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-The Project Gutenberg EBook of Laubstreu, by Irene Forbes-Mosse
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
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-Title: Laubstreu
-
-Author: Irene Forbes-Mosse
-
-Release Date: October 3, 2019 [EBook #60416]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAUBSTREU ***
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-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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-Irene Forbes-Mosse / Laubstreu
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- Irene Forbes-Mosse
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- Laubstreu
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- [Illustration]
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- Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
- Berlin und Leipzig
- 1923
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- Alle Rechte vorbehalten
- Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
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-Inhalt
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-
-Der Pelikan 7
-
-Mitleid 21
-
-Wie es die Kinder erlebten 45
-
-Etüde 87
-
-Die Waldschenke 127
-
-Die Verirrten 145
-
-Glückliche Zeiten 159
-
-Zoologie 175
-
-Laubstreu 189
-
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-
-
- Der Strauch erzittert,
- Wenn ein Vöglein drüber flog,
- Mein Herz erzittert,
- Weil Erinn'rung es durchzog.
-
- _Petöfi_
-
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-
-
-Der Pelikan
-
-
-Zwei Menschen wanderten im toskanischen Lande. Sie hielten sich fern von
-den großen Städten. Nicht aus Menschenscheu; denn große Liebe ist wie
-der Panzer des Ritters ohne Furcht und ohne Tadel. Aber es war in der
-Frühlingsvollendung ein Ermatten über sie gekommen, und in den kleinen,
-grauen Nestern, wo das Land mit tausend blühenden Obstbäumen, die Hügel
-hinan, gegen die alten Mauern zu Felde zog, ließen sich die letzten
-Tropfen mit trägeren, tieferen Zügen trinken. Hier waren nur einfache
-Menschen, die die Erde umgruben oder vor den Häusern saßen mit ihren
-Handwebstühlen und Korbflechtereien: irgendein graues Steinwappen über
-der Tür deutete wohl zurück in alte, streitsüchtige Zeiten, aber in
-diesem gleichmütigen Sonnenschein dachte man nicht an sie, streichelte
-ein Kätzchen, lächelte einem braunen Mädchen zu, das mit schönen
-überfließenden Kupfergefäßen vom Brunnen kam; da war kein
-Peitschenknallen, kein Menschengedräng, keine großen, weltberühmten
-Bauten, die beiden aus ihrem Behagen aufzuschrecken, wenn sie durch
-das silberne Land schlafwandelten, das sie anzublinzeln schien wie eine
-heimlich Verbündete. Ohne Plan gingen sie, hügelan und hügelab, zwischen
-Mauern auf engen gepflasterten Wegen, über die der Schattentanz der
-Olbäume zitterte, oder die Mauern hörten auf, und man sah weit aus ins
-Grau, ins Silber, von Mandel und Pfirsich und Kirsche weiß und rosig
-getupft; feine Kirchtürme ragten, zart und erlesen, und immer neue Hügel
-taten sich auf, breitschultrig und grau und gütig.
-
-So kamen sie einmal zu einer kleinen Kirche, bei der ein paar verwitterte
-Denksteine standen und lagen, von wildem Salbei umwuchert; seitwärts
-eine niedere Mauer, das Gärtchen umschließend, wo eben der Pfarrer, mit
-geschürztem Kleide, die Gießkanne in der Hand, zwischen Artischocken
-und Brokkoli und süßduftendem Goldlack umherging. Als er die Fremden
-erblickte, kam er herbei, trocknete sich die Hände und stellte seine
-Führerdienste freundlich und selbstverständlich zur Verfügung. Denn in
-dem Kirchlein war ein schönes Grabmal von berühmter Hand, das weiß und
-unverletzt in der Verlassenheit ruhte, wie in Italien nicht selten, wo in
-weltvergessenen Winkeln die zartesten Wunder leben, als sei die Schönheit
-mit zerrissener Perlenschnur durchs Land gegangen, achtlos, wohin die
-schimmernden Tropfen rollten.
-
-Sie traten in die Dämmerung der Kirche. Überall schälte sich der Bewurf
-von den Mauern, daß der zartrosa Ziegel und Überreste früher Fresken
-sichtbar wurden: hier eine flehende Hand, ein Stück blauen Gewands, dort
-ein runder Baumwipfel, mit Früchten und Vögeln beladen. Aber der Altar
-glänzte in neuer Ölfarbe und vergoldetem Zierat, und an den Wänden
-hingen die Stationen des Leidenswegs in grellbunten Bildern. Da -- in einer
-Seitenkapelle -- blieb alles zurück, das Grabmal lag so rührend in seiner
-wehrlosen Schönheit und hatte doch -- wie einst _eine_ reine Jungfrau ihre
-Heimatstadt vor der Pest bewahrte -- die verwitterte Kapelle vor Kelle und
-Kalktopf und schlimmerer Unbill bewahrt.
-
-Eine Schwester hatte es ihrem Bruder errichtet in jener Zeit, da man durch
-Werke selig und unselig wurde und es dafür wohl weniger Gedankensünden
-gegeben hat. Die Furchen des hagern, nachdenklichen Gesichts waren leicht
-bestaubt; in jeder Mantelfalte, zwischen den ums Schwert gefalteten Fingern
-hatte sich Staub angesammelt; so war der Ausdruck, trotz des dämmerigen
-Lichts, deutlich, gleichsam unterstrichen. Es lag freigebige, menschliche
-Güte auf diesen Lippen, ja ein wenig gutmütiger Spott zuckte in der
-Wange, schien hinüberzuwinken in eine spätere Zeit; aber die Stirn war
-entschlossen und sorgenvoll, und die Hände, zum Halten wie zum Geben
-tauglich, würden nicht lange die betende Stellung bewahrt haben, hätten
-sie gefühlt, wie jemand den schönziselierten Schwertknauf berührte.
-
-An der Mauer gegenüber war die Grabstelle der Schwester, eine lateinische
-Inschrift an der Wand, und auf der Erde, da, wo ihr Sarg versenkt war, eine
-Marmorplatte mit eingemeißeltem Wappen und Federgekräusel. Sie hatte nur
-wenig Jahre nach dem Bruder gelebt, seinen Namen geehrt, sein Gut verwaltet
-und hier, bei seiner Ruhestätte, in der spitzfindigen Demut jener Zeit als
-Franziskanerin gekleidet, die ewige Ruhe gefunden, nachdem sie ihr Eigentum
-verteilt und im Hofe ihres Landhauses täglich alle die Elenden, die
-Bettler und Kranken und Krüppel gestärkt und verbunden hatte. Aus den
-alten Scheiben fiel Regenbogenlicht wie ein Schmetterlingsschwarm über die
-Ranken und Zacken des Wappenschilds. Ach, war es nicht schön und stolz,
-nach stillen, nützlichen Jahren hier zu ruhen, dem einen nahe, dem ihr
-ganzes Leben, wie selbstgesponnene und -gewobene Leinwand unter die Füße
-gebreitet war? Was auch sonst ihre kleinen, verbrauchten Jungfrauenhände
-geschafft und gewirkt, wieviel Wunden sie gewaschen, wieviel Brot sie
-verteilt hatten, _diese_ Liebe war der Wein ihres Lebens gewesen ...
-
-Die Frau trat zum Grabmal des Bruders zurück und legte ihre Hand in
-die sanfte Mulde zwischen Schulter und Brustwölbung, erschaffen, um ein
-schlafendes Haupt zu stützen, und bei Frauen eben groß genug, um ein
-Kinderköpfchen aufzunehmen.
-
-Und es ging ihr ein schmerzliches Entzücken durchs Herz, wie eine
-Seligkeit, die man nicht nennen, nicht festhalten kann, kurz vor dem
-Erwachen in der Frühe, wenn der Traumfaden immer feiner wird und abreißt
-ohne Schluß.
-
-Als sie nun wieder aus der Kirche herauskamen, sah die Frau, sich wendend,
-um Abschied zu nehmen, zu einem kindlich in Stein geschnittenen Neste über
-dem Türbogen empor, darin sich ein Pelikan für seine Jungen die Brust
-zerfleischte.
-
-»Das ist,« sprach der Pfarrer, ihrem Blicke folgend, »unsere
-Heilige-Mutter-Kirche, die sich den Sündern und Verirrten hingibt und
-die Traurigen und Mühseligen an ihr Herz nimmt wie der Pelikan seine
-Kinder ...«
-
-Wie katholisch, dachte die Frau. Dieser freundliche Mann will jedem, der
-mit den Wellen kämpft, ein Ruder hinhalten, ihn daran zurückziehen in die
-große Familienarche. Seine Religion hat so viel Winkel und Schnörkel und
-Ruhepunkte wie die alten gotischen Dome, in deren Zacken und Simsen Tauben
-nisten.
-
-Dann schnitt der Pfarrer Goldlack für sie ab, und wie sie so dastand, halb
-noch zurückgewendet, hätte sie in der Demut ihres Herzens am liebsten
-still ein Kreuz geschlagen; auch tat es ihr leid, daß er gemerkt hatte,
-daß sie nicht zu seiner Kirche gehörten, und so gütig und ausführlich
-hatte er ihnen doch alles erklärt. Darum hätte sie das symbolische
-Zeichen, das niemand schaden kann und dem alten Manne heilig war, gern
-angebracht; aber sie war nicht allein und verpaßte den Augenblick,
-und wenn man in Gefühlssachen nachdenkt, so unterläßt man Dinge, die
-eigentlich so einfach sind.
-
-Nach Jahren kam sie allein zurück. Sie bewohnte ein kleines Fremdenheim
-am äußersten Gürtel der Stadt, wo sie in kurzer Zeit ins freie Land
-gelangen konnte. Es war Sommer, und den ganzen Tag ging die Feile der
-Zikaden von den Platanen der Ringstraße. Feigen gab es in Überfluß,
-an jeder hing die reife Süßigkeit wie ein klarer Bernsteintropfen; aber
-Rosen gab es nicht mehr. Die Erde war wie gebacken, die Hecken an den Wegen
-staubgepudert und leblos; auf der Windseite hatten die Zypressen einen
-grauen Überzug, und die Luft schmeckte nach Staub; es würde noch Wochen
-dauern, bis Regen kam. Wenn sie dann am Abend ihr Fenster auftat und die
-noch glühende Luft hereindrang, dachte sie manchesmal an jungen Buchenwald
-in ihrer Heimat, wenn sich die Kronen nach einem Regenschauer dehnen, oder
-an die Wiesen daheim, noch ungemäht, wo zwischen Erlen und Haseln der Bach
-schlüpft, übervoll, durchsichtig braun mit goldenem Sonnengekringel; aber
-doch sehnte sie sich nicht fort. Ihre Bekannten hatten längst die Stadt
-verlassen, aber das Losreißen wurde ihr schwerer denn je, ach, überall
-hatten sich Wurzeln ihres Herzens festgesaugt. Nun war die Zeit, da
-die fliegenden Buden der Limonadenverkäufer aus der Erde schossen, mit
-unzähligen, vielfarbigen Flaschen, mit Papiergirlanden und baumelnden
-Zitronen geschmückt; arme Kinder gingen und kauften sich Eis, löffelweis,
-für zwei Centesimi, und das winzige Schwesterchen, dem ein kleiner
-Papierfächer am Ärmchen hing, leckte zuerst, und der große Bruder leckte
-auch, aber eigentlich tat er nur so, damit das Schwesterchen alles bekäme.
-Die Militärmusik spielte auf den Plätzen, und schöne sonnenbraune
-Ammen, die mit ihren bunten, getollten Haarbändern wie eine Versammlung
-königlicher Georginen breitschultrig auf allen Bänken saßen, die
-Bambini mit den Samtaugen streichelnd und ihre braunen Brüste darreichend,
-schwatzten mit heiseren toskanischen Kehllauten und wiesen beim Lachen ihre
-kleinen, gesunden, feuchtglitzernden Zähne. Aber auch drinnen in der
-Stadt verlegte sich das Leben mehr und mehr auf die Straße. Aus all
-den Rembrandthöhlen der Schuster und Schreiner tauchten alte und junge
-Gestalten und schafften vor offenen Türen; und bei offenen Türen auch
-übte der Barbier seine Kunst aus, in seiner weißen Jacke geschmeidig wie
-ein Hermelin. Als wäre man mitten in eine Komödie von Goldoni geraten,
-oder als sollte im nächsten Augenblick die Musik zum »Liebestrank«
-einsetzen und Doktor Dulcamaras Wunderkarren auf den Platz rollen. Nun war
-die Zeit, daß die Statuen und Gemälde in den verlassenen Galerien ihr
-zu winken schienen: »Wie, du willst gehen? Bleibe, wir sind allein, wir
-wachen und reden, Heidengötter und Christengötter, alle hat uns die
-Schönheit angehaucht mit ihrem unvergänglichen Kuß.« Und um sie alle
-wob die Einsamkeit immer wieder jene feine, befremdende Luftschicht,
-die erlesene Kunstwerke umgibt, anlockend und abwehrend und niemals ganz
-bezwungen.
-
-Aber das liebste von allem waren ihr die stillen Höfe der Kirchen, die
-früher Klöster gewesen sind. Mit ihren großen, schläfrigen Katzen, dem
-heißen sonnigen Fleck in der Mitte und darüber ein Stückchen tiefblauen
-Himmels; plötzlich ein leuchtender Taubenflug, wie rauschte das durchs
-Herz! In den Klosterhöfen schimmerten die fedrigen Sterne an den
-Myrtenbüschen, bitter würzig; aber die Oleanderblüten lagen gebräunt
-und verwundet auf den Steinplatten der Kreuzgänge; unaufhaltsam
-destillierte die Sonne das flüchtige Öl aus Kräutern und Blättern.
-Und stundenlang konnte sie da sitzen, auf einem Mäuerchen, einem
-Säulentrümmer ... bis schließlich der freundliche Kustode kam und sagte,
-es würde geschlossen ...
-
-Es war gegen Abend, als der kleine Einspänner sie nach jenem Kirchlein
-fuhr, das sie seit damals nie wiedergesehen hatte. Die grausamen,
-quälenden Jahre waren nun vorbei, als sie Augen und Ohren zuhielt, nur um
-nicht erinnert zu werden, als sie Ruhe nur fand an Stätten, wo sie früher
-nie gewesen. Jetzt hatte sich etwas geändert. Denn es war so vieles
-seither über sie hereingebraust, Dinge, von denen man weiß, daß sie
-immer in der Welt waren, daß sie niemals unmöglich sind; aber am eigenen
-Weg hatte man sie nie erwartet, und auf einmal sind sie da und legen einem
-die Hand auf die Schulter -- wie wenn einer verhaftet wird, der sich sicher
-fühlte im Menschengewühl. Ach, diese harten, einfachen, trostlosen Dinge,
-die da gestanden hatten und gewartet ... Und jetzt, auf einmal, hatte sie
-Heimweh nach jenem ersten brennenden Leid, heute schien es ihr kostbar,
-denn es war ja so traumhaft verwoben mit Lebensdrang und Ungeduld und
-Entzücken, und nun suchte sie in der Erinnerung, und siehe, der Schmerz
-war dumpfer geworden, aber das Freundliche, das Entzückende jener Tage
-lebte auf, und Stunden gingen an ihr vorüber und lächelten ihr zu, den
-Finger an den Lippen.
-
-Ach damals, wie alles zu versinken schien, jung war damals ihr Herz;
-jeder Nerv hatte sich kläglich gewunden und um Gnade gefleht, wie ein
-verbranntes Kind das Händchen hinhält und nicht glauben will, daß das
-je vorübergehen kann. Aber es hatte sich doch gewandelt; denn die
-großen, harten Dinge waren gekommen und die Zeit war gegangen, grau und
-unbekümmert, und nun war sie wieder hier und witterte und horchte und
-suchte ihr erstes Leid in zitterndem Heimweh. Und fand es wieder an
-abgeschrägten Straßenwinkeln, wo man zwischen Mauern hinuntersieht, und
-ganz in der Ferne sind die unvergessenen Hügel, zart und karg und traurig
-im Abendrot, die Straße führt hin, führt ins Paradies ... fand es
-wieder, wenn sie ein Lorbeerblatt zwischen den Fingern rieb oder wenn am
-Abend der Geruch von schwelendem Rebenholz durch die Luft zog ... fand
-es wieder, wenn sie nachts, halb schon im Schlaf, die ächzenden Karren
-hörte, den heiseren Gesang der Männer, die, einen Grashalm im Mund, auf
-ihren Lasten ausgestreckt, die Pferde im Sternenlicht lenken.
-
-Der Wagen hielt; an dieser Stelle ging das letzte Stückchen Wegs steil
-aufwärts. Die Frau stieg aus; auch damals waren sie hier ausgestiegen,
-um das kleine eifrige Pferd zu schonen. Der Himmel öffnete seine
-Perlmutterschalen über der matt atmenden Welt. Der kleine Garten war leer,
-der Pfarrer nicht zu sehen, aber drinnen in der Kirche putzte eine alte
-Frau den Altar mit Papierlilien. Sie schritt nach der Seitenkapelle. Dort
-war es beinah Nacht, das bunte Fensterglas schwarz, nun die Sonne es nicht
-mehr durchglühte. Aber der stille Mann schimmerte treugeduldig in seiner
-Einsamkeit, und auf seinem Antlitz fand sie das feine, sorgenvolle Lächeln
-wieder, als warte er auf einen Ruf, auf eine Antwort und sähe ein, daß er
-sich für heute bescheiden müsse; ja, noch lebendiger schien ihr der
-Mund, schienen ihr die kraftvollen Hände, als ob das Herz noch immer,
-stillgeschäftig, seine Eimer vollschöpfte und wieder ausgöße in das
-Geäder des ruhenden Leibes. Ja, da war auch die Mulde zwischen Schulter
-und Brust, groß genug, daß man den Kopf hineindrücken konnte, dort Stein
-zu werden in tiefem, wunschlosen Schlaf. Sie fühlte Tränen in der Kehle
-und biß sich auf die Lippen, denn Weinen war ihr keine Erlösung. Schritte
-hallten durch die Kirche, es war die Frau, die zuschließen wollte für
-die Nacht. Da wandte sie sich ab und ging, und hinter ihr blieb der
-Schlummernde allein. Nun stand sie draußen, und die Luft war um sie wie
-linder Atemzug. Über ihr leuchtete das Nest des Pelikans im letzten Licht.
-Da schien ihr, als sei's das Sinnbild der Frauenliebe, die gern das Letzte
-hingibt und ihr Glück bezahlen muß mit Geduld und mit Gefahr.
-
-Ob es uns gutgeschrieben wird, daß wir Menschen alles so teuer erkaufen,
-dachte sie. Wie heißt's doch immer, wenn die Richter mitleidig sind und
-ein Einsehen haben: die Untersuchungshaft soll angerechnet werden ...
-Bei uns daheim hing ein Knüttel am Stadttor, darunter stand: Wer seinen
-Kindern gibt das Brot und leidet später selber Not, den schlag man mit der
-Keule tot. Das war sehr alte, und doch ganz moderne Weisheit, viel moderner
-als deine, alte Pelikanmutter! ... Bin ich meiner Mutter dankbar, daß sie
-mich in dies Leben brachte? dachte sie wieder. Maskenfeste in Labyrinthen,
-hier und da ein Umschlingen, bleibe, ach rede zu mir, dieselbe Sprache
-reden wir ja. Oh, nur bis der Weg sich teilt, dann wieder allein, fremde
-Zungen ... Und wenn man dann nicht mehr zu jemand sagen kann: es war alles
-gut, Nacht und Licht, Süßigkeit und Bitterkeit, nur Dank fühle ich, Dank
-sei dir heute und immer -- oder wenn man im Morgengrauen erwacht und an die
-Augen von Schwerkranken denkt, wie auch sie den Tag erwarteten, der keine
-Hoffnung brachte, und die Fensterscheiben fingen an hell zu werden ... o
-das! Schöne, schöne Erde, warum wird es uns so schwer gemacht!
-
-Der Tag war ganz geschwunden, das steinerne Nest über ihr sah grau und
-geisterhaft in die Luft, wo die Fledermäuse anfingen hin und her zu
-zucken. Unter ihr, im Dunst, erwachten viele Lichter; dort war Leben und
-Lärm, hier oben war es totenstill. Sie dachte an den alten freundlichen
-Pfarrer. Unsere Mutter Kirche, hatte er gesagt. Ob sie wirklich die
-Menschen trösten konnte, wenn sie sich so hineinwühlten, wie Kinder in
-das Kleid der Mutter? Versprach sie ihnen doch so vieles, hatte so schöne,
-schauernde Worte der Verheißung; man _mußte_ ihnen glauben, so schön
-waren sie. Und das eben war es wohl, was die Kirchen immer wieder stützte
-und aufrecht hielt: die Sehnsucht nach den Toten.
-
-Sie ging langsam den steinigen Weg zum Wagen hinunter, zwischen Mauern,
-über denen dunkle Köpfe sichtbar wurden. Ein kleiner Spitz lief oben
-entlang und gab ihr kläffend das Geleit. Das heiße Feilen der Zikaden
-hatte längst aufgehört, aber aus allen Gräben und Mauerritzen zirpten
-nun die Grillen, kühl und zart. Das war wie daheim auf den großen
-Waldwiesen, wo jetzt die Glockenblumen standen und das Zittergras. Sie
-horchte auf und schlug die Hände ineinander. Nun wollte sie heimreisen;
-sie hatte gefunden, was sie suchte. Nur noch vereinzelt klang der
-Grillenton, wurde immer weniger, je mehr sie sich der Stadt näherte. Es
-war ganz dunkel geworden, hier dauerte die Dämmerung nur kurze Zeit. Sie
-saß sehr aufrecht, mit weit offenen Augen. So fuhr sie zurück durch die
-laue, windstille Nacht.
-
-
-
-
-Mitleid
-
-
- _La peine qu'on a n'est rien,
- mais celle qu'on a faite aux autres
- empêche de manger son pain._
-
- _P. Claudel_
-
-Sophie Barnekow hatte geklopft, ohne Antwort zu erhalten; nun öffnete
-sie leise die Tür, um sie aber sofort wieder zu schließen, behutsam, wie
-man's in der Krankenpflege erlernt.
-
-Dort im halbdunkeln Raum, wo die Sonne durch die schräggestellten Läden
-glitt und goldene Leitern auf die Dielen malte, wo der Geruch von Reseda
-und nassem Kies und das leise Klirren von Gießkannen durch die offenen
-Fenster eindrang, saß Meisi, ihre junge Herrin und Schutzbefohlene,
-nicht allein. Neben ihr, die Hände um eine Stuhllehne geschlungen, stand
-Rütten. Ohne die Frau zu berühren. Und doch, hätten sich beide in den
-Armen gelegen, festgeklammert, Blick in Blick getaucht, nicht deutlicher
-hätte es von letztem, bitterstem Abschied reden können.
-
-Von Meisi war nichts zu sehen gewesen als der braune Hinterkopf und das
-feine Genick, da, wo der Haaransatz in warmen goldenen Flaum überging;
-tief auf den Tisch gebeugt. Wie oft befestigte Sophie das kinderweiche und
-doch eigensinnige Haar, mit ganz wenig Nadeln, weil alles gleich Kopfweh
-machte; immer wieder glitten die Zöpfe hinunter, dann mußte Sophie leise
-erinnern: »Liebste, Ihre Haare.« Und auch eben hatte das Ende einer
-Flechte über die Schulter gehangen. Kleine physische Eigentümlichkeiten
-geliebter Menschen können einem ans Herz wachsen und es seltsam wehrlos
-machen, mehr als die Tugenden, die sie besitzen oder die wir ihnen
-andichten. So fuhr's ihr auch jetzt durchs Herz, und was erst Erschrecken
-gewesen, empfand sie nun als tiefe, schmerzende Zärtlichkeit. Sie seufzte
-auf und schlüpfte in ihr Zimmer gegenüber zurück.
-
-Starke Leidenschaften, die ihr Ziel in offenem Aufruhr oder auch durch List
-und Heimlichkeit und manche schmerzliche Selbsterniedrigung zu erreichen
-wissen, waren Sophie fremd geblieben. Sie wußte, es gab dergleichen.
-Aber doch nur so, wie man von Mormonen liest oder von den Bacchanalien
-entarteter Cäsaren. In ihrem klaren, hilfreichen Wesen, ihrem Abscheu
-vor jeder Unsauberkeit und Unordnung war kein Raum für Ungeregeltes; eine
-verbotene Liebe lag ihr im Grunde ebenso fern wie Taschendiebstahl.
-Dabei -- oder vielleicht gerade deshalb -- konnte sie von verblüffender
-Parteilichkeit sein, wenn sich's um Menschen handelte, die sie liebte. Sie
-war aus dem Holze geschnitzt, das gute Royalisten abgibt. Wen sie einmal
-liebte, zu dem hielt sie auch, er mochte tun und lassen, was er wollte;
-das war doch sehr einfach. Und dann -- bei näherem Zusehen müßten gewiß
-Gründe genug zu finden sein, die alles erklären würden; wenn sie selbst
-auch gar nicht danach suchte.
-
-Auf ihrem Bett lag die eben abgelieferte Wäsche. Ihr Blick glitt an einem
-grauen Leinwandkittel entlang, der in seiner knabenhaften Spärlichkeit
-etwas von Meisis Umriß bewahrte. »O du Armes,« sagte sie vor sich hin,
-und ihre Augen fingen an zu brennen. Dann begann sie mit ihren feinen,
-verbrauchten Händen die Sachen zum Ausbessern zurechtzulegen.
-
-Drüben in dem dämmrigen Zimmer war es sehr still. Die leise Stimme
-des Mannes redete in abgebrochenen Sätzen, so von fernher, wie
-Selbstgespräch. Die Frau hörte und hörte auch nicht. Denn ihr war, als
-hätte sie's längst gewußt, daß er einmal so reden und handeln würde.
-Es hing ja alles in ihm -- wie man es sonst nur bei Pflanzen findet -- ganz
-selbstverständlich zusammen; so wie die äußersten Zweiglein einer
-Eiche immer noch die Gewaltsamkeit der Äste, den Eigenwillen der Wurzeln
-ausdrücken. Es waren in diesem Manne wenig Widersprüche, er mußte
-handeln, wie er empfand, mußte dies lieben, weil ihm jenes widerstrebte,
-selbstverständlich und unerbittlich in seinen Neigungen und Abneigungen
-wie ein Tier, wie ein Künstler, wie ein kleines Kind.
-
-Meisi drückte noch immer die Stirn auf den Arm, der sich um die Tischkante
-krampfte; denn sie empfand es dumpf: solange sie nicht aufblickte,
-würde er nicht fortgehen, erst mußte er ihr Einverstehen in ihren Augen
-erzwingen, eher konnte er sie nicht allein lassen, nicht aufhören zu
-reden, zu überzeugen. Und ob ihr auch das Blut in den Ohren rauschte
-und sie kaum verstand, was er sprach: ach, er war doch immer noch da, sie
-atmete den leisen Duft seiner Kleider; eins nur sollte er nicht, nicht
-aus dem Zimmer gehen. Oh, solche Tür, die zufällt, nein, nur das
-nicht. Dableiben, im Zimmer bleiben, er sollte sich auch gar nicht um sie
-kümmern. Am allerseligsten war es doch immer gewesen, wenn sie still
-im Zimmer saß und nur auf die kleinen Geräusche horchte, wenn er den
-Bleistift hinlegte oder wieder ein paar Seiten aufschnitt in dem dicken,
-verzweiflungsvollen Buch, das er las. Über Heimindustrien war's gewesen.
-O Gott, die unglücklichen Menschen, von denen da erzählt wurde; welch
-entsetzliche Winkel gab es in der Welt, warum durfte das sein! Wenn sie ein
-König gewesen wäre, all die stillen, leeren Königsschlösser hätte sie
-den Armen aufgetan, herrlich erwärmt im Winter und im Sommer kühl und
-hallend inmitten heißer brütender Wiesen, mit grünen Schattengängen
-und Nachtigallenschlag. Man dachte nicht genug an andere, wenn man selber
-glücklich war, ach glücklich zum Sterben, als versänke und ertränke man
-in einem riesenhaften Maiblumenstrauß und würde ohnmächtig vor lauter
-Wonne. Ob so arme schmutzige Menschen jemals so etwas hatten? Immer nur
-Ruß und Lärm oder zu Haus zusammengepfercht mit verklebten Fenstern. Und
-alles so häßlich, auch die Kinder, und nichts, auf das sie sich freuen
-konnten morgens beim Erwachen. Aber Gerhard würde etwas ersinnen, um ihnen
-zu helfen, er schien Hilfe auszuströmen wie kluge Ärzte. Natürlich,
-es brauchte alles Zeit, und einstweilen war es doch kein Unrecht, wenn
-Glückliche ihr Glück genossen. Sie wollte niemand etwas wegnehmen, das
-brachte sie gar nicht fertig, es hätte ihr alles vergällt, aber ihn --
-ihn konnte sie nicht hergeben. Sie war abergläubisch geworden. Wenn
-sie etwas Hübsches besaß und jemand bewunderte es, gleich hatte sie's
-hergeschenkt. Hatte vielleicht Gott bestechen wollen mit Opfergaben, damit
-er ihr das Eine, Einzige nicht wegnehme ... ja und nun nahm er es doch.
