diff options
Diffstat (limited to 'old/60428-h/60428-h.htm')
| -rw-r--r-- | old/60428-h/60428-h.htm | 6577 |
1 files changed, 0 insertions, 6577 deletions
diff --git a/old/60428-h/60428-h.htm b/old/60428-h/60428-h.htm deleted file mode 100644 index ebb4d88..0000000 --- a/old/60428-h/60428-h.htm +++ /dev/null @@ -1,6577 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Dahinten in der Haide, by Hermann Löns. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.blockquot { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; - font-size: small; - text-indent: 0; -} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.15em 0.1em 0em 0em; - font-size: 250%; - line-height:0.85em; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Dahinten in der Haide, by Hermann Löns - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Dahinten in der Haide - -Author: Hermann Löns - -Release Date: October 5, 2019 [EBook #60428] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAHINTEN IN DER HAIDE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Hermann Löns / Dahinten in der Haide</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="blockquot">Dieses Werk ist in der Auswahlreihe des Volksverbandes -der Bücherfreunde erschienen und wir nur an dessen -Mitglieder abgegeben. Der Druck erfolgte in der Jaeckerfraktur -durch die Buchdruckerei Bär & Hermann in Leipzig.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Dahinten in der Haide</h1> - -<p class="center larger">Roman</p> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="h2">Hermann Löns</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Volksverband der Bücherfreunde<br /> -Wegweiser-Verlag G. m. b. H.<br /> -Berlin -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Nachdruck verboten<br /> -Copyright 1912 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.<br /> -Hannover -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Ortolan">Der Ortolan.</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Südwind strich warm über den Kopf -des hohen Haidbrinkes und bewegte die -Zweige der Hängebirke, die voll von Blütenkätzchen -und jungen Blättern waren, hin und -her.</p> - -<p>Lüder Volkmann lag längelangs auf dem -Rücken, lehnte sich gegen den großen Findelstein -und hörte zu, wie der Ortolan in der -Birke sang.</p> - -<p>Er hielt seine Pfeife abseits und atmete den -Geruch der blühenden Postbüsche, den der -Wind aus dem Bruche mitbrachte, und den -Juchtenduft, der aus dem Birkenlaube kam, -tief ein, und ihm war, als sei er noch in den -Wäldern von Kanada, wo es im April auch -nach Post- und Birkenlaub roch; aber der -Ortolan sang da nicht; dort, wo Volkmann<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span> -getrappt und gefischt hatte, gab es keine Landstraßen.</p> - -<p>Er stopfte sich eine neue Pfeife aus dem -ledernen Tabaksbeutel, auf dem mit Glasperlen -ein Kranz von braunen Bibern und -schwarzen Raben gestickt war.</p> - -<p>Eine rote Mordwespe, die über seine Hose -kroch, zog seine Blicke auf seine Kleidung. -»Noch vier Wochen Landstraße und die Tippelkundenkluft -ist fertig,« dachte er und lächelte, -denn ihm fiel ein lustiger Abend in Berlin -ein. Er hatte mit einer großen Gesellschaft -in der vornehmen Weinwirtschaft zusammengesessen, -die Männer im Frack, die Frauen -und Mädchen in ausgeschnittenen Kleidern, -und mitten zwischen ihnen war jener sonderbare -Mann in dem alten Gehrock, Peter Hille, -der Dichter, und der hatte, indem er seine -Austern aß, im Gange der Unterhaltung zu -seiner Nachbarin gesagt: »Ganz wohl fühlt -man sich erst, Exzellenz, wenn man gesellschaftlich -nichts mehr zu verlieren hat, sagt -Böcklin.«</p> - -<p>Lüder Volkmann sah sein Zeug an; er hatte -es in Omaha gekauft und die Stiefel in -Chikago, und zwar an dem Tage, als er in<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span> -einer Singspielhalle dem französischen Pferdehändler, -der über Deutschland einen schlechten -Witz machte, die Champagnerflasche in die -Zähne warf, daß der Mann für tot fortgetragen -wurde, und als drei andere Franzosen ihm -an den Balg wollten, boxte er ihnen das -Mittagessen aus dem Leibe. Dann hatte er -der Musik zehn Dollar hingelegt, einen Freitrunk -für jeden Mann, der eine Gurgel im -Leibe hat, bestellt, und die Wacht am Rhein, -Heil dir im Siegerkranz und Deutschland, -Deutschland über alles spielen lassen, und alle -mußten mitsingen, ganz gleich unter welcher -Flagge sie geboren waren.</p> - -<p>Er mußte hell auflachen, als er daran -dachte, welche dummen Gesichter die beiden -Engländer gemacht hatten, als er mit ihnen -anstieß und rief: »Trinkt, Jungs, auf die -deutsche Flott'!« Dann hatte er fünf Dollar -hingelegt und gerufen: »Das Flottenlied!« -Aber in derselben Nacht hatte sich zuerst das -Heimweh an seinen Arm gehängt und ihn -nicht eher wieder losgelassen, als bis er an Bord -der Anna Rickmers war. Als Kohlenzieher -hatte er die Fahrt gemacht; seine tausend -Dollar, die er sich in zwei Jahren zusammengetrappt<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -und beieinandergefischt hatte, waren -auf dem Asphalt der großen Stadt kleben geblieben.</p> - -<p>Er sah auf seine große Hand. Arbeiten, ja, -das konnte die, aber sparen, nein! »Herr -Doktor, Sie haben eine Ritterhand,« hatte -auf dem Hofballe die Herzoginmutter gesagt, -»und ich verstehe nicht, daß Sie mit der Feder -fechten, statt mit dem Säbel.« Ihre guten -alten Augen hatten ihn lange angesehen und -dann meinte sie: »Daß Sie nicht von Adel -sind!« Er hatte gelächelt. »Bin ich, Euer -Hoheit, tausche mit keinem von den Prominenzen -hier in dieser Richtung, die fürstlichen -Herrschaften ausgenommen; die Volkmanns -saßen wohl schon auf ihrem Haidhofe, als -Exzellenz Drusus über die mangelhaften -Chausseen in Germanien bei Seiner Majestät -Augustus submissest Klage führte.« Da hatte -sie so herzlich aufgelacht, daß der Leibarzt -dem Herzoge sagte: »Hoheit müßten veranlassen, -daß der Doktor Volkmann öfter mit -Ihrer Hoheit zusammen ist; sie liebt ihn und -lachen ist die beste Medizin für ein müdes Herz.«</p> - -<p>Lüder Volkmann sah auf das silbergraue -Renntiermoos. So hatte das Haar der alten<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -Herzogin ausgesehen. Sie war aus jenen -Kreisen der einzige Mensch gewesen, der ihm -nach seinem Falle geschrieben hatte. Er wußte -den Brief halb auswendig; die eine Stelle -lautete: »Sie kennen mich, lieber Herr Doktor; -wenn ich später noch lebe, vergessen Sie -nicht, daß Sie an mir immer eine Freundin -haben.«</p> - -<p>Er drehte einen blanken Mistkäfer, der -hilflos im Sande auf dem Rücken lag, um, -sah, daß es die dreihörnige Art war, aber -ein Weibchen, denn die Hörner fehlten ihm, -und dann fiel ihm das Indianermädchen ein, -das ein und ein halbes Jahr in seinem Blockhause -gewohnt hatte, und das jeden Schmetterling -aus dem Spinnennetze nahm. Ihre Seele -war klein, aber ihr Herz war groß, in ihrem -letzten Hauche flüsterte sie: »Lhütär« und dann -nahm der Schneesturm ihre weiße Seele mit -und wirbelte sie zum großen Geiste hin.</p> - -<p>Acht Wochen lang hatte ihr Leib, in glänzende -Bärenfelle gehüllt, im Windfange gelegen; -dann erweichte der Tauwind den Boden, -Lüder begrub die Gefährtin seiner Einsamkeit, -und die indianischen Holzarbeiter kamen -alle, sangen gurgelnd ein verschollenes Lied<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -und errichteten einen hohen Steinhaufen über -dem Grabe, der Wölfe wegen und weil Margerit -aus edlem Blute war.</p> - -<p>»Adel bleibt Adel, wenn es wirklich welcher -ist,« dachte Lüder Volkmann, der Landstreicher, -und vor ihm stand die Frau, an der er gescheitert -war. Warum hatte er geglaubt, daß -er sie liebte? In den Brombeerbüschen am -Fuße des Brinkes sang der Goldammer; es -war fast dasselbe Lied, das der Ortolan sang, -aber des Goldammers Lied war klarer Frieden -und in des Ortolans Sang war unstete -Unklarheit.</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf über sich selber. Also -darum, darum hatte er sein Leben auf die -Landstraße geworfen, darum! Er hatte die -Frau gar nicht geliebt. Als er noch die bunte -Mütze trug und jede Woche frische Schmisse -hatte, da hatte er die Frau seines liebsten -Lehrers lieb gewonnen und hatte sofort die -Exmatrikel genommen. Ein Jahr später war -die totgetretene Liebe aus ihrem Grabe auferstanden, -hatte vor ihm gestanden und die -Hände gerungen. Und jene andere Frau, an -der sein Leben strandete, eine Volksausgabe -der Frau des Professors war es gewesen, die<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -neben jener in seiner Erinnerung stand, wie -der dunkle, krankhaft süße Gesang des Ortolans -neben dem lieben starken Liede des -Goldammers.</p> - -<p>Früher hatte er sich oft gefragt, warum -grade ihm das Schicksal die Schlinge über -den Weg gelegt hatte. Er lachte nun darüber; -warum lähmte die rote Wespe grade -diese lustige Spinne mit ihrem Giftstachel und -schleppte sie in ihre Höhle, wo sie sich so lange -hinquälen mußte, bis die Wespenbrut sie bei -lebendigem Leibe auffraß? Und er war groß, -stark und gesund; also konnte ihm das Schicksal -etwas mehr zumuten, als den Skrälingern -mit dem dünnen Blute und dem weichen -Fleische. Außerdem: was war, und war es -auch hart und bitter, es sah von weitem -eigentlich nur noch interessant aus. Er hatte -sich daran gewöhnt, sein Unglück mit dem -umgedrehten Pürschglase zu betrachten, und -klein und lustig sah dann aus, was anfangs -riesig und schrecklich erschien. Und nun wollte -er Post- und Maibaumduft riechen und sich -sattsehen an der braunen Haide und den -gelben Wegen und den weißen Wolken, die -über den schwarzen Wäldern standen, und<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -wo irgendwo der Bauernhof lag, der Hilgenhof, -der heilige Hof, dem sein Geschlecht entstammte.</p> - -<p>Wie schön es sich in dem Haidkraute lag! -Er ließ den weißen Sand durch seine braunen -Finger fließen und freute sich an den -dichten Polstern der Krähenbeere, die den -roten Stein umspannen. Vor ihm trippelte -eine Haidlerche umher, ein grüner Sandkäfer -blitzte auf, hoch oben kreiste der Bussard, bald -wie Silber, bald wie Gold leuchtend, und -nun rief sogar Wodes heiliger Vogel über -ihm ein lautes Wort, das wie eine alte Rune -war, und machte einen Bogen, als er den -Mann äugte.</p> - -<p>Und dann der rotlodernde Post in der -Grund, und die goldgrünen Machangeln auf -dem Anberge, und die weißen Birkenstämme -in der braunen Haide, und der silberne Bach -und das goldene Risch, ein Tag war es, an -dem die Gefühle des Menschen, der gut erhaltene -Sinne hat, leicht und lustig tanzen -müssen, wie helle Schmetterlinge, auch wenn -er zum heimlosen Straßenläufer ward.</p> - -<p>»Aber nun wäre es Zeit,« dachte er, »daß -Ruloff Ramaker käme; vom Sehen wird kein<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -Mensch satt.« Volkmann legte sich auf die -rechte Seite und deckte sein linkes Ohr mit -dem Lodenhute zu, wie er es schon als ganz -kleiner Junge mit der Bettdecke gemacht -hatte, und wohlig schnurrte er, als die Besinnung -ihn verließ, wie er es stets zu tun -pflegte, wenn er sein Bewußtsein zu Bett -brachte.</p> - -<p>Über ihm in der Hängebirke aber sang der -Ortolan immer und immer wieder: »Ich bin -müde.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Goldammer">Der Goldammer.</h2> -</div> - -<p class="drop">Schwer und tief war der Schlaf des Mannes, -und doch sprang er klaräugig auf die Füße, -als Tritte im Haidkraute knisterten. Der Gendarm -stand vor ihm und musterte ihn vom -Hute bis zu den Stiefeln.</p> - -<p>Er sah gut aus, der Beamte; er war einen -knappen Zoll kleiner als Volkmann: er hatte -ein offenes Gesicht, einen prachtvollen blonden -Bart und helle blaue Augen. Und da er inwendig -so war wie außen, so stellte er sich -erst recht barsch an und fragte mit rauher -Stimme: »Zeig mal Deine Papiere!« Er zog -die Augenbrauen hoch, als der Stromer antwortete: -»Erstens habe ich keine und zweitens -möchte ich Sie höflichst ersuchen, mich nicht zu -duzen. Sie sind wohl noch nicht lange von -der Front fort?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>Der Gendarm bekam einen roten Kopf; er -sah ein, daß er eine Dummheit gemacht hatte. -Der Mann trug schäbige, aber gutsitzende -Kleidung, und das Schuhzeug, das waren -hochfeine Jagdschuhe von braunem genarbten -Leder mit ausgenähtem Rand und Schnellschnürung, -und, Donnerja, er hatte das ganze -Gesicht voller Schmisse, und ein Benehmen, -wie der Herr Amtsrichter. Köllner lenkte -ein: »Entschuldigen Sie, es war nicht so -schlimm gemeint. Und ich sehe, daß ich mich -irrte; eine Steckbriefbeschreibung paßte ungefähr -auf Sie, bis auf die Schmisse. Und -einen krummen Zeigefinger haben Sie rechts -auch nicht. Aber Sie werden doch Papiere -haben?« Der andere schüttelte den Kopf: -»Nein, sie sind mir vor vierzehn Tagen in -Hamburg gestohlen.« Der Beamte wiegte -den Kopf hin und her: »Ja, dann müssen Sie -mich schon begleiten.«</p> - -<p>Er brach seine Rede mitten im Worte ab -und sah in die Haide hinunter. Auf dem -weißen Pattwege kam ein barhäuptiger Mann -angelaufen; er schrie und winkte zu dem -Hügel hinauf und zeigte nach einem Wachholderbusche -hinter sich, wo ein weißer Frauenhut<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -leuchtete. Es war Ruloff Ramaker; er -war in Schweiß gebadet und keuchte: »Komm -schnell, schnell, das Fräulein ist von einer Adder -gebissen.«</p> - -<p>Mit großen Sätzen sprang Volkmann den -Hügel hinab und war eher bei dem Machangel, -als Ramaker und Köllner, denn jener war außer -Atem und dieser mußte erst sein Pferd abbinden.</p> - -<p>Einen Blick warf Volkmann auf das junge -Mädchen, als er tief den Hut zog. Er sah -Erstaunen in ihrem Gesicht und das Blut -schoß ihm in den Kopf; aber schon kniete er -nieder, nahm den schmalen, kräftigen Fuß in -die Hand und fragte: »Wo?« Eine Stimme, -die ihm süßer klang als das Lied des Goldammers, -trotz der Angst, die darin klirrte, -oder vielleicht um so mehr noch, antwortete: -»Hier!« und die schmale, leicht gebräunte Hand -zeigte nach der großen Zehe. »Das ist gut,« -meinte der Mann. »Wie lange ist es her?« -fragte er dann, indem er einen Bindfaden hervorholte: -»Eben.« Er nickte. »Keine Angst; -Sie sind gesund und der Biß sitzt gut. Aber -nun muß ich Ihnen weh tun.«</p> - -<p>Er schlang den Bindfaden um die Zehe, -schnürte ihn fest, steckte einen Haidstengel darunter,<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -wirbelte ihn zweimal herum, und tat -einen schnellen Schnitt in die Zehe. »Hat es -sehr weh getan?« fragte er dann. Das Mädchen -schüttelte den Kopf und lächelte aus ihrer Blässe -heraus.</p> - -<p>»Soll ich etwas Alkohol besorgen?« fragte -der Gendarm, »in zehn Minuten bin ich bei -der Wirtschaft.« Volkmann nickte: »Besser ist -besser. Reiten Sie los; ich und er, wir wollen -das Fräulein Ihnen entgegentragen. Gehen -ist nicht gut; die Hauptsache ist Ruhe und kaltes -Blut. So, mein Fräulein, nun ziehen Sie bitte -den Strumpf über und legen Sie Ihre Hände -auf unsere Schultern. Sie brauchen keine Angst -zu haben; von hundert Otterbissen geht kaum -einer schlimm aus und auch meist nur bei -Kindern.«</p> - -<p>Mit schnellen Schritten gingen die beiden -Männer die Landstraße entlang, auf ihren verschränkten -Händen das Mädchen tragend, das -ihre Arme um die Schultern der Männer gelegt -hatte. Ruloff Ramakers Gesicht glühte -vor Verlegenheit; Lüder Volkmann aber sah -düster aus.</p> - -<p>»Es ist doch nicht gleich,« dachte er, »ob -man noch ein anständiger Kerl vor der Welt<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -ist, oder nicht.« Er wünschte, er wäre alt und -häßlich gewesen, aber ohne den Sprung in -seinem Rufe; dann hätte er mit dem Mädchen -sprechen dürfen, mit ihr, die an Wuchs und -Angesicht und Stimme ganz so war wie jene -Frau in Göttingen, vor der er floh, weil er -sie so lieb gehabt hatte.</p> - -<p>Viel schöner war diese hier noch, viel adliger -von Gestalt, und noch süßer hatte ihre -Stimme geklungen, viel, viel süßer. Und der -Duft ihrer goldenen Flechten war köstlich. Wie -gern hätte er zu ihr gesprochen; aber sollte -er, der Strolch, den jeder Gendarm stellen -durfte, dieses Weib hier anreden? Zu Fürstinnen -spricht man nicht ungefragt. Rot schlug -ihm die Scham in das Gesicht, und tief seufzte -er auf.</p> - -<p>»Ich bin Ihnen wohl sehr schwer?« fragte -die klare Stimme an seiner Schulter. Er -schüttelte den Kopf; er wollte weiter schweigen, -aber die Stimme öffnete seine Lippen. -»Wie ist das gekommen, mein Fräulein?« Sie -lächelte: »Ich laufe so gern barfuß in dem -reinen Sande und auf der trockenen Haide; -an die Schlangen hatte ich nicht gedacht.« -Sie schwieg und wartete auf eine Gegenrede.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p> - -<p>Mit scheuen Blicken streifte sie sein Gesicht. -Daß es noch solche Männer gab! Das war -ja eine Gestalt aus dem Nibelungensang, -trotz des schäbigen Rockes, trotz des Halbwochenbartes.</p> - -<p>Was er wohl sein mochte? Wie er wohl -auf die Landstraße gekommen war? Auf der -linken Backe hatte er drei lange Schmisse -und einen rechts unter der Lippe. Wie schön -der Mund dieses Mannes war, ein stolzer -Knabenmund. Mitleid stieg in ihr auf und -feuchtete ihre blauen Augen.</p> - -<p>»Da kommt der Gendarm«, sagte der Mann -und sah sie an, und dann wurde er rot wie -ein Weib, denn er sah in ihren Augen, daß -sie Anteil an ihm nahm, und sie wandte den -Kopf ab, denn auch ihr war das Blut in das -Gesicht geschossen.</p> - -<p>»Es ist guter Portwein,« sagte der Beamte, -als er die Flasche hervorzog, »das gnädige -Fräulein können ihn ruhig trinken. An den -Doktor ist schon telephoniert; er ist unterwegs.« -Er sah die Männer an. »Soll ich -einen von Ihnen ablösen?« Volkmann und -Ramaker schüttelten die Köpfe und setzten sich -in Bewegung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span></p> - -<p>Als sie nach einer Weile bei der Wirtschaft -waren, stand Doktor Hellweger schon da. Er -sah Volkmann erstaunt an, untersuchte den -Fuß, nickte mit dem Kopfe und sagte, als er -die Wunde ausgewaschen und statt des Bindfadens -einen Gummiring um die Zehe gelegt -hatte: »Wie lange nach dem Biß ist der -Schnitt gemacht?« und als das Mädchen -sagte: »Nach höchstens fünf Minuten«, fuhr -er fort: »Dann ist keine Gefahr da; es ist -nur eine ganz kleine örtliche Schwellung vorhanden. -Noch ein Gläschen Portwein, ehe -der Wagen kommt! Das hält das Herz frisch.«</p> - -<p>Volkmann sah den Arzt an: »Das ist eine -veraltete Theorie, Herr Doktor; das Schlangengift -geht durch die Blutbahn in den Verdauungstraktus. -Alkohol ist gutes Gegengift, -doch nur, weil er das Gift im Magen -bindet. Versuche an Hunden, bei denen ich -zugegen war, haben das ergeben.« Der Arzt -machte runde Augen und fragte: »Sind Sie -Mediziner?« Der Strolch schüttelte den Kopf -und ging in das Haus; Ramaker folgte ihm.</p> - -<p>»Da kommt mein Wagen, liebes Fräulein,« -rief Hellweger. »Wo ist der Herr, der mir -geholfen hat?« fragte das Mädchen; »ich muß<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -ihm danken.« Der Arzt trat auf die Deele -und sah sich um. »Sie haben sich nur ein -Glas Milch geben lassen und sind schon weiter«, -antwortete die Frau. Der Doktor schüttelte -den Kopf: »Merkwürdig!« Holde Rotermund -wurde blaß, als er ihr sagte, daß die Fremden -schon fort wären.</p> - -<p>Als der Arzt sie nach dem Pfarrhause von -Hülsingen fuhr, dachte er darüber nach, wo -er den Mann schon gesehen hatte, denn daß -er ihn kannte, das wußte er. Diesen Prachtkopf -und den zackigen Schmiß auf der rechten -Backe vergaß man nicht. Der Arzt blätterte -in seiner Erinnerung hin und her, fand aber -die richtige Stelle nicht.</p> - -<p>Der Wagen hielt vor der Pfarre. Ein -Jägeroffizier trat an den Schlag, küßte Holde -beide Hände, grüßte den Arzt, machte sich -bekannt, und sagte: »Urlaub bekommen; der -Alte brummte zwar, ging aber nicht anders. -Zu große Sehnsucht!«</p> - -<p>Er lachte, daß die weißen Zähne in seinem -hübschen Gesicht blitzten; aber als seine Braut -aus dem Wagen stieg, zog er die Stirne -kraus, denn er sah, daß sie nur einen Schuh -anhatte. »Ja,« erklärte sie lächelnd, »mich<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -hat eine Schlange gebissen. Ich war ein -bißchen barfuß im Sande herumgelaufen.«</p> - -<p>Der Leutnant sagte nichts, aber seine Lippen -schlossen sich fest zusammen und seine Stimme -klang kalt, als er der Magd zurief, sie solle -Hausschuhe bringen.</p> - -<p>Bevor er Holde in das Haus geleitete, -dankte er in verbindlicher, gemessener Weise -dem Arzte. Als dieser sagte, daß ein fremder -Mann, allem Anscheine nach ein verbummeltes -Genie, die erste Hilfe geleistet und die Bißstelle -ausgesaugt hatte, fuhr Leutnant von -Zollin zurück und machte ein Gesicht, als -hätte er ein Haar in der Zigarre gefunden. -Er lud den Arzt ein, am Frühstück teilzunehmen, -der aber dankte kühl und fuhr los.</p> - -<p>Das Frühstück verlief laut, aber es war -keine Laune dabei. Holde Rotermund lag -auf dem Sofa, aß fast nichts und hatte ein -nachdenkliches Gesicht, so daß ihre Vatersschwester -solange ihrer Angst Ausdruck gab, -bis das Mädchen sagte: »Aber, Tantchen -liebes, Gefahr ist gar nicht; mir ist der Portwein -in die Glieder gefahren.«</p> - -<p>Zerstreut hörte sie zu, wie ihr Verlobter vom -Dienst, von der Jagd und von den Rennen<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -sprach und daß die Prinzessin Mathilde sich -nach ihr erkundigt und gesagt hatte: »Frau -Leutnant von Zollin schlägt uns noch einmal -alle tot mit ihrem Gesicht;« er lachte seiner -Braut zu und hob das Glas gegen sie.</p> - -<p>Die aber sagte: »Ich glaube, ich muß erst -ein bißchen schlafen« und hielt dem Bräutigam -die Backe hin. »Nicht mehr?« fragte der und -küßte sie fest auf den Mund und mit purpurrotem -Gesicht machte sie sich los.</p> - -<p>In ihrem Schlafzimmer stand sie vor dem -Waschtische und sah in den Spiegel. Dann -fuhr sie sich mit dem Schwamm über das -heiße Gesicht und dreimal über ihre brennenden -Lippen.</p> - -<p>Sie lag auf dem Bette und sah gegen die -weißen Deckenbalken; Dienst, Jagd, Rennen, -der Hof, das war alles, wovon Wladslaw -sprach, heute und morgen und übermorgen.</p> - -<p>Wovon der fremde Mann wohl sprach? -Wer mochte er sein und wo mochte er jetzt -sein? Ihr war es, als hörte sie seine Stimme -immer noch, diese warme, gute, reine, volle -Stimme. Draußen lachte ihr Bräutigam. Ach -ja, er war ja ein netter Kerl, und hübsch war -er und schnittig gewachsen und artig und aufmerksam;<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -aber, aber, an dem, was sie rührte, -ging er gleichgültig vorbei; wenn am Himmelsrande -das rote Licht und das schwarze -Gewölk Hochzeit machten, sah er nur die -Rehe in den Wiesen, und in der Haide erblickte -er nichts als Ödland. Was sie schon -bald gedacht hatte, jetzt wurde es ihr klar: -sie paßten nicht zusammen.</p> - -<p>Im Garten sang der Goldammer; heute -früh hatte er gesungen: »Wie, wie hab ich -dich lieb!« Aber nun sang er: »Mein Nest ist -weit, weit, weit!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Tauber">Der Täuber.</h2> -</div> - -<p class="drop">Wenn Lüder Volkmann geahnt hätte, -daß Holde Rotermunds geheimste Gedanken -hinter ihm herflatterten, so hätte er -sein Haupt wohl noch tiefer auf die Brust -hängen lassen.</p> - -<p>Ruloff Ramaker wußte nicht, was in den -anderen gefahren war; Lüders Augen hafteten -auf dem Boden und seine Lippen waren nicht -zu sehen. Ramaker war nur ein Bauernknecht, -aber er liebte seinen Genossen und es -betrübte ihn, daß der im Schatten ging.</p> - -<p>Es war so wundervoll da in der wilden -Wohld; das Sonnenlicht fiel durch die Zweige -der Fuhren, das Farrenkraut reckte sich aus -dem Boden, die gelben Kohmolken blühten -im Graben und unter dem Buschwerk die -weißen Windröschen; viele Vögel sangen und -der Täuber rief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span></p> - -<p>In der Nacht hatten die beiden Männer in -der Ochsenhütte vor dem Bruche geschlafen; -Volkmann hatte bis gegen Mitternacht vor -der Türe gesessen und dem Brummen der -Rohrdommel und dem Meckern der Himmelsziege -zugehört. Er schlief noch, als der Vormorgen -kam, und als Ramaker wach wurde, -hörte er, wie der andere stöhnte und murmelte, -und er sah, wie er sich hin und her -warf.</p> - -<p>Nun lag er mit dunklem Gesicht da und -lächelte kein bißchen, als zwei verliebte Eichkatzen -auf dem Knüppeldamm hin und her -sprangen, fauchten und schnalzten und auf -alberne Art mit den Schwänzen wippten.</p> - -<p>Sein Blick bekam noch nicht einmal Leben, -als aus dem Unterholze der Schwarzstorch -heraustrat; wie Flammen leuchtete der Schnabel -und wie Edelerz funkelte das Gefieder, -als er in die Sonne kam.</p> - -<p>Volkmanns Stirn wurde noch krauser, als -er den Waldstorch sah. Er erblickte ein Gleichnis -in ihm. Ein adelig Tier war es, stolz -und schön, alter deutscher Urwaldheimlichkeit -letztes Vermächtnis, und in Acht und Aberacht -erklärt von einer herzlosen, seelenarmen<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -Zeit, die es ihm, dem Adewar, dem Otternwehrer, -nicht vergab, daß er die Forelle und -den Junghasen nicht verschmähte.</p> - -<p>Kerle, die sich Jäger nannten, aber zu der -Schinderzunft gehören müßten, knallen das -vornehme Geflügel nieder, wann und wo sie -es antreffen, Leute, die statt des Herzens -eine Geldbörse im Leibe haben.</p> - -<p>Ruloff machte eine hastige Bewegung, als -der Waldstorch aus dem Gebüsch trat; drei -Sprünge tat der Vogel, schwang sein Gefieder -und verschwand. »Was war das?« fragte -Ruloff seinen Genossen; »solch ein Tier habe -ich meinen Tag noch nicht gesehen!«</p> - -<p>Dumpf klang Volkmanns Antwort: »Der -schwarze Storch«, denn er dachte grade daran, -daß er selber auch in Acht und Aberacht war, -wie jener Vogel, und nur, weil er das Gesetz -in seiner Brust über das papierne Recht gestellt -hatte.</p> - -<p>»Das Leben ist eine traurige Posse für ernste -Menschen«, dachte er; das Weib, das er -schützte, indem er seinen ehrlichen Namen auf -den Richtblock legte, war nicht wert gewesen, -daß er ihretwegen ein Fingerglied opferte; -aber damals hatte er sie geliebt, weil sie das<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -matte Spiegelbild jener schönen Frau war, der -sein junges Herz entgegengeblüht hatte.</p> - -<p>Und die war wieder nur ein Vorspuk der -Tausendschönen gewesen, deren Stimme gestern -sein Herz gerührt hatte. Wie sie wohl gerufen -wurde? Ein Name mußte es sein, wie -die hellichte Morgensonne, warm und voller -Kraft.</p> - -<p>Mit Freuden würde er sein Leben unter ihre -Füße legen, und seinen ehrlichen Namen, hätte -er noch einen, und kein Dankeswort würde -er dafür begehren. Seine Liebe schwang sich -über den Wald und über das Moor und flog -zu dem Hause, in dem ihre Stimme klang.</p> - -<p>Ernst klang sie und Pfarrer Behrmann -machte ein ganz unglückliches Gesicht und -rauchte, wie unklug vor Aufregung seine lange -Pfeife. »Nein, lieber Ohm,« sprach seine Nichte, -»nein, ich liebe ihn nicht. Ich war ein Kind, -als ich mich mit ihm verlobte. Ein Leutnant, -ein hübscher Leutnant, du lieber Himmel, ich -war so selig, wie damals, als ich die Schreipuppe -zum Weihnachtsfeste bekam, als ich -zum ersten Male mit ihm über die Straße ging.</p> - -<p>Aber weißt du, liebes Öhmchen, ich mochte -eigentlich nie, daß er mich küßte. Jaja, ich<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -weiß, was du sagen willst, aber du gehst irre, -wenn du glaubst, die Ehe würde die Liebe -vertiefen. Das Gegenteil wird der Fall sein. -Bedenke: ich bin nicht adelig, habe nur ein -kleines Vermögen; ich kann dir sagen, die -Sammetaugen der schönen Panna Zollin, geborene -von Mielczewska, waren kalt wie -Eis, als ich ihr die Hand küßte.</p> - -<p>Und Wladslaw? Er liebt das an mir, was -am wenigsten Wert ist; mein Inneres versteht -er nicht. Sein Gott ist die Gesellschaft, -seine Moral das Herkommen. Er ist klug, -aber ich glaube, er hat ein unterernährtes -Herz. Es wird ihm wohl nicht abwelken, -wenn er morgen meinen Brief liest, und seiner -Laufbahn wird die Aufhebung des Verlöbnisses -auch nicht schaden, eher nützt sie ihm -bei Hofe.«</p> - -<p>Sie gab dem alten Herrn einen Kuß auf -die faltenreiche Backe und ging in den Garten.</p> - -<p>In dem Wirrwarr des Bocksdornbusches -in der Mauerecke saß der Goldammer und -sang seine Weise, die man auf Lust und auf -Leid deuten konnte.</p> - -<p>Holdes helle Augen beschatteten sich; sie -dachte an den fremden Mann im schäbigen<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -Rock, an das stolze Gesicht unter dem abgetragenen -Lodenhut, an die Stimme, so rund -und so voll, wie ferner Täuberruf, an die -großen, schönen, braunen, langfingrigen Hände, -die so sicher und so zart zufaßten.</p> - -<p>Ihr ganzes Leben lang würde sie an diesen -Mann denken müssen, und niemals würde sie -es sich verzeihen, daß er gegangen war, ohne -daß sie ihm dankend die Hand gedrückt hatte.