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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Wille zur Macht - Eine Auslegung alles Geschehens - -Author: Friedrich Nietzsche - -Editor: Max Brahn - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60360] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT *** - - - - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, -Umschließungen mit ~ Text, der im Original in einer anderen Schriftart -dargestellt war. - -Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden -Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter -belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des -Buchs. - - - - - Der Wille zur Macht - - Eine Auslegung alles Geschehens - - von - - Friedrich Nietzsche - - Neu ausgewählt und geordnet von - - Max Brahn - - - - - Große Dinge verlangen, daß man von - ihnen schweigt oder groß redet: groß, - das heißt zynisch und mit Unschuld. - - - 1917 - - Alfred Kröner Verlag in Leipzig - - - - - Altenburg - Pierersche Hofbuchdruckerei - Stephan Geibel & Co. - - - - -[Der Plan, der dieser Anordnung zugrunde gelegt wurde, lautet in -Nietzsches Niederschrift:] - - - Der Wille zur Macht - - Versuch einer Umwertung aller Werte - - - Erstes Buch - - Der europäische Nihilismus - - - Zweites Buch - - Kritik der bisherigen höchsten Werte - - - Drittes Buch - - Prinzip einer neuen Wertsetzung - - - Viertes Buch - - Zucht und Züchtung - - - entworfen - den 17. März 1887 - Nizza - - - - -Vorwort. - - -Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden Werke den -Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel des beabsichtigten -Werkes und die Gesichtspunkte seiner Ordnung wechselten, aber die -einheitliche Idee, seine Philosophie übersichtlich darzustellen, blieb -bestehen. Es sollten keine neuen Grundideen in dem Werke stehen, -keine wichtige Grundlehre verändert werden; das Werk hätte vielmehr -beweisen sollen, daß sein Gedankenkreis vom ersten bis zum letzten Werk -der gleiche geblieben ist. Alle so verschieden erscheinenden Lehren -der einzelnen Entwicklungsperioden sind nur Variationen des gleichen -Themas; eine Grundmelodie tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch. -Sie herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung, die gerade im -Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich herrschenden Affekt -fast gewaltsam zu betonen, ihm die ganze Kraft seiner eindrucksvollen, -überwältigenden Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher -vernehmen als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig gelesen -werden müssen, wie der anscheinend so leicht eingehende Nietzsche. - -Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die Hauptgedanken -allein hervorhebendes Werk bringen können. Darum ist es ein so -trauriger Gedanke, daß seine Erkrankung die Vollendung gerade dieses -Werkes verhinderte, an dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet, -zu dem er sich ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und -Dispositionen entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm er -wesentliche Teile und vereinigte sie zu seinen letzten Werken, -besonders zum Antichrist, der in den letzten Monaten vor seiner -Erkrankung entstanden ist und in einem erregten Ton geschrieben ist, -der sich von der Stilart der Niederschriften völlig unterscheidet. - -Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine unendliche Fülle -von einzelnen Notizen, die sich in einer großen Anzahl von Heften -finden. Die bisherigen Ausgaben stellten sich die Aufgabe, von diesem -Gedankenreichtum nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles -Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte. -Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich davon überzeugen, -mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit Elisabeth -Förster-Nietzsche und Peter Gast die mühevolle Aufgabe gelöst haben, -die schwer lesbaren Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen -unter die gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand -sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift oder -zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es unmittelbar für das -neue Ganze nötig war. Es ist nicht leicht, diese oft so lockenden -Gedanken wegzulassen; es war auch für eine erste Ausgabe das Rechte, -sie dem Leser nicht vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das -Sichzurechtfinden in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre -große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang. - -Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus den Manuskripten -wenigstens dem Sinne nach das zu machen, was Nietzsche selbst -vorschwebte: eine Darstellung seiner Grundlehre; zugleich aber dem -neugeordneten Werke eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht -gestattet und so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen -in die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in -Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, was -den Grundgedanken, des „Willen zur Macht“, erklärt. Dann kam es darauf -an, das Vorhandene so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches -Grundlehren entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich, die -sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der „Übermensch“; -andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten nur gelegentlich auf. -Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber in diesen Fällen vor; der -systematische Aufbau läßt vielmehr das an früheren Stellen laut Betonte -hier nur als einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So -geht der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen, großen -Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller Dinge, von der -es einst scheinen konnte, sie zähle zu den Hauptlehren, wird eines -unter den verschiedenen Mitteln zur Zucht des großen Menschen, wenn -auch eines der entscheidenden. Gerade in dieser Ausgeglichenheit der -Werte liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes -hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft zur Nachfolge -seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß ein so geartetes Werk, dem -Eindruck bestimmt, ihn auch im weitesten Kreise machte. Der Prophet -will wirken, beeinflussen -- dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört -starke Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund stellen -will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen, aus Geschichte und -Natur erläutern, wohl gar beweisen. Hier ist der ordnende Intellekt an -der Arbeit, der systematisch aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den -heiligen Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu zeigen, -aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen ist, und wie sie die -Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden zu erklären vermag. - -Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln erwachsen, -je nach der Persönlichkeit des Philosophen. Die Versenkung ins -All, in die unmittelbare Tiefe der Dinge kennzeichnet den Typus -des Metaphysikers und Mystikers. Die Vereinigung der letzten -wissenschaftlichen Ergebnisse den wissenschaftlichen Philosophen. Das -Ausgehen vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in der -Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem der Mensch das -interessanteste Problem ist. Vom ersten bis zum letzten seiner Werke -ist Nietzsche Kulturphilosoph. Von der Kultur der Griechen -- dem -höchsten Kulturtypus -- schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke -zu Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum stand im -Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu werden, um doch da zu -sein. Vom Christentum führt auch der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart, -noch mehr zur neu zu schaffenden Zeit, zu *der* Zukunft, die durch den -starken Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll. - -Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von einer Ewigkeit, -einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker tun. Eine Zeit ist nur aus -den Werten bestimmbar, an die sie glaubt: denn alles Handeln ist ein -Werten, jede Bewegung will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte -ordnen sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert -unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt hat. -*Unsere Zeit hat keine festen Werte*; „das Eis, das uns noch trägt, ist -so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des -Tauwindes.“ Uns fehlt jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, -da der einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang ist, der -christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten Wert, den man genau -kannte, gab ihm Selbstachtung und dem Übel einen Sinn. An sich selbst -hat Nietzsche das Dahinschwinden des christlichen Glaubens empfunden, -er, der Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht. -Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte, daß sie Erbgut in -ihm waren, besonders jener vom Christentum anerzogene Glaube an die -Wahrhaftigkeit. Schwindet er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, -daß es überhaupt keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: die -*Ziellosigkeit* an sich wird der Wert, der *Nihilismus* ist da. - -Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, woher mußte -die Auflehnung gegen das Christentum entstehen? Nach Nietzsche ist die -Ablehnung des Christentums Abweisung der ~décadence~, das heißt der -Lehre der Erschöpften, der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer, -die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der Dinge der Welt -wünschen. Unsre bisherige Moral ist im Grunde christliche; sie ist -aber gleichzeitig die Moral der schwachen Menge, die sich gegen die -gefährlichen Starken auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere -Klugheit, feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt. -In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre seines -Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat. - -Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende ist ihm -zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein Bejahendes deutlich zu -machen, als nötig zu erweisen. Zu *Taten* will er die Menschheit -befähigen, da er ein Philosoph ist, das heißt für ihn ein -Werteschaffer; unserer Zeit aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter -der Tat, nicht nur der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes -nicht im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen -wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten Buch aufgerichtet wird: -in diesen liegt nach der Absicht Nietzsches die Deutung der Zukunft. - -Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem Worte zu sagen: -auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, da kürzt er nur das Wort; -es müßte da stets heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste -Form er die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen -verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung: „Ich -verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen, welches mit den -Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ *Daher kann es für ihn -keine allgemeine Moral geben.* Streng genommen gibt es nur eine Moral -für jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten zusammen, -so gibt es Moralen für die Starken und die Schwachen, die Gesunden -und die Kranken. Hier berührt sich die Lehre mit modernen Ideen, die, -von ihr unbewußt oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach -Anlagen einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in jedem die -Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus jedem alles zu machen. -In strenger Selbstuntersuchung, sich selbst verantwortlich, hat ein -jeder festzustellen, „wer bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, -daß sein Ich ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden -seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein, alle Leiden gern -als notwendig mit auf sich nehmend. Streng und unerbittlich, hart gegen -sich, wie nur je ein Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des -Lebens viel leidender, viel gequälter. - -Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die den Mut zu -diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen Leben haben. -Wer diese lehrt, wird notwendig manches angreifende, kriegerische Wort -für die entgegengesetzte Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten -wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre -Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ Die Moral -der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa nur geduldet -- ein ihm -furchtbares Wort --, sie wird gewünscht, weil für nötig befunden. -Aber sie soll nicht die herrschende sein, sie soll nicht sich alle -„Moral“ zuschreiben; sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und -unmoralisch, weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive der -Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will Erhaltung, oft -Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens freie Bahn, die das -Alte oft zerbrechen muß, um neue Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah -voraus, daß es „dem nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe -rumoren wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen werden -- hat -unser Geschlecht, das des größten Krieges der Weltgeschichte, wirklich -das Gefühl in sich, daß es den alten Werten gehorcht? Neues, Starkes -kommt, weil es kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen -berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht gar der -Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat? - -Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die Moral; glaubt -er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren Gegensatz falsch sein -muß? Nein, auch diese Wahrheit ist ihm wie jede andere nur „eine Art -von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht -leben könnte. Der Wert für das *Leben* entscheidet zuletzt.“ Jeder -Sinn, der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die sich -der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr zu werden, um -sein *Machtgefühl* über die Dinge zu steigern, um seinen unbezähmbaren -Willen zur Macht auszuüben. Es gibt vielerlei Wahrheiten von den -Dingen, jede Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem -Leben dienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein und -Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie sehr nahe, die -neuerdings unter dem Namen der „Philosophie des Als-Ob“ so großes -Aufsehen gemacht hat. Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes -liest, nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph sei -- -von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist stärkste Anregung auf -unsere Zeit ausgegangen. Er hat, mag er auch Darwin bekämpfen, so doch -aus dem Geiste der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und -nun verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht ist, der -unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch, in alle Tiefen -unserer Weltanschauung hinein. Aber nicht unser Erkennen allein -- -selbst nur eine Sonderart der Natur -- ist Wille zur Macht, die Natur -ist es in ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben -- alles Leben -Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte anhäufen, die -ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren möchten, sind die -letzten Erklärungen, die es für alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle -Veränderung läßt sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie -ruht, stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will -- mit -dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen wir die für -uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“ der Welt, Macht über sie. -„Diese Welt ist der Wille zur Macht -- und nichts außerdem. Und auch -ihr selber seid dieser Wille zur Macht -- und nichts außerdem.“ - -Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser -Beurteilungsweise wert. So entsteht eine Rangordnung der Menschen nach -ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig, darauf hinzuweisen, daß es -sich hier nicht um jene äußere Macht handelt, die mit Kanonen sich -durchsetzt? Daß es sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt, -die stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern, -die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen, die so stark -strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte verschwendet, die im Herrschen -über sich und andere ihre Pflicht findet. Solche Aristokratie ist -angeboren, ist „Geblütsadel“. „Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘ -und vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So darf man auch -denen zurufen, die das Wort Macht bei Nietzsche vergröbern, um dagegen -zu kämpfen. - -Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer des Neuen; -sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen die Welt einfach dadurch, -daß sie da sind. Nicht ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es -geht hier mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner -grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, so -erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken sie nur Wahrheiten -aus, die sich in der Menschheit stets wieder als ganz natürliche -Erlebnisse erweisen. Hat nicht die Erregung der Kriegszeit gezeigt, -wie sehr die Menschen dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, -herrschende Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders -sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der neue Werte -aufstellt und beweist, daß er einen starken, langen Willen hat, der -imstande ist, sich gegen eine Welt von Hindernissen durchzusetzen. Auf -seinen Wink tun sie alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis -zum Aufgeben des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich die -Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen ankommt, -daß sie herangezogen werden müssen, wenn die anderen nicht untergehen -sollen. Dann sieht man auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust, -wenigstens nicht die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu -sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen. Das Glück -dieser Großen liegt allein „in dem herrschend gewordenen Bewußtsein -der Macht und des Sieges.“ Darf man von ihnen die Moral des Mitleids, -Rücksichtnahme, Milde verlangen -- oder wünscht nicht die Menge sie -hart, unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen sie sein und -vornehm -- die beiden Haupteigenschaften, die Nietzsche von „seinen“ -Menschen verlangt. - -Diese großen schaffenden Menschen -- der Theorie oder der Praxis -- -greifen mit mächtiger Hand in das Rad des Daseins; sie drehen seine -Speichen ein Stück vorwärts, indem sie das Gefühl in sich tragen, der -Welt neue Kräfte gewinnen zu *müssen*, nicht anders zu können, als Welt -zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen nicht nach -dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren Gründe, auf denen es -ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit und seine Untiefen -- und gewinnen -daraus Einsicht und Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht -daran zu erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören, -zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu werden, -um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen „Ja“ zum Gesamtdasein -und können darum zu keinem Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit -verschlingt alle Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein -bejahen muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich -strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt, der einzigen -Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs. Sie kennen keine seiende -Welt, nur eine werdende, eine sein sollende, an der Menschen ihr und -der Welt Geschick zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet, -wächst ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun, dieser -Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle, dem Reichtum -ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt hinüberströmen zu lassen. -Sie sehen auf diese Welt als *ihr* Werk und wünschen sich nur eins: -stets wieder an ihr zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von -neuem wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen, -so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen wird, möchte es -wiederkehren: in gleicher Form unendlich oft in ewiger Wiederkehr. -Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen entstammend, gibt ihnen Kraft -- und -diese neue Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber gehen -an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich oft wiederkehren -möge -- und hier wie überall trennen sich denn die Menschen in -ihrem Glauben, ihrem Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen -notwendig in die Starken und die Schwachen, weil dieser Unterschied -ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem Grade des Willens zur Macht. - - Max Brahn. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Vorwort V-XIV - - Erstes Buch: Der europäische Nihilismus 1-45 - - 1. Geschichte 1 - - 2. Wesen und Ursache 14 - - 3. Krisis 32 - - Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte 46-120 - - (Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.) - - I. Moral: - - 1. Entstehung und Sieg 46 - - 2. Die moralischen Ideale 71 - - 3. Philosophie und Moral 99 - - 4. Philosophie und Wissenschaft 107 - - 5. Freie Philosophie 116 - - II. Religion: - - 1. Entstehung 120 - - 2. Christentum 131 - - Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung 156-307 - - I. Die neue Deutung der Welt 156 - - II. Der Geist -- ein Machtwille: - - 1. Wahrnehmung 163 - - 2. Erkenntnis 177 - - a. Allgemeines 177 - - b. Logik und Wissenschaft 185 - - c. Ursache und Wirkung 195 - - d. Ich und Außenwelt 204 - - 3. Metaphysik 206 - - Die „wahre“ Welt 206 - - III. Die Natur -- ein Machtwille: - - 1. Die anorganische Natur 219 - - 2. Die organische Natur 229 - - 3. Der Mensch als Naturwesen 239 - - IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille: - - 1. Der Mensch als geselliges Wesen 253 - - 2. Der Staat 266 - - V. Kunst -- ein Machtwille 277 - - Viertes Buch: Zucht und Züchtung 308-376 - - 1. Die Rangordnung 308 - - 2. Der züchtende Gedanke 347 - - - - -Erstes Buch. - -Der europäische Nihilismus. - - -1. Geschichte. - - -1. - -Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. -Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: *die -Heraufkunft des Nihilismus*. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt -werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft -redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich -an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. -Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer -Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf -eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, -der *ans Ende* will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, -sich zu besinnen. - - -2. - --- Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher getan als *sich -zu besinnen*: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen -Vorteil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, -in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und -- Versuchergeist, -der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als -ein Wahrsagevogel-Geist, der *zurückblickt*, wenn er erzählt, was -kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den -Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, -- der ihn *hinter -sich, unter sich, außer sich* hat. - - -3. - -Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem -dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „*Der Wille zur Macht.* -Versuch einer Umwertung aller Werte“ -- mit dieser Formel ist eine -*Gegenbewegung* zum Ausdruck gebracht in Absicht auf Prinzip -und Aufgabe; eine Bewegung, welche in irgendeiner Zukunft jenen -vollkommenen Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber *voraussetzt*, -logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur *auf ihn* und -*aus ihm* kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus -nunmehr *notwendig*? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die -in ihm ihre letzte Folgerung ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende -gedachte Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, -- weil wir den -Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich -der *Wert* dieser „Werte“ war.... Wir haben, irgendwann, *neue Werte* -nötig.... - - -4. - -Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig im Gefolge -der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der -Heiterkeit; Frauen dachten mit jenem weiblichen Instinkt, der immer -zugunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld -sei. Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers: - - ~Un monstre gai vaut mieux - Qu'un sentimental ennuyeux.