-
-Immer fester drückte sie die Stirn auf den untergelegten Arm. Wie gern
-hätte sie nach seiner Hand gegriffen, da, ganz nah; aber sie wußte, dann
-würde er sie streicheln und emporziehen und sie mußte noch einmal sagen:
-Nein, nein, ich kann nicht -- ja, und dann würde er gehen.
-
-»Meisi,« sagte die Stimme über ihr, »was hilft das Hinausschieben, es
-geht doch so nicht weiter. Du willst nicht mit mir gehen, und so wie du nun
-einmal bist und wie die Dinge liegen, verstehe ich ja, daß du, der es so
-hart ankommt, Schmerzen zu bereiten ... Und es ist auch begreiflich, daß
-dir _mein_ Schmerz erträglicher scheint, eben weil du ihn teilst, während
-du dort einen tiefen Schnitt tun mußt und deiner Wege gehen. Ja, und auch
-darin hast du recht, wenn du auch sehr zornig warst, als du es sagtest,
-ich sei nicht so schlimm dran wie du, ich hätte meine Freiheit und meine
-Arbeit und mein Bergsteigen. Nun, das Bergsteigen wollen wir fürs erste
-nicht zählen (er lächelte, o so traurig) -- diese Freuden, siehst du,
-waren so eins mit dir, daß das alles zu -- anders wäre. Aber meine
-Arbeit, ja, die wird mir helfen, darauf zähle ich auch. Zuerst wohl nur
-als Betäubung ... aber man muß eben graben und graben, und wenn man nach
-Jahren der Wahrheit um einen Kinderschritt näher gekommen ist, so ist das
-ja wohl auch Glück. Und alles das sag' ich dir, Meisi, damit du ganz ruhig
-seist, was mich angeht.«
-
-Meisi hob ein wenig den Kopf. Sie hatte einen roten Fleck an der Stirn,
-vom Tischrand; es sauste und sang in ihren Ohren. Ach Gott, es war zu Ende,
-ganz und gar, er ging fort. Sein Gepäck, das sie so gut kannte, sie hatte
-ihm ja manchesmal geholfen es auszupacken, die große Ledertasche, die
-so gut roch, und der rauhe Mantel aus ungebleichter Wolle, alles
-würde aufgeladen werden, und er würde dem Maulesel voran den Paß
-hinunterlaufen, als ging es zu einer Bergpartie. Aber den nächsten
-Tag käme er nicht zurück, braungebrannt und freundlich und still, den
-Bergfrieden auf der Stirn und wie das Rieseln der kleinen Bergbäche in der
-Stimme. Sie würde auf der Terrasse hinter dem Gasthaus auf und ab gehen,
-wo der Pfarrer und der Wirt und der kleine italienische Schuster Boccia
-spielten am Abend und auf dem Mäuerchen Kürbisse lagen zum Dörren. Die
-lustigen bayerischen Malerinnen würden herauskommen, Schnaderhupfl und
-Kugelhupfl, wie Gerhard sie nannte, und das junge englische Ehepaar mit dem
-Kätzchen, und sie würden fragen: »Kommt Ihr Freund heut abend zurück?«
-Nein, nicht heut, nicht morgen, nie wieder.
-
-Sie hatte eine besondere, qualvolle Fähigkeit, kommende Trostlosigkeit zu
-wittern, zu schmecken, ihre Kälte im voraus zwischen den Schulterblättern
-zu fühlen. So konnte sie sich sein Zimmer, ach das liebe, liebe Zimmer,
-vorstellen, wenn alles verpackt war und alles wieder fremd geworden,
-schon abgewandt, Menschen und Dinge treulos geworden einander. Ja, dies
-Zusammenschnüren in der Herzgrube, das den Zurückbleibenden schärfer
-anfällt als den, der geht, sie spürte es schon jetzt. Wenn die Dinge
-nachher eintrafen, war's wie ein Erkennen, als hätte man schon die
-Generalprobe dazu erlebt. Dank dieser Fähigkeit konnte sie dann gefaßter
-und umsichtiger sein, als man es ihrem raschen, wechselnden Temperament
-zugetraut hätte.
-
-»Meisi, mein Liebes,« sagte die Stimme, und sie verbarg die Augen wieder
-auf dem Arm -- er sollte nicht darin lesen, nicht ihre Ergebung, ach,
-sie war nicht ergeben, aber auch nicht ihre Hoffnungslosigkeit, die auf
-dasselbe herauskam -- »ich will dich nicht betrüben und unruhig machen;
-wie du geschaffen bist, muß dein Gefühl allein entscheiden. Zerbrechen
-kann ich, will ich dich nicht. Aber denke an eins: es ist _ein_ Ding, für
-einen anderen sterben, rasch, mit geschlossenen Augen ins Feuer hinein;
-aber etwas anderes ist's, für einen anderen verdursten, verkümmern,
-langsam an jedem Nerv den Tod erleiden, Tag für Tag. Da kann Opferfreude
-zu Haß werden, und wo man reichlich geben wollte, gibt man schlechtes
-Maß. Und dann ist nur Bitterkeit und Reue um jeden Sonnenstrahl, um den
-man sich gebracht hat. Darum, wenn du doch den einen, tiefen Schritt tun
-könntest, so sei nur immer gewiß, ich bin da. Aber warte nicht, denn
-es wird immer schwerer und weniger reinlich. Du hast es manchmal hart
-empfunden, daß ich so finster war, und hattest mir doch alles zu Liebe
-getan. Und mußt den Grund doch geahnt haben; brauchst mich ja nur
-anzusehen, so weißt du, was ich denke. Weil du's so gut verstanden hast,
-alles aus dem Weg zu räumen, was dir hier ja nicht schwer wurde, denn wer
-betet dich nicht an, ob es nun Sophie ist oder der alte Pfarrer oder die
-anderen Gäste und der kleine Schuster, der dir Nägel in die Schuhsohlen
-klopft ... Aber auch mit allem, was sich in uns selber gegen uns erhob,
-wußtest du so gut fertig zu werden, immer hattest du ein gutes Wort
-bereit. Wenn ich dich so herumtrippeln sah wie ein Bachstelzchen, besorgt
-und doch triumphierend und immer ganz sicher durch tausend Windungen und
-Verdrehungen deinen Weg findend, und mußte mir sagen, das ist nun die Spur
-von meiner Hand in deinem Leben ... Meisi, laß es klar um uns werden! Ja,
-ja, ich weiß, du hast ein Leben von Szenen und Aufregung gehabt und das
-ewige Ausweichen ist dir Gewohnheit, ach und dein Verlangen nach Ruhe und
-Harmonie wollte sich's auch einmal wohl sein lassen. Da bautest du ein
-Labyrinth, in dem du jeden Ausweg kanntest, und hast unsere Liebe gehütet
-und versteckt und getröstet mit deinen lieben schönen Händen. Aber nun
-geht das nicht mehr, es kommt ein häßlicher Tropfen in unser Bestes.
-Meisi, wie gestern Sophie den Brief hinlegte, ohne dich anzusehen, und du
-stecktest ihn in die Tasche, ohne ein Wort ... ach, mich schüttelte der
-Ekel. Was sag' ich dir da für harte Worte. Und du bist so weich und
-so traurig. Aber ich muß es doch aussprechen, denn du allein mußt ja
-entscheiden. Was brauch' ich dir zu sagen, was du mir bist! Wenn du ins
-Zimmer kommst, ist alles gleich anders; immer ist Festtag um dich her. Wie
-oft hab' ich wachgelegen, ganz früh, wenn du noch schliefst, und die reine
-Morgenluft kam herein und schien eins zu sein mit dir -- und da habe ich
-das Leben gesegnet, das mir so viel geschenkt. Und wenn ich las und schrieb
--- trockenes Zeug -- ach, wie ein süßer Unterton warst du doch immer
-dabei; bei allem, was ich tat. Oft hab' ich über dich gelacht, wenn du bei
-jeder Frage, jedem Fortschritt sagtest: ›Wem wird das nützen?‹ Aber
-es war mir doch lieb an dir, wie deine Tränen der Empörung und deine Art,
-Krankes und Kleines anzufassen und einfache Leute zutraulich zu machen.
-Wenn du sie auch oft recht süß zu beschwindeln wußtest ... nun ja, aber
-du hast sie glücklich gemacht. Und all das Liebe, das du anderen antatest,
-das tatest du mir an, denn auch das machte dich mein, machte mich so
-gänzlich dein, auch wenn ich in einer Gedankenwelt, die dir fremd blieb,
-einherging und meine Erkenntnis ausprobte, einriß und wieder zu neuer
-Überzeugung aufbaute, ohne zu wissen für wen, nur weil's mich trieb. Aber
-du standest und hattest arme Kinder an der Hand und sagtest immer: ›Du
-mußt helfen, du mußt helfen‹ ... Ach, wenn ich doch uns selber helfen
-könnte!«
-
-Seine Stimme wurde noch leiser, es war nur ein Flüstern über ihr, das sie
-mehr fühlte als verstand; an ihrer Schläfe die weiche Haarwelle, alles
-zitterte mit.
-
-»Ich habe dich bewundert, Meisi, denn du bist sehr süß und kostbar, und
-bist auch viel gescheiter, als du dich ausmachst, du Siebenschläfer. Und
-hast mich auch namenlos erbarmt, weil du scheu und verlassen warst, wie
-irgendein Waldtierchen, das eingefangen wurde und nur fortmöchte ins
-Dunkel. Ach, du liebst nicht über dich zu reden, und wenn ich dich frug,
-und war's auch noch so behutsam, da hast du nur gelächelt, wie gequält.
-Aber ich habe dich besser verstanden, als du weißt, und du hast niemand
-so angehört, wie du mein eigen warst. Und darum weiß ich, daß du
-eine Eigenschaft hast, gegen die ich machtlos bin; es ist eine seltsame
-Trägheit, wenn sich's um dein eigenes Glück handelt, und daß du nicht
-kämpfen magst um irgend etwas. Lächelst hinauf und denkst: Ja, der
-schöne Apfel, wenn er doch herunterfiele ... aber es wird ja doch nicht
-geschehen! Nicht weh tun, warten, gegen alle freundlich sein -- ja,
-Meisi, du brächtest es fertig, gegen den Henker freundlich zu sein. Und
-unterdessen rinnt das Leben vorbei. Wenn ich wüßte, daß du irgend etwas
-hättest, eine Arbeit, ein Ziel, etwas, das dich frei und mutig macht, und
-müßt' ich dich dadurch erst recht verlieren, dennoch Meisi, dennoch ...
-Aber ich weiß, daß dir nichts bleibt als Kälte und Leere, und wenn du
-dich hineinfindest, das ist erst recht traurig. Aber eins hast du, haben
-wir, unseren Schmerz, niemand darf die Hand dran legen, heut ist er noch
-unser, gehört uns ganz allein, und darum müssen wir voneinander gehen, wo
-alles noch ganz kostbar ist und es uns so furchtbar wehtut.«
-
-Ein stärkerer Hauch trieb den Resedaduft ins Zimmer, man hörte fernes
-Räderknirschen, ein Hund bellte irgendwo ... es war so still, wie
-verzaubert. Der Mann fuhr sich über die Stirn und wandte sich zum Fenster;
-denn es schluchzte etwas in ihm auf, und er mußte das erst zur Ruhe
-bringen. Meisi kroch noch mehr zusammen, machte sich ganz klein wie ein
-krankes Kätzchen. O wie grauenhaft alles doch war! Sie hatte nicht alles
-verstanden, aber etwas Kaltes saß ihr in der Brust und dehnte sich, wurde
-immer größer, und die Füße waren ihr wie zerschlagen. Wenn er sie doch
-chloroformieren möchte und in einen Wagen packen, nichts fragen, nichts
-sagen, und am nächsten Morgen würde sie an seinem Herzen aufwachen,
-irgendwo über der italienischen Grenze, wo es ganz heiß war und die
-weißen Häuser schliefen und die Zikaden in den Bäumen sägten! Wo man
-den Tag verschlief. Wenn er sie doch ganz rasch nehmen wollte oder ihr
-einen Schlag vor die Stirn geben, daß sie die Besinnung verlöre und gar
-nicht sagen könnte: »Ich will«, oder »Ich will nicht«; wie man
-Tiere betäubt vor dem Töten. Aber er war seit acht Tagen so anders,
-nachdenklich und freudlos, seit sie ihm gesagt, Emmo käme her; es würde
-wohl alles recht schwierig sein; besser, er machte zunächst eine Bergtour,
-aber sie würde schon alles einrichten, auf keinen Fall dürfe er _ganz_
-weg, das hielte sie nicht aus. Wie er sie da angesehen hatte -- ganz
-fremd war sein Gesicht geworden. Und seitdem hatte er ein-, zweimal von
-Entscheidung gesprochen, von Wahrheit, von einem tiefen Schnitt; und den
-sollte sie tun. Und das konnte sie doch nicht. Lieber tausend Lügen als
-eine solche Grausamkeit. Begriff er's denn nicht, wie nötig sie daheim
-war? Ob er erwartete, daß sie ihm das erklären sollte? Sie konnte doch
-von »dort« mit ihm nicht reden. Ach, warum verstand er sie nicht! War
-denn in der Liebe immer ein Teil Tortur? Konnte man sich nie dehnen und
-alles vergessen? Manche Namen, wie sollte sie die vor ihm aussprechen!
-Vergaß sie doch am liebsten, daß es für sie ein Zuhause gab, jetzt, wo
-dies kleine, hellgetünchte Zimmer ihr Heimat geworden. Aber nun sah sie
-alles deutlich: den armen, jähzornigen Menschen, der es so gar nicht
-verstand, mit anderen auf die Länge auszukommen, die Schwägerinnen,
-zarte, verblühte Mädchen, die auf so viel verzichtet hatten ihm zuliebe
-und auch ihr; und dann war da ihr eigenes Vermögen, es war im Gut
-verbuttert worden während der letzten, schlechten Jahre; Emmo würde es
-herauszahlen, »ihr vor die Füße werfen«, ja, so würde er sagen,
-und dann brach alles zusammen. Das alte, einstöckige Haus, jetzt im
-Spätsommer sah's so wohlwollend aus, wie eine alte Frau, die in der Sonne
-sitzt und in allen Runzelchen lächelt. In den Lindengängen war es so
-still, und im Blumenrondell duftete das Heliotrop einsam in der Sonne. Die
-Blumen kamen dankbar in dem leichten, sandigen Boden; die Zimtnelken in den
-Rabatten, in allen Farben, und Skabiosen, wie große Brombeeren; kleine,
-stahlblaue Schmetterlinge flogen drüber hin in der klaren Septemberluft.
-Am Haus die großen Fuchsienbüsche in den grünen Holzkübeln, sie waren
-der Stolz der alten Frau gewesen. Ach Gott, ja, die Gräber im Park, in den
-Birken ... der Wald fing gleich dahinter an mit seinen riesigen Föhren und
-Ameishaufen. Manchmal saßen Eichkatzen auf den Grabsteinen. Ja, das war
-Emmos Heimat, und auch Freda und Mariagnes waren dort aufgewachsen. Das
-mußten sie doch behalten, den großen Saal oben, wo es so hallte, wo noch
-die Efeulauben standen, in denen die Schwägerinnen ihre Puppenkaffees
-gegeben hatten; Freda von kleinauf kränklich, und Mariagnes? So eine arme,
-verbitterte Hofdamenexistenz, Gradnitz bedeutete ihre ganze Jugend, ihr
-letzter Ehrgeiz, das Spalier, an das sich ihr blasses Wesen anklammerte.
-Nein, nein, es war alles Unsinn; fast wallte Zorn in ihr auf, daß Gerhart
-von dem tiefen Schnitt gesprochen, als sei es denkbar. Nur nicht grausam
-sein, nur das nicht. Nachher kam das Mitleid, diese bohrende Qual, und
-machte alles zunichte.
-
-Aber er -- still und ernsthaft dort am Fenster; und »nicht lügen«
-las sie auf seinem Gesicht. Ja, das war so seine Art. Er vertrug nichts
-Schiefes in sich, ebensowenig wie ein schiefhängendes Bild an der Wand.
-Die Tischdecke mit dem häßlichen Muster hatte er gleich hinausgeworfen,
-als sei's ein Feind. So wollte er auch nichts, das ihm ihrer Seele Bild
-verdarb. Ach, was ging sie ihre Seele an! Da war ja so ein Spruch, von der
-Seele, an der man Schaden nimmt, und wenn man auch die Welt gewönne. Sie
-wollte die Welt gewiß nicht gewinnen, aber um ihre Seele sorgte sie sich
-nicht. Vielleicht hatte sie gar keine. Nur ein Herz, und das tat ihr weh.
-Wie doch die Menschen verschieden liebten. Nicht besser, nicht schlechter,
-nur _verschieden_. Ihr war alles so einerlei. In einem Keller, mitten
-zwischen Kohlen und alten Fässern und Kisten würde sie ihn getroffen
-haben und geküßt und gemeint, es sei das Paradies um sie her! Und ebenso
-würde sie das andere ertragen haben und, wenn's nicht anders ging, auch
-Lug und Trug. Aber er litt darunter, er wollte nichts Blindes, Unreines; so
-oder so, da war kein Mittelweg. Und deshalb mußte er nun fort, mußte ihr
-das antun, daß ihr ganzes Leben auf einmal schwer und grau wurde, viel
-grauer als früher, ehe sie ihn gekannt. Ach, es _konnte_ ihm nicht so weh
-tun wie ihr, sonst blieb er eben, oder er kam bald wieder, oder irgendwas
--- aber so -- auf Niewiedersehen? Nicht so weh? Nein, im selben Augenblick
-bat sie ihm den Gedanken ab: der Ausdruck in seinen Augen ...
-
-Morgen ganz früh ging er wohl, oder schon heute abend. Besser heute abend.
-Wie wär' es auch zu ertragen, noch einmal, zum letztenmal, im Speisezimmer
-zu sitzen, die Kehle voll Tränen, und sich Brot anbieten und die
-Speisekarte weitergeben; das Bild von Wilhelm Tell im Kreise der Seinen,
-über das sie so oft gelacht, an der Wand gegenüber, und das offene
-Fenster mit der Aussicht auf die verglühenden Berge ... wie gräßlich
-alles -- oh, zum Sterben ...
-
-Wie sehr hatte sie dieses Land geliebt, ach, alles darin, an seiner
-Hand. Gleich anfangs, als es noch neu und überraschend war, die Wege
-wie Rätsel, so verlockend; immer höher hätte sie steigen mögen, an
-schwierigen Stellen half er ihr und lachte, und sie wünschte sich heimlich
-viel schwierige Stellen, weil er ihr dann die Hand gab, seine starke, warme
-Hand. Wie wonnig war's, wenn dann nach dem Steigen der Pfad am Berggrat
-eben entlang ging. Man schritt aus, so rasch und gesund, jede Sehne spannte
-sich, jedes Gelenk freute sich, bei jeder Biegung des Wegs war es, als
-trete man auf eine Brüstung mit neuem, verändertem Ausblick. Wie sich die
-Wolken im Tal verfingen, wehende Reitermäntel! Die Herdenglocken läuteten
-durch den Nebel. Durch verwitterte Dörfer kamen sie, so totenstill; die
-Leute alle fort beim Heuen, nur einsame Katzen vor verschlossenen Türen.
-Aber wo immer ein kleiner Platz war, da schattete ein Nußbaum, und
-darunter war der Brunnen -- fließendes Bergwasser, stählern, eiskalt,
-unerschöpflich. Wie frisch und wasserklar war auch ihre Liebe auf diesen
-Wanderungen. Etwas Brüderliches war im Zusammenschreiten, Brudergefühl
-mitten in all der heftigsten Zärtlichkeit; ein Verstehen, als hätte man
-sich von Kind auf gekannt. Ja, sie brauchten einander nichts zu nennen, ein
-Blick, ein Aufleuchten, und die Schönheit dieses geliebten Landes schien
-sich zu weiten, sie zu umfangen und näher zusammen zu drängen mit froher,
-zwingender Gewalt. Oh, du tiefe, himmlische Gesundheit erwiederter Liebe!
-
-Aber einmal hatten sie sich doch gezankt. Damals, beim Photographieren.
-Da war eine Bauernfrau, sie wollte ihre Kinder so schrecklich gern
-photographiert haben, und Meisi stellte sie zusammen, auf den Stufen vor
-der Haustür. Die Mutter band ihnen saubere Schürzen um und flocht
-dem kleinen Mädchen die Zöpfe. Und sie freuten sich so und waren ganz
-verschämt vor Stolz, und Meisi mußte ihnen versprechen, ein Bild zu
-schicken, natürlich nur, wenn sie nicht gewackelt hätten -- und die Frau
-diktierte umständlich Namen und Adresse. Dann aber, als sie weitergegangen
-waren, hatte sie ihm eingestanden, der Film sei ja schon zu Ende gewesen,
-aber sie hätte der Frau doch die Bitte nicht abschlagen können, und
-die Freude hätte sie nun doch gehabt. Da lachte er, aber es hatte ihn
-verdrossen, und er sagte etwas, das sie furchtbar ärgerte.
-
-Doch solcher Streit war bald verflogen. Dazu war alles viel zu schön; das
-Bergwasser, die prickelnde Luft und der Atem der Wiesen, tanzendes Licht
-und tanzende Schatten! Und sie zwei, sie zwei, ganz allein mitten drin!
-
-Blauer Enzian! Hochstengelig, am Waldrand gewachsen! Wenn man hineinsah in
-die Kelche -- wurde man selbst zur Biene, zur wohlig saugenden. Ach, und
-später dann, ein Stübchen, ein weißgetünchtes, dorthin gingen die
-Gedanken, atemlos, und standen still ... da war ein tannener Tisch und der
-Krug mit den scharf gezackten Blüten darauf; wie sie erst ertranken in der
-Dämmerung und später dann, als das Licht brannte, ihr Schatten erwachte
-auf der kahlen, reinen Wand!
-
-An jenem Abend waren sie, nach stundenlanger Wanderung, in dem kleinen
-Gasthaus eingekehrt, das sich mit seiner Front über dem Berghang erhob,
-an dem das verwitterte Dorf hinunter kroch im Zickzack, an steiler,
-gepflasterter Straße entlang: Häuser mit uralten Schindeldächern,
-kleinen Terrassen und blumenbunten Altanen, Brunnen, wo Frauen Salat
-wuschen und Kühe tranken, stöhnend vor Behagen. Am einzigen, ebenen
-Platz lag die Posthalterei und, etwas erhöht, die kleine Kirche mit
-ihrem Gräbergarten, wo die Toten in einer Wildnis von Rosenbüschen
-und Butterblumen, zitterndem Hafer und flatterndem Mohn, beim Klang der
-Posthörner eine frohmütige Ruhestatt hatten.
-
-Aber Meisis Zimmer sah nicht auf das Dorf hinab, ihre Fenster waren auf der
-Rückseite des Hauses. Dort lag eine weite Wiese, die sanft abwärts glitt
-in ein anderes, unsichtbares Tal. Da war alles weiß von wildem Kümmel,
-und wie dann der Mond hinter dem Lärchenwald aufging, glitzerten die
-flachen Dolden wie Rauhreif; man hätte sich gescheut hinauszutreten,
-diesen Zauber, diese Heiligkeit zu durchkreuzen.
-
-Meisi hatte auf der Fensterbrüstung gesessen, er hinter ihr. Daran will
-ich denken, wenn ich nicht aus und ein weiß, wenn mich der Kopf brennt,
-dachte sie, und dann hatte sie sich zurückgelehnt und ihren Kopf in die
-kleine Mulde gelegt, zwischen seiner Schulter und Brust; da lag sich's
-still und sicher, und sein Herzschlag ging stark und ruhig. »Nun bin ich
-ein kleines braunes Haus,« hatte sie gesagt, »und deine Schulter ist die
-Bergwand, und deine Stirn ist der Gipfel, und nun sollst du sagen: Frieden
-über dem kleinen Haus!« Wann war das gewesen? Vier Wochen, nicht mehr?
-Wann hatte sie ihn denn _nicht_ gekannt? War's möglich, als sie ganz klein
-war, mit einem Korallenkettchen und einer seidenen Masche im Haar, da ging
-er schon irgendwo in die Schule, und später dann war er Student, und
-eine Zeitlang lebten sie gar nicht weit voneinander und hatten doch nichts
-voneinander gewußt. Und nun wußte sie nur noch von ihm und er war die
-süße unbegreifliche Gegenwart; das Frühere ... ach, alles vergessen, so
-ewig lang war das her!
-
-Aber nun sollte es aus sein. Nie wollte sie die Berge wiedersehen. Ach, wie
-furchtbar ist das in der Welt; mit dem Alter, muß man da immer mehr Umwege
-machen, immer mehr Stätten meiden? Nein, wie ein Messer ins Herz würde
-alles hier sein, wenn sie's je wieder sähe ... Auch Blumen gab es hier,
-kleine braune Orchideen, die wie schwedische Handschuhe rochen und jetzt
-eben, das Reseda, nach dem Gießen, und das Geräusch des eisernen Rechens
-im Kies ... das war nun alles schon verloren, sie mußte es von sich tun,
-sich nicht festklammern, nein, hergeben, hingeben, rasch, rasch. Sie wollte
-nach Hause reisen gleich, morgen schon, irgendein Vorwand würde sich schon
-finden. Denn Emmo durfte hier nicht her, nicht eine einzige Stunde. Wenn
-sie es nun alles hergeben mußte, die Wege hier, die wollte sie allein mit
-ihm gegangen sein, kein fremder Fuß, kein fremder Fuß ... Was hatte
-er doch gesagt: »Unser Schmerz ist kostbar, niemand soll die Hand dran
-legen.«
-
-Ja, zu Haus würde es noch am besten sein. Pflichten sind ja auch ein
-Schlafmittel. So eine Art Stundenplan wollte sie sich machen, Sophie sollte
-ihr alles einteilen helfen. Morgens der Tee -- schrecklich -- aber es war
-wohl am besten gleich von früh an; dann Emmo bei den Büchern helfen, es
-war alles in Konfusion, und er dachte immer gleich, er würde betrogen.
-Dann war Interview mit dem Vatikan (Herr und Frau Inspektor trugen diesen
-Kollektivnamen), und da war auch zu begütigen, denn der Inspektor war
-brummig und unfehlbar, aber er hatte schließlich doch immer recht, und
-deshalb gerade konnte Emmo ihn nicht leiden. Dann ging sie wohl auch zur
-Gemeindeschwester, die Kinder sangen so blöde Liedchen; es waren ein paar
-dabei, die waren schön, mit langen Augenwimpern, aber sie durfte sich
-ihre Vorliebe für sie nicht merken lassen, denn es waren die Kinder vom
-polnischen Knecht, der immer betrunken war, und die Frau stahl wie
-eine Elster ... Dann nachsehen, ob Freda alles hatte, was sie brauchte,
-Mariagnes war versorgt, sie malte vormittags im Freien; ganz modern, lila
-Ackergäule auf gelben Feldern, eigentlich paßte das gar nicht zu ihr ...
-warum malte sie nicht all die süßen, stillen Blumen -- ganz genau,
-wie sie waren -- meinte Meisi -- etwas Schöneres konnte man doch
-nicht erfinden ... Mittagessen! O Gott, die Unterhaltung! Wie so ein
-ausgeleiertes Dorfkarussell, man sieht denselben schäbigen Schimmel immer
-schon von weitem kommen. Hinterher mußte Freda in der Veranda etabliert
-werden, mit Memoirenliteratur, sie hatte eine Passion für Marie
-Antoinette. Sophie machte den Kaffee mit ihren lieben, dünngearbeiteten
-Händen. Später ausgehen mit Emmo oder fahren mit Mariagnes und Emmo, er
-war bei allem dabei, was war zu machen; wie eine Stubenfliege, die sich
-einem immer wieder auf die Nase setzt -- der arme Kerl. Zum Tee kamen
-Pastors, und der Pastor redete über die Begehrlichkeit der unteren
-Klassen, war dabei aber gutmütig und half ihr mit den Landstreichern, die
-Emmo immer gleich dem Gendarmen ausliefern wollte. Die Pastorin war fein
-und leise, sie sagte immer: »Mein lieber Mann«, aber sie hatte
-ein Grübchen, wenn sie lächelte, wie herübergerettet aus ihrer
-Jungmädchenzeit. Ihr kleines Töchterchen hatte sich so furchtbar
-verbrüht und war gestorben unter entsetzlichen Qualen. Aber Sonntags saß
-sie in der vordersten Bank und sah zur Kanzel auf und hörte all die Worte
-mit blassem, geduldigem Gesicht ... Ob das wirklich ein Trost war? Manchmal
-ging Emmo zum Förster, da brauchte sie nicht mit. Aber allein mochte
-sie nicht sitzen. Sophie sollte kommen, ihr die Haare kämmen, das machte
-schön schläfrig, oder sie wollten kramen, die Sachen der Schwiegermutter
-waren noch immer nicht verteilt. Die Mahagonischränke seufzten beim
-Öffnen, als sei's die alte Frau selbst ... Später am Abend saß man unten
-im Gartensaal ... Nachtmotten schwirrten um die hohe Lampe, und Mariagnes
-öffnete den alten Flügel und spielte das Frühlingslied von Grieg und
-blieb im Mittelsatz stecken. Sie wollte lesen, sich Bücher kommen lassen,
-über Chemie und Volksernährung, was hatte er doch gesagt: »Meine
-Gedankenwelt, die dir fremd ist« -- Ja und dann, nachher ... Sophie sollte
-bei ihr sitzen und von ihrer Kinderzeit erzählen, von der kleinen Stadt in
-Friesland, bis sie einschlief ...
