &mdash; wenn
-der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich
-verlassen?“</p>
-
-<p>„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für
-Dich mitbiete.“</p>
-
-<p>Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel
-wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in
-aller Früh. Aber der Heutrog? &mdash; Da begegnet ihm sein Gevatter, der
-Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest
-mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des
-Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich
-möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> haben &mdash; ein nagelneuer
-Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“</p>
-
-<p>„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und
-Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und
-macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um,
-noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel
-zu kaufen.</p>
-
-<p>Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei
-nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht
-selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch,
-nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß &mdash; gar keiner;
-der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen.
-Dafür aber ist &mdash; als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück
-kommt &mdash; der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni
-hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden
-hinaufgetrieben.</p>
-
-<p>„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.</p>
-
-<p>„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.</p>
-
-<p>Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.</p>
-
-<p>„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt
-für meines Gevatters Bekannten.</p>
-
-<p>Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch
-nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“
-schreit er.</p>
-
-<p>„Dreizehni!“ brüllt der Toni.</p>
-
-<p>„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze &mdash; Fünfzehni! &mdash;
-sechzehni! &mdash; siebzehni! &mdash; Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die
-um den Heutrog kämpfen.</p>
-
-<p>&mdash; Achtzehni! &mdash; neunzehni!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span></p>
-
-<p>„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.</p>
-
-<p>„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.</p>
-
-<p>„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt
-sitzt er in der Wolle.“</p>
-
-<p>„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! &mdash; zum
-Drittenmal!“</p>
-
-<p>Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.</p>
-
-<p>„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der
-Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner
-Prahlsucht in die Falle gegangen.</p>
-
-<p>Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen
-Schimmel herbei. &mdash; „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck
-mitgeboten, da ist der Heutrog.“</p>
-
-<p>„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist
-ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist
-Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat
-die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“</p>
-
-<p>Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich
-selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen
-Beutel herausgeschrieen.</p>
-
-<p>„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist
-was für Dich, bigott, für Dich selber!“</p>
-
-<p>Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute
-lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am
-meisten.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_17" name="kap_ende_17">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="II_Theil"><span class="s6">II. Theil.</span><br />
-
-<b>Winterabende.</b></h2>
-
-<p class="s3 center">Finstere Geschichten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p>
-
-<h3 id="Winterabende">Winterabende.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_s2" name="initial_s2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>eit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und
-Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und
-Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.</p>
-
-<p>Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster
-aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben
-und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch
-vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als
-<em class="gesperrt">jene</em> Gespenster vorzuführen, die leider <em class="gesperrt">nicht</em> abgeleugnet
-werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in
-heißem Streite liegt und die &mdash; wie schrecklich <em class="gesperrt">oft</em> &mdash; zur
-tiefsten Tragik unseres Lebens werden.</p>
-
-<p>Demnach können das keine lustigen Geschichten sein &mdash; sie werden
-unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.</p>
-
-<p>Der Dichter &mdash; und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren
-und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und
-erfreuen möchte &mdash; er darf die Schatten dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> irdischen Lebens
-nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben
-irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die
-Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe
-und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt
-erbarmungslos richten.</p>
-
-<p>Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem
-Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache,
-daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß
-die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die
-Offenbarung dieses Principes &mdash; und ginge sie auch durch Elend und
-Jammer &mdash; muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir
-das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig
-werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, <em class="gesperrt">weil sich alle Schuld
-auf Erden rächt</em>, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer
-größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß
-wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen,
-und uns &mdash; indem wir sie erkennen &mdash; Kraft verleihen, die Dämonen zu
-besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.</p>
-
-<p>Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine
-Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die
-Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen
-scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum
-Frieden nicht vermißt<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> werden. Ein Leid, welches <em class="gesperrt">vor</em> der Schuld
-kommt, nennen wir Prüfung und ist &mdash; wird sie mit einer gewissen
-sittlichen Kraft ertragen &mdash; eben so heilsam, als im Falle der Schuld
-die Sühne.</p>
-
-<p>Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den
-Abgrund gestürzt; sollte es aber doch <em class="gesperrt">nicht</em> sein, daß ich darin
-nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein
-solcher nach dem meinen handeln.</p>
-
-<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kopf2" name="kopf2">
- <img class="mtop3" src="images/kopf.jpg"
- alt="Kopfstück Winterabende" /></a>
-</div>
-
-<h3 class="nobreak" id="Ein_Weg_zur_Schuld">Ein Weg zur Schuld.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_b" name="initial_b">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_b.jpg" alt="B" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">B</span>eim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man
-sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart,
-das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den
-halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen
-ein paar ertrunkene Fliegen.</p>
-
-<p>Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine
-Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine
-Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt,
-sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach
-rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen
-Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er
-scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche
-auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen
-beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines.
-Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat
-und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der
-Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst.</p>
-
-<p>Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre
-Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> der Hand gefaßt und weiß an
-ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen
-des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist
-„bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter.</p>
-
-<p>Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit
-das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen
-Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen
-sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon
-manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern
-und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner
-Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen
-und unterhaltsam &mdash; man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört
-haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“</p>
-
-<p>Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde
-&mdash; sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause &mdash; seinen Arm
-um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein
-Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du
-gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes
-Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen
-nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der
-Herr noch einen Wein?“</p>
-
-<p>„Einen Kuß!“</p>
-
-<p>Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es
-nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich
-mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen
-Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus
-ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß
-oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer
-ein.</p>
-
-<p>„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so
-freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld
-reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden
-miteinander, Adieu, Schatz!“</p>
-
-<p>Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft.</p>
-
-<p>„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie.</p>
-
-<p>Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden
-Haare hatte. &mdash; „Was darf ich bringen?“</p>
-
-<p>„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge.</p>
-
-<p>„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die
-Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts,
-er ist ganz &mdash;“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend,
-daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre.</p>
-
-<p>„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die
-Schätzungscommission ist da!“</p>
-
-<p>Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes
-verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf
-den Arm nieder.</p>
-
-<p>„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem
-Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. &mdash;
-Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit
-uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“</p>
-
-<p>Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine
-Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das
-Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will &mdash; es
-giebt nichts aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p>
-
-<p>Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und
-Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig
-wieder davon.</p>
-
-<p>Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank.</p>
-
-<p>Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann,
-regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte
-Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und
-rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe
-Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und
-struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände,
-die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen,
-der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei
-anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und
-doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte,
-nahm er eine freundliche Miene an.</p>
-
-<p>Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein.</p>
-
-<p>„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind
-Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“</p>
-
-<p>„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“</p>
-
-<p>„Freilich, auch bei den Weinfässern.“</p>
-
-<p>„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“</p>
-
-<p>„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“</p>
-
-<p>„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p>
-
-<p>„Na, so bring’ was zu essen!“</p>
-
-<p>„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der
-Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“</p>
-
-<p>Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem
-Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das
-Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte
-er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf.</p>
-
-<p>Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte:
-„Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund
-hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du <em class="gesperrt">ja</em>
-sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr
-mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem
-Sack.</p>
-
-<p>„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“</p>
-
-<p>„Wenn die Dirn nicht will &mdash; nachher &mdash; &mdash; ist’s freilich was Anders,“
-sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein.</p>
-
-<p>Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand
-gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau,
-zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das
-tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich
-noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht
-mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich
-eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn
-Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen,
-das könnt’ sie halt nimmer.</p>
-
-<p>„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen
-schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut
-geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben
-dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“</p>
-
-<p>Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine
-Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und
-der Rothhaarige &mdash; das war ja der Seizmüller &mdash; trommelte mit den
-Fingern auf dem Tisch.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin,
-ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte.</p>
-
-<p>„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“</p>
-
-<p>„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und
-jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“</p>
-
-<p>„Was sagst?“</p>
-
-<p>„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich
-mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“</p>
-
-<p>„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof
-hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin.</p>
-
-<p>„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen
-Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den
-Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der
-Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon
-hell verzagt.“</p>
-
-<p>„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns
-Schmalznocken.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-<p>Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln
-ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da
-habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den
-Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der
-Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über
-eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel
-schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen
-Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“</p>
-
-<p>Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür
-nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir
-einen Andern?“</p>
-
-<p>„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein
-Geheimniß verschwiegen.</p>
-
-<p>Ungetröstet ging sie heimwärts.</p>
-
-<p>Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater,
-dem Erlsberger, was denn der meine.</p>
-
-<p>„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der
-Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht
-sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen
-ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst.
-Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft
-geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine,
-bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher
-recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine
-Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich
-anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa,
-in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was,
-wenn Du<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus
-der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch
-nicht ausbleiben.“</p>
-
-<p>„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist
-gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er &mdash; Gott wird’s mir
-verzeihen &mdash; einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der
-keine Lieb’ mitbringt.“</p>
-
-<p>„Wesweg will er Dich <em class="gesperrt">denn</em>, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der
-Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist &mdash; auf das
-mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“</p>
-
-<p>„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter,
-„Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich
-probir’s.“</p>
-
-<p>„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s
-Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon
-entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und
-Zweifeln und Fürchten taugt nichts. &mdash; ’s wird schon gehen, er ist
-brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt &mdash; so mußt Dir
-denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“</p>
-
-<p>Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit,
-findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses
-das Amtssiegel herabgerissen.</p>
-
-<p>„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“</p>
-
-<p>„Trinken.“</p>
-
-<p>„Da sperren sie Euch ja ein!“</p>
-
-<p>„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“</p>
-
-<p>Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-<p>Darauf trank er erst recht.</p>
-
-<p>Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses
-war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des
-Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich
-sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für
-ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen
-Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa
-dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit
-Fingern auf mich.</p>
-
-<p>Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren
-Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller
-doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon
-abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so
-Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet,
-das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und
-Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“</p>
-
-<p>In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die
-verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der
-Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und
-dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon
-geweckt.</p>
-
-<p>Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein
-frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei
-Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das
-Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth
-war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum
-Staubhinabschwemmen &mdash; länger wollten die Rößlein und die Reisenden
-nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> einzigmal auf dem
-Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war
-immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am
-Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die
-Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht
-merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf
-der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so
-seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war
-der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter
-den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das
-Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen
-angeblickt &mdash; nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein
-freundlich Wort über vergangene Zeit...</p>
-
-<p>Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers
-geworden.</p>
-
-<p>Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren,
-um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst
-denn?“</p>
-
-<p>„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und
-Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“</p>
-
-<p>„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s <em class="gesperrt">mir</em> nicht leid thut
-d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack,
-mußt nicht vergessen.“</p>
-
-<p>„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch
-all’ so machen.“</p>
-
-<p>„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir
-hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“</p>
-
-<p>„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was
-ich selber wollt’ &mdash; und das muß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Dir schon sagen: theuer mag das
-Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es
-nicht.“</p>
-
-<p>„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem
-Postbuben &mdash; den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich
-Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“</p>
-
-<p>Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust
-auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt
-das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen
-Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der
-Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ.
-&mdash; Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen,
-aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit
-mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige
-Hochzeitsfest.</p>
-
-<p>Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und
-auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der
-Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche
-große Banknoten beschwichtigt hatte.</p>
-
-<p>Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders
-genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers
-Hochzeit.</p>
-
-<p>Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in
-die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich
-geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den
-Hausfrieden zu erhalten.</p>
-
-<p>Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf
-das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl,
-nicht ein einziger Grashalm<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin
-nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem
-Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein
-im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin
-erschlagen. &mdash; Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern
-sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum
-den Grabkranz.</p>
-
-<p>Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört,
-auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch
-liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir
-besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten.
-Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“</p>
-
-<p>„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß
-Du ein Unterleibel tragst.“</p>
-
-<p>„Trag’ auch keins, aber <em class="gesperrt">könnt’</em> eins tragen, und eine gute
-Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat
-geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als
-Warnungstafel: Verbotener Weg!</p>
-
-<p>Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im
-Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er
-sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber
-selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er
-gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen
-Wuthrausch über &mdash; und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung.</p>
-
-<p>Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn
-ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein
-Eichtel Zeit hab’ Geduld,<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s
-Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und
-ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in
-der Wirthschaft. &mdash;-</p>
-
-<p>In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der
-Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige
-Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die
-jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die
-Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet.
-Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute
-und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und
-Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte.</p>
-
-<p>Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der
-Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe
-zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem
-Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte
-er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst
-sich die Kellnerinliebelei <em class="gesperrt">so</em> aus? Walpa, Walpa, Dich muß man
-anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“</p>
-
-<p>Unter Weinen lachte sie auf. &mdash; Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem
-sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte.</p>
-
-<p>Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust
-auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der
-Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden
-worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr
-der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von
-Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> machst mich
-zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’
-Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“</p>
-
-<p>„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie
-ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen <em class="gesperrt">solchen</em>
-Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“</p>
-
-<p>„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du
-Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des
-Herdes fiel und sie zusammenbrach.</p>
-
-<p>„So &mdash; so &mdash;“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir &mdash; weiß ich
-wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib
-&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es
-<em class="gesperrt">sein</em>.</p>
-
-<p>Das Weib lag in einer Ohnmacht.</p>
-
-<p>Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich &mdash;
-der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht
-&mdash; insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen
-vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o
-Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“</p>
-
-<p>Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals
-laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes:
-„Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen
-kommt, sonst ist’s mein Verderben.“</p>
-
-<p>Als sie wieder so weit genesen war, daß sie &mdash; ein Schatten gegen
-früher &mdash; in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf
-und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem
-Menschen, dem Seizmüller, wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> befreit würde. Der geistliche Herr
-riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren.</p>
-
-<p>„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich
-lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“</p>
-
-<p>Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. &mdash; „Scheiden lassen
-&mdash; das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett
-könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“</p>
-
-<p>„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin
-schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat
-nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen
-Eltern folgt!“</p>
-
-<p>„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und
-wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber
-die Schuld.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den
-Pfarrhof.</p>
-
-<p>Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie
-ging zum Gericht und drängte auf Scheidung.</p>
-
-<p>&mdash; Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit
-Menschengedenken noch nicht vorgekommen.</p>
-
-<p>„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei
-sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“</p>
-
-<p>„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein
-Lebtag nicht einwilligen.“</p>
-
-<p>„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal,
-Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so
-wollen wir Euren Mann, den Seiz<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>müller, rufen lassen und ihm seine
-Verpflichtungen vorhalten, damit&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß,
-so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in
-solcher Angelegenheit bin dagewesen.“</p>
-
-<p>„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der
-redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“</p>
-
-<p>&mdash; So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle
-aussieht &mdash; Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die
-Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde.</p>
-
-<p>Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit
-einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau
-Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen
-Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und
-kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’
-mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn
-schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“</p>
-
-<p>Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und
-hörte ihr zu. &mdash; Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in
-Liebessehnsucht?</p>
-
-<p>Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie
-sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als
-einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war.</p>
-
-<p>„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich
-führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet
-hast.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p>
-
-<p>„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“</p>
-
-<p>„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“</p>
-
-<p>Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun
-schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.</p>
-
-<p>Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein
-undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz
-aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.</p>
-
-<p>Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst,
-das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus;
-dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich
-befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es
-die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen
-abgelaufen ist, so &mdash; nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist
-hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die
-Stadt...“</p>
-
-<p>Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde
-meinte. &mdash; In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur
-Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der
-Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber
-wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann
-so zu verlassen &mdash; und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe,
-von der er vorhin gesprochen?</p>
-
-<p>„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der
-Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte,
-in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt
-und ihn verderben<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es
-war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht
-hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz
-Niemanden zwingen kann.“</p>
-
-<p>Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s
-Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm
-ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich
-entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge
-dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.</p>
-
-<p>Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten
-sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien
-höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im
-Zickzack heran.</p>
-
-<p>„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher
-Freund sind Sie? &mdash; Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon
-überall der Höllische, wo man hinschaut!“</p>
-
-<p>Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist
-zwischen den Büschen, man weiß es nicht &mdash; verlangt es auch nicht zu
-wissen.</p>
-
-<p>Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal
-fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles,
-was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz
-verhärten zu lassen zu einem Stein.</p>
-
-<p>Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und
-glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes;
-sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen
-Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. &mdash; Ob der Blasius
-wohl schon ein Weib hat? &mdash; Der liebe Schutzengel behüte vor aller
-Versuchung. &mdash; Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen,
-will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. &mdash;
-Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete
-sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern
-war, so hörte sie von ihm kein Wort. &mdash; Das war ihre glücklichste Zeit
-und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber
-wie selten! &mdash; Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne
-nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und
-höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat,
-so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige
-mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter
-und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den
-Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben
-hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der
-Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein
-Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen!
-Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“</p>
-
-<p>Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich
-wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir
-können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern
-Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich,
-ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“</p>
-
-<p>„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht
-Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> ich wollt’ nicht auch meinem
-Gott danken, wärst Du aus dem Hause? &mdash; Thät’st Dir wohl in die Faust
-lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das
-ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast
-mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen?
-&mdash; Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich &mdash;
-Du &mdash; Du Creatur!“</p>
-
-<p>Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am
-Mühlbach, sank sie zu Boden.</p>
-
-<p>&mdash; Ihrem Leben ein Ende machen? &mdash; Noch so jung, so weltbegehrend &mdash;
-und dieses Wütherichs wegen sterben! &mdash; &mdash; Nein, dafür haßt sie ihn zu
-sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint
-nicht mehr &mdash; in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt,
-schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr
-geschieht &mdash; alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber
-stürzen, als bei diesem Teufel leben.</p>
-
-<p>Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr
-eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle
-hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte
-auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt,
-ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn
-erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine
-Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. &mdash; Sie
-hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte
-ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr
-verwandt.“</p>
-
-<p>„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat
-hat gemacht?“ meinte das Weiblein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p>
-
-<p>„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa.</p>
-
-<p>„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die
-Alte ein.</p>
-
-<p>„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“</p>
-
-<p>„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch.
-Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem
-zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. &mdash; Ich glaub’s schon! Vom
-Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule
-gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch
-schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“</p>
-
-<p>„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“
-versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer.</p>
-
-<p>„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im
-Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“</p>
-
-<p>„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein.</p>
-
-<p>„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen.
-Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich
-mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“</p>
-
-<p>„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die
-Walpa und eilte weiter.</p>
-
-<p>Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief
-sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die
-Eidechsen hin und her liefen.</p>
-
-<p>Auf diesem Stein &mdash; ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange
-eines Posthorns hatte sie der Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> fröhliche Zeit gesehen &mdash; da
-fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch
-fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag
-des Abends goldreicher Sonnenschein.</p>
-
-<p>Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes
-Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch
-zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab,
-über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich
-hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche.
-Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron &mdash; und huschte durch
-dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und
-Sand in den Lüften wehten. &mdash; Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen
-Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das
-Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann
-nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen.
-Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem
-gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.</p>
-
-<p>Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare
-verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie &mdash; und hier
-auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth,
-stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach
-seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der
-Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der
-Schaum des Bergstroms. &mdash; Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie
-den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge,
-doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>
-Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich
-in die Tiefe zu stürzen &mdash; da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und
-schleudert sie hin an das Ufer.</p>
-
-<p>Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den
-Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. &mdash; Leicht
-hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden
-&mdash; vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß &mdash; sein armes, hilfloses
-Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender
-Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der
-Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank
-und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl
-sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber
-er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem
-Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen
-gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie
-am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus
-der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser
-stürzen wollte. Just daß er &mdash; der geängstigte Gatte &mdash; noch zu rechter
-Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme
-bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die
-Sache wieder schlichten werde.</p>
-
-<p>Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller
-Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen
-lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch
-ein ver<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>gittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das
-ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.</p>
-
-<p>„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es
-endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch
-da &mdash; nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! &mdash;
-Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte
-ich fest. &mdash; Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen
-könnt’, wie er mich martert? Das <em class="gesperrt">kann’s</em> aber nicht wissen, er
-sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist.
-Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“</p>
-
-<p>Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine
-Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ &mdash; Dann
-wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe
-uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie
-ihr ganzes Herz.</p>
-
-<p>Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers.
-Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen
-der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn
-so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte,
-taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte
-sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. &mdash; Man
-wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn
-kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre
-Erlösung vollenden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Was</em> will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg
-des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt
-auf der letzten Station steht? Wiesen<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span>wirthstochter! Du, mit Deinem
-guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das
-vollbringt?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der
-Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu.
-Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel &mdash; dem Thiere ist es Arbeit
-und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von
-der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging
-ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden
-strebte eine Kreuzspinne empor.</p>
-
-<p>Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte
-Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke
-oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf.
-Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war
-schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen
-zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann
-wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein
-gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken &mdash; ein Grabkreuz
-&mdash; wem galt es, ihr oder ihm?</p>
-
-<p>Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt,
-wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war
-dann wieder bewegungslos.</p>
-
-<p>Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit
-seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. &mdash; Soll <em class="gesperrt">sie</em>
-in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das
-tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span></p>
-
-<p>Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden
-empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene
-Fliege.</p>
-
-<p>„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.</p>
-
-<p>„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch
-trotzen? Heraus geh’!“</p>
-
-<p>Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie
-heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit
-wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“</p>
-
-<p>„Ja, möcht’ mich gefreuen!“</p>
-
-<p>„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“</p>
-
-<p>„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort.</p>
-
-<p>Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit
-Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer
-Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein
-gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so
-wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die
-wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“</p>
-
-<p>„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du
-Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst
-mich ja so gern.“</p>
-
-<p>Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege,
-wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde
-sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift
-verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem
-verlassenen<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen
-Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich
-gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in
-den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in
-Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. &mdash; Aber
-das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind
-sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“
-Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar
-nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja
-von selbst, daß man es als Rattengift braucht.</p>
-
-<p>Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute
-beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf
-Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch.</p>
-
-<p>„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann.</p>
-
-<p>„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“</p>
-
-<p>„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf
-ich kein Arsenik hergeben.“</p>
-
-<p>„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich,
-das ist die Seizmüllerin in der Transau.“</p>
-
-<p>„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur
-gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“</p>
-
-<p>Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging,
-saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun
-aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen
-Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so
-gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonn<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>tagsstaate,
-an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war!
-Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte
-Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch
-nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch
-schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch.
-Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu
-den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. &mdash; Ihr war
-wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. &mdash; Man hat nur ein einzig Leben,
-und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was
-häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude
-weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein
-oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes
-Geschöpf. &mdash; Und endlich sollte sie &mdash; die Walpa &mdash; ja der Welt wieder
-sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und
-fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig
-Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren;
-es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu
-zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir
-gegrüßt, mein süßes Leben! &mdash; An einer alten Rothföhre kam sie vorüber,
-an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab
-sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien.</p>
-
-<p>Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann
-in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange
-stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf
-demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. &mdash;
-Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! &mdash; &mdash; Als sie so auf
-ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die
-Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage.
-&mdash; Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun!</p>
-
-<p>Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer
-Schafwollenstoff für ein Frauenkleid.</p>
-
-<p>&mdash; Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der
-Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart,
-wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! &mdash;
-Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! &mdash; &mdash; Es
-verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm
-nieder &mdash; sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf,
-sprang empor &mdash; starrte sie an und grinste.</p>
-
-<p>„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft.</p>
-
-<p>„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr
-schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst
-mir die Augen auskratzen?“</p>
-
-<p>„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein
-Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich
-bedank mich für den schönen Rockzeug.“</p>
-
-<p>„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“</p>
-
-<p>„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“</p>
-
-<p>„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen
-wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s
-Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p>
-
-<p>Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging
-sie hinaus.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke.</p>
-
-<p>In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner
-Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das
-Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe
-zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er
-in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen
-durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor.</p>
-
-<p>„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch
-trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn
-er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er
-leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“</p>
-
-<p>&mdash; An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben
-mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht &mdash; ist das auch
-so eine Art Manie? &mdash; Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer
-Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun
-fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken
-wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes
-Wesen dürstete nach einer That.</p>
-
-<p>Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und
-Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie
-eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes.</p>
-
-<p>„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie
-mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt
-uns nicht lang’.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<p>Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben
-größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner
-in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“</p>
-
-<p>Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus
-Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das
-viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner
-geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den
-Himmel!“</p>
-
-<p>Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung
-und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe
-wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er
-sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes
-Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr
-einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer
-taumelte.</p>
-
-<p>Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie:</p>
-
-<p>„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“</p>
-
-<p>Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten
-Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem
-Wandschrank verbarg.</p>
-
-<p>„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer
-Hand. Diese war leer.</p>
-
-<p>„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten
-schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe:</p>
-
-<p>„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl
-sehen.“</p>
-
-<p>Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und
-stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar
-halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der
-Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann
-eine blaßrothe Halsschleife.</p>
-
-<p>Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist
-denn das, meine Liebe?“</p>
-
-<p>„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig.</p>
-
-<p>„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du
-denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“</p>
-
-<p>„Weil &mdash; weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“</p>
-
-<p>„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“
-schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her,
-oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“</p>
-
-<p>„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band
-hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß
-und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“</p>
-
-<p>Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man
-kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch
-nicht verstorben sein!“</p>
-
-<p>„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p>
-
-<p>„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich
-die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir
-ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause.</p>
-
-<p>Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem
-Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß.</p>
-
-<p>Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein
-blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen,
-und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu
-sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand
-ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe
-ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes
-Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht
-und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden.</p>
-
-<p>Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie
-wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand
-gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie
-vor allen Leuten zu rechtfertigen.</p>
-
-<p>Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem
-Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle,
-er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern
-an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der
-Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein
-Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du,
-jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld
-gestohlen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-<p>Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte
-geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist
-weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt
-weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du
-falscher Satan!“</p>
-
-<p>„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“</p>
-
-<p>Er ließ sie los: „So sag’ es!“</p>
-
-<p>„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“</p>
-
-<p>„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann
-ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann.</p>
-
-<p>Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der
-Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war.</p>
-
-<p>Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht.
-Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. &mdash;
-Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich
-wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß
-es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s
-Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. &mdash; Troll’ Dich jetzt, Du
-Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“</p>
-
-<p>Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem
-Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des
-Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige,
-und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer
-Gelassenheit an weitere Arbeiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p>
-
-<p>Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er
-und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während
-seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe.</p>
-
-<p>Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die
-schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen.</p>
-
-<p>„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast
-weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug
-für allzwei.“</p>
-
-<p>Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte
-die Einladung.</p>
-
-<p>Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand
-der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone:
-„Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“</p>
-
-<p>Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus.</p>
-
-<p>„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich
-vergiftet! &mdash; Jetzt bin ich hin! &mdash; Du Weib &mdash; mußt mit mir!“</p>
-
-<p>Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen
-ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach.</p>
-
-<p>Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch
-den Wagenflur, floh in die Mühle &mdash; der Müller in wüthender Hast,
-doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um
-den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa
-wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch
-hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei
-zusammenbrach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p>
-
-<p>Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war
-frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach
-einer guten That.</p>
-
-<p>Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf
-welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete
-Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. &mdash;
-Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und
-für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.</p>
-
-<p>„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.</p>
-
-<p>„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“</p>
-
-<p>„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht
-in die Transau.“</p>
-
-<p>„So wird er wohl wo anders hinführen.“</p>
-
-<p>„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“</p>
-
-<p>Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler
-Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr
-eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur
-Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen
-Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und
-Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend
-und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit
-ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin
-und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das
-Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und
-warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter
-den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle
-aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse
-und: „Der Michel,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die
-Kleinen durcheinander.</p>
-
-<p>Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der
-Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser
-davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und
-sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund
-und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die
-Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.</p>
-
-<p>Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb
-gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen,
-daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin
-ertrunken sind.“</p>
-
-<p>Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem
-Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom
-hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den
-Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte
-alles Wasser hervor und rieb seinen Leib &mdash; da hub der Kleine wieder an
-zu athmen.</p>
-
-<p>Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden
-unter freudiger Erregung nach Transau gebracht.</p>
-
-<p>„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser
-gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie
-wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und
-muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet.
-Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen
-und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die
-Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Graben und
-sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“</p>
-
-<p>Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern
-der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine
-große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend
-wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen &mdash; und
-dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib
-heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme.</p>
-
-<p>Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem
-lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag
-leer.</p>
-
-<p>„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man.</p>
-
-<p>Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht
-Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei
-versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein
-halbes Stündchen nach Hause gehe.</p>
-
-<p>Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle
-doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der
-Mühle sei heut’ was geschehen.“</p>
-
-<p>Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle
-war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute
-standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte,
-stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr
-entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist
-daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p>
-
-<p>Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu
-Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt.</p>
-
-<p>Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei
-dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig
-an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein
-Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In
-grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten.</p>
-
-<p>„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen
-ihn in’s Haus hineintragen.“</p>
-
-<p>„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen;
-wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom
-Bezirksgericht da sind.“</p>
-
-<p>„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht
-Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“</p>
-
-<p>Die Leute stutzten.</p>
-
-<p>„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer,
-„vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen
-ist!“</p>
-
-<p>„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte
-ein Anderer.</p>
-
-<p>„Das schaut seltsam aus.“</p>
-
-<p>„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“</p>
-
-<p>„’s geht nicht recht her.“</p>
-
-<p>„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein.</p>
-
-<p>Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen.</p>
-
-<p>Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’
-ich nicht, Du hast was angestellt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p>
-
-<p>„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn
-angestellt haben?“</p>
-
-<p>„Wird sich weisen!“</p>
-
-<p>Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst
-die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür.
-Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines
-natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben
-Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand
-dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in
-der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere
-Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran.
-Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes
-Gemurmel, ein verständnißvoller Blick.</p>
-
-<p>Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche
-bedeckt.</p>
-
-<p>Die Herren begaben sich &mdash; es war schon Mitternacht &mdash; in die Stube der
-Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in
-das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare
-aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht.</p>
-
-<p>Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der
-Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“</p>
-
-<p>„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“</p>
-
-<p>„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“</p>
-
-<p>„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie
-dumpf.</p>
-
-<p>„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr
-ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> nichts mehr, Seizmüllerin,
-gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“</p>
-
-<p>Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes
-Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an.
-Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken
-auf den Schoß und sie hauchte: „Da &mdash; da bin ich. Hab’s ja gewußt diese
-Ehe bringt mich noch an den Galgen.“</p>
-
-<p>Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll
-der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es.</p>
-
-<p>Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend
-die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa
-in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das
-Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die
-Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in
-städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter.
-Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller
-gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte.
-Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift
-verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr
-mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller
-würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib
-todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft
-dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz
-weinte. Es war der einstige<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> Postillon, der Blasius Steiger &mdash; nun
-schon glücklich verheiratet &mdash; es war der Mann, an den sie liebend so
-oft gedacht hatte. &mdash; Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen.</p>
-
-<p>Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es
-war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal
-vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später
-oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals
-Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er
-hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen &mdash; „er hätte es
-gewißlich gut mit ihr gemeint“.</p>
-
-<p>Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen
-Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf
-die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern,
-die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein
-Blatt.</p>
-
-<p>Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen
-standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz
-fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem
-Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein
-Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.</p>
-
-<p>Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große
-Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und
-konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das
-Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe,
-ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.</p>
-
-<p>Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers
-bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu
-erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und
-wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem
-Peiniger zu befreien.</p>
-
-<p>Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber
-entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht
-zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue
-empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht
-ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß
-es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“</p>
-
-<p>Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom
-Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in
-seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der
-seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem
-mußt Du Dich befreien, &mdash; begann nun eine Rede zu halten, in welcher
-er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden
-Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß
-er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein
-langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das
-schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses
-Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die
-Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein
-Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste
-Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue
-gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr
-Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte
-gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich
-möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden
-ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange
-gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der
-verdient das Leben nicht. &mdash; Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen
-umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe,
-kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben
-zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände
-hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten;
-aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil
-seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist
-ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit,
-welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen
-mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes
-Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. &mdash; Was Ihnen etwa noch gesagt
-werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren
-Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen
-zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen
-Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen,
-wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren,
-das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes
-Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange
-für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p>
-
-<p>Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger
-Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu
-spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie
-sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre
-Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie
-erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten
-Tones: „Der Herr Vertheidiger.“</p>
-
-<p>Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der
-Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter
-Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß
-ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender,
-dann in warmer Betonung so zu sprechen:</p>
-
-<p>„Meine Herren Richter!</p>
-
-<p>Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde
-und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch
-erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in
-diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine
-Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden
-soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. &mdash; Nie
-noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die
-Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit
-noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten
-Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum
-nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer,
-meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein
-Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen
-kann, geschweige denn ein warmes<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> Blut von siebenundzwanzig Jahren.
-Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält
-hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer
-gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit
-zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie
-finden in dem Charakter des Mannes nicht <em class="gesperrt">einen</em> lichten Punkt;
-er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch
-nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar
-für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben
-gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit
-dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten.
-Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem
-Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen?
-Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein
-junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie
-dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie
-sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst
-vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht.
-Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden.
-Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt.
-Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein
-Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem
-verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe,
-ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen
-gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren
-Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen
-hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>
-wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich
-freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich,
-die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der
-Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe
-einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und
-Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und
-so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte
-mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre
-nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den
-Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor
-den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes
-Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte
-ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in
-dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen
-klagt sie <em class="gesperrt">nicht</em> an, der strengste Richter in der eigenen Brust
-klagt sie <em class="gesperrt">nicht</em> an! &mdash; Und fällt es Ihnen nicht auf, meine
-Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen
-Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat?
-Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem
-andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine
-Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das
-Leben mit dem Leben belohnen. &mdash; Wenn mein geehrter Herr Vorredner
-behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das
-Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser
-Frau <em class="gesperrt">strafen</em>, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem
-viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie
-moralisch zur Tyrannen<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>herrschaft des Ehemannes und begehen einen
-Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen
-Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie
-nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten,
-das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke,
-im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen
-Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot,
-dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft
-um’s liebe Dasein kämpfen. &mdash; Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem
-Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes
-Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig &mdash; seien Sie es auch,
-und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde
-genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht &mdash;
-lassen Sie es leben!“</p>
-
-<p>Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa
-ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.</p>
-
-<p>Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu
-bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So
-erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten
-Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.</p>
-
-<p>Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so
-aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens
-zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt
-und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte
-Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt
-und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> Bank
-und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus
-ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten
-Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses
-liebe goldene Licht &mdash; oder die ewige Nacht! &mdash; Welches soll nach
-menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie
-hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den
-Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.</p>
-
-<p>Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag,
-schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine
-mit Nein geantwortet.</p>
-
-<p>Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme
-sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir
-das Nein geschenkt?“</p>
-
-<p>Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur
-Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein
-Auge nieder und wurde roth und blaß.</p>
-
-<p>Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort:
-„Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt,
-nun will ich sterben!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_18" name="kap_ende_18">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p>
-
-<h3 id="Die_guldene_Grethe">Die guldene Grethe.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_e" name="initial_e">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">„E</span>s begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam
-Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des <span class="antiqua">vulgo</span>
-Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger,
-katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der
-Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen
-Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“</p>
-
-<p>So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen
-Papierbogen der Gemeinde vor.</p>
-
-<p>Es war das Fest der heiligen drei Könige.</p>
-
-<p>Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor
-dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ &mdash; der bildlichen
-Darstellung von unseres Heilandes Geburt &mdash; brannten zwei Wachskerzen,
-die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es
-sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.</p>
-
-<p>Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die
-heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und
-ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch
-die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel
-Aufsehen gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span> unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat
-des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein
-Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum,
-dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein
-Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger
-in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem
-anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten
-den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit
-und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du
-stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem
-Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine
-Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die
-hunderttausend Forellen im See dazu.</p>
-
-<p>Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael
-dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre
-Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael
-Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der
-Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.</p>
-
-<p>Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der
-Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein
-Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen
-konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel,
-hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit
-ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.</p>
-
-<p>Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben
-Welt hören, war auf der Jagd dage<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>wesen, hatte die Maria Haldegger auf
-der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr
-einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze
-Bauernhaus an der Wand. &mdash; Die Maria Haldegger aber hatte gesagt:
-„Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und
-alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen.
-Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich
-kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die
-Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge
-Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber
-die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig
-davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.</p>
-
-<p>Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben
-den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau,
-und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.</p>
-
-<p>Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen,
-und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt,
-wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und
-Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten
-gehabt.</p>
-
-<p>Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der
-See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit
-der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter
-hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die
-Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt
-zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> vom Himmel im
-Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.</p>
-
-<p>Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit
-dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein
-Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst
-berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen
-könne.</p>
-
-<p>Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine
-Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und
-die Sprenge &mdash; das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den
-Priester &mdash; zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines
-Weges.</p>
-
-<p>Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung
-gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde
-schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam!
-Hast aber eilig.“</p>
-
-<p>Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit
-krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten,
-zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte
-eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen
-Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln,
-wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter
-einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen,
-zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder
-gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie
-goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie
-manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine
-halbe Welt von ihr spricht“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span></p>
-
-<p>Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm,
-aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen.</p>
-
-<p>„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“
-sagte das Mädchen, ihm näher kommend.</p>
-
-<p>„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz.</p>
-
-<p>„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme
-Kirchweihnacht&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“</p>
-
-<p>„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“</p>
-
-<p>„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren
-kann.“</p>
-
-<p>„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“</p>
-
-<p>„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“</p>
-
-<p>„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein
-Mädchen zu arm und zu gering sei&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“</p>
-
-<p>„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“</p>
-
-<p>„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“</p>
-
-<p>„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und
-ich habe den Franzl fahren lassen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> hab’ Keinen mehr angeschaut,
-und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich
-hab’ ich gedacht. &mdash; Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen.
-Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“</p>
-
-<p>Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste
-gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie
-sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte,
-weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.</p>
-
-<p>Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen
-warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und
-ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg
-ab, der zum Bauer an der Wand führt.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen
-geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren
-dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel,
-der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge
-ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles
-versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit.
-Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen
-Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von
-unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des
-Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte,
-wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.</p>
-
-<p>Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze
-Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> Candiszucker geformt. Die
-Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag
-finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch
-nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.</p>
-
-<p>Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war
-eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für
-die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die
-übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des
-Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß
-aufspunden.</p>
-
-<p>Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein
-des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein
-hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche
-Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim
-letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch
-blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun
-pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.</p>
-
-<p>In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit
-allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende
-des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der
-Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig
-einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene
-Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende
-Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft
-verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> Fingern in die losen,
-geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ
-sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that
-einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll
-ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es
-die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst
-nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig
-&mdash; aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl
-hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner
-vornehmen Lahmleidigkeit &mdash; aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein,
-und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande
-und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht,
-was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und
-thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten
-früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! &mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller
-loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man
-kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht.
-Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an
-zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern
-zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.</p>
-
-<p>Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein
-Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn &mdash; wie
-die Leute sagen &mdash; mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p>
-
-<p>Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und
-guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander,
-jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn
-über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit
-Kähnen zur Sommerszeit.</p>
-
-<p>Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln
-hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern
-die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre
-vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar
-die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird
-mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles
-schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und
-das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich
-gezierten Raum. &mdash; Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die
-Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.</p>
-
-<p>Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein
-Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes
-Schlachtfeuer.</p>
-
-<p>Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen.
-Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente
-klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem
-Nebel hervor &mdash; rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran,
-die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend
-und hüteschwingend die Hochzeiter.</p>
-
-<p>Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf,
-und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß
-die Kirchenfenster schrillen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p>
-
-<p>Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne,
-schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände.
-In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür
-vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon.</p>
-
-<p>Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln
-strichen ihre gluthheißen Wangen. &mdash; Jetzt werden sie getraut, dann
-ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser
-wie ich? &mdash; Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr
-den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben
-die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das
-Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. &mdash; Und wenn
-der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den
-Hof&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte
-am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser
-auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich
-sie mitreißen kunnt, All’ miteinander &mdash; nachher mit Freuden &mdash; mit
-Freuden!“</p>
-
-<p>Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und
-Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und
-zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über
-den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne
-sehen.</p>
-
-<p>Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer
-troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze
-Wache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span></p>
-
-<p>Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf
-einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene
-Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak,
-wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. &mdash; Der
-Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel
-davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste
-Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den
-Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche
-Kaisertabak!“</p>
-
-<p>Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch
-ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig
-und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft;
-ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den
-Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige
-Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese
-Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem
-weitläufigen Wohngebäude. &mdash; „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer
-Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm
-eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar
-das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief
-aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter
-ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt
-durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren
-die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben
-hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span>
-den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große,
-kluge Augen.</p>
-
-<p>Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger
-Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert
-das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen
-an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum
-Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken
-nieder &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in
-den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm
-der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine
-Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei,
-ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken?
-Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“</p>
-
-<p>Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr
-vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.</p>
-
-<p>Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie
-die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.</p>
-
-<p>Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. &mdash; Ueber dem Haupte die
-dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie
-niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen &mdash; ist das eine trübe,
-kalte Welt!</p>
-
-<p>Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das
-aufwallende Blut.</p>
-
-<p>So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen
-hier, über und unter den Gewässern. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> stand sie plötzlich still,
-sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der
-Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe,
-zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles
-still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da
-sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose
-Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und
-unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte:
-„Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur
-in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so
-stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß
-ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. &mdash; Jetzt
-sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen,
-und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und
-Zack fliegt eine dunkle Linie &mdash; ein Riß &mdash; &mdash; es berstet das Eis.</p>
-
-<p>Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken;
-sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.</p>
-
-<p>Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern
-mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.</p>
-
-<p>Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin &mdash; der See ist breit &mdash;
-und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des
-Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die
-Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist
-Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p>
-
-<p>Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser
-Wintertag. &mdash; Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt
-mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben
-und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder
-flattern in der Nacht &mdash; der Boden kracht &mdash; wankt. &mdash; Glückliche
-Fahrt, Seesteinerleut’! &mdash; Es muß so sein, der Himmel will es selbst so
-haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern
-in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen,
-kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt
-&mdash; sie weiß es nur um eine Stunde früher.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse
-und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte
-Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht
-aber nicht.</p>
-
-<p>„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl
-wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den
-Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“</p>
-
-<p>Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s
-Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. &mdash; Sie eilt auf ihn
-zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch,
-Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und
-schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im
-Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte
-dem Rachegefühl.</p>
-
-<p>Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon
-jahrelang krank.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p>
-
-<p>„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden,
-„will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist
-schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so
-gut, und nimmt Dich zu sich. &mdash; Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott,
-Greth!“ &mdash; Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die
-Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der
-Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.</p>
-
-<p>Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand
-die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das
-Mädchen lief seitab.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach
-dem Bruder geschickt. &mdash; „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu
-lügen auch schon an! &mdash; Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath;
-jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So
-sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.</p>
-
-<p>Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es
-zog ein frisches Lüftchen. &mdash; Die Hochzeiter werden doch nicht schon
-abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von
-der Hirschwand herüber der See einbricht. &mdash; Ei, ja, die bleiben heut’
-schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit
-in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein
-Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s
-aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. &mdash;
-Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p>
-
-<p>Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund
-gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.</p>
-
-<p>Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig
-spät in das Dorf hinab.</p>
-
-<p>Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln
-Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind
-schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen.
-Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof
-drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom
-Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde
-Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und
-Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.</p>
-
-<p>Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.</p>
-
-<p>Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. &mdash; Sie rennen in ihr
-Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der
-Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er
-hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik,
-schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er
-hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen
-sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.</p>
-
-<p>Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren
-heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt,
-er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem
-Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter
-wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis
-erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein.<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Die merken’s
-nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist
-Alles vorbei!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie
-sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren
-schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln
-waren wie zwei Sternchen.</p>
-
-<p>Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer
-Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden,
-ja sie <em class="gesperrt">müßten</em> stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen
-glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände
-zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel
-für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger
-Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen!
-O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“</p>
-
-<p>Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere
-Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.</p>
-
-<p>In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein
-auf.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel
-abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in
-dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.</p>
-
-<p>Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners
-und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem
-lächelnden Ehepaare anstieß,<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> ging sein Glas in Scherben, und der Wein
-löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.</p>
-
-<p>Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im
-Vorhause gellte ein wildes Auflachen.</p>
-
-<p>Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das
-Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die
-Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie
-in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das
-alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen
-Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie
-auch.</p>
-
-<p>Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her,
-Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“</p>
-
-<p>Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die
-Greth auf, und verließ das Haus.</p>
-
-<p>Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die
-Eisdecke krache. Sie hörte nichts &mdash; ja, das Wirthshaus hörte sie, und
-den Jubel, und immer nur das.</p>
-
-<p>Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und
-als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden,
-da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles
-auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin,
-sie war unschuldig &mdash; der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das
-Eis bricht selber ein. &mdash; Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s,
-daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht
-darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie
-in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span></p>
-
-<p>Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten
-nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.</p>
-
-<p>Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie
-einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen
-heiseren Schrei. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine
-Augen.</p>
-
-<p>Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’,
-das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war
-gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten.
-„Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich
-in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen
-schwebten die zwei glühenden Aeuglein.</p>
-
-<p>Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen
-fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich
-fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor,
-eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein
-Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um.
-Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende
-des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und
-Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit
-unter das Strohdach.</p>
-
-<p>Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte,
-leuchtete.</p>
-
-<p>Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände
-oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.</p>
-
-<p>Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil
-nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> wahrten, irrte die
-Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen
-auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen.
-Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.</p>
-
-<p>Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des
-Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst
-die zwei Aeuglein auf dem See. &mdash; Und siehe, endlich leuchteten sie
-heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf,
-und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.</p>
-
-<p>Sie waren gerettet.</p>
-
-<p>Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das
-Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden
-in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem
-Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück
-auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Das</em> ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte
-ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen
-Weibe den Arm zum Aussteigen gab.</p>
-
-<p>„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der
-Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. &mdash; Eine Närrische haben
-wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“</p>
-
-<p>Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. &mdash; Das Eis bricht
-ein auf dem See! &mdash; Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie
-erbleichten.</p>
-
-<p>Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie
-verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie
-mit kläglicher Stimme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß
-zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis
-bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in
-ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so
-kalt. Dort stand der kleine Feuerherd &mdash; jetzt dachlos in der Nacht;
-die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.</p>
-
-<p>Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von
-der rauchenden Brandstätte entfernen.</p>
-
-<p>„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum
-Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis.
-&mdash; Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie
-sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte
-zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir
-die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“</p>
-
-<p>Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am
-Herde kauern &mdash; erstickt und verbrannt.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte
-es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und
-her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle
-Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.</p>
-
-<p>Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem
-Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben
-und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in
-das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine
-gesicherte, warme Stube<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> bereitet war. Auf dem Landwege ging der
-Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen
-Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.</p>
-
-<p>Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen
-sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt,
-ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den
-kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.</p>
-
-<p>Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind
-darauf geschrieben:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Hier ruht die guldene Grethe,</div>
- <div class="verse">Geläutert hat sie erst der Tod;</div>
- <div class="verse">Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth</div>
- <div class="verse">Gedenk’ an sie und bete!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_19" name="kap_ende_19">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Waldbrand">Der Waldbrand.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_a" name="initial_a">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>m südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt
-schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch,
-daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender
-Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man
-vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das
-Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der
-fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen
-Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem
-Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und
-Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun.
-Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein
-fürchterliches Unglück.</p>
-
-<p>Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus
-Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut
-des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich
-das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen
-das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine
-silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>
-weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner
-vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen
-griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren
-Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet
-und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und
-Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und
-Hitze zwangen sie zum Einhalten.</p>
-
-<p>„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch
-das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.</p>
-
-<p>Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den
-Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch
-zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen
-haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor
-dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“</p>
-
-<p>Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf
-und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits
-des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und
-muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und
-wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten,
-gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben
-brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der
-Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie
-wenn der Blitz in ihn gefahren.</p>
-
-<p>Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer
-schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s
-Fenster, daß die Scheiben<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> klirren, und ein Knecht, der alte Gregor,
-ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“</p>
-
-<p>Der Grübner fährt auf &mdash; das ist ja wie am helllichten Morgen! und
-wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald
-wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im
-Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch
-die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose
-Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu
-sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem
-Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das
-waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und
-ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle
-Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum
-Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und
-nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und
-raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos
-von den Bäumen zausen &mdash; und er schlug sich die Faust in’s Gesicht,
-daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten
-kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den
-fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! &mdash; Bub’!“
-rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so
-sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“</p>
-
-<p>Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.</p>
-
-<p>„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.</p>
-
-<p>Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei
-arbeitete, hackte er noch die Aeste von den<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> Stämmen und schleppte sie
-abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser
-hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare
-waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth
-beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der
-Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.</p>
-
-<p>„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen
-und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als
-gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das
-Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel
-dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man
-nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen
-Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie
-in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die
-Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches
-dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der
-Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte
-fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten
-war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den
-ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.</p>
-
-<p>Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem
-folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das
-rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den
-Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang.
-Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien
-in das Thal, und aus den Schluchten stiegen<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> schneeweiße Nebel auf.
-Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht.
-Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur
-dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine
-einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten
-Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten
-davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab
-sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und
-machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu
-thun sei.</p>
-
-<p>Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die
-Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen
-das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und
-links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand,
-blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab
-heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie
-ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein
-einziger lebendiger Baum mehr drüben &mdash; Alles verdorben. „Gregor!“
-schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein;
-jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein
-ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon
-sagen &mdash; aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’
-zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den
-Hof hinab.</p>
-
-<p>Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen &mdash; ein
-Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von
-den Hängen &mdash; zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines
-verbrannten<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus
-noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen
-in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann
-reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume
-wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der
-Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als
-Genovefa vor ihm stand und fragte:</p>
-
-<p>„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“</p>
-
-<p>„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die
-Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“</p>
-
-<p>„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm
-doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“</p>
-
-<p>„Ei, nu, und <em class="gesperrt">wenn</em> ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich
-an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein
-gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze
-Jahr, und nicht Du! &mdash; &mdash; Wird halt bei den Löschern gewesen sein und
-heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben &mdash; was weiß ich!“</p>
-
-<p>Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er
-sprach kein Wort mehr.</p>
-
-<p>Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus
-nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber
-&mdash; heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging
-fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer
-Arbeit, aber heute <em class="gesperrt">mußte</em> sie, und sie wußte doch nicht, wer es
-ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts
-gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen,
-und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu
-kommen. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als
-sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald
-beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine
-Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm
-förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und
-blutete an einzelnen Stellen.</p>
-
-<p>„Jesus &mdash; aber Gregor!“ schrie Genovefa.</p>
-
-<p>Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“</p>
-
-<p>„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde;
-heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“</p>
-
-<p>„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das
-Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt
-so was recht ab. &mdash; Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist,
-brennt es noch wo?“</p>
-
-<p>Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die
-Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.</p>
-
-<p>„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.</p>
-
-<p>„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“</p>
-
-<p>„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein
-brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß
-schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib
-gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich
-nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat
-das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der
-ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span></p>
-
-<p>„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich
-heim.“</p>
-
-<p>„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl &mdash; hab’ mir sie ein
-bißchen stark verbrannt.“</p>
-
-<p>„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“</p>
-
-<p>„Meinst Du? &mdash; Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst
-bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du
-bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt &mdash; heute ist es
-mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre,
-so wärst Du jetzt eine Bettlerin. &mdash; Ei, laß mich, es ist mir so heiß
-in der Brust &mdash; Vefa, wenn ich <em class="gesperrt">doch</em> sterben müßte! &mdash; Bauer,
-wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir
-jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir
-keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’
-ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du
-mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“</p>
-
-<p>„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“</p>
-
-<p>„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur
-so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß
-nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“</p>
-
-<p>Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu
-der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser
-Noth.</p>
-
-<p>„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es
-aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand
-sagst, so lang’ ich lebe.<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben
-muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so
-kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe,
-so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie
-mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. &mdash; Leg’ mir
-jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und
-sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa;
-und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß
-ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa,
-daß ich den Wald angezündet hab’!“</p>
-
-<p>„Jesus Maria! &mdash; Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit
-der Schürze zu und zitterte.</p>
-
-<p>„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr
-Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun
-mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken,
-daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins
-ist uns jetzt halt auch begegnet. &mdash; Am Samstag zum Feierabend bin
-ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne
-&mdash; das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und
-auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald
-&mdash; nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird &mdash; das Korntragen war auch
-schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf
-einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl
-gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein
-an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’
-genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu
-feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> mir
-brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie
-sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so
-beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin
-dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach
-geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den
-nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den
-Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria!
-denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten,
-hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’
-ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner
-Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald
-mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und
-lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so,
-Vefa. &mdash; Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da &mdash; da drinnen brennt’s
-so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“</p>
-
-<p>„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er
-sogleich um den Arzt fährt.“</p>
-
-<p>„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich
-schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“</p>
-
-<p>Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und
-dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!</p>
-
-<p>Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich
-bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer,
-der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p>
-
-<p>Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr
-zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen
-wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf
-der Weid’.“</p>
-
-<p>Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.</p>
-
-<p>Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd:
-„Wo liegt er denn?“</p>
-
-<p>Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer
-ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen
-das Dorf.</p>
-
-<p>Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen,
-Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen
-hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie
-schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja
-vorüber.</p>
-
-<p>Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und
-Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud,
-die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten
-gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an.
-Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen
-waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb
-Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu
-geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch
-einige Schritte weiter.</p>
-
-<p>Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag
-auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span></p>
-
-<p>Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester:
-„Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch
-den Wald hinauf gegen das Dorf.</p>
-
-<p>Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet.
-Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit
-zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde
-zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen
-den Grübnerhof.</p>
-
-<p>Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen
-und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er
-einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen
-die Wand, wo die Bodenstiege war.</p>
-
-<p>Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und
-legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit
-einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie
-zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.</p>
-
-<p>Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften
-die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei
-Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen
-Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten
-Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter
-geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das
-Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun
-todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen
-verkaufen kann um Geld. &mdash; Der Mann biß sich derb in die Lippen,<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> das
-Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock &mdash; aber
-dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und
-hätte sich gar alle Beine gebrochen.</p>
-
-<p>Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm
-her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm
-war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er
-ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.</p>
-
-<p>Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene
-Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das
-Merkwürdigste war ein Eichhörnchen &mdash; oder war’s ein Wiesel, man kannte
-es nicht mehr recht &mdash; es hing an einem Baume und hatte sich fest um
-einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz
-und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren
-jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart
-und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit
-demselben erst zur Welt gekommen.</p>
-
-<p>Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das
-fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der
-sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein
-großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder &mdash; es
-ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht
-sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen
-lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s
-auch gethan haben, der ist so Einer, der! &mdash; So war das Denken des
-erbitterten Mannes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span></p>
-
-<p>Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im
-halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus
-Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen
-die Hölzlein noch herum &mdash; hat der mir den Wald &mdash;?“</p>
-
-<p>Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte
-auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht
-bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen
-sterben müssen!“</p>
-
-<p>Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer
-so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’
-ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er
-mir gegessen!“</p>
-
-<p>Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört,
-was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger
-abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor
-so redet.“</p>
-
-<p>„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud;
-„ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s
-schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar
-nicht sagen, aber &mdash; da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die
-andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein
-Christ.“</p>
-
-<p>Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit
-Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen
-schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein,
-und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span></p>
-
-<p>Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen
-um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt
-mir <em class="gesperrt">den</em> da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem
-Hause kommt!“</p>
-
-<p>Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still,
-und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht.
-Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht
-nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände
-ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten &mdash; Ihr
-laßt den Gregor ordentlich begraben!“</p>
-
-<p>„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los;
-„ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug
-trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’
-nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber
-jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem
-sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? &mdash; Nu, und hast noch nicht
-g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm &mdash; laß Euch
-gern forttragen, all’ Zwei, gern!“</p>
-
-<p>Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die
-Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine
-nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch
-ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für
-den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft
-hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich
-schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne
-Tabak thut es sich halt auch nicht &mdash; aber für ein ehrlich Begräbniß
-wird schon noch was übrig bleiben. &mdash; Ich bitt’ Euch, Bauer, der<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span>
-Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s
-immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten &mdash; laßt ihn christlich
-begraben!“</p>
-
-<p>„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und
-glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? &mdash; Kasten und Kleider!
-Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen
-Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für
-den starren Gregor da draußen &mdash; ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt
-mir den Wald? Wer? &mdash; Treu und fleißig gedient, ja &mdash; als ob ich ihn
-dafür nicht auch bezahlt und <em class="gesperrt">über</em>zahlt hätt’!“</p>
-
-<p>„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen
-verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd
-wieder.</p>
-
-<p>Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du?
-&mdash; Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner
-ist ein Stein!“</p>
-
-<p>Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd,
-und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte
-bitterlich.</p>
-
-<p>Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem
-Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit
-der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und
-Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine
-Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.</p>
-
-<p>Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa
-allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu
-ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes
-Dienst<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span>jahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich
-begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen
-Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die
-Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals
-beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen &mdash; und wie der Bauer
-nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur
-<em class="gesperrt">ein</em> solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und
-lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch
-eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’
-mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein
-Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“</p>
-
-<p>„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr
-davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor
-nicht nachflucht &mdash; der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“</p>
-
-<p>Und sie redeten nicht mehr davon.</p>
-
-<p>Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das
-Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann
-man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes
-seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten
-Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die
-Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die
-Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter
-wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben
-wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter
-und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den
-Schweiß und graben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span></p>
-
-<p>Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus
-steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel
-hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen
-Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen
-in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel
-fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die
-Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht:
-„Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen
-die Haue über die Achsel und gehen heim.</p>
-
-<p>Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil
-im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst
-thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig
-abbrechen.“</p>
-
-<p>Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem
-Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist &mdash; wie er
-gerade um einen kleinen Felsen säete &mdash; ein Vöglein vor ihn hingehüpft
-und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in
-Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden
-zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der
-Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet.
-Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same
-eingewühlt &mdash; dann war es für dieses Jahr fertig.</p>
-
-<p>Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte
-noch &mdash; endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich
-unter das Dach zurück.</p>
-
-<p>Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte,
-die im Stalle zu schaffen verstand wie<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> nicht bald Eine, mußte heuer
-auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft
-dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die
-Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals
-auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen
-ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken,
-aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl
-und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und
-einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten
-vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ
-er nicht rufen.</p>
-
-<p>Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die
-Vefa nichts?“</p>
-
-<p>„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“</p>
-
-<p>„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“</p>
-
-<p>„Nein, sie kriegt nichts!“</p>
-
-<p>„So! &mdash; Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute
-denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe,
-und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„So Einer! Was für Einer?“</p>
-
-<p>„Was Du an der Vefa thust &mdash; man kann Dir bei Gericht nicht an, das
-weiß ich, denn Du hast sie überredet &mdash; aber <em class="gesperrt">schlecht</em> ist es von
-Dir! &mdash; Bauer, Du bist ein elender <em class="gesperrt">Schuft</em>!“ Mit diesen Worten
-spie ihm der Knecht in’s Gesicht.</p>
-
-<p>„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch,
-wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p>
-
-<p>Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und
-schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach.</p>
-
-<p>„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an,
-„komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher &mdash; bin so zornig
-gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“</p>
-
-<p>Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die
-Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum
-und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann
-ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch
-nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen
-und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was
-er dem verhaßten Bauer gethan hatte.</p>
-
-<p>Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch
-Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre
-waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf
-wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach
-wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn
-ihn irgend etwas wurmte.</p>
-
-<p>Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es
-um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa
-rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die
-Vieher röhren fürchterlich.“</p>
-
-<p>Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine
-Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh
-war von der Kette<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den
-wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah,
-war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den
-Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte
-in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’
-war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit
-sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und
-kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in
-der Wagenhütte &mdash; er war nirgends.</p>
-
-<p>Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge
-kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam
-wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei
-den Thieren wie einst.</p>
-
-<p>„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und
-oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof
-wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen.
-Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur
-manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den
-Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. &mdash;
-Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum
-Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet
-und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es
-verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht
-zurück.</p>
-
-<p>„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht
-mich noch närrisch!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span></p>
-
-<p>Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem
-Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren
-keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der
-Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen
-Kinder thun Einem die größte Pein an.“</p>
-
-<p>Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den
-Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner,
-er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles
-gut und es geschehe ihm nichts zu Leide.</p>
-
-<p>Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner:</p>
-
-<p>„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach
-Amerika.“</p>
-
-<p>„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an,
-aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf
-die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“</p>
-
-<p>Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher,
-als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange
-des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges
-kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da
-sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld,
-als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer
-hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte.
-So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras-
-und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich
-gedüngt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span></p>
-
-<p>Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken &mdash; so viel
-erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch
-wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem
-Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz,
-es war neues Leben in ihm.</p>
-
-<p>So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle
-mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt
-nach der Reihe über den Hang hinauf.</p>
-
-<p>Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem
-folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und
-zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe
-ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden &mdash; was man
-denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als
-schneiden, immer schneiden &mdash; nur daß sie sich zeitweilig noch das
-Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß
-und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze
-Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie
-dachte daran, daß heute der Jahrestag &mdash; Gregor’s Sterbetag sei! Als
-sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und
-Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte
-am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte
-damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem
-Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches
-der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht
-mehr versengt, es grünte schon wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span></p>
-
-<p>Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete.
-Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau
-auf diese Stelle &mdash; nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen,
-nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den
-einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa
-ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.</p>
-
-<p>„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß
-schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und
-faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst
-merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst
-glauben!“</p>
-
-<p>Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und
-selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch
-fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete
-während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom
-Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon.</p>
-
-<p>Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß
-unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit
-nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt
-noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die
-Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt
-hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen
-eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so
-schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und
-in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und
-taumelte zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p>
-
-<p>Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte
-ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das
-Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern.</p>
-
-<p>„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die
-zerfallende Leiche.</p>
-
-<p>Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er
-mit dem Arm in die scharfe Sichel &mdash; aber er gab keinen Laut von sich.
-Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch
-Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. &mdash; Für
-diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen
-den Bauer auf zwei Stangen.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den
-Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und
-her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte.
-Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück
-geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist
-herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das
-war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die
-bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht
-mehr.</p>
-
-<p>Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es
-ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn
-sonst wär’ er todt gewesen.“</p>
-
-<p>Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die
-Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span></p>
-
-<p>Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn
-der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das
-Testament gemacht.</p>
-
-<p>In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der
-Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht
-hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein
-daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf
-den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die
-Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“</p>
-
-<p>Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem
-Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen
-die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang,
-bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein,
-und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab.
-Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin
-ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des
-Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem
-Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten &mdash; so
-steht’s im Testament.</p>
-
-<p>Aber Genovefa arbeitet doch &mdash; sie würde sonst krank, meint sie. Nur in
-der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf
-den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das
-grüne Sterbebett ihres Gregor auf.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_20" name="kap_ende_20">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span></p>
-
-<h3 id="Hier_auf_dieser_Strassen_hat_mich_Gott_verlassen">Hier auf dieser
-Straßen hat mich Gott verlassen.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_e2" name="initial_e2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_e.jpg" alt="E" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">E</span>ine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den
-weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu
-schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie
-auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott
-verlassen.“</p>
-
-<p>Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne
-emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme
-schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem
-Baume gesehen.</p>
-
-<p>Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter
-ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird
-fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es
-keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst
-Niemanden.</p>
-
-<p>An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten
-wollten, aber auch nicht ruhen &mdash; der Tag zum Beten und Sündigen.</p>
-
-<p>Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann
-von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im
-Schatten des Obstgartens. Aus seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> Augen funkelt die Gluth, die in
-ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe
-ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe
-kommen.</p>
-
-<p>Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut,
-in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind
-sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina,
-die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt
-und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet.
-Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade
-den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein
-Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt
-wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen,
-stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene
-rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr
-lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.</p>
-
-<p>Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr
-wünschenswerth macht &mdash; und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s
-der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und
-in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst
-die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den
-Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei
-einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt
-ist.</p>
-
-<p>„Anasti!“</p>
-
-<p>Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns
-ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.</p>
-
-<p>Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang.
-Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> sein Gewerbe ist zwar keine
-Schande, aber ein Spott &mdash; er schafft die verendeten Thiere abseits.
-Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen,
-diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister
-Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes
-und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den
-Haushalt; <em class="gesperrt">sie</em> stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl
-die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten,
-sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der
-Andere.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.</p>
-
-<p>„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.</p>
-
-<p>„Dich will ich,“ antwortete sie.</p>
-
-<p>„Warst Du heute nicht in der Kirche?“</p>
-
-<p>„Freilich wohl.“</p>
-
-<p>„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter
-richtig ist.“</p>
-
-<p>„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und
-komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“</p>
-
-<p>Er that einen Lacher und ging zum Zaun.</p>
-
-<p>„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei
-der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Dummheiten.“</p>
-
-<p>„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“</p>
-
-<p>„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“</p>
-
-<p>„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender
-nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst
-wissen.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p>
-
-<p>„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“</p>
-
-<p>„Geh’ heim und rede nicht so albern.“</p>
-
-<p>„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß
-Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“</p>
-
-<p>„Du fängst mir wieder selber an!“</p>
-
-<p>„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr
-gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit
-kommen, aber <em class="gesperrt">vor</em> der Copulation.“</p>
-
-<p>„Susi!“ rief er aus.</p>
-
-<p>„Ja,“ gab sie zur Antwort.</p>
-
-<p>„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ <em class="gesperrt">ich</em> Dich verführt?
-Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den
-Wald. Hab’ <em class="gesperrt">ich</em> Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem
-Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu
-gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts
-Unrechtes, wenn man müd’ ist.“</p>
-
-<p>„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“</p>
-
-<p>„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und
-weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für
-Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“</p>
-
-<p>„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen
-kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will
-oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast,
-daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span></p>
-
-<p>„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir
-gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“</p>
-
-<p>„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die
-Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.</p>
-
-<p>„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine
-gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt.
-Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch
-Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den
-Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir
-nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“</p>
-
-<p>„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“</p>
-
-<p>„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben.
-Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar
-nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“</p>
-
-<p>Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. &mdash; Das ist der Teufel von
-einem Weibe!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen
-getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie
-hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange
-hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere
-gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen
-Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war,
-auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit
-freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen
-vernünftigen Schluß fassen werde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span></p>
-
-<p>In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die
-Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr
-er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie
-verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit
-des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen
-treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich
-sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der <em class="gesperrt">vor</em>
-ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben
-könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.</p>
-
-<p>Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es
-doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß
-wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an
-eine Trennung dächten.</p>
-
-<p>„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch <em class="gesperrt">mich</em> zu
-diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und
-Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich
-es von Dir.“</p>
-
-<p>Das war recht klar gesprochen.</p>
-
-<p>Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So
-wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen
-zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.</p>
-
-<p>„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den
-Weg!“</p>
-
-<p>Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern
-habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück
-verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten &mdash; ich nicht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span></p>
-
-<p>„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr
-meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“</p>
-
-<p>„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man
-freilich einen Kopf.“</p>
-
-<p>„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand,
-die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf
-alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil
-Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes
-zu nennen.“</p>
-
-<p>„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig
-an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück
-ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die
-Sünde, die an Euch hängt, müssen <em class="gesperrt">wir</em> büßen mit Verderben und
-Sterben.“</p>
-
-<p>„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts
-dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen
-wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei
-Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“</p>
-
-<p>„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“</p>
-
-<p>„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“</p>
-
-<p>„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann,
-um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange
-nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe
-ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst
-leicht nimmer los!“</p>
-
-<p>„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span></p>
-
-<p>„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich
-oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen
-&mdash; Du wirst gewiß Viele kennen &mdash; so bist in einem Irrthum. Haben
-<em class="gesperrt">will</em> ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich
-lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“</p>
-
-<p>„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht
-und mit funkelndem Blick.</p>
-
-<p>„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am
-Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“</p>
-
-<p>„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir,
-daß Du früher beichten gehst.“</p>
-
-<p>„Wie meinst das?“</p>
-
-<p>„Man kann nicht wissen, was geschieht.“</p>
-
-<p>Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie
-um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn
-das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen
-lasse, geschehe ein Unglück.</p>
-
-<p>Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am
-Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem
-Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht
-an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich
-besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu
-Liebe der Rache entsagen zu können.</p>
-
-<p>So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht
-die ganze Welt sich um das Glück seiner Person<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> drehen sollte. &mdash; Daß
-dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine
-ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam
-seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.</p>
-
-<p>„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm
-plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du
-kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“</p>
-
-<p>Gratina, seine Braut, stand neben ihm.</p>
-
-<p>Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn
-Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe
-gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was
-an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar
-zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren,
-die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler
-gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht
-viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei
-Auszeichnungen über alle Maßen wohl.</p>
-
-<p>Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem
-Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg
-dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch.
-An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe
-brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und
-das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein
-förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster
-zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die
-Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz
-in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span>
-Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der
-Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.</p>
-
-<p>Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge
-Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das
-Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften
-Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück
-zugetragen.“</p>
-
-<p>„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt
-schauen wir, daß wir weiter kommen.“</p>
-
-<p>Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren
-Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken
-haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit
-einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.</p>
-
-<p>„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren
-Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein
-ungeschicktes Messer bei Dir.“</p>
-
-<p>„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen
-weiter.</p>
-
-<p>Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen,
-Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle.
-Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit
-geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er
-wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können;
-allein sie zog schalkhaft die Thür zu.</p>
-
-<p>Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei
-demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen
-zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span></p>
-
-<p>Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um
-ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.</p>
-
-<p>Wenn sie Wort hält und kommt, so ist <em class="gesperrt">jetzt</em> die Zeit dazu.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier
-müßte sie kommen. &mdash; Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf
-den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal
-mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen
-beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth
-geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß
-sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch
-wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr
-Leben einen Freund an mir haben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen
-von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue
-Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des
-Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her
-geworfen wurden.</p>
-
-<p>Plötzlich schritt Suschen heran.</p>
-
-<p>Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und
-blickte ihn höhnisch an.</p>
-
-<p>„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“
-sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“</p>
-
-<p>„Wenn Du zum Hof willst, so ist das <em class="gesperrt">Dein</em> Weg nimmer!“</p>
-
-<p>„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span></p>
-
-<p>Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und
-fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’
-Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.</p>
-
-<p>„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.</p>
-
-<p>„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem
-wilden Satze über das Geländer.</p>
-
-<p>Ein einziger Schlag unten im Gestein &mdash; und das Wasser brauste fort und
-fort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei
-Bauern schritten rasch heran.</p>
-
-<p>„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“</p>
-
-<p>„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht
-fangen.“</p>
-
-<p>Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der
-Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht
-verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.</p>
-
-<p>Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte
-des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von
-dem Holzkorbe der Alten &mdash; eilte damit davon.</p>
-
-<p>An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im
-Geäste der Antlistanne leblos.</p>
-
-<p>Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute
-nicht verwaschen sind:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Hier auf dieser Straßen</div>
- <div class="verse">Hat mich Gott verlassen.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_21" name="kap_ende_21">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span></p>
-
-<h3 id="Es_reigt_in_Lust_ein_Liebespaar">Es reigt in Lust ein
-Liebespaar.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_h2" name="initial_h2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_h.jpg" alt="H" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">H</span>ier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans,
-der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im
-Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt
-vorbeischleicht.</p>
-
-<p>Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine
-Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art
-Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche
-dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener
-Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch
-Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.</p>
-
-<p>Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen.
-Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die
-zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen
-herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen.
-Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer
-Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück,
-desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer
-und summender das Tönen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span></p>
-
-<p>Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen,
-und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und
-unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott
-zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld,
-der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich
-der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen
-zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr
-geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und
-durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht
-vollkommen genug.</p>
-
-<p>Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke
-auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz,
-daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich
-allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im
-Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!</p>
-
-<p>Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so
-ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei
-Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere
-der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult.
-Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik
-gemacht wird &mdash; so war es denn Musik.</p>
-
-<p>Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine
-solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit
-erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten
-sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon
-gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern
-allerlei<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen,
-die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war
-gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis
-zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit
-einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was
-sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder
-und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was
-eben die Leute verlangten und &mdash; bezahlten.</p>
-
-<p>Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem
-Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen
-über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter
-auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine
-heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen,
-sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück
-probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.</p>
-
-<p>Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.</p>
-
-<p>Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der
-Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte,
-keine gute Zeit. &mdash; „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich
-nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder
-zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo
-er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor.
-Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch
-braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen
-und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>
-seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er
-alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes
-lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was
-vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm
-gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel
-getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen,
-dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze
-Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die
-ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“
-verspotteten &mdash; aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu
-Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges
-Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein
-Pfeiflein Tabak &mdash; und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes
-mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte,
-welches wir Heimweh nennen.</p>
-
-<p>Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und
-sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.</p>
-
-<p>Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die
-Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen
-zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau
-zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“</p>
-
-<p>Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd
-davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar
-keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden,
-entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die
-Erde nieder. Und da dachte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> der alte Hans: Freilich, freilich, der
-Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der
-Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Auch dem Hans &mdash; dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten &mdash; wird
-das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die
-Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur
-Frucht gediehen ist &mdash; ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es
-vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute
-verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu
-hören.</p>
-
-<p>Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken
-nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant
-einmal um den Namen gefragt. &mdash; Umsonst wollt’ sie den Namen nicht
-sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste
-Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. &mdash; Von dieser Zeit her
-ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der
-Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und
-gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl
-recht froh, daß ich wieder daheim.“</p>
-
-<p>Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange
-noch nicht tausend Wochen alt, und er &mdash; schon gebeugt und mit weißem
-Haar.</p>
-
-<p>Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand
-auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam
-sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als
-sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p>
-
-<p>Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge
-Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu
-ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“</p>
-
-<p>„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.</p>
-
-<p>„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden,
-und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“</p>
-
-<p>Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte,
-mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren
-Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war;
-sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit
-einander gesprochen.</p>
-
-<p>&mdash; Ist’s ein Scherz &mdash; so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken
-&mdash; so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst &mdash; &mdash;
-Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl
-lang sein..</p>
-
-<p>„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“</p>
-
-<p>Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf
-Groschen.“</p>
-
-<p>„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten
-die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der
-Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf
-Güterhalbscheid.“</p>
-
-<p>Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt
-an seine Brust. Doch, als er wieder davon war &mdash; ich meine, er ist
-schnurgerade zum Pfarrer gerannt &mdash; da hat sie den Ziegen zugeschrien:
-„Ja bin ich denn gestorben &mdash; denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span></p>
-
-<p>Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht
-lang’ &mdash; in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.</p>
-
-<p>Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus
-geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die
-vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben
-gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der
-Burschen hat’s büßen müssen.</p>
-
-<p>&mdash; Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen!
-seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster
-beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah
-Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er
-dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes
-Glück er ihr wünsche.</p>
-
-<p>Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es
-der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem
-Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür
-heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu,
-Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und
-rastet ab!“</p>
-
-<p>Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der
-lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“</p>
-
-<p>Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein
-Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich
-selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles
-so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte:
-Bei<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span> der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den
-Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner
-schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.</p>
-
-<p>Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe
-und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern
-her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige
-Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem
-Kissen, mit einer Decke durch die Stube.</p>
-
-<p>Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei
-sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen &mdash; und that einen gedehnten
-Zug aus dem Kruge.</p>
-
-<p>Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans,
-kriegen wir gar nichts zu hören?“ &mdash; Er hätte das Wort wieder einfangen
-mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß
-zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade
-heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten
-vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit
-freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na,
-Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein
-andermal.“</p>
-
-<p>„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund
-rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl
-vormachen &mdash; das wohl, ei, das wohl!“</p>
-
-<p>Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument
-und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug
-er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen &mdash; auch <em class="gesperrt">sein</em>
-Spielwerk muß gestimmt werden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span></p>
-
-<p>Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem
-eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar
-nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen,
-daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die
-anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt
-nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen
-ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des
-Tonbrettes sein &mdash; jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder
-beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell
-hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist
-es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen
-anderen Tonspielen.</p>
-
-<p>Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine
-liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie
-schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und
-horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die
-Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein
-zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.</p>
-
-<p>Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu
-mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer
-Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser
-sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s,
-hopsen wir Eins mit!“</p>
-
-<p>Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen
-Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten
-Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p>
-
-<p>Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier
-auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust
-gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick
-kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll
-haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.</p>
-
-<p>Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute
-schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der
-Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank.