~ - -Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und -sogar Galiani -- der etwas viel Tieferes war -- in der Aufklärung -voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung -gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer -Art Bedauern in acht vor der deutschen und christlichen Enge und -Folgeunrichtigkeit des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen -Pessimismus und suchte die prinzipiellsten Formen auf (-- Asien --). -Um aber *diesen* extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da -aus meiner „Geburt der Tragödie“ herausklingt), „ohne Gott und Moral“ -allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht -weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet -so tief, daß er das Lachen erfinden *mußte*. Das unglücklichste und -melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste. - - -5. - -Die drei Jahrhunderte. - -Ihre verschiedene *Sensibilität* drückt sich am besten so aus: - - *Aristokratismus*: Descartes, Herrschaft der *Vernunft*, Zeugnis von - der Souveränität des *Willens*; - - *Femininismus*: Rousseau, Herrschaft des *Gefühls*, Zeugnis von der - Souveränität der *Sinne*, verlogen; - - *Animalismus*: Schopenhauer, Herrschaft der *Begierde*, Zeugnis von - der Souveränität der *Animalität*, redlicher, aber düster. - -Das 17. Jahrhundert ist *aristokratisch*, ordnend, hochmütig gegen das -Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“, sogar ohne Gemüt, -„undeutsch“, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisierend -und souverän gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel -Raubtier ~au fond~, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das -*willensstarke* Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft. - -Das 18. Jahrhundert ist vom *Weibe* beherrscht, schwärmerisch, -geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst der Wünschbarkeit, -des Herzens, ~libertin~ im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten -unterminierend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel -Kanaille ~au fond~, gesellschaftlich.... - -Das 19. Jahrhundert ist *animalischer*, unterirdischer, häßlicher, -realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“, „ehrlicher“, -vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, *wahrer*; aber -willensschwach, aber traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. -Weder vor der „Vernunft“, noch vor dem „Herzen“ in Scheu und -Hochachtung; tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde -(Schopenhauer sagte „Wille“: aber nichts ist charakteristischer für -seine Philosophie, als daß das eigentliche *Wollen* in ihr fehlt). -Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“). - -Auguste Comte ist *Fortsetzung des 18. Jahrhunderts* (Herrschaft -von ~cœur~ über ~la tête~, Sensualismus in der Erkenntnistheorie, -altruistische Schwärmerei). - -Daß die *Wissenschaft* in dem Grade souverän geworden ist, das beweist, -wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der *Ideale losgemacht* -hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“ im Wünschen ermöglicht uns erst -unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge -- diese *unsere* Art -Tugend.... - -Die Romantik ist *Nachschlag* des 18. Jahrhunderts; eine Art -aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (-- -tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man -wollte die *starke Natur, die große Leidenschaft* darstellen). - -Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach *Theorien*, mit denen -es seine *fatalistische Unterwerfung unter das Tatsächliche* -gerechtfertigt fühlt. Schon *Hegels* Erfolg gegen die „Empfindsamkeit“ -und den romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner -Denkweise, in seinem Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des -Siegreichen, in seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an -Stelle von „Menschheit“ usw.). -- Schopenhauer: wir sind etwas Dummes -und bestenfalls sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes. Erfolg des -Determinismus, der genealogischen Ableitung der früher als absolut -geltenden *Verbindlichkeiten*, die Lehre vom Milieu und der Anpassung, -die Reduktion des Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des -Willens als „wirkender Ursache“; endlich -- eine wirkliche Umtaufung: -man sieht so wenig Wille, daß das Wort *frei* wird, um etwas anderes -zu bezeichnen. Weitere Theorien: die Lehre von der *Objektivität*, -„willenlosen“ Betrachtung, als einzigem Weg zur Wahrheit; *auch zur -Schönheit* (-- auch der Glaube an das „*Genie*“, um ein Recht auf -*Unterwerfung* zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare Starrheit -des mechanischen Prozesses; der angebliche „Naturalismus“, Elimination -des wählenden, richtenden, interpretierenden Subjekts als Prinzip -- - -Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem *Moral-Fanatismus* -ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der historischen -Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit, zum -Beispiel Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie; -Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist, mit dem Hinterhang der -dogmatischen Verwöhnung --. - -Die *Rückbewegung auf Kant* in unserem Jahrhundert ist eine -*Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert*: man will sich ein Recht -wieder auf die *alten Ideale* und die alte Schwärmerei verschaffen, --- darum eine Erkenntnistheorie, welche „Grenzen setzt“, das heißt -erlaubt, ein *Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen*.... - -Die Denkweise *Hegels* ist von der *Goethe*schen nicht sehr entfernt: -man höre Goethe über *Spinoza*. Wille zur Vergöttlichung des Alls und -des Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen *Ruhe* und *Glück* zu -finden; Hegel sucht Vernunft überall, -- vor der Vernunft darf man sich -*ergeben* und *bescheiden*. Bei Goethe eine Art von fast *freudigem* -und *vertrauendem Fatalismus*, der nicht revoltiert, der nicht -ermattet, der aus sich eine Totalität zu bilden sucht, im Glauben, daß -erst in der Totalität alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt -erscheint. - - -6. - -*Voltaire* -- *Rousseau*. -- Der Zustand der Natur ist furchtbar, der -Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist ein unerhörter *Triumph* -über diese Raubtiernatur: -- *so schloß Voltaire*. Er empfand die -Milderung, die Raffinements, die geistigen Freuden des zivilisierten -Zustandes; er verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend; -den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen. - -Die *moralische Verwerflichkeit* des Menschen schien *Rousseau zu -präokkupieren*; man kann mit den Worten „ungerecht“, „grausam“ am -meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter -dem Bann des ~vetitum~ und der Ungnade befinden: *so daß ihr Gewissen -ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät*. Diese Emanzipatoren -suchen vor allem *eins*: ihrer Partei die großen Akzente und Attitüden -der *höheren Natur* zu geben. - - -7. - -*Rousseau*: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle -der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maße, in dem -er sich der *Natur nähert* (-- nach Voltaire in dem Maße, in dem er -sich *von der Natur entfernt*). Dieselben Epochen für den einen die des -Fortschritts der *Humanität*, für den andern Zeiten der Verschlimmerung -von Ungerechtigkeit und Ungleichheit. - -Voltaire noch die ~umanità~ im Sinne der Renaissance begreifend, -insgleichen die ~virtù~ (als „hohe Kultur“), er kämpft für die Sache -der „~honnêtes gens~“ und „~de la bonne compagnie~“, die Sache des -Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts -selbst und der Zivilisation. - -*Der Kampf gegen 1760 entbrannt*: der Genfer Bürger und ~le seigneur de -Ferney~. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der -Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur -~un bel esprit~). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg trieb ihn -vorwärts, „in die Höhe“. - -~Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur~ -- Voltaire. - -Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den *Wert der Zivilisation*. -Die *soziale Erfindung*, die schönste, die es für Voltaire gibt: es -gibt kein höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; -eben das ist die ~honnêteté~, die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend -ein Gehorsam gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der -Erhaltung der „Gesellschaft“. *Kultur-Missionär*, Aristokrat, Vertreter -der siegreichen, herrschenden Stände und ihrer Wertungen. Aber Rousseau -blieb *Plebejer*, auch als ~homme de lettres~, das war *unerhört*; -seine unverschämte Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war. - -Das *Krankhafte* an Rousseau am meisten bewundert und *nachgeahmt*. -(Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen Attitüden -aufschraubend, zum rankünösen Groll; Zeichen der „Gemeinheit“; später, -durch *Venedig* ins Gleichgewicht gebracht, begriff er, was *mehr -erleichtert* und *wohltut*, .... ~l'insouciance~.) - -Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner -Herkunft; aber er gerät außer sich, wenn man ihn daran erinnert .... - -Bei Rousseau unzweifelhaft die *Geistesstörung*, bei Voltaire eine -ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die *Ranküne des Kranken*; -die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung und -seines Mißtrauens. - -Die Verteidigung der *Providenz* durch Rousseau (gegen den Pessimismus -Voltaires): er *brauchte* Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und -die Zivilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut sein, da -Gott es geschaffen; *nur der Mensch hat den Menschen verdorben*. Der -„gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem -Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes. - -*Romantik* ~à la~ *Rousseau*: die Leidenschaft („das souveräne Recht -der Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination der Verrücktheit -(die Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des -Schwachen; die Pöbel-Ranküne als *Richterin* („in der Politik hat man -seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen“). - - -8. - -Die *beiden großen Tentativen*, die gemacht worden sind, das 18. -Jahrhundert zu überwinden: - - *Napoleon*, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um - Macht wieder aufweckte -- Europa als politische Einheit konzipierend; - - *Goethe*, indem er eine europäische Kultur imaginierte, die die volle - Erbschaft der schon *erreichten* Humanität macht. - -Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen -- in der -Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe -- - - -9. - -*Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution)*: -- -Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholizismus der -geistigsten Begierden -- das ist gutes achtzehntes Jahrhundert ~au -fond~. - -*Schopenhauers* Grundmißverständnis des *Willens* (wie als ob Begierde, -Instinkt, Trieb das *Wesentliche* am Willen sei) ist typisch: -Werterniedrigung des Willens bis zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen -das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein *ohne* -Ziel und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres, -*ja das* Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes Symptom der *Ermüdung* -oder der *Schwäche* des *Willens*: denn dieser ist ganz eigentlich das, -was die Begierden als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist.... - - -10. - -Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten -Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem -Moral-Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und -sich nicht eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der -Metamorphose des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt. -Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die -Macht haben. Auf der zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will -„loskommen“ von denen, welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man -„*gleiche Rechte*“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das -Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen. - - -11. - -*Kritik des modernen Menschen*: -- „der gute Mensch“, nur verdorben -und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester); --- die Vernunft als Autorität; -- die Geschichte als Überwindung von -Irrtümern; -- die Zukunft als Fortschritt; -- der christliche Staat -(„der Gott der Heerscharen“); -- der christliche Geschlechtsbetrieb -(oder die Ehe); -- das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der -„Menschheit“); -- die „Freiheit“. - -Die *romantische* Attitüde des modernen Menschen: -- der edle -Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); -- die edle Entrüstung; --- die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); -- die -Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto -der Historiker und Romanziers; -- die Stoiker der Pflicht; -- die -„Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; -- der Altruismus als -verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus. - -Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen *nicht* sich aus -ihm vererbt hat: die ~insouciance~, die Heiterkeit, die Eleganz, -die geistige Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert; -der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an -der Farbe, Harmonie, Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im -Geistigen. Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert *Rousseaus*. - - -12. - -Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben -an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das -macht die Zeit, in die wir geworfen sind -- die Zeit eines großen -inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren -Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend -entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser -Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: -man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles -glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns -noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen -Atem des Tauwindes -- wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr -gehen *können*! - - -13. - -Zur Geschichte der modernen Verdüsterung. - -Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ -- - -Der Niedergang der Familie. - -Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung. - -Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung). - -Geilheit und Neurose. - -Der Anarchist. - -Menschenverachtung, Ekel. - -Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch -wird? Ersterer erzeugt die *Ideale der Romantik*. -- - -Nordische Unnatürlichkeit. - -Das Bedürfnis nach ~Alcoholica~: die Arbeiter-„Not“. - -Der philosophische Nihilismus. - - -14. - -Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen -Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon -vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne -Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, -- im Ganzen -also das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel -- -bringt mit sich - -1. Verdüsterung des Geistes (-- das Beieinander eines stoischen und -frivolen *Anscheins* von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist, -nimmt ab; man läßt viele Leiden *sehen* und *hören*, welche man früher -ertrug und verbarg); - -2. die *moralische* Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral -*auszeichnen* zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid, -Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt und -gewürdigt werden); - -3. eine *wirkliche* große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das -Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben -- -„Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht -kommt). - - -15. - -Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der -Wille der *Tradition*: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre -Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack.... -Im Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, -diesen Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man -nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie -an (als „Erblichkeit“ --), aber man *will* sie nicht. Die Anspannung -eines Willens über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und -Wertungen, welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft -verfügen kann -- das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus -sich ergibt, daß die *desorganisierenden* Prinzipien unserem Zeitalter -den Charakter geben. -- - - -16. - -Die ehemaligen Mittel, *gleichartige*, dauernde Wesen durch lange -Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der -Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen-Glaubens als der Ahnherren). - -Jetzt gehört die *Zersplitterung des Grundbesitzes* in die -entgegengesetzte Tendenz: eine *Zeitung* (an Stelle der täglichen -*Gebete*), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation einer ungeheuren Menge -verschiedener Interessen in einer Seele: die *dazu* sehr stark und -verwandlungsfähig sein muß. - - -17. - -Die „*Modernität*“ unter dem Gleichnis von Ernährung und Verdauung. -- - -Die Sensibilität unsäglich reizbarer (-- unter moralistischem Aufputz: -die Vermehrung des *Mitleids* --); die Fülle disparater Eindrücke -größer als je: -- der *Kosmopolitismus* der Speisen, der Literaturen, -Zeitungen, Formen, Geschmäcker, selbst Landschaften. Das *Tempo* -dieser Einströmung ein *Prestissimo*; die Eindrücke wischen sich aus; -man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, *tief* zu nehmen, -etwas zu „verdauen“; -- Schwächung der Verdauungskraft resultiert -daraus. Eine Art *Anpassung* an diese Überhäufung mit Eindrücken -tritt ein: der Mensch verlernt zu *agieren*; *er reagiert nur noch* -auf Erregungen von außen her. Er *gibt seine Kraft aus* teils in der -*Aneignung*, teils in der *Verteidigung*, teils in der *Entgegnung*. -*Tiefe Schwächung der Spontaneität*: -- der Historiker, Kritiker, -Analytiker, der Interpret, der Beobachter, der Sammler, der Leser, -- -alles *reaktive* Talente, -- alle Wissenschaft! - -Künstliche *Zurechtmachung* seiner Natur zum „Spiegel“; interessiert, -aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; eine grundsätzliche Kühle, -ein Gleichgewicht, eine festgehaltene *niedere* Temperatur dicht unter -der dünnen Fläche, auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel -gibt. - -Gegensatz der *äußeren* Beweglichkeit zu einer gewissen *tiefen Schwere -und Müdigkeit*. - - -18. - -Die *Zuchtlosigkeit des modernen Geistes* unter allerhand moralischem -Aufputz. -- Die Prunkworte sind: die Toleranz (für „Unfähigkeit zu -Ja und Nein“); ~la largeur de sympathie~ (= ein Drittel Indifferenz, -ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die -„Objektivität“ (= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit -zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); die -„Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); die -„Wissenschaftlichkeit“ (das „~document humain~“: auf Deutsch der -Kolportageroman und die Addition -- statt der Komposition); die -„Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“ -an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs. - - -19. - -Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz ~tout comprendre -c'est tout pardonner~ verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor -allem die Enttäuschten: wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so -gibt es auch an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der -Enttäuschung, die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß -blickt. - -Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun wollen sie -wenigstens noch *zusehen*, wie alles läuft und verläuft. Sie nennen's -~l'art pour l'art~, „Objektivität“ usw. - - -20. - -Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl -- unsere *modernen Laster*. - - -21. - -Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung oder in den -Aufgang? -- Ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des -*Bewußtwerdens*. - - -22. - -Die Deutschen *sind* noch nichts, aber sie *werden* etwas; also haben -sie noch keine Kultur, -- also können sie noch keine Kultur haben! Das -ist mein Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß. -- Sie sind noch -nichts: das heißt, sie sind allerlei. Sie *werden* etwas: das heißt, -sie hören einmal auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur -ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf -dem man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der -Züchtung so gut, als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der -Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung, -- kurz, wir Deutschen -*wollen* etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte -- wir wollen -etwas *mehr*! - -Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ -- etwas Besseres -zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß alle „Werdenden“ -ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, -ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ oder „Sich-selbst-anräuchern“ -wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht -umgelernt habe. - - -2. Wesen und Ursache. - - -23. - -Was bedeutet Nihilismus? -- *Daß die obersten Werte sich entwerten.* Es -fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“ - - -24. - -Der *radikale Nihilismus* ist die Überzeugung einer absoluten -Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die -man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die *Einsicht*, daß wir nicht -das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge -anzusetzen, das „göttlich“, das leibhafte Moral sei. - -Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit -selbst eine Folge des Glaubens an die Moral. - - -25. - -Nihilismus. Er ist *zweideutig*: - -A. Nihilismus als Zeichen der *gesteigerten Macht des Geistes*: *der -aktive Nihilismus*. - -B. Nihilismus als *Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes*: -*der passive Nihilismus*. - - -26. - -Der Nihilismus ein *normaler* Zustand. - -Er kann ein Zeichen von *Stärke* sein, die Kraft des Geistes kann so -angewachsen sein, daß ihr die *bisherigen* Ziele („Überzeugungen“, -Glaubensartikel) unangemessen sind (-- ein Glaube nämlich drückt im -allgemeinen den Zwang von *Existenzbedingungen* aus, eine Unterwerfung -unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen *gedeiht, -wächst, Macht gewinnt*....); andrerseits ein Zeichen von *nicht -genügender Stärke*, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein -Warum, einen Glauben zu *setzen*. - -Sein *Maximum* von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft -der *Zerstörung*: als *aktiver Nihilismus*. - -Sein Gegensatz wäre der *müde* Nihilismus, der nicht mehr *angreift*: -seine berühmteste Form der Buddhismus: als *passivischer* Nihilismus, -als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, -*erschöpft* sein, so daß die *bisherigen* Ziele und Werte unangemessen -sind und keinen Glauben mehr finden --, daß die Synthesis der Werte -und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die -einzelnen Werte sich Krieg machen: *Zersetzung* --, daß alles, was -erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter -verschiedenen *Verkleidungen*, religiös oder moralisch, oder politisch, -oder ästhetisch usw. - - -27. - -Der Nihilismus stellt einen pathologischen *Zwischenzustand* dar -(pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf -*gar keinen Sinn*): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht -stark genug sind, -- sei es, daß die ~décadence~ noch zögert und ihre -Hilfsmittel noch nicht erfunden hat. - -*Voraussetzung dieser Hypothese*: -- Daß es *keine Wahrheit* gibt; -daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ -gibt. -- *Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste.* Er -legt den *Wert* der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten *keine* -Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von -Kraft auf Seiten der *Wert-Ansetzer* sind, eine Simplifikation zum -*Zweck des Lebens*. - - -28. - -Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, -vermöge deren das Ziel *von außen her* gestellt, gegeben, gefordert -schien -- nämlich durch irgendeine *übermenschliche Autorität*. Nachdem -man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter -Gewöhnung nach einer *anderen* Autorität, welche *unbedingt zu reden -wüßte* und Ziele und Aufgaben *befehlen könnte*. Die Autorität des -*Gewissens* tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der -Theologie, um so imperativischer wird die *Moral*) als Schadenersatz -für eine *persönliche* Autorität. Oder die Autorität der *Vernunft*. -Oder der *soziale Instinkt* (die Herde). Oder die *Historie* mit -einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich -*überlassen kann*. Man möchte *herumkommen* um den *Willen*, um das -*Wollen* eines Zieles, um das Risiko, *sich selbst* ein Ziel zu geben; -man möchte die Verantwortung abwälzen (-- man würde den *Fatalismus* -akzeptieren). Endlich: *Glück*, und, mit einiger Tartüfferie, das -*Glück der Meisten*. - -Man sagt sich - -1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig, - -2. ist gar nicht möglich vorherzusehen. - -Gerade jetzt, wo der *Wille* in der *höchsten Kraft nötig* wäre, ist er -am *schwächsten* und *kleinmütigsten*. *Absolutes Mißtrauen gegen die -organisatorische Kraft* des Willens *fürs Ganze*. - - -29. - -Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“ -und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man -legt Hand an, man *richtet zugrunde*.... Das ist, wenn man will, -*unlogisch*: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu -sein.... Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist -es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: -- das -*Nein der Tat* kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil -sekundiert die Vernichtsung durch die Hand. - - -30. - -*Zur Genesis des Nihilisten.* -- Man hat nur spät den Mut zu dem, was -man eigentlich *weiß*. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen -bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der -Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich -über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint -es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz -ist. - - -31. - -Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen -sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges -Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt -man *diesen* „Sinn“, *dieses* Maß? -- Der Nihilist meint im Grunde, -der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen -Philosophen *unbefriedigend*, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht -widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft -auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins *müßte dem -Philosophen Vergnügen machen*, wenn anders es zu Recht bestehen soll.... - -Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des -Geschehens nur den Sinn von *Mitteln* haben können: es bliebe übrig, zu -fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen *könnten*, ob nicht -die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. --- - - -32. - -*Die Arten der Selbstbetäubung.* -- Im Innersten: nicht wissen, -wohinaus? *Leere.* Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: -Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des -Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für -einzelne *Menschen* oder *Zeiten* (als Haß usw.). -- Versuch, -besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge -offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als -Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu -generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige *Genuß* -der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („~le fait~“), -das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an *sich* selber; irgend -welche beständige Arbeit, *irgend*ein kleiner dummer Fanatismus; das -Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die -Ausschweifung tötet das Vergnügen). - -1. Willensschwäche als Resultat. - -2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast -*gefühlt*. - - -33. - -Der *unvollständige* Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin. - -Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, *ohne* die bisherigen Werte -umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem. - - -34. - -1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser -unheimlichste aller Gäste? -- Ausgangspunkt: es ist ein *Irrtum*, -auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar -auf Korruption hinzuweisen als *Ursache* des Nihilismus. Es ist -die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, -intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus -(das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) -hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene -Ausdeutungen. Sondern: in einer *ganz bestimmten Ausdeutung*, in der -christlich-moralischen, steckt der Nihilismus. - -2. Der Untergang des Christentums -- an seiner *Moral* (die unablösbar -ist --), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn -der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt -*Ekel* vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- -und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den -fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der *Tat*...). - -3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der -*moralischen* Weltauslegung, die keine *Sanktion* mehr hat, nachdem -sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in -Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer -Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist -- erweckt -das Mißtrauen, ob nicht *alle* Weltauslegungen falsch sind --). -Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat -nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei -ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein -als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe -- eine moralische -Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ -zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen -Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“ -und „schön“ und „gut“ -- -- - -4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen -Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie -bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die -Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die -Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen -Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen -Systemen rückständig. Es fehlt eine *Kritik der christlichen Moral*. - -5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft -(nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem -Betriebe *folgt* endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen -*sich*, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch -aus dem Zentrum ins ~x~. - -6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und -volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur -Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, -Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe. -Es fehlt der *erlösende* Stand und Mensch, die Rechtfertiger -- - -7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „*praktischen* -Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute -Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. -Goethes angebliches Olympiertum. - -8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners -Nibelungen-Schluß). - - -35. - -Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der -*modernen* Welt, -- nicht *der* Welt und *des* Daseins. - - -36. - -Das *allgemeinste Zeichen der modernen Zeit*: der Mensch hat in seinen -eigenen Augen unglaublich an *Würde* eingebüßt. Lange als Mittelpunkt -und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich -als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des -Daseins zu beweisen -- wie es alle Metaphysiker tun, die die *Würde des -Menschen* festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen -Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger -am Glauben an die Moral fest. - - -37. - -Ursachen für die *Heraufkunft des Pessimismus*: - -1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher -*verleumdet* sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat; - -2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere -Mißtrauen des Menschen die *Unablösbarkeit dieser Instinkte* vom Leben -begreift und dem Leben sich entgegenwendet; - -3. daß nur die *Mittelmäßigsten*, die jenen Konflikt gar nicht -*fühlen*, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung -gegen sich einnimmt, -- daß andererseits das Mittelmäßige, sich als -Ziel und Sinn gebend, *indigniert* (-- daß niemand *ein Wozu*? mehr -beantworten kann --); - -4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast, -das Gewimmel beständig zunimmt, -- daß die *Vergegenwärtigung* dieses -ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird, -daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie *verzagt* und -sich *unterwirft*. - - -38. - -Welche *Vorteile* bot die christliche Moralhypothese? - -1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten *Wert*, im Gegensatz zu -seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens; - -2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid -und Übel den Charakter der *Vollkommenheit* ließ, -- eingerechnet jene -„Freiheit“ -- das Übel erschien voller *Sinn*; - -3. sie setzte ein *Wissen* um absolute Werte beim Menschen an und gab -ihm somit gerade für das Wichtigste *adäquate Erkenntnis*; - -4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er -gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war -ein *Erhaltungsmittel*. - -~In summa~: Moral war das große *Gegenmittel* gegen den praktischen und -theoretischen *Nihilismus*. - - -39. - -Die Zeit kommt, wo wir dafür *bezahlen* müssen, zwei Jahrtausende lang -*Christen* gewesen zu sein: wir verlieren das *Schwergewicht*, das uns -leben ließ, -- wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir -stürzen jählings in die *entgegengesetzten* Wertungen, mit dem gleichen -Maße von Energie, das eben eine solche extreme *Überwertung* des -Menschen im Menschen erzeugt hat. - -Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach -oder überspannt: - -a) man versucht eine Art von *irdischer Lösung*, aber im gleichen -Sinne, in dem des *schließlichen Triumphs* von Wahrheit, Liebe, -Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“); - -b) man versucht ebenfalls das *Moral-Ideal* festzuhalten (mit -dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der -Willensverneinung); - -c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur -als antilogisches ~x~; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art -metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann; - -d) man versucht die *göttliche Leitung alten Stils*, die belohnende, -bestrafende, erziehende, zum *Besseren* führende Ordnung der Dinge aus -dem Geschehen herauszulesen; - -e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des -Guten und die Vernichtung des Bösen als *Aufgabe* empfindet (-- das ist -englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill); - -f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ~ego~: -Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer -Entpersönlichung und als ~désintéressement~ zu verstehen; - -g) man erlaubt der *Kirche*, sich immer noch in alle wesentlichen -Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um -ihnen *Weihe*, *höheren Sinn* zu geben: wir haben noch immer den -„christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ -- - - -40. - -Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die -*Wahrhaftigkeit*: *diese* wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt -ihre *Teleologie*, ihre *interessierte* Betrachtung -- und jetzt -wirkt die *Einsicht* in diese lange eingefleischte Verlogenheit, -die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir -konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange -Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren -erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen -scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus --- das, was wir erkennen, *nicht* zu schätzen und das, was wir uns -vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu *dürfen* -- ergibt einen -Auflösungsprozeß. - - -41. - -Dies ist die *Antinomie*: - -Sofern wir an die Moral glauben, *verurteilen* wir das Dasein. - - -42. - -Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben *sollte*, -namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, --- diese *sozialen Werte* hat man zum Zweck ihrer *Tonverstärkung*, -wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ -Welt, als Hoffnung und *zukünftige* Welt über dem Menschen aufgebaut. -Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns -das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, -- aber das ist nur ein -*Zwischenzustand*. - - -43. - -*Ursachen des Nihilismus*: - -1. *Es fehlt die höhere Spezies*, das heißt die, deren unerschöpfliche -Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. -(Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen -dieses Jahrhunderts.) - -2. *Die niedere Spezies* („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt -die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu *kosmischen* -und *metaphysischen* Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein -*vulgarisiert*: insofern nämlich die *Masse* herrscht, tyrannisiert -sie die *Ausnahmen*, so daß diese den Glauben an sich verlieren und -*Nihilisten* werden. - -Alle Versuche, *höhere Typen auszudenken*, *manquiert* („Romantik“; der -Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten -Moralwerte zuzulegen). - -*Widerstand* gegen höhere Typen als Resultat. - -*Niedergang* und *Unsicherheit aller höheren Typen*. Der Kampf gegen -das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden -als *Maßstab* für die *Höhe der Seele*. - -Es *fehlt der Philosoph*, der Ausdeuter der Tat, *nicht* nur der -Umdichter. - - -44. - -Die *nihilistische* Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) -als Folge der moralischen Wertschätzung: -- *das Egoistische ist -uns verleidet* (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des -Unegoistischen); -- *das Notwendige ist uns verleidet* (selbst nach -der Einsicht in die Unmöglichkeit eines ~liberum arbitrium~ und einer -„intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir -unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen -- damit hat die andere -Sphäre, in der wir leben, noch *keineswegs* an Wert gewonnen: im -Gegenteil, wir sind *müde*, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. -„Umsonst bisher!“ - - -45. - -Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht -unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von -„*Pessimismus*“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben -müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus. - -Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß -Pessimismus kein Problem, sondern ein *Symptom* ist, -- daß der -Name ersetzt werden müsse durch „*Nihilismus*“, -- daß die Frage, -ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein -Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist. - -Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen -~décadence~. - - -46. - -Grundeinsicht über das Wesen der ~décadence~: *was man bisher als deren -Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen*. - -Damit verändert sich die ganze Perspektive *der moralischen Probleme*. - -Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit -erscheint als Naivität, als überflüssig: -- es gibt keine „*Besserung*“ -(gegen die *Reue*). - -Die ~décadence~ selbst ist nichts, *was zu bekämpfen wäre*: sie ist -absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. *Was* mit aller -Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die -gesunden Teile des Organismus. - -Tut man das? Man tut das *Gegenteil*. Genau darum bemüht man sich -seitens der *Humanität*. - --- Wie verhalten sich zu dieser *biologischen* Grundfrage die -bisherigen *obersten Werte*? Die Philosophie, die Religion, die Moral, -die Kunst usw. - -(Die Kur: zum Beispiel der *Militarismus*, von Napoleon an, der in der -Zivilisation seine natürliche Feindin sah.) - - -47. - -*Zum Begriff* „~décadence~“. - -1. Die Skepsis ist eine Folge der ~décadence~: ebenso wie die -Libertinage des Geistes. - -2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der ~décadence~ (Schwäche -des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....). - -3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern -nicht den Gang der ~décadence~, sie halten nicht auf, sie sind -physiologisch *null* -- : - -Einsicht in die *große Nullität* dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es -sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen; -sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische -Versuche, den Menschen der ~décadence~ zu annullieren, ein Minimum -seiner *Schädlichkeit* durchzusetzen. - -4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der -~décadence~. - -5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der ~décadence~: -sie halten zueinander in allen Grundphänomenen. - -6. *Die soziale Frage* ist eine Folge der ~décadence~. - -7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, -sind Anzeichen, daß die *Defensiv*kraft der starken Natur fehlt; -ebendafür spricht die Irritabilität, so daß *Lust* und *Unlust* die -Vordergrundsprobleme werden. - - -48. - -Allgemeinste Typen der ~décadence~: - -1. Man wählt im *Glauben*, Heilmittel zu wählen, das, was die -Erschöpfung beschleunigt; -- dahin gehört das Christentum (um den -größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); -- dahin gehört -der „Fortschritt“ -- - -2. Man verliert die *Widerstandskraft* gegen die Reize, -- man wird -bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse -ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des -Willens; -- dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische, -die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die -Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie *mitklingt* und wie eine -überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme Irritabilität.... - -3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die ~décadence~ -nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche -Ursache des Sich-schlecht-befindens; -- dahin gehört die ganze -religiöse Moral.... - -4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben -wird tatsächlich als Grund zu *Übeln* empfunden, -- man taxiert die -*bewußtlosen*, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich -wertvoller, als die bewußten; daraus eine *Methodik*.... - - -49. - -Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die -*Krankhaftigkeit*: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr -schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft; -*moralisch* ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde. - -Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der -bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der -Geschwächten, *Geisteskranken* und *Neurastheniker* vergleichen kann: -sie stellen in einer milderen Form *dieselben Übel* dar.... - -Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem -Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal -schlecht sichtbar sind, zeigen.... - -*Gesundheit* und *Krankheit* sind nichts wesentlich Verschiedenes, -wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben. -Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die -sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz -machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr -taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins -nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die -Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften -Zustand (Claude Bernard). - -So gut „*das Böse*“ betrachtet werden kann als Übertreibung, -Disharmonie, Disproportion, so gut kann „*das Gute*“ eine *Schutzdiät* -gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein. - -Die *erbliche Schwäche*, als *dominierendes* Gefühl: Ursache der -obersten Werte. - -Nebenbei: Man *will* Schwäche: warum?.... meistens, weil man -*notwendig* schwach ist. - -Die *Schwächung* als *Aufgabe*: Schwächung der Begehrungen, der Lust- -und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben- -und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als -Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen, -als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche.... -die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf -Feindschaft und Zorn. - -Der *Fehlgriff* in der Behandlung: man will die Schwäche nicht -bekämpfen durch ein ~système fortifiant~, sondern durch eine Art -Rechtfertigung und *Moralisierung*: das heißt durch eine *Auslegung*.... - -Die *Verwechslung* zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum -Beispiel die *Ruhe der Stärke*, welche wesentlich Enthaltung der -Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), -- und -die *Ruhe der Erschöpfung*, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle -philosophisch-asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber -meinen in der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande -die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei. - - -50. - -*Das gefährlichste Mißverständnis.* -- Es gibt einen Begriff, der -anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist -der der *Erschöpfung*. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein, --- in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den *Wert der -Dinge*.... - -Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und -fühlt, unfreiwillig *abgibt* an die Dinge, sie voller, mächtiger, -zukunftsreicher sieht, -- der jedenfalls schenken *kann* --, -verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, -- er -*verarmt* den Wert: er ist schädlich.... - -Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die -Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer -*verwechselt* worden sind mit den Vollsten -- und die Vollsten mit den -Schädlichsten. - -Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an -Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der -zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?.... - -Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie -auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen -Entladung bedingte), dann *verwechselte* man ihn mit dem Reichen... Er -erregte Furcht... Der Kultus des *Narren* ist immer auch der Kultus -des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der -religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der -Macht empfunden worden: als *göttlich*. - -Diese Art Stärke, die *Furcht* erregt, galt vor allem als göttlich: -von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, -hörte, suchte man *Weisheit*.... Hieraus entwickelte sich überall -beinahe ein *Wille* zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen -Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser -höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome -der Zerrüttung provozieren -- das hieß stärker, übermenschlicher, -furchtbarer, weiser werden: -- man glaubte damit so reich an Macht zu -werden, daß man *abgeben* konnte. Überall, wo angebetet worden ist, -suchte man einen, der abgeben kann. - -Hier war irreführend die Erfahrung des *Rausches*. Dieser *vermehrt* -im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, *die -Macht*. -- Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der *Berauschteste* -stehen, der Ekstatische. (-- Es gibt zwei Ausgangspunkte des -*Rausches*: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von -krankhafter Ernährung des Gehirns.) - - -51. - -*Zu begreifen*: -- Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend -an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend -gewordenen Werturteilen die ~décadence~ sogar zum Übergewicht gekommen -ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen -Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern *alle bisherige* -~décadence~ rückständig, das heißt *lebendig* geblieben ist. Eine -solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, -eine solche Gesamt-~décadence~ des Werturteils ist das Fragezeichen -~par excellence~, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem -Philosophen aufgibt. -- - - -52. - -*Schwäche des Willens*: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann. -Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch -schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der -Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die -Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen -resultiert als „starker Wille“; -- im ersteren Falle ist es das -Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision -und Klarheit der Richtung. - - -53. - -*Hauptsymptome des Pessimismus*: -- die ~dîners chez Magny~; der -russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische -Pessimismus, ~l'art pour l'art~, „~description~“ (der romantische -und der antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische -Pessimismus (Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische -Pessimismus; die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung; -der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische -Pessimismus: ich selber. - - -54. - -Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der ~décadence~ -selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist -der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das -*Verfallsgebilde* der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich -die eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt. - -Das *niedersinkende* Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen seine -Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal *alter -überlebter* Rassen ähnlich.... - -Der *Herdeninstinkt* sodann -- eine jetzt souverän gewordene Macht --- ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer *aristokratischen -Sozietät*: und es kommt auf den Wert der *Einheiten* an, was die Summe -zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern -Instinkt als den der Herde, das heißt der *summierten Nullen*, -- wo -jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein.... - -Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät -beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem -*Frieden* einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil -ist antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der ~décadence~ des -Lebens.... Das Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst -ein Mittel zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein -~décadent~, -- er ist es auch als Moralist (-- er sieht im *Sieg* des -Altruismus etwas Wünschenswertes!!!). - - -55. - -Entwicklung des *Pessimismus* zum *Nihilismus*. -- Entnatürlichung der -*Werte*. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch, -statt das Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend -*gegen* das Tun. - -Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß -auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter -gemäß, weil leichter *faßlich*. - -Die *verworfene* Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren, -wertvollen“. -- Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die -„wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig -und *rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer -Verwerflichkeit*. - -Damit ist der *Nihilismus* da: man hat die *richtenden Werte* übrig -behalten -- und nichts weiter! - -Hier entsteht das Problem *der Stärke und der Schwäche*: - -1. die Schwachen zerbrechen daran; - -2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht; - -3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte. - -*Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.* - - -56. - -*Der Pessimismus der Tatkräftigen*: das „Wozu?“ nach einem furchtbaren -Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal *wichtiger* ist als -die Frage, ob *wir* uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt -aller starken Naturen, -- und folglich auch, ob sich die *anderen* gut -oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen -man nicht zögert, *Menschenopfer* zu bringen, jede Gefahr zu laufen, -jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die *große -Leidenschaft*. - - -57. - -Das „Übergewicht von *Leid über Lust*“ oder das Umgekehrte (der -*Hedonismus*): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum -Nihilismus.... - -Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter *Sinn* gesetzt, -als die Lust- oder Unlust-Erscheinung. - -Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen, -eine Absicht, einen *Sinn* zu setzen: -- für jede gesündere Art -Mensch mißt sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße -dieser Nebensachen. Und ein *Übergewicht* von Leid wäre möglich -und *trotzdem* ein mächtiger Wille, ein *Ja-sagen* zum Leben; ein -Nötig-haben dieses Übergewichts. - -„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die -Tränen?...“ -- eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „~Un -monstre gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.~“ - - -3. Krisis. - - -58. - -Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und -Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem -Nein führt. - -Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, -- was erschöpft. - -Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das -Gefühl der Kraft rechtfertigt. - -Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend, -Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt. -Dies sind alles Werte der Erschöpften. - -Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich -zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte -eingedrungen seien. - -Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der -in mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten -Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit, -mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile -Erschöpfter. - -Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen -heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche -infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform -der ~décadence~ ist. - -Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die -oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes -Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die -Auswahl in der Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich -kreuzen -- das hieß bisher Tugend ~par excellence~.... - -Man soll das *Verhängnis* in Ehren halten; das Verhängnis, das zum -Schwachen sagt „geh zugrunde!“... - -Man hat es *Gott* genannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, -- daß -man die Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen -Gottes nicht unnützlich führen.... - -Die Rasse ist verdorben -- nicht durch ihre Laster, sondern ihre -Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als -Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die -Ursache alles Übels.... - -Die Tugend ist unser großes Mißverständnis. - -Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu -machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten -sind?.... Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu -stehen?.... - - -59. - -Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen -Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer -unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. *Dieselben Gründe, welche -die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und -Seltneren bis hinauf zur Größe.* - - -60. - -*Gesamteinsicht.* -- Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auch -ein ungeheures *Abbröckeln* und *Vergehen* mit sich: das Leiden, -die Symptome des Niedergangs *gehören* in die Zeiten ungeheuren -Vorwärtsgehens; jede fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit -hat zugleich eine nihilistische Bewegung *mitgeschaffen*. Es wäre unter -Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes -Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen, daß die -*extremste* Form des Pessimismus, der eigentliche *Nihilismus*, zur -Welt käme. *Dies habe ich begriffen.