-
-Sie stand auf, sah sich um, fröstelte; und weil ihr die Glieder wie
-tot waren, griff sie nach seinem Arm, um aufzustehen. Der stützte sie,
-selbstverständlich wie immer. Nun standen sie beim Fenster, und die
-Abendsonne kam nur noch leise durch den Laden. Da fühlte sie ein Zittern,
-ein Werben in seinem Arm, und schon küßten sie einander, angstvoll und
-rasch, ohne Ruhe, ohne Lust, wie sich Menschen küssen, wenn das Schiff
-im Sinken ist. Aber in ihr wartete etwas und spannte sich, bis in die
-Fingerspitzen, und wollte gezwungen sein, nicht weil sie ihm recht gab,
-sondern weil sie ihn liebte. Aber da löste er leise die Arme, und sie
-fühlte ihre Lippen grau werden: Er hat mich geküßt, wie man seinen
-Koffer zuschließt.
-
-Da trat sie noch näher ans Fenster und stieß rasch den Laden auf, und der
-letzte Abendglanz strömte herein und mit ihm der Duft und der Dunst der
-Wiesen. Wie im Traum, wie jenseits einer Brücke sah sie zurück auf
-ihn, sah die kleine zuckende Falte am Augenlid, die den Augen so große
-Freundlichkeit verlieh; die sie so sehr geliebt.
-
-Heute nacht würde sie die Herdenglocken noch hören, fein und deutlich, am
-Berghang herauf. Aber er nicht mehr; denn er würde im Nachtzug sitzen und
-in der Frühe schon im heißen, schläfrigen Süden sein. Und was war's,
-das schon jetzt in ihrem Herzen zu nagen begann, leise, unerbittlich? War's
-der Groll, daß er sie nicht zu zwingen vermocht, alles zu lassen, um mit
-ihm zu gehen, das ganze Leben?
-
-
-
-
-Wie es die Kinder erlebten
-
-
-Es hatte damit angefangen, daß Tischler Dominik, der im übrigen auch
-Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten
-hatte, schließlich doch geholt werden mußte; denn es war unausstehlich
-mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie
-sich schief; »wie ein eigensinniger Bock,« sagte die Kleudchen, und
-erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage
-zurückgebracht werden.
-
-»Und da wir schon einmal dabei sind,« sagte der Meister und starrte
-tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich
-das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«
-
-Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein
-Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn
-dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am
-Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket
-zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor -- von Papa vor
-Jahren aus Italien heimgebracht -- zum Vorschein kamen: Sachen von
-Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern,
-haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die
-Tageshelle.
-
-Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken,
-der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge
-Klappe geöffnet, auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd
-in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war.
-Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige
-Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch,
-»Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie
-wollte etwas sagen, schloß aber wieder den kleinen, vergrämten Mund.
-Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin
-festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein:
-»Die Wappensammlung vom jungen Herrn,« sagte sie und drückte das Heft
-wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte
-hatte noch etwas gelegen, eine Photographie, vergilbt und verblaßt.
-
-»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt,« sagte Ali.
-Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht,
-mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem,
-unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier
-hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in
-russischem Kittel auf dem Schoß.
-
-»Dah,« sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst
-operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«
-
-»Ihr müßt Mama fragen,« sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr,
-die sie gebrauchte, wenn Adallah allzu genaue Auskunft über gewisse
-naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.
-
-Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und
-telegraphierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug
-zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen
-Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens,« sagte er einladend, »nu woll'n
-wer'n Leimtopf heißmachen;« und die Aussicht auf eine gemütliche,
-übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen
-erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte
-man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Dralle =sen.= war schon
-weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber
-Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.
-
-Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die
-auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas
-Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wußten, war es
-Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas,
-das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und
-erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder
-»Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer
-traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes
-Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halber
-Treppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo
-es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst
-nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im
-Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise,
-die Pokale und silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl
-durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts
-verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach,
-Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und
-es ist doch so wunderschön« -- und Adallah eine Terz höher einstimmte:
-»Ach, nur nicht das Gefleckte, Väterchen, abe das Baune auch nicht!«
-
-Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper
-und Geseufz; beinahe wie schuldbewußt sahen sie sich um, oder als stünde
-eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch
-öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen
-zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert
-weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen,
-dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins
-Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen
-und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im
-Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzen
-zurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen
-war: standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die
-unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?
-
-Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte
-Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte
-begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne
-geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und
-Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen
-Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.
-
-Mama! Ja -- das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen
-zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot,
-das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem
-Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht
-Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die
-Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar
-machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah
-Apfelreis, beides so über alle Maßen gräßlich, und da war kein
-Entrinnen. Aber Mama bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich
-selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand,
-wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte,
-so gut es ging, denn das einzige, was man absolut nicht durfte, war
-herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und
-Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So
-ist's besser,« wenn man an ihr vorüberkam, dann mußte Dralle die Longe
-weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war
-ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde
-man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar
-ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall
-ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs
-letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen,
-als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama
-einen küßte, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln
-hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich
-hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich
-glaube gar, der Junge hat Angst,« sagte Mama, und in ihre Augen kam der
-blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern,
-die an Pferdeopfern Freude hatten ...
-
-In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich
-Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger
-Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig,
-in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu
-erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und,
-ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, nervös und rasch aufflammend,
-aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama
-war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr
-keine Überraschungen; hingegen mußte man Papa nur aus dem Wege gehen,
-wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die
-Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick
-unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng
-aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie
-peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich
-und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder,
-feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten
-Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames
-irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.
-
-Wie gräßlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen
-Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos --
-wer weiß? -- ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die
-Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar
-nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem
-Nebelgrau hervor, kam ein gräßlicher Mann mit rotem Gesicht, mit
-rotbesudelter Schürze; das Kälbchen mußte heraus, ganz dumm und warm
-und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es
-wollte nicht, seine Augen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter
-ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne
-Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht
-etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die
-Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat
-Gott die Welt geliebt,« las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der
-Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn
-es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht ...
-Ach, die arme Kuh in dem dunkeln, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war
-ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen
-düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn
-das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte
-sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen.
-Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.
-
-Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn
-es was Ernstes war; sie wußte, was nötig war, und tat alles, ruhig und
-tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und
-wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen
-Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte.
-Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im
-Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo die blauen
-Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs
-und winters um sieben. Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau
-war, fuhr schuldbewußt zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen
-ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer
-endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder,
-goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen
-Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen,
-kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein
-Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama
-etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen.
-Mama _kämpfte_ sogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablaß
-fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu
-fahren ...
-
-Ali und Adallah mußten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und
-Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem
-Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen
-nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der
-Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus.
-Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so
-entwöhnt, daß es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch
-weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht
-dazu da.
-
-Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die
-schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand,
-konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein
-gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs
-Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im
-Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz
-trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast
-wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn
-Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die
-Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über
-sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt
-antat; aber Adallah wurde rot und blaß und senkte die Augen, sobald nur
-Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert,
-gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand,« sagte Mama, die es gewiß fertig
-gebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis zu küssen. In aller
-Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon
-überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen
-Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze
-Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor
-Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so daß er
-morgen absagen mußte. Aber das Zaubermittel versagte, während es doch
-damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um
-etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es
-lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen,
-es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die
-halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb
-war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott,
-nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als
-müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war ein glühender, regenloser Sommer, wie es hier die Regel war, aber
-so wie dieses Jahr doch seit langer Zeit nicht. Schon im Mai hatte die
-Dürre eingesetzt, und jetzt war alles verbrannt. Das Akazienlaub hing gelb
-und tot von den Stengeln, die Linden waren auf der Windseite wie versengt.
-Alles schlich matt einher, der Inspektor wie ein schwarzes Gewölk.
-Papa, der, schon ganz elend von all den Hiobsposten, richtig auch
-seinen Nervenschmerz bekommen hatte, ging mit Kölnischwasser und einem
-Zerstäuber durch die Stuben und spritzte die Gardinen an. Tante Brunislawa
-sagte: »Gott, bester Thilo, wenn du doch Patience lernen würdest,
-das beruhigt und die Zeit geht so schön vorbei.« -- »Ja, und die
-Gehirnerweichung tritt ein,« knurrte Papa. Mama schwieg mit hochgezogenen
-Brauen, aber in der Schläfe ging der kleine Hammer.
-
-Pastor Gordon hatte am Vormittag Unterricht gegeben: Kopfrechnen und
-Geographie und natürlich auch Religion; an Alis Horizont machte sich
-außerdem das Lateinische unangenehm bemerkbar.
-
-Mama saß im Vorplatz, der mit Strohmatten, Korbmöbeln und undeutlichen
-Aquarellen an den Wänden als Gartensaal gedacht war; winters über standen
-hier auch die Oleander und Geranien in ihren grünen Kübeln. Sie half der
-Kleudchen beim Erbsenauspahlen; es war die höchste Zeit mit dem Einmachen,
-sie fingen schon an runzlig zu werden. Adallah hätte gern geholfen, er
-liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen, der Küchenjunge im
-Märchen erregte stets seinen unverfälschten Neid; aber nun sollte er
-schon wieder hinaus, und nicht etwa in den Stall zum Gefleckten, das seit
-einigen Tagen wässerige Äugelchen geöffnet hatte und bedeutend klüger
-zu werden versprach als das Braune, sondern ans andere Ende vom Dorf, mit
-einem Paket für die alte Schröder, die doch bloß ächzte und krächzte
-und keine Ruhe ließ, bis man eins von ihren unappetitlichen Malzbonbons
-nahm. So trollte er mißvergnügt von dannen.
-
-Die Erbsen fielen hart wie kleine Kugeln in die Schüssel. Mama blickte
-auf zum Gatten, der in einem Korbsessel lag und sich mit der schmalen,
-sensitiven van-Dyk-Hand ab und zu nervös durchs Haar fuhr, dies allzu
-krause Haar, das die Gerüchte, die über den Stammbaum seiner Großmutter
-umliefen, zu rechtfertigen schien.
-
-»Gordon ist mit den Fortschritten der Kinder nicht recht zufrieden,«
-sagte sie.
-
-»Gott, die armen Bengels« -- der Gatte zuckte übers ganze Gesicht,
-die Fliegen waren heute geradezu ekelhaft -- »bei dieser Hitze auch noch
-lernen! Und dann so langweilig, immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur.
-In der Schule kann man sich doch mal durchschwindeln, und schließlich,
-wenn man kein absolutes Kamel ist, lernt man ja doch das Nötige. Eine
-Schule wäre viel besser für die Jungens.«
-
-»Aber das läßt sich jetzt doch nicht einrichten, Thilo, wo's mit den
-Pferden so knapp ist -- allenfalls hinradeln könnten sie, aber zweimal des
-Tags all die Kilometer -- dazu sind sie doch noch sehr klein ...«
-
-»Ach, so meine ich's nicht, das weißt du ganz gut; Kadettenhaus oder
-Ritterakademie, das ist das einzig wahre für ein paar ordentliche
-Jungens.«
-
-»Die Erfahrungen, die du _damit_ gemacht hast, dürften doch wohl
-genügen.«
-
-Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die
-Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wußte, wann sie
-lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel
-verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit
-die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der
-geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos ajustierten Bereiter,
-die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und der lächelnden Dame
-im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte
-überreichen ...
-
-Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber:
-»Ich glaube nicht, daß Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt
-wird, zu Duckmäusern werden,« sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt
-nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten
-in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre
-große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an
-auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt,
-ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das wichtigste,
-viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich,
-wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's
-mir ein, und darum muß ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts
-für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts
-Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie
-Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das
-Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«
-
-Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die
-Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen
-waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme paßte zu den Augen:
-»Eins aber,« sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf
-klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit
-gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist,
-sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann ... nicht anders könnten. Was
-sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr
-und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können
-nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das _ganz_
-Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht
-und einer einsieht, daß er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was
-die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann
-ihm schaden, wer kann ihn besiegen? ...«
-
-Dem Gatten waren solche Aussprachen -- die meistens als Monologe
-verliefen --, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz
-verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen
-ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine
-Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für
-gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas
-durch: Mißtrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen,
-über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten
-aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen
-wurde es immer ärger. Er war gewiß für Religion; mein Gott, wohin
-geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz
-unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur.
-Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich -- sie
-konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich;
-und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck
-die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte -- ja, sogar wenn sie
-schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.
-
-Er stand auf und sagte: »Wir wollen uns doch nicht über Grundsätze und
-dergleichen ereifern; dazu ist es heute viel zu warm. Jedenfalls, ich bin
-wie eine tote Fliege und gänzlich kampfunfähig. Meine Ansicht in der
-Sache, die uns vor allen andern beschäftigt, kennst du. Möglichste
-Schonung nach allen Seiten. Auch gegen uns selbst. Auch gegen die
-konventionellen Hühneraugen unserer Nachbarn und Standesgenossen. Man lebt
-eben nicht auf einer Robinsoninsel, nur mit einem Lama und einem Papagei.
-Aber die Zeit ist der beste Alliierte, und die Menschen vergessen nur zu
-gern, wenn sie dadurch einer Unbehaglichkeit aus dem Wege gehen können. In
-einigen Jahren kann man das Gras mähen, das darüber gewachsen ist.«
-
-»Ja, in Dingen der Weltklugheit rede ich nicht mit, das liegt mir nicht.
-Hier im Haus aber, wozu das Versteckspiel? Ich will Freud und Leid tragen,
-ohne Scham, wo ich doch keine empfinde. Warum auch, es liegt ja alles so
-einfach. Man macht so oft die Dinge kompliziert, bloß aus Furcht. Und
-ich hasse die Furcht. Es ist etwas Fremdes, es soll nicht an uns heran. O
-Thilo, du _mußt_ mir ja recht geben. Sollen wir denn erröten, wenn das
-Evangelium vom verlorenen Sohn gelesen wird? Was ist uns das Geschwätz von
-Nachbarn und Standesgenossen? Nicht mehr als der Rauch deiner Zigarette.
-Denk an die großen Jagdrennen, früher, oh, wie stolz war ich auf dich,
-Thilo. Immer der erste, kein Gedanken an Gefahr. Willst du dich vor dem
-Gerede mehr fürchten als vor dem irischen Wall in Iffezheim?«
-
-In ihre Augen war feuchter Glanz gekommen, ihre Farbe kam und ging. Ganz
-jung sah sie wieder aus, wie damals ... Schumanns »Widmung« fiel ihm
-plötzlich ein, die sein Vetter Landrat -- Theo mit den Lakritzenaugen --
-am Polterabend hinter der kleinen Bühne gesungen hatte; er hörte noch
-die gaumige Baritonstimme, die ihn damals tief gerührt hatte: »Mein guter
-Geist, mein beßres Ich!« Und an den Tag in Iffezheim hatten ihre Worte
-gemahnt. Eine rasche, heiße Welle des Erinnerns ging ihm durchs Blut.
-Wie sie dort auf einem schmalen Brett gestanden hatte, hochgereckt, in
-dem weißen Sommerkleid, das der Wind fest zurückblies um ihre feinen,
-mädchenhaften Glieder, den Hut etwas nach hinten geschoben, das Haar
-verwirrt um die leuchtende Stirn, und ihre großen reinen Augen so
-strahlend und voll Vertrauen auf seinen Sieg, sie, die in ihrer Unschuld
-doch schließlich auf das Körperliche hereingefallen war und dem
-stählernen, furchtlosen Reiter auch Seelenstärke und Unabhängigkeit
-des Denkens angedichtet hatte; warum eigentlich? Weil er einen geraden,
-guttrainierten Körper besaß und eine gewisse Art physischer Furcht nicht
-kannte? Jugend, Jugend! Von ihrem Glauben getragen war er sich schließlich
-selbst wie ein famoser Kerl vorgekommen, auserwählt, dieses scheue und
-doch unendlich aufrichtige Geschöpf an sich zu fesseln ... Er seufzte
-auf und küßte, sich plötzlich vorbeugend, ihre herabhängende Hand. Der
-Schmerz zog wieder so elend in seinem Genickwirbel. Da stand er auf und
-ging in sein halbdunkles Zimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch so viel
-angesammelte, aufgeschobene Arbeit wartete.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Das war am Dienstag gewesen, Mittwoch kam, nicht heißer, das war nicht
-möglich, aber noch bleierner, schon seit dem frühen Morgen. Die Pferde
-fuhren mit großen Tonnen zum See hinunter, es sollte heute wieder im
-Gemüsegarten gegossen werden; Park und Blumen mußte man ihrem Schicksal
-überlassen, da war für diesmal nichts mehr zu machen, die Fliederbüsche
-standen grau und matt und an den Wegrändern häuften sich ihre
-zusammengerollten Blätter, die braunen Grasflächen dehnten sich wie
-schäbige Löwenfelle, und auch die Linden auf der Terrasse ließen
-runzlige Blätter niedersinken; wär' es nicht so furchtbar heiß gewesen,
-es hätte Oktober sein können.
-
-Papa saß unter den Platanen, gerade oberhalb der Wiesen, die sich bis
-zum See erstreckten. Er wurde stets sentimental, wenn er von diesem etwas
-erhöhten Platz die Landschaft überblickte.
-
-»Hier will ich einmal ruhen, unter einem schlichten Stein,« sagte er, und
-seine Stimme bebte ein wenig bei dieser Vorstellung; er legte wie segnend
-die Hand auf Alis kleinen, frischgeschorenen Kopf (Ali wünschte sich in
-solchen pathetischen Momenten klaftertief unter die Erde, das Erhabene lag
-ihm nicht), »das ist das rechte Grab für einen ehrlichen Reitersmann.«
-Papas Augen blickten verschwommen. Nachdem die Post am Vormittag gekommen
-war, war's mit den Nerven ganz bös geworden, da hatte wieder das winzige
-Spritzchen helfen müssen. Ali war gerade dazugekommen. »Sage nichts an
-Mama,« flüsterte Papa und sah sich etwas schuldbewußt um, »du weißt
-ja, wie gut sie ist; sie macht sich dann immer gleich Sorgen. Aber bei dem
-verdammten Bohren ist es nun mal das einzige ...«
-
-Der Himmel über dem See war blauschwarz; er schien sich immer tiefer
-zu senken, der große Roggenschlag jenseits leuchtete fahl, unheimlich
-deutlich unter dem finsteren Gewölk. Papas Hand lag noch immer schwer
-auf Alis braunem Maulwurfsfell. Nun kam der Knecht mit den letzten Tonnen.
-»Heut nacht wird's losgehen, Herr Rittmeister,« sagte er und legte
-militärisch grüßend die Finger an die alte, verfärbte Soldatenmütze.
-Die Räder ächzten, aber das hartgebrannte Wiesenland gab kaum nach unter
-der Last ...
-
-Auf der Terrasse vor der Haustür stand Mama in ihrem leinenen Reitkleid;
-sie hatte eben noch mal nach dem Vorwerk reiten wollen, um die neue
-Mamsell zu beraten: da war eben das Telegramm gekommen. Mit ihrem
-glatt zurückgestrichenen Haar unter der Mütze glich sie einem lang
-aufgeschossenen Jungen, wie sie da an der Rampe lehnte, die Hände in den
-Jackentaschen, der Fuß ungeduldig tappend. Sie händigte ihrem Mann das
-Telegramm ein.
-
-»Der Bote wartet.«
-
-»Mein Gott, warum hast du nicht aufgemacht?«
-
-»Bitte, es ist an dich adressiert,« sagte Mama, die in solchen Dingen
-äußerst empfindlich war; Tante Brunislawas naiv gründliche Art,
-Ansichtspostkarten zu studieren, die nicht an sie gerichtet waren, konnte
-ihr Gänsehaut verursachen.
-
-»Heute, acht Uhr zwanzig,« las Papa leise. Das Blut war ihm zu Kopf
-geschossen. »Laß Dralle rufen, bitte,« sagte er, schon an seiner Tür im
-Erdgeschoß.
-
-»Ich gehe selbst.«
-
-Mama ging hinaus in die bleierne Glut.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dralle saß in Hemdärmeln und gestreifter Weste auf der Bank vor der
-Sattelkammer und vesperte. »Dralle,« sagte die gnädige Frau, »Sie
-möchten zum Herrn kommen, er braucht Sie heut abend zur Bahn.« Die Hände
-am Gürtel stand sie vor ihm, ganz blaß in der flimmernden Luft. Reglos,
-aber doch bebte alles an ihr. Wäre sie ein junges nervöses Pferd gewesen,
-so hätte der Alte gewußt, was zu tun; mit seiner breiten, ruhigen Hand
-und tiefen Brummstimme verstand er's, allem, was in seine Obhut kam, Ruhe
-und Vertrauen einzuflößen. So aber fuhr er in die Höhe und stand still:
-»Zu Befehl! ...« Aber in seine Augen unter den schräghängenden Lidern
-war der wachsame Hundeblick gekommen, den sie kannte, und der tat ihr wohl.
-Denn der Alte war aus ihrer Heimat, dort im Lüneburgschen, wo die
-Menschen so herrlich mundfaul waren; als sie heiratete, war er, ganz
-selbstverständlich, mitgekommen, der sie als Kind schon reiten und fahren
-gelehrt hatte und wie man sein Pferd selber putzt und sattelt. Zwischen
-ihnen waren nie viel Worte nötig gewesen.
-
-»Ich wollte Ihnen längst schon sagen, Dralle,« fuhr sie etwas unsicher
-fort, und das zuckende Grübchen in der Wange kam und ging, »wie dankbar
-ich Ihnen bin, daß jetzt alles in den Ställen so ruhig und ordentlich
-zugeht, zumal mit den neuen Leuten.« Dann wandte sie sich zum Stall.
-Dorthin ging sie so manchesmal.
-
-Drinnen waren die Fenster verhängt; alles kühl dämmerig und totenstill,
-die Stände leer, die Pferde noch auf dem Felde. In einer Ecke, neben der
-Haferkiste, krochen Erdas Kinder, das Braune und das Gefleckte, auf weichen
-Gummibeinchen im Stroh. Sie stießen flehende Tönchen aus, wie sie Gerda
-kommen sahen, und blickten zu ihr auf mit dem tieftraurigen Blick und den
-sorgenschweren Stirnen, die jungen Hühnerhunden eigen sind. »Ihr Armen,«
-sagte sie, von Mitleid plötzlich überfallen; so etwas Junges, Wehrloses;
-ganz hoffnungslose Augen machten sie ...
-
-Weiter zurück wieherte es leise. Das war Thilos altes Rennpferd, Cara, die
-schon mehrere wertvolle Fohlen gebracht hatte und dort, etwas entfernt von
-den robusteren Stallgenossen, das abgesonderte Dasein einer entthronten
-Königin führte. Feingefesselt, blank und seidig wie reife Edelkastanien
-stand sie in der Box und hatte den schönen, kleinen Kopf über die Wand
-gelegt. »Cara,« sagte die Frau und öffnete, und schon fühlte sie die
-warmen Nüstern an ihrer Wange. Ein Sonnenstrahl schlüpfte herein, die
-großen Pferdeaugen glühten wild und zärtlich auf. Sie stellte sich dicht
-an die alte Mutterstute und drückte das Gesicht in die warme Höhlung
-zwischen Schulter und Hals, wo das Netzwerk der Adern schauerte. Ihr war,
-als stünde sie an eine Schwester gelehnt, die verzaubert war und nicht
-reden konnte, aber alles verstand; alles was kühn und heiß und traurig
-ihr Herz aufrauschen ließ und plötzlich ihren Blick verdunkelte.
-
-»Du und ich, Cara, du und ich --« sagte sie und wußte nicht, daß sie
-gesprochen hatte. Und dann mußte sie gehen, und die alte Cara legte wieder
-den Kopf über die Wand und sah ihr nach, diesmal ohne zu wiehern ...
-
- * * * * *
-
-Die Kinder hatten noch Aufgaben für morgen. Aber sie blieben in dem
-langen, hellen Gang stehen, an dessen äußerstem Ende sich ein hohes
-Fenster nach dem Park zu auftat. Heute waren die weißen Vorhänge
-zugezogen, es herrschte ein totes, weißes Licht; es war ganz still, nicht
-einmal eine Wespe summte. Wie auf dem Meeresgrund, dachte Ali. Er hatte zu
-Weihnachten ein Buch bekommen mit Bildern von Korallen und Seeanemonen, die
-Schatten warfen auf den glatten weißen Sand, viele hundert Faden tief.
-
-Die Kleudchen saß dort am Fenster, klein und dunkel, wie am Ende der Welt,
-vor ihr der Tisch, wo sich sonst die Flickwäsche türmte. Heute stand
-eine Schüssel darauf, und die Kleudchen hatte Minka, ihre kleine, fette
-Wachtelhündin, auf dem Schoß; sie fing ihr die Flöhe.
-
-»Da,« sagte Adallah, der gleich Feuer und Flamme wurde, solche Jagd war
-doch zu interessant, »du mußt den Finger naß machen, Fau Kleudchen, dann
-geht's besser.«
-
-»Ja, die kleinen Schwarzen sind zu fix,« sagte die Kleudchen, »das sind
-die Männchen. Die großen Braunen können nicht so rennen.« Sie steckte
-wieder einen ins Wasser. »Da könnt ihr zappeln,« sagte sie rachsüchtig.
-
-»Fau Kleudchen,« sagte Adallah, »Vate fäht zu Bahn; es is 'n Tegamm
-gekommen.« Die Kleudchen ließ Minka zur Erde gleiten. Ihr kleiner,
-zahnloser Mund schnurrte zart und gramvoll zusammen. Sie blickte vor sich
-hin. Dann stand sie auf und ging mit kleinen, knappen Altweiberschritten
-den Korridor hinunter; der Kamm steckte in der Tasche ihrer schwarzen
-Moiréschürze; Minka watschelte kurzatmig hinterdrein.
-
-»Kinder, Kinder,« sagte die Kleudchen. Und dann: »Macht euch nun an eure
-Aufgaben, nicht wahr?«
-
-Sie ging die Treppe hinauf, es krachte bei jedem Schritt, sie mußte sich
-am Geländer festhalten; auf halber Stiege machte sie halt. Die Kinder
-hörten sie in das verschlossene Zimmer gehn; dann machten sie sich an ihre
-Aufgaben für Herrn Pastor Gordon.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Nun war die abendliche Milchsuppe glücklich vertilgt, ein Gericht der
-Ewigen Wiederkehr, dem ebenso regelmäßig eine Schüssel der Jahreszeit
-entsprechenden Kompotts folgte. Adallah, der Obst nur in rohem, wenn
-möglich unreifem Zustande würdigte, hatte namentlich vor gekochten
-Pflaumen einen Abscheu, während ihnen Ali einen sekundären Reiz abgewann,
-indem er später die Kerne gegen die geschwärzten Ahnenbilder im Korridor
-spuckte. Er hatte sich darin zu einem wahren Scharfschützen ausgebildet.
-
-Auch diesmal räsonierte Adallah leise mufflich vor sich hin, und die
-Kleudchen hatte ein Einsehen und räumte alles ohne Gegenrede weg. Sie
-schien heute nur auf eins zu drängen, daß die Kinder möglichst bald
-schlafen gingen.
-
-Das Gewitter war noch immer zu keinem Entschluß gekommen. Auf der Seeseite
-zuckte es ab und zu fahl auf, und die Haufen dürrer Lindenblätter
-wirbelten plötzlich auseinander, wenn ein kleiner Windstoß sie
-aufkescherte. Die Schwüle hatte sich eine Spur gehoben, wer konnte sagen,
-ob heute nacht noch die Erlösung kam.