</p> - -<p>Sie fühlte, wie ihr Gesicht aufflammte; von -diesem Manne würde sie sich gern auf den -Mund küssen lassen, ohne zu fragen: wer bist -du und was geschah dir, daß auf deinen -Schuhen der Staub der Landstraße liegt?</p> - -<p>Sie hatte ihm mehr zu danken, als die Hilfe, -die er ihr brachte; er hatte ihre Seele gerettet. -Wäre er ihr nicht entgegengetreten, so hätte -sie wohl nicht den Mut gefunden, den goldenen -Reif von ihrer Linken zu streifen, der sie dem -Manne eignete, vor dem ihre Seele sich verkrochen -hatte, wenn sie seine Stimme hörte.</p> - -<p>Mit klingendem Schwingenschlage schwang -sich ein Ringeltäuber in die Eiche und sang -sein dunkles Lied: »Du, du, du, du, du,« hörte -Holde Rotermund heraus, und dasselbe dachte -ihr Herz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span></p> - -<p>Es dachten noch mehr Leute an den Fremdling, -vor allem Doktor Hellweger. Er kegelte -mit dem Amtsrichter, dem Lehrer, dem Pastor -aus Deipenwohle und dem Oberförster. Was -er tat, der dicke Doktor, das tat er ganz; -aber heute war er nicht bei der Sache. Noch -nie hatte er so viele Pudel geschoben.</p> - -<p>Gedankenlos sah er der Kugel nach, sah -alle Kegel außer dem ersten fallen, und anstatt, -wie er sonst tat, wenn er gut warf, das -Lied vom gerechten Heuschreck zu pfeifen, sah -er in die Luft, als die Kegeljungen sangen: -»Acht und acht ums Vordereck, ist so rar wie -Ziegenspeck.« Er mußte immer daran denken, -wo er den Landstreicher schon einmal gesehen -hatte.</p> - -<p>In diesem Augenblicke ging der Gendarm -vorüber. Der Amtsrichter, dem der Arzt seine -Begegnung mit dem fremden Manne erzählt -hatte, rief den Beamten heran: »Schenken Sie -sich ein Glas Bier ein, Herr Wachtmeister. -Sagen Sie, wie hießen denn die beiden Leute, -die Fräulein Rotermund zum Kruge trugen; -oder haben Sie sich die Namen nicht angemerkt?«</p> - -<p>Köllner zog sein Taschenbuch hervor: »Doch,<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -Herr Amtsrichter, hinterher fiel es mir ein, -daß ich das über der Aufregung ganz vergessen -hatte, und ich ritt ihnen nach. Der -eine, der ohne Schmisse, ist ein ehemaliger -Knecht namens Ruloff Ramaker; der andere -heißt Lüder Volkmann und sagte, er wäre -früher Schriftsteller gewesen und sei kürzlich -von Amerika zurückgekommen. Ich mochte -ihn nicht dem Amtsgerichte zuführen; er sah -nicht so aus, als ob er irgendwie verdächtig -wäre, und der andere auch nicht; der hatte -übrigens Papiere.«</p> - -<p>»Volkmann, Volkmann?« murmelte der -Amtsrichter; »das ist ja ein hiesiger Name; -und Lüder? wenn die Angabe stimmt, dann -ist der Mann ja der Erbe von dem Hilgenhofe. -Vielleicht weiß er das noch gar nicht. -Wissen Sie was, Herr Wachtmeister? Stecken -Sie sich das Amtsblatt mit dem Aufrufe -ein, in dem Lüder Volkmann aufgefordert -wird, sich zu melden. Vielleicht treffen Sie -ihn noch einmal bei Ihren Dienstritten und -können dem Mann zu seinem Eigentum verhelfen. -Wie der Herr Doktor sagt, hat er ja -einen sehr guten Eindruck gemacht trotz der -abgerissenen Kleidung und auf Sie auch.<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -Lüder Volkmann! Es ist mir, als ob ich den -Namen sonst schon gehört hätte.«</p> - -<p>Wie gewöhnlich, setzten sich die Kegelfreunde -noch eine Weile in das Vereinszimmer. »Wie -sah der Fremde aus?« fragte Pastor Meyer -den Arzt, und als der die Beschreibung gegeben -hatte, sagte der Pastor: »Dann stimmt -das. Meine Frau kam gestern nach Hause -und erzählte: denke dir nur, Karl, bei der -neuen Mühle begegnen mir zwei arme Reisende; -der eine hatte Schmisse und sah aus, -wie Armin der Cherusker in Zivil. Das ist -augenscheinlich dieser Mann gewesen. Wie -mag der auf die Walze gekommen sein?«</p> - -<p>Sonst ging es nach dem Kegeln immer lustig -her; der Arzt hatte einen trockenen Humor -und der Amtsrichter lachte gern; dieses Mal -kam aber so recht keine Stimmung auf. Sie -dachten alle an Lüder Volkmann, den Landstreicher.</p> - -<p>Am meisten beschäftigte sich Doktor Hellweger -mit ihm. »Wo habe ich das Gesicht -doch schon gesehen?« dachte er in einem fort, -als er in seinem Wagen durch die Abendhaide -fuhr, in der die Himmelsziegen meckerten und -die Mooreulen riefen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> - -<p>Plötzlich wußte er es. Richtig! Göttingen, -das Paukzimmer, die gemeine Korpshatz -zwischen den Kölnern und den Longobarden. -In einem fort hatten die Kölner angefragt: -»Herr Unparteiischer, drüben mit Kopf zurückgegangen?« -Da hatte schließlich auch der -Sekundant der Longobarden angefragt, und -immer hieß es: »Nichts bemerkt!« Endlich -hatte er gesagt: »Bitte darauf zu achten.« -Und wieder hieß es auf seine Anfrage: »Nichts -bemerkt!« Da hatte er sich umgedreht, gewinkt, -und hinter ihn trat der Ersatzsekundant, -und da fragte er lächelnd: »Herr Unparteiischer, -zu was sind Se eigentlich bloß da?«</p> - -<p>Das gab einen gewaltigen Krach; hier Wutgezisch, -da Hohngelächter, und der Sekundant -mußte abtreten. Ein ganzes Semester lang -war er eine Berühmtheit, der lange schöne -Fechtwart der Longobarden, der cand. rer. -nat. Lüder Volkmann.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Kauzchen">Das Käuzchen.</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Wachtmeister ritt am nächsten Tage -nach Quelingen. Als er so dahinritt, hörte -er die Kiebitze rufen; er stellte sich in die Bügel, -denn er dachte, daß da ein Fuchs wäre, und -sah die beiden Landstreicher über die Wiesen -kommen. Er wartete, bis sie an der Straße -waren, schwang sich aus dem Sattel und rief: -»Guten Tag, Herr Volkmann!«</p> - -<p>Lüder Volkmann grüßte wieder. »Ich habe -immer noch keine Papiere.« Der Wachtmeister -lachte und griff in die Tasche: »Aber ich habe -eins für Sie; das hier soll ich Ihnen im Auftrage -des Herrn Amtsrichters zeigen.«</p> - -<p>Volkmann las, aber seine Züge veränderten -sich kaum, als er Ramaker die Anzeige -wies. »Merkwürdig!« sagte er, »wir wollten -grade dahin; ich bin als Kind dort oft bei -meinem Oheim gewesen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span></p> - -<p>Ramaker schüttelte Volkmann die Hand: -»Wie mich das freut, wie mich das freut!« -Aber dann setzte er hinzu: »Jetzt hat unsere -Freundschaft wohl ein Ende?«</p> - -<p>Der andere schüttelte den Kopf: »Da kennst -du mich schlecht, Ruloff. Aber nun müssen -wir wohl auf Reethagen zu. Wie weit ist -das?«</p> - -<p>Der Wachtmeister überlegte: »So Stücker -drei bis vier Stunden.« Volkmann reichte -ihm das Blatt zurück und zog den Hut: »Sie -sollen auch bedankt sein, Herr Wachtmeister, -und Ihr Herr Amtsrichter auch.«</p> - -<p>Er wollte sich zum Gehen wenden, aber -Köllner gab ihm die Hand: »Ich wünsche -Ihnen viel Glück, Herr Volkmann,« und als -er sah, daß der andere errötete, warf er noch -hinterher, indem er in den Steigbügel trat: -»In Reethagen kehren Sie im Weißen Roß -ein; grüßen Sie den Wirt Nordhoff von mir.« -Er legte die Hand an den Helm und ritt -weiter.</p> - -<p>»Mensch, Mensch,« schrie Ramaker und schlug -sich auf den Schenkel, »das Glück, das Glück!«</p> - -<p>Der andere sah ihn ernst an: »Ob es eins -ist? Wer weiß? Theodor Volkmann, der<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -mir den Hof verschrieb, oder Ohm Töde, wie -ich ihn nannte, war Naturforscher; es hieß -von ihm, er sei überspönig, weil er ein gelehrter -Mann war, sich aber wie ein Bauer -trug. Er hatte damals schön geschimpft, als -ich studieren wollte. ›Bauer mußt du werden, -dann hat dir kein Mensch was zu sagen‹, -knurrte er.«</p> - -<p>Es war um die Ulenflucht, als die beiden -Männer in Reethagen ankamen und sich nach -dem Weißen Rosse hinfragten. Das war eine -Wirtschaft nach alter Art mit einem Strohdache, -aus dessen Giebelloch der Herdrauch -herauskam.</p> - -<p>Als sie über die Deele gingen, sah der Wirt -sie erst von der Seite an. Er war ein mittelgroßer -Mann mit ernstem Gesicht und ruhigen -Augen; wenn er sprach, sah es aus, als täte -es ihm leid, daß er den Mund aufmachen -müsse; darum sprach er durch die Zähne.</p> - -<p>Er setzte Volkmann und Ramaker Brot, -Wurst, Butter und Bier hin und sagte: »Laßt -es Euch schmecken!«</p> - -<p>Als sie gegessen hatten, fragte Volkmann, -ob sie über Nacht bleiben könnten. Der Wirt -nickte: »Ja, wenn ihr beide in einem Bette<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -liegen gehen wollt? Die andere Kammer hat -der Jagdpächter.« Volkmann nickte und brannte -sich seine Pfeife an. Dann fragte er: »Ist der -Vorsteher wohl heute noch zu sprechen?« »Ja,« -sagte Nordhoff, »der kömmt gleich; er hat mit -dem Jäger allerlei zu besprechen.«</p> - -<p>Draußen gingen Schritte, die Tür klinkte -auf und der Jäger trat herein. Er bot die -Tageszeit und sagte: »Nordhoff, gebt mir schnell -eine Flasche Bier; ich bin ganz dröge im Halse. -Es ist doch ein Ende hin vom Donnermoore -bis hierher. Und heute will ich durchschlafen; -habe jetzt drei Nächte wegen der Birkhähne -um die Ohren geschlagen. Sieh, da ist ja -auch der Vorsteher! Guten Abend, Garberding! -Freimut läßt grüßen; er schimpfte Mord -und Brand, daß er nicht mitkonnte, aber er -hat viel zu tun und morgen eine Verteidigung -in einer schweren Sache. Na, die Sache mit -Engelkens Apfelbäumen können wir beide -ja auch abmachen.«</p> - -<p>Während er aß, besprach er mit dem Vorsteher, -wieviel der Anbauer Engelke wohl -für den Schaden haben müsse, den die Hasen -ihm im Nachwinter gemacht hatten, und dann -ging er in seine Schlafkammer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p> - -<p>Da trat Volkmann an den Vorsteher heran: -»Ich würde Sie gern in einer Sache sprechen, -wenn Sie Zeit haben.« Vollmeier Garberding -sah ihn an und nickte.</p> - -<p>»Dann geh du man in die Kammer, Ruloff«, -sagte Volkmann, »und wenn Sie es nicht -übelnehmen, Herr Wirt, am liebsten wäre -es mir, wenn ich dem Herrn Vorsteher meine -Angelegenheit unter vier Augen vortragen -könnte.«</p> - -<p>Als er allein mit Garberding war, nannte -er seinen Namen. Der Vorsteher sah ihn -groß an: »Dann gehört Ihnen ja der Hilgenhof.« -Der andere nickte und erzählte, wie -es ihm gegangen war, denn der Vorsteher, -das sah er dem langen hageren Mann am -Gesichte an, war ein Mensch, der das nicht -weiter herumbrachte. So schlug er denn die -Hauptstellen aus seinem Lebensbuch vor ihm -auf.</p> - -<p>Der Vorsteher verzog keine Miene, aber -als Volkmann das Buch zuschlug, gab er -ihm die Hand und sagte: »Daß Sie kein schlechter -Mann sind, weiß ich von Ihrem Oheim, der -mir Ihre Sache seinerzeit verklarte, als in -den Zeitungen darüber geschrieben wurde.<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -Nun Ihnen der Hof auf dem Hilgenberge zu -eigen ist, gehören Sie zu uns, denn der Hof -gehört noch zu Reethagen. Das meiste Land -hatte der alte Volkmann verpachtet; es ist -in guten Händen; für sich hatte er bloß so -viel zurückbehalten, als er Bedarf dafür hatte. -Nach alle dem, was Sie mir erzählten, glaube -ich, daß Sie mit der Zeit selber den Bauern -spielen können. Ich glaube auch, daß Sie -dadurch am besten von Ihren Gedanken abkommen.«</p> - -<p>Er sah Volkmann an und fuhr fort: »Die -anderen brauchen von Ihrem Vorleben nichts -zu wissen; kommt es später rund und haben -Sie Verdruß davon, dann wenden Sie sich -nur an mich. Klatschen und Neidböcke wachsen -auf jedem Boden, aber die mehrsten Leute -hier sind anständiger Art. Wenn Sie sich -in die hiesige Art schicken und sich zu den -Leuten zu stellen wissen, fragt kein einer danach, -was Ihnen draußen zugestoßen ist.</p> - -<p>So, eins noch: Das meiste Bargeld hat -der alte Volkmann für Stiftungen hingegeben; -der Rest, der Ihnen zugeschrieben ist, liegt -auf dem Amte. Sie werden doch noch jemanden -haben, der Sie als Erbberechtigten ausweisen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -kann? Da Sie ja keine Papiere haben, -ist das das nächste, was Sie tun müssen. -Morgen früh bei Klocke achte will ich mit -Ihnen nach dem Hilgenhofe gehen. Und nun: -Gute Nacht; lassen Sie sich was Schönes -träumen.«</p> - -<p>Er stand auf und gab Volkmann die Hand. -In der Türe drehte er sich noch um: »Unter -uns: Das halbe Haus ist vermietet, aber da -ist doch noch Platz genug für Sie. Die eine -Hälfte hat der Pächter und die, wo Ihr Ohm -lebte, hat seine Haushältersche, eine Frau -Grimpe, ein ganz tüchtiges Frauenzimmer, -die auf Hochzeiten und so als Köksche ihren -Mann steht.«</p> - -<p>Er biß an seiner Zigarre herum: »Ob es das -Richtige ist, daß Sie mit ihr zusammenleben, -das ist eine andere Sache. Die Frau ist nicht -von hier; sie soll alles mögliche gewesen sein, -wird erzählt. Hier hält sie sich ganz anständig, -aber immerhin, für ganz voll wird sie nicht -genommen. Dem alten Volkmann hat sie -zwei Jahre die Wirtschaft geführt, aber das -war ein alter Mann. Na, es ist ja Ihre -Sache, wie Sie sich zu ihr stellen. Also: bis -morgen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p> - -<p>Als Ramaker und Volkmann in dem breiten -Bette in der Fremdendönze lagen, sagte Ramaker: -»So ein Bett, das ist doch etwas -Gutes!« und Volkmann erwiderte: »Na, du -kannst ja nun immer in einem richtigen Bette -schlafen.«</p> - -<p>Er hatte es sich vorgenommen, den Mann -zu behalten. Er war ein Bauernknecht aus -der Grafschaft Bentheim; Lüder hatte ihn -wintertags im Emsemoore angetroffen, als -der Mann, der halb verhungert und ganz -ausgefroren war, sich grade aufhängen wollte, -hatte ihm zu essen gegeben und ihm die -dummen Gedanken aus dem Kopfe geredet, -denn Ramaker war das Leben leid geworden, -weil er nirgends in Arbeit behalten -wurde.</p> - -<p>Er hatte nämlich in der Trunkenheit einen -Totschlag begangen, mehr aus Zufall, denn -aus Absicht, aber durch die Zeugenaussagen -wurde der Fall so gedreht, daß er mehrere -Jahre bekam. Das hing ihm überall nach.</p> - -<p>Nun aber hatte die Not ein Ende: »Bauer,« -sagte er zu Volkmann, »du sollst sehen, wie -ich arbeiten kann; ich sage dir, wenn ich erst -den Pflugsterz in der Hand habe, kennst du<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -mich nicht wieder. Nein, so ein Glück, so ein -Glück!« hatte er noch im Halbschlafe gemurmelt.</p> - -<p>Lüder Volkmann lag noch lange wach. Er -hatte erst keine große Lust, den Hof zu behalten; -er dachte, er wollte ihn verkaufen -und mit Ramaker zusammen in Südafrika -anfangen, denn er wußte, selbst hier hinten -in der Haide würde er doch ab und an gegen -seine Vergangenheit anlaufen.</p> - -<p>Anderseits: der Haidhunger, der ihn aus -Kanada forttrieb, der würde sich auch in Afrika -neben ihn stellen; er stammte aus der Haide, -wenn auch sein Vater und sein Ahne Stadtleute -gewesen waren. Was man ein Leben -nennen konnte, gab es für ihn nur in der -Haide; nur, wenn er früher in seiner Haidjagd -waidwerkte und Pürschstiege schlug und Kanzeln -baute, hatte er sich wohl gefühlt; in der -Stadt war er sich eigentlich immer albern -vorgekommen zwischen dem lauten, unruhigen -Volk, das sich wie die Spatzen benahm: immer -in hellen Haufen und ständig den Schnabel -offen.</p> - -<p>Draußen rief das Käuzchen; Lüder schien -es im Anschlafe, als riefe es: »Bliw hier, -bliw hier!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Rabenkrahe">Die Rabenkrähe.</h2> -</div> - -<p class="drop">Das erste, was er hörte, als er aufwachte, -war wieder das Käuzchen, und es rief -immer noch: »Bliw hier, bliw hier!«</p> - -<p>Er ging in den Hof und wusch sich am Sood; -als der Morgenwind ihm das Gesicht abtrocknete, -machte ihm die Eule vom Speicherdache -einen Diener, rief noch einmal: »Bliw -hier!« und verschwand im Uhlenloche.</p> - -<p>Ein gelbbunter Schäferhund kam aus dem -Hause, sah den Fremden erst mißtrauisch an -und umging ihn, aber so wie er unter Wind -kam, wedelte er, kam heran und ließ sich abliebeln.</p> - -<p>Nordhoff, der grade aus der großen Türe -trat, machte runde Augen, als er das sah, -denn Strom ging sonst ganz selten zu fremden -Leuten, und es war dem Wirte immer -ein Zeichen, wie er einen Menschen einschätzen -sollte, je nachdem der Hund sich dazu stellte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> - -<p>Darum machte er die Lippen auf und sagte: -»Na, gut geschlafen?« Volkmann nickte und -der Krüger fuhr fort: »Denn haben Sie wohl -auch Hunger; wollen Sie Kaffee oder Grütze? -Wir sind hier nämlich noch von der altväterischen -Art.« Sein Gast lachte: »Ich auch; -ich habe früher gar nichts anderes zur Morgenzeit -gegessen,« antwortete er im Haidjerplatt. -»Na, dann essen Sie mit uns,« kam es zurück.</p> - -<p>»Er spricht platt, also gehört er zu unserer -Art«, dachte Nordhoff, und als nachher Lieschen, -seine jüngste Tochter, ein scheues Kind, -ohne sich zu zieren dem Fremden das Händchen -gab und sich auf den Schoß nehmen -ließ, sah er seinen Gast mit ganz anderen -Augen an, als am Abend vorher.</p> - -<p>Schlag acht war Volkmann auf Tormanns -Hof. Er hatte sich den Bart abgenommen, -sich gründlich abgebürstet, seine Schuhe geputzt -und sah wieder ganz anständig aus. -Als er auf die Deele trat, kam ihm eine -riesenhafte Frau von gewaltigem Leibesumfang -entgegen, die aber ein Gesicht hatte, -wie die liebe Güte selber.</p> - -<p>»Herzlich willkommen,« rief sie mit einer -so dünnen Stimme, daß Volkmann erst dachte,<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -jemand anders hätte das gerufen: »Garberding -kommt gleich; setzen Sie sich so lange.«</p> - -<p>Gleich darauf kam der Vorsteher, begrüßte -seinen Gast und ging mit ihm in die Dönze; -»Schade, daß Sie nicht etwas besser im Zeuge -sind; der Hut ist ziemlich alle.« Er langte in -den Schrank. »Der paßt wohl; er ist noch -ganz neu. Und hier ist ein reines Halstuch; -das sieht gleich ordentlicher aus, und da ist -ein Handstock. Übrigens: meiner Frau habe -ich so ungefähr Bescheid gesagt; aus der -kommt nichts wieder heraus. Ein bißchen -frühstücken wollen wir aber erst einmal. Hier -ist Feder und Tinte; da können Sie an den -schreiben, der vor Gericht aussagen kann, -daß Sie der richtige Erbe sind.«</p> - -<p>Volkmann setzte sich an den Schreibtisch -und überlegte. Der Rechtsanwalt Freimut -fiel ihm ein. Als er am Abend vorher den -Namen hörte, hatte er sich bei dem Vorsteher -danach erkundigt. Er hatte mit dem Baumeister -Schönewolf die Reethagener Jagd.</p> - -<p>Volkmann kannte ihn aus einem Verein; -näher war er ihm aber nicht gekommen. -Das geschah erst an dem Tage, als das Urteil -gesprochen wurde. Volkmann sah es<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -noch, als wenn es erst drei Tage her gewesen -wäre, wie der lange Mann quer durch -den Schwurgerichtssaal storchte, daß sein blonder -Bart nur so flog, und ihm mit Tränen -in den Augen die Hand schüttelte.</p> - -<p>Er wußte, wenn einer, so würde der ihm -in jeder Weise beistehen, und so schrieb er -ihm in diesem Sinne.</p> - -<p>»Du lieber Himmel,« sagte Frau Garberding -draußen zu ihrem Manne; »es geht doch -nirgendswo toller her, als auf der Welt! -Was für Takelzeug läuft auf freiem Fuße -herum, und diesem Manne da mußte es so -gehen.«</p> - -<p>Sie stellte das Frühstück hin, und obzwar -es erst zwei Stunden her war, daß Volkmann -gegessen hatte, so konnte die Bäuerin -so gutherzig bitten, zuzulangen, daß ihr Gast -herzhaft einhieb.</p> - -<p>Der Bauer stellte ihm Zigarren und Streichhölzer -hin, zog sich die bessere Jacke an, langte -seinen Stock her und sagte: »So, von mir -aus kann es losgehen!«</p> - -<p>Es war ein schöner Vormittag; die Luft -war rein und der Himmel blau und weiß, -die Vögel sangen und die Hähne krähten vor<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -Wähligkeit. Der Weg führte zwischen den -Wiesen und der Haide hin, so daß Feldlerchen -und Dullerchen durcheinander sangen.</p> - -<p>Eine Viertelstunde waren sie gegangen, da -machte der Vorsteher halt, zeigte auf den -Graben vor ihnen und sagte: »Hier hört mein -Besitz auf und da fängt Ihrer an, und das -ist der Hilgenhof.« Dabei wies er auf einen -Busch, der auf dem Berge lag, und aus -dessen Bäumen ein weißes Fachwerkhaus mit -schwarzen Balken hervorsah, und auf das -der Weg zulief.</p> - -<p>»Es sind alles zusammen vierhundert Morgen -ohne den Anteil am Moore; früher waren -es noch mehr, aber es ist allerlei davon in -andere Hände gekommen, als Ihr Urgroßvater -gestorben war. Es ist aber noch mehr -als genug und der drittgrößte Hof in der -Gemeinde.«</p> - -<p>Volkmann wurde die Brust eng; daß er -einen so großen Besitz antreten sollte, daran -hatte er nicht gedacht, denn er hatte ganz -vergessen zu fragen, wie viel Morgen der -Hof habe.</p> - -<p>War es auch ein Glück zu nennen, daß -er ihn erbte, er konnte dessen so recht nicht<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -froh werden; immer und immer wieder klang -ihm die Stimme des schönen Mädchens durch -den Sinn, und wo er ging und stand, sah er -ihr gutes Gesicht und ihr goldenes Haar.</p> - -<p>Nicht einmal hatte er daran gedacht, daß -er ihr etwas sein könnte, zumal sie ja mit -einem anderen versprochen war, denn sie -trug einen Ring an der Hand; sein Wunsch -ging nicht weiter, als daß er mit Ehren vor -ihr stehen könnte.</p> - -<p>Immer, wenn sie ihm in den Sinn kam, -in ihrem hellen Leinenkleide, frisch und rein -und rosig, dann sah er sich mit kahl geschorenem -Kopf und bartlosem, blassem Gesichte, -angetan mit dem grauen Linnen des Zuchthäuslers -und ihm war, er müsse sich schämen, -daß er an sie dachte, er, der Mann mit dem -hingerichteten Namen.</p> - -<p>Und nun waren sie vor dem Hilgenhofe. -Da lag sein Haus und lachte ihm in der -hellen Sonne durch die rauhen Stämme der -Hofeichen zu. Ein Hahn krähte zum Willkommen, -die Finken schlugen, die Hülsenbüsche -hinter der klobigen Findlingsmauer, aus der -die Farne heraushingen, blitzten in der Sonne, -gleich als wollten sie den angrünenden Machangeln,<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -die sich zwischen sie quälten, und den -blühenden Schlehbüschen, die sich über die -Mauer rekelten, den Platz streitig machen und -den Efeu von den moosigen Steinen fortdrängen -und es nicht zugeben, daß die Wildrosen -und die Brummelbeeren ihr Recht behielten -und die Hundsveilchen, die Grasnelken, -die Windröschen und die Goldnesseln, die da -überall blühten. Eine Elster schnatterte in -der Pappel, Dohlen lärmten hin und her und -über dem Hausbusche riefen ein paar Turmfalken. -Lüder Volkmann tat einen tiefen -Atemzug.</p> - -<p>»Ja,« sagte sein Begleiter, »der Hof liegt -man einmal schön. Nun wollen wir Frau -Grimpe Bescheid sagen. Na, die wird Augen -machen! Und passen Sie auf, die redet <span id="corr050">einem</span> -ein Loch in den Strumpf und wenn man -Kniestiefel anhat. Da ist sie ja schon!«</p> - -<p>Eine untersetzte Frau von rundlicher Gestalt -mit dicken weißen Armen kam aus der -Türe; sie mochte so in den dreißiger Jahren -sein, sah freundlich und sauber aus, hatte -aber einen unsteten Blick.</p> - -<p>Sie schoß auf Garberding zu: »Guten Morgen, -Herr Vorsteher; wo komme ich zu die Ehre?<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -Wollen Sie nicht ein büschen näher treten? -Sie haben doch noch nicht gefrühstückt? Doch! -Schade! He, Pollo! Der Hund kann sich -immer noch nicht an die Katze gewöhnen, so -viele Schläge er darum auch schon gekriegt -hat. Ein Glück, daß Sie erst jetzt kommen; -bis Uhre sechse haben wir gewuracht; die -eine Sau hat Junge gekriegt, acht Stück. -Wollen Sie sie mal sehen? Das eine hat, -mit Respekt zu sagen, keine Leibesöffnung. -Was macht man bloßig damit? Die Ferkel -haben ja jetzt gute Preise; vielleicht kann der -Tierarzt da was an machen. Oder was meinen -Sie, ob 'ne Opratschon Sweck hat? Das -arme Tierchen! Es säuft aber trotz alledem. -Ja, wer kann vor Malheur!«</p> - -<p>»Das ist der Besitzer vom Hilgenhofe, Herr -Volkmann«, mit diesen Worten hackte der -Vorsteher ihr das Wort vor dem Munde ab.</p> - -<p>»Aurelie Grimpe,« stellte sich die Frau mit -einem Knixe vor, der Volkmann an den erinnerte, -den seine Wirtin, die dicke Hofbäckermeisterfrau, -zu machen pflegte, wenn die Herzoginmutter -ihr vom Wagen aus zunickte. -Einen Augenblick war Frau Grimpe verdutzt, -dann aber zog sie die Schleuse wieder auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p> - -<p>»Meinen ergebensten Glückwunsch, geehrter -Herr! Das ist man gut, daß hier wieder ein -Mann hinkommt. So weit es ging, habe ich ja -alles in Stande gehalten, aber eine schwache -Frau kann nicht das, was ein Mann kann, -und so'n Pächter, na, man weiß ja!«</p> - -<p>Der Vorsteher machte lustige Augen und -sah ihre Schultern und ihre Arme an, sie aber -polterte weiter durch dick und dünn: »Ihrem -seligen Herrn Onkel habe ich zwei Jahre die -Wirtschaft geführt; eine Seele von Mann war -das. Natürlich hatte er seine Grappen; sehen -Sie mal da!« sie zeigte nach der Miststatt, »da -wachsen an die zweihundert Königskerzen, -daß man fast nicht mehr heran kann. Glauben -Sie, daß die wegdurften? Ordentlich verniensch -ist er geworden, als ich darauf zuschlug -und er sagte: ›Das ist das Schönste -am ganzen Hofe.‹ Na ja, es sieht ja ganz -ramantisch aus, wenn sie ihre Blüten entfalten, -aber die Propertät leidet darunter.</p> - -<p>Das Schlimmste war, er machte sich aus -dem Essen gar nichts. Wenn ich ihn fragte: -›Herr Volkmann‹, fragte ich, ›was soll ich -kochen?‹ Dann sagte er: ›Das ist meine Sache -nicht.‹ So war er. Ach, du meine Güte, sind<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -doch wahrhaftig wieder die Hühner im Garten! -Hscht! Wollt ihr wohl! Ja, und wenn ein -Swein geslachtet werden sollte, dann machte -er, daß er wege kam, so'n Herz hatte der -Mann! Und keinmal habe ich ein Huhn -vor ihm braten dürfen und eine Taube schon -gar nicht.</p> - -<p>In anderer Weise konnte er dagegen wie -ein Stein sein; keinem armen Reisenden gab -er auch man zwei Pfennige. ›Bleibt auf dem -Lande und arbeitet bei den Bauern!‹ sagte -er einen jeden, wo hier fechten kam. Und -wenn auf die Franzosen die Rede kam, denn, -wenn der Herr Paster und der Herr Dokter -kam, dann wurde sehr politisch geredet, dann -sagte er: ›Kaput getrammpt muß die Bande -werden!‹ Ja, so war er.</p> - -<p>Aber nun sehen Sie sich bitte das Haus -an; es ist meist allens wie es war. Die -Sammlungen sind an das Museum in Bremen -gekommen, Käfer und Bienen und Steine -und andere Wissenschaftlichkeiten, denn darin -war er groß. Denken Sie bloßig, der pflanzte -allerhand wilde Blumens an, bloßig damit -die wilden Bienen danach kamen. Den ganzen -Tag konnte er bei seinen Büchern und Kästen<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span> -sitzen, und wenn ich ihm sagte, daß das Essen -da ist, dann wurde er falsch. Hscht! Ist mir -das Viehzeug von Spatzen bei die jungen -Erbsen. Ja, man hat seine liebe Not!«</p> - -<p>So ging es in einem Strange fort. Volkmann -hörte nur mit einem halben Ohre hin; -er sah sich das alte Haus an, den Garten -mit den gut gepflegten Obstbäumen und -Beerensträuchern, die große Alpenanlage, die -zwischen dem Hause und dem Grasgarten -lag, in der zwischen und auf den Tuffsteinen -viele hundert Blumen und Kräuter wuchsen -und sich in den kleinen und großen Wasserkübeln -spiegelten, die in den Boden eingelassen -waren und in denen allerlei Wasserpflanzen -gediehen, die Hainbuchenlaube mit dem Steintische -und der grünen Bank, von der man -einen Blick über die Haide bis zu dem blauen -Walde hatte, die sechs Fischteiche, die hinter -dem Grasgarten lagen, die Stallungen und -den Rest von dem Vieh, das noch geblieben -war; er hörte auf die verständigen Worte, -die Garberding an ihn richtete, und dachte, -daß es vielleicht doch ein Glück wäre, daß -der Hof nun sein Eigentum sei.</p> - -<p>Vor ihm, neben ihm und hinter ihm, je<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -nachdem, was sie zu zeigen hatte, witschte -Aurelie Grimpe hin und redete Korn und -Kaff durcheinander.</p> - -<p>Er aber hörte nicht mehr darauf, als auf -das, was die schwarze Krähe quarrte, die -über den Hof wegflog.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Schwalbe">Die Schwalbe.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es kamen nun zwei graue Regentage, legten -sich auf das Land und drückten des Hilgenhoferben -Stimmung zu Boden.</p> - -<p>Mit ernstem Gesichte half er Nordhoff bei -der Arbeit auf dem Hofe, denn der Krüger -hatte die Wirtschaft und den Kramladen nur -so nebenbei, und Ramaker arbeitete auf dem -Felde mit, weil der Knecht eine schlimme Hand -hatte. Den beiden Männern kam das sehr -zu Passe, denn Volkmanns letzter Taler war -verzehrt und so konnten sie Kost und Nachtlager -mit ihrer Hände Arbeit bezahlen.</p> - -<p>Als am Sonnabend Nachmittag Feierabend -gemacht wurde, kam die Sonne durch. Lüder -setzte sich in den Garten und machte dem -kleinen Lieschen eine Puppe, und Strom, der -immer bei ihm war, sah zu. Im blühenden -Kirschbaume sang die Schwarzdrossel. Die -Grauartschen schwatzten auf der Hecke und von -dem Windbrette zwitscherten die Schwalben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p>»So,« sagte Volkmann, »nun ist sie fertig, -die Puppe. Und jetzt geh nach Deiner Mutter; -es ist Abendbrotzeit für Dich.