* - - -61. - -Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: aber wer -*davon kommt*, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der -Renaissance. - - -62. - -Es ist die Zeit des *großen Mittags, der furchtbaren Aufhellung*: -*meine Art von Pessimismus*: -- großer Ausgangspunkt. - -I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung des Menschen. - -II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte der Lüge -und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des -*Herden*willens, welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt). - -III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die Ermöglichung -einer *Auswahl* auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles -Wachstums. - -IV. Die *Vieldeutigkeit* der Welt als Frage der *Kraft*, welche -alle Dinge unter der *Perspektive ihres Wachstums* ansieht. -Die moralisch-christlichen Werturteile als Sklavenaufstand und -Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werte der *antiken* -Welt). - - -63. - -Ich fand noch *keinen* Grund zur Entmutigung. Wer sich einen *starken -Willen* bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste, -hat günstigere Chancen als je. Denn die *Dressierbarkeit* der -Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; -Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das -Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen -kann, findet die, welche gehorchen *müssen*: ich denke zum Beispiel an -Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit starken und unintelligenten -Willen, welche am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren -„Objektiven“ mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um! - - -64. - -Der Sozialismus -- als die zu Ende gedachte *Tyrannei* der Geringsten -und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, Neidischen und der -Dreiviertels-Schauspieler -- ist in der Tat die Schlußfolgerung der -„modernen Ideen“ und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen -Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu -Schlüssen oder gar zum *Schluß* zu kommen. Man folgt, aber man folgert -nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus im ganzen eine hoffnungslose, -säuerliche Sache: und nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch -zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die -Sozialisten machen -- und von was für erbärmlichen, gequetschten -Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! -- und dem harmlosen -Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch -an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen -und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da -gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune, welche auch in -Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat, war vielleicht nur -eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen an dem, was kommt. Trotzdem -wird es immer zu viel Besitzende geben, als daß der Sozialismus mehr -bedeuten könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden -sind wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen, um etwas -zu *sein*“. Dies aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte: -ich würde hinzufügen „man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr -zu *werden*“. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, -durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. -Haben und mehr haben wollen, *Wachstum* mit einem Wort -- das ist das -Leben selber. In der Lehre des Sozialismus versteckt sich schlecht -ein „Wille zur Verneinung des Lebens“; es müssen mißratene Menschen -oder Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der Tat, ich -wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen, daß in einer -sozialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich -selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug und der Mensch -immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische -Belehrung und ~demonstratio ad absurdum~, selbst wenn sie mit einem -ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, -nicht wünschenswert erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger -Maulwurf unter dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft -wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er -verzögert den „Frieden auf Erden“ und die gänzliche Vergutmütigung des -demokratischen Herdentieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich -List und Vorsicht, übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen -Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von -Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, -- er -schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden ~marasmus femininus~. - - -65. - -Ich *freue* mich der militärischen Entwicklung Europas, auch -der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des -Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist -vorbei. Persönliche *männliche* Tüchtigkeit, Leibestüchtigkeit bekommt -wieder Wert, die Schätzungen werden physischer, die Ernährungen -fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse -Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte träumte) ist -vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns *bejaht*, auch das wilde Tier. -*Gerade deshalb* wird es mehr werden mit den Philosophen. -- Kant ist -eine Vogelscheuche, irgendwann einmal! - - -66. - -*Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der Modernität*: - -1. die allgemeine *Wehrpflicht* mit wirklichen Kriegen, bei denen der -Spaß aufhört; - -2. die *nationale* Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend); - -3. die verbesserte *Ernährung* (Fleisch); - -4. die zunehmende *Reinlichkeit* und Gesundheit der Wohnstätten; - -5. die Vorherrschaft der *Physiologie* über Theologie, Moralistik, -Ökonomie und Politik; - -6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner -„Schuldigkeit“ (man *lobt* nicht mehr....). - - -67. - -Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten -zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, Goetheschere Stellung -zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere Empfindung in betreff des -Erkennens: so daß der „reine Tor“ wenig Glauben findet. - - -68. - -Wenn irgend etwas unsere *Vermenschlichung*, einen wahren, -tatsächlichen *Fortschritt* bedeutet, so ist es, daß wir keine -exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen.... - -Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt -und artistisch gemacht; - -wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisher -*verrufen* waren. - - -69. - -Daß man den Menschen den *Mut* zu ihren Naturtrieben wiedergibt -- - -Daß man ihrer *Selbstunterschätzung* steuert (*nicht* der des Menschen -als Individuums, sondern der des Menschen als Natur....) -- - -Daß man die *Gegensätze* herausnimmt aus den Dingen, nachdem man -begreift, daß wir sie hineingelegt haben -- - -Daß man die *Gesellschafts-Idiosynkrasie* aus dem Dasein überhaupt -herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, -Liebe usw.) -- - -Fortschritt zur „*Natürlichkeit*“: in allen politischen Fragen, auch -im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- oder -Unternehmerparteien, handelt es sich um *Machtfragen* -- „was man -*kann*“ und erst daraufhin, was man *soll*. - - -70. - -*Die Umkehrung der Rangordnung.* -- Die frommen Falschmünzer, -die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: -- sie nehmen die -Stellung der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der -Zauberer ein: wir halten sie für Willensverderber, für die großen -Verleumder und Rachsüchtigen des Lebens, für die *Empörer* unter den -Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, den Sudras, -unsern Mittelstand gemacht, unser „Volk“, das, was die politische -Entscheidung in den Händen hat. - -Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran die -*Gotteslästerer*, *die Immoralisten*, die Freizügigen jeder Art, die -Artisten, die Juden, die Spielleute, -- im Grunde alle *verrufenen* -Menschenklassen --. - -Wir haben uns zu *ehrenhaften* Gedanken emporgehoben, mehr noch, wir -*bestimmen* die Ehre auf Erden, die „Vornehmheit“.... Wir alle sind -heute die *Fürsprecher des Lebens* --. Wir *Immoralisten* sind heute -die *stärkste Macht*: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir -konstruieren die Welt nach unserm Bilde -- - -Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die *Priester*, -*Jenseits-Lehrer* und die mit ihnen verwachsene *christliche -Gesellschaft* übertragen, hinzugenommen, was gleichen Ursprungs -ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, Verbrecher, -Lasterhaften, -- die gesamte Sphäre, wo der Begriff „Gott“ als -*Heiland* imaginiert wird.... - -Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine -Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens.... - - -71. - -Das *Problem des neunzehnten Jahrhunderts*. Ob seine starke und -schwache Seite zueinander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt -ist? Ob die Verschiedenheit seiner Ideale und deren Widerspruch in -einem höheren Zweck bedingt ist: als etwas Höheres? -- Denn es konnte -die *Vorbestimmung zur Größe* sein, in diesem Maße in heftiger Spannung -zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilismus *könnte* ein *gutes -Zeichen sein*. - - -72. - -*Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert* (-- das 18. -Jahrhundert ist das der Eleganz, der Feinheit und der ~sentiments -généreux~). -- Nicht „Rückkehr zur Natur“: denn es gab noch niemals -eine natürliche Menschheit. Die Scholastik un- und *wider*natürlicher -Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der Mensch nach -langem Kampfe, -- er kehrt nie „zurück“.... Die Natur: das heißt, es -wagen, unmoralisch zu sein wie die Natur. - -Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse Gefühle, selbst -wenn wir ihnen unterliegen. - -Natürlicher ist unsre erste *Gesellschaft*, die der Reichen, der -Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe ist eine -Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und einen Reiz abgibt; man -unterhält sich und lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die -körperlichen Vorzüge in erster Linie, man ist neugierig und gewagt. - -Natürlich ist unsere Stellung zur *Erkenntnis*: wir haben die -Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir hassen die pathetischen -und hieratischen Manieren, wir ergötzen uns am Verbotensten, wir wüßten -kaum noch ein Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu -ihr zu langweilen hätten. - -Natürlicher ist unsere Stellung zur *Moral*. Prinzipien sind lächerlich -geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie mehr von seiner „Pflicht“ zu -reden. Aber man schätzt eine hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (-- man -sieht im *Instinkt* die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein -paar Ehrenpunktsbegriffe --). - -Natürlicher ist unsere Stellung ~in politicis~: wir sehen Probleme der -Macht, des Quantums Macht gegen ein anderes Quantum. Wir glauben nicht -an ein Recht, das nicht auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir -empfinden alle Rechte als Eroberungen. - -Natürlicher ist unsre Schätzung *großer Menschen und Dinge*: wir -rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir finden nichts groß, wo -nicht ein großes Verbrechen einbegriffen ist; wir konzipieren alles -Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen in bezug auf Moral. - -Natürlicher ist unsere Stellung zur *Natur*: wir lieben sie nicht mehr -um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ willen, wir haben sie -hübsch „verteufelt“ und „verdummt“. Aber statt sie darum zu verachten, -fühlen wir uns seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert -*nicht* zur Tugend: wir achten sie deshalb. - -Natürlicher ist unsere Stellung zur *Kunst*: wir verlangen nicht von -ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der brutale Positivismus, -welcher konstatiert, ohne sich zu erregen. - -~In summa~: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer des 19. -Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; er hat einen guten -Schritt dazu gemacht, sich einmal seine unbedingte Natürlichkeit, -das heißt seine Unmoralität, einzugestehen, *ohne Erbitterung*: im -Gegenteil, stark genug dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten. - -Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die *Korruption* -fortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch sich nicht -der „*Natur*“ angenähert hat, von der *Rousseau* redet, sondern -einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation, welche er -*perhorreszierte*. Wir haben uns *verstärkt*: wir sind dem 17. -Jahrhundert wieder näher gekommen, dem Geschmack seines Endes -namentlich (Dancourt, Lesage, Regnard). - - -73. - -*Fortschritt* des neunzehnten Jahrhunderts gegen das achtzehnte (-- im -Grunde führen wir *guten Europäer* einen Krieg gegen das achtzehnte -Jahrhundert --): - -1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne -verstanden, als es Rousseau verstand. *Weg vom Idyll und der Oper!* - -2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser, -arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen, -*antirevolutionär*; - -3. immer entschiedener die Frage der *Gesundheit des Leibes* der „der -Seele“ voranstellend: letztere als einen Zustand in Folge der ersteren -begreifend, diese mindestens als die Vorbedingung der Gesundheit der -Seele. - - -74. - -*Das 20. Jahrhundert.* -- Der Abbé Galiani sagt einmal: ~La prévoyance -est la cause des guerres actuelles de l'Europe. Si l'on voulait se -donner la peine de ne rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et -je ne crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne ferait pas -la guerre.~ Da ich durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines -verstorbenen Freundes Galiani teile, so fürchte ich mich nicht davor, -einiges vorherzusagen und möglicherweise damit die Ursache von Kriegen -heraufzubeschwören. - -Eine ungeheure *Besinnung*, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit -neuen Fragen. - - -75. - -Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, sondern -wiederum durch extreme, aber *umgekehrte*. Und so ist der Glaube an die -absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der -psychologisch-notwendige *Affekt*, wenn der Glaube an Gott und eine -essentiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus -erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein größer wäre als -früher, sondern weil man überhaupt gegen einen „Sinn“ im Übel, ja im -Dasein mißtrauisch geworden ist. *Eine* Interpretation ging zugrunde: -weil sie aber als *die* Interpretation galt, erscheint es, als ob es -gar keinen Sinn im Dasein gebe, als ob alles *umsonst* sei. - -Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus -ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen gegen unsere früheren -Wertschätzungen steigert sich bis zur Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘ -Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber -durchaus nicht einer Lösung näherkommt?“ Die *Dauer*, mit einem -„Umsonst“ ohne Ziel und Zweck, ist der *lähmendste* Gedanke, namentlich -noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist, -sich nicht foppen zu lassen. - - * * * * * - -Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so -wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne -ein Finale ins Nichts: „*die ewige Wiederkehr*“. - -Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“) -ewig! - -Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft -zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist die *wissenschaftlichste* aller -möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins, -so müßte es erreicht sein. - - * * * * * - -Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus angestrebt -wird: denn „alles vollkommen, göttlich, ewig“ zwingt *ebenfalls zu -einem Glauben an die „ewige Wiederkunft“*. Frage: ist mit der Moral -auch diese pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich -gemacht? Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. Hat es -einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von Gut und Böse“ zu denken? -Wäre ein Pantheismus in *diesem* Sinne möglich? Bringen wir die -Zweckvorstellung aus dem Prozesse weg, und bejahen wir *trotzdem* den -Prozeß? -- Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in -jedem Momente desselben *erreicht* würde -- und immer das Gleiche. -Spinoza gewann eine solche bejahende Stellung, insofern jeder Moment -eine *logische* Notwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem -logischen Grundinstinkte über eine *solche* Weltbeschaffenheit. - -Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. *Jeder Grundcharakterzug*, -der *jedem* Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen -ausdrückt, müßte, wenn er von einem Individuum als *sein* -Grundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben, -triumphierend jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es -käme eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut, -wertvoll, mit Lust empfindet. - -Nun hat die *Moral* das Leben vor der Verzweiflung und dem Sprung -ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche von -*Menschen* vergewalttätigt und niedergedrückt wurden: denn die -Ohnmacht gegen Menschen, *nicht* die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt -die desperateste Verbitterung gegen das Dasein. Die Moral hat die -Gewalthaber, die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die Feinde -behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt, *das heißt zunächst -ermutigt, gestärkt* werden muß. Die Moral hat folglich am tiefsten -*hassen* und *verachten* gelehrt, was der Grundcharakterzug der -Herrschenden ist: *ihren Willen zur Macht*. Diese Moral abschaffen, -leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer -*umgekehrten* Empfindung und Wertung ansehen. Wenn der Leidende, -Unterdrückte *den Glauben verlöre*, ein *Recht* zu seiner Verachtung -des Willens zur Macht zu haben, so träte er in das Stadium der -hoffnungslosen Desperation. Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem -Leben essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen zur -Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß auch jenes Hassen -und Verachten noch ein Machtwille ist. Der Unterdrückte sähe ein, daß -er mit dem Unterdrücker *auf gleichem Boden* steht und daß er kein -*Vorrecht*, keinen *höheren* Rang vor jenem habe. - -Vielmehr *umgekehrt*! Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, außer dem -Grade der Macht -- gesetzt eben, daß Leben selbst der Wille zur Macht -ist. Die Moral behütete die *Schlechtweggekommenen* vor Nihilismus, -indem sie *jedem* einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert -beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen -Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, Demut usw. -*Gesetzt, daß der Glaube an diese Moral zugrunde geht*, so würden die -Schlechtweggekommenen ihren Trost nicht mehr haben -- und *zugrunde -gehen*. - -*Das Zugrundegehen* präsentiert sich als ein *Sich-zugrunde-richten*, -als ein instinktives Auslesen dessen, was *zerstören muß*. -*Symptome* dieser Selbstzerstörung der Schlechtweggekommenen: die -Selbstvivisektion, die Vergiftung, Berauschung, Romantik, vor allem -die instinktive Nötigung zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu -*Todfeinden* macht (-- gleichsam sich seine Henker selbst züchtend), -der *Wille zur Zerstörung* als Wille eines noch tieferen Instinkts, des -Instinkts der Selbstzerstörung, des *Willens ins Nichts*. - -Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen keinen -Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie, -von der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, „sich zu ergeben“, --- daß sie sich auf den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen -und auch ihrerseits *Macht wollen*, indem sie die Mächtigen *zwingen*, -ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des Buddhismus, das -*Nein-tun*, nachdem alles Dasein seinen „Sinn“ verloren hat. - -Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! „Gott, Moral, -Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar tiefen Stufen des Elends: -der *aktive Nihilismus* tritt bei relativ viel günstiger gestalteten -Verhältnissen auf. Schon daß die Moral als überwunden empfunden wird, -setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein -relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch den langen -Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten Skepsis -*gegen* Philosophie gebracht, kennzeichnet ebenfalls den keineswegs -*niederen* Stand jener Nihilisten. Man denke an die Lage, in der -Buddha auftrat. Die Lehre der ewigen Wiederkunft würde *gelehrte* -Voraussetzungen haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum Beispiel -Begriff der Kausalität usw.). - -Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem *physiologisch*: nicht -mehr politisch. Die *ungesundeste* Art Mensch in Europa (in allen -Ständen) ist der Boden dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die -ewige Wiederkunft als einen *Fluch* empfinden, von dem getroffen man -vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv auslöschen, sondern -alles auslöschen *machen*, was in diesem Grade sinn- und ziellos ist: -obwohl es nur ein Krampf, ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß -alles seit Ewigkeiten da war -- auch dieser Moment von Nihilismus und -Zerstörungslust. -- Der *Wert* einer solchen *Krisis* ist, daß sie -*reinigt*, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt und sich -aneinander verderben macht, daß sie den Menschen entgegengesetzter -Denkweisen gemeinsame Aufgaben zuweist -- auch unter ihnen die -schwächeren, unsichreren ans Licht bringend und so zu einer -*Rangordnung der Kräfte*, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß -gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende. -Natürlich abseits von allen bestehenden Gesellschaftsordnungen. - -Welche werden sich als die *Stärksten* dabei erweisen? Die Mäßigsten, -die, welche keine extremsten Glaubenssätze *nötig* haben, die, welche -einen guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, -die, welche vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes -denken können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten -an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich -vor den Malheurs nicht so fürchten -- Menschen, die *ihrer Macht sicher -sind* und die die *erreichte* Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze -repräsentieren. - -Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? -- - - - - -Zweites Buch. - -Kritik der höchsten bisherigen Werte - -(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte). - - -I. Moral. - - -1. Entstehung und Sieg. - - -76. - -Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, welches mit -den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt. - - -77. - -Das Problem der Moral *sehen* und *zeigen* -- das scheint mir die -neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen -Moralphilosophie geschehen ist. - - -78. - -*Mein Problem*: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral -sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw. - - -79. - -Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und Zeichensprachen -zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens -oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und -Wachstumsbedingungen verraten, -- eine Interpretationsweise vom Werte -der Astrologie, Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen, -Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken usw.). - -Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere -moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das -*Leben*, eine Vorbereitung des Pessimismus. - -*Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine -moralische Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation -selbst ist außermoralischen Ursprungs.* - -Was bedeutet es, daß wir einen *Widerspruch* in das Dasein -hineininterpretiert haben? -- Entscheidende Wichtigkeit: hinter -allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend jene moralischen -Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und -welchen Wert haben dann Erkenntnis usw., usw.??? - - -80. - -Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten sollt ihr sie -erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie ist eine Frucht, an der ich -den *Boden* erkenne, aus dem sie wuchs“. - - -81. - -*Meine Absicht*, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu -zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als -*perspektivisch bedingt*; zu zeigen, wie alles das, was moralisch -gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, -wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu -unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist --; wie umgekehrt alles, -was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere -und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle -des Lebens notwendig auch den *Fortschritt der Unmoralität* bedingt. -„Wahrheit“ der Grad, in dem wir uns die Einsicht in *diese* Tatsache -*gestatten*. - - -82. - -Das sind meine Forderungen an euch -- sie mögen euch schlecht genug -zu Ohren gehen -- : daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst -einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, -welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: -„warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach -einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure *jetzige* -Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von -Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, -euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum -*nicht*? -- Vor welchem Forum?“ -- - - -83. - -Die Frage nach der *Herkunft unsrer Wertschätzungen* und Gütertafeln -fällt ganz und gar nicht mit deren *Kritik* zusammen, wie so oft -geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine ~pudenda origo~ -für das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit -sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung -vorbereitet. - -Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber -wert? *Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus?* Für wen? in bezug -worauf? -- Antwort: für das Leben. Aber *was ist Leben*? Hier tut also -eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel -dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht. - -*Was bedeutet das Wertschätzen selbst?* Weist es auf eine andere, -metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der *vor* -der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: *wo ist es entstanden*? -Oder ist es nicht „entstanden“? -- Antwort: das moralische Wertschätzen -ist eine *Auslegung*, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst -ist ein *Symptom* bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines -bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: *Wer legt aus?