-
-Nachdem sie ein wenig an einem Lampenschirm für Papas Geburtstag gepappt
-hatten, gingen die Brüder, ziemlich klebrig und deprimiert, hinauf in den
-Giebel, wo ihr Zimmer war. Sie schliefen dort allein. Es war eine Diele in
-der Mitte, auf welche drei Türen mündeten; ihnen gegenüber ein dem ihren
-ähnlicher Raum, wo Kleudchen die besseren Äpfel und allerhand Kräuter
-verwahrte, Fenchel, Krauseminze und Zitronenmelisse; es roch nach Apotheke
-durch die Türritzen. Im Hintergrund aber war ein Verschlag, wo Koffer
-und Körbe aufgestapelt standen, auch mancherlei ausrangiertes Mobiliar,
-kummervoll aussehende Lehnstühle und Etageren, denen Dominik bei
-Gelegenheit zu neuem Jugendglanze verhalf. Im Dämmerlicht gab es dort
-kuriose Umrisse, Schatten und Geräusche.
-
-Die beiden genossen ihre Freiheit im Giebel, aber es gab auch Momente, wo
-sie lieber unten geschlafen hätten oder im Seitengebäude, wo Kleudchen
-ihr Reich hatte. Aber sie schämten sich, es einzugestehen. »Ich glaube
-gar, ihr habt _Angst_?« würde Mama sagen und die Augenbrauen hochziehen.
-Nein, lieber knackende Schränke und unmotivierte, schlurrende Geräusche
-als das! Heute aber, mit dem Gewitter in den Gliedern, lagen sie recht
-klein und kümmerlich in ihren Bettchen, mit großen Augen zum Gebälk
-aufschauend, wo ein pelziger Nachtschmetterling mit Gebrumm seine Kreise
-zog.
-
- »Will Satan mich verschlingen,
- So laß die Engel singen:
- Dies Kind soll unverletzet sein,«
-
-betete Ali mit Nachdruck; sie hatten beide eine Vorliebe für
-diese hochdramatische Stelle. Und »Amen« klang es leise stockschnupfig
-aus Adallahs Bett an der anderen Wand. Diesem war der Gedanke an »Satan«
-heute abend gar nicht so genußreich wie sonst.
-
-Die Kleudchen sah mit dem Licht in der Hand mehr denn je aus wie eine
-treue, zuverlässige Hexe; den Kindern kam sie vor wie ihre einzige
-Rettungsplanke. Es war einsam und schwül hier oben, und morgen war
-Doktor-Löschwitz-Tag; sie würden wieder mit ihm spazierengehen müssen,
-so langweilig; er wollte nie aus dem stickigen Park heraus. Herr Doktor
-Löschwitz kam stets im Bratenrock, er führte sie bei der Hand, er
-sagte ab und zu: »Nun, meine kleinen Freunde, und was machen die
-Wissenschaften?« oder: »Nun, Freund Albrecht, wie sagt der Lateiner?«
-Lauter so einfältige Fragen, auf die man gar nichts zu antworten wußte;
-aber er ließ nicht los, und seine Hände waren heiß und knöchern in den
-knirschenden Zwirnhandschuhen.
-
-»Frau Kleudchen, bleib doch da,« sagte Adallah weinerlich, er war nun
-schon ganz haltlos. Sie saßen noch aufrecht, vom Beten her; ihre Hälschen
-streckten sich nach ihr aus wie Vogelhälse über den Nestrand. Die
-Kleudchen stand zögernd mit dem Licht; ihr Schatten schwankte langnasig
-über die Tapete. »Ich komme in zehn Minuten und bring' euch noch frisches
-Wasser,« sagte sie. Bis dahin würden sie eingeschlafen sein. Doch die
-beiden wurden wohl schläfrig, aber darunter blieb eine eigentümliche
-Unruhe bestehen. Papa war noch vor dem Abendbrot mit Dralle weggefahren,
-bei der Dürre konnte man den kürzeren Sandweg nicht nehmen. Unten saßen
-jetzt Mama und Herr Pastor, der immer am Mittwoch zum Tee kam. Aber heute
-blieb er nicht, das war seine knappe Art zu reden, auf dem Vorplatz, und
-nun Mamas tönende Stimme: »Ja, da ist der Regenschirm;« und dann ging
-die Haustür und fiel ins Schloß. Nun war es totenstill, nein, war das
-nicht Mama, die im Gartensaal auf und ab ging? Wenn sie ans andere Ende
-kam, drehte sie sich mit einem kleinen Ruck. Abends trug sie immer ein
-seidenes Kleid, und es war ihr im Wege, und dann sagte sie: »Ach, das
-gräßliche Kleid ...«
-
-Ja, die Frau im Gartensaal ging schon eine Weile auf und nieder, die Hände
-auf dem Rücken, den Blick geradeaus, ohne viel zu sehen. Manchmal stand
-sie an der Glastür still und sah in die Finsternis, und wenn ein Blitz
-kam, blieben ihre Augen ruhig, als schauten sie andere Dinge.
-
-Dieser Pastor gehörte also auch zu den Menschen, die »zum Guten« reden.
-Sie hatte Thilo beredet, die Stelle an Gordon zu geben. Seine schottische
-Abkunft, seine hagere, asketische Erscheinung, sein physischer Mut --
-damals, als sich der Bulle losgerissen hatte --, das alles hatte sich
-in ihr mit Vorstellungen von Cromwells ernsten Scharen zu einem Bilde
-puritanischer Einfalt und Furchtlosigkeit gestaltet, das eine heimliche,
-romantische Saite in ihr zum Schwingen brachte. Aber sie wurde seit einiger
-Zeit die Empfindung nicht los, daß Gordon bei allem, was er tat, in seinem
-eigenen Bewußtsein ein unsichtbares Publikum besaß. Es war nicht der
-gewöhnliche, äußerliche Ehrgeiz, den sie durchfühlte, nein, etwas
-Raffinierteres, den Ehrgeiz der Entsagung, der seiner Demut den heimlichen,
-erquickenden Stachel gab. Und sie erkannte, daß er in schwierigen
-Momenten versagen mußte, weil er nicht einfach genug war für all die
-Kompliziertheiten des Lebens.
-
-So hatte sie denn allein, wie sie es gewohnt war, in diesen Tagen tief
-in die letzten Winkel ihres Herzens hineingeleuchtet, eine jener
-Generalrevisionen vorgenommen, wie sie ihr die frommen, livländischen
-Freundinnen als ordentliche und außerordentliche Exerzitien -- ähnlich
-den Alarmübungen der freiwilligen Feuerwehr -- so liebevoll eindringlich
-empfohlen hatten, und wenn sie dabei auch in anderem Geiste verfuhr als die
-sanften Gemeinschaftlerinnen, ihr war solche Übung von Zeit zu Zeit recht.
-In den zehn Jahren, die sie hier lebte, hatte sie Thilo mehr und mehr das
-Geschäftliche, die Rechnerei, die ihn so furchtbar irritierte, abgenommen,
-hatte mit mancher Unordnung und Unredlichkeit aufgeräumt, für die sie ihm
-im stillen schwerere Schuld gab als denen, die träge Vertrauensseligkeit
-in Versuchung führte. Dabei hatte sich ihr Blick geschärft, sich
-gewöhnt, Ursache und Wirkung fast gleichzeitig zu erkennen und
-auseinanderzuhalten. Nun wollte sie auch sich selbst nicht schonen, nein,
-um jeden Preis mit ihrem Gott ins reine kommen. Und da hatte sie manches
-gefunden, was sie beschämte, Selbstüberhebung, Herrschsucht, Heftigkeit,
-sogar gegen Untergebene, die sich nicht wehren konnten -- recht erbärmlich
-war's gewesen; aber Menschenfurcht und Eigennutz waren nicht dabei. Sie
-hatte Thilo angefleht, hatte darum gekämpft, den Fremdgewordenen, das
-zertrümmerte Leben, das heute nur auf wenig Stunden hier einkehren sollte,
-nicht wieder von sich zu lassen. Er hatte doch nun seine Sünde verbüßt,
-nach dem Rechtsspruch, der bei all den braven, hochgeachteten Leuten
-galt, die unversucht in Ehren starben und begraben wurden, und für deren
-Gesetze, die trotz aller Tüftelei nie bis zu den letzten verwirrten
-Wurzeln einer Handlung drangen, sie dieselbe Geringschätzung empfand
-wie ein überzeugter Naturarzt für die Pflaster und Schlafmittel der
-berufsmäßigen Doktoren. Was half's, das Evangelium vom verlorenen Sohn
-zu bekennen, wenn man das Herz nicht hatte zu tun, was jener israelitische
-Vater getan? Aber das war eben die Halbheit, die Willensschwäche,
-dasselbe, was Thilo die unangenehmen Abrechnungen von Woche zu Woche
-verschieben oder ihn zu der feigen Spritze greifen ließ, sobald es
-stärker in der Schulter bohrte, dasselbe, was ihn seine jüdische
-Großmutter verleugnen ließ, aus deren Mitgift doch die Vorwerke
-zurückgekauft, der englische Park und die nunmehr verfallenen Treibhäuser
-angelegt worden waren. Unbegreiflich! Hätte sie auch nur einen Tropfen des
-verpönten Blutes in den Adern gehabt, nie hätte sie's verleugnet. Ach,
-sie hatte sie gesehen, damals, in Livland, diese heimatlosen, jüdischen
-Leute, auf kleinen, öden Bahnhöfen gestrandet, im rieselnden Landregen
-oder in Glut und Staub zusammengekauert, gleich aufgescheuchten
-Nachttieren, denen plötzlich das Licht scharf und ohne Erbarmen in
-die Augen brennt. Diese Kinder, denen das bittere Leben schon so viel
-unkindliche Pfiffigkeit beigebracht hatte, diese engbrüstigen Männer,
-die etwas Weichzähes hatten, Geschöpfe, die sich zugleich anschmiegen
-und festklammern müssen, um zu bestehen; diese uralten Judenmütter,
-unbeweglich, ganz verwittert wie Steinbrüche; nicht ihr eigenes Alter,
-nein, all die tausend Jahre ihres Volkes schienen in ihre Runzeln
-eingezeichnet. Vor wenig Wochen saßen sie zwischen Kindern und
-Kindeskindern, am schöngedeckten Tisch, vor sich den heiligen Leuchter,
-den Kuchen und den Wein, und nun hockten sie hier, die Füße im Graben!
-Oh, ihr Wasser Babylons! Ein junger rothaariger Jude hatte traurig auf
-der Ziehharmonika gespielt. Und sie hatte sich so brennend gewünscht, ein
-großer Maler möchte das malen, wie sie es sah, den flimmernden Staub, die
-trostlose Landstraße, die Jammervollen da am Graben entlang. Aber hinter
-ihnen, riesengroß, geisterhaft, silberglühend in der gelben Mittagsglut,
-ein Kreuz, und unser Herr und Heiland daran, der die blutenden Hände von
-den Nägeln losgerissen hat und hinunterstreckt zu den Ausgewiesenen in
-unendlichem Jammer! Aber sie wurden verleugnet. Und verleugnen kam
-doch gleich nach verraten; ja, war's nicht noch schmählicher, so etwas
-Passives, Bequemes? Man hielt einfach den Mund, wo man hätte reden
-müssen, weiter nichts!
-
-Aber ihre eigenen kleinen Söhne dort oben -- es kam ein kurzes, trockenes
-Aufschluchzen in ihre Kehle --, die sollten unberührt bleiben von der
-Welt. Sie sollten nur wahr sein und deshalb furchtlos, ganz ohne Furcht und
-darum wahr. Vertuschen, schweigen oder sagen: ich kenne ihn nicht -- nein,
-das würde ihren Jungen unmöglich sein; da hatten ihre eigenen Vorfahren
-ein Wort mitzureden, die alten Niedersachsen, die lieber mit ihren toten
-heidnischen Brüdern verdammt sein wollten, als ohne sie himmlische Freuden
-gewinnen. Auf einen Augenblick sprühte der blaue Funken in ihren Augen
-auf, der die Kinder, wenn sie ihn erhaschten, eine fremde, ungezähmte Mama
-ahnen ließ, die ihren eigenen Weg ging, auf den so kleine Jungens nicht
-mitgenommen wurden.
-
-Wahr sein! Ach, nur das, nur das, alles andere legte sie gern in Gottes
-Hand, wollte heiter sein, nicht sorgen um den kommenden Tag, so wie die
-Freundinnen es ihr anempfohlen, deren tiefe Herzensruhe alles um sie her
-glättete und ganz einfach machte. Aber in dieser einen Sache, da mußte
-sie selber Posten stehen, zur Stelle sein mit Augen und Händen und ihrem
-ganzen Verstand; da galt der Spruch, der ihrem Wesen entsprach: Mensch,
-hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Denn sie wußte, wenn es später
-hiermit nicht stimmen sollte, würde sie nie vermögen, sich ein X für ein
-U zu machen, es als eine Schickung hinzunehmen, es dem allwissenden Gott in
-die Schuhe zu schieben, sozusagen.
-
-So ging sie auf und ab. Der lange Raum war halbdunkel, die Lampe über
-dem Teetisch machte nur die eine Ecke hell und heimlich. Aber die Blitze
-zerrissen die Nacht in immer kürzeren Intervallen. Unter ihrem Augenlid
-fing es wieder an zu zucken, das Kleid hing ihr schwer um die Glieder.
-Einmal griff sie nach dem Türpfosten und lehnte den Kopf auf den Arm,
-sekundenlang: wie mochte wohl Frauen zumute sein, die ruhevoll und ohne
-Zweifel den _anderen_ entscheiden ließen und wußten, es würde gut sein,
-was er auch erwählte? So ein Mann wie ein großer schützender Baum!
-Solche Frauen mußten doch einen wunderbaren Frieden haben, so großen
-Frieden, daß die Werktage fast wie Sonntage wurden ... Oh, die dummen,
-schmerzhaft-süßen Gedanken, ganz matt wurde man davon; besser, sie nicht
-weiter zu spinnen.
-
-Neben ihr auf einem Gartentisch standen allerhand blühende Töpfe. Sie
-knipste ein wohlriechendes Geraniumblatt ab und steckte es an den Gürtel,
-die herbe Süße tat ihr wohl. Sie hatte so ganz verschwiegene Vorlieben
-unter den Blumen. Nun war wieder ein Lächeln in ihre Augen gekommen.
-
-Es schlug zehn. Da ging sie zu der erleuchteten Ecke. Mit ihren schönen
-ruhigen Händen zündete sie das Flämmchen unter dem Teewasser an,
-rückte Schüsseln und Blumen zurecht. Gleich würde die arme Brunislawa
-geschlüpft kommen und sich schüchtern und gewichtlos auf der Sofakante
-niederlassen, als hätte sie kein Recht dazu. So überbescheidene Menschen
-waren im Grunde doch nervenangreifend. Ja und nun in ein paar Minuten
-mußte der Wagen da sein.
-
- * * * * *
-
-Ali und Adallah waren, nachdem ihnen die Kleudchen Wasser gebracht, doch
-eingeschlafen. Aber nun wachten sie, ziemlich gleichzeitig, heiß und
-unruhig auf.
-
-Das Gewitter schien jetzt Ernst zu machen. Das war kein Wetterleuchten
-mehr, sondern scharfes, bläuliches Blitzen. Der Donner kam immer näher
-und die Stimme des Windes hatte etwas zornig Pfeifendes, ähnlich wie
-der Bulle, wenn er ganz böse war und den Kopf zwischen die Vorderfüße
-bohrte. Die Fensterflügel zerrten in den Haken, und irgendwo war ein Laden
-locker geworden und klappte mit jedem Windstoß. Man hörte Baumwipfel
-sausen, tief und unheilvoll, Blätter huschten am Fenster vorbei; dann
-war es wieder ganz schwarz. Einmal mischte sich auch Rädergeroll in das
-Donnern. Die Haustür ging, Pferde stampften. »Oooda --« das war Dralles
-Stimme, die Braunen wollten nicht stehen bei dem Blitzen.
-
-Die Kinder lagen steif unter ihren roten Wolldecken; der Wind fuhr ihnen
-abwechselnd heiß und kühl über die Haare. Oh, wenn sie doch jetzt
-unten wären bei den Großen, die gewiß um den runden Tisch, bei Tee und
-Lampenlicht saßen und sich gar nicht fürchteten, oder im Stall, wo Fritz
-Dralle im Verschlag schlief und die Laterne im Pferdedunst zwinkerte und
-Erda in der Kiste lag, das Braune und das Gefleckte liebevoll umringelnd.
-
-Die Blitze folgten einander rascher; der Donner kam jetzt krachend, fast
-gleichzeitig; das war nicht mehr das tiefe Löwengebrüll des Anfangs.
-Unten gingen Türen, man hörte Stimmen, Papa krähend aufgeregt, Tante
-Brunislawas unverkennbarer Klagelaut, so perlhuhnartig, und zwischendurch
-die Kleudchen wie eine besorgte, vernünftige Truthenne: knapp, knapp,
-knapp. »Ich werde selbst hinaufgehen,« das war Mamas weicher Alt, »komm
-auch du, Stanja,« und Papa: »Nein, nein, später,« und wieder Mama:
-»Doch, Thilo, heute.«
-
-Im selben Augenblick fuhr es blau zum Fenster herein; das Zimmer leuchtete
-hell auf, man sah jeden kleinen Riß in der Tapete; ein kurzes, scharfes
-Knistern, als ginge feines Glas entzwei, dem ein ohrenbetäubendes
-Knattern, eine hohe tückische Salve folgte; es roch seltsam schweflig.
-Aber nun prasselten schon die Regenmassen aufs Dach, in die Baumkronen
-hinein; sie wühlten den Kies auf; sie bildeten sofort eine Menge kleiner,
-aufgeregter Ströme, die über die Terrasse liefen, immer eiliger, immer
-wütender, die Brüstung entlang, bis sie Ritzen fanden, zu denen sie
-vereint wie Dachtraufen hinausschossen in den verdorrten, versengten
-Äpfelgarten hinunter.
-
-Adallah hatte aufgeschrien. Ali blickte wie versteint nach der Türe. Dort,
-mit übergehängter Joppe, stand Mama, blaß, mit feuchtem Haar, ihre Augen
-glänzten so sehr, sie lächelte. Würde sie sagen: »Ich glaube gar der
-Junge hat Angst?« Aber sie sagte nichts dergleichen, sie wandte sich
-zurück, ein Fremder stand hinter ihr. »Siehst du, Stanja, deine kleinen
-Brüder sind wach,« sagte sie, »nun müßt ihr gleich Freundschaft
-schließen.« Ein langer, schlaksiger junger Mensch mit fahlem,
-kurzgeschorenem Haar ging verlegen von einem Bett zum anderen. Er murmelte
-»Guten Abend«, er lächelte, aber so als täte es ihm weh.
-
-»Gebt eurem Bruder einen Kuß,« sagte Mama, »denn ihr müßt euch sehr
-freuen, daß er wieder bei uns ist.« Ihre Hände klammerten sich um Alis
-Bettpfosten. Die Hände dort, in die sich nun die kleinen, zerkratzten
-Pfoten ihrer Kinder so zutraulich legten, sie hatten Menschenblut vergossen
-in tierischer Wut. Und bis es soweit kam, hatten sie anderes verübt, was
-die Menschen milder beurteilen und das Gesetz milder bestraft, und das ihr
-viel schrecklicher schien, weil es ihr unbegreiflicher war. War das nun
-ausgelöscht durch die Strafe? Oder blieb einer, der solcher Vergehen
-fähig war, dadurch gezeichnet für immer, zu einer Menschenschicht
-gehörig, die man bedauern, aber nie begreifen konnte? Und schlief
-vielleicht in ihren eigenen kleinen Söhnen ebenso giftiges Samenkorn und
-schlief sich nach Gottes Ratschluß zu Tode oder wachte plötzlich auf, mit
-unbändiger Triebkraft, wenn alles sicher und befestigt schien? Aber war
-das ein Grund, nachsichtiger zu urteilen, weil man selbst oder das eigene
-Fleisch und Blut ähnlich straucheln konnte? Wie die Menschen, die feige
-zu allem schweigen, um ihr eigenes Glashaus nicht zu zertrümmern. Was half
-Denken und Abwägen? Eines war gewiß: er hatte zahlen müssen mit dem, was
-am kostbarsten ist, mit der unwiederbringlichen Zeit, mit Sonne und Luft
-und dem Rausch freier Glieder in der Morgenfrische, dort in der Enge und
-dem Schweigen, bei grauer, eintöniger Arbeit, ohne Kameradschaft, ohne
-helles Ziel. Er hatte gezahlt mit langen Jahren der kurzen Jugendzeit
-und die vergrämten, alten Fältchen an seinem Mund waren die Quittung
-darüber. Aber was an ihr lag, das sollte geschehen, auf daß er noch
-einmal in Klarheit, ohne Vertuschen und gerade darum nicht ganz ohne Stolz,
-sein schweres Leben neu beginnen konnte; und wenn es ihn jetzt in weite
-Ferne führte, auch dort sollte er wissen, daß sie zu ihm stand in seinem
-neuen Leben.
-
-»Wo warst du denn die ganze Zeit?« fragte Adallah, dem der Fremde stumm
-und hilflos über den kleinen Hemdärmel strich.
-
-Der junge Mensch wurde rot, er murmelte den Namen einer fremden Stadt.
-
-»Stanja ist in einer Schule gewesen,« sagte Mama. »Wir Menschen müssen
-alle in die Schule. Aber nun hat er ausgelernt.« (Wie geschraubt das
-klang, dachte sie, gleich als sie's gesagt hatte.)
-
-»Bleibst du nun hier?« piepste Adallah weiter, dem sich schon
-berauschende Aussichten auftaten, Kombinationen von Stanja mit dem Kahn und
-Haselnußexpeditionen mit Stanja und dem Gefleckten.
-
-»Nein, morgen reise ich weiter,« sagte der neue Bruder. Er hatte eine
-verschleierte Stimme, die den Kindern wie ein fremdartiges Instrument
-vorkam; und es war da etwas Nettes mit seinen haselfarbenen, etwas schräg
-gestellten Augen, wenn er beim Lächeln das untere Lid so hochzog.
-
-»Ja, aber du kommst wieder und kommst oft wieder, und schließlich bleibst
-du da und wirst unsere rechte Hand.« Mama hatte ihr leises Mädchenlachen
-und wurde rot. »Du bist ja unser Ältester. Ja, mein Junge,« und sie
-legte ihm die Hand auf die Schulter und strich sanft an seinem Arm herab,
-und aus ihrer Handfläche schoß ein heißer Strahl zurück in ihr
-Herz, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ganz bald
-wiederkommst in dein Elternhaus. Wo auch deine liebe Mutter gelebt hat. Ja
-und siehst du, mir gehorcht man.«
-
-Der blasse Mensch lächelte wieder gequält, es war alles so freundlich
-gemeint, aber oh, beinahe sehnte er sich zurück, dorthin, woher er kam,
-wo er selbstverständlich war und dazu gehörte wie das eiserne Bett, der
-Schemel, der häßliche Blechkrug auf dem Tisch. Und sie fühlte es und
-quälte sich auch. Was half die beste Absicht -- da waren eben noch Wunden.
-Es war, wie wenn man einem Schwerkranken sagt: So, nun schlafe schön,
-morgen ist dir besser; dann lächelten die Kranken auch so mühsam, um
-ihren guten Willen zu beweisen. Wund war alles; was man auch sagte, es war
-zu deutlich. Ach, ihre Hand war nicht leicht genug für so schwere Dinge!
-
-Sie wandte den Kopf dem offenen Fenster zu. Es hatte noch ein paarmal
-geblitzt, aber schwächer; der Donner klang weit ab, als habe das Ungetüm
-mit dem einen Schlag seine Wut verbraucht. Der Regen rauschte nieder in
-großen, ruhigen Wogen, ein unendlicher Segen.
-
-»Lieber Gott, der Roggen!« sagte Mama und horchte auf; ihr Mund bebte ein
-wenig. »Nun ist der Regen noch zur rechten Zeit gekommen.«
-
-Sie ging zum Fenster; sie lehnte sich hin, als wolle sie das Rauschen
-trinken, als sei sie selbst ganz ausgedörrt gewesen. Es war ihr lieb
-dazustehen, unbemerkt; so konnten ihre Augen die beiden brennenden Tränen
-zurücksaugen, ungesehen.
-
-Hinter ihr, bei den kleinen Betten, war nun ein Gewisper und Gekicher
-entstanden; sie merkte es wie im Traum. Und sie stand regungslos, ohne
-sich zu wenden; sie spürte, daß dort etwas vor sich ging, ganz außerhalb
-ihres guten Willens, etwas, das von Recht und Unrecht nicht wußte und
-nicht von Belohnen oder Verzeihen. Nein, ungerufen, sanft erobernd, wie das
-neue Gras hier früher und dort später die verdorrten Stellen durchbricht
-und belebt, heilend wie der Saft, aus der Wunde selbst bereitet, den
-Baumschnitt überzieht, daß er nicht faulen kann. Sie fühlte, sie konnte
-nichts dazu tun; aber abseits stehen, sich nicht drein mischen, nicht
-stören, das konnte sie. Demut! Sie hatte das Wort oft gebraucht, aber
-doch nur auf andere angewandt. Jetzt eben meinte sie, es in sich selbst zu
-erkennen.
-
-Diese ereignisvolle Nacht, die die Kinder im Halbwachen durchlebten, dieses
-Gemisch von Donner und Wagengeroll, die kurze Erscheinung des großen
-Bruders, der von nun an wie ein unsichtbarer Kriegsgott bei allen
-Abenteuern der Schiedsrichter war, und, fast ebenso erstaunlich, Mamas
-Erscheinen hier oben, ihr leiser Duft, ihre Stimme, wie von Regentröpfchen
-durchglitzert, als sie dort am Fenster lehnte, abseits, freundlich, schwach
-erhellt ... das alles wurde für Ali und Adallah zu einem unauflöslichen
-Ganzen, wie Dinge, die man im Nebel gesehen, sich getrennt nicht vorstellen
-kann.
-
-Beinahe das allermerkwürdigste aber war, daß, als sie bei gleichmütigem
-Regenakkompagnement wieder allein lagen, Dralle im Gummimantel erschien,
-naß und wortkarg, aber doch wie ein rechter Himmelsbote, denn er hatte
-das Braune und das Gefleckte auf dem Arm, setzte dieselben auf die beiden
-Bettchen nieder und erklärte, es geschähe dies auf Befehl der gnädigen
-Frau.
-
-
-
-
-Etüde
-
-
-=I=
-
-Wenn am Nachmittag die Sonne durch die Läden drang und goldene Leitern auf
-Tisch und Sessel malte, übte Amsel ihr Adagio. Anfangs ging es glatt, aber
-das war trügerisch, bald wurde es schwarz von kleinen wimmelnden
-Noten, die alle untergebracht sein mußten; da waren die schrecklichsten
-Fallstricke, sogar Triller im Baß, wie eingesperrte Brummfliegen. Aber sie
-arbeitete sich durch, wie ein Maulwurf durch lichtlose Gänge, und dann
-kam die Belohnung, das Allegretto: still gefaßt, auf feinen Füßchen, sah
-sich's versonnen um in dem dämmernden Raum, und irgendwie schien es den
-Ausdruck der Dinge umher zu haben, sich zu vermischen mit dem Duft der
-Herbstveilchen, mit dem sonngebleichten Gelb und Grau der Kretonnerosen;
-eine schöne, weiße Hand leuchtete auf, ein schleifender Schritt kam
-gegangen, ein Lachen war dabei, dunkel und zärtlich.
-
-Die feine, zerbrochene Seele, die über Amsels Kindheit wachte, kam seit
-Jahren an diesen winters so verlassenen Ort, wo für sie in den großen
-Alleen, vor den Säulen des weißen, langgestreckten Kurhauses, die
-Erinnerung wandelte, angetan mit der Krinoline des zweiten Kaiserreichs,
-jener Zeit, da alles jung und erwartungsvoll gewesen und sie selbst, die
-schöne Anselma, den Menschen ins Herz gedrungen war wie ein Wohlgeruch.
-Kalte Winde ließen sie erschauern, für den Süden aber fehlten ihr die
-Mittel, so kam sie, wenn der Herbst zu Ende ging, immer wieder in das
-stillgewordene Tal. Dann taten die großen Gasthäuser die Läden zu,
-in den Gärten roch es nach moderndem Laub, und auf den Wegen war es
-menschenleer, aber oh, so voll von Erinnerung. Sie paßte nicht mehr in
-Menschengewühl; Gespenster, ja, die drängten sich heran, aber wie sanft
-gingen die mit ihr um. Und mehr und mehr zog sie sich zurück; wie ein
-krankes Tier, fühlend, daß der Kampf zu Ende geht, sich unter Hecken in
-eine Mauerritze verkriecht in der stillen Anspruchslosigkeit des Todes.
