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-The Project Gutenberg EBook of Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der Wille zur Macht
- Eine Auslegung alles Geschehens
-
-Author: Friedrich Nietzsche
-
-Editor: Max Brahn
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60360]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT ***
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-
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-
-Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
-Umschließungen mit ~ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
-dargestellt war.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
-Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
-belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des
-Buchs.
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- Der Wille zur Macht
-
- Eine Auslegung alles Geschehens
-
- von
-
- Friedrich Nietzsche
-
- Neu ausgewählt und geordnet von
-
- Max Brahn
-
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- Große Dinge verlangen, daß man von
- ihnen schweigt oder groß redet: groß,
- das heißt zynisch und mit Unschuld.
-
-
- 1917
-
- Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
-
-
- Altenburg
- Pierersche Hofbuchdruckerei
- Stephan Geibel & Co.
-
-
-
-
-[Der Plan, der dieser Anordnung zugrunde gelegt wurde, lautet in
-Nietzsches Niederschrift:]
-
-
- Der Wille zur Macht
-
- Versuch einer Umwertung aller Werte
-
-
- Erstes Buch
-
- Der europäische Nihilismus
-
-
- Zweites Buch
-
- Kritik der bisherigen höchsten Werte
-
-
- Drittes Buch
-
- Prinzip einer neuen Wertsetzung
-
-
- Viertes Buch
-
- Zucht und Züchtung
-
-
- entworfen
- den 17. März 1887
- Nizza
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden Werke den
-Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel des beabsichtigten
-Werkes und die Gesichtspunkte seiner Ordnung wechselten, aber die
-einheitliche Idee, seine Philosophie übersichtlich darzustellen, blieb
-bestehen. Es sollten keine neuen Grundideen in dem Werke stehen,
-keine wichtige Grundlehre verändert werden; das Werk hätte vielmehr
-beweisen sollen, daß sein Gedankenkreis vom ersten bis zum letzten Werk
-der gleiche geblieben ist. Alle so verschieden erscheinenden Lehren
-der einzelnen Entwicklungsperioden sind nur Variationen des gleichen
-Themas; eine Grundmelodie tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch.
-Sie herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung, die gerade im
-Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich herrschenden Affekt
-fast gewaltsam zu betonen, ihm die ganze Kraft seiner eindrucksvollen,
-überwältigenden Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher
-vernehmen als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig gelesen
-werden müssen, wie der anscheinend so leicht eingehende Nietzsche.
-
-Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die Hauptgedanken
-allein hervorhebendes Werk bringen können. Darum ist es ein so
-trauriger Gedanke, daß seine Erkrankung die Vollendung gerade dieses
-Werkes verhinderte, an dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet,
-zu dem er sich ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und
-Dispositionen entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm er
-wesentliche Teile und vereinigte sie zu seinen letzten Werken,
-besonders zum Antichrist, der in den letzten Monaten vor seiner
-Erkrankung entstanden ist und in einem erregten Ton geschrieben ist,
-der sich von der Stilart der Niederschriften völlig unterscheidet.
-
-Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine unendliche Fülle
-von einzelnen Notizen, die sich in einer großen Anzahl von Heften
-finden. Die bisherigen Ausgaben stellten sich die Aufgabe, von diesem
-Gedankenreichtum nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles
-Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte.
-Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich davon überzeugen,
-mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit Elisabeth
-Förster-Nietzsche und Peter Gast die mühevolle Aufgabe gelöst haben,
-die schwer lesbaren Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen
-unter die gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand
-sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift oder
-zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es unmittelbar für das
-neue Ganze nötig war. Es ist nicht leicht, diese oft so lockenden
-Gedanken wegzulassen; es war auch für eine erste Ausgabe das Rechte,
-sie dem Leser nicht vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das
-Sichzurechtfinden in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre
-große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.
-
-Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus den Manuskripten
-wenigstens dem Sinne nach das zu machen, was Nietzsche selbst
-vorschwebte: eine Darstellung seiner Grundlehre; zugleich aber dem
-neugeordneten Werke eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht
-gestattet und so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen
-in die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in
-Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, was
-den Grundgedanken, des „Willen zur Macht“, erklärt. Dann kam es darauf
-an, das Vorhandene so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches
-Grundlehren entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich, die
-sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der „Übermensch“;
-andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten nur gelegentlich auf.
-Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber in diesen Fällen vor; der
-systematische Aufbau läßt vielmehr das an früheren Stellen laut Betonte
-hier nur als einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So
-geht der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen, großen
-Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller Dinge, von der
-es einst scheinen konnte, sie zähle zu den Hauptlehren, wird eines
-unter den verschiedenen Mitteln zur Zucht des großen Menschen, wenn
-auch eines der entscheidenden. Gerade in dieser Ausgeglichenheit der
-Werte liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes
-hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft zur Nachfolge
-seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß ein so geartetes Werk, dem
-Eindruck bestimmt, ihn auch im weitesten Kreise machte. Der Prophet
-will wirken, beeinflussen -- dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört
-starke Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund stellen
-will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen, aus Geschichte und
-Natur erläutern, wohl gar beweisen. Hier ist der ordnende Intellekt an
-der Arbeit, der systematisch aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den
-heiligen Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu zeigen,
-aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen ist, und wie sie die
-Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden zu erklären vermag.
-
-Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln erwachsen,
-je nach der Persönlichkeit des Philosophen. Die Versenkung ins
-All, in die unmittelbare Tiefe der Dinge kennzeichnet den Typus
-des Metaphysikers und Mystikers. Die Vereinigung der letzten
-wissenschaftlichen Ergebnisse den wissenschaftlichen Philosophen. Das
-Ausgehen vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in der
-Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem der Mensch das
-interessanteste Problem ist. Vom ersten bis zum letzten seiner Werke
-ist Nietzsche Kulturphilosoph. Von der Kultur der Griechen -- dem
-höchsten Kulturtypus -- schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke
-zu Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum stand im
-Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu werden, um doch da zu
-sein. Vom Christentum führt auch der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart,
-noch mehr zur neu zu schaffenden Zeit, zu *der* Zukunft, die durch den
-starken Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll.
-
-Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von einer Ewigkeit,
-einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker tun. Eine Zeit ist nur aus
-den Werten bestimmbar, an die sie glaubt: denn alles Handeln ist ein
-Werten, jede Bewegung will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte
-ordnen sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert
-unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt hat.
-*Unsere Zeit hat keine festen Werte*; „das Eis, das uns noch trägt, ist
-so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des
-Tauwindes.“ Uns fehlt jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge,
-da der einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang ist, der
-christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten Wert, den man genau
-kannte, gab ihm Selbstachtung und dem Übel einen Sinn. An sich selbst
-hat Nietzsche das Dahinschwinden des christlichen Glaubens empfunden,
-er, der Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht.
-Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte, daß sie Erbgut in
-ihm waren, besonders jener vom Christentum anerzogene Glaube an die
-Wahrhaftigkeit. Schwindet er dahin, so tritt leicht die Meinung auf,
-daß es überhaupt keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: die
-*Ziellosigkeit* an sich wird der Wert, der *Nihilismus* ist da.
-
-Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, woher mußte
-die Auflehnung gegen das Christentum entstehen? Nach Nietzsche ist die
-Ablehnung des Christentums Abweisung der ~décadence~, das heißt der
-Lehre der Erschöpften, der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer,
-die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der Dinge der Welt
-wünschen. Unsre bisherige Moral ist im Grunde christliche; sie ist
-aber gleichzeitig die Moral der schwachen Menge, die sich gegen die
-gefährlichen Starken auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere
-Klugheit, feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt.
-In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre seines
-Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat.
-
-Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende ist ihm
-zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein Bejahendes deutlich zu
-machen, als nötig zu erweisen. Zu *Taten* will er die Menschheit
-befähigen, da er ein Philosoph ist, das heißt für ihn ein
-Werteschaffer; unserer Zeit aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter
-der Tat, nicht nur der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes
-nicht im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen
-wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten Buch aufgerichtet wird:
-in diesen liegt nach der Absicht Nietzsches die Deutung der Zukunft.
-
-Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem Worte zu sagen:
-auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, da kürzt er nur das Wort;
-es müßte da stets heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste
-Form er die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen
-verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung: „Ich
-verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen, welches mit den
-Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ *Daher kann es für ihn
-keine allgemeine Moral geben.* Streng genommen gibt es nur eine Moral
-für jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten zusammen,
-so gibt es Moralen für die Starken und die Schwachen, die Gesunden
-und die Kranken. Hier berührt sich die Lehre mit modernen Ideen, die,
-von ihr unbewußt oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach
-Anlagen einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in jedem die
-Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus jedem alles zu machen.
-In strenger Selbstuntersuchung, sich selbst verantwortlich, hat ein
-jeder festzustellen, „wer bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten,
-daß sein Ich ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden
-seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein, alle Leiden gern
-als notwendig mit auf sich nehmend. Streng und unerbittlich, hart gegen
-sich, wie nur je ein Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des
-Lebens viel leidender, viel gequälter.
-
-Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die den Mut zu
-diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen Leben haben.
-Wer diese lehrt, wird notwendig manches angreifende, kriegerische Wort
-für die entgegengesetzte Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten
-wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre
-Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ Die Moral
-der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa nur geduldet -- ein ihm
-furchtbares Wort --, sie wird gewünscht, weil für nötig befunden.
-Aber sie soll nicht die herrschende sein, sie soll nicht sich alle
-„Moral“ zuschreiben; sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und
-unmoralisch, weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive der
-Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will Erhaltung, oft
-Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens freie Bahn, die das
-Alte oft zerbrechen muß, um neue Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah
-voraus, daß es „dem nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe
-rumoren wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen werden -- hat
-unser Geschlecht, das des größten Krieges der Weltgeschichte, wirklich
-das Gefühl in sich, daß es den alten Werten gehorcht? Neues, Starkes
-kommt, weil es kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen
-berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht gar der
-Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat?
-
-Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die Moral; glaubt
-er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren Gegensatz falsch sein
-muß? Nein, auch diese Wahrheit ist ihm wie jede andere nur „eine Art
-von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht
-leben könnte. Der Wert für das *Leben* entscheidet zuletzt.“ Jeder
-Sinn, der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die sich
-der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr zu werden, um
-sein *Machtgefühl* über die Dinge zu steigern, um seinen unbezähmbaren
-Willen zur Macht auszuüben. Es gibt vielerlei Wahrheiten von den
-Dingen, jede Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem
-Leben dienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein und
-Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie sehr nahe, die
-neuerdings unter dem Namen der „Philosophie des Als-Ob“ so großes
-Aufsehen gemacht hat. Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes
-liest, nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph sei --
-von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist stärkste Anregung auf
-unsere Zeit ausgegangen. Er hat, mag er auch Darwin bekämpfen, so doch
-aus dem Geiste der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und
-nun verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht ist, der
-unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch, in alle Tiefen
-unserer Weltanschauung hinein. Aber nicht unser Erkennen allein --
-selbst nur eine Sonderart der Natur -- ist Wille zur Macht, die Natur
-ist es in ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben -- alles Leben
-Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte anhäufen, die
-ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren möchten, sind die
-letzten Erklärungen, die es für alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle
-Veränderung läßt sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie
-ruht, stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will -- mit
-dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen wir die für
-uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“ der Welt, Macht über sie.
-„Diese Welt ist der Wille zur Macht -- und nichts außerdem. Und auch
-ihr selber seid dieser Wille zur Macht -- und nichts außerdem.“
-
-Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser
-Beurteilungsweise wert. So entsteht eine Rangordnung der Menschen nach
-ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig, darauf hinzuweisen, daß es
-sich hier nicht um jene äußere Macht handelt, die mit Kanonen sich
-durchsetzt? Daß es sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt,
-die stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern,
-die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen, die so stark
-strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte verschwendet, die im Herrschen
-über sich und andere ihre Pflicht findet. Solche Aristokratie ist
-angeboren, ist „Geblütsadel“. „Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘
-und vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So darf man auch
-denen zurufen, die das Wort Macht bei Nietzsche vergröbern, um dagegen
-zu kämpfen.
-
-Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer des Neuen;
-sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen die Welt einfach dadurch,
-daß sie da sind. Nicht ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es
-geht hier mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner
-grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, so
-erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken sie nur Wahrheiten
-aus, die sich in der Menschheit stets wieder als ganz natürliche
-Erlebnisse erweisen. Hat nicht die Erregung der Kriegszeit gezeigt,
-wie sehr die Menschen dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende,
-herrschende Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders
-sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der neue Werte
-aufstellt und beweist, daß er einen starken, langen Willen hat, der
-imstande ist, sich gegen eine Welt von Hindernissen durchzusetzen. Auf
-seinen Wink tun sie alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis
-zum Aufgeben des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich die
-Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen ankommt,
-daß sie herangezogen werden müssen, wenn die anderen nicht untergehen
-sollen. Dann sieht man auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust,
-wenigstens nicht die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu
-sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen. Das Glück
-dieser Großen liegt allein „in dem herrschend gewordenen Bewußtsein
-der Macht und des Sieges.“ Darf man von ihnen die Moral des Mitleids,
-Rücksichtnahme, Milde verlangen -- oder wünscht nicht die Menge sie
-hart, unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen sie sein und
-vornehm -- die beiden Haupteigenschaften, die Nietzsche von „seinen“
-Menschen verlangt.
-
-Diese großen schaffenden Menschen -- der Theorie oder der Praxis --
-greifen mit mächtiger Hand in das Rad des Daseins; sie drehen seine
-Speichen ein Stück vorwärts, indem sie das Gefühl in sich tragen, der
-Welt neue Kräfte gewinnen zu *müssen*, nicht anders zu können, als Welt
-zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen nicht nach
-dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren Gründe, auf denen es
-ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit und seine Untiefen -- und gewinnen
-daraus Einsicht und Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht
-daran zu erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören,
-zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu werden,
-um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen „Ja“ zum Gesamtdasein
-und können darum zu keinem Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit
-verschlingt alle Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein
-bejahen muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich
-strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt, der einzigen
-Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs. Sie kennen keine seiende
-Welt, nur eine werdende, eine sein sollende, an der Menschen ihr und
-der Welt Geschick zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet,
-wächst ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun, dieser
-Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle, dem Reichtum
-ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt hinüberströmen zu lassen.
-Sie sehen auf diese Welt als *ihr* Werk und wünschen sich nur eins:
-stets wieder an ihr zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von
-neuem wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen,
-so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen wird, möchte es
-wiederkehren: in gleicher Form unendlich oft in ewiger Wiederkehr.
-Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen entstammend, gibt ihnen Kraft -- und
-diese neue Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber gehen
-an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich oft wiederkehren
-möge -- und hier wie überall trennen sich denn die Menschen in
-ihrem Glauben, ihrem Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen
-notwendig in die Starken und die Schwachen, weil dieser Unterschied
-ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem Grade des Willens zur Macht.
-
- Max Brahn.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Vorwort V-XIV
-
- Erstes Buch: Der europäische Nihilismus 1-45
-
- 1. Geschichte 1
-
- 2. Wesen und Ursache 14
-
- 3. Krisis 32
-
- Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte 46-120
-
- (Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.)
-
- I. Moral:
-
- 1. Entstehung und Sieg 46
-
- 2. Die moralischen Ideale 71
-
- 3. Philosophie und Moral 99
-
- 4. Philosophie und Wissenschaft 107
-
- 5. Freie Philosophie 116
-
- II. Religion:
-
- 1. Entstehung 120
-
- 2. Christentum 131
-
- Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung 156-307
-
- I. Die neue Deutung der Welt 156
-
- II. Der Geist -- ein Machtwille:
-
- 1. Wahrnehmung 163
-
- 2. Erkenntnis 177
-
- a. Allgemeines 177
-
- b. Logik und Wissenschaft 185
-
- c. Ursache und Wirkung 195
-
- d. Ich und Außenwelt 204
-
- 3. Metaphysik 206
-
- Die „wahre“ Welt 206
-
- III. Die Natur -- ein Machtwille:
-
- 1. Die anorganische Natur 219
-
- 2. Die organische Natur 229
-
- 3. Der Mensch als Naturwesen 239
-
- IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille:
-
- 1. Der Mensch als geselliges Wesen 253
-
- 2. Der Staat 266
-
- V. Kunst -- ein Machtwille 277
-
- Viertes Buch: Zucht und Züchtung 308-376
-
- 1. Die Rangordnung 308
-
- 2. Der züchtende Gedanke 347
-
-
-
-
-Erstes Buch.
-
-Der europäische Nihilismus.
-
-
-1. Geschichte.
-
-
-1.
-
-Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte.
-Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: *die
-Heraufkunft des Nihilismus*. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt
-werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft
-redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich
-an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt.
-Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer
-Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf
-eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom,
-der *ans Ende* will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat,
-sich zu besinnen.
-
-
-2.
-
--- Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher getan als *sich
-zu besinnen*: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen
-Vorteil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung,
-in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und -- Versuchergeist,
-der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als
-ein Wahrsagevogel-Geist, der *zurückblickt*, wenn er erzählt, was
-kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den
-Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, -- der ihn *hinter
-sich, unter sich, außer sich* hat.
-
-
-3.
-
-Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem
-dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „*Der Wille zur Macht.*
-Versuch einer Umwertung aller Werte“ -- mit dieser Formel ist eine
-*Gegenbewegung* zum Ausdruck gebracht in Absicht auf Prinzip
-und Aufgabe; eine Bewegung, welche in irgendeiner Zukunft jenen
-vollkommenen Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber *voraussetzt*,
-logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur *auf ihn* und
-*aus ihm* kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus
-nunmehr *notwendig*? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die
-in ihm ihre letzte Folgerung ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende
-gedachte Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, -- weil wir den
-Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich
-der *Wert* dieser „Werte“ war.... Wir haben, irgendwann, *neue Werte*
-nötig....
-
-
-4.
-
-Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig im Gefolge
-der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der
-Heiterkeit; Frauen dachten mit jenem weiblichen Instinkt, der immer
-zugunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld
-sei. Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:
-
- ~Un monstre gai vaut mieux
- Qu'un sentimental ennuyeux.~
-
-Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und
-sogar Galiani -- der etwas viel Tieferes war -- in der Aufklärung
-voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung
-gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer
-Art Bedauern in acht vor der deutschen und christlichen Enge und
-Folgeunrichtigkeit des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen
-Pessimismus und suchte die prinzipiellsten Formen auf (-- Asien --).
-Um aber *diesen* extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da
-aus meiner „Geburt der Tragödie“ herausklingt), „ohne Gott und Moral“
-allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht
-weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet
-so tief, daß er das Lachen erfinden *mußte*. Das unglücklichste und
-melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste.
-
-
-5.
-
-Die drei Jahrhunderte.
-
-Ihre verschiedene *Sensibilität* drückt sich am besten so aus:
-
- *Aristokratismus*: Descartes, Herrschaft der *Vernunft*, Zeugnis von
- der Souveränität des *Willens*;
-
- *Femininismus*: Rousseau, Herrschaft des *Gefühls*, Zeugnis von der
- Souveränität der *Sinne*, verlogen;
-
- *Animalismus*: Schopenhauer, Herrschaft der *Begierde*, Zeugnis von
- der Souveränität der *Animalität*, redlicher, aber düster.
-
-Das 17. Jahrhundert ist *aristokratisch*, ordnend, hochmütig gegen das
-Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“, sogar ohne Gemüt,
-„undeutsch“, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisierend
-und souverän gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel
-Raubtier ~au fond~, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das
-*willensstarke* Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft.
-
-Das 18. Jahrhundert ist vom *Weibe* beherrscht, schwärmerisch,
-geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst der Wünschbarkeit,
-des Herzens, ~libertin~ im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten
-unterminierend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel
-Kanaille ~au fond~, gesellschaftlich....
-
-Das 19. Jahrhundert ist *animalischer*, unterirdischer, häßlicher,
-realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“, „ehrlicher“,
-vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, *wahrer*; aber
-willensschwach, aber traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch.
-Weder vor der „Vernunft“, noch vor dem „Herzen“ in Scheu und
-Hochachtung; tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde
-(Schopenhauer sagte „Wille“: aber nichts ist charakteristischer für
-seine Philosophie, als daß das eigentliche *Wollen* in ihr fehlt).
-Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“).
-
-Auguste Comte ist *Fortsetzung des 18. Jahrhunderts* (Herrschaft
-von ~cœur~ über ~la tête~, Sensualismus in der Erkenntnistheorie,
-altruistische Schwärmerei).
-
-Daß die *Wissenschaft* in dem Grade souverän geworden ist, das beweist,
-wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der *Ideale losgemacht*
-hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“ im Wünschen ermöglicht uns erst
-unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge -- diese *unsere* Art
-Tugend....
-
-Die Romantik ist *Nachschlag* des 18. Jahrhunderts; eine Art
-aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (--
-tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man
-wollte die *starke Natur, die große Leidenschaft* darstellen).
-
-Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach *Theorien*, mit denen
-es seine *fatalistische Unterwerfung unter das Tatsächliche*
-gerechtfertigt fühlt. Schon *Hegels* Erfolg gegen die „Empfindsamkeit“
-und den romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner
-Denkweise, in seinem Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des
-Siegreichen, in seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an
-Stelle von „Menschheit“ usw.). -- Schopenhauer: wir sind etwas Dummes
-und bestenfalls sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes. Erfolg des
-Determinismus, der genealogischen Ableitung der früher als absolut
-geltenden *Verbindlichkeiten*, die Lehre vom Milieu und der Anpassung,
-die Reduktion des Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des
-Willens als „wirkender Ursache“; endlich -- eine wirkliche Umtaufung:
-man sieht so wenig Wille, daß das Wort *frei* wird, um etwas anderes
-zu bezeichnen. Weitere Theorien: die Lehre von der *Objektivität*,
-„willenlosen“ Betrachtung, als einzigem Weg zur Wahrheit; *auch zur
-Schönheit* (-- auch der Glaube an das „*Genie*“, um ein Recht auf
-*Unterwerfung* zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare Starrheit
-des mechanischen Prozesses; der angebliche „Naturalismus“, Elimination
-des wählenden, richtenden, interpretierenden Subjekts als Prinzip --
-
-Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem *Moral-Fanatismus*
-ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der historischen
-Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit, zum
-Beispiel Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie;
-Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist, mit dem Hinterhang der
-dogmatischen Verwöhnung --.
-
-Die *Rückbewegung auf Kant* in unserem Jahrhundert ist eine
-*Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert*: man will sich ein Recht
-wieder auf die *alten Ideale* und die alte Schwärmerei verschaffen,
--- darum eine Erkenntnistheorie, welche „Grenzen setzt“, das heißt
-erlaubt, ein *Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen*....
-
-Die Denkweise *Hegels* ist von der *Goethe*schen nicht sehr entfernt:
-man höre Goethe über *Spinoza*. Wille zur Vergöttlichung des Alls und
-des Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen *Ruhe* und *Glück* zu
-finden; Hegel sucht Vernunft überall, -- vor der Vernunft darf man sich
-*ergeben* und *bescheiden*. Bei Goethe eine Art von fast *freudigem*
-und *vertrauendem Fatalismus*, der nicht revoltiert, der nicht
-ermattet, der aus sich eine Totalität zu bilden sucht, im Glauben, daß
-erst in der Totalität alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt
-erscheint.
-
-
-6.
-
-*Voltaire* -- *Rousseau*. -- Der Zustand der Natur ist furchtbar, der
-Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist ein unerhörter *Triumph*
-über diese Raubtiernatur: -- *so schloß Voltaire*. Er empfand die
-Milderung, die Raffinements, die geistigen Freuden des zivilisierten
-Zustandes; er verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend;
-den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen.
-
-Die *moralische Verwerflichkeit* des Menschen schien *Rousseau zu
-präokkupieren*; man kann mit den Worten „ungerecht“, „grausam“ am
-meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter
-dem Bann des ~vetitum~ und der Ungnade befinden: *so daß ihr Gewissen
-ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät*. Diese Emanzipatoren
-suchen vor allem *eins*: ihrer Partei die großen Akzente und Attitüden
-der *höheren Natur* zu geben.
-
-
-7.
-
-*Rousseau*: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle
-der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maße, in dem
-er sich der *Natur nähert* (-- nach Voltaire in dem Maße, in dem er
-sich *von der Natur entfernt*). Dieselben Epochen für den einen die des
-Fortschritts der *Humanität*, für den andern Zeiten der Verschlimmerung
-von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.
-
-Voltaire noch die ~umanità~ im Sinne der Renaissance begreifend,
-insgleichen die ~virtù~ (als „hohe Kultur“), er kämpft für die Sache
-der „~honnêtes gens~“ und „~de la bonne compagnie~“, die Sache des
-Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts
-selbst und der Zivilisation.
-
-*Der Kampf gegen 1760 entbrannt*: der Genfer Bürger und ~le seigneur de
-Ferney~. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der
-Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur
-~un bel esprit~). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg trieb ihn
-vorwärts, „in die Höhe“.
-
-~Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur~ -- Voltaire.
-
-Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den *Wert der Zivilisation*.
-Die *soziale Erfindung*, die schönste, die es für Voltaire gibt: es
-gibt kein höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen;
-eben das ist die ~honnêteté~, die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend
-ein Gehorsam gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der
-Erhaltung der „Gesellschaft“. *Kultur-Missionär*, Aristokrat, Vertreter
-der siegreichen, herrschenden Stände und ihrer Wertungen. Aber Rousseau
-blieb *Plebejer*, auch als ~homme de lettres~, das war *unerhört*;
-seine unverschämte Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.
-
-Das *Krankhafte* an Rousseau am meisten bewundert und *nachgeahmt*.
-(Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen Attitüden
-aufschraubend, zum rankünösen Groll; Zeichen der „Gemeinheit“; später,
-durch *Venedig* ins Gleichgewicht gebracht, begriff er, was *mehr
-erleichtert* und *wohltut*, .... ~l'insouciance~.)
-
-Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner
-Herkunft; aber er gerät außer sich, wenn man ihn daran erinnert ....
-
-Bei Rousseau unzweifelhaft die *Geistesstörung*, bei Voltaire eine
-ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die *Ranküne des Kranken*;
-die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung und
-seines Mißtrauens.
-
-Die Verteidigung der *Providenz* durch Rousseau (gegen den Pessimismus
-Voltaires): er *brauchte* Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und
-die Zivilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut sein, da
-Gott es geschaffen; *nur der Mensch hat den Menschen verdorben*. Der
-„gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem
-Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes.
-
-*Romantik* ~à la~ *Rousseau*: die Leidenschaft („das souveräne Recht
-der Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination der Verrücktheit
-(die Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des
-Schwachen; die Pöbel-Ranküne als *Richterin* („in der Politik hat man
-seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen“).
-
-
-8.
-
-Die *beiden großen Tentativen*, die gemacht worden sind, das 18.
-Jahrhundert zu überwinden:
-
- *Napoleon*, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um
- Macht wieder aufweckte -- Europa als politische Einheit konzipierend;
-
- *Goethe*, indem er eine europäische Kultur imaginierte, die die volle
- Erbschaft der schon *erreichten* Humanität macht.
-
-Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen -- in der
-Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe --
-
-
-9.
-
-*Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution)*: --
-Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholizismus der
-geistigsten Begierden -- das ist gutes achtzehntes Jahrhundert ~au
-fond~.
-
-*Schopenhauers* Grundmißverständnis des *Willens* (wie als ob Begierde,
-Instinkt, Trieb das *Wesentliche* am Willen sei) ist typisch:
-Werterniedrigung des Willens bis zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen
-das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein *ohne*
-Ziel und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres,
-*ja das* Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes Symptom der *Ermüdung*
-oder der *Schwäche* des *Willens*: denn dieser ist ganz eigentlich das,
-was die Begierden als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist....
-
-
-10.
-
-Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten
-Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem
-Moral-Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und
-sich nicht eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der
-Metamorphose des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt.
-Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die
-Macht haben. Auf der zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will
-„loskommen“ von denen, welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man
-„*gleiche Rechte*“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das
-Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen.
-
-
-11.
-
-*Kritik des modernen Menschen*: -- „der gute Mensch“, nur verdorben
-und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester);
--- die Vernunft als Autorität; -- die Geschichte als Überwindung von
-Irrtümern; -- die Zukunft als Fortschritt; -- der christliche Staat
-(„der Gott der Heerscharen“); -- der christliche Geschlechtsbetrieb
-(oder die Ehe); -- das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der
-„Menschheit“); -- die „Freiheit“.
-
-Die *romantische* Attitüde des modernen Menschen: -- der edle
-Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); -- die edle Entrüstung;
--- die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); -- die
-Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto
-der Historiker und Romanziers; -- die Stoiker der Pflicht; -- die
-„Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; -- der Altruismus als
-verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus.
-
-Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen *nicht* sich aus
-ihm vererbt hat: die ~insouciance~, die Heiterkeit, die Eleganz,
-die geistige Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert;
-der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an
-der Farbe, Harmonie, Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im
-Geistigen. Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert *Rousseaus*.
-
-
-12.
-
-Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben
-an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das
-macht die Zeit, in die wir geworfen sind -- die Zeit eines großen
-inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren
-Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend
-entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser
-Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich:
-man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles
-glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns
-noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen
-Atem des Tauwindes -- wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr
-gehen *können*!
-
-
-13.
-
-Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
-
-Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ --
-
-Der Niedergang der Familie.
-
-Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.
-
-Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).
-
-Geilheit und Neurose.
-
-Der Anarchist.
-
-Menschenverachtung, Ekel.
-
-Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch
-wird? Ersterer erzeugt die *Ideale der Romantik*. --
-
-Nordische Unnatürlichkeit.
-
-Das Bedürfnis nach ~Alcoholica~: die Arbeiter-„Not“.
-
-Der philosophische Nihilismus.
-
-
-14.
-
-Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen
-Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon
-vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne
-Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, -- im Ganzen
-also das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel --
-bringt mit sich
-
-1. Verdüsterung des Geistes (-- das Beieinander eines stoischen und
-frivolen *Anscheins* von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist,
-nimmt ab; man läßt viele Leiden *sehen* und *hören*, welche man früher
-ertrug und verbarg);
-
-2. die *moralische* Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral
-*auszeichnen* zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid,
-Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt und
-gewürdigt werden);
-
-3. eine *wirkliche* große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das
-Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben --
-„Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht
-kommt).
-
-
-15.
-
-Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der
-Wille der *Tradition*: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre
-Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack....
-Im Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte,
-diesen Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man
-nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie
-an (als „Erblichkeit“ --), aber man *will* sie nicht. Die Anspannung
-eines Willens über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und
-Wertungen, welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft
-verfügen kann -- das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus
-sich ergibt, daß die *desorganisierenden* Prinzipien unserem Zeitalter
-den Charakter geben. --
-
-
-16.
-
-Die ehemaligen Mittel, *gleichartige*, dauernde Wesen durch lange
-Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der
-Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen-Glaubens als der Ahnherren).
-
-Jetzt gehört die *Zersplitterung des Grundbesitzes* in die
-entgegengesetzte Tendenz: eine *Zeitung* (an Stelle der täglichen
-*Gebete*), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation einer ungeheuren Menge
-verschiedener Interessen in einer Seele: die *dazu* sehr stark und
-verwandlungsfähig sein muß.
-
-
-17.
-
-Die „*Modernität*“ unter dem Gleichnis von Ernährung und Verdauung. --
-
-Die Sensibilität unsäglich reizbarer (-- unter moralistischem Aufputz:
-die Vermehrung des *Mitleids* --); die Fülle disparater Eindrücke
-größer als je: -- der *Kosmopolitismus* der Speisen, der Literaturen,
-Zeitungen, Formen, Geschmäcker, selbst Landschaften. Das *Tempo*
-dieser Einströmung ein *Prestissimo*; die Eindrücke wischen sich aus;
-man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, *tief* zu nehmen,
-etwas zu „verdauen“; -- Schwächung der Verdauungskraft resultiert
-daraus. Eine Art *Anpassung* an diese Überhäufung mit Eindrücken
-tritt ein: der Mensch verlernt zu *agieren*; *er reagiert nur noch*
-auf Erregungen von außen her. Er *gibt seine Kraft aus* teils in der
-*Aneignung*, teils in der *Verteidigung*, teils in der *Entgegnung*.
-*Tiefe Schwächung der Spontaneität*: -- der Historiker, Kritiker,
-Analytiker, der Interpret, der Beobachter, der Sammler, der Leser, --
-alles *reaktive* Talente, -- alle Wissenschaft!
-
-Künstliche *Zurechtmachung* seiner Natur zum „Spiegel“; interessiert,
-aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; eine grundsätzliche Kühle,
-ein Gleichgewicht, eine festgehaltene *niedere* Temperatur dicht unter
-der dünnen Fläche, auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel
-gibt.
-
-Gegensatz der *äußeren* Beweglichkeit zu einer gewissen *tiefen Schwere
-und Müdigkeit*.
-
-
-18.
-
-Die *Zuchtlosigkeit des modernen Geistes* unter allerhand moralischem
-Aufputz. -- Die Prunkworte sind: die Toleranz (für „Unfähigkeit zu
-Ja und Nein“); ~la largeur de sympathie~ (= ein Drittel Indifferenz,
-ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die
-„Objektivität“ (= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit
-zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); die
-„Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); die
-„Wissenschaftlichkeit“ (das „~document humain~“: auf Deutsch der
-Kolportageroman und die Addition -- statt der Komposition); die
-„Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“
-an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs.
-
-
-19.
-
-Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz ~tout comprendre
-c'est tout pardonner~ verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor
-allem die Enttäuschten: wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so
-gibt es auch an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der
-Enttäuschung, die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß
-blickt.
-
-Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun wollen sie
-wenigstens noch *zusehen*, wie alles läuft und verläuft. Sie nennen's
-~l'art pour l'art~, „Objektivität“ usw.
-
-
-20.
-
-Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl -- unsere *modernen Laster*.
-
-
-21.
-
-Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung oder in den
-Aufgang? -- Ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des
-*Bewußtwerdens*.
-
-
-22.
-
-Die Deutschen *sind* noch nichts, aber sie *werden* etwas; also haben
-sie noch keine Kultur, -- also können sie noch keine Kultur haben! Das
-ist mein Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß. -- Sie sind noch
-nichts: das heißt, sie sind allerlei. Sie *werden* etwas: das heißt,
-sie hören einmal auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur
-ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf
-dem man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der
-Züchtung so gut, als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der
-Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung, -- kurz, wir Deutschen
-*wollen* etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte -- wir wollen
-etwas *mehr*!
-
-Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ -- etwas Besseres
-zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß alle „Werdenden“
-ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche,
-ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ oder „Sich-selbst-anräuchern“
-wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht
-umgelernt habe.
-
-
-2. Wesen und Ursache.
-
-
-23.
-
-Was bedeutet Nihilismus? -- *Daß die obersten Werte sich entwerten.* Es
-fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“
-
-
-24.
-
-Der *radikale Nihilismus* ist die Überzeugung einer absoluten
-Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die
-man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die *Einsicht*, daß wir nicht
-das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge
-anzusetzen, das „göttlich“, das leibhafte Moral sei.
-
-Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit
-selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.
-
-
-25.
-
-Nihilismus. Er ist *zweideutig*:
-
-A. Nihilismus als Zeichen der *gesteigerten Macht des Geistes*: *der
-aktive Nihilismus*.
-
-B. Nihilismus als *Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes*:
-*der passive Nihilismus*.
-
-
-26.
-
-Der Nihilismus ein *normaler* Zustand.
-
-Er kann ein Zeichen von *Stärke* sein, die Kraft des Geistes kann so
-angewachsen sein, daß ihr die *bisherigen* Ziele („Überzeugungen“,
-Glaubensartikel) unangemessen sind (-- ein Glaube nämlich drückt im
-allgemeinen den Zwang von *Existenzbedingungen* aus, eine Unterwerfung
-unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen *gedeiht,
-wächst, Macht gewinnt*....); andrerseits ein Zeichen von *nicht
-genügender Stärke*, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein
-Warum, einen Glauben zu *setzen*.
-
-Sein *Maximum* von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft
-der *Zerstörung*: als *aktiver Nihilismus*.
-
-Sein Gegensatz wäre der *müde* Nihilismus, der nicht mehr *angreift*:
-seine berühmteste Form der Buddhismus: als *passivischer* Nihilismus,
-als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet,
-*erschöpft* sein, so daß die *bisherigen* Ziele und Werte unangemessen
-sind und keinen Glauben mehr finden --, daß die Synthesis der Werte
-und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die
-einzelnen Werte sich Krieg machen: *Zersetzung* --, daß alles, was
-erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter
-verschiedenen *Verkleidungen*, religiös oder moralisch, oder politisch,
-oder ästhetisch usw.
-
-
-27.
-
-Der Nihilismus stellt einen pathologischen *Zwischenzustand* dar
-(pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf
-*gar keinen Sinn*): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht
-stark genug sind, -- sei es, daß die ~décadence~ noch zögert und ihre
-Hilfsmittel noch nicht erfunden hat.
-
-*Voraussetzung dieser Hypothese*: -- Daß es *keine Wahrheit* gibt;
-daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“
-gibt. -- *Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste.* Er
-legt den *Wert* der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten *keine*
-Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von
-Kraft auf Seiten der *Wert-Ansetzer* sind, eine Simplifikation zum
-*Zweck des Lebens*.
-
-
-28.
-
-Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus,
-vermöge deren das Ziel *von außen her* gestellt, gegeben, gefordert
-schien -- nämlich durch irgendeine *übermenschliche Autorität*. Nachdem
-man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter
-Gewöhnung nach einer *anderen* Autorität, welche *unbedingt zu reden
-wüßte* und Ziele und Aufgaben *befehlen könnte*. Die Autorität des
-*Gewissens* tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der
-Theologie, um so imperativischer wird die *Moral*) als Schadenersatz
-für eine *persönliche* Autorität. Oder die Autorität der *Vernunft*.
-Oder der *soziale Instinkt* (die Herde). Oder die *Historie* mit
-einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich
-*überlassen kann*. Man möchte *herumkommen* um den *Willen*, um das
-*Wollen* eines Zieles, um das Risiko, *sich selbst* ein Ziel zu geben;
-man möchte die Verantwortung abwälzen (-- man würde den *Fatalismus*
-akzeptieren). Endlich: *Glück*, und, mit einiger Tartüfferie, das
-*Glück der Meisten*.
-
-Man sagt sich
-
-1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,
-
-2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.
-
-Gerade jetzt, wo der *Wille* in der *höchsten Kraft nötig* wäre, ist er
-am *schwächsten* und *kleinmütigsten*. *Absolutes Mißtrauen gegen die
-organisatorische Kraft* des Willens *fürs Ganze*.
-
-
-29.
-
-Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“
-und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man
-legt Hand an, man *richtet zugrunde*.... Das ist, wenn man will,
-*unlogisch*: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu
-sein.... Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist
-es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: -- das
-*Nein der Tat* kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil
-sekundiert die Vernichtsung durch die Hand.
-
-
-30.
-
-*Zur Genesis des Nihilisten.* -- Man hat nur spät den Mut zu dem, was
-man eigentlich *weiß*. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen
-bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der
-Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich
-über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint
-es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz
-ist.
-
-
-31.
-
-Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen
-sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges
-Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt
-man *diesen* „Sinn“, *dieses* Maß? -- Der Nihilist meint im Grunde,
-der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen
-Philosophen *unbefriedigend*, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht
-widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft
-auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins *müßte dem
-Philosophen Vergnügen machen*, wenn anders es zu Recht bestehen soll....
-
-Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des
-Geschehens nur den Sinn von *Mitteln* haben können: es bliebe übrig, zu
-fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen *könnten*, ob nicht
-die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist.
---
-
-
-32.
-
-*Die Arten der Selbstbetäubung.* -- Im Innersten: nicht wissen,
-wohinaus? *Leere.* Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen:
-Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des
-Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für
-einzelne *Menschen* oder *Zeiten* (als Haß usw.). -- Versuch,
-besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge
-offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als
-Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu
-generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige *Genuß*
-der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („~le fait~“),
-das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an *sich* selber; irgend
-welche beständige Arbeit, *irgend*ein kleiner dummer Fanatismus; das
-Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die
-Ausschweifung tötet das Vergnügen).
-
-1. Willensschwäche als Resultat.
-
-2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast
-*gefühlt*.
-
-
-33.
-
-Der *unvollständige* Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.
-
-Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, *ohne* die bisherigen Werte
-umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.
-
-
-34.
-
-1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser
-unheimlichste aller Gäste? -- Ausgangspunkt: es ist ein *Irrtum*,
-auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar
-auf Korruption hinzuweisen als *Ursache* des Nihilismus. Es ist
-die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche,
-intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus
-(das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit)
-hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene
-Ausdeutungen. Sondern: in einer *ganz bestimmten Ausdeutung*, in der
-christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.
-
-2. Der Untergang des Christentums -- an seiner *Moral* (die unablösbar
-ist --), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn
-der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt
-*Ekel* vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt-
-und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den
-fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der *Tat*...).
-
-3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der
-*moralischen* Weltauslegung, die keine *Sanktion* mehr hat, nachdem
-sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in
-Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer
-Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist -- erweckt
-das Mißtrauen, ob nicht *alle* Weltauslegungen falsch sind --).
-Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat
-nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei
-ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein
-als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe -- eine moralische
-Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“
-zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen
-Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“
-und „schön“ und „gut“ -- --
-
-4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen
-Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie
-bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die
-Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die
-Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen
-Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen
-Systemen rückständig. Es fehlt eine *Kritik der christlichen Moral*.
-
-5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft
-(nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem
-Betriebe *folgt* endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen
-*sich*, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch
-aus dem Zentrum ins ~x~.
-
-6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und
-volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur
-Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit,
-Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe.
-Es fehlt der *erlösende* Stand und Mensch, die Rechtfertiger --
-
-7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „*praktischen*
-Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute
-Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung.
-Goethes angebliches Olympiertum.
-
-8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners
-Nibelungen-Schluß).
-
-
-35.
-
-Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der
-*modernen* Welt, -- nicht *der* Welt und *des* Daseins.
-
-
-36.
-
-Das *allgemeinste Zeichen der modernen Zeit*: der Mensch hat in seinen
-eigenen Augen unglaublich an *Würde* eingebüßt. Lange als Mittelpunkt
-und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich
-als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des
-Daseins zu beweisen -- wie es alle Metaphysiker tun, die die *Würde des
-Menschen* festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen
-Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger
-am Glauben an die Moral fest.
-
-
-37.
-
-Ursachen für die *Heraufkunft des Pessimismus*:
-
-1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher
-*verleumdet* sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat;
-
-2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere
-Mißtrauen des Menschen die *Unablösbarkeit dieser Instinkte* vom Leben
-begreift und dem Leben sich entgegenwendet;
-
-3. daß nur die *Mittelmäßigsten*, die jenen Konflikt gar nicht
-*fühlen*, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung
-gegen sich einnimmt, -- daß andererseits das Mittelmäßige, sich als
-Ziel und Sinn gebend, *indigniert* (-- daß niemand *ein Wozu*? mehr
-beantworten kann --);
-
-4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast,
-das Gewimmel beständig zunimmt, -- daß die *Vergegenwärtigung* dieses
-ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird,
-daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie *verzagt* und
-sich *unterwirft*.
-
-
-38.
-
-Welche *Vorteile* bot die christliche Moralhypothese?
-
-1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten *Wert*, im Gegensatz zu
-seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens;
-
-2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid
-und Übel den Charakter der *Vollkommenheit* ließ, -- eingerechnet jene
-„Freiheit“ -- das Übel erschien voller *Sinn*;
-
-3. sie setzte ein *Wissen* um absolute Werte beim Menschen an und gab
-ihm somit gerade für das Wichtigste *adäquate Erkenntnis*;
-
-4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er
-gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war
-ein *Erhaltungsmittel*.
-
-~In summa~: Moral war das große *Gegenmittel* gegen den praktischen und
-theoretischen *Nihilismus*.
-
-
-39.
-
-Die Zeit kommt, wo wir dafür *bezahlen* müssen, zwei Jahrtausende lang
-*Christen* gewesen zu sein: wir verlieren das *Schwergewicht*, das uns
-leben ließ, -- wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir
-stürzen jählings in die *entgegengesetzten* Wertungen, mit dem gleichen
-Maße von Energie, das eben eine solche extreme *Überwertung* des
-Menschen im Menschen erzeugt hat.
-
-Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach
-oder überspannt:
-
-a) man versucht eine Art von *irdischer Lösung*, aber im gleichen
-Sinne, in dem des *schließlichen Triumphs* von Wahrheit, Liebe,
-Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);
-
-b) man versucht ebenfalls das *Moral-Ideal* festzuhalten (mit
-dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der
-Willensverneinung);
-
-c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur
-als antilogisches ~x~; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art
-metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;
-
-d) man versucht die *göttliche Leitung alten Stils*, die belohnende,
-bestrafende, erziehende, zum *Besseren* führende Ordnung der Dinge aus
-dem Geschehen herauszulesen;
-
-e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des
-Guten und die Vernichtung des Bösen als *Aufgabe* empfindet (-- das ist
-englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);
-
-f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ~ego~:
-Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer
-Entpersönlichung und als ~désintéressement~ zu verstehen;
-
-g) man erlaubt der *Kirche*, sich immer noch in alle wesentlichen
-Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um
-ihnen *Weihe*, *höheren Sinn* zu geben: wir haben noch immer den
-„christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ --
-
-
-40.
-
-Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die
-*Wahrhaftigkeit*: *diese* wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt
-ihre *Teleologie*, ihre *interessierte* Betrachtung -- und jetzt
-wirkt die *Einsicht* in diese lange eingefleischte Verlogenheit,
-die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir
-konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange
-Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren
-erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen
-scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus
--- das, was wir erkennen, *nicht* zu schätzen und das, was wir uns
-vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu *dürfen* -- ergibt einen
-Auflösungsprozeß.
-
-
-41.
-
-Dies ist die *Antinomie*:
-
-Sofern wir an die Moral glauben, *verurteilen* wir das Dasein.
-
-
-42.
-
-Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben *sollte*,
-namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten,
--- diese *sozialen Werte* hat man zum Zweck ihrer *Tonverstärkung*,
-wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“
-Welt, als Hoffnung und *zukünftige* Welt über dem Menschen aufgebaut.
-Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns
-das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, -- aber das ist nur ein
-*Zwischenzustand*.
-
-
-43.
-
-*Ursachen des Nihilismus*:
-
-1. *Es fehlt die höhere Spezies*, das heißt die, deren unerschöpfliche
-Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält.
-(Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen
-dieses Jahrhunderts.)
-
-2. *Die niedere Spezies* („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt
-die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu *kosmischen*
-und *metaphysischen* Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein
-*vulgarisiert*: insofern nämlich die *Masse* herrscht, tyrannisiert
-sie die *Ausnahmen*, so daß diese den Glauben an sich verlieren und
-*Nihilisten* werden.
-
-Alle Versuche, *höhere Typen auszudenken*, *manquiert* („Romantik“; der
-Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten
-Moralwerte zuzulegen).
-
-*Widerstand* gegen höhere Typen als Resultat.
-
-*Niedergang* und *Unsicherheit aller höheren Typen*. Der Kampf gegen
-das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden
-als *Maßstab* für die *Höhe der Seele*.
-
-Es *fehlt der Philosoph*, der Ausdeuter der Tat, *nicht* nur der
-Umdichter.
-
-
-44.
-
-Die *nihilistische* Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit)
-als Folge der moralischen Wertschätzung: -- *das Egoistische ist
-uns verleidet* (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des
-Unegoistischen); -- *das Notwendige ist uns verleidet* (selbst nach
-der Einsicht in die Unmöglichkeit eines ~liberum arbitrium~ und einer
-„intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir
-unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen -- damit hat die andere
-Sphäre, in der wir leben, noch *keineswegs* an Wert gewonnen: im
-Gegenteil, wir sind *müde*, weil wir den Hauptantrieb verloren haben.
-„Umsonst bisher!“
-
-
-45.
-
-Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht
-unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von
-„*Pessimismus*“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben
-müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.
-
-Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß
-Pessimismus kein Problem, sondern ein *Symptom* ist, -- daß der
-Name ersetzt werden müsse durch „*Nihilismus*“, -- daß die Frage,
-ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein
-Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.
-
-Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen
-~décadence~.
-
-
-46.
-
-Grundeinsicht über das Wesen der ~décadence~: *was man bisher als deren
-Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen*.
-
-Damit verändert sich die ganze Perspektive *der moralischen Probleme*.
-
-Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit
-erscheint als Naivität, als überflüssig: -- es gibt keine „*Besserung*“
-(gegen die *Reue*).
-
-Die ~décadence~ selbst ist nichts, *was zu bekämpfen wäre*: sie ist
-absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. *Was* mit aller
-Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die
-gesunden Teile des Organismus.
-
-Tut man das? Man tut das *Gegenteil*. Genau darum bemüht man sich
-seitens der *Humanität*.
-
--- Wie verhalten sich zu dieser *biologischen* Grundfrage die
-bisherigen *obersten Werte*? Die Philosophie, die Religion, die Moral,
-die Kunst usw.
-
-(Die Kur: zum Beispiel der *Militarismus*, von Napoleon an, der in der
-Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)
-
-
-47.
-
-*Zum Begriff* „~décadence~“.
-
-1. Die Skepsis ist eine Folge der ~décadence~: ebenso wie die
-Libertinage des Geistes.
-
-2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der ~décadence~ (Schwäche
-des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).
-
-3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern
-nicht den Gang der ~décadence~, sie halten nicht auf, sie sind
-physiologisch *null* -- :
-
-Einsicht in die *große Nullität* dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es
-sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen;
-sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische
-Versuche, den Menschen der ~décadence~ zu annullieren, ein Minimum
-seiner *Schädlichkeit* durchzusetzen.
-
-4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der
-~décadence~.
-
-5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der ~décadence~:
-sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.
-
-6. *Die soziale Frage* ist eine Folge der ~décadence~.
-
-7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten,
-sind Anzeichen, daß die *Defensiv*kraft der starken Natur fehlt;
-ebendafür spricht die Irritabilität, so daß *Lust* und *Unlust* die
-Vordergrundsprobleme werden.
-
-
-48.
-
-Allgemeinste Typen der ~décadence~:
-
-1. Man wählt im *Glauben*, Heilmittel zu wählen, das, was die
-Erschöpfung beschleunigt; -- dahin gehört das Christentum (um den
-größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); -- dahin gehört
-der „Fortschritt“ --
-
-2. Man verliert die *Widerstandskraft* gegen die Reize, -- man wird
-bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse
-ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des
-Willens; -- dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische,
-die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die
-Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie *mitklingt* und wie eine
-überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme Irritabilität....
-
-3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die ~décadence~
-nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche
-Ursache des Sich-schlecht-befindens; -- dahin gehört die ganze
-religiöse Moral....
-
-4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben
-wird tatsächlich als Grund zu *Übeln* empfunden, -- man taxiert die
-*bewußtlosen*, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich
-wertvoller, als die bewußten; daraus eine *Methodik*....
-
-
-49.
-
-Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die
-*Krankhaftigkeit*: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr
-schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft;
-*moralisch* ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.
-
-Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der
-bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der
-Geschwächten, *Geisteskranken* und *Neurastheniker* vergleichen kann:
-sie stellen in einer milderen Form *dieselben Übel* dar....
-
-Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem
-Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal
-schlecht sichtbar sind, zeigen....
-
-*Gesundheit* und *Krankheit* sind nichts wesentlich Verschiedenes,
-wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben.
-Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die
-sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz
-machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr
-taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins
-nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die
-Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften
-Zustand (Claude Bernard).
-
-So gut „*das Böse*“ betrachtet werden kann als Übertreibung,
-Disharmonie, Disproportion, so gut kann „*das Gute*“ eine *Schutzdiät*
-gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.
-
-Die *erbliche Schwäche*, als *dominierendes* Gefühl: Ursache der
-obersten Werte.
-
-Nebenbei: Man *will* Schwäche: warum?.... meistens, weil man
-*notwendig* schwach ist.
-
-Die *Schwächung* als *Aufgabe*: Schwächung der Begehrungen, der Lust-
-und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben-
-und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als
-Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen,
-als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche....
-die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf
-Feindschaft und Zorn.
-
-Der *Fehlgriff* in der Behandlung: man will die Schwäche nicht
-bekämpfen durch ein ~système fortifiant~, sondern durch eine Art
-Rechtfertigung und *Moralisierung*: das heißt durch eine *Auslegung*....
-
-Die *Verwechslung* zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum
-Beispiel die *Ruhe der Stärke*, welche wesentlich Enthaltung der
-Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), -- und
-die *Ruhe der Erschöpfung*, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle
-philosophisch-asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber
-meinen in der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande
-die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.
-
-
-50.
-
-*Das gefährlichste Mißverständnis.* -- Es gibt einen Begriff, der
-anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist
-der der *Erschöpfung*. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein,
--- in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den *Wert der
-Dinge*....
-
-Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und
-fühlt, unfreiwillig *abgibt* an die Dinge, sie voller, mächtiger,
-zukunftsreicher sieht, -- der jedenfalls schenken *kann* --,
-verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, -- er
-*verarmt* den Wert: er ist schädlich....
-
-Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die
-Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer
-*verwechselt* worden sind mit den Vollsten -- und die Vollsten mit den
-Schädlichsten.
-
-Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an
-Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der
-zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....
-
-Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie
-auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen
-Entladung bedingte), dann *verwechselte* man ihn mit dem Reichen... Er
-erregte Furcht... Der Kultus des *Narren* ist immer auch der Kultus
-des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der
-religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der
-Macht empfunden worden: als *göttlich*.
-
-Diese Art Stärke, die *Furcht* erregt, galt vor allem als göttlich:
-von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte,
-hörte, suchte man *Weisheit*.... Hieraus entwickelte sich überall
-beinahe ein *Wille* zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen
-Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser
-höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome
-der Zerrüttung provozieren -- das hieß stärker, übermenschlicher,
-furchtbarer, weiser werden: -- man glaubte damit so reich an Macht zu
-werden, daß man *abgeben* konnte. Überall, wo angebetet worden ist,
-suchte man einen, der abgeben kann.
-
-Hier war irreführend die Erfahrung des *Rausches*. Dieser *vermehrt*
-im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, *die
-Macht*. -- Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der *Berauschteste*
-stehen, der Ekstatische. (-- Es gibt zwei Ausgangspunkte des
-*Rausches*: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von
-krankhafter Ernährung des Gehirns.)
-
-
-51.
-
-*Zu begreifen*: -- Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend
-an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend
-gewordenen Werturteilen die ~décadence~ sogar zum Übergewicht gekommen
-ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen
-Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern *alle bisherige*
-~décadence~ rückständig, das heißt *lebendig* geblieben ist. Eine
-solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten,
-eine solche Gesamt-~décadence~ des Werturteils ist das Fragezeichen
-~par excellence~, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem
-Philosophen aufgibt. --
-
-
-52.
-
-*Schwäche des Willens*: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann.
-Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch
-schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der
-Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die
-Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen
-resultiert als „starker Wille“; -- im ersteren Falle ist es das
-Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision
-und Klarheit der Richtung.
-
-
-53.
-
-*Hauptsymptome des Pessimismus*: -- die ~dîners chez Magny~; der
-russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische
-Pessimismus, ~l'art pour l'art~, „~description~“ (der romantische
-und der antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische
-Pessimismus (Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische
-Pessimismus; die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung;
-der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische
-Pessimismus: ich selber.
-
-
-54.
-
-Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der ~décadence~
-selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist
-der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das
-*Verfallsgebilde* der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich
-die eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt.
-
-Das *niedersinkende* Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen seine
-Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal *alter
-überlebter* Rassen ähnlich....
-
-Der *Herdeninstinkt* sodann -- eine jetzt souverän gewordene Macht
--- ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer *aristokratischen
-Sozietät*: und es kommt auf den Wert der *Einheiten* an, was die Summe
-zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern
-Instinkt als den der Herde, das heißt der *summierten Nullen*, -- wo
-jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein....
-
-Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät
-beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem
-*Frieden* einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil
-ist antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der ~décadence~ des
-Lebens.... Das Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst
-ein Mittel zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein
-~décadent~, -- er ist es auch als Moralist (-- er sieht im *Sieg* des
-Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).
-
-
-55.
-
-Entwicklung des *Pessimismus* zum *Nihilismus*. -- Entnatürlichung der
-*Werte*. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch,
-statt das Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend
-*gegen* das Tun.
-
-Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß
-auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter
-gemäß, weil leichter *faßlich*.
-
-Die *verworfene* Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren,
-wertvollen“. -- Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die
-„wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig
-und *rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer
-Verwerflichkeit*.
-
-Damit ist der *Nihilismus* da: man hat die *richtenden Werte* übrig
-behalten -- und nichts weiter!
-
-Hier entsteht das Problem *der Stärke und der Schwäche*:
-
-1. die Schwachen zerbrechen daran;
-
-2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;
-
-3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.
-
-*Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.*
-
-
-56.
-
-*Der Pessimismus der Tatkräftigen*: das „Wozu?“ nach einem furchtbaren
-Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal *wichtiger* ist als
-die Frage, ob *wir* uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt
-aller starken Naturen, -- und folglich auch, ob sich die *anderen* gut
-oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen
-man nicht zögert, *Menschenopfer* zu bringen, jede Gefahr zu laufen,
-jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die *große
-Leidenschaft*.
-
-
-57.
-
-Das „Übergewicht von *Leid über Lust*“ oder das Umgekehrte (der
-*Hedonismus*): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum
-Nihilismus....
-
-Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter *Sinn* gesetzt,
-als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.
-
-Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen,
-eine Absicht, einen *Sinn* zu setzen: -- für jede gesündere Art
-Mensch mißt sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße
-dieser Nebensachen. Und ein *Übergewicht* von Leid wäre möglich
-und *trotzdem* ein mächtiger Wille, ein *Ja-sagen* zum Leben; ein
-Nötig-haben dieses Übergewichts.
-
-„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die
-Tränen?...“ -- eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „~Un
-monstre gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.~“
-
-
-3. Krisis.
-
-
-58.
-
-Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und
-Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem
-Nein führt.
-
-Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, -- was erschöpft.
-
-Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das
-Gefühl der Kraft rechtfertigt.
-
-Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend,
-Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt.
-Dies sind alles Werte der Erschöpften.
-
-Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich
-zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte
-eingedrungen seien.
-
-Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der
-in mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten
-Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit,
-mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile
-Erschöpfter.
-
-Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen
-heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche
-infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform
-der ~décadence~ ist.
-
-Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die
-oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes
-Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die
-Auswahl in der Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich
-kreuzen -- das hieß bisher Tugend ~par excellence~....
-
-Man soll das *Verhängnis* in Ehren halten; das Verhängnis, das zum
-Schwachen sagt „geh zugrunde!“...
-
-Man hat es *Gott* genannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, -- daß
-man die Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen
-Gottes nicht unnützlich führen....
-
-Die Rasse ist verdorben -- nicht durch ihre Laster, sondern ihre
-Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als
-Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die
-Ursache alles Übels....
-
-Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.
-
-Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu
-machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten
-sind?.... Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu
-stehen?....
-
-
-59.
-
-Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen
-Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer
-unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. *Dieselben Gründe, welche
-die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und
-Seltneren bis hinauf zur Größe.*
-
-
-60.
-
-*Gesamteinsicht.* -- Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auch
-ein ungeheures *Abbröckeln* und *Vergehen* mit sich: das Leiden,
-die Symptome des Niedergangs *gehören* in die Zeiten ungeheuren
-Vorwärtsgehens; jede fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit
-hat zugleich eine nihilistische Bewegung *mitgeschaffen*. Es wäre unter
-Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes
-Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen, daß die
-*extremste* Form des Pessimismus, der eigentliche *Nihilismus*, zur
-Welt käme. *Dies habe ich begriffen.*
-
-
-61.
-
-Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: aber wer
-*davon kommt*, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der
-Renaissance.