« Das Kind -nahm ihn in den Arm und gab ihm einen -Kuß auf die Backe, bei dem es dem Manne -warm um das Herz wurde; dann lief es mit -glänzenden Augen in das Haus und Strom -schwänzelte hinterher.</p> - -<p>Volkmann steckte sich eine Zigarre an und -sah nach den gelben Osterblumen hin, die in -dicken Horsten aus dem Rasen kamen und -um die ein Ackermännchen herumsprang und -nach Fliegen schnappte. Über ihm zwitscherte -die Schwalbe in einem fort.</p> - -<p>Seine Stirn hellte sich auf: ja, er wollte es -wagen, wollte den Hof auf dem Hilgenberge -antreten, wollte da hinten in der Haide ein -Bauer werden, von dessen Giebel die Schwalbe -lustig zwitscherte, und nicht wieder staubige -Straßen fahren, an denen der Ortolan sein -müdes Lied sang.</p> - -<p>Die Welt der Stadtleute lag abseits von -seinem Wege; das Schicksal hatte ihn nach -harter Buße dahin gestellt, wo er hingehörte, -in die Haide; es hatte ihm den Pflugsterz in -die Hand gegeben und er wollte ihn festhalten.<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -Und das Geschick hatte ihm einen Gehilfen -gegeben in dem heimatlosen Knecht, so daß -er nicht ganz alleine mit sich und seiner Erinnerung -war.</p> - -<p>Ein Wagen hielt vor der Wirtschaft und -eine tiefe Männerstimme, die Lüder bekannt -vorkam, rief die Tageszeit. Dann kamen -Schritte über den Gang, ein Schatten fiel -über das Gras, und als Volkmann aufsah, -stand der lange Freimut vor ihm. Bis auf -einige graue Haare war er noch derselbe -Mann wie vordem; seine Augen hatten noch -denselben Kinderblick und der blonde Bart bedeckte -die ganze Oberbrust. Er war in Jagdkittel -und Manchesterhosen und trug Schmierstiefel.</p> - -<p>Er stand vor Volkmann, lächelte und schüttelte -den Kopf: »Da schlag doch Gott den Deubel -dot! Sagt bloß, wo kommt Ihr eigentlich -her? Wir lauern und lauern, aber kein Volkmann -läßt sich sehen. Einen Preis haben -wir auf Euer edles Haupt gesetzt, bestehend -in zwölf Pullen Forster Kirchenstück Auslese; -aber selbst das half nicht. Schließlich hieß -es, Wodan habe eine seiner Schwertjungfern -losgeschickt und Euch zu einem längeren Abendschoppen -gebeten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<p>Doch Spaß beiseite. Jetzt wollen wir einmal -ernsthaft reden: was trinkt Ihr lieber, -weiß oder rot? denn ich habe meinen eigenen -Wein hier. Die Sache ist nämlich die: Baumeister -Schönewolf, auch einer von uns Niefelheimern, -und ich, wir haben die Jagd hier, -fünfzehntausend Morgen zusammenhängend, -uneingerechnet das große Moor, denn da -weiß kein Deubel die Grenze, und der Hilgenhof -gehört mit dazu.</p> - -<p>Eine Frage noch: wer kennt Eure Verhältnisse -hier? Der Vorsteher! Bonus, wie -der Küchenlateiner sagt; dann sind wir unser -vier: <em class="antiqua">tres faciunt collegium</em>, alleine vier ist -auch nicht dumm.«</p> - -<p>Er rief in das Haus hinein: »Deern, lauf -mal nach dem Vorsteher, er möchte sofort -kommen; eine wichtige Angelegenheit harret -seiner. Kriegst auch nachher 'n Söten!«</p> - -<p>Das Mädchen quiekte und lief los. »Und -nun an die Gewehre! Ich habe einen Schmacht, -daß ich Mazzes fressen könnte.«</p> - -<p>In der besseren Stube saß der Baumeister -und streckte Volkmann die Hand hin. Freimut -sagte: »Unser Freund weiß Bescheid; er hat -Euretwegen einen Lümmel einmal backgepfiffen<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -und ihm nachher eine tadellose Terz in -die Rippen gesetzt. So, nun wollen wir der -selbstgeschlachteten Wurst die gebührende Ehre -antun. Da ist ja auch der Vorsteher! Guten -Abend, Vatter Garberding, <em class="antiqua">comment vous -portemonnez-vous</em>? Und nun, ihr deutschen -Männer,« er füllte vier Gläschen mit altem -Korn, »erhebet euch und die Stimmen zum -uralten germanischen Weihegesang: Wenn alle -eenen hebbt, will eck ook eenen hebben! denn -so ist es der Brauch bei den Mannen, so im -Rheinischen Hof in Niefelheim, der Stätte der -Gräuel, nächtlicherweile tagen.</p> - -<p>Und ich soll euch grüßen von der ganzen -Schwefelbande, vor allem vom kleinen Doktor, -der mitgekommen wäre, wenn er nicht zufällig -grade heute freite, und von Knüppel, -dem Kunstmaler aus Deutschland, der ein -Weib genommen hat und sich nur noch Sonnabends -betrinken darf, aber nur ein ganz -bißchen. Und hallo, das Wichtigste; als ich -grade in die Bahn stieg, sah ich Herrn Mehls; -er hat sein ganzes Geld in Kuxen verjuxt -und ich führe fünf Prozesse gegen ihn, und -an dem Tage, wo er so weit ist, daß er sich -sein Mittag aus dem Mülleimer sucht, da will<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -ich dem heiligen Hubertus eine Kerze stiften -für hundert Reichsmark.«</p> - -<p>Lüder schwoll die Brust, als er den Namen -Mehls hörte. Das war der Mann, der ihn -zu Tode gehetzt hatte, einst sein Freund, und -dann sein Todfeind, den seine politischen Gegner -auf seine Wundfährte gelegt hatten, um ihn -zur Strecke zu bringen.</p> - -<p>»Ja,« sprach der Rechtsanwalt und warf -seinem Hunde eine Hand voll Wursthäute -hin, »auf dem Bauche soll er kriechen und -Staub fressen, der Schweinehund. Ich habe -jetzt ein paar Wechsel von ihm in der Hand, -damit bringe ich ihn an den Galgen. Seine -zweite Frau, wenn es nicht schon die dritte -ist, ist ihm ausgerückt, sein Haus ist ihm verkauft, -keinen Kredit hat er ooch nicht mehr. -Kinder, das Leben ist doch schön! Es lebe -das edle Waidwerk und die Jagd auf das -Raubzeug! Horüdhoh, do, do, do, do!«</p> - -<p>Es wurde ein gemütlicher Abend; der Vorsteher, -der sich sonst sehr zurückhielt, taute -auf, denn er mochte den langen Rechtsanwalt -gern und den Baumeister auch.</p> - -<p>Als der Tisch abgeräumt war, wurden Volkmanns -Angelegenheiten besprochen. Garberding<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -und Schönewolf waren der Meinung, -daß Volkmann den Hof selbst bewirtschaften -sollte; Freimut sagte nichts dazu. Nachdem -Garberding sich verabschiedet hatte und Schönewolf, -der vor Tau und Tag zur Birkhahnbalz -in das Moor wollte, zu Bett gegangen war, -sagte er:</p> - -<p>»Das mit dem Hofe halte ich für Duffsin. -Zum ersten, weil Ihr von der dicken Kartoffelzucht -nichts versteht, zum zweiten, weil es ein -bethlehemitischer Kindesmord wäre, wenn Ihr -Euch hier verkriechen wolltet. Freunde habt -Ihr genug; ich würde kaltlächelnd wieder die -Feder in die Faust nehmen und darauf loshauen. -Wir haben damals bei der ganzen -befreundeten Presse angefragt, ob sie ferner -von Euch Leitartikel und Kunstbesprechungen -nehmen würde, und überall hieß es: ›Nun -grade!‹ Verpachtet den Hof gut, behaltet -Euch eine Stube vor, damit Ihr mit uns -jagen könnt, oder noch besser zwei, dann sind -wir gleich mitten drin in der Jagd, denn dem -guten Nordhoff liegt an Bett- und Mittagsgästen -scheußlich wenig und er ist froh, wenn -wir ihm sein Bitterbier austrinken und ihn -sonst in Frieden lassen. Ihr gehört vorne an,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -Mann, und nicht hinten in die Haide. Das -ist meine Meinung.«</p> - -<p>Volkmann schüttelte den Kopf: »Nein, lieber -Freimut, ich bleibe hier. Erstens ekelt mich -die Parteipolitik an; denn ob schwarz, blau -oder rot, mit Wasser wird überall gekocht, -mit sehr trübem Wasser oft. Selbst bei meiner -Niedersächsischen Bauernzeitung, bei der ich -doch alle Parteiklüngelei ausließ, habe ich -mich oft drehen und wenden müssen. Und meine -anderen Schreibereien? Du lieber Himmel, -das, was ich als Kunstkritiker und im Feuilleton -leistete, das können hundert andere auch -und manche viel besser. Überhaupt ist mir -alles, was nach Luxus und Asphalt riecht, -in die Seele verhaßt; am wohlsten habe ich -mich gefühlt, als ich im Blockhause lebte und -keine andere Gesellschaft hatte als meine -Margerit, meinen Schweißhund und den Homer.</p> - -<p>Unsere Parteipolitik, unsere Kunst, unser -Feuilleton, lieber Mann, es ist wie der Asphalt; -es sieht glatt und sauber aus, und besieht -man es in der Sonne, dann klebt es und -stinkt. Ich danke ergebenst! Ich will das -werden, was meine Ahnen waren: ein Bauer -und von dem ganzen Stadtkrempel mit seiner<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -Talmikultur keinen Schwanzzipfel mehr sehen. -Habe ich mich in Kanada, wo doch das Wort -gilt: <em class="antiqua">Trapping for sport very well, for Life -damned</em>, bequem durchgebracht und noch einen -Rucksack voll Dollarnoten dabei übrig gehabt, -so werde ich hier auch schon durchkommen. -Und ich habe ja Ruloff Ramaker bei mir. -Ich weiß, Ihr meint das gut mit mir, aber -ich habe mit allem abgeschlossen, was außerhalb -meines Ichs liegt.«</p> - -<p>Gellendes Hasenquäken weckte ihn am anderen -Morgen. Er fuhr im Bette in die Höhe, -das er jetzt allein hatte, da Ramaker bei -dem Knechte schlief, und sah Freimut vor sich -stehen.</p> - -<p>»Auf! sprach der Fuchs zum Hasen; hörst -du nicht den Jäger blasen?« schrie der und -warf ihm einen Jagdanzug auf das Bett: -»Host Euch damit an, Hochedler, denn Eure -Kluft ist mehr interessant, als sonntagsgemäß. -Wir wollen dem Amtsrichter auf die Bude -rücken; ich bin gestern bei ihm vorgefahren -und er erwartet uns. Wir duzen uns beide; -er war mit mir in Berlin im V. d. St. und -mit seiner Frau bin ich so auf Umwegen auch -noch verwandt, denn sie ist eine Hasselmann,<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -Schwester von unserem Hasselmann, der jetzt -in Deutschsüdwest herumtobt.</p> - -<p>Donnerhagel, sitzt Euch das Zeug fein, besser -als mir! Hier ist ein Hut, und hier ein -Wanderstab, wie es sich für den deutschen -Mann gehört. Der Vorsteher schickt ihn; Ihr -sollt ihn behalten. Seht, da hat er die Volkmannsche -Hausmarke hineingeschnitten.«</p> - -<p>Hell leuchtete aus dem dunklen Schlehenstocke -die alte Eigenrune der Hilgenbauern -heraus, und Volkmann wurde seltsam zumute, -als er den Stock in die Hand nahm; ihm -war es, als träte er damit das Erbe an.</p> - -<p>Sie frühstückten und fuhren los. Die Birkenstämme -an der Straße blitzten in der Sonne -und wehten mit ihrem grünen Gezweige, die -Wiesen waren weiß vom Schaumkraut, die -Grabenufer leuchteten von den gelben Kohmolken, -überall stelzten die Störche umher, -und die Luft war voll von Lerchengesang und -Krähengequarre.</p> - -<p>Das ganze Land sah aus, als wenn es frisch -aus der Wäsche gekommen wäre, alle Leute, -die ihnen begegneten, hatten blanke Augen, -und vor jedem Hause war Hundegekläff und -hinter allen Hahnengekrähe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span></p> - -<p>Der Anwalt schlug Volkmann auf den Schenkel: -»Mann, ich glaube, Ihr habt recht; ist -das hier schön! Ich wollte verdammt auch -lieber hinter dem Pfluge gehen, als Akten -durchwurzeln und Verteidigungsreden herausrasseln. -Hol's der Deuwel!«</p> - -<p>Amtsrichter Ketel Frerksen winkte mit der -langen Pfeife, als der Wagen herankam. Er -war lang und schlank und man sah ihm den -Reserveleutnant an, aber sein Benehmen war -das des frohen Burschen, der auf der hohen -Schule gewesen war.</p> - -<p>»Freut mich von Herzen, Sie kennen zu -lernen,« rief er und drückte Volkmann die -Hand; »kommen Sie, erst will ich Sie meiner -Familie vorstellen.« Er schob seine Gäste in -den Garten, wo ein zierliches Frauchen, einen -anderthalbjährigen Blondkopf an der linken -Hand, mit dem Spargelstecher zwischen den -Beeten herumspähte.</p> - -<p>»Hier, Lottchen, das ist Herr Volkmann, -genannt der Hilgenbur, und das ist mein -ältester Sohn, Ubbe Ketelsen; wir sind nämlich -Friesen. Und da ist das Frühstück: selbstgeschlachtete -Radieschen, selbstgesäte Würste -und Spargelsalat gibt es auch, und der Handkäse<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -läuft weg, wenn wir ihn nicht schlachten. -Aber was hat denn der Junge? Du willst -zu dem fremden Onkel auf den Arm? Das ist -doch sonst deine Art nicht? Komm, Väterchen -will dich nehmen! Nicht? Na, das ist die Höhe!«</p> - -<p>Volkmann nahm das Kind hin, das ihm -die Backen strich, ihn fest in den Arm nahm -und ihm einen Kuß auf das Haar gab. Die -hübsche Frau des Amtsrichters schlug die -Hände zusammen: »Das hat er noch nie bei -einem Fremden getan, noch nicht einmal bei -seiner Minna. Bitte, Minna, nehmen Sie das -Kind.«</p> - -<p>Das Mädchen kam, aber der Junge fing -gefährlich an zu brüllen, als er von Volkmann -fort sollte, er klammerte sich fest an ihn -an und jubelte auf, als Lüder der Magd abwinkte, -und er jauchzte vor Wonne, als er aus -der braunen Hand ein Butterbrötchen bekam.</p> - -<p>Das Ehepaar saß ganz verwundert da. -Dem Hilgenbauer aber war zumute, als -streichelte die kleine weiche Hand, die ihm -über die Backen fuhr, jede Erinnerung an -die graue Zeit fort.</p> - -<p>In der Linde vor der Laube zwitscherte die -Schwalbe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Wendehals">Der Wendehals.</h2> -</div> - -<p class="drop">Lüder Volkmann hatte die Erbschaft angetreten; -es gereute ihn keineswegs.</p> - -<p>Zuerst wußte er nicht, was er so recht anfangen -sollte, da Lembke, der das Ackerland -und einen Teil der Wiesen in Pacht hatte, -vorderhand allein mit der Arbeit fertig wurde, -zumal Ramaker ihm von früh bis spät half, -ohne mehr zu verlangen als Essen und -Trinken und freien Tabak.</p> - -<p>Freimut und Schönewolf hatten Volkmann -gebeten, die Aufsicht über die Jagd zu übernehmen -und ihm freie Flinte dafür gewährt, -und so lag er die meiste Zeit draußen, weniger, -um zu waidwerken, als um die Zeit -totzuschlagen.</p> - -<p>Auf die Dauer wurde ihm das aber langweilig -und er suchte sich Arbeit. In Reethagen -hatte er einen ganzen Vormittag dem -Strohdecker zugesehen, und da das Hausdach<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -auf der Wetterseite schadhaft geworden war, -so lieh er sich von ihm die Dachstühle, das -Dachmesser, die Dachnadel und das Dachholz, -ließ sich Bindedraht besorgen und machte sich -mit Ramaker daran, das Dach zu flicken.</p> - -<p>Anfangs hatte er vor, nur eine kleine Ecke -auszubessern, aber dann fand er, daß die -ganze Dachkante undicht war, und da Stroh -genug da war für die Schoofe, so ließ er nicht -eher nach, als bis keine Fehlstelle mehr an -dem ganzen Dache war.</p> - -<p>Sodann sah er sich nach anderem Tagewerk -um. Der Zaun zwischen dem Hofe und dem -Grasgarten war morsch; er sägte Ständer -und Latten zurecht und setzte einen Zaun hin, -daß Frau Grimpe die Hände zusammenschlug -und rief: »Nein, Herr Volkmann, aber über -Ihnen aber auch! an Sie ist ja ein Tischlermeister -verloren gegangen.«</p> - -<p>Die Fischteiche waren arg verschlammt, denn -davon hatte Lembke keinen Verstand; so ließ -der Bauer einen nach dem anderen ab, reinigte -und vertiefte ihn, düngte ihn und ließ -ihn sich begrünen und besetzte ihn.</p> - -<p>Je mehr er sich umsah, um so mehr fand -er, was nicht in der Reihe war; hier fehlte<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -ein Brett, da stockte ein Graben, dort sackte -ein Weg weg; Lüder hatte allmählich so viel -zu tischlern, zu graben und zu dämmen, daß -ihm kein Tag mehr lang wurde.</p> - -<p>Der alte Immenschauer fiel fast um; er -baute an einer besseren Stelle einen neuen, -der doppelt so viel Stöcke aufnahm, und acht -Tage lang quälte er sich damit ab, die Bohlen -auf dem Heuboden, von denen mehrere recht -schlecht waren, auszuflicken oder zu ersetzen, -und Frau Grimpe sah bewundernd zu und -rief: »Nein, Herr Volkmann, als wenn Sie -auf Zimmermann studiert hätten!«</p> - -<p>Aurelie Grimpes Herz hatte allerlei Liebe -aushalten müssen, aber sie fühlte sich frisch -genug, es noch einmal damit zu versuchen.</p> - -<p>Je länger der Bauer auf dem Hofe war, um -so heißer wurde es ihr unter dem Schürzenlatze, -der jetzt immer schlohweiß war, wie sie -denn auch seitdem am Kopfe und an den -Füßen stets herumging, wie aus der Beilade -genommen.</p> - -<p>Das Haus hielt sie so sauber, daß es eine -Freude war, und obzwar sie wieder angefangen -hatte, im stillen Kämmerlein mit Feile, -Rosawachs und Wildleder ihre Hände so<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -zu pflegen wie damals, als sie noch Dreimarkchampagner -für vier Taler an ihre Gäste -verkaufte, wenn die Mädchen ihnen die Köpfe -heiß gemacht hatten, den Garten hielt sie so -schnicker wie vordem.</p> - -<p>Dumm war sie nicht; sie hatte es sofort -herausbekommen, daß der Bauer keiner von -den Männern war, die man leicht einfängt; -so sparte sie ihre runden Armbewegungen und -ihre einladenden Blicke, legte in ihr Lächeln -so viel Mütterlichkeit, wie sie auftreiben konnte, -und ließ ihre Zunge Schritt laufen, so schwer -ihr das auch wurde.</p> - -<p>Sie wollte den großen schönen Mann langsam -an sich herangewöhnen, ihn leinenführig -machen und ihn soweit bringen, daß er sich -sagen mußte: »Aurelie Grimpe oder keine!«</p> - -<p>Vorläufig schien es damit allerdings noch -gute Weile zu haben, denn der Bauer sah -weder die krausen Nackenlocken und die weißen -Arme, noch den innigen Augenaufschlag und -das mütterliche Lächeln; er ging und kam mit -kurzem Gruße, und wenn er mit der Frau -sprach, dann war es um alltägliche Dinge und -geschah in derselben trockenen Art, mit der er -zu dem Pächter sprach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> - -<p>Aurelie Grimpe stellte sich oft genug in ihrer -Dönze vor den Spiegel, knetete sich die Krähenfüße -von den Schläfen weg, zupfte die Stirnlöckchen -zurecht und fragte ihr Widerbild ganz -erstaunt, wie es wohl möglich wäre, daß ein -so strammer Kerl, der rein nichts an der Hand -habe, an einer so schieren und molligen Frau, -wie sie war, Aurelie Grimpe, geborene und -so weiter, vorbeisehen könne, als wenn sie die -Altmutter Lembke mit dem kahlen Scheitel -und dem leeren Mund wäre.</p> - -<p>Alles mögliche hatte sie angestellt, um dem -Bauern zu beweisen, daß sie Verständnis für -höhere Bildung habe; sie hatte ihn gefragt, -ob sie sich aus dem Rest der Bücher, die der -alte Volkmann zurückgelassen hatte, Leselektüre -holen dürfe, aber der Bauer hatte nur -»Bitte schön« gesagt, und als sie ihn fragte, -was dies oder jenes in dem Buche bedeute, -da hatte er, ohne eine Miene zu verziehen, -gesagt: »Das verstehen Sie doch nicht!« und -war an seine Arbeit gegangen.</p> - -<p>Dann hatte sie eine Zeitung, in der das -Allerneueste zu finden war, bestellt, und nun -ging es ab und zu: »Herr Volkmann, haben Sie -schon gehört?« oder »Herr Volkmann, denken<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -Sie sich bloßig?« Er aber sagte: »Tun Sie mir -den einzigen Gefallen und lassen Sie mich -mit solchen Geschichten in Frieden!« Er sagte -das ganz freundlich, aber es betrübte sie -doch sehr, daß es ihr nicht gelingen wollte, -einen Weg von ihrem zu seinem Herzen zu -finden.</p> - -<p>Obzwar sie anfangs nur an die gute Versorgung -gedacht hatte, mit der Zeit fing sie an -zu brennen wie eine alte Scheune und stellte -mit Besorgnis fest, daß sie, wenn sie nicht -ihren Zweck erreichte, auf dem besten Wege -wäre, den Glanz ihrer Augen und die Frische -ihrer Farbe loszuwerden, und so beugte sie -dem mit Antimon und Karmin vor, das der -geheimnisvolle Kasten enthielt, den sie in den -Tiefen ihres großmächtigen Reisekorbes verborgen -hielt.</p> - -<p>Das Allerbetrüblichste aber war, daß der -alte Spruch, der da sagt, daß die Liebe durch -den Magen gehe, auf Volkmann durchaus nicht -zutraf. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, um -herauszubringen, was wohl seine Leibgerichte -wären, aber immer und immer wieder hatte -sie in die Brennessel gefaßt, wenn sie danach -fragte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<p>Er aß Morgen für Morgen seinen steifen -Buchweizenbrei mit einer dreizolldicken Hausbrotschnitte, -er war zufrieden, wenn es zum -Frühstück acht Tage dieselbe langweilige Wurst -oder ein und denselben gemeinen Käse gab, -er fragte nicht danach, ob die Kartoffeln -kroß mit Speck oder mit Butter weich gebraten -waren, ob die dicke Milch alt oder jung, -ob das Rauchfleisch herzlich schmeckte oder -streng.</p> - -<p>»Die reine Dranktonne,« dachte Aurelie -Grimpe mit Wehmut und verzweifelte immer -mehr, wenn sie sah, daß er den einen Tag -die halbkalten Pellkartoffeln mit dem alten -Speck ebenso gleichgültig hinunteraß wie Tags -zuvor die schöne Gemüsesuppe mit dem zarten -Schinkenende darin. Das gefiel ihr nicht an -dem Manne.</p> - -<p>Eines Sonntagnachmittags, als Lembkes -in das Dorf gegangen waren, beschloß sie, -drei Pferde vor den Wagen zu spannen, um -durch den Sand zu kommen.</p> - -<p>Der Bauer schlief, denn er war um zwei -Uhr in der Nacht aufgestanden und mit dem -Drilling und Söllmann, dem Schweißhunde -Freimuts, losgegangen, weil er vermutete,<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -daß hinten im Moor gewildert wurde. Er -war erst gegen Mittag nach Hause gekommen -und hatte sich dann lang gemacht.</p> - -<p>Aurelie sagte sich, daß die Gelegenheit -günstig wäre, die dicken Trümpfe auszuspielen.</p> - -<p>Sie zog ihre süßesten Strümpfe und ihre -zuckrigsten Schuhe an, ein Spitzenhemd und -ein Korsett, wie es das weit und breit nicht -gab, und einen Unterrock, der gerade so lang -war, wie er sein sollte, machte sich ihr Haar -so hübsch wie möglich, gab ihren Augen durch -ein wenig Antimon noch mehr Feuer, sah sich -lange im Spiegel an, machte sich einen Knix, -langte ihren Handspiegel her, besah sich von -hinterwärts, und dann setzte sie sich auf den -Bettrand und wartete.</p> - -<p>Sie mußte sehr lange warten, so lange, daß -ihr allerlei dumme Gedanken kamen, Gedanken, -die nicht gerade geeignet waren, ihren -Augen helleren Glanz und ihren Backen mehr -Farbe zu geben. Sie wurde müde, aber sie -wagte nicht zu schlafen, einmal der wunderbaren -Haaraufmachung wegen, und dann -überhaupt und so.</p> - -<p>Sie sah ihr Photographiealbum durch, in -dem meistens aufgedonnerte Mädchen mit weit<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -aufgerissenen Augen zu sehen waren, und -Männer unterschiedlicher Art, ordnete den Inhalt -ihres Reisekorbes, in den sie niemals -einen Menschen hineinsehen ließ, und las -schließlich zum soundsovielten Male in den gelben -Heften, auf deren Vorderblatt ein Männerkopf -mit rabenschwarzen Locken zu sehen war, -worunter die Worte standen: Memoiren eines -Scharfrichters oder das Geheimnis der Gräfin -Olga.</p> - -<p>Auf einmal sprang sie auf; sie hatte gehört, -daß im Fleet Schritte gingen. Sie trällerte -ein Liedchen vor sich hin, warf einen Blick in -den Spiegel, rumpelte einen Stuhl hin und -her, zupfte sich eine Locke zurecht, rieb sich -unter den Augen umher, die vom langen -Warten Fensterladen bekommen hatten, warf -noch einen Blick in den Spiegel, übte schnell -einen züchtigen Augenaufschlag ein, ergriff die -Blechkanne und schoß in demselben Augenblick, -als die Schritte des Mannes ihrer Tür -gegenüber waren, heraus und Volkmann -mitten vor den Leib.</p> - -<p>Die Kanne fallen lassen, einen gellenden -Jungfernschrei ausstoßen und gleich hinterher -den Atem anhalten, so daß etwas ähnliches<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -wie Schamröte ihr Gesicht färbte, die runde -Hand an das Korsett pressen, doch so, daß -die schöne Hemdenspitze nicht verdeckt wurde, -und dann mit wildem Busengewoge nach Atem -ringen und schmachtend jappend: »O, Herr -Volkmann, wie hab' ich mir doch verschrocken; -daß Sie mir auch so sehen müssen!« das war -alles eins.</p> - -<p>Der Bauer aber änderte sein Gesicht kein -bißchen und liebelte nur den Hund ab, der -vor Schreck zurückgefahren war, als ihm die -Kanne vor der Nase hinknallte; gleichgültig -sah der Mann auf die sorgfältig hergestellte -Pracht, und während Aurelie Grimpe in ihre -Kammer zurückschoß, schnitt er für sich und -den Hund Brot und Speck ab, wickelte es -ein, steckte es in die Tasche, langte den Drilling -von dem Rehgehörn am Türrahmen und -ging über den Hof.</p> - -<p>Als er im Grasgarten war, blieb er stehen, -denn im Apfelbaum saß der Wendehals, schrie -nach der Schwierigkeit und drehte den Hals -wie albern. Und da mußte der Bauer im -Halse lachen, denn es fiel ihm ein, welche -Mühe die gute Aurelie sich seit Wochen um -ihn mit Augenverdrehen und Halsverrenken<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -gegeben hatte, just so wie der Wendehals, -der in dem Apfelbaume saß.</p> - -<p>Aber dann ging das Lächeln aus seinem -Gesichte fort. Das Weibsstück war ihm längst -zuwider, einmal wegen ihrer schwarzen Kraushaare, -dann wegen ihrer Anschummelei, und -außerdem wußte er, was mit ihr los war, -denn als Freimut sie das erstemal sah, hatte -er hinterher in der Haide gesagt: »Mann, wie -kommt dieses Besteck hierher? Ich dachte, die -hätte der Satan längst lotweise geholt. Aurelie -Grimpe, geborene Sziembowska aus Filehne, -eheverlassene Juckenack und eheentlaufene -Grimpe, unter dem Übelnamen die Gräwin -weit bekannt an den Stätten, wo die Orchideen -der Nacht wachsen, mehrfach wegen Begünstigung -der Kuppelei hineingerasselt und -wegen schweren Kuppelpelzhandels leider -freigesprochen. Backt ihr eine Zehnpfennigmarke -auf und schickt sie als Muster ohne -jeglichen Wert dahin, wo der spanische Pfeffer -wächst, denn das Weibsbild taugt in dem -Grund nichts!«</p> - -<p>Volkmann hatte derartiges schon immer geahnt, -aber nicht recht gewußt, wie er es anstellen -sollte, um die Person loszuwerden; jetzt,<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -nach dem Bajonettangriff, den sie auf ihn -verübt hatte, wollte er ihr aber aufsagen.</p> - -<p>Während er das bei seinem Gange über -die Haide mit sich abmachte, lag Aurelie auf -ihrem Bette, biß in die Kissen, strampelte mit -den Beinen, daß die Lackspitzen an ihren -Schuhen Sprünge kriegten, sauste dann auf -die Deele, schmiß einen Teller auseinander, -gab der Katze, die entsetzt unter dem Brennholze -hervorschoß, einen Tritt, warf sich in den -Spinnstuhl, heulte ihre feine Hemdenspitze naß, -und dann ermannte sie sich, ging an den -Schrank und trank drei Schnäpse.</p> - -<p>Als Lembkes zurückkehrten, saß sie in einem -ehrbaren Kleide und in biederen Strümpfen -vor der Tür und strickte, wie es sich für eine -gute Haushälterin gehört.</p> - -<p>Neben sich hatte sie das Gesangbuch liegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Kuckuck">Der Kuckuck.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war außer Aurelie Grimpe noch jemand -auf dem Hofe, oder vielmehr, es waren -zwei, die mit Lüder Volkmann nicht zufrieden -waren, nämlich der Pächter Lembke und seine -Ehefrau.</p> - -<p>Lembke stammte aus der Lüchower Gegend; -er war ein Mann mit zerknittertem Gesicht -und einem Benehmen wie eine Birke bei -Sturmwind; seine Frau blühte wie eine Pfingstrose, -und wo sie ging, da stand das Gras so -bald nicht wieder auf.</p> - -<p>Es war dem Pächter schlecht zu Passe gekommen, -als Volkmann plötzlich da war wie -der Habicht zwischen den Hühnern, aber als -er ihn reden hörte, die Schmisse sah und bemerkte, -wie der Rechtsanwalt und der Baumeister -sich zu ihm stellten, da meinte Lembke -zu seiner Frau:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> - -<p>»Kaline, ich glaube, wir brauchen keine -Bange nicht zu haben, brauchen wir nicht, -daß es anders werden tut; das ist ein studierter -Herr, ist er, wenn er jetzt auch man -wie ein Pracher aussehen tut. Der wird sich -die Hände nicht schwarz machen, wird er nicht. -Wenn er das Pachtgeld hat, wird er in die -Stadt fahren und es verwichsen, wird er, und -wenn er keins hat, wird er hier bleiben und -auf die Jagd gehen, wird er. Und so wird -er mit der Zeit mehr Geld brauchen, wird er, -als der Hof abwirft, glaube ich, und wir -werden ihm etwas vorschießen, werden wir, -oder Land abkaufen, und so bei kleinem wird -der Hof unser werden, wird er.«</p> - -<p><span id="corr081">Karoline</span> hatte genickt und von der krummbeinigen -Gestalt ihres Mannes zu dem Bauern -hingesehen, der lang und schlank über den -Hof ging.</p> - -<p>Lembkes merkten aber bald, daß Volkmann -nicht daran dachte, sich selber das Wasser abzugraben; -zwar ging er anfangs viel mit dem -Gewehre los, aber als das Geld vom Gerichte -kam, fuhr er damit nicht in die Stadt, -sondern gab das meiste dem Vorsteher, der -es auf die Kreissparkasse brachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<p>Auch feine Kleider kaufte er sich nicht und -weder gute Zigarren noch dergleichen; er trug -sich wie die Bauern und Knechte, rauchte -seine Pfeife und Sonntags wohl einmal eine -Zigarre von Nordhoff, der ein ganz gutes -Kraut führte, das ihm der Baumeister besorgt -hatte; im Essen und Trinken war er nicht -anders als der gemeine Mann, obzwar er -dreist mehr dafür anlegen konnte, wenn er -gewollt hätte.</p> - -<p>Nach vier Wochen sagte Lembke zu seiner -Frau: »Wenn das so beibleibt, Kaline, dann -wird der Hof nicht unser, wird er nicht!