* --- Unsre Affekte. - - -84. - -*Wessen Wille zur Macht ist die Moral?* -- *Das Gemeinsame* in der -Geschichte Europas seit *Sokrates* ist der Versuch, die *moralischen -Werte* zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß -sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern -auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und -gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, -alles übrige dazu *Mittel* (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich -bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). -- Eine ähnliche Bewegung in -*China*. Eine ähnliche Bewegung in *Indien*. - -Was bedeutet dieser *Wille zur Macht seitens der moralischen Werte*, -der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt -hat? - -*Antwort*: -- *drei Mächte sind hinter ihm versteckt*: - -1. der Instinkt der *Herde* gegen die Starken und Unabhängigen; 2. -der Instinkt der *Leidenden* und Schlechtweggekommenen gegen die -Glücklichen; 3. der Instinkt der *Mittelmäßigen* gegen die Ausnahmen. --- *Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung*, wieviel Grausamkeit, -Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die -Geschichte vom *Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens* ist -selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist....). - - -85. - -Die ganze Moral Europas hat den *Nutzen der Herde* auf dem Grunde: -die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß -alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung -und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die *Stärken* des jetzigen -Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die -Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, -- -heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.) - -*Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher -wird sie in die Acht getan.* - - -86. - -Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt -sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher -usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist -auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in -ihr. - -Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns -einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große, -neue Mensch hervorbringt), sind *unsere* persönlichen Sicherheits-, -Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur -und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens -maskiert sich mit schönen Worten -- so entsteht „Moral“. -- Man -beobachte aber den *Haß der Herde* gegen den Wahrhaftigen. -- - - -87. - -*Tendenz der Moralentwicklung.* -- Jeder wünscht, daß keine andere -Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen, -bei der er selbst gut wegkommt. *Grundtendenz* folglich *der Schwachen -und Mittelmäßigen* aller Zeiten, *die Stärkeren schwächer zu machen, -herunterzuziehen*: *Hauptmittel das moralische Urteil*. Das Verhalten -des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren -Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen. - -Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen -die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken -- eine seiner -feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen, -Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen -Mittel der Macht von sich weisen -- - - -88. - -Der heuchlerische Anschein, mit dem alle *bürgerlichen Ordnungen* -übertüncht sind, wie als ob sie *Ausgeburten der Moralität* wären --- zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die -Familie; die Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die -*mittelmäßigste* Art Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen -Ausnahmen und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn -hier viel gelogen wird. - - -89. - -Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den -moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so -gehört man zur *Herde*. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in -seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine -Abirrung, so gehört man nicht zur Herde. - - -90. - -Die drei *Behauptungen*: - -Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“); - -das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen); - -das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der -„Mittleren“). - -In der *Geschichte der Moral* drückt sich also ein *Wille zur Macht* -aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen -und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die -*ihnen* günstigsten Werturteile durchzusetzen. - -Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus -höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt *auf Unkosten*: -der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen -und *schönen* Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in -irgendeinem Sinne. - -Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, -es zu einem *höheren Typus* zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen -gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ -empfunden werden), -- Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten -Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), -- -Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in -ihnen der Konflikt *bewußt* wird. - - -91. - -„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark -genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker. - -„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ -- sagt man im Russischen. - - -92. - -Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen? den -*guten Menschen*? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der Sklave -der Zukunft. - - -93. - -*Die Metamorphosen der Sklaverei*; ihre Verkleidung unter religiöse -Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral. - - -94. - -Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein -*Ideal*“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind -- nun? Die „Egoisten“.) - -Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa -(Pascal, Larochefoucauld), -- die innere Schwächung, Entmutigung, -Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, -- - -die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften -als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die -Werkzeugnatur), -- - -das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale: - --- die Unlust also: -- also *Verdüsterung* der Welt der -Stärkergeratenen! - --- das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen: -auch seine Ängstlichkeit. - --- Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen -Handlung außer Spiel! - - -95. - -Der *ideale Sklave* (der „gute Mensch“). -- Wer *sich* nicht als -„Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen -kann, der gibt der Moral der *Entselbstung* die Ehre -- instinktiv. -Zu ihr überredet ihn alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine -Eitelkeit. Und auch der Glaube ist eine Entselbstung. - -*Atavismus*: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu können. - -Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele -*Verhinderungen der souveränen Gesinnung*, der großen *Erfindsamkeit*, -der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-seins. - -Es handelt sich nicht um ein *Vorangehen* (-- damit ist man bestenfalls -Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein -*Für-sich-gehen-können*, um ein *Anders-sein-können*. - - -96. - -Die *gelobten* Zustände und Begierden: -- friedlich, billig, mäßig, -bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, -gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich, -gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, -uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam -- - -Zu unterscheiden: inwiefern *solche Eigenschaften* bedingt sind als -*Mittel* zu einem bestimmten Willen und *Zweck* (oft einem „*bösen*“ -Zweck); oder als natürliche *Folgen* eines dominierenden Affektes (zum -Beispiel *Geistigkeit*): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als -*Existenzbedingung* (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.). - -~Summa~: sie sind allesamt *nicht um ihrer selber willen als „gut“ -empfunden*, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“, -„Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren -Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen -*Herdeninstinktes* im einzelnen: somit im Dienste eines *Instinktes*, -*der grundverschieden* von diesen *Tugendzuständen* ist. Denn die Herde -ist nach außen hin *feindselig*, *selbstsüchtig*, *unbarmherzig*, -voller Herrschsucht, Mißtrauen usw. - -Im „*Hirten*“ kommt der *Antagonismus heraus*: er muß die -*entgegengesetzten* Eigenschaften der Herde haben. - -Todfeindschaft der Herde gegen die *Rangordnung*: ihr Instinkt -zugunsten der *Gleichmacher* (Christus). Gegen die *starken Einzelnen* -(~les souverains~) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, -frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, -neidisch, rachsüchtig. - - -97. - -*Zur Kritik der Herdentugenden.* -- Die ~inertia~ tätig 1. im -Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig -macht; -- 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und -Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, -hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als *Wert*verschiedenheit -auszudeuten: so daß das Verhältnis *nicht mehr revoltiert*; -- 3. im -Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das -Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr -anstrengend); -- 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, -gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl *anzunehmen*, ist eine -Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten, -welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig -betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); -- 5. in der Unparteilichkeit und -Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt -sich lieber abseits, „objektiv“; -- 6. in der Rechtschaffenheit: man -gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen -befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen -- : lieber sich unterwerfen -als reagieren; -- 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des -Rechts, des Richtens. - - -98. - -Moral der *Wahrhaftigkeit* in der Herde. „Du sollst erkennbar sein, -dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, -- sonst -bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu -verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, -Unerkennbaren. -- *Folglich* mußt du dich selber für erkennbar halten; -du darfst dir nicht *verborgen* sein, du darfst *nicht* an deinen -*Wechsel* glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt -die *Erkennbarkeit* und die *Beharrlichkeit* der Person voraus. -Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem -*bestimmten Glauben* über das Wesen des Menschen zu bringen: sie *macht -erst diesen Glauben* und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“. - - -99. - -Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, engen, -bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das -heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein -Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun. - --- Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral -unserm Geiste angezüchtet haben! - - -100. - -Maßstab, *wonach* der Wert der moralischen Wertschätzungen zu bestimmen -ist. - -Die *übersehene* Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem -„Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch. - -~Homo natura.~ Der „Wille zur Macht“. - - -101. - -Die Moralwerte als *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*. - - -102. - -Alle Tugenden physiologische *Zustände*: namentlich die organischen -Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind -eigentlich verfeinerte *Leidenschaften* und erhöhte Zustände. - -Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des -Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes. -Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung -des Ähnlichen und Gleichmächtigen. - - -103. - -Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte -Perspektive: *Erhaltung* des Individuums, einer Gemeinde, einer -Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. -- -Vermöge des *Vergessens*, daß es nur ein perspektivisches Schätzen -gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und *folglich -von widersprechenden Antrieben* in einem Menschen. Das ist der -*Ausdruck der Erkrankung am Menschen*, im Gegensatz zum Tiere, wo alle -vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen. - -Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große -Methode der *Erkenntnis*: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt -sich *zur Gerechtigkeit* -- zum Begreifen *jenseits des Gut- und -Böseschätzens*. - -Der weiseste Mensch wäre *der reichste an Widersprüchen*, der gleichsam -Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen -Augenblicke *grandiosen Zusammenklangs* -- der hohe *Zufall* auch in -uns! Eine Art planetarischer Bewegung -- - - -104. - -*Welche Werte bisher obenauf waren.* - -Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei -den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre -Welt“ geben. - -Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich -Moral? Der Instinkt der ~décadence~, es sind die Erschöpften und -Enterbten, die auf diese Weise *Rache nehmen* und die *Herren* -machen.... - -Historischer Nachweis: die Philosophen immer ~décadents~, immer im -Dienst der nihilistischen Religionen. - -Der Instinkt der ~décadence~, der als Wille zur Macht auftritt. -Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel. - -Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall -des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der -*Unmoralität*. - - -*Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.* - -1. Wie war das eigentlich *möglich*? Frage: warum unterlag das Leben, -die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine -Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?.... - -Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion. -Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die *Kunst*. - -2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die -Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, *wer* der Stärkere ist.... - -*Gesamtaspekt der Geschichte*: Ist der Mensch damit eine *Ausnahme* in -der Geschichte des Lebens? -- Einsprache gegen den *Darwinismus*. Die -Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind -„Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“.... - -3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, -in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer -*Wissenschaft*. - -Die *Niedergangsinstinkte* sind Herr über die *Aufgangsinstinkte* -geworden.... Der *Wille zum Nichts* ist Herr geworden über den *Willen -zum Leben*! - --- Ist das *wahr*? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des -Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? -- ist -es vielleicht nur ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine -Tempoverzögerung? eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres? - --- Gesetzt, die *Starken* wären Herr, in allem, und auch in den -Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über -Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine *Selbstverachtung der -Schwachen* wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich -auszulöschen.... Und wäre dies vielleicht *wünschenswert*? -- und -möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, -ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, *Biegsamkeit* fehlte?.... - - * * * * * - -Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (*im Spezialfall*: -*wir hatten ein Prinzip*, dem einen recht zu geben, der bisher -unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben die -„wahre Welt“ als eine „*erlogene Welt*“ und die Moral als eine *Form -der Unmoralität* erkannt. Wir sagen *nicht*: „der Stärkere hat unrecht“. - -Wir haben begriffen, *was* bisher den obersten Wert bestimmt hat und -*warum* es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung -- : es war -numerisch *stärker*. - -Reinigen wir jetzt die *gegnerische Wertung* von der Infektion und -Halbheit, von der *Entartung*, in der sie uns allen bekannt ist. - -Wiederherstellung der Natur: moralinfrei. - - -105. - -Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der -sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende ~décadence~ -wehrt, -- und eine andere Moral, mit der eben diese ~décadence~ sich -formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt. - -Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (-- der -*Stoizismus* selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist -schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und -„schönen Gefühle“ für sich (-- das erste *Christentum* war eine solche -Moral). - - -106. - -Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die -letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von -den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die -„*Verbesserung*“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, -wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen -hinausgehoben wären, *warum* gerade „verbessern“? Inwiefern ist es -*wünschbar*, daß der Mensch *tugendhafter* wird? oder *klüger*? oder -*glücklicher*? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen -überhaupt *kennt*, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn -man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere -nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich -verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? ~Dubito~; -ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen. -Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich -bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie -andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung -als notwendiges Mittel? Und wenn die *höchste Einsicht* das Ziel wäre, -müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und -die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur -Einsicht wählen?.. Und will man *Glück*, nun, so muß man vielleicht zu -den „Armen des Geistes“ sich gesellen. - - -107. - -Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche *Umdrehungen* bereits -das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male -schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf -eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit -der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: -es gab einen Herden-Gewissensbiß. - - -108. - -*Die Vorherrschaft der moralischen Werte.* -- Folgen dieser -Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis -überall, das an ihr hängt. Was *bedeutet* diese Vorherrschaft? Worauf -weist sie hin? -- - -Auf eine gewisse *größere Dringlichkeit* eines bestimmten Ja und Nein -auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten *Imperative* darauf verwendet, -um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am -längsten kommandiert worden: -- sie *scheinen* instinktiv, wie innere -Kommandos. Es drücken sich *Erhaltungsbedingungen der Sozietät* darin -aus, daß die moralischen Werte als *undiskutierbar* empfunden werden. -Die Praxis: das will heißen, die *Nützlichkeit*, untereinander sich -über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion -erlangt. Wir sehen *alle Mittel angewendet*, wodurch das Nachdenken -und die Kritik auf diesem Gebiete *lahm*gelegt wird: -- welche Attitüde -nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch -ablehnen, hier zu „forschen“ -- - - -109. - -Was ist das *Kriterium* der unmoralischen Handlung? 1. ihre -Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist -Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was -jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube -„ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“. -Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese -Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde -gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen -worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig -hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das -Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im ~imperium Romanum~) -nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der -Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch -geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht -mehr mit ihrer πόλις. - - -110. - -Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf -oberste Werte sind *Urteile unsrer Muskeln*. - - -111. - -Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im -*Bewußtsein* vorausging -- wie falsch ist das! -- Und man hat die -Moralität danach bemessen, selbst die Kriminalität.... - -Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden -- sagen -die Utilitarier -- : sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine -Unmöglichkeit, nämlich diese zu *wissen*. - -Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen, -was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans? -Als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier -sind naiv.... Und zuletzt müssen wir erst *wissen*, was nützlich ist: -auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen -Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß. - -Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: -- hat folglich -eine Handlung überhaupt einen Wert? - -Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein, -das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer -Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (-- das hieße den -Wert der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das -sie uns macht.... das sie ihrem *Komponisten* macht....). Sichtlich -begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl -zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, -- anders gefragt: könnte -man den Wert einer Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie -ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? -- Es mag -sein, daß sich ihr *biologischer* Wert darin ausdrückt.... - -Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren -Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr -Wert ~x~, unbekannt.... - - -112. - -Es ist eine *Entnatürlichung der Moral*, daß man die Handlung -*abtrennt* vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die -„Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut -oder schlecht sind. - -*Wiederherstellung* der „*Natur*“: eine Handlung an sich ist vollkommen -leer an Wert: es kommt alles darauf an, *wer* sie tut. Ein und dasselbe -„Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das -Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, -welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum -eigenen Nutzen oder Schaden (-- oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder -Nichtverwandtschaft mit sich). - - -113. - -*Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.* -- Die -Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen -ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen -als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden -*Stolzgefühls*. - -Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß -„Wille“ sein vor diesem Zustand, -- sonst gehört er ihm nicht an. -Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben -als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl -zu setzen: -- wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen -im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen -Wirkung ausgelegt werden. -- Das ist eine bloße *Optik der -Psychologie*: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts -zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze -Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur -der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um -*sich* als Ursache glauben zu dürfen. - --- *Kommt die Gegenbewegung*: die der Moralphilosophen, immer noch -unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich -ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als *moralischer -Wert* angesetzt: folglich muß seine Moralität eine ~causa prima~ sein; -folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als -~causa prima~. -- Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch -nicht ~causa prima~ ist als Wille, so ist er unverantwortlich, -- -folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, -- die Tugend -oder das Laster wären automatisch und machinal.... - -~In summa~: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig -sein, auch böse zu werden. - - -114. - -Die *Schauspielerei* als Folge der Moral des „freien Willens“. -- Es -ist ein Schritt in der *Entwicklung des Machtgefühls* selbst, seine -hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben, --- folglich, schloß man sofort, *gewollt* zu haben.... - -(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr -gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften -Personalzustand aus. *Die persönliche Vollkommenheit als bedingt -durch Willen, als Bewußtsein*, als Vernunft mit Dialektik, ist eine -Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit -macht ja die Vollkommenheit *unmöglich*.. Form der *Schauspielerei*.) - - -115. - -*Kritik der subjektiven Wertgefühle.