-
-
-62.
-
-Es ist die Zeit des *großen Mittags, der furchtbaren Aufhellung*:
-*meine Art von Pessimismus*: -- großer Ausgangspunkt.
-
-I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung des Menschen.
-
-II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte der Lüge
-und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des
-*Herden*willens, welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt).
-
-III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die Ermöglichung
-einer *Auswahl* auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles
-Wachstums.
-
-IV. Die *Vieldeutigkeit* der Welt als Frage der *Kraft*, welche
-alle Dinge unter der *Perspektive ihres Wachstums* ansieht.
-Die moralisch-christlichen Werturteile als Sklavenaufstand und
-Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werte der *antiken*
-Welt).
-
-
-63.
-
-Ich fand noch *keinen* Grund zur Entmutigung. Wer sich einen *starken
-Willen* bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste,
-hat günstigere Chancen als je. Denn die *Dressierbarkeit* der
-Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden;
-Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das
-Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen
-kann, findet die, welche gehorchen *müssen*: ich denke zum Beispiel an
-Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit starken und unintelligenten
-Willen, welche am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren
-„Objektiven“ mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!
-
-
-64.
-
-Der Sozialismus -- als die zu Ende gedachte *Tyrannei* der Geringsten
-und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, Neidischen und der
-Dreiviertels-Schauspieler -- ist in der Tat die Schlußfolgerung der
-„modernen Ideen“ und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen
-Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu
-Schlüssen oder gar zum *Schluß* zu kommen. Man folgt, aber man folgert
-nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus im ganzen eine hoffnungslose,
-säuerliche Sache: und nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch
-zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die
-Sozialisten machen -- und von was für erbärmlichen, gequetschten
-Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! -- und dem harmlosen
-Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch
-an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen
-und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da
-gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune, welche auch in
-Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat, war vielleicht nur
-eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen an dem, was kommt. Trotzdem
-wird es immer zu viel Besitzende geben, als daß der Sozialismus mehr
-bedeuten könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden
-sind wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen, um etwas
-zu *sein*“. Dies aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte:
-ich würde hinzufügen „man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr
-zu *werden*“. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt,
-durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung.
-Haben und mehr haben wollen, *Wachstum* mit einem Wort -- das ist das
-Leben selber. In der Lehre des Sozialismus versteckt sich schlecht
-ein „Wille zur Verneinung des Lebens“; es müssen mißratene Menschen
-oder Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der Tat, ich
-wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen, daß in einer
-sozialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich
-selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug und der Mensch
-immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische
-Belehrung und ~demonstratio ad absurdum~, selbst wenn sie mit einem
-ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde,
-nicht wünschenswert erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger
-Maulwurf unter dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft
-wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er
-verzögert den „Frieden auf Erden“ und die gänzliche Vergutmütigung des
-demokratischen Herdentieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich
-List und Vorsicht, übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen
-Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von
-Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, -- er
-schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden ~marasmus femininus~.
-
-
-65.
-
-Ich *freue* mich der militärischen Entwicklung Europas, auch
-der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des
-Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist
-vorbei. Persönliche *männliche* Tüchtigkeit, Leibestüchtigkeit bekommt
-wieder Wert, die Schätzungen werden physischer, die Ernährungen
-fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse
-Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte träumte) ist
-vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns *bejaht*, auch das wilde Tier.
-*Gerade deshalb* wird es mehr werden mit den Philosophen. -- Kant ist
-eine Vogelscheuche, irgendwann einmal!
-
-
-66.
-
-*Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der Modernität*:
-
-1. die allgemeine *Wehrpflicht* mit wirklichen Kriegen, bei denen der
-Spaß aufhört;
-
-2. die *nationale* Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend);
-
-3. die verbesserte *Ernährung* (Fleisch);
-
-4. die zunehmende *Reinlichkeit* und Gesundheit der Wohnstätten;
-
-5. die Vorherrschaft der *Physiologie* über Theologie, Moralistik,
-Ökonomie und Politik;
-
-6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner
-„Schuldigkeit“ (man *lobt* nicht mehr....).
-
-
-67.
-
-Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten
-zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, Goetheschere Stellung
-zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere Empfindung in betreff des
-Erkennens: so daß der „reine Tor“ wenig Glauben findet.
-
-
-68.
-
-Wenn irgend etwas unsere *Vermenschlichung*, einen wahren,
-tatsächlichen *Fortschritt* bedeutet, so ist es, daß wir keine
-exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen....
-
-Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt
-und artistisch gemacht;
-
-wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisher
-*verrufen* waren.
-
-
-69.
-
-Daß man den Menschen den *Mut* zu ihren Naturtrieben wiedergibt --
-
-Daß man ihrer *Selbstunterschätzung* steuert (*nicht* der des Menschen
-als Individuums, sondern der des Menschen als Natur....) --
-
-Daß man die *Gegensätze* herausnimmt aus den Dingen, nachdem man
-begreift, daß wir sie hineingelegt haben --
-
-Daß man die *Gesellschafts-Idiosynkrasie* aus dem Dasein überhaupt
-herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit,
-Liebe usw.) --
-
-Fortschritt zur „*Natürlichkeit*“: in allen politischen Fragen, auch
-im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- oder
-Unternehmerparteien, handelt es sich um *Machtfragen* -- „was man
-*kann*“ und erst daraufhin, was man *soll*.
-
-
-70.
-
-*Die Umkehrung der Rangordnung.* -- Die frommen Falschmünzer,
-die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: -- sie nehmen die
-Stellung der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der
-Zauberer ein: wir halten sie für Willensverderber, für die großen
-Verleumder und Rachsüchtigen des Lebens, für die *Empörer* unter den
-Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, den Sudras,
-unsern Mittelstand gemacht, unser „Volk“, das, was die politische
-Entscheidung in den Händen hat.
-
-Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran die
-*Gotteslästerer*, *die Immoralisten*, die Freizügigen jeder Art, die
-Artisten, die Juden, die Spielleute, -- im Grunde alle *verrufenen*
-Menschenklassen --.
-
-Wir haben uns zu *ehrenhaften* Gedanken emporgehoben, mehr noch, wir
-*bestimmen* die Ehre auf Erden, die „Vornehmheit“.... Wir alle sind
-heute die *Fürsprecher des Lebens* --. Wir *Immoralisten* sind heute
-die *stärkste Macht*: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir
-konstruieren die Welt nach unserm Bilde --
-
-Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die *Priester*,
-*Jenseits-Lehrer* und die mit ihnen verwachsene *christliche
-Gesellschaft* übertragen, hinzugenommen, was gleichen Ursprungs
-ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, Verbrecher,
-Lasterhaften, -- die gesamte Sphäre, wo der Begriff „Gott“ als
-*Heiland* imaginiert wird....
-
-Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine
-Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....
-
-
-71.
-
-Das *Problem des neunzehnten Jahrhunderts*. Ob seine starke und
-schwache Seite zueinander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt
-ist? Ob die Verschiedenheit seiner Ideale und deren Widerspruch in
-einem höheren Zweck bedingt ist: als etwas Höheres? -- Denn es konnte
-die *Vorbestimmung zur Größe* sein, in diesem Maße in heftiger Spannung
-zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilismus *könnte* ein *gutes
-Zeichen sein*.
-
-
-72.
-
-*Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert* (-- das 18.
-Jahrhundert ist das der Eleganz, der Feinheit und der ~sentiments
-généreux~). -- Nicht „Rückkehr zur Natur“: denn es gab noch niemals
-eine natürliche Menschheit. Die Scholastik un- und *wider*natürlicher
-Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der Mensch nach
-langem Kampfe, -- er kehrt nie „zurück“.... Die Natur: das heißt, es
-wagen, unmoralisch zu sein wie die Natur.
-
-Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse Gefühle, selbst
-wenn wir ihnen unterliegen.
-
-Natürlicher ist unsre erste *Gesellschaft*, die der Reichen, der
-Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe ist eine
-Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und einen Reiz abgibt; man
-unterhält sich und lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die
-körperlichen Vorzüge in erster Linie, man ist neugierig und gewagt.
-
-Natürlich ist unsere Stellung zur *Erkenntnis*: wir haben die
-Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir hassen die pathetischen
-und hieratischen Manieren, wir ergötzen uns am Verbotensten, wir wüßten
-kaum noch ein Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu
-ihr zu langweilen hätten.
-
-Natürlicher ist unsere Stellung zur *Moral*. Prinzipien sind lächerlich
-geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie mehr von seiner „Pflicht“ zu
-reden. Aber man schätzt eine hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (-- man
-sieht im *Instinkt* die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein
-paar Ehrenpunktsbegriffe --).
-
-Natürlicher ist unsere Stellung ~in politicis~: wir sehen Probleme der
-Macht, des Quantums Macht gegen ein anderes Quantum. Wir glauben nicht
-an ein Recht, das nicht auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir
-empfinden alle Rechte als Eroberungen.
-
-Natürlicher ist unsre Schätzung *großer Menschen und Dinge*: wir
-rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir finden nichts groß, wo
-nicht ein großes Verbrechen einbegriffen ist; wir konzipieren alles
-Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen in bezug auf Moral.
-
-Natürlicher ist unsere Stellung zur *Natur*: wir lieben sie nicht mehr
-um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ willen, wir haben sie
-hübsch „verteufelt“ und „verdummt“. Aber statt sie darum zu verachten,
-fühlen wir uns seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert
-*nicht* zur Tugend: wir achten sie deshalb.
-
-Natürlicher ist unsere Stellung zur *Kunst*: wir verlangen nicht von
-ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der brutale Positivismus,
-welcher konstatiert, ohne sich zu erregen.
-
-~In summa~: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer des 19.
-Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; er hat einen guten
-Schritt dazu gemacht, sich einmal seine unbedingte Natürlichkeit,
-das heißt seine Unmoralität, einzugestehen, *ohne Erbitterung*: im
-Gegenteil, stark genug dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.
-
-Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die *Korruption*
-fortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch sich nicht
-der „*Natur*“ angenähert hat, von der *Rousseau* redet, sondern
-einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation, welche er
-*perhorreszierte*. Wir haben uns *verstärkt*: wir sind dem 17.
-Jahrhundert wieder näher gekommen, dem Geschmack seines Endes
-namentlich (Dancourt, Lesage, Regnard).
-
-
-73.
-
-*Fortschritt* des neunzehnten Jahrhunderts gegen das achtzehnte (-- im
-Grunde führen wir *guten Europäer* einen Krieg gegen das achtzehnte
-Jahrhundert --):
-
-1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne
-verstanden, als es Rousseau verstand. *Weg vom Idyll und der Oper!*
-
-2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser,
-arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen,
-*antirevolutionär*;
-
-3. immer entschiedener die Frage der *Gesundheit des Leibes* der „der
-Seele“ voranstellend: letztere als einen Zustand in Folge der ersteren
-begreifend, diese mindestens als die Vorbedingung der Gesundheit der
-Seele.
-
-
-74.
-
-*Das 20. Jahrhundert.* -- Der Abbé Galiani sagt einmal: ~La prévoyance
-est la cause des guerres actuelles de l'Europe. Si l'on voulait se
-donner la peine de ne rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et
-je ne crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne ferait pas
-la guerre.~ Da ich durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines
-verstorbenen Freundes Galiani teile, so fürchte ich mich nicht davor,
-einiges vorherzusagen und möglicherweise damit die Ursache von Kriegen
-heraufzubeschwören.
-
-Eine ungeheure *Besinnung*, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit
-neuen Fragen.
-
-
-75.
-
-Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, sondern
-wiederum durch extreme, aber *umgekehrte*. Und so ist der Glaube an die
-absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der
-psychologisch-notwendige *Affekt*, wenn der Glaube an Gott und eine
-essentiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus
-erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein größer wäre als
-früher, sondern weil man überhaupt gegen einen „Sinn“ im Übel, ja im
-Dasein mißtrauisch geworden ist. *Eine* Interpretation ging zugrunde:
-weil sie aber als *die* Interpretation galt, erscheint es, als ob es
-gar keinen Sinn im Dasein gebe, als ob alles *umsonst* sei.
-
-Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus
-ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen gegen unsere früheren
-Wertschätzungen steigert sich bis zur Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘
-Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber
-durchaus nicht einer Lösung näherkommt?“ Die *Dauer*, mit einem
-„Umsonst“ ohne Ziel und Zweck, ist der *lähmendste* Gedanke, namentlich
-noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist,
-sich nicht foppen zu lassen.
-
- * * * * *
-
-Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so
-wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne
-ein Finale ins Nichts: „*die ewige Wiederkehr*“.
-
-Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“)
-ewig!
-
-Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft
-zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist die *wissenschaftlichste* aller
-möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins,
-so müßte es erreicht sein.
-
- * * * * *
-
-Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus angestrebt
-wird: denn „alles vollkommen, göttlich, ewig“ zwingt *ebenfalls zu
-einem Glauben an die „ewige Wiederkunft“*. Frage: ist mit der Moral
-auch diese pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich
-gemacht? Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. Hat es
-einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von Gut und Böse“ zu denken?
-Wäre ein Pantheismus in *diesem* Sinne möglich? Bringen wir die
-Zweckvorstellung aus dem Prozesse weg, und bejahen wir *trotzdem* den
-Prozeß? -- Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in
-jedem Momente desselben *erreicht* würde -- und immer das Gleiche.
-Spinoza gewann eine solche bejahende Stellung, insofern jeder Moment
-eine *logische* Notwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem
-logischen Grundinstinkte über eine *solche* Weltbeschaffenheit.
-
-Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. *Jeder Grundcharakterzug*,
-der *jedem* Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen
-ausdrückt, müßte, wenn er von einem Individuum als *sein*
-Grundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben,
-triumphierend jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es
-käme eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut,
-wertvoll, mit Lust empfindet.
-
-Nun hat die *Moral* das Leben vor der Verzweiflung und dem Sprung
-ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche von
-*Menschen* vergewalttätigt und niedergedrückt wurden: denn die
-Ohnmacht gegen Menschen, *nicht* die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt
-die desperateste Verbitterung gegen das Dasein. Die Moral hat die
-Gewalthaber, die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die Feinde
-behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt, *das heißt zunächst
-ermutigt, gestärkt* werden muß. Die Moral hat folglich am tiefsten
-*hassen* und *verachten* gelehrt, was der Grundcharakterzug der
-Herrschenden ist: *ihren Willen zur Macht*. Diese Moral abschaffen,
-leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer
-*umgekehrten* Empfindung und Wertung ansehen. Wenn der Leidende,
-Unterdrückte *den Glauben verlöre*, ein *Recht* zu seiner Verachtung
-des Willens zur Macht zu haben, so träte er in das Stadium der
-hoffnungslosen Desperation. Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem
-Leben essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen zur
-Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß auch jenes Hassen
-und Verachten noch ein Machtwille ist. Der Unterdrückte sähe ein, daß
-er mit dem Unterdrücker *auf gleichem Boden* steht und daß er kein
-*Vorrecht*, keinen *höheren* Rang vor jenem habe.
-
-Vielmehr *umgekehrt*! Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, außer dem
-Grade der Macht -- gesetzt eben, daß Leben selbst der Wille zur Macht
-ist. Die Moral behütete die *Schlechtweggekommenen* vor Nihilismus,
-indem sie *jedem* einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert
-beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen
-Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, Demut usw.
-*Gesetzt, daß der Glaube an diese Moral zugrunde geht*, so würden die
-Schlechtweggekommenen ihren Trost nicht mehr haben -- und *zugrunde
-gehen*.
-
-*Das Zugrundegehen* präsentiert sich als ein *Sich-zugrunde-richten*,
-als ein instinktives Auslesen dessen, was *zerstören muß*.
-*Symptome* dieser Selbstzerstörung der Schlechtweggekommenen: die
-Selbstvivisektion, die Vergiftung, Berauschung, Romantik, vor allem
-die instinktive Nötigung zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu
-*Todfeinden* macht (-- gleichsam sich seine Henker selbst züchtend),
-der *Wille zur Zerstörung* als Wille eines noch tieferen Instinkts, des
-Instinkts der Selbstzerstörung, des *Willens ins Nichts*.
-
-Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen keinen
-Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie,
-von der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, „sich zu ergeben“,
--- daß sie sich auf den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen
-und auch ihrerseits *Macht wollen*, indem sie die Mächtigen *zwingen*,
-ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des Buddhismus, das
-*Nein-tun*, nachdem alles Dasein seinen „Sinn“ verloren hat.
-
-Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! „Gott, Moral,
-Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar tiefen Stufen des Elends:
-der *aktive Nihilismus* tritt bei relativ viel günstiger gestalteten
-Verhältnissen auf. Schon daß die Moral als überwunden empfunden wird,
-setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein
-relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch den langen
-Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten Skepsis
-*gegen* Philosophie gebracht, kennzeichnet ebenfalls den keineswegs
-*niederen* Stand jener Nihilisten. Man denke an die Lage, in der
-Buddha auftrat. Die Lehre der ewigen Wiederkunft würde *gelehrte*
-Voraussetzungen haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum Beispiel
-Begriff der Kausalität usw.).
-
-Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem *physiologisch*: nicht
-mehr politisch. Die *ungesundeste* Art Mensch in Europa (in allen
-Ständen) ist der Boden dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die
-ewige Wiederkunft als einen *Fluch* empfinden, von dem getroffen man
-vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv auslöschen, sondern
-alles auslöschen *machen*, was in diesem Grade sinn- und ziellos ist:
-obwohl es nur ein Krampf, ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß
-alles seit Ewigkeiten da war -- auch dieser Moment von Nihilismus und
-Zerstörungslust. -- Der *Wert* einer solchen *Krisis* ist, daß sie
-*reinigt*, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt und sich
-aneinander verderben macht, daß sie den Menschen entgegengesetzter
-Denkweisen gemeinsame Aufgaben zuweist -- auch unter ihnen die
-schwächeren, unsichreren ans Licht bringend und so zu einer
-*Rangordnung der Kräfte*, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß
-gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende.
-Natürlich abseits von allen bestehenden Gesellschaftsordnungen.
-
-Welche werden sich als die *Stärksten* dabei erweisen? Die Mäßigsten,
-die, welche keine extremsten Glaubenssätze *nötig* haben, die, welche
-einen guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben,
-die, welche vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes
-denken können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten
-an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich
-vor den Malheurs nicht so fürchten -- Menschen, die *ihrer Macht sicher
-sind* und die die *erreichte* Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze
-repräsentieren.
-
-Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? --
-
-
-
-
-Zweites Buch.
-
-Kritik der höchsten bisherigen Werte
-
-(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).
-
-
-I. Moral.
-
-
-1. Entstehung und Sieg.
-
-
-76.
-
-Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, welches mit
-den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.
-
-
-77.
-
-Das Problem der Moral *sehen* und *zeigen* -- das scheint mir die
-neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen
-Moralphilosophie geschehen ist.
-
-
-78.
-
-*Mein Problem*: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral
-sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.
-
-
-79.
-
-Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und Zeichensprachen
-zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens
-oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und
-Wachstumsbedingungen verraten, -- eine Interpretationsweise vom Werte
-der Astrologie, Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen,
-Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken usw.).
-
-Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere
-moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das
-*Leben*, eine Vorbereitung des Pessimismus.
-
-*Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine
-moralische Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation
-selbst ist außermoralischen Ursprungs.*
-
-Was bedeutet es, daß wir einen *Widerspruch* in das Dasein
-hineininterpretiert haben? -- Entscheidende Wichtigkeit: hinter
-allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend jene moralischen
-Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und
-welchen Wert haben dann Erkenntnis usw., usw.???
-
-
-80.
-
-Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten sollt ihr sie
-erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie ist eine Frucht, an der ich
-den *Boden* erkenne, aus dem sie wuchs“.
-
-
-81.
-
-*Meine Absicht*, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu
-zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als
-*perspektivisch bedingt*; zu zeigen, wie alles das, was moralisch
-gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur,
-wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu
-unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist --; wie umgekehrt alles,
-was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere
-und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle
-des Lebens notwendig auch den *Fortschritt der Unmoralität* bedingt.
-„Wahrheit“ der Grad, in dem wir uns die Einsicht in *diese* Tatsache
-*gestatten*.
-
-
-82.
-
-Das sind meine Forderungen an euch -- sie mögen euch schlecht genug
-zu Ohren gehen -- : daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst
-einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls,
-welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage:
-„warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach
-einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure *jetzige*
-Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von
-Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit,
-euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum
-*nicht*? -- Vor welchem Forum?“ --
-
-
-83.
-
-Die Frage nach der *Herkunft unsrer Wertschätzungen* und Gütertafeln
-fällt ganz und gar nicht mit deren *Kritik* zusammen, wie so oft
-geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine ~pudenda origo~
-für das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit
-sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung
-vorbereitet.
-
-Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber
-wert? *Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus?* Für wen? in bezug
-worauf? -- Antwort: für das Leben. Aber *was ist Leben*? Hier tut also
-eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel
-dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.
-
-*Was bedeutet das Wertschätzen selbst?* Weist es auf eine andere,
-metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der *vor*
-der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: *wo ist es entstanden*?
-Oder ist es nicht „entstanden“? -- Antwort: das moralische Wertschätzen
-ist eine *Auslegung*, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst
-ist ein *Symptom* bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines
-bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: *Wer legt aus?*
--- Unsre Affekte.
-
-
-84.
-
-*Wessen Wille zur Macht ist die Moral?* -- *Das Gemeinsame* in der
-Geschichte Europas seit *Sokrates* ist der Versuch, die *moralischen
-Werte* zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß
-sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern
-auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und
-gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe,
-alles übrige dazu *Mittel* (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich
-bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). -- Eine ähnliche Bewegung in
-*China*. Eine ähnliche Bewegung in *Indien*.
-
-Was bedeutet dieser *Wille zur Macht seitens der moralischen Werte*,
-der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt
-hat?
-
-*Antwort*: -- *drei Mächte sind hinter ihm versteckt*:
-
-1. der Instinkt der *Herde* gegen die Starken und Unabhängigen; 2.
-der Instinkt der *Leidenden* und Schlechtweggekommenen gegen die
-Glücklichen; 3. der Instinkt der *Mittelmäßigen* gegen die Ausnahmen.
--- *Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung*, wieviel Grausamkeit,
-Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die
-Geschichte vom *Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens* ist
-selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist....).
-
-
-85.
-
-Die ganze Moral Europas hat den *Nutzen der Herde* auf dem Grunde:
-die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß
-alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung
-und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die *Stärken* des jetzigen
-Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die
-Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, --
-heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)
-
-*Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher
-wird sie in die Acht getan.*
-
-
-86.
-
-Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt
-sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher
-usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist
-auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in
-ihr.
-
-Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns
-einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große,
-neue Mensch hervorbringt), sind *unsere* persönlichen Sicherheits-,
-Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur
-und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens
-maskiert sich mit schönen Worten -- so entsteht „Moral“. -- Man
-beobachte aber den *Haß der Herde* gegen den Wahrhaftigen. --
-
-
-87.
-
-*Tendenz der Moralentwicklung.* -- Jeder wünscht, daß keine andere
-Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen,
-bei der er selbst gut wegkommt. *Grundtendenz* folglich *der Schwachen
-und Mittelmäßigen* aller Zeiten, *die Stärkeren schwächer zu machen,
-herunterzuziehen*: *Hauptmittel das moralische Urteil*. Das Verhalten
-des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren
-Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.
-
-Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen
-die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken -- eine seiner
-feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen,
-Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen
-Mittel der Macht von sich weisen --
-
-
-88.
-
-Der heuchlerische Anschein, mit dem alle *bürgerlichen Ordnungen*
-übertüncht sind, wie als ob sie *Ausgeburten der Moralität* wären
--- zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die
-Familie; die Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die
-*mittelmäßigste* Art Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen
-Ausnahmen und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn
-hier viel gelogen wird.
-
-
-89.
-
-Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den
-moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so
-gehört man zur *Herde*. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in
-seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine
-Abirrung, so gehört man nicht zur Herde.
-
-
-90.
-
-Die drei *Behauptungen*:
-
-Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“);
-
-das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);
-
-das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der
-„Mittleren“).
-
-In der *Geschichte der Moral* drückt sich also ein *Wille zur Macht*
-aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen
-und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die
-*ihnen* günstigsten Werturteile durchzusetzen.
-
-Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus
-höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt *auf Unkosten*:
-der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen
-und *schönen* Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in
-irgendeinem Sinne.
-
-Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur,
-es zu einem *höheren Typus* zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen
-gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“
-empfunden werden), -- Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten
-Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), --
-Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in
-ihnen der Konflikt *bewußt* wird.
-
-
-91.
-
-„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark
-genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.
-
-„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ -- sagt man im Russischen.
-
-
-92.
-
-Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen? den
-*guten Menschen*? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der Sklave
-der Zukunft.
-
-
-93.
-
-*Die Metamorphosen der Sklaverei*; ihre Verkleidung unter religiöse
-Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral.
-
-
-94.
-
-Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein
-*Ideal*“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind -- nun? Die „Egoisten“.)
-
-Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa
-(Pascal, Larochefoucauld), -- die innere Schwächung, Entmutigung,
-Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, --
-
-die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften
-als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die
-Werkzeugnatur), --
-
-das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale:
-
--- die Unlust also: -- also *Verdüsterung* der Welt der
-Stärkergeratenen!
-
--- das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen:
-auch seine Ängstlichkeit.
-
--- Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen
-Handlung außer Spiel!
-
-
-95.
-
-Der *ideale Sklave* (der „gute Mensch“). -- Wer *sich* nicht als
-„Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen
-kann, der gibt der Moral der *Entselbstung* die Ehre -- instinktiv.
-Zu ihr überredet ihn alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine
-Eitelkeit. Und auch der Glaube ist eine Entselbstung.
-
-*Atavismus*: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu können.
-
-Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele
-*Verhinderungen der souveränen Gesinnung*, der großen *Erfindsamkeit*,
-der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-seins.
-
-Es handelt sich nicht um ein *Vorangehen* (-- damit ist man bestenfalls
-Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein
-*Für-sich-gehen-können*, um ein *Anders-sein-können*.
-
-
-96.
-
-Die *gelobten* Zustände und Begierden: -- friedlich, billig, mäßig,
-bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu,
-gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich,
-gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam,
-uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam --
-
-Zu unterscheiden: inwiefern *solche Eigenschaften* bedingt sind als
-*Mittel* zu einem bestimmten Willen und *Zweck* (oft einem „*bösen*“
-Zweck); oder als natürliche *Folgen* eines dominierenden Affektes (zum
-Beispiel *Geistigkeit*): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als
-*Existenzbedingung* (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).
-
-~Summa~: sie sind allesamt *nicht um ihrer selber willen als „gut“
-empfunden*, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“,
-„Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren
-Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen
-*Herdeninstinktes* im einzelnen: somit im Dienste eines *Instinktes*,
-*der grundverschieden* von diesen *Tugendzuständen* ist. Denn die Herde
-ist nach außen hin *feindselig*, *selbstsüchtig*, *unbarmherzig*,
-voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.
-
-Im „*Hirten*“ kommt der *Antagonismus heraus*: er muß die
-*entgegengesetzten* Eigenschaften der Herde haben.
-
-Todfeindschaft der Herde gegen die *Rangordnung*: ihr Instinkt
-zugunsten der *Gleichmacher* (Christus). Gegen die *starken Einzelnen*
-(~les souverains~) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden,
-frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt,
-neidisch, rachsüchtig.
-
-
-97.
-
-*Zur Kritik der Herdentugenden.* -- Die ~inertia~ tätig 1. im
-Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig
-macht; -- 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und
-Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben,
-hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als *Wert*verschiedenheit
-auszudeuten: so daß das Verhältnis *nicht mehr revoltiert*; -- 3. im
-Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das
-Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr
-anstrengend); -- 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen,
-gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl *anzunehmen*, ist eine
-Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten,
-welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig
-betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); -- 5. in der Unparteilichkeit und
-Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt
-sich lieber abseits, „objektiv“; -- 6. in der Rechtschaffenheit: man
-gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen
-befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen -- : lieber sich unterwerfen
-als reagieren; -- 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des
-Rechts, des Richtens.
-
-
-98.
-
-Moral der *Wahrhaftigkeit* in der Herde. „Du sollst erkennbar sein,
-dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, -- sonst
-bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu
-verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen,
-Unerkennbaren. -- *Folglich* mußt du dich selber für erkennbar halten;
-du darfst dir nicht *verborgen* sein, du darfst *nicht* an deinen
-*Wechsel* glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt
-die *Erkennbarkeit* und die *Beharrlichkeit* der Person voraus.
-Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem
-*bestimmten Glauben* über das Wesen des Menschen zu bringen: sie *macht
-erst diesen Glauben* und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.
-
-
-99.
-
-Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, engen,
-bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das
-heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein
-Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun.
-
--- Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral
-unserm Geiste angezüchtet haben!
-
-
-100.
-
-Maßstab, *wonach* der Wert der moralischen Wertschätzungen zu bestimmen
-ist.
-
-Die *übersehene* Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem
-„Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch.
-
-~Homo natura.~ Der „Wille zur Macht“.
-
-
-101.
-
-Die Moralwerte als *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.
-
-
-102.
-
-Alle Tugenden physiologische *Zustände*: namentlich die organischen
-Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind
-eigentlich verfeinerte *Leidenschaften* und erhöhte Zustände.
-
-Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des
-Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes.
-Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung
-des Ähnlichen und Gleichmächtigen.
-
-
-103.
-
-Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte
-Perspektive: *Erhaltung* des Individuums, einer Gemeinde, einer
-Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. --
-Vermöge des *Vergessens*, daß es nur ein perspektivisches Schätzen
-gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und *folglich
-von widersprechenden Antrieben* in einem Menschen. Das ist der
-*Ausdruck der Erkrankung am Menschen*, im Gegensatz zum Tiere, wo alle
-vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
-
-Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große
-Methode der *Erkenntnis*: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt
-sich *zur Gerechtigkeit* -- zum Begreifen *jenseits des Gut- und
-Böseschätzens*.
-
-Der weiseste Mensch wäre *der reichste an Widersprüchen*, der gleichsam
-Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen
-Augenblicke *grandiosen Zusammenklangs* -- der hohe *Zufall* auch in
-uns! Eine Art planetarischer Bewegung --
-
-
-104.
-
-*Welche Werte bisher obenauf waren.*
-
-Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei
-den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre
-Welt“ geben.
-
-Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich
-Moral? Der Instinkt der ~décadence~, es sind die Erschöpften und
-Enterbten, die auf diese Weise *Rache nehmen* und die *Herren*
-machen....
-
-Historischer Nachweis: die Philosophen immer ~décadents~, immer im
-Dienst der nihilistischen Religionen.
-
-Der Instinkt der ~décadence~, der als Wille zur Macht auftritt.
-Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.
-
-Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall
-des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der
-*Unmoralität*.
-
-
-*Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.*
-
-1. Wie war das eigentlich *möglich*? Frage: warum unterlag das Leben,
-die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine
-Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?....
-
-Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion.
-Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die *Kunst*.
-
-2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die
-Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, *wer* der Stärkere ist....
-
-*Gesamtaspekt der Geschichte*: Ist der Mensch damit eine *Ausnahme* in
-der Geschichte des Lebens? -- Einsprache gegen den *Darwinismus*. Die
-Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind
-„Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“....
-
-3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten,
-in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer
-*Wissenschaft*.
-
-Die *Niedergangsinstinkte* sind Herr über die *Aufgangsinstinkte*
-geworden.... Der *Wille zum Nichts* ist Herr geworden über den *Willen
-zum Leben*!
-
--- Ist das *wahr*? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des
-Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? -- ist
-es vielleicht nur ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine
-Tempoverzögerung? eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?
-
--- Gesetzt, die *Starken* wären Herr, in allem, und auch in den
-Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über
-Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine *Selbstverachtung der
-Schwachen* wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich
-auszulöschen.... Und wäre dies vielleicht *wünschenswert*? -- und
-möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen,
-ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, *Biegsamkeit* fehlte?....
-
- * * * * *
-
-Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (*im Spezialfall*:
-*wir hatten ein Prinzip*, dem einen recht zu geben, der bisher
-unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben die
-„wahre Welt“ als eine „*erlogene Welt*“ und die Moral als eine *Form
-der Unmoralität* erkannt. Wir sagen *nicht*: „der Stärkere hat unrecht“.
-
-Wir haben begriffen, *was* bisher den obersten Wert bestimmt hat und
-*warum* es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung -- : es war
-numerisch *stärker*.
-
-Reinigen wir jetzt die *gegnerische Wertung* von der Infektion und
-Halbheit, von der *Entartung*, in der sie uns allen bekannt ist.
-
-Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.
-
-
-105.
-
-Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der
-sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende ~décadence~
-wehrt, -- und eine andere Moral, mit der eben diese ~décadence~ sich
-formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt.
-
-Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (-- der
-*Stoizismus* selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist
-schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und
-„schönen Gefühle“ für sich (-- das erste *Christentum* war eine solche
-Moral).
-
-
-106.
-
-Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die
-letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von
-den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die
-„*Verbesserung*“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt,
-wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen
-hinausgehoben wären, *warum* gerade „verbessern“? Inwiefern ist es
-*wünschbar*, daß der Mensch *tugendhafter* wird? oder *klüger*? oder
-*glücklicher*? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen
-überhaupt *kennt*, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn
-man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere
-nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich
-verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? ~Dubito~;
-ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen.
-Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich
-bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie
-andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung
-als notwendiges Mittel? Und wenn die *höchste Einsicht* das Ziel wäre,
-müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und
-die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur
-Einsicht wählen?.. Und will man *Glück*, nun, so muß man vielleicht zu
-den „Armen des Geistes“ sich gesellen.
-
-
-107.
-
-Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche *Umdrehungen* bereits
-das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male
-schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf
-eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit
-der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht:
-es gab einen Herden-Gewissensbiß.
-
-
-108.
-
-*Die Vorherrschaft der moralischen Werte.* -- Folgen dieser
-Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis
-überall, das an ihr hängt. Was *bedeutet* diese Vorherrschaft? Worauf
-weist sie hin? --
-
-Auf eine gewisse *größere Dringlichkeit* eines bestimmten Ja und Nein
-auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten *Imperative* darauf verwendet,
-um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am
-längsten kommandiert worden: -- sie *scheinen* instinktiv, wie innere
-Kommandos. Es drücken sich *Erhaltungsbedingungen der Sozietät* darin
-aus, daß die moralischen Werte als *undiskutierbar* empfunden werden.
-Die Praxis: das will heißen, die *Nützlichkeit*, untereinander sich
-über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion
-erlangt. Wir sehen *alle Mittel angewendet*, wodurch das Nachdenken
-und die Kritik auf diesem Gebiete *lahm*gelegt wird: -- welche Attitüde
-nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch
-ablehnen, hier zu „forschen“ --
-
-
-109.
-
-Was ist das *Kriterium* der unmoralischen Handlung? 1. ihre
-Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist
-Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was
-jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube
-„ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“.
-Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese
-Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde
-gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen
-worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig
-hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das
-Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im ~imperium Romanum~)
-nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der
-Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch
-geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht
-mehr mit ihrer πόλις.
-
-
-110.
-
-Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf
-oberste Werte sind *Urteile unsrer Muskeln*.
-
-
-111.
-
-Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im
-*Bewußtsein* vorausging -- wie falsch ist das! -- Und man hat die
-Moralität danach bemessen, selbst die Kriminalität....
-
-Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden -- sagen
-die Utilitarier -- : sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine
-Unmöglichkeit, nämlich diese zu *wissen*.
-
-Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen,
-was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans?
-Als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier
-sind naiv.... Und zuletzt müssen wir erst *wissen*, was nützlich ist:
-auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen
-Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß.
-
-Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: -- hat folglich
-eine Handlung überhaupt einen Wert?
-
-Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein,
-das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer
-Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (-- das hieße den
-Wert der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das
-sie uns macht.... das sie ihrem *Komponisten* macht....). Sichtlich
-begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl
-zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, -- anders gefragt: könnte
-man den Wert einer Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie
-ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? -- Es mag
-sein, daß sich ihr *biologischer* Wert darin ausdrückt....
-
-Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren
-Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr
-Wert ~x~, unbekannt....
-
-
-112.
-
-Es ist eine *Entnatürlichung der Moral*, daß man die Handlung
-*abtrennt* vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die
-„Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut
-oder schlecht sind.
-
-*Wiederherstellung* der „*Natur*“: eine Handlung an sich ist vollkommen
-leer an Wert: es kommt alles darauf an, *wer* sie tut. Ein und dasselbe
-„Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das
-Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden,
-welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum
-eigenen Nutzen oder Schaden (-- oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder
-Nichtverwandtschaft mit sich).
-
-
-113.
-
-*Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.* -- Die
-Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen
-ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen
-als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden
-*Stolzgefühls*.
-
-Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß
-„Wille“ sein vor diesem Zustand, -- sonst gehört er ihm nicht an.
-Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben
-als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl
-zu setzen: -- wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen
-im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen
-Wirkung ausgelegt werden. -- Das ist eine bloße *Optik der
-Psychologie*: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts
-zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze
-Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur
-der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um
-*sich* als Ursache glauben zu dürfen.
-
--- *Kommt die Gegenbewegung*: die der Moralphilosophen, immer noch
-unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich
-ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als *moralischer
-Wert* angesetzt: folglich muß seine Moralität eine ~causa prima~ sein;
-folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als
-~causa prima~. -- Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch
-nicht ~causa prima~ ist als Wille, so ist er unverantwortlich, --
-folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, -- die Tugend
-oder das Laster wären automatisch und machinal....
-
-~In summa~: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig
-sein, auch böse zu werden.
-
-
-114.
-
-Die *Schauspielerei* als Folge der Moral des „freien Willens“. -- Es
-ist ein Schritt in der *Entwicklung des Machtgefühls* selbst, seine
-hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben,
--- folglich, schloß man sofort, *gewollt* zu haben....
-
-(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr
-gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften
-Personalzustand aus. *Die persönliche Vollkommenheit als bedingt
-durch Willen, als Bewußtsein*, als Vernunft mit Dialektik, ist eine
-Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit
-macht ja die Vollkommenheit *unmöglich*.. Form der *Schauspielerei*.)
-
-
-115.
-
-*Kritik der subjektiven Wertgefühle.* -- Das *Gewissen*. Ehemals schloß
-man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese Handlung
-verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil
-dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft
-keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu
-verwerfen, war *nicht* das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das
-Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... Die Zustimmung des Gewissens,
-das Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die
-Lust eines Künstlers an seinem Werke, -- sie beweist gar nichts.... Die
-Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich
-bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache.
-Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen messen
-zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu
-stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter,
-sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen,
-beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten
-Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte
-man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern
-Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem
-Verdacht, daß wir eine *Dummheit* machen.. sie machen uns dumm --
-
-
-116.
-
-Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von
-zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft
-vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen
-Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert.
-
-Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich
-meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen,
-Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt
-Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu
-verschwistern.
-
-
-117.
-
-Die großen *Verbrechen* in der *Psychologie*:
-
-1. Daß alle *Unlust*, alles *Unglück* mit dem Unrecht (der Schuld)
-gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen);
-
-2. daß alle *starken Lustgefühle* (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz,
-Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als
-sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind;
-
-3. daß die *Schwächegefühle*, die innerlichsten Feigheiten, der
-Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als
-wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind;
-
-4. daß alles *Große* am Menschen umgedeutet worden ist als
-Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst
-am Erkennenden, selbst am Künstler die *Entpersönlichung* als die
-Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist;
-
-5. daß die *Liebe* gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus),
-während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines
-Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die *ganzesten* Personen können
-lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten
-Liebhaber (-- man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe
-zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen.
-(Der Egoismus als die Ver-*Ichlichung*, der Altruismus als die
-Ver-*Änderung*).
-
-6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften
-als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
-
-*Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung*,
-eine Art *Vermauerung* aus Furcht; einmal will sich die große Menge
-(die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die
-Stärkeren (-- und sie in der Entwicklung *zerstören*....), andrerseits
-alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und
-allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.
-
-
-118.
-
-Die *Überreste der Naturentwertung* durch Moral-Transzendenz: Wert der
-*Entselbstung*, Kultus des Altruismus: Glaube an eine *Vergeltung*
-innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“
-selbst, wie als ob das eine wie das andere *Folgen der Entselbstung*
-wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens;
-absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur
-Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (-- letzterer
-so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene *Pseudorechtfertigung*,
-jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist *sieht*....).
-
-
-119.
-
-„*Die Moral um der Moral willen*“ -- eine wichtige Stufe in ihrer
-Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser
-Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum
-Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder
-*von sich abtrennt* und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann
-zieht sie das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.
-
-„*Die Kunst um der Kunst willen*“ -- das ist ein gleichgefährliches
-Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, -- es
-läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins *Häßliche*)
-hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das
-Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „*Das Schöne um des
-Schönen willen*“, „*das Wahre um des Wahren willen*“, „*das Gute um
-des Guten willen*“ -- das sind drei Formen des *bösen Blicks* für das
-Wirkliche.
-
--- *Kunst*, *Erkenntnis*, *Moral* sind *Mittel*: statt die Absicht
-auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem
-*Gegensatz des Lebens* in Bezug gebracht, zu „*Gott*“, -- gleichsam
-als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da
-hindurchblickt....
-
-„*Schön* und *häßlich*“, „*wahr* und *falsch*“, „*gut* und *böse*“
--- diese *Scheidungen* verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen,
-nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und
-dauerhaften Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der
-*Krieg*, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als
-Mittel der *Absonderung*, die die Isolation *verstärkt*....
-
-
-120.
-
-Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke
-zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte.
-Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der
-Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß
-Philosoph genug sein, um auch *dies* Nichts zu bewundern (-- ~Nil
-admirari~ --).
-
-
-121.
-
-Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die -- glücklicherweise
--- ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick,
-ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den
-Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes
-Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan,
-Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen,
-die *dumme* Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas
-in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch
-sein: *denn* es empört.... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und
-der Mensch trotzalledem, mit Kant zu reden -- --“
-
-
-122.
-
-Der *Sieg* eines moralischen Ideals wird durch dieselben
-„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge,
-Verleumdung, Ungerechtigkeit.
-
-
-123.
-
-Wer weiß, wie aller *Ruhm* entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den
-Ruhm haben, den die Tugend genießt.
-
-
-124.
-
-*Vom Ideal des Moralisten.* -- Dieser Traktat handelt von der großen
-*Politik* der Tugend. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, welchen
-daran liegen muß, zu lernen, nicht wie man tugendhaft *wird*, sondern
-wie man tugendhaft *macht*, -- wie man die Tugend *zur Herrschaft
-bringt*. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen --
-die Herrschaft der Tugend --, man grundsätzlich das andere nicht
-wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden.
-Dies Opfer ist groß: aber ein solches Ziel lohnt vielleicht solch
-ein Opfer. Und selbst noch größere.... Und einige von den berühmten
-Moralisten haben so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits
-die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat zum
-ersten Male gelehrt werden soll: daß man die *Herrschaft der Tugend*
-schlechterdings *nur durch dieselben Mittel erreichen kann*, mit denen
-man überhaupt eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht *durch* die
-Tugend..
-
-Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: er
-setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein
-müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein
-Philosoph darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit
-in der Politik ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der
-Macchiavellismus, ~pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force,
-dans toute son âpreté~ ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er
-wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser
-engeren Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das Ideal
-nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. Man
-entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte Dinge hat, selbst noch
-an den unbefangensten und bewußtesten *Moralisten* (und das ist ja
-der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer neuer
-Moralgewalten) Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche
-ihren Tribut gezollt haben. *Sie alle aspirierten*, zum mindesten in
-ihrer Ermüdung, auch für sich selbst *zur Tugend*: erster und kapitaler
-Fehler eines Moralisten, -- als welcher *Immoralist der Tat* zu sein
-hat. Daß er gerade das *nicht scheinen darf*, ist eine andere Sache.
-Oder vielmehr, es ist *nicht* eine andere Sache: es gehört eine solche
-grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung)
-mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten
-Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu *seiner* Art Vollkommenheit
-gelangen. Freiheit von der Moral, *auch von der Wahrheit*, um jenes
-Zieles willen, das jedes Opfer aufwiegt: um der *Herrschaft der Moral*
-willen, -- so lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die *Attitüde
-der Tugend* nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt
-erst, wo sie der Tugend *nachgeben*, wo sie die Herrschaft über die
-Tugend verlieren, wo sie selbst *moralisch* werden, *wahr* werden.
-Ein großer Moralist ist unter anderem notwendig auch ein großer
-Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine Verstellung unversehens
-Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein ~esse~ und sein ~operari~ auf
-eine göttliche Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß er
-~sub specie boni~ tun, -- ein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal!
-Ein *göttliches* Ideal! Und in der Tat geht die Rede, daß der Moralist
-damit kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen
-größten Immoralisten der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger
-zu bleiben versteht, was er ist, der *gute Gott*....
-
-
-125.
-
-Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit
-der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur
-Macht.
-
-
-126.
-
-*Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt?* -- Genau mit
-den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung,
-Unterminierung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht
-sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung.
-Also: *durch lauter „Immoralitäten“*.
-
-Was eine *Begierde* mit sich selber macht, um zur *Tugend* zu werden?
--- Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung ihrer Absichten; die
-Übung im Sich-Mißverstehen; die Allianz mit bestehenden und anerkannten
-Tugenden; die affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich
-den Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; die
-Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die *entweder*
-mit ihr obenauf kommt *oder* zugrunde geht...., *unbewußt*, *naiv*
-werden....
-
-
-127.
-
-*Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen.* -- In Anbetracht,
-daß *Affekte* und *Grundtriebe* bei jeder Rasse und bei jedem Stande
-etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (-- zum mindesten von
-den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt
-haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:
-
-daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre
-Vergangenheit auswischen:
-
-heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:
-
-heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen,
--- deutlicher, *daß sie zugrunde gehen*...
-
-Der Wille zu *einer* Moral erweist sich somit als die *Tyrannei* jener
-Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere
-Arten: es ist die Vernichtung oder die Uniformierung zugunsten der
-herrschenden (sei es, um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um
-von ihr ausgenutzt zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ -- angeblich
-ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine *Vernichtung* einer
-grundverschiedenen Spezies (-- Untergrabung ihrer Werte und ihres
-Glücks --).
-
-Worin eine *gegnerische* Rasse oder ein gegnerischer Stand seine
-Stärke hat, das wird ihm als sein *Bösestes*, Schlimmstes ausgelegt:
-denn damit schadet er uns (-- seine „Tugenden“ werden verleumdet und
-umgetauft).
-
-Es gilt als *Einwand* gegen Mensch und Volk, wenn er *uns schadet*:
-aber von seinem Gesichtspunkt aus sind *wir* ihm erwünscht, weil wir
-solche sind, von denen man Nutzen haben kann.
-
-Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz
-der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter
-der sich eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen
-sucht: genauer, ein ganz bestimmter Instinkt, der *Herdeninstinkt*. --
-„Gleichheit der Menschen“: was sich *verbirgt* unter der Tendenz, immer
-mehr Menschen als Menschen *gleich zu setzen*.
-
-*Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral.*
-(Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu
-Protektoren der Tugend zu machen).
-
-Inwiefern alle Art *Geschäftsmänner* und Habsüchtige, alles, was
-Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es *nötig* hat, auf gleichen
-Charakter und gleichen Wertbegriff zu dringen: der *Welthandel* und
-*-austausch* jeder Art erzwingt und *kauft* sich gleichsam die Tugend.
-
-Insgleichen der *Staat* und jede Art Herrschaft in Hinsicht auf Beamte
-und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und
-Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. -- Insgleichen die *Priesterschaft*.
-
--- Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vorteil
-errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt
-geübt gegen die Unmoralität -- nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem
-Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Klassen
-bedienen sich der *Immoralität*, wo sie ihnen nützt.
-
-
-2. Die moralischen Ideale.
-
-
-128.
-
-Zur Kritik der Ideale.
-
-Diese so beginnen, daß man das Wort „*Ideal*“ abschafft: Kritik der
-*Wünschbarkeiten*.
-
-
-129.
-
-Ein Mensch, wie er sein *soll*: das klingt uns so abgeschmackt wie:
-„ein Baum, wie er sein soll“.
-
-
-130.
-
-Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. -- „Es *sollte* anders
-sein“, „es *soll* anders werden“: die Unzufriedenheit wäre also der
-Keim der Ethik.
-
-Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt, wo man *nicht* das
-Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung und Albernheit begreift:
-denn verlangen, daß *etwas* anders ist, als es ist, heißt: verlangen,
-daß *alles* anders ist, -- es enthält eine verwerfende Kritik des
-Ganzen. *Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!*
-
-Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres,
-Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres als menschliche
-Kritik und Anmaßung von vornherein zur Lächerlichkeit verurteilt
-erscheint. Es drückt sich darin ein Bedürfnis aus, welches verlangt,
-daß unserem menschlichen Wohlbefinden die Einrichtung der Welt
-entspricht; auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin
-zu tun.
-
-Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ jenes andre
-Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen nämlich darum, was ist,
-ist bereits eine Konsequenz jenes Fragens „wie? ist es möglich? warum
-gerade so?“ Die Verwunderung über die Nichtübereinstimmung unsrer
-Wünsche und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu
-lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes „so
-sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, -- --
-
-
-131.
-
-Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. Nichts
-von alledem, was überhaupt geschieht, kann an sich verwerflich sein:
-*denn man dürfte es nicht weghaben wollen*: denn jegliches ist so
-mit allem verbunden, daß irgend etwas ausschließen wollen alles
-ausschließen heißt. Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene
-Welt überhaupt....
-
-Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde auch noch das
-Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz einer Denkweise,
-welche alles verwirft, wäre eine Praxis, die alles bejaht.... Wenn
-das Werden ein großer Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig,
-notwendig. -- In allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen
-und Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive, ein
-Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an sich redet alles, was
-ist, das Ja.
-
-
-132.
-
-Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre Ding auf
-Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität.
-
-Große *Befreiung*, welche diese Einsicht bringt. Der Gegensatz ist aus
-den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist *gerettet*
--- --
-
-
-133.
-
-Heute, wo uns jedes „so und so *soll* der Mensch sein“ eine kleine
-Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man,
-trotz allem, nur das *wird*, was man *ist* (trotz allem: will sagen
-Erziehung, Unterricht, Milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in
-Dingen der Moral auf eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache
-und Folge *umdrehen* gelernt, -- nichts unterscheidet uns vielleicht
-gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum Beispiel
-nicht mehr, „das Laster ist die *Ursache* davon, daß ein Mensch
-auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen ebensowenig „durch die
-Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt langes Leben und Glück“. Unsre
-Meinung ist vielmehr, daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern
-nur *Folgen* sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man ein
-anständiger Mensch *ist*, das heißt, weil man als Kapitalist guter
-Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren ist.... Kommt man
-arm zur Welt, von Eltern her, welche in allem nur verschwendet und
-nichts gesammelt haben, so ist man „unverbesserlich“, will sagen
-reif für Zuchthaus und Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische
-Degenereszenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu
-denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; man ist
-notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... Schlecht: das
-Wort drückt hier gewisse *Unvermögen* aus, die physiologisch mit dem
-Typus der Degenereszenz verbunden sind: zum Beispiel die Schwäche
-des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der „Person“, die
-Ohnmacht, auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu
-„beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden
-Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine *Folge*.... Laster
-ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, um gewisse Folgen
-der physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz,
-wie ihn das Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde
-berechtigt sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten
-als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine
-Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das
-Christentum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden
-bewiesen, ein Gebiet für Degenereszenz.
-
-
-134.
-
-Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, sobald man
-ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, auszuhalten,
-die Umstände sich zunutze zu machen, Widersacher niederzuwerfen
-versteht; sieht man dagegen auf den Menschen, sofern er *wünscht*,
-ist er die absurdeste Bestie.... Es ist gleichsam, als ob er einen
-Tummelplatz der Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit,
-Untertänigkeit zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden
-brauchte: siehe die menschlichen *Wünschbarkeiten*, seine „Ideale“.
-Der *wünschende* Mensch erholt sich von dem Ewig-Wertvollen an ihm,
-von seinem Tun: im Nichtigen, Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die
-geistige Armut und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen
-und auskunftsreichen Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam
-die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren Aufwand, den er
-in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben zu bestreiten hat. Hört
-die Realität auf, so kommt der Traum, die Ermüdung, die Schwäche:
-„das Ideal“ ist geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche....
-Die stärksten und die ohnmächtigsten Naturen werden sich gleich, wenn
-dieser Zustand über sie kommt: *sie vergöttlichen* das *Aufhören* der
-Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften, der Spannung, der Gegensätze,
-der „*Realität*“ ~in summa~.... des Ringens um Erkenntnis, der *Mühe*
-der Erkenntnis.
-
-„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung; „Seligkeit“:
-den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“: den Idealzustand des
-Herdentieres, das keinen Feind mehr haben will. Damit hat man alles,
-was den Menschen erniedrigt und herunterbringt, ins *Ideal* erhoben.
-
-
-135.
-
-Die Begierde *vergrößert* das, was man haben will; sie wächst selbst
-durch Nichterfüllung, -- die *größten Ideen* sind die, welche die
-heftigste und längste Begierde geschaffen hat. Wir legen den Dingen
-*immer mehr Wert bei*, je mehr unsre Begierde nach ihnen wächst:
-wenn die „moralischen Werte“ die *höchsten Werte* geworden sind, so
-verrät dies, daß das moralische Ideal das *unerfüllteste* gewesen ist
-(-- insofern es *galt* als *Jenseits alles Leids*, als Mittel der
-*Seligkeit*). Die Menschheit hat mit immer wachsender Brunst nur
-*Wolken* umarmt: sie hat endlich ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen
-„Gott“ genannt....
-
-
-136.
-
-Was ist die *Falschmünzerei an der Moral*? -- Sie gibt vor, etwas zu
-*wissen*, nämlich was „gut und böse“ sei. Das heißt wissen wollen, wozu
-der Mensch da ist, sein Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt
-wissen wollen, daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung *habe* --
-
-
-137.
-
-Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe, daß sie als
-Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese sehr unklare und
-willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. Vielleicht wird man sie
-wieder los, bevor sie eine „fixe Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes,
-diese Menschheit: sie ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden
-und niedersteigenden Lebensprozessen, -- sie hat nicht eine Jugend
-und darauf eine *Reife* und endlich ein Alter. Nämlich die Schichten
-liegen durcheinander und übereinander -- und in einigen Jahrtausenden
-kann es immer noch jüngere Typen Mensch geben, als wir sie heute
-nachweisen können. Die ~décadence~ andererseits gehört zu allen
-Epochen der Menschheit: überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe,
-es ist ein Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und
-Abfallsgebilde.
-
-Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils *gab es diese Frage gar
-nicht*: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen Seele; das Mehr
-oder Weniger in der Dauer der Menschheit kam nicht in Betracht. Die
-besten Christen wünschten, daß es möglichst bald ein Ende habe; -- über
-das, was dem einzelnen nottue, *gab es keinen Zweifel*.... Die Aufgabe
-stellte sich jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher Zukunft
-für einen Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis der Werte war fest,
-unbedingt, ewig, eins mit Gott.... Das, was von diesem ewigen Typus
-abwich, war sündlich, teuflisch, verurteilt....
-
-Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich selber: Heil
-oder Verdammnis! Das Heil der *ewigen* Seele! Extremste Form der
-*Verselbstung*.... Für jede Seele gab es nur Eine Vervollkommnung;
-nur Ein Ideal; nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der
-*Gleichberechtigung*, angeknüpft an eine optische Vergrößerung der
-eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig wichtige
-Seelen, mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht....
-
-Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei: und wir
-haben unsere Weisheit durch ein Sieb der Verachtung geseiht. Trotzdem
-bleibt unerschüttert die *optische Gewöhnung*, einen Wert des Menschen
-in der Annäherung an einen *idealen Menschen* zu suchen: man hält im
-Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die *Gleichberechtigung
-vor dem Ideal* aufrecht. ~In summa~: *man glaubt zu wissen*, was, in
-Hinsicht auf den idealen Menschen, die *letzte Wünschbarkeit* ist....
-
-Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren *Verwöhnung*
-durch das christliche Ideal: als welches man, bei jeder vorsichtigen
-Prüfung des „idealen Typus“, sofort wieder herauszieht. Man glaubt,
-*erstens*, zu wissen, daß die Annäherung an einen Typus wünschbar
-ist; *zweitens*, zu wissen, welche Art dieser Typus ist; *drittens*,
-daß jede Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, ein
-Kraft- und Machtverlust des Menschen ist.... Zustände träumen, wo
-dieser *vollkommene Mensch* die ungeheure Zahlenmajorität für sich hat:
-höher haben es auch unsre Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier
-nicht gebracht. -- Damit scheint ein *Ziel* in die *Entwicklung*
-der Menschheit zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen
-*Fortschritt zum Ideal* die einzige Form, in der eine Art *Ziel* in
-der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. ~In summa~: man hat die
-Ankunft des „*Reiches Gottes*“ in die Zukunft verlegt, auf die Erde,
-ins Menschliche, -- aber man hat im Grunde den Glauben an das *alte*
-Ideal festgehalten....
-
-
-138.
-
-*Die Herkunft des Ideals.* Untersuchung des Bodens, auf dem es wächst.
-
-A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt voller,
-runder, *vollkommener gesehen* wird -- : das *heidnische* Ideal: darin
-die Selbstbejahung vorherrschend (*man gibt ab* --). Der höchste Typus:
-das *klassische* Ideal -- als Ausdruck eines Wohlgeratenseins *aller*
-Hauptinstinkte. Darin wieder der höchste Stil: *der große Stil*.
-Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten gefürchtete
-Instinkt *wagt sich zu bekennen*.
-
-B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer, verdünnter
-*gesehen* wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit den Rang des
-Vollkommnen einnimmt, wo am meisten das Brutale, Tierisch-Direkte,
-Nächste vermieden wird (-- *man rechnet ab, man wählt* --): der
-„Weise“, „der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend,
-physiologische Charakteristik solcher Idealisten -- : das *anämische*
-Ideal. Unter Umständen kann es das Ideal solcher Naturen sein, welche
-das erste, das heidnische *darstellen* (: so sieht Goethe in Spinoza
-seinen „Heiligen“).
-
-C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder, schlechter,
-ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr noch das Ideal
-vermuten oder wünschen (-- *man negiert, man vernichtet* --): die
-Projektion des Ideals in das Widernatürliche, Widertatsächliche,
-Widerlogische; der Zustand dessen, der so urteilt (-- die „Verarmung“
-der Welt als Folge des Leidens: *man nimmt, man gibt nicht mehr* --):
-das *widernatürliche Ideal*.
-
-(Das *christliche Ideal* ist ein *Zwischengebilde* zwischen dem zweiten
-und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.)
-
-*Die drei Ideale*: A. Entweder eine *Verstärkung* des Lebens (--
-*heidnisch*), oder B. eine *Verdünnung* des Lebens (-- *anämisch*),
-oder C. eine *Verleugnung* des Lebens (-- *widernatürlich*). Die
-„Vergöttlichung“ gefühlt: in der höchsten Fülle, -- in der zartesten
-Auswahl, -- in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.
-
-
-139.
-
-Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht,
-der Liebe, der Rache, des Besitzes -- : die Moralisten wollen sie
-auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen „reinigen“.
-
-Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, -- folglich
-sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher
-kann er nicht ein *guter* Mensch sein....
-
-Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so reiße es aus“.
-In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche „Unschuld vom Lande“,
-der Stifter des Christentums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im
-Fall der geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur,
-daß ein Glied fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen *entmannt*
-ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn, welcher, statt
-der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß
-ist immer: erst der entmannte Mensch ist der gute Mensch.
-
-Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend
-hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst
-zu nehmen und zu *ökonomisieren*, will diese kurzsichtigste und
-verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, *versiegen* machen.
-
-
-140.