«</p> - -<p>Als der Bauer dann anfing, das Strohdach -zu flicken und den neuen Zaun hinstellte und -das Immenschauer baute und den Heuboden -zurecht machte, da ließ Lembke die Ohren -immer mehr hängen, und als Volkmann hier -den Graben und dort den Weg ausbesserte, -die Fischteiche austiefte und alles in die Reihe -brachte, was nicht ganz eben war, da sah -Lembke immer scheeläugiger, achtete auf alles, -was nicht ganz in der Ordnung war, und -machte es schnell selber zurecht, damit der -Bauer sich das Arbeiten nicht noch mehr -angewöhnen solle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span></p> - -<p>Die Folge davon war, daß der Hof wie abgeleckt -aussah, so daß der Vorsteher, der ab -und zu kam, die Augenbrauen hochnahm und -sagte: »Bei mir sieht es doch auch ordentlich -aus, Hilgenbur, aber bei dir, das ist ja, als -wenn jedweden Tag Wochenabend ist.«</p> - -<p>»Kaline,« sagte eines Abends Jochen Lembke, -als er im Bette lag, »Kaline, was ich dir -sagen will, sage ich dir, wie fangen wir es an? -Gestern hat er mir beis Torfriegeln geholfen, -hat er, und dann sagte er, beis Heumachen -will er auch helfen, will er. Und ich sage dir, -Kaline, sage ich, er hat das Kleemähen raus, -hat er, und wenn die Ernte hin ist, dann -kann er mähen als wie ich, kann er. Wo -er das man gelernt hat, das Umgehen mit -die Axt und die Säge, als wie ein gelernter -Zimmermann kann er es, Kaline, kann er.«</p> - -<p>Aber Frau Lembke sagte: »Drähn nicht so -viel, ich will schlafen!« und damit drehte sie -sich um und dachte daran, wie glatt es ausgesehen -hatte, als der Bauer den Vormittag -in Hemd und Hose Holz klein gemacht hatte -und sein Haar in der Sonne aussah wie eitel -Gold. Jochens Haar sah aus wie altes Dachstroh.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>Aber wenn sie ihren Jochen auch nur genommen -hatte, weil es klapperte und klingelte, -wenn er sich auf die Tasche schlug, deswegen -blieb er doch ihr Mann, und wenn sie ihm -auch nicht so nachsah wie dem Bauern, so -gehörte sie dennoch zu ihm.</p> - -<p>Sie hatte es längst gemerkt, daß Aurelie -Grimpe dem Bauern Blumen und Buntpapier -auf den Weg warf, daß ihm aber so wenig -daran lag, als wenn es Häcksel gewesen wäre, -und daß er der Haushälterin nicht mehr, als -nötig war, Rede und Antwort stand und dabei -meistens anderswohin sah.</p> - -<p>Dagegen, wenn er mit ihr selber sprach, -sah er ihr voll in die Augen, stand auch gern -bei ihr, wenn sie beim Melken war oder das -Federvieh fütterte, und es kam ihr manchesmal -so vor, als wenn er hinter ihr hersah, -vorzüglich, wenn sie in bloßen Armen war -oder die Röcke aufgesteckt hatte. Und so -machte sie sich einen Plan zurecht, bei dem -sowohl sie selber wie Jochen auf seine Kosten -kommen sollte.</p> - -<p>Den ganzen nächsten Tag dachte sie darüber -nach, und da es sich gerade traf, daß -der Bauer die Türe vor ihr aufmachte, als<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -sie in jeder Hand eine Satte Dickmilch hatte -und der Zug die Türe zuschmiß, so erblickte -sie darin eine Liebeserklärung deutlichster -Art; als er ihr zudem hinterher beim Futteraufschütten -half und ihr das Wasserholen abnahm, -da stand es bei ihr fest, daß ihr Plan -nicht uneben war.</p> - -<p>»Jochen,« sagte sie, als sie abends im Bette -lag, »Jochen, hör' zu; ich glaube, ich weiß, -wie wir ihn herumkriegen. Es ist doch gegen -die Natur, daß so ein Kerl, wie er, keine Frau -und auch sonst nichts hat, denn was die -Grimpesche ist, und wenn sie ihm auch noch -so viel mit ihren Locken und weißen Schürzen -unter die Augen geht, so macht er sich noch -nicht einmal so viel aus ihr wie aus unserer -Mutter.</p> - -<p>Nun hör' zu, Jochen, und versteh' mich auch -recht: auf mich hat er ein Auge, an mir sieht -er nicht vorbei, wenn er zu mir redet, und -ich kann es ohne Hoffärtigkeit sagen, er -sieht manches liebe Mal hinter mir her, wenn -ich bei ihm vorbei muß. Und denn: alle -Augenblicke geht er mir zur Hand, im Garten -oder beim Vieh; gestern hat er die Türe vor -mir aufgemacht und mir Wasser getragen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<p>Sie hielt einen Augenblick an und spann -dann weiter: »Jochen, nun mein ich, du verstehst -doch, wie ich es meine? Ich kann ja -so tun, als wenn mir auch was an ihm gelegen -ist, bis er mich mal anfaßt oder sowas. -Und dann können wir uns das besprechen, -daß du und die Grimpesche beide -nicht da seid, das heißt, du mußt doch da -sein, bloß so, daß er dich nicht spitz kriegt, -und zusehen, was er anfängt; na, und wenn -er dann an mich heran will, dann kannst du -ja von ungefähr dazukommen, und denn -haben wir ihn da, wo er hin soll.</p> - -<p>Ich glaube, Jochen, auf eine andere Art -geht es nicht; er geht darauf aus, uns hier -rauszuschmeißen, sonst würde er nicht wie ein -Knecht arbeiten; im Weedergrund hat er ja -wohl einen ganzen Morgen abgeplaggt, weil -er da Fuhren anpflanzen will, und für umsonst -hat er nicht ein neues Stück im Meinsbruche -eingehachelt. Also, Jochen, was sagst -du dazu?«</p> - -<p>Jochen richtete sich im Bette auf, sah seine -Frau an, nickte dreimal mit dem Kopfe und -sagte: »Kaline, ich sage dir, sage ich, das ist -ein Plan, ist er, das hast du großartig ausklamüsert,<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -hast du, und ich glaube wahrhaftig, -glaube ich, auf die Art kommen wir -doch noch dahin, wo wir hin wollen, kommen -wir.«</p> - -<p>Dann drehte er sich um, und seine Frau -dachte: »Wenn es glückt, haben wir beide -etwas davon.«</p> - -<p>Es glückte aber nicht, so langsam und bedächtig -Frau Lembke auch vorging, indem sie, -wenn sie mit dem Bauern allein war, mit -ihren runden Schultern oder ihren breiten -Hüften an ihn herankam, wenn es sich unauffällig -machen ließ; Volkmann stellte sich -an wie ein Kind und wollte mit Gewalt nichts -merken.</p> - -<p>Wenn Jochen abends fragte: »Kaline, wo -weit bist du mit ihm, bist du?« Dann sagte -sie: »Jochen, jedes Werk muß seine Zeit -haben; laß mich man machen!« Aber ihr war -es selbst verwunderlich, daß der Bauer sich -wie ein Stock anstellte.</p> - -<p>Sie stopfte ihm seine Strümpfe mit Wolle, -die sie aus ihren eigenen Strümpfen gerewwelt -hatte, sie nötigte ihm eine Frühbirne in -den Mund, die sie seit drei Tagen in der -Kleidertasche getragen, drei Nächte unter ihrem<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -Kopfkissen gehabt und drei Tage in ihre -Schürze gewickelt hatte, aber auch das wollte -nicht einschlagen.</p> - -<p>Als sie aber anfing, wenn er mit ihr sprach -und lustig wurde, vertraulich zu ihm zu werden, -ihn auf den Arm oder auf das Bein zu -schlagen, da hatte sie ganz ausgespielt, denn -von da ab ging er um sie genau so herum -wie um die andere, und wenn er zu ihr -sprechen mußte, sah er nach der Wand oder -aus dem Fenster.</p> - -<p>Als Jochen sie eines Abends wieder fragte: -»Kaline, wo weit bist du nun mit ihm, bist -du?« Da schnauzte sie ihn an, daß er auf den -Gedanken kam, mit ihr und dem Bauern -stehe die Sache nicht so, wie es ihm passen -könne, denn es war ihm schon lange verdächtig, -daß Volkmann jetzt ganz anders zu -ihr war, was er für Verstellung hielt.</p> - -<p>Alle Augenblicke, wenn er im Stalle oder -auf dem Felde zu tun hatte, kam er in das -Haus geschossen, weil er bald dieses, bald -jenes vergessen hatte, und als er eines Mittags -sah, daß seine Frau bei dem Bauern -stand, machte er ihr hinterher eine große -Schande.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>Ganz unglücklich wurde ihm aber zu Sinne, -als der Bauer ihn eines Tages in den Garten -rief und sagte, indem er auf einen Stachelbeerbusch -hinwies: »Hast du schon so etwas -gesehen, Lembke? Da hat eine Grasmücke -ihr Nest gebaut und nun sitzt ein junger -Kuckuck darin und hat die kleinen Grasmücken -herausgeschmissen, so daß sie elend -haben umkommen müssen. Ja, man soll sehen, -wen man bei sich aufnimmt.«</p> - -<p>Lembke hatte ihn mit einem halben Auge -angesehen und war dann an seine Arbeit gegangen, -abends im Bette aber sagte er zu -seiner Frau: »Ich sage dir, Kaline, sage ich, -er hat was gemerkt, hat er.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Bachstelze">Die Bachstelze.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war Aurelie Grimpe nicht verborgen geblieben, -daß Karoline Lembke um den -Bauern herumschlich wie der Fuchs um den -Hühnerstall.</p> - -<p>Sie war sehr falsch darüber, und während -es bisher immer »liebe Frau Lembke« hier -und »liebe Frau Lembke« da geheißen hatte, -hielt sie die Nase jetzt so hoch wie der Hund -in den Nesseln und ging mit einem Gesicht -wie sauer Bier an ihr vorbei.</p> - -<p>Da nun bei Frau Lembke in der letzten Zeit -die Wolken tief hingen, so sah es im Hause -nach Regen aus, und eines Vormittags, als -die beiden Frauen allein zu Hause waren, -ging das Wetter nieder.</p> - -<p>Als das Gewitter auf der Höhe war, wurde -die Obertüre aufgestoßen und der Bauer sah -hinein. Er sagte gar nichts, aber nach dem<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -Mittag sagte er Lembke, er solle den Kastenwagen -anspannen. Dann legte er Frau Grimpe -ihren Lohn für den nächsten Monat auf den -Tisch und sagte ihr, sie könne gehen, und -zwar sofort.</p> - -<p>Er ging in das Bruch, und als er am -Abend wiederkam, war sie fort. Frau Lembke -wollte ihm erzählen, wie sie sich angestellt -habe, aber er winkte ab.</p> - -<p>Nachdem er gemerkt hatte, wie wenig es -Lembke passe, daß er ihm bei der Feldarbeit -und beim Heumachen half, hatte er entweder -für sich Haide oder Moor zu Land gemacht -oder er hatte Peter Suput bei der Arbeit -geholfen, der bei Garberdings Häusling war.</p> - -<p>Frau Suput segnete den Tag, an dem Volkmann -gekommen war, denn nun konnte sie -sich besser der Kinder annehmen und brauchte -sich nicht so sehr abzuhetzen.</p> - -<p>So standen sich beide Teile gut, denn Suput -kannte die Arbeit aus dem Grunde und hatte -einen anschlägigen Kopf, so daß bei wichtigen -Sachen der Vorsteher meist fragte: »Peter, -was meinst du dazu?«</p> - -<p>Da nun der Hilgenbauer sich für keine Arbeit -zu gut hielt und Suput bei allem half,<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -so kam er in alles, was zu Hof- und Feldarbeit -gehört, gut hinein, und mehr als einmal -sagte ihm der Vorsteher: »Übers Jahr, -wenn Lembke aufhört, kannst du das Leit -selber in die Hand nehmen.«</p> - -<p>Während der Erntezeit aß Volkmann meist -bei Garberdings, und da ihm Lembkes von -Tag zu Tag weniger gefielen, so saß er -späterhin, als die schlimmste Arbeit vorbei -war, abends meist bei Suput, mit dem er sich -gut unterhalten konnte, denn der Häusling -ging immer nach seinem eigenen Kopfe und -trat sich überall Richtewege.</p> - -<p>Manchesmal glückte ihm das und Volkmann -wunderte sich oft, wie selbständig der -Mann über politische Dinge urteilte; hier und -da lief Suput aber auch ins Moor und mußte -einen großen Umweg machen, bis er wieder -auf einen festen Weg kam.</p> - -<p>Er kannte seine Bibel so gut wie der Pastor -oder, wie er meinte, noch besser, und da -darin nur von einem Sabbat, aber von keinem -Sonntag die Rede war, so verlangte er von -dem Pastor, er solle den Sonnabend zum -Ruhetage machen. Das konnte und wollte der -nicht und da erklärte ihm der Häusling: »Dann<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -werde ich mich an das Wort halten, Herr -Pastor,« zog am Sonnabend sein Kirchenzeug -an und setzte sich mit der Bibel hinter -das Haus, und am Sonntag ging er hin und -haute Haide.</p> - -<p>Auch sonst hatte er seine Eigenheiten; wenn -er zu Pferde war oder fuhr, grüßte er keinen -Menschen, mochte es sein, wer es wolle, zuerst; -an seinem ganzen Zeuge war kein Knopfloch -und kein Knopf, sondern nur Haken und -Ösen, und er konnte es nicht leiden, wenn -man Blumen abschnitt und auf den Tisch stellte.</p> - -<p>Er hatte zwei Feldzüge mitgemacht, war -dreizehnmal im Feuer gewesen und besaß das -eiserne Kreuz, trug es aber niemals, weil er -nicht hoffärtig erscheinen wollte. Er hatte -einen Bruder, der in Amerika eine gute Farm -besaß, und der hatte so lange gequält, bis er -auch nach drüben ging; nach einem Jahre -aber war er wieder da. »Es konnte mir da -nicht gefallen,« sagte er; das war aber auch -alles.</p> - -<p>Mit diesem Manne unterhielt sich Volkmann -liebendgern, anfangs über Bodenbestellung -und Viehzucht, dann über Politik und Religion, -und durch vernünftiges Vorstellen<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -brachte er es dahin, daß Suput zum Pastor -ging und sagte: »Herr Pastor, ich will es -jetzt wieder nach der gebräuchlichen Art -machen; ich glaube, ich hatte mich verbiestert.«</p> - -<p>Das war dem Geistlichen sehr lieb, denn -der Häusling war einer der tüchtigsten Männer -in der Gemeinde, und der Vorsteher war es -erst recht zufrieden, denn in der hillen Zeit -war es ihm oft sehr störend gewesen, wenn sein -Lehnsmann am Sonnabend ausgeblieben war.</p> - -<p>Suput hatte bei dem Zusammenarbeiten mit -Volkmann herausgefunden, daß dieser jedes -Getier und alle Kräuter mit Namen zu nennen -wußte, und da er von klein auf an -draußen gearbeitet und auf alles ein achtsames -Auge gehabt hatte, so kam er Volkmann -fortwährend mit Fragen, die dazu beitrugen, -daß die Unterhaltung zwischen ihnen -nicht abriß.</p> - -<p>So sagte er ihm eines Tages: »Als Engelke -sich vor dem Moore hier anbaute als junger -Kerl, da war hier bloß Haide. Da gab es -Dullerchen und nach dem Moore zu Moormännchen, -und in der großen Sandkuhle -Lochschwalben. Nachher, als das Haus eben -fertig war, bauten gleich Schwalben, und mit<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -der Zeit kamen auch Spatzen, und als hier -Land unter den Pflug kam oder zu Wiesen -gemacht wurde, da war mit eins auch die -Singlerche da, alles Vögel, die man auf Ödland -doch nicht antrifft. Nun bedünkt mich, -daß alle diese Vögel, und noch andere, als -wie der Storch und der Kiebitz und der gelbe -Wippsteert, daß sie alle früher hier nicht -waren und erst zugereist sind, nachdem die -alten Deutschen, wie es in den Büchern zu -lesen ist, hier an die Herrschaft kamen und -Viehzucht und Feldwirtschaft hier einführten, -denn anders kann ich mir das nicht erklären. -Aber das ist bloß so meine dumme Meinung, -weil ich davon doch keinen rechten Verstand -habe.«</p> - -<p>Volkmann mußte lächeln, als der Mann so -redete. Ihm, dem Fachzoologen, war diese -Tatsache, daß die deutsche Tierwelt aus zwei -ziemlich scharf getrennten Schichten, der des -Urlandes und der des Baulandes und der -Siedelung, bestehe, wohl aufgefallen, aber -nachgedacht hatte er darüber noch nicht weiter.</p> - -<p>Nun saß dieser Häusling da, Peter Suput, -rauchte seinen Rippenkanaster und stellte eine -Theorie auf, die, wenn sie irgendein Gelehrter<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -gefunden hätte, wohl Veranlassung gewesen -wäre, daß dieser wer weiß wie hoch -gesprungen wäre, die Theorie von der Quintärfauna; -und das hätte ein dickes Buch mit -vielen Karten und Tafeln und einen großen -Aufstand in der Zoogeographie gegeben.</p> - -<p>Aber Peter Suput hatte noch etwas anderes: -»Diesen Sommer hat bei der Mühle -ein Vogel gebaut, aus dem ich mir nicht klug -werden kann. Er sieht aus wie ein Wippsteert, -ist aber unten gelb. Es ist aber nicht -der, der auf den Wiesen im Grase brütet und -dem Vieh das Ungeziefer absucht, sondern er -benimmt sich ganz so wie der weiße Wippsteert, -und was der Hahn ist, der ist schwarz -am Halse und das Nest stand unter dem hohlen -Ufer.«</p> - -<p>Der Hilgenbauer war neugierig, ging mit -dem Häusling nach der Mühle und stellte -fest, daß der Vogel die Bergbachstelze war, -die er sonst nur im Berglande gefunden hatte. -Aber als er daraufhin die Augen aufmachte, -fand er, daß der Vogel weit und breit bei -Mühlen und Stauwehren brütete, und er -schüttelte bei sich den Kopf über Peter Suput -und seine Beobachtungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<p>Durch den Häusling erfuhr er auch, daß -der Schulmeister Owerhaide für solche Dinge -ein Auge habe und allerlei Sachen sammele, -die er den Kindern zeigte, Steine, Baumfrüchte, -Schlangen in Spiritus und dergleichen.</p> - -<p>Der Lehrer bekam einen roten Kopf, als -Volkmann ihn bei Gelegenheit bat, ihm die -Sammlung zu zeigen, weil er, wie er sagte, -davon auf dem Seminare so gut wie nichts -gelernt hätte, und so war es auch, denn er -hatte Korn und Kaff durcheinander gesammelt -und die Hälfte falsch bestimmt.</p> - -<p>Um so froher war er, als Volkmann Flachs -und Hede auseinanderbrachte, jedem Dinge -seinen wahren Namen gab und die richtige -Reihenfolge herstellte.</p> - -<p>Drei Dinge aber nahm er heraus: eine -alte Münze, deren Ränder wie Messing glänzten, -eine grüne Schwertklinge und ein schwarzes -Steinbeil, die alle beim Torfmachen gefunden -und dem vorigen Lehrer gebracht -waren, und sagte:</p> - -<p>»Diese drei sind zu schade für eine Dorfsammlung; -sie gehören in ein großes Museum. -Schicken Sie sie versichert an das Bremer -Museum und bieten Sie sie zum Ankauf an.<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -Sie bekommen dann sicher soviel, daß Sie -einen Sammlungsschrank für die Schule und -einige gute Bücher anschaffen können.«</p> - -<p>Da der Lehrer und der Schulvorstand damit -einverstanden waren, wurde die Sache -so gemacht, und es kam auch einige Zeit -darauf die Antwort, daß die Sachen angekommen -wären; das Nähere sollte mündlich -abgemacht werden.</p> - -<p>Vierzehn Tage später kam ein Herr mit -greisem Bart und jungen Augen angefahren, -sah sich die Sammlungen an und machte dem -Schulvorstande folgenden Vorschlag:</p> - -<p>Die Schule bekommt zwei Sammlungsschränke, -Präparatengläser, gestopfte Tiere, -eine kleine Heimatbücherei, Nachbildungen -der drei Gegenstände und tausend Mark bar.</p> - -<p>Der Schulvorstand fiel beinahe um, als er -das vernahm, und der Schulmeister stieg -mächtig in Achtung, und Volkmann, von dem -man wußte, daß er zu dem Angebot geraten -hatte, erst recht.</p> - -<p>Als er abends mit dem Bremer Museumsleiter -bei dem Lehrer saß, erzählte er von -den Beobachtungen Peter Suputs, und der -Professor sagte: »Sie sind ja Zoologe; schreiben<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -Sie uns doch darüber. Viel zahlen wir -grade nicht, aber immerhin etwas.«</p> - -<p>Es gab einen großen Aufstand, als die -Schränke ankamen, denn sie waren so groß, -daß sie in der Schule keinen Platz hatten; und -da die Schulbehörde nichts dawider hatte, -so wurde auf Vorschlag des Schulmeisters, -dem Volkmann das eingeblasen hatte, ein -eigener Anbau dafür gemacht, der ganz in -der alten Art gehalten wurde und in der -Mitte durchgeteilt war, so daß in dem einen -Zimmer die Schränke mit den Tieren und -Steinen und Heidentöpfen und Büchern untergebracht -wurden; das andere wurde ganz -wie eine alte Dönze gehalten, und es dauerte -keine acht Tage, da wußte der Lehrer nicht, -wo er mit dem Urväterhausrat, der ihm zugebracht -wurde, bleiben sollte, denn jedes Gemeindeglied -wollte mit einem Stück darin -vertreten sein.</p> - -<p>Das Dorf war sehr stolz auf sein Museum, -zumal von weit und breit Männer kamen, -die es sich ansahen und photographierten und -die Bilder in »Niedersachsen« herausbrachten, -und Lehrer Owerhaide wurde ein vielgenannter -Mann, denn der Hilgenbauer hatte<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -ihm das Wort abgenommen, daß von ihm -selber nicht die Rede sein sollte.</p> - -<p>Er kümmerte sich auch weiter nicht darum, -da er dabei war, die Jagd mit einem Netz -von Pürschsteigen und mit Hochständen zu -versehen; er machte das ganz heimlich, um -den Rechtsanwalt und den Baumeister damit -zu überraschen, wenn die Jagd auf den Rehbock -aufging.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Winterkrahe">Die Winterkrähe.</h2> -</div> - -<p class="drop">Damit hatte es aber noch lange Zeit, denn -mittlerweile war es Dezember geworden. -Es war ein harter Winter und der Bauer -mußte mit dem Steigemachen in der Wohld -und durch die Dickungen aufhören, denn die -Tage waren zu kurz und die Wege zu weit.</p> - -<p>Auf dem Felde und im Hofe gab es nichts -zu tun, Lembkes ging er aus dem Wege, -Suput war den ganzen Tag beim Vorsteher, -weil der Knecht beim Holzabfahren Unglück -gehabt hatte und mit einem Gipsverband -liegen mußte, der Schulmeister hatte sich eine -Frau genommen und saß vor dem Honigtopfe, -Freimut kam ganz selten, da er mehr -zu tun hatte, als ihm lieb war, und der Baumeister -reiste in Ägypten umher.</p> - -<p>So war Volkmann meist allein, und wenn -er auch ab und zu losging, um für den Anwalt<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -einen Küchenhasen zu schießen oder einen -Marder auszutreten und an der Beeke die -Enten zu beschleichen, er hatte doch mehr -freie Zeit, als ihm gut war. Er packte die -Bücherkisten des alten Volkmann aus und -stellte die Bücher wieder auf, aber zum Lesen -hatte er wenig Lust.</p> - -<p>Wie die grauen Winterkrähen mit den -schwarzen Flügeln, die aus dem Osten kamen, -sich längs der Landstraßen in der Haide -umhertrieben und über den Dächern des -Dorfes quarrten, so flogen aus den entlegenen -Gegenden seiner Erinnerung, in die die gute -Jahreszeit kaum anders als im Traume gekommen -war, die grauen Gedanken herbei -und schlugen mit ihren schwarzen Flügeln um -ihn her.</p> - -<p>Stundenlang konnte er dann, wie er es -von drüben gewohnt war, mit dem Kopfe -auf der Hand auf dem Bette liegen, rauchen -und in den Beilegeofen sehen, der seine Dönze -erwärmte. Als er im Blockhause lag, waren -Lebleu, der alte Indianer, und Quivive, der -Schweißhund, bei ihm gewesen.</p> - -<p>Gesprochen hatte Lebleu wenig, wenn er, -den Kopf mit den spärlichen Kinnhaaren auf<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> -den Knien, dasaß, rauchte und in das offene -Feuer sah, während draußen die Uhus schrien -und die Wölfe vor Hunger heulten, bis Quivive -zur Türe hinausfuhr und sie fortbrachte; aber -er hatte doch ein Herz neben sich gehabt, -das an ihm hing.</p> - -<p>Denn der Alte liebte ihn, liebte ihn mehr -als sein Weib und seine vierzehn Söhne, die -als Holzhauer, Flößer und Fallensteller sich -und die Ihren durchbrachten, denn er, den -die Händler und Wirte siebenzig Jahre um -den Ertrag seiner Jagdbeute betrogen hatten, -hatte in Volkmann zum ersten Male einen -weißen Mann gesehen, der Halbpart mit ihm -machte.</p> - -<p>Er war hungrig und müde in das Blockhaus -gekommen, hatte sich, ohne ein Wort -zu sagen, neben das Feuer gekauert, hatte -seine kalten Hände gewärmt und kein Auge -auf das Wildpret geworfen, das in dem Kessel -schmorte. Als aber der Trapper die Hirschkeule -in zwei Teile schnitt und die eine Holzschüssel -Lebleu hinschob, ihm Schiffszwieback -hinlegte und Tee eingoß, da hatte der alte -Mann gegessen, bis nichts mehr da war.</p> - -<p>Dann setzte ihm Volkmann den hohlen Baumknorren<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -hin, in dem er seinen Tabak aufhegte, -und der Indianer nahm und rauchte -und blies den Rauch durch die Nase. Endlich -sah er seinen Gastgeber an, zeigte auf -das kleine scharfe Beil, das er beim Eintreten -aus dem Strick genommen hatte, mit -dem er die alte Soldatenhose auf seinen dürren -Lenden festhielt, und sagte:</p> - -<p>»Ich armes Indianer, du reiches Allemand. -Ich wissen Bär, du nicht. Ich Baum abhauen, -du Bär schießen. Jetzt Lebleu schlafen.« Damit -hatte er sich in ein paar alte Decken gewickelt.</p> - -<p>Am anderen Morgen hatte er gegessen, als -hätte er drei Tage nichts gehabt; dann waren -sie mit dem Schlitten nach einem Bruche gegangen, -bis der Indianer vor einem hohlen -Ahorn stehenblieb, den Stamm ansah und -sprach: »Ich Beil, du Gewehr, da Bär!«</p> - -<p>Dann hatte er Schlag um Schlag getan, -daß jedesmal ein breiter Span in den Schnee -sprang, bis der Baum fiel, der Baribal seinen -Kopf aus dem Loche steckte und Lüder ihm -die Kugel antrug.</p> - -<p>Von den vielen Dollarscheinen, die der Wirt -des Holzfällerlagers für die Haut und einen<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -Teil des Wildprets zahlte, gab der Trapper die -Hälfte dem Indianer. Der sah ihn erst fassungslos -an, steckte dann das Geld in seinen Tabaksbeutel -und sagte: »Du gutes Freund; -armes Indianer jetzt reiches Mann.«</p> - -<p>Dann verschwand er und als er nach acht -Tagen wiederkam, hatte er ein Mädchen bei -sich, das ein Gesicht hatte, so freundlich, wie -der Indianersommer, und dessen schwarze, mit -Glasperlen durchflochtene Zöpfe ihm bis in -die Kniekehlen hingen, und er hatte gesagt: -»Altes Indianer schlechtes Gesellschaft für -junges Mann; junges Weib besser. Altes -Indianer jetzt Biber suchen und Skunks.« Und -er war in dem Schneegeriesel untergetaucht.</p> - -<p>Margerit aber hatte das Feuer geschürt, -Schnee zum Tee geschmolzen, Wildpret in -Scheiben geschnitten und abwechselnd mit -Speckfladen auf einen Stab gezogen, die Holzteller -abgewaschen, die Messer geputzt, Brot -hingelegt, und dann hatte sie sich vor das -Feuer gekauert und den Bratspieß so lange -über der Glut gewendet, bis Fleischschnitte -um Fleischschnitte sich krümmte, und jede, die -gar war, streifte sie herunter und legte sie -dem Trapper vor. Als er ihr sagte, sie solle<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -auch essen, sah sie ihn groß an und bediente -ihn weiter.</p> - -<p>Erst, als er gesättigt war, und sie ihm die -Pfeife gestopft und einen glühenden Zweig -gereicht hatte, kauerte sie sich mit dem Gesichte -gegen die dunkle Ecke des Blockhauses, -aß lautlos den Rest von Braten und Brot -und trank ohne einen Laut eine Tasse Tee -durch das Stückchen Kandis, das sie zwischen -den Lippen hielt.</p> - -<p>Anderthalb Jahre war sie die Gefährtin -des einsamen Mannes mit der verregneten -Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft -gewesen; wie sein Schatten war sie.</p> - -<p>Wenn die schwarzen Gedanken um seine -Stirne flogen und er auf den Hirschdecken lag -und rauchend vor sich hinbrütete, dann kauerte -sie bei ihrer Näharbeit und sah durch ihre -langen Augenwimpern mitleidig auf ihn; flog -aber das schwarze Geflügel von dannen, pfiff -er ein Lied und nahm das Schnitzmesser her, -und sah er sie dann an, dann färbten sich -ihre Backen rot und ihre Augen waren voll -von demutsvoller Zärtlichkeit.</p> - -<p>Wenn er sie auf seine Knie zog, dann bebte -sie, und wenn er morgens erwachte und sich<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -den Nachtschlaf fortgähnte, dann stand sie -schon neben dem Block, auf dem die Waschbütte -mit dem stubenwarmen Wasser stand, -hatte den aufgetrennten Brotsack in der Hand, -der ihm als Handtuch diente, und auf dem -Feuer kochte die Wildsuppe. Wenn er ihr -dann lächelnd zunickte und sie heranwinkte, -dann glühte ihr Gesicht und der Kuß, der -seine Stirne streifte, war wie der Hauch des -Südwindes, der im Mai über das blumige -Ufer kam.</p> - -<p>»Margerit, meine kleine Margerit!« dachte -er und sah auf die Ofenplatte, in der das -springende Pferd schwarz auf glührotem Grunde -stand. »Ich war dein Glück und du bist mein -Trost gewesen.«</p> - -<p>Eines Tages im Mai, als der Waldboden -bunt wurde, war ein Handelsjude mit seinem -Planwagen angefahren gekommen und hatte -allerlei Tand feilgeboten; Lüder hatte Stoff -zu zwei Kleidern für das Mädchen gekauft, -blitzende Ohrringe und eine funkelnde Brosche, -bunte Glasperlenschnüre für ihr Haar und -allerlei Schürzen und Tücher, eines immer -greller als das andere.</p> - -<p>Margerit hatte durcheinander gelacht und<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -geweint und ihm die Hände küssen wollen, -wie man es sie als Kind in der Schule gelehrt -hatte. Er aber hatte sich aus dem Kasten -des Händlers noch zwei silberne Ringe herausgesucht, -an denen keine Steine waren, einen -weiten und einen engen, und war mit ihr und -Quivive nach dem Lager gegangen, wo, wie -der Jude erzählt hatte, ein Wanderprediger -das bißchen Halbchristentum der indianischen -Holzfäller auffrischte.</p> - -<p>Margerit hatte erst gar nicht begriffen, was -es heißen sollte, daß sie in dem kleinen Zelte -vor dem Mann mit dem schwarzen Rocke -und den hohen Stiefeln neben Lüder hinknien -sollte, aber als der fremde Mann sie -fragte, ob sie des Trappers Lüder Volkmann -christliches Eheweib werden wollte, da hatte -sie ein Gesicht gemacht, als spräche die Stimme -des großen Geistes zu ihr und hatte am ganzen -Leibe gezittert, als sie den Ring an den Finger -bekam.</p> - -<p>Als ihre Brüder und die anderen Holzfäller, -die Lüder zu einem Festmahle geladen hatte, -sie mit einem »Vive 'sjö, vive m'dame« begrüßten, -ein altes indianisches Hochzeitslied -herausgurgelten und weiße Waldblumen vor<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -ihre Füße warfen, hatte sie die Augen nicht -aufgeschlagen und geweint, daß ihr die Tränen -über das Gesicht liefen, bis Lüder sie oben -an den Tisch führte, wo für sie und den Prediger -ein weißes Tischtuch aufgelegt war; da -endlich hatte sie aufgesehen und ihre rechte -Hand neben seine gelegt, mit der linken Hand -über beide Ringe gestrichen und ihren Kopf -auf einen Augenblick an seine Schulter gelegt.