-&mdash; Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn
-bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten
-Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern
-reigen.</p>
-
-<p>Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann
-eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck
-faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch
-ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die
-Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten
-rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher
-und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien
-es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war
-niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme
-hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich
-weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten
-sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren
-hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem
-Krampfe um<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span>klammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren
-Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen,
-halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.</p>
-
-<p>So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks
-&mdash; da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei
-gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden
-hingekollert. &mdash; Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die
-Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes,
-langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt
-sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.</p>
-
-<p>„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig
-frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“</p>
-
-<p>Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich
-und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug
-die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“</p>
-
-<p>„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“</p>
-
-<p>So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten
-sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und
-sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu,
-an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu
-dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich
-zum Abzuge.</p>
-
-<p>„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der
-Sandhauser plötzlich.</p>
-
-<p>„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein
-paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon
-wieder gut.“</p>
-
-<p>„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span></p>
-
-<p>Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.</p>
-
-<p>Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“
-So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf
-den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein
-Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das
-letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses,
-hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über
-Dich!“</p>
-
-<p>Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen
-anzuzünden, das er im Munde trug.</p>
-
-<p>Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen
-stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.</p>
-
-<p>Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist
-ganz gut?“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete er.</p>
-
-<p>Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“</p>
-
-<p>„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.</p>
-
-<p>Da wurde sie blaß.</p>
-
-<p>Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer
-über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen
-schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur
-Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren
-hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei
-große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war
-der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> den drei
-Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in
-Gottes Namen!“</p>
-
-<p>In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der
-Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug;
-schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann
-mit Hüllen zu versehen &mdash; so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald
-war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.</p>
-
-<p>Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah
-den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte
-an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda
-wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt
-legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und
-sagte nichts.</p>
-
-<p>Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu
-holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.</p>
-
-<p>Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte
-bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht,
-reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der
-Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er
-lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie
-schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s
-schon besser.“</p>
-
-<p>Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und
-wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses
-Tuch um die Stirn.</p>
-
-<p>Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin
-in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem
-Bette kauern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span></p>
-
-<p>Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu
-fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn
-sie sich nicht schlafen legt.“</p>
-
-<p>„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts &mdash; gar nichts
-&mdash;“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu
-unterdrücken.</p>
-
-<p>„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar
-keine Sorgen machen. &mdash; Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die
-Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber &mdash; muß
-sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“</p>
-
-<p>„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg &mdash; mit ihm?“</p>
-
-<p>„Na, nu &mdash; vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu
-Bette!“</p>
-
-<p>Das war befehlend gesprochen.</p>
-
-<p>Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie,
-„wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“</p>
-
-<p>Er nickte ihr beistimmend zu.</p>
-
-<p>„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“</p>
-
-<p>Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.</p>
-
-<p>„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda,
-wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder
-auf.“</p>
-
-<p>Dann gingen sie auseinander.</p>
-
-<p>Der Arzt kam auch zu <em class="gesperrt">ihrem</em> Bette, das unten in der großen Stube
-stand. Und er schickte durch den Boten auch für <em class="gesperrt">sie</em> Medicin &mdash;
-ganz die gleiche, wie für den Mann.</p>
-
-<p>Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm
-der Arzt: „Dieweilen nur Mandel<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span>milch trinken, ich komme bald nach. Und
-&mdash; was ich sagen wollte &mdash; wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“</p>
-
-<p>Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die
-Koberburger, wen es anginge.</p>
-
-<p>Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen
-Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich
-gehört, die jungen Sandhauserleut’!“</p>
-
-<p>„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als
-der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus,
-wenn nicht allzwei.“</p>
-
-<p>Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte
-hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. &mdash; Dem ginge es schon
-besser. &mdash; Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? &mdash; Das hätte ihm der
-Arzt bislang noch verboten.</p>
-
-<p>Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“</p>
-
-<p>&mdash; Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges
-Blut und könne die Krankheit leicht einathmen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich meine allerweg &mdash; die hat sie schon eingeathmet.“</p>
-
-<p>Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch
-bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine &mdash; gar keine.</p>
-
-<p>Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist
-dem &mdash; Hans sein Spielwerk &mdash; immer so bekannt vorgekommen. Und
-hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine
-Charfreitagsklapper.“</p>
-
-<p>Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu
-sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes
-durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum
-Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span></p>
-
-<p>„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.</p>
-
-<p>„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete
-die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze,
-welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt.
-„Was brauchst denn &mdash; jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem
-sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s &mdash; mein
-Mann stirbt!“</p>
-
-<p>Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s
-Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“</p>
-
-<p>Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die
-Hand, der bewegungslos dalag.</p>
-
-<p>Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser,
-kennst mich noch?“</p>
-
-<p>Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.</p>
-
-<p>„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten
-Wunsch gern vollführen.“</p>
-
-<p>Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er
-die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.</p>
-
-<p>„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.</p>
-
-<p>Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und
-beteten: „Vater unser!“</p>
-
-<p>Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf
-die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen
-standen.</p>
-
-<p>So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich:
-„Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ,
-verlaß ihn nicht! O heilige<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef,
-steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut
-sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht!
-Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen
-von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche
-trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.</p>
-
-<p>Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da
-löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden
-zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.</p>
-
-<p>Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute,
-schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte:
-„Die Frieda! &mdash; warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“</p>
-
-<p>Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile;
-endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte
-Nacht gewesen, Sandhauser.“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete der Kranke.</p>
-
-<p>Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine
-Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er
-etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“</p>
-
-<p>Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um
-&mdash; unten in der Stube!“</p>
-
-<p>Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.</p>
-
-<p>„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.</p>
-
-<p>Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span></p>
-
-<p>„Es kommt mir heut &mdash; nicht recht vor!“ rief er fast laut.</p>
-
-<p>„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt
-sein.“</p>
-
-<p>Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal
-wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler
-Menschen.</p>
-
-<p>Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte
-Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im
-Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.</p>
-
-<p>„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird
-denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“</p>
-
-<p>Man hatte keine Entgegnung.</p>
-
-<p>„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still
-und starrte wie sinnend drein.</p>
-
-<p>Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den
-Kranken auf.</p>
-
-<p>„Jesus! &mdash; Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“</p>
-
-<p>Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die
-Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an,
-herzerschütternd zu weinen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen.
-Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.</p>
-
-<p>Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.</p>
-
-<p>Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s
-Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet.
-Und die Schwalben waren längst davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span></p>
-
-<p>Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben
-sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt:
-In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden,
-versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.</p>
-
-<p>„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen
-entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn
-sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die
-Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu
-hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s
-ist grausig!“</p>
-
-<p>Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten
-Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben
-meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten
-wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.</p>
-
-<p>Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen
-Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck
-drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an
-seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.</p>
-
-<p>Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und
-vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so
-oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt
-sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_22" name="kap_ende_22">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span></p>
-
-<h3 id="Trotzkoepfe">Trotzköpfe.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i5" name="initial_i5">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="J" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">„J</span>a!“ sagte der Flori.</p>
-
-<p>„Nein!“ sagte die Vrona.</p>
-
-<p>„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche &mdash; sein dunkles Auge
-leuchtete.</p>
-
-<p>„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen &mdash; ihr blaues Auge
-zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm.</p>
-
-<p>„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein
-heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben?
-Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer
-sagt?“</p>
-
-<p>„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“</p>
-
-<p>„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches
-Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in
-Ewigkeit Adieu!“</p>
-
-<p>Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie
-hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und
-schau’ in mein Herz! &mdash; Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“</p>
-
-<p>„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s
-<em class="gesperrt">einmal</em>, was Du mir tausendmal hast gesagt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter
-Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’
-ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner
-Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn
-Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört
-morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Dir</em> gehört’s und ich werde Dich nehmen.“</p>
-
-<p>„Du <em class="gesperrt">wirst</em> mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber
-ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. <em class="gesperrt">Ganz</em> frei
-sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“</p>
-
-<p>„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der
-Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte
-Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’,
-Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“</p>
-
-<p>„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben
-kannst?“</p>
-
-<p>„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.</p>
-
-<p>Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der
-Kaiser.“</p>
-
-<p>„Wieso der Kaiser?“</p>
-
-<p>„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei
-Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“</p>
-
-<p>„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der
-einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich,
-die Wirthschaft ist groß &mdash; so bin ich frei vom Soldatendienst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span></p>
-
-<p>„Frei bist?“ rief das Mädchen aus &mdash; es war ein Jubelruf.</p>
-
-<p>„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn
-wir Hochzeit halten?!“</p>
-
-<p>Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.</p>
-
-<p>Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der
-blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der
-Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und
-verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.</p>
-
-<p>Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.</p>
-
-<p>Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm
-dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte
-er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er
-gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille
-stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine
-Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit
-vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen
-und erzogen und geliebt wie ein Kind.</p>
-
-<p>Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind
-geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn,
-und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen
-hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt
-war &mdash; und so<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da.
-Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld;
-Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!</p>
-
-<p>Sie thaten nichts Schlechtes.</p>
-
-<p>Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so
-viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa
-im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich
-gefestigt und verknorrt, bis &mdash; in seinem fünfzigsten, in ihrem
-dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten
-Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht
-viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig
-im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig
-wie sie.</p>
-
-<p>Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das
-Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur
-allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht &mdash; der Knecht seines
-Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß
-von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori
-ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft
-gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als
-daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so
-gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.</p>
-
-<p>Das bedenkt der Schwandhofer.</p>
-
-<p>Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori
-ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl
-dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will
-der Schwandhofer den Bur<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span>schen losbringen, so muß er ihm Haus und
-Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie
-nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien
-schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er
-will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu
-verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!</p>
-
-<p>So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem
-Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die
-Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele &mdash; seit
-kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen
-Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er
-nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben
-einen empfangen.</p>
-
-<p>Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in
-welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im
-massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der
-Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht,
-und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es
-ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit
-auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie
-ein Weniges, dann rückt er ein Weniges &mdash; sind noch nicht beisammen;
-sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie
-richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit.
-Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage
-geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und
-bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span></p>
-
-<p>Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl
-seinen Sitz im hohen Rath &mdash; auf dem Schemel neben dem Wandschrank,
-auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht &mdash; aber er hatte keine
-Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich
-mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und
-schickt sich an, als wollte er reden.</p>
-
-<p>Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an
-und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.</p>
-
-<p>Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt
-angehen!“</p>
-
-<p>Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider
-zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“</p>
-
-<p>„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann
-ich nicht allein stehen.“</p>
-
-<p>„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.</p>
-
-<p>„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.</p>
-
-<p>„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.</p>
-
-<p>„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange
-umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“</p>
-
-<p>Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des
-Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf
-man fragen, wer es ist?“</p>
-
-<p>„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“</p>
-
-<p>„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann
-nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit
-derselben klarzustellen, und der<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> Gründe waren so triftige, daß er den
-eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.</p>
-
-<p>Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand
-gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus
-Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet
-hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte:
-„Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht
-ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich
-vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun
-Folgendes zu sagen:</p>
-
-<p>„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der
-Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts
-mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und
-hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen
-Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben,
-weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden
-Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist
-gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern
-am wenigsten ansteht. &mdash; Jetzt kannst schon gehen, Flori.“</p>
-
-<p>Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund
-murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“</p>
-
-<p>„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.</p>
-
-<p>Nun hub auch die Mutter an.</p>
-
-<p>„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau
-und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat
-Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht,
-Lecker! Sie hat die Steg<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span>brunnerische Hoffart an sich. Hättest um
-etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch
-Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft
-dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater
-angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen
-Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie
-ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel
-als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der
-reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon
-wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’
-sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen
-Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du
-heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat
-sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als
-meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie
-arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden
-ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater
-da!“</p>
-
-<p>Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte
-beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug
-Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun
-auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge
-gestiegen, aber &mdash; wie die Weiber schon sind &mdash; seine Mutter hub noch
-einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was
-das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte,
-wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der
-Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span></p>
-
-<p>Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht!
-Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“</p>
-
-<p>Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.</p>
-
-<p>„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das
-freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der
-Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’
-ich, daß wir Regenwetter kriegen.“</p>
-
-<p>„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung
-niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr
-mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich,
-der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich
-hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein.
-Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen &mdash;
-wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen
-haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem
-red’ ich aus einem andern Ton.“</p>
-
-<p>„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.</p>
-
-<p>„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’
-abbringt!“</p>
-
-<p>„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.</p>
-
-<p>Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift
-hatte er zu bitten.</p>
-
-<p>„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.</p>
-
-<p>„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span></p>
-
-<div class="brief">
-
-<p>„Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben)
-kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des
-<span class="antiqua">vulgo</span> Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina
-Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig
-zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr
-befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian
-Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und
-hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die
-oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig
-zu bescheinigen.</p>
-
-<p class="right mright2">Das k. k. Kreisgericht.<br />
-<span class="mright3">N.“</span></p>
-
-</div>
-
-<p>„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit,
-die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark
-genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, <em class="gesperrt">das</em>
-will ich aufschreiben...“</p>
-
-<p>Der Flori fiel dem Alten in die Hand.</p>
-
-<p>„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme
-mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die
-Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’,
-schreib’!“</p>
-
-<p>„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die
-Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“</p>
-
-<p>„Dann sind wir fertig!“</p>
-
-<p>„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig
-sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.</p>
-
-<p>Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die
-Adern seiner Stirne schwollen an, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> Hände ballten sich zur Faust.
-Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich
-brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“</p>
-
-<p>Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines
-Vaterhauses.</p>
-
-<p>In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf
-der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.</p>
-
-<p>Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig.
-Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein
-schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind &mdash; ersterer kam aus
-Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der
-Stegbrunnerischen Vrona.</p>
-
-<p>Beides blieb im Schwandhofe &mdash; es war ein Ende und ein Anfang.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_23" name="kap_ende_23">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span></p>
-
-<h3 id="Am_Fenster_der_Liebsten">Am Fenster der Liebsten.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d6" name="initial_d6">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber
-die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind,
-sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war
-Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen,
-was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.</p>
-
-<p>Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den
-bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt
-bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“</p>
-
-<p>Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen
-sein Weib &mdash; da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer
-heranwachsenden Tochter, allein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein
-großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet,
-von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als
-Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres
-stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem
-Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam
-der andere dran &mdash; der Thoma<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> mit der durchschossenen Hand. Der bekam
-im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte
-er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart.
-Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen,
-das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein
-Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren
-ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte.
-Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel
-und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß
-ihm ein anderes Leben kommen müsse &mdash; es fiebert leise zwischen Frost
-und Sonnengluth...</p>
-
-<p>Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. &mdash; Ich wollte,
-ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen
-schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines
-Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene
-Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft
-leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die
-Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen
-und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten
-am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen
-goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein
-Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines
-Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so
-frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein
-d’rin sehen &mdash; es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die
-heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm
-des Schlosses kreist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span></p>
-
-<p>Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe
-um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! &mdash;
-Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! &mdash;
-Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den
-stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den
-steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes
-zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren
-Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen
-scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die
-wiederum am Fester steht &mdash; zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen
-Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche.
-Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Meine Schuh, die ih trag,</div>
- <div class="verse">Sein vom Fuchsleder g’macht,</div>
- <div class="verse">Sie schlafen beim Tag</div>
- <div class="verse">Und geh’n aus bei der Nacht.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von
-warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend
-Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte
-Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden
-gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.</p>
-
-<p>Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina
-sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch
-hinab &mdash; bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott
-verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte
-wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem
-Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe
-hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein
-vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s
-Fenstergesimse zu heben.</p>
-
-<p>Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters,
-vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste
-leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim
-mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus
-stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und
-glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter &mdash; der
-Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen &mdash; dem stand es nicht an,
-anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel
-dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im
-Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte
-ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter &mdash; meinte er
-&mdash; sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe
-Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige
-Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet,
-als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu
-Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz
-schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der
-Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind
-fertig.“</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser
-Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend
-noch heute als ein<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span> Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie
-rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein
-finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl,
-aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so
-gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld,
-wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein
-kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der
-arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in
-Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über
-die Wilderei hatte er das Weib vergessen.</p>
-
-<p>Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein
-erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht
-weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte
-schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im
-Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr
-seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie
-lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft,
-wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem
-niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der
-Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.</p>
-
-<p>Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er
-nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine
-Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu
-nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines
-Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße
-Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> Wend;
-sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen
-ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe.
-Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte:
-„Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon.
-Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder
-auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und
-Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der
-Försterssohn vorübergehen mußte.</p>
-
-<p>Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich
-schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer
-Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser
-als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das
-Beten, wohl aber das Singen gelehrt. &mdash; Ein Blitzmädchen war’s!</p>
-
-<p>Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in
-der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten
-Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß
-sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen,
-um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb
-allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.</p>
-
-<p>„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und
-des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er
-dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da
-fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem
-sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus
-Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und
-kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte,<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> das Fenster war geschlossen;
-er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war
-vergebens.</p>
-
-<p>Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube
-schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn
-sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. &mdash; Schon wollte
-der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln.
-Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der
-Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine
-mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und
-lauerte.</p>
-
-<p>Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„’s Vögerl am See</div>
- <div class="verse">Schwingt hin und schwingt he</div>
- <div class="verse">Schwingt auf und schwingt nieder</div>
- <div class="verse">Und mein blauäugigs Dirndl,</div>
- <div class="verse">Heut komm’ ich Dir wieder.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Oswald’s Stimme.</p>
-
-<p>Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der
-Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir
-heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir,
-Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir
-das Messer ein!“</p>
-
-<p>Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen
-im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso
-die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen
-des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein
-Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> als
-sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt,
-vergeht das Singen. &mdash; Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan.
-Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern,
-bis der Fensterflügel sich aufthat.</p>
-
-<p>„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“</p>
-
-<p>„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf
-bis zum Kinn.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“</p>
-
-<p>Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine
-Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die
-Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand,
-sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen
-Fingerchen.</p>
-
-<p>„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem
-Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich
-unten.“</p>
-
-<p>„Warum soll die Ranke denn brechen?“</p>
-
-<p>„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten
-hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“</p>
-
-<p>„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.</p>
-
-<p>„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre
-schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“</p>
-
-<p>„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine
-Hand ein wenig näher an ihre Brust.</p>
-
-<p>„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du
-mich aus der Gefahr wolltest befreien.“</p>
-
-<p>„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span></p>
-
-<p>„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom
-Fenster sollst mich heißen &mdash; zu Dir in’s Stübel hinein.“</p>
-
-<p>„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.</p>
-
-<p>„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben
-Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit
-einander die Zeit vertrieben?“</p>
-
-<p>Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.</p>
-
-<p>„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt.
-Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in
-diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf
-mich nehmen.“</p>
-
-<p>„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon
-munter.“</p>
-
-<p>„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese
-Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“</p>
-
-<p>„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu
-Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“</p>
-
-<p>„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen
-zurück.</p>
-
-<p>„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von
-mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“</p>
-
-<p>„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst.
-„Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da
-hängt allerhand dran und da<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> verzappelt man sich hinein, wie die Mucken
-in das Spinnenweb. &mdash; Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’
-Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank
-sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’
-Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen
-thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“</p>
-
-<p>Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens
-innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht
-nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon
-schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau
-rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück:
-„Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater
-versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch
-bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem
-Tage Deine Mutter ist gestorben&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen,
-den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit
-einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf
-dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg
-rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.</p>
-
-<p>Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in
-die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem
-Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das
-Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um
-so besser....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span></p>
-
-<p>Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein
-Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder
-auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner
-Brust &mdash; er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte
-Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und
-hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit
-den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn
-Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt
-fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend,
-geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_24" name="kap_ende_24">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span></p>
-
-<h3 id="Was_der_Franz_Schlager_fuer_ein_Wildpret_schoss">Was der Franz
-Schlager für ein Wildpret schoß.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_a2" name="initial_a2">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_a.jpg" alt="A" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">A</span>nfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing
-er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse
-mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft.
-Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann
-schoß er&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Geschichte ist schwer wie Blei.</p>
-
-<p>In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein
-Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges,
-herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels
-der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten
-sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein
-glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten
-Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. &mdash; Für schlechte
-Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man
-wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen
-könne. &mdash; Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager,
-sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span></p>
-
-<p>Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart
-den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl
-leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager
-sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock
-nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus
-und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“</p>
-
-<p>Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete
-freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt
-mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit
-einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu
-Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so
-viel bin ich Dir werth....“</p>
-
-<p>Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen
-gesehen. Er schwieg eine Weile.</p>
-
-<p>„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit
-Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’
-gemeint.“</p>
-
-<p>„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich
-<em class="gesperrt">lach’</em> schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches
-Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst
-nimmer!“</p>
-
-<p>Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte
-mit feuchtem Auge.</p>
-
-<p>Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.</p>
-
-<p>Ein Kindlein! &mdash; Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses
-Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke
-an die Vaterfreuden, an<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde
-wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen
-spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz
-mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.</p>
-
-<p>Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in
-die Welt hinaus. &mdash; Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein
-Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende
-Bleikugeln heiß. &mdash; Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer
-Braten gar sonderlich wohl bekommen.</p>
-
-<p>Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten
-von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen
-Winkel des Vorgemachs und sagte:</p>
-
-<p>„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’
-&mdash; ein Dieb!“</p>
-
-<p>Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des
-Kindes zusammen.</p>
-
-<p>„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding.
-Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der
-Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“</p>
-
-<p>„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort
-haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie
-sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in
-einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das
-<em class="gesperrt">Unrecht</em> nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem
-Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern
-bleiben!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span></p>
-
-<p>„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und
-ging davon.</p>
-
-<p>Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das
-Bettlein des Kindes niederrann. &mdash; „Er hat keine Freude. Da ist sein
-Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht
-sich eine Freude....“</p>
-
-<p>Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine
-Gefahr &mdash; ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht
-angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.</p>
-
-<p>Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.</p>
-
-<p>Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele,
-bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm
-die Wange; &mdash; ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß
-daheim, bei seinem kleinen Bübel.“</p>
-
-<p>Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht
-auslassen.</p>
-
-<p>„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen
-Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die
-Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“</p>
-
-<p>Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht
-mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem
-Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.</p>
-
-<p>Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die
-kriechenden, die fliegenden, die springenden &mdash; so hub seine Begier
-gewaltig an zu glühen...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span></p>
-
-<p>Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der
-Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß
-man brav arbeiten, dann wird’s gut.</p>
-
-<p>Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere
-Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete
-in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie
-kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! &mdash; Aber sie
-betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme
-es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut
-Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber
-Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ &mdash; Sie schluchzte dabei
-und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als
-die Früchte lagen. Das Knäblein &mdash; es war ein halbes Jahr kaum alt &mdash;
-jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute
-kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses
-eingeschlummert.</p>
-
-<p>Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren
-Stangen. &mdash; Franz war noch nicht zurück.</p>
-
-<p>Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder
-Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger.
-Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des
-Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.</p>
-
-<p>Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der
-Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an
-einer Schlucht hin. Das rauschende<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> Wasser that ihr weh, denn ihr war,
-als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie
-verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich,
-daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie
-sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden.
-&mdash; Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte
-es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. &mdash; Die blauen Glocken
-der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie
-läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.</p>
-
-<p>Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank
-mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut,
-einen Schritt ihres Mannes zu hören &mdash; und sie hörte doch nichts.</p>
-
-<p>Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch
-leuchteten, da es schon dunkel war. &mdash; Irrlichter sollen auch zuweilen
-in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen
-sind Augen Gottes &mdash; so hat’s oftmals die Ahne gesagt. &mdash; Und jetzt,
-Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er
-hat uns lieb; &mdash; Gottes Auge wacht auch über dem Vater...</p>
-
-<p>Ein Knall &mdash; &mdash; da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes
-gegangen.</p>
-
-<p>Sie stieß einen lauten Schrei aus &mdash; sie preßte das Kind an sich.</p>
-
-<p>Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt
-nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der
-Schlucht &mdash; vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen.
-Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span>
-Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan &mdash; und fand sein sterbendes
-Weib.</p>
-
-<p>Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die
-Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch
-bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische
-mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das
-letztemal erfreute.</p>
-
-<p>Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr
-sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein
-Franz &mdash; gelt &mdash; das Wildern &mdash; laßt sein?“</p>
-
-<p>Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.</p>
-
-<p>Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind &mdash; ein zitterndes
-Tröpflein in ihrem Auge &mdash; &mdash; dann war es starr und öde auf dem lieben,
-trautsamen Antlitz.</p>
-
-<p>Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie
-nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_25" name="kap_ende_25">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Gang_zur_Mutter">Der Gang zur Mutter.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d7" name="initial_d7">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken
-nieder. Es war Feierabend &mdash; Feierabend des Tages und Jahres &mdash;
-Sylvesterabend.</p>
-
-<p>Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt
-nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub
-der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne:
-Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. &mdash; Wiege
-und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders,
-wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges
-Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen,
-das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste
-Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der
-Amster.</p>
-
-<p>Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein
-glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha
-saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in
-den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das
-Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern &mdash; &mdash; o, lieber Leser, wie
-könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin
-geworden, in solcher Stunde schaut!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span></p>
-
-<p>Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel
-legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht
-gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein
-Hase &mdash; mit offenen Augen!“</p>
-
-<p>Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne
-auf und lächelte.</p>
-
-<p>„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und
-ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.</p>
-
-<p>Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen
-seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre
-vermeint, der Zukunft &mdash; dem Kinde.</p>
-
-<p>Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das
-hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten
-über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener
-Größe und Form &mdash; in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von
-Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und
-leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen
-lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es
-alle Stiefel nach <em class="gesperrt">einem</em> Leisten schlage. Aber das harte Tragen!
-Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf
-dem Höcker.</p>
-
-<p>Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein,
-und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von
-der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich
-wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht
-gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr
-hinübergehen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span></p>
-
-<p>Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen
-wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!</p>
-
-<p>„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben
-bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht
-schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum.
-Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges
-Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“</p>
-
-<p>Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert
-waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was
-Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in
-der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen
-ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht
-auslegen. Daß es nur <em class="gesperrt">heut’</em> nicht wär’!“</p>
-
-<p>„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der
-Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.</p>
-
-<p>„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In
-der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster
-wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! &mdash; Aber
-<em class="gesperrt">Dich</em> mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht &mdash; von wegen
-dem, was Du vorhin hast gesagt.“</p>
-
-<p>Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es
-nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht
-wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam
-ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach
-Hause gehen.</p>
-
-<p>So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel
-anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span></p>
-
-<p>Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher
-das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des
-Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das
-Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.</p>
-
-<p>&mdash; Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre
-alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins
-um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß
-dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti
-so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu
-viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.</p>
-
-<p>Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab,
-dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach
-und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden
-dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann
-dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während
-Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und
-hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als
-Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein
-Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so
-wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust
-drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne
-schon sein &mdash; hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu
-sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles
-sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. &mdash; So
-eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span></p>
-
-<p>Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über
-kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und
-wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete,
-daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er
-vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus
-seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken
-im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht
-wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das
-Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine
-Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte
-von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher
-Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten &mdash; ob eine Zeit
-kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung,
-nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein
-wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so
-hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? &mdash; Wolfgang, der
-über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist
-horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er
-nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten
-Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem
-Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher
-hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste
-von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den
-Seegruber-See ergoß.</p>
-
-<p>Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den
-Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu
-sehen. Er rüstete sich in Gedanken<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span> für alle Fälle, so wie es ja seine
-Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu
-sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die
-Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.</p>
-
-<p>Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in
-denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand
-an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen
-und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht
-ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse
-hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche
-Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren,
-wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines
-Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann
-stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein
-dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien,
-das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine
-los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das
-Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es
-bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so
-hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues
-Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern
-mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um
-mehrere Stunden verlängern? &mdash; Er stemmte sich auf den Stock und
-fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur
-Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor
-sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so
-fröhlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span> ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ
-sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers
-hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer
-kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in
-den Boden hinein &mdash; und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche
-verschwunden.</p>
-
-<p>Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch
-eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück
-aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken:
-Jetzt hat mich die Erde verschlungen! &mdash; Dann war er betäubt.</p>
-
-<p>Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub,
-welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der
-Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu
-dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender
-Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer
-der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden,
-gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.</p>
-
-<p>„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte
-er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig
-zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle
-nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er,
-wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen
-könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile
-finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen
-tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an
-die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht,
-daß ich die heutige Syl<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span>vesternacht beim Wasser zubringen sollte;
-Andere sitzen beim Wein.</p>
-
-<p>Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß
-er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee
-und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen
-Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s
-ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen
-bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts
-(Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon
-hinauskommen. &mdash; Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in
-Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. &mdash; O ’s ist hell
-zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein
-Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so
-schreckbare Art zugrunde gehen kann!</p>
-
-<p>Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’.
-Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich.
-In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den
-Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein
-bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter,
-hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht
-und laßt sich’s gut gehen. &mdash; Herrgott, rette mich!“</p>
-
-<p>Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des
-Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte
-einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder.
-Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse
-erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte
-brach<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span> die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte
-sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden
-Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen
-in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in
-Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten
-wunderbar zarte Regenbogenfarben.</p>
-
-<p>„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch
-hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir
-nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der
-Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört
-vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen,
-und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit
-hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät
-wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben
-für die morgige Predigt. &mdash; Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht
-auf mich thäten warten.“</p>
-
-<p>Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern &mdash; ohne Erfolg;
-ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund
-geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich
-fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste
-Zeit zum Verzweifeln &mdash; es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich
-stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus
-zum Seegrub-See. &mdash; O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute
-deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer
-wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin
-bald vorbei ist! &mdash; O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> auf
-Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem
-Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur
-willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“</p>
-
-<p>Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so
-jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.</p>
-
-<p>Da erbarmte sich Gott &mdash; jener Gott, den heute die Welt nicht mehr
-nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“
-besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch
-göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen
-menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht
-von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten
-Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in
-der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer
-Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.</p>
-
-<p>Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht
-mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen
-Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.</p>
-
-<p>Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee
-verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich
-behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang
-hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche
-Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster
-sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der
-Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder.
-Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> Stimme, die um Hilfe
-ruft, oder dergleichen &mdash; das ist selbstverständlich. Die Hauptsache
-ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.</p>
-
-<p>Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen
-Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der
-uns zuvor ist kommen.“</p>
-
-<p>„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte
-sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’
-den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“</p>
-
-<p>Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten
-Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“</p>
-
-<p>Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen
-Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die
-Worte nicht.</p>
-
-<p>„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von
-den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“</p>
-
-<p>„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu
-bedenken.</p>
-
-<p>„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.</p>
-
-<p>„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“</p>
-
-<p>Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich
-mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid
-genäht.“</p>
-
-<p>So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas
-angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch
-den Schnee brächen &mdash; und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf
-aus der schreckbaren Schlucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span></p>
-
-<p>Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit
-vom Loch hintan und lachte.</p>
-
-<p>Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er
-in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.</p>
-
-<p>Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang
-war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann
-bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen
-sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern
-wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und
-hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche
-Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und
-jetzt gehen wir heim.“</p>
-
-<p>Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf
-mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder
-ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab
-und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit
-seiner Mutter stände. &mdash; Das Weiblein sei im Bett &mdash; sonst wüßten sie
-nichts.</p>
-
-<p>Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte,
-rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’
-beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s
-nachher schon sagen, warum.“</p>
-
-<p>Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande
-fand &mdash; zwar mühselig, aber stets heiter.</p>
-
-<p>„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und
-beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’
-ich Dich in der heutigen<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> Nacht herübergeplagt hab’. &mdash; Ja, ich muß Dir
-was sagen, Wolfl &mdash; aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“</p>
-
-<p>„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut
-geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’
-wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“</p>
-
-<p>„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl
-länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein
-Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß
-Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich
-gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s
-wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“</p>
-
-<p>Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl
-gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen,
-anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.</p>
-
-<p>„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’
-einen Terno gemacht.“</p>
-
-<p>Da horchte der Wolfgang auf.</p>
-
-<p>„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt &mdash;
-und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im
-Bettstroh ist das Geld. &mdash; Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so
-geschreckt?“</p>
-
-<p>Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße
-Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon
-der Frost herrühre.</p>
-
-<p>„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer
-ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so
-habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das
-nimmst mit! Was<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! &mdash; Es ist das
-Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein.
-Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. &mdash; Und jetzt, wenn Du meinst,
-daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf
-und thu mir sie grüßen!“</p>
-
-<p>O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der
-Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse
-Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem
-jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre &mdash; da drückte der Vater
-seinen ersten Knaben an’s Herz.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_26" name="kap_ende_26">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span></p>
-
-<h3 id="Mein_einziger_Sohn">Mein einziger Sohn.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d8" name="initial_d8">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>iese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften
-Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen
-Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und
-weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That
-der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. &mdash; In den Papieren eines
-Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:</p>
-
-<p>Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich
-habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles,
-arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen
-richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und
-wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand
-empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.</p>
-
-<p>Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang
-ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind &mdash; einen Sohn, und
-ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu
-fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht
-zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die
-Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter
-dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> Kind sieht nicht die
-dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.</p>
-
-<p>Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will
-nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube &mdash;
-aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn
-lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.</p>
-
-<p>Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt
-beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener
-ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei
-besaß er großen Ehrgeiz, der &mdash; wie wohlthätig dieser Charakterzug
-auch bei jungen Leuten wirken mag &mdash; mir doch bei meinem Sohne fast zu
-überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den
-glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in
-seinen Augen.</p>
-
-<p>Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging
-eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber &mdash; Alfred kam
-nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief,
-der folgendermaßen beginnt:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft3">„Liebe Eltern!</p>
-
-<p>Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit,
-daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei
-Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse
-entgangen sind u.&nbsp;s.&nbsp;w.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine
-Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger &mdash; dünkt mich &mdash; in seinem
-Kopf, und er war doch heimge<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span>kommen zu Muttern und genoß durchaus
-vergnügliche Vacanzen. &mdash; Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den
-Nachbar sagen.</p>
-
-<p>Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung
-seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.</p>
-
-<p>Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein
-hübsches &mdash; ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein
-Alfred &mdash; aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein
-noch größerer Fehler als bei Männern.</p>
-
-<p>Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den
-kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung
-genossen, keine Arbeit gelernt &mdash; war keine Häuslichkeit inne geworden.
-Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der <span class="antiqua">haute
-volée</span> des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und
-fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen.
-Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber
-redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.</p>
-
-<p>Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn.
-Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines
-Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der
-Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte.
-Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich
-zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und
-wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth
-wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe
-sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span></p>
-
-<p>Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da
-aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.</p>
-
-<p>„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen
-Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil
-ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine
-Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge
-besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig
-erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine
-Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“</p>
-
-<p>Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.</p>
-
-<p>Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.</p>
-
-<p>Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken,
-wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge
-Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen,
-und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in
-seinem eigenen Haupte &mdash; am Steuerrade der Vernunft.</p>
-
-<p>Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.</p>
-
-<p>Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden
-war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des
-Gerichtsschreibers.</p>
-
-<p>Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft3">„Mein lieber, guter Vater!</p>
-
-<p>Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu
-machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber
-ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens
-Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß
-dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher
-Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn</p>
-
-<p class="right mright2">Alfred.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief
-mitten auseinander. &mdash; Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du
-gutes Kind? &mdash; Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der
-Mensch ist seines Schicksals Schmied? &mdash; Und mich, den Vater, willst
-Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! &mdash; Es kann hier
-nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei
-versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren,
-so lange es möglich!</p>
-
-<p>Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den
-Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren
-verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath,
-als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht,
-aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf
-solche Art verlieren, das ist ein Schlag!</p>
-
-<p>Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er
-sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen
-lassen &mdash; nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut &mdash; so müßten sein
-gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand
-gewonnen haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst
-voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns
-fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter
-Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein
-Kind zu retten.</p>
-
-<p>Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst
-von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch
-abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. &mdash; Es
-vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.</p>
-
-<p>Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich
-bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich
-wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem
-Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht
-geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das
-mich rief, war einmal da.</p>
-
-<p>Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des
-Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! &mdash; Nach diesem Grundsatze hat der
-Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die
-Schultern des Volkes gewälzt.</p>
-
-<p>Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf
-mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine
-Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer
-ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des
-Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir
-endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer,
-daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen
-Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p>
-
-<p>Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen
-hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem
-vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße,
-hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände
-vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der
-Selbstmorde.</p>
-
-<p>Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft
-erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu
-fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege
-nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: &mdash; das war nicht Gottes Stimme,
-denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit
-seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht
-das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet
-hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall
-des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.</p>
-
-<p>So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden
-Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So
-war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich
-nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen
-That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an.
-Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!</p>
-
-<p>Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.</p>
-
-<p>Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung
-die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt
-&mdash; abgelehnt von dem Angeklagten selbst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span></p>
-
-<p>Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen
-sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu
-verzichten. Wie ich harmlos war!</p>
-
-<p>Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging
-ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche
-Publicum.</p>
-
-<p>Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und
-Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah.
-Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. &mdash; „Die Geliebte zu
-ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte!
-Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe
-Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und
-Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.</p>
-
-<p>Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen
-Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe
-fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben
-vergeblich gesucht werde.</p>
-
-<p>„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche
-Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die
-Leut’ solche Ansichten hätten!“</p>
-
-<p>Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.</p>
-
-<p>Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei
-bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.</p>
-
-<p>Der Angeklagte war mein Sohn. &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung
-sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines
-mattleuchtenden Auges war auf<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> mich gefallen. Ein leises Zucken &mdash; ich
-merkte es wohl &mdash; ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder
-gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen
-mich. &mdash; Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu
-sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der
-des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder
-hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte
-das nützen! In der Stadt &mdash; gleichwohl diese ziemlich weit von meinem
-Gute entfernt lag &mdash; war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen
-Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte
-laut &mdash; daß mir der Grund des Herzens erbebte &mdash; den Namen Alfred
-Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen
-des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching,
-durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus
-ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.</p>
-
-<p>Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da
-mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem
-kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das
-Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt
-gesühnt &mdash; an ihm, an mir.</p>
-
-<p>Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der
-Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen
-sah ich mit dem Kopfe nicken.</p>
-
-<p>Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der
-Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche
-Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span></p>
-
-<p>Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.</p>
-
-<p>Ich kann kein Wort davon vergessen.</p>
-
-<p>„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben;
-das &mdash; ich wußte es &mdash; war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt
-wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu
-meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch,
-verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes
-und ich bin schuldig geworden; &mdash; so endet meine Qual! &mdash; Aber auf
-meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint &mdash;
-ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu
-entgehen?“</p>
-
-<p>„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube
-an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und &mdash; eine leichtfertige
-Ausrede.“</p>
-
-<p>„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten
-Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir.
-&mdash; Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses
-zerstören; <em class="gesperrt">sie</em> wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse
-keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns
-ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir
-selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen
-Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß
-gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht
-am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen
-andern Ausweg, als den Tod? &mdash; Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie,
-beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen
-gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> geschrieben. Wir
-haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung
-und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter
-höchstes nicht!“</p>
-
-<p>„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der
-Tribüne.</p>
-
-<p>„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen.
-Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. &mdash; O, hätte ich
-doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich
-in den Jammer gestoßen. &mdash; Wißt es noch, wie es war. &mdash; An meiner
-Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht
-mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute <em class="gesperrt">vor</em> ihr wäre
-ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos
-für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch
-gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke &mdash; die
-mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der
-Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe
-gegen <em class="gesperrt">meinen</em> Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile
-eilen die Leute herbei und führen mich davon. &mdash; Und jetzt nannten es
-die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode
-mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die
-durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten
-Richter, thut an mir desgleichen.“</p>
-
-<p>Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf
-die Bank.</p>
-
-<p>Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn
-war der:</p>
-
-<p>Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in
-das Irrenhaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span></p>
-
-<p>Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und
-gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging
-hinaus.</p>
-
-<p>Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf
-den fällt das Blut!“</p>
-
-<p>Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.</p>
-
-<p>Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich,
-und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei
-freigesprochen worden.</p>
-
-<p>Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.</p>
-
-<p>Ich erfuhr es bald, und ohne ihn noch einmal zu sehen, fuhr ich
-auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches
-gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner
-Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß
-kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr
-das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem
-trauten Herzen ausgeweint &mdash; aber ich wagte es nicht, in ihr zartes,
-reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich
-blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes
-zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; &mdash;
-aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und
-ihre Haare begannen rasch zu bleichen.</p>
-
-<p>Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres
-Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene
-Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem
-Elternherzen bereiten mag....</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span></p>
-
-<p>Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der
-Hauptstadt:</p>
-
-<div class="brief">
-
-<p class="mleft2">„Liebste, allerliebste Eltern!</p>
-
-<p>Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre
-geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu
-leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann
-ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet
-auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es
-sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn</p>
-
-<p class="right mright2">Alfred.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise,
-sie habe ja längst Alles gewußt.</p>
-
-<p>Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem
-heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die
-er uns angethan.</p>
-
-<p>Gott weiß es &mdash; wir haben ihm verziehen.</p>
-
-<p>Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben
-könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes
-Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu
-erziehen. &mdash; Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein
-Gewissen dadurch erleichtert worden.</p>
-
-<p>Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind
-allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.</p>
-
-<p>Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind
-angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten
-Streben, es vor Leichtsinn zu wahren,<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span> es vor allen Leidenschaften
-des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm
-heranzubilden.</p>
-
-<p>Es ist unser einziges Kind.</p>
-
-<p>Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er
-Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück,
-wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_27" name="kap_ende_27">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Suendensteg">Der Sündensteg.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d9" name="initial_d9">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">„D</span>u Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“</p>
-
-<p>Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.</p>
-
-<p>„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“</p>
-
-<p>„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“</p>
-
-<p>„Und was bewirkt sie?“</p>
-
-<p>„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der
-heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen
-Todes schuldig.“</p>
-
-<p>„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’,
-Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch
-die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun
-fremden&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Alle kann ich, Herr Katechet.“</p>
-
-<p>„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade
-Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt,
-der fährt in die&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Hölle!“ ergänzen die Kinder.</p>
-
-<p>Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn
-in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> der Crispin schon gar nicht,
-der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom
-Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.</p>
-
-<p>Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger
-empor.</p>
-
-<p>„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“</p>
-
-<p>Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer
-mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem &mdash; vor dem&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Teufel&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Nicht zu fürchten.“</p>
-
-<p>Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom &mdash; Andern.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte
-Geschichte.</p>
-
-<p>Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er
-hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er
-kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig.
-&mdash; Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und
-das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch
-ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im
-Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie &mdash;
-kurz, er hat was gelernt.</p>
-
-<p>Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war,
-erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von
-der Magdalena.</p>
-
-<p>„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann
-wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“
-Und lief davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span></p>
-
-<p>Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte
-sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab,
-steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“</p>
-
-<p>„Wesweg’?“</p>
-
-<p>„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum
-Fressen gern.“</p>
-
-<p>„Das kunnt Jeder sagen.“</p>
-
-<p>„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so
-kommt’s nur auf’s Probiren an.“</p>
-
-<p>„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“</p>
-
-<p>„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden,
-Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger
-gegen Himmel.“</p>
-
-<p>„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und
-drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen
-zu einer Sünd’!“</p>
-
-<p>„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“</p>
-
-<p>„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“</p>
-
-<p>„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“</p>
-
-<p>„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich
-denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“</p>
-
-<p>„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“</p>
-
-<p>„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht
-weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den
-Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span></p>
-
-<p>„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu
-gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“</p>
-
-<p>„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das
-Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein
-Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu
-suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’
-zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch
-ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“</p>
-
-<p>„Dirndl, Du bist aber schon gar!“</p>
-
-<p>„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht
-Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem
-Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“</p>
-
-<p>„Stehen soll’s bleiben!“</p>
-
-<p>„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’
-seid es am wenigsten. &mdash; Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum
-Feind!“</p>
-
-<p>Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s
-Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“</p>
-
-<p>„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur
-kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! &mdash; So. Bist halt
-doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“</p>
-
-<p>Dann gingen sie auseinander.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm,
-aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der
-Steghofer, bei dem das Mädchen<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span> diente. Sie war ein Viertelstündchen
-über die Zeit ausgeblieben.</p>
-
-<p>Der Steghofer &mdash; die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute
-recht gut wie er’s trieb &mdash; war ein roher, jähzorniger Mensch; das
-hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der
-Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein
-„angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der
-eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach
-dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde.
-Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der
-niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig
-nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen
-und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser
-einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das
-geschehen wird.</p>
-
-<p>Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen,
-die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause
-getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren
-hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines
-Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer
-war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte &mdash; der
-Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte &mdash; der Alte erreichte
-nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher
-viel feiner machen....</p>
-
-<p>Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist
-gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen.
-Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span> solle er darin seinen Mann
-zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.</p>
-
-<p>„Auch die Prügel?“</p>
-
-<p>„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das
-nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in
-Ewigkeit gegen sich.“</p>
-
-<p>„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“</p>
-
-<p>Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt
-giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen
-laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.</p>
-
-<p>„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter
-Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle
-lustigen Kameraden wieder.“</p>
-
-<p>„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“</p>
-
-<p>Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen
-nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es
-keinen Lohn findet; seiner &mdash; des Guten selbst willen &mdash; wird der echte
-und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein
-suchen, Gutes gethan zu haben.“</p>
-
-<p>Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen
-wie dem Crispin?</p>
-
-<p>Der Crispin, als er das gehört hatte &mdash; bei einer Feierlichkeit, vom
-Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik
-gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen &mdash; der Crispin also dachte
-und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer
-gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern
-Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf <em class="gesperrt">dieser</em> zu thun
-hab’.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor
-Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten
-Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.</p>
-
-<p>Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein
-Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.</p>
-
-<p>Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein:
-„Dir ist Einer zuviel im Steghof!“</p>
-
-<p>„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.</p>
-
-<p>„Ja!“ lacht der Bauer &mdash; seine Stimme ist aber doch schon heiser &mdash;
-„der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten
-Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin
-ich <em class="gesperrt">nicht</em>. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich
-ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen
-möchtest weiden.“</p>
-
-<p>Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel
-seiner Finger in das eigene Fleisch. &mdash; Soll er denn sein Leben
-verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und
-Hof! &mdash; Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber
-helfen.</p>
-
-<p>Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden
-waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.</p>
-
-<p>„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an,
-wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer
-Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“</p>
-
-<p>„Wo hast denn Du Dein Korn?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span></p>
-
-<p>„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige
-Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“</p>
-
-<p>„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist
-Sünd’, kommst in die Höll’!“</p>
-
-<p>„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt;
-ist nicht assecurirt gewesen!“</p>
-
-<p>„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.</p>
-
-<p>„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder
-beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“</p>
-
-<p>Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte
-bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er
-denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So
-schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.</p>
-
-<p>Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in
-Freuden.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die
-Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal
-Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod
-abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur,
-daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß
-verlangt. &mdash; Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.</p>
-
-<p>Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.</p>
-
-<p>Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das
-Korn. Jetzt war der Teufel los, der<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> Crispin mochte an einen glauben
-oder nicht. &mdash; Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch
-ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich,
-stark genug, einander zu zerfleischen.</p>
-
-<p>Das Laster geht geraden Weg.</p>
-
-<p>Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die
-gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie
-willst mir sie verkaufen?“</p>
-
-<p>„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel,
-„willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr
-mitsammt der Kette.“</p>
-
-<p>„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts
-gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“</p>
-
-<p>„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s.
-Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und &mdash;“ er legte die
-Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“</p>
-
-<p>„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt
-durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab,
-welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte:
-Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in
-das Häuschen seines Freundes.</p>
-
-<p>„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig
-wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei
-gegossen. Und was ist heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span>gekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem
-Kameraden ein Stück Blei hin.</p>
-
-<p>„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“</p>
-
-<p>„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“</p>
-
-<p>„Das mag auch sein.“</p>
-
-<p>Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war,
-als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.</p>
-
-<p>„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich,
-„da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“</p>
-
-<p>Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.</p>
-
-<p>„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß
-ich Dich frag’ Franz, &mdash; hast Du Dir’s überlegt?“</p>
-
-<p>„Was?“</p>
-
-<p>„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“</p>
-
-<p>„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.</p>
-
-<p>„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen
-Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz,
-und wir wollen alleweil zusammenhalten.“</p>
-
-<p>„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich
-arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher
-bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber
-nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt &mdash; thätest Du nicht sein &mdash;
-mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur
-so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“</p>
-
-<p>Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden.
-Beide schüttelten sich die Hände.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span></p>
-
-<p>Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.</p>
-
-<p>„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere
-nickte mit dem Kopfe.</p>
-
-<p>„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu
-beweisen.</p>
-
-<p>„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“</p>
-
-<p>„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“</p>
-
-<p>Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir
-schwören, daß Du mir hilfst?“</p>
-
-<p>„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’,
-das wird doch nicht vonnöthen sein?“</p>
-
-<p>„Man kann’s nicht wissen.“</p>
-
-<p>„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’
-kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“</p>
-
-<p>„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in
-der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am
-allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“</p>
-
-<p>„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird
-doch nichts Unrechtes sein.“</p>
-
-<p>„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib
-haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin
-fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“</p>
-
-<p>„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was
-kann ich Dir denn thun?“</p>
-
-<p>„Rath’ einmal.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span></p>
-
-<p>„Wieder Korn tragen helfen?“</p>
-
-<p>„Nein, Franz.“</p>
-
-<p>„Brauchst etliche Groschen Geld?“</p>
-
-<p>„Nein, Franz!“</p>
-
-<p>„Soll ich Dir Eine überreden?“</p>
-
-<p>„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“</p>
-
-<p>„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“</p>
-
-<p>„&mdash; &mdash; Nein, Franz.“</p>
-
-<p>„Ihm das Haus anzünden?“</p>
-
-<p>„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“</p>
-
-<p>„Kunnt’ nicht mehr rathen.“</p>
-
-<p>„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es
-&mdash; aber greif’ zu, trink’, trink’ &mdash; Du mußt mir schwören, daß Du es
-Niemand sagst!“</p>
-
-<p>„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“</p>
-
-<p>„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand!
-Bei Gott und Deiner Seel’! &mdash; Du willst nicht? Nicht einmal den Arm
-heben, mir zu Lieb?“</p>
-
-<p>„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier
-kann ich’s noch weniger.“</p>
-
-<p>„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“</p>
-
-<p>Dem Wachszieher &mdash; wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ &mdash;
-vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen
-Seele!“</p>
-
-<p>Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.</p>
-
-<p>„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin.
-&mdash; „Alter Satan, da drüben, Du hast<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span> mir heut’ das letztemal gesagt,
-daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“</p>
-
-<p>„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber
-gleich, was Du verlangst.“</p>
-
-<p>„Ich? Was ich verlang’?“</p>
-
-<p>„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“</p>
-
-<p>Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den
-Steghofer um.“</p>
-
-<p>Der Franz prallt zurück.</p>
-
-<p>Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen,
-wie ernst es ihm ist.</p>
-
-<p>„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab:
-„Geh’, geh’! &mdash; Geh’!“</p>
-
-<p>„Also, Du magst nicht?“</p>
-
-<p>„Mein Lebtag nicht. <em class="gesperrt">Mein Lebtag nicht!</em>“</p>
-
-<p>„So. &mdash; Also <em class="gesperrt">meineidig</em> willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt
-der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.</p>
-
-<p>„Daß Du <em class="gesperrt">so</em> was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“</p>
-
-<p>„Und hast doch geschworen!“</p>
-
-<p>„Hätt’ &mdash; hätt’ ich Dir <em class="gesperrt">das</em> geschworen?“ ächzt der Franz und
-ringt nach Athem.</p>
-
-<p>„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir
-nicht zu helfen.“</p>
-
-<p>Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.</p>
-
-<p>„Nun?“ frägt der Soldat.</p>
-
-<p>„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor
-behüt’ mich Gott.“</p>
-
-<p>„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde
-ich’s selber thun. Du könntest einen<span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span> Vatermord verhindern, hörst Du,
-einen <em class="gesperrt">Vatermord</em>! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur,
-hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich
-einen Schurken, Dein Lebtag lang.“</p>
-
-<p>Der arme Franz &mdash; in Wahn befangen &mdash; rang die Hände, starrte stumm
-vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß
-er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und
-ein zweifacher Mörder sein! &mdash; Aber Vatermord und Meineid sind die
-schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid
-nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der
-Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge
-ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst &mdash;
-Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt
-und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben &mdash; die Hand hat falsch
-geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s
-Firmament. Wer löscht ihn aus?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.</p>
-
-<p>„Nun?“ fragte der Crispin wieder.</p>
-
-<p>„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“</p>
-
-<p>„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“</p>
-
-<p>„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“</p>
-
-<p>„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder
-behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen
-Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei
-still.“</p>
-
-<p>Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte:
-„Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst.<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span> Du siehst, dem Alten ist’s
-Bestimmung. &mdash; Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei
-in sieben Tagen ausgeräumt!“</p>
-
-<p>Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und
-stürzte aus der Stube &mdash; in die erste finstere Nacht des neuen Jahres
-hinein.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden
-Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den
-trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn
-doch nicht der Rechte.</p>
-
-<p>Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch
-die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse
-es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald
-ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur
-Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein
-fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser
-Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen
-bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten
-ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne,
-wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in
-den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden
-worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der
-Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich
-in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten
-diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine
-Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span></p>
-
-<p>Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und
-Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.</p>
-
-<p>Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte
-seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.</p>
-
-<p>Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu
-geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im
-Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.</p>
-
-<p>Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der
-Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. &mdash; Wenn
-das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter <em class="gesperrt">diesem</em> Manne
-brechen, er <em class="gesperrt">muß</em> brechen. &mdash; Der Bursche nahm eine Handsäge unter
-den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen
-die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg
-hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel
-durch.</p>
-
-<p>„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten
-Zeit brechen.“</p>
-
-<p>Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.</p>
-
-<p>Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete
-das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen
-hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; &mdash; sie
-läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der
-Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. &mdash; Heute saß
-er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen
-Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden.
-Eigentlich mochte er das Mädchen, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> sang, auch leiden; Juliana
-war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun
-an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben,
-dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.</p>
-
-<p>„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das
-kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“</p>
-
-<p>„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.</p>
-
-<p>„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“</p>
-
-<p>„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“</p>
-
-<p>„Wer?“</p>
-
-<p>„Nun, wer denn? Der Crispin.“</p>
-
-<p>Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die
-Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin <em class="gesperrt">ich</em>!“</p>
-
-<p>„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand
-und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher
-nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er
-hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien
-denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die
-Sense.</p>
-
-<p>„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.</p>
-
-<p>„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem
-Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“</p>
-
-<p>„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern
-über den Waldsteig.“</p>
-
-<p>„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte
-der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur
-Herdgluth.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span></p>
-
-<p>In demselben Augenblicke knallte ein Schuß &mdash; gellte ein Schrei &mdash;
-klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.</p>
-
-<p>Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch
-die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden
-Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe
-schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel
-und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem
-den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.</p>
-
-<p>Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem
-Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner
-Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz,
-der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich
-hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“</p>
-
-<p>Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch
-ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust
-emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was
-mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn
-geschossen habe.</p>
-
-<p>„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und
-dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich
-ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor
-Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen
-legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf,
-um<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden,
-und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es
-nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige
-Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und
-den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die
-Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.</p>
-
-<p>Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee
-leitete sie gegen die Natterklamm.</p>
-
-<p>„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die
-Leute.</p>
-
-<p>„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich
-selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.</p>
-
-<p>Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu &mdash; und der
-Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und
-Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln
-vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren
-die Tritte nicht mehr zu spüren.</p>
-
-<p>„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.</p>
-
-<p>Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.</p>
-
-<p>Als sie nach zwei Tagen &mdash; es war der siebente Tag nach der
-Neujahrsnacht &mdash; den Sarg des Crispin durch den Wald und an den
-Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den
-Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz
-als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin
-des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten
-Tagen benommen hätte. &mdash; Gar wie ein Irrsinniger.<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> Beim Tag nichts
-gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im
-Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen,
-daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er!
-Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“</p>
-
-<p>Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen;
-der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die
-Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er.
-Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.</p>
-
-<p>In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm
-die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer
-von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende
-Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf
-dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin &mdash; Gemordete
-liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen
-Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft,
-Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.</p>
-
-<p>Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das
-Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten
-Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_28" name="kap_ende_28">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Thuermer_von_Muensterwald">Der Thürmer von Münsterwald.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_i6" name="initial_i6">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_i.jpg" alt="I" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">I</span>n der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.</p>
-
-<p>Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn?
-Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein
-darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen
-Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch
-wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in
-demselben für ihre Abende vorbereiten können.</p>
-
-<p>„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes
-Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt.
-Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen
-in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen
-Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen
-gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s
-nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der
-leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß
-schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube
-unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon
-die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span> auf dem Thurm erst die
-neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird
-sich der Thürmer die Zeit vertreiben? &mdash; Jetzt liegen sie neun Stunden
-lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch
-immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der
-Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!</p>
-
-<p>Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin
-über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange
-Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden
-Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön
-seine Glocken klingen.</p>
-
-<p>Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in
-welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht
-die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die
-Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht
-tiefer; sein Mund murmelt:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Die Lust hat uns verbunden,</div>
- <div class="verse">Die Schuld hat uns getrennt.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit.
-Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines
-nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die
-Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst
-lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und
-seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm,
-bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.</p>
-
-<p>Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken
-läuten. Ein Heil war im Anzug, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span> Gnade für Münsterwald. Der Thürmer
-zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der
-Töne &mdash; er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran
-dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und
-Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande &mdash; der Eine
-wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Die Lust hat uns verbunden,</div>
- <div class="verse">Die Schuld hat uns getrennt.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet,
-drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen
-Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den
-Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten,
-keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel
-herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen,
-unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren
-breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.</p>
-
-<p>Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst
-er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich
-schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser
-Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein
-Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam
-scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. &mdash;
-Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser
-Jahreszeit bei uns nicht viel herum!</p>
-
-<p>Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte
-sich bald in Lob und Bewunderung.<span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span> Auch die Leute von Münsterwald waren
-aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde
-Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle,
-auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen
-Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.</p>
-
-<p>Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte,
-da wurde die Kirche zu klein &mdash; und das will in Münsterwald was sagen!
-Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit
-Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter
-dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche
-die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht
-desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal,
-aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges
-in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine
-Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte
-einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“</p>
-
-<p>Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben
-Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum
-Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang,
-er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht
-nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer?
-Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.</p>
-
-<p>Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches
-Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in
-den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach &mdash; auf der
-kleinsten dieser Glocken<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> stand mit Kreide geschrieben der Name
-„Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer
-wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben
-zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da
-das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen
-Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name
-Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum
-Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton
-eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum
-Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! &mdash; Da ist ein
-junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? &mdash; Zu
-Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der
-Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin.
-Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an &mdash; und das
-war sein Weihnachtsfest.</p>
-
-<p>Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den
-bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las.
-Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte
-mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in
-die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach
-der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte
-derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein
-gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von
-den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel
-schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.</p>
-
-<p>Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er:
-„Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beicht<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span>stuhl nicht der rechte
-Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“</p>
-
-<p>Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige
-Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme
-schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“</p>
-
-<p>„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den
-Pfarrhof.“</p>
-
-<p>Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie
-<em class="gesperrt">Der</em> kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben
-und Sterben, Du heiliger Gott!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende
-Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald
-zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen
-Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über
-der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe
-mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht.
-Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden.
-Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche
-dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe
-mein Kind umgebracht.“</p>
-
-<p>Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf
-seinen Platz &mdash; und schwieg.</p>
-
-<p>„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.</p>
-
-<p>„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist
-gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten
-erfassen.</p>
-
-<p>„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so
-schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen.
-Ach, das Neugeborne schon ist<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span> eine Sünde gewesen &mdash; aber eine Sünde,
-Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten
-haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust
-hat uns verbunden! &mdash; Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick
-für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten
-gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen
-einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und
-Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht
-dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn <em class="gesperrt">der</em>
-Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren
-jetzt der geistliche Herr in die Höh’! &mdash; Hat <em class="gesperrt">brav</em> studirt, der
-Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. &mdash; Wie er in seinem
-einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und
-uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in
-die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem
-Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger
-Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus
-hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die
-Leute gar gesagt haben: Wenn <em class="gesperrt">solche</em> Kirchenglocken läuten, da
-wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück
-nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’
-vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der
-Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen
-die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein,
-gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in
-der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen,
-der Maria-Himmel<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span>fahrtstag war’s &mdash; werde ich eilends von meinem Thurm
-gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen
-und mitten drin haben sie &mdash; mit einem Strick die Hände gebunden &mdash;
-meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie
-wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß
-der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald
-geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem
-Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer,
-geistlicher Mann! Was <em class="gesperrt">das</em> ist, wenn Einem das eigene Kind auf
-einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was <em class="gesperrt">das</em> ist! Tausend
-Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! &mdash; Nichts
-weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein
-Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin,
-sonst war er brav. Und jetzt auf einmal <em class="gesperrt">das</em>! &mdash; Daß mich der
-Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat
-er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! &mdash;
-Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben
-gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen,
-daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld
-braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster
-hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat
-hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als
-wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift
-kein’s. &mdash; Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb!
-Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei
-mir wollen Schutz suchen. &mdash; Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und
-Zorn<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span> mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust
-zurück. &mdash; Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus
-der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort &mdash; und seit dieser Stund’
-hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“</p>
-
-<p>Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er
-zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl
-bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel
-fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat,
-ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“</p>
-
-<p>„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei,
-sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret
-der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache
-auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz
-geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr
-habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande,
-die Ihr auf <em class="gesperrt">Euer</em> Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s,
-weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen
-unschuldig gewesen!“</p>
-
-<p>„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände &mdash; aus Verzweiflung
-&mdash; aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:</p>
-
-<p>„Wie wißt Ihr denn das?“</p>
-
-<p>„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“</p>
-
-<p>„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so
-häßlich als geizig gewesen ist.“</p>
-
-<p>„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche;
-„sollte der Moses keine solche gehabt haben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort
-müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“</p>
-
-<p>„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“</p>
-
-<p>Der Alte horchte auf.</p>
-
-<p>„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“</p>
-
-<p>„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er
-das selber nicht gesagt?“</p>
-
-<p>„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus
-Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den
-Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“</p>
-
-<p>„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für
-meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“</p>
-
-<p>„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die
-Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“</p>
-
-<p>„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume
-erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja,
-so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger
-Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“</p>
-
-<p>Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’
-mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“</p>
-
-<p>„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen.
-Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht
-mehr zurückkehren.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span></p>
-
-<p>„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um
-Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich
-such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“</p>
-
-<p>„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal
-vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine
-Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat.
-Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu
-früh kommen.“</p>
-
-<p>„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß!
-Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst
-heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen
-soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“</p>
-
-<p>„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl
-kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für
-einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt:
-der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte
-Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der
-Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte
-damals ja gehört haben. &mdash; Und so wird’s wieder lebendig.“</p>
-
-<p>„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der
-Thürmer.</p>
-
-<p>„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren
-Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der
-Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der
-des Mammons wegen beim Juden einsteigt. &mdash; Valentin hat in einem
-katho<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span>lischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet,
-dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des
-Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu
-verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den
-Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine
-Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“</p>
-
-<p>„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.</p>
-
-<p>„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren,
-daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere
-zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne
-nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen
-Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen
-Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit
-dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten
-sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu
-sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“</p>
-
-<p>„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“</p>
-
-<p>Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater,
-wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so
-seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton,
-so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es
-eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen
-den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span></p>
-
-<p>Der alte Mann läutete und läutete &mdash; vergaß in der Freude auf das
-Aufhören.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.</p>
-
-<p>Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren
-Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in
-den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein
-Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.</p>
-
-<p>Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch
-ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben
-nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen
-Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen
-müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen
-als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu
-sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und
-der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen
-werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so
-leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem
-Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber
-diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und
-jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die
-Absolution.</p>
-
-<p>„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der
-Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich
-lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich!
-Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte
-ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span>
-Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen
-Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas,
-Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde
-richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch
-nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir
-barmherzig bist!“</p>
-
-<p>„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen
-Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.</p>
-
-<p>„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß
-Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“</p>
-
-<p>„Das sagst <em class="gesperrt">Du</em> mir nicht mehr, mein lieber Martin.“</p>
-
-<p>„Weißt <em class="gesperrt">Eins</em>, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“</p>
-
-<p>Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der
-Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich
-doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“</p>
-
-<p>„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“
-versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich
-sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen,
-hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das
-kommt von mir!“</p>
-
-<p>„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht
-verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“</p>
-
-<p>„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter,
-„der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen.
-Die hab’ ich oftmalen auf<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span>gesucht, und just das, hab’ ich vermeint,
-wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch
-wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt
-daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die
-Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen
-Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen
-und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er
-sich holen wollen &mdash; da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’
-gewesen.“</p>
-
-<p>„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? &mdash; daß er sich beim Mädel
-wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“</p>
-
-<p>„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“</p>
-
-<p>„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du &mdash; wenn Du schon schlecht
-hast sein können &mdash; ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die
-Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“</p>
-
-<p>„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin
-nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald
-geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber
-gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! &mdash; Heut’
-versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann &mdash; aber
-wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern
-Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“</p>
-
-<p>Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter
-an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und
-soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! &mdash; hättest Du vorig’ Jahr
-nicht Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span>meindevorstand von Grabendorf werden sollen? &mdash; so kennt man
-Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“</p>
-
-<p>„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt
-seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet
-gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein
-Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie
-ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die
-Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche
-Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest,
-Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein
-aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her,
-und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen:
-jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’
-ich umhergewurmt, daß ich doch <em class="gesperrt">einmal</em> etwas vom Valentin hören
-sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt
-weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne
-nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich
-mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt,
-hab’ nicht mehr gefragt &mdash; aber still ist’s in mir nimmer geworden. &mdash;
-Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir
-möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und
-bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“</p>
-
-<p>Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht
-lange liegen.</p>
-
-<p>„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der
-Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> Deinem Beichtvater und
-sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“</p>
-
-<p>„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt
-kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen,
-wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken &mdash; Du wirst Deinen
-guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen,
-Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder &mdash; aber was wird aus mir armem
-Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“</p>
-
-<p>Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem
-wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er
-den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich
-gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es
-wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute
-haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“</p>
-
-<p>„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? &mdash; Als in der heiligen
-Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel
-thäten läuten! ’s ist <em class="gesperrt">keine</em> Mär’, Du <em class="gesperrt">bist</em> ein Engel!“</p>
-
-<p>„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das
-kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen
-Kindern!“</p>
-
-<p>„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und
-knarrte die Stiege hinab.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm
-hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. &mdash; Niemand
-sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen,
-daß in diesem Pater Christof<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch
-ausgehetzte Valentin stecke.</p>
-
-<p>Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich
-bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des
-Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine
-Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das
-wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“</p>
-
-<p>Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege
-hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.</p>
-
-<p>Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus
-Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles
-wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der
-Korbflechter Martin gethan habe.</p>
-
-<p>„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.</p>
-
-<p>„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie
-mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus
-Verzweiflung das Leben genommen!“</p>
-
-<p>„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute,
-kaum Ihr ihn von <em class="gesperrt">einer</em> Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der
-andern an. Ein Mord &mdash; und der Selbstmord ist auch einer &mdash; läßt gar
-nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige <em class="gesperrt">ich</em> den Valentin,
-er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort.
-Sein letztes Wort an die Leute von Münster<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span>wald war die Bitte, dem
-Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts
-Schlechtes nachzutragen &mdash; das freiwillige Geständniß hätte Alles
-gelöscht.</p>
-
-<p>Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden
-Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.</p>
-
-<p>Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge
-gegen Himmel empor. &mdash; Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein
-Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_29" name="kap_ende_29">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p>
-
-<h3 id="Aga">Aga.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_d10" name="initial_d10">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_d.jpg" alt="D" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>as Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem
-Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen
-ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der
-gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte &mdash; aber
-vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten
-getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme
-Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat
-ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den
-Hochaltar begleiten wollen &mdash; da ist sie vorgestern in der ruhsamen
-Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt
-gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag
-kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die
-Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub.
-Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen
-wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter
-getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat
-sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p>
-
-<p>Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu
-Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke.
-Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem
-Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen
-mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!</p>
-
-<p>Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein
-Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und
-den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des
-Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken &mdash; guck’ ich
-ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der
-alten Aga.</p>
-
-<p>Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen
-des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist
-ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei
-Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so
-blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten
-sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur
-das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz
-und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben
-geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die
-Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen
-Gottes hat geschrieben.</p>
-
-<p>Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann
-gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines
-Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge
-und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit,
-schönes<span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span> Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein?
-Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen
-in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des
-Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen.
-Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort
-gewesen.</p>
-
-<p>Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf
-die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen
-Blättchen vom Heidegestrüpp &mdash; da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast
-Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und
-kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben
-im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das
-Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern
-Hausbedarf.“</p>
-
-<p>Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles
-Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.</p>
-
-<p>Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus
-gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein
-und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten
-und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen
-Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie
-der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne
-heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen
-und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen;
-sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie
-zusammenströmte.</p>
-
-<p>Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur
-Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen,<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> zu Aga gesellt, und sagte
-ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter
-daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein
-schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf
-brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und
-schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.</p>
-
-<p>Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie
-hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will
-ich’s der Mutter heimtragen!“</p>
-
-<p>„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann,
-„ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst
-bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl
-schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die
-nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“</p>
-
-<p>So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie
-begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz
-liegt verborgen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand
-an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und
-ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt
-und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat
-die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint
-von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“</p>
-
-<p>Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren
-lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage,
-da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter
-und Kind<span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span> sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen
-ihre Herzen nicht mochten erklimmen.</p>
-
-<p>Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die
-Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte,
-und grüßten mit Anstand und verlangten &mdash; das Mädchen. Da fragte die
-Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da
-wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur
-Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’
-Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in
-seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.</p>
-
-<p>Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter.
-Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern
-vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der
-Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und
-fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete
-mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.</p>
-
-<p>Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war
-Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe
-senden.</p>
-
-<p>Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen
-Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen
-und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie
-ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen
-Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken
-in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte,
-so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit &mdash; sie wolle bei<span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span> der
-nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr.
-Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie
-eines Tages &mdash; als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen &mdash;
-gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne
-sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im
-kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein
-glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte
-versüßen. &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.</p>
-
-<p>Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig
-Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein
-Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das
-Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder
-gehen, wohin es ihm beliebe &mdash; er halte es nicht auf.</p>
-
-<p>So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock
-in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der
-Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh
-ist die Mutter gelegen &mdash; kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der
-Wange.</p>
-
-<p>Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt,
-wie lange sie müsse dienen und arbeiten?</p>
-
-<p>Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die
-folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß
-Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“</p>
-
-<p>An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben
-und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in
-langer Noth und Drangsal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span></p>
-
-<p>Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine
-rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen.
-Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’
-entblättern!</p>
-
-<p>Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus
-siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert
-mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein
-neues Jahr der Lasten zugetrunken.</p>
-
-<p>Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau
-gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen
-gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn
-als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das
-hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga
-erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend
-gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich
-entlockt ward.</p>
-
-<p>Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns
-aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner
-Markung.</p>
-
-<p>Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie
-gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten
-Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’
-hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht
-belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist
-Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das
-Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das
-hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur
-Zeit der Heidelbeerenblüthe zum<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> erstenmale hatte gesehen, lag seit
-fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod
-ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen:
-im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen,
-da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie
-freundlich diesem Hohne der Erde entführt. &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die
-Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.</p>
-
-<p>Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_30" name="kap_ende_30">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<div class="section mtop3">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span></p>
-
-<h3 id="Drei_Stunden_vor_dem_Sterben">Drei Stunden vor dem Sterben.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="initial_s3" name="initial_s3">
- <img class="w5em mtop-1 vat" src="images/initial_s.jpg" alt="S" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first">S</span>ie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.</p>
-
-<p>Dominicus bog mit einer Hand das kühle Reisig der jungen Tannen
-auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel
-Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann
-geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will
-nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.</p>
-
-<p>Der Andere &mdash; Lorenz &mdash; schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen
-hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen
-Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete.
-Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger
-Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in
-Arm gingen &mdash; denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht
-gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten &mdash; denn der
-Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn
-Einer zu tief in den Wald hinausging &mdash; denn der Orden sprach von den
-heiligen Mauern. &mdash; Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht
-er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die
-Büsche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.</p>
-
-<p>„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.</p>
-
-<p>„Nur beten,“ versetzte der Andere.</p>
-
-<p>„Beten? Kannst Du’s jetzt?“</p>
-
-<p>„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen
-steht, nur selten.“</p>
-
-<p>„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“</p>
-
-<p>„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich
-ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich
-selber beten &mdash; Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber
-Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“</p>
-
-<p>„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte
-sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians
-werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte
-doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht
-zur goldenen Kette brächte!“</p>
-
-<p>„Golden, golden &mdash; wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz
-gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich
-einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders.
-Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich &mdash;
-Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen
-Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das
-Stift und seine guten Weine.“</p>
-
-<p>Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das
-Haupt und blickte gegen die blauenden<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span> Felswände auf. Ueber denselben
-stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.</p>
-
-<p>„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das
-himmlische Zion.“</p>
-
-<p>„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen,
-heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“</p>
-
-<p>„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen
-Glauben!“</p>
-
-<p>„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“</p>
-
-<p>„Und Menschen fischen?“</p>
-
-<p>„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“</p>
-
-<p>„Wie, Du wolltest &mdash;?“</p>
-
-<p>„Baden.“</p>
-
-<p>„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? &mdash;
-Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“</p>
-
-<p>„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen!
-Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“</p>
-
-<p>„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus,
-machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht
-abschreckend wirken sollte.</p>
-
-<p>„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand
-ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre
-mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es
-entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“</p>
-
-<p>„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.</p>
-
-<p>„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er
-und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser
-Welt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute
-in der Luft liegen.“</p>
-
-<p>Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag
-aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht
-hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen
-Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu
-sein, hätte erst auch sein Schönes!“</p>
-
-<p>„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.</p>
-
-<p>Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes
-Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund
-zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine
-Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.</p>
-
-<p>Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende
-Blicke um sich. &mdash; Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück
-für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras &mdash; und bald standen
-sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel
-vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken
-waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht
-Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde
-Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen
-den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. &mdash;
-Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie
-junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den
-schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span> Augen, als
-es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf
-seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.</p>
-
-<p>Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche
-vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.</p>
-
-<p>Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem
-See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest
-mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in
-zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“</p>
-
-<p>Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das
-weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen
-Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser,
-seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die
-Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.</p>
-
-<p>Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den
-See. &mdash; So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was
-ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.</p>
-
-<p>Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde,
-verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse
-hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So
-versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde,
-das Haupt dem Himmel.</p>
-
-<p>Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu
-sein. &mdash; Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts
-gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher
-Schleier ging<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen
-wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die
-lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so
-schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft
-war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’
-verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im
-Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn,
-tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu
-hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten
-der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen
-schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen,
-rieselte das Wasser.</p>
-
-<p>Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt,
-welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten
-sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See,
-kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde
-wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.</p>
-
-<p>Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen
-sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus
-dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.</p>
-
-<p>Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht,
-an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da
-sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte
-heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen
-dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten.
-Lorenz meinte, es sei<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu
-schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden
-&mdash; demselben nach.</p>
-
-<p>Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen
-Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu
-holen.</p>
-
-<p>Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte
-nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel
-erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen
-Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen,
-weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.</p>
-
-<p>Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde.
-Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als
-auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den
-Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern
-hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu
-kommen.</p>
-
-<p>„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“</p>
-
-<p>„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß
-auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das
-erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“</p>
-
-<p>Das Wort hat ein Drittes gehört.</p>
-
-<p>Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die
-Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie
-ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und
-heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten,
-welche zerstreut mit<span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span> Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich
-nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.</p>
-
-<p>Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume
-des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz
-schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.</p>
-
-<p>In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie
-flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende
-Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen
-knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung
-der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und
-der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.</p>
-
-<p>Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten
-Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber
-denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange
-Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen.
-Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige
-Minuten vor sechs.</p>
-
-<p>Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in
-tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter
-Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und
-vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der
-Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die
-Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden,
-die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. &mdash;
-Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen
-umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span></p>
-
-<p>Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben
-wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen
-des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener
-Seelen &mdash; so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen
-Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im
-Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal
-wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in
-Andacht &mdash; in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte
-nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen
-in seinem Leben, daran war nichts zu suchen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da &mdash; jählings
-war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall &mdash; &mdash; die Mauern
-des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm.
-Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren
-verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle
-eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen,
-wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die
-Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf
-den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach
-Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die
-Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden
-Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim
-Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ &mdash; Sie bewegten sich nicht.
-Man faßte sie an &mdash; jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an
-ihren Chorröcken waren geschmolzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span></p>
-
-<p>Zwei junge Leben waren dahin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nun fragen wir Alle: Warum?</p>
-
-<p>Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach
-dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon
-die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand
-seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr
-und an diesen senkrecht nieder &mdash; in ihr Leben.</p>
-
-<p>Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet!
-&mdash; Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt
-worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das
-Fatum, der Zufall kennt keine Moral.</p>
-
-<p>Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die
-Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="kap_ende_31" name="kap_ende_31">
- <img class="mtop2 w1_5em" src="images/kap_ende.jpg"
- alt="Kapitelende" /></a>
-</div>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s5 center mtop3">K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Feierabende, by Peter Rosegger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FEIERABENDE ***
-
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
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-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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-
-
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-
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