-
-Schon zum viertenmal war sie in die Villa an der Berglehne eingezogen. Wie
-der Wasserfinder die Quelle, so spürte sie Häuser auf, die bessere Tage
-gekannt und nun, im Alter verwahrlost, einen eigenen Lockreiz hatten. Mit
-silbrigen Dächern, mit schönbemessenen Räumen und schlanken Fenstern
-hinter geflickten Marquisen, träumten sie in der Herbstsonne. Der Hausrat
-alt und fadenscheinig, die Kretonne gedemütigt durch allzuhäufige
-Wäsche; aber da waren noch schöngearbeitete Türschlösser, wie man
-sie nicht mehr macht, schmale Goldleisten faßten die Tapeten ein, Kamine
-warteten auf Winterabende, und hinter weißen Holzpaneelen, die kniehoch
-um die Wände liefen, raschelten die Mäuse. Alles aus einer Zeit, als die
-Häuser fein und zierlich und die Gärten groß waren, und die Menschen
-anmutig, aber ganz ohne Prunk den guten Dingen dieser Welt die Türen
-auftaten. Und wenn das gesternte Parkett in der Sonne knackte, ging ein
-Knistern alter Modenjournale durch die Zimmer und Erinnerung an =Lavande
-ambrée=, von sachttretenden Dienern auf zischende Schaufeln getröpfelt.
-Hier standen noch Hortensien in grünen Holzkübeln und Fuchsien mit ihrem
-feinen Glockenspiel; auf die gefleckten Sandsteinstufen sanken Blätter und
-Beeren, Pappeln säuselten golden in der stillen Luft. Der nächste Sturm
-würde alles mitnehmen, aber noch waren die Tage warm, die Nächte gütig,
-und im Grase lagen süße, wurmstichige Birnchen, und die letzten Wespen
-nagten sich hinein, bis der erste Frost sie lähmte.
-
-An der Wand, gradüber dem Flügel, hing Tante Anselmas Jugendbild. Mit den
-leuchtenden, weich gleitenden Schultern, dem Grübchen in der Wange, dem
-kurzsichtigen, amüsierten Blick zwischen zusammengezogenen Lidern, in
-Spitzenwolken gehüllt, eine Garbe ziemlich unwahrscheinlicher Blumen im
-Arm, einer der schönsten unter den schimmernden Schwänen, wie sie
-einst, unnahbar und doch empfindsam, und alle mit einer leisen
-Familienähnlichkeit, aus Winterhalters Atelier hervorgerauscht kamen.
-Amsel starrte hinauf. Nun waren Wange und Kinn zart gewelkt, wie die
-Ränder der Malmaisonrose, die es so rasch verrät, ob sie am Tage vorher
-gepflückt ward. Aber das Grübchen war noch dasselbe, das kam und ging wie
-Sonnenflecken durch die leisklappenden Jalousien.
-
-Abends, wenn das Lampenlicht die Möbel streichelte und hier und dort ein
-Bildrahmen, ein Türschloß aufglühte, ließ Tante die graue Häkelei
-sinken und ging an den Flügel, auf dem das Bild der schönen,
-unglücklichen Großfürstin stand. Sie blinzelte ihr zu, während sie
-spielte, mit zurückgeneigtem Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. Und
-es war, als ob Chopins feines Filigran mit dem Rauchgekräusel
-zusammenflöße, aufstiege in immer leichteren, immer durchsichtigeren
-Spiralen. Amsel saß an der Erde, die Hände um die Knie, und feine Klingen
-stachen ihr ins Herz; denn süß und zögernd ging die Melodie an ihr
-vorbei, und sie hätte bitten mögen: »Bleibe, bleibe,« aber schon war
-sie in breiterflutenden Gewässern untergegangen, Dinge, die wild und
-herrlich waren und vergangen sind, hoch aufrauschend von ritterlichem
-Opfermut und goldenem Leichtsinn ... nur zum Ende noch ein paar Takte wie
-am Anfang, Arme, die sich auftun, schüchtern flehend. Wie stand doch unter
-dem Marienbild, dort in dem kleinen Bergdorf: »Mein armes Kind, wo gehst
-du hin, weißt nicht, daß ich deine Mutter bin?«
-
-Tante Anselma ließ die Hände sinken; die große Müdigkeit war über
-sie gekommen. Stromab; wie leicht ist das, wenn man müde wird; und die
-Mündung war nicht mehr fern.
-
-Wenn sie dann wieder bei ihrem Buche saß, starrte Amsel darauf hin, ohne
-die Blätter zu wenden. Sie mußte an so vieles denken, was ihr Tante
-erzählt hatte und was da, während der Musik, an ihr Herz gepocht hatte,
-wie Zweige ans Fenster pochen, wenn der Wind geht: Tante als kleines Ding
-auf dem Schoß des großen Verbannten, inmitten feurig redender Männer
-und Frauen mit leidvollen, brennenden Augen. Da klirrten Waffen, da zogen
-Revolutionen dröhnend durch die Nacht. Und andere Menschenzüge wanderten,
-stumm, verzweifelt, endlos durch den Schnee, und neben jedem Mann stapfte
-eine Frau ... dann wieder Lichterglanz und Rauschen, und immer tönte
-Musik, wild oder zärtlich, wie hinter einem Vorhang. Die schöne Anselma
-ging durch große Menschenmengen, wie heute durch die Einsamkeit, fein und
-etwas spöttisch und ganz ohne Furcht, Verfolgten und Geächteten hatte
-sie Treue gehalten. Aber auch in die Mächtigen dieser Erde hatte sie
-ihr Vertrauen gesetzt und war nicht getäuscht worden. Folgte sie einer
-Witterung, wie Tiere und wilde Völker sie haben, die sie den einen
-zugänglichen Punkt in eisernen Herzen finden ließ?
-
-Ganz jung war sie mit Onkel verheiratet worden, und mit ihm hatte sie wohl
-so manches durchgemacht. Zeitweise mußten sie auf das verwahrloste Gut
-ziehen, von dem die alte Kammerfrau noch heute mit Schaudern sprach. Dann
-lagen ihre Perlen auf dem Leihhaus, ja schließlich kamen sie nicht
-wieder. Vor ein paar Jahren war Onkel noch einmal aufgetaucht; elegant und
-verwittert und etwas kreuzlahm, mit großen Saphiren an den nikotingelben
-Fingern und der ganzen überströmenden Galanterie des schlechten
-Gewissens. Man saß bei Tische, die Kerzen knisterten, die Malmaisonrosen,
-die er gekauft hatte, in ihrer Mitte. »=Votre fleur, chère amie=,«
-sagte er, und Amsel wand sich; wozu sprach er eigentlich französisch, er
-schnurrte das R so, dann war er ihr erst ganz antipathisch. Von Biarritz
-erzählte er, von Monte Carlo und den »=potins de Florence=«, denn jeden
-Winter war er an einem anderen Ort. Tante sah geistesabwesend vor sich hin;
-es war doch seltsam, dieser fremde Mensch, dessen Namen sie trug ...
-Aber voller Fürsorge war sie doch, konnte sich nicht genug tun an
-Aufmerksamkeiten für seine Gesundheit und sein Behagen. »Der Arme,«
-sagte sie, »er hat sich sehr verändert, und es hat etwas Schmerzliches,
-wenn jemand so begnügsam geworden ist, der früher so verwöhnt war. Ach
-und etwas Nachsicht und Fürsorge, _das_ Kleingeld hat man ja immer übrig.
-Den andern freut es, und er hält es für gutes Gold. Nun, Gott verzeih uns
-allen.« Es lag ihr nun einmal nicht, mit jemand abzurechnen, mit dem
-sie auch nur eine gute Stunde verlebt hatte. »Es ist so schrecklich
-umständlich, Buch zu führen über Recht und Unrecht,« sagte sie; »das
-ist eine Arbeit, die ich gern unserem Herrgott überlasse.«
-
-Nun aber kam Onkel nicht mehr. Tante ließ alljährlich eine Messe für ihn
-lesen, und es war aus irgendeinem Album ein Bild von ihm auferstanden, aus
-seiner schönen Zeit, als =beau ténébreux= an einer Säule lehnend, halb
-Taschenspieler, halb Fürst der Finsternis. Wenig Bekannte nur drangen
-in ihre Einsamkeit; ein paar alte Russinnen, die hier das ganze Jahr
-verbrachten, waren die Getreuesten. Ihr Haus lag rosenumsponnen über
-den großen Klosterwiesen, eingenistet in dem verwilderten Garten, in
-Tulpenbäumen und Linden und riesenhaftem Azaleengebüsch. Ewig froren sie,
-und im Salon flackerte zu allen Jahreszeiten das Feuer im Kamin. Man konnte
-sich kaum zu ihnen durchwinden vor fürstlichen Andenken: Malachittischchen
-und gestickte Wandschirme und lebensgroße Katzen aus Porzellan. Die
-Luft war blau von Zigaretten, und es wurden Bonbonnieren herumgereicht,
-unerhörte Pariser Fondants, die wie Taufkinder in gepolsterten
-Atlasschachteln lagen, rosa oder strohgelb oder pistaziengrün. Dort traf
-man bejahrte Diplomaten, wichtig und geschwollen, voll dunkler Rankünen
-und einer Fülle einbalsamierter Anekdoten. Oh, wie schnatterten die alten
-Russinnen und stießen kleine Schreie aus wie teilnahmsvolle Papageien und
-nannten einander beim Vatersnamen wie in den Büchern von Tourguénief, und
-immer die Zigarette im welken Mund, die Lippen vom ewigen Rauchen schlaff
-geworden, wie bei den drei Spinnerinnen im Märchen, redeten sie von
-Politik und Liebe und Verstorbenen. Amsel saß derweil über juchtenlederne
-Albums gebückt und besah sich die Menschen, wie sie früher ausgesehen
-hatten; Herren, romantisch schmerzlich mit ihren Vatermördern und
-schwarzen Halsbinden, den Zylinder in die Hüfte gestemmt, ein ganzes
-Adagio im Blick; und feine Frauen in seidenen Krinolinkleidern, wie die
-Püppchen, die man aus umgestülpten Mohnblumen macht; elegisch über
-Balustraden gelehnt, eine Weintraube essend: kleine erlöschende
-Gespenster, die in den alten duftenden Büchern langsam vergilbten.
-
-Wenn sie dann wieder daheim waren, konnte es nichts Schöneres geben,
-als wenn Tante »Albumgeschichten« erzählte, gerade jetzt, wo es früh
-dunkelte. Draußen seufzten die Pappeln; die Moderateurlampe stand milde
-auf dem Tisch, von den Rosen löste sich ab und zu ein Blatt, und in der
-Lampe fiel, still und zuverlässig, ein Tropfen Öl in den Behälter.
-In ihrem Schein liefen Herbstmotten über den Tisch, die winzigen,
-perlmutternen und die großen mit weißen Pelzröckchen und Gesichtern wie
-kleine Eulen. Dann erzählte Tante. Und wie sie erzählte, wurden Länder
-und Bauten zu etwas zauberisch Kleidsamem, in dem sie herumging, jung und
-fremd, und war doch wie beim Träumen ganz selbstverständlich, sie durch
-die fernen Perspektiven kommen und schwinden zu sehen. Da war Venedig.
-»Dort sitzt die Markuskirche wie eine große goldene Henne,« sagte sie.
-Und Amsel sah alles in Gedanken, sah die braungoldenen Tiefen, wo die
-Säulen wie Orgeltöne aufsteigen und wieder verschwimmen in Weihrauchblau
-und Schatten, all das wimmelnde, traumartige Gehen und Stehen der Menschen,
-sanftbewegt wie Algen auf dem Meeresgrund. Draußen auf dem Platz
-war Musik. Da saß Tante in einem weißen Kleid mit vielen schwarzen
-Samtbändchen benäht und aß Eis mit den jungen österreichischen
-Offizieren, die so fabelhaft dünne Taillen hatten. Rauschende, wiegende
-Musik. Und Kähne kamen von den Inseln, mit Melonen und Trauben und
-Paradiesäpfeln ganz beladen, tief schwammen sie im Wasser, und andere,
-aus Murano, mit farbig glitzernden Glasperlen, hineingeschüttet wie Sand.
-Einer zog langsam vorüber, mit einer gehäuften Last von schwarzem Schmelz
-und Flitter -- wie funkelte das traurig-prächtig. Wie der Tribut einer
-trauernden Königin sei es gewesen.
-
-Compiègne! Die mächtigen Alleen, die am Ende zusammenliefen in einem
-grüngoldenen Punkt; die uralten Bäume bilden ein Gewölbe, unter dem
-Tante mit der schönen Kaiserin fährt. Beide in bauschenden Kleidern, mit
-gestickten Bolerojäckchen, winzige Barettchen auf dem schweren Haar, eine
-Feder wallt ins Genick. So, immer die breite, dämmrige Allee hinunter,
-trott, trott, mit schweren, glänzenden Karossiers in den grüngoldenen
-Punkt hinein. Dort, in der Sonne, träumt der schlanke Pavillon, mit
-Bildern berühmter Jägerinnen in den Stuck der Wände eingelassen; dort
-liest der feine, ironische Schriftsteller seine Novellen vor; Sehnen und
-Entsagen, wie kühl, wie knapp in Worte gekleidet ... Manchmal kommt auch
-der Kaiser. Fett und müde, mit schweren Augenlidern, man wußte nie,
-schlief er oder hörte er zu. Aber immer ritterlich und voll behäbiger
-Grazie.
-
-Andere Bilder. Tante in Galizien. Um zu sparen. Das war auch eine
-Abwechslung. Nachher konnten wieder Smaragden und Brüsseler Spitzen an die
-Reihe kommen. Ihr war das Lumpenleben recht -- sie lachte zu allem. Nur
-mit der Leibwäsche, ach Gott, ja, da war sie wohl sehr verwöhnt. Madame
-Céline flickte und stopfte, es war so fein, so mürbe. Und dann, daß
-sie immer Blumen haben mußte, auch im Winter ... Aber sonst? »Du lieber
-Gott,« sagte Madame Céline, »Madame gab ja alles her. Es kam ihr nicht
-darauf an, immer dasselbe zu tragen. Wenn sie dann den Hals so reckte,
-was ihr die Leute als Hochmut auslegten, aber es war doch nur, weil sie
-kurzsichtig war -- und groß und schlank in einen Salon hereinglitt -- =une
-déesse, quoi?= -- wer dachte da an Kleider!«
-
-Das Leben auf dem Gute, mit den Tanten, war ein Hauptthema für Madame
-Céline. »=Ah le vilain pays, mademoiselle=,« klagte die kleine
-Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten,
-korrekten =Veuve-d'employé=-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und
-=la boue haut comme çà=. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von
-Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk,
-aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame klingelte, mußte ich erst durch
-sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. =Le palais
-des taupes, quoi!= Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum,
-auf allen Sofas, =des vieilles avec des burnous=, mit gelben Babuschen an
-den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe -- und die Nägel
-gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience,
-schon am Vormittag. =Et toujours un tas de petits chiens= -- unter den
-Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in
-Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht
-oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für
-meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat
-und in allen Sprachen korrespondierte =avec des personnages illustres=?
-Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo
-eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte ... man sah so weit
-ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit
-wilden Mähnen. =C'est beau=, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres
-denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet
-hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit
-Veilchen duften so frisch ... Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn
-nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der
-Atem verging einem, wenn man aufschloß. In dem einen Sommer las ich
-zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein
-Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit
-bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die
-Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie =comme le père
-Noël= und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes
-an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, =sur la route de
-Varsovie=. =Si mademoiselle voulait se tolurner un peu=,« sagte Madame
-Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln
-in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluß.
-
-»Am Nachmittag,« fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und
-gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, =avec des cris de
-paon=, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine
-junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln
-müssen. Damals trug man Mullkleider mit Volants, so etagenweis bis oben
-... Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›=fleurs animées=‹. Dann gab
-es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah
-ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die
-Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch.
-Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die
-Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter;
-das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben
-totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte
-sich an den Flügel, =un Erard passablement vermoulu=, dann sahen die alten
-Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›=Ah,
-Beethoven, il n'y a que çà=‹ -- sagten sie. Aber wenn sie Chopin
-spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem
-Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu
-Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky,
-Gott, wie distinguiert, =des pieds d'enfant et toujours le mot pour
-rire=. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine
-häßliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann =des
-embêtements avec Monsieur le comte= ... Zum Herbst wurde es ganz einsam,
-die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf
-Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, =un vrai cauchemar=;
-›=c'est un peu monotone, ma pauvre Céline=,‹ sagte Madame, wenn ich
-alles wieder auftrennen mußte, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held
-gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man mußte sie lachen hören ... Ja,
-damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! ...«
-
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-
-Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder
-verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch
-den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche
-Erkenntnisblitze, daß Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst
-vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels
-Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche
-aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen
-wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange,
-dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner
-Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem schmalen Kopf, ihren schwarzen,
-zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der
-gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig.
-»Der himmlische Akzent war Schuld,« hörte Amsel Tante sagen, »der
-ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein
-Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und
-hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und
-dessen Sohn, =le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué=, und
-wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »=pour cueillir la
-gentiane=«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso
-vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt.
-Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen
-Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren
-Hunger zu stillen, eßbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder
-auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen
-blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen,
-die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden.
-Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange
-zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im
-Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal
-zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel
-angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater
-Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini
-vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob
-einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.
-
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-
-Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben
-in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den
-Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das
-letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blaß und
-zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens
-in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war
-milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach
-all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu
-wispern und zu keimen.
-
-Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau
-gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das
-ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem
-seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!
-
-Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der
-Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen
-noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem
-Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde
-Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten
-ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die
-Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden
-Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn
-sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine
-Sprache. »Wenn ich nur wüßte, warum es oft bei herzensguten und gar
-nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht,« sagte sie. »Ich
-schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu
-einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muß
-sich nur fest einbilden, daß man sich für die Antworten der Menschen
-interessiert, und das Kuriose ist, daß man es dann schließlich wirklich
-tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie
-halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur
-so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte
-die Leute königstoll machen.«
-
-Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin
-und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere
-zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den
-Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann,
-und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische
-Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar
-ernst mit dem Spiel.
-
-Hier traf sich die Jugend zu Fahrten und Landpartien nach alten
-Jagdschlößchen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden
-Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne
-und Dunst. In =Char à bancs= und englischen Mailcoaches, vier- und
-sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken,
-rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten Töchterchens wegen hier
-lebte ... Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem
-vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die
-Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr
-zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen
-blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »=Sit tight, you are quite safe,
-little girl=,« hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam
-sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang
-er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und
-schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher
-schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind
-in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln
-ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden
-geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben
-Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix
-in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen
-und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im
-Tal, das Flüßchen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und
-säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz
-beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife
-Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von
-Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so
-scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den
-Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.
-
-Sie hatte das alles ganz unbewußt geschaut und in die Scheuern gesammelt;
-heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten
-Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen
-Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten
-feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre
-düstere Häßlichkeit paßten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht
-und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische
-Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich
-wie Hindumädchen, aneinandergelehnt ... Wie das von ihren Lippen kam,
-die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des
-Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren
-Part mehr knurrte als sang ... Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch
-singen, diese schmerzlich gefaßten Rezitative in königlichem Faltenwurf,
-diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepreßtem
-Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere
-verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte,
-einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit
-willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die
-Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem
-kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und
-sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit
-schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich,
-im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu
-Füßen, die Frösche quarrten. »=J'aime les grenouilles, ça me rappelle
-la Russie=,« sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im
-Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel
-gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die
-Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem
-Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden
-Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die
-den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit
-ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem
-Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange
-würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?
-
-Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten
-sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und
-Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles,
-das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem
-tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie
-herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen
-und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn
-verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den
-Schmuck der rechten Mutter trägt.
-
-Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden
-September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite
-Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? Wenn
-Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große
-Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer
-und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige
-Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern
-von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama,
-Nonna, =petite tante= ... Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste,
-deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in
-leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern;
-ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll
-gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »=Diane vaincue=«
-hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals
-neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach,
-Runzeln und Gebrechen paßten nicht zu ihr, wollte Gott, daß sie
-schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine
-Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die
-Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem
-Dunst erfüllt!
-
-Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da
-waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht
-erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren
-wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten
-sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten
-geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als
-ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft,
-so weich und rückhaltlos in der Liebe ... »=Ma chère belle=,« so fingen
-ihre Briefe an; ja, aber nun mußten sie Brillen aufsetzen, um sie zu
-lesen.
-
-Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige
-gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in
-unvergeßlich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die
-Augen schloß, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der
-Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn
-gelehnt hatte -- oh, wie oft --, damals, wenn er ihr mit leichter, fast
-knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt
-aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das
-Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik
-der Stimmen, von seines Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob
-sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben
-Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine
-Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser
-unfaßlichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.
-
-Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war
-es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am
-Eingang. »=Si vous n'avez rien à me dire=« -- oh, diese kleine zuckerige
-Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruß. Nun ging
-sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie
-fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach
-Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.
-
-
-=II=
-
-Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »=D'abord les petites
-brioches pour madame=,« sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor
-Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon
-abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle
-trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müßte
-es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, daß sie beide
-die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein
-Abkömmling von Rumpelstilzchen und paßte daher weit besser zu Schnee und
-Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der =Côte d'Azur=. Während
-Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er
-Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und
-schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste
-Tochter des Großwesirs zur Frau.
-
-Sie gingen durch Gassen und Gäßchen, die den Berg hinaufkletterten, bis
-zum Schloß mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und
-der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen,
-grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen
-in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen
-Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern
-vorbei mit Transparenten an den Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im
-Lehnstul saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe
-die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im
-Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes
-darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren
-Schaufenster stockfleckige Lithographien verblichener Landesväter zwischen
-gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten,
-daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in
-verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen -- geringe
-und vornehme -- der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen
-Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden
-Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen
-die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und
-gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für
-die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen
-Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei,
-die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß,
-und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus
-zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und
-der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die
-hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der
-einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So
-denk' ich mir Capri, sagte Amsel.
-
-Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal
-gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten
-gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich
-und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf
-Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.
-
-»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante. »Das alte Murmeltier und
-das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze
-kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bißchen
-Französisch mußt du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch
-zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar
-Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach
-ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen mußte; und nun hab'
-ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, denn sie ist Witwe, und nur
-Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie
-genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie
-ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie
-sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiß eine
-Seltenheit.«
-
-So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden
-Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude
-auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer
-Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist
-und ein Döschen mit Pastillen -- =cachou des orateurs=. Und sie saß da
-wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und
-hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren
-sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, =la pelouse= und
-=le bocage=, =le nénuphar=, =le guéridon= und =les brises embaumées=;
-oder über den unberechenbaren Seitensprüngen =des participe passé=
-nachsann, die der verewigte =professeur= in einem schmalen, aber
-inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen
-zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluß wurde sie mit verdienstvollen,
-wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen
-Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets -- =Madame se meurt, Madame est
-morte= -- und den »=Conseils à ma fille=«, die mit dem Satze schlossen:
-»=et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous=«; aber
-auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen
-Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars,
-der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des
-Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit
-sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten
-Matrosen anzuvertrauen. »=Une des plus admirables pages de la littérature
-française=,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen =cachou
-des orateurs=, und Amsel dachte: würde wohl auch Madame lieber ertrunken
-sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie ... aber das war nicht
-auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und
-sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am
-Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde
-Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît =junior= abgeholt, denn der
-Vater der Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines
-trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu
-Bronchialkatarrhen behaftet war. Und =ma mère= war in tausend Ängsten:
-»=Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton
-cachenez?=« Aber _er_ sagte: »=Vous=« zu =ma mère=, und überhaupt
-verkehrten sie mit der ganzen =urbanité=, wie sie einst dem Hotel
-Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des
-=passé défini= oder des noch eindrucksvolleren =passé du subjonctif=.
-Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.
-
-Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren,
-ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie
-konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren
-zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige
-Turteltaube,« hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war
-ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer
-heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese
-Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder
-verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte
-sie eine an Abscheu grenzende Angst: eines dieser fremden Wesen könnte sie
-anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der
-Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen.
-Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie
-berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich
-hinträumen, Heldentaten ersinnen, Schmerzen und Geduldsproben, die sie
-für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer
-Pein.
-
-
-=III=
-
-Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk
-über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen
-Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an
-spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine
-Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne
-Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom
-Flüßchen begleitet, das durch die Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen
-und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den
-russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz
-getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die
-Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest
-und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie
-vergessene Tal.
-
-Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am
-Abhang, in den Wiesen, standen Nußbäume, halb entlaubt, Vögelchen
-schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien
-sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr
-dies Land noch nie erschienen wie heut in seinen stillen braunen Farben,
-geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner
-Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.
-
-Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren.
-Damals -- wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem
-immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den
-zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen,
-sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter
-Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und
-auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz
-hellhöriger geworden und horche auf irgend etwas, einen Ton, einen
-Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch
-sein damals, wenn ihre Augen zuviel gesagt hatten, und trotz aller
-Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann -- o wie
-unabwendbar war das große Glück auf einmal da!
-
-Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen
-einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das
-Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den
-Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen
-Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht -- Juniduft,
-unvergeßlicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Haus
-nicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen
-Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden
-Hände, seine nur andeutende Stimme ihr ins Blut, in die Seele gedrängt
-hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln
-geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen
-mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung ...
-ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer
-Lieblingssymphonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer
-drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das
-dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach
-Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr
-ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles -- und kein Ende; nie wieder
-hatte sie sich selber angehört.
-
-Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen
-streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt
-uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal
-alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr
-nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte
-sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken ... tranken.
-Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.
-
-Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit
-her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr
-allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den
-berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein
-großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und
-zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.
-
-Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem
-Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und
-löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken
-elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten
-Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh,« meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel,
-als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit
-einer Menge Flanellröckchen -- du verstehst -- für die Federn, aber
-sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, daß Nonnen gar keine Beine
-hätten.«
-
-Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag
-schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war die Stirne so
-klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die
-Schmerzen.
-
-Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten
-und Harren. Flüsternde Stimmen legten sich ihr aufs Herz. Da war ein
-schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte
-sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht
-nicht mehr.
-
-Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war
-und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da
-waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle
-dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch
-Herbstastern. Zu solchen Visiten preßte sie sich in ein braunes
-Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner
-Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh,« sagte sie beim
-Eintreten und riß die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war
-vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, daß alle in ihrer
-Familie am Schlagfluß stürben. In ihrer Waschküche mußte man
-sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne
-Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der
-rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind,
-nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja,
-der Deifel isch en Eichhörnle,« sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs
-ankündigte.
-
-Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der
-Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig,
-dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen -- pht ... und
-nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst
-waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom
-leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor
-der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige
-Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der
-englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust
-aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden
-ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht:
-sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine
-väterlich-ironische Art: sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun
-las sie: »=Oh don't be constant, for the fear of losing you is one of
-your greatest charms=« -- und begriff (denn das Alter macht auch geistig
-fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um
-sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.
-
-Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot.
-Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte
-Dame hatte nie mit eingestimmt: »=Je sais qu'on me trouve bien large. Non,
-je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les
-plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne
-veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous
-n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.=«
-
-Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom,
-sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie
-gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln,
-ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu
-bereuen hatte sie nichts, wußte ja gar nicht, was Haß und Sünde sind.
-›=Terra gentile=‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel ...«
-
-Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen
-Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch
-ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur
-noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir
-zum letztenmal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir
-gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch
-ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle ...«
-
-Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe.
-Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte,
-schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die
-Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht
-schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts
-mehr übrig. »Amsel,« sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren
-lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«
-
-Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter,
-dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie
-Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual gewesen.
-Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit
-flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.
-
-Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war
-für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie mußte
-durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr
-sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte
-erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im
-Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: warum sollte
-gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie
-verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil
-sie dieselbe Sprache sprechen.
-
-Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt
-worden war, und doch ... was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie
-zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben
-atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:
-
- »=La notte tutti dormono,
- Io non dormo mai ...=«
-
-Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag
-wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang,
-die fremden Worte verstand sie nicht.
-
- »=I quarti d'ora suonano
- Le una, le due, le tre ...
- Ti voglio bene assai,
- Ma tu non pensi a me ...=«
-
-So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie
-könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf -- unwiderstehlich. Und
-Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter
-glitt auf ihren Schoß.
-
-Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer
-Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben,
-erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich weiterleben,
-dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer
-konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch
-Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes,
-Häßliches getan zu haben, das mußte wohl sein wie ein heimliches
-Gebrechen, wie wenn schöne Frauen häßliche Füße haben: es läßt sie
-nicht froh werden. Hatte sie auch Häßliches und Hartes getan oder
-gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, sie konnte
-sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere
-zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr
-lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort
-dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht
-besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr soviel menschlicher als
-alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie
-las die leicht unterstrichenen Zeilen:
-
-»=O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses
-de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés.