</p> - -<p>Da hatte plötzlich auch Lebleu dagestanden, -zitternd vor Erregung, Lüder die Hand gegeben, -sich unten an den Tisch gesetzt und so -gern er sich auch sonst voll und toll trank, -keinen Schnaps angerührt, ehe Lüder und -Margerit aufbrachen; dann aber hatte er sich -so voll gesogen, daß er drei Tage schlief.</p> - -<p>Ein und ein halbes Jahr war Margerit -Lüders Frau gewesen; in der ganzen Zeit -hatte sie ihm nicht ein einziges Mal eine -Minute Verdruß bereitet, keinmal hatte er -sich ihrer zu schämen brauchen, trotzdem sie -die Tochter eines trunksüchtigen Fallenstellers -war und ihre Brüder arme Holzarbeiter waren, -denn das Stammeshäuptlingsblut, das sie -von ihrer Mutter her hatte, war stark in ihr geblieben, -und seitdem sie des deutschen Mannes<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -Ehefrau geworden war, zeigte sie vor der -Welt eine Würde, als hätte sie nie Waldbeeren -in den Lagern feilgeboten.</p> - -<p>Eines Tages war ein ganzer Trupp englischer -Lachsangler vor dem Blockhause erschienen, -die Herren in karrierten Anzügen -und ihre Damen mit seidenen Schleiern an -den Panamas, um sich den deutschen Trapper -anzusehen, der mit einem indianischen Weibe -verheiratet war. Margerit hatte sie mit Tee, -Gebäck und Honig bewirtet und mit so liebenswürdigem -Hochmute darüber hinweggesehen, -daß die Engländerinnen mit Lüder, der frisch -rasiert war und eine reine Bluse anhatte, -recht unverschämt liebäugelten, sehr zum Ärger -der Männer, daß Volkmann sich das Lachen -kaum verbeißen konnte.</p> - -<p>Die Engländer hatten ihn und sie eingeladen, -sie in ihrem Zeltlager am Flußeinlaufe -der Seebucht zu besuchen, doch hatte er abgelehnt, -worüber Margerit sehr froh war.</p> - -<p>Eine Lungenentzündung hatte sie ihm genommen, -sie und das Kind, das sie erwartete.</p> - -<p>Er hatte so manches Mal, wenn er die -Sohlen durch den Staub der Landstraße<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -schleppte, gedacht, daß das das beste für sie -beide war, nun aber war er anderer Meinung.</p> - -<p>Sie, die Frau, die in ihm alles sah, was -es auf der Welt für sie gab, die nichts wollte, -als daß es ihm schmeckte und er sie dafür -anlächelte, die im Blockhause seine demütige -Magd war, die erst aß, wenn er satt war, -sie war das Weib für ihn, den verlorenen -Mann.</p> - -<p>Das Mädchen mit dem goldenen Haare -und der Stimme, wie Rotkehlchensang im -frühtaufrischen Walde, deren rotes Blut unter -seinem Messer auf ihren weißen Fuß geperlt -war, was war sie ihm anders, denn ein heller -Traum in dunkler Nacht, der vor dem scharfen -Tageslichte dahinschwand, wie der Tau auf -der Flur.</p> - -<p>Schwarze Fittiche schlugen gegen seine Stirne, -und laut quarrten die Winterkrähen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Meise">Die Meise.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war wie ein Gewitterregen nach dürren -Wochen für den Bauern, als Ende Januar -eines Vormittags Freimut auf dem Hilgenhofe -auftauchte, zwei große Koffer abladen ließ -und lostrompetete:</p> - -<p>»Sintemalen und alldieweil Aurelie Grimpe -geborene Sziembowska, geschiedene Juckenack -und entlaufene Grimpe durch Abwesenheit -glänzt, ist ja für mich wohl auf vierzehn Tage -Platz. Jetzt ist die Zeit, wo die Betze rennt, -jetzt wird auf den Fuchs gepirscht und die -wilde Aante beschlichen. Mann, ich bringe -den Vorfrühling mit. Hört, kaum bin ich da, -so singt die Speckmeise schon im saueren Appelbaum!</p> - -<p>Und Mehls ist auf der Strecke. Ha la lit! -Da ligget dat Schinneaas in'n Graben! Zwei -und ein halbes Jährchen wegen qualifizierter<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -Qualifiziertheiten in idealer Konkurrenz mit -höherer Gemeinerei.</p> - -<p>Was gibt es zu Mittag? Weiße Bohnen -mit 'nen Schinkenknochen mit was daran? -Gestern habe ich mich durch acht Gänge durchgehungert -und mein Trost waren meine Nachbarinnen, -die aufgebrochen jede ihre zwei -Zentner wogen.«</p> - -<p>Er legte Volkmann die Hände auf die Schultern, -sah ihn an, schüttelte den Kopf und sprach: -»Stark abgekommen seit dem Spätherbst! Zu -eintönige Äsung! Zu regelmäßig gelebt! Ist -keine Sache für unsereins, nur für das Stallvieh, -die Philister; wir kriegen die Mauke, -geht es uns andauernd gut.</p> - -<p>Schönewolf läßt grüßen; elende Jagd im -Pharaonenlande: Schakale nennen sie's, räudige -Dorffixe sind es; Nilkrokodile gibt es -bloß im Berliner Zoologischen Garten lebendig, -da unten nur als Mumjen. Hyänen nur im -Kellnerfrack; alles Schwindel bis auf das, was -Cheops und seine blassen Nachkommen mimten.</p> - -<p>Aber, Mann, Ihr gefallt mir mies; seht -ebenso bleich- wie süchtig aus. Ja, man soll -heiraten; ich tät's auch gern, bin bloß noch -zu rüstig. Und dann, wer weiß, ob nicht<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -das dicke Ende nachgehinkt kommt. Meine -liebe Frau Mutter sagt immer: ›Jochimchen, -sieh doch bloß zu, daß du von der Straße -kommst!‹ Ist nicht so einfach, wie es aussieht; -ist man erst aus dem Schneider, dann -sieht man nicht bloß auf die Hübschigkeit. -Und dann hab' ich so viel zu tun! Weiß der -Deuwel, warum die Menschen sich nicht vertragen -können, daß ich gar keine Zeit habe, -mich zu verschießen. Hurra, da kommt die -Suppe; Mutter, meinen großen Löffel!«</p> - -<p>So redete er, indem er Aurelies Dönze -mit dem Inhalte seiner Koffer verschönte. -»Dieses hier wollen wir alles austrinken«, -sagte er und zeigte auf eine stattliche Reihe -blankhäuptiger Flaschen, »und hiervon nehme -ich nichts wieder mit,« und er wies auf die -Zigarrenkisten und Konservenbüchsen.</p> - -<p>»Und mein Jagdzeug bleibt alles hier; was -noch bei Vatter Nordhoff ist, das bringen -wir heute abend mit. Mann, so tut doch -endlich einmal das Geäse auf! Sagt nichts -und grient, wie ein Honigkuchenpferd! Jawollja, -Frau Lembke, wir sind da!«</p> - -<p>Er setzte sich an den Tisch, schlug eine Klinge -wie ein Drescher und stöhnte, als er aufhörte,<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -indem er seinen Barbarossabart strich: »Ein -Segen, daß ich hier nicht immer esse, Frau -Lembke, ich paßte sonst in keinen Sarg mehr,« -und er schlug sie zwischen die Blätter, daß -alles an ihr wabbelte und Jochen Lembke -ein Gesicht machte, wie ein Hund vor der -Terpentinflasche.</p> - -<p>Aber als Volkmann sagte: »Wir wollen -nach dem Kronsbruche, denn da stecken seit -drei Wochen Sauen,« da juchzte der Anwalt -los, daß Hund und Katz machten, daß sie -aus dem Hause kamen, und im Handumdrehen -hatte er das weiße Zeug übergezogen -und storchte los.</p> - -<p>Am dritten Tage schoß er einen überlaufenden -Frischling und vier Tage hinterher eine -grobe Sau, zwischendurch ein Dutzend Enten, -eine Wildgans und drei Füchse, und da er -die schlimmsten Prozesse hinter sich hatte und -mit einem jungen Anwalt zusammenarbeitete, -so blieb er drei Wochen, ließ den Bauern -keine Stunde aus den Fingern und als er -abfuhr, rief er:</p> - -<p>»So, nun seht Ihr doch wieder wie ein -deutscher Mann und nicht wie eine anämische -höhere Tochter aus, und wenn ich zur Balz<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -und zur Murke wiederkomme, wünsche ich -keinen Rückfall zu erleben, ansonsten ich Euch -alle Verzierungen abdrehe.«</p> - -<p>Seine Kur hatte angeschlagen, oder die -längeren Tage hatten schuld, daß Lüder das -Krächzen der Winterkrähen nicht mehr hörte; -jeden Tag schlug die Speckmeise im Garten, -die Stare schickten ihre Vorboten, an der -Südwand des Hauses hatte der Haselbusch -geflaggt und an der Beeke die Eller; es -wehte eine andere Luft über dem Bauern, -und wenn über seine helle Laune auch einmal -dunkles Gewölk zog und Schlackerschnee -auf seine Saaten fiel, im ganzen war er gut -zuwege und lag nicht mehr halbe Tage da, -rauchte und sah auf die Ofenplatte.</p> - -<p>Er arbeitete sich in die höhere Tierwelt -wieder hinein und schrieb sich aus dem Gedächtnisse -alles Getier auf, das er über Sommer -bei Wege angetroffen hatte; als der -März kam, der Wald lebendig und die Büsche -laut wurden, da hatte er genug anzumerken, -so daß er, als die Feldbestellung wieder anfing -und er bei Garberding mithalf, was es -nur gab, einen zolldicken Stoß Papier mit -Beobachtungen gefüllt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span></p> - -<p>Kam er müde nach Hause, so trug er auf -lose Zettel ein, was er hier und da gesehen -und aus alten Leuten herausgefragt hatte -über Vögel, die seitdem verschwunden oder -selten geworden waren.</p> - -<p>So war er nie müßig und eines Tages -waren die Winterkrähen nicht nur von der -Straße, sondern auch aus seiner Erinnerung -verschwunden. Es machte ihm Freude, daß -die Pflugschar ihm immer mehr zu willen -wurde, er streute den Kunstdünger fast so -ebenmäßig wie Suput, der ihm oftmals sagte: -»Noch ein Jahr, dann kann ich dir nichts -mehr lernen.«</p> - -<p>Um diese Zeit reiste ein Berliner in der -Gegend umher, der großartig auftrat und -so viel Bier und Wein ausgab, als jeder -trinken wollte; er hieß Ludwig Neumann und -war Bohrunternehmer.</p> - -<p>Von Hause aus war er Ingenieur, hatte -Glück im Kauf und Verkauf von Kuxen gehabt -und eine Gesellschaft zusammengebracht, -die Öl und Kali in der Haide suchte.</p> - -<p>Aus allerlei Anzeichen hatte er geschlossen, -daß bei Reethagen Aussichten vorhanden -wären, daß man fündig würde; so steckte er<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -sich hinter einzelne Leute und die bearbeiteten -andere und die wieder noch welche, so daß -er fast von zwei Dritteln der Gemeindemitglieder -Vorverträge in den Händen hatte.</p> - -<p>Er kam auch auf den Hilgenhof, trat sehr -bescheiden auf, versprach goldene Berge, richtete -aber vorläufig bei dem Bauern nichts -aus, weil der den Vorvertrag nicht unterschrieb. -Volkmann ging vielmehr sofort zu -dem Vorsteher, bei dem der Berliner noch -nicht gewesen war, weil ihm gesagt wurde, -das wäre ein ganz altmodischer Mann und -nicht anders für das Unternehmen zu haben, -als wenn ihm das Feuer von drei Seiten -käme.</p> - -<p>»Hm,« brummte Garberding, »soll die -Schweinerei hier auch losgehen? Wenn hier -erst Bohrtürme stehen, dann haben wir das -Leit aus der Hand gegeben. Zu leben haben -wir alle, und die nichts haben, die stehen sich -dann noch schlechter, dieweil das Werk doch -bloß lauter Pollacken, Krabatten und anderes -Tatternvolk heranzieht.«</p> - -<p>Als der Unternehmer abgereist war, berief -der Vorsteher eine allgemeine Gemeindeversammlung, -zu der jeder seinen Vorvertrag<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span> -mitbrachte, und da stellte es sich heraus, daß -die Verträge sehr verschieden waren, je nachdem -das Land lag und auch insofern, als -Neumann mit einem hellen Manne oder mit -einem zu tun hatte, der sich in die Sache nicht -hineinfinden konnte.</p> - -<p>Das ärgerte diejenigen, die dabei nicht so -gut gefahren waren, ganz gewaltig; als der -Berliner nun wieder ankam, merkte er bald, -daß jetzt der Wind von Mitternacht wehte.</p> - -<p>Nun hatte er den Krüger Fürbotter in -Schedensen, dem ein kleines Anwesen in Reethagen -gehörte, ganz auf seiner Seite, zum -ersten, weil er dort viel verzehrte und oft über -Nacht blieb, dann aber auch, weil der Krüger -sich für seine Wirtschaft viel Gewinn aus dem -Unternehmen versprach.</p> - -<p>Dieser Mann hatte es ihm hinterbracht, -daß der Hilgenbauer es war, der es herausbekommen -hatte, daß die Verträge so ungleich -waren. Deshalb hing sich Neumann -nun an Volkmann und suchte ihn zu sich -herüberzuholen; als er damit kein Glück -hatte, ging er daran, ihm die Wurzeln abzugraben.</p> - -<p>Er wohnte nämlich in Hannover, wo er<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span> -sein Hauptquartier hatte, bei Aurelie Grimpe, -die sich mit Abvermieten durchschlug, und die -hatte ihm über die Leute in Reethagen manchen -nützlichen Wink gegeben und auch über -den Hilgenbauer, dessen Vorleben sie mittlerweile -in Erfahrung gebracht hatte.</p> - -<p>Volkmann merkte nach und nach, daß ihn -einzelne, dann immer mehr Leute von der -Seite ansahen, glaubte aber, da er seine Anforstungen -im Kopfe hatte, das seien nur die -Bauern, die wegen des Bohrvertrages anderer -Meinung waren als der Vorsteher und -er; so gab er darauf nichts.</p> - -<p>Mit der Zeit wurde es aber doch auffällig, -und schließlich rückte Nordhoff damit heraus, -was im Dorfe erzählt würde.</p> - -<p>Der Hilgenbauer war von dem Tage an, -da er das Erbe antrat, darauf gefaßt gewesen, -daß sein Unglück sich wieder zu ihm hinfinden -werde, aber es biß ihm doch in das -Herz, daß Leute, denen er vielfach gefällig -gewesen, ihm aus dem Wege gingen oder die -Zähne nicht auseinander bekamen, wenn sie -an ihm vorbeigingen.</p> - -<p>Sogar Suput und seine Frau waren anders -als vordem, denn als er sich dazu erbot, dem<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -Häusling wieder Arbeit abzunehmen, wußte -der immer einen Ausweg zu finden.</p> - -<p>Lüder hatte es im Sinne behalten, daß er -sich an den Vorsteher wenden sollte, wenn es -soweit kam, aber den wollte er darum nicht -angehen, weil es Garberding nicht gut ging, -indem er eine schwere Erkältung nicht loswerden -konnte.</p> - -<p>So tat er, als sei ihm alles gleich, ging an -jedem, der nicht so war wie früher, ohne Gruß -vorbei, plaggte Haide ab, warf im Bruche -Gräben aus und sagte sich, daß die Leute -schon zu Vernunft kommen würden, zumal -mehrere unter ihnen waren, die auch kein -reines Hemd anhatten.</p> - -<p>Um diese Zeit kam Lembke ihm etliche -Male von hintenherum mit einer Verlängerung -der Pacht, doch schlug der Bauer darauf -nicht zu, und nun hängte erst Lembke -und dann andere Besitzer den Jagdpächtern -Wildschadenklagen an den Hals, und was -früher keinmal vorgekommen war, Jagdstörungen -und Vergrämen des Wildes, das -begab sich von da ab fortwährend.</p> - -<p>Da aber die Jagd groß genug war, so -ließen sich die Pächter in der abgelegensten<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -Ecke eine Jagdbude bauen. Eines Tages -brannte sie ab und acht Morgen Haide und -Fuhren mit ihr, und obzwar es augenscheinlich -war, daß böswillige Brandstiftung vorlag, -setzte Fürbotter es doch durch, daß die -Gemeinde Schedensen, zu der das ausgebrannte -Stück Haidland gehörte, gegen Schönewolf -und Freimut auf Schadenersatz klagte, -wobei allerdings nichts anderes herauskam, -als daß die Gemeindekasse ein gutes Stück -Geld dabei zusetzte.</p> - -<p>Da nun der Baumeister und der Rechtsanwalt, -so überlegte Fürbotter, durch ihren -Verkehr mit Volkmann diesem immer noch -bei vielen Leuten von Nutzen waren, so mußte -ihnen die Jagd auf andere Weise verekelt -werden.</p> - -<p>Im Kruge zu Schedensen, der an der Landstraße -lag, kehrte allerlei Volk ein und da -der Berliner gesagt hatte: »Der Kerl muß -von dem Hilgenberg herunter, und wenn es -tausend Mark kostet,« so stand bald kein Hochsitz -mehr, alle guten Wechsel waren verstänkert, -alle Dickungen lagen voll von Zeitungspapier, -und schließlich verlangte erst Schedensen, -dann Breeden und schließlich auch Reethagen,<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -da Garberding in Andreasberg war, -weil seine Lunge nicht so wollte, wie sie sollte, -und die Kalipartei auf diese Art die Hand -am Henkel hatte, die Jagdpächter sollten den -Wildstand auf ein Zehntel verringern, widrigenfalls -sie nicht darauf rechnen könnten, daß -sie die Jagden wieder bekämen.</p> - -<p>Volkmann tat es in der Seele weh, daß die -beiden Männer seinetwegen soviel Mißgunst -ausstehen mußten, und er erklärte eines -Abends, er wolle wieder in die Welt.</p> - -<p>Aber da ging Freimut in die Luft: »Das -fehlte noch gerade! Nun erst recht nicht! Und -wenn ich die Büchse für immer an den Nagel -hängen soll; so bin ich nun doch nicht gebaut, -daß ich vor dieser Berliner Quadratschnauze -und diesem Pottekel von Fürbotter über den -Zaun gehe.</p> - -<p>Ihr habt mir ja einmal erzählt, wie Euer -Freund Lebleu es mit den Stinktieren machte. -Skunk gut, wenn Mann zu Skunk gut. So -sagte er, ging hin, verrammelte den Bau mit -Schnee, goß warmes Wasser darauf und ließ -es überfrieren, und am anderen Tage fiel es -keinem Skunk mehr ein, sich übel zu benehmen; -tot waren sie alle. Stinktiere muß man<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -sachte behandeln, damit sie erst gar nicht dazu -kommen, sich penetrant zu benehmen.</p> - -<p>Laßt mich nur machen. Wenn Euch in -der nächsten Woche ein kleiner Mann, der -einen roten Bart und ein Schmetterlingsnetz -hat, über die Kleewiese läuft, so schnauzt ihn -vor allen Leuten so grob wie möglich an, -denn das ist unser Bureauvorsteher, Herr -Meisel, der früher Kriminalschutzmannsanwärter -war, aber hinausflog, weil er einmal -in Gedanken eine seltene Motte fing, unterdessen -ihm ein ganz gemeiner Taschendieb -unter dem Hute fortflog. Er sollte sowieso -Urlaub haben; nun kann er das Nützliche -mit dem Angenehmen verbinden.«</p> - -<p>Der Plan war nicht schlecht; Meisel kam, -lief Volkmann durch die Kleewiese; wurde -angeschnauzt, rannte nach Schedensen zu Fürbotter, -bei dem er wohnte, schimpfte Mord -und Brand über den groben Kerl auf dem -Hilgenberge, machte die Bekanntschaft von -Neumann und Lembke und von jedem, der -auf Volkmann nicht gut zu sprechen war, gab -fleißig Runden aus, schwatzte so viel Unsinn, -daß ihn Fürbotters Gäste für dümmer als -eine Kuh hielten und sich vor ihm kein bißchen<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -in acht nahmen, steckte der Magd ab -und zu einen Groschen in die Hand und reiste -mit dem Versprechen, bald von sich hören zu -lassen, ab.</p> - -<p>Acht Tage später fuhr Freimut bei Fürbotter -vor, ging in das Vereinszimmer, bestellte sich -Rehbraten und Rotwein, aß und trank und -bat den Wirt, mitzuhalten, und dann sagte -er ihm: »Herr Meisel ist mein Bureauvorsteher; -bitte, behalten Sie gehorsamst Platz! -und Sie sind ein großer Schweinehund. -Laufen Sie bitte nicht fort! Ich habe noch -mehr in der Tüte.</p> - -<p>Sie haben veranlaßt, daß gewisse Leute, -die Namen habe ich alle im Taschenbuche, -die Hochsitze abgerissen haben; Sie werden -auch wissen, wer das Jagdhaus angesteckt -hat. Nein? Na, vielleicht hilft der Staatsanwalt -Ihrem Gedächtnis nach.</p> - -<p>Sie haben ferner durch Ihre Leute uns -bei Ausübung der Jagd gestört; in drei Fällen -kann ich den Nachweis führen, macht Summa -Summarum hundertachtzig Mark. Sie haben -gesagt, ich sei ein Säufer, und Garberding -halte es mit seiner Magd, und haben von dem -Baumeister erzählt, er habe übergejagt, und<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -außerdem haben Sie seit Jahren gewilderte -Rehe gekauft, und das ist Hehlerei und darauf -steht Zuchthaus!</p> - -<p>Und wenn Sie nun nicht herumgehen und -alles wieder in die Reihe bringen, erstens die -Rederei über Volkmann und das mit der -Jagd, dann ziehen Sie bitte gleich fünf -Groschen mehr ab, damit Sie sich einen Strick -kaufen können, denn so wahr ich Joachim -Freimut heiße und in Kolberg an der Persante -geboren bin, ich werde dafür sorgen, -daß Sie auf einige Jahre auf Staatskosten -in Celle verpflegt werden.</p> - -<p>So, und nun bringen Sie mir ein Glas -Bier mit, aber ein großes, denn nach solcher -schönen Rede wird man durstig. Der Wein -war übrigens gut und der Rehbraten auch; -ich glaube, das kommt daher, weil er in meiner -Jagd gewachsen ist.«</p> - -<p>Genau so wie bei Fürbotter, ging Freimut -mit Lembke und noch einigen anderen Leuten -um; nach einigen Tagen wehte der Wind -anders in den drei Dörfern.</p> - -<p>Als der Anwalt abfuhr, trank er bei Fürbotter -ein Glas Bier, gab ihm die Hand und sagte: -»Halten Sie sich munter; auf Wiedersehen!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Markwart">Der Markwart.</h2> -</div> - -<p class="drop">Nachdem die Kalipartei es wieder für angemessen -hielt, dem Hilgenbauern Gruß -und Handschlag zu bieten, tat dieser, als wäre -nichts vorgefallen, hielt sich aber von diesen -Leuten zurück, soweit es eben ging.</p> - -<p>Zu Herzen hatte er sich nur das Benehmen -des Ehepaares Suput genommen, und wenn -der Häusling auch versuchte, wieder an ihn -heranzukommen, Volkmann ließ ihn höchstens -über die Halbtüre reden.</p> - -<p>Das war für Suput besonders ärgerlich, -weil Lüder für die nächste Zeit Herr über ihn -war. Der ging alle paar Tage bei Frau -Garberding vor, teils um zu fragen, wie es -dem Vorsteher gehe, anderseits, weil er sich -gern mit ihr etwas erzählte, denn sie war -wie eine Mutter zu ihm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p> - -<p>Als er ihr klagte, daß er manchmal nicht -genug zu tun hätte, weil Lembke ihn aus -guten Gründen nicht an die Arbeit heranließ, -meinte sie mehr aus Scherz denn im Ernst: -»Ja, mein Jung', dann kannst du ja hier so -lange den Bauern spielen, bis Garberding -wieder da ist; mir wird das zuviel, wo ich -so schlecht auf den Füßen bin, und es geht -allerlei verkehrt, wenn man nicht überall selbst -dabei ist.«</p> - -<p>Er schlug sofort ein, ließ noch am selben -Tage seine und Ramakers Sachen holen, denn -Frau Garberding räumte ihm die Gastdönze -ein und stellte den Knecht für den Sommer -an, weil sehr viel zu tun war. Nun gab es -eine fröhliche Zeit für ihn. Er stand als erster -auf dem Hofe auf, sah überall nach dem Rechten, -verteilte die Arbeit, faßte mit an, wo es -nötig war, und lernte in dieser Zeit mehr als -bisher.</p> - -<p>Suput ging mit scheuen Augen an ihm vorbei -und machte sich wegen seiner Schlechtigkeit -allerhand Vorwürfe.</p> - -<p>Die Erntezeit war für den Hilgenbauer ein -Fest; er war von früh bis spät im Gange, -arbeitete wie im Stundenlohn, aber je mehr<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span> -er schanzte, um so heller wurden seine Augen, -um so leichter sein Gang.</p> - -<p>Ramaker sah ihm oft bewundernd nach und -sagte zu Suput: »Es ist gerade, als wenn -das, was anderen Leuten die Knochen krumm -macht, ihn aufrichtet.« Suput nickte nur, denn -vor Ramaker hatte er Angst.</p> - -<p>In der Zeit, als über den Hilgenbauer im -Kruge einmal dreckig geredet wurde, hatte -Ramaker ihm auf dem Heimwege gesagt: »Du -bist auch so'n Ducknackscher; die halbe Arbeit -hat er für dich getan, und jetzt sitzest du da und -sagst nichts dagegen, was die andern reden. -Mit dem Munde bist du ja mehr als fromm, -aber das macht es nicht allein. Und für -solche Leute bedanke ich mich schönstens.«</p> - -<p>Aber nicht allein die Arbeit machte den -Hilgenbauer frisch und fröhlich, sondern zumeist -der Umstand, daß er sich zu einer Frau -aussprechen konnte, der er zugetan war.</p> - -<p>So lächerlich die riesige Frau mit dem gewaltigen -Leibe und dem winzigen Haarknoten -auch auf den ersten Blick wirkte, zumal, wenn -sie mit ihrer dünnen Kinderstimme anfing zu -sprechen, sie hatte ein Herz von Gold und -Verstand für dreie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<p>Nichts machte ihr mehr Vergnügen, als -aufzutischen; ihre größte Freude war, wenn -sie irgendwo helfen konnte, und bei jedem -Wochenbette und in jedem Krankenzimmer -war sie anzutreffen.</p> - -<p>Mut hatte sie wie ein Mann. Damals, als -das Gerede über Volkmann im Kirchspiele -umging, hatten nach der Kirche in der Wirtschaft -mehrere Bauernfrauen auf ihre Männer -gewartet, die wegen des Moorkanals noch -eine Besprechung hatten, und da war es über -Volkmann hergegangen.</p> - -<p>Mit einem Male hatte Frau Garberding -gesagt: »Es war bislang hier nicht Landesbrauch, -gleich nach der Kirche seinem Nächsten -gegen den Rock zu spucken. Und was den -Hilgenbauer anbetrifft: hätte der Herr mir -Kinder beschert und es wäre eine mannbare -Deern dabei, und der Hilgenbauer würde sie -zur Frau verlangen, Garberding und ich -würden mit Freuden unser Jawort dazugeben.</p> - -<p>Ich weiß ganz genau, was es mit ihm für -ein Bewenden gehabt hat, aber deswegen -freue ich mich doch jedes einzige Mal, wenn -er bei uns kommt.« Als man in sie drang, -sie solle erzählen, was sie wisse, sagte sie:<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -»Das tu' ich nicht; deswegen hat Garberding -mich das nicht wissen lassen.«</p> - -<p>Da Volkmann irgendeine Entschädigung für -seine Hilfe ablehnen würde, wie sie annahm, -strickte sie ihm Strümpfe, ließ ihm Hemden -und Unterzeug machen, woran es ihm fehlte, -und er nahm das dankend an, denn es war -ihm, als käme es von seiner Mutter.</p> - -<p>Wenn sie beide allein waren, erzählte er -ihr von seinem Leben in den kanadischen -Wäldern und sie weinte still vor sich hin, als -sie die Geschichte von der kleinen Margerit -vernahm.</p> - -<p>Als dann eines Abends Lüder ihr sein Herz -ganz ausschüttete und ihr haarklein erzählte, -warum er keinen heilen Namen mehr habe, -wuchs er ihr vollends in das Herz, und ihr -war, als wenn es ihr eigener Sohn wäre.</p> - -<p>Da er in Kleidung und Gebaren ganz zum -Bauern geworden war, sah sie sich im Kirchspiele -nach einer Frau für ihn um und ließ -sich bald auf diesen, bald auf jenen Hof fahren, -setzte es durch, daß Lüder sie dabei begleitete -und freute sich, wenn sie bemerkte, daß -manches wohlhabende Bauernmädchen auf -ihn mit Wohlgefallen sah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<p>Als sie aber einmal ganz von weitem die -Rede darauf brachte, daß es an der Zeit wäre, -daß er sich eine Frau nähme, und er nicht -darauf zuschlug, nahm sie vorläufig davon -Abstand.</p> - -<p>Zu Jakobi hörte Volkmanns Pachtzeit auf, -und nun zogen Volkmann und Ramaker -wieder auf den Hilgenhof; anfangs führte -eine Witfrau mit ihrer fünfzehnjährigen -Tochter ihm den Haushalt.</p> - -<p>Im Januar kam Ramaker nach langem -Drucksen damit zutage, daß er ein Mädchen -an der Hand habe, eine Kätnertochter aus -Breeden, und wenn der Bauer nichts dawider -habe und ihn dann noch behalten -wollte, so möchten sie wohl bald heiraten.</p> - -<p>Lüder paßte das sehr gut, besonders, als -er das Mädchen kennengelernt hatte, denn -Frau Könnecke war mürrischer Art und nicht -gewöhnt, abseits vom Dorfe zu leben.</p> - -<p>So richtete denn Volkmann das Häuslingshaus -her, in dem bislang die alten Lembkes -gewohnt hatten, Frau Garberding steuerte -aus ihrem Wäscheschrank Ramaker aus, und -Ende Februar konnte gefreit werden.</p> - -<p>Die junge Frau war freundlich und fleißig<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -und nahm es mit Freuden an, daß sie das -Wohnhaus mit in Ordnung hielt und dort -gleich für alle kochte und der Einfachheit -wegen aßen die drei Leute da meist miteinander. -Auch abends blieben sie oft zusammen, -falls Volkmann nicht Frau Garberding besuchte, -und er las dann seinen Leuten aus -irgendeinem guten Buche vor, bis es Schlafenszeit -war.</p> - -<p>So verging der Winter in Ruhe und Frieden -und der Bauer hörte keinmal mehr das -Fuchteln der schwarzen Flügel vor seiner Stirn, -zumal er in seiner freien Zeit an einer naturwissenschaftlichen -Arbeit schrieb und nebenher -die Geschichte der alten Bauerngeschlechter -von Reethagen, Breeden und Schedensen zusammensuchte.</p> - -<p>An einem schönen Sonntag vormittag im -April saß der Bauer mit einem Buche in der -Hainbuchenlaube und sah dem Eichelhäher zu, -der zwischen dem Holze und dem Grasgarten -hin und her flog, weil er im Garten Hühnerfedern -suchte; er hatte den Vogel gern, der -im Walde zwar das Wild vor dem Jäger -warnte, dafür diesem aber auch den Fuchs -und den Bock meldete und dem die Bauern<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -deshalb den Namen Markwart gegeben -hatten. Er ergötzte sich an dem bunten Narren, -der mit gesträubter Holle auf dem Rasen umherhüpfte -und sich fortwährend scheu umsah, -als wären ihm die Federn nicht gegönnt.</p> - -<p>Plötzlich duckte er sich, kreischte auf und strich -ab. Schritte kamen über den Steinweg, die -Pforte klinkte auf, und als der Bauer aufsah, -kam der Vorsteher mit freudigem Gesichte -auf ihn zu und streckte ihm beide Hände -entgegen:</p> - -<p>»Du sollst auch vielmals bedankt sein, Lüder,« -rief er und schüttelte Volkmann die Hände, -»für den vielen Beistand, den du mir geleistet -hast. Das muß ich sagen: es ist alles so in -der Reihe, als wenn ich selber da war. Suput -sagte: »Ja, der, der ist jetzt ein ganzer -Bauer.« Na, und Suput macht schon allerlei -Ansprüche.</p> - -<p>Na, und dir geht es gut, das sehe ich, und -mir auch, wenn ich auch wohl niemals wieder -der Kerl von früher werde. Jetzt heißt es -Schritt fahren, wenn ich über den Berg kommen -soll. Mein seliger Vater hat es auch an -der Lunge gehabt, und hat mit vierzig von -uns fort müssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span></p> - -<p>So, und wenn du kein besseres Mittag -hast, dann möchtest du zu uns kommen; ich -habe aus Hannover einen ganz gefährlichen -Kalbsbraten mitgebracht, und Trina sagt, den -kriegen wir allein nicht auf.</p> - -<p>Hier hast du übrigens auch alles gut im -Stande; nun fehlt bloß noch eine glatte Frau -und denn ist alles richtig.