* -- Das *Gewissen*. Ehemals schloß -man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese Handlung -verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil -dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft -keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu -verwerfen, war *nicht* das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das -Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... Die Zustimmung des Gewissens, -das Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die -Lust eines Künstlers an seinem Werke, -- sie beweist gar nichts.... Die -Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich -bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache. -Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen messen -zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu -stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter, -sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen, -beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten -Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte -man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern -Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem -Verdacht, daß wir eine *Dummheit* machen.. sie machen uns dumm -- - - -116. - -Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von -zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft -vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen -Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert. - -Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich -meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen, -Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt -Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu -verschwistern. - - -117. - -Die großen *Verbrechen* in der *Psychologie*: - -1. Daß alle *Unlust*, alles *Unglück* mit dem Unrecht (der Schuld) -gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen); - -2. daß alle *starken Lustgefühle* (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz, -Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als -sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind; - -3. daß die *Schwächegefühle*, die innerlichsten Feigheiten, der -Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als -wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind; - -4. daß alles *Große* am Menschen umgedeutet worden ist als -Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst -am Erkennenden, selbst am Künstler die *Entpersönlichung* als die -Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist; - -5. daß die *Liebe* gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus), -während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines -Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die *ganzesten* Personen können -lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten -Liebhaber (-- man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe -zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen. -(Der Egoismus als die Ver-*Ichlichung*, der Altruismus als die -Ver-*Änderung*). - -6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften -als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos. - -*Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung*, -eine Art *Vermauerung* aus Furcht; einmal will sich die große Menge -(die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die -Stärkeren (-- und sie in der Entwicklung *zerstören*....), andrerseits -alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und -allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft. - - -118. - -Die *Überreste der Naturentwertung* durch Moral-Transzendenz: Wert der -*Entselbstung*, Kultus des Altruismus: Glaube an eine *Vergeltung* -innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ -selbst, wie als ob das eine wie das andere *Folgen der Entselbstung* -wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens; -absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur -Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (-- letzterer -so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene *Pseudorechtfertigung*, -jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist *sieht*....). - - -119. - -„*Die Moral um der Moral willen*“ -- eine wichtige Stufe in ihrer -Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser -Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum -Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder -*von sich abtrennt* und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann -zieht sie das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall. - -„*Die Kunst um der Kunst willen*“ -- das ist ein gleichgefährliches -Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, -- es -läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins *Häßliche*) -hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das -Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „*Das Schöne um des -Schönen willen*“, „*das Wahre um des Wahren willen*“, „*das Gute um -des Guten willen*“ -- das sind drei Formen des *bösen Blicks* für das -Wirkliche. - --- *Kunst*, *Erkenntnis*, *Moral* sind *Mittel*: statt die Absicht -auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem -*Gegensatz des Lebens* in Bezug gebracht, zu „*Gott*“, -- gleichsam -als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da -hindurchblickt.... - -„*Schön* und *häßlich*“, „*wahr* und *falsch*“, „*gut* und *böse*“ --- diese *Scheidungen* verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen, -nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und -dauerhaften Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der -*Krieg*, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als -Mittel der *Absonderung*, die die Isolation *verstärkt*.... - - -120. - -Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke -zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte. -Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der -Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß -Philosoph genug sein, um auch *dies* Nichts zu bewundern (-- ~Nil -admirari~ --). - - -121. - -Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die -- glücklicherweise --- ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, -ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den -Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes -Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, -Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, -die *dumme* Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas -in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch -sein: *denn* es empört.... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und -der Mensch trotzalledem, mit Kant zu reden -- --“ - - -122. - -Der *Sieg* eines moralischen Ideals wird durch dieselben -„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, -Verleumdung, Ungerechtigkeit. - - -123. - -Wer weiß, wie aller *Ruhm* entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den -Ruhm haben, den die Tugend genießt. - - -124. - -*Vom Ideal des Moralisten.* -- Dieser Traktat handelt von der großen -*Politik* der Tugend. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, welchen -daran liegen muß, zu lernen, nicht wie man tugendhaft *wird*, sondern -wie man tugendhaft *macht*, -- wie man die Tugend *zur Herrschaft -bringt*. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen -- -die Herrschaft der Tugend --, man grundsätzlich das andere nicht -wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden. -Dies Opfer ist groß: aber ein solches Ziel lohnt vielleicht solch -ein Opfer. Und selbst noch größere.... Und einige von den berühmten -Moralisten haben so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits -die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat zum -ersten Male gelehrt werden soll: daß man die *Herrschaft der Tugend* -schlechterdings *nur durch dieselben Mittel erreichen kann*, mit denen -man überhaupt eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht *durch* die -Tugend.. - -Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: er -setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein -müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein -Philosoph darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit -in der Politik ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der -Macchiavellismus, ~pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force, -dans toute son âpreté~ ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er -wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser -engeren Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das Ideal -nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. Man -entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte Dinge hat, selbst noch -an den unbefangensten und bewußtesten *Moralisten* (und das ist ja -der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer neuer -Moralgewalten) Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche -ihren Tribut gezollt haben. *Sie alle aspirierten*, zum mindesten in -ihrer Ermüdung, auch für sich selbst *zur Tugend*: erster und kapitaler -Fehler eines Moralisten, -- als welcher *Immoralist der Tat* zu sein -hat. Daß er gerade das *nicht scheinen darf*, ist eine andere Sache. -Oder vielmehr, es ist *nicht* eine andere Sache: es gehört eine solche -grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung) -mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten -Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu *seiner* Art Vollkommenheit -gelangen. Freiheit von der Moral, *auch von der Wahrheit*, um jenes -Zieles willen, das jedes Opfer aufwiegt: um der *Herrschaft der Moral* -willen, -- so lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die *Attitüde -der Tugend* nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt -erst, wo sie der Tugend *nachgeben*, wo sie die Herrschaft über die -Tugend verlieren, wo sie selbst *moralisch* werden, *wahr* werden. -Ein großer Moralist ist unter anderem notwendig auch ein großer -Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine Verstellung unversehens -Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein ~esse~ und sein ~operari~ auf -eine göttliche Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß er -~sub specie boni~ tun, -- ein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal! -Ein *göttliches* Ideal! Und in der Tat geht die Rede, daß der Moralist -damit kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen -größten Immoralisten der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger -zu bleiben versteht, was er ist, der *gute Gott*.... - - -125. - -Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit -der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur -Macht. - - -126. - -*Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt?* -- Genau mit -den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung, -Unterminierung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht -sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung. -Also: *durch lauter „Immoralitäten“*. - -Was eine *Begierde* mit sich selber macht, um zur *Tugend* zu werden? --- Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung ihrer Absichten; die -Übung im Sich-Mißverstehen; die Allianz mit bestehenden und anerkannten -Tugenden; die affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich -den Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; die -Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die *entweder* -mit ihr obenauf kommt *oder* zugrunde geht...., *unbewußt*, *naiv* -werden.... - - -127. - -*Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen.* -- In Anbetracht, -daß *Affekte* und *Grundtriebe* bei jeder Rasse und bei jedem Stande -etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (-- zum mindesten von -den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt -haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind: - -daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre -Vergangenheit auswischen: - -heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden: - -heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen, --- deutlicher, *daß sie zugrunde gehen*... - -Der Wille zu *einer* Moral erweist sich somit als die *Tyrannei* jener -Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere -Arten: es ist die Vernichtung oder die Uniformierung zugunsten der -herrschenden (sei es, um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um -von ihr ausgenutzt zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ -- angeblich -ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine *Vernichtung* einer -grundverschiedenen Spezies (-- Untergrabung ihrer Werte und ihres -Glücks --). - -Worin eine *gegnerische* Rasse oder ein gegnerischer Stand seine -Stärke hat, das wird ihm als sein *Bösestes*, Schlimmstes ausgelegt: -denn damit schadet er uns (-- seine „Tugenden“ werden verleumdet und -umgetauft). - -Es gilt als *Einwand* gegen Mensch und Volk, wenn er *uns schadet*: -aber von seinem Gesichtspunkt aus sind *wir* ihm erwünscht, weil wir -solche sind, von denen man Nutzen haben kann. - -Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz -der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter -der sich eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen -sucht: genauer, ein ganz bestimmter Instinkt, der *Herdeninstinkt*. -- -„Gleichheit der Menschen“: was sich *verbirgt* unter der Tendenz, immer -mehr Menschen als Menschen *gleich zu setzen*. - -*Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral.* -(Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu -Protektoren der Tugend zu machen). - -Inwiefern alle Art *Geschäftsmänner* und Habsüchtige, alles, was -Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es *nötig* hat, auf gleichen -Charakter und gleichen Wertbegriff zu dringen: der *Welthandel* und -*-austausch* jeder Art erzwingt und *kauft* sich gleichsam die Tugend. - -Insgleichen der *Staat* und jede Art Herrschaft in Hinsicht auf Beamte -und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und -Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. -- Insgleichen die *Priesterschaft*. - --- Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vorteil -errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt -geübt gegen die Unmoralität -- nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem -Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Klassen -bedienen sich der *Immoralität*, wo sie ihnen nützt. - - -2. Die moralischen Ideale. - - -128. - -Zur Kritik der Ideale. - -Diese so beginnen, daß man das Wort „*Ideal*“ abschafft: Kritik der -*Wünschbarkeiten*. - - -129. - -Ein Mensch, wie er sein *soll*: das klingt uns so abgeschmackt wie: -„ein Baum, wie er sein soll“. - - -130. - -Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. -- „Es *sollte* anders -sein“, „es *soll* anders werden“: die Unzufriedenheit wäre also der -Keim der Ethik. - -Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt, wo man *nicht* das -Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung und Albernheit begreift: -denn verlangen, daß *etwas* anders ist, als es ist, heißt: verlangen, -daß *alles* anders ist, -- es enthält eine verwerfende Kritik des -Ganzen. *Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!* - -Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich Höheres, -Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres als menschliche -Kritik und Anmaßung von vornherein zur Lächerlichkeit verurteilt -erscheint. Es drückt sich darin ein Bedürfnis aus, welches verlangt, -daß unserem menschlichen Wohlbefinden die Einrichtung der Welt -entspricht; auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin -zu tun. - -Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ jenes andre -Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen nämlich darum, was ist, -ist bereits eine Konsequenz jenes Fragens „wie? ist es möglich? warum -gerade so?“ Die Verwunderung über die Nichtübereinstimmung unsrer -Wünsche und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen zu -lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes „so -sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, -- -- - - -131. - -Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. Nichts -von alledem, was überhaupt geschieht, kann an sich verwerflich sein: -*denn man dürfte es nicht weghaben wollen*: denn jegliches ist so -mit allem verbunden, daß irgend etwas ausschließen wollen alles -ausschließen heißt. Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene -Welt überhaupt.... - -Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde auch noch das -Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz einer Denkweise, -welche alles verwirft, wäre eine Praxis, die alles bejaht.... Wenn -das Werden ein großer Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig, -notwendig. -- In allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen -und Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive, ein -Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an sich redet alles, was -ist, das Ja. - - -132. - -Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre Ding auf -Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität. - -Große *Befreiung*, welche diese Einsicht bringt. Der Gegensatz ist aus -den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist *gerettet* --- -- - - -133. - -Heute, wo uns jedes „so und so *soll* der Mensch sein“ eine kleine -Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran festhalten, daß man, -trotz allem, nur das *wird*, was man *ist* (trotz allem: will sagen -Erziehung, Unterricht, Milieu, Zufälle und Unfälle), haben wir in -Dingen der Moral auf eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache -und Folge *umdrehen* gelernt, -- nichts unterscheidet uns vielleicht -gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum Beispiel -nicht mehr, „das Laster ist die *Ursache* davon, daß ein Mensch -auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen ebensowenig „durch die -Tugend gedeiht ein Mensch, sie bringt langes Leben und Glück“. Unsre -Meinung ist vielmehr, daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern -nur *Folgen* sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man ein -anständiger Mensch *ist*, das heißt, weil man als Kapitalist guter -Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren ist.... Kommt man -arm zur Welt, von Eltern her, welche in allem nur verschwendet und -nichts gesammelt haben, so ist man „unverbesserlich“, will sagen -reif für Zuchthaus und Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische -Degenereszenz nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu -denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; man ist -notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... Schlecht: das -Wort drückt hier gewisse *Unvermögen* aus, die physiologisch mit dem -Typus der Degenereszenz verbunden sind: zum Beispiel die Schwäche -des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der „Person“, die -Ohnmacht, auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich zu -„beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion eines fremden -Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist eine *Folge*.... Laster -ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, um gewisse Folgen -der physiologischen Entartung zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, -wie ihn das Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde -berechtigt sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten -als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber das ist vielleicht eine -Übertreibung. Gewiß hat der Satz überall dort ein Recht, wo gerade das -Christentum gedeiht und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden -bewiesen, ein Gebiet für Degenereszenz. - - -134. - -Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, sobald man -ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, auszuhalten, -die Umstände sich zunutze zu machen, Widersacher niederzuwerfen -versteht; sieht man dagegen auf den Menschen, sofern er *wünscht*, -ist er die absurdeste Bestie.... Es ist gleichsam, als ob er einen -Tummelplatz der Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit, -Untertänigkeit zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden -brauchte: siehe die menschlichen *Wünschbarkeiten*, seine „Ideale“. -Der *wünschende* Mensch erholt sich von dem Ewig-Wertvollen an ihm, -von seinem Tun: im Nichtigen, Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die -geistige Armut und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen -und auskunftsreichen Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam -die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren Aufwand, den er -in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben zu bestreiten hat. Hört -die Realität auf, so kommt der Traum, die Ermüdung, die Schwäche: -„das Ideal“ ist geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche.... -Die stärksten und die ohnmächtigsten Naturen werden sich gleich, wenn -dieser Zustand über sie kommt: *sie vergöttlichen* das *Aufhören* der -Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften, der Spannung, der Gegensätze, -der „*Realität*“ ~in summa~.... des Ringens um Erkenntnis, der *Mühe* -der Erkenntnis. - -„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung; „Seligkeit“: -den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“: den Idealzustand des -Herdentieres, das keinen Feind mehr haben will. Damit hat man alles, -was den Menschen erniedrigt und herunterbringt, ins *Ideal* erhoben. - - -135. - -Die Begierde *vergrößert* das, was man haben will; sie wächst selbst -durch Nichterfüllung, -- die *größten Ideen* sind die, welche die -heftigste und längste Begierde geschaffen hat. Wir legen den Dingen -*immer mehr Wert bei*, je mehr unsre Begierde nach ihnen wächst: -wenn die „moralischen Werte“ die *höchsten Werte* geworden sind, so -verrät dies, daß das moralische Ideal das *unerfüllteste* gewesen ist -(-- insofern es *galt* als *Jenseits alles Leids*, als Mittel der -*Seligkeit*). Die Menschheit hat mit immer wachsender Brunst nur -*Wolken* umarmt: sie hat endlich ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen -„Gott“ genannt.... - - -136. - -Was ist die *Falschmünzerei an der Moral*? -- Sie gibt vor, etwas zu -*wissen*, nämlich was „gut und böse“ sei. Das heißt wissen wollen, wozu -der Mensch da ist, sein Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt -wissen wollen, daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung *habe* -- - - -137. - -Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe, daß sie als -Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese sehr unklare und -willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. Vielleicht wird man sie -wieder los, bevor sie eine „fixe Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes, -diese Menschheit: sie ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden -und niedersteigenden Lebensprozessen, -- sie hat nicht eine Jugend -und darauf eine *Reife* und endlich ein Alter. Nämlich die Schichten -liegen durcheinander und übereinander -- und in einigen Jahrtausenden -kann es immer noch jüngere Typen Mensch geben, als wir sie heute -nachweisen können. Die ~décadence~ andererseits gehört zu allen -Epochen der Menschheit: überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe, -es ist ein Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und -Abfallsgebilde. - -Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils *gab es diese Frage gar -nicht*: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen Seele; das Mehr -oder Weniger in der Dauer der Menschheit kam nicht in Betracht. Die -besten Christen wünschten, daß es möglichst bald ein Ende habe; -- über -das, was dem einzelnen nottue, *gab es keinen Zweifel*.... Die Aufgabe -stellte sich jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher Zukunft -für einen Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis der Werte war fest, -unbedingt, ewig, eins mit Gott.... Das, was von diesem ewigen Typus -abwich, war sündlich, teuflisch, verurteilt.... - -Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich selber: Heil -oder Verdammnis! Das Heil der *ewigen* Seele! Extremste Form der -*Verselbstung*.... Für jede Seele gab es nur Eine Vervollkommnung; -nur Ein Ideal; nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der -*Gleichberechtigung*, angeknüpft an eine optische Vergrößerung der -eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig wichtige -Seelen, mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht.... - -Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei: und wir -haben unsere Weisheit durch ein Sieb der Verachtung geseiht. Trotzdem -bleibt unerschüttert die *optische Gewöhnung*, einen Wert des Menschen -in der Annäherung an einen *idealen Menschen* zu suchen: man hält im -Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die *Gleichberechtigung -vor dem Ideal* aufrecht. ~In summa~: *man glaubt zu wissen*, was, in -Hinsicht auf den idealen Menschen, die *letzte Wünschbarkeit* ist.... - -Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren *Verwöhnung* -durch das christliche Ideal: als welches man, bei jeder vorsichtigen -Prüfung des „idealen Typus“, sofort wieder herauszieht. Man glaubt, -*erstens*, zu wissen, daß die Annäherung an einen Typus wünschbar -ist; *zweitens*, zu wissen, welche Art dieser Typus ist; *drittens*, -daß jede Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, ein -Kraft- und Machtverlust des Menschen ist.... Zustände träumen, wo -dieser *vollkommene Mensch* die ungeheure Zahlenmajorität für sich hat: -höher haben es auch unsre Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier -nicht gebracht. -- Damit scheint ein *Ziel* in die *Entwicklung* -der Menschheit zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen -*Fortschritt zum Ideal* die einzige Form, in der eine Art *Ziel* in -der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. ~In summa~: man hat die -Ankunft des „*Reiches Gottes*“ in die Zukunft verlegt, auf die Erde, -ins Menschliche, -- aber man hat im Grunde den Glauben an das *alte* -Ideal festgehalten.... - - -138. - -*Die Herkunft des Ideals.* Untersuchung des Bodens, auf dem es wächst. - -A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt voller, -runder, *vollkommener gesehen* wird -- : das *heidnische* Ideal: darin -die Selbstbejahung vorherrschend (*man gibt ab* --). Der höchste Typus: -das *klassische* Ideal -- als Ausdruck eines Wohlgeratenseins *aller* -Hauptinstinkte. Darin wieder der höchste Stil: *der große Stil*. -Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten gefürchtete -Instinkt *wagt sich zu bekennen*. - -B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer, verdünnter -*gesehen* wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit den Rang des -Vollkommnen einnimmt, wo am meisten das Brutale, Tierisch-Direkte, -Nächste vermieden wird (-- *man rechnet ab, man wählt* --): der -„Weise“, „der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend, -physiologische Charakteristik solcher Idealisten -- : das *anämische* -Ideal. Unter Umständen kann es das Ideal solcher Naturen sein, welche -das erste, das heidnische *darstellen* (: so sieht Goethe in Spinoza -seinen „Heiligen“). - -C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder, schlechter, -ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr noch das Ideal -vermuten oder wünschen (-- *man negiert, man vernichtet* --): die -Projektion des Ideals in das Widernatürliche, Widertatsächliche, -Widerlogische; der Zustand dessen, der so urteilt (-- die „Verarmung“ -der Welt als Folge des Leidens: *man nimmt, man gibt nicht mehr* --): -das *widernatürliche Ideal*. - -(Das *christliche Ideal* ist ein *Zwischengebilde* zwischen dem zweiten -und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.) - -*Die drei Ideale*: A. Entweder eine *Verstärkung* des Lebens (-- -*heidnisch*), oder B. eine *Verdünnung* des Lebens (-- *anämisch*), -oder C. eine *Verleugnung* des Lebens (-- *widernatürlich*). Die -„Vergöttlichung“ gefühlt: in der höchsten Fülle, -- in der zartesten -Auswahl, -- in der Zerstörung und Verachtung des Lebens. - - -139. - -Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht, -der Liebe, der Rache, des Besitzes -- : die Moralisten wollen sie -auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen „reinigen“. - -Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, -- folglich -sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher -kann er nicht ein *guter* Mensch sein.... - -Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so reiße es aus“. -In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche „Unschuld vom Lande“, -der Stifter des Christentums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im -Fall der geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, -daß ein Glied fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen *entmannt* -ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn, welcher, statt -der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß -ist immer: erst der entmannte Mensch ist der gute Mensch. - -Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend -hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst -zu nehmen und zu *ökonomisieren*, will diese kurzsichtigste und -verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, *versiegen* machen. - - -140. - -Die *Intoleranz der Moral* ist ein Ausdruck von der Schwäche des -Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, er muß seine -stärksten Triebe *verneinen*, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß. -So liegen die fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut: -- -die Kraft fehlt, die hier Herr werden könnte.... - - -141. - -*Überwindung der Affekte?