-Ayez pitié de l'isolement du c[oe]ur, si plein d'abattement et même de
-terreur.=« Und etwas weiter: »=Ayez pitié de ceux que nous aimons, o
-Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire
-aimer.=« Ja das, das mußte das Bitterste sein: =qui ne savent pas se
-faire aimer=. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war
-gewiß, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und
-als es dann zu Ende ging ... Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn
-darum einen Verräter? ... Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes
-tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte
-nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu
-erkennen.
-
-Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die
-Bilder und das Glas mit den Rosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr
-schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die
-bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz
-nicht mehr hing.
-
-
-
-
-Die Waldschenke
-
-
-Von der Brincken unterschrieb sie sich und Freifrau war sie, wenn auch
-nur linkshändig und in Gebundenheit. Der rotköpfige Wirt zog heute noch
-demütig die Zipfelmütze vor ihr, aber wie sie hinaufstieg zu den kleinen
-schattigen Terrassen der Waldschenke, kam ihr mit dem Erinnern an die
-anderen Male, da sie die morschen Holzstufen unter den Füßen gespürt
-hatte, auch dieser Augenblick vor wie etwas schon Erlebtes, etwas,
-das abgetan ist und nur dumpf wehe tut, als würde einem auf den
-eingeschlafenen Fuß getreten. Aber die lange Disziplin, die Gewohnheit
-erwiesener und empfangener Höflichkeit half ihr das Treppchen hinauf.
-
-Unter den düstergrünen Linden und Kastanien war es finster, und der Wirt
-brachte Windlichter und stellte sie auf die graue Holztafel. Unter ihr auf
-einer niederen Terrasse spielten drei Männer Karten, ein vierter stand
-angelehnt, die Pfeife im Mund, und sah zu; das Licht huschte über ihre
-harten, feinen Bauernköpfe und die Stimmen drangen ab und zu herauf. Sie
-hatte den dunklen Reisemantel zurückgeschlagen und stützte das Kinn in
-die schmale, magere Hand. Der breitrandige Federhut warf Schatten über
-Augen, die sich hochzogen, als spotteten sie der eigenen Tränen. Es war
-doch merkwürdig, die erste zu sein bei einem Stelldichein, sie, die sonst
-nie gewartet hatte; aber was lernt ein Mensch nicht alles!
-
-Doch nun kam der Prinz, links, vom Walde her, wo das Forsthaus lag, in
-welchem er abstieg. Mit federndem Schritt und der etwas übertriebenen
-Bonhomie im Ausdruck seines jungen, verlebten Gesichts, mit den hellen,
-schräggestellten Augen, hatte er etwas von einem eleganten jungen Kater,
-der auf allen Dächern Bescheid weiß. Frau von Brincken erhob sich. Er
-wurde sehr rot und sagte: »Ich bitte dich.« Aber die kleine Formalität
-tat ihr wohl; sie liebte es, auch das eigentlich Unkorrekte durch ein
-gewisses Dekorum einzuhegen, abzusondern von den übrigen, landläufigen
-Unkorrektheiten. Er küßte ihre Hand, sagte ein paar liebenswürdige Worte
-über ihr Aussehen, die sie ohne Enthusiasmus entgegennahm, und lehnte sich
-zurück, die Hand in der Hüfte, die schlanke Lässigkeit unterstreichend,
-die ihm durch unzählige Porträte und Photographien beinahe zur Pflicht
-gemacht wurde. Der Wirt kam eilfertig mit eiskaltem Landwein und Kuchen.
-Sie nippte, er stürzte zwei Gläser hinunter. Warum ist keine Musik?
-dachte Frau von Brincken, es ist ja doch Theater, die Terrasse, der Wirt
--- =basso buffo= -- die Statisten ... gleich werden wir aufstehen und
-unser großes Duett singen, Opfer und Entsagung, schmelzend, aber =con
-bravura= ...
-
-Sie sprachen. Er mit forciertem Ungestüm, mit Selbstanklage, die aber doch
-dem Schicksal, das sich ja nicht verteidigen kann, die Hauptschuld zuschob;
-Mitleid und Besorgnis um ihr ferneres Ergehen in jedem Ton. Immer wieder
-der tadellose Kater, leichtsinnig, oberflächlich, wenn man wollte, aber
-doch im geheimsten Winkel seines Bewußtseins: der tadellose. Frau von
-Brincken fühlte, wie sich ganz leise der Gram von ihr löste, ohne daß
-sie selber etwas dazu tat, und diese Operation war nicht unangenehm, wenn
-auch mit einem leichten Frostgefühl verbunden. Mein Gott, waren es denn
-Kleinodien gewesen oder Glasscherben, die sie so lange, so angstvoll
-gehütet? War ihr Schicksal eines der vielen, unfertigen, die der Triebsand
-des Lebens einschluckt, arme, verirrte Reisende, deren protestierende
-Armbewegung aufwärts wie ein anklagender Wegweiser die Verräterei des
-Bodens verkündete? Und nun saßen sie hier und lächelten einander zu, und
-es war, als wenn man mit einem Stückchen Brot im abgestandenen Champagner
-rührt, um ihn noch einmal zum Moussieren zu bringen. Frau von Brincken
-sah das wohl mit ihren klargeweinten Augen, in diesem zweiten, beinahe
-reizvollen Stadium der Enttäuschung, wenn sich die Seele in zwei Hälften
-teilt und die eine leidet und die andere zusieht. Bei jungen Menschen kann
-das ein Vorfrühling sein. Der Schmerz hat die Seele gelockert, Neues kann
-keimen und aufgehen und bringt vollkommene Befreiung, erneuert das Herz
-nicht nur, sondern auch den Geist. Aber sie dachte heute nur an Frieden.
-Wie gut würde Ruhe tun, nachdem sie so lange gekämpft hatte. Wie
-anstrengend war es doch oft gewesen; so mußte den armen Teerosen zumute
-sein in den großen Tafelaufsätzen, alle hatten sie einen Draht durchs
-Herz gezogen ...
-
-Er ahnte wohl ihre Gedanken. Und nun war es fast, als sei _er_ der
-Verstoßene, als schritte sie, einsam und erlesen, von dannen, einem Leben
-entgegen, an das er kein Recht mehr haben würde.
-
-»Unsere liebe alte Waldschenke,« sagte er und seufzte. Er hatte eine
-Vorliebe für die maßvolle Architektur jenes ausklingenden Jahrhunderts
-der Jabots und der Zöpfe. Teilweise wohl aus Widerspruch, weil er bei so
-vielen Enthüllungen fürchterlicher Denkmäler, bei so vielen Einweihungen
-prunkvoller Theater und Kirchen zugegen sein und lobende Worte sprechen
-mußte, war ihm gerade diese Bauart sympathisch, deren stilles
-Behagen, deren karger Zierat uns überkommt wie Resedaduft, mit leisem,
-schwermütigem Wohlgefühl. Das Haus hatte bessere Tage gekannt, sanft
-angelehnt am waldigen Hügel. Die schöngegliederte Tür, die leichten,
-halbverwischten Ornamente der Fenstereinfassungen, das zartsilberne
-Schindeldach, alles redete von einer Zeit, da zierliche Behäbigkeit
-der Form auch das Alltägliche erlesen machte. Heute standen Planwagen
-aufgereiht im weiten Hof, Fässer waren im Torweg aufgestapelt, und vor
-der Einfahrt tranken schwere Pferde gierig am Brunnentrog. Der Prinz neigte
-sich vor: »Durstige Tiere trinken zu sehen, ist doch eine Wonne,« sagte
-er. Frau von Brincken fühlte einen kleinen, süßen Stich ins Herz, und
-ihre Augen wurden groß wie von aufsteigenden Quellen. »Ich will immer
-an Sie denken, Ludwig, wie Sie eben den durstigen Pferden zusahen,« sagte
-sie. »Es gibt viel Durstige -- vergessen Sie's nicht. Ihre Hand weiß so
-schön zu geben, und am meisten habe ich doch wohl Ihre Hände geliebt,
-damals -- ihr Mund bebte ein wenig -- als wir die erste schöne Reise
-machten und am Abend der Korb auf dem Tisch stand mit den herrlichsten,
-kostbarsten Pfirsichen und Trauben aus Eurer Hoheit Treibhäusern. Wir
-konnten es kaum erwarten, waren so heiß und durstig von der langen Fahrt.
-Aber da kamen die Bettler. Ja, Ludwig, und da nahmen Sie den Korb, die
-Pfirsiche, die Trauben, und schenkten alles, alles an die armen Kinder,
-behielten nichts zurück, auch für mich nichts, und gerade das,
-Ludwig ...« Sie wandte sich zur Seite, ihre Augen brannten. »Engel, es
-war ja deine Hand, die mich das Geben lehrte,« sagte er und war wieder
-ganz geschmeidiger Kater, »diese reizende Hand, die ich nicht festhalten
-kann. Aber wenn du mir schreibst, mit unserm lieben kleinen Sternensiegel,
-da kannst du sicher sein, daß mein dankbares Herz deinen leisesten Wunsch
-hören wird, bis in die fernsten Zeiten« ... Fast hätte er gesagt »das
-walte Gott«, denn er war es gewohnt, diese Schlußfloskel ziemlich wahllos
-anzubringen; aber da war auf einmal etwas in ihrem ferngerichteten Blick,
-das ihn ernüchterte.
-
-»Es sind nicht einzelne Wünsche, die ich hegte,« sagte sie, und ihre
-Stimme klang blechern und müde ... »ich hatte Größeres erhofft ... Aber
-Euer Hoheit Leben ist noch lang, es werden so viel Kreuzwege kommen ... oh,
-vergiß nicht die durstigen Pferde,« und sie nannte ihn wieder beim Namen.
-
-Es waren ein paar feine Fältchen an ihrem Munde, und er sah sie genau. Sie
-war ihm rührend wie ein kostbares Porzellanfigürchen, das immer noch
-mit zierlicher Grandezza zum Tanz schreitet, und hat doch leider schon so
-manchen feinen Sprung in der Glasur. Und diese unausbleiblichen kleinen
-Standreden ... nun ja, das war ganz natürlich; erst das Lyrische, und
-dann wird die Dame didaktisch. Er wollte sich gewiß nicht mit Goethe
-vergleichen, der ihm überhaupt vorkam wie ein Menschenfresser mit Orden
-... aber er mußte seit einiger Zeit häufig an Frau von Stein denken. Es
-war eben der Altersunterschied; was konnten sie beide dafür! Es war alles
-bezaubernd gewesen -- war es eigentlich noch. Aber eine Unterbrechung
-... nun, und was an ihm lag, nichts Definitives, setzte er, zur eigenen
-Beruhigung, wie ein kleines Pflaster obendrauf.
-
-Der Wind fuhr durch die Lindenwipfel; schmalgeschweifte Samenhülsen
-segelten herab, sich emsig drehend wie kleine Propeller.
-
-»Sonnenwende,« sagte Frau von Brincken, »das ist eigentlich die
-schwermütigste Jahreszeit. Der Herbst ist noch nicht da mit seinen Farben,
-seiner frischen Nebelluft, aber die Bäume sind es müde geworden, grün zu
-sein. Das war mir als Kind schon die traurigste Zeit, viel ärger als der
-November, den viele so melancholisch finden.«
-
-»Sei froh,« sagte er und dehnte sich hintenüber in seiner
-weidenschlanken Länge, »daß dir so etwas wie der Wechsel der Jahreszeit
-überhaupt damals zum Bewußtsein kam. Unsereiner steckt in solchem Drill,
-daß er das alles nur empfindet wie ein Schauspieler die veränderte
-Dekoration; einmal ist es Schneelandschaft, ein andermal Frühlingswald,
-aber Schneeballen kann man nicht daraus machen und die Rosen sind nur
-gemalt; er darf seinen Spruch hersagen und damit basta. Das Beste noch war
-die Jagd, nicht die großen Hofjagden, nein, allein, oder mit zwei, drei
-Kameraden, und abends dann die gute Müdigkeit am glimmenden Kamin, wo die
-Hunde liegen und im Traum bellen, man raucht seine Shagpfeife, und mein
-wackerer alter Buschmann erzählt Jagdgeschichten ... Rita, einmal waren
-Sie auch dabei, und nun, wirklich, niemals wieder?« Sie sah vor sich
-hin, unter ihren Augen zuckte es ein wenig: Glimmender Kamin, wackerer
-Buschmann, er hat nun einmal Redewendungen wie aus einem Schulaufsatz.
-Darum war's mir immer so peinlich, wenn er schrieb. Seltsam, diese
-Ausdrucksweise, und dabei dieser unfehlbare Geschmack in der Wahl seiner
-Kleidung, er käme sich degradiert vor, wenn er sich in der Farbe der
-Krawatte geirrt hätte ... Dann wurde ihr Blick weich. »Wenn Sie es irgend
-vermeiden können,« sagte sie, »so enttäuschen Sie niemand. Es ist ja
-wohl nicht immer zu vermeiden, aber man sollte es versuchen. Sie gehen oft
-mit Ungestüm auf eine Sache los, dann aber ist sie doch komplizierter,
-als Sie dachten, oder Sie meinen, Sie seien auf Undank und Ungerechtigkeit
-gestoßen, wo es oft nur Ungeschick ist ... dann lassen Sie's fallen. Denn
-es gibt ein Wort, das kennen Sie nicht: Geduld. Es ist auch nicht von Ihnen
-zu verlangen. Die Weltgeschichte wurde Ihnen von Hoflieferanten serviert
-und die Gegenwart ist Ihnen ein Schaufenster, und da liegt alles schön
-aufgebaut und ist alles zu haben.« Er lächelte mühsam, denn er dachte an
-Dinge, die gerade für ihn und seinesgleichen unerreichbar waren. Er hatte
-eine kleine Schwester gehabt, die hätte so schrecklich gern einmal in der
-Hundehütte geschlafen, aber das litt die Erzieherin nicht, und die kleine
-Prinzeß war gestorben, ohne ihren Herzenswunsch erfüllt zu haben. Ja, und
-er hatte wieder andere unerfüllbare Wünsche. Nun, wer weiß, hätte
-er sie erlangt, wären sie wohl bald ihres Reizes verlustig geworden.
-Immerhin, da war so manches, das fernab glitzerte ... jenseits, er würde
-es nie besitzen.
-
-»Ich habe als Kind eine Enttäuschung erlebt,« fuhr sie fort,
-»eigentlich eine Kinderei; aber noch heute, wenn ich Faulbaum rieche,
-kommt es über mich, dies Gefühl der Erwartung, des felsenfesten
-Vertrauens -- und dann auf einmal nichts, eine Leere, ach, ein
-Verratensein ...«
-
-»Wie ging das zu?« frug der Prinz, der Frau von Brincken gegenüber immer
-Interesse zur Schau trug, wenn auch manchmal gerade _die_ Eigenschaft, die
-sie ihm absprach, dazu nötig war.
-
-»Das ging so zu,« sagte sie und sah vor sich hin, und die Erinnerung an
-diese erste Bitterkeit des Lebens stand auf wie eine graue, beklemmende
-Wolke; »wir schwärmten dort in der kleinen Residenz alle für die
-Schauspielerin Weiß. Sie gab das Gretchen und Klärchen, aber auch die
-Königin im Don Carlos und feine Salonrollen, wo sie in entzückenden
-Toiletten traurige und edle Schicksale verkörperte. Wir Schulmädchen
-hingen ihr Maiblumenkränze an die Tür, eine ganz Mutige warf ihr
-sogar Rosen ins offene Parterrefenster, und wenn wir ihr auf der Straße
-begegneten, hatten wir Herzklopfen. Sie wußte das und fand es wohl recht
-abgeschmackt, aber sie lächelte freundlich, wenn wir sie grüßten, und
-schickte uns bisweilen Freibilletts; wir kleinen Beamtentöchter kamen
-ja sonst nicht oft ins Hoftheater. Schließlich lernte ich sie in einem
-kunstfrohen Malerhause kennen. Diese Malersfamilie machte im Frühling mit
-ihren Freunden Landpartien in den herzoglichen Wildpark, es waren lauter
-junge Leute, Maler und Malerinnen, aber auch Musiker, Polytechniker,
-Schauspieler. An jenem Tage war Marie Weiß dabei. Es war so ein richtiger
-Maitag, in den Gärten und auf den Wegen, die zum Wald gingen, blühte der
-Faulbaum, oh, es war betäubend, und drinnen im Wald in dem dürren heißen
-Laub standen die großen, duftlosen Hundsveilchen, die anderen waren schon
-vorüber; und über Bahndämme kamen wir, wie goldene Straßen, das war der
-Ginster -- und überall Zitronenfalter ... Marie Weiß sprach mit mir; sie
-ginge nun in Urlaub, und sie wüßte nicht, ob sie im Herbst wiederkehren
-würde. Das Herz wurde mir wie Blei, was sollte mir das Leben, die Stadt,
-meine Lehrer und Beschäftigungen, wenn dahinter nicht mehr Marie Weiß
-stand? Sie frug mich, wo ich den Sommer über sei, ich sagte es ihr,
-bei einer Tante, die ein Gütchen im Schwarzwald hatte, nicht weit von
-Bühringen. »Nun,« sagte sie, »so um den 20. August herum muß ich nach
-Bühringen; ich bin ja dort geboren, ich brauche allerhand Papiere. Wer
-weiß, vielleicht treffen wir uns?« Sie sah mich so warm und lachend an,
-sie hatte einen wunderschönen großen Mund und grüne Augen mit braunen
-Fleckchen drin, es gibt einen Stein, Moosachat, so ähnlich, und ihr
-dunkles Haar war so reizvoll angewachsen ... Ihr Männer ahnt ja nichts
-von der Hingabe, mit der ein junges, einsames Ding eine berühmte,
-selbständige Frau anbeten kann; man atmet kaum, wie in der Messe, wenn
-eben die Kerzen angezündet werden, ja, man denkt sich aus, was man alles
-für die Angebetete leiden möchte, Nesseln pflücken, was weiß ich für
-Unsinn. Aber ich langweile Sie ...« unterbrach sich Frau von Brincken.
-
-»Nein, nein, sprich weiter,« sagte der Prinz, der an anderes gedacht
-hatte, aber ihre weiche Stimme mit dem leisen südlichen Klang in sich
-einsickern ließ wie ein angenehmes Akkompagnement. Sie merkte es wohl,
-aber sie redete weiter, mehr für sich als für ihn. »Bühringen ist eine
-kleine Stadt, vom Hof meiner Tante sind es drei Stunden zu gehen. Am 19.
-heuchelte ich schreckliches Zahnweh und erhielt die Erlaubnis, nach der
-Stadt zu fahren. Es war ein heißer, luftloser Spätsommer, dieselbe Zeit
-wie jetzt, darum fällt mir's wohl alles wieder ein. Ich war drei Tage
-in Bühringen; am dritten Tag ging ich zurück; Marie Weiß war nicht
-gekommen. Aber diese drei Tage werd' ich nie vergessen, sie waren so
-beklemmend erst und dann so erstickend trostlos, daß sie mich wohl für
-mein ganzes Leben gefeit haben, und dafür muß ich heut vielleicht dankbar
-sein.«
-
-Der Prinz sah rasch zu ihr hinüber. Bis dahin war's ihm vorgekommen,
-als läse sie ihm irgendein Feuilleton vor, es gab jetzt oft solch
-verschwommenes, abschattiertes Zeug, lauter Beschreibungen, und meist
-traurig, man wußte nie recht warum; er las eine gute Detektivgeschichte
-lieber, oder sonst Geschichtliches, woraus man ersah, daß es vorwärts
-ging in der Welt ... Aber eben war ein Ton in ihrer Stimme, der ihm wehtat:
-»Liebe, liebe Rita,« sagte er bewegt, »erzähle mir nur alles, ich kann
-das nachfühlen; meine Jugendzeit hatte auch ihre dornigen Seiten.«
-
-»Hoheit sind gewiß niemals an einem heißen Augustnachmittag in
-kleinstädtischen Anlagen gewesen -- ja, wie kämen Sie auch dorthin! So
-zwischen fünf und sechs, wenn es ganz windstill ist. Da sitzen dann so
-kleine, alte Dämchen und häkeln, die Spatzen schlafen in den Büschen,
-und auf die Wege fallen die ersten welken Blätter -- so wie hier ... Dort
-war ein Bassin, ein längliches Viereck, wo große Goldfische wie fette
-Mohrrüben schwammen, und ein paar Schüler mit roten Mützen spielten
-gelangweilt Verstecken hinter den Büschen und der Riesenbüste des
-Landesvaters, die den Teich übersah; wenn ich nicht irre, ein Großoheim
-Eurer Hoheit, ob seiner Gerechtigkeit und Leutseligkeit bewundert und
-geliebt; er konnte einem leid tun, wie er da immerzu lächeln mußte in der
-heißen Sonne, als träumte er von Veteranenfeiern und Bürgermeistern und
-könnte zu keinem richtigen Nickerchen kommen.«
-
-»Rita, Sie sind goldig,« sagte der Prinz und wollte ihre Hand küssen;
-wenn sie sich -- es war leider selten -- über seine Angehörigen lustig
-machte, kam sie ihm gleich menschlich so viel näher.
-
-»Ach nein, nein,« sagte sie, »die Verzweiflung kommt wieder über mich.
-Hoheit ahnen nicht, wie man noch in der Erinnerung zusammenschrumpft, wie
-man manche Orte, manchen Blumenduft meidet, als säßen Mörder darin,
-die nur warten, um einem ins Herz zu stoßen. Zwei ganze Tage war ich
-in Bühringen, ging die Hauptstraße mit ihrem Kanal zwischen großen,
-staubigen Kastanienbäumen hin und her, saß in der Konditorei, wo es
-Limonade gab und Kuchen unter Glasglocken, wie Reliquien. Dahinter führte
-eine kleine Brücke in den Stadtgarten, und immer wieder, zwischen den
-Zügen, ging ich hin, und war mir anfangs beklommen zumute, so war's mir
-schließlich unerträglich, und doch mit einem Stich ins Komische. Ich saß
-dort wie verhext. Alte Herren mit fetten, asthmatischen Hunden kamen an
-mir vorbei, sie standen in der prallen Sonne und redeten über Steuern
-und Gemeindesachen, und Euer Hoheit hochseliger Oheim lächelte geduldig
-zwischen den Buchsbäumen rechts und links, und die Goldfische schliefen
-im Bassin. In einem Gasthaus in der inneren Stadt war Kaninchenausstellung,
-dahin ging ich den letzten Tag; ich war immer ein Tiernarr; darum wünschte
-ich, ich wäre nicht dort gewesen. Es war ein häßlicher Backsteinbau, und
-überall roch es nach schalem Bier. Droben, in einem dunkelgetäfelten Saal
-mit altdeutschen Trinksprüchen stand Käfig an Käfig. Sie hatten's viel
-zu eng, sie saßen in die Winkel gedrückt mit erschrockenen Augen, es
-war schmutzig in ihren Ställen. Menschen kamen und gingen, die die guten
-weichen Tiere herausnahmen und wogen und ihnen Zigarrenrauch in die Augen
-bliesen, man sah die Herzchen klopfen ... ich war dicht am Weinen und ging
-fort. Ja, und da hatte die Tante geschrieben, wo ich denn bliebe, und da
-mochte ich ihr nichts weiter vorlügen; so eine tüchtige Lüge, einmal,
-wenn's sein muß, gut, aber immer wieder, das ist so läppisch. Ich stand
-am offenen Fenster und packte meine Sachen zusammen; vor der Haustür
-sprach der Wirt mit einem anderen Mann, und da hörte ich, Marie Weiß sei
-schon vor vierzehn Tagen hier gewesen beim Bürgermeister, um Papiere zu
-holen, sie würde heiraten, einen hohen Offizier, der ihr schon lange nahe
-gestanden. Er hat ja dann auch den Abschied genommen, und sie sind sehr
-glücklich zusammen gewesen ... sie hatten einen kleinen Jungen ... Ja, da
-stand ich am Fenster. Dann bin ich zu Fuß heimgegangen, und wie ich über
-die Höhe kam und die Sterne wachten auf und von den Wiesen kam solch
-frischer Hauch -- da war's, als ob etwas von mir abfiel, und ich sagte mir,
-es war zum Sterben, aber ich glaube, nun ist's vorbei ... Aber bisweilen
-kommt es noch so über mich.«
-
-Sie streichelte seine große, schlanke Hand, und dann tat sie einen guten
-Zug aus ihrem Glase. »All die Länder, wo man offenen Wein trinkt,« sagte
-sie, »sollten doch von Rechts wegen gut Freund sein miteinander.«
-
-»Stimmt leider nicht --« sagte er, »aber man könnte es in Erwägung
-ziehen. Völkerbündnisse, je nach Nahrungsmitteln sortiert ....«
-
-Sie trank noch einmal. »So,« sagte sie, »der Wein war gut, und nun ist
-er zu Ende. Nun aber bleiben Sie hier, Ludwig; mein Wagen hält unten beim
-Kapellchen. Sehen Sie mir nach, ich werde geradeaus marschieren, wie kein
-Leibgrenadier es besser kann. Was Tenue betrifft, da kann ich mitreden.«
-
-»Nein, laß mich dich zum Wagen geleiten, Rita, und sprich nicht so -- ja,
-wie soll ich sagen -- höhnisch; du brichst mir das Herz.«
-
-»Ach Gott, von Hohn ist keine Rede,« sagte sie. »Wir sind beide
-betrübte Leute, die ein Einsehen haben. Und glaube mir, =il tempo è
-galantuomo=, du wirst es verwinden und sollst es auch, laß mich nicht in
-einem grämlichen Schleier in deiner Erinnerung stehen. Und habe Dank für
-alles -- hörst du -- für alles ...«
-
-Sie nahm seine Hand und legte die Wange für einen Augenblick hinein, so
-eine Sekunde nur, da war sie wieder jung -- wie ein Kätzchen jung ist,
-jung wie damals, ganz am Anfang, als er sie noch Henrietterl nannte ...
-dann sah sie sich um, aufmerksam; hierher kehrte sie nie zurück. Und
-seltsam, es tat eigentlich nicht weh, nur kühl, kühl war alles. Sie
-merkte, daß sie schon draußen stand im Zuschauerraum, die kleine leere
-Bühne verlassen hatte. Ach, schenkte das Leben vielleicht ganz heimlich,
-gerade dann, wenn es nahm? Oder hatte sie zu sehr geliebt, daß es ihr
-an Kraft zum Schmerz gebrach? Wann würde sie's wissen? Abschied, Opfer,
-höhere Pflicht ... sonderbare Worte. In der Brust ein toter Fleck,
-und hier, was blieb zurück? Ein paar verkohlte Zigaretten, ein kleines
-zertretenes Taschentuch. Und nun kam der Wirt, die Gläser wegzutragen, die
-Windlichter auszulöschen, und morgen sitzen andere Gäste am Tisch, mit
-leichten oder schweren Herzen; was weiß ein Mensch vom andern!
-
-
-
-
-Die Verirrten
-
-
-Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner
-Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.
-
-Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte,
-wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter
-auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom
-Blutduft angelockt.
-
-Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren
-baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten
-Wollbändern um die Beine verschnürt.
-
-»Geh heim, Bärhild,« sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem
-Tisch.«
-
-Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei
-Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wußte nicht,
-wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander
-nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer,
-zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.
-
-»Jetzt geh ich Schlingen legen,« sagte sie mit rauher Knabenstimme und
-schlüpfte davon.
-
-Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen
-standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte
-sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den
-schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl
-und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden
-und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im
-ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten
-sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen
-den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergißmeinnicht. Die
-Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie
-gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt
-mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur
-manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen
-mitgebracht, fremde Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin
-eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.
-
-Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt
-gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte
-sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen
-in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun
-fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen
-durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen
-Sand.
-
-Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch
-und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten
-Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen mußte, um
-nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch preisgegeben
-dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da
-hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig,
-wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort
-begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und
-Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich
-große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in
-den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wußte sie den Weg nicht;
-da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte,
-hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen
-des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste,
-die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten
-dasselbe Los gehabt.
-
-Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach
-und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren
-ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen
-Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der haßte die Fallen
-und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht
-sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen
-mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit
-blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart,
-wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint.
-
-Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der
-Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte
-wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der
-Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet,
-an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr
-etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn
-versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen
-Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen
-blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.
-
-Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um
-sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum.
-Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander
-saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne
-glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln
-über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller,
-Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren
-reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk
-getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen
-den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den
-Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme
-aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen
-konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Kniee
-gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr
-die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und
-eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.
-
-Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und
-spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der
-Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln
-lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie
-sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald
-seine Hallen.
-
-Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe
-auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die
-Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig
-ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise
-klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt,
-hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre
-kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der
-Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an
-sich ...
-
-Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die
-Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen
-Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen.
-Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen.
-Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon
-ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber
-früh, kaum daß der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich
-in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie
-auseinanderstoben.