«</p> - -<p>Lüder nahm mit Dank an, und dann gingen -sie langsam durch die Haide. Als sie an dem -Graben waren, der die Grenze zwischen der -Hilgenhofer Haide und der des Vorstehers -war, blieb Garberding stehen, sah Volkmann -an und sagte: »Weißt du, was heute für ein -Tag ist? Vor zwei Jahren standen wir zum -ersten Male hier.«</p> - -<p>Als er weiterging, setzte er hinzu: »Du hast -mir damals gleich gefallen und meiner Trina -auch. Junge, wenn die nicht auf die sechzig -ginge, ich könnte es wahrhaftig mit dem Übelnehmen -kriegen: sie redet von nichts weiter, als -von dir; ich bin jetzt man Handpferd geworden.«</p> - -<p>Er sah sich in der Haide um: »Ja, es ist -doch man einmal schön hier bei uns. Da oben -auf dem Harze, ich weiß nicht, schön ist es da -ja wohl, und auch die Leute können mir ganz<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -gut gefallen, und gesund ist es da auch für -die Lunge, aber leben möchte ich da nicht. -Man stößt mit den Augen meist überall gegen -die Berge und denn redet mir das Volk auch -zuviel. Und die Unruhe, die Unruhe! Selbst -im Winter ist da alles voll von Stadtleuten, -die vor Langerweile mit Kinderschlitten die -Berge herunterrutschen oder sich mit den unklugen -Schneeschuhen abmarachen, als wenn -sie dafür bezahlt werden. Da ist es hier doch -besser. Wie schön der Post riecht und das -Birkenlaub! Der Doktor meinte, ich sollte noch -dableiben, aber ich sagte ihm: Dann werde -ich wieder krank.«</p> - -<p>Er blieb wieder stehen und atmete mühsam: -»Nun erzähl du; gehen und sprechen zusammen -kann ich nicht mehr.«</p> - -<p>Volkmann teilte ihm alles Wichtige mit, auch -über das Kesseltreiben, das man gegen ihn -veranstaltet hatte, und auf welche Weise Freimut -sich dabei benommen hatte. Der Vorsteher -lachte im Halse; einen Teil hatte er von -seiner Frau schon vernommen, und er freute sich, -daß Volkmann so gut dabei abgeschnitten -hatte.</p> - -<p>Nach dem Mittag ließ Garberding sich den<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -Liegestuhl, den er sich mitgebracht hatte, in -den Garten stellen und sagte: »Da liegt man -nun zugedeckt, als wie ein Wiegenkind, und -sieht ein Loch in den Himmel. So, nun schmök -mir was vor; ich habe es mir abgewöhnen -müssen; es geht auch so.</p> - -<p>Jetzt wollen wir einmal die alte Bohrgeschichte -besprechen. Der Mann, Neumann -heißt er ja wohl, läßt nicht locker und hat -hier einen Vorvertrag geschickt, der für die -politische und für die Realgemeinde gültig -sein soll, damit ich ihn in der Gemeindeversammlung -vorlegen kann. Ich habe ihn zehnmal -und mehr durchgelesen, und ich glaube, -so ganz uneben ist er gerade nicht. Hier ist er!«</p> - -<p>Volkmann las die dreißig Abschnitte des -Vertrages durch, fand aber bald mehrere -Stellen, die für die Gemeinde gefährlich werden -konnten, und deshalb schlug er vor, die Landwirtschaftskammer -in Hannover solle über den -Vertrag erst ein Gutachten abgeben. Nach -acht Tagen kam der Vertrag zurück und ein -anderer dabei, der auf den von der Kammer -entworfenen Mustervertrag zugeschnitten war, -und mit dem sich die Gemeindeversammlung -zufrieden erklärte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p> - -<p>Der Berliner machte ein Gesicht, wie der -Hund zu dem Zaunigel, als ihm gesagt wurde: -So oder überhaupt nicht! reiste ab, um den -Vorvertrag seiner Gesellschaft vorzulegen, und -nach vierzehn Tagen fand die Versammlung -statt, in der die Annahme erfolgen sollte.</p> - -<p>Der Wind hatte drei Tage von Morgen -geweht, und die Luft war voller Staub; das -war günstig für Neumann, denn so wurde -von Anfang an scharf getrunken. Er hatte -seine Getreuen schon die Tage vorher aufgesucht -und die hatten die anderen bearbeitet.</p> - -<p>Als der Vorsteher und der Hilgenbauer in -den Krug kamen, war der Saal blau von -Tabaksdampf und viele Köpfe waren rot. -Neumann schmiß einen kalten Blick nach den -beiden Männern, stürzte dann auf sie zu, -lächelte süß, drückte ihnen die Hände und -sprudelte los: »Wir müssen noch ein Augenblickchen -warten, es sind noch nicht alle da.«</p> - -<p>Garberding sah nach der Uhr: »In zehn Minuten -fange ich an; auf drei Uhr ist angesetzt. -Danke,« fuhr er fort, als ihm der Ingenieur -ein Glas Wein hinstellen wollte, »ich bin um -diese Zeit Kaffee gewöhnt und Alkohol darf -ich überhaupt nicht mehr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p> - -<p>Auch Volkmann bestellte sich Kaffee, und die -großen Bauern riefen einer nach dem anderen: -»Nordhoff, mir auch,« und sie setzten hinzu: -»Es geht um Tausende und da ist es besser, -man bleibt bei Verstand.« Schließlich trank -alles Kaffee, und Neumann sah grün im Gesichte -aus.</p> - -<p>»Bevor ich den Vertrag verlesen lasse, frage -ich an, ob jemand vorher einen Antrag zu -stellen hat?« rief der Vorsteher.</p> - -<p>Volkmann stand auf: »Ich beantrage zweimalige -Lesung; in der zweiten Lesung Einzelabstimmung -über jeden Abschnitt.« Der Berliner -lächelte gezwungen, als der Antrag gegen -drei Stimmen durchging.</p> - -<p>»Hat noch jemand einen Antrag?«</p> - -<p>Wieder stand Volkmann auf. »Ich beantrage, -daß die Versammlung beschließen möge, -daß die Bohrungen nicht in der Feldmark und -auf den alten Wiesen, sondern nur in der -Haide unter dem Dorfe, im Bruche und im -Moore stattfinden sollen.«</p> - -<p>Die Bohrgarde murrte, aber Volkmann fuhr -fort: »Ich war letzte Woche in Wietze-Steinförde; -da sieht es bunt aus; der Bauer hat -da gar nichts mehr zu sagen; vor dem Wohnhause<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -hat er den Fallmeißel und dahinter die -Sonde. Ich will gegen den Wert der Bohrungen -im allgemeinen nichts sagen, aber Segen -bringen sie uns nicht. Zu leben hat jeder von -uns hier, und Geld, das einem so zufällt und -nicht erworben wird, das bleibt nicht.</p> - -<p>Wo ist der Ölheimer geblieben? Vor die -Hunde ist er gegangen mitsamt seinem Gelde. -Was ist aus der Familie Janke geworden? -Der Alte ist über dem vielen Gelde verrückt -geworden, und der Junge hat sich scheiden -lassen von seiner Frau und lebt mit so einem -Weibsstück.</p> - -<p>Ihr sollt sehen, steht hier erst alles voller -Bohrtürme, dann müßt ihr tanzen, wie die -Gesellschaft flötjet!</p> - -<p>Und ob eure Frauen und Töchter dann noch -alleine über die Landstraße gehen können, -das ist sehr die Frage. Es ist jetzt schon -schlimm genug in der Haide; Messerstechereien -sind jetzt an der Tagesordnung, und Raubanfälle -und Einbrüche auch.</p> - -<p>Hier,« er holte eine Zeitung heraus und -ließ sie rund gehen, »das ist der dritte Lustmord -in zwei Jahren bei uns! Früher wußte -man von solchen Greueltaten hier nichts; aber<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span> -seitdem Pollacken und Kroaten und Italiener -hier herumlaufen, ist kein Frauensmensch -seines Lebens mehr sicher.</p> - -<p>Und deswegen haben der Vorsteher und -ich es uns vorgenommen: Wir beide schließen -nicht ab.«</p> - -<p>Ehe er sich noch gesetzt hatte, sprang Neumann -auf und wollte lospoltern, doch der Vorsteher -winkte ab: »Herr Neumann, Ihre Ansicht -kommt hier nicht in Frage. Wir wollen -jetzt die Abschnitte verlesen. Ihr seid es wohl -zufrieden, daß Volkmann das tut; mir ist das -viele Reden nicht gut.«</p> - -<p>Neumann biß sich auf die Lippen; er hatte -geglaubt, daß man ihm das Vorlesen überlassen -werde. Die Abschnitte eins, zwei und -drei waren verlesen, als Volkmann aber den -vierten verlesen hatte, bat er um das Wort: -»In dem Vorvertrage steht, daß jeder Besitzer -für jeden angebrochenen Morgen entschädigt -wird; hier aber ist zu lesen: für jeden Morgen.«</p> - -<p>Neumann wurde blaß, denn die Bauern -stießen sich an und sahen kalt zu ihm hin. -Volkmann fuhr fort: »Der Unterschied ist sehr -wichtig, denn nach der neuen Schreibart sind -wir die Dummen, indem wir, wenn ein Bohrloch<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -oder sonst etwas nicht so viel Platz einnimmt, -daß es einen Morgen ausmacht, wir -keinen blanken Pfennig bekommen. Und -solche Sachen stehen mehr in dem neuen -Vertrage, trotzdem Herr Neumann sagte, seine -Gesellschaft habe nur hier und da die Schreibweise -ein bißchen verfeinert.</p> - -<p>Kurz und gut: wir sollen hier über den -Löffel balbiert werden, denn wir sind ja man -bloß dumme Haidbauern und das da in Berlin -sind vornehme Herren. Sehr vornehme Herren -sind es, denn sie wollen ja nur unser Bestes, -nämlich unser Geld.«</p> - -<p>Ein Hohngelächter schallte durch den Saal -und sogar Nordhoff meckerte laut los.</p> - -<p>»Ist richtig!« »So ist es!« »Das ist die Wahrheit!« -»Schwindel!« »Betrügerei!« so schrie es, -und selbst die Neumannsche Leibwache stimmte -mit in das Hohngelächter und das Entrüstungsgepolter -ein.</p> - -<p>Der Berliner, der vor Aufregung zu hastig -getrunken hatte, sprang auf und kreischte: -»Ist das eine Art und Weise von 'ner Sache! -Einen hier erst herlotsen und dann zum Narren -halten? Und wer ist denn der Herr, der Sie -um die schöne Entschädigung bringen will?<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span> -Ist es ein Bauer, ist es einer von Ihnen? -Fragen Sie im Celler Zuchthause an, wer es ist!«</p> - -<p>Weiter kam er nicht. Alle Bauern bis auf -den Vorsteher und Volkmann sprangen auf -und es war ein Gebrüll, daß Frau Nordhoff -in der Küche schrie: »Herr im hohen Himmel, -das gibt Mallör!«</p> - -<p>Nordhoff schloß schnell die kleine Tür auf -und als der Agent noch reden wollte, schob -er ihn ziemlich unsachte hinaus.</p> - -<p>»I so 'n Lümmel,« sagte der Vollmeier -Röpke; »so 'n Lümmel! Nordhoff, nun aber -schnell Bier. Es ist man ein Segen, daß der -Klabautermann sich dünne gemacht hat, denn -mir fing die Hand schon an zu jucken.«</p> - -<p>Als jeder Bier hatte, rief der lange junge -Mann: »Unser Freund Volkmann, der uns vor -schwerem Schaden bewahrt hat, er soll leben -vivat hoch und abermals hoch und zum dritten -Male hoch.«</p> - -<p>Während alle mit dem Hilgenbauer anstießen, -hub der Schneider Fricke, der kein -Freibier vertragen konnte, mit seinem verschossenen -Tenor zu singen an: »Er lebe hoch, -hoch, hoch!« denn er war Mitbegründer des -Gesangvereins Reethagen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Nachtigall">Die Nachtigall.</h2> -</div> - -<p class="drop">Weiter in der Umgegend hatte der Agent -mehr Glück gehabt. Von Schedensen -und Breeden aus konnte man die schwarzen -Bohrtürme in den grünen Feldern sehen.</p> - -<p>Wenn die Bauern aus den Nachbardörfern -nach der Kirche erzählten, welche Einnahmen -sie jetzt schon aus den Bohrverträgen hätten, -dann kauten die Bauern von Schedensen und -Breeden taub und manche Reethagener auch; -aber der Berliner hatte von Reethagen ein -so schlechtes Bild gemacht, daß sich dort kein -Agent mehr sehen ließ.</p> - -<p>Eines Tages hieß es im Weißen Rosse: -»Nordhoff, hast du all gehört? Fürbotter hat -sich aufgehängt; er hat sich in Bohrkuxen -verspekuliert.«</p> - -<p>So war es auch und er war nicht der -einzige, der sich bei den Papieren einen Bruch -gehoben hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p> - -<p>Hier schlug ein Bauer lang hin, da kippte -ein Ziegeleibesitzer um, dort lag ein Kaufmann -auf der Nase; alle hatte das Bohrfieber umgeworfen. -Sie hatten Kuxe gekauft, wenn -eine Gesellschaft fündig geworden war und -hinterher kamen die Zubußen.</p> - -<p>Hier hatte bei der Anwendung des Gefrierverfahrens -der Magnesiumzement sich entmischt -und der Schwemmsand sprengte die Tubbings -des Schachtes; da war man auf hundertfünfzig -Meter niedergegangen, erlebte einen -Wassereinbruch und der Schacht ersoff rettungslos; -da kam es gar nicht zum Abteufen, -denn auf sechzig Meter trieb der Sand und -knickte die Mannesmannstahlrohre wie Stroh.</p> - -<p>An einer anderen Stelle hatten sich ölige -Schichten auf den Moorgräben gezeigt; eine -Gesellschaft riß alles Land, das sie kriegen -konnte, zu hohen Preisen an sich und bezahlte -zum Teil mit Kuxen, worüber die Verkäufer -sehr froh waren. Dann kam ein Geologe -von der Königlichen Landesanstalt und stellte -fest, daß das kein Öl, sondern humussaures -Eisenoxyd war. Da nun schon eine Straße -gebaut und ein Schienengeleise gelegt, Dampfmaschinen -hingebracht, Bohrtürme und Schuppen<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -gebaut waren, so mußten die Kuxeninhaber -nachzahlen, daß ihnen die Augen -bluteten.</p> - -<p>Aber die Krankheit ließ trotzdem nicht nach, -denn kaum stieß man weiterhin auf Kali, so -stürzte sich alles, was etwas bar Geld liegen -hatte, auf die Kuxe, wie die Bremsen auf die -Heugespanne, und als es sich herausstellte, -daß dort kein abbaufähiges Lager, sondern -nur eine Linse stand, da hatte mancher Mann -alles verloren, was er in zwanzig Jahren -zusammengebracht hatte.</p> - -<p>Dazu kam noch, daß es überall dort, wo -gebohrt oder gar gefördert wurde, immer -ungemütlicher ward.</p> - -<p>Die fremden Arbeiter, die gut verdienten, -saßen in den Wirtschaften vornan und es -verging keine Woche, ohne daß es eine böse -Schlägerei zwischen ihnen und den jungen -Leuten aus dem Dorfe gab; dem Wirt in -Hülsingen wurde das halbe Haus zerschlagen, -in Kronshagen wurde einem Anbauernsohne -ein Auge ausgestochen, in Altmühlen kam -es zu einer wahren Völkerschlacht, wobei es -acht Schwerverwundete und einen Toten gab, -und bei Schütthusen wurde die Frau des<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -Schneiders Mögebier ermordet und beraubt -im Busche gefunden.</p> - -<p>Bald hier, bald da wurde eingebrochen, -Vieh verschwand von der Weide, Wäsche von -der Bleiche, überall wurde gewildert, die -Brandstiftungen nahmen kein Ende, denn -die Landstraßen waren lebendig voll von verdächtigem -Volke, und wer nicht gab, der hatte -den Schaden.</p> - -<p>So dankten die Reethagener es ihrem -Schöpfer, daß der Hilgenbauer sie vor dem -Abschlusse bewahrt hatte, denn bei ihnen war -noch ein ruhiges Leben möglich.</p> - -<p>Da nun Volkmann bis auf die Schmisse in -seinem Gesichte ganz so wie ein richtiger Bauer -war, auch ursprünglich aus der Gegend -stammte und jedem gefällig war mit Rat und -Abfassen von Schriftsätzen an die Behörden, -und die Leute, denen daran lag, ihn in den -Graben zu werfen, verschwunden waren, so -stand er im Herbste anders da, als das Jahr -vorher, und er hätte überall anklopfen können, -wo eine Tochter war.</p> - -<p>Der Vorsteher und seine Frau ließen es an -Anspielungen nicht fehlen, und er selbst sah -ein, daß er nicht länger ledig bleiben dürfe;<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -aber wenn er auch hier und da eine Bauerntochter -antraf, die ihm ganz gut gefiel, sowie -sie den Mund auftat, sah er einen Graben -zwischen sich und ihr, denn dann fiel ihm die -Stimme ein, die an jenem Vormittag im April -an seiner Schulter gefragt hatte: »Ich bin -Ihnen wohl recht schwer?«</p> - -<p>Nicht, daß er mit Hoffnung an das schöne -Mädchen, das wohl längst Frau und Mutter -war, dachte, aber sie war ihm der Maßstab, -den er überall anlegte, wo er mit einem Mädchen -zusammenkam, die auf den Hilgenhof -gepaßt hätte. Da er nun schwer arbeitete, -dem Vorsteher alle Schreibereien abnahm und -alle weiten Wege, so daß er abends meist -schon einschlief, ehe er beide Beine unter der -Decke hatte, so kam es ihm wenig in den -Sinn, daß er ein einsamer Mann war.</p> - -<p>Hatte er das Bedürfnis, mit einem Frauenzimmer -zu reden, so ging er in das Häuslingshaus -und freute sich an der fixen Frau -Ramaker, die Zwillinge zu versorgen hatte -und doch mit der vielen Arbeit zu Gange -kam, oder er saß bei Garberdings und schnackte -mit der Bäuerin oder er blieb eine Stunde -im Kruge und erzählte sich etwas mit den<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -Frauensleuten, denn Nordhoff ging nur in -die Gaststube, wenn er mußte.</p> - -<p>Mit dem Vorsteher wurde es wieder schlechter, -als es auf den Winter zuging, und so entbot -er die sechs Vollmeier zu sich, sagte ihnen, -er könne nicht mehr länger Vorsteher sein -und fragte sie, wer der Gemeinde wohl am -besten anstehe.</p> - -<p>»Am besten wäre Volkmann,« meinte Röpke, -»wenn die Regierung nur keine Bedenken hat.«</p> - -<p>Der Vorsteher schüttelte den Kopf: »Das -hat sie nicht; was ihm zugestoßen ist, gilt mehr -als ein Unglück, als eine, ja, na, als etwas, -das nicht ehrenhaft ist. Ich habe mit dem -Landrate lang und breit darüber gesprochen. -Und meine Meinung ist: einen besseren Vorsteher -kriegen wir nicht; er steht gut da, hat -mehr gelernt, als wir alle zusammen, reibt -es aber keinem unter die Nase, er schickt sich -ganz in unsere Art, ist gefällig, wie nur einer, -und er hat die Gemeinde vor großem Schaden -bewahrt. Und da ihr ja alle meiner -Meinung seid, ist es das beste, ihr beredet -euch mit den anderen, damit er einstimmig -gewählt wird, denn ohne das, glaube ich, -nimmt er nicht an.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span></p> - -<p>Der Plan lief nach Wunsch aus; Garberding -legte sein Amt nieder, und der Hilgenbauer -wurde einstimmig zu seinem Nachfolger -gewählt. Volkmann wurde erst blaß und -dann rot, als er gewählt wurde, und er wußte -erst nicht, ob er annehmen sollte. Da stand -Garberding auf und sprach:</p> - -<p>»Ich weiß, warum unser Freund sich bedenkt, -und viele, ja wohl die meisten von -uns, werden es auch wissen. Es steht mancher -Mann hoch in Ansehen, dessen Hand ich nicht -in meiner haben will, und mancher Mann -gilt nicht für ehrenhaft vor der Welt, zu dem -ich mich liebendgern an den Tisch setze. Was -bedarf es noch vieler Worte? Wir haben -unser eigenes Recht, das älter ist als die -Gesetze, die in den Büchern stehen und manches -Mal gar nicht auf unsere Art passen. Unser -erstes Gesetz heißt die Gemeinde, das ist das -Haupt; alles andere liegt weit weg. Und -wenn ich, der ich meinen Freund durch und -durch kenne, keinen lieber, als ihn, hier sehe, -wo ich jetzt bin, und wenn der Herr Landrat -ebenfalls der Ansicht ist, daß wir keinen besseren -Vorsteher kriegen, so kannst du,« und damit -drehte er sich nach Volkmann und gab ihm<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -die Hand, »meinen Glückwunsch getrost annehmen.«</p> - -<p>Als Vorsteher Volkmann aus der Versammlung -nach Hause ging, mußte er immer -an den Tag denken, an dem er auf dem Haidberge -lag und dem Ortolan zuhörte, der in -der Birke saß und sang.</p> - -<p>Ein Landstreicher war er damals gewesen, -ein heimatloser Mann, den jeder Gendarm -stellen und nach seinen Papieren fragen durfte; -jetzt hatte ihm die ganze Bauernschaft eine -Ehre angetan, die er, der Bauern kannte, -nach ihrem vollen Werte einschätzen konnte.</p> - -<p>Als er auf den Hof trat, ging ihm Ramaker -entgegen; die Augen des Häuslings glänzten, -und er stotterte vor Aufregung, als er dem -Bauern Glück wünschte, denn als er in der -Haide Plaggen haute, war der Briefträger -mit dem Rade den Pattweg heruntergekommen -und hatte ihm zugerufen: »Den Bauern haben -sie zum Vorsteher gemacht!«</p> - -<p>Auch Frau Ramaker lachte über ihr ganzes -rundes Gesicht, gab ihm die Hand, sagte: »Viel -Glück auch!« und warf hinterher: »Wie sagt -man denn jetzt: Bauer oder Herr Vorsteher?«, -und als Volkmann antwortete: »Es bleibt<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -alles so, wie es ist,« schüttelte sie den Kopf, -daß ihr eine Flechte losging, und indem sie -die feststeckte, rief sie: »Das will ich nicht -hoffen, denn jetzt muß hier eine Frau her! -Was ist denn das für ein Werk! Ein lediger -Vorsteher? Das habe ich meinen Tag noch -nicht erlebt. Und mir wird es mit der Arbeit -zuviel: einen Mann, zwei kleine Kinder, das -Vieh und zwei Haushaltungen, das halte ich -nicht lange mehr aus.«</p> - -<p>Am anderen Tage kam Freimut angefahren: -»Mann,« schrie er über den Hof, daß die Schruthähne -an zu kullern fingen, »siehst du mir nichts -an?«</p> - -<p>Volkmann lachte: »Bist du Justizrat geworden?«</p> - -<p>Der Anwalt schnaubte: »Sehe ich denn schon -so bresthaft aus?« Er hielt ihm seine linke -Hand vor die Augen, die so groß war, daß -ein junges Mädchen ihn einst bat: »Ach bitte, -Herr Referendar, halten Sie doch Ihre Hand -vor die Tür, es zieht so.«</p> - -<p>Der Anwalt lachte: »Ja, die Liebe, sie hat -mich zur Strecke gebracht, mich, den letzten -der Mannen von <span id="corr152">Niefelheim</span>, der die alte gute -Sitte hochhielt und als dreimal destillierter<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -Junggeselle einsam hinter dem Biertopf saß, -wenn die anderen den Hausschlüssel nicht bekommen -konnten. Nun barst auch diese letzte -Säule, verödet ist die Stätte, wo das schöne -Lied von den Brummelbeeren so oft erklang, -denn jedweden Abend mache ich jetzt bei -meiner Braut hübsch.</p> - -<p>Hier ist sie.« Er zog ein Bild aus der -Tasche. »Hildegard heißt sie, hat ein Haus mit -einem Garten drum herum und auch sonst noch -Vorzüge mannigfacher Art, vor allem den, daß -sie beinahe so lang wie Schreiber Diese ist.</p> - -<p>Mensch, nun mußt du auch noch heiraten, -und ein Mädel, das auch von deinem Kaliber -ist, und dann können wir singen: Deutschland, -Deutschland über alles, über alles in der Welt!</p> - -<p>Bis Montag habe ich Urlaub, denn meine -Hilde ist nach ihrer Tante gefahren, und ich -will jetzt einige Hasen erschlagen.«</p> - -<p>Als er von Ramaker hörte, daß sein Freund -Vorsteher geworden war, schlug er auf den -Tisch, daß es knallte, küßte Lüder ab und -schrie: »Bei meinem Barte! Die Bauern hier -sind noch klüger, als ich dachte. Donnerhagel -noch einmal, werde ich aber mit dir protzen; -mein Duzfreund, der Vorsteher!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p> - -<p>Denn, mein Lieber, wenn du dich auch -sträubst, wie ein Borgfarken, zu meiner Hochzeit -mußt du kommen. Es werden nur tüchtige -Kerle und schöne Frauen und Mädchen eingeladen, -und die Kirche soll voll von Maibäumen -sein, daß es darin aussieht wie in -der Lüneburger Haide, wenn die Dullerchen -singen. Und meine zukünftige Hausehre hat -dir schon eine Tischnachbarin ausgesucht, die -schönste, die es auf der Welt geben soll von -allen, was seine Haare in Flechten trägt.</p> - -<p>So, und nun wollen wir los; mir kribbelt -es im Drückefinger und ich will morgen Hasenpfeffer -so essen, wie es sich gehört, und nicht -solchen labberigen Bratenabfall, den sie einem -in den lackierten Herbergen als das auftischen.« -Und er sang mit seinem Bierbasse: »Auf und -an, spannt den Hahn, lustig ist der Jägersmann!«</p> - -<p>Die Wintermonate sprangen Volkmann -unter den Fingern fort, soviel Arbeit brachte -ihm das Vorsteheramt. Die Arbeit machte -ihm aber Freude, denn er lernte viel dabei -und konnte allerlei Gutes wirken.</p> - -<p>Ohne daß sie es merkten, brachte er den -Bauern Verständnis für die Schönheiten der<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -Landschaft bei, rettete den alten Wahrbaum -vor dem Dorfe, der der Straßenverbreiterung -weichen sollte, ließ die beiden Steingräber in -der Haide, die zu Brückensteinen zerschossen -werden sollten, für ewige Zeit schützen und -verhinderte es, daß allerlei überflüssige Vereine -sich bildeten und das dörfliche Leben städtisch -machten.</p> - -<p>Da die Vorarbeiten für die Bruchentwässerung -in Angriff genommen wurden und eine -Nachverkopplung notwendig wurde, die viel -Lauferei und Schreibarbeit mit sich brachte, -so war es mit einem Male mitten im Frühling, -und es war ihm, als er die erste Lerche über -der grünen Saat hörte, als wäre sie den Tag -zuvor erst fortgezogen.</p> - -<p>An einem Aprilabend, als er aus dem Bruche -kam und an dem Ellernbusche vorbeiging, -der zu beiden Seiten der Beeke lag, hörte er -einen fremden Ton und sofort sagte er sich: -»Das ist ja eine Nachtigall.«</p> - -<p>Er blieb stehen und wartete, bis sie weiterschlug, -und dann mußte er lachen, denn an -seine naturgeschichtliche Arbeit hatte er den -ganzen Winter nicht denken können und an -vieles andere auch nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p> - -<p>Ganz selten einmal, wenn er im Schummern -am Herdfeuer saß und rauchend in die roten -Flammen sah, hatte er an das große, schöne -Mädchen mit der hellen, reinen Stimme gedacht, -und nur so, wie man an einen Traum -denkt, den man nicht vergessen kann und -nicht vergessen will.</p> - -<p>Nun aber, als er abends allein bei dem -Feuer saß und an den einen Laut dachte, der -aus dem Ellernbusche kam, war es ihm, als -hätte er tags zuvor erst ihre Stimme an seiner -Schulter gefühlt, und als der Spinnstuhl sich -meldete, bedünkte es ihm, als hätte die Allerschönste -dort eben gesessen und müsse im Augenblicke -wieder hereinkommen, ihn anlächeln und -ihre Stimme ihm entgegenflattern lassen.</p> - -<p>Als er dann in der Dönze saß und noch -einige Zahlen aus seinem Taschenbuche eintrug, -da schrieb er, fast ohne zu wissen, was -er tat, ein Dutzend Zeilen auf einen leeren -Streifen Papier, und dann schüttelte er den -Kopf über sich selber, denn seit seiner Burschenzeit -hatte er kein Gedicht mehr geschrieben.</p> - -<p>Er las es durch und nickte zustimmend, -als hätte jemand anders es geschrieben, das -Liedchen, das in zwölf Zeilen die Empfindung<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span> -ausdrückt, die ein Mensch hat, der tief im -braunen Bruche einen einzigen verlorenen -Nachtigallenlaut vernimmt.</p> - -<p>Er las es noch einmal, lächelte und dachte, -daß es wirklich gar kein schlechtes Gedicht -wäre, und als er im Bette lag, war es ihm, -als sei es nicht die Nachtigall gewesen, sondern -eine andere Stimme, die ihn gezwungen hatte, -stehenzubleiben.</p> - -<p>Freimut hatte seine Hochzeit auf den ersten -Mai, »den Tag der Odinsfreite,« wie er schrieb, -angesetzt und dabei bemerkt: Frack brauchst -du nicht; wir kommen alle im Gevatterrock, -dieweil wir nicht den Ehrgeiz haben, wie -Kellner auszusehen. Einen Polterabend kann -ich mir nicht leisten; ich habe an dem Tage eine -Verteidigung.</p> - -<p>So packte Volkmann den Kirchenrock und -den hohen Hut in den Reisekorb, den Freimut -dagelassen hatte, und fuhr los. Seine Gabe, -eine sehr schöne alte Beilade mit reicher -Schnitzerei, die er hatte zurechtmachen lassen, -hatte er durch den Baumeister schon in das -Heim der Brautleute schicken lassen.</p> - -<p>Als er in der großen Stadt war, suchte er -sich ein ruhiges Gasthaus, ging dann durch<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -die Straßen, kaufte sich Handschuhe und leichte -Schuhe und ließ sie nach dem Gasthofe schicken. -Dann setzte er sich an der Hauptstraße in ein -Kaffeehaus, um hinter der Efeuwand her das -bunte Leben zu betrachten.</p> - -<p>Alle Leute blickten auf, als der bäuerlich -angezogene lange, schöne Mann mit dem -braunen, bartlosen Gesichte zwischen den Marmortischen -einherging. Die Männer lächelten -spöttisch, die Frauen aber reckten sich die Hälse -nach ihm aus und mehr als eine flüsterte: -»Wie interessant; ein Bauer mit Schmissen!«</p> - -<p>Als er sich gesetzt hatte und dem Kellner -winkte, dachte er so bei sich: Was für unverschämte -Augen die Frauensleute hier doch -machen! denn er hatte sich schon ganz an die -dörfliche Art gewöhnt.</p> - -<p>Er fand, daß er an dem städtischen Leben -gar keinen Anteil mehr hatte; so manches -Gesicht kannte er noch von früher her, sah -fein angezogene Leute, die damals einfach -gingen, und andere, denen es nicht so gut zu -gehen schien wie vordem.</p> - -<p>Der Lärm, die Rastlosigkeit, die Reklame, -der abscheuliche Gegensatz zwischen Protzerei -und Elend, alles das widerte ihn an, und als<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span> -der Kellner einen vor Nervenschwäche am -ganzen Leibe fliegenden Mann, der Ansichtspostkarten -feilbot, hinausweisen wollte, stand -der Bauer auf, kaufte drei Karten und gab -dem armen Menschen ein Zweimarkstück.</p> - -<p>Grade war er dabei, die Aufschriften abzufassen, -denn er wollte die Karten an Garberding, -Ramaker und Nordhoffs Lieschen schicken, -da fuhr er in die Höhe, denn eine Stimme, -die er nur einmal und nicht wieder in seinem -Leben gehört hatte, erklang jenseits der Efeuwand.</p> - -<p>Der Bleistift fiel ihm aus den Fingern, er -sprang auf und trat auf die Straße, sah aber -nur noch den Lohnwagen im Gewühl verschwinden.</p> - -<p>Wie vor den Kopf geschlagen fiel er auf -den Stuhl, trank einen Schluck von dem Bier, -bezahlte und ging, ohne seine Postkarten mitzunehmen.</p> - -<p>Er wanderte von der Hauptstraße nach den -Anlagen und von da wieder in das Gewühl, -ohne etwas zu sehen, ohne daran zu denken, -daß er noch essen und sich umziehen müsse.</p> - -<p>Mit knapper Not kam er in seinen Kirchenrock, -ließ sich einen Wagen kommen und<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span> -drängte sich durch den Kreis der Zuschauer -in dem Augenblick in die Kirche, als die Orgel -losjubelte und das Brautpaar zum Altare -schritt.</p> - -<p>Er sah nichts, er hörte nichts, denn alle -seine Sinne waren bei seinem Erlebnisse an -jenem Vormittage im April, als der Ortolan -in der Hängebirke sang und die Luft nach -Post und Juchten roch.