-
-Die *Intoleranz der Moral* ist ein Ausdruck von der Schwäche des
-Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, er muß seine
-stärksten Triebe *verneinen*, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß.
-So liegen die fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut: --
-die Kraft fehlt, die hier Herr werden könnte....
-
-
-141.
-
-*Überwindung der Affekte?* -- Nein, wenn es Schwäche und Vernichtung
-derselben bedeuten soll. *Sondern in Dienst nehmen*: wozu gehören
-mag, sie lange zu tyrannisieren (nicht erst als einzelne, sondern als
-Gemeinde, Rasse usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle
-Freiheit wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig
-dorthin, wo unser Bestes hin will.
-
-
-142.
-
-Die ganze Auffassung vom Range der *Leidenschaften*: wie als
-ob das Rechte und Normale sei, von der *Vernunft* geleitet zu
-werden, -- während die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche,
-Halbtierische seien, überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als
-*Lustbegierden*....
-
-Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur
-*un*geziemenderweise und nicht notwendig und immer das ~mobile~ sei, 2.
-insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Wert hat, ein
-Vergnügen....
-
-Die Verkennung von Leidenschaft und *Vernunft*, wie als ob letztere
-ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältniszustand
-verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede
-Leidenschaft ihr Quantum Vernunft in sich hätte....
-
-
-143.
-
-Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, ein beständig
-gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben noch heute in ~rebus
-moralibus~, der „gute Mensch“ allein und nichts als der „gute Mensch“
-sei etwas Wünschbares -- und eben dahin gehe der Gang der menschlichen
-Entwicklung, daß nur *er* übrig bleibe (und allein dahin *müsse* man
-alle Absicht richten --). Das ist im höchsten Grade *unökonomisch*
-gedacht und, wie gesagt, der Gipfel des Naiven, nichts als Ausdruck
-der *Annehmlichkeit*, die der „gute Mensch“ macht (-- er erweckt keine
-Furcht, er erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann).
-
-Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer
-größere *Herrschaft des Bösen*, die wachsende Freiwerdung des Menschen
-von der engen und ängstlichen Moraleinschnürung, das Wachstum der
-Kraft, um die größten Naturgewalten -- die Affekte -- in Dienst nehmen
-zu können.
-
-
-144.
-
-Wie unter dem Druck der asketischen *Entselbstungsmoral* gerade die
-Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit,
-der Großmut, des Heroismus *mißverstanden* werden mußten:
-
-Es ist der *Reichtum an Person*, die Fülle in sich, das Überströmen
-und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die
-großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche
-Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das
-Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf
-alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung *entgegengesetzten*
-Gesinnungen sind vielmehr *eine* Gesinnung; und wenn man nicht fest
-und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand
-auszustrecken und Schutz und Stab zu sein....
-
-Wie hat man diese Instinkte so *umdeuten* können, daß der Mensch als
-wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein
-Selbst einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische
-Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich
-angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat!
-
-Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf er sich nur
-hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern
-Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer
-Rechtfertigung, -- sie liegt darin, daß *Gott sie befohlen hat*.
--- Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen
-(zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer
-*Verleugnung* auf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht
-kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige *Logiker* des Christentums,
-*ging* so weit! man erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich
-*nicht* lieben machen“ schien ihm christlich.
-
-
-145.
-
-Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral *gelobt* werden,
-ergeben sich mir als essentiell *gleich* mit den von ihr verleumdeten
-und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille
-zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht.
-
-Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.
-
-
-146.
-
-Der „*gute Mensch*“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. -- Für jede
-starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß,
-Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander.
-Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist
-böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene
-Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt
---, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher
-die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen?....
-Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten
-verschneide, mit denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen
-kann, Rache heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener
-dualistischen Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens
-(Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle
-negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. -- Eine solche
-Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“; sie zweifelt nicht
-daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption „des Guten“
-angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen
-Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die
-guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für
-ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig
-bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig
-bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das andere *sollte gar nicht
-da sein*.... Was wünscht da eigentlich? -- --
-
-Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen
-Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese *halbseitige*
-Tüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren: noch heute fehlt es nicht
-an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der
-„Vermenschlichung“ überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem
-„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung
-gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß er unter keinen
-Umständen schade, schaden *wolle*. Als Weg dazu gilt: die Verschneidung
-aller Möglichkeit zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des
-Ressentiments, der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.
-
-Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird,
-geht von einer absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das
-Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (*nicht* als
-komplementäre Wertbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei
-des Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die
-letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, -- *sie verneint tatsächlich
-damit das Leben*, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie
-das Nein hat. Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon,
-zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie
-denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern
-Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten Wertantrieben
-ein Ende gemacht wird. -- Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere
-Ideologie, keinen größeren Unfug ~in psychologicis~, als diesen Willen
-zum Guten: man zog den widerlichsten Typus, den *unfreien* Menschen,
-groß, den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem
-rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei ein göttlicher
-Wandel.
-
-Und selbst hier noch behält das Leben recht, -- das Leben, welches das
-Ja nicht vom Nein zu trennen weiß -- : was hilft es, mit allen Kräften
-den Krieg für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen!
-man führt doch Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der
-dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit
-jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen,
-Feinde zu haben, Nein zu sagen, Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel
-haßt die „Sünde“! -- und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch
-jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse ist ihm die
-Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden.
-„Der Gute“ sieht sich wie umringt vom Bösen und unter dem beständigen
-Ansturm des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all
-seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet er, wie es
-folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den Menschen für verderbt,
-das Gutsein als Gnade (das heißt als menschenunmöglich) zu verstehen.
-~In summa~: *er verneint das Leben*, er begreift, wie das Gute als
-oberster Wert das Leben *verurteilt*.... Damit sollte seine Ideologie
-von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine Krankheit
-widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein *anderes* Leben!....
-
-
-147.
-
-Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich *vielfach* in
-ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen Wort wie „Mitleid“ ist *gar
-nichts* gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist
-der andere im Verhältnis zu mir?“ -- Werturteile fortwährend tätig.
-
-
-148.
-
-1. Die prinzipielle *Fälschung der Geschichte*, damit sie den *Beweis*
-für die moralische Wertung abgibt:
-
-a) Niedergang eines Volkes und die Korruption;
-
-b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;
-
-c) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge der moralischen
-Höhe.
-
-2. Die prinzipielle Fälschung der *großen Menschen*, der *großen
-Schaffenden*, der *großen Zeiten*:
-
-man will, daß der *Glaube* das Auszeichnende der Großen ist: aber die
-Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmoralität“, die Erlaubnis,
-sich eines Glaubens entschlagen zu können, gehört zur Größe (Cäsar,
-Friedrich der Große, Napoleon; aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo,
-Goethe). Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des
-Willens“ --
-
-
-149.
-
--- „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte
-Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, und zwar im Munde
-der Weisen ebenso als im Mund und Maule des Volks, gibt zu denken.
-Man möchte sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen:
-gibt es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit
-überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im großen betrachtet, zum
-Beispiel die unleugbare Milderung, Vermenschlichung, Vergutmütigung
-des Europäers innerhalb des letzten Jahrtausends -- ist sie vielleicht
-die Folge eines langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens,
-Entbehrens, Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer „besser
-gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre Moralität -- unsre moderne
-zärtliche Moralität in Europa, mit der man die Moralität des Chinesen
-vergleichen möge, -- der Ausdruck eines physiologischen *Rückgangs*?...
-Man möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der
-Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und Mächtigkeit
-des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, gefährlichen,
-eruptiven Charakter annimmt, bei dem die Menschlichkeit schlimm fährt;
-und vielleicht hat es in jenen Fällen, wo es *anders scheinen will*,
-eben nur an Mut oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe
-zu treiben und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen:
-„je gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender
-ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ Ein
-peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen soll! Gesetzt
-aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes Augenblickchen vorwärts,
-wie verwundert blickt man da in die Zukunft! Was würde sich dann auf
-Erden teurer bezahlt machen als gerade das, was wir mit allen Kräften
-fordern -- die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende
-„Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger als Tugend:
-denn am Ende hätte man mit ihr die Erde als Hospital: und „Jeder
-jedermanns Krankenpfleger“ wäre der Weisheit letzter Schluß. Freilich:
-man hätte dann auch jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber
-auch so wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit, Übermut,
-Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen es sich lohnte, auf
-Erden zu leben! Ach! und ganz und gar keine „Taten“ mehr! Alle *großen*
-Werke und Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der
-Zeit nicht fortgespült wurden, -- waren sie nicht alle im tiefsten
-Verstande große *Unmoralitäten*?....
-
-
-150.
-
-Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: *was* für ein ~ego~? Sondern
-jeder setzt unwillkürlich das ~*ego*~ jedem ~*ego*~ gleich. Das sind
-die Konsequenzen der Sklaventheorie vom ~*suffrage universel*~ und der
-„Gleichheit“.
-
-
-151.
-
-*Ursprung der Moralwerte.* -- Der Egoismus ist so viel wert, als der
-physiologisch wert ist, der ihn hat.
-
-Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch (und nicht
-nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit der Geburt beginnt).
-Stellt er das *Aufsteigen* der Linie Mensch dar, so ist sein Wert in
-der Tat außerordentlich; und die Sorge um Erhaltung und Begünstigung
-seines Wachstums darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in
-ihm verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein so
-außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er die *absteigende*
-Linie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung, so kommt ihm wenig
-Wert zu: und die erste Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich
-Platz, Kraft und Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem
-Falle hat die Gesellschaft die *Niederhaltung des Egoismus* (--
-der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich äußert --) zur
-Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne oder um ganze verkommende,
-verkümmernde Volksschichten. Eine Lehre und Religion der „Liebe“, der
-*Niederhaltung* der Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der
-Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher Schichten vom
-höchsten Werte sein, selbst mit den Augen der Herrschenden gesehen:
-denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des Ressentiments, des Neides
-nieder, die allzu natürlichen Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie
-vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams
-das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, das Kranksein, das
-Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die herrschenden Klassen (oder
-Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das
-Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten haben.
-
-Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines
-Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt
-hier: „ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil;
-noch deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen,
-bejahenden Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren).
-Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in
-ein moralisches oder religiöses Urteil (-- die Vorherrschaft religiöser
-oder moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur --): es
-sucht sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“
-überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder
-sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und
-Selbstgewißheit *berechtigt* zu finden: er will lieber sich schuldig
-finden, als umsonst sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom
-von Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. In
-andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht
-in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern in der Gesellschaft:
-der Sozialist, der Anarchist, der Nihilist, -- indem sie ihr Dasein
-als etwas empfinden, an dem jemand *schuld* sein soll, sind sie
-damit immer noch die Nächstverwandten des Christen, der auch das
-Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er
-jemanden gefunden hat, den er dafür *verantwortlich* machen kann. Der
-Instinkt der Rache und des *Ressentiments* erscheint hier in beiden
-Fällen als Mittel, es auszuhalten, als Instinkt der Selbsterhaltung:
-ebenso wie die Bevorzugung der *altruistischen* Theorie und Praxis. Der
-*Haß gegen den Egoismus*, sei es gegen den eignen (wie beim Christen),
-sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt
-als ein Werturteil unter der Vorherrschaft der Rache; andrerseits
-als eine Klugheit der Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung
-ihrer Gegenseitigkeits- und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie
-schon angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten,
-Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch
-ein Instinkt der Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen. ~In summa~:
-der Kultus des Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die
-unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.
-
-Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“,
-„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck
-seiner ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er
-leidet: andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; -- befände er
-sich besser, so würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann
-anderswo sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird
-von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, -- er nimmt sich selbst
-nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In
-beiden Fällen sind wir immer noch unter Kranken, denen es *wohltut*, zu
-schreien, denen die Verleumdung eine Erleichterung ist.
-
-
-152.
-
-Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht
-übergriffe, -- es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch
-indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
-
-„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer
-auf Unkosten andern Lebens“ -- wer das nicht begreift, hat bei sich
-auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.
-
-
-153.
-
-Von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften.
-
-*Egoismus* und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in
-Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert
-der Dinge und Tugenden *vermindert* glaubte! Dem entgegen suchte
-ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben *könne*
-als Egoismus, -- daß den Menschen, bei denen das ~ego~ schwach und
-dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, -- daß die
-Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres ~ego~ sind, -- daß Liebe
-ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in
-Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen genützt, geholfen wird, der
-Herde; 2. enthält sie einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des
-Lebens; 3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen
-verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum Rechte verhelfen
-gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich,
-und gerade bei den wertvollsten Menschen.
-
-
-154.
-
-Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt
-(samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu
-vernichten, sondern nur, um seiner *Tyrannei* ein Ende zu setzen und
-den Platz freizubekommen für neue Ideale, für *robustere* Ideale... Die
-*Fortdauer* des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten
-Dingen, die es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm
-und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, -- sie müssen
-Gegner, starke Gegner haben, um *stark* zu werden. -- So brauchen wir
-Immoralisten die *Macht* der *Moral*: unser Selbsterhaltungstrieb
-will, daß unsre *Gegner* bei Kräften bleiben, -- er will nur *Herr über
-sie* werden. --
-
-
-155.
-
-Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und
-eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden
-Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die
-längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man
-soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“
-die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und
-weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der
-Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der
-Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie ~virtù~ klänge,
-Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen -- wie fern
-sind wir noch von diesem Ideale!
-
-*Die Gebietsverkleinerung der Moral*: ein Zeichen ihres Fortschritts.
-Überall, wo man noch nicht *kausal* zu denken vermocht hat, dachte man
-*moralisch*.
-
-
-156.
-
-Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor
-uns: wir wollen euch die *Bescheidenheit* hübsch zu Gemüte führen: es
-ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend
-anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch
-nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus
-euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt -- wozu euch eure Umstände
-zwingen --, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich
-scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was
-eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr
-euch darin *weder loben dürfen, noch loben lassen*!.... Man ist eine
-*gründlich kleine Art* Mensch, wenn man *nur* tugendhaft ist: darüber
-soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht
-kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt,
-der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während
-eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend.
-Aber ihr habt die *Zahl* für euch: und insofern ihr *tyrannisiert*,
-wollen wir *euch* den Krieg machen....
-
-
-157.
-
-Ein *tugendhafter Mensch* ist schon deshalb eine niedrigere Spezies,
-weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem
-Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er
-hat nicht seinen Wert ~a parte~: er kann verglichen werden, er hat
-seinesgleichen, er *soll* nicht einzeln sein....
-
-Rechnet die Eigenschaften des *guten* Menschen nach, weshalb tun sie
-uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen,
-keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre
-Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen *guten Tag*.
-Dieses unser *Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren* und
-dem guten Menschen als *Eigenschaft*, als *Wert* zurechnen.
-
-
-158.
-
-*Zur Kritik des guten Menschen.* -- Rechtschaffenheit, Würde,
-Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit,
-gutes Gewissen, -- sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten
-Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind
-hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter
-irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der
-Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus
-ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
-
-Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ~ego~ und ~alter~
-in der Beurteilung: die Frage ist, ob die *Folgen* es sind, sei es für
-den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft,
-„Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder
-ob sie an sich selbst Wert haben....
-
-Anders gefragt: ist es die *Nützlichkeit*, welche die entgegengesetzten
-Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (--
-Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit:
-Unmenschlichkeit --)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur
-die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? -- Anders gefragt:
-wäre es *wünschbar*, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht
-existieren? -- Das wird *jedenfalls geglaubt*.... Aber hier steckt der
-Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des *Winkelegoismus*.
-
-Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen
-der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, -- so daß die
-entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam
-ausstürben?
-
-Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der *Ästhetik*:
-wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste
-Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die
-Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
-
-Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat
-sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz:
-er ist nicht mehr nötig, -- und hier begreift man, daß nur die grobe
-Nützlichkeit eine solche *unausstehliche Tugend* zu Ehren gebracht hat.
-
-Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite:
-Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die
-bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird --
-als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen
-er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche *andere
-Eigenschaften* verlangt.
-
-
-159.
-
-*Das Patronat der Tugend.* -- Habsucht, Herrschsucht, Faulheit,
-Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend:
-darum steht sie so fest.
-
-
-160.
-
-Man soll die *Tugend* gegen die Tugendprediger verteidigen: das
-sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein
-Ideal *für alle*; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des
-Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, --
-ihren *aristokratischen Zauber*. Man soll insgleichen Front machen
-gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen
-und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität,
-Großes und Seltenes zu *fordern* und seine Abwesenheit mit Ingrimm
-und Menschenverachtung festzustellen! -- Es liegt zum Beispiel
-auf der Hand, daß eine *Ehe* so viel wert ist als die, welche sie
-schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und
-Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas
-anderes daraus machen.
-
-Die *Tugend* hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich:
-sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft
-verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den
-Charakter, den Kopf, den Sinn, -- -- immer gemessen mit dem Maß des
-Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung,
-gegen die *Lüge*, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit
-versteckt liegt, -- sie ist das *schlimmste Laster*, gesetzt, daß man
-sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die *andern* beurteilt.
-
--- Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu
-werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade
-etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend *nicht leidet*,
-sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund
-dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit,
-4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt,
-den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend *für sich* ist,
-6. daß sie gerade alles das tut, was sonst *verboten* ist: Tugend,
-wie ich sie verstehe, ist das eigentliche ~vetitum~ innerhalb aller
-Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist,
-~virtù~, moralinfreie Tugend..
-
-
-161.
-
-Der *„gute Mensch“ als Tyrann*. -- Die Menschheit hat immer denselben
-Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen *Maßstab*
-des Lebens gemacht hat; daß sie -- statt in der höchsten Steigerung des
-Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß
-zu finden -- die *Mittel* zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß
-aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des
-Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um
-ihrer selbst willen und *vergißt* sie als Mittel: so daß sie jetzt als
-Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt,
-*eine bestimmte Spezies Mensch* behandelt ihre Existenzbedingungen
-als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“,
-„Vollkommen“: sie *tyrannisiert*... Es ist eine *Form des Glaubens*,
-des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen
-Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens
-scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie
-tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt,
-Herr sein zu wollen --
-
-
-162.
-
--- Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß
-zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit
-ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser,
-durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei
-Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine
-thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen,
-er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach....
-
-
-163.
-
-Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit:
-wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute
-noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber
-in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung
-und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten
-Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz
-mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie
-sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten,
-zu widersprechen. Wozu *diese* reine Torheit trüben? Wozu sie mit
-unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern?
-Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne
-ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge *hinein* (bei ihnen lebt
-ja der alte Gott ~deus myops~ noch!); wir andern -- wir sehen etwas
-anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche,
-unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.
-
-
-164.
-
-Die *Tugend* findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist
-dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des
-Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen
-verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren
-Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte.
-Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an
-ihr neuer Zauber sein: -- sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals
-gewesen ist, ein *Laster*.
-
-
-165.
-
-Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie *soll* es bleiben!
-
-
-166.
-
-Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste
-Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen *Reiz* erteilt, --
-sie wirkt als etwas *Verbotenes*. Sie hat unsre feinste Redlichkeit
-gegen sich, sie ist eingesalzen in das „~cum grano salis~“ des
-wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und
-antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und
-neugierig macht; -- kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles
-als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu
-dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine
-Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die
-Tugend als eine *Form der Immoralität* aufgezeigt haben, ist sie wieder
-*gerechtfertigt*, -- sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht
-auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles
-Daseins, -- als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste,
-teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und
-entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst,
-wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife
-Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.
-
-
-167.
-
-Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die
-Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen
-sie wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es
-stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie
-verfolgt und mit allen Hunden hetzt.... Dies -- habe ich getan.
-
-
-168.
-
-Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:
-
-a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man *Züchtung*
-mit *Zähmung* verwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie
-ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der
-Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren
-fortbauen können -- nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch
-aus ihnen herauswachsend, ins *Stärkere*....
-
-b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß
-die Menschheit als *Ganzes* fortwüchse und stärker würde, wenn die
-Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden.... Menschheit ist
-ein Abstraktum: das Ziel der *Züchtung* kann auch im einzelnsten Falle
-immer nur der *stärkere* Mensch sein (-- der ungezüchtete ist schwach,
-vergeuderisch, unbeständig --).
-
-
-169.
-
-Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat *Moral zu machen*....
-Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je
-gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat,
-taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.
-
-Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe
-nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen;
-ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor
-furchtbaren Mitteln nicht fürchten, -- die glühendes Eisen zu handhaben
-wissen. Diese schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier
-aufnimmt, heißt sich „Priester“.
-
-Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine
-Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich
-selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller
-Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein
-wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche, *nachträgliche*
-Mißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den
-„Sünder“: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu
-*rechtfertigen*?
-
-Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei *zoologische*
-Begriffe an ihre Stelle setzen: *Zähmung* der Bestie und *Züchtung
-einer bestimmten Art*.
-
-Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „*bessern*“ wollen....
-Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“
-Tieren reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen
-durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch
-ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist
-weniger schädlich....
-
-
-170.
-
-Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als
-*Rätsel*. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel.
-Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für
-mich das Wohl des Nächsten höheren Wert haben *soll*, als mein eigenes?
-daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzen
-*soll* als ich, nämlich demselben gerade *mein* Wohl überordnen soll?
-Was bedeutet das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“
-betrachtet wird?
-
-Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem
-andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene,
-dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen
-soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl
-des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf
-der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist,
-aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine
-Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also
-eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer
-Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.
-
-Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und *diese müssen Einzelne* sein!
-Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und
-dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter
-„Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu?
-
-
-171.
-
-„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung.
-Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm
-und schmerzhaft“ die Grundlage?
-
-Aber in unzähligen Fällen *machen* wir erst eine Sache schmerzhaft,
-dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.
-
-Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem
-Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns *gefärbt* dadurch.
-
-Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine
-ungeheure *latente Kraft*masse dadurch in uns: aber in der
-*Vergleichung* der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als
-wertvoll galt, daß *viele* Gütertafeln existierten (also nichts „an
-sich“ wertvoll).
-
-Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung
-als die Aufstellung von *Existenzbedingungen* beschränkter Gruppen (und
-oft irrtümlicher): zur Erhaltung.
-
-Bei der Betrachtung der *jetzigen* Menschen ergab sich, daß wir *sehr
-verschiedene* Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft
-mehr darin ist, -- die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt
-dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange
-nicht so schmerzhaft. -- Es wird *willkürlich*. Chaos.
-
-Wer schafft *das Ziel*, das über der Menschheit stehen bleibt und auch
-über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral *erhalten*: aber
-niemand will jetzt mehr *erhalten*, es ist nichts daran zu erhalten.
-Also eine *versuchende Moral*: sich ein Ziel *geben*.
-
-
-172.
-
-Inwiefern die *Selbstvernichtung der Moral* noch ein Stück ihrer
-eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die
-für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und
-ernst genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert
-haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch
-Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch
-nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von
-unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns
-die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne,
-ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte
-hinausgestoßen werden, -- es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer
-sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir
-„erhalten“ möchten. Ein verborgenes *Ja* treibt uns dazu, das stärker
-ist als alle unsre Neins. Unsre *Stärke* selbst duldet uns nicht mehr
-im alten, morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagen *uns*
-daran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen
-ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns
-aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wir
-*wissen* um eine neue Welt....
-
-
-173.
-
-Mein Schlußsatz ist: daß der *wirkliche* Mensch einen viel höheren Wert
-darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals;
-daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und
-gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von
-Mensch *ihre* Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit
-als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte
-Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen,
-seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit *herabgedrückt* hat; daß die
-Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten
-bloßstellt, auch heute noch, wenn er *wünscht*; daß die Fähigkeit
-des Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war,
-um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ *Werte des Menschen*
-gerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und
-menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die große
-*Verführung zum Nichts* war...
-
-
-3. Philosophie und Moral.
-
-
-174.
-
-Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am
-meisten aufgehalten worden.
-
-175.
-
-Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente
-genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die
-Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners
-als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht
-durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur
-spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt
-von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller
-Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „*praktische Vernunft*“
-zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür,
-in welchen Fällen man sich *nicht* um die Vernunft zu kümmern brauche:
-nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die
-„Pflicht“ redet.
-
-
-176.
-
-Die Philosophen sind eingenommen *gegen* den Schein, den Wechsel, den
-Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die
-Unfreiheit, das Zwecklose.
-
-Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um
-der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die
-Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven
-Wertbestimmungen geleitet, in denen sich *frühere* Kulturzustände
-spiegeln (gefährlichere).
-
-
-177.
-
-Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt -- was als
-unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde
--- : alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.
-
-Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff
-darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, -- wir sind
-nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen
-zu müssen.... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn
-Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte
-Moral zu ihr ja sagte, ja sagen *durfte*: so folgte daraus, daß wir
-auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben.... Unser *Kriterium*
-der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir *widerlegen*
-eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als
-inspiriert durch edle Gefühle beweisen.
-
-
-178.
-
-Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie
-glaubt, der sie verehrt, *will* eben diesen Charakter nicht anerkennen.
-Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer
-Verehrung war die Bemühung, aus ihnen *~a priori~-Wahrheiten* zu
-machen. Fälschender Charakter der *Verehrung*....
-
-Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen
-*Rechtschaffenheit*: aber es *gibt* in der ganzen Geschichte der
-Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, -- sondern die
-„Liebe zum Guten“....
-
-Der absolute *Mangel an Methode*, um den Wert dieser Werte zu prüfen;
-*zweitens*: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt
-zu nehmen. -- Bei den Moralwerten kamen alle *antiwissenschaftlichen*
-Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft
-*auszuschließen*....
-
-
-179.
-
-Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich
-es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich,
-mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, -- und zuletzt:
-ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit
-kritisieren *kann*?? -- Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals
-eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken
-entstanden ist, -- daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man
-erwägt, *was* im Grunde zu dieser Stellung *zwang*.
-
-Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer -- sowohl die
-skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die
-pessimistische -- sind *moralischen* Ursprungs. Ich sah niemanden,
-der eine Kritik der *moralischen Wertgefühle* gewagt hätte: und den
-spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu
-kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich
-bald den Rücken. --
-
-Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der
-moralischen Werturteile? (Es war *eine* Konsequenz seiner Theodicee!)
-
-
-180.
-
-*Die drei großen Naivitäten*:
-
- Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),
- als Mittel zur Tugend (als ob....),
- als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, --
-
-insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist -- (als ob....).
-
-
-181.
-
-Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft *feindlich* gesinnt:
-schon Sokrates war dies -- und zwar deshalb, weil die Wissenschaft
-Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen
-haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ *Gewicht nehmen*. Die
-Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu
-Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum
-Verschwenden *nicht reich genug* ist, wenn der Mensch sich ernstlich um
-Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates
-die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt
-hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe,
-wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides,
-ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.
-
-
-182.
-
-Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen
-Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln
-einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer
-zugunsten der *Moral*.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.)
-Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho --
-Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten der *Moral*.... (Haß
-auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich
-der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die
-Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des
-wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom,
-die vier Elemente (*Juxtaposition* des Seienden, um die Vielheit
-und Veränderung zu erklären --). Verachtung gelehrt gegen die
-*Objektivität* des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse,
-zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....
-
-Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos
-(Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit),
-3. deren Resultate (als kindisch).
-
-Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der *Kirche*, im
-Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug
-zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei
-Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern
-haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.
-
-Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen
-die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen -- : ich
-glaube, man nennt das *Freiheit*....
-
-Darin drückt sich die ~décadence~ aus: der Instinkt der Solidarität ist
-so entartet, daß die Solidarität als *Tyrannei* empfunden wird: sie
-wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und
-Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise,
-das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den
-langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.
-
-
-183.
-
-Die *Sophisten* sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die
-allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, -- sie
-haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu
-*wissen*....
-
-Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte,
-welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von
-menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden?
-Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die
-er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern
-über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?
-
-Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur
-vollendeten Tartüffs möglich -- oder *Abseitsgestellten*, Einsiedlern,
-Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die
-negierten, um selber leben zu können --
-
-Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der
-Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie *Juden* oder ich weiß nicht
-was --. Die Taktik *Grotes* zur Verteidigung der Sophisten ist falsch:
-er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, -- aber ihre
-Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben....
-
-
-184.
-
-Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf
-*moralischen* Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige
-Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines
-Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem
-Guten stammend, führt zu allem Guten (-- also gleichsam „zurück“
---). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer
-christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen *guten* Gott
-als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns
-unsre Sinnesurteile *verbürgt*. Abseits von einer religiösen Sanktion
-und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit -- woher sollten wir
-ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar
-ein Maß des Wirklichen sei, -- daß, was nicht gedacht werden kann,
-nicht *ist*, -- ist ein plumpes ~non plus ultra~ einer moralistischen
-Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der
-Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem
-Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern
-es *ist*....
-
-
-185.
-
-Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man
-hier die *Sicherheit eines Instinkts* zu erreichen suchte: so daß
-weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins
-Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch
-handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder
-Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine
-Kombinationen unbewußt....
-
-Was bedeutet nun die *Reaktion* des Sokrates, welcher die Dialektik als
-Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral
-sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere
-gehört zu ihrer *Güte*, -- ohne Unbewußtheit *taugt sie nichts*!....
-*Scham* erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....
-
-Es bedeutet exakt die *Auflösung der griechischen Instinkte*, als man
-die *Beweisbarkeit* als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in
-der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese
-großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.
-
-~In praxi~ bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer
-Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn
-haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und
-Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von *Sublimierung*,
-*entnatürlicht* werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden
-losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als
-*frei gewordene* „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter
-ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von
-Entitäten: man *erdichtet* eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie
-herkommen....
-
-~In summa~: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato....
-Und nun hatte man nötig, auch den *abstrakt-vollkommenen* Menschen
-hinzu zu erfinden: -- gut, gerecht, weise, Dialektiker -- kurz, die
-*Vogelscheuche* des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden
-losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden
-Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen
-*absurde* „Individuum“ an sich! die *Unnatur* höchsten Ranges....
-
-Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen
-entartenden *Typus des Menschen* zu schaffen, -- „*den* Guten“, „*den*
-Glücklichen“, „*den* Weisen“. -- Sokrates ist ein Moment der *tiefsten
-Perversität* in der Geschichte der Werte.
-
-
-186.
-
-Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach
-Aristoteles. *Dagegen* die Epikuräer, die sich die *sensualistische*
-Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das
-Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine
-Kunst des *Lebens*“.
-
-
-187.
-
-*Hegel*: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen
-Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt
-der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der
-Geschichte zu beweisen.
-
-Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar,
-wirklich.
-
-Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen
-Reichs.
-
-Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen
-lassen: -- wir *glauben* nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben
-folglich auch keine Philosophien zu gründen, *damit* die Moral recht
-behalte. Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht
-*darin* seinen Reiz: -- nun, welchen hat er denn? --
-
-
-188.
-
-*Moral als höchste Abwertung.* -- *Entweder* ist unsre Welt das
-Werk und der Ausdruck (der ~modus~) Gottes: dann muß sie *höchst
-vollkommen* sein (Schluß Leibnizens....) -- und man zweifelte nicht,
-was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen --, dann kann das Böse, das
-Übel nur *scheinbar* sein (*radikaler* bei Spinoza die Begriffe Gut
-*und* Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (--
-etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen
-Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein;
-„Freiheit“ auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen....
-zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).
-
-*Oder* unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real,
-sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie
-nicht die *wahre* Welt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie
-zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt
-werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer
-Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die
-Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, -- daß *Offenbarung* not tue,
-um die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....
-
-
-189.
-
-Nichts ist seltener unter den Philosophen als *intellektuelle
-Rechtschaffenheit*: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht
-glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich,
-daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen
-*müssen*, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über
-diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen
-Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von
-Moralität: es gibt Fälle -- und der Fall der Philosophen gehört hierher
---, wo ein solcher Glaube einfach eine *Unmoralität* ist.
-
-
-4. Philosophie und Wissenschaft.
-
-
-190.
-
-Ich muß das *schwierigste Ideal* des *Philosophen aufstellen*. Das
-Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das Herdentier im Reiche der
-Erkenntnis, -- welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht
-worden ist. --
-
-
-191.
-
-Aberglaube über den *Philosophen*: Verwechslung mit dem
-*wissenschaftlichen* Menschen. Als ob die Werte in den Dingen
-steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der
-Einflüsterung gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.).
-Schopenhauer in betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus).
-Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus
-als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den
-*wissenschaftlichen* Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder
-meinen zu suchen, *ohne* die Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung
-vor den „Facten“, eine Art Kultus. Tatsächlich *vernichten* sie die
-bestehenden Wertschätzungen.
-
-*Erklärung* dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht
-selten; er mißdeutet sich selber. Man *will* durchaus die Autorität
-von sich ablehnen und in die *Umstände* setzen. -- In Deutschland
-gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden
-*Männlichkeit*. Lessing usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist
-diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht:
-und der *Ruf* der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als
-ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei und der *Glaube
-bewiesen* werden könne. In Hegel kulminieren beide Tendenzen: im Grunde
-verallgemeinert er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache
-der deutschen Romantik, -- eine Art von dialektischem Fatalismus, aber
-zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen
-*unter* die Wirklichkeit. *Der Kritiker bereitet vor*: nicht mehr!
-
-Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich um
-eine Bestimmung des *Wertes* handle: immer noch unter der Herrschaft
-des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.
-
-
-192.
-
-Problem des *Philosophen* und des *wissenschaftlichen* Menschen. --
-Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken ~à la~
-Kant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen).
-Wesentlicher: ob nicht ein ~décadence~-*Symptom* schon in der
-Richtung auf solche *Allgemeinheit* gegeben ist; *Objektivität als
-Willensdisgregation* (-- *so fern* bleiben *können*....). Dies setzt
-eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art
-Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe.
-
-Typus: die Loslösung von der *Heimat*; in immer weitere Kreise; der
-wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative -- --;
-gar dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der
-*Herauslösung* aus Organisationsformen, Herausbruch.
-
-Problem: ob der *wissenschaftliche* Mensch eher noch ein
-~décadence~-Symptom ist, als der Philosoph: -- er ist als *Ganzes*
-nicht losgelöst, nur ein *Teil* von ihm ist absolut der Erkenntnis
-geweiht, dressiert für eine Ecke und Optik --, er hat hier *alle*
-Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit nötig, große Strenge,
-Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit
-der Kultur, als von deren Müdigkeit. Der ~décadence~-Gelehrte ist ein
-*schlechter* Gelehrter. Während der ~décadence~-Philosoph, bisher
-wenigstens, als der typische Philosoph galt.
-
-
-193.
-
-Die psychologischen *Verwechslungen*: -- *das Verlangen nach Glauben*
--- verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei
-Carlyle). Aber ebenso ist *das Verlangen nach Unglauben* verwechselt
-worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (-- ein Bedürfnis, loszukommen
-von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend
-welche „Gläubigen“). *Was inspiriert die Skeptiker?* Der *Haß* gegen
-die Dogmatiker -- oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei
-Pyrrho.
-
-Die *Vorteile*, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die
-Vorteile des Glaubens an sie: -- *an sich* nämlich könnte ja die
-Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein --. Man hat
-die „Wahrheit“ auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom
-Siege versprach, -- zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.
-
-Die Methodik der Wahrheit ist *nicht* aus Motiven der Wahrheit gefunden
-worden, sondern aus *Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens*.
-
-*Womit beweist* sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht
--- mit der Nützlichkeit, -- mit der Unentbehrlichkeit, -- *kurz,
-mit Vorteilen* (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit
-beschaffen sein *sollte*, um von uns anerkannt zu werden). Aber das
-ist ein *Vorurteil*: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um *Wahrheit*
-handelt....
-
-Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts?
-bei den *Naturalisten*? -- Kritik der „Objektivität“.
-
-*Warum* erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... Was man wollte,
-war immer der Glaube, -- und *nicht* die Wahrheit.... Der Glaube
-wird durch *entgegengesetzte* Mittel geschaffen als die Methodik der
-Forschung -- : *er schließt letztere selbst aus* --
-
-
-194.
-
-*Das Problem des Sokrates.* -- Die beiden Gegensätze: die *tragische*
-Gesinnung, die *sokratische* Gesinnung, -- gemessen an dem Gesetz des
-Lebens.
-
-Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der ~décadence~ ist:
-inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus,
-in der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen
-Menschen sich zeigt (-- die Gesundheit des *Plebejers*; dessen Bosheit,
-~esprit frondeur~, dessen Scharfsinn, dessen *Kanaille ~au fond~*, im
-Zaum gehalten durch die *Klugheit*; „häßlich“).
-
-*Verhäßlichung*: Die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die
-Klugheit als *Tyrann* gegen den „Tyrannen“ (den Instinkt). Es ist alles
-übertrieben, exzentrisch, Karikatur an Sokrates, ein ~buffo~ mit den
-Instinkten Voltaires im Leibe. Er entdeckt eine neue Art *Agon*; er ist
-der erste Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt
-nichts als die *höchste Klugheit*: er nennt sie „Tugend“ (-- er erriet
-sie als *Rettung*: es stand ihm nicht frei, *klug* zu sein, er war es
-*~de rigueur~*); sich in Gewalt haben, um mit Gründen und *nicht* mit
-Affekten in den Kampf zu treten (-- die *List* des Spinoza, -- das
-Aufdröseln der Affektirrtümer); -- entdecken, daß der Affekt unlogisch
-prozediert; Übung in der Selbstverspottung, um das *Rankünegefühl* in
-der Wurzel zu schädigen.
-
-Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen
-Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung
-von Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre
-hat *er bezaubert*: die antike Philosophie kam nicht wieder davon
-los....
-
-Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft:
-Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische
-Halluzinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben,
-widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt
-es, daß Sokrates *Moral-Monoman* ist? -- Alle „praktische“ Philosophie
-tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als
-Hauptinteressen sind Notstandszeichen.
-
-
-195.
-
--- Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe wider die
-*Wildheit der Triebe*. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend
-sein: sonst hat es keinen Sinn, die *Klugheit* bis zu dieser Tyrannei
-auszubilden. Aus der Klugheit *einen Tyrannen machen*: -- aber *dazu*
-müssen die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. -- Es war sehr
-zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = Glück.
-
-*Lösung*: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen
-Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt
-weit vom Exzeß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, -- alles
-~décadence~-Menschen. Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille
-zur Macht, zur Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und
-Anarchie der Instinkte bei Sokrates ist ein *~décadence~-Symptom*. Die
-Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen. Beide
-sind Abnormitäten, beide gehören zueinander.
-
-*Kritik.* Die ~décadence~ verrät sich in dieser Präokkupation des
-„Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das heißt, *seinen Zustand*
-als *Gefahr* empfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für „Glück“
-zeigt die Pathologie des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse.
-Vernünftig sein *oder* zugrunde gehen war die *Alternative*, vor der
-sie alle standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt,
-daß sie sich *in Gefahr* fühlten....
-
-
-196.
-
-Die eigentlichen *Philosophen der Griechen* sind die vor Sokrates
-(-- mit Sokrates verändert sich etwas). Das sind alles vornehme
-Personnagen, abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereist, ernst
-bis zur Düsterkeit, mit langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der
-Diplomatie nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen
-der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie bringen sich in
-System. Nichts gibt einen höheren Begriff vom griechischen Geist,
-als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen, als diese ungewollte
-Vollständigkeit in der Aufstellung der großen Möglichkeiten des
-philosophischen Ideals. -- Ich sehe nur noch eine originale Figur
-in dem Kommenden: einen Spätling, aber notwendig den letzten, --
-den Nihilisten *Pyrrho*: -- er hat den Instinkt *gegen* alles das,
-was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den
-Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift über Protagoras zu
-Demokrit zurück....)
-
-Die *weise* Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig.
-Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was alle
-glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch alles, was
-*bläht*.... Einfach: unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild.
-ἀπάθεια, mehr noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem
-Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest
-des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an
-die Wichtigkeit aller Dinge. Er hat *Alexander* gesehen, er hat die
-*indischen Büßer* gesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt
-alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch.
-Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal). Sie empfinden
-andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt mit jedermann, ein
-wenig Wärme: sie haben *Wärme* nötig, diese Müden.... Den Widerspruch
-überwinden; kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: die
-*griechischen* Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner Schwester
-zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden, daß sie nicht
-mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armut und Lumpen geben; die
-niedrigsten Verrichtungen tun: auf den Markt gehen und Milchschweine
-verkaufen.... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden,
-die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: letzte
-Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.
-
-Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen ~décadence~:
-verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alle *schauspielerischen*
-Tugenden -- beides zusammen hieß damals Philosophie --; absichtlich
-das, was sie lieben, niedrig achtend; die gewöhnlichen, selbst
-verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand darstellend, wo man
-weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur
-naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter,
-nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große
-*Identitätslehre* (*Glück* = *Tugend* = *Erkenntnis*). Das rechte Leben
-fördert man nicht durch Wissenschaft: Weisheit macht nicht „weise“....
-Das rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück....
-
-
-197.
-
-*Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.* -- Bei den
-griechischen Philosophen sehe ich einen *Niedergang der Instinkte*:
-sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den *bewußten*
-Zustand als den *wertvolleren* anzusetzen. Die *Intensität des
-Bewußtseins* steht im *umgekehrten* Verhältnis zur Leichtigkeit
-und Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die
-*umgekehrte Meinung* über den Instinkt: was immer das Zeichen
-*geschwächter* Instinkte ist.
-
-Wir müssen in der Tat das *vollkommene Leben* dort suchen, wo es am
-wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe,
-seine Mittel und Absichten, seine *Nützlichkeit* sich vorführt). Die
-Rückkehr zur Tatsache des ~bon sens~, des ~bon homme~, der „kleinen
-Leute“ aller Art. *Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit* seit
-Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst
-einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einer
-*räsonnierenden Tugend* ist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit
-einem solchen Verlangen kompromittiert.
-
-
-198.
-
-Tartüfferie der *Wissenschaftlichkeit*. -- Man muß nicht
-Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist,
-wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die
-Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu affektieren, welche
-im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf
-die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von
-Deduktion und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner
-„Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches
-Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. -- Man soll die *Tatsache*, wie
-uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die
-tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von
-dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals ~Pensées~
-haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der
-Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.
-
-Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:
-
-1. in bezug auf die *Darlegung*, wenn sie nicht der *Genesis* der
-Gedanken entspricht;
-
-2. in den Ansprüchen auf *Methoden*, welche vielleicht zu einer
-bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;
-
-3. in den Ansprüchen auf *Objektivität*, auf kalte Unpersönlichkeit,
-wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und
-unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von
-Eitelkeit, zum Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat,
-hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt
-zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.
-
-
-199.
-
-Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral
-gleichsam einmagaziniert worden ist -- also die Feinheit, die Vorsicht,
-die Tapferkeit, die Billigkeit --, so strahlt die Gesamtkraft
-dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die
-Rechtschaffenheit am seltensten, in die *geistige* Sphäre. In allem
-Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll
-etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es
-gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, -- das alles ist eben Bewußtwerden....
-Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur
-vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet
-ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist
-das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist
-immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonnieren: man mache die
-Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral
-reden macht....
-
-Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das *bewußt* verläuft, auch
-einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das
-Denken desselben, sofern es von seinen *Instinkten* geführt wird.
-
-
-200.
-
-Der Philosoph gegen die *Rivalen*, zum Beispiel gegen die Wissenschaft:
-da wird er Skeptiker; da behält er sich eine *Form der Erkenntnis*
-vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er
-mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus,
-Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als
-einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, --
-er weiß seine Gegner als „Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu
-bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand.
-
-Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: -- er sucht sie dahin
-zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu
-erscheinen. ~In summa~: soweit er *kämpft*, kämpft er ganz wie ein
-Priester, wie eine Priesterschaft.
-
-
-5. Freie Philosophie.
-
-
-201.
-
-Man sucht das Bild der Welt in *der* Philosophie, bei der es uns am
-freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich
-frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen!
-
-
-202.
-
-*Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung
-des Edelsten* und am Anblick, wie er schrittweise ins Verderben gerät:
-als Lust am *Kommenden, Zukünftigen*, welches triumphiert über das
-*vorhandene noch so Gute*. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit
-dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).
-
-*Meine Neuerungen.* -- Weiterentwicklung des Pessimismus: der
-Pessimismus des Intellekts; die *moralische* Kritik, Auflösung des
-letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen des *Verfalls*: umschleiert
-durch Wahn jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und
-dadurch stark.
-
-1. Mein *Anstreben* gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der
-Persönlichkeit. Ich suchte ein neues *Zentrum*.
-
-2. Unmöglichkeit dieses Strebens *erkannt*.
-
-3. *Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, -- darin fand
-ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein!* -- --
-Ich erkannte, daß der Zustand der *Auflösung*, in der *einzelne* Wesen
-sich vollenden *können wie nie* -- ein Abbild und *Einzelfall des
-allgemeinen Daseins ist*. Gegen die lähmende Erfindung der allgemeinen
-Auflösung und Unvollendung hielt ich die *ewige Wiederkunft*.
-
-
-203.
-
-Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus
-vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir
-zum Gefühl brachte.
-
-Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen
-Bewegung.
-
-Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der *großen Politik*.
-
-Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.
-
-
-204.
-
-Die Bedeutung der deutschen Philosophie (*Hegel*): einen *Pantheismus*
-auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leid *nicht* als
-Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. *Diese grandiose
-Initiative* ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat
-usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden
-sanktioniert.
-
-*Schopenhauer* erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, welcher
-endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten, zum
-*Weltverneiner* wird. Endlich zum „Mystiker“.
-
-Ich selbst habe eine *ästhetische* Rechtfertigung versucht: wie ist die
-Häßlichkeit der Welt möglich? -- Ich nahm den Willen zur Schönheit,
-zum Verharren in *gleichen* Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs-
-und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als
-das *ewig-Zerstören-Müssende* gebunden an den Schmerz. Das Häßliche
-ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen
-*neuen* Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft,
-welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten,
-verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! --
-
-
-205.
-
-Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte
-ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum
-mindesten nach *meinem Bedürfnis neuer Philosophen* suchen? Dort
-allein, wo eine *vornehme* Denkweise herrscht, eine solche, welche an
-Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung
-jeder höheren Kultur glaubt; wo eine *schöpferische* Denkweise
-herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller
-Sabbate“ als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen
-Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise,
-welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige
-hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“
-Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des
-Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft
-zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, -- an die Stelle, wo
-sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach Philosophen
-sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht
-wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend,
-umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die
-*umgekehrten* Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit;
-es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm,
-jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht;
-es will zu dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der
-größten aller Lügen -- diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ --
-auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die *gleichmachenden,
-gleichstellenden* Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des
-Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob
-es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle
-Welt jammert heute darüber, wie schlimm es *früher* die Philosophen
-gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes
-Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: die Wahrheit ist aber,
-daß eben darin immer noch *günstigere* Bedingungen zur Erziehung
-einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden
-Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens.
-Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist,
-der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- und Ameisengeist
-des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so
-schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn
-nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht
-mehr von außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder
-eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren
-Tyrannen“ großziehen, ihren *Willen*. Und was von den Künstlern gilt,
-gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne von den Philosophen.
-Wo *sind* denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen
-freien Geist! --
-
-
-206.
-
-Ich verstehe unter „*Freiheit des Geistes*“ etwas sehr Bestimmtes:
-hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch
-Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den
-unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, -- ich
-behandle die bisherigen Philosophen als *verächtliche ~libertins~*
-unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.
-
-
-207.
-
-Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es
-ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eine *seltene*
-Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung
-der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat
-wenig mit Tugend zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der
-wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist.
--- Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff des Philosophen in
-Deutschland nicht ganz und gar zugrunde gehe. Es gibt so viele halbe
-Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter
-einem so vornehmen Namen verstecken möchten.
-
-
-II. *Religion.*
-
-
-1. Entstehung.
-
-
-208.
-
-All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und
-eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als
-Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der
-Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht -- o
-über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt
-hat, um sich zu *verarmen* und *sich* elend zu fühlen! Das war bisher
-seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich
-zu verbergen wußte, daß *er* es war, der das geschaffen hat, was er
-bewunderte. --
-
-
-209.
-
-Die *Moralen* und *Religionen* sind die Hauptmittel, mit denen man aus
-dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man
-einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über
-lange Zeiträume durchsetzen kann.
-
-
-210.
-
-*Vom Ursprung der Religion.* -- In derselben Weise, in der jetzt
-noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache
-davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon,
-daß er fühlt, kurz, so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse
-von psychologischen Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein
-sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben
-Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten erklärt.
-Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen,
-legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer
-Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und
-zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der
-„Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes zurück: bei ihm,
-als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus, erscheinen
-billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als das
-*Fremde*, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und
-lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung,
-daß hier eine *fremde Macht* im Spiele ist; aber auch jede verwandte
-Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen
-Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung
-von außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine
-Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei
-die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen
-Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache
-personifiziert.
-
-Die psychologische Logik ist die: das *Gefühl der Macht*, wenn es
-plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht -- und das ist in
-allen großen Affekten der Fall --, erregt ihm einen Zweifel an seiner
-Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu
-denken -- und so setzt er eine *stärkere* Person, eine Gottheit, für
-diesen Fall an.
-
-~In summa~: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen
-der Macht, welche, als *fremd*, den Menschen überraschen: und dem
-Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum
-Schlusse kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich
-der naive ~homo religiosus~ in *mehrere Personen* auseinander. Die
-Religion ist ein Fall der „~altération de la personnalité~“. Eine Art
-*Furcht-* und *Schreckgefühl* vor sich selbst.... Aber ebenso ein
-außerordentliches *Glücks-* und *Höhengefühl*... Unter Kranken genügt
-das *Gesundheitsgefühl*, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.
-
-
-211.
-
-*Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen*: -- Alle
-Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (--
-der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört
-ein Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle
-Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.
-
-Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl,
-*nicht* die Ursache zu sein, *unverantwortlich* dafür zu sein -- : sie
-kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber -- :
-der unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns,
-ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf eines *fremden* Willens.
-
-Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente
-nicht gewagt, *sich* zuzurechnen, -- er hat sie als „passiv“, als
-„erlitten“, als Überwältigungen konzipiert -- : die Religion ist eine
-Ausgeburt eines *Zweifels* an der Einheit der Person, eine ~altération~
-der Persönlichkeit -- : insofern alles Große und Starke vom Menschen als
-*übermenschlich*, als *fremd* konzipiert wurde, verkleinerte sich der
-Mensch, -- er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache
-und eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander,
-hieß die erste „Mensch“, die zweite „Gott“.
-
-Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der *moralischen
-Idiosynkrasie* seine hohen und sublimen Moralzustände nicht als
-„gewollt“, als „Werk“ der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine
-Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und
-eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander --
-
-Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme
-Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur
-durch eine Gnade geschenkt....
-
-
-212.
-
-Zur Psychologie des *Paulus*. -- Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies
-bleibt *auszulegen*.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der
-Auslegung gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen:
-eines Tages steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es
-*könnte* dieser Tod das und das bedeuten“ -- und sofort *ist* er das!
-Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen *Schwung*, welchen sie
-ihrem Urheber gibt....
-
-„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seine
-*Wirkung* bewiesen, -- („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt);
-was begeistert, muß *wahr* sein, -- wofür man sein Blut läßt, muß
-*wahr* sein --
-
-Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem
-Urheber erregt, diesem Gedanken als *Wert* zugerechnet: -- und da man
-einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als
-wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre
-bekommt, er sei *wahr*.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von
-einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie
-nicht wirken.... Er wird als *inspiriert* aufgefaßt: die Wirkung, die
-er ausübt, hat etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses --
-
-Ein Gedanke, dem ein solcher ~décadent~ nicht Widerstand zu leisten
-vermag, dem er vollends verfällt, ist *als wahr* „bewiesen“!!!
-
-Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein
-Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute
-ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine
-Wahrheit prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins....
-
-
-213.
-
-Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche
-der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände,
-mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und
-starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer *Vorfahren*
-ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir wachsen in
-unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln.
-
-Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl
-auszugleichen. -- Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich
-stolz, gewürdigt und *auserwählt* zu sein zu solchem Verkehre, -- sie
-legen Wert darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen,
-bloße Mundstücke zu sein (Homer).
-
-Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen,
-Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man
-sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht
-verantwortlich wußte, sondern -- Gott. Die Unfreiheit des Willens galt
-als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein
-Gott zu ihrem Urheber gemacht....
-
-
-214.
-
-Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der *physiologischen
-Erschöpfung*, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem,
-Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als
-die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte
-hier eine *höhere* Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den
-Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für
-das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der
-physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen
-disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der
-Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben *muß*.... Man glaubte in eine
-höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein.
--- Der *Schein* einer höheren Macht....
-
-
-215.
-
-Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder
-übermäßigen Reizung....
-
-Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des
-Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien
---
-
-Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf,
-psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und
-längeren *Ruhenmüssens*.... ~In praxi~ ist es der Tod, der hier unter
-dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....
-
-
-216.
-
-*Kritik der heiligen Lüge.* -- Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt
-ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, -- wie weit es zu
-ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.
-
-Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen
-Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen
-beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht
-gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die
-typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in
-allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich
-ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand
-schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt *hörbar* wird....
-
-*Wie weit* geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? --
-Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben,
-welche Dogmen sie *erfinden* müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu
-tun?
-
-Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte
-Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.
-
-Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß
-alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.
-
-Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben,
-dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das
-Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, -- wie billig auch die
-Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.
-
-Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie
-aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge
-Wirkungen *versprechen*, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch
-strikte Befolgung ihres Gesetzes. -- Sie können insgleichen eine Menge
-Dinge *verordnen*, die absolut vernünftig sind, -- nur daß sie nicht
-die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen,
-sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.
-
-Die *heilige Lüge* bezieht sich also prinzipiell: auf den *Zweck* der
-Handlung (-- der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein
-Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint
-als Zweck --): auf die *Folge* der Handlung (-- die natürliche Folge
-wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden
-unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).
-
-Auf diese Weise wird ein Begriff von *Gut* und *Böse* geschaffen, der
-ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“,
-„lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, -- er kann, insofern ein
-*anderes* Leben erdacht ist, sogar direkt *feindselig* dem Naturbegriff
-von Gut und Böse werden.
-
-Auf diese Weise wird endlich das berühmte „*Gewissen*“ geschaffen:
-eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung *nicht* den Wert der
-Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und
-Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.
-
-Die heilige Lüge hat also 1. einen *strafenden* und *belohnenden Gott*
-erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie
-als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; -- 2.
-ein *Jenseits des Lebens*, in dem die große Strafmaschine erst wirksam
-gedacht wird, -- zu diesem Zwecke die *Unsterblichkeit der Seele*; --
-3. das *Gewissen* im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und
-Böse feststeht, -- daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität
-mit der priesterlichen Vorschrift anrät; -- 4. die *Moral* als
-*Leugnung* alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens
-auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die
-Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt,
-als ~creator~ von allem Wechsel; -- 5. die *Wahrheit* als gegeben,
-als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als
-Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben.
-
-~In summa~: womit ist die moralische *Besserung* bezahlt? -- Aushängung
-der *Vernunft*, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe
-und Lohn); *Abhängigkeit* von einer priesterlichen Vormundschaft, von
-einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen
-Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein
-falsches *Wissen* an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie
-als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, --
-eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; --
-~in summa~: die ärgste *Verstümmelung* des Menschen, die man sich
-vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“.
-
-~In praxi~ ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit,
-Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons
-ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße *Mechanik* reduziert: die
-Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel,
--- *das Leben hat keine Probleme mehr*; -- die ganze Weltkonzeption
-ist beschmutzt mit der *Strafidee*; -- das Leben selbst ist, mit
-Hinsicht darauf, das *priesterliche* Leben als das ~non plus ultra~ der
-Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des
-Lebens umgedacht; -- der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben,
-eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; -- die Wahrheit
-ist umgedacht als die *priesterliche Lüge*, das Streben nach Wahrheit
-als *Studium der Schrift*, als Mittel, *Theolog zu werden*....
-
-
-217.
-
-Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem,
-dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es
-von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür
-haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen,
-müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre
-Schauspielerklugheit muß vor allem *das gute Gewissen* bei ihnen
-erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.
-
-
-218.
-
-Der Priester will durchsetzen, daß er als *höchster Typus* des Menschen
-gilt, daß er herrscht, -- auch noch über die, welche die *Macht* in den
-Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar --, daß er die
-*stärkste Macht* in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu
-unterschätzen.
-
-*Mittel*: er allein ist der *Wissende*; er allein ist der
-*Tugendhafte*; er allein hat die höchste *Herrschaft über sich*;
-er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die
-Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den
-*andern*; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider
-einen Priester gerichtet.
-
-*Mittel*: die *Wahrheit* existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu
-erlangen, Priester werden. Alles, was *gut* ist, in der Ordnung, in der
-Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück.
-Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung
-der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle des *Guten*, als den
-Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist *rang*verschieden
-von der des Priesters, zum Beispiel die des *Kriegers*.
-
-*Konsequenz*: wenn der Priester der *höchste* Typus sein soll, so muß
-die *Gradation* zu seinen *Tugenden* die Wertgradation der Menschen
-ausmachen. Das *Studium*, die *Entsinnlichung*, das *Nichtaktive*,
-das *Impassible*, *Affektlose*, das *Feierliche*; -- Gegensatz: die
-*tiefste* Gattung Mensch.
-
-Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als *höchster
-Typus* empfunden zu werden. Er konzipiert einen *Gegensatz*typus: den
-Tschandala. *Diesen* mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die
-*Folie* ab für die Kastenordnung. -- Die extreme Angst des Priesters
-vor der *Sinnlichkeit* ist zugleich bedingt durch die *Einsicht*,
-daß hier die *Kastenordnung* (das heißt die *Ordnung* überhaupt) am
-schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in ~puncto puncti~
-wirft die Ehegesetzgebung *über den Haufen* --
-
-
-219.
-
-*Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.* -- Das ganze Buch ruht auf
-der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses
-ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die
-*Interessiertheit* jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder
-nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern --
-woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern
-genommen?
-
-Wir finden eine Art Mensch, die *priesterliche*, die sich als Norm,
-als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus
-nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit,
-sie *will* sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der
-*Wille zur Macht*....
-
-Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von
-Begriffen, welche in der Priesterschaft ein ~non plus ultra~ von Macht
-ansetzen. Die Macht durch die Lüge -- in Einsicht darüber, daß man sie
-nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der
-Macht, -- ein neuer Begriff der „Wahrheit“.
-
-Man irrt sich, wenn man hier *unbewußte* und *naive* Entwicklung
-voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die
-Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat
-die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit,
-wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. --
-„Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ -- über diese
-Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.
-
-Wir haben das klassische Muster als spezifisch *arisch*: wir dürfen
-also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich
-machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man
-hat das nachgemacht, überall beinahe: der *arische Einfluß* hat alle
-Welt verdorben....
-
-
-220.
-
-Der *Philosoph* als Weiterentwicklung des *priesterlichen* Typus: --
-hat dessen Erbschaft im Leibe; -- ist, selbst noch als Rival, genötigt,
-um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner
-Zeit; -- er aspiriert zur *höchsten Autorität*.
-
-Was gibt *Autorität*, wenn man nicht die physische Macht in den Händen
-hat (keine Heere, keine *Waffen* überhaupt....)? Wie gewinnt man
-namentlich die Autorität *über die*, welche die physische Gewalt und
-die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem
-Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)
-
-Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in
-den Händen zu haben, -- *Gott* --. Es ist nichts stark genug: man hat
-die Vermittlung und die Dienste der Priester *nötig*. Sie stellen sich
-als unentbehrlich *dazwischen*: -- sie haben als Existenzbedingung
-nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß *an ihren
-Gott* geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge
-zu Gott gibt. Die *zweite* Forderung allein schafft den Begriff der
-„Heterodoxie“; die *erste* den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an
-einen *andern* Gott glaubt --).
-
-
-2. Christentum.
-
-
-221.
-
--- Die *Kirche* ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat -- und
-wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte --
-
-
-222.
-
-Man soll das Christentum als *historische Realität* nicht mit jener
-einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die
-*andern* Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger
-gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde
-und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und
-„christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen.
-Was hat Christus *verneint*? -- Alles, was heute christlich heißt.
-
-
-223.