-
-Die Frau ging ins Haus zurück. Heute nacht wollte der Mann heimkehren von
-einem Beutezug; da mußte sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an
-geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen
-Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie
-lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen
-in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den
-Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich,
-bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie
-wußten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer
-eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie.
-Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre
-Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und
-wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf
-mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag
-verschwiegen der moosige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen, die
-faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln
-drängten.
-
-Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und
-Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen
-Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch dasaß und die Quelle im
-Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür
-auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.
-
-Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört,
-viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat,
-haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als
-der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der
-Schürze tragen mögen; die baten um Einlaß.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt,
-saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten
-weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die
-Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das
-Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder mußte sie
-den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt
-ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und
-Kohlenmeilern und fetter ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende
-Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von
-einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und
-den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder
-tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen
-um sie her, als würde das Licht zur Orgel ... Aber auch von einem Dorf
-erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die
-einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und
-schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und
-der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im
-Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt
-lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem
-Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf
-einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o
-um Heilands Namen, Ihr müßt fort, kommt, wir müssen gehen ...«
-
-Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die
-morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen
-Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im
-Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne
-glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.
-
-Draußen wußte sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles
-auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing,
-dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner
-wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach,
-durch die Nacht meinte sie schon die rauhe Stimme zu hören, und das Pferd,
-wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen
-zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen
-Augen freiließ, daß er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog
-den schweren Riegel zurück, als er näher kam.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte
-die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor
-mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden
-Köpfe, und küßte sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer
-sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie
-vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond
-schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war
-und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad
-mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind
-durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten
-heraufstarrten zum Mond. wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen
-kann ... dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer
-hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und
-Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit
-blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends
-an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser
-geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben
-liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu
-Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter ... Da kniete sie vor den
-Kleinen nieder und küßte sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und
-flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende,
-säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab
-von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht
-weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.
-
-Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen mußte; erst durch
-Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten
-Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm
-aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder
-fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie
-straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort
-würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das
-Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.
-
-Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen,
-und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr.
-Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen?
-Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im
-Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und
-der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.
-
-
-
-
-Glückliche Zeiten
-
-Ein zeitlose Geschichte
-
-(Für Agnes und Else und andere artige Kinder)
-
-
-Also -- da war einmal eine Prinzessin, die hatte sich im Walde verirrt und
-da begegnete ihr ein Drache, der sie sehr erschreckte. Aber so greulich er
-auch aussah, so hatte er doch ein mitleidiges Herz, und wie er sie weinen
-sah, nahm er sie mit in seine Höhle. Als sie nun einige Tage bei ihm
-gewesen war, gefiel sie ihm so gut, daß er sie nicht weglassen wollte,
-denn er führte ein einsames Leben, und etwas Jugend tat ihm wohl. So wurde
-die Prinzessin Stütze des Drachen mit Familienanschluß, aber was die
-Familie angeht, da war nur der Drache, denn er war ein alter Junggeselle,
-hatte auch keine Dienerschaft, darum war auch alles so verwahrlost, ja
-es sah recht unordentlich aus in der Höhle; aber das sollte ja nun die
-Prinzessin mit feinem Geschmack anders gestalten, und sie tat auch, was sie
-konnte, mit Girlanden und Waldblumenbuketts. Als nun die Prinzessin einige
-Zeit bei dem Drachen gewesen war und sich an mancherlei hatte gewöhnen
-müssen, begann sie, denn obgleich sie eine Prinzessin war, fehlte ihr doch
-nicht der Sinn dafür, die komischen Seiten ihrer Umgebung zu erkennen.
-Es war dabei manches schlimm genug. Wie zum Beispiel das Schnarchen des
-Drachen, wenn er sich schamlos dem Mittagsschlaf hingab, denn er gehörte
-zum Geschlecht der Suppenbläser und stieß abwechselnd aus dem rechten
-und linken Nasenloch greuliche Dämpfe aus. Hypochondrisch veranlagt wie
-er war, litt er an beständiger Angst vor Erkältungen, die ihn zu
-den seltsamsten Maßregeln greifen ließ. So hatte er sich eines Tages
-ausgeklügelt, der Besitz zweier Nasenlöcher bilde eine stete Gefahr
-für das katarrhalisch disponierte Individuum, da sich das Gehirn zwischen
-diesen beiden Korridoren in fortwährender Zugluft befände. Deshalb hatte
-er, trotz ernstlicher Gegenvorstellungen der Prinzessin, das eine Nasenloch
-mit Moos verstopft, was eine Anschwellung der Gesichtshälfte, verbunden
-mit heftiger Migräne, zur Folge gehabt hatte. Nachts hörte die Prinzessin
-den Drachen in seinen großen Filzparisern durch alle Gänge schlurren, um
-nachzusehen, ob auch alles zu sei, und bei dem geringsten Wetterumschlag
-trank er einen abscheulichen Tee aus Baumrinde, zog Pulswärmer an und
-umwickelte sich den Hals mit einem alten himbeerfarbenen Cachenez, was
-zu seiner Hautfarbe äußerst fatal aussah und den Schönheitssinn der
-Prinzessin, die früher beim Hofmaler Weichschnabel aquarelliert hatte,
-empfindlich verletzte. Angenehm war es auch nicht, dabei sitzen zu müssen,
-wenn der Drache Makkaroni fraß. Diese hingen ihm dann wie Schlangen zu
-beiden Seiten des Maules herab, und mit den Pfoten stopfte er nach; die
-Prinzessin mußte wegsehen, sonst verging ihr der ohnedies zarte Appetit.
-
-Abends legte der Drachen Patience. Seine Klauen waren nie ganz rein; er
-tunkte sie ab und zu in den Sumpf und meinte damit ein übriges getan zu
-haben; und der Prinzessin blieb auch hier nichts anderes, als emsig an
-ihren Binsenkörbchen zu flechten, um nur nicht hinsehen zu müssen. Diese
-zum Sammeln von Erdbeeren bestimmten Behälter häuften sich in einer Ecke
-der Höhle an. Es gab keine Erdbeeren in diesem Walde, und so waren sie
-eigentlich zwecklos. Einmal ertappte sich die Prinzessin bei dem Gedanken,
-man könne sie ja auf einen Basar für Ferienkolonien geben, denn die
-Handarbeiten fürstlicher Frauen fanden bei solchen gemeinnützigen
-Veranstaltungen stets reißenden Absatz. Hier freilich türmten sie sich
-als Angebot ohne Nachfrage im Hintergrund der Drachenwohnung auf.
-
-Alles in allem aber war die Prinzessin auf bestem Wege, sich den
-ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen. Alles was recht ist, dachte
-sie (diese Redewendung hatte sie von einer bayerischen Kinderfrau
-aufgeschnappt), aber dies absolute =sans gêne=, diese Dehnbarkeit in der
-Zeiteinteilung (zum Beispiel das Mittagessen, das, ebenso unberechenbar wie
-das Osterfest, bald früh, bald spät stattfand), die schönen, ausgiebigen
-Schläfchen unter den Tannen ... das alles ließ ihr das frühere
-Leben, die Residenz im Stadtschloß, wie auch die sogenannte ländliche
-Zwanglosigkeit der sommerlichen Monrepos' und Sorgenfreis wie öde
-Korrektionshäuser erscheinen, wenn sie auch ab und zu nach ihrer Zofe
-Fanny mit dem Manikürekasten, nach ihrer silbernen Badewanne und schönen
-schaumigen Frühstückschokolade Sehnsucht verspürte.
-
-Manchmal ging der alte Drache aus, um andere Drachen, die wie nie
-abgelöste Schildwachen vor ihren Schatzkammern lagen, zu besuchen. Er
-selbst war ein freier Drache, sozusagen ein Finanzminister im Ruhestand,
-der keine Rechenschaft mehr abzulegen hat, nur die Prinzessin war sein
-Schatz; und da er von Natur mißtrauisch war, nahm er sie wenn irgend
-möglich zu diesen Besuchen mit. Dann tranken die Drachen Meth, priemten
-und spuckten und spielten Karten, wobei sie sich gräßlich beschimpften
-und mit den Trümpfen auf den Tisch schlugen, daß es dröhnte. Aber
-allmählich gewöhnte sie sich an den Humor dieser Sonderlinge, ein Gemisch
-von abgestandenen Börsenwitzen und alemannischer Vierschrötigkeit,
-das aber zu den alten warzigen Herren paßte, wie die Verwünschungen
-cholerischer Propheten zu den Steinfratzen gotischer Kathedralen. -- -- --
-
-Eines Tages nun, es war zu Frühlingsanfang, sah der Drache, nachdem er
-sein Mittagessen bewältigt hatte, gerührten Auges zu, wie die Prinzessin,
-nachdem sie einen Rest geschmorter Pilze und das übrige Blaubeerkompott
-weggeräumt hatte, mit ihren kleinen rauhgewordenen Händen den
-Eichelkaffee filtrierte. Ach, das war doch alles keine Arbeit für eine
-Prinzessin, dachte er beschämt und fühlte, wie sich seine kleinen
-grünen Plieraugen mit Tränen füllten, die er verstohlen mit den Klauen
-wegwischte, wenn sie auf seinen höckerigen Lederwangen niederflossen, die
-an ein Reisenecessaire aus Krokodilhaut erinnerten, nur daß sie nicht so
-schön poliert waren wie diese Erzeugnisse einer raffinierten Kultur.
-
-Draußen zwitscherten die Buchfinken in den knospenden Büschen und suchten
-nach gegabelten Ästen, ihre Nester darin zu befestigen. Durch das dürre
-Laub streckten Tausende von Anemonen ihre weißen, feingeäderten Kelche,
-die im Frühlingswind schwankten, und überall, wo immer ein feuchtes
-Fleckchen zu finden war, hatte die Sonne es aufgespürt und blitzte darin
-wie in Glasscherben; durch die kahlen Baumwipfel sah man den blauen Himmel
-mit vielen kleinen, runden Lämmerwölkchen schimmern, es roch nach Erde
-und nach Moos, und aus den Sümpfen kamen bedächtig die Kröten gewandert
-und trugen, wie einst die Weiber von Weinsberg, eine jede ihren kleinen
-Ehemann auf dem Rücken. Da auf einmal fühlte die Prinzessin ein so tiefes
-Mitleid mit dem armen Drachen, der so alt und schäbig mitten in dem
-hellen Frühlingswetter dasaß, und den man eigentlich in eine chemische
-Reinigungsanstalt hätte schicken müssen. Er würde nie eine Drachin und
-liebe kleine Drachen sein eigen nennen, dazu war er doch viel zu alt und
-häßlich, und wenn sie einmal befreit würde, bliebe er allein zurück und
-hätte niemand, der sich um ihn kümmern würde; denn wenn sie ihn
-mitnahm, kam er doch nur in den Zoologischen Garten, wo ihn die Kinder
-mit Sonnenschirmen und Stöcken ärgern würden und er eine betonierte
-Felsenhöhle bekäme -- die reine Attrappe, und alle Tage abgekochte
-Mohrrüben, die er nicht leiden konnte. Armer, alter Drache! Und sie hatte
-während der ganzen Zeit kein böses Wörtchen von ihm zu hören bekommen
-und hatte doch selber -- besonders im ersten halben Jahr -- nichts getan,
-als die Nase rümpfen über das Essen und die mangelhafte Einrichtung; und
-er gab es doch, so gut er's hatte! Da neigte sie sich über ihn und kraute
-ihn ein wenig hinter den Ohren, wozu er die Mundwinkel hochzog und ein
-Gesicht machte wie Wagnerianer, wenn das Lied von den Winterstürmen und
-dem Wonnemond losgeht, legte ihre Samtwange auf sein runzeliges Haupt
-und aus ihren schönen Augen rollte eine Träne. Und dann küßte sie ihn
-mitten auf sein grünpatiniertes Nasenbein.
-
-Aber im selben Augenblick geschah ein furchtbarer Donnerstoß, die
-Erde schwankte, Bäume und Gestein drängten sich zusammen oder sanken
-auseinander, ihre Farben verwandelten sich, das Dach der Höhle hob und
-wölbte sich, und Bäume wurden zu Säulen; es war, als wirbelte ein
-Kaleidoskop um sie her, und wie sie wieder zur Besinnung kam, saß ein
-schöner, wohlerzogener Prinz in entzückender Uniform, mit Ordenskette
-und blitzendem Stern ihr zur Seite, in leuchtendem Saal, und alles war
-verwandelt, ihr Kuß hatte den Zauber gelöst, nur die Erdbeerkörbchen
-standen noch da, waren nun aber aus Goldgeflecht, und in jedem lagen, wie
-Ostereier, vier bunte, leuchtende Steine.
-
-Schöne Damen kamen paarweis geschritten, mit demütigen Schwanenhälsen
-und hoffärtigen Schleppen, sie hielten ihre Kleider mit spitzen Fingern
-und versanken wie sterbende Springbrunnen, wenn sie vor Prinz und
-Prinzessin vorüberzogen. Da waren Herolde, angetan mit historischen
-Wappenröcken, mit Locken und spitzen Bärten, gerade wie Kartenkönige,
-nur daß sie Beine hatten; schöne kleine Pagen mit Krone und Zepter auf
-seidenen Kissen, süß lächelnde Kammerfrauen mit reizenden Hündchen,
-auch eine kleine Mohrin war dabei. Auf den Galerien aber hinter goldenen
-Gittern bliesen und fiedelten die Musikanten, daß es eine Lust war,
-und das silberne Haar des Kapellmeisters wehte nach allen Seiten vor
-Begeisterung ... Nun zogen die Köche vorbei, weißgekleidet, feist und
-glatt, mit Kochlöffeln und blanken Messern im Gurt, und hinter ihnen
-die Küchenjungen, wie ein Echo in kleinem Format, dann der Troß der
-Stallmeister, der Jäger und Hornisten, die Treiber und Hundejungen mit
-Peitschen und Netzen, und schließlich auch das Aschenweib, das nur dazu
-da war, die Asche aus den Kaminen fortzutragen, grau und zerzaust wie
-eine mauserige Krähe. Aber ganz zuletzt kam die Märchenerzählerin der
-fürstlichen Kinder, die war so uralt, daß sie die Leute in den Märchen
-persönlich gekannt hatte; klein und gebückt trippelte sie vorüber in
-spitzem Hut und grünem Mäntelchen.
-
-Alle machten ihre Reverenz, die Prinzessin mußte in einem fort lächeln
-und nicken, und nun kamen drei Hofprediger mit feierlichem Glockengeläut
-und begrüßten das fürstliche Paar im Namen des Höchsten mit überaus
-herzlichen Gebärden ihrer kleinen, weißen, wohlgenährten Hände, wie
-segnende Maulwürfe. Die Bäume rauschten, die Brunnen sprangen und tanzten
-und die Glockentöne waren rund und tief wie die Glocken selbst; aber die
-Sonne blies die Backen auf und posaunte auf ihre Weise mit langen, heißen
-Stößen. Und dann wurde die Hochzeit gefeiert. --
-
-Aber als sie nun viele Jahre König und Königin gewesen waren, dachte
-die Königin manchmal zurück an ihre Höhle. Nun war sie bequem und dick
-geworden, und die schönste Stunde des Tages war die von drei bis vier,
-wenn sie ihr Korsett auszog und sich mit einem Roman auf den Diwan legte.
-Die Kammerfrau holte ihr die herrlichsten Schmöker aus der Leihbibliothek,
-denn der König ließ sie durch den Hofbibliothekar ausschließlich mit
-Memoirenliteratur versorgen; aus diesen Produkten des =ancien régime=
-hoffte er, daß sie den Geist feiner =répartie=, der ihr von der Natur
-versagt war, erlerne. Sie gestand es sich kaum ein, aber eigentlich
-hatte sie dies Leben gründlich satt mit seinen Denkmalsenthüllungen
-und Audienzen, wo die Menschen immer ganz kleine Mündchen machten, als
-könnten sie nur Tütü sagen. Die Tage waren so künstlich zugeschnitten,
-jede Stunde fügte sich in die andere ein wie bei einem Geduldspiel, da war
-keine Ritze, wo die kleinste Maus hätte durchschlüpfen können, und nun
-überkam sie oft ein Verlangen nach anderem, wie ein wohlerzogener Knabe
-aus guter Familie, der in eine Hafenstadt kommt, voll neidischer Wonne
-nach den schmutzigen Schiffsjungen auf den Heringsbooten schielt. Der alte
-Drache -- ja es war merkwürdig, wie bald er sich in alles gefügt hatte.
-Wenn sie an seine Filzpariser dachte! Nun, er hatte sich ja auch viel
-gründlicher als Drache ausgelebt. Nun war er ein kleiner, trockener,
-ältlicher Herr geworden, mit einer irritierenden Art sich zu räuspern,
-und all die Vorschriften der Etikette waren ihm unentbehrlich wie eine
-hygienische Unterbekleidung. Neuerdings konnte er sich ganz merkwürdig
-über die kleinsten Mißgriffe aufregen, so neulich, als die Zuckerzange
-nicht gleich bei der Hand war. Da hatten seine Augen Drachengift
-geschossen, wie sie es damals, in der Höhle, nie getan. Der Lakai
-schlotterte und der Oberhofmarschall fühlte die Fundamente seines Daseins
-wanken. Aber die Königin konnte nicht an sich halten; sie lachte in ihrer
-unpassend explosiven Art und bekam einen ganz roten Kopf: »Lieber Mann,«
-sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen -- denn sie mußte
-beim Lachen immer weinen -- »als wir noch in der Drachenhöhle lebten,
-hast du deinen Zucker abgebissen und den Kaffee trankst du aus der
-Untertasse wie eine Waschfrau.« Alles war wie versteinert, denn die
-unselige Drachenepisode wurde ja totgeschwiegen und jede Anspielung darauf
-als grobe Taktlosigkeit empfunden; eine Zeit eisiger Ungnade war die Folge
-dieser übelangebrachten Reminiszenzen. Seitdem versuchte die Königin ihre
-seelischen Aufwallungen zu unterdrücken, aber wenn sie im halbverdunkelten
-Boudoir der Ruhe pflegte, kam es über sie, und vor ihren geschlossenen
-Augen stand die Höhle wieder auf, braungrün und verräuchert, ach, und so
-traulich!
-
-Heut gerade war ein schläferiger Sonntagsnachmittag, dessen freundliche
-Langeweile durch die Ritzen der Jalousien drang. Die Wache auf dem
-Rondellplatz vor dem Schloß war eben aufgezogen, die Kommandoworte, das
-Trommeln verhallte, und nun begannen die beiden Schildwachen ihr Auf und
-Ab, bis zur nächsten Ablösung. Nettgekleidete Bürgerfamilien wanderten
-auf den Kiespfaden und bewunderten die schönen Teppichbeete, die den Neid
-zugereister Hofgärtner erregten. Weiter ab, unter den Kastanienbäumen
-wandelten Landgerichtsräte und Gymnasiallehrer, und bleiche,
-schwärmerische Jünglinge saßen auf den Bänken und lasen in
-Reklambändchen. Die kleinen Knaben und Mädchen aber freuten sich ihrer
-roten Luftballons, und alles strömte dem Schloßgarten zu, der Sonntags
-dem Publikum offenstand. Die fürstliche Frau hatte es sich leicht gemacht.
-Das Korsett lag, gedemütigt wie ein verabschiedeter Zeremonienmeister, auf
-dem Teppich, ihre Füße dehnten sich in weiten, gelben Babuschen, und sie
-begann eben den zweiten Band vom Geheimnis der alten Mamsell. Aber sogar
-dieses ganz neue, ungemein fesselnde Werk konnte die Gedanken nicht bannen.
-Hatte sie nicht eben, in der Ferne, einen leisen Kuckucksruf gehört? Es
-war das freilich die Schwarzwälderuhr des Türhüters gewesen, die man in
-der sonntäglichen Stille schlagen hörte, aber auch die stammte aus dem
-Walde, darum war wohl ihr Ton so echt; mit einemmal wuchs ihre Sehnsucht
-riesengroß; sie mußte den Wald wiedersehen, ob sie gleich ahnte, daß
-es dort nicht mehr sein würde wie einst. Ohne Zaudern zog sie sich an und
-band einen grünen Schleier über den Hut, von der glänzenden Sorte, die
-sich Donna Maria nannte und damals Mode war. Das Glück war ihr hold, denn
-die Lakaien, die im Treppenhaus, bei schläferigem Fliegengesumm Dienst
-hatten, glaubten, sie ginge in den Privatgarten; als sie aber an die Tür
-kam, die zu ihm führte, saß da der alte Türhüter und war über dem
-Sonntagsblättchen eingenickt: so schlüpfte sie hinaus.
-
-Niemand gab auf sie acht, als sie den Schloßpark durchquerte, denn sie
-ging nur selten zu Fuß; träge und fett, wie sie war, fuhr sie stets in
-der Karosse. Auch sah sie in ihrem Alter der Frau Hofkonditor Butterweck
-ähnlich, und in ihrem einfachen Anzug galt sie den Spaziergängern wohl
-für diese, wenn sie sich überhaupt nach ihr umsahen. So wanderte sie
-unerkannt, wie irgendeine behäbige Bürgersfrau, durch den Schloßgarten,
-zum äußeren Tore hinaus und eine lange Rüsterallee hinunter, an deren
-einer Seite Seildreher ihre Werkstatt hatten, wo man sie wochentags sehen
-konnte, die Schürze voller Werg, aus dem sie, rückwärtsschreitend, wie
-Kreuzspinnen, ihre langen Seile drehten. Nach längerem Gehen, das ihr
-manchen Seufzer entriß, denn es war ihren Füßen eine ungewohnte Fron,
-lenkte ein Weg seitab in den Wald, oder vielmehr dorthin, wo er früher
-gestanden hatte. Denn es war freilich alles anders geworden. Da
-waren Bänke und Wegweiser und kleine Buden, wo man Himbeerwasser
-und Sandtörtchen kaufen konnte, die reliquienhaft unter Glasstürzen
-schimmelten; ach und eine ganze Straße von blitzblanken Villas mit Erkern
-und Türmen und gotischen Fenstern war entstanden, wo pensionierte
-Generale ihren Ruhestand verlebten, sich der Rosenkultur widmeten und die
-Blattläuse mit Ausdauer und Tabakslösung bekämpften. Ach, wo war das
-Dickicht von einst? Den Krötensumpf hatte man ausgetrocknet, Kinder in
-schottischkarierten Kleidern und schrecklichen Schürzen aus
-Wachstuch spielten dort im Sand, ja der Platz hieß sogar nach ihr,
-Karoline-Amalien-Platz, denn in ihrer Familie hatten die Frauen alle so
-schreckliche Namen, und die Männer hießen Adolf oder Emil oder Ferdinand,
-was auch nicht hübsch war. Auch ihr Drache hieß Ferdinand. Ach, wo waren
-die Drachen geblieben! Tot oder ausgewandert? Oder hatte sie alles nur
-geträumt? Dort, die alte Eiche, oh, sie erkannte sie wieder; wie oft hatte
-sie dort gesessen und den sich paarenden Eichkätzchen zugeschaut, wie sie
-sich haschten, immer um den Baum herum. Einmal noch wollte sie seine
-Rinde streicheln. Aber was hing dort an seinem Stamm? War's ein
-Muttergotteshäuschen? Dann würde dort auch eine Bank sein, oh, wie
-brannten ihre Füße, wie gut würde man sitzen unter dem breiten Geäst.
-Da ging sie näher, aber es war kein Muttergotteshäuschen, sondern
-ein lackierter Kasten war aufgehängt am Eichenstamm, und es stand
-daraufgeschrieben: Gegen Einwurf eines Fünfzigpfennigstücks eine Tafel
-echt deutsche Familienschokolade. Über dem Kasten aber war noch ein
-Blechschild mit deutender Hand: Restaurant Drachenhöhle, Kegelbahn, Kaffee
-und Bier. Zehn Minuten. Da fühlte sie Erbarmen mit dem Baum und mit sich
-und mit all den alten vertriebenen Drachen; und mußte weinen. Aber wenn
-sie weinte, ging das nie ohne vielfaches Nasenputzen vor sich, daß sie
-ganz rot und verschwollen aussah, und das war ja auch nicht königlich.
-
-Als sie sich ausgeweint hatte, ging sie langsam, denn die Füße taten ihr
-weh, in ihr kühles Königsschloß zurück, wo man sie bereits vermißt
-hatte und ihr Hofstaat im Begriff stand, den Schloßpark nach ihr
-abzusuchen.
-
-
-
-
-Zoologie
-
-In Erinnerung eines kleinen Tiergartens, der verschwunden ist
-
-
-=I=
-
-Die Kastellanin
-
-Damals war ich oft bei der Känguruhmutter. Sie hatte liebe, staubige,
-kurzsichtige Augen, als hätte sie bei Lampenlicht zuviel schwarze
-Strümpfe gestopft, und einen verschwiegenen Zug an den Mundwinkeln wie
-alte Kinderfrauen, die in der Familie geblieben sind und vieles haben
-mitansehen müssen. Sie hätte einen kleinen Kapotthut tragen sollen, mit
-Glaskirschen oder Samtpensees und eine Mantille; und Klatschkaffees geben
-und immer wieder nötigen, man möge doch zugreifen: »Denn es ist
-alles mit reiner Butter, meine Damen, Kokos und Margarine und all diese
-schrecklichen Erfindungen dürften Sie umsonst in meiner Speisekammer
-suchen; einfach aber prima das ist mein Wahlspruch.«
-
-Die Känguruhmutter und ich, wir verstanden uns. Wenn sie mich sah, kam
-sie gesprungen. Aber gleichsam entschuldigend, sie könne nun einmal
-nicht anders. Ich brachte ihr das Angebackene vom Schokoladenpudding.
-Süßigkeiten und ihr Kuhlchen im Heu, das war ihr Schönstes. Ich
-konnte das begreifen. Es kommt einmal die Zeit, wo man Äußerlichkeiten
-verachtet. Und dann offenbart das Leben andere, stillere Reize.
-
-Als ich Frau Känguruh kennen lernte, hatte sie ein ganzes Schurzfell
-voll Kinder, das letzte Andenken von dem Herrn Känguruh, der selber im
-australischen Busch geblieben war. Wie ein Briefträger zur Neujahrszeit
-lief sie daher, aber statt Päckchen und Kreuzbandsendungen waren es kleine
-Känguruhs, die aus ihrer Tasche kullerten. »Nun ist mir leichter,«
-sagte sie, als die Kleinen größer geworden, zu groß für den Schlafsack,
-»aber nun friert mich beständig. Ja, ja, die Kinder gehören der Mutter,
-doch nur so lange sie klein sind.« Denn ihre Schwäche waren wohl gewisse,
-etwas rührselige Gemeinplätze. Damals schon hätte ich ihr gern ein
-Schaltuch geschenkt.
-
-Später dann wanderten ihre Kinder aus, in andere Gärten, und sie blieb
-allein. Mit den übrigen Nachbarn konnte sie sich nicht anfreunden. Es
-fehlte die Resonanz. Sie bezog ein leidlich großes Quartier, mit einer
-Trauerweide in der Mitte und ihrem Borkenhäuschen in einer Ecke, das mich
-immer an eine alte illustrierte Ausgabe von =Paul et Virginie= erinnerte,
-die wir auf dem Lande besaßen. Aber mit zwei Sprüngen war sie doch
-gleich am anderen Ende. Und das nagte an ihr. Bis sie dann älter wurde und
-ruhiger.
-
-»Sie glauben nicht, was ich früher für ein Temperament hatte,« sagte
-sie. »Aber nun ist man ja zufrieden, wenn man sein Essen hat und sein
-Plätzchen im Grünen.«
-
-Die Känguruhmutter wäre eine entzückende Kastellanin gewesen. Im grauen,
-gehäkelten Seelenwärmer, den Schlüsselbund am Gürtel, wie wäre sie
-emsig die weißen, hallenden Treppen auf und ab gerannt; wie pflichttreu
-hätte sie Staub gewischt. Wie hätte sie andachtsvoll die seufzenden
-Mahagonisekretärs geöffnet und aus der griechischen Tempelarchitektur
-im Hintergrund jene schicksalsschwere Wedgwoodtasse hervorgeholt und
-den Auserwählten gezeigt, wie auch das Original des berühmten,
-herzzerreißenden Sonetts, das der Dichterfürst damals, am Tag der
-Abreise, auf einen alten Brief gekritzelt hatte!
-
-Wie würde sie mit der Überzeugungskraft steter Wiederholung, all die
-längst berichtigten Unwahrheiten über das Damenporträt im fürstlichen
-Alkoven den lauschenden Amerikanern versetzt haben, die gläubig und
-starr, in riesenhaften grauen Filzschuhen einen Halbkreis um sie bildeten,
-hypnotisierten Strandläufern vergleichbar! Und mit welcher Ehrfurcht
-würde sie den weißen Überzug eines Tapisseriesessels gelüftet und mit
-leiser Stimme versichert haben, die übrigen elf seien genau ebenso
-und alle, alle seien sie von der Hand der hochseligen Maria Pawlowna
-gestickt ...