</p> - -<p>Die Kirche war voll von Juchtenduft, denn -sie war mit grünen Maibäumen ausgeziert, -und der Geruch der Heimathaide legte sich so -eng um den Mann, daß er den Altar und -den Priester und das Brautpaar wie ein Bild -sah, das ihn kein bißchen anging, und die -Traurede hörte sich für ihn nur an, wie das -Rauschen von Laub im Winde.</p> - -<p>Dann aber machte sein Herz einen Satz, -seine Augen wurden groß und er tat einen -Schritt voran, besann sich aber und sah nur, -indem ihm das Blut umschichtig zum Kopfe -und zum Herzen schoß, dahin, wo die stand, -deren Stimme er an jenem Apriltage und -heute jenseits der Efeuwand vernommen hatte.</p> - -<p>Er kannte sie auf den ersten Blick, trotzdem -ihr Gesicht und ihre Gestalt etwas voller<span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span> -waren als damals, und obgleich sie ihm in -dem ausgeschnittenen Kleide und den bloßen -Armen ein wenig fremd vorkam. Er fühlte -viel Glück in sich, und ein jähes Durstgefühl -machte seine Lippen trocken, dann aber ging -ihm ein Stich durch das Herz; sie war schon -lange eines anderen Frau. Er trat auf dem -Läufer leise näher, um die Gesichter der -Männer zu sehen und zu erraten, wer es -wohl sein könnte, der zu ihr gehörte.</p> - -<p>Die Traurede war nur kurz, ihm aber -deuchte sie, kein Ende zu haben, und als das -Brautpaar an ihm vorüberging, der junge -Ehemann ihm zunickte und die junge Frau -ihn anlächelte, starrte er sie an, als wenn er -sie nicht kenne.</p> - -<p>Dann aber kam der Baumeister auf ihn -zu, nahm ihn beim Arm und, indem er sagte: -»Kommt her, ich muß Euch Eurer Tischdame -vorstellen, Ihr Bummler, der Ihr seid«, führte -er ihn zu jener, der er dereinst dahinten in -der Haide Beistand leistete.</p> - -<p>Es waren nur zehn Schritte, die der Bauer -zu machen hatte, aber er war todmüde und -elend vor Aufregung, als er sie hinter sich -hatte, und erst, als Schönewolf gesagt hatte:<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -»Ihr Tischherr, Fräulein Rotermund, der Vorsteher -Volkmann, genannt Hilgenbur aus -Reethagen«, da bekam er wieder Kraft und -sah sie an.</p> - -<p>Als sie mit glührotem Gesicht ihren Arm -unter seinen schob und er sie zum Wagen -führte, kam er sich vor, als machte er selber -heute Hochzeit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Haidlerche">Die Haidlerche.</h2> -</div> - -<p class="drop">Auf dem Hilgenhofe gab es einen großen -Aufstand an diesem Abend, denn um acht -Uhr kam der Briefträger angeradelt und -brachte eine dringende Depesche für Ramaker.</p> - -<p>Der drehte das Papier unschlüssig in der -Hand um, denn er hatte noch nie eine Depesche -gesehen, und schließlich mußte der Briefträger -es aufmachen und vorlesen, was darin -stand, und der Häusling, die Frau und die -Magd standen da, hielten die Hände im Schoß -zusammen und machten Gesichter, als ginge -es auf Leben und Sterben.</p> - -<p>Aber es stand bloß darin: »Ich bleibe noch -drei Tage hier. Sagt Garberding Bescheid -und haltet euch munter. Volkmann.« Da -atmeten sie alle auf.</p> - -<p>Um drei Uhr nachts war der Bauer in -seinen Gasthof gekommen; als es fünf war,<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -lag er noch wach. Er stand auf, zog sich an, -ließ sich von der Magd, die das Gastzimmer -aufwusch, Frühstück geben und schenkte ihr -einen blanken Taler, so daß sie ihm ganz verdutzt -nachsah, denn sein Benehmen war nicht -so, als ob er Unrechtes mit ihr im Sinne habe.</p> - -<p>Volkmann ging durch die Straßen, in deren -Vorgärten die Tulpen unter den blühenden -Bäumen in allen Farben leuchteten und über -deren Dächern die Mauersegler vor Wähligkeit -schrien, denn es war ein prachtvoller -Morgen und der Himmel war hoch und hell.</p> - -<p>Hoch und hell sah es auch in dem Bauern -aus, als er leichten Schrittes dahinging, und -manches niedliche Dienstmädchen, das mit dem -Korbe zum Bäcker wippte, machte ihm runde -Augen, denn er sah aus, als ob er die ganze -Welt in den Arm nehmen wollte.</p> - -<p>Das hätte er auch am liebsten getan, denn -zuviel Glück war in ihm. Er ging in den -Stadtwald, in dem das Sonnenlicht mit dem -Nebel spielte und der voll von Vogelliedern -war, und suchte in dem Teil, wo die hohen -Fuhren ragten, eine Bank auf, die ganz versteckt -an einem Graben lag.</p> - -<p>Dort war früher sein Lieblingsplatz gewesen,<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -wenn er, abgespannt von der Arbeit bei der -Zeitung und dem Parteikampfe, Erholung gesucht -hatte, und wo er an dem Morgen des -Tages saß, in dessen Verlaufe ihm das Genick -gebrochen wurde.</p> - -<p>Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, -die bunt von vielerlei Blumen war und von -wo Efeuranken, silbern in der Sonne blitzend, -an den roten Fuhrenstämmen emporkrochen.</p> - -<p>Volkmann zog seine Uhr heraus und seufzte; -es war erst sieben und vor zehn Uhr konnte -er doch nicht gut dahin gehen, wohin es ihn -zog. Er nahm den Hut ab und zog die -Jacke aus, so heiß war ihm, nicht aber vom -schnellen Gehen und von der Sonne, sondern -vor Seligkeit.</p> - -<p>Wie war das eigentlich alles gekommen? -Er saß im Wagen und sie ihm gegenüber; sie -hielt seine braune Hand in ihren weißen Händen -und es war, als wenn viele, viele kleine -rosige Kinderhände ihn streichelten, als sie -sagte: »So habe ich doch noch Gelegenheit, -Ihnen meinen Dank für das zu sagen, was -Sie an mir taten.«</p> - -<p>Er hatte gestottert, wie ein Schuljunge, als -er abwehrte: »Das ist doch nicht der Rede<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -wert!« Aber sie war rot geworden, hatte -reizend gelächelt und gesagt: »Sie wissen ja -gar nicht, was ich meine,« und als er sie verwundert -fragte, was das sei, da war sie rot -geworden bis auf die Brust und hatte mit -niedergeschlagenen Augen geflüstert: »Vielleicht -später.«</p> - -<p>Seine Tischnachbarin zur Linken war von -ihrem Herrn so in Anspruch genommen, daß -Lüder sich um sie nicht zu kümmern brauchte, -und es dauerte gar nicht lange, da stieß die -junge Frau Freimut ihren Mann an und sagte: -»Sieh die beiden an; ich glaube, die kennen -sich schon lange. Herr Gott, gäbe das ein -schönes Paar!«, worauf ihr Mann erwiderte: -»Dann würde ich nicht bedauern, an diesem -Feste teilgenommen zu haben,« und dann rief -er »Au!«, denn seine Frau hatte ihn auf den -Fuß getreten und »Ekel!« gesagt.</p> - -<p>Lüder und Holde aber vergaßen Essen und -Trinken, und mehr als einmal stand der Oberkellner -mit seinem Gehilfen achselzuckend -hinter dem Paare und sah hilfeflehend zu -Freimut hin, bis der über den Tisch rief: -»Volkmann, magst du keine Forellen? Es sind -Haidjerinnen aus Bienenbüttel!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p> - -<p>Und Volkmann sah verwirrt um sich, nahm, -vergaß zu essen und sprach oder hörte zu, -denn viele Abschnitte ihrer Lebensbücher -lasen sie zusammen, und als Pastor Wunderlich -eine so lustige Rede auf die Schwiegermütter -im allgemeinen und die in diesem -Falle vorzüglich in Betracht kommenden hielt, -daß aller Augen an seinem Munde hingen, -da drückten Lüder und Holde sich unter dem -Tische die Hände und sie schob ihm ihren Ring -an den kleinen Finger der linken Hand.</p> - -<p>Ein goldener Schein flammte über die -Lichtung hin; der Pirol war es. Er sah mit -seinen rubinroten Augen nach dem Bauern, -schwang sich empor und ließ aus der Krone -der Fuhre einen goldenen Jubelruf zu dem -Manne herabklingen, verstummte und jauchzte -aus der Ferne weiter, während rund umher -Fink und Meise, Amsel und Drossel und alle -die anderen vielen Vögel ihre Lieder ineinanderflochten -und die gelben Zitronenfalter -so lustig über die hellen Blumen tanzten, wie -Lüders Erinnerungen über dem Abend, der -hinter ihm lag.</p> - -<p>»Ich bin der allerglücklichste Mensch auf der -Welt,« sagte er vor sich hin. »Wäre ich wohl<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -so glücklich, wenn ich nicht so lange Jahre im -Schatten gegangen wäre?« dachte er. »Sicher -nicht. Ich wäre bei dem unruhigen Leben in -der großen Stadt verflacht, hätte mein Herz -nach und nach verzettelt und wäre schließlich -ein Geldjäger und Bierphilister geworden.</p> - -<p>Den Staub, den ich auf der Seele hatte, -habe ich mit Unglück und Einsamkeit abgewaschen, -und nun stehe ich rein da, wenn -auch nicht vor der Welt, so doch vor ihr, die -mir von Anbeginn bestimmt war, und darf -ihren roten Mund küssen, soviel ich lustig bin.«</p> - -<p>Ein Zaunkönig setzte sich drei Schritte vor -ihm auf eine moosige Wurzel am Grabenbord, -machte ihm einen Diener und sang ihm sein -lautestes Lied vor.</p> - -<p>Lüder lächelte; er hätte auch singen mögen, -so laut singen, daß der ganze Wald schallte, -und ein Gebet wäre das Lied, das zum Himmel -steigen müßte.</p> - -<p>Nun war er nicht mehr allein auf dem Hilgenhofe; -ein Kamerad würde bei ihm sein, -der im Hause das Leit in der Hand hielt, -wenn er hinter dem Pfluge ging, und der -abends, wenn die Arbeit getan war, dafür -Sorge trug, daß seine Seele nicht auf die<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -Erde fiel und am Boden kleben blieb, wie -die bunte Motte, die vor seinen Füßen lag.</p> - -<p>Alles, alles hatte er ihr gesagt, als er gestern -neben ihr saß. Das Wichtigste hatte ihr schon -Freimut gesagt. Er hatte ihr von der kleinen -Margerit mit dem großen Herzen erzählt und -von der Frau, in die er sich als froher Bursche -verliebte und der sie, Holde Rotermund, so -sehr ähnlich sähe. Und da hatte sie gefragt: -»Wie hieß sie?«, und als er sagte: »Frau -Professor Rödiger,« da sagte sie leise: »Es war -meine älteste Schwester; sie starb vor vier -Jahren.«</p> - -<p>Und als er ihr erzählte, daß er dann den -schlechten Abklatsch der Toten, Frau Mehls, -zu lieben vermeint hatte, und daß er, als ihr -Mann sie los sein wollte, nachdem er sie abscheulich -behandelt und dadurch dem Hausfreund -in die Arme getrieben hatte, in der -Scheidungsklage unter Eid bestritt, Umgang -mit ihr gehabt zu haben.</p> - -<p>»Sie stehen für mich fleckenlos da,« hatte -Holde gesagt; »verweigerten Sie den Eid, so -war die Frau gerichtet, und da Sie sie zu lieben -glaubten, blieb Ihnen nichts anderes übrig.«</p> - -<p>Da hatte er solchen Mut bekommen, daß er,<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span> -als der Geistliche die Schwiegermütter als -lichte Engel abmalte, ihr gestand, daß er seit -dem Tage, da er ihre Stimme vernahm, kein -Weib mehr habe schön finden können, und -sie flüsterte ihm zu, daß auch ihr seine Stimme -nachgeklungen wäre, wo sie auch war. Und -da hatten sich ihre Hände unter dem Tische -Treue gelobt.</p> - -<p>Er sah nach der Uhr; es war noch immer -viel zu früh. Da hatte er noch Zeit, zum -Gasthof zurückzugehen; er wollte Garberdings -schreiben, daß er eine Braut gefunden -habe.</p> - -<p>Im Hausflur sagte ihm die Magd, es sei -ein großes Paket für ihn abgegeben worden, sie -habe es auf sein Zimmer gelegt. Dabei sah -sie ihn so an, daß er dachte: »Hier hast du mit -deinem Taler ein kleines Unglück angerichtet.«</p> - -<p>Als er den großen Karton aufmachte, sah -er zu oberst auf der Verpackung einen Brief -liegen; die Aufschrift war von Freimut; er schrieb:</p> - -<p>»Noch einmal, liebster Lüder, unseren herzlichsten -Glückwunsch! In Anbetracht der veränderten -Umstände nehme ich an, daß du für -deinen hiesigen Aufenthalt die Rustikalität -ein wenig ablegen mußt. Sintemalen und<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span> -alldieweil ich mir nun denke, daß es dir -ebenso gehen wird wie mir, indem ich niemals -einen fertigen Anzug bekommen kann, -denn die Nummer Enak ist heutigen Tages -aus der Mode gekommen, gestatte ich mir -kurzhändig und ergebenst, dir die anbeiige -Kluft zu verehren, die für eine elegantere -Gestalt mehr geeignet ist als für die mirige. -Er hängt schon seit einem Jahre im Schranke. -Verzehre ihn in Gesundheit, desgleichen die -Anlagen. In vier Wochen will ich auf der -Osterwiese den Bock schießen; stelle ihn solange -kalt. Frau Rechtsanwalt Freimut kommt -mit nach dem Hilgenberge. Handschlag! -Jochen.«</p> - -<p>Volkmann packte aus und schüttelte den -Kopf: Alles war da, wie es sich für einen -Stadtmenschen gehört, ein voller Anzug, drei -Hemden, Kragen, Halsbinden, Manschettenknöpfe -und sogar farbige Strümpfe.</p> - -<p>Der liebe Kerl! Volkmann war ganz gerührt, -denn so wie er ging, ganz bäuerlich, -paßte er allerdings schlecht neben Holde auf -den Asphalt, und einen Anzug, der ihm saß, -fand er in dem ganzen Nest nicht, das konnte -er sich denken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p> - -<p>Er zog sich schnell um, fand, daß er trotz -des bartlosen Bauerngesichtes vortrefflich aussah, -und ging barhaupt die Treppe hinunter, -denn ein Hutgeschäft war nebenan.</p> - -<p>In der Gastzimmertür stand die Magd und -sperrte die Augen weit auf; der Mann war -ihr rätselhaft: als Bauer kam er und als -Graf ging er. Denn so sah er aus bis auf -den Schwarzdornstock mit dem sonderbaren -gelben Zeichen darin, das ihr, als sie das -Bett machte, schon aufgefallen war.</p> - -<p>Auch der Kellner in dem Kaffeehause, in -dem der Bauer tags vorher eingekehrt war, -riß die Augen sperrangelweit auf, holte die -Ansichtskarten heraus, die Volkmann hatte -liegen lassen und sagte, als er am Tresen die -Bestellung ausführte: »Mir ist schon viel -passiert, aber so wat noch nich, Fräulein Frida; -der Herr da mit den drei Durchziehern kam -gestern als Bauer an und heute sieht er aus -wie ein richtigjehender Jraf. Haben Sie -Wörter?«</p> - -<p>An einem Tische saß ein Ehepaar, das auch -am Tage vorher dagewesen war. Er, ein -dürftiges Männlein von einfacher Eleganz, -las im Börsenkourier die Kurse, und sie, ein<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -überüppiges, protzig gekleidetes Weib, sah sich -die Männer an.</p> - -<p>»Siegfried,« sagte sie, »sieh mal, der Bauer -von gestern, der mit den Schmissen, du weißt -doch, elegant ist er heute, sag' ich dir!« Siegfried -knurrte: »Nu, wenn schon! Mathildenhall -sind schon wieder gefallen. Der verfluchte -Kali!«</p> - -<p>Als Volkmann an der Tür des Hauses, in -dem Frau Konsistorialrat Freimut wohnte, -klingelte, lächelte das alte Dienstmädchen -etwas schelmisch. »Herr Volkmann?« Er -nickte. »Ich wünsche auch viel Glück! Sie -möchten im Garten hinter dem Hause doch -ein wenig warten!«</p> - -<p>Er ging um das Haus herum und sah in -der Laube einen Tisch gedeckt. Dann hörte -er hinter den Büschen eine Harke im Kiese -kratzen, und als er seine Augen dahin brachte, -sah er einen blauen Rock, um den eine weiße -Schürze wehte, darunter Holzpantoffeln und -darüber blaue Wollstrümpfe mit weißen Hacken, -ein rotes Leibchen, kurze weiße Hemdsärmel -und einen geblümten Helgoländer. So gingen -die Mädchen in der Haide zum Heuen.</p> - -<p>Die Sache kam ihm verdächtig vor; er ging<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -näher und da drehte sich die Haidjerin um, -juchte leise auf, warf die Harke fort, nahm -ihn um den Hals und rief:</p> - -<p>»Nun hat man sich angezogen, um neben -seinen Jungen hinzupassen und da kommt er -als Stadtjapper an! Ist das rücksichtsvoll? -Ist das zartfühlend? Ist das nett?«</p> - -<p>Sie sah an sich herunter. »Seh' ich nicht -fein aus?« Er lachte glücklich. »Ja, heute -morgen um halb acht habe ich schon zu Frau -Schönewolf geschickt und mir die Sachen -holen lassen; sie hat sie zu einem Maskenfeste -getragen. Nun komm aber in die Laube. -Unsere Gardemama schläft noch; sie hat einen -kleinen Brummer von gestern.</p> - -<p>Wie haben Sie denn geschlafen, mein Herr -und Gebieter? Gar nicht? Ich prachtvoll, -nämlich auch nicht; ich habe immer an einen -Vagelbunden von Gemeindevorsteher denken -müssen.</p> - -<p>Auf deinem Schoß soll ich sitzen? Ja, schickt -sich das auch? Und wo haben wir uns denn -von fünf bis jetzt herumgetrieben? Und ich -sitze hier seit sieben Uhr und hungere mir -Kringel unter die schönen blauen Augen. Aber -jetzt hört der Unsinn auf; jetzt wird anständig<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -gefrühstückt. Keine Faulheit vorgeschützt, das -gibt es nicht.«</p> - -<p>Lüder ließ sie aber so bald nicht los, bis -sie ernst machte. Dann aß er und hörte zu, -wie ihre Stimme um ihn war, und ihr fröhliches -Kinderlachen, und ließ sich nötigen, denn das -verstand sie, wie eine Bäuerin. »Na, dann -hiervon wenigstens noch ein bißchen; die Wurst -ist ganz frisch. Oder vielleicht Schinken? Aber -ein paar Radieschen doch noch? Wie wäre -es mit etwas Kräuterkäse? Oder ist dir Rahmkäse -lieber? Von der Knackwurst hast du noch -gar nichts genommen! Und der Lachs ist großartig. -Ach, Bengel, wenn du gar nichts ißt, -dann macht das ganze Verloben keinen Spaß.« -Und sie saß wieder auf seinem Schoße und ließ -sich küssen.</p> - -<p>»Weißt du,« flüsterte sie, »eigentlich darf ich -es gar nicht sagen, denn es ist zu unpassend: -ich habe sehr oft gedacht, wie es wohl wäre, -wenn du mich küssen würdest. Und nun sprich, -daß ich deine Stimme höre, die ich nicht wieder -vergessen konnte, und um derentwillen ich einen -Gutsbesitzer, Witwer mit zwei Kindern, aber -sonst noch ganz gut erhalten, samt seinem Rittergute -habe abfahren lassen. Und daß ein königlich<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -preußischer Regierungsrat acht Tage lang an -Weltschmerz bettlägerig war, daran hat dieser -Bauer hier auch schuld.</p> - -<p>Junge, ist das eine merkwürdige Geschichte -mit uns: ich denke an dich und du an mich -die ganzen drei Jahre; er fährt Mist und -pflügt, und ich hacke vor Elend Kartoffeln -und füttere das Federvieh, und so richtet sich -der eine nach dem anderen und kein einer -weiß etwas davon.</p> - -<p>So, hier hast du eine Zigarre; ich ziehe -mich um und dann gehen wir zum Promenadenkonzert. -Hast du mir auch einen Veilchenstrauß -mitgebracht? Ohne Veilchenstrauß geht -hier keine anständige Braut zum ersten Male -mit ihrem Bräutigam über die Straße.«</p> - -<p>Sie klapperte mit ihren Holzpantoffeln den -Steinweg hinunter, und Lüder sah ihr nach, -bis sie hinter dem dunklen Eibenbusch verschwand. -Dann sah er seine Schuhe an, seinen -Anzug, seinen Hut und schüttelte den Kopf, -denn er meinte immer noch, daß er träumte. -Er fütterte die Buchfinken mit Krümchen, -streute den Goldfischen zerriebene Brotrinde -in das Becken und ging schließlich ungeduldig -auf und ab, bis ihm ein langer Aktenumschlag<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -vor die Füße flog, auf dem zu lesen war: -»An den Herrn Gemeindevorsteher Volkmann, -genannt Hilgenbur zu Hilgenhof bei Reethagen -dahinten in der Haide,« und in der linken Ecke -stand »Kußpflichtige Dienstsache«, und in dem -Briefe »Im Rosengarten will ich deiner warten, -im grünen Klee, im weißen Schnee.« Da ging -er um das Haus und sah sie ganz in weiß auf -dem Rasen zwischen den Rosenstöcken stehen.</p> - -<p>Er gab ihr den Arm und ging mit ihr erst -in einen Blumenladen, denn auf ihren Veilchenstrauß -bestand sie, und dann am Promenadenkonzert -vorbei zum Walde; und alle Leute -sahen ihnen nach, ihm die Frauen und ihr die -Männer.</p> - -<p>Aber sie sahen von den Menschen nichts und -von der Musik hörten sie auch nicht viel, denn -Lüder sagte: »Weißt du, Holde, wie mir zu -Sinne ist? Als gingen wir über die Haide -und alle Haidlerchen sängen.«</p> - -<p>Sie nickte: »Übermorgen sollen sie das: ich -will den Hilgenhof sehen!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Fasan">Der Fasan.</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Hochzeit fand am Tage der Sommersonnenwende -statt; sie wurde bei Garberding -gefeiert.</p> - -<p>Die beiden alten Leute hatten sich erst ein -bißchen verjagt, als Lüder mit Holde vorgefahren -kam, denn sie meinten, sie würde -sich nicht in die bäuerische Art schicken.</p> - -<p>Nach einer Stunde aber waren sie schon -anderer Ansicht; sie fanden bald heraus, daß -das Mädchen das ländliche Hauswesen gut -kannte, denn sie war auf dem Dorfe groß -geworden und hatte auch späterhin viel auf -dem Lande gelebt.</p> - -<p>»Weißt du was,« sagte Garberding, der -ordentlich auflebte, seitdem sie auf dem Hofe -war, am dritten Tage, »was ich dir vorschlagen -möchte? Du hast nach keinem Menschen<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -was zu fragen; bringe alles, was du hast, -zu uns, bis ihr freit. Das ist für Volkmann -gut und für dich auch, denn von unserer -Mutter lernst du dann, wie es hier zugeht. -Jedes Land hat seine Eigenheiten, und wo -einer wohnt, da muß er sich nach dem andern -richten. Du lernst dann auch so nach und nach -die Leute hier kennen, besser noch, als wenn -du erst da hinten auf dem Hilgenhofe bist. -Platz ist eine Masse für dich da, und du kannst -es dir einrichten, wie du es gewohnt bist.«</p> - -<p>»Mit tausend Freuden nehme ich das an, -Vatter Garberding,« sagte das Mädchen, »ich -hatte das gleich gewünscht. Vor Oktober -wollte ich ja sowieso keine Stelle wieder annehmen, -sondern bei einer Freundin bleiben, -die mich schon lange eingeladen hat. Daraus -kann nun nichts werden, denn es ist mir zu -wichtig, zu lernen, wie man sich hier zu den -Leuten stellen muß. Ich war erst auf einem -Gute in Westfalen, wo die Frau kränklich -war; da war ganz leicht mit den Diensten -umzugehen, wenn sie auch etwas dickköpfig -waren; nur freundlich mußte man sein, nicht -befehlen, sondern anordnen. Dann, als das -Gut verkauft wurde, ging ich nach dem<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -Posenschen; da war es ganz anders: mit -Freundlichkeit kam man mit dem Volke da -nicht aus; da mußte man kurz sein und den -Herrn zeigen, sonst blieb die Arbeit liegen.«</p> - -<p>Sie reiste ab und kam nach ein paar Tagen -wieder. »So,« rief sie, »nun kann die Nähersche -kommen; ich habe mir alles besorgt, wie es -sich für eine richtige Bauersfrau gehört. Aber -ich sage euch, Augen haben sie gemacht beim -Kaufmann! Beinahe so, wie in der Stadt, -denn bei Frau Freimut klingelte es den ganzen -Tag und dann ging es los: Liebes Fräulein, -haben Sie sich das auch überlegt? Sie mit -Ihrer Bildung und ein gewöhnlicher Bauer. -Das tut nicht gut.«</p> - -<p>Wie Volkmann im vorigen Sommer, so war -sie jetzt morgens die erste, die aus dem Bette -sprang, und wenn Frau Garberding in die -Küche kam, war der Kaffee schon fertig. -»Mädchen,« sagte die alte Frau, »du bist unser -Besuch und arbeitest wie eine Magd?«</p> - -<p>Holde hielt ihr die Hände vor das Gesicht: -»Sieht man es ihnen an? So laß mir mein -Vergnügen; wenn ich nicht überall zufasse, -lerne ich nichts.«</p> - -<p>Sie ging mit auf die Weide und melkte zur<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -Verwunderung der Mägde, als wenn sie nie -etwas anderes getan hätte, sie half im weißen -Fluckerhut, roten Leibchen und blauen Rock -beim Heumachen, sie hackte das Gemüse im -Garten und wandte die Wäsche auf der Bleiche -und abends saß sie mit dem Strickstrumpfe -in der Hand mit Lüder und dem Bauern -vor der Türe, denn Lüder kam jedweden -Abend.</p> - -<p>»Junge,« sagte der alte Bauer zu ihm, »Junge, -du kannst lachen. So 'ne Frau wie die!«</p> - -<p>Ob Volkmann wollte oder nicht, die Hochzeit -wurde bei Garberding gefeiert. »Wir haben -nicht Kind und Kegel und wollen auch unser -Vergnügen haben,« meinte Frau Garberding.</p> - -<p>Es war keine große Hochzeit, denn es war -in der Heuezeit und die Brautleute hatten -keinen Anhang im Dorfe, und außer Freimut -und seiner Frau waren keine Fremden eingeladen, -aber es war eine lustige Hochzeit, -darüber waren alle einer Meinung, und noch -wochenlang nachher gnickerte mancher sauertöpfische -Bauer vor sich hin, wenn er an die -Rede dachte, die der lange Rechtsanwalt gehalten -hatte. So eine Rede hatte noch keiner -gehört, denn was er von Bauernart und<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -Bauernstolz und Bauernarbeit sagte, das ging -den Leuten glatt herunter.</p> - -<p>»Mein Lieber,« stöhnte der Anwalt einige -Zeit später, »mit meiner Rede auf deiner -Hochzeit habe ich mir schön was an die -Hacken gehängt! Ich habe schon sowieso -genug zu tun, und nun kommt mir noch euer -ganzes Kirchspiel mit seinen Prozessen. Wenn -das so fortgeht, muß ich wahrhaftig die Jagd -zur nebenamtlichen Beschäftigung machen.«</p> - -<p>Er kam jetzt meist mit seiner Frau. »Weißt -du,« sagte sie eines Tages zu Holde, »das, -was man Flitterwochen nennt, das hast du -nicht kennen gelernt. Na, ich ja auch nicht. -Ganze acht Tage waren wir im Harz, da -hatte Jochen es satt, das heißt, das Gasthausleben. -Und wer weiß, wozu es gut ist. Ich -habe eine Freundin, die leistete sich ein ganzes -Flittervierteljahr, denn sie hatte es dazu. Na, -die haben auf Vorrat geküßt, denn jetzt ist -er das ebenso leid wie sie. Ihr Bauern seid -darin vernünftiger. Weißt du, was Jochen -neulich sagte? Wenn es ein Junge wird, und -das will ich hoffen, dann soll er nicht auf dem -Asphalt hinter dem dreckigen Groschen herlaufen; -Bauer soll er werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p> - -<p>Als Freimut ankam, legte er seiner Frau -die Hände auf die Schultern und sagte: »Rate -einmal, was du heute geworden bist?«</p> - -<p>Sie sah ihn verwundert an und er lachte: -»Anbauersfrau! Ich habe Garberding das -dumme Stück Abland, wie er immer sagt, da -zwischen Bruch und Haide abgekauft. Wie -stehe ich jetzt da? Nun wird da eine Häuslingswohnung -hingebaut und da verleben -wir hinfüro die Zeit, in der ich keine Männerreden -vor Gericht zu schmettern und zu Hause -keine Akten durchzuwurzeln habe.</p> - -<p>Die Sache ist nämlich die: solange ich lebe -und eine Knarre schleppen kann, behalte ich -Garberdings und Lüders Jagd und die andere -hoffentlich auch noch. Nun wird erst höchst -eigenhändig der Busch gerodet und ein Obstgarten -angelegt und Forellen- und Karpfenteiche -gebuddelt und so nach und nach wird -das dann deine Sommerfrische, und dann -habe ich doch immer einen vernünftigen Grund, -zur Jagd zu gehen, und Oldwig kann zu -Hause Aktenstaub schlucken.</p> - -<p>Im April geht die Bauerei los, und die -Grundsteinlegung wird schauderhaft festlich -mit Flaschenbier und selbstgeschlachteten Würsten<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -gefeiert. Und auf meine Namenskarte -lasse ich jetzt drucken: Jochen Freimut, Anbauer, -Jagdidiot und im Nebenamt Rechtsverdreher.«</p> - -<p>Es wurde auch eine sehr lustige Feier, aber -der Hilgenbauer war nur eine Stunde dabei -und seine Frau gar nicht, denn sie hatte ihm -am Morgen dieses Tages Zwillinge geschenkt, -einen Jungen und ein Mädchen.</p> - -<p>»Hochgeöhrte Anwesende, geliebte Festgenossen, -werte Gäste,« hatte Freimut seine Rede -angefangen, »der augenblickliche Tag ist bedeutungsvoll -für uns. Zum ersten, weil wir -hier den Grundstein zu dem Hause legen, in -dem hoffentlich einst mein ältester und vorläufig -einziger Sohn Lüder etwas Vernünftigeres -treiben wird als sein die Natur mit Pulverdampf -erfüllender Vater; zum zweiten besteht -die Familie Volkmann seit fünf Uhr dreißig -Minuten heute früh aus vier Köpfen, sintemal -und alldieweil der Adebar zweimal geflogen -kam, wie das, wie man bei Ramakers gesehen -hat, dort das übliche zu sein scheint. Gehet -hin und tuet desgleichen, so daß man nach zehntausend -Jahren noch singen kann, Musik!!: -Deutschland, Deutschland über alles!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span></p> - -<p>Als Freimut hinterher zum Hilgenhofe ging, -denn er mußte den Abend noch abreisen, fand -er Garberdings da. Die alten Leute waren -selig, und besonders die Bäuerin lachte und -weinte durcheinander und sagte in einem fort: -»Jetzt bin ich doch noch Großmutter geworden!«</p> - -<p>Und sie wurde die Großmutter, und es verging -kaum ein Tag, daß der Garberdingsche -Wagen nicht angefahren kam, und war das -Wetter schön, so konnte man darauf rechnen, -daß auch Garberding mitkam, denn der Bauer -mußte sich sehr vorsehen.</p> - -<p>»Mit mir ist nicht mehr viel Staat zu machen,« -sagte er zu Volkmann, »wenn ich den Winter -noch überstehe, so ist es ein Wunder. Es -schadet auch nichts; ich kann mit meinem Leben -zufrieden sein; fünfundsechzig bin ich, das ist -ein schönes Ende.</p> - -<p>Und nun will ich dir was sagen, mein -Junge: sieh mal, Kinder haben wir beide nicht, -Trina und ich, und was wir an Verwandtschaft -haben, das ist so weitläufiger Art, daß -wir da nichts von wissen, und wir beide sind -ja auch noch verwandt miteinander. Deswegen -habe ich das mit unserer Mutter so -abgemacht: du sollst meinen ganzen Hof haben<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -mit allem, was drum und dran ist, und das -bare Geld, das nicht ganz wenig ist, kann bis -auf einiges, das ich anderer Weise verwenden -will, die Verwandtschaft kriegen.</p> - -<p>Ich bin noch nicht fertig; hör zu; der Tormannshof, -auf den ich geheiratet habe, hat -ein großes Stück von dem Hilgenhofe zu sich -herübergezogen, denn als dein Großvater -starb und hinterher der Anerbe, verkaufte -dein Oheim, weil er doch in der Stadt sein -Geschäft hatte, dreihundert Morgen an meinen -Schwiegervater, während dein anderer Ohm, -der Professor, das andere bekam. Unsere -Mutter und ich sind beide in demselben Augenblick -auf diesen Gedanken gekommen.