-
-Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden *soll*, die
-ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das
-Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben
-hat.
-
-Das gerade, was im *kirchlichen* Sinn das Christliche ist, ist das
-*Antichristliche* von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der
-Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln,
-Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die
-vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche,
-Theologie.
-
-Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis
-des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....
-
-
-224.
-
-Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und
-findet die Mittel *nicht* in der Observanz der jüdischen Kirche --;
-er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu
-erhalten) für nichts; er ist rein *innerlich*. --
-
-Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln
-im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und
-Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als
-„vergöttlicht“ zu fühlen -- und wie man nicht mit Buße und
-Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „*es liegt nichts an
-Sünde*“ ist sein Haupturteil.
-
-Sünde, Buße, Vergebung, -- das gehört alles nicht hierher.... das ist
-ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.
-
-
-225.
-
-Das *Himmelreich* ist ein Zustand des Herzens (-- von den Kindern wird
-gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“
-ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht
-nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher
-nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das
-jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...
-
-
-226.
-
-Der *Schächer am Kreuz*: -- wenn der Verbrecher selbst, der einen
-schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte,
-ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist
-es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit *ist er im
-Paradiese*....
-
-
-227.
-
-Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem
-göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe
-Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was
-er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade
-*die* verewigen wollen?
-
-Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er
-verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung:
-wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!
-
-
-228.
-
-Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt:
-es ist alles damit verdorben.
-
-Insgleichen ist die *Praxis* der ersten *~ecclesia militans~*, des
-Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise
-als *geboten*, als *voraus* festgesetzt dargestellt....
-
-Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen *Lebens* und
-*Lehrens* der ersten Christen: wie als ob alles *so vorgeschrieben*
-.... bloß *befolgt* wäre....
-
-Nun gar die *Erfüllung* der *Weissagungen*: was ist da alles gefälscht
-und zurecht gemacht worden!
-
-
-229.
-
-Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den
-Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode -- das sind alles
-Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen
-unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.
-
-Das *vorbildliche Leben* besteht in der Liebe und Demut; in der
-Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in
-der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf
-Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben
-an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in
-der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung;
-nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die
-geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem
-Willen zum armen und dienenden Leben.
-
-Nachdem die Kirche die *ganze christliche Praxis* sich hatte nehmen
-lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches
-Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den
-Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den *Glauben* an
-unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen
-usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ -- alles
-ganz unbeträchtlich und fast *ausgeschlossen* vom ersten Christentum
--- kommt jetzt in den Vordergrund.
-
-Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und
-Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die
-Rangordnung usw.
-
-
-230.
-
-Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten
-umgesetzt:
-
-1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als
-„Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;
-
-2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der
-Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;
-
-3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach
-hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“;
-
-4. die „Auferstehung --“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als
-„wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann
-nach dem Tode eintritt;
-
-5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das
-Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person
-der Gottheit“ -- gerade das *weggeschafft*: das Sohnverhältnis jedes
-Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;
-
-6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg
-zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte *Praxis des
-Lebens*) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare
-*Abzahlung* der *Sünde* zu glauben habe, welche nicht durch den
-Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:
-
-Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an
-sich durchaus *nicht* die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr,
-wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe
--- *nicht sich wehren*.... *Darin lag das Vorbild.*
-
-
-231.
-
-Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu
-verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine
-Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er
-ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre
-möglich, *erstens*, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was
-sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für
-das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch
-einen Verdacht dagegen.... Es wäre *zweitens* möglich, daß, was dem
-Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden
-dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche
-usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße
-Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die
-Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs;
-aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann
-dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, -- am
-Anfang... Man denke, mit welcher *Freiheit* Paulus das Personalproblem
-Jesus behandelt, beinahe eskamotiert -- jemand, der gestorben ist, den
-man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum
-Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht *er*
-dann dazu....
-
-
-232.
-
-Ein Religionsstifter *kann* unbedeutend sein, -- ein Streichholz,
-nichts *mehr*!
-
-
-233.
-
-Wie eine *Ja-sagende* arische Religion, die Ausgeburt der
-*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die
-Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in
-der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)
-
-Wie eine *Ja-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der
-*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das
-alte Testament in den älteren Teilen. (Der *Muhammedanismus*,
-als eine Religion für *Männer*, hat eine tiefe Verachtung für
-die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer
-Weibsreligion, als welche er sie fühlt --.)
-
-Wie eine *Nein-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der
-*unterdrückten* Klasse, aussieht: das Neue Testament (-- nach
-indisch-arischen Begriffen: eine *Tschandala-Religion*).
-
-Wie eine *Nein-sagende* arische Religion aussieht, gewachsen unter den
-*herrschenden* Ständen: der Buddhismus.
-
-Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion *unterdrückter*
-arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse
-ist obenauf oder geht zugrunde.
-
-
-234.
-
-*Heidnisch -- christlich*. -- *Heidnisch* ist das Jasagen zum
-Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“.
-*Christlich* ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl
-im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.
-
-„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich
-mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber
-zuletzt auch der *christliche* ~status~ bloß ein Naturzustand sein muß,
-sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „*christlich*“
-eine zum Prinzip erhobene *Falschmünzerei der psychologischen
-Interpretation*....
-
-
-235.
-
-Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der
-Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als
-die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum
-Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der
-geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das
-Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art
-Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der
-Wiedergeburt, Unsterblichkeit.
-
-
-236.
-
-*Buddha gegen den „Gekreuzigten“.* -- Innerhalb der nihilistischen
-Religionen darf man immer noch die *christliche* und die
-*buddhistische* scharf auseinanderhalten. Die *buddhistische* drückt
-einen *schönen Abend* aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, -- es
-ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was
-fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe
-geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist
-hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine
-geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (-- Herkunft aus den obersten
-Kasten --.)
-
-Die *christliche* Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls-
-und Ausschußelementen aller Art: sie drückt *nicht* den Niedergang
-einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich
-zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist
-deshalb *nicht* national, *nicht* rassebedingt: sie wendet sich an die
-Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles
-Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein *Symbol*, welches den
-Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im
-Gegensatz auch zu aller *geistigen* Bewegung, zu aller Philosophie: sie
-nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist
-aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie
-errät in ihnen das *Wohlgeratene*, das *Herrschaftliche*.
-
-
-237.
-
-Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was
-Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ -- nur insofern wird
-*gewarnt* vor dem Bösen. Denn Handeln -- das hat keinen Sinn, Handeln
-hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im
-Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren
-Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und
-*deshalb* perhorreszieren sie *alle* Antriebe seitens der Affekte. Zum
-Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! -- Der Hedonismus
-der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten
-ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr
-seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des
-religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das
-Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind
-es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus
-ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen
-Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber *unterhalb
-aller Kultur* wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht....
-Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und
-Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral
-ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter
-der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß *zeitweilig*
-nötig hat, bloß als *Mittel*, -- nämlich, um von *allem* Handeln
-loszukommen.
-
-
-238.
-
-Eine *nihilistische* Religion wie das Christentum, einem
-greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke
-entsprungen und gemäß -- Schritt für Schritt in andre Milieus
-übertragen, endlich in die jungen, *noch gar nicht gelebt habenden*
-Völker eintretend -- *sehr seltsam*! Eine Schluß-, Hirten-,
-Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles
-erst germanisiert, barbarisiert werden! *Solchen*, die ein *Walhall*
-geträumt hatten -- : die alles Glück im Kriege fanden! -- Eine
-*über*nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo *noch nicht
-einmal* Nationen da waren --.
-
-
-239.
-
-Diese *nihilistische* Religion sucht sich die ~décadence~-*Elemente*
-und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:
-
-a) die Partei der *Schwachen* und *Mißratenen* (den Ausschuß der
-antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);
-
-b) die Partei der *Vermoralisierten* und *Antiheidnischen*;
-
-c) die Partei der *Politisch-Ermüdeten* und Indifferenten (blasierte
-Römer....), der *Entnationalisierten*, denen eine Leere geblieben war;
-
-d) die Partei derer, die sich satt haben, -- die gern an einer
-*unterirdischen* Verschwörung mitarbeiten --
-
-
-240.
-
-~A.~ In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint,
-ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....
-
-~B.~ In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich,
-wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem *morbiden* Charakter
-ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht....
-sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren -- die
-~décadents~ aller Art --
-
-Man hat hier zwischen ~A~ und ~B~ streng zu scheiden. Im *Fall* ~A~
-ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (--
-es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um
-die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im *Fall* ~B~ ist es ein Symptom
-der Krankheit selbst, *vermehrt* die ~décadence~; hier wirkt es einem
-*korroborierenden* System der Behandlung entgegen, hier ist es der
-Krankeninstinkt *gegen* das, was ihm heilsam ist --
-
-
-241.
-
-Das *christlich-jüdische Leben*: hier überwog *nicht* das Ressentiment.
-Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt
-herausgetrieben haben -- sowohl die *Glut* der *Liebe*, als die des
-*Hasses*.
-
-Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann
-wird man *aggressiv*; man verdankt den Sieg des Christentums seinen
-Verfolgern.
-
-Die *Asketik* im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer
-mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort,
-wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.
-
-Das *hypochondrische* Christentum, die Gewissenstierquälerei und
--folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem
-christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum
-selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich
-aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich
-gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben *das* ist sein Wesen:
-Christentum ist ein Typus der ~décadence~.
-
-
-242.
-
-Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war
-die kleine *jüdische Familie* der Diaspora, mit ihrer Wärme und
-Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten
-und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen
-füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz
-der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid
-zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat.
-*Das als Macht erkannt zu haben*, diesen *seligen* Zustand als
-mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu
-haben -- ist das *Genie* des Paulus: den Schatz von latenter Energie,
-von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren
-Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der
-*Gemeindeselbsterhaltung* unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische
-Propaganda -- das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das
-war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art *kleiner
-Leute*: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer
-Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend
-ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art
-Mensch“).
-
-Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der *Liebe* her:
-es ist eine *leidenschaftlichere* Seele, die hier unter der Asche
-von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch
-indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches
-Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches
-Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum
-etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist
-es eine *Erhöhung der Temperatur der Seele* bei jenen kälteren und
-vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung,
-daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine
-Temperaturerhöhung....
-
-Es versteht sich, daß eine solche Übertragung *nicht* stattfinden
-konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen
-hatten die schlechten Manieren gegen sich, -- und was Stärke und
-Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend
-und beinahe ekelerregend (-- ich *sehe* diese schlechten Manieren,
-wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und
-Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um
-das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas
-*klassischen Geschmack* im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht
-(vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht
-ehrlich und gründlich etwas von ~foeda superstitio~ empfindet, etwas,
-wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der
-weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe
---
-
-
-243.
-
-*Reaktion der kleinen Leute*: -- Das höchste Gefühl der Macht gibt die
-Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern
-eine Art Mensch redet.
-
-„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott
-liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle
-Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und
-Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; -- aus Liebe tut man
-nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend
-täte.
-
-Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und
-Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als *Summe des Lebensgefühls*
-empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das
-Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude
-unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als
-Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.
-
-Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine *Alteration der
-Persönlichkeit* erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man
-muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken,
-eine fremde Rede, ein „Evangelium“, -- diese Neuheit war es, welche
-ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen -- : er meinte, daß Gott
-vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. -- „Gott kommt zu den
-Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern
-an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). *Jesus ist der Nächste*, so
-wie dieser zur Gottheit, zur *Machtgefühl erregenden* Ursache umgedacht
-wurde.
-
-
-244.
-
-Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang
-zum Glück offen steht, -- daß man nichts zu tun hat, als sich von
-der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände
-loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts
-weiter, als die *typische Sozialistenlehre*.
-
-Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei,
-Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele
-Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke,
-denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die
-Sozialistenlehre.
-
-Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten
-Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel
-Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen
-könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu
-menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes
-Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt
-Revolutionen, sondern daß das Volk ~en mangeant~ Appetit bekommen
-hat....)
-
-
-245.
-
-Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche
-Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die
-großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt,
-womöglich gar als *Maß des Menschen*.
-
-*Bacon von Verulam* sagt: ~Infimarum virtutum apud vulgus laus est,
-mediarum admiratio, supremarum sensus nullus.~ Das Christentum aber
-gehört, als Religion, zum ~vulgus~; es hat für die höchste Gattung
-~virtus~ keinen Sinn.
-
-
-246.
-
-Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem
-Apostel Paulus, daß sie den *kleinen Leuten so viel in den Kopf
-gesetzt haben*, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen
-Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die
-wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht,
-sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen
-Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die *tapfern*, *großmütigen*,
-*verwegenen*, *exzessiven* Neigungen der starken Seele irregeleitet,
-bis zur Selbstzerstörung....
-
-
-247.
-
-Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei
-Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;
-
-sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester
--- und dann sofort den Tschandala....
-
-Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des
-Tschandala: der Ursprung des *Christentums*.
-
-Damit, daß sie den *Krieger* nur als ihren Herrn kannten, brachten
-sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den *Vornehmen*, gegen den
-Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die *herrschenden* Stände -- :
-sie sind *Entrüstungs*pessimisten....
-
-Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der
-Spitze der Tschandalas, -- gegen die *vornehmen Stände*....
-
-Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im
-jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten,
-den Vornehmen -- *es strich den Priester aus* --
-
-Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala,
-der sich selbst erlöst....
-
-Deshalb ist die *französische* Revolution die Tochter und Fortsetzerin
-des *Christentums*.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die
-Vornehmen, gegen die letzten Privilegien -- --
-
-
-248.
-
-*Die tiefe Verachtung*, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen
-antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die
-Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien
-und selbstbewußten Stände gegen die, *welche sich durchdrücken* und
-schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl
-verbinden.
-
-Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich *unvornehmen* Art
-Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja *allen* Wert zu haben, hat
-in der Tat etwas Empörendes, -- auch heute noch.
-
-
-249.
-
-Das ursprüngliche Christentum ist *Abolition des Staates*: es verbietet
-den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung
-und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen
-Volksgenossen und Fremden; insgleichen die *Stände*ordnung.
-
-Das *Vorbild Christi*: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun;
-er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf
-die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr
-sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den
-Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen;
-er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.
-
-Das Christentum ist auch *Abolition der Gesellschaft*: es bevorzugt
-alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und
-Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“,
-den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht
-die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die
-„Korrekten“....
-
-
-250.
-
-*Zur Geschichte des Christentums.* -- Fortwährende Veränderung des
-Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr
-*Schwergewicht*.... Die Begünstigung der *Niederen* und *kleinen
-Leute*.... Die Entwicklung der ~caritas~.... Der Typus „Christ“ nimmt
-schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (*in
-dessen Negation er bestand* --). Der Christ wird Bürger, Soldat,
-Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester,
-Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er
-nimmt alle *Tätigkeiten* wieder auf, die er abgeschworen hat (-- die
-Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören,
-das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das
-Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben,
-*von dem Christus die Loslösung predigte*...
-
-Die *Kirche* gehört so gut zum *Triumph* des Antichristlichen, wie
-der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die
-Barbarisierung des Christentums.
-
-
-251.
-
-Das Christentum ist möglich als *privateste* Daseinsform; es setzt eine
-enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, -- es
-gehört ins Konventikel. Ein „christlicher *Staat*“, eine „christliche
-Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine
-christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als
-Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande
-gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren
-Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger
-Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.
-
-
-252.
-
-*Wann auch die „Herren“ Christen werden können.* -- Es liegt in dem
-Instinkt einer *Gemeinschaft* (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die
-Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als *an
-sich wertvoll* zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit,
-Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, -- somit alles, was denselben im Wege
-steht oder widerspricht, *herabzudrücken*.
-
-Es liegt insgleichen in dem Instinkt der *Herrschenden* (seien
-es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die
-Unterworfenen *handlich* und *ergeben* sind, zu patronisieren und
-auszuzeichnen (-- Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie
-möglich sein können).
-
-Der *Herdeninstinkt* und der *Instinkt* der *Herrschenden* kommen im
-Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen *überein*,
--- aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem
-Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.
-
-*Die Unterwerfung der Herrenrassen* unter das Christentum ist
-wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine
-*Herdenreligion* ist, daß es *Gehorsam* lehrt: kurz, daß man Christen
-leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch
-heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.
-
-Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am
-stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das
-Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, *wobei
-sie sich riskieren*, wobei aber ein ~non plus ultra~ von Machtgefühl
-erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der
-heroischen Instinkte ihrer Brüder: -- das Christentum erscheint da
-als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine
-Donquixoterie des Heroismus....
-
-
-253.
-
-Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was
-sein Stifter tat und wollte. Es ist die große *antiheidnische Bewegung*
-des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“
-des Stifters des Christentums, aber in einer absolut *willkürlichen*
-Interpretation nach dem Schema *grundverschiedener Bedürfnisse*:
-übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden *unterirdischen
-Religionen* --
-
-Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (-- während Jesus den Frieden
-und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der
-Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.
-
-Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack;
-die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme
-Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische
-Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das
-griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der
-*Römer* ebensosehr als der *Grieche*.
-
-Versuch des *Antiheidentums*, sich philosophisch zu begründen und
-möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten
-Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von
-Instinkt.... Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk
-von Semiten ist (-- die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als
-Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität
--- das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in
-griechische Windeln und Begriffe gewickelt).
-
-
-254.
-
-Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle
-Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit
-dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen
-zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens
-Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf
-Richtertum in solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte
-Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen
-(Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie
-keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker
-*wissen*!
-
-
-255.
-
-Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden
-dagewesen ist: -- wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern
-anfangen, die Worte „Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“,
-„Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich
-damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die
-*Werte nach sich umzudrehen*, wie als ob *sie* der Sinn, das Salz,
-das Maß und *Gewicht* vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen
-Irrenhäuser bauen und nichts weiter tun. Daß man sie *verfolgte*, das
-war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst,
-damit machte man aus ihnen einen Ernst.
-
-Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte
-Art von Größenwahn *in der Welt war*, der *jüdische* (-- nachdem einmal
-die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen,
-*mußten* die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche
-der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten
-Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden --); andererseits dadurch,
-daß die griechische Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen
-*Moralfanatismus* selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten
-und schmackhaft zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der
-Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte,
-der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff „*gut*“
-entwertet hatte, der bereits *jüdisch-angemuckert* war (-- in Ägypten?).
-
-
-256.
-
-Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir
-werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen!
-Es ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel
-bei manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem
-Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei
-den Höchsten -- diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht
-sich, daß Demütigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht
-vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten
-(wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung
-eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der
-Gefühlseffusion -- alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt
-die *Reizbarkeit* eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und
-ihre Inspiration wird anders *interpretiert*. Der *Geschmack* dieser
-Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige,
-3. auf die extremen Gefühle. -- Die natürlichen Hänge befriedigen sich
-*doch*, aber unter einer neuen Form der Interpretation, zum Beispiel
-als „Rechtfertigung vor Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (-- jedes
-unabweisbare *Wohlgefühl* wird interpretiert! --), der Stolz, die
-Wollust usw. -- Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der
-sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert?
-Tatsächlich erweist sich der Christ als eine *übertreibende* Form der
-Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nötig zu
-haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.
-
-
-257.
-
-Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich:
-unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes
-Dasein, eine Strafexistenz.... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der
-Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt,
-als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man
-Heilmittel braucht -- und *hat*!....
-
-Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen
-Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams
-hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der
-natürliche Charakter des Lebens ist ein *Fluch*; Christus gibt dem,
-der an ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich,
-müßig und unschuldig. -- Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar
-zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder,
-die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier
-so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom *Tode* und
-von der *Sünde* befreit ist -- Behauptungen, die keine Kontrolle
-zulassen --, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist
-frei von Sünde“ -- nicht durch sein Tun, nicht durch einen rigorosen
-Kampf seinerseits, sondern durch die *Tat der Erlösung freigekauft* --
-folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch....
-
-Das *wahre* Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein
-Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz
-und Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm *erlöst*
-werden ist die Aufgabe.
-
-„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ -- diese
-Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren.
-Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (*und*,
-christlich geredet, die *Erkenntnis*....) *wider* die höchste
-Wünschbarkeit? -- Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“,
-„Unschuld“, „Unsterblichkeit“ -- -- --
-
-
-258.
-
-Krieg gegen das *christliche Ideal*, gegen die Lehre von der
-„Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie
-der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.
-
-Wann und wo hat je ein Mensch, *der in Betracht kommt*, jenem
-christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie
-sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! -- man blättere alle
-Helden Plutarchs durch.
-
-
-259.
-
-Der *höhere* Mensch unterscheidet sich von dem *niederen* in Hinsicht
-auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist
-ein Zeichen von *Rückgang*, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste
-zu gelten anfangen (-- physiologische Ermüdung, Willensverarmung
---). Das Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine
-typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine
-volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche
-Muckerheil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.
-
-
-260.
-
-Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der *Vergleichung*, wir
-können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das
-Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir
-leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre
-instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir
-haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei
-schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle
-Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los....
-
-„Alles ist gut“ -- es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn
-wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im
-Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi -- --
-
-
-261.
-
-Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der
-Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil
-der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das
-heute noch.
-
-Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und
-Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die
-Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht
-hat?
-
-
-262.
-
-Der Humor der europäischen Kultur: man hält *das* für wahr, aber tut
-*jenes*. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik,
-wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so
-gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!
-
-
-263.
-
-*Nachzudenken*: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die
-*göttliche Providenz* -- dieser für Hand und Vernunft *lähmendste*
-Glaube, den es gegeben hat -- fortbesteht; inwiefern unter den Formeln
-„Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem
-Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend,
-von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und
-Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde *Vertrauen* zum Gang
-der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische
-*Resignation*, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht
-zu tun, damit *alles* gut gehe -- dergleichen hat nur Sinn unter der
-Annahme einer Leitung der Dinge ~sub specie boni~. Selbst noch der
-*Fatalismus*, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität,
-ist eine Folge jenes *längsten* Glaubens an göttliche Fügung, eine
-unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf *uns* ankomme, wie
-alles geht (-- als ob wir es laufen lassen *dürften*, wie es läuft:
-jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität --).
-
-
-264.
-
-Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter
-*Nihilismus der Tat*. -- So wie ich alle die Phänomene des
-Christentums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind
-reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese
-Sprache der „Vernunft“ wäre in diesem Falle auch die Sprache der
-*selektiven Natur*.
-
-Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die
-zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des
-*Christentums*: deutlicher, der *Kirche*: welche, statt zum Tode und
-zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt
-und sich selbst fortpflanzen macht --
-
-Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen
-kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit
-wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und
-übt (-- und *nicht* das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf
-eine falsche Postexistenz --)?
-
-Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den
-*Wert* einer solchen *reinigenden* großen Nihilismusbewegung, wie
-sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen
-Privatperson entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf
-Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der *Tat des
-Nihilismus*, dem Selbstmord ... Es substituierte den langsamen
-Selbstmord; allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben;
-allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben
-usw.
-
-
-265.
-
-Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen
-wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies
-am Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade
-die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich
-nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden
-zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum
-erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein
-und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von
-christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns
-nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden
-nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen
-wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung,
-mit seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und
-Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet -- und die Stärksten haben
-müde Stunden --, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am
-nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit,
-Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung,
-Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen
-Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als
-ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte
-Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der
-stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren
-und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu
-für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die höchste
-Wünschbarkeit abgebe. *Diese* Aufrichtung eines Ideals war bisher die
-unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit
-ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch,
-in denen der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus Mensch
-einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit seinen Werten sollte
-das Wachstum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden,
-welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig
-auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung
-der Unternehmerkosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des
-Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum bekämpfen? Daß
-es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Mut entmutigen, ihre
-schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in
-Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte
-giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille
-zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, -- bis die Starken
-an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung
-zugrunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren
-berühmtestes Beispiel *Pascal* abgibt.
-
-
-266.
-
-Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines
-der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen
-geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom *persönlichen Gott*,
-noch von der *Sünde*, noch von der *Unsterblichkeit*, noch von der
-*Erlösung*, noch vom *Glauben*; es hat schlechterdings keine Metaphysik
-nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche
-„Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine *Praxis*, keine
-Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben
-sollen.
-
-Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht
-um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in
-Anspruch genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst
-stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden
-erhalten als Leiden“ -- der wäre Christ.
-
-
-267.
-
-Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen
-Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile
-sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das
-erhabenste Symbol -- immer noch. --
-
-
-
-
-Drittes Buch.
-
-Prinzip einer neuen Wertsetzung.
-
-
-I. Die neue Deutung der Welt.
-
-
-268.
-
-*Wahrheit ist die Art von Irrtum*, ohne welche eine bestimmte Art
-von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das *Leben*
-entscheidet zuletzt.
-
-
-269.
-
-Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.
-
-
-270.
-
-Der Glaube „so und so *ist* es“ zu verwandeln in den Willen „so und so
-*soll es werden*“.
-
-
-271.
-
-Die Frage der Werte ist *fundamentaler* als die Frage der Gewißheit:
-letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die
-Wertfrage beantwortet ist.
-
-Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein „Sein an
-sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur für Grade der
-Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des *Anteils*, den wir einem
-Schein geben.
-
-Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und
-Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: -- *vernichtet* wird
-die überwundene Vorstellung *nicht*, nur *zurückgedrängt* oder
-*subordiniert*. *Es gibt im Geistigen keine Vernichtung*....
-
-
-272.
-
-Die *Wertschätzung*, „ich glaube, daß das und das so ist“ als *Wesen*
-der „*Wahrheit*“. In den Wertschätzungen drücken sich *Erhaltungs-*
-und *Wachstumsbedingungen* aus. Alle unsre *Erkenntnisorgane
-und Sinne* sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und
-Wachstumsbedingungen. Das *Vertrauen* zur Vernunft und ihren
-Kategorien, zur Dialektik, also die *Wertschätzung* der Logik, beweist
-nur die durch Erfahrung bewiesene *Nützlichkeit* derselben für das
-Leben: *nicht* deren „Wahrheit“.
-
-Daß eine Menge *Glauben* da sein muß; daß *geurteilt* werden darf; daß
-der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werte *fehlt*: -- das ist
-Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für
-wahr gehalten werden *muß*, ist notwendig, -- *nicht*, daß etwas wahr
-ist.
-
-„Die *wahre* und die *scheinbare* Welt“ -- dieser Gegensatz wird
-von mir zurückgeführt auf *Wertverhältnisse*. Wir haben *unsere*
-Erhaltungsbedingungen projiziert als *Prädikate des Seins* überhaupt.
-Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus
-haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende,
-sondern eine *seiende* ist.
-
-
-273.
-
-„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig
-einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen
-nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der
-eine älter, tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar,
-insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte;
-während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen
-tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und
-„widerlegt“ werden können.
-
-Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, -- warum sollte sie deshalb schon
-„*wahr*“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche *ihre*
-Grenzen als Grenzen der *Dinge* ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus
-habe ich schon lange den Krieg erklärt.
-
-
-274.
-
-Das *Feststellen* zwischen „wahr“ und „unwahr“, das *Feststellen*
-überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen
-*Setzen*, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, *Wollen*, wie es im
-Wesen der *Philosophie* liegt. *Einen Sinn hineinlegen* -- diese
-Aufgabe bleibt unbedingt immer noch *übrig*, gesetzt, daß *kein Sinn
-darin liegt*. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen:
-sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu *verschiedenen
-Zielen fähig*.
-
-Die noch höhere Stufe ist ein *Ziel setzen* und daraufhin das
-Tatsächliche einformen: also die *Ausdeutung der Tat*, und nicht bloß
-die begriffliche *Umdichtung*.
-
-
-275.
-
-Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein,
-noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar
-sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um
-eine bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen
-*Richtigkeit*, vor allem *Regelmäßigkeit* ihrer Wahrnehmungen (so daß
-sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht....
-
-Die Erkenntnis arbeitet als *Werkzeug* der Macht. So liegt es auf der
-Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht....
-
-Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der
-Begriff streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen.
-Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht,
-muß sie in ihrer Konzeption der Realität so viel Berechenbares und
-Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens
-konstruiert werden kann. *Die Nützlichkeit der Erhaltung* -- *nicht*
-irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden
--- steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnisorgane....,
-sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten.
-Anders: das *Maß* des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens
-des *Willens zur Macht* der Art: eine Art ergreift so viel Realität,
-*um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen*.
-
-
-276.
-
-Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es
-gibt nur *Tatsachen*“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt
-es nicht, nur *Interpretationen*. Wir können kein Faktum „an sich“
-feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.
-
-„Es ist alles *subjektiv*“, sagt ihr: aber schon das ist *Auslegung*.
-Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes,
-Dahintergestecktes. -- Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch
-hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.
-
-Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt
-erkennbar: aber sie ist anders *deutbar*, sie hat keinen Sinn hinter
-sich, sondern unzählige Sinne. -- „Perspektivismus“.
-
-Unsere Bedürfnisse sind es, *die die Welt auslegen*; unsere Triebe und
-deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat
-seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen
-möchte.
-
-
-277.
-
-Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ -- Erkenntnistheorie: wie viel
-Pessimismus ist darin!
-
-
-278.
-
- „Zweck und Mittel“ } als Ausdeutungen (*nicht* als
- „Ursache und Wirkung“ } Tatbestand) und inwiefern
- „Subjekt und Objekt“ } vielleicht *notwendige* Ausdeutungen?
- „Tun und Leiden“ } (als „erhaltende“)
- „Ding an sich und Erscheinung“ } -- alle im Sinne eines
- } Willens zur Macht.
-
-
-279.
-
-Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte,
-als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt
-uns, wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im
-Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung.
-
-
-280.
-
-Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen haben,
-welche jetzt noch nicht nötig sind.
-
-
-281.
-
-Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er
-selbst in sie hineingesteckt hat: -- das Wiederfinden heißt sich
-Wissenschaft, das Hineinstecken -- Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In
-beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren
-und guten Mut zu beidem haben -- die einen zum Wiederfinden, die andern
--- *wir* andern! -- zum Hineinstecken!
-
-
-282.
-
-„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht
-lügen“ abgewiesen ist, sich *vor* einem andern Forum legitimieren: --
-als Mittel der Erhaltung von Mensch, als *Machtwille*.
-
-Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der *gestaltende Wille*.
-Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das
-Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem
-Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten -- eine
-Urlust! Wir können nur eine Welt *begreifen*, die wir selber *gemacht*
-haben.
-
-
-283.
-
-Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren
-fühlen --
-
-
-284.
-
-Unsre Werte sind in die Dinge *hineininterpretiert*.
-
-Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?
-
-Ist nicht notwendig Sinn eben *Beziehungs*sinn und Perspektive?
-
-Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm
-auflösen).
-
-
-285.
-
-Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles
-Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht
-Herr werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust
-als Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden
-Oszillationen des Ja und des Nein? -- Aber *wer* fühlt Lust?....
-Aber *wer* will Macht?.... Absurde Frage! wenn das Wesen selbst
-Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf
-der Gegensätze, der Widerstände, also, relativ, der *übergreifenden
-Einheiten*....
-
-
-286.
-
-1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den
-Willen zur Macht, -- und aus ihm abgespaltet.
-
-2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach
-Eigentum, nach *Werkzeugen*, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern:
-der Leib als Beispiel. -- Der stärkere Wille dirigiert den schwächeren.
-Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille.
-Mechanistisch nicht erklärt.
-
-3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust
-anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch
-stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) -- so daß es
-dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. -- Wenn
-die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die
-Spannung des Bogens ungeheuer werden.
-
-4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw.
-
-
-287.
-
-Der Wille zur Macht kann sich nur *an Widerständen* äußern; er sucht
-also nach dem, was ihm widersteht, -- dies die ursprüngliche Tendenz
-des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet.
-Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen,
-ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den
-Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt
-hat. -- Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das
-Gebilde; und die *Zweiheit* erscheint als Folge des Willens zur Macht:
-um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht
-in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung
-untereinander völlig aufzugeben).
-
-„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach
-Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.
-
-
-288.
-
-Man kann das, was die Ursache dafür ist, *daß* es überhaupt Entwicklung
-gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege der Forschung über Entwicklung
-finden; man soll es nicht als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger
-als geworden.... Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.
-
-
-289.
-
-Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die *Absicht der
-Mehrung von Macht*.
-
-
-290.
-
-Was ist „passiv“? -- *Gehemmt* sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung:
-also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.
-
-Was ist „aktiv“? -- nach Macht ausgreifend.
-
-„Ernährung“ -- ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: alles in sich
-einschließen wollen.
-
-„Zeugung“ -- nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht
-ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein
-*Gegenwille* in Kraft, der die Loslösung vornimmt, ein neues
-Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit dem ursprünglichen Willen.
-
-„Lust“ -- als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).
-
-
-291.
-
-Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch mit dem Begriff
-„Wille“? Heißt es so viel als begehren? oder *kommandieren*? Ist es der
-„Wille“, von dem Schopenhauer meint, er sei das „An sich der Dinge“?
-
-Mein Satz ist: daß *Wille* der bisherigen Psychologie eine
-ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen *gar
-nicht gibt*, daß, statt die Ausgestaltung eines *bestimmten* Willens in
-viele Formen zu fassen, man den Charakter des Willens *weggestrichen*
-hat, indem man den Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat -- : das
-ist im höchsten Grade bei *Schopenhauer* der Fall: das ist ein bloßes
-leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich noch weniger um
-einen „Willen *zum Leben*“: denn das Leben ist bloß ein *Einzelfall*
-des Willens zur Macht; -- es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß
-alles danach strebe, in *diese* Form des Willens zur Macht überzutreten.
-
-
-II. Der Geist -- ein Machtwille.
-
-
-1. Wahrnehmung.
-
-
-292.
-
-Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen -- : und folglich
-gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich gibt es keine Wahrheit.
-
-
-293.
-
-Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist die Summe
-aller der Wahrnehmungen, deren *Bewußtwerden* uns und dem ganzen
-organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht
-alle Wahrnehmungen überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen);
-das heißt: wir haben *Sinne* nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen --
-solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. *Bewußtsein
-ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist.* Es ist kein Zweifel, daß
-alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit *Werturteilen*
-(nützlich und schädlich -- folglich angenehm oder unangenehm). Die
-einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl wir es
-uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben
-Farbe eingestehen, zum Beispiel Gefangene im Gefängnis oder Irre).
-Deshalb reagieren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige
-lieben diese, andere jene, zum Beispiel Ameisen.
-
-
-294.
-
-Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr
-ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren
-Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre
-Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt *aufzuhören*, wenn wir unsre
-Sinne *verfeinern*: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken
-von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des *Zwecks* ist schon eine
-Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um
-so *wertvoller*, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller *erscheint*
-die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere
-Wertschätzung, -- die *Bedeutungslosigkeit naht sich*! Wir haben die
-Welt, welche Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch,
-daß die Verehrung der Wahrheit schon die *Folge* einer *Illusion* ist
--- und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende,
-erdichtende Kraft zu schätzen hat.
-
-„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“
-
-Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur
-Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ ein: an sich ist
-es, *ich weiß nicht was*.
-
-
-295.
-
-Erst *Bilder* -- zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann
-*Worte*, angewendet auf Bilder. Endlich *Begriffe*, erst möglich,
-wenn es Worte gibt -- ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas
-Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen
-Emotion, welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher
-Bilder, für die ein Wort da ist -- diese schwache Emotion ist das
-Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß schwache Empfindungen
-als gleich angesetzt werden, als *dieselben* empfunden werden, ist
-die Grundtatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten
-Empfindungen in der *Konstatierung* dieser Empfindungen; -- wer
-aber konstatiert? Das *Glauben* ist das Uranfängliche schon in
-jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen *erste* intellektuelle
-Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären: wie ein
-„Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt für eine Sensation *hinter*
-„wahr“?
-
-
-296.
-
-Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. Die
-Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrtum vielleicht
-*Bedingung* der Beobachtung überhaupt.
-
-
-297.
-
-Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es
-„Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe -- und keinen *Phänomenalismus* in der
-*Selbstbeobachtung*.
-
-
-298.
-
-„Bewußtsein“ -- inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der
-vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (*das uns allein bekannte*)
-ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“ auch unsre *innere* Welt!
-
-
-299.
-
-*Der Phänomenalismus der „inneren Welt“.* Die *chronologische
-Umdrehung*, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt als die
-Wirkung. -- Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des
-Leibes projiziert wird, ohne dort seinen Sitz zu haben -- : wir haben
-gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch
-die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß
-die eigentliche Aktion der Außenwelt immer *unbewußt* verläuft..... Das
-Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung,
-die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren
-„Ursache“....
-
-In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren wir die Chronologie von
-Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist,
-daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist....
-Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: -- wir suchen den
-Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt
-zuerst der Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes
-Träumen ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ursachen:
-und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene
-Kausalitätskette ins Bewußtsein getreten ist.
-
-Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu einer Erregung der
-Nervenzentren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird -- und daß
-erst die gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist
-schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache, -- es ist ein
-Tasten auf Grund der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des
-Gedächtnisses. Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit der alten
-Interpretationen, das heißt der irrtümlichen Ursächlichkeit, -- so
-daß die „innere Erfahrung“ in sich noch die Folgen aller ehemaligen
-falschen Kausalfiktionen zu tragen hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie
-jeden Augenblick projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten
-Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des „Dings“
-usw.
-
-Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst nachdem sie eine
-Sprache gefunden hat, die das Individuum *versteht* -- das heißt
-eine Übersetzung eines Zustandes in ihm *bekanntere* Zustände -- :
-„verstehen“ das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in
-der Sprache von etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde
-mich schlecht“ -- ein solches Urteil setzt eine *große und späte
-Neutralität des Beobachtenden* voraus -- : der naive Mensch sagt immer:
-das und das macht, daß ich mich schlecht befinde, -- er wird über sein
-Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu
-befinden.... Das nenne ich den *Mangel an Philologie*; einen Text *als
-Text* ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen,
-ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“, -- vielleicht eine kaum
-mögliche....
-
-
-300.
-
-Das *Bewußtsein*, -- ganz äußerlich beginnend, als Koordination und
-Bewußtwerden der „Eindrücke“ -- anfänglich am weitesten entfernt vom
-biologischen Zentrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich
-vertieft, verinnerlicht, jenem Zentrum beständig annähert.
-
-
-301.
-
-Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich
-miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl ging zugrunde --
-und geht zugrunde.
-
-
-302.
-
-*Rolle des „Bewußtseins“.* -- Es ist wesentlich, daß man sich
-über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere
-*Relation mit der „Außenwelt“, welche es entwickelt hat*. Dagegen die
-*Direktion*, respektive die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf
-das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns *nicht* ins
-Bewußtsein; ebensowenig als die geistige *Einmagazinierung*: daß es
-dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art
-leitendes Komitee, wo die verschiedenen *Hauptbegierden* ihre Stimme
-und Macht geltend machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre
-her: der *Willensakt* insgleichen: die *Ideen* insgleichen.
-
-*~In summa~*: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen,
-die uns ganz und gar vorenthalten sind, -- die Aufeinanderfolge von
-Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß
-diese Folge eine kausale Folge ist: es ist aber *scheinbar so*, im
-höchsten Grade. Auf diese *Scheinbarkeit* hin haben wir unsere ganze
-Vorstellung von *Geist*, *Vernunft*, *Logik* usw. *gegründet* (-- das
-gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und
-diese wieder in die Dinge, *hinter* die Dinge projiziert!
-
-Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium
-und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein *Mittel* der
-*Mitteilbarkeit*: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht
-auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“ hier verstanden auch von den
-Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nötigen
-Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht
-die Leitung, sondern ein *Organ der Leitung*.
-
-
-303.
-
-Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: „innen“ und „außen“ --
-da kommandiert der *Leib* --?
-
-Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma
-waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere
-Sinneswahrnehmungen sind bereits das *Resultat* dieser *Anähnlichung*
-und *Gleichsetzung* in bezug auf *alle* Vergangenheit in uns; sie
-folgen nicht sofort auf den „Eindruck“ --
-
-
-304.
-
-In betreff des *Gedächtnisses* muß man umlernen: hier steckt die
-Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, welche zeitlos reproduziert,
-wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß
-es „kommt“, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie
-beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt
-werde: jetzt kommt etwas Ähnliches -- wer ruft es? weckt es?
-
-
-305.
-
-Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als *Vergleichen* hat als
-Voraussetzung ein „Gleich*setzen*“, noch früher ein „Gleich*machen*“.
-Das Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten
-Materie in die Amöbe ist.
-
-„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits
-*gebändigt* erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein
-Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv -- wer?
-
-
-306.
-
-Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die *Seele*:
-letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der
-Agonien des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die *Wahrheit*
-des *Traumes* --).
-
-
-307.
-
-Ausgangspunkt vom *Leibe* und der Physiologie: warum? -- Wir gewinnen
-die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekteinheit, nämlich
-als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder
-„Lebenskräfte“), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von
-den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung
-als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie
-fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum
-„Subjekt“ nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen
-und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen
-zum Leben gehört. Die gewisse *Unwissenheit*, in der der Regent
-gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des
-Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden
-kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das *Nichtwissen*,
-das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das
-Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher
-und seine Untertanen als *gleicher Art* verstehen, alle fühlend,
-wollend, denkend -- und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen
-oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares Leben
-hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie
-deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.
-
-Das direkte Befragen des Subjekts *über* das Subjekt und alle
-Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für
-seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich *falsch* zu
-interpretieren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugnis
-der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die
-Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.
-
-
-308.
-
-Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. Was aber
-wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch nur reduzierbar auf
-eins.
-
-
-309.
-
-Ich halte die Phänomenalität auch der *inneren* Welt fest: Alles,
-was uns *bewußt* wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht,
-vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, -- der *wirkliche* Vorgang der
-inneren „Wahrnehmung“, die *Kausalvereinigung* zwischen Gedanken,
-Gefühlen, Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut
-verborgen -- und vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare
-*innere* Welt“ ist mit ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt,
-wie die „äußere“ Welt. Wir stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust
-sind späte und abgeleitete Intellektphänomene....
-
-Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein
-unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik tut --
-das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. *Zwischen*
-zwei Gedanken spielen *noch alle möglichen Affekte* ihr Spiel: aber die
-Bewegungen sind zu rasch, deshalb *verkennen* wir sie, *leugnen* wir
-sie..
-
-„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, kommt gar
-nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch
-Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller
-übrigen, eine künftige Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung....
-
-Der „Geist“, *etwas, das denkt*: womöglich gar „der Geist absolut,
-rein, pur“ -- diese Konzeption ist eine abgeleitete zweite Folge
-der falschen Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist
-*erst* ein Akt imaginiert, der gar nicht vorkommt, „das Denken“, und
-*zweitens* ein Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses
-Denkens und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das heißt,
-*sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert*.
-
-
-310.
-
-Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen
-die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz
-zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff „*Substanz*“ ist
-vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das *Bewußtsein*, in
-zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu
-verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen --
-
-Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar
-den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte erraten, die
-sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns
-auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden,
-wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, und welche man den
-Nervenstrom nennt.
-
-Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, so daß wir
-eine *tausendfache Komplexität* noch als Einheit empfinden, so daß
-wir eine Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung
-und Veränderung uns unsichtbar bleibt, -- die Aufeinanderfolge von
-Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben
-im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer
-Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein
-liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung.
-
-
-311.
-
-Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer
-kompliziert: wir haben immer nur einen *Anschein von Einheit*.
-
-Das Phänomen des *Leibes* ist das reichere, deutlichere, faßbarere
-Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine
-letzte Bedeutung.
-
-
-312.
-
-Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer
-den *Geist* als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder
-Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der
-Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen
-Faktum die *Vorstellung* als Ursache davon präzedieren? --
-
-Wir werden uns hüten, die *Zweckmäßigkeit* durch den Geist zu
-erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu
-organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem
-hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt.
-Im Gesamtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt das
-Bewußtsein keine Rolle.
-
-
-313.
-
-Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das *Bewußtsein*, im Maße
-es an Helligkeit *zunimmt*, wachse im *Werte*: das hellste Bewußtsein,
-das logischste, kälteste Denken sei *ersten* Ranges. Indessen -- wonach
-ist dieser Wert bestimmt? -- In Hinsicht auf *Auslösung des Willens*
-ist das oberflächlichste, *vereinfachteste* Denken das am meisten
-nützliche, -- es könnte deshalb das -- usw. (weil es wenig Motive übrig
-läßt).
-
-Die *Präzision* des *Handelns* steht im Antagonismus mit der
-*weitblickenden* und oft ungewiß urteilenden *Vorsorglichkeit*:
-letztere durch den *tieferen* Instinkt geführt.
-
-
-314.
-
-*Hauptirrtum der Psychologen*: sie nehmen die undeutliche Vorstellung
-als eine niedrigere *Art* der Vorstellung gegen die helle gerechnet:
-aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb *dunkel wird*,
-*kann* deshalb an sich vollkommen klar sein. *Das Dunkelwerden ist
-Sache der Bewußtseinsperspektive.*
-
-
-315.
-
-Die ungeheuren Fehlgriffe:
-
-1. die unsinnige *Überschätzung des Bewußtseins*, aus ihm eine Einheit,
-ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die Seele“, etwas, das fühlt, denkt,
-will --
-
-2. der Geist als *Ursache*, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit,
-System, Koordination erscheinen;
-
-3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein,
-als „Gott“;
-
-4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;
-
-5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich durch die
-Bewußtseinstatsachen;
-
-6. die *Erkenntnis* absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt
-es Erkenntnis gibt.
-
-*Folgerungen*:
-
-jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder
-Rückschritt im Unbewußtwerden; (-- das Unbewußtwerden galt als
-Verfallensein an die *Begierden* und *Sinne*, -- als *Vertierung*....)
-
-man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch Dialektik; man
-*entfernt* sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus....
-
-den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille,
-Güte -- Eins;
-
-alles *Gute* muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache
-sein;
-
-der Fortschritt zum *Besseren* kann nur ein Fortschritt im
-*Bewußt*werden sein.
-
-
-316.
-
-Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.
-
-Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann
-erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem,
-und der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr
-in die Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen
-zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in betreff
-des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt man lange nicht mehr
-mit dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge
-der Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu tun: *auch nicht mit
-Empfindung*. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas *äußerst Geringes
-und Seltenes* im Verhältnis zu dem zahllosen Geschehen in jedem
-Augenblick.
-
-Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten
-Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine
-Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wiedergutmachen
-usw. Kurz, wir finden eine Tätigkeit vor, die einem *ungeheuer viel
-höheren und überschauenden Intellekt* zuzuschreiben wäre, als der uns
-bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten *geringer denken*: wir
-verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da *wir* als
-bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von
-den zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel Luft,
-Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug Kräfte geben,
-welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend
-beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche
-Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ
-auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.
-
-Es ist die Phase der *Bescheidenheit des Bewußtseins*. Zuletzt
-verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im
-Dienste jenes höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir
-fragen, ob nicht alles bewußte *Wollen*, alle *bewußten Zwecke*,
-alle *Wertschätzungen* vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas
-wesentlich *Verschiedenes erreicht werden soll*, als es innerhalb des
-Bewußtseins scheint. Wir *meinen*: es handle sich um unsre *Lust*
-und *Unlust* -- -- -- aber Lust und Unlust könnten Mittel sein,
-vermöge deren wir etwas zu *leisten hätten*, was außerhalb unseres
-Bewußtseins liegt -- -- -- Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte
-*auf der Oberfläche* bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung
-*verschieden* ist, wie *wenig* man von dem weiß, was einer Handlung
-*vorher*geht: wie phantastisch unsere Gefühle „Freiheit des Willens“,
-„Ursache und Wirkung“ sind: wie Gedanken und Bilder, wie Worte nur
-Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung:
-die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie *wesentlich
-Erfindung* und *Einbildung* ist, worin wir bewußt leben: wie wir in
-allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und wie die
-*Verbindung der Menschheit* auf einem Überleiten und Fortdichten dieser
-Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung (durch
-Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. *Verändert* wirklich dieser Glaube
-an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen? Oder ist das ganze Ideen-
-und Wertschätzungswesen nur ein *Ausdruck selber* von unbekannten
-Veränderungen? *Gibt* es denn Willen, Zwecke, Gedanken, Werte wirklich?
-Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein *Spiegelbild*? Und
-auch wenn die Wertschätzung einen Menschen zu *bestimmen* scheint,
-geschieht im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge,
-das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die Annahme
-eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht auch *unser*
-Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine *Zeichensprache* sein für
-etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und Unbewußtes?
-nur der *feinste Anschein* jener natürlichen Zweckmäßigkeit des
-Organischen, aber nichts Verschiedenes davon?
-
-Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung
-des Geistes um den *Leib*: es ist die *fühlbar* werdende *Geschichte*
-davon, daß ein *höherer Leib sich bildet*. Das Organische steigt noch
-auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein
-Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr:
-es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung,
-Wohnart, Lebensweise des *Leibes* zu verändern: das Bewußtsein und die
-Wertschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind *Anzeichen
-dieser Veränderungen und Experimente*. Zuletzt *handelt es sich gar
-nicht um den Menschen: er soll überwunden werden*.
-
-
-317.
-
-Warum alle *Tätigkeit*, auch die eines *Sinnes*, mit Lust verknüpft
-ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr, weil
-alles Tun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und *Vermehrung* des
-*Machtgefühls* gibt? -- Die Lust im Denken. -- Zuletzt ist es nicht
-nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am
-*Geschaffenen*: denn alle Tätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als
-Bewußtsein eines „Werks“.
-
-
-318.
-
-„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten *Ausdrucksmittel* von
-Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche
-hier auf diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller
-Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein
-leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische
-Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und
-Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre
-Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen,
-Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer
-Schlußphänomene, keine „Ursachen“.
-
-Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom
-*Grade der Macht* abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes
-Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint,
-kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung,
-ein Lustgefühl als Folge haben.
-
-Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein *Messen nach
-Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit* voraus: also eine Sphäre, wo
-das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu
-stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.
-
-Lust- und Unlustgefühle sind *Willensreaktionen* (*Affekte*), in
-denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener
-Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von
-Gegenaktionen.
-
-
-319.
-
-Wie weit unser *Intellekt* eine Folge von Existenzbedingungen ist -- :
-wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht *nötig* hätten, und hätten
-ihn nicht *so*, wenn wir ihn nicht *so* nötig hätten, wenn wir auch
-*anders* leben könnten.
-
-
-2. Erkenntnis.
-
-
-a. Allgemeines.
-
-
-320.
-
-Man müßte *wissen*, was *Sein* ist, um zu *entscheiden*, ob dies und
-jenes real *ist* (zum Beispiel „die Tatsachen des Bewußtseins“); ebenso
-was *Gewißheit* ist, was *Erkenntnis* ist und dergleichen. -- Da wir
-das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens
-unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn
-es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich
-selbst definieren!
-
-
-321.
-
-Was kann allein *Erkenntnis* sein? -- „Auslegung“, Sinnhineinlegen, --
-*nicht* „Erklärung“ (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über
-eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur
-Zeichen ist). Es gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar,
-zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.
-
-
-322.
-
-Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß
-die *menschliche Vernunft recht behält*, -- ist eine Treuherzigkeit und
-Biedermannsvoraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche
-Wahrhaftigkeit -- Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. -- Die Begriffe
-eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz -- --
-
-
-323.
-
-Erster Satz. Die *leichtere* Denkweise siegt über die schwierigere; --
-als *Dogma*: ~simplex sigillum veri~. -- ~Dico~: daß die *Deutlichkeit*
-etwas für Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei....
-
-Zweiter Satz. Die Lehre vom *Sein*, vom Ding, von lauter festen
-Einheiten ist *hundertmal leichter* als die Lehre vom *Werden*, von der
-Entwicklung....
-
-Dritter Satz. Die Logik war als *Erleichterung* gemeint: als
-*Ausdrucksmittel*, -- *nicht* als Wahrheit.... Später *wirkte* sie als
-*Wahrheit*....
-
-
-324.
-
-*Was ist Wahrheit?* -- ~Inertia~; *die* Hypothese, bei welcher
-Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.
-
-
-325.
-
-Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte,
-*bewiesene* Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als
-*dominierend*.... Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werte
-und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig,
-wahrhaft; es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft *vergessen*
-wird.... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist....
-
-Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den *Kategorien der Vernunft*:
-dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt
-haben durch relative Nützlichkeit.... Es kam ein Punkt, wo man sich
-zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte -- und wo man sie
-*befahl*, das heißt, wo sie wirkten als *befehlend*.... Von jetzt ab
-galten sie als ~a priori~, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar.
-Und doch drücken sie vielleicht nichts aus, als eine bestimmte Rassen-
-und Gattungszweckmäßigkeit, -- bloß ihre Nützlichkeit ist ihre
-„Wahrheit“ --
-
-
-326.
-
-Daß der *Wert der Welt* in unserer Interpretation liegt (-- daß
-vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß
-menschliche --), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische
-Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen
-zur Macht, zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede *Erhöhung des
-Menschen* die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt,
-daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven
-auftut und an neue Horizonte glauben heißt -- das geht durch meine
-Schriften. Die Welt, die *uns etwas angeht*, ist falsch, das heißt,
-ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer
-mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas
-Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich
-niemals der Wahrheit nähert: denn -- es gibt keine „Wahrheit“.
-
-
-327.
-
-Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für mich -- *Annahmen
-bis auf weiteres*, zum Beispiel das Gesetz der Kausalität, sehr gut
-eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß *nicht daran*
-glauben das Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen
-Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde,
-daß der Mensch bestehen bleibt!
-
-
-328.
-
-Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik
-und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der
-Welt zu Nützlichkeitszwecken (also „prinzipiell“ zu einer nützlichen
-*Fälschung*), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive
-der *Realität* zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war
-in der Tat bloß die *biologische Nützlichkeit eines solchen Systems
-prinzipieller Fälschung*: und da eine Gattung Tier nichts Wichtigeres
-kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der Tat hier von
-„Wahrheit“ reden. Die Naivität war nur die, die anthropozentrische
-Idiosynkrasie als *Maß der Dinge*, als Richtschnur über „real“ und
-„unreal“ zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren.
-Und siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in eine
-„wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die Welt, in der der
-Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte,
-genau dieselbe wurde ihm diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe
-zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam
-der Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der
-Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die, in der man
-lebt, nicht entspricht.... Die Mittel wurden mißverstanden als Wertmaß,
-selbst als Verurteilung der Absicht....
-
-Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel
-dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hilfe man die
-verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema
-reduzierte.
-
-Aber wehe! jetzt brachte man eine *Moralkategorie* ins Spiel: kein
-Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, -- folglich gibt es
-nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist „Wahrheit“?
-
-Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man
-den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht
-wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.
-
-Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, das eigentliche
-Verhängnis des Irrtums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der
-Realität in den Vernunftformen zu haben, -- während man sie hatte, um
-Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität
-*mißzuverstehen*....
-
-Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften
-wegen, *die ihre Realität ausmachen*, Wechsel, Werden, Vielheit,
-Gegensatz, Widerspruch, Krieg.
-
-Und nun war das ganze Verhängnis da:
-
-1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (--
-es war die wirkliche, die einzige);
-
-2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter
-der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines
-Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als *Widerspruch zum
-Leben*....)
-
-Die ganze Richtung der Werte war auf *Verleumdung des Lebens* aus;
-man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus mit der Erkenntnis
-überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die *Wissenschaft*
-perhorreszierte.
-
-Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt *doppelt* versperrt: einmal
-durch den Glauben an die „wahre“ Welt, und dann durch die Gegner dieses
-Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1. in ihren Objekten
-verurteilt, 2. um ihre Unschuld gebracht....
-
-In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet und bedingt
-ist, heißt irgend etwas verurteilen und *wegdenken*, alles wegdenken
-und verurteilen. Das Wort „das sollte nicht sein“, „das hätte nicht
-sein sollen“ ist eine Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so
-ruinierte man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was
-in irgendeinem Sinne *schädlich*, *zerstörerisch* ist. Die Physiologie
-demonstriert es ja *besser*!
-
--- Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung *vergiftet*,
-b) den Weg zur Erkenntnis, zur *Wissenschaft* abschneidet, c) alle
-wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln
-als *unmoralisch* empfinden lehrt).
-
-Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der ~décadence~ vor uns arbeiten,
-das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält.
-
-
-329.
-
-*Zur „logischen Scheinbarkeit“.* -- Der Begriff „Individuum“ und
-„Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „*Gattung*“
-drückt nur die Tatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher
-Zeit hervortreten, und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern
-eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen kleinen
-Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (-- eine
-Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln nicht in die Sichtbarkeit
-tritt, so daß ein Gleichgewicht erreicht *scheint*, und die falsche
-Vorstellung ermöglicht wird, *hier sei ein Ziel erreicht* -- und es
-habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben....).
-
-Die *Form* gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die
-Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form
-erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es *dieselbe Form ist*,
--- sondern es *erscheint immer etwas Neues* -- und nur wir, die wir
-vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in
-die Einheit der „Form“. Als ob ein *Typus* erreicht werden sollte und
-gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne.
-
-Die *Form*, die *Gattung*, das *Gesetz*, die *Idee*, der *Zweck*
--- hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion
-eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen
-irgendwelchen Gehorsam in sich trage, -- eine künstliche Scheidung
-im Geschehen wird da gemacht zwischen dem, *was* tut, und dem,
-*wonach* das Tun sich richtet (aber das *was* und das *wonach* sind
-nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische
-Dogmatik: kein „Tatbestand“).
-
-Man soll diese *Nötigung*, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze
-zu bilden („*eine Welt der identischen Fälle*“) nicht so verstehen, als
-ob wir damit die *wahre Welt* zu fixieren imstande wären; sondern als
-Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der *unsre Existenz*
-ermöglicht wird: -- wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar,
-vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.
-
-Diese selbe Nötigung besteht in der *Sinnenaktivität*, welche
-der Verstand unterstützt -- durch Vereinfachen, Vergröbern,
-Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles
-Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre *Bedürfnisse* haben
-unsre Sinne so präzisiert, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer
-wiederkehrt und dadurch den Anschein der *Wirklichkeit* bekommen hat.
-
-Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus,
-daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts
-getan haben *als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen*: jetzt
-finden wir sie in dem Geschehen vor --, wir können nicht mehr anders --
-und vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die „Wahrheit“.
-Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das
-Prädikat, das Tun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen
-haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfach*machen* am
-längsten getrieben haben. Die Welt *erscheint* uns logisch, weil *wir*
-sie erst logisiert *haben*.
-
-
-330.
-
-Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ usw. zu
-reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nichts von
-Zeit und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise,
-„Ruhendes“ neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von Ursache
-und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption des „leeren Raumes“
-wären wir gar nicht zur Konzeption des Raums gekommen. Der Satz von der
-Identität hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es gleiche Dinge
-gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht „begriffen“,
-nicht „erkannt“ werden; nur insofern der „begreifende“ und „erkennende“
-Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus
-lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein
-das Leben erhalten hat -- nur insofern gibt es etwas wie „Erkenntnis“:
-das heißt ein Messen der früheren und der jüngeren Irrtümer aneinander.
-
-
-331.
-
-In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine
-*widernatürliche Tendenz*: eine solche könnte nur Sinn haben als
-Mittel zu einer besonderen *höheren Potenz von Falschheit*. Damit
-eine Welt des Wahren, Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst
-der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich
-„wahrhaftig“ glaubt).
-
-Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich
-gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch derart
-konzipiert eine Welt des Seins als „*Gott*“ nach seinem Bilde.
-
-Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen
-sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vorteil in jedem Sinne
-auf Seiten des Wahrhaftigen sein. -- Lüge, Tücke, Verstellung müssen
-Erstaunen erregen....
-
-
-332.
-
-Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte -- das wäre nämlich
-möglich --, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit?...
-Eine gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des
-Falschen?....
-
-
-333.
-
-Von der *Vielartigkeit* der Erkenntnis. *Seine* Relation zu vielem
-anderen spüren (oder die Relation der Art) -- wie sollte das
-„Erkenntnis“ des *andern* sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist
-selber schon unter den Existenzbedingungen: dabei ist der Schluß,
-daß es keine anderen Intellektarten geben könne (für uns selber)
-als die, welche uns erhält, eine Übereilung: diese *tatsächliche*
-Existenzbedingung ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs
-notwendig.