-
-
-=II=
-
-Das Marmutzchen
-
-Ganz im Dunkeln, hoch oben in einem Winkel hockt das Marmutzchen. Aber
-eigentlich heißt es Lemur und lebt in Madagaskar, wo ich auch leben
-möchte, denn ich glaube, ich könnte alles Böse vergessen, wenn ich eine
-Schar solcher Marmutzchen mein eigen nennte. Oder auch nur eins. Sie
-haben buschige Schwänze, wie Eichkaterchen, nur viel länger; spitze
-Schnäuzchen und spitze Öhrchen mit kleinen Haarbüscheln, große, große
-Glühaugen und kleine streichelnde Hände wie Affen. Aber sie sind nur
-Halbaffen und es wird gar kein Aufhebens mit ihnen gemacht.
-
-Sie sollten ganz große Käfige haben -- so groß wie der Käfig vom
-Lämmergeier --, um von einem Baum zum anderen zu springen, und überall
-kleine, verschwiegene Höhlen für Familienglück, und Bananen und Kirschen
-in Fülle. Sie machen den Menschen nichts nach wie die wirklichen Affen,
-die so traurig und beschämend sind, denn man taugt doch, weiß Gott, nicht
-zum Vorbild; nein, sie haben gar nichts vom Menschen, bis auf die kleinen
-schwarzen Hände, die innen kühl und zart und faltig sind; so wie ich mir
-Rumpelstiltzchens Hände denke.
-
-Armer kleiner Lemur, ganz allein in seinem finsteren Winkel. Und dann
-pfeife ich -- die ersten zwei Takte der Serenade aus Don Juan, und er
-klettert herunter und läßt sich krauen, so gut es durch das Gitter geht.
-Ach, wenn man doch Gottvater wäre, oder vielleicht besser noch Direktor
-des Zoologischen Gartens, da könnte man dem Marmutzchen noch glückliche
-Tage schaffen, ehe es stirbt. Denn schon ist es alt, sein Pelz ist schäbig
-geworden und die großen Glühaugen werden trübe, die kleinen Händchen
-können sich nicht mehr festhalten. O Wälder Madagaskars, o flüsterndes
-Schilfrohr, wo sich die Bäume im Abendrot der Sümpfe spiegeln ... Möchte
-die Seele des armen Marmutzchen zurückfinden in euer Dämmergrün, auf
-den Lianen schaukeln, die sich von Ast zu Ast schlingen, wenn die laue
-Luft durch die Wipfel geht und in der Lichtung der Mond über die Gräser
-trippelt.
-
-
-=III=
-
-Vom Seelöwen
-
-Ich sagte zum Seelöwen: »Ihre schlichte Haartracht eignet sich wunderbar
-für das Element, in dem Sie leben. Aber es gehört Ihre Kopfform dazu, um
-so, aller Einrahmung bar, zu bestehen.«
-
-Der Seelöwe schniefte. Ich wollte ihm mein Taschentuch geben, aber es war
-doch besser, nichts zu bemerken. Er hatte sich in seinem nassen Dekolleté
-ganz über die steinerne Brüstung seines Behälters gelehnt; mit der
-unbekümmerten Schamlosigkeit einer alten, fetten Palastdame, die einsam in
-der Hofloge einer kleinen Residenzstadt thront, wo die besseren Damen sonst
-nur in Seidenblusen, hoch herauf, erscheinen.
-
-»Ihre abfallenden Schultern,« fuhr ich fort, »würden den seligen
-Winterhalter zu unsterblichen Werken begeistert haben. In meiner Kindheit
-war sein Ruhm auf dem Höhepunkt und die stolzesten Fürstinnen bestürmten
-sein Atelier. Schultern wie die Ihrigen waren damals Vorschrift; an ihnen
-rieselten die Mantillen nieder wie elegische Wasserfälle. Ja gewiß, er
-würde Sie gemalt haben, am Arm ein Körbchen mit ganz unwahrscheinlichen
-Weintrauben, bläulicher Parknebel und irgend etwas Gerafftes im
-Hintergrund. Vielleicht auch eine Balustrade. Solche lächelnden Damen
-hingen dann im Dämmerlicht in Salons mit Boulemöbeln, die sich immer kalt
-anfühlten, und karmesinfarbenen Sesseln und Sofas, wo die kleinen
-Mädchen Clementi übten oder etwas Leichteres von Chopin, zur
-Weihnachtsüberraschung für den Vater. Die Sonne glitzerte ab und zu in
-den Kristallkronen und alle Samstag kam der kleine asthmatische Uhrmacher
-und zog stöhnend die schwarze Marmorpendüle auf. Die Dame an der Wand sah
-lächelnd vor sich hin. Eine Tante, die im Ausland gestorben war ...«
-
-»Sagen Sie mir,« sprach ich zum Seelöwen, »wenn Sie so vor sich
-hinsehen, kurzsichtig vor lauter Weitsichtigkeit, was ist's, das sich in
-Ihnen spiegelt? Die matte, tausendmal durchatmete Luft dieses Gartens weckt
-die Sehnsucht, aber tötet sie nicht die Erinnerung? Wenn Sie doch sprechen
-könnten! Stundenlang wollte ich Sie hinter Ihren kleinen Ohrlöchern
-krauen, wenn Sie mir von damals erzählen wollten, von den grünen,
-unmenschlichen Mondnächten über den Klippen, oder von der Tiefe, wohin
-die Stürme nicht mehr dringen, wo man zwischen Seepflanzen schwimmt, die
-beinah Tiere sind, die sich zusammenziehen und wieder auftun wie Fäustchen
-saugender Kinder. O wie begreife ich nun Ihr Schniefen, aus dem ich Ihnen
-beinah einen Vorwurf gemacht hätte. Ja, Sie fahren auf den Grund, Sie
-suchen, aber da ist nichts, alles zementiert, nur verfaulte Äpfel und
-aufgeweichte Brotrinden, womit Unwissende Ihr Becken verunreinigten; und
-dann fahren Sie hoch und prusten, und suchen in der Luft nach Salz, nach
-treibendem Seegrasduft ... Ja, und dann schwillt Ihr Hals an, mehr und mehr
-und pendelt wie irrsinnig von links nach rechts, Ihr kleiner Schlangenkopf
-biegt hintenüber, Ihr glitzernder Rachen öffnet sich und schleudert den
-Schrei hinaus, zweimal, dreimal, den großen, harten, heiseren Schrei, der
-Ihre glatten, gehorsamen Weibchen vor sich hertrieb, im Morgengrau, der
-Sandbank zu ... O Salz, Salzschaum in den Bartstacheln, gutes, beißendes
-Salz, das durch die kleinen, runden Naslöcher hochgepumpt, das Hirn spült
-und als eisklare Träne zurückrinnt in den tropfenden Bart. Ach, ich
-fühle es wohl, Sie sind hier gänzlich deplaciert. Aber wer wäre es nicht
-in einem Gefängnis ...!
-
-Wie Sie diese Philister verachten müssen mit ihren Kuchentüten und
-Sonnenschirmen, mit ihren Brautpaaren und Kindern, die nicht gehorchen und
-doch vor allem Furcht haben. Wie erbärmlich ist dies Geschlecht, das seine
-Glieder versteckt und unter Wasser erstickt!
-
-Sie in ihrem Niedergang sind jedenfalls ehrlich, leben nur noch für den
-Augenblick, wenn der Mann in der blauen Jacke Ihren Eimer voll kleiner,
-weißbäuchiger Fische in das Bassin schüttet. Und im übrigen grunzen
-Sie in der Sprache der Meergötter, die niemand versteht, und machen
-Wassergymnastik, und es wäre zu wünschen, Wagners Rheintöchter hätten
-Sie zum Lehrmeister gehabt.
-
-Meine Hochachtung. Aber ich will gehen. Es hat mich alles etwas deprimiert.
-Wenn möglich, bringe ich Ihnen das nächstemal einen Seefisch. Seien Sie
-mir gegrüßt!«
-
-
-=IV=
-
-Myra
-
-Es ging gegen Abend und ich wollte gehen, aber da lernte ich eine Amme
-kennen, ach, eine verzweifelte Amme, denn sie durfte nicht mehr zu ihrem
-Pflegekind. Manchmal hört man Mütter sagen, daß sie ihre Kinder vor
-Liebe fressen möchten, aber hier war es der Säugling, der die Mutter
-fressen würde. Ziemlich gelangweilt saß er hinter den Gitterstäben. Eine
-ganze Weile hatte er mit der dummen Holzkugel gespielt, denn das wurde von
-ihm erwartet. Was aber nun? Ab und zu blinzelte er hinunter zu ihr, die aus
-verschleierten Goldtopasen unverwandt zu ihm aufsah und nur ab und zu einen
-kurzen, sehnsüchtigen Blaff ausstieß. Er aber kniff die Augen zu; sein
-Schmerz war schon von der Watte Gewohnheit umwickelt; er träumte von
-seiner neuesten Entdeckung: Beefsteak.
-
-Der Wärter kam und scheuchte sie hinaus; aber die Türen blieben der
-Wärme wegen geöffnet, so kehrte sie immer wieder auf ihren Platz vor dem
-Käfig zurück. »Ja, das Vieh kann einem dauern,« sagte der Mann. »Nun
-sind es schon vier Wochen, daß Cäsar =II.= entwöhnt ist, aber sie gibt
-noch immer keine Ruhe. Und gelitten hat sie auch, sie schwoll so furchtbar
-an und hatte richtig Milchfieber. Wir wollten ihr kleine Hunde anlegen,
-damit ihr leichter würde, die Jungen von der Polarhündin, die eingegangen
-ist. Mein Kollege hat alles versucht, aber nein, sie ließ sie nicht
-ankommen; sie ist nun mal an Löwen gewöhnt.«
-
-Ich sah ihn an. »Ja, dies ist das drittemal, daß sie bei Löwen Amme ist.
-So eine gibt's bald nicht wieder. Aber jedesmal ist's beinah zum Sterben
-mit dem Absetzen, bis sie sich drein ergibt.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wieviel vernünftiger, dachte ich, handeln die Menschen. Ein deutlicher
-Fingerzeig, daß sie zum Herrschen erkoren sind. Da war Teresina, die
-Toskanerin. Sie kam, vom deutschen Arzt unter vielen Aspirantinnen
-auserwählt, zu meiner jungen Freundin, die sanft und erschöpft in ihren
-schönen Kissen lag. Teresina schien eine Bettlerin -- sie kam in Lumpen.
-»Das,« sagte der blonde Germane, »darf Sie nicht irremachen, meine
-Gnädigste. Zu Haus hat sie Schränke voll Kleider und Wäsche. Dies ist
-hier nun einmal Geschäftsusance. Aber sehen Sie her ... ist sie nicht
-prachtvoll? =Apri=,« sagte er kurz und geschäftsmäßig.
-
-Teresina öffnete ihr grobes und zerrissenes Hemd. Maria Beata wunderte
-sich. Sie hatte mehr erwartet. Gerade hier in der Heimat Michelangelos.
-»Klein,« sagte sie schüchtern. »Klein?« wiederholte der Blondbärtige
-verächtlich. »Juno könnte stolz sein auf eine solche Brust. Man bringe
-den Säugling,« setzte er sachlich hinzu.
-
-Der Säugling wurde gebracht, von Maria Beata mit großen ängstlichen
-Augen verfolgt, ähnlich einer Katze, die zusehen muß, wie man ihre
-Jungen aus dem Neste hebt, um sie teils zum Leben, teils zum Stadtbach zu
-verurteilen. »Lege ihn an,« sprach der Teutone zur Toskanerin.
-
-»=Tesoro mio=,« schrie Teresina auf, kaum daß sie ihn im Arm hatte. Und
-nun kam der Paroxysmus: »=Subito si è attacato, povero bimbo, ma che
-tu hai patito la fame? Ah birbone, ah figlio d'un cane, ma che tu sei
-'na sanguesuga? Eh Coccodrillo, eh rospo di macchia, ma la guardi come
-poppa!=« Denn in jenem Lande versteckt sich mütterlicher Enthusiasmus
-schamhaft unter Injurien. Aber schon leckten ihre Augen gleich braunen
-Schlängelchen der Liebe und Eifersucht an den rosigen Gliedern ihres
-kleinen Milchsohns auf und nieder. Und Maria Beata erkannte, daß hier eine
-Mitregentin sei.
-
-Als nach neun Monaten Teresina, mit einem rhapsodischen Zeugnis und
-zahllosen Geschenken versehen, das Haus der =Tedeschi= verließ, war
-dem ein kurzer aber rasender Schmerzensausbruch vorangegangen. Aber der
-Kopfputz aus dunkelroten, getollten Seidenbändern, der sie in eine Dahlie
-verwandelt hatte, die zitternden Silbernadeln und Korallenketten, die
-gestickten Busentücher und großen Musselinschürzen, die Hemden und
-Röcke, die Schuhe und Zwickelstrümpfe: alles ging mit, alles kam in den
-großen Cassettone zu Füßen von Teresinas mächtigem Ehebett. Und das war
-tröstlich. Ja, nun ging es heim zum =Marito=, der vor Porta Romana eine
-Droschke innehatte mit einem einäugigen Schimmelchen, =la Stellina=
-benannt, das mit grüner, heimlich ausgeraufter Gerste gefüttert wurde.
-Heim in den kleinen Vorort, wo die Frauen so gemütlich in Nachtjacken vor
-ihren Haustüren sitzen, mit Strohflechterei beschäftigt; wo es sich so
-nett und gründlich mit den Nachbarinnen tratscht, während über einem an
-den Hausmauern in praller Sonne, in vielen winzigen Käfigen, die kleinen,
-geblendeten Vögel unaufhörlich trillern, weil sie ja nicht wissen
-können, ob Tag oder Nacht ist.
-
-»Ich habe sie gleich wieder vorgemerkt,« sprach der blonde deutsche Arzt.
-»Beim Principe O. hat soeben Donna Faustina, die älteste Tochter, sich
-vermählt. Ich denke, das kann gerade stimmen. Es ist immer gut für solche
-Fälle gerüstet zu sein. Und Teresina ist meine beste Nummer.«
-
-Die schöne Ausstattung von Maria Beata würde natürlich verkauft oder
-im Cassettone verschwinden und Teresina würde auch dort ärmlich und
-abgerissen zum Antritt erscheinen, aber im Besitz ihrer göttlichen Brust
-und ihrer Zeugnisse auch dort ihre Mitbewerberinnen aus dem Felde schlagen.
-Um dann, den kleinen Principe im Arm, als königliche Dahlie in den
-historischen Gärten der fürstlichen Villa auf und nieder zu gehen;
-gefürchtet und geehrt ...
-
- * * * * *
-
-Ich kam noch einmal durchs Raubtierhaus. Cäsar =II.= trank gerade Milch
-aus einer Blechschüssel; aber er schien nicht recht bei der Sache: noch
-war ihm der Wärter das heutige Beefsteak schuldig. Myra aber, die Dogge,
-wurde soeben beim Halsband hinausgeschleift. Sie stemmte sich mit allen
-vier Pfoten, sie wandte den Kopf rückwärts, anklagend, verzweifelt, und
-ihre armen runzligen Zitzen baumelten leer und sinnlos wie ein Glockenspiel
-ohne Klöppel.
-
-
-
-
-Laubstreu
-
-
-Novembertage! Wie liebe ich euch, dort in meiner Kinderheimat ...
-Ergreifend wie das allererste Frühjahr und ihm ähnlich. Wie sie daliegt
-die Erde und uns anblickt, ganz arm, sie, die alles gegeben hat, so wird
-sie daliegen, wenn der Schnee geschmolzen ist; still atmend unter
-braunem Laubgemoder, die Büsche noch kahl, und hier und dort wird eine
-verschrumpfte rote Beere leuchten, die die Vögel unter dem Schnee nicht
-erspäht hatten. Nur der Geruch wird anders sein, und wo der Fuß in
-faulenden Blättern wühlt, wird er am Grabenrand kleine Primelvereine
-aufstören, noch in sich geduckt und ängstlich, und alles, was heute
-glitzert, wird auch dann glitzern, aber anders, froh und bänglich, und
-jeder Sonnenstrahl, der sich in Wasserlachen spiegelt, wird anders in den
-Spiegel sehen. Aber die Hügel werden so wie heut am blassen Himmel liegen,
-dasselbe zartgegliederte Gezweig der Wipfel, wie Seegräser im klaren
-Meerwasser, bräunlich-rosig und ganz still: es könnten Fischchen darin
-ein und aus schwimmen!
-
-Dort bist du schön, November, schön wie verwelkende Frauen, denen Liebe
-und Leid die Zeichen grub, alternde Frauen, die noch lächeln können wie
-Mädchen, die mütterlich sind wie schlanke schauernde Hirschkühe; die ein
-wohlriechendes Blatt mit den Fingern reiben, behutsam und begehrlich nach
-den feinen und flüchtigen Dingen dieser irdischen Bescherung.
-
-Mütterchen Heimat! wie die Russen sagen, die so weich das Herz
-streichelnde Worte haben, als hätten Kinder sie erfunden; Mütterchen
-Heimat! Wie schön war der Tag, als ich zum letztenmal hinaufstieg auf den
-Berg, der mir als Kind ebenso unerreichbar schien wie der Chimborasso:
-erst durch feuchte, reifgraue Wiesen, an Kohlgärten und Kartoffelfeldern
-vorbei, wo Feuer knisterten und der weiße Rauch rein und bitter in die
-Luft schwelte. Vor mir die Höhen, braunviolett, schon entlaubt, nur hie
-und da, am Waldrand, eine Buche, aufflammend wie der Engel mit feurigem
-Schwert.
-
-Die Birnbäume in den Wiesen -- o ihr guten Holzbirnchen, die ihr den Mund
-zusammenzieht und doch süß seid unter eurer Herbigkeit -- ließen ihre
-roten Blätter fallen, die schmalen Wasserrinnen im Grase trugen sie fort
-mit leisem Gluckgluck; Karren, mit Rüben beladen, kamen des Wegs, die
-kleinen kurzbeinigen Kühe dampften in der Herbstluft, rötlich und weiß,
-mit nassen rosa Schnuten und faltigen Wampen, blondbewimpert wie Rubenssche
-Göttinnen. Dann tat sich der Wald auf und sein Wohlgeruch war wie ein
-Rausch. An der Erde, an den Abhängen, auf allen Pfaden lag das Laub,
-fußhoch; Leute harkten es herunter von den Hängen, soweit man durch die
-Stämme sah; zu hohen Haufen türmten sie's, der Duft von Pilzen und Erde
-und Gärung wurde immer stärker. Das wären Raschelnester gewesen für
-kleine Waldgötter mit Zottelbeinchen, sich darin einzuwühlen, bis nur die
-spitzen, bepelzten Ohren heraussahen; aber nun sollten die kleinen blonden
-Kühe darauf liegen, im Winter, in den warmen, dunstigen Ställen, wenn der
-Laternenschein über den Schnee huscht und der Rauch vom Dache aufsteigt,
-zum Zeichen, daß dort Menschen wohnen.
-
-Der kleine Pfad war ganz schlüpfrig von den Blättern, immer höher
-zickzackte er; hier war nur junger Buchenbestand, glatte Stämme in grauer
-Atlashaut, ihnen zu Füßen der rostrote Teppich -- und ein Sonnenstrahl
-ging vor mir her. Ganz droben begann wieder der Tannen Reich, ihre Wurzeln
-deckte Moos und Sauerklee, und Brombeeren wucherten da, die im Schatten
-grün geblieben; noch ein paar Schritte, und vor mir stand der plumpe,
-runde Turm. 1837 war über seiner Tür eingemeißelt, und ich sah sie hier
-wandeln, Mamas mit Krinolinen und komischen Sonnenschirmchen, wie man
-sie auf Porzellanvasen vor Königsschlössern wandeln sieht, und Papas in
-schachbrettartigen Beinkleidern, mit erstickenden Halsbinden und grauen
-Zylinderhüten; und die artigen Kinder erst! Wie die Bilder in »=les
-petites filles modèles=«, mit Pamelahüten und gestickten Höschen, mit
-Reifen und roten Luftballons! Der Turmwart kam und erzählte, daß
-sein Großvater der erste Turmwart gewesen. Er wohnte noch in demselben
-strohgedeckten kleinfenstrigen Häuschen, und seine dicke Frau kam und rief
-zu Kaffee und Zwetschgenkuchen. In der Küche war aufgetischt, und dort
-lief eine alte, zutrauliche Hasenmutter herum, deren dunkles Fell wie
-von Rauhreif übersilbert war, das schnuppernde Näschen und die glatten
-Hängeohren aber kohlschwarzer Spiegelsamt. Sie war's gewöhnt, auf den
-Schoß genommen zu werden, man reichte sie herum wie eine Wärmflasche, und
-dann trank sie Milchkaffee aus der Untertasse, wie ein Christenmensch!
-Dann ging der Turmwart auf den Turm, und ich sah ihn in der düstern
-Wendeltreppe verschwinden, wo an den Balken die Fledermäuse schon im
-Winterschlaf hingen, zusammengerollt wie alte schwarze Glacéhandschuhe.
-
-Alte Städtchen, an Bergen gelegen, haben in ihren Ausläufern
-halbländliche Wege und Gassen, die die Kirche, den Markt und die Schule
-mit den bäuerlichen Anwesen, den Wiesen und Äckern verbinden. Durch
-solche Wege kam ich herunter, im Nebel, an Werkstätten und Holzplätzen
-und fließenden Brünnchen vorüber, die in diesem quellenreichen Land
-durch eiserne Schlangenköpfchen in verwitterte Tröge rauschen, eiskalt
-mit einem Moosgeschmack vom Walde her. »Hähnchen und Hühnchen wollten
-zusammen auf den Nußberg« -- so geht das Märchen an, das unvergeßliche;
-und durch solche Wege und Gäßchen sind Hähnchen und Hühnchen gewiß
-auch gekommen. Die Laternen schimmerten dunstig, Gaslaternen, die ein
-buckliges Männchen anzündete. Kleine, altväterische Häuser standen
-hinter Holzstaketen; in den niederen Stuben, hinter Geranien und
-Fuchsien kam Licht durch die Scheiben; nun saßen drin die Menschen beim
-Kartoffelsalat und tranken gelben Landwein aus dicken, grünlichen Gläsern
-dazu. Auch unsere Waschfrau wohnte da; in ihrer geblümten Kattunjacke,
-die Brille auf der Nase, wie eine kleine, aufmerksame Eule, stand sie und
-bügelte bei der himmelblauen Lampe. Ihr Kätzchen kam aus dem Gebüsch
-und lief eine Weile vor mir her mit kleinen, lockenden Turteltaubentönen.
-Alles war so heimlich, so lockend, die goldenen Ritzen in den Läden, der
-Schein, der über die Schwellen glitt, Laternen an Gartentoren, wo hohe
-Bäume Unverständliches rauschten, und die Stimme des Kätzchens, das sich
-im Dunkeln an mir rieb, sobald ich stille stand; alles, als müßt es mir
-etwas sagen.
-
-Weiter unten, wo die reichen Leute wohnen, wird gebaut und eingerissen; wo
-einst Wiesen waren mit großen Margueriten und Zittergras und alle Gräben
-voll himmlischen Vergißmeinnichts, da steht jetzt Haus an Haus, die
-Häuser groß und die Gärten klein ... früher war's umgekehrt. Und so
-vieles fand ich nicht mehr. Feine, einstöckige Häuser mit geschweiften,
-silbernen Schieferdächern, nach der Straße waren Mauern, von Efeu
-überhangen, aber dahinter wußte man -- da war ein alter Garten, voll
-Platanen und rauschender Silberpappeln und Azaleengebüsch, die Wege ganz
-vermoost, und braune Schnecken krochen drüber hin -- =la limace -- le
-limaçon= lernte ich, die eine hat ein Schneckenhaus und die andere nicht
--- ja, wo ist das alles hin? Muttergotteshäuschen mit Bänken, damit die
-armen Frauen ihre Körbe absetzen und ein wenig verschnaufen konnten ... Da
-war auch sonst ein kleiner, schattiger Friedhof; nicht der berühmte alte
-am Berghang, nein, ein ganz kleiner, noch älterer, abseits, im Tal;
-im Frühling voll Jasminduft und Finkengesang, im Herbst rostbraun vom
-Blätterfall und von zutraulichen Amseln bevölkert, der gab Kunde von
-denen, die von hier nicht mehr heimgekehrt sind. Hier lagen sie aus aller
-Herren Ländern, sogar unter russischen Kreuzen mit ihren Schrägbalken und
-unverständlichen Inschriften; aber manchmal waren sie ins Französische
-übersetzt und kündeten, daß da ein =Chevalier de l'Ordre de Saint
-André= von seinem hoffentlich verdienstvollen Leben ausruhte, oder
-ein armer junger Dmitri, eine sanfte Hélène, =ravie à ses parents
-inconsolables à l'âge de dixneuf ans=, sich hier zu Tode gehustet hatten.
-Denn Davos und Arosa waren damals noch nicht erfunden, und aus weiter Ferne
-kamen sie angereist, denen der Tod seine Rosen auf die Wangen geküßt
-hatte, und mußten dableiben, weil ihre Kraft sie verließ. »=Sacred to
-the memory of Anne, the dearly beloved wife ... aged twentytwo ...=« Eine
-schöne, breitschulterige Muttergottes, die einen rechten Königsmantel
-von Efeu trug, hütete den Eingang und sagte: Fürchtet Euch nicht. Kinder
-spielten zwischen den Gräbern, alte Großmütter saßen dort und strickten
-... Ja, das ist nun verschwunden und vieles ist neu und fremd geworden, und
-es ist wie mit geliebten Menschen, die sich verändert haben; man liebt sie
-noch -- ach Gott, Liebe hat ja wohl auch neun Leben wie die Katzen -- aber
-man wird ihrer nicht mehr froh.
-
-Aber droben am Waldrand ist noch vieles geblieben wie es war; es riecht wie
-damals nach Erde und Moos und schwelendem Kartoffelkraut, und der Umriß
-der Hügel ist derselbe, über denen die Sterne stehen, so altbekannt --
-die ewig geheimnisvolle, goldene Schrift ... Die Augen füllen sich
-mit Tränen, seid ihr's, bist du's? Und man wittert in die Luft wie ein
-Jagdhund, der den Dunst seines Herrn erkennt. Die Karren kehren heim aus
-dem Wald, mit Laubstreu hochbeladen, all das Laub, das im Frühling seine
-spitzen, seidigen Knospen aufgetan, mit dem Wind gestichelt hatte, dankbar
-der Sonne, dem Leben. Nun ist es vermodert und wird die Erde düngen, wird
-geben, nachdem es genommen.
-
-Mütterchen Heimat, sanft gehst du um mit deinen Kindern. Hier ist
-Laubstreu für deine Erde!
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Symbole für abweichende Schriftarten:
-
- _gesperrt_ : =Antiqua= .
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen (z. B. Gerda -- Gerta), mit
-folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 33:
- ";" eingefügt
- (seit sie ihm gesagt, Emmo käme her;)
-
- Seite 36:
- "," eingefügt
- (die Welt gewiß nicht gewinnen, aber um ihre Seele sorgte)
-
- Seite 58:
- "deratige" geändert in "derartige"
- (er liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen)
-
- Seite 59:
- "Intensivkul ur" geändert in "Intensivkultur"
- (immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur)
-
- Seite 94:
- "«," geändert in ",«"
- (»Der Arme,« sagte sie)
-
- Seite 112:
- "«," geändert in ",«"
- (»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante.)
-
- Seite 114:
- "«," geändert in ",«"
- (,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme)
-
- Seite 130:
- "in" geändert in "ein"
- (das eigentlich Unkorrekte durch ein gewisses Dekorum)
-
- Seite 136:
- Absatz eingefügt vor "»Wie"
- (»Wie ging das zu?« frug der Prinz)
-
- Seite 140:
- "," hinter "nein, nein" eingefügt
- (»Ach nein, nein,« sagte sie)
-
- Seite 155:
- "." entfernt hinter "Mond"
- (heraufstarrten zum Mond wie Seelen)
-
- Seite 155:
- ".." geändert in "..."
- (mehr erhellen kann ... dort ging die Frau)
-
- Seite 168:
- "dielen" geändert in "diesen"
- (aus diesen Produkten des =ancien régime= hoffte er)
-
- Seite 178:
- "," eingefügt
- (die Kinder gehören der Mutter, doch nur so lange)
-
- Seite 183:
- "gänglich" geändert in "gänzlich"
- (Sie sind hier gänzlich deplaciert)
-
- Seite 197:
- "," hinter "dem" entfernt
- (dankbar der Sonne, dem Leben)
-
- Seite 197:
- "," eingefügt
- (und wird die Erde düngen,) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Laubstreu, by Irene Forbes-Mosse
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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