«</p> - -<p>Der Hilgenbauer hatte einen ganz roten -Kopf bekommen. »Ich kann das so ohne -weiteres nicht annehmen, Garberding,« versetzte -er, »ein solches Geschenk. Einmal wird -mir das Mißgunst schaffen im Dorfe, und dann, -ob Ihr mit Eurer Verwandtschaft auch noch so -weit auseinander seid, Verwandtschaft bleibt -Verwandtschaft. Bedenke, sie könnte mir Erbschleicherei -vorwerfen.</p> - -<p>Und schließlich, meine politischen Ansichten -stehen dem auch entgegen. Ich hätte dann<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -weit über tausend Morgen, und das ist zu viel. -Großgrundbesitzer haben wir mehr als genug, -was uns fehlt, das sind Bauern. Ein Musterwirt -von Gutsbesitzer ist nicht so viel wert -für die Erhaltung der deutschen Volkskraft -als zehn Kleinbauern, die nach der alten Art -wirtschaften. Er kann zehn Kinder haben -meinetwegen, dann haben aber die zehn -Bauern hundert.</p> - -<p>Wenn du mir etwas Land schenken willst -von unserem alten Besitz, so danke ich dir herzlichst -im Namen meines Jungen; aber alles -kann ich nicht annehmen.«</p> - -<p>Acht Tage später kam der Großknecht vom -Garberdingschen Hofe angeritten; der Bauer -war in der Nacht gestorben. Ganz sanft war -er hinübergegangen. Die Bäuerin war sehr -gefaßt: »Es ist hart für mich,« seufzte sie, -»aber ich sah es ja kommen. Zu guter Letzt -sagte er noch: ›Mutter, nun bist du doch nicht -allein, wo du die Kinder hast.‹ Und das ist -auch mein Trost.«</p> - -<p>Sie gab den Hof in Pacht und zog auf den -Hilgenhof. »Verzieh mir die Kinder nicht so, -Großmutter,« mußte Frau Volkmann jeden -Tag wohl dreimal sagen, denn den ganzen<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -Tag war Frau Garberding mit den Kleinen -zu Gange, und als nach zwei Jahren noch ein -Junge da war, da war sie ganz glücklich.</p> - -<p>»Wenn das unser Vater noch <span id="corr188">erlebt</span> hätte,« -rief sie, lachte listig in sich hinein und fuhr, -sobald Holde sich wieder helfen konnte, zur -Stadt.</p> - -<p>Fünf Jahre lebte sie noch auf dem Hofe, -bis ihr an einem Maiabend die Luft wegblieb. -»Die Kinder,« stöhnte sie, und man brachte -sie zu ihr.</p> - -<p>Sie strich jedem über den Kopf und lächelte -müde. Noch einmal hob sie den Kopf: »In -der Beilade!« Um ihren Mund stand ein verschmitztes -Lächeln, ehe sie verschied.</p> - -<p>Als nach dem Begräbnis Frau Volkmann -die Beilade der Toten aufschloß, fand sie oben -auf dem Sonntagszeuge einen Brief, dessen -Aufschrift lautete: An Lüder Volkmann; er -enthielt eine Abschrift der Erbverschreibung, -wonach Katharina Hermine Magdalene -Garberding vormalige Tormann nach dem -Willen ihres Mannes ihren gesamten Besitz -und was dazugehörig war an Lüder Volkmann -vermachte. »Doch,« so hieß es am -Schlusse, »soll er nicht gehalten sein, alles zu<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -behalten, vielmehr darf er mit Ausnahme der -dreihundert Morgen, die vordem beim Hilgenhofe -waren, darüber frei verfügen.«</p> - -<p>Frau Volkmann wurde blaß, als sie das -Schriftstück las. »Lieber Lüder,« sagte sie, »das -geht doch nicht. Wer weiß, ob nicht unter -den Verwandten von unserer Großmutter -Leute sind, die es sehr nötig haben.«</p> - -<p>Ihr Mann nahm sie in den Arm: »Das -freut mich, Holde, daß du auch so denkst; -genau dasselbe habe ich zu Garberding gesagt, -als er mir kundgab, daß er uns seinen Hof -hinterlassen wolle. Wir wollen uns nach der -Verwandtschaft umsehen; vielleicht ist einer -darunter, der auf den Hof paßt.«</p> - -<p>Als es im Dorfe bekannt wurde, daß der -Vorsteher den ganzen Tormannschen Hof -geerbt habe, gab es erst ein großes Gerede, -aber als es sich herumsprach, daß Volkmann -nur die dreihundert Morgen behalten wolle, -das andere aber bis auf ein Stück, das der -Rechtsanwalt Freimut zukaufen wollte, an -einen aus der Garberdingschen Verwandtschaft -hingeben wolle, da war das Gerede -noch größer, und hatten etliche Leute erst angedeutet, -daß Volkmann es schlau angefangen<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -habe, um das Erbe zu bekommen, so taten -dieselben Männer jetzt so, als wenn er nicht -alle fünf Sinne beieinander habe.</p> - -<p>Er aber kümmerte sich weder um die feindlichen -noch um die mitleidigen Blicke und -beauftragte Freimut, Erkundigungen über die -Verwandtschaft einzuziehen.</p> - -<p>Über ein Jahr ging darauf hin; schließlich -fand der Anwalt heraus, daß am Rhein eine -Fuhrmannswitwe Tormann lebte, deren -ältester Sohn ein tüchtiger Bauernknecht sein -sollte.</p> - -<p>Sobald er konnte, reiste Freimut hin, und -als er wiederkam, meinte er: »Das ist der -richtige; ein Kerl wie ein Baum, Augen wie -ein Kind, Fäuste wie ein Hausknecht und -ein Herz wie ungemünztes Gold. Die Leute -können eben leben; es sind noch zwei Mädchen -da, eine von vierzehn und eine von siebzehn -Jahren, ganz prächtige Mädels, und die -Mutter ist auch so. Ich habe natürlich nicht -gesagt, um was es sich handelt, ich sagte nur, -daß sie von dem baren Gelde geerbt hätten; -wieviel es wäre, wüßte ich nicht. Da sagte -der älteste, Hermann heißt er: ›So viel ist es -wohl nicht, daß wir uns ein paar Morgen<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -Land kaufen könnten; hier ist billig etwas zu -kriegen.‹ Den Mann nimm, Lüder. So, und -wo ist der Bock, den du mir währenddem -ausmachen wolltest?«</p> - -<p>Volkmann meinte, das ließe sich wohl hören, -es sei nur fraglich, ob ein Rheinländer sich -bei ihnen eingewöhnen werde. Als er nachher -mit Freimut durch das Bruch ging, um ihm -zu zeigen, wo der Bock stand, traten sie ein -beflogenes Gesperre Fasanen heraus, und da -sagte Freimut: »Siehst du, du meintest zuerst, -die Fasanen würden verstreichen; dieses hier -aber ist das sechste Gesperre, das wir jetzt -haben. Meinst du noch, daß Hermann Tormann -sich hier nicht hineinfinden wird?«</p> - -<p>Er behielt recht; Hermann Tormann kam -angereist, als ihm geschrieben wurde, er solle -unter Umständen den Hof haben, doch müsse -er erst ein Jahr Knecht auf dem Hilgenhofe -sein, was er ganz richtig fand. Er war allerhand -anders gewöhnt, aber er fand sich schnell -in die landesübliche Weise, und da er freundlich -und von sinniger Art war, stellte er sich gut -mit den jungen Leuten aus dem Orte, mit -denen er aber nicht viel zusammenkam, da -er von sich aus keine Wirtschaften besuchte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p> - -<p>Als das Jahr um war, rief der Bauer ihn -in die Dönze. »Du bist mir ein guter Knecht -gewesen, Hermann,« sagte er, »dein Jahr ist -um und hier ist der Lohn, den du noch zu -bekommen hast. Morgen fährst du nach Hause -und holst deine Mutter und deine Schwestern; -unterdessen trete ich dir den Tormannschen -Hof ab, das heißt nicht ganz. Du weißt, die -Koppeln im Rodewischen sind so abgelegen, daß -sie immer verpachtet werden mußten; die -will ich Ramaker als Anbauerstelle geben. -Er hat die Jahre so viel für mich getan, daß -ich das mit Geld gar nicht gutmachen kann. -Und jetzt, Tormannsbur, hier ist der Stock -vom alten Garberding, den er immer trug -und den ihm sein Schwiegervater gab; der -ist jetzt dein, und das Zeichen darin, das ist -jetzt deine Hausmarke. Und nun reise gut -und grüße deine Mutter und die Schwestern.«</p> - -<p>Es dauerte einen Monat, ehe Tormann zurückkam, -denn, wie er schrieb, mußte seine -Mutter erst ihr Häuschen mit dem bißchen -Land und den Hausrat zu Geld machen, -ohne es zu verschleudern. Es war so, wie -Freimut gesagt hatte; die Frau und ihre Töchter -gefielen Volkmann von Anbeginn; sie machten<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -keine großen Worte, aber man sah es ihnen -an den Augen an, wie glücklich sie waren.</p> - -<p>Am allerseligsten aber waren Ramakers. -Der Häusling sagte gar nichts, als ihm der -Bauer den Besitzschein für die Anbauerstelle -übergab; er wurde weiß um die Nase und -setzte sich auf den Hackklotz. Aber als er sich -etwas erholt hatte, war sein erstes, daß er -fragte: »Wo willst du jetzt aber einen neuen -Häusling herkriegen?«</p> - -<p>Seine Frau saß auf der Deele auf der Eimerbank -und lachte und weinte durcheinander. -»Denn,« sagte sie, »mit Lustigkeit alleine komme -ich darüber nicht weg.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Lerche">Die Lerche.</h2> -</div> - -<p class="drop">Seitdem Frau Holde auf dem Hilgenhofe -war, hatte sich der Bauer in der schlechten -Jahreszeit wieder an seine Arbeit gemacht -und seine Quintärfauna von Deutschland in -einer wissenschaftlichen Zeitung erscheinen -lassen.</p> - -<p>Die Arbeit machte großes Aufsehen, und in -dem führenden Fachblatte wurde sie die wichtigste -zoo-geographische Arbeit aus der deutschen -Fauna genannt, die in den letzten fünfzig -Jahren erschienen wäre.</p> - -<p>Neben der Beschäftigung mit dieser Arbeit -hatte der Bauer den Stoff für eine andere -gesammelt, in der er die Veränderungen darstellen -wollte, die die höhere Tierwelt des -Gaues von den ältesten Zeiten bis auf seine -Tage erfahren hatte, doch kam er davon ab, -als er die Einzelheiten aus der Literatur,<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -die ihm der naturwissenschaftliche Verein zu -Bremen beschaffte, und aus allerlei Akten -zusammensuchte, und aus den alten Leuten -in der Gegend herausfragte, und auf einen -anderen Gedanken.</p> - -<p>Der Name seines Hofes und die Tatsache, -daß die gewaltige Eiche, die mit den dreihundert -anderen dort stand, nicht unter die -Axt gekommen war, hatten ihn auf die Vermutung -gebracht, daß es mit dem Hilgenhofe -eine besondere Bewandtnis haben müsse.</p> - -<p>Als er Thöde Volkmanns Bücher durchsuchte, -fand er darunter einen mühsam zusammengebrachten -Stammbaum der Hilgenbauern, -der zwar einige kahle Stellen -aufwies, aber weit zurückreichte, und in demselben -Hefte eine Menge Aufzeichnungen über -die Geschichte des Hofes und der Besitzer, -sowie in einem Fache des Schrankes alle -Literatur, in denen der Hilgenhof und Reethagen -vorkamen.</p> - -<p>Der Hilgenbauer fühlte sich mit seinem Hofe -so sehr verwachsen, daß er selbst schon allerlei -über ihn und seine Besitzer zusammengetragen -hatte; er forschte weiter nach, wo er irgendwelche -Urkunden, Akten und Aufzeichnungen<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -vermutete und trug alles in das grüne Heft -seines Ohms ein; dann zog er daraus den -Stammbaum und trug ihn in einen starken -Band mit Lederdeckel ein, den er eigens zu -diesem Zwecke gekauft hatte und der das -Hausbuch der Hilgenbauern werden sollte und -davor in knapper Fassung die Geschichte des -Hilgenhofes und seiner Besitzer, und die -Bäuerin, die sehr gut zeichnete und malte, -fügte Bilder von dem Hause, dem alten Wahrbaume, -dem Hilgenberge, dem Grasgarten -und dem Fleet hinzu und ihre, ihres Mannes -und der Kinder Abbildungen.</p> - -<p>Lüder hatte schon auf der Lateinschule sehr -viel gelesen und auf der Hochschule und später -noch mehr; jetzt las er nur ganz selten noch -und eigentlich nur solche Bücher, die sich mit -der Geschichte der Heimat und ihrem Volke -beschäftigten, schöne Literatur dagegen gar nicht.</p> - -<p>Dadurch kam er ganz zu sich selbst und -lenkte seine Gestaltungskraft, die fortwährend -in ihm arbeitete und die in den letzten Jahren -ganz von der Arbeit für den Hof mit Beschlag -belegt war, nicht ab, sondern speicherte einen -großen Vorrat davon in sich auf.</p> - -<p>Als ihm nun beim Holzabfahren in der<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -Wohld ein Stamm den rechten Fuß so schwer -gequetscht hatte, daß der Arzt ihm für lange -Wochen Liegen verordnete, fühlte er sich sehr -unbequem, denn mit dem Lesen von Büchern -konnte er seiner Unruhe nicht Herr werden.</p> - -<p>»Schreibe deine Gaufauna fertig,« riet ihm -seine Frau, und sie beschaffte ihm ein Pult, -das an das Bett geschraubt wurde. Er begann -zu schreiben, aber während er bei der -Einleitung war, in der er das Land schilderte, -wie es zu den Zeiten ausgesehen haben mochte, -als noch Urochs, Bär, Adler und Uhu dort -lebten, traten, je weiter er kam, immer mehr -die Menschen vor ihn, während das Getier -zurückwich.</p> - -<p>Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie -sagte ihm: »Die Hauptsache ist, daß du dir -die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht -fort, und wenn sich die Menschen vordrängen, -so werden sie wohl ihre Ursache dazu haben. -Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist -sehr schön.«</p> - -<p>So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof -entstehen, schilderte die Schicksale der Leute, -die darauf saßen, und als er in kurzen Zügen -die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -Helmold Hilgen an, der während des Dreißigjahreskrieges -lebte und dessen zweiter Sohn -Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, -ein Heft mit Aufzeichnungen über das, was -ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.</p> - -<p>Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, -so daß er weiterkommen konnte bis zu Henning -Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete -und zur Zeit des ersten Napoleon lebte. Das -war ein ausnehmend gescheiter Mann; er -hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse -auf dem Hofe und im Kirchspiele -geführt und immer die großen Zeitereignisse -dabei bemerkt, soweit sie Einfluß auf den Hof -hatten, auch seine eigenen Gedanken dabei -nicht vergessen, die er sich darüber gemacht -hatte.</p> - -<p>Da nun ein Schillscher Offizier, der lange -mit einer schweren Wunde auf dem Hilgenhofe -lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und -die Kinder als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet -hatte, auch auf zehn Seiten in -trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben -hatte, so hatte Lüder diesen seinen -Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht -eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -Schreibheften das ganze Leben dieses ausgezeichneten -Bauern, der ein Mehrer des -Hofes und fünfzig Jahre lang Bauernvogt -war, beschrieben hatte.</p> - -<p>In vier weiteren Heften schloß sich der -Niedergang des Hofes an, bis im fünfzehnten -und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, -der weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, -der Landstreicher, den Beschluß bildeten.</p> - -<p>Es war Ende Februar, als der Bauer mit -der Geschichte des Hofes zu Rande war. Sein -Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während -des Schreibens ruhig verhalten hatte, -denn je mehr er schrieb, um so ruhiger wurde -es in ihm.</p> - -<p>Er gab die fünfzehn Hefte der Bäuerin; sie -las sie trotz der engen Schrift in einem Zuge -durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen, -gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst -du mir schenken, es ist wundervoll.« Er nickte, -und als sie weiter fragte: »Darf ich damit -machen, was ich will?« nickte er wieder und -sagte: »Gewiß, Holde, was du willst!«</p> - -<p>Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, -nach draußen zu gehen, denn bis dahin war -er nur im Hause auf und ab gegangen. Die<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -Bäuerin gab ihm den Arm und führte ihn in -den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde -Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen -blühten, und von da bis zum Ende des Grasgartens, -weil dort die Vormittagssonne am -wärmsten war.</p> - -<p>Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich -durch den Winter gekommen war, flog aus -dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg -auf und sang. »Ich habe es gut getroffen, -Holde,« sagte der Bauer, »gleich beim ersten -Schritte vor das Haus singt mir die Lerche -zu.« Seine Frau nickte lächelnd; sie hatte ihre -eigenen Gedanken.</p> - -<p>In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen -war, um nach den Knechten zu sehen, denn -er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen -Häusling Lüdeke, mit dem er es gut getroffen -hatte, saß die Bäuerin jeden Tag und schrieb -die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab, und -wenn ihr Mann sie dabei antraf und sie fragte, -warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann sagte -sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit -machen, was ich will.«</p> - -<p>Wenn aber Freimut zur Jagd da war und -sich auf dem Hofe sehen ließ, dann hatte sie<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -immer Wichtiges mit ihm zu reden; manchmal -steckte er ihr auch einen Brief zu, und als -Lüder das einmal bemerkte, lächelte seine Frau -ganz so, wie damals Mutter Garberding gelächelt -hatte, als sie sich zur Kreisstadt fahren -ließ, um ihre Erbverschreibung aufsetzen zu -lassen.</p> - -<p>»Es ist ein gesegnetes Jahr,« meinte der -Bauer, als sie die Deele zum Erntebier rüsteten.</p> - -<p>Die Frau stimmte ihm mit den Augen zu, -aber sie dachte nicht an die Ernte, die auf -dem Felde gewachsen war, und nicht an die -Gartenfrüchte und an die Obstbäume, die sich -alle tief bückten, noch weniger.</p> - -<p>Zuzeiten fragte Lüder sie, was sie habe, -denn wenn sie auch immer heiteren Sinnes -war, in ihren Augen war seit einiger Zeit ein -ganz eigenes Leuchten, und noch nie hatte sie -soviel gesungen und gelacht, wie zu dieser -Zeit, und war sie früher schon schön, so wurde -sie es jetzt noch viel mehr, trotzdem sie von -früh bis spät mit dem Haushalte zu tun hatte -und außerdem noch auf die Kinder, deren es -mit der Zeit vier geworden waren, zu achten -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span></p> - -<p>So kam der Weihnachtsabend heran. Lüder -saß in der großen Wohnstube in dem Anbau, -in dem jetzt die Familie lebte, da das alte -Haus zu klein geworden war, und hatte das -jüngste Kind auf dem Schoße, während die -anderen mit gemachter Ruhe die Bilder in -einem Tierbuche besahen. Die Geschenke für -seine Frau hatte er der Großmagd gegeben.</p> - -<p>Um sieben Uhr kam die Bäuerin herein; -sie hatte, wie die anderen auch, ihr bestes Zeug -an, und in ihren Augen war eine heimliche -Ausgelassenheit, so daß ihr Töchterchen sagte: -»Mutter, du siehst heute wirklich zu schön aus!«</p> - -<p>Bald darauf läutete es; die Bäuerin faßte -ihren Mann an die Hand und führte ihn auf -die Deele, wo der Lichterbaum brannte; um -ihn herum standen das Gesinde und der Häusling -mit seiner Familie.</p> - -<p>Nachdem die Kinder mit klaren Stimmen -das Weihnachtslied gesungen hatten, wurden -erst Lüdekens beschert, dann das Gesinde, -worauf schließlich die Kinder zu ihren Gaben -gewiesen wurden; zuletzt führte Lüder seine -Frau dahin, wo seine Geschenke lagen, alltägliche -Dinge, die ihr fehlten und die er sich -im Verlaufe des Jahres gemerkt hatte, und<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -einiges, das nicht so notwendig war und von -liebevoller Aufmerksamkeit Zeugnis gab.</p> - -<p>»Du, lieber Lüder,« sagte die Bäuerin, nachdem -das Gesinde mit seinen Geschenken in -die Leutestube gegangen war, »du bekommst -wie gewöhnlich das wenigste; da sind zwölf -Paar Strümpfe, sechs für den Sommer und -sechs aus Schnuckenwolle für wintertags, -und zwei Kisten Räucherwerk und natürlich -einen Weihnachtskuß, weil du bis auf die -Dummheit mit dem gequetschten Fuß dich das -ganze Jahr gut betragen hast. Gern hätte -ich dir noch ein besseres Angebinde verehrt, -aber du hast ja so wenig Bedürfnisse, daß man -nie weiß, was man dir schenken soll. Unter -den Strümpfen liegt noch eine Kleinigkeit, die -dir vielleicht Freude macht.«</p> - -<p>Neugierig packte er die Strümpfe fort und -fand darunter ein Heft einer vornehmen Zeitschrift -liegen, auf dessen aufgeschlagener Seite -eine Stelle blau bezeichnet war. Er las und -wurde ganz rot im Gesicht, denn da stand:</p> - -<p>»Im Verlage des Deutschen Vereins für -ländliche Wohlfahrt- und Heimatpflege ist ein -Buch erschienen, das in der Weihnachtsliteratur -dasteht wie eine Eiche im Felde. Es<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -heißt »Der hohe Hof« und behandelt die Geschichte -einer bäuerlichen Familie der Lüneburger -Haide. Sein Verfasser nennt sich Lüder -Volkmann; wir wissen nicht, wer das ist, aber -wir wissen, daß er ein großer Künstler ist. -Seine Sprache ist rein und klar, wie die Luft -in der Haide; da stäubt kein überflüssiges -Wort, da fliegt kein falscher Ausdruck. Sein -Satzbau ist von jener Natürlichkeit, die so -schwer zu treffen ist, und seine Bilder sind -ungesucht und neu. Das Buch wird demnächst -ausführlicher besprochen; für heute sagen wir -nur: es ist ein köstliches Werk.«</p> - -<p>Als Lüder aufsah, warf sich Holde an seine -Brust. »Ich habe nur die Namen etwas geändert; -alles andere blieb, wie es war. Du -sagtest, ich könnte damit anfangen, was ich -wollte, da habe ich es drucken lassen.«</p> - -<p>Sie schlug die weißleinene Decke zurück, und -zwei Bücher kamen zum Vorschein, das eine -in kostbarer, das andere in einfacher Ausstattung.</p> - -<p>»Das, Lüder, ist die Volksausgabe. Dein -Buch muß in recht viele Hände kommen, -darum ist gleich eine ganz billige Ausgabe -herausgegeben. Inhaltlich sind beide Ausgaben<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -gleich, nur kostet dieses Buch zwei, -jenes sechs Mark.</p> - -<p>Und nun gib mir einen Kuß, damit ich -weiß, daß du mir nicht böse bist.«</p> - -<p>Sie lehnte sich an ihn und sah mit Augen -zu ihm auf, die vor Glück und Stolz feucht -glänzten.</p> - -<p>Ihr Mann küßte sie auf die Stirne: »Du!« -sagte er und weiter nichts.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Brachvogel">Der Brachvogel.</h2> -</div> - -<p class="drop">Am Altjahrsabend dröhnte die Stimme Freimuts -über die Deele: »Mann,« trompetete -er, »die Welt ist deines Ruhmes voll, und was -das beste ist, sie schimpfen sogar schon über -dich in den Zeitungen, die an pikante Gerichte, -wie Rollmops mit Vanillesauce gewöhnt sind. -Mann, ich werde von jetzt ab Sie zu dir -sagen und dich nur noch in der dritten Person -anreden.</p> - -<p>Haben Euer Gnaden das schon gelesen?«, -er holte eine Zeitung aus der Tasche, »und -das und das und das? Lasse dich schleunsamst -photographieren und schaffe dir einen -Mann an, oder besser deren drei, die gerade -solche Haarfarbe haben wie du, und lege dir -einen Schreibknecht bei, denn ich sage dir, -wenn die Haide blüht, wird die Wallfahrerei -zum Hilgenhofe losgehen und dann kannst<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -du Widmungen schreiben, dein Kunterfei an -flötende und hold lächelnde Mägdeleins verschenken -und deine Locken wirst du sänftlich -los!</p> - -<p>Nun ergreif dein Glas; sobald die Glocke -das neue Jahr ansagt, wollen wir auf das -nächste Buch trinken, von dem ich hoffe, daß -darin ein gewisser Jochen Freimut eine große -Rolle spielt, und auf deine liebe Frau, denn -ohne die wäre aus dir nichts Vernünftiges -geworden.«</p> - -<p>Lüder lachte: »Das stimmt,« sagte er und -nickte seiner Frau zu.</p> - -<p>In diesem Winter stellte er seine große -naturwissenschaftliche Arbeit fertig, in der er -erzählte, wie sich im Laufe von Jahrhunderten -je nach der Art der Pflanzenwelt und der -Kultur die wilde Tierwelt zusammensetzte, von -der Zeit an, als noch mongoloide Fischer und -Jäger dort hausten, bis die blonden Weidebauern -sie von dannen trieben, die Fichten -und Fuhren zurückdrängten und die Eiche begünstigten, -wodurch eine ganz andere Tierwelt -aufkam. Dann wurde aus dem Weide- -ein Ackerbauer und wieder änderte sich die -Tierwelt; die Lüneburger Saline und der<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -schreckliche Krieg nahmen die alten Eichen fort -und abermals traten Fichten und Fuhren und -mit ihnen andere Tiere vorn hin; die Vorderlader, -die Eisenbahn, die Vergrößerung des -Landstraßennetzes, die Ablösung der Waldhutung -in den Staatsforsten, die zunehmende -Entwässerung und Urbarmachung gaben der -Zusammensetzung der Fauna wieder ein anderes -Gesicht, und so zeigte er in seiner klaren, -ruhigen Schreibart, warum Blauracke und -Wiedehopf verschwinden mußten und weshalb -Haubenlerche und Grauammer in die Haide -einwanderten, und als das Buch erschien, fand -es überall Lob.</p> - -<p>Vielerlei Leute suchten den Hilgenbauer -auf, Forscher und Künstler, aber nur wenige -kamen an ihn heran. Die Bäuerin hatte helle -Augen, und wenn sie erkannte, daß nur Neugier -oder Geschäftsmacherei einen Menschen -auf den Hof trieben, dann blieb ihr Mann -damit verschont, denn obzwar er jetzt wußte, -daß er mehr war als nur ein Bauer, so -wollte er im Grunde nichts als ein Bauer sein.</p> - -<p>Nur in der stillen Zeit, wenn das Feld und -die Wiese eingeschlafen waren, nahm er die -Feder in die Hand, aber auch nur dann,<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span> -wenn die viele Kraft, die in ihm war, Frucht -angesetzt hatte.</p> - -<p>Da er nicht dem Ruhme nachlief und nicht -hinter dem Gelde her war, mähte er seine -Gedanken nicht, bevor ihr Jakobstag da war, -und trieb keinen Raubbau mit seiner Seele. -So wurde jedes Buch, das er schrieb, reif -und nahrhaft.</p> - -<p>An dem Tage, als sein ältester Sohn aus -der Dorfschule kam, hatte er ihn gefragt, was -er werden wolle, denn der Junge hatte nebenbei -bei dem Pastor Unterricht in den alten -Sprachen, in Geschichte und Erdkunde bekommen. -»Ich will die Lateinschule besuchen,« -hatte der Junge gesagt, »bis ich damit zu -Ende bin.«</p> - -<p>Lüder dünkte das sonderbar, denn Dettmer -hatte viel Freude an der Landwirtschaft, und -so fragte er: »Willst du denn studieren?« Da -hatte der Junge ihn groß angesehen: »Studieren? -Wo ich doch Hoferbe bin! Aber ich -will überall mitreden können, denn der Pastor -sagt, was einer lernt, ist gleich, wenn er nur -etwas lernt; wer gut Latein kann, der wird -auch seinen Hof gut im Stande halten.«</p> - -<p>Am andern Tage fuhr der Bauer mit seiner<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -Frau nach Hülsingen; sie aßen in demselben -Kruge, wo sie an dem Tage gewesen waren, -als die Schlange sie zusammengeführt hatte.</p> - -<p>Der Haidbrink, auf dem Lüder, der Landstreicher, -damals gelegen hatte, als er auf -Ramaker wartete, war fast noch so, wie an -jenem Tage, nur daß die Haide höher war -und die Zweige der Birke bis auf die Erde -hingen. Der Ortolan sang nicht, denn er war -noch nicht wieder da, aber auf dem Brombeerbusche -unten an dem Brinke saß der -Goldammer und sang sein friedliches Lied, -und über dem Postbruche kreiste der Brachvogel -und rief laut.</p> - -<p>Holde ging zu dem Machangelbusche, bei -dem sie Lüder zuerst gesehen hatte; sie wollte -sich einen Zweig zum Andenken mitnehmen. -Der Bauer sah dorthin, wo der Brachvogel -sich mit abnehmendem Rufe niederließ.</p> - -<p>Die Füße fest auf der Heimaterde, aber -die Gedanken darüber; so soll es sein, dachte -er. Und dann sah er dorthin, wo vor dem -dunklen Busche das blonde Haar der Bäuerin -in der Sonne leuchtete, und er dachte daran, -was er gewesen war, ehe er sie gesehen hatte, -und was er jetzt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p> - -<p>Er dachte an seine Verfehlung und die -Strafe, die dafür über ihn gekommen war -und daß er ohne beide sich wohl niemals -auf sich selber besonnen hätte, sondern mit -der Zeit abgestanden und schal geworden -wäre, wie so mancher treffliche Mann in dem -Wirrwarr der großen Stadt.</p> - -<p>Seine Frau kam den Hügel hinauf, hing -sich in seinen Arm und sagte, indem sie den -Geruch des Machangelzweiges einatmete, -den sie in der Hand hielt: »Man sagt, Kreuzottern -seien böse Tiere; die mich damals gebissen -hat, war gut; Ramaker hätte sie nicht -totschlagen sollen.«</p> - -<p>»Ja, Holde,« pflichtete ihr Mann ihr bei, -indem er sie an sich zog, »das ist wohl so, es -sieht manches wie ein Unglück aus und nachher -wird es uns zum Segen!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Originalschreibweise wurde, soweit nicht unten aufgeführt, beibehalten. -Das Cover wurde aus dem Originalcover und der Titelseite kombiniert und -unter die Public-Domain-Lizenz gestellt. -</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 50: einen → einem<br /> -die redet <a href="#corr050">einem</a> ein Loch in den Strumpf</p> -<p> -S. 81: Karline → Karoline<br /> -<a href="#corr081">Karoline</a> hatte genickt</p> -<p> -S. 152: Niffelheim → Niefelheim<br /> -letzten der Mannen von <a href="#corr152">Niefelheim</a></p> -<p> -S. 188: belebt → erlebt<br /> -Wenn das unser Vater noch <a href="#corr188">erlebt</a> hätte</p> -</div></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Dahinten in der Haide, by Hermann Löns - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAHINTEN IN DER HAIDE *** - -***** This file should be named 60428-h.htm or 60428-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/4/2/60428/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> |