-
-Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ *eingerichtet*.
-
-
-334.
-
-Überschriften über einem modernen Narrenhaus.
-
-„Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten.“
-
- *Herbert Spencer.*
-
-„Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die
-Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“
-
- *Herbert Spencer.*
-
-
-335.
-
-Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“
-ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem ich nach dem
-Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte
-überhaupt bisher gewogen worden ist -- und daß die Frage nach der
-Gewißheit selbst schon eine *abhängige* Frage sei, eine Frage *zweiten*
-Ranges.
-
-
-b. Logik und Wissenschaft.
-
-
-336.
-
-Das Begierdenerdreich, aus dem die *Logik* herausgewachsen ist:
-Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme der gleichen Fälle
-setzt die „gleiche Seele“ voraus. *Zum Zweck der Verständigung und
-Herrschaft.*
-
-
-337.
-
-Zur *Entstehung der Logik*. Der fundamentale Hang, *gleichzusetzen*,
-*gleichzusehen* wird modifiziert, im Zaum gehalten durch Nutzen und
-Schaden, durch den *Erfolg*: es bildet sich eine Anpassung aus, ein
-milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben
-zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Prozeß ist ganz
-entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein Symbol ist), daß das
-*Plasma* fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich macht und in
-seine Formen und Reihen einordnet.
-
-
-338.
-
-Die *Annahme des Seienden* ist nötig, um denken und schließen zu
-können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes. Deshalb
-wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: „das
-Seiende“ gehört zu unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (-- durch Werden
-und Entwicklung nicht berührt).
-
-Die *fingierte* Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ usw. ist *nötig*
--- : eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende
-Macht ist in uns. „Wahrheit“ ist Wille, Herr zu werden über das
-Vielerlei der Sensationen: -- die Phänomene *aufreihen* auf bestimmte
-Kategorien. Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der Dinge
-aus (wir nehmen die Phänomene als *wirklich*).
-
-Der Charakter der werdenden Welt als *unformulierbar*, als „falsch“,
-als „sich-widersprechend“. *Erkenntnis* und *Werden* schließen sich
-aus. *Folglich* muß „*Erkenntnis*“ etwas anderes sein: es muß ein
-Wille zum Erkennbarmachen vorangehen, eine Art Werden selbst muß die
-*Täuschung des Seienden* schaffen.
-
-
-339.
-
-Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein
-subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Notwendigkeit“
-aus, *sondern nur ein Nichtvermögen*.
-
-Wenn, nach Aristoteles, der *Satz vom Widerspruch* der gewisseste
-aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den
-alle Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm das Prinzip aller
-anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im
-Grunde schon an Behauptungen *voraussetzt*. Entweder wird mit ihm
-etwas in betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man es
-anderswoher bereits kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte
-Prädikate zugesprochen werden *können*. Oder der Satz will sagen: daß
-ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden *sollen*. Dann
-wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur
-Setzung und Zurechtmachung einer Welt, *die uns wahr heißen soll*.
-
-Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen
-adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel, um Wirkliches, den Begriff
-„Wirklichkeit“, für uns erst zu *schaffen*?.... Um das Erste bejahen
-zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen;
-was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein
-*Kriterium der Wahrheit*, sondern einen *Imperativ* über das, was als
-wahr gelten *soll*.
-
-Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches ~A~ gar nicht,
-wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) voraussetzt, das
-~A~ wäre bereits eine *Scheinbarkeit*, so hätte die Logik eine bloß
-*scheinbare* Welt zur Voraussetzung. In der Tat glauben wir an jenen
-Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend
-zu *bestätigen* scheint. Das „Ding“ -- das ist das eigentliche Substrat
-zu ~A~; *unser Glaube an Dinge* ist die Voraussetzung für den Glauben
-an die Logik. Das ~A~ der Logik ist wie das Atom eine Nachkonstruktion
-des „Dinges“.... Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein
-Kriterium des *wahren Seins* machen, sind wir bereits auf dem Wege,
-alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt, Subjekt, Aktion
-usw. als Realitäten zu setzen: das heißt eine metaphysische Welt zu
-konzipieren, das heißt eine „wahre Welt“ (-- *diese ist aber die
-scheinbare Welt noch einmal*....).
-
-Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, das
-Für-wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht
-nur eine Gewohnheit, sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt für
-wahr zu halten oder für unwahr zu halten, bereits von einem Glauben
-beherrscht, *daß es für uns Erkenntnis gibt*, daß *Urteilen wirklich
-die Wahrheit treffen könne*: -- kurz, die Logik zweifelt nicht,
-etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich, daß ihm nicht
-entgegengesetzte Prädikate zukommen *können*).
-
-Hier *regiert* das sensualistische grobe Vorurteil, daß die
-Empfindungen uns *Wahrheiten* über die Dinge lehren, -- daß ich nicht
-zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding sagen kann, es ist *hart*
-und es ist *weich*. (Der instinktive Beweis, „ich kann nicht zwei
-entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben“ -- *ganz grob* und
-*falsch*.)
-
-Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben aus, daß
-wir Begriffe bilden *können*, daß ein Begriff das Wesen eines Dinges
-nicht nur bezeichnet, sondern *faßt*.. Tatsächlich gilt die *Logik*
-(wie die Geometrie und Arithmetik) nur von *fingierten Wesenheiten,
-die wir geschaffen haben*. Logik ist der Versuch, *nach einem von uns
-gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns
-formulierbar, berechenbar zu machen*....
-
-
-340.
-
-Gleichheit und Ähnlichkeit.
-
-1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit;
-
-2. der Geist *will* Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck
-subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper
-Unorganisches sich *assimiliert*.
-
-Zum Verständnis der *Logik*:
-
-*der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht* -- der Glaube, daß
-etwas so und so *sei* (das Wesen des *Urteils*), ist die Folge eines
-Willens, es *soll* so viel als möglich gleich sein.
-
-
-341.
-
-Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: *gesetzt, es gibt identische
-Fälle*. Tatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, *muß
-diese* Bedingung erst als erfüllt fingiert werden. Das heißt: der
-Wille zur *logischen Wahrheit* kann erst sich vollziehen, nachdem eine
-grundsätzliche *Fälschung* alles Geschehens angenommen ist. Woraus sich
-ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst
-der Fälschung und dann der Durchführung seines Gesichtspunktes: die
-Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.
-
-
-342.
-
-Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit
-(„~omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur~“
-Descartes): damit ist die mechanische Welthypothese erwünscht und
-glaublich.
-
-Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie ~simplex sigillum veri~.
-Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in *diesem*
-Verhältnis zu unserm Intellekt steht? -- Wäre es nicht anders? daß die
-ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese
-am meisten von ihm *bevorzugt, geschätzt und folglich* als *wahr*
-bezeichnet wird? -- Der Intellekt setzt sein *freiestes* und *stärkstes
-Vermögen* und *Können* als Kriterium der Wertvollsten, folglich
-*Wahren*....
-
-„Wahr“: von seiten des Gefühls aus -- : was das Gefühl am stärksten
-erregt („Ich“);
-
-von seiten des Denkens aus -- : was dem Denken das größte Gefühl von
-Kraft gibt;
-
-von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus -- : wobei am stärksten
-Widerstand zu leisten ist.
-
-Also die *höchsten Grade in der Leistung* erwecken für das *Objekt*
-den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt *Wirklichkeit*. Das Gefühl
-der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es etwas
-*gibt*, dem hier widerstanden wird.
-
-
-343.
-
-Das *Urteil* -- das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“ Also steckt
-im Urteil das Geständnis, einem „identischen Fall“ begegnet zu sein:
-es setzt also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das
-Urteil schafft es *nicht*, daß ein identischer Fall da zu sein scheint.
-Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der
-Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie heißt nun
-jene Funktion, die viel *älter*, früher arbeitend sein muß, welche
-an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? Wie heißt jene
-zweite, welche auf Grund dieser ersten usw. „Was gleiche Empfindungen
-erregt, ist gleich“: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich
-macht, als gleich „nimmt“? -- Es könnte gar keine Urteile geben, wenn
-nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt
-wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen
-des schon Gewohnten, Erlebten. -- *Bevor* geurteilt wird, *muß der
-Prozeß der Assimilation schon getan sein*: also liegt auch hier eine
-intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim
-Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen
-organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren,
-Ausscheiden, Wachsen usw.
-
-Wesentlich: vom *Leib* ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er
-ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt.
-Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den
-Geist.
-
-„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein
-Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art
-Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die
-*Stärke* ein Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.
-
-
-344.
-
-*Grundlösung.* -- Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist
-die Philosophie der grauen *Begriffe*. Die Sprache ist auf die
-allernaivsten Vorurteile hin gebaut.
-
-Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir
-*nur* in der sprachlichen Form *denken*, -- somit die „ewige Wahrheit“
-der „Vernunft“ glauben (zum Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).
-
-*Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange
-tun wollen*, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine
-Grenze als Grenze zu sehen.
-
-*Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem Schema,
-welches wir nicht abwerfen können.*
-
-
-345.
-
-Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und
-Simplifikationsapparat -- nicht auf Erkenntnis gerichtet, sondern
-auf *Bemächtigung* der Dinge: „Zweck“ und „Mittel“ sind so fern vom
-Wesen wie die „Begriffe“. Mit „Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich
-des Prozesses (-- man *erfindet* einen Prozeß, der faßbar ist), mit
-„Begriffen“ aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.
-
-
-346.
-
-Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat,
-arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von
-schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von
-Abkürzungsmitteln: -- es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten
-bei „Substanz“, „Subjekt“, „Objekt“, „Sein“, „Werden“. -- Die Mächtigen
-sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und
-unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, die die
-Kategorien geschaffen haben.
-
-
-347.
-
-Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, -- dem Chaos so viel
-Regularität und Formen auflegen, als es unserm praktischen Bedürfnis
-genugtut.
-
-In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das
-*Bedürfnis* maßgebend gewesen: das Bedürfnis, nicht zu „erkennen“,
-sondern zu subsummieren, zu schematisieren, zum Zweck der
-Verständigung, der Berechnung.... (Das Zurechtmachen, das Ausdichten
-zum Ähnlichen, Gleichen, -- derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck
-durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine
-präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn
-wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und
-handlich werden.... Die *Finalität* in der Vernunft ist eine Wirkung,
-keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend
-Ansätze gibt, mißrät das Leben, -- es wird unübersichtlich --, zu
-ungleich --
-
-Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, als sie
-lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine
-solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: da niemand die
-Notwendigkeit, daß es gerade Menschen gibt, aufrecht erhalten wird, ist
-die Vernunft, so wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie
-bestimmter Tierarten, und eine neben vielen anderen....)
-
-Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, ist
-eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu
-schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe
-dieser Instinkt.... Welche Naivität aber, daraus einen Beweis zu
-ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit an sich“ besäßen!.... Das
-Nicht-widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine
-„Wahrheit“.
-
-
-348.
-
-„Erkennen“ ist ein *Zurückbeziehen*: seinem Wesen nach ein ~regressus
-in infinitum~. Was Halt macht (bei einer angeblichen ~causa prima~, bei
-einem Unbedingten usw.) ist die *Faulheit*, die Ermüdung -- --
-
-
-349.
-
-Wissenschaft -- Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der
-Beherrschung der Natur -- das gehört in die Rubrik „*Mittel*“.
-
-Aber der *Zweck* und *Wille* des Menschen muß ebenso *wachsen*, die
-Absicht in Hinsicht auf das Ganze.
-
-
-350.
-
-Die Wissenschaft -- das war bisher die Beseitigung der vollkommenen
-Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche alles „erklären“, --
-also aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. -- Dieser selbe
-Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung *meiner selber*: die
-innere Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen
-und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war
-eine solche *Vereinfachung*: sie lehrte den Menschen als *erkannt*,
-als *bekannt*. -- Nun haben wir die Moral vernichtet -- wir selber
-sind uns wieder *völlig dunkel* geworden! Ich weiß, daß ich *von mir*
-nichts weiß. Die *Physik* ergibt sich als eine *Wohltat* für das Gemüt:
-die Wissenschaft (als der Weg zur *Kenntnis*) bekommt einen neuen
-Zauber nach der Beseitigung der Moral -- und *weil* wir hier *allein*
-Konsequenz finden, so müssen wir unser Leben darauf *einrichten*, sie
-uns zu *erhalten*. Dies ergibt eine Art *praktischen Nachdenkens* über
-*unsre Existenzbedingungen* als Erkennenden.
-
-
-351.
-
-Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen
-des Lebens das *Denken*, -- in jedem Perzipieren und scheinbaren
-Erleiden auch noch! Offenbar wird es dadurch am *mächtigsten* und
-*anspruchsvollsten*, und auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen
-Kräfte. Es wird endlich die „Leidenschaft an sich“.
-
-
-352.
-
-Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch
-und Tier lebt: du mußt auch noch den *Willen* zur Unwissenheit haben
-und hinzulernen. Es ist dir nötig, zu begreifen, daß ohne diese Art
-Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung
-ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine
-große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen.
-
-
-353.
-
-Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit
-ergibt, sondern nur ein *Stück Unwissenheit* mehr, eine Erweiterung
-unseres „leeren Raumes“, einen Zuwachs unserer „Öde“ --
-
-
-354.
-
-Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ immer mehr in ein
-Unbekanntes auf: -- sie *will* aber gerade das *Umgekehrte* und geht
-von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.
-
-~In summa~ bereitet die Wissenschaft eine *souveräne Unwissenheit* vor,
-ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, daß es eine Art Hochmut
-war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff
-übrig behalten, um auch nur „Erkennen“ als eine *Möglichkeit* gelten
-zu lassen, -- daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle Vorstellung
-ist. Wir *übersetzen* eine uralte Mythologie und Eitelkeit des
-Menschen in die harte Tatsache: so wenig „Ding an sich“, so wenig ist
-„Erkenntnis an sich“ noch *erlaubt* als Begriff. Die Verführung durch
-„Zahl und Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.
-
-„*Weisheit*“ als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen
-(das heißt über den „Willen zur Macht“) *hinweg* zu kommen: ein
-lebensfeindliches und auflösendes Prinzip, Symptom wie bei den Indern
-usw., *Schwächung* der Aneignungskraft.
-
-
-355.
-
-Das Recht auf den großen *Affekt* -- für den Erkennenden wieder
-zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Kultus des
-„Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen
-haben. Der Irrtum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: *eben
-im Loskommen vom Affekt*, vom Willen liege der einzige Zugang zum
-„Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt *könne gar nicht
-anders*, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen.
-
-Derselbe Irrtum ~in arte~: als ob alles *schön* wäre, sobald es ohne
-Willen angeschaut wird.
-
-
-356.
-
-Keine „*moralische* Erziehung“ des Menschengeschlechts: sondern die
-*Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer* ist nötig, weil die
-„Wahrheit“ degoutiert und das Leben verleidet, -- vorausgesetzt, daß
-der Mensch nicht schon unentrinnbar in seine *Bahn* gestoßen ist und
-seine redliche *Einsicht* mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.
-
-
-357.
-
-Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die
-wertvollsten Einsichten sind die *Methoden*.
-
-Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben
-jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin
-ist man aus dem Verkehr mit *honetten* Menschen ausgeschlossen worden,
--- man galt als „*Feind Gottes*“, als Verächter des höchsten Ideals,
-als „Besessener“.
-
-Wir haben das ganze *Pathos* der Menschheit gegen uns gehabt, --
-unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“ sein soll, was der Dienst
-der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre
-stille, vorsichtige, mißtrauische Art war vollkommen *verächtlich*....
-Im Grunde war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am
-längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt der
-Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie
-wirke.
-
-Das sieht aus, als ob ein *Gegensatz* erreicht, ein *Sprung* gemacht
-worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moralhyperbeln
-Schritt für Schritt jenes *Pathos milderer Art* vorbereitet, das als
-wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde....
-
-Die *Gewissenhaftigkeit im Kleinen*, die Selbstkontrolle des religiösen
-Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter: vor allem
-die Gesinnung, welche *Probleme ernst nimmt*, noch abgesehen davon, was
-persönlich dabei für einen herauskommt....
-
-
-358.
-
-Nicht der Sieg der *Wissenschaft* ist das, was unser 19. Jahrhundert
-auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen *Methode* über die
-Wissenschaft.
-
-
-c. Ursache und Wirkung.
-
-
-359.
-
-*Kritik des Begriffs „Ursache“.* -- Wir haben absolut keine Erfahrung
-über eine *Ursache*; psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze
-Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß *wir* Ursache sind,
-nämlich, daß der Arm sich bewegt.... *Aber das ist ein Irrtum.* Wir
-unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir
-überall Gebrauch, -- wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen.
-Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung,
-Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist,
-als Ursache *mißverstanden*, oder den *Willen*, das und das zu tun,
-weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.
-
-„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben
-schien, und wo wir aus uns sie projiziert haben zum *Verständnis des
-Geschehens*, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser „Verständnis
-eines Geschehens“ bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches
-verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es geschah.
-Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, unser
-Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht zu einem Tun in den Begriff
-„Ursache“ zusammengefaßt: ~causa efficiens~ und ~causa finalis~ ist in
-der Grundkonzeption eins.
-
-Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt
-würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden wir alle
-Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt....
-Umgekehrt sind wir außerstande, von irgendeinem Dinge vorauszusagen,
-was es „wirkt“. Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht -- alles
-inhäriert der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, um zu
-erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist
-ein solches hinzugedachtes „Ding“ und „Ursubjekt“....
-
-Endlich begreifen wir, daß Dinge -- folglich auch Atome -- nichts
-wirken: *weil sie gar nicht da sind*, -- daß der Begriff Kausalität
-vollkommen unbrauchbar ist. -- Aus einer notwendigen Reihenfolge von
-Zuständen folgt *nicht* deren Kausalverhältnis (-- das hieße deren
-*wirkende Vermögen* von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf
-springen machen). *Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen.* Sprachlich
-wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich
-den *Muskel* von seinen „Wirkungen“ getrennt denke, so habe ich ihn
-negiert....
-
-~In summa~: *ein Geschehen ist weder bewirkt*, noch *bewirkend*.
-~Causa~ ist ein *Vermögen zu wirken*, hinzu erfunden zum Geschehen....
-
-*Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung*.... Ein „Ding“ ist die
-Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff,
-Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines
-Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel,
-bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite
-Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen
-(Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft gleich blieben.
-
-Die *Berechenbarkeit eines Geschehens* liegt nicht darin, daß eine
-Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein
-Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde -- :
-sie liegt in der *Wiederkehr „identischer Fälle“*.
-
-Es gibt nicht, wie Kant meint, einen *Kausalitätssinn*. Man wundert
-sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich
-halten kann.... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind
-wir beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die *Furcht
-vor dem Ungewohnten* und der Versuch, in ihm etwas *Bekanntes* zu
-entdecken, -- ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.
-
-
-360.
-
-In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und
-Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung,
-daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter
-voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall
-des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt
-Subjekte; alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend
-welchem Subjekte.
-
-Ich bemerke etwas und suche nach einem *Grund* dafür: das heißt
-ursprünglich: ich suche nach einer *Absicht* darin, und vor allem
-nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles
-Geschehen ein Tun, -- ehemals sah man in *allem* Geschehen Absichten,
-dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist
-es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich
-angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der ~causa
-finalis~, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der ~causa efficiens~“
-haben wir nichts: hier hat *Hume* recht, die Gewohnheit (aber *nicht*
-nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft
-beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns
-die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist
-*nicht* die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern
-unsre *Unfähigkeit*, ein Geschehen anders *interpretieren* zu können
-denn als ein Geschehen aus *Absichten*. Es ist der *Glaube* an das
-Lebendige und Denkende als an das einzig *Wirkende* -- an den Willen,
-die Absicht --, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß
-alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“.
-Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine
-große Dummheit sein?
-
-Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das
-Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?
-
-
-361.
-
-*Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.* -- Daraus,
-daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich
-nicht, daß es *notwendig* erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem
-bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt,
-macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“
-ist kein Tatbestand: *wir* erst haben sie in das Geschehen
-hineininterpretiert. Wir haben die *Formulierbarkeit* des Geschehens
-ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Nezessität.
-Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich
-es gezwungen tue. Der *Zwang* ist in den Dingen gar nicht nachweisbar:
-die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein
-anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, „*Täter*“ in die
-Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen
-die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten *Zwange* ist, -- ausgeübt
-von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und Wirkung -- ein
-gefährlicher Begriff, solange man ein *Etwas* denkt, das *verursacht*,
-und ein Etwas, auf das *gewirkt* wird.
-
-a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.
-
-b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was *wirkt*,
-sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.
-
-Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die *Dinglichkeit*
-erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben
-wir nicht mehr an das *wirkende* Subjekt, so fällt auch der Glaube an
-*wirkende* Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen
-jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.
-
-Es fällt damit natürlich auch die Welt der *wirkenden Atome*: deren
-Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte
-braucht.
-
-Es fällt endlich auch das „*Ding an sich*“: weil das im Grunde die
-Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das
-Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“
-ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „*Erscheinung*“ dahin.
-
-c) Geben wir das wirkende *Subjekt* auf, so auch das *Objekt*, auf
-das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein
-inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird:
-es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe
-scheinbar dauerhaft, -- also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit
-im Tempo des Geschehens (Ruhe -- Bewegung, fest -- locker: alles
-Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit denen tatsächlich nur
-*Gradverschiedenheiten* ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß
-von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur
-von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes -- und
-von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).
-
-d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch
-den Begriff „*Substanz*“ -- und folglich auch dessen verschiedene
-Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere
-hypothetische Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw.
-Wir sind die *Stofflichkeit* los.
-
-Moralisch ausgedrückt, *ist die Welt falsch*. Aber insofern die Moral
-selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.
-
-Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest*machen*, ein Wahr-,
-Dauerhaft*machen*, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes *falschen*
-Charakters, eine Umdeutung desselben ins *Seiende*. „Wahrheit“ ist
-somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken
-wäre, -- sondern etwas, *das zu schaffen ist* und das den Namen für
-einen *Prozeß abgibt*, mehr noch für einen Willen der Überwältigung,
-der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein ~processus
-in infinitum~, ein *aktives Bestimmen*, -- *nicht* ein Bewußtwerden
-von etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den
-„Willen zur Macht“.
-
-Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und
-Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so
-breiter muß die erratbare, gleichsam *seiend gemachte* Welt sein.
-Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des
-Lebens.
-
-Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem
-gewissen Sinne außer sich als *seiende* Welt, als metaphysische Welt,
-als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als
-Schaffender *erdichtet* bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie
-vorweg; diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine
-Stütze.
-
-Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von
-Grad- und Kraftverhältnissen, als ein *Kampf*....
-
-Sobald wir uns jemanden *imaginieren*, der verantwortlich ist dafür,
-daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz,
-unser Glück und Elend als *Absicht* zulegen, verderben wir uns die
-*Unschuld des Werdens*. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit
-uns etwas erreichen will.
-
-Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der
-Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist,
-aus der Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum.
-„*Erhaltung* der Gattung“ ist nur eine Folge des *Wachstums* der
-Gattung, das heißt der *Überwindung der Gattung* auf dem Wege zu einer
-stärkeren Art.
-
-Thesen. -- Daß die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“ („die aller
-menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die
-Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden *Willens zur Macht*
-ist -- : daß das *Stärkerwerden* Ordnungen mit sich bringt, die einem
-Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen -- : daß die anscheinenden *Zwecke*
-nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere
-Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet,
-eine Ordnung des *Ranges*, der Organisation den Anschein einer Ordnung
-von Mittel und Zweck erwecken muß.
-
-Gegen die anscheinende „*Notwendigkeit*“:
-
--- diese nur ein *Ausdruck* dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas
-anderes ist.
-
-Gegen die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“:
-
--- letztere nur ein *Ausdruck* für eine Ordnung von Machtsphären und
-deren Zusammenspiel.
-
-
-362.
-
-„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es
-zum Bewußtsein kam, daß das, was man als *Eigenschaften der Dinge*
-bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit
-hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das
-Ding an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des
-Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem
-Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft
-hineingedichtet worden ist, und ebenso -- die Substanz. „Das Ding
-affiziert ein Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache,
-nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem!
-
-Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts
-Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.
-
-In der Bewegung ist kein neuer *Inhalt* der Empfindung gegeben. Das
-Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also *Form* des Seins.
-
-Nebenbei: Die *Erklärung* des Geschehens kann versucht werden einmal:
-durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm *voranlaufen*
-(Zwecke);
-
-zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm *nachlaufen* (die
-mathematisch-physikalische Erklärung).
-
-Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische
-Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und
-Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und
-entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt
-*konsequent als ohne Empfindung und Zweck* konstruieren -- bis hinauf
-zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine *Geschichte
-der Zwecke* und *nie* physikalisch!
-
-
-363.
-
-Die Auslegung eines Geschehens als *entweder* Tun *oder* Leiden (--
-also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden
-setzt einen Urheber voraus und einen, *an dem* „verändert“ wird.
-
-
-364.
-
-Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen
-zu nehmen, schließlich als *Ursache*, zum Beispiel vom Blitz zu sagen:
-„er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive
-im Sehen wieder als *Ursache des Sehens selbst* zu setzen: das war das
-Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!
-
-
-365.
-
-Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese
-begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum,
-noch Zeit. „Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge
-für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr
-ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß
-es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das ~post hoc~ ein ~propter
-hoc~ ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich.
-Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ sein!
-
-
-366.
-
-*„Wille zur Macht“ und Kausalismus.* -- Psychologisch nachgerechnet,
-ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom sogenannten Wollen, --
-unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht
-selbst sei, welche bewegt....
-
-Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des
-Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; --
-das Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der
-Macht), des überwundenen Widerstandes -- sind das Illusionen? --
-
-Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig
-bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine
-*Veränderung* vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht
-gibt. Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein
-*Übergreifen* von Macht *über andere Macht* statthat.
-
-Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung ist
-eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache,
-da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist.
-
-Der Wille zur *Akkumulation von Kraft* ist spezifisch für das Phänomen
-des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, -- für Gesellschaft,
-Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende
-Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? -- und in der kosmischen
-Ordnung?
-
-Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des
-Verbrauchs: so daß das *Stärkerwerdenwollen von jedem Kraftzentrum aus*
-die einzige Realität ist, -- nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-,
-Herrwerden-, Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.
-
-Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip
-*beweisen*? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ -- „Ein
-permanentes Gesetz der Dinge“ -- „Eine invariable Ordnung“? -- Weil
-etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig?
-
-Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“,
-kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren
-Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben.
-
-Können wir ein *Streben nach Macht* annehmen, ohne eine Lust- und
-Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und
-Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für
-die *interne* Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta?
-Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, Schwere, Druck und
-Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern Interpretationen mit Hilfe
-*psychischer* Fiktionen.
-
-Das *Leben* als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein
-Wille zur Akkumulation der Kraft -- : alle Prozesse des Lebens haben
-hier ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und
-akkumuliert werden.
-
-Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den
-Gesamtcharakter des Daseins --) strebt nach einem *Maximalgefühl von
-Macht*; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist
-nichts anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt
-dieser Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)
-
-
-d. Ich und Außenwelt.
-
-
-367.
-
-Der *Substanz*begriff eine Folge des *Subjekt*begriffs: *nicht*
-umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die
-Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt *Grade des
-Seienden*, man verliert *das* Seiende.
-
-Kritik der „*Wirklichkeit*“: worauf führt die
-„*Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit*“, die Gradation des Seins, an die wir
-glauben? --
-
-Unser Grad von *Lebens-* und *Machtgefühl* (Logik und Zusammenhang des
-Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.
-
-*Subjekt*: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine *Einheit*
-unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir
-verstehen diesen Glauben als *Wirkung* Einer Ursache, -- wir glauben
-an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“,
-„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. -- „Subjekt“
-ist die Fiktion, als ob viele *gleiche* Zustände an uns die Wirkung
-eines Substrats wären: aber *wir* haben erst die „Gleichheit“ dieser
-Zustände *geschaffen*; das Gleich*setzen* und *Zurecht*machen derselben
-ist der *Tatbestand*, *nicht* die Gleichheit (-- diese ist vielmehr zu
-*leugnen* --).
-
-
-368.
-
-Psychologische Geschichte des Begriffs „*Subjekt*“. Der Leib, das Ding,
-das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem
-Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner
-gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.
-
-
-369.
-
-„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ -- diese Trennungen sind *gemacht*
-und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden
-Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's,
-der etwas tut, etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft
-„hat“.
-
-
-370.
-
-„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die
-Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an
-den *Substanz*begriff schon als „wahr ~a priori~“ ansetzen: -- daß,
-wenn gedacht wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine
-Formulierung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen
-Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches
-Postulat gemacht -- und *nicht nur konstatiert*.... Auf dem Wege des
-Cartesius kommt man *nicht* zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu
-einem Faktum eines sehr starken Glaubens.
-
-Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es
-Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in
-Frage steht, die „*Realität* des Gedankens“, ist nicht berührt, --
-nämlich in dieser Form ist die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht
-abzuweisen. Was aber Cartesius *wollte*, ist, daß der Gedanke nicht nur
-eine *scheinbare Realität* hat, sondern eine *an sich*.
-
-
-371.
-
-Daß zwischen *Subjekt* und *Objekt* eine Art adäquater Relation
-stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das *von innen gesehen* Subjekt
-wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit
-gehabt hat. Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz
-und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie
-erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über
-„Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde!
---
-
-
-372.
-
-Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; -- wir
-sind am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich
-eine Fiktion sein.“
-
-
-373.
-
-Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum
-Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, *daß es gar keine Wahrheit gibt*,
-der Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als
-Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im
-Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.
-
-
-3. Metaphysik.
-
-Die „wahre“ Welt.
-
-
-374.
-
-Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für
-allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den
-Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.
-
-
-375.
-
-Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir
-wollen uns *hüten*, den Niedrigen die *ihnen* nötige Denkweise
-auszudenken und vorzuschreiben!!
-
-
-376.
-
-Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des
-Wachstums oder des Untergehens.
-
-Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der ~inertia~; die Mehrheit
-der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und
-änigmatischen Charakter *nicht abstreiten wollen*!
-
-
-377.
-
-*Gegen* das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch
-jeder Versuch von Monismus.
-
-
-378.
-
-Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge
-einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine
-Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, -- kein *notwendiger*
-Glaube.
-
-Unbescheidenheit des Menschen -- : wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu
-*leugnen*!
-
-
-379.
-
-Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge
-für das, was war, und das, was wird: -- man sieht nur das *Seiende*.
-Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das
-*Imaginäre* aufgespart, als seine „Welt“.
-
-
-380.
-
-Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, -- sie
-war immer die scheinbare Welt *noch einmal*.
-
-
-381.
-
-Die „*wahre*“ und die „*scheinbare Welt*“.
-
-
-A.
-
-Die *Verführungen*, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art:
-
-a) eine *unbekannte* Welt: -- wir sind Abenteurer, neugierig, -- das
-Bekannte scheint uns müde zu machen (-- die Gefahr des Begriffs liegt
-darin, uns „diese“ Welt als *bekannt* zu insinuieren....);
-
-b) eine *andre* Welt, wo es anders ist: -- es rechnet etwas in uns
-nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren
-Wert, -- vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft....
-Die Welt, wo es anders, wo wir selbst -- wer weiß? -- anders sind....
-
-c) eine *wahre* Welt: -- das ist der wunderlichste Streich und
-Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort
-„wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“
-zum Geschenk: die *wahre* Welt muß auch eine *wahrhaftige* sein,
-eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie
-glauben ist beinahe glauben *müssen* (-- aus Anstand, wie es unter
-zutrauenswürdigen Wesen geschieht --).
-
-Der Begriff „die *unbekannte* Welt“ insinuiert uns *diese* Welt als
-„bekannt“ (als langweilig --);
-
-der Begriff „die *andre* Welt“ insinuiert, als ob die Welt *anders sein
-könnte*, -- hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (-- unnütz, sich
-zu *ergeben*, sich *anzupassen* --);
-
-der Begriff „die *wahre* Welt“ insinuiert diese Welt als eine
-unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, --
-und *folglich* auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (-- unratsam,
-sich ihr anzupassen; *besser*: ihr widerstreben).
-
-Wir *entziehen* uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:
-
-a) mit unsrer *Neugierde*, -- wie als ob der interessantere Teil wo
-anders wäre;
-
-b) mit unsrer *Ergebung*, -- wie als ob es nicht nötig sei, sich zu
-ergeben, -- wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges
-sei;
-
-c) mit unsrer *Sympathie* und Achtung, -- wie als ob diese Welt sie
-nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich....
-
-~In summa~: wir sind auf eine dreifache Weise *revoltiert*: wir haben
-ein ~x~ zur *Kritik* der „bekannten Welt“ gemacht.
-
-
-B.
-
-*Erster Schritt der Besonnenheit*: zu begreifen, inwiefern wir
-*verführt* sind, -- nämlich es könnte an sich exakt *umgekehrt* sein:
-
-a) die *unbekannte* Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns
-Lust zu machen zu „dieser“ Welt, -- als eine vielleicht stupide und
-geringere Form des Daseins;
-
-b) die *andere* Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier
-keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse
-dessen sein, was uns *diese* Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre
-ein Mittel, uns zufrieden zu machen;
-
-c) die *wahre* Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare
-Welt weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser
-Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine
-fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität?
-Vor *allem*: wie kommen wir darauf, daß *nicht unsre* Welt die wahre
-ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein
-(in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel ein *Schattenreich*,
-eine *Scheinexistenz* neben der *wahren* Existenz gedacht --). Und
-endlich: was gibt uns ein Recht, gleichsam *Grade der Realität*
-anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine unbekannte Welt, -- das
-ist bereits *Etwas-wissen-wollen von der unbekannten*. Die „andere“,
-die „unbekannte“ Welt -- gut! aber sagen „wahre Welt“, das heißt
-„etwas *wissen* von ihr“, -- das ist der *Gegensatz* zur Annahme einer
-~x~-Welt....
-
-~In summa~: die Welt ~x~ könnte in jedem Sinne langweiliger,
-unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.
-
-Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe ~x~ Welten, das heißt
-jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist *nie behauptet
-worden*....
-
-
-C.
-
-Problem: warum die *Vorstellung von der andern Welt* immer zum
-Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, --
-worauf das weist? --
-
-Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens
-ist, denkt das *Anders*sein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es
-betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen
-Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen
-das Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das
-„wahre Volk“ wäre....
-
-Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, -- daß man diese
-Welt für die „scheinbare“ und *jene* für die „wahre“ nimmt, ist
-symptomatisch.
-
-Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:
-
-der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die *Vernunft* und
-die *logischen* Funktionen adäquat sind: -- daher stammt die „wahre“
-Welt;
-
-der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: -- daher
-stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;
-
-der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: -- daher stammt
-die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt.
-
-Das *Gemeinsame* der drei Entstehungsherde: der *psychologische*
-Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.
-
-Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit
-welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen,
-des religiösen, des moralischen Vorurteils.
-
-Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als *ein
-Synonym des Nichtseins*, des Nichtlebens, des Nichtleben*wollens*....
-
-*Gesamteinsicht*: der Instinkt der *Lebensmüdigkeit*, und nicht der des
-Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.
-
-*Konsequenz*: Philosophie, Religion und Moral sind *Symptome der
-~décadence~*.
-
-
-382.
-
-*Zur Psychologie der Metaphysik.* -- Diese Welt ist scheinbar:
-*folglich* gibt es eine wahre Welt; -- diese Welt ist bedingt:
-*folglich* gibt es eine unbedingte Welt; -- diese Welt ist
-widerspruchsvoll: *folglich* gibt es eine widerspruchslose Welt; --
-diese Welt ist werdend: *folglich* gibt es eine seiende Welt: -- lauter
-falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn ~A~ *ist*,
-so muß auch sein Gegensatzbegriff ~B~ *sein*). Zu diesen Schlüssen
-*inspiriert das Leiden*: im Grunde sind es *Wünsche*, es möchte eine
-solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt,
-die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine
-*wertvollere*: das *Ressentiment* der Metaphysiker gegen das Wirkliche
-ist hier schöpferisch.
-
-*Zweite* Reihe von Fragen: *wozu* Leiden?.... und hier ergibt sich
-ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren,
-wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des
-Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie
-ist Schuld möglich? (-- lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der
-Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber
-die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß
-die *Freiheit zum Irrtum und zur Schuld* mit von ihr bedingt sein: und
-wieder fragt man *wozu*?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des
-Widerspruchs, des Leidens ist also *gewollt*: *wozu*?
-
-Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet,
--- *weil* dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „*muß*“ auch
-dem andern eine Realität entsprechen. „*Woher* sollte man sonst dessen
-Gegenbegriff haben?“ -- *Vernunft* somit als eine Offenbarungsquelle
-über An-sich-Seiendes.
-
-Aber die *Herkunft* jener Gegensätze *braucht nicht notwendig* auf
-eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die
-*wahre Genesis* der Begriffe dagegenzustellen: -- diese stammt aus der
-praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher
-ihren *starken Glauben* (man *geht daran zugrunde*, wenn man nicht
-gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“,
-was sie behauptet).
-
-*Die Präokkupation durch das Leiden* bei den Metaphysikern: ist
-ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere
-und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid *nie* als letzte
-Wertfragen, -- es sind Begleitzustände: man muß beides *wollen*, wenn
-man etwas *erreichen* will -- darin drückt sich etwas Müdes und Krankes
-an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme
-im Vordergrunde sehen. Auch die *Moral* hat *nur* deshalb für sie
-solche *Wichtigkeit*, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht
-auf Abschaffung des Leidens gilt.
-
-*Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum*: Ursache von
-Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei
-(Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im „Glauben“).
-
-
-383.
-
-*Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.* -- Von diesen ist
-die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet.
-
-Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form
-ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch
-den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt *identischer* Fälle
-geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung
-möglich ist, usw.
-
-: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an
-der unsre *praktischen* Instinkte gearbeitet haben: sie ist für *uns*
-vollkommen wahr: nämlich wir *leben*, wir können in ihr leben: *Beweis*
-ihrer Wahrheit für uns....
-
-: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die
-Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen
-Vorurteile reduziert haben, existiert *nicht* als Welt „an sich“;
-sie ist essentiell Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem
-Punkt aus ihr *verschiedenes Gesicht*: ihr Sein ist essentiell an
-jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr
-jeder Punkt -- und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich
-*inkongruent*.
-
-Das *Maß von Macht* bestimmt, welches Wesen das andre Maß von Macht
-hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht.
-
-Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption
-gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu
-perzipieren, daß wir noch es *aushalten*....
-
-
-384.
-
-Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen;
-geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach
-dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und
-Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal.
-
-Das *Perspektivische* also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“
-ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische
-abrechnet! Damit hätte man ja die *Relativität* abgerechnet!
-
-Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen *Rest* seine *Perspektive*,
-das heißt seine ganz bestimmte *Wertung*, seine Aktionsart, seine
-Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine
-spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum.
-
-Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein
-Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die *Realität* besteht exakt
-in dieser Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das
-Ganze....
-
-Es bleibt kein Schatten von *Recht* mehr übrig, hier von *Schein* zu
-reden....
-
-Die *spezifische Art zu reagieren* ist die einzige Art des Reagierens:
-wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt.
-
-Aber es gibt kein „*anderes*“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein,
--- damit würde eine Welt *ohne* Aktion und Reaktion ausgedrückt sein....
-
-Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich
-auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ --
-
-
-385.
-
-
-A.
-
-Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert,
-auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt -- sie mag
-sein, wie sie will --, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für
-sie.
-
-Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis
-setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....
-
-Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als
-abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt
-als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine
-objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß
-die Subjektivität real, essentiell ist?
-
-Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine
-„Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“,
-„Ding“ immer nur als *Relations*begriff....
-
-Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“
-sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und
-„absolut wertvoll“.
-
-Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der
-Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich
-kann nur eine „wahre“ Welt sein....
-
-*Vorurteil der Vorurteile!* Erstens wäre an sich möglich, daß die
-wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens
-schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte,
-um leben zu können.... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum
-Beispiel in der Ehe.
-
-Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch
-in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für
-wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt....
-
-a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine
-scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben *bloß* eine
-scheinbare Welt geben, aber nicht nur *unsere* scheinbare Welt....)
-
-b) Die *wahre* Welt angenommen, so könnte sie immer noch die *geringere
-an Wert* für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem
-Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der
-*Schein* an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)
-
-c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den *Graden der Werte*
-und den *Graden der Realität* (so daß die obersten Werte auch die
-oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der
-Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte *kennen*:
-nämlich, daß diese Rangordnung eine *moralische* ist.... Nur in dieser
-Voraussetzung ist die *Wahrheit* notwendig für die Definition alles
-Höchstwertigen.
-
-
-B.
-
-Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die *wahre Welt* abschafft.
-Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der *Welt, die wir
-sind*: sie war bisher unser gefährlichstes *Attentat* auf das Leben.
-
-*Krieg* gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt
-fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die *moralischen
-Werte die obersten* seien.
-
-Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen
-werden könnte als die Folge einer *unmoralischen* Wertung: als ein
-Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst
-auf einen *Anschein*, und als *Anschein* hätte sie, von sich aus, kein
-Recht mehr, den Schein zu verurteilen.
-
-
-C.
-
-Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er
-ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht.
-Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller *unmoralischen* Mittel
-bedient: die Metaphysiker voran --
-
-Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die
-moralischen Werte die obersten Werte seien. Die *Methodik der
-Forschung* ist erst erreicht, wenn alle *moralischen Vorurteile*
-überwunden sind: -- sie stellte einen Sieg über die Moral dar....
-
-
-386.
-
-Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie
-die *Dinge an sich* beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge
-an sich! Gesetzt aber sogar, es *gäbe* ein An-sich, ein Unbedingtes,
-so könnte es eben darum *nicht erkannt werden*! Etwas Unbedingtes kann
-nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen
-ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ -- --; ein solch
-Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und
-daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich
-ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen*wollen* und dem Verlangen, daß
-es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens,
-weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht *ist*, also auch
-gar nicht erkannt werden kann. -- Erkennen heißt „sich in Bedingung
-setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst
-unsrerseits bedingen -- -- es ist also unter allen Umständen ein
-*Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen* (*nicht* ein
-*Ergründen* von Wesen, Dingen, „An-sichs“).
-
-
-387.
-
-Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“:
-
-denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften,
-
-das heißt, *es gibt kein Ding ohne andre Dinge*,
-
-das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.
-
-
-388.
-
-Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle
-„Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt
-nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns *hinzufingiert*
-ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung,
-der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen,
-Eigenschaften, Tätigkeiten).
-
-
-389.
-
-„Dinge, die eine Beschaffenheit *an sich* haben“ -- eine dogmatische
-Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.
-
-
-390.
-
-Daß die Dinge eine *Beschaffenheit an sich* hätten, ganz abgesehen von
-der Interpretation und Subjektivität, ist *eine ganz müßige Hypothese*:
-es würde voraussetzen, daß das *Interpretieren* und *Subjektsein*
-*nicht* wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch
-Ding sei.
-
-Umgekehrt: der anscheinende *objektive* Charakter der Dinge: könnte
-er nicht bloß auf eine *Graddifferenz* innerhalb des Subjektiven
-hinauslaufen? -- daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“
-dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, -- daß das Objektive nur
-ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre *innerhalb* des Subjektiven?
-
-
-391.
-
-Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine
-„Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern *ein
-Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand
-geben kann*.
-
-Das „was ist das?“ ist eine *Sinnsetzung* von etwas anderem aus
-gesehen. Die „*Essenz*“, die „*Wesenheit*“ ist etwas Perspektivisches
-und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das
-für *mich*?“ (für uns, für alles, was lebt usw.).
-
-Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist
-das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit
-seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so
-ist das Ding immer noch nicht „definiert“.
-
-Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine *Meinung* über das
-„Ding“. Oder vielmehr: das „*es gilt*“ ist das eigentliche „*es ist*“,
-das einzige „das ist“.
-
-Man darf nicht fragen: „*wer* interpretiert denn?“ sondern das
-Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein
-(aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein *Prozeß*, ein *Werden*) als
-ein Affekt.
-
-Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden,
-Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso
-als alle Eigenschaften. -- Selbst „das Subjekt“ ist ein solches
-Geschaffenes, ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die
-*Kraft*, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im
-Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also
-das *Vermögen* im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im
-Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und
-die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.
-
-
-392.
-
-Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den
-gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner
-Unterscheidung „*Erscheinung*“ und „*Ding an sich*“, -- er hatte sich
-selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen
-Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf
-eine *Ursache* der Erscheinung als unerlaubt ablehnte -- gemäß seiner
-Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen *rein intraphänomenaler*
-Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon
-vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen,
-sondern *gegeben* sei.
-
-
-393.
-
-Es liegt auf der Hand, daß *weder* Dinge an sich miteinander im
-Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, *noch* Erscheinung
-mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und
-Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an
-Erscheinungen glaubt, *nicht anwendbar* ist. Die Fehler Kants --....
-Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch
-nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf
-Wille wirkend glaubt, -- die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde
-nur an „*Seelen*“ (und *nicht* an Dinge). Innerhalb der mechanischen
-Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und
-Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel -- mit
-der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen,
-wohl aber etwas bezeichnet, *verzeichnet* wird.
-
-
-394.
-
-Gegen den *Wert* des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität,
-Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das
-verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange ~vita~ --
-
-
-III. Die Natur -- ein Machtwille.
-
-
-1. Die anorganische Natur.
-
-
-395.
-
-Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können
-durch nichts verhindern, bloße *Quantitätsdifferenzen* als etwas von
-Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als *Qualitäten*,
-die nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das
-Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt,
-gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt
-alle unsre Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen)
-gerade an den Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein
-zugehörigen perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings
-nicht „erkannt“ werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von
-uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in
-einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre
-eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese
-unsre menschlichen Auslegungen und Werte allgemeine und vielleicht
-konstitutive Werte sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des
-menschlichen Stolzes.
-
-
-396.
-
-Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, *Quantitäten* festzustellen;
-aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als
-*Qualitäten* zu empfinden. Die Qualität ist eine *perspektivische*
-Wahrheit für *uns*; kein „An sich“.
-
-Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb
-deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im
-Verhältnis zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne
-um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde
-gehen: -- das heißt, wir empfinden auch *Größenverhältnisse* in bezug
-auf unsre Existenzermöglichung als *Qualitäten*.
-
-
-397.
-
-Von den *Weltauslegungen*, welche bisher versucht worden sind, scheint
-heutzutage die *mechanistische* siegreich im Vordergrund zu stehen.
-Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine
-Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg,
-es sei denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen
-ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und
-die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß
-bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein
-schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende
-Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf
-Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen,
-wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck
-erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt
-sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung
-stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die
-Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten
-Loche werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in
-höchsten Nöten ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“,
-man wird die ~actio in distans~ nicht los: -- man hat den Glauben
-an das Erklären-können selber verloren und gibt mit sauertöpfischer
-Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die
-dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, den
-Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei
-man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität --
-
-
-398.
-
-Der mechanistische Begriff der „*Bewegung*“ ist bereits eine
-Übersetzung des Originalvorgangs in die *Zeichensprache von Auge und
-Getast*.
-
-Der Begriff „*Atom*“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der
-treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine *Zeichensprache aus unsrer
-logisch-psychischen Welt her*.
-
-Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern:
-es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die
-Forderung einer *adäquaten Ausdrucksweise* ist *unsinnig*: es liegt
-im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße *Relation*
-auszudrücken.... Der Begriff „Wahrheit“ ist *widersinnig*. Das ganze
-Reich von „wahr -- falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen
-Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein „Wesen an sich“ (die
-*Relationen* konstituieren erst Wesen --), so wenig es eine „Erkenntnis
-an sich“ geben kann.
-
-
-399.
-
-*Druck* und *Stoß* etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes,
-Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das *zusammenhält*
-und drücken und stoßen *kann*! Aber woher hielte es zusammen?
-
-
-400.
-
-*Gegen* das physikalische *Atom*. -- Um die Welt zu begreifen, müssen
-wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir
-konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen
-konstanten Ursachen finden, *erdichten* wir uns welche -- die Atome.
-Dies ist die Herkunft der Atomistik.
-
-Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in
-Formeln -- ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer
-Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln
-abgekürzt werden kann, berechnet wäre? -- Sodann die „konstanten
-Ursachen“, Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; *erdichtet* --
-was hat man erreicht?
-
-
-401.
-
-„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine
-vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine *Absicht* ein
-Anziehen nicht denken. -- Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen
-oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen -- *das*
-„verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.
-
-Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt
-in der *Unvorstellbarkeit* eines *Geschehens ohne Absichten*: womit
-natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen
-Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an ~causae~ fällt mit dem
-Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).
-
-
-402.
-
-Wir haben „Einheiten“ nötig, um *rechnen* zu können: deshalb ist nicht
-anzunehmen, daß es solche Einheiten *gibt*. Wir haben den Begriff
-der Einheit entlehnt von unserm „Ich“-Begriff, -- unserm ältesten
-Glaubensartikel. Wenn wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten
-wir nie den Begriff „Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir
-reichlich davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs nichts
-für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um die mechanistische
-Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer die Klausel zu machen,
-inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen durchführen: dem Begriff der
-*Bewegung* (aus unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des
-*Atoms* (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“ herstammend): --
-sie hat ein *Sinnenvorurteil* und ein *psychologisches Vorurteil* zu
-ihrer Voraussetzung.
-
-Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu semiotisch, in
-sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln (daß alle Wirkung
-*Bewegung* ist; daß, wo Bewegung ist, *etwas* bewegt wird): sie berührt
-die ursächliche Kraft nicht.
-
-Die *mechanistische* Welt ist so imaginiert, wie das Auge und das
-Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), -- so, daß sie
-berechnet werden kann, -- daß ursächliche Einheiten fingiert sind,
-„Dinge“ (Atome), deren Wirkung konstant bleibt (-- Übertragung des
-falschen Subjektsbegriffs auf den Atombegriff).
-
-*Phänomenal* ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, des
-Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs (Trennung von
-Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs (Auge und Getast): wir
-haben unser *Auge*, unsre *Psychologie* immer noch darin.
-
-Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge übrig, sondern
-dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen andern
-dynamischen Quanten: deren Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern
-Quanten besteht, in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur
-Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein *Pathos* -- ist
-die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein Werden, ein Wirken
-ergibt....
-
-
-403.
-
-Der siegreiche Begriff „*Kraft*“, mit dem unsere Physiker Gott und
-die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß
-ihm ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne
-als „*Willen zur Macht*“, das heißt als unersättliches Verlangen
-nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als
-schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung in die
-Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig eine abstoßende
-Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle
-„Erscheinungen“, alle „Gesetze“ nur als *Symptome* eines *innerlichen*
-Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem Ende
-bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine
-Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus
-dieser einen Quelle.
-
-
-404.
-
-Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, als sie
-Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch wäre zu machen, ob nicht
-eine wissenschaftliche Ordnung der Werte einfach auf einer *Zahl-*
-und *Maßskala der Kraft* aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“
-sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. -- Sie sind überall
-*reduzierbar* auf jene Zahl- und Maßskala der Kraft. Das *Aufwärts* in
-dieser Skala bedeutet jedes *Wachsen an Wert*: das Abwärts in dieser
-Skala bedeutet *Verminderung des Wertes*.
-
-Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. (Die Moralwerte
-sind ja nur *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.)
-
-
-405.
-
-„Die *Kraftempfindung* kann nicht aus Bewegung hervorgehen: Empfindung
-überhaupt kann nicht aus Bewegung hervorgehen.“
-
-„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in einer Substanz
-(Gehirn) wird durch übertragene Bewegung (Reize) Empfindung erzeugt.
-Aber erzeugt? Wäre denn bewiesen, daß die Empfindung dort noch
-gar nicht existiert? so daß ihr Auftreten als *Schöpfungsakt* der
-eingetretenen Bewegung aufgefaßt werden *müßte*? Der empfindungslose
-Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine Erfahrung!
--- Empfindung also *Eigenschaft* der Substanz: es gibt empfindende
-Substanzen.“
-
-„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung *nicht*
-haben? Nein, wir erfahren nur nicht, *daß* sie welche haben. Es
-ist unmöglich, die Empfindung aus der nicht empfindenden Substanz
-abzuleiten.“ -- *O der Übereilung!*
-
-
-406.
-
-Ist jemals schon eine *Kraft* konstatiert? Nein, sondern *Wirkungen*,
-übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im
-Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns *über das
-Wunderliche daran nicht wundern*.
-
-
-407.
-
-Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein leeres Wort
-und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: wie die sogenannte
-rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft, welche uns die Welt
-*vorstellbar machen will*, nichts weiter!
-
-
-408.
-
-Illusion, daß etwas *erkannt* sei, wo wir eine mathematische Formel für
-das Geschehene haben: es ist nur *bezeichnet, beschrieben*: nichts mehr!
-
-
-409.
-
-Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine *Formel* bringe, so habe
-ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt
-usw. Aber ich habe kein „Gesetz“ konstatiert, sondern die Frage
-aufgestellt, woher es kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist
-eine Vermutung, daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten
-Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, zu denken,
-daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so daß infolge ihres Gehorsams
-wir jedesmal das gleiche Phänomen haben.
-
-
-410.
-
-Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist
-kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen zwei oder mehreren
-Kräften. Zu sagen, „aber gerade dies Verhältnis bleibt sich gleich!“
-heißt nichts anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine
-andere Kraft sein.“ -- Es handelt sich nicht um ein *Nacheinander*, --
-sondern um ein *Ineinander*, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich
-folgenden Momente *nicht* als Ursachen und Wirkungen sich bedingen....
-
-Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens von einem, der
-geschehen *macht*, des Prozesses von einem etwas, das nicht Prozeß,
-sondern dauernd, *Substanz*, Ding, Körper, Seele usw. ist, -- der
-Versuch, das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und
-Stellungswechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie
-hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in
-den sprachlich-grammatischen Funktionen eine feste Form gefunden hatte.
-
-
-411.
-
-*Kritik des Mechanismus.* -- Entfernen wir hier die zwei populären
-Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: das erste legt einen falschen
-Zwang, das zweite eine falsche Freiheit in die Welt. „Die Dinge“
-betragen sich nicht regelmäßig, nicht nach einer *Regel*: es gibt keine
-Dinge (-- das ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter
-einem Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn *daß
-etwas so ist, wie es ist*, so stark, so schwach, das ist nicht die
-Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines Zwanges....
-
-Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht -- darum handelt
-es sich bei allem Geschehen: wenn *wir*, zu unserm Handgebrauch der
-Berechnung, das in Formeln und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so
-besser für uns! Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt
-gelegt, daß wir sie als gehorsam fingieren --
-
-Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte
-Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen gibt, darauf beruht die
-Berechenbarkeit.
-
-Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, und die, der es
-widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: die an sich denkbar
-wäre. Es ist essentiell ein Wille zur Vergewaltigung und sich gegen
-Vergewaltigung zu wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in
-das ganze Sein hinaus, -- es ist weggedacht, wenn man diese Strahlung
-von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich es ein Quantum „*Wille zur
-Macht*“: damit ist der Charakter ausgedrückt, der aus der mechanischen
-Ordnung nicht weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.
-
-Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine *sichtbare* Welt --
-eine Welt fürs Auge -- ist der Begriff „Bewegung“. Hier ist immer
-subintelligiert, daß *etwas* bewegt wird, -- hierbei wird, sei es nun
-in der Fiktion eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion,
-dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, welches wirkt, --
-das heißt, wir sind aus der Gewohnheit nicht herausgetreten, zu der
-uns Sinne und Sprache verleiten. Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun,
-das Tun und das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies
-eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik als eine
-Lehre der *Bewegung* ist bereits eine Übersetzung in die Sinnensprache
-des Menschen.
-
-
-412.
-
-Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher
-Ausdruck, *wie als ob* hier eine Regel befolgt werde, kein Tatbestand.
-Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer
-wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir *kein
-„Gesetz“ entdeckt*, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur
-Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so geschieht, wird
-hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen
-ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während
-es, abgesehen vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber
-gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen,
-das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte,
-sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch
-etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder
-frei noch unfrei, sondern eben so und so. *Der Fehler steckt in der
-Hineindichtung eines Subjekts.*
-
-
-413.
-
-Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der *eine* „Ursache“, der andere
-„Wirkung“ -- : ist falsch. Der erste Zustand hat nichts zu bewirken, den
-zweiten hat nichts bewirkt.
-
-Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen Elemente:
-es wird ein Neuarrangement der Kräfte erreicht, je nach dem Maß von
-Macht eines jeden. Der zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom
-ersten (*nicht* dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im Kampf
-befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten herauskommen.
-
-
-414.
-
-Ich hüte mich, von chemischen „*Gesetzen*“ zu sprechen: das hat einen
-moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute
-Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das
-Schwächere Herr, soweit dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht
-durchsetzen kann, -- hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch
-weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!
-
-
-415.
-
-Es gibt nichts *Unveränderliches* in der Chemie: das ist nur
-Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das Unveränderliche
-*eingeschleppt*, immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker.
-Es ist ganz naiv von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der
-Diamant, der Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil
-man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren kann! Nun gut,
-damit haben sie noch etwas gemein; aber die Molekülarbeit bei der
-Verwandlung, die wir nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem
-einen Stoff etwas andres, -- mit spezifisch anderen Eigenschaften.
-
-
-416.
-
-Das „Sein“ -- wir haben keine andere Vorstellung davon als „*leben*“.
--- Wie kann also etwas Totes „sein“?
-
-
-2. Die organische Natur.
-
-
-417.
-
-Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen
-Ernährungsvorgang, heißen wir „*Leben*“. Zu diesem Ernährungsvorgang,
-als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen,
-Vorstellen, Denken, das heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen
-Kräfte; 2. ein Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3.
-ein Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.
-
-
-418.
-
-Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden
-Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. „Leben“ wäre zu definieren
-als eine dauernde Form von *Prozessen* der *Kraftfeststellungen*, wo
-die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern
-auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht
-durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß
-die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt,
-aufgelöst. „Gehorchen“ und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels.
-
-
-419.
-
-Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch *zugegen*: was
-ist bei diesem Vorgange mit Augen und Getast wahrzunehmen gewesen? Was
-ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen?
-Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein *Geschehen für Auge
-und Getast* zurechtlegen, folglich als Bewegungen: er will *Formeln*
-finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen zu *vereinfachen*.
-*Reduktion alles Geschehens* auf den Sinnenmenschen und Mathematiker.
-Es handelt sich um ein *Inventarium der menschlichen Erfahrungen*:
-gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das *menschliche Auge und
-Begriffsvermögen*, der ewige Zeuge aller Dinge gewesen sei.
-
-
-420.
-
-Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, -- daß es
-seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen
-muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moralnarkose, von einem
-Recht des Individuums, sich zu *verteidigen*; im gleichen Sinne dürfte
-man auch von seinem Rechte *anzugreifen* reden: denn *beides* -- und
-das Zweite noch mehr als das Erste -- sind Nezessitäten für jedes
-Lebendige: -- der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht
-Sache der Wahl oder gar des „freien Willens“, sondern die *Fatalität*
-des Lebens selbst.
-
-Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen
-Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ ins Auge faßt. Das
-Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstverteidigung)
-ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt:
-ein Recht wird durch Verträge erworben, -- aber das Sich-wehren und
-Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens
-dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfnis,
-sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr
-und Kolonisation, als Recht bezeichnen, -- Wachstumsrecht etwa. Eine
-Gesellschaft, die, endgültig und ihrem *Instinkt* nach, den Krieg und
-die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie
-und Krämerregiment.... In den meisten Fällen freilich sind die
-Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.
-
-
-421.
-
-Die Physiologen sollten sich besinnen, den „*Erhaltungstrieb*“ als
-einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor allem
-will etwas Lebendiges seine Kraft *auslassen*: die „Erhaltung“ ist
-nur eine der Konsequenzen davon. -- Vorsicht vor *überflüssigen*
-teleologischen Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff
-„Erhaltungstrieb“.
-
-
-422.