* -- Nein, wenn es Schwäche und Vernichtung -derselben bedeuten soll. *Sondern in Dienst nehmen*: wozu gehören -mag, sie lange zu tyrannisieren (nicht erst als einzelne, sondern als -Gemeinde, Rasse usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle -Freiheit wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig -dorthin, wo unser Bestes hin will. - - -142. - -Die ganze Auffassung vom Range der *Leidenschaften*: wie als -ob das Rechte und Normale sei, von der *Vernunft* geleitet zu -werden, -- während die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche, -Halbtierische seien, überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als -*Lustbegierden*.... - -Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur -*un*geziemenderweise und nicht notwendig und immer das ~mobile~ sei, 2. -insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Wert hat, ein -Vergnügen.... - -Die Verkennung von Leidenschaft und *Vernunft*, wie als ob letztere -ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältniszustand -verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede -Leidenschaft ihr Quantum Vernunft in sich hätte.... - - -143. - -Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, ein beständig -gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben noch heute in ~rebus -moralibus~, der „gute Mensch“ allein und nichts als der „gute Mensch“ -sei etwas Wünschbares -- und eben dahin gehe der Gang der menschlichen -Entwicklung, daß nur *er* übrig bleibe (und allein dahin *müsse* man -alle Absicht richten --). Das ist im höchsten Grade *unökonomisch* -gedacht und, wie gesagt, der Gipfel des Naiven, nichts als Ausdruck -der *Annehmlichkeit*, die der „gute Mensch“ macht (-- er erweckt keine -Furcht, er erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann). - -Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer -größere *Herrschaft des Bösen*, die wachsende Freiwerdung des Menschen -von der engen und ängstlichen Moraleinschnürung, das Wachstum der -Kraft, um die größten Naturgewalten -- die Affekte -- in Dienst nehmen -zu können. - - -144. - -Wie unter dem Druck der asketischen *Entselbstungsmoral* gerade die -Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit, -der Großmut, des Heroismus *mißverstanden* werden mußten: - -Es ist der *Reichtum an Person*, die Fülle in sich, das Überströmen -und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die -großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche -Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das -Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf -alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung *entgegengesetzten* -Gesinnungen sind vielmehr *eine* Gesinnung; und wenn man nicht fest -und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand -auszustrecken und Schutz und Stab zu sein.... - -Wie hat man diese Instinkte so *umdeuten* können, daß der Mensch als -wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein -Selbst einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische -Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich -angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat! - -Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf er sich nur -hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern -Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer -Rechtfertigung, -- sie liegt darin, daß *Gott sie befohlen hat*. --- Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen -(zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer -*Verleugnung* auf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht -kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige *Logiker* des Christentums, -*ging* so weit! man erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich -*nicht* lieben machen“ schien ihm christlich. - - -145. - -Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral *gelobt* werden, -ergeben sich mir als essentiell *gleich* mit den von ihr verleumdeten -und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille -zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht. - -Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw. - - -146. - -Der „*gute Mensch*“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. -- Für jede -starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß, -Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander. -Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist -böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene -Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt ---, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher -die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen?.... -Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten -verschneide, mit denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen -kann, Rache heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener -dualistischen Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens -(Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle -negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. -- Eine solche -Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“; sie zweifelt nicht -daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption „des Guten“ -angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen -Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die -guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für -ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig -bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig -bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das andere *sollte gar nicht -da sein*.... Was wünscht da eigentlich? -- -- - -Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen -Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese *halbseitige* -Tüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren: noch heute fehlt es nicht -an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der -„Vermenschlichung“ überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem -„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung -gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß er unter keinen -Umständen schade, schaden *wolle*. Als Weg dazu gilt: die Verschneidung -aller Möglichkeit zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des -Ressentiments, der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel. - -Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird, -geht von einer absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das -Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (*nicht* als -komplementäre Wertbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei -des Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die -letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, -- *sie verneint tatsächlich -damit das Leben*, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie -das Nein hat. Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, -zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie -denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern -Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten Wertantrieben -ein Ende gemacht wird. -- Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere -Ideologie, keinen größeren Unfug ~in psychologicis~, als diesen Willen -zum Guten: man zog den widerlichsten Typus, den *unfreien* Menschen, -groß, den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem -rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei ein göttlicher -Wandel. - -Und selbst hier noch behält das Leben recht, -- das Leben, welches das -Ja nicht vom Nein zu trennen weiß -- : was hilft es, mit allen Kräften -den Krieg für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen! -man führt doch Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der -dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit -jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen, -Feinde zu haben, Nein zu sagen, Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel -haßt die „Sünde“! -- und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch -jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse ist ihm die -Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden. -„Der Gute“ sieht sich wie umringt vom Bösen und unter dem beständigen -Ansturm des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all -seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet er, wie es -folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den Menschen für verderbt, -das Gutsein als Gnade (das heißt als menschenunmöglich) zu verstehen. -~In summa~: *er verneint das Leben*, er begreift, wie das Gute als -oberster Wert das Leben *verurteilt*.... Damit sollte seine Ideologie -von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine Krankheit -widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein *anderes* Leben!.... - - -147. - -Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich *vielfach* in -ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen Wort wie „Mitleid“ ist *gar -nichts* gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist -der andere im Verhältnis zu mir?“ -- Werturteile fortwährend tätig. - - -148. - -1. Die prinzipielle *Fälschung der Geschichte*, damit sie den *Beweis* -für die moralische Wertung abgibt: - -a) Niedergang eines Volkes und die Korruption; - -b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend; - -c) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge der moralischen -Höhe. - -2. Die prinzipielle Fälschung der *großen Menschen*, der *großen -Schaffenden*, der *großen Zeiten*: - -man will, daß der *Glaube* das Auszeichnende der Großen ist: aber die -Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmoralität“, die Erlaubnis, -sich eines Glaubens entschlagen zu können, gehört zur Größe (Cäsar, -Friedrich der Große, Napoleon; aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, -Goethe). Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des -Willens“ -- - - -149. - --- „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte -Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, und zwar im Munde -der Weisen ebenso als im Mund und Maule des Volks, gibt zu denken. -Man möchte sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen: -gibt es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit -überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im großen betrachtet, zum -Beispiel die unleugbare Milderung, Vermenschlichung, Vergutmütigung -des Europäers innerhalb des letzten Jahrtausends -- ist sie vielleicht -die Folge eines langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens, -Entbehrens, Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer „besser -gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre Moralität -- unsre moderne -zärtliche Moralität in Europa, mit der man die Moralität des Chinesen -vergleichen möge, -- der Ausdruck eines physiologischen *Rückgangs*?... -Man möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der -Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und Mächtigkeit -des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, gefährlichen, -eruptiven Charakter annimmt, bei dem die Menschlichkeit schlimm fährt; -und vielleicht hat es in jenen Fällen, wo es *anders scheinen will*, -eben nur an Mut oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe -zu treiben und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen: -„je gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender -ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ Ein -peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen soll! Gesetzt -aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes Augenblickchen vorwärts, -wie verwundert blickt man da in die Zukunft! Was würde sich dann auf -Erden teurer bezahlt machen als gerade das, was wir mit allen Kräften -fordern -- die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende -„Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger als Tugend: -denn am Ende hätte man mit ihr die Erde als Hospital: und „Jeder -jedermanns Krankenpfleger“ wäre der Weisheit letzter Schluß. Freilich: -man hätte dann auch jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber -auch so wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit, Übermut, -Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen es sich lohnte, auf -Erden zu leben! Ach! und ganz und gar keine „Taten“ mehr! Alle *großen* -Werke und Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der -Zeit nicht fortgespült wurden, -- waren sie nicht alle im tiefsten -Verstande große *Unmoralitäten*?.... - - -150. - -Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: *was* für ein ~ego~? Sondern -jeder setzt unwillkürlich das ~*ego*~ jedem ~*ego*~ gleich. Das sind -die Konsequenzen der Sklaventheorie vom ~*suffrage universel*~ und der -„Gleichheit“. - - -151. - -*Ursprung der Moralwerte.* -- Der Egoismus ist so viel wert, als der -physiologisch wert ist, der ihn hat. - -Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch (und nicht -nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit der Geburt beginnt). -Stellt er das *Aufsteigen* der Linie Mensch dar, so ist sein Wert in -der Tat außerordentlich; und die Sorge um Erhaltung und Begünstigung -seines Wachstums darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in -ihm verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein so -außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er die *absteigende* -Linie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung, so kommt ihm wenig -Wert zu: und die erste Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich -Platz, Kraft und Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem -Falle hat die Gesellschaft die *Niederhaltung des Egoismus* (-- -der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich äußert --) zur -Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne oder um ganze verkommende, -verkümmernde Volksschichten. Eine Lehre und Religion der „Liebe“, der -*Niederhaltung* der Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der -Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher Schichten vom -höchsten Werte sein, selbst mit den Augen der Herrschenden gesehen: -denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des Ressentiments, des Neides -nieder, die allzu natürlichen Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie -vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams -das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, das Kranksein, das -Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die herrschenden Klassen (oder -Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das -Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten haben. - -Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines -Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt -hier: „ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; -noch deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, -bejahenden Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren). -Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in -ein moralisches oder religiöses Urteil (-- die Vorherrschaft religiöser -oder moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur --): es -sucht sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“ -überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder -sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und -Selbstgewißheit *berechtigt* zu finden: er will lieber sich schuldig -finden, als umsonst sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom -von Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. In -andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht -in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern in der Gesellschaft: -der Sozialist, der Anarchist, der Nihilist, -- indem sie ihr Dasein -als etwas empfinden, an dem jemand *schuld* sein soll, sind sie -damit immer noch die Nächstverwandten des Christen, der auch das -Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er -jemanden gefunden hat, den er dafür *verantwortlich* machen kann. Der -Instinkt der Rache und des *Ressentiments* erscheint hier in beiden -Fällen als Mittel, es auszuhalten, als Instinkt der Selbsterhaltung: -ebenso wie die Bevorzugung der *altruistischen* Theorie und Praxis. Der -*Haß gegen den Egoismus*, sei es gegen den eignen (wie beim Christen), -sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt -als ein Werturteil unter der Vorherrschaft der Rache; andrerseits -als eine Klugheit der Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung -ihrer Gegenseitigkeits- und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie -schon angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten, -Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch -ein Instinkt der Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen. ~In summa~: -der Kultus des Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die -unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt. - -Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“, -„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck -seiner ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er -leidet: andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; -- befände er -sich besser, so würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann -anderswo sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird -von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, -- er nimmt sich selbst -nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In -beiden Fällen sind wir immer noch unter Kranken, denen es *wohltut*, zu -schreien, denen die Verleumdung eine Erleichterung ist. - - -152. - -Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht -übergriffe, -- es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch -indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr redet. - -„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer -auf Unkosten andern Lebens“ -- wer das nicht begreift, hat bei sich -auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan. - - -153. - -Von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften. - -*Egoismus* und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in -Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert -der Dinge und Tugenden *vermindert* glaubte! Dem entgegen suchte -ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben *könne* -als Egoismus, -- daß den Menschen, bei denen das ~ego~ schwach und -dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, -- daß die -Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres ~ego~ sind, -- daß Liebe -ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in -Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen genützt, geholfen wird, der -Herde; 2. enthält sie einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des -Lebens; 3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen -verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum Rechte verhelfen -gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich, -und gerade bei den wertvollsten Menschen. - - -154. - -Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt -(samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu -vernichten, sondern nur, um seiner *Tyrannei* ein Ende zu setzen und -den Platz freizubekommen für neue Ideale, für *robustere* Ideale... Die -*Fortdauer* des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten -Dingen, die es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm -und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, -- sie müssen -Gegner, starke Gegner haben, um *stark* zu werden. -- So brauchen wir -Immoralisten die *Macht* der *Moral*: unser Selbsterhaltungstrieb -will, daß unsre *Gegner* bei Kräften bleiben, -- er will nur *Herr über -sie* werden. -- - - -155. - -Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und -eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden -Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die -längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man -soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ -die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und -weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der -Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der -Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie ~virtù~ klänge, -Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen -- wie fern -sind wir noch von diesem Ideale! - -*Die Gebietsverkleinerung der Moral*: ein Zeichen ihres Fortschritts. -Überall, wo man noch nicht *kausal* zu denken vermocht hat, dachte man -*moralisch*. - - -156. - -Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor -uns: wir wollen euch die *Bescheidenheit* hübsch zu Gemüte führen: es -ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend -anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch -nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus -euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt -- wozu euch eure Umstände -zwingen --, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich -scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was -eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr -euch darin *weder loben dürfen, noch loben lassen*!.... Man ist eine -*gründlich kleine Art* Mensch, wenn man *nur* tugendhaft ist: darüber -soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht -kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, -der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während -eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend. -Aber ihr habt die *Zahl* für euch: und insofern ihr *tyrannisiert*, -wollen wir *euch* den Krieg machen.... - - -157. - -Ein *tugendhafter Mensch* ist schon deshalb eine niedrigere Spezies, -weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem -Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er -hat nicht seinen Wert ~a parte~: er kann verglichen werden, er hat -seinesgleichen, er *soll* nicht einzeln sein.... - -Rechnet die Eigenschaften des *guten* Menschen nach, weshalb tun sie -uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen, -keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre -Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen *guten Tag*. -Dieses unser *Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren* und -dem guten Menschen als *Eigenschaft*, als *Wert* zurechnen. - - -158. - -*Zur Kritik des guten Menschen.* -- Rechtschaffenheit, Würde, -Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, -gutes Gewissen, -- sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten -Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind -hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter -irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der -Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus -ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)? - -Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ~ego~ und ~alter~ -in der Beurteilung: die Frage ist, ob die *Folgen* es sind, sei es für -den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, -„Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder -ob sie an sich selbst Wert haben.... - -Anders gefragt: ist es die *Nützlichkeit*, welche die entgegengesetzten -Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (-- -Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit: -Unmenschlichkeit --)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur -die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? -- Anders gefragt: -wäre es *wünschbar*, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht -existieren? -- Das wird *jedenfalls geglaubt*.... Aber hier steckt der -Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des *Winkelegoismus*. - -Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen -der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, -- so daß die -entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam -ausstürben? - -Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der *Ästhetik*: -wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste -Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die -Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“? - -Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat -sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: -er ist nicht mehr nötig, -- und hier begreift man, daß nur die grobe -Nützlichkeit eine solche *unausstehliche Tugend* zu Ehren gebracht hat. - -Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: -Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die -bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird -- -als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen -er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche *andere -Eigenschaften* verlangt. - - -159. - -*Das Patronat der Tugend.