-
-„Der Wert des Lebens.“ -- Das Leben ist ein Einzelfall; man muß *alles*
-Dasein rechtfertigen und *nicht* nur das Leben, -- das rechtfertigende
-Prinzip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt.
-
-Das Leben ist nur *Mittel* zu etwas: es ist der Ausdruck von
-Wachstumsformen der Macht.
-
-
-423.
-
-Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im Protoplasma
-nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt
-auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung
-bedingen würde: und vor allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern
-*zerfällt*.... Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses
-Sich-*nicht*-erhalten-wollen zu erklären: „Hunger“ ist schon eine
-Ausdeutung nach ungleich komplizierteren Organismen (-- Hunger ist
-eine spezialisierte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der
-Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes).
-
-
-424.
-
-Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht
-mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist
-Folge einer Ohnmacht.
-
-Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen
-aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.
-
-
-425.
-
-Spott über den falschen „*Altruismus*“ bei den Biologen: die
-Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als
-purer Vorteil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe.
-
-
-426.
-
-„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie -- das heißt: im Kampf
-mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon
-das *Mehrgefühl*, das Gefühl des *Stärkerwerdens*, ganz abgesehen vom
-Nutzen im Kampf, der eigentliche *Fortschritt*: aus diesem Gefühle
-entspringt erst der Wille zum Kampf, --
-
-
-427.
-
-„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos der Entwicklung
-ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug auf möglichste Feststellung
-und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.
-
-
-428.
-
-*Gegen den Darwinismus.* -- Der Nutzen eines Organs erklärt *nicht*
-seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine
-Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm
-nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.
-
-Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug *worauf*
-nützlich?“ Zum Beispiel was der *Dauer* des Individuums nützt, könnte
-seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält,
-könnte es zugleich festhalten und stillstellen in der Entwicklung.
-Andererseits kann ein *Mangel*, eine *Entartung* vom höchsten Nutzen
-sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann
-eine *Notlage* Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf
-das Maß herunterschraubt, bei dem es *zusammenhält* und sich nicht
-vergeudet. -- Das Individuum selbst als Kampf der Teile (um Nahrung,
-Raum usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein *Siegen*, *Vorherrschen*
-einzelner Teile, an ein *Verkümmern*, „Organwerden“ anderer Teile.
-
-Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins Unsinnige
-*überschätzt*: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure
-gestaltende, von innen her formenschaffende Gewalt, welche die „äußeren
-Umstände“ *ausnützt, ausbeutet*.... Die von innen her gebildeten
-*neuen* Formen sind *nicht* auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf
-der Teile wird eine neue Form nicht lange *ohne* Beziehung zu einem
-partiellen Nutzen stehen und dann, dem *Gebrauche* nach, sich immer
-vollkommener ausgestalten.
-
-
-429.
-
-*Anti-Darwin.* -- Was mich beim Überblick über die großen Schicksale
-des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegenteil vor Augen
-zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen
-*will*: die Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen,
-den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift sich mit
-Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der
-höher geratenen Typen, das unvermeidliche Herrwerden der mittleren,
-selbst der *unter-mittleren* Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den
-Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist,
-neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins sich überall getäuscht
-hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter
-aller Veränderung wiedererkenne, gibt uns das Mittel an die Hand,
-warum gerade die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle
-nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn
-sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der
-Schwachen, die Überzahl gegen sich haben. Mein Gesamtaspekt der Welt
-der Werte zeigt, daß in den obersten Werten, die über der Menschheit
-heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die
-Oberhand haben: vielmehr die Typen der ~décadence~, -- vielleicht
-gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses *unerwünschte*
-Schauspiel....
-
-So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die
-Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen
-die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur
-*Moral* formulieren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr
-wert als die Ausnahmen; die ~décadence~-Gebilde mehr als die Mittleren;
-der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben -- und
-das Gesamtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch
-ausgedrückt: „besser *nicht* sein, als sein“.
-
-Gegen die Formulierung der Realität zur Moral *empöre* ich mich:
-deshalb perhorresziere ich das Christentum mit einem tödlichen Haß,
-weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften
-Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu
-geben....
-
-Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien
-vor der Realität vom *umgekehrten* Kampf ums Dasein, als ihn die
-Schule Darwins lehrt, -- nämlich ich sehe überall die obenauf, die
-übrigbleibend, die das Leben, den Wert des Lebens kompromittieren. --
-Der Irrtum der Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind
-sein, um gerade *hier* falsch zu sehen?
-
-Daß die *Gattungen* einen Fortschritt darstellen, ist die
-unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie
-ein *Niveau* dar. Daß die höheren Organismen aus den niederen sich
-entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß
-die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im
-Übergewicht sind, -- ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung
-einen Vorteil abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit:
-diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige
-Veränderung derartig stark geworden ist.
-
-Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man so viel redet, an
-einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie
-schont und schützt und liebt ~les humbles~.
-
-~In summa~: das Wachstum der *Macht* einer Gattung ist durch die
-Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger
-garantiert als durch die Präponderanz der mittleren und niederen
-Typen.... In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit
-ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle
-Zahlverminderung.
-
-
-430.
-
-*Anti-Darwin.* -- Die *Domestikation des Menschen*: welchen definitiven
-Wert kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen
-definitiven Wert? -- Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.
-
-Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegenteil
-zu überreden: sie will, daß die *Wirkung der Domestikation* tief, ja
-fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat
-sich nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung
-durch Domestikation -- oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der
-menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in
-seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt konstant: man kann nicht
-„~dénaturer la nature~“.
-
-Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen
-Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich
-imaginiert man ein *beständiges Wachstum der Vollkommenheit für die
-Wesen*. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das
-Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; daß die
-List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; daß die *Fruchtbarkeit*
-der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den *Chancen der
-Zerstörung* steht....
-
-Man teilt der *natürlichen Selektion* zugleich langsame und unendliche
-Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vorteil sich vererbt und
-sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während
-die Erblichkeit so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen
-Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen, und
-man erklärt, daß sie durch den *Einfluß des Milieus* erlangt seien.
-
-Man findet aber Beispiele *der unbewußten Selektion* nirgendswo
-(ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die
-extremen mischen sich in die Masse. Alles konkurriert, seinen Typus
-aufrechtzuerhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen
-gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter
-Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen,
-wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem
-Milieu an.
-
-Man hat die *Auslese der Schönsten* in einer Weise übertrieben, wie
-sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht!
-Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Kreaturen, das
-Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen
-von jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und gar nicht
-wählerisch zeigen. -- Modifikation durch Klima und Nahrung: -- aber in
-Wahrheit absolut gleichgültig.
-
-Es gibt keine *Übergangsformen*. --
-
-Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes
-Fundament. Jeder Typus hat seine *Grenze*: über diese hinaus gibt es
-keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.
-
-*Meine Gesamtansicht.* -- *Erster Satz*: der Mensch als Gattung ist
-*nicht* im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie
-halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird *nicht* gehoben.
-
-*Zweiter Satz*: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt
-im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. Die gesamte Tier- und
-Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren....
-Sondern alles zugleich und übereinander und durcheinander und
-gegeneinander. Die reichsten und komplexesten Formen -- denn mehr
-besagt das Wort „höherer Typus“ nicht -- gehen leichter zugrunde:
-nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest.
-Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere
-haben eine kompromittierende Fruchtbarkeit für sich. -- Auch in der
-Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die *höheren
-Typen*, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde. Sie
-sind jeder Art von ~décadence~ ausgesetzt: sie sind extrem, und damit
-selbst beinahe schon ~décadents~.... Die kurze Dauer der Schönheit,
-des Genies, des Cäsar ist ~sui generis~: dergleichen vererbt sich
-nicht. Der *Typus* vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein
-„Glücksfall“.... Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen
-Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer Typus“: der
-höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Komplexität, --
-eine größere Summe koordinierter Elemente dar: damit wird auch die
-Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die
-sublimste Maschine, die es gibt, -- folglich die zerbrechlichste.
-
-*Dritter Satz*: die Domestikation (die „Kultur“) des Menschen geht
-nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenereszenz
-(Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch (oder, moralisch ausgedrückt:
-der *böse* Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur -- und, in gewissem
-Sinne, seine Wiederherstellung, seine *Heilung* von der „Kultur“....
-
-
-431.
-
-*Grundirrtümer* der bisherigen Biologen: es handelt sich *nicht* um die
-Gattung, sondern um *stärker auszuwirkende* Individuen. (Die vielen
-sind nur Mittel.)
-
-Das Leben ist *nicht* Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern
-Wille zur Macht, der von innen her immer mehr „Äußeres“ sich unterwirft
-und einverleibt.
-
-Diese Biologen *setzen* die moralischen Wertschätzungen *fort* (--
-der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die Feindschaft gegen die
-Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die
-Rang- und Ständeordnung).
-
-
-432.
-
-Die *Individuation*, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurteilt,
-zeigt das beständige Zerfallen von eins in zwei und das ebenso
-beständige Vergehen der Individuen *auf den Gewinn von wenig*
-Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt
-jedesmal ab („der Leib“).
-
-Das Grundphänomen: *unzählige Individuen geopfert um weniger willen*:
-als deren Ermöglichung. -- Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz
-so steht es mit den *Völkern* und *Rassen*: sie bilden den „Leib“ zur
-Erzeugung von einzelnen *wertvollen Individuen*, die den großen Prozeß
-fortsetzen.
-
-
-433.
-
-Mit der moralischen Herabwürdigung des ~ego~ geht auch noch, in der
-Naturwissenschaft, eine Überschätzung der *Gattung* Hand in Hand. Aber
-die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ~ego~: man hat eine
-falsche Distinktion gemacht. Das ~ego~ ist hundertmal *mehr* als bloß
-eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die *Kette selbst*, ganz
-und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit
-dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft
-behauptet worden ist, das Individuum der Gattung *geopfert* wird, ist
-durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften
-Interpretation.
-
-
-434.
-
-Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil der
-*Gattung*, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des
-eigenen Vorteils: das ist nur *Schein*.
-
-Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den *geschlechtlichen
-Instinkt* nimmt, ist nicht eine *Folge* von dessen Wichtigkeit für
-die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des
-Individuums und sein höchstes Interesse folglich, *seine höchste
-Machtäußerung* (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern
-von dem Zentrum der ganzen Individuation).
-
-
-435.
-
-Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von *Erhaltungs-,
-Steigerungsbedingungen* in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer
-Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.
-
-Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine
-Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns *hineingelegt* (aus
-praktischen, nützlichen, perspektivischen Gründen).
-
-„*Herrschaftsgebilde*“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend
-wachsend oder unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung
---) periodisch abnehmend, zunehmend.
-
-„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen
-dieser herrschaftlichen Zentren („Vielheiten“ jedenfalls; aber die
-„Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden).
-
-Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das „Werden“
-auszudrücken: es gehört zu unserm *unablöslichen Bedürfnis der
-Erhaltung*, beständig eine gröbere Welt von Bleibendem, von „Dingen“
-usw. zu setzen. Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und
-gewiß ist, daß die *kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist*....
-Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, die beständig ihre
-Macht mehren oder verlieren.
-
-
-3. Der Mensch als Naturwesen.
-
-
-436.
-
-Der Mensch.
-
-Am *Leitfaden des Leibes*. -- Gesetzt, daß die „*Seele*“ ein
-anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, von dem sich die
-Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben -- vielleicht
-ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch
-anziehender, noch geheimnisvoller. Der menschliche *Leib*, an dem die
-ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens
-wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg
-und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der
-Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte „Seele“. Es ist zu
-allen Zeiten besser an den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz,
-unser gewissestes Sein, kurz, unser ~ego~ geglaubt worden als an den
-Geist (oder die „Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt
-statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als
-einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine
-Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen als „von einem Gott
-eingeblasen“, seine Instinkte als Tätigkeit im Dämmern zu fassen --
-für diesen Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern
-der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern,
-eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung
-reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen
-der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische
-Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, etwas wie
-Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen, „das
-kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf“. -- Umgekehrt
-haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten
-Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als
-Täuschung (und zwar als überwundene und abgetane Täuschung) zu nehmen,
-nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit anzuerkennen, daß der
-Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse teils
-bei Paulus, teils in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was
-bedeutet zuletzt *Stärke des Glaubens*? Deshalb könnte es immer noch
-ein sehr dummer Glaube sein! -- Hier ist nachzudenken: --
-
-Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses
-ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten
-behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des
-Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist?
-Gesetzt, die Vielheit und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles
-die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären
-Irrtümer -- welches Mißtrauen würde dies gegen den Geist erregen, der
-uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat? Genug, der Glaube an den
-Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube
-an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am
-gründlichsten auch den Glauben an die Autorität des Geistes!
-
-
-437.
-
-Der Leib als Herrschaftsgebilde.
-
-Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der
-Zellen und Gewebe).
-
-Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich
-durch *Herunterdrückung* eines niederen auf eine Funktion.
-
-Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.
-
-„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des
-Willens zur Macht.
-
-Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht der
-herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.
-
-Die *gestaltende* Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr
-„Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines
-Organismus aus dem Ei.
-
-„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die
-Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge
-beschreiben, nicht erklären.
-
-Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der Pflanzen.
-
-Begriff der „Vervollkommnung“: *nicht* nur größere Kompliziertheit,
-sondern größere *Macht* (-- braucht nicht nur größere Masse zu sein --).
-
-Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht
-in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug
-die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und
-beweglichstes Werkzeug).
-
-
-438.
-
-In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus
-ist der uns *bewußt* werdende Teil ein bloßes Mittel: und das bißchen
-„Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine
-vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen
-gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen
-Unmoralität zu studieren....
-
-Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach wichtiger
-als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: letztere sind ein
-Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen
-Funktionen. Das ganze *bewußte* Leben, der Geist samt der Seele, samt
-dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet
-es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-,
-Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor allem der
-*Lebenssteigerung*.
-
-Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“
-nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette
-des Lebens fortzuspinnen, und so, *daß der Faden immer mächtiger wird*
--- das ist die Aufgabe.
-
-Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich
-verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu *verkehren*: wie als ob
-*sie* die Ziele wären!.... Die *Entartung des Lebens* ist wesentlich
-bedingt durch die außerordentliche *Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins*:
-es wird am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und *vergreift*
-sich deshalb am längsten und gründlichsten.
-
-Nach den *angenehmen* und *unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins*
-abmessen, ob das Dasein *Wert* hat: kann man sich eine tollere
-Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: -- und
-angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!
-
-Woran mißt sich objektiv der *Wert*? Allein an dem Quantum
-*gesteigerter* und *organisierter* Macht....
-
-
-439.
-
-Die normale *Unbefriedigung* unsrer Triebe, zum Beispiel des Hungers,
-des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus
-noch nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das
-Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen
-es *stärkt*, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese
-Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große *Stimulans*
-des Lebens.
-
-(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus
-kleiner Unlustreize.)
-
-
-440.
-
-Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, -- ich will sagen, er ist
-*nicht* deren Gegenteil.
-
-Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden ist als ein
-*Plusgefühl* von Macht (somit als ein Differenzgefühl, das die
-Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der „Unlust“
-noch nicht definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und
-*folglich* die Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln
-für den Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art
-Lust bedingt ist durch eine gewisse *rhythmische Abfolge* kleiner
-Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls,
-des Lustgefühls erreicht. Dies ist der Fall zum Beispiel beim Kitzel,
-auch beim geschlechtlichen Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen
-dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust tätig. Es scheint,
-eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort wieder eine
-kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird -- dieses Spiel
-von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger,
-überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht.
-
-Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine
-eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts
-Umgekehrtes.
-
-Der Schmerz ist ein *intellektueller* Vorgang, in dem entschieden
-ein Urteil laut wird, -- das Urteil „*schädlich*“, in dem sich lange
-Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt es keinen Schmerz. Es ist
-*nicht* die Verwundung, die weh tut; es ist die Erfahrung, von welchen
-schlimmen Folgen eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann,
-welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt
-(bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt
-geblieben sind, zum Beispiel von seiten neu kombinierter giftiger
-Chemikalien, fehlt auch die Aussage des Schmerzes, -- und wir sind
-verloren).
-
-Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange
-Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden Choks im
-zerebralen Herde des Nervensystems: -- man leidet eigentlich *nicht*
-an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner Verletzung zum Beispiel),
-sondern an der langen Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks
-eintritt. Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde,
-die Lust ist durchaus keine Krankheit.
-
-Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat zwar den
-Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil für sich; aber in
-plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die Gegenbewegung
-ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um
-mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum
-an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu tun ist,
-zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide ich so deutlich als
-möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten,
-folgt und dann in einer meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter
-Welle plötzlich im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also
-*nicht* auf den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die
-verwundete Stelle: -- aber das Wesen dieses Lokalschmerzes ist trotzdem
-nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung; er ist ein bloßes
-Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart der Verwundung gemäß ist, welche
-die Nervenzentren davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die
-Muskelkraft des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durchaus noch
-keinen Anhalt dafür, das *Wesen* des Schmerzes in einer Verminderung
-des Machtgefühls zu suchen.
-
-Man reagiert, nochmals gesagt, *nicht* auf den Schmerz: die Unlust ist
-keine „Ursache“ von Handlungen. Der Schmerz selbst ist eine Reaktion,
-die Gegenbewegung ist eine andre und *frühere* Reaktion, -- beide
-nehmen von verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt....
-
-
-441.
-
-Man hat die Unlust verwechselt mit einer *Art* der Unlust, mit der der
-Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine tiefe Verminderung und
-Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar.
-Das will sagen: es gibt a) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der
-Macht, und b) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Falle
-ein ~stimulus~, im letztern die Folge einer übermäßigen Reizung....
-Die Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die
-Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust,
-welche im Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das
-Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg....
-
-Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie
-diese beiden *Lustarten* -- die des *Einschlafens* und die des
-*Sieges* -- nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften wollen Ruhe,
-Gliederausstrecken, Frieden, Stille, -- es ist das *Glück* der
-nihilistischen Religionen und Philosophien; die Reichen und Lebendigen
-wollen Sieg, überwundene Gegner, Überströmen des Machtgefühls über
-weitere Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus
-haben dies Bedürfnis, -- und der ganze Organismus ist ein solcher nach
-Wachstum von Machtgefühlen ringender Komplex von Systemen -- -- --
-
-
-442.
-
-Intellektualität des *Schmerzes*: er bezeichnet nicht an sich, was
-augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen *Wert* die Schädigung
-hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.
-
-Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und *nicht* das Individuum
-leidet --?
-
-
-443.
-
-„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre das
-Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ -- „Die Welt ist etwas, das
-vernünftigerweise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr
-Unlust als Lust verursacht“ -- dergleichen Geschwätz heißt sich heute
-Pessimismus!
-
-Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werturteile
-*zweiten Ranges*, die sich erst ableiten von einem regierenden Wert, --
-ein in Form des Gefühls redendes „nützlich“, „schädlich“, und folglich
-absolut flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“
-sind immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.
-
-Ich verachte diesen *Pessimismus der Sensibilität*: er ist selbst ein
-Zeichen tiefer Verarmung am Leben.
-
-
-444.
-
-Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie
-allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „*Der
-Mensch strebt nach Glück*“ zum Beispiel -- was ist daran wahr? Um zu
-verstehen, was „Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben
-ist, muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Tier gelten.
-„Wonach strebt die Pflanze?“ -- aber hier haben wir bereits eine
-falsche Einheit erdichtet, die es nicht gibt: die Tatsache eines
-millionenfachen Wachstums mit eigenen und halbeigenen Initiativen
-ist versteckt und verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“
-voranstellen. Daß die letzten kleinsten „Individuen“ *nicht* in
-dem Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich
-sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt -- das ist zu
-allererst sichtbar: aber strebt ein jedes von ihnen, wenn es sich
-dergestalt verändert, *nach Glück*? -- Aber alles Sichausbreiten,
-Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung
-ist essentiell etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was
-hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt die
-Unlust will und fortwährend aufsucht. -- Worum kämpfen die Bäume eines
-Urwaldes miteinander? Um „Glück“? -- Um *Macht*!....
-
-Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine
-eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden haben folgen,
-haben nützlich sein gelernt) -- der Mensch, im Vergleich zu einem
-Vormenschen, stellt ein ungeheures Quantum *Macht* dar, -- nicht ein
-Plus von „Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück *gestrebt*
-habe?....
-
-
-445.
-
-*Der Glaube an „Affekte“.* -- Affekte sind eine Konstruktion des
-Intellekts, eine *Erdichtung von Ursachen*, die es nicht gibt.
-Alle körperlichen *Gemeingefühle*, die wir nicht verstehen, werden
-intellektuell ausgedeutet, das heißt ein *Grund* gesucht, um sich
-so oder so zu fühlen, in Personen, Erlebnissen usw. Also etwas
-Nachteiliges, Gefährliches, Fremdes wird *gesetzt*, als wäre es die
-Ursache unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung
-*hinzugesucht*, um der *Denkbarkeit* unseres Zustandes willen. --
-Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens
-werden als „Zorn“ *interpretiert*: die Personen und Sachen, die uns
-zum Zorn reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand.
--- Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und
-Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der Anblick gewisser
-Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls hervorbringt und speziell
-irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung usw. mit sich bringt: also
-durch die Nachbarschaft. „Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann.
-
-In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits *Urteile*: die Reize werden
-unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht.
-
-*Der Glaube an das Wollen.* Es ist Wunderglaube, einen Gedanken als
-Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die *Konsequenz der
-Wissenschaft* verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns
-*denkbar* gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw.
-uns *denkbar* machen, das heißt sie *leugnen* und als *Irrtümer des
-Intellekts* behandeln.
-
-
-446.
-
-Wenn wir etwas tun, so entsteht ein *Kraftgefühl*, oft schon vor
-dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden (wie beim Anblick eines
-Feindes, eines Hemmnisses, dem wir uns *gewachsen* glauben): immer
-begleitend. Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der
-Handlung, es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist der Glaube
-an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei
-wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren. -- Nirgends aber bewegt
-die Kraft die Dinge; die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln
-in Bewegung“. „Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung,
-keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig wie die Kraft als
-Bewegendes die *Notwendigkeit* einer Bewegung.“ Die Kraft soll das
-Zwingende sein! „Wir erfahren nur, daß eins auf das andre folgt, --
-weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“
-Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges in den
-Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“ entsteht dadurch,
-das heißt, wir haben uns den Vorgang angemenschlicht, „bekannter“
-gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit *Kraftgefühl
-verbundenen menschlichen Erzwingens*.
-
-
-447.
-
-Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich
-weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den
-mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was
-gibt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht
-im Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der
-scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet,
-die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder
-schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser „Wissen“ und unser „Tun“
-in diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen
-Reichen. -- Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch
--- was heißt das? Hier ist alles *gewußt*, was zur Durchführung des
-Planes gehört, weil alles befohlen werden muß: aber auch hier sind
-Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an
-die Not des Augenblicks, Maß der Kraft usw.
-
-
-448.
-
-Die Wissenschaft fragt *nicht*, was uns zum Wollen trieb: sie *leugnet*
-vielmehr, daß *gewollt* worden ist, und meint, daß etwas ganz anderes
-geschehen sei -- kurz, daß der Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine
-Illusion sei. Sie fragt nicht nach den *Motiven* der Handlung, als ob
-diese uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie
-zerlegt erst die Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen
-und sucht die Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung -- aber nicht
-im Fühlen, Empfinden, Denken. *Daher* kann sie nie die Erklärung geben:
-die Empfindung ist ja eben ihr Material, *das erklärt werden soll*. --
-Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, *ohne* zu Empfindungen als
-Ursache zu greifen: denn das hieße ja: *als Ursache* der Empfindungen
-die *Empfindungen* ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht
-gelöst.
-
-Also: entweder *kein* Wille -- die Hypothese der Wissenschaft --, oder
-*freier* Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir
-uns nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese *bewiesen* wäre.
-
-Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung
-gebaut, daß der freie Wille *Ursache sei von jeder Wirkung*: erst daher
-haben wir das Gefühl der Kausalität. Also darin liegt auch das Gefühl,
-daß jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache -- wenn
-der Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind *nicht notwendig*“
--- das *liegt* im Begriff „*Wille*“. Notwendig ist die Wirkung nach
-der Ursache -- so fühlen wir. Es ist eine *Hypothese*, daß auch unser
-Wollen in jedem Falle ein Müssen sei.
-
-
-449.
-
-Unfreiheit oder Freiheit des Willens? -- Es gibt *keinen* „*Willen*“:
-das ist nur eine vereinfachende Konzeption des Verstandes, wie
-„Materie“.
-
-*Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich vorbereitet sein,
-bevor sie gewollt werden.* Oder: der „Zweck“ tritt im Gehirn *zumeist*
-erst auf, wenn alles vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck
-ein „innerer“ „Reiz“ -- nicht *mehr*.
-
-
-450.
-
-Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, eines Charakters,
-eines Daseins in die *Absicht* gelegt, in den Zweck, um dessentwillen
-getan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des
-Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, -- gesetzt nämlich,
-daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in
-den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine
-Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen Sinn“, -- diese
-melancholische Sentenz heißt „aller Sinn liegt in der Absicht, und
-gesetzt, daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und
-gar der Sinn“. Man war jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den
-Wert des Lebens in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in die
-fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des
-Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck
--- ~progressus in infinitum~ gekommen: man hatte endlich nötig, sich
-einen Platz in dem „Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen
-Perspektive vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).
-
-Dem gegenüber bedarf der „*Zweck*“ einer strengeren Kritik: man muß
-einsehen, daß eine Handlung *niemals verursacht wird durch einen
-Zweck*; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte
-eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten
-anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn etwas auf einen Zweck
-hin getan wird, etwas Grundverschiedenes und andres geschieht; daß
-in bezug auf jede Zweckhandlung es so steht, wie mit der angeblichen
-Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße
-Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat
-„Zweck“, hat „Sinn“ --; daß ein „Zweck“ mit seinen „Mitteln“ eine
-unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als
-„*Wille*“ zwar kommandieren kann, aber ein System von gehorchenden und
-eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten
-lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein System von
-zweck- und mittelsetzenden *klügeren*, aber engeren Intellekten, um
-unserm einzig bekannten „Zweck“ die Rolle der „Ursache einer Handlung“
-zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße,
-um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer
-Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen --).
-
-Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine *Begleiterscheinung* sein,
-in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige
-Handlung hervorrufen -- ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses
-Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was geschieht,
-als ein Symptom selbst vom Geschehen, *nicht* als dessen Ursache? --
-Aber damit haben wir den *Willen selbst* kritisiert: ist es nicht
-eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als
-Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur
-Enderscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem
-Hintereinander innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? Dies
-könnte eine Illusion sein. --
-
-
-451.
-
-Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber
-*weiter zurück* liegt eine Vorgeschichte, die *weiter hinaus* deutet:
-die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren
-*späteren* Tatsache. Die *kürzeren* und die *längeren* Prozesse sind
-nicht getrennt --
-
-
-452.
-
-Theorie des *Zufalls*. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes
-Wesen äußerst klug und schöpferisch *fortwährend* (diese *schaffende*
-Kraft gewöhnlich übersehen! nur als „*passiv*“ begriffen).
-
-Ich erkannte die *aktive Kraft*, das Schaffende inmitten des
-Zufälligen: -- Zufall ist selber nur *das Aufeinanderstoßen der
-schaffenden Impulse*.
-
-
-453.
-
-Die *überschüssige* Kraft in der *Geistigkeit*, *sich selbst* neue
-Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die
-niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“.
-
-Wir sind *mehr* als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit
-den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.
-
-
-454.
-
-Der bisherige Mensch -- gleichsam ein Embryo des Menschen der Zukunft;
--- *alle* gestaltenden Kräfte, die auf *diesen* hinzielen, sind in ihm:
-und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum,
-*je mehr es zukunftsbestimmend ist, Leiden*. Dies ist die tiefste
-Auffassung des *Leidens*: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. -- Die
-Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen -- in Wahrheit fließt
-etwas fort *unter* den Individuen. *Daß* es sich einzeln fühlt, ist
-der *mächtigste Stachel* im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin:
-sein Suchen für *sein* Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden
-Kräfte andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber
-zerstören.
-
-
-IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille.
-
-
-1. Der Mensch als geselliges Wesen.
-
-
-455.
-
-Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische
-Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren --
-Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu
-Füßen sehen.
-
-
-456.
-
-Das Individuum ist etwas ganz *Neues* und *Neuschaffendes*, etwas
-Absolutes, alle Handlungen ganz *sein* eigen.
-
-Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich
-selber: weil er auch die überlieferten Worte sich *ganz individuell
-deuten* muß. Die *Auslegung* der Formel ist mindestens persönlich,
-wenn er auch keine Formel schafft: als *Ausleger* ist er immer noch
-schaffend.
-
-
-457.
-
-Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann
-und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich.
-Die *zunehmende „Vermenschlichung“* in dieser Tendenz besteht darin,
-daß immer *feiner* empfunden wird, wie schwer der andere wirklich
-*einzuverleiben* ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über
-ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr *entfremdet*, --
-also ihn weniger unterwerfbar macht.
-
-
-458.
-
-Der *Individualismus* ist eine bescheidene und noch unbewußte Art
-des „Willens zur Macht“; hier scheint es dem Einzelnen schon genug,
-*freizukommen* von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates
-oder der Kirche). Er setzt sich *nicht als Person* in Gegensatz,
-sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die
-Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv *gleich* an *mit jedem
-Einzelnen*; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person,
-sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesamtheit.
-
-Der *Sozialismus* ist bloß ein *Agitationsmittel des Individualismus*:
-er begreift, daß man sich, um etwas zu erreichen, zu einer Gesamtaktion
-organisieren muß, zu einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die
-Sozietät als Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als *Mittel
-zur Ermöglichung vieler Einzelnen*: -- das ist der Instinkt der
-Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (-- abgesehen, daß sie,
-um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische
-Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus: eine der gewöhnlichsten
-Falschheiten des *neunzehnten* Jahrhunderts.
-
-Der *Anarchismus* ist wiederum bloß ein *Agitationsmittel des
-Sozialismus*; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu
-faszinieren und zu terrorisieren: vor allem -- er zieht die Mutigen,
-die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten.
-
-Trotz alledem: der *Individualismus* ist die *bescheidenste* Stufe des
-Willens zur Macht.
-
- * * * * *
-
-Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man mehr: es
-tritt die *Sonderung* heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne
-setzt sich nicht ohne weiteres mehr gleich, sondern er *sucht nach
-seinesgleichen*, -- er hebt andere von sich ab. Auf den Individualismus
-folgt die *Glieder-* und *Organbildung*: die verwandten Tendenzen
-sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen diesen
-Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger Kräfte,
-Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von *Austausch der Leistungen*.
-Am Schluß: eine *Rangordnung*.
-
-Rekapitulation:
-
-1. Die Individuen machen sich frei;
-
-2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der Rechte“ überein
-(-- „Gerechtigkeit“ als Ziel --);
-
-3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen *Ungleichheiten der
-Kraft* in eine *vergrößerte Wirkung* (weil im großen ganzen der Friede
-herrscht und viele kleine Kraftquanta schon Differenzen ausmachen,
-solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisieren sich die
-Einzelnen zu *Gruppen*; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach
-Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von neuem.
-
-Man will *Freiheit*, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie,
-will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu
-ihr), will man „*Gerechtigkeit*“, das heißt *gleiche Macht*.
-
-
-459.
-
-Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um
-*obenauf* zu bleiben, das ist das Maß der *Freiheit*, sei es
-für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als
-positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form
-der Individualfreiheit, der Souveränität wüchse demnach mit großer
-Wahrscheinlichkeit nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf,
-dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über
-dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten,
-wo das „Individuum“ bis zu jener Vollkommenheit *reif*, das heißt
-*frei* wird, wo der klassische Typus des *souveränen Menschen* erreicht
-ist: o nein! das waren niemals humane Zeiten!
-
-Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf -- oder unten, wie ein Wurm,
-verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben,
-um Tyrann, das heißt *frei* zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil,
-hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen,
-damit kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.
-
-
-460.
-
-Unsre neue „Freiheit“. -- Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu
-empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir *nicht* in
-ein System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß der
-Begriff „Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz
-hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich,
-sondern nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser
-Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen
-ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine
-kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (--
-jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und
-Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig
-macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische
-Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges
-sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)
-
-
-461.
-
-Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser
-Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die ~race moutonnière~
-ansehen, die sie selber sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr
-Herren Zukunftssoziologen! Das Individuum ist stark geworden unter
-*umgekehrten* Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und
-Verkümmerung des Menschen, ihr *wollt* sie selbst und braucht den
-ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid *derart*, daß ihr
-eure Herdentierbedürfnisse wirklich als *Ideal* empfindet!
-
-Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!
-
-
-462.
-
-Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer
-kennzeichnen: das *Individualistische* und die *Forderung gleicher
-Rechte*: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine
-äußerst verwundbare Eitelkeit: -- diese fordert, bei ihrem Bewußtsein,
-wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt gelte,
-daß er nur ~inter pares~ sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse
-charakterisiert, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte
-nicht erheblich auseinandergehen. Der Stolz, welcher Einsamkeit und
-wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständnis; die ganz „großen“
-Erfolge gibt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein
-Massenerfolg immer eigentlich ein *kleiner* Erfolg ist: weil ~pulchrum
-est paucorum hominum~.
-
-Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der Menschen; die
-Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. Das Individualprinzip lehnt
-die *ganz großen* Menschen ab und verlangt unter ungefähr gleichen das
-feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und
-weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten
-Kulturen -- also erwarten kann, sein Teil Ehre zurückzubekommen --,
-deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste
-statt wie niemals noch: es gibt dem Zeitalter einen Anstrich von
-*grenzenloser Billigkeit*. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut
-ohne Grenzen *nicht* gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in
-den Künsten, sondern gegen die *vornehmen* Menschen, welche das Lob
-der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (zum Beispiel über
-alles und jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist *antiaristokratisch*.
-
-Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen
-in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die
-Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die
-größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland;
-Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder
-Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche
-Zustände und der Mangel der *kleinen Eitelkeit* nötig ist.
-
-
-463.
-
-*Morphologie der Selbstgefühle.*
-
-*Erster Gesichtspunkt*: inwiefern die *Mitgefühls-* und
-*Gemeinschaftsgefühle* die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind,
-zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung
-im einzelnen noch gar nicht möglich ist.
-
-*Zweiter Gesichtspunkt*: inwiefern die *Höhe des
-Kollektivselbstgefühls*, der Stolz auf die Distanz des
-Clans, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen
-Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des
-*Individualselbstgefühls* ist: namentlich insofern sie den Einzelnen
-zwingt, den Stolz des Ganzen zu *repräsentieren*: -- er muß reden
-und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die
-Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich
-als *Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit* fühlt.
-
-*Dritter Gesichtspunkt*: inwiefern diese Formen der *Entselbstung*
-tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern
-höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst
-Zustand des Propheten, Dichters.
-
-*Vierter Gesichtspunkt*: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze
-dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand,
-eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde
-*anerzieht* und *erlaubt*, welche er nicht um seiner selbst willen sich
-zugestehen würde.
-
-~In summa~: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der
-Personal*souveränität*. Der vornehme Stand ist der, welcher die
-Erbschaft dieser Übung macht.
-
-
-464.
-
-Die *maskierten* Arten des Willens zur Macht:
-
-1. Verlangen nach *Freiheit*, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht,
-Frieden, *Koordination*. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In
-niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.
-
-2. Die *Einordnung*, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht
-zu befriedigen: die *Unterwerfung*, das Sich-unentbehrlich-machen,
--nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die *Liebe*, als ein
-Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, -- um über ihn zu herrschen.
-
-3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem
-*höheren* Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; die
-Anerkennung einer Rangordnung, die das *Richten* erlaubt, auch über die
-Mächtigeren; die Selbstverurteilung; die Erfindung *neuer Werttafeln*
-(Juden: klassisches Beispiel).
-
-
-465.
-
-Zum „Macchiavellismus“ der Macht.
-
-Der *Wille zur Macht* erscheint
-
-a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille
-zur „*Freiheit*“: bloß das *Loskommen* scheint das Ziel
-(moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“;
-„evangelische Freiheit“ usw.);
-
-b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille
-zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf
-den Willen zur „*Gerechtigkeit*“, das heißt zu dem *gleichen Maß von
-Rechten*, wie die herrschende Art sie hat;
-
-c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten als „*Liebe*
-zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als
-Mitleid; „Selbstopferung“ usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen,
-In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit
-einem großen Quantum Macht, dem man *Richtung zu geben vermag*: der
-Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (-- auch die
-Geschlechtsliebe gehört hierher: sie *will* die Überwältigung, das
-In-Besitz-nehmen, und sie *erscheint* als Sich-hingeben. Im Grunde ist
-es nur die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, -- seine
-Überzeugung davon, daß ihm das und das *zugehört*, als einem, der
-imstande ist, *es zu benutzen*).
-
-„*Freiheit*“, „*Gerechtigkeit*“ und „*Liebe*“!!! --
-
-
-466.
-
-*Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.* -- Hat man begriffen, inwiefern
-„Individuum“ ein Irrtum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der *ganze
-Prozeß* in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst
---), so hat das Einzelwesen eine *ungeheuer große Bedeutung*. Der
-Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt *nachläßt*, --
-wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst für andere sucht,
-kann man sicher auf Ermüdung und *Entartung* schließen. Der Altruismus
-der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür,
-sich wenigstens einen *zweiten* Wert zu schaffen, im Dienste *anderer*
-Egoismen. Meistens aber ist er nur *scheinbar*: ein *Umweg* zur
-Erhaltung des *eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls*. --
-
-
-467.
-
-Die *Kunstgriffe*, um Handlungen, Maßregeln, Affekte zu ermöglichen,
-welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“, -- auch nicht
-mehr „schmackhaft“ sind:
-
-die *Kunst* „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche
-„entfremdete“ Welten eintreten läßt;
-
-der *Historiker* zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen;
-der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher;
-Soziologie;
-
-die „*Unpersönlichkeit*“ (so daß wir als *Media* eines Kollektivwesens
-uns diese Affekte und Handlungen gestatten -- Richterkollegien, Jury,
-Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Sozietät, „Kritiker“ --) gibt uns das
-Gefühl, *als ob wir ein Opfer brächten*....
-
-
-468.
-
-*Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben* -- ist das mein
-unwillkürliches Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern
-er der *starke Mensch* ist? (Das Urteil *Dostoiewskys* über die
-Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)
-
-
-469.
-
-Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten
-Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der
-Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine Tat verkleinernd
-und verleumdend, einen *mißglückten Typus von Verbrecher*; und wir
-widerstreben der Vorstellung, daß *alle großen Menschen Verbrecher
-waren* (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das
-Verbrechen zur Größe gehört (-- so nämlich geredet aus dem Bewußtsein
-der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen
-*hinuntergestiegen* sind --). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen,
-dem Gewissen, der Pflicht -- jeder große Mensch kennt diese seine
-Gefahr. Aber er *will* sie auch: er *will* das große Ziel und darum
-auch dessen Mittel.
-
-
-470.
-
-Das *Verbrechen* gehört unter den Begriff „Aufstand wider die
-gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen Aufständischen nicht:
-man *unterdrückt* ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und
-verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande nichts zu
-verachten, -- und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch
-zu sein, erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es gibt
-Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte,
-weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, gegen das der Krieg not
-tut: -- wo er uns aus dem Schlummer weckt.
-
-Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem Einzelnen, ist
-nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im
-Kriegszustand ist: die Tat als bloßes Symptom.
-
-Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: Niederwerfung
-eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze
-oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht *Verachtung* durch
-die Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der
-sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, -- ein Mann des Muts.
-Man soll insgleichen die Strafe nicht als Buße nehmen; oder als eine
-Abzahlung, wie als ob es ein Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und
-Strafe, -- die Strafe reinigt nicht, *denn* das Verbrechen beschmutzt
-nicht.
-
-Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen
-Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur
-*Rasse des Verbrechertums* gehört. In letzterem Falle soll man ihm
-den Krieg machen, noch bevor er etwas Feindseliges getan hat (erste
-Operation, sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).
-
-Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren noch den
-niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil anrechnen. Nichts ist
-gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein
-revoltierter Instinkt, die Ranküne des ~déclassé~ oft nicht sich zum
-Bewußtsein gelangt, ~faute de lecture~), daß er unter dem Eindruck
-der Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: von
-jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der
-Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgibt und seiner Tat durch
-eine Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine
-Beraubung, während es ihm am Blute lag).
-
-Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach einer einzelnen
-Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die
-Hautrelieftaten ganz besonders insignifikant. Wenn unsereiner kein
-Verbrechen, zum Beispiel keinen Mord, auf dem Gewissen hat -- woran
-liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben.
-Und täten wir es, was wäre damit an unserm Werte bezeichnet? An sich
-würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute,
-unter Umständen einen Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen
-drücken sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht
-fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen
-jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und
-wertvollsten Bestandteil des russischen Volkes. Wenn bei uns der
-Verbrecher eine schlecht ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so
-gereicht dies unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in
-der Zeit der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine
-eigne Art von Tugend, -- Tugend im Renaissancestile freilich, ~virtù~,
-moralinfreie Tugend.
-
-Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht
-mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere
-Entwürdigung und Schädigung als irgendein Verbrechen.
-
-
-471.
-
-Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse Bußen
-an verächtliche Menschen (Sklaven zum Beispiel) geknüpft wurden. Die,
-welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen, und
-schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes.
-
-
-472.
-
-Im alten Strafrecht war ein *religiöser* Begriff mächtig: der der
-sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen
-Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich
-das *los*, für was man so viel hat leiden *wollen*. Gesetzt, daß
-an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so gibt es hinterdrein
-eine *Erleichterung* und ein *Aufatmen*, das wirklich einer neuen
-Gesundheit, einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur seinen
-Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst
-auch wieder achtungswürdig geworden, -- „rein“.... Heute isoliert
-die Strafe noch mehr als das Vergehen; das *Verhängnis* hinter einem
-Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man
-kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus.... Von jetzt ab
-gibt es einen Feind mehr.
-
-Das ~jus talionis~ *kann* diktiert sein durch den Geist der Vergeltung
-(das heißt durch eine Art Mäßigung des Racheinstinktes); aber bei
-*Manu* zum Beispiel ist es das Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um
-zu *sühnen*, um religiös wieder „frei“ zu sein.
-
-
-473.
-
-Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren
-Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe tun
-sollen gemäß der Größe des Verbrechens -- und so wollt ihr's ja
-alle im Grunde! -- nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional
-seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: -- das heißt,
-es dürfte eine *vorherige* Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es
-dürfte einen Strafkodex *gar nicht geben*? Aber in Anbetracht, daß es
-nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Gradskala seiner
-Lust und Unlust festzustellen, so würde man ~in praxi~ wohl auf das
-Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich -- --
-
-
-474.
-
-Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche, wie
-alle moralische Wissenschaft, noch nicht einmal in der Windel liegt!
-
-Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei sich dünkenden
-Juristen, die älteste und wertvollste *Bedeutung* der Strafe -- man
-kennt sie gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht
-auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die
-Völkervergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen
-Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als „Philosophie des
-Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen Menschen
-abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes
-Geflecht, auch in bezug auf seine rechtlichen Wertschätzungen, daß er
-die verschiedensten *Ausdeutungen* erlaubt.
-
-
-475.
-
-Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde gehen
-sollen, so hätten sie viele Gesetze.
-
-
-476.
-
-„Lohn und Strafe“. -- Das lebt miteinander, das verfällt miteinander.
-Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden *anerkennen*, der
-straft.... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man *will* etwas, man hat
-Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, *wenn man
-sich verträgt*, -- wenn man einen *Vertrag* macht.
-
-Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“
-gemacht hat: -- der Verbrecher ist ein *Vertragsbrüchiger*.... Das
-wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und
-*prinzipielle* Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben
-dulden....
-
-
-477.
-
-Die *Gegenseitigkeit*, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen:
-eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie
-bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als
-*unmoralisch* abwertet....
-
-
-478.
-
-Die Zeiten, wo man mit *Lohn* und *Strafe* den Menschen *lenkt*, haben
-eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei
-*Kindern*....
-
-Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz
-etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe *aufhebt*....
-Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche
-*Bestimmen* der Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen
-sind die Impulse so *unwiderstehlich*, daß eine bloße Vorstellung
-ganz ohnmächtig ist; -- nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz
-gegeben ist, sondern ihm folgen *müssen*: diese extreme Irritabilität
-der ~décadents~ macht solche Straf- und *Besserungs*systeme vollkommen
-sinnlos.
-
-Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und
-starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder *ausgeglichen*
-werden soll, um ihn *nicht* für die Gemeinde zu *verlieren*, um ihn
-nicht als *Feind* zu haben.
-
-
-2. Der Staat.
-
-
-479.
-
-Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich *verantwortlich*. Die Vielheiten
-sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen der Einzelne nicht den Mut
-hat. Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal
-*aufrichtiger* und *belehrender* über das Wesen des Menschen als das
-Individuum, welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen Begierden zu
-haben....
-
-Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als *Privatmannklugheit*: die
-Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen einander.... Das Gebot
-der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbarliebe
-erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle
-uns angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns
-feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns *deren*
-Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.“
-
-Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der
-Mensch als Gesellschaft viel *naiver* ist als der Mensch als „Einheit“.
-Die „Gesellschaft“ hat die *Tugend* nie anders gesehen, denn als Mittel
-der Stärke, der Macht, der Ordnung.
-
-Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner Kraft würde die
-Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die
-Furcht vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und jeden im
-ruhigen Besitz des Seinen läßt.“
-
-
-480.
-
-Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten oder auch nur zu
-peitschen oder auch nur zu --, aber die ungeheure Maschine von *Staat*
-überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das,
-was er tut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.).
-
--- Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates *tut*, geht wider seine
-Natur.
-
--- insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im
-Staate *lernt*, geht wider seine Natur.
-
-Das wird erreicht durch die *Arbeitsteilung* (so daß niemand die ganze
-Verantwortlichkeit mehr hat):
-
-der Gesetzgeber -- und der, der das Gesetz ausführt;
-
-der Disziplinlehrer -- und die, welche in der Disziplin hart und streng
-geworden sind.
-
-
-481.
-
-Der *Staat* oder die organisierte *Unmoralität*, -- *inwendig*: als
-Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; *auswendig*: als Wille
-zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache.
-
-Wie wird es erreicht, daß er eine *große Menge* Dinge tut, zu
-denen der *Einzelne* sich nie verstehen würde? -- Durch Zerteilung
-der Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch
-*Zwischenlegung* der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der
-Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der
-Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, -- kurz aller typischen
-Züge, welche dem Herdentypus *widersprechen*.
-
-
-482.
-
-Versuch meinerseits, die *absolute Vernünftigkeit* des
-gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen (natürlich
-frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen).
-
-: den Grad von *psychologischer Falschheit* und Undurchsichtigkeit,
-um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu
-*heiligen* (um sich für sie das *gute Gewissen* zu schaffen).
-
-: den Grad von *Dummheit*, damit eine gemeinsame Regulierung
-und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der
-Bildungselemente, Dressur).
-
-: den Grad von *Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit*, um die
-Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, -- um ihnen
-selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer
-Ausnahmehaftigkeit krank sind.
-
-
-483.
-
-Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also
-ein *Werk* bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen
-hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von
-Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe,
-Verehrung, Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine
-Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß
-meine Nachkommen nur so garantiert sind, wenn ich jenes *Werk* (zum
-Beispiel die πόλις) garantiere. *Moral* ist wesentlich das Mittel,
-über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine *Versklavung*
-der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die
-Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als
-die von oben nach unten.
-
-Ein Machtkomplex: wie wird er *erhalten*? Dadurch, daß viele
-Geschlechter sich ihm opfern.
-
-
-484.
-
-Das *Kontinuum*: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie,
-Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer und höherer Ordnung. Die
-Ökonomik derselben besteht in dem *Überschusse* der *Vorteile* der
-ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die *Nachteile*:
-die größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der Dauerbarmachung
-derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Teile, welche doch vielfach
-unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und nicht
-unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die
-Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste
-gespart werden. *Nichts ist kostspieliger als ein Anfang.*
-
-„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- und
-Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die
-Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zugrunde
-zu gehen.“
-
-
-485.
-
-Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: was
-eigentlich damit *weggeschafft* werden soll? Die Spannung, die
-Feindschaft, der Haß. -- Aber ein Irrtum ist es, daß dergestalt „*das
-Glück*“ *gemehrt* wird: die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als
-die Kontinentalen.
-
-
-486.
-
-Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden
-verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der
-*große Mensch* fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die
-Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor *jeder* Willenskraft, die
-befiehlt, in den Staub fallen.
-
-
-487.
-
-Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf
-„Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem
-niedrigsten Wurm.
-
-
-488.
-
-„*Die Erlösung von aller Schuld*.“
-
-Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen Pakts:
-wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, jener
-unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein
-eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß dieser mit diesen
-Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird. Von seiten der
-Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird dekretiert:
-„Wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften,
-verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die
-unvermeidlichen *Folgen* einer sekulären Unterdrückung der Schwachen
-durch die Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden
-Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird
-tugendhaft vor Entrüstung --, man will nicht umsonst ein schlechter
-Mensch, eine Kanaille geworden sein.
-
-Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich,
-soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus.
-Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie
-ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr,
-*Schuldige* in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht
-Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die ~décadents~ jeder Art, sind
-in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren
-Vernichtungsdurst zu löschen (-- was an sich vielleicht die Vernunft
-für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nötig, das
-heißt eine Theorie, auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz,
-ihres So-und-so-seins auf irgendeinen Sündenbock *abwälzen* können.
-Dieser Sündenbock kann Gott sein -- es fehlt in Rußland nicht an
-solchen Atheisten aus Ressentiment --, oder die gesellschaftliche
-Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder
-die Vornehmen, oder überhaupt *Gutweggekommene* irgendwelcher Art. „Es
-ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden:
-denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt, zum Laster,
-selbst zur *Arbeit* verdammt.... Was kann ich dafür, miserabel zu
-sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, *sonst wäre es nicht
-auszuhalten*!“.... Kurz, der Entrüstungspessimismus *erfindet*
-Verantwortlichkeiten, um sich ein *angenehmes* Gefühl zu schaffen --
-Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte Homer. --
-
-Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will sagen Verachtung,
-findet, das macht das Stück *Christentum*, das uns allen noch im
-Blute steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von
-fern etwas christlich riechen.... Die Sozialisten appellieren an die
-christlichen Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom
-Christentum her sind wir an den abergläubischen Begriff der „Seele“
-gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die Seelen-Monade, die
-eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder
-jene Umstände, ins „Irdische“ gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“
-geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige
-denn *bedingt* wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen,
-historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten,
-Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren *Werk*. Mit
-dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht; es darf auf
-sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen.
-
-In der Tat hat erst das Christentum das Individuum herausgefordert,
-sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; der Größenwahn ist
-ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja *ewige* Rechte gegen alles
-Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft!
-Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits
-des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas
-Unsterbliches, etwas Göttliches: eine *Seele*!
-
-Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich
-noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von
-der „*Gleichheit der Seelen vor Gott*“. In ihm ist das Prototyp aller
-Theorien der *gleichen Rechte* gegeben: man hat die Menschheit den Satz
-von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später
-eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn
-ernst zu nehmen, ihn *praktisch* zu nehmen! -- will sagen politisch,
-demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.
-
-Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der
-*Instinkt der Rache* gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache
-wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze
-Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die
-*Moral* mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht
-hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er
-hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat *das Dasein* überhaupt *um
-seine Unschuld gebracht*: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein
-auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit
-zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste
-*Fälschung* in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden
-zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche *Nützlichkeit* der
-Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit
-verbürgte. Die Urheber jener Psychologie -- der Willenspsychologie
--- hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den
-Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten
-Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen,
--- sie wollten *Gott* ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke
-wurde der Mensch „frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung
-als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein
-liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte Psychologie
-widerlegt.
-
-Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir
-Halkyonier zumal mit aller Kraft den *Schuldbegriff* und *Strafbegriff*
-aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen
-suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie,
-die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen
-Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu
-reinigen, -- in wem müssen wir unsere natürlichsten Antagonisten sehen?
-Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen
-Entrüstungspessimisten ~par excellence~, welche eine Mission daraus
-machen, ihren Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen.... Wir
-andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen,
-möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß niemand
-dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die
-Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, --
-daß niemand *schuld* an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür
-verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt da ist, daß
-jemand so und so ist, daß jemand unter diesen Umständen, in dieser
-Umgebung geboren ist. -- *Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen
-fehlt*.... Wir sind *nicht* das Resultat einer ewigen Absicht, eines
-Willens, eines Wunsches: mit uns wird *nicht* der Versuch gemacht, ein
-„Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal von Glück“ oder ein „Ideal
-von Tugend“ zu erreichen, -- wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes,
-vor dem ihm selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich
-das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder
-Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor
-allem: niemand *könnte* es: man *kann* das Ganze nicht richten, messen,
-vergleichen oder gar verneinen! Warum nicht? -- Aus fünf Gründen,
-allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel,
-*weil es nichts gibt außer dem Ganzen*.... Und nochmals gesagt, das ist
-ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins.
-
-
-489.
-
-Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen Optimismus
-vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst
-die bisherige „Ordnung“ abgeschafft hat und alle „natürlichen Triebe“
-losläßt.
-
-Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewalttat in
-dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht
-zugesteht. „‚Ich und meine Art‘ will herrschen und übrigbleiben: wer
-entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet“ -- ist Grundgefühl jeder
-alten Gesetzgebung.
-
-Man haßt die Vorstellung einer *höheren Art* Menschen mehr als die
-Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als Maske
---
-
-
-490.
-
-Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv vom „Guten,
-Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rechten“ träumt (-- auch der
-Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal);
-
-2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind,
-wodurch das Herdentier sich zum Herrn macht.
-
-
-491.
-
-Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung
-von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von
-Müdigkeiten, von *Schwächen*.
-
-
-492.
-
-„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern dermaßen
-gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und
-Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das
-soll Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! -- Als ob das nicht
-gerade die größten *Verächter* der Ehre wären!....
-
-Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die Genüsse
-zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehen: -- er versteht dieses
-Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus!
-
-
-493.
-
-Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus
-schaffen: *Jeder* absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist
-nicht aufgefunden bisher.
-
-
-494.
-
-Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die
-Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei den Vielen“ -- gibt es
-ein *oligarchisches* Regiment oder ein *demokratisches*.
-
-Das *Königtum* repräsentiert den Glauben an einen ganz Überlegenen,
-einen Führer, Retter, Halbgott.
-
-Die *Aristokratie* repräsentiert den Glauben an eine Elite-Menschheit
-und höhere Kaste.
-
-Die *Demokratie* repräsentiert den *Unglauben* an große Menschen und
-an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem gleich“. „Im Grunde sind wir
-allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel.“
-
-
-495.
-
-*Aus der Zukunft des Arbeiters.* -- Arbeiter sollten wie *Soldaten*
-empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung!
-
-Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und *Leistung*! Sondern das
-Individuum, *je nach seiner Art*, so stellen, daß es das *Höchste
-leisten* kann, was in seinem Bereich liegt.
-
-
-496.
-
-Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; -- aber *über*
-ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, die *höhere Kaste*:
-also ärmer und einfacher, doch im Besitz der Macht.
-
-Für die *niederen* Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen;
-es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ zu pflanzen. Die absoluten
-Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die
-übrigen dürfen *gehorchen*: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht
-abhängig von großen Menschen, sondern von „*Prinzipien*“ erscheinen.
-
-
-497.
-
-*Meine „Zukunft“*: -- eine stramme Polytechnikerbildung. Militärdienst:
-so daß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Offizier ist, er
-sei sonst, wer er sei.
-
-
-498.
-
-Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas soll nicht
-mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem
-Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt, wo
-alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen
-Selbstgefühle aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die
-*geistige Unselbständigkeit* und Entnationalisierung in die Augen
-springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten
-der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen Kultur liegt!.... Und das
-„neue Reich“, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten
-Gedanken gegründet: die Gleichheit der Rechte und der Stimmen.
-
-Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts
-taugt; diese Kultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der
-„Zwecklosigkeit“ --!
-
-Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit -- und
-ebenso, als Reaktion, die *Friedenspartei*....
-
-Eine Partei des *Friedens*, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren
-Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu
-bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich
-heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine
-Zeit; alsbald die *große* Partei. Gegnerisch gegen die *Rach-* und
-*Nachgefühle*.
-
-Eine *Kriegspartei*, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge
-gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend --
-
-
-499.
-
-*Die Aufrechterhaltung des Militärstaates* ist das allerletzte
-Mittel, die *große Tradition* sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten
-hinsichtlich des *obersten Typus* Mensch, des *starken Typus*. Und alle
-*Begriffe*, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen,
-dürfen daraufhin sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus,
-Schutzzoll).
-
-
-500.
-
-Moral wesentlich als *Wehr*, als Verteidigungsmittel; insofern ein
-Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch).
-
-Der ausgewachsene Mensch hat vor allem *Waffen*: er ist *angreifend*.
-
-Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und
-Platten Federn und Haare).
-
-
-501.
-
-*Grundfehler*: die Ziele in die Herde und *nicht* in einzelne
-Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht *mehr*! Aber
-jetzt versucht man, *die Herde als Individuum* zu verstehen
-und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, --
-tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen das, was herdenhaft macht,
-die Mitgefühle, als die *wertvollere* Seite unsrer Natur zu
-charakterisieren!
-
-
-V. Kunst -- ein Machtwille.
-
-
-502.
-
-„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung,
-weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen
-von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: --
-daß keine Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht *folgt, gehorcht*,
-und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht -- das ergötzt den
-Machtwillen des Künstlers.
-
-
-503.
-
-*Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.*
-
-
-I.
-
-Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem Hintergrunde dieses
-Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher
-bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad
-von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer
-wahren und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist
-falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn.... Eine so
-beschaffene Welt ist die wahre Welt. *Wir haben Lüge nötig*, um über
-diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu
-*leben*.... Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch
-mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins.
-
-Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft -- sie
-werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht
-gezogen: mit ihrer Hilfe wird ans Leben *geglaubt*. „Das Leben *soll*
-Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um
-sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr
-als alles andere *Künstler* sein. Und er *ist* es auch: Metaphysik,
-Religion, Moral, Wissenschaft -- alles nur Ausgeburten seines Willens
-zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur *Verneinung*
-der „Wahrheit“. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch
-die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des Menschen ~par
-excellence~ -- er hat es noch mit allem, was ist, gemein. Er selbst ist
-ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch
-ein Stück *Genie der Lüge* sein!
-
-Daß der Charakter des Daseins *verkannt* werde -- und höchste
-Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit,
-Künstlertum ist. Vieles niemals sehen, vieles falsch sehen, vieles
-hinzusehen: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten
-davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“
--- lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum
-Leben, lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum
-Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o
-wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von
-Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl der Macht!.... Der Mensch ward
-wieder einmal Herr über den „*Stoff*“, -- Herr über die Wahrheit!....
-Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in
-seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht,
-er genießt die Lüge als seine Macht....
-
-
-II.
-
-Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des
-Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.
-
-Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur
-Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische,
-Antinihilistische ~par excellence~.
-
-Die Kunst als die *Erlösung des Erkennenden*, -- dessen, der den
-furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will,
-des Tragisch-Erkennenden.
-
-Die Kunst als die *Erlösung des Handelnden*, -- dessen, der den
-furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht,
-sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des
-Helden.
-
-Die Kunst als die *Erlösung des Leidenden*, -- als Weg zu Zuständen,
-wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine
-Form der großen Entzückung ist.
-
-
-III.
-
-Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher
-der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht
-als oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum
-Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur
-objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher,
-„metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum
-Schein: -- letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur
-Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz:
-der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens
-zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt
-*zum Schaffen*: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet).
-Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert,
-aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der
-*tragisch-dionysische* Zustand.
-
-
-IV.
-
-Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem
-Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das
-„göttlicher“ ist als die Wahrheit: die *Kunst*. Niemand würde, wie
-es scheint, einer radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen
-Nein*tun* noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das
-Wort reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er -- er hat es
-erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! -- daß die Kunst *mehr
-wert* ist als die Wahrheit.
-
-In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem
-Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies
-Artistenevangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens,
-die Kunst als dessen *metaphysische* Tätigkeit....“
-
-
-504.
-
-Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten *durchsichtig*: -- von
-da aus hinzublicken auf die *Grundinstinkte der Macht* usw.! Auch der
-Religion und Moral!
-
-„Das Spiel“, das Unnützliche -- als Ideal des mit Kraft Überhäuften,
-als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων.
-
-
-505.
-
-Unsre Religion, Moral und Philosophie sind ~décadence~-Formen des
-Menschen.
-
--- Die *Gegenbewegung*: die *Kunst*.
-
-
-506.
-
-In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht als allen
-Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das
-Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“, -- sie liebten
-ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu erstreben: das scheint mir ein
-Mißverständnis oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine
-bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und
-allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens leben --
-leben *dürfen*, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung
-ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit,
-Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben,
-dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen
-Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr
-nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit, wenn einer gleich Goethe
-mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“
-hängt: -- dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen
-fest, daß der Mensch *der Verklärer des Daseins* wird, wenn er sich
-selbst verklären lernt.
-
-
-507.
-
-Biologischer Wert des *Schönen* und des *Häßlichen*. -- Was uns
-instinktiv *widersteht*, ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung
-dem Menschen als schädlich, gefährlich, Mißtrauen verdienend
-bewiesen: der plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel zum
-Beispiel) enthält ein *Urteil*. Insofern steht das *Schöne* innerhalb
-der allgemeinen Kategorie der biologischen Werte des Nützlichen,
-Wohltätigen, Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz
-von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns
-das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung von Machtgefühl, geben
-(-- nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindungen solcher
-Dinge oder ihre Symbole).
-
-Hiermit ist das Schöne und Häßliche als *bedingt* erkannt; nämlich in
-Hinsicht auf unsre untersten *Erhaltungswerte*. Davon abgesehen ein
-Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. *Das* Schöne
-existiert so wenig als *das* Gute, *das* Wahre. Im Einzelnen handelt
-es sich wieder um die *Erhaltungsbedingungen* einer bestimmten Art von
-Mensch: so wird der *Herdenmensch* bei anderen Dingen das *Wertgefühl
-des Schönen* haben, als der *Ausnahme*- und Übermensch.
-
-Es ist die *Vordergrundsoptik*, welche nur die *nächsten Folgen* in
-Betracht zieht, aus der der Wert des Schönen (auch des Guten, auch des
-Wahren) stammt.
-
-Alle Instinkturteile sind *kurzsichtig* in Hinsicht auf die Kette
-der Folgen: sie raten an, was *zunächst* zu tun ist. Der Verstand
-ist wesentlich ein *Hemmungsapparat* gegen das Sofort-Reagieren auf
-das Instinkturteil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die
-Folgenkette ferner und länger.
-
-Die *Schönheits-* und *Häßlichkeitsurteile* sind *kurzsichtig* (--
-sie haben immer den Verstand *gegen* sich --): aber im *höchsten
-Grade überredend*; sie appellieren an unsre Instinkte, dort, wo sie am
-schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, *bevor* noch
-der Verstand zu Worte kommt.
-
-Die gewohntesten Schönheitsbejahungen *regen sich gegenseitig auf und
-an*; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert
-sich um „das einzelne Schöne“ noch eine ganze Fülle anderer und
-anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich,
-*objektiv* zu bleiben, respektive die interpretierende, hinzugebende,
-ausfüllende, dichtende Kraft auszuhängen (-- letztere ist jene
-Verkettung der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines „schönen
-Weibes“....
-
-Also 1. das Schönheitsurteil ist *kurzsichtig*, es sieht nur die
-nächsten Folgen;
-
-2. es *überhäuft* den Gegenstand, der es erregt, mit einem *Zauber*,
-der durch die Assoziation verschiedener Schönheitsurteile bedingt ist,
--- der aber dem *Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist*. Ein Ding
-als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden -- (weshalb,
-beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste
-Art der Heirat ist).
-
-
-508.
-
-*Der tragische Künstler.* -- Es ist die Frage der *Kraft* (eines
-Einzelnen oder eines Volkes), *ob* und *wo* das Urteil „schön“
-angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der *aufgestauten Kraft* (aus
-dem es erlaubt ist, vieles mutig und wohlgemut entgegenzunehmen, vor
-dem der Schwächling *schaudert*) -- das *Macht*gefühl spricht das
-Urteil „schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt
-der Ohnmacht nur als *hassenswert*, als „häßlich“ abschätzen kann.
-Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn
-es leibhaft entgegenträte als Gefahr, Problem, Versuchung, -- diese
-Witterung bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist schön“
-ist eine *Bejahung*).
-
-Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die *Vorliebe für
-fragwürdige und furchtbare Dinge* ein Symptom für *Stärke* ist: während
-der Geschmack am *Hübschen und Zierlichen* den Schwachen, den Delikaten
-zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet *starke* Zeitalter und
-Charaktere: ihr ~non plus ultra~ ist vielleicht die ~divina commedia~.
-Es sind die *heroischen* Geister, welche zu sich selbst in der
-tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als
-*Lust* zu empfinden.
-
-Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren,
-welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie tun, um die Tragödie
-sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre *eignen Wertgefühle* in
-sie hinein interpretieren: zum Beispiel den „Triumph der sittlichen
-Weltordnung“ oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder die
-Aufforderung zur „Resignation“ (-- oder auch halb medizinische, halb
-moralische Affektausladungen ~à la~ Aristoteles). Endlich: die *Kunst
-des Furchtbaren*, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans
-bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute
-zum Beispiel der Grund für die *Schätzung* der Wagnerschen Kunst. Es
-ist ein Zeichen von *Wohl-* und *Machtgefühl*, wie weit einer den
-Dingen ihren furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf;
-und *ob* er überhaupt „Lösungen“ am Schluß braucht.
-
-Diese Art *Künstlerpessimismus* ist genau das *Gegenstück zum
-moralisch-religiösen Pessimismus*, welcher an der „Verderbnis“
-des Menschen, am Rätsel des Daseins leidet: dieser will durchaus
-eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden,
-Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort,
-haben zu allen Zeiten die entzückenden *Visionen* nötig gehabt, um
-es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist *dieses* Ursprungs).
-Ein verwandter Fall: die Künstler der ~décadence~, welche im Grunde
-*nihilistisch* zum Leben stehen, *flüchten* in die *Schönheit der
-Form*, -- in die *ausgewählten* Dinge, wo die Natur vollkommen ward,
-wo sie indifferent *groß* und *schön* ist.... (-- Die „Liebe zum
-Schönen“ kann somit etwas anderes als das *Vermögen* sein, ein Schönes
-zu *sehen*, das Schöne zu *schaffen*: sie kann gerade der Ausdruck von
-*Unvermögen* dazu sein.)
-
-Die überwältigenden Künstler, welche einen *Konsonanzton* aus jedem
-Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit
-und Selbsterlösung noch den Dingen zugute kommen lassen: sie sprechen
-ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, -- ihr
-Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein.
-
-Die *Tiefe des tragischen Künstlers* liegt darin, daß sein ästhetischer
-Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim
-Nächsten stehen bleibt, daß er die *Ökonomie im großen* bejaht, welche
-das *Furchtbare*, *Böse*, *Fragwürdige* rechtfertigt, und nicht nur --
-rechtfertigt.
-
-
-509.
-
-Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch „der
-Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens eine Form der *Erschöpfung*
-darstellt: so werden sie der Konsequenz des Christentums die Ehre
-geben, welche den Guten als den *Häßlichen* konzipierte. Das
-Christentum hatte damit recht.
-
-An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu sagen, „das Gute
-und das Schöne sind eins“; fügt er gar noch hinzu, „auch das Wahre“, so
-soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich.
-
-Wir haben die *Kunst*, damit wir *nicht an der Wahrheit zugrunde gehen*.
-
-
-510.
-
-*Was ist tragisch?* -- Ich habe zu wiederholten Malen den Finger
-auf das große Mißverständnis des Aristoteles gelegt, als er in
-zwei *deprimierenden* Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die
-tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er recht, so wäre die
-Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas
-Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große
-Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde
-hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des
-Pessimismus *gesundheitsschädlich* (-- denn daß man durch Erregung
-dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles zu glauben
-scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder
-Mitleid erregt, desorganisiert, schwächt, entmutigt: -- und gesetzt,
-Schopenhauer behielte recht, daß man der Tragödie die Resignation zu
-entnehmen habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück,
-auf Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine Kunst
-konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete
-dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt des Lebens sich im Instinkt
-der Kunst selbst zerstörend. Christentum, Nihilismus, tragische Kunst,
-physiologische ~décadence~: das hielte sich an den Händen, das käme zur
-selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts --
-*abwärts*.... Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls.
-
-Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich,
-indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion
-mißt. Und man bekommt als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute
-Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: -- daß die Tragödie
-ein *~tonicum~* ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen *wollte*,
-wenn er die Gesamtdepression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er
-den Griechen (-- die zu seinem Verdruß nicht „resignierten“....) zu
-verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung
-befunden: so ist das ~parti pris~, Logik des Systems, Falschmünzerei
-des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, welche
-Schopenhauern Schritt für Schritt seine ganze Psychologie verdorben
-hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische
-Religion, die Schönheit, die Erkenntnis und ungefähr alles
-willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat).
-
-
-511.
-
-Das Kunstwerk, wo es *ohne* Künstler erscheint, zum Beispiel als Leib,
-als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern
-der Künstler nur eine Vorstufe ist.
-
-Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk -- --
-
-
-512.
-
-*Der Nihilismus der Artisten.* -- Die Natur grausam durch ihre
-Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig
-gegen *Rührungen*. Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne
-und unsre Einbildungskraft bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo
-wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser
-nordischen Natur erinnert werden; -- und so auch in den Künsten. Wir
-ziehen vor, was nicht mehr uns an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre
-moralistische Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer
-furchtbaren und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und der
-Kräfte. Das Leben ohne Güte.
-
-Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen *Indifferenz* der Natur
-gegen Gut und Böse.
-
-Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb
-geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin ~in historicis~,
-wo die Absenz der Gerechtigkeit selber noch mit großartiger
-Naivität sich zeigt, wo gerade die *Vollkommenheit* zum Ausdruck
-kommt --, und insgleichen in der *Natur* dorthin, wo der böse und
-indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der
-*Vollkommenheit* darstellt.... Der nihilistische Künstler verrät sich
-im Wollen und Bevorzugen der *zynischen Geschichte, der zynischen
-Natur*.
-
-
-513.
-
-Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen
-und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als *krankhaft*
-zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund
-und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, --
-meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt
-wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen
-Verhältnissen gesund *wäre* --, daß wir relativ krank sind.... Der
-Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich,
-was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur -- -- Aber man wendet
-uns ein, daß gerade die *Verarmung* der Maschine die extravagante
-Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre
-hysterischen Weiblein.
-
-Die *Überfülle* an Säften und Kräften kann so gut Symptome
-der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von
-Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben
---, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor
-allem ist die *Nach*wirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung
-aller morbiden Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts
-mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht
-*abzubüßen* hat.... Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne
-arm zu werden.
-
-Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte,
-so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, -- und unsre
-*Artisten* sind in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!!
-Das aber spricht gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“.
-
-Die unkünstlerischen Zustände: die der *Objektivität*, der Spiegelung,
-des ausgehängten Willens.... (das skandalöse Mißverständnis
-*Schopenhauers*, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens
-nimmt).... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden,
-Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: -- der Christ.
-
-
-514.
-
-Der *moderne* Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus
-nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin
-abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, -- er lügt aus Lust an der
-Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung --, es
-sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt.
-Diese Eitelkeit ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel
-nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt,
-die eine augenblickliche Linderung verspricht. (*Unfähigkeit* zum Stolz
-und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig
-zu haben -- das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.)
-
-Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen
-Krisen macht und das „Dramatische“ in die geringsten Zufälle des Lebens
-einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr,
-höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene
-mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß
-als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in
-der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der
-Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden *verlangten*
-Charakter.
-
-
-515.
-
-Künstler sind *nicht* die Menschen der *großen* Leidenschaft, was sie
-uns und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt
-ihnen die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, *indem sie leben*;
-sie lauern sich auf, sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch
-die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten
-aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche
-Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. -- Mit einem Talent
-ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus
-seines Talents.
-
-Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man
-sie darstellt: vielmehr, man *ist* mit ihr fertig, *wenn* man sie
-darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich
-selbst mißverstehen wollte, -- aus ~delicatezza~.)
-
-
-516.
-
-Verglichen mit dem *Künstler*, ist das Erscheinen des
-*wissenschaftlichen* Menschen in der Tat ein Zeichen einer gewissen
-Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens (-- aber auch einer
-*Verstärkung*, *Strenge*, *Härte*, *Willenskraft*).
-
-Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen *Wahr* und
-*Nützlich* beim Künstler Zeichen von Jugend, von „*Kinderei*“ sein
-mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz
-über sich, ihre Gleichgültigkeit gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im
-„Spiele“, -- ihr Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart;
-der Heilige und die Kanaille.... Das *Nachmachen* als Instinkt,
-kommandierend. -- *Aufgangskünstler* -- *Niedergangskünstler*: ob sie
-nicht allen Phasen zugehören?.... Ja!
-
-
-517.
-
-Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft
-fehlen, wenn das Weib, wenn das *Werk des Weibes* darin fehlte? Geben
-wir die Ausnahme zu -- sie beweist die Regel -- das Weib bringt es
-in allem zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in
-Memoiren, selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, kurz,
-in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil es darin
-sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen Kunstantrieb
-gehorcht, den es besitzt, -- es will *gefallen*... Aber was hat das
-Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten Künstlers zu
-schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit
-zugesteht als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem
-Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Wert zugesteht,
-es sei denn, daß es Form zu werden weiß (-- daß es sich preisgibt,
-daß es sich öffentlich macht --). Die Kunst, so wie der Künstler
-sie übt -- begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf
-alle ~pudeurs~?.... Erst mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene
-Schwenkung zur Literatur gewagt (-- ~vers la canaille plumière
-écrivassière~, mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, es
-künstlert, es verliert an Instinkt. *Wozu doch?* wenn man fragen darf?
-
-
-518.
-
-Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler
-„Form“ nennen, als *Inhalt*, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit
-gehört man freilich in eine *verkehrte Welt*: denn nunmehr wird einem
-der Inhalt zu etwas bloß Formalem, -- unser Leben eingerechnet.
-
-
-519.
-
-Zur Charakteristik des *nationalen Genius* in Hinsicht auf Fremdes und
-Entlehntes. --
-
-Der *englische* Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er
-empfängt;
-
-der *französische* verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf;
-
-der *deutsche* vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;
-
-der *italienische* hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch
-vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als
-herausgezogen: als der *reichste* Genius, der am meisten zu verschenken
-hatte.
-
-
-520.
-
-Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem
-Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten
-versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als
-Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als
-Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst
-Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner ~bouffonneries~
-erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen.
---
-
-
-521.
-
-*Pessimismus in der Kunst?* -- Der Künstler liebt allmählich die Mittel
-um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen
-gibt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der
-Linie, die Nuance des Tons: das *Distinkte*, wo sonst, im Normalen,
-alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern
-sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch
-erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; -- die Wirkung
-der Kunstwerke ist die *Erregung des kunstschaffenden Zustands*, des
-Rausches.
-
-Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre *Daseinsvollendung*, ihr
-Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich
-*Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins*.... Was bedeutet eine
-*pessimistische Kunst*? Ist das nicht eine ~contradictio~? -- Ja. --
-Schopenhauer *irrt*, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst
-des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt *nicht* „Resignation“....
-Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen, ist selbst schon
-ein Instinkt der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie
-nicht.... Es gibt keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob
-bejaht. -- Aber Zola? Aber die Goncourts? -- Die Dinge sind häßlich,
-die sie zeigen: aber *daß* sie dieselben zeigen, ist aus *Lust an
-diesem Häßlichen*.... Hilft nichts! ihr betrügt euch, wenn ihr's anders
-behauptet. -- Wie erlösend ist Dostoiewsky!
-
-
-522.
-
-Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit
-krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es
-nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.
-
-Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“
-gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen
-überhaupt anhaften:
-
-1. der *Rausch*: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den
-Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen;
-
-2. die *extreme Schärfe* gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre
-Zeichensprache verstehen -- und schaffen, -- dieselbe, die mit manchen
-Nervenkrankheiten verbunden erscheint --; die extreme Beweglichkeit,
-aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles
-dessen, was Zeichen zu geben weiß --; ein Bedürfnis, sich gleichsam
-loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch
-hundert Sprachmittel zu reden, -- ein *explosiver* Zustand. Man muß
-sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle
-Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung
-loszuwerden: sodann als unfreiwillige *Koordination dieser Bewegung*
-zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), -- als eine
-Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen
-wirkender starker Reize --; Unfähigkeit, die Reaktion zu *verhindern*;
-der Hemmungsapparat gleichsam *ausgehängt*. Jede innere Bewegung
-(Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von *Vaskularveränderungen* und
-folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion.
-Die *suggestive* Kraft der Musik, ihre „~suggestion mentale~“; --
-
-3. das *Nachmachen-müssen*: eine extreme Irritabilität, bei der sich
-ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, -- ein Zustand wird nach
-Zeichen schon erraten und *dargestellt*.... Ein Bild, innerlich
-auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder --, eine gewisse
-*Willens*aushängung.... (Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein
-nach außen hin, -- das Reich der *zugelassenen* Reize ist scharf
-umgrenzt.
-
-Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch
-Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von
-Reizbarkeit; ersterer im Geben, -- dergestalt, daß ein Antagonismus
-dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert
-ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, -- vom
-Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker --)
-einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft
-*verarme*.... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man
-soll vom Künstler, der *gibt*, nicht verlangen, daß er Weib wird, --
-daß er „*empfängt*“.
-
-Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die
-Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert
-haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler....
-Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler:
-denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit
-*vergreifen*, -- er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu
-sehen, er hat zu geben. -- Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig
-zu sein, -- andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“.
-
-
-523.
-
-Das Rauschgefühl, tatsächlich einem *Mehr von Kraft* entsprechend:
-am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue
-Fertigkeiten, Farben, Formen; -- die „Verschönerung“ ist eine Folge
-der *erhöhten* Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines *siegreichen*
-Willens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller
-starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts.
-Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der
-Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das *Wahrnehmen* solcher
-Vereinfachung das Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große
-Stil.
-
-Die Häßlichkeit bedeutet *~décadence~ eines Typus*, Widerspruch und
-mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, -- bedeutet einen
-Niedergang an *organisierender* Kraft, an „Willen“, psychologisch
-geredet.
-
-Der Lustzustand, den man *Rausch* nennt, ist exakt ein hohes
-Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert:
-ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst *wahrnehmbar*;
-die *Ausdehnung* des Blicks über größere Mengen und Weiten; die
-*Verfeinerung des Organs* für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und
-Flüchtigsten; die *Divination*, die Kraft des Verstehens auf die
-leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“
-*Sinnlichkeit* --; die *Stärke* als Herrschaftsgefühl in den
-Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als
-Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als
-Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben
-und Tod.... Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig
-an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als Suggestion
-für den andern: -- dergestalt sind schließlich Zustände ineinander
-verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum
-Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (--
-zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was
-gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit
-schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie
-und das Mitleid (-- ebenfalls normal koordiniert....). Frühling, Tanz,
-Musik: -- alles Wettbewerb der Geschlechter, -- und auch noch jene
-Faustische „Unendlichkeit im Busen“.
-
-Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark
-angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse
-Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken....
-Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist
-bloß die Ökonomie eines Künstlers, -- und jedenfalls hört auch bei
-Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler
-sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher,
-sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art
-habitueller Rausch im Leben eigen sein.
-
-
-524.
-
-Die Zustände, in denen wir eine *Verklärung* und *Fülle* in die Dinge
-legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust
-zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der
-Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die
-Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. *Drei* Elemente
-vornehmlich: der *Geschlechtstrieb*, der *Rausch*, die *Grausamkeit*,
--- alle zur ältesten *Festfreude* des Menschen gehörend, alle
-insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.
-
-Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und
-Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer *Erregung
-jener Sphären*, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: -- und
-eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen
-und Begierden ist der *ästhetische Zustand*. Letzterer tritt nur
-bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden
-Fülle des leiblichen ~vigor~ überhaupt fähig sind; in ihm ist immer
-das ~primum mobile~. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der
-Vertrocknende (zum Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der
-Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung des
-Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts.
-
-„*Vollkommenheit*“: -- in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe
-insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als
-das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die
-Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen *nach welchem* Status er
-eigentlich *strebt*. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche
-Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige
-Überschäumen über alle Ränder....
-
-
-525.
-
-Die *Sinnlichkeit* in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“),
-der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die
-Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung,
-Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend -- : 2. in der Religion
-der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie
-göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele -- : 3. in der *Kunst*,
-als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr
-gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt
-die Sinnlichkeit des Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt
-und hochhält -- dergestalt *vollendet* er ein Objekt („idealisiert“
-es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das
-Weib empfindet, *kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen*,
-indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert:
-insgleichen *übt sie Scham*, Zurückhaltung, Distanz -- mit dem Instinkt
-dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Mannes *wächst*.
-(-- Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die
-Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade die *naive
-wirkliche Schamhaftigkeit* den Mann am meisten verführt und zur
-Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv -- aus Feinheit des
-Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein
-willentliches *die-Augen-über-sich-geschlossen-halten*.... Überall,
-wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, *wird* sie
-unbewußt.)
-
-
-526.
-
-Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch
-etwas anderes ist als Liebe! -- Doch darüber hat jedermann seine
-Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens *wächst*, sobald nur ein
-Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei
-einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der
-Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen,
-nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen *Kraftstücken* zu
-befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht -- und seiner Uhr! Hier
-ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder
-sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-,
-Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit
-den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. -- Und
-wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt
-Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib,
-dafür hat man alle weiblichen ~pudeurs~.... Diese jungen Geschöpfe,
-die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen
-nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist,
-noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu
-zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt
-ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, -- o wie gut
-sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, *weil* sie das
-wissen! -- Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist
-ihr *dritter* kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie
-an ihren Gott glauben: -- und wer widerriete ihnen diesen Glauben!
-Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! --
-Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib
-erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze
-selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.
-
-
-527.
-
-Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die
-Transfigurationskraft des Rausches geht? -- Die „Liebe“ ist dieser
-Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der
-Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß
-im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes
-sich an ihrer Stelle zu finden scheint, -- ein Zittern und Aufglänzen
-aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen
-Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird
-fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob
-ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe
-„erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe
-hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich
-zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich
-und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher,
-vollkommener, man *ist* vollkommener.... Wir finden hier die *Kunst*
-als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten
-Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, --
-Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt....
-Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie
-tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und
-nicht nur, daß sie das *Gefühl* der Werte verschiebt: der Liebende
-*ist* mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue
-Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen,
-neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es
-nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger,
-*ganzer* als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er
-ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel
-an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die
-Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem
-Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst
-tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die
-Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und
-Musik übrig?.... ~L'art pour l'art~ vielleicht: das virtuose Gequak
-kaltgestellter *Frösche*, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den
-ganzen *Rest* schuf die Liebe....
-
-
-528.
-
-Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche
-ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie
-redet immer nur zu Künstlern, -- sie redet zu dieser Art von feiner
-Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der
-Taube ist keine Spezies des Guthörigen.
-
-Alle Kunst wirkt *tonisch*, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das
-heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des
-Rausches an, -- es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände
-hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da
-zurück.
-
-Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was
-*ausgeschlossen* wird von der Kunst, ihr *Nein*: -- jedesmal, wenn
-der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung,
-die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische
-Mensch mit seinem *Nein*. Das Häßliche wirkt *depressiv*: es ist
-der Ausdruck einer Depression. Es *nimmt* Kraft, es verarmt, es
-drückt.. Das Häßliche *suggeriert* Häßliches; man kann an seinen
-Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden
-auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl
-wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem
-Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: -- Schwere,
-Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche
-hinkt, das Häßliche stolpert: -- Gegensatz einer göttlichen
-Leichtfertigkeit des Tanzenden.
-
-Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von *Mitteilungsmitteln*
-zugleich mit einer extremen *Empfänglichkeit* für Reize und Zeichen.
-Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen
-lebenden Wesen, -- er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben
-hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die Gebärden-
-und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere
-Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört
-man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.
-
-Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern
-sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung der großen Kunst,
-*nicht* deren Verhinderung.... Jede Erhöhung des Lebens steigert die
-Mitteilungskraft, insgleichen die Verständniskraft des Menschen. Das
-*Sichhineinleben in andere Seelen* ist ursprünglich nichts Moralisches,
-sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die „Sympathie“
-oder was man „Altruismus“ nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes
-zur Geistigkeit gerechneten psycho-motorischen Rapports (~induction
-psycho-motrice~ meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken mit:
-man teilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf
-Gedanken hin *zurückgelesen* werden.
-
-
-529.
-
-Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen ~vigor~; sie
-ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit
-in die Welt der Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der
-animalischen Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten
-Lebens; -- eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.
-
-Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es
-noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mitteilt, der über
-dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die
-Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die
-Lust, *uns* wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl
-der Macht über uns).
-
-
-530.
-
-*Zur Genesis der Kunst.* -- Jenes *Vollkommenmachen, Vollkommensehen*,
-welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen zerebralen System
-zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten
-Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, „das
-Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend etwas“):
-andrerseits wirkt jedes *Vollkommene* und *Schöne* als unbewußte
-Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art, zu sehen --
-jede *Vollkommenheit*, die ganze *Schönheit* der Dinge erweckt durch
-~contiguity~ die aphrodisische Seligkeit wieder. (*Physiologisch*: der
-schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung des ~semen~ ins
-Blut....) Das *Verlangen nach Kunst* und *Schönheit* ist ein indirektes
-Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem
-Zerebrum mitteilt. Die *vollkommen gewordne Welt*, durch „Liebe“....
-
-
-531.
-
-*Die Vermoralisierung der Künste.* -- Kunst als Freiheit von der
-moralischen Verengung und Winkeloptik; oder als Spott über sie. Die
-Flucht in die Natur, wo ihre *Schönheit* mit der *Furchtbarkeit* sich
-paart. Konzeption des *großen* Menschen.
-
--- Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch schon trübe
-macht, „die *schönen Seelen*“.
-
--- Die *verblichenen Ideale* aufwecken in ihrer schonungslosen Härte
-und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind.
-
--- Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die
-Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisierten
-Künstlern.
-
--- Die *Falschheit* der Kunst, -- ihre Immoralität ans Licht ziehen.
-
--- Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche
-Animalität) ans Licht ziehen.
-
-
-532.
-
-Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie
-fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempoverschiedenheit
-in beiden Zuständen geben.... Die *extreme Ruhe gewisser
-Rauschempfindungen* (strenger: die Verlangsamung des Zeit- und
-Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden
-und Seelenarten. Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe,
-Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, -- *das höchste Gefühl der
-Macht* ist konzentriert im klassischen Typus. Schwer reagieren: ein
-großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf.
-
-
-533.
-
-*Apollinisch -- dionysisch.* -- Es gibt zwei Zustände, in denen
-die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über
-ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision,
-andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im
-normalen Leben vorgespiegelt, nur schwächer: im Traum und im Rausch.
-
-Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch: beide
-entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der
-Traum die des Sehens, Verknüpfens, Dichtens; der Rausch die der
-Gebärde, der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes.
-
-
-534.
-
-Der Sinn und die Lust an der *Nuance* (-- die eigentliche Modernität),
-an dem, was *nicht* generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher
-seine Lust und Kraft im Erfassen des *Typischen* hat: gleich dem
-griechischen Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des
-Lebendigen ist darin, das *Maß* wird Herr, jene *Ruhe* der starken
-Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen
-vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird
-*verehrt* und *herausgehoben*; die Ausnahme wird umgekehrt beiseite
-gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das
-Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt -- das
-„*gefällt*“: das heißt, das korrespondiert mit dem, was man von sich
-hält.
-
-
-535.
-
-*„Musik“ -- und der große Stil.* -- Die Größe eines Künstlers bemißt
-sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die
-Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen
-Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das
-mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen;
-daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er *will*....
-Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu
-werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik, *Gesetz* werden --
-das ist hier die große Ambition. -- Mit ihr stößt man zurück; nichts
-reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, -- eine Einöde legt
-sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel....
-Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie
-in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister,
-der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. Gehört die
-Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen
-schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon
-der Seele der Musik, -- dem „Weibe“ in unsrer Musik?....
-
-Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze
-Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr
-Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren
-Abend erreichte, als die „Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den
-Menschen davon war: -- gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance
-zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine
-Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon ~décadence~?....
-
-Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob
-unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob
-sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im
-Widerspruch zu allem klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich
-in ihr jede Ambition der Klassizität von selbst verböte?
-
-Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft
-sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß
-die Musik ihre höchste Reife und Fülle als *Romantik* erlangt --, noch
-einmal als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität.
-
-Mozart -- eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes
-Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große
-Romantiker im Sinne des *französischen* Begriffs Romantik, wie Wagner
-der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des
-klassischen Geschmacks, des strengen Stils, -- um vom „großen“ hier
-nicht zu reden.
-
-
-536.
-
-Die *Romantik*: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.
-
-Die ästhetischen Zustände zwiefach.
-
-Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden.
-
-
-537.
-
-Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich
-schöpferisch macht -- der von sich und seiner Mitwelt wegblickt,
-zurückblickt.
-
-
-538.
-
-Ist die Kunst eine Folge des *Ungenügens am Wirklichen*? Oder
-ein Ausdruck der *Dankbarkeit über genossenes Glück*? Im ersten
-Falle *Romantik*, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz
-*Apotheosenkunst*): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene
-Falschheit hatte, den *Anschein* der christlichen Weltauslegung zu
-vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es *nicht* spezifisch
-christlich sich zeigte.
-
-Mit der *moralischen* Interpretation ist die Welt unerträglich. Das
-Christentum war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt
-zu verneinen. ~In praxi~ lief ein solches Attentat des Wahnsinns --
-einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt --
-auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die
-mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand
-allein dabei ihre Rechnung, ihre *Förderung*, wenn man will.
-
-*Homer* als *Apotheosenkünstler*; auch Rubens. Die Musik hat noch
-keinen gehabt.
-
-Die Idealisierung des *großen Frevlers* (der Sinn für seine *Größe*)
-ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des
-Sünders ist jüdisch-christlich.
-
-
-539.
-
-*Was ist Romantik?* -- In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene
-ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen
-Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“
-Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu
-empfehlen scheinen -- sie ist bei weitem augenscheinlicher -- nämlich
-die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden,
-nach „*Sein*“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen
-nach Zerstörung, nach Wechsel, nach *Werden*. Aber beide Arten des
-Verlangens erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und
-zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich
-dünkt, *vorgezogenen* Schema.
-
-Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden *kann* der Ausdruck der
-übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist,
-wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch der *Haß* der
-Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört,
-zerstören *muß*, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein
-selbst empört und aufreizt.
-
-„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen:
--- eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst
-sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell
-und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle
-Dinge breitend; -- es kann aber auch jener tyrannische Wille eines
-Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste,
-die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen
-*Gesetz* und Zwang stempeln möchte, und der an allen Dingen gleichsam
-Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner
-Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer
-Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche
-Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.
-
-
-540.
-
-Ob nicht hinter dem Gegensatz von *Klassisch* und *Romantisch* der
-Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen liegt? --
-
-
-541.
-
-Um *Klassiker* zu sein, muß man *alle* starken, anscheinend
-widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie
-miteinander unter einem Joche gehen, zur *rechten* Zeit kommen, um
-ein *Genus* von Literatur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und
-Spitze zu bringen (: nicht *nachdem* dies schon geschehen ist....):
-einen *Gesamtzustand* (sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in
-seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo
-er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des
-Fremden (oder noch abhängig ist....); kein reaktiver, sondern ein
-*schließender* und vorwärts führender Geist sein, *Ja* sagend in allen
-Fällen, selbst mit seinem Haß.
-
-„Es gehört dazu *nicht* der höchste persönliche Wert?“... Vielleicht
-zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier nicht ihr Spiel
-spielen, und ob große *moralische* Höhe nicht vielleicht an sich ein
-*Widerspruch* gegen das *Klassische* ist?.... Ob nicht die moralischen
-Monstra notwendig *Romantiker* sein müssen in Wort und Tat?.... Ein
-solches Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen
-Monstrum) steht eben der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich
-entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so
-dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf
-gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es
-wirklich Lord Bacon ist).
-
-
-542.
-
-*Zukünftiges.* -- *Gegen die Romantik der großen „Passion“.* --
-Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum
-Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der
-Geistigkeit, „drei Einheiten“, Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt,
-~esprit~, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so
-gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit
-künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es
-sich nachher formulieren *muß*.
-
-Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die
-wir jetzt erst *sehen*: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns,
-Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das *klassische Ideal wieder
-entdeckt zu haben*.... und zu gleicher Zeit Shakespeare. -- Und
-dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen
-auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut
-hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber man wollte
-die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! Man glaubte, die
-Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!
-
-Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden
-ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung,
-Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die
-logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des
-Komplexen, des Ungewissen.
-
-Die Romantiker in Deutschland protestierten *nicht* gegen den
-Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack,
-achtzehntes Jahrhundert.
-
-Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: Gegensatz der
-*klassischen Sensibilität*.
-
-Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich die
-Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit, *sich* in der Hauptsache
-zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf
-Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch
-Massen (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine).
-
-
-543.
-
-Der *Künstler*philosoph. Höherer Begriff der *Kunst*. Ob der Mensch
-sich so fern stellen kann von den andern Menschen, um *an ihnen zu
-gestalten*? (-- Vorübungen: 1. der Sich-selbst-Gestaltende, der
-Einsiedler; 2. der *bisherige* Künstler als der kleine Vollender an
-einem Stoffe.)
-
-
-
-
-Viertes Buch.
-
-Zucht und Züchtung.
-
-
-1. Rangordnung.
-
-
-544.
-
-Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des ~suffrage universel~, das
-heißt, wo jeder über jeden und jedes zu Gericht sitzen darf, die
-*Rangordnung* wiederherzustellen.
-
-
-545.
-
-Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und daß ein
-Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz
-rechtfertigen kann -- das heißt ein voller, reicher, großer, ganzer
-Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen.
-
-
-546.
-
-Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern
-des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die
-Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist?....
-
-
-547.
-
-*Die Rangordnung der Menschenwerte.* --
-
-a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen.
-*Epidermalhandlungen.* Nichts ist seltener als eine *Personal*handlung.
-Ein Stand, ein Rang, eine Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall --
-alles drückt sich eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine
-„Person“.
-
-b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen „Personen“
-sind. Und dann sind manche auch *mehrere* Personen, die meisten sind
-*keine*. Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen,
-auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine
-Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer „Person“ zu
-verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.
-
-c) Die „Person“ ein relativ *isoliertes* Faktum; in Hinsicht auf die
-weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit,
-somit beinahe etwas *Widernatürliches*. Zur Entstehung der Person
-gehört eine zeitige Isolierung, ein Zwang zu einer Wehr- und
-Waffenexistenz, etwas wie Einmauerung, eine größere Kraft des
-Abschlusses; und vor allem eine viel *geringere Impressionabilität*,
-als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit *kontagiös* ist, hat.
-
-*Erste Frage* in betreff *der Rangordnung*: wie *solitär* oder wie
-*herdenhaft* jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Wert in den
-Eigenschaften, die den Bestand seiner Herde, seines Typus sichern; im
-andern Falle in dem, was ihn abhebt, isoliert, verteidigt und *solitär
-ermöglicht*.)
-
-*Folgerung*: man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem
-herdenhaften, und den herdenhaften *nicht* nach dem solitären.
-
-Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr
-Antagonismus notwendig, -- und nichts ist *mehr* zu verbannen als jene
-„Wünschbarkeit“, es möchte sich etwas *Drittes* aus beiden entwickeln
-(„Tugend“ als Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“
-als die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das *Typische
-fortentwickeln*, die *Kluft* immer *tiefer aufreißen*....
-
-Begriff der *Entartung* in beiden Fällen: wenn die Herde den
-Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese den
-Eigenschaften der Herde, -- kurz, wenn sie sich *annähern*. Dieser
-Begriff der Entartung ist abseits von der moralischen Beurteilung.
-
-
-548.
-
-*Vom Range.* Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“ --
-schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist
-alle Rangordnung verlorengegangen.
-
-
-549.
-
-Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. -- Abseits gestellt gegen die
-beiden Bewegungen, die individualistische und die kollektivistische
-Moral, -- denn auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem
-einen die gleiche Freiheit geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich
-nicht um den Grad von Freiheit, der dem einen oder dem andern oder
-allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von *Macht*, den einer oder
-der andere über andere oder alle üben soll, respektive inwiefern eine
-Opferung von Freiheit, eine Versklavung selbst, zur Hervorbringung
-eines *höheren Typus* die Basis gibt. In gröbster Form gedacht: *wie
-könnte man die Entwicklung der Menschheit opfern*, um einer höheren
-Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? --
-
-
-550.
-
-Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten: und nichts
-sonst.
-
-
-551.
-
-Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist; der Rest ist
-Feigheit.
-
-
-552.
-
-Der Wille zur Macht. -- Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche
-diese Umwertung an sich vornehmen. Die Rangordnung als Machtordnung:
-Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen
-festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur -- das
-schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten
-sich unterjochend.
-
-
-553.
-
-Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen Naturen voran.
-
-
-554.
-
-Den *Wert* eines Menschen danach abschätzen, was er den Menschen
-*nützt* oder *kostet* oder *schadet*: das bedeutet ebensoviel und
-ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den *Wirkungen*,
-die es tut. Aber damit ist der Wert des Menschen *im Vergleich mit
-anderen Menschen* gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“,
-soweit sie eine *soziale* ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen
-Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen Geschmack auf der Zunge,
-umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmitteilbar,
-unmitteilsam, -- ein *unausgerechneter* Mensch, also ein Mensch einer
-höheren, jedenfalls *anderen* Spezies: wie wollt ihr den abwerten
-können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt?
-
-Die *moralische Abwertung* hat die größte Urteilsstumpfheit im Gefolge
-gehabt: der Wert eines Menschen an sich ist *unterschätzt*, fast
-*übersehen*, fast *geleugnet*. Rest der naiven *Teleologie*: der *Wert*
-des Menschen *nur in Hinsicht auf die Menschen*.
-
-
-555.
-
-Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung.
-Um einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz
-unsrer ganzen Zivilisation wünschen müssen. Napoleon ermöglichte den
-Nationalismus: das ist dessen Entschuldigung.
-
-Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von Moralität und
-Unmoralität: denn mit diesen Begriffen wird der *Wert* eines Menschen
-noch nicht einmal berührt) liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er
-bestünde fort, selbst wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte.
-Und warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten
-Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen Spezies Mensch sein: so
-hoch, so überlegen, daß an ihm alles vor Neid zugrunde ginge?
-
-
-556.
-
-*Mißverständnis des Egoismus*: von seiten der *gemeinen* Naturen,
-welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der
-großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraftgefühlen,
-welche überwältigen, zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, --
-der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der
-Tätigkeitssinn nach einem Terrain. -- Im gewöhnlichen „Egoismus“
-will gerade das „Nicht-~ego~“, das *tiefe Durchschnittswesen*, der
-Gattungsmensch seine Erhaltung -- *das* empört, falls es von den
-Seltneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird.
-Denn diese urteilen: „wir sind die *Edleren*! Es liegt *mehr* an
-*unserer* Erhaltung als an der jenes Viehs!“
-
-
-557.
-
-*Gegen John Stuart Mill.* -- Ich perhorresziere seine Gemeinheit,
-welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem andern billig“; „was du
-nicht willst usw., das füg' auch keinem andern zu“; welche den ganzen
-menschlichen Verkehr auf *Gegenseitigkeit der Leistung* begründen
-will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas,
-das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung *unvornehm* im
-untersten Sinne: hier wird die *Äquivalenz der Werte von Handlungen*
-vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Wert einer
-Handlung einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen
-und bezahlt werden kann --). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine große
-Gemeinheit; gerade daß etwas, das *ich* tue, *nicht* von einem andern
-getan werden *dürfte* und *könnte*, daß *es keinen Ausgleich* geben
-darf (-- außer in der *ausgewähltesten Sphäre* der „meinesgleichen“,
-~inter pares~ --), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt,
-weil man etwas *Einmaliges ist* und nur *Einmaliges tut*, -- diese
-Grundüberzeugung enthält die Ursache der *aristokratischen Absonderung
-von der Menge*, weil die Menge an „Gleichheit“ und *folglich*
-Ausgleichbarkeit und „Gegenseitigkeit“ glaubt.
-
-
-558.
-
-*Randbemerkung zu einer* ~niaiserie anglaise~. -- „Was du nicht
-willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.“ Das gilt als
-Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral, -- als
-„güldener Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?)
-glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff
-aus. Der Kalkul: „tue nichts, was dir selber nicht angetan werden
-soll“ verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der
-Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer *vergolten* wird. Wie nun,
-wenn jemand, mit dem „~Principe~“ in der Hand, sagte: „gerade solche
-Handlungen *muß* man tun, damit andere uns nicht zuvorkommen, damit
-wir andere außer Stand setzen, sie *uns* anzutun“? -- Andrerseits:
-denken wir uns einen Korsen, dem seine Ehre die ~vendetta~ gebietet.
-Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf
-eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn *nicht* ab,
-seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht in allen *anständigen*
-Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns
-kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte,
--- das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.
-
-Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen *Typus Mensch* verrät:
-es ist der *Instinkt der Herde*, der sich mit ihm formuliert, -- man
-ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. -- Hier wird
-wirklich an eine *Äquivalenz der Handlungen* geglaubt, die, in allen
-realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es *kann* nicht jede
-Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen „Individuen“ *gibt
-es keine gleichen Handlungen*, folglich auch keine „Vergeltung“....
-Wenn ich etwas tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß
-überhaupt dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es gehört
-mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man würde immer eine
-„*andere*“ Handlung gegen mich begehen. --
-
-
-559.
-
-Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches
-Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der
-Tiefe. Es gibt auch eine *andere Art Barbaren*, die kommen aus der
-Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach
-einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein
-solcher Barbar.
-
-
-560.
-
-*Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen.*
-
-1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?
-
-2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und
-Unglück?
-
-3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und
-unerbittlicher?
-
-4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder
-„unmenschlicher“?
-
-5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser?
-
-6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (wie es
-zum Beispiel der Philosoph tut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen
-Winkel, ein Gefängnis, eine Dummheit riecht)?
-
-7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder *verachteter*?
-
-8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier werden will?
-
-
-561.
-
-Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis zu
-den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, denen er sich
-*gewachsen fühlt*. Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum
-Dasein, sondern ein Unglück für die höheren.
-
-
-562.
-
-Die *Lasterhaften* und *Zügellosen*: ihr deprimierender Einfluß auf
-den *Wert der Begierden*. Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte,
-welche, im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren „Bund der Tugend“
-zwingt -- nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den
-*Wert* des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“ (Zähmung)
-braucht alle Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und
-Raubtiernatur aufrechtzuerhalten.
-
-Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten
-Einfluß: Das, was *Menschen der Macht und des Willens von sich*
-verlangen können, gibt ein Maß auch für das, was sie sich zugestehen
-dürfen. Solche Naturen sind der *Gegensatz* der Lasterhaften und
-Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein
-geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre.
-
-Hier schadet der Begriff der „*Gleichwertigkeit* der Menschen *vor
-Gott*“ außerordentlich; man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche
-an sich zu den Prärogativen der Starkgeratenen gehören, -- wie als
-ob sie an sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze
-Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der
-Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) als Wertnorm aufstellte.
-
-Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen *Virtuosen*
-des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz zum
-Lasterhaften und Zügellosen abgibt) mit den schimpflichsten Namen
-brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu
-müssen; das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf
-Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein Mönch oder Priester über
-das mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern
-darf. Ein Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat
-man bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?.... Nur
-ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden. -- Denkt
-man ein wenig konsequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in
-das, was ein „großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß
-die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt --, sie kämpft
-*gegen* alle „Größe des Menschen“.
-
-
-563.
-
-Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an
-denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so gründlich in Acht
-getan, daß damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden
-sind oder sich als *böse*, als „schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten.
-Diese Einbuße ist groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine
-Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung
-jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und
-Täuschung), ist deren Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht
-mehr die alte Wildheit haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man
-sehe unsre Künstler und Staatsmänner an.
-
-
-564.
-
-Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut machen kann, der
-versäumt hat, zur rechten Zeit in eine *gute Schule* zu gehen. Ein
-solcher kennt sich nicht; er geht durchs Leben, ohne gehen gelernt
-zu haben; der schlaffe Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch.
-Mitunter ist das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen:
-jahrelanges Siechtum vielleicht, das die äußerste Willenskraft und
-Selbstgenügsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich hereinbrechende
-Notlage, zugleich noch für Weib und Kind, welche eine Tätigkeit
-erzwingt, die den erschlafften Fasern wieder Energie gibt und dem
-Willen zum Leben die *Zähigkeit zurückgewinnt*. Das Wünschenswerteste
-bleibt unter allen Umständen eine harte Disziplin *zur rechten Zeit*,
-das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel von sich
-verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die harte Schule als gute
-Schule von jeder anderen: daß viel verlangt wird; daß streng verlangt
-wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird;
-daß das Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf,
-sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine solche
-Schule hat man in jedem Betracht nötig: das gilt vom Leiblichsten wie
-vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll, hier trennen zu wollen! Die
-gleiche Disziplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und,
-näher besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die
-Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen können und
-wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih und Glied stehen, aber
-fähig jederzeit, auch zu führen; die Gefahr dem Behagen vorziehen;
-das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem
-Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. --
-Was *lernt* man in einer harten Schule? *Gehorchen* und *Befehlen*.
-
-
-565.
-
-Das Verdienst *leugnen*: aber das tun, was über allem Loben, ja über
-allem Verstehen ist.
-
-
-566.
-
-*Nützlich* sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die andern
-indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich,
-irgendeine Wertabfolge festzusetzen, -- so gewiß, ökonomisch gemessen,
-die Kräfte in der Natur allesamt gut, das heißt nützlich sind, so
-viel furchtbares und unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen
-ausgeht. Höchstens könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die
-wertvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen gibt.
-
-
-567.
-
-Wieviel *Vorteil* opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ ist er!
-Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben -- und wie
-*fern* vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt!
-
-Man will *nicht* sein „Glück“; man muß Engländer sein, um glauben zu
-können, daß der Mensch immer seinen Vorteil sucht. Unsre Begierden
-wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen --, ihre
-aufgestaute Kraft sucht die Widerstände.
-
-
-568.
-
-Die *Erziehung* zu jenen *Herrscher*tugenden, welche auch über sein
-Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die großen Züchtertugenden
-(„seinen Feinden vergeben“ ist dagegen Spielerei), den *Affekt des
-Schaffenden* auf die *Höhe bringen* -- nicht mehr Marmor behauen! --
-Die Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit der der
-bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi Seele.
-
-
-569.
-
-*Der höhere Mensch und der Herdenmensch.* Wenn die großen Menschen
-*fehlen*, so macht man aus den vergangenen großen Menschen Halbgötter
-oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch
-nicht mehr am Menschen *Lust* hat (-- „und am Weibe auch nicht“
-mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen auf einen Haufen als
-Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken.
-
-Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen: sie machen den
-Geringeren dumm.
-
-
-570.
-
-Der Hammer. *Wie* müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt
-wertschätzen? -- Menschen, die *alle* Eigenschaften der modernen Seele
-haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? --
-Ihr Mittel zu ihrer Aufgabe.
-
-
-571.
-
-Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit,
-verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er die Mahlzeiten verdaut; er
-wird mit schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn
-ein unversehrter und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm
-widersteht, so wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.
-
-
-572.
-
-Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind
-schlechterdings *nicht* um des Nutzens willen, der von ihnen ausgeht,
-zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände *reicher Seelen* sind,
-welche abgeben können und ihren Wert als Füllegefühl des Lebens tragen.
-Man sehe die Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der
-Selbstverneinung, des Hasses auf das ~moi~, des „Pascalismus“.
-
-
-573.
-
-Zu den herrschaftlichen Typen. -- Der „Hirt“ im Gegensatz zum „Herrn“
-(-- ersterer *Mittel* zur Erhaltung der Herde; letzterer *Zweck*,
-weshalb die Herde da ist).
-
-
-574.
-
-*Hauptgesichtspunkt*: daß man nicht die *Aufgabe* der höheren Spezies
-in der *Leitung* der niederen sieht (wie es zum Beispiel Comte macht
---), sondern die niedere als *Basis*, auf der eine höhere Spezies ihrer
-*eigenen* Aufgabe lebt, -- auf der sie erst *stehen kann*.
-
-Die Bedingungen, unter denen eine *starke* und *vornehme* Spezies sich
-erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind die umgekehrten von
-denen, unter welchen die „industriellen Massen“, die Krämer ~à la~
-Spencer stehen.
-
-Das, was nur den *stärksten* und *fruchtbarsten* Naturen freisteht
-zur Ermöglichung *ihrer* Existenz -- Muße, Abenteuer, Unglaube,
-Ausschweifung selbst --, das würde, wenn es den *mittleren* Nationen
-freistünde, diese notwendig zugrunde richten -- und tut es auch.
-Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste
-„Überzeugung“ am Platze, -- kurz die „Herdentugenden“: unter ihnen wird
-diese mittlere Art Mensch vollkommen.
-
-
-575.
-
-Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel
-setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden,
-verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede
-große Gefahr unsre Neugierde in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres
-Mutes herausfordert.
-
-
-576.
-
-„Sein Leben lassen für eine Sache“ -- großer Effekt. Aber man läßt
-für vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre
-Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache --
-daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele
-haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert -- und selbst, was
-schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt
-man instinktiv die gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer
-der Spekulation, wenn man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man
-tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre
-will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? Im Gegenteil,
-wir suchen instinktiv ein *potenziertes* Leben, das Leben in der
-Gefahr.... Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein
-als die anderen. Pascal zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb
-Christ: das war vielleicht tugendhaft. -- *Man opfert immer.*
-
-
-577.
-
-„*Seinem Gefühle folgen?*“ -- Daß man, einem generösen Gefühle
-*nachgebend*, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines
-Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In
-der Fähigkeit dazu sind sich alle gleich -- und in der Entschlossenheit
-dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten
-Menschen gewiß.
-
-Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und
-die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, -- sondern kalt,
-~raisonnable~, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen
-dabei.... Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die
-~raison~ *durchgesiebt* sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie
-irgendein Affekt.
-
-Die *blinde Nachgiebigkeit* gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob
-es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache
-der *größten Übel*.
-
-Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte
-nicht besitzt, -- im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade:
-aber daß man sie am Zügel führt.... und auch das noch ohne Lust an
-dieser Bändigung, sondern bloß, weil....
-
-
-578.
-
-Wo man die *stärkeren Naturen* zu suchen hat. -- Das Zugrundegehen und
-Entarten der *solitären* Spezies ist viel *größer* und furchtbarer: sie
-haben die Instinkte der Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre
-Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein
-nicht stark, nicht sicher genug, -- es gehört viel Gunst des Zufalls
-dazu, daß sie *gedeihen* (-- sie gedeihen in den niedrigsten und
-gesellschaftlich preisgegebensten Elementen am häufigsten; wenn man
-nach *Person* sucht, dort findet man sie um wieviel sicherer als in den
-mittleren Klassen!).
-
-Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der Rechte“
-abzielt, -- ist er ungefähr erledigt, so geht der *Kampf* los gegen
-die *Solitärperson*. (In einem gewissen Sinne *kann dieselbe sich
-am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und
-entwickeln*: dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht mehr
-nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit,
-Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.)
-
-Die *Stärksten* müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten
-gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Herde. Für sie
-ein Regime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der
-„Pflicht“ in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber
-kommt.
-
-
-579.
-
-Wogegen *ich* kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel den Krieg macht,
--- statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung
-für den Wert der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche,
-statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu
-empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten.
-
-
-580.
-
-Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es
-ist fast ein Fragezeichen an seinem „*Recht* auf Philosophie“. Gerade
-deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu
-nehmen, hat er allem Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.
-
-
-581.
-
-Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich
-tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder Schritt weg von ihr führt -- so
-lehre ich -- ins *Unmoralische*.
-
-
-582.
-
-Die *Verkleinerung* des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten:
-weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine *stärkere*
-Art Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher *jede verstärkte*
-Art Mensch auf einem *Niveau der niedrigeren stand* -- -- --)
-
-
-583.
-
-Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich und
-nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines *Unterbaus*,
-auf dem endlich eine *stärkere* Gattung möglich wird. -- Maßstab
-der Stärke: unter den *umgekehrten* Wertschätzungen leben können
-und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau:
-weltwirtschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als *Züchtung*.
-
-
-584.
-
-Der Kampf gegen die *großen* Menschen, aus ökonomischen Gründen
-gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen,
-Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in
-Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich entladen,
-sondern womöglich seiner Entladung *vorbeugen*: Grundinstinkt aller
-zivilisierten Gesellschaft.
-
-
-585.
-
-Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators
-der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ klarzumachen,
-dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so
-leidenschaftlich *bekämpft* -- daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten,
-Staatsmänner, Genies, Feldherren die Hebel und *Ursachen* aller großen
-Bewegungen sind -- wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als
-ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Wertvolle an einem
-solchen „höheren Menschen“ liege eben in der Fähigkeit, Massen in
-Bewegung zu setzen: kurz, in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“
-des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in der
-Rangdistanz, -- nicht in irgendwelchen Wirkungen: und ob er auch den
-Erdball erschütterte. --
-
-
-586.
-
-Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität
-*nicht medioker* haben will und, statt an einem Ausnahmesein einen
-Triumph zu fühlen, *entrüstet* ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit
-und Miserabilität. *Man soll das nicht anders wollen!* und die Kluft
-*größer* aufreißen! -- Man soll die höhere Art *zwingen*, sich
-*abzuscheiden* durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat.
-
-*Hauptgesichtspunkt*: *Distanzen* aufreißen, aber *keine Gegensätze
-schaffen*. Die *Mittelgebilde* ablösen und im Einfluß verringern:
-Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten.
-
-
-587.
-
-Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung
-der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit der Menschen,
-sondern wir wollen auch gerade das Gegenteil einer Anähnlichung,
-einer Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir
-reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der
-Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen leben wir noch selber
-einander fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nötig
-sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, -- wir werden
-folglich schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden
-allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten
-kennen. Laufen wir uns aber über den Weg durch einen Zufall, so ist
-darauf zu wetten, daß wir uns verkennen oder wechselseitig betrügen.
-
-
-588.
-
-Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht
-weil er allein sein will, sondern weil er etwas ist, das nicht
-seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade
-heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat
-und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen
-weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches
-Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, -- heute sieht sich der
-Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen
-umringt. Und nicht etwa nur von seiten der Neidischen und Erbärmlichen:
-er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem
-Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke
-des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig
-fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere,
-zuverlässigere Gesellschaft, vor sich selber zu „retten“ sucht, -- ja
-er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem
-alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im besten
-Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen
-Vereinsamung nötig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der
-äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer
-Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute not tun, damit
-ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber *oben* erhalte,
-inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit.
-Jeder Versuch, es *in* der Gegenwart, *mit* der Gegenwart auszuhalten,
-jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von heute muß er wie seine
-eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner
-Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch
-Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.
-
-
-589.
-
-Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der
-menschlichen Niederungen es eine *höhere, hellere Menschheit* gibt,
-die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (-- denn alles, was
-hervorragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht
-weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller
-wäre als die Menschen da unten, sondern -- weil man *kälter*, *heller*,
-*weitsichtiger*, *einsamer* ist, weil man die Einsamkeit erträgt,
-vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung des Daseins, weil
-man unter Wolken und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber
-ebenso unter Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was
-notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur
-in der Richtung *von oben nach unten* bewegt. Die Aspirationen *nach*
-der Höhe sind nicht die unsrigen. -- Die Helden, Märtyrer, Genies und
-Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.
-
-
-590.
-
-Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten
-gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von
-Mißratenen, von Unglücksfällen und ein äußerst langsames Schreiten;
-ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war;
-der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche
-Geschichte -- die Geschichte des höchsten Menschen, des *Weisen*. --
-Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis der Großen, denn die
-Halbgeratenen und Mißratenen verkennen sie und besiegen sie durch
-„Erfolge“. Jedesmal, wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse
-Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im
-Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den, der mit Schauder
-weiß, *daß das Schicksal der Menschheit am Geraten ihres höchsten Typus
-liegt*. -- Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen
-des Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht
-verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird -- vielleicht
-nur für kurze Zeit.
-
-
-591.
-
-*Rangordnung*: Der die Werte *bestimmt* und den Willen von
-Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten Naturen lenkt, ist
-der *höchste Mensch*.
-
-
-592.
-
-Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die
-höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge.
-
-
-593.
-
-Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und unten *verschieden*
-sind; daß zahllose *Erfahrungen* den Unteren *fehlen*, daß von unten
-nach oben das Mißverständnis *notwendig* ist.
-
-
-594.
-
-Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle *gegensätzlicher*
-Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist
-er der Herr der Erde. -- Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter
-*Rangordnungen* in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren
-*Widersprüchen* der Mensch nicht zugrunde geht. Also ein Trieb als
-Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den
-*Reiz* für die Tätigkeit des Haupttriebes abgibt.
-
-Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch
-in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der
-Tat: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig
-*gegen*einander treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber
-gebändigt.
-
-
-595.
-
-Ein großer Mensch, -- ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile
-aufgebaut und erfunden hat -- was ist das? *Erstens*: er hat in
-seinem gesamten Tun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer
-überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große
-Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles
-kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter
-auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt. *Zweitens*:
-er ist *kälter*, *härter*, *unbedenklicher* und *ohne Furcht vor der
-„Meinung“*; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der „Achtung“
-und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur
-„Tugend der Herde“ gehört. Kann er nicht *führen*, so geht er allein;
-es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem Wege begegnet,
-angrunzt. *Drittens*: er will kein „teilnehmendes“ Herz, sondern
-Diener, Werkzeuge; er ist im Verkehr mit Menschen immer darauf aus,
-etwas aus ihnen zu *machen*. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es
-geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich nicht,
-wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine
-Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr
-Geist und *Willen*. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas
-Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit,
-welche keine Instanz über sich hat.
-
-
-596.
-
-Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens
--- das bringen die Künstler noch am besten zustande: wenn einer aber
-Menschen dazu nötig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die
-Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar
-und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten an ihrem
-Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf
-dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die *größte
-Verantwortlichkeit* tragen und *nicht* daran *zerbrechen*. -- Bisher
-waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst den *Glauben
-an sein Recht und seine Hand* nicht zu verlieren.
-
-
-597.
-
-Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das Geringere in
-meiner Betrachtung, *gegen die Not der großen Einzelnen in ihrer
-Entwicklung*. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller
-dieser *Kleinen* bilden zusammen keine *Summe*, außer im Gefühle von
-*mächtigen* Menschen. -- An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr:
-seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile vieler: -- das kann bei einem
-sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen *großen* Charakters sein,
-der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.
-
-
-598.
-
-Im *großen Menschen* sind die spezifischen Eigenschaften des Lebens
--- Unrecht, Lüge, Ausbeutung -- am größten. Insofern sie aber
-*überwältigend* gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden
-und ins Gute interpretiert worden. Typus Carlyle als Interpret.
-
-
-599.
-
-Ob man nicht ein Recht hat, alle *großen* Menschen unter die *bösen*
-zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen
-ein meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die
-Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten
-sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte
-gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, -- dergleichen täuscht, aus
-der Ferne gesehen. Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten
-fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus, zum Beispiel die
-Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch
-große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß
-aus dem Vorhandensein der Gegensätze und aus deren Gefühl gerade der
-große Mensch, *der Bogen mit der großen Spannung*, entsteht.
-
-
-600.
-
-Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale
-tragen, die ganze Art der *heroischen* Lastträger: o wie gern
-möchten sie einmal von sich selber ausruhen! wie dürsten sie nach
-starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden,
-was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie
-sehen sich alles an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur
-mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand errät,
-*inwiefern* sie warten.... Endlich, endlich lernen sie ihre erste
-Lebensklugheit -- *nicht* mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre
-zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an jedermann
-zu ertragen, jederlei zu ertragen -- kurz, noch ein wenig *mehr zu
-ertragen*, als sie bisher schon getragen haben.
-
-
-601.
-
-Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involviert
-*Unabhängigkeit*; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt
-sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohltunwollen und
-„Gerechtigkeit“üben. Die geringen Geister haben zu *gehorchen*, --
-können also nicht *Größe* haben.
-
-
-602.
-
-Die *Notwendigkeit* zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren
-Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander
-verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen *eine
-Gegenbewegung gehört*. Ich bezeichne dieselbe als *Ausscheidung
-eines Luxusüberschusses der Menschheit*: in ihr soll eine *stärkere*
-Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und
-andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein
-Begriff, mein *Gleichnis* für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort
-„Übermensch“.
-
-Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist,
-entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die
-Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des
-Menschen, -- eine Art *Stillstandsniveau des Menschen*. Haben wir
-erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung
-der Erde, dann *kann* die Menschheit als Maschinerie in deren
-Diensten ihren besten Sinn finden: -- als ein ungeheures Räderwerk von
-immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer
-wachsendes Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden
-Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren
-*Minimalkräfte, Minimalwerte* darstellen.
-
-Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen
-an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten
-Bewegung, -- der Erzeugung des *synthetischen*, des *summierenden*,
-des *rechtfertigenden* Menschen, für den jene Machinalisierung der
-Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf
-dem er seine *höhere Form, zu sein*, sich erfinden kann.
-
-Er braucht die *Gegnerschaft* der Menge, der „Nivellierten“, das
-Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von
-ihnen. Diese höhere Form des *Aristokratismus* ist die der Zukunft. --
-Moralisch geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller
-Räder, ein Maximum in der *Ausbeutung des Menschen* dar: aber sie setzt
-solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung *Sinn* hat. Im anderen Falle
-wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, *Wert*verringerung
-des Typus Mensch, -- ein *Rückgangsphänomen* im größten Stile.
-
--- Man sieht, was ich bekämpfe, ist der *ökonomische* Optimismus:
-wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller
-notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: *die
-Unkosten aller summieren sich zu einem Gesamtverlust*: der Mensch wird
-*geringer*: -- so daß man nicht mehr weiß, *wozu* überhaupt dieser
-ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein *neues* Wozu? -- *das* ist
-es, was die Menschheit nötig hat.
-
-
-603.
-
-*Zur Rangordnung.* -- Was ist am typischen Menschen *mittelmäßig*?
-Daß er nicht die *Kehrseite der Dinge* als notwendig versteht: daß
-er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entraten könne;
-daß er das eine nicht mit dem andern hinnehmen will, -- daß er den
-*typischen Charakter eines Dinges*, eines Zustandes, einer Zeit, einer
-Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Teil
-ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern *abschaffen* möchte. Die
-„Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen ist das, was von uns andern bekämpft
-wird: das *Ideal*, gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses,
-Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere
-Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum des Menschen
-auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der *höchste* Mensch, gesetzt,
-daß ein solcher Begriff erlaubt ist, *der* Mensch wäre, welcher *den
-Gegensatzcharakter des Daseins* am stärksten darstellte, als dessen
-Glorie und einzige Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen
-nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters
-darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die Vielfachheit der
-Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst, das heißt die
-Vorbedingung für die *Größe des Menschen*. Daß der Mensch besser *und*
-böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit....
-
-Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst
-wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten,
-ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört
-vielleicht zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich
-stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß
-es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen
-handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl, bloß
-Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der
-*ganze* Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, wie
-weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht *nicht* in einem
-Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren
-(-- wir haben zum Beispiel mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten
-noch nicht den *Menschen der Renaissance* wieder erreicht, und
-hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem *antiken
-Menschen* zurück).
-
-
-604.
-
-Die „*Reinigung des Geschmacks*“ kann nur die Folge einer *Verstärkung*
-des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute *repräsentiert* nur
-die Bildung; der Gebildete *fehlt*. Der große *synthetische Mensch*
-fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins
-Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der *vielfache* Mensch, das
-interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht
-das Chaos *vor* der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: -- *Goethe*
-als schönster Ausdruck des Typus (-- *ganz und gar kein Olympier!*).
-
-
-605.
-
-Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck -- für die *deutsche starke Art*
-charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener
-geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen
-hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die
-Freiheit vorbehält.
-
-
-606.
-
-(~Revue des deux mondes~, 15. Februar 1887. *Taine* über Napoleon:)
-„Plötzlich entfaltet sich die ~faculté maîtresse~: der *Künstler*,
-eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus ~de sa gaine~; er schafft
-~dans l'idéal et l'impossible~. Man erkennt ihn wieder als das, was
-er ist: der posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in
-Wahrheit, in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die
-Intensität, Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner
-Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption, ist er ihnen
-gleich ~et leur égal: son génie a la même taille et la même structure,
-il est un des trois sprits souverains de la renaissance italienne~.“
-
-Notabene -- -- Dante, Michelangelo, Napoleon.
-
-
-607.
-
-Einsicht, welche den „freien Geistern“ *fehlt*: dieselbe *Disziplin*,
-welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen
-befähigt, *zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen*: -- der Zweifel,
--- ~la largeur de cœur~, -- das Experiment.
-
-
-608.
-
-Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst
-furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig:
-sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus:
-und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der
-Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von den untersten
-Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe erraten hat, wird Dante, als
-er über die Pforte seines Inferno schrieb: „auch mich schuf die ewige
-Liebe“, verstehen.
-
-
-609.
-
-Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.
-
-
-610.
-
-*Die Kriegerischen und die Friedlichen.* -- Bist du ein Mensch,
-der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle
-bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein Angriffskrieger oder ein
-Widerstandskrieger von Instinkt? Der Rest von Menschen, alles, was
-nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will
-„Freiheit“, will „gleiche Rechte“ -- : das sind nur Namen und Stufen
-für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig hat, sich
-zu wehren, -- solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie
-genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie wollen Zustände schaffen, wo
-es überhaupt keinen Krieg mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen,
-gehorchen, einordnen: immer noch besser als Krieg führen, -- so rät es
-zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen Kriegern
-gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, in Wahl der Zustände, in der
-Ausbildung jeder Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr
-im zweiten am besten entwickelt.
-
-Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel und Tugenden sie
-nötig haben, um es auszuhalten, -- um selbst obzusiegen.
-
-
-611.
-
-Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren
-und anzugreifen? Was bleibt von seinen *Affekten* übrig, wenn die ihm
-abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat?
-
-
-612.
-
-Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die Nähe der
-Interessen zu bringen, für die man kämpft -- das macht *uns* ehrwürdig;
-2. man muß lernen, *viele* zum Opfer bringen und seine Sache wichtig
-genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre
-Disziplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehen.
-
-
-613.
-
-„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ -- auch ein
-Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich Seelen vornehmer und
-kriegerischer Abkunft verraten und erraten.
-
-
-614.
-
-Nicht „das Glück folgt der Tugend“, -- sondern der Mächtigere bestimmt
-*seinen glücklichen Zustand erst als Tugend*.
-
-Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die
-schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.
-
-Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern
-er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt *gegen* alle ihre Ideale
-und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft,
-aufgezwungen.
-
-Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen und den Glauben
-an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber
-war durch die Mittel, die er anwenden *mußte*, korrumpiert worden und
-hatte die Noblesse des Charakters *verloren*. Unter einer andern Art
-Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und
-so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar *schlecht werden müßte*.
-
-
-615.
-
-Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß
-er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß dies die Größe ausmacht:
-etwas Großes *wollen* und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder
-Art Überzeugung gehört zur *Stärke seines Willens*. So ist es jenem
-„aufgeklärten Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt.
-Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Mut
-auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich
-Überzeugungen, sie *braucht* sie selbst, aber sie unterwirft sich
-ihnen nicht. Das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem
-in Ja und Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist
-Willensschwäche. Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist notwendig
-eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß „Freiheit des
-Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt, Vorbedingung der Größe ist.
-
-
-616.
-
-Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts
-haben, aber ausgleichen in einer überreichen, plastischen,
-wiederherstellenden Kraft. *Der starke Mensch.*
-
-
-617.
-
-*Der Begriff „starker und schwacher Mensch“* reduziert sich darauf,
-daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist -- er ist eine Summe: im
-andern *noch wenig* -- (-- unzureichende Vererbung, Zersplitterung
-des Ererbten). Die Schwäche kann ein *Anfangs*phänomen sein: „*noch
-wenig*“; oder ein *End*phänomen: „nicht *mehr*“.
-
-Der Ansatzpunkt ist der, *wo große Kraft ist*, wo Kraft *auszugeben*
-ist. Die Masse, als die Summe der *Schwachen*, reagiert *langsam*;
-wehrt sich gegen vieles, für das sie zu schwach ist, -- von dem sie
-keinen Nutzen haben kann; schafft *nicht*, geht nicht voran.
-
-Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und
-meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten
-Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Tätigen
-und der Masse liegen -- eine *chronologische* Differenz.
-
-Die *Werte der Schwachen* sind obenan, weil die Starken sie übernommen
-haben, um damit zu *leiten*.
-
-
-618.
-
-Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maßstab bleibt
-die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, Mut und Lustigkeit des
-Geistes -- aber natürlich auch, *wieviel von Krankhaftem er auf sich
-nehmen und überwinden kann*, -- gesund *machen* kann. Das, woran die
-zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört zu den Stimulansmitteln
-der *großen* Gesundheit.
-
-
-619.
-
-Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft,
--- nicht an die Mittelmäßigen. Die ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine
-*Stufe* der Höhe: höher steht die „goldene Natur“.
-
-„*Du sollst*“ -- unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden
-des Christentums und der Araber, in der Philosophie Kants (es ist
-gleichgültig, ob einem Oberen oder einem Begriff).
-
-Höher als „du sollst“ steht: „*Ich will*“ (die Heroen); höher als „ich
-will“ steht: „*Ich bin*“ (die Götter der Griechen).
-
-Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am *Maß* aus, --
-sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.
-
-
-620.
-
-Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und
-schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte
-weg, und vermöge ihrer verfeinerten Überkultur interessiert sie sich
-für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw.
-
-
-621.
-
-Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom
-Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo
-von „Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht
-an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort
-unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr
-bedarf es erst etwas, *das den Geist adelt*. -- Wessen bedarf es denn
-dazu? Des Geblüts.
-
-
-622.
-
-Eine Kriegserklärung der *höheren Menschen* an die Masse ist nötig!
-Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen!
-Alles, was verweichlicht, sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt
-oder das „Weibliche“, wirkt zugunsten des ~suffrage universel~,
-das heißt der Herrschaft der *niederen* Menschen. Aber wir wollen
-Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die in Europa mit dem
-Christentum anhebt) ans Licht und vors Gericht bringen.
-
-
-623.
-
-Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden
-Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik,
-Erdregierung in der Nähe; vollständiger *Mangel* an *Prinzipien* dafür.
-
-
-624.
-
-Der eigentlich *königliche* Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck
-Alkuins des Angelsachsen): ~prava corrigere, et recta corroborare, et
-sancta sublimare~.
-
-
-625.
-
-~Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne
-volent point en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux
-étourneaux.... Planer au-dessus et avoir des griffes, voilà le lot des
-grands génies.~
-
- ~Galiani.~
-
-
-626.
-
-Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, und daß
-sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: --
-sie haben andere Mittel nötig, das Leben zu ertragen, als andere
-Menschen; denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer
-Menschenverachtung als an ihrer Menschenliebe). -- Das leidendste Tier
-auf Erden erfand sich -- das *Lachen*.
-
-
-627.
-
-Weshalb der Philosoph *selten* gerät. Zu seinen Bedingungen gehören
-Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zugrunde richten:
-
-1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß eine Abbreviatur
-des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der
-Gegensätze, auch des Ekels an sich;
-
-2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der
-Zersplitterung;
-
-3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in
-Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit);
-
-4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und
-Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist);
-
-5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.
-
-
-628.
-
-*Typus*: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem
-Reichtum heraus: welche nicht gibt, um zu nehmen, -- welche sich nicht
-damit *erheben* will, daß sie gütig ist; -- die *Verschwendung* als
-Typus der wahren Güte, der Reichtum an *Person* als Voraussetzung.
-
-
-629.
-
-Was ist *vornehm*?
-
--- Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt,
-fernhält, vor Verwechslung schützt.
-
--- Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mit dem eine
-stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen
-Neugierde schützt.
-
--- Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es gibt nicht zu
-viel wertvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem
-Wertvollen. Wir bewundern schwer.
-
--- Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.
-
--- Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden,
-welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe,
-was er lobe: verstehen aber -- Balzac hat es verraten, dieser typisch
-Ehrgeizige -- ~comprendre c'est égaler~.
-
--- Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe;
-die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben.
-
--- Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen Pflichten hat,
-gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur ~inter pares~ auf
-Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.
-
--- Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an den Geburtsadel auch
-im Sittlichen.
-
--- Immer sich als den fühlen, der Ehren zu *vergeben* hat: während
-nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte.
-
--- Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des
-Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte schon aus Anstandsgründen
-sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.
-
--- Die Fähigkeit zum ~otium~, der unbedingten Überzeugung, daß ein
-Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt.
-Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und
-zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden
-Künstler, die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen und
-wieder gackern.
-
--- Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister
-ist: aber als Wesen, die höherer Art *sind* als diese, welche nur etwas
-*können*, als die bloß „produktiven Menschen“, verwechseln wir uns
-nicht mit ihnen.
-
--- Die Lust an den *Formen*; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen,
-die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das
-Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet
-alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und
-tölpelhaft wird und die Glieder streckt.
-
--- Das Wohlgefallen an den *Frauen*, als an einer vielleicht kleineren,
-aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu
-begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind
-das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen,
-deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.
-
--- Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben
-an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der
-Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen
-und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten.
-
--- Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.
-
--- Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten
-Versöhnlichkeit.
-
--- Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, an der
-„Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.
-
--- Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und
-wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. *Seine* Bücher, *seine*
-Landschaften.
-
--- Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und
-verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind
-wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat,
-sich als Regel zu gebärden!
-
--- Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere
-Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.
-
--- Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir wissen, wie
-unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein
-unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle
-bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt.
-
--- Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine
-Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer
-erkennbar sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu
-geben.
-
-
-630.
-
-*Dem Wohlgeratenen*, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz
-geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist -- an dem selbst
-die Nase noch ihre Freude hat --, sei dies Buch geweiht.
-
-Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;
-
-sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen
-überschritten wird;
-
-er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat
-Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens;
-
-er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;
-
-er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen;
-
-er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten
-seiner Hauptsache, -- er folgt einem *auswählenden* Prinzip, -- er läßt
-viel durchfallen;
-
-er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein
-gewollter *Stolz* angezüchtet haben, -- er prüft den Reiz, woher er
-kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht;
-
-er ist immer in *seiner* Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder
-Landschaften verkehrt;
-
-er ehrt, indem er *wählt*, indem er *zuläßt*, indem er *vertraut*.
-
-
-631.
-
-*Was ist vornehm*? -- Daß man sich beständig zu repräsentieren hat.
-Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man
-das Glück der *großen Zahl* überläßt: Glück als Frieden der Seele,
-Tugend, Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum ~à la~ Spencer. Daß man
-instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall
-Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man
-der *großen Zahl* nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig
-widerspricht.
-
-
-632.
-
-Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem
-Vergnügen macht oder was man tun *muß*.
-
-
-633.
-
-Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm
-geblieben ist; daß er ~in eroticis~ weder das Brutale, noch das
-Krankhafte, noch das Kluge mag.
-
-
-634.
-
-*Der „Ehrbegriff“*: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an
-ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu
-repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß
-man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen
-man sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „*uns*“ gehören);
-daß man weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden
-ist, außer ~inter pares~; daß man *sich immer repräsentiert*.
-
-
-635.
-
-Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles
-Begehrens nach Reichtümern) ist: die *Unordnung und Gemeinheit aus dem
-Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu bauen*.
-
-Die meisten freilich glauben, sie werden *höhere Naturen*, *wenn* jene
-schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd
-nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. *Sie
-wollen sich formen lassen* -- das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber
-die Starken, Mächtigen wollen *formen und nichts Fremdes mehr um sich
-haben*!
-
-So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um
-*sich* zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu
-vergessen. Das „*Außer-sich-sein*“ als Wunsch aller Schwachen und
-Mit-sich-Unzufriedenen.
-
-
-636.
-
-„*Geradezu stoßen die Adler.*“ -- Die Vornehmheit der Seele ist nicht
-am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit
-der sie *angreift*, -- „geradezu“.
-
-
-637.
-
-Krieg gegen die weichliche Auffassung der „*Vornehmheit*“! -- ein
-Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine
-Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht
-darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch,
-verderberisch, -- nichts von Schönseelensalbaderei --. Ich will einem
-*robusteren Ideale* Luft machen.
-
-
-638.
-
-*Die zwei Wege.* -- Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch *Kraft*
-im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese
-*Sklaverei der Natur* herbeizuführen.
-
-Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst *auszubilden* zu etwas
-Neuem, Höherem. *Neue Aristokratie.* Dann werden eine Menge *Tugenden
-überlebt*, die jetzt *Existenzbedingungen* waren. -- Eigenschaften
-nicht mehr nötig haben, *folglich* sie verlieren. Wir haben die
-Tugenden nicht mehr *nötig*: *folglich* verlieren wir sie (--
-sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der
-Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure
-*Selbstbezwingung zu ermöglichen*, durch den Affekt einer ungeheuren
-Furcht : : :).
-
-Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist:
-Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.
-
-Die *physiologische* Reinigung und Verstärkung. Die *neue Aristokratie*
-hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine
-furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.
-
-*Die zwei Zukünfte der Menschheit*: 1. die Konsequenz der
-Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.
-
-Eine Lehre, die eine *Kluft* schafft: sie erhält die *oberste und die
-niedrigste Art* (sie zerstört die mittlere).
-
-Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen
-*nichts* gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.
-
-
-639.
-
-Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: es bildet
-sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst
-intelligenten Herdenmasse. Es steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur
-Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.
-
-
-640.
-
-Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das
-intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden,
-bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, --
-ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzenchaos. Wie möchte
-sich aus ihm eine *stärkere* Art herausheben? Eine solche mit
-*klassischem* Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der
-Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks,
-zur Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen *Nacktheit* (--
-Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das
-Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine
-Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit....). Um sich aus jenem
-Chaos zu dieser *Gestaltung* emporzukämpfen -- dazu bedarf es einer
-*Nötigung*: man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen
-oder *sich durchzusetzen*. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus
-furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind
-die *Barbaren* des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie
-erst nach ungeheuren sozialistischen Krisen sichtbar werden und sich
-konsolidieren, -- es werden die Elemente sein, die der *größten Härte
-gegen sich selber* fähig sind und den *längsten Willen* garantieren
-können.
-
-
-641.
-
-Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die
-große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden?
-Und *wozu* soll „der Mensch“ als Ganzes -- und nicht mehr ein Volk,
-eine Rasse -- gezogen und gezüchtet werden?
-
-Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man
-aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen
-Willen beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstlerwille höchsten
-Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen
-über lange Zeiträume durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen,
-Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den
-eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und
-wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie *fehlen*; bis man
-endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, *warum*
-sie fehlen, und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und
-für lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man jetzt
-in Europa geradewegs „*die Moral*“ nennt: wie als ob es keine andere
-gäbe und geben dürfte, -- jene vorhin bezeichnete Herdentiermoral,
-die mit allen Kräften das allgemeine grüne Weideglück auf Erden
-erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit
-des Lebens und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch
-aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am
-reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der Rechte“ und
-„Mitgefühl für alles Leidende“ -- und das Leiden selber wird von ihnen
-als etwas genommen, das man schlechterdings *abschaffen* muß. Daß
-solche „Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen Begriff
-von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo
-und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist,
-muß vermeinen, daß dies unter den *umgekehrten* Bedingungen geschehen
-ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen,
-seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang
-sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu einem unbedingten Willen zur
-Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte,
-Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der
-Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, Teufelei jeder Art,
-kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus
-Mensch notwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten,
-welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten
-will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten --
-die zukünftigen *Herren der Erde* -- muß, um gelehrt werden zu können,
-sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen
-Worten und Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und
-Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer eines
-Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so
-langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst *eine neue Art*
-angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen
-Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird -- eine neue
-Herrenart und -Kaste -- dies begreift sich ebensogut als das lange
-und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine
-*Umkehrung der Werte* für eine bestimmte starke Art von Menschen
-höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zweck
-bei ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte
-langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört
-zu uns, den freien Geistern -- freilich wohl zu einer neueren Art von
-„freien Geistern“ als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr
-das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die
-Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus,
-insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch zur
-Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens *logisch*
-nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche
-unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und
-gegen das „Herdentier“ kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst
-bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten
-einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von
-denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt -- es ist das
-Werk des *neuen* Kolumbus, des deutschen Geistes -- mutig *fortgesetzt*
-wird (-- denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung).
-In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere, eine
-herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem
-erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch
-als der Mensch von heute, -- er war bisher allein „der wohlgeratene
-Mensch“. Die Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene,
-das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch
-heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und
-antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.
-
-
-2. Der züchtende Gedanke.
-
-
-642.
-
-Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme
-Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, welche ein Recht auf
-solche fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche
-sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der
-Zeit, je mehr der Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird,
-mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten *Züchtung* des
-entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen?
-Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art
-Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer
-*bediente* -- dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen
-Ausgestaltung der Sklaverei (-- das muß die europäische Demokratie am
-Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister
-hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch
-sie emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu *ihren* Fernsichten? Zu
-*ihren* Aufgaben?
-
-
-643.
-
-Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten Menschen
-*erraten*; -- vielleicht geht jeder zugrunde, der ihn errät: aber wer
-ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu *ermöglichen*.
-
-Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als *maßgebend* nehmen für alle
-unsere Wertschätzung -- und nicht *hinter* uns die Gesetze unseres
-Handelns suchen!
-
-
-644.
-
-*Könnten* wir die günstigsten Bedingungen *voraussehen*, unter denen
-Wesen entstehen von höchstem Werte! Es ist tausendmal zu kompliziert
-und die Wahrscheinlichkeit des Mißratens *sehr groß*: so begeistert es
-nicht, danach zu streben! -- Skepsis. -- Dagegen: Mut, Einsicht, Härte,
-Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die
-Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu
-Hilfe kommen. --
-
-
-645.
-
-Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres
-vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des Führertiers.
-
-
-646.
-
-So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und
-seltener Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der
-vielen (einbegriffen, daß diese *wüßten*, welche Eigenschaften zur
-Größe gehören und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich
-entwickelt) -- nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! --
-
-Daß der Gang der Dinge *unabhängig* von der Zustimmung der allermeisten
-seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der
-Erde eingeschlichen hat.
-
-
-647.
-
-*Nicht* die Menschen „besser“ machen, *nicht* zu ihnen auf irgendeine
-Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ oder eine ideale Art
-Mensch überhaupt gegeben sei: sondern *Zustände schaffen*, unter
-denen *stärkere Menschen nötig sind*, welche ihrerseits eine Moral
-(deutlicher: eine *leiblich-geistige Disziplin*), *welche stark macht*,
-brauchen und folglich *haben* werden!
-
-Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen:
-*die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich*. Und leider *gar
-nichts Liebenswürdiges*!
-
-
-648.
-
-Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner
-größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu
-allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß:
-denn die Moral war im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus,
-jene prachtvolle Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu
-vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige Entwicklung
-eine solche ungeheure Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß
-eine *umgekehrte* Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren,
-zarteren, mittleren Existenzen haben nötig, Partei zu machen *gegen*
-jene Glorie von Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue
-Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten
-Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche
-Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern sie die Typen des Lebens
-überwältigen will.
-
-
-649.
-
-Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen
-Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer *despotischer Moralen*:
-sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.
-
-
-650.
-
-Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der Kampf um die
-Macht am längsten geführt worden ist. Die *großen* Menschen.
-
-Urwaldtiere die *Römer*.
-
-
-651.
-
-*Aus der Kriegsschule der Seele.* (Den Tapfern, den Frohgemuten, den
-Enthaltsamen geweiht.)
-
-Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die
-Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten
-schließt der große Stil das Gefällige aus.
-
-In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg: er
-härtet ab, er macht Muskel.
-
-Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was man
-nötig hat.
-
-Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr *erreicht* mich -- ein Land
-ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der *Dürre*
-nicht zu verschmachten.
-
-
-652.
-
-*Ersatz* der Moral durch den *Willen* zu unserem Ziele, und *folglich*
-zu dessen *Mitteln*.
-
-
-653.
-
-Es bedarf einer Lehre, stark genug, um *züchtend* zu wirken: stärkend
-für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden.
-
-Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. -- Die
-Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. -- Die Herrschaft
-über die Erde als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. -- Die
-Vernichtung der Tartüfferie, welche „Moral“ heißt (das Christentum
-als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). --
-Die Vernichtung des ~suffrage universel~: das heißt des Systems,
-vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren
-vorschreiben. -- Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit und ihrer Geltung.
-(Die Einseitigen, Einzelne -- Völker; Fülle der Natur zu erstreben
-durch Paarung von Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) -- Der neue
-Mut -- keine apriorischen Wahrheiten (*solche* suchten die an Glauben
-Gewöhnten!), sondern *freie* Unterordnung unter einen herrschenden
-Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel Zeit als Eigenschaft des
-Raumes usw.
-
-
-654.
-
--- Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem
-der religiöse, das heißt gott*bildende*, Instinkt mitunter zur Unzeit
-lebendig wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das
-Göttliche offenbart!... So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in
-jenen zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem Monde
-fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist
-und wie jung man noch sein wird.... Ich würde nicht zweifeln, daß es
-viele Arten Götter gibt.... Es fehlt nicht an solchen, aus denen man
-einen gewissen Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf....
-Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff „Gott“....
-Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich mit Vorliebe jenseits
-alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten weiß? jenseits
-auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die Aussicht *frei*,
--- mit Goethe zu reden. -- Und um für diesen Fall die nicht genug zu
-schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra geht so weit,
-von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen Gott glauben, der zu
-*tanzen* verstünde“....
-
-Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! --
-Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt
-weder an alte noch neue Götter. Zarathustra sagt, er *würde* --; aber
-Zarathustra *wird* nicht.... Man verstehe ihn recht.
-
-Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der „großen
-Menschen“.
-
-
-655.
-
-Und wie viele neue *Ideale* sind im Grunde noch möglich! -- Hier ein
-kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und
-einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften
-Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen;
-der Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne
-Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in
-der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von
-irgendeinem Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt
-selbst durch Trübsal -- denn Trübsal *erhält* den Glücklichen --; einen
-kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: -- dies,
-wie sich von selbst versteht, das Ideal eines schweren, zentnerschweren
-Geistes, eines *Geistes der Schwere*.
-
-
-656.
-
-Der große Mensch fühlt seine *Macht* über ein Volk, sein zeitweiliges
-Zusammenfallen mit einem Volk oder einem Jahrtausend: -- diese
-*Vergrößerung* im Gefühl von sich als *~causa~* und *~voluntas~* wird
-*mißverstanden* als „Altruismus“ -- : es drängt ihn nach *Mitteln*
-der Mitteilung: alle großen Menschen sind *erfinderisch* in solchen
-*Mitteln*. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie
-wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das
-Chaos zu sehen.
-
-Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine *sklavische* Liebe, welche sich
-unterwirft und weggibt: welche idealisiert und sich täuscht, -- es gibt
-eine *göttliche* Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte
-*umschafft, hinaufträgt*.
-
-Jene ungeheure *Energie der Größe* zu gewinnen, um durch Züchtung und
-andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißratener den zukünftigen
-Menschen zu gestalten und *nicht zugrunde* zu gehen an dem Leid, das
-man *schafft* und dessengleichen noch nie da war! --
-
-
-657.
-
-Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung der Affekte
-Widerwillen macht: *die nackte Natur*; wo die *Machtquantitäten* als
-*entscheidend* einfach zugestanden werden (als *rangbestimmend*); wo
-der *große Stil* wieder auftritt als Folge der *großen Leidenschaft*.
-
-
-658.
-
-Die *Lust* tritt auf, wo Gefühl der Macht.
-
-Das *Glück*: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und des
-Siegs.
-
-Der *Fortschritt*: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen
-Wollen: alles andere ist Mißverständnis, Gefahr.
-
-
-659.
-
-Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu *achten*: alles andere
-folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die andern auf: denn
-das gerade verzeihen sie am letzten. „Wie? Ein Mensch, der sich selbst
-achtet?“ --
-
-Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu *lieben*:
-nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter wie in der
-Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als *Verachtung* gegen das, was
-man liebt: -- der Fatalismus in der Liebe.
-
-
-660.
-
-*Mein neuer Weg zum „Ja“.* -- Philosophie, wie ich sie bisher
-verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der
-verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen
-Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab,
-lernte ich alles, was bisher philosophiert hat, anders ansehen: -- die
-*verborgene* Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen
-Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit *erträgt*, wieviel
-Wahrheit *wagt* ein Geist?“ -- dies wurde für mich der eigentliche
-Wertmesser. Der Irrtum ist eine *Feigheit*.... jede Errungenschaft
-der Erkenntnis *folgt* aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus
-der Sauberkeit gegen sich.... Eine solche *Experimentalphilosophie*,
-wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des
-grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß
-sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen
-bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch -- bis zu einem
-*dionysischen Jasagen* zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und
-Auswahl --, sie will den ewigen Kreislauf: -- dieselben Dinge, dieselbe
-Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph
-erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen -- : meine Formel dafür ist
-*~amor fati~*.
-
-Hierzu gehört, die bisher *verneinten* Seiten des Daseins nicht nur
-als *notwendig* zu begreifen, sondern als wünschenswert: und nicht nur
-als wünschenswert in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als
-deren Komplemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen,
-als der mächtigeren, fruchtbareren, *wahreren* Seiten des Daseins, in
-denen sich sein Wille deutlicher ausspricht.
-
-Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein *bejahte* Seite des
-Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung stammt und wie
-wenig sie verbindlich für eine dionysische Wertabmessung des Daseins
-ist: ich zog heraus und begriff, *was* hier eigentlich Ja sagt (der
-Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und
-jener dritte, der *Instinkt der meisten* gegen die Ausnahmen --).
-
-Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig nach
-einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen
-ausdenken müßte: *höhere Wesen*, jenseits von Gut und Böse, jenseits
-von jenen Werten, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens,
-der Herde und der meisten nicht verleugnen können, -- ich suchte
-nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte
-(die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“ neu entdeckt und
-hingestellt --).
-
-
-661.
-
-*Der menschliche Horizont.* -- Man kann die Philosophen auffassen als
-solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu *erproben*, wie
-weit sich der Mensch *erheben* könne, -- besonders Plato: wie *weit*
-seine Kraft reicht. Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der
-Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran
-denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in der *Entwicklung*
-und unter „günstigen Umständen“. Aber sie begriffen nicht genug, was
-günstige Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am
-prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der
-Historie nötig.
-
-
-662.
-
-Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen werden -- das
-bleibt uns nicht *erspart*! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein.
-Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [zum Beispiel Griechen]
-gezüchtet wurden: diese Art „Zufall“ *bewußt wollen*.)
-
-
-663.
-
-*Gesetzgeber der Zukunft.* -- Nachdem ich lange und umsonst mit dem
-Worte „Philosoph“ einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte -- denn
-ich fand viele entgegengesetzte Merkmale --, erkannte ich endlich, daß
-es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen gibt:
-
-1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen
-(logisch oder moralisch) feststellen wollen;
-
-2. solche, welche *Gesetzgeber* solcher Wertschätzungen sind.
-
-Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu
-bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende durch Zeichen
-zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen
-übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, -- sie dienen
-der Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner
-Zukunft zu verwenden.
-
-Die Zweiten aber sind *Befehlende*; sie sagen: „So soll es sein!“ Sie
-bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, den Nutzen, *was* Nutzen der
-Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen
-Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese
-zweite Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre Lage
-und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen
-zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie vom
-Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete,
-das „Gute“, wie *er* es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern
-das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein Mensch namens
-Plato auf seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet
-dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr „du
-sollst“ darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, -- nur
-als dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur
-als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der Werte eine *tragbare* Bürde,
-unter der ihr Gewissen *nicht* zerbricht.
-
-Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Mohammeds,
-dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines „Gottes“
-oder „ewiger Werte“ sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der
-Anspruch des Gesetzgebers neuer Werte zu einer neuen und noch nicht
-erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen
-die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch
-machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch „zur
-rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum
-Beispiel, indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder
-sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten,
-oder sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder
-selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung,
-eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn.
-Manchem mag es in der Tat gelingen, auszuweichen: es geht durch
-die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und
-ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des
-Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der Reife, wo
-sie *mußten*, was sie nicht einmal „wollten“: -- und die Tat, vor der
-sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und
-ungewollt vom Baume als eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. --
-
-
-664.
-
-Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig
-genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu
-sich heraufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte
-des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber
-denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den
-er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht
-erraten werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine
-Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig
-sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohnes
-vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit
-übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und
-Böse; aber niemand darf es wissen.
-
-
-665.
-
-Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus
-kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als
-ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende
-Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des
-Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das
-Verlangen zum Ende einzugeben.
-
-
-666.
-
-Der *größte* Kampf: dazu braucht es einer neuen *Waffe*.
-
-Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor
-die *Konsequenz* stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“.
-
-Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!
-
-
-667.
-
-Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe?
-Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist mühsam
-und im kleinen erworben worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung,
-Beschränkung auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der
-gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen,
-welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen
-Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind -- weil auf Grund
-glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle die
-erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert
-und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen
-zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein
-Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt.
-Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche
-geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein
-Vordergrund -- mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen.
-
-
-668.
-
-Im allgemeinen ist jedes Ding *so viel wert, als man dafür bezahlt
-hat*. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isoliert nimmt;
-die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu
-dem, was er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man
-seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte
-einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung von Kraft durch
-alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil
-der große Mensch soviel *gekostet* hat und *nicht*, weil er wie ein
-Wunder als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß: --
-„Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was einer ist, haben seine
-Vorfahren die Kosten bezahlt.
-
-
-669.
-
-*Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.*
-
-Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als Versuch der
-Selbstüberwindung und der Freiheit.
-
-Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein.
-
-Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht
-auf seine Willensstärke verschaffen.
-
-Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmut.
-
-Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die
-Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes ins feinste
-getrieben.
-
-Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“, -- sondern
-umgekehrt!
-
-Die Vergeltung, das Zurückgeben*dürfen* als Vorrecht behandeln, als
-Auszeichnung zugestehen.
-
-Die Tugend der *anderen* nicht ambitionieren.
-
-
-670.
-
-*Die Vermehrung der Kraft*, trotz des zeitweiligen Niedergehens des
-Individuums:
-
-Ein *neues Niveau* begründen.
-
-Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung kleiner
-Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung.
-
-Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum *Werkzeug* dieser
-Zukunftsökonomik.
-
-Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse *kleiner* Arbeit
-getan werden muß.
-
-Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die
-Existenz noch *möglich* ist.
-
-Die *Solidarität* als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der
-Furcht und der Servilität.
-
-Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des „großen Menschen“.
-
-
-671.
-
-*Warum die Schwachen siegen.* *~In summa~*: die Kranken und Schwachen
-haben mehr *Mitgefühl*, sind „menschlicher“ -- : die Kranken und
-Schwachen haben mehr *Geist*, sind wechselnder, vielfacher,
-unterhaltender, -- boshafter: die Kranken allein haben die *Bosheit*
-erfunden. (Eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen,
-Skrophulosen und Tuberkulosen --) ~Esprit~: Eigentum später Rassen:
-Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es den Juden
-nicht, daß die Juden „Geist“ haben -- und Geld. Die Antisemiten -- ein
-Name der „Schlechtweggekommenen“.)
-
-Die Kranken und Schwachen haben die *Faszination* für sich gehabt: sie
-sind *interessanter* als die Gesunden: der Narr und der Heilige -- die
-zwei interessantesten Arten Mensch.... in enger Verwandtschaft das
-„Genie“. Die großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen, die
-gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens *krank*: -- die
-großen Gemütsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die
-Rache sind von tiefen Störungen begleitet. Und was die *~décadence~*
-betrifft, so stellt sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt,
-in jedem Sinne beinahe dar: -- er kennt also auch die Instinkte,
-welche zu ihr gehören, aus Erfahrung: -- für die *Hälfte fast jedes
-Menschenlebens* ist der Mensch ~décadent~.
-
-Endlich: das Weib! *Die eine Hälfte der Menschheit* ist schwach,
-typisch-krank, wechselnd, unbeständig, -- das Weib braucht die Stärke,
-um sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es
-als göttlich verherrlicht, *schwach* zu sein, zu lieben, demütig zu
-sein -- : oder besser, es macht die Starken schwach, -- es *herrscht*,
-wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit
-den Typen der ~décadence~, den Priestern, zusammen konspiriert gegen
-die „Mächtigen“, die „Starken“, die *Männer* --. Das Weib bringt die
-Kinder beiseite für den Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: --
-die *Mutter* repräsentiert den Altruismus *überzeugend*.
-
-Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig auch die
-Zunahme der morbiden Elemente, des *Neurotisch-Psychiatrischen* und des
-*Kriminalistischen* mit sich bringt. Eine *Zwischenspezies* entsteht,
-der *Artist*, von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und
-soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das
-Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig
-hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze, der moderne Artist,
-Maler, Musiker, vor allem Romanzier, der für seine Art zu sein, das
-sehr uneigentliche Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die
-Verbrecher und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer wachsenden
-und jäh *vorwärts* eilenden Kultur, -- das heißt, der Ausschuß, der
-Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen Importanz, -- das Abwärts *hält
-Schritt*....
-
-Endlich: *der soziale Mischmasch*, Folge der Revolution, die
-Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an „gleiche Menschen“.
-Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte (des
-Ressentiments, der Unzufriedenheit, des Zerstörertriebes, des
-Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaveninstinkte, der
-Feigheits-, Schlauheits- und Kanailleninstinkte der lange *unten*
-gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei
-Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, -- alles ist
-*verpöbelt*. Hieraus resultiert ein Gesamtinstinkt gegen die *Auswahl*,
-gegen das *Privilegium* jeder Art, von einer Macht und Sicherheit,
-Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der Tat sich alsbald selbst
-die *Privilegierten* unterwerfen: -- was noch Macht festhalten will,
-schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, *muß* den Pöbel auf
-seiner Seite haben, -- die „Genies“ voran: sie werden *Herolde* der
-Gefühle, mit denen man Massen begeistert, -- die Note des Mitleids, der
-Ehrfurcht selbst vor allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt
-gelebt hat, klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo und
-Richard Wagner). -- Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die
-Heraufkunft der *alten Werte*....
-
-Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf Tempo und Mittel,
-wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht
-der Menschen: *der* Menschen, auf die es am meisten ankommt, die
-es gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen
-krankhaften Bewegung zu kompensieren; -- es werden die Verzögerer
-~par excellence~, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden,
-die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und
-Mischens von Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen
-Umständen notwendig den *Mediokren* zu: gegen die Herrschaft des Pöbels
-und der Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die
-*Mediokrität*, als die Bürgschaft und die Trägerin der Zukunft. Daraus
-erwächst für die *Ausnahmemenschen* ein neuer Gegner -- oder aber eine
-neue Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und
-dem Instinkt der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie
-nötig haben, „mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie wissen: die
-~mediocritas~ ist auch ~aurea~, -- sie allein sogar verfügt über Geld
-und *Gold* (-- über alles, was *glänzt*..). Und noch einmal gewinnt die
-alte Tugend, und überhaupt die ganze *verlebte* Welt des Ideals eine
-begabte Fürsprecherschaft.... Resultat: die Mediokrität bekommt Geist,
-Witz, Genie, -- sie wird unterhaltend, sie verführt....
-
-*Resultat.* -- Eine hohe Kultur kann nur stehen auf einem breiten
-Boden, auf einer stark und gesund konsolidierten Mittelmäßigkeit.
-In ihrem Dienste und von ihr bedient arbeitet die *Wissenschaft* --
-und selbst die Kunst. Die Wissenschaft kann es sich nicht besser
-wünschen: sie gehört als solche zu einer mittleren Art Mensch, -- sie
-ist deplaziert unter Ausnahmen, -- sie hat nichts Aristokratisches
-und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten. -- Die
-Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten durch den Handel, vor
-allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanziers geht gegen alles
-Extreme, -- die Juden sind deshalb einstweilen die *konservierendste*
-Macht in unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder
-Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch Militarismus: wenn sie
-Macht haben wollen und brauchen, auch über die revolutionäre Partei,
-so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht im Widerspruch
-dazu. Sie haben nötig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich
-Furcht zu erregen -- dadurch, daß sie zeigen, *was* alles in ihrer
-Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ --
-und „mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo es Macht gibt, mächtig zu
-sein: aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in einer Richtung. Das
-Ehrenwort für *mittelmäßig* ist bekanntlich das Wort „*liberal*“.
-
-*Besinnung.* -- Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß dieser ganze
-*Sieg der Werte* antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären
-aus einem Interesse des *Lebens*, zur *Aufrechterhaltung* des Typus
-„Mensch“ selbst durch diese Methodik der *Über*herrschaft der Schwachen
-und Schlechtweggekommenen -- : im andern Falle existierte der Mensch
-nicht mehr? -- Problem -- -- --
-
-Die *Steigerung* des Typus verhängnisvoll für die *Erhaltung der Art*?
-Warum? --
-
-Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken Rassen
-*dezimieren* sich *gegenseitig*: durch Krieg, Machtbegierde, Abenteuer;
-die starken Affekte: die *Vergeudung* -- (es wird Kraft nicht mehr
-kapitalisiert, es entsteht die geistige Störung durch die übertriebene
-Spannung); ihre Existenz ist kostspielig, kurz -- sie reiben sich
-*untereinander* auf --; es treten Perioden *tiefer Abspannung*
-und Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden *bezahlt*.... Die
-Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als die
-durchschnittlich Schwachen.
-
-Es sind *verschwenderische* Rassen. Die „*Dauer*“ an sich hätte ja
-keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere, aber wert*reichere* Existenz
-der Gattung vorziehen. -- Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst
-so ein reicherer Wertertrag erzielt würde als im Fall der kürzeren
-Existenz; das heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt ein
-viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht,
-wie es geht.... Wir stehen vor einem Problem der *Ökonomie* -- -- --
-
-
-672.
-
-*Die Starken der Zukunft.* -- Was teils die Not, teils der Zufall
-hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer
-*stärkeren* Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich
-*wollen*: wir können die Bedingungen schaffen, unter denen eine solche
-Erhöhung möglich ist.
-
-Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft im Auge:
-*nicht* den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der
-gerade bestehenden Gesellschaft. „Werkzeuge“ für sie wollte man.
-Gesetzt, *der Reichtum an Kraft wäre größer*, so ließe sich ein *Abzug
-von Kräften* denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft
-gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen.
-
-Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, inwiefern
-die gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starken Verwandlung
-wäre, um irgendwann einmal *nicht mehr um ihrer selber willen
-existieren zu können*: sondern nur noch als *Mittel* in den Händen
-einer stärkeren Rasse.
-
-Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende
-Kraft, um an die Züchtung einer *stärkeren Rasse* zu denken:
-welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte
-Spezies schwach und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit,
-Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können).
-
-Die *Mittel* wären die, welche die Geschichte lehrt: die *Isolation*
-durch umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die durchschnittlichen heute
-sind; die Einübung in umgekehrten Wertschätzungen; die Distanz als
-Pathos; das freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten.
-
-Die *Ausgleichung* des europäischen Menschen ist der große Prozeß,
-der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen. Die
-Notwendigkeit für eine *Kluftaufreißung*, *Distanz*, *Rangordnung* ist
-damit gegeben: nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen.
-
-Diese *ausgeglichene* Spezies bedarf, sobald sie erreicht ist, einer
-*Rechtfertigung*: sie liegt im Dienste einer höheren souveränen Art,
-welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben
-kann. Nicht nur eine Herrenrasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte,
-zu regieren: sondern eine Rasse mit *eigener Lebenssphäre*, mit einem
-Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, Manier bis ins
-Geistigste; eine *bejahende* Rasse, welche sich jeden großen Luxus
-gönnen darf --, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs
-nicht nötig zu haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie
-nicht nötig zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für
-sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.
-
-
-673.
-
-~*Summa*~: die *Herrschaft* über die Leidenschaften, *nicht* deren
-Schwächung oder Ausrottung! -- Je größer die Herrenkraft des Willens
-ist, um soviel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden.
-
-Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum seiner
-Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen
-Untiere in Dienst zu nehmen weiß.
-
-Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation der
-*Ungefährliche und Nützliche zugleich*: eine Art *Mitte*; der Ausdruck
-im gemeinen Bewußtsein davon, *vor wem man sich nicht zu fürchten hat,
-und wen man trotzdem nicht verachten darf*.
-
-Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu *ruinieren*
-zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack
-*gegen* die Ausnahme zu richten zugunsten des Mittleren.
-
-Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten
-hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus der Ausnahme, des
-Versuchs, der Gefahr, der Nuance sein: -- *jede* aristokratische Kultur
-tendiert *dahin*.
-
-
-674.
-
-Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt:
-„Willst du tugendhaft werden?“ -- aber er macht die Augen auf, wenn man
-ihn fragt: „Willst du stärker werden als deine Kameraden?“
-
-Wie wird man stärker? -- Sich langsam entscheiden, und zähe festhalten
-an dem, was man entschieden hat. Alles andere folgt.
-
-Die *Plötzlichen* und die *Veränderlichen*: die beiden Arten der
-Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen --
-beizeiten!
-
-Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder
-Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten
-hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft
-auf die Probe zu stellen.... *Hier* das Unterscheidende sehen, nicht im
-Wissen, Scharfsinn, Witz.
-
-Man muß befehlen lernen, beizeiten, -- ebensogut als gehorchen. Man
-muß Bescheidenheit, *Takt* in der Bescheidenheit lernen: nämlich
-auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen --
-auszeichnen, ehren.
-
-Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten
-Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich
-niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; --
-dieser *Mangel an Ehrerbietung* gegen sich rächt sich durch jede Art
-von *Einbuße*: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit,
-Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später diesen Mangel an
-echtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem
-wirklichen ~ego~.
-
-
-675.
-
-Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere
-Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch nicht gegeben hat.
-Und dies ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung
-von internationalen Geschlechtsverbänden möglich gemacht, welche
-sich die Aufgabe setzen, eine Herrenrasse heraufzuzüchten, die
-zukünftigen „Herren der Erde“; -- eine neue, ungeheure, auf der
-härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem
-Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer über
-Jahrtausende gegeben wird: -- eine höhere Art Menschen, die sich,
-dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichtum und Einfluß, des
-demokratischen Europas bedienen als ihres gefügigsten und beweglichsten
-Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am
-„Menschen“ selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die Zeit kommt, wo
-man über Politik umlernen wird.
-
-
-676.
-
-Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer *entmoralisierten*
-Welt zu leben wagen, wir *Heiden* dem Glauben nach: wir sind
-wahrscheinlich auch die ersten, die es begreifen, was ein *heidnischer
-Glaube* ist: -- sich höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen
-müssen, aber diese *jenseits* von Gut und Böse; alles Höher-sein auch
-als *Unmoralisch-sein* abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp --
-und *nicht* an den „Gekreuzigten“.
-
-
-677.
-
-Die Täuschung *Apollos*: die *Ewigkeit* der schönen Form; die
-aristokratische Gesetzgebung „*so soll es immer sein*!“
-
-*Dionysos*: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte
-ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als
-*beständige Schöpfung*.
-
-
-678.
-
-*Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte.* -- Festzustellen:
-ob der typische *religiöse* Mensch eine ~décadence~-Form ist (die
-großen Neuerer sind samt und sonders krankhaft und epileptisch); aber
-lassen wir nicht da einen Typus des religiösen Menschen aus, den
-*heidnischen*? Ist der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung
-und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein höchster Repräsentant
-eine Apologie und Vergöttlichung des Lebens sein? Typus eines
-wohlgeratenen und entzückt-überströmenden Geistes! Typus eines die
-Widersprüche und Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden
-und *erlösenden* Geistes!
-
-Hierher stelle ich den *Dionysos* der Griechen: die religiöse Bejahung
-des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbierten Lebens;
-(typisch -- daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt).
-
-Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den Gegensatz. Es ist
-*nicht* eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, -- nur hat dasselbe
-einen anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit
-und Wiederkehr bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur
-Vernichtung. Im andern Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als
-der Unschuldige“, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel seiner
-Verurteilung. -- Man errät: das Problem ist das vom Sinn des Leidens:
-ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer Sinn. Im ersten Falle
-soll es der Weg sein zu einem heiligen Sein; im letzteren Falle gilt
-*das Sein als heilig genug*, um ein Ungeheures von Leid noch zu
-rechtfertigen. Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: er
-ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche verneint
-noch das glücklichste Los auf Erden: er ist schwach, arm, enterbt
-genug, um in jeder Form noch am Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist
-ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; --
-der in Stücke geschnittene Dionysos ist eine *Verheißung* des Lebens:
-es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen.
-
-
-679.
-
-Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt
-jede andere Denkweise zugrunde geht. Es ist der große, *züchtende*
-Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurteilt: die,
-welche ihn als größte Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.
-
-
-680.
-
-Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht gibt, sich
-durchzustreichen, -- den großen *züchtenden* Gedanken.
-
-
-681.
-
-Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge
-vor, um sie nicht *zu wichtig* zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu
-bleiben. Mir scheint umgekehrt alles viel zu viel wert zu sein, als
-daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für
-jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen?
--- Mein Trost ist, daß alles, was war, ewig ist: -- das Meer spült es
-wieder her.
-
-
-682.
-
-Die beiden extremsten Denkweisen -- die mechanistische und die
-platonische -- kommen überein in der *ewigen Wiederkunft*: beide als
-Ideale.
-
-
-683.
-
-1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, welche
-wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was aus ihm folgt.
-
-2. Als der *schwerste* Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung, falls nicht
-vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle Werte umgewertet werden.
-
-3. Mittel, ihn zu *ertragen*: die Umwertung aller Werte. Nicht mehr die
-Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; nicht mehr „Ursache
-und Wirkung“, sondern das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille
-der Erhaltung, sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung, „es
-ist alles *nur* subjektiv“, sondern „es ist auch *unser* Werk! -- seien
-wir stolz darauf!“
-
-
-684.
-
-*Die neue Weltkonzeption.* -- Die Welt besteht; sie ist nichts, was
-wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber
-sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen, -- sie
-*erhält* sich in beidem.... Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente
-sind ihre Nahrung.
-
-Die Hypothese einer *geschaffenen Welt* soll uns nicht einen Augenblick
-bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist heute vollkommen undefinierbar,
-unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des
-Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch,
-eine Welt, die *anfängt*, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach
-mit Hilfe einer logischen Prozedur gemacht worden -- zumeist, wie zu
-erraten ist, aus einer theologischen Hinterabsicht.
-
-Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit der Welt
-*nach hinten*“ (~regressus in infinitum~) einen Widerspruch finden
-wollen: man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei
-den Kopf mit dem Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern,
-von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich werde nie
-dabei an ein Ende kommen“; wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts
-rechnen kann, ins Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen
-wollte -- ich werde mich hüten, es zu tun --, diesen korrekten
-Begriff eines ~regressus in infinitum~ gleichzusetzen mit einem *gar
-nicht vollziehbaren* Begriff eines endlichen ~progressus~ bis jetzt,
-erst wenn ich die *Richtung* (vorwärts oder rückwärts) als logisch
-indifferent setzte, würde ich den Kopf -- diesen Augenblick -- als
-Schwanz zu fassen bekommen....
-
-Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedesmal
-war er durch andere Hintergedanken bestimmt (-- meistens theologische,
-zugunsten des ~creator spiritus~). Wenn die Welt überhaupt erstarren,
-vertrocknen, absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen
-Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt
-irgendein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das
-Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das
-Werden in das Sein oder ins Nichts münden *könnte*), so müßte dieser
-Zustand erreicht sein. Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt....
-Das ist unsre einzige Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als
-Korrektiv gegen eine große Menge an sich möglicher Welthypothesen
-zu dienen. Kann zum Beispiel der Mechanismus der Konsequenz eines
-Finalzustandes nicht entgehen, welche William Thomson ihm gezogen hat,
-so ist damit der Mechanismus *widerlegt*.
-
-Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl
-von Kraftzentren gedacht werden *darf* -- und jede andre Vorstellung
-bleibt unbestimmt und folglich *unbrauchbar* --, so folgt daraus, daß
-sie eine berechenbare Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel
-ihres Daseins durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde
-jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht sein; mehr
-noch: sie würde unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder
-Kombination und ihrer nächsten Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen
-Kombinationen abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen
-die ganze Folge der Kombinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre
-damit ein Kreislauf von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt
-als Kreislauf, der sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der
-sein Spiel ~in infinitum~ spielt. -- Diese Konzeption ist nicht ohne
-weiteres eine mechanistische: denn wäre sie das, so würde sie nicht
-eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen
-Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß der Mechanismus
-uns als unvollkommene und nur vorläufige Hypothese gelten.
-
-
-685.
-
-Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie
-einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er ebenfalls erreicht sein.
-Wäre sie überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines „Seins“
-fähig, hätte sie in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese
-Fähigkeit des „Seins“, so wäre es wiederum mit allem Werden längst zu
-Ende, also auch mit allem Denken, mit allem „Geiste“. Die Tatsache des
-„Geistes“ *als eines Werdens* beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen
-Endzustand hat und des Seins unfähig ist. -- Die alte Gewohnheit aber,
-bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen lenkenden,
-schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, daß der Denker Mühe hat,
-sich selber die Ziellosigkeit der Welt nicht wieder als Absicht zu
-denken. Auf diesen Einfall -- daß also die Welt absichtlich einem Ziel
-*ausweiche* und sogar das Hineingeraten in einen Kreislauf künstlich
-zu verhüten wisse -- müssen alle die verfallen, welche der Welt das
-Vermögen zur *ewigen Neuheit* aufdekretieren möchten, das heißt einer
-endlichen, bestimmten, unveränderlich gleichgroßen Kraft, wie es „die
-Welt“ ist, die Wunderfähigkeit zur *unendlichen* Neugestaltung ihrer
-Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der
-göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft fähig sein;
-sie soll es sich willkürlich *verwehren*, in eine ihrer alten Formen
-zurückzugeraten; sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die
-*Mittel* haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu *bewahren*; sie
-soll somit in jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung
-von Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin *kontrollieren* -- und
-was alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und
-Wunschweise sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und
-Wunschweise, eine Art Sehnsucht, zu glauben, daß *irgendworin* doch
-die Welt dem alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen
-Gotte gleich sei -- daß irgendworin doch „der alte Gott noch lebe“ --,
-jene Sehnsucht Spinozas, die sich in dem Worte „~deus sive natura~“
-(er empfand sogar „~natura sive deus~“ --) ausdrückt. Welches ist denn
-aber der Satz und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung,
-das jetzt erreichte *Übergewicht* des wissenschaftlichen Geistes über
-den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten formuliert?
-Heißt er nicht: die Welt als Kraft darf nicht unbegrenzt gedacht
-werden, denn sie *kann* nicht so gedacht werden, -- wir verbieten
-uns den Begriff einer *unendlichen Kraft als mit dem Begriff „Kraft“
-unverträglich*. Also -- fehlt der Welt auch das Vermögen zur ewigen
-Neuheit.
-
-
-686.
-
-Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht
-möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein.
-Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die *Gestalt* des Raumes muß die
-Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“.
-
-Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich widerstreiten. Das
-Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr Wesen aber flüssig.
-
-„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die
-absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung aller ihrer Kräfte gegeben:
-sie kann nicht stillstehen. „Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also
-auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung
-noch einmal begrifflich gesetzt wird.
-
-
-687.
-
-Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die *ewige Wiederkehr*.
-
-
-688.
-
-Um den Gedanken der Wiederkunft zu *ertragen*, ist nötig: Freiheit von
-der Moral; -- neue Mittel gegen die Tatsache des *Schmerzes* (Schmerz
-begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust; es gibt kein *summierendes*
-Bewußtsein der Unlust); -- der Genuß an aller Art Ungewißheit,
-Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus; --
-Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs; -- Beseitigung des „Willens“;
--- Beseitigung der „Erkenntnis an sich“.
-
-*Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins* des Menschen als dessen, der den
-Übermenschen schafft.
-
-
-689.
-
-Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen
-Gesichtspunkte:
-
-a) der des *Werdens*, der *Entwicklung*;
-
-b) der nach dem *Werte des Daseins* (aber die erbärmliche Form des
-deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) --
-
-beide von mir in *entscheidender* Weise zusammengebracht.
-
-Alles wird und kehrt ewig wieder, -- *entschlüpfen* ist nicht
-*möglich*! -- Gesetzt, wir *könnten* den Wert beurteilen, was folgt
-daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als *auswählendes* Prinzip im
-Dienste der *Kraft* (und Barbarei!!).
-
-*Reife* der Menschheit für *diesen* Gedanken.
-
-
-690.
-
-Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns zufrieden
-sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt,
-wir sagen ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur
-zu uns selbst, sondern zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts
-für sich, weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein
-einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt
-hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen
--- und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens
-gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht.
-
-
-691.
-
-Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, nicht nur Essen
-und Trinken: -- und nicht nur im Gedächtnis an sie oder im Eins-werden
-mit ihnen, *sondern immer von neuem und auf neue Weise* soll diese Welt
-verklärt werden.
-
-
-692.
-
-Der Mensch ist das *Untier* und *Übertier*; der höhere Mensch ist der
-Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachstum
-des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und
-Furchtbare: man soll das eine nicht wollen ohne das andere, -- oder
-vielmehr: je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht
-man gerade das andere.
-
-
-693.
-
-Nicht „Menschheit“, sondern *Übermensch* ist das Ziel!
-
-
-694.
-
-~Come l'uom s'eterna~....
-
- ~Inf.~ XV, 85.
-
-
-695.
-
-Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel
-gesessen zu haben -- mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück.
-
-Wirklich den Pessimismus *überwinden* --; ein Goethescher Blick voll
-Liebe und gutem Willen als Resultat.
-
-
-696.
-
-Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem
-Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne
-Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht
-kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als
-Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen,
-aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom „Nichts“ umschlossen
-als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts
-Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten
-Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo „leer“ wäre,
-vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen
-zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich
-mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig
-sich wandelnd, ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr,
-mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die
-vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten
-hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste,
-und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem
-Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich
-selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre,
-sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein
-Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt
--- : diese meine *dionysische* Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens,
-des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten
-Wollüste, dies mein „Jenseits von Gut und Böse“ ohne Ziel, wenn nicht
-im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne Willen, wenn nicht ein Ring
-zu sich selber guten Willen hat, -- wollt ihr einen *Namen* für diese
-Welt? Eine *Lösung* für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr
-Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? --
-*Diese Welt ist der Wille zur Macht -- und nichts außerdem!* Und auch
-ihr selber seid dieser Wille zur Macht -- und nichts außerdem!
-
-
-Bei der Transkription vorgenommene Änderungen:
-
-Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im Original
-nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser wurde entfernt.
-
-Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern erst am
-Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert.
-
-In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst
-mißverstehen wollte" stand "mistverstehen".
-
-
-
-
-
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-
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