* -- Habsucht, Herrschsucht, Faulheit, -Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: -darum steht sie so fest. - - -160. - -Man soll die *Tugend* gegen die Tugendprediger verteidigen: das -sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein -Ideal *für alle*; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des -Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, -- -ihren *aristokratischen Zauber*. Man soll insgleichen Front machen -gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen -und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität, -Großes und Seltenes zu *fordern* und seine Abwesenheit mit Ingrimm -und Menschenverachtung festzustellen! -- Es liegt zum Beispiel -auf der Hand, daß eine *Ehe* so viel wert ist als die, welche sie -schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und -Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas -anderes daraus machen. - -Die *Tugend* hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich: -sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft -verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den -Charakter, den Kopf, den Sinn, -- -- immer gemessen mit dem Maß des -Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, -gegen die *Lüge*, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit -versteckt liegt, -- sie ist das *schlimmste Laster*, gesetzt, daß man -sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die *andern* beurteilt. - --- Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu -werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade -etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend *nicht leidet*, -sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund -dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, -4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt, -den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend *für sich* ist, -6. daß sie gerade alles das tut, was sonst *verboten* ist: Tugend, -wie ich sie verstehe, ist das eigentliche ~vetitum~ innerhalb aller -Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist, -~virtù~, moralinfreie Tugend.. - - -161. - -Der *„gute Mensch“ als Tyrann*. -- Die Menschheit hat immer denselben -Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen *Maßstab* -des Lebens gemacht hat; daß sie -- statt in der höchsten Steigerung des -Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß -zu finden -- die *Mittel* zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß -aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des -Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um -ihrer selbst willen und *vergißt* sie als Mittel: so daß sie jetzt als -Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt, -*eine bestimmte Spezies Mensch* behandelt ihre Existenzbedingungen -als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“, -„Vollkommen“: sie *tyrannisiert*... Es ist eine *Form des Glaubens*, -des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen -Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens -scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie -tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, -Herr sein zu wollen -- - - -162. - --- Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß -zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit -ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, -durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei -Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine -thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen, -er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach.... - - -163. - -Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit: -wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute -noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber -in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung -und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten -Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz -mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie -sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, -zu widersprechen. Wozu *diese* reine Torheit trüben? Wozu sie mit -unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern? -Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne -ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge *hinein* (bei ihnen lebt -ja der alte Gott ~deus myops~ noch!); wir andern -- wir sehen etwas -anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, -unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit. - - -164. - -Die *Tugend* findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist -dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des -Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen -verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren -Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte. -Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an -ihr neuer Zauber sein: -- sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals -gewesen ist, ein *Laster*. - - -165. - -Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie *soll* es bleiben! - - -166. - -Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste -Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen *Reiz* erteilt, -- -sie wirkt als etwas *Verbotenes*. Sie hat unsre feinste Redlichkeit -gegen sich, sie ist eingesalzen in das „~cum grano salis~“ des -wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und -antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und -neugierig macht; -- kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles -als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu -dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine -Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die -Tugend als eine *Form der Immoralität* aufgezeigt haben, ist sie wieder -*gerechtfertigt*, -- sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht -auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles -Daseins, -- als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste, -teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und -entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, -wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife -Haartour, die hieratische Muskulatur genommen. - - -167. - -Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die -Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen -sie wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es -stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie -verfolgt und mit allen Hunden hetzt.... Dies -- habe ich getan. - - -168. - -Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche: - -a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man *Züchtung* -mit *Zähmung* verwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie -ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der -Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren -fortbauen können -- nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch -aus ihnen herauswachsend, ins *Stärkere*.... - -b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß -die Menschheit als *Ganzes* fortwüchse und stärker würde, wenn die -Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden.... Menschheit ist -ein Abstraktum: das Ziel der *Züchtung* kann auch im einzelnsten Falle -immer nur der *stärkere* Mensch sein (-- der ungezüchtete ist schwach, -vergeuderisch, unbeständig --). - - -169. - -Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat *Moral zu machen*.... -Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je -gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat, -taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten. - -Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe -nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; -ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor -furchtbaren Mitteln nicht fürchten, -- die glühendes Eisen zu handhaben -wissen. Diese schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier -aufnimmt, heißt sich „Priester“. - -Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine -Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich -selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller -Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein -wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche, *nachträgliche* -Mißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den -„Sünder“: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu -*rechtfertigen*? - -Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei *zoologische* -Begriffe an ihre Stelle setzen: *Zähmung* der Bestie und *Züchtung -einer bestimmten Art*. - -Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „*bessern*“ wollen.... -Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“ -Tieren reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen -durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch -ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist -weniger schädlich.... - - -170. - -Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als -*Rätsel*. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel. -Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für -mich das Wohl des Nächsten höheren Wert haben *soll*, als mein eigenes? -daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzen -*soll* als ich, nämlich demselben gerade *mein* Wohl überordnen soll? -Was bedeutet das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“ -betrachtet wird? - -Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem -andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, -dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen -soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl -des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf -der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, -aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine -Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also -eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer -Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will. - -Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und *diese müssen Einzelne* sein! -Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und -dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter -„Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu? - - -171. - -„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung. -Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm -und schmerzhaft“ die Grundlage? - -Aber in unzähligen Fällen *machen* wir erst eine Sache schmerzhaft, -dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen. - -Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem -Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns *gefärbt* dadurch. - -Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine -ungeheure *latente Kraft*masse dadurch in uns: aber in der -*Vergleichung* der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als -wertvoll galt, daß *viele* Gütertafeln existierten (also nichts „an -sich“ wertvoll). - -Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung -als die Aufstellung von *Existenzbedingungen* beschränkter Gruppen (und -oft irrtümlicher): zur Erhaltung. - -Bei der Betrachtung der *jetzigen* Menschen ergab sich, daß wir *sehr -verschiedene* Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft -mehr darin ist, -- die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt -dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange -nicht so schmerzhaft. -- Es wird *willkürlich*. Chaos. - -Wer schafft *das Ziel*, das über der Menschheit stehen bleibt und auch -über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral *erhalten*: aber -niemand will jetzt mehr *erhalten*, es ist nichts daran zu erhalten. -Also eine *versuchende Moral*: sich ein Ziel *geben*. - - -172. - -Inwiefern die *Selbstvernichtung der Moral* noch ein Stück ihrer -eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die -für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und -ernst genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert -haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch -Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch -nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von -unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns -die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne, -ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte -hinausgestoßen werden, -- es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer -sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir -„erhalten“ möchten. Ein verborgenes *Ja* treibt uns dazu, das stärker -ist als alle unsre Neins. Unsre *Stärke* selbst duldet uns nicht mehr -im alten, morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagen *uns* -daran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen -ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns -aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wir -*wissen* um eine neue Welt.... - - -173. - -Mein Schlußsatz ist: daß der *wirkliche* Mensch einen viel höheren Wert -darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals; -daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und -gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von -Mensch *ihre* Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit -als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte -Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen, -seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit *herabgedrückt* hat; daß die -Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten -bloßstellt, auch heute noch, wenn er *wünscht*; daß die Fähigkeit -des Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war, -um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ *Werte des Menschen* -gerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und -menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die große -*Verführung zum Nichts* war... - - -3. Philosophie und Moral. - - -174. - -Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am -meisten aufgehalten worden. - -175. - -Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente -genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die -Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners -als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht -durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur -spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt -von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller -Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „*praktische Vernunft*“ -zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, -in welchen Fällen man sich *nicht* um die Vernunft zu kümmern brauche: -nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die -„Pflicht“ redet. - - -176. - -Die Philosophen sind eingenommen *gegen* den Schein, den Wechsel, den -Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die -Unfreiheit, das Zwecklose. - -Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um -der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die -Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven -Wertbestimmungen geleitet, in denen sich *frühere* Kulturzustände -spiegeln (gefährlichere). - - -177. - -Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt -- was als -unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde --- : alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit. - -Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff -darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, -- wir sind -nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen -zu müssen.... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn -Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte -Moral zu ihr ja sagte, ja sagen *durfte*: so folgte daraus, daß wir -auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben.... Unser *Kriterium* -der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir *widerlegen* -eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als -inspiriert durch edle Gefühle beweisen. - - -178. - -Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie -glaubt, der sie verehrt, *will* eben diesen Charakter nicht anerkennen. -Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer -Verehrung war die Bemühung, aus ihnen *~a priori~-Wahrheiten* zu -machen. Fälschender Charakter der *Verehrung*.... - -Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen -*Rechtschaffenheit*: aber es *gibt* in der ganzen Geschichte der -Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, -- sondern die -„Liebe zum Guten“.... - -Der absolute *Mangel an Methode*, um den Wert dieser Werte zu prüfen; -*zweitens*: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt -zu nehmen. -- Bei den Moralwerten kamen alle *antiwissenschaftlichen* -Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft -*auszuschließen*.... - - -179. - -Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich -es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, -mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, -- und zuletzt: -ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit -kritisieren *kann*?? -- Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals -eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken -entstanden ist, -- daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man -erwägt, *was* im Grunde zu dieser Stellung *zwang*. - -Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer -- sowohl die -skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die -pessimistische -- sind *moralischen* Ursprungs. Ich sah niemanden, -der eine Kritik der *moralischen Wertgefühle* gewagt hätte: und den -spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu -kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich -bald den Rücken. -- - -Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der -moralischen Werturteile? (Es war *eine* Konsequenz seiner Theodicee!) - - -180. - -*Die drei großen Naivitäten*: - - Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....), - als Mittel zur Tugend (als ob....), - als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, -- - -insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist -- (als ob....). - - -181. - -Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft *feindlich* gesinnt: -schon Sokrates war dies -- und zwar deshalb, weil die Wissenschaft -Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen -haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ *Gewicht nehmen*. Die -Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu -Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum -Verschwenden *nicht reich genug* ist, wenn der Mensch sich ernstlich um -Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates -die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt -hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, -wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, -ist nicht zum zweiten Male erreicht worden. - - -182. - -Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen -Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln -einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer -zugunsten der *Moral*.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.) -Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho -- -Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten der *Moral*.... (Haß -auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich -der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die -Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des -wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom, -die vier Elemente (*Juxtaposition* des Seienden, um die Vielheit -und Veränderung zu erklären --). Verachtung gelehrt gegen die -*Objektivität* des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, -zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis.... - -Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos -(Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit), -3. deren Resultate (als kindisch). - -Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der *Kirche*, im -Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug -zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei -Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern -haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“. - -Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen -die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen -- : ich -glaube, man nennt das *Freiheit*.... - -Darin drückt sich die ~décadence~ aus: der Instinkt der Solidarität ist -so entartet, daß die Solidarität als *Tyrannei* empfunden wird: sie -wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und -Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, -das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den -langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen. - - -183. - -Die *Sophisten* sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die -allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, -- sie -haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu -*wissen*.... - -Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte, -welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von -menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden? -Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die -er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern -über Untergang oder Unterwerfung verhandeln? - -Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur -vollendeten Tartüffs möglich -- oder *Abseitsgestellten*, Einsiedlern, -Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die -negierten, um selber leben zu können -- - -Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der -Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie *Juden* oder ich weiß nicht -was --. Die Taktik *Grotes* zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: -er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, -- aber ihre -Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben.... - - -184. - -Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf -*moralischen* Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige -Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines -Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem -Guten stammend, führt zu allem Guten (-- also gleichsam „zurück“ ---). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer -christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen *guten* Gott -als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns -unsre Sinnesurteile *verbürgt*. Abseits von einer religiösen Sanktion -und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit -- woher sollten wir -ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar -ein Maß des Wirklichen sei, -- daß, was nicht gedacht werden kann, -nicht *ist*, -- ist ein plumpes ~non plus ultra~ einer moralistischen -Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der -Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem -Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern -es *ist*.... - - -185. - -Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man -hier die *Sicherheit eines Instinkts* zu erreichen suchte: so daß -weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins -Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch -handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder -Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine -Kombinationen unbewußt.... - -Was bedeutet nun die *Reaktion* des Sokrates, welcher die Dialektik als -Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral -sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere -gehört zu ihrer *Güte*, -- ohne Unbewußtheit *taugt sie nichts*!.... -*Scham* erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!.... - -Es bedeutet exakt die *Auflösung der griechischen Instinkte*, als man -die *Beweisbarkeit* als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in -der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese -großen „Tugendhaften“ und Wortemacher. - -~In praxi~ bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer -Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn -haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und -Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von *Sublimierung*, -*entnatürlicht* werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden -losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als -*frei gewordene* „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter -ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von -Entitäten: man *erdichtet* eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie -herkommen.... - -~In summa~: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato.... -Und nun hatte man nötig, auch den *abstrakt-vollkommenen* Menschen -hinzu zu erfinden: -- gut, gerecht, weise, Dialektiker -- kurz, die -*Vogelscheuche* des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden -losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden -Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen -*absurde* „Individuum“ an sich! die *Unnatur* höchsten Ranges.... - -Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen -entartenden *Typus des Menschen* zu schaffen, -- „*den* Guten“, „*den* -Glücklichen“, „*den* Weisen“. -- Sokrates ist ein Moment der *tiefsten -Perversität* in der Geschichte der Werte. - - -186. - -Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach -Aristoteles. *Dagegen* die Epikuräer, die sich die *sensualistische* -Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das -Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine -Kunst des *Lebens*“. - - -187. - -*Hegel*: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen -Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt -der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der -Geschichte zu beweisen. - -Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar, -wirklich. - -Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen -Reichs. - -Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen -lassen: -- wir *glauben* nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben -folglich auch keine Philosophien zu gründen, *damit* die Moral recht -behalte. Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht -*darin* seinen Reiz: -- nun, welchen hat er denn? -- - - -188. - -*Moral als höchste Abwertung.* -- *Entweder* ist unsre Welt das -Werk und der Ausdruck (der ~modus~) Gottes: dann muß sie *höchst -vollkommen* sein (Schluß Leibnizens....) -- und man zweifelte nicht, -was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen --, dann kann das Böse, das -Übel nur *scheinbar* sein (*radikaler* bei Spinoza die Begriffe Gut -*und* Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (-- -etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen -Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein; -„Freiheit“ auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen.... -zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet). - -*Oder* unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real, -sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie -nicht die *wahre* Welt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie -zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt -werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer -Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die -Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, -- daß *Offenbarung* not tue, -um die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen.... - - -189. - -Nichts ist seltener unter den Philosophen als *intellektuelle -Rechtschaffenheit*: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht -glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, -daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen -*müssen*, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über -diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen -Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von -Moralität: es gibt Fälle -- und der Fall der Philosophen gehört hierher ---, wo ein solcher Glaube einfach eine *Unmoralität* ist. - - -4. Philosophie und Wissenschaft. - - -190. - -Ich muß das *schwierigste Ideal* des *Philosophen aufstellen*. Das -Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das Herdentier im Reiche der -Erkenntnis, -- welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht -worden ist. -- - - -191. - -Aberglaube über den *Philosophen*: Verwechslung mit dem -*wissenschaftlichen* Menschen. Als ob die Werte in den Dingen -steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der -Einflüsterung gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.). -Schopenhauer in betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). -Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus -als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den -*wissenschaftlichen* Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder -meinen zu suchen, *ohne* die Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung -vor den „Facten“, eine Art Kultus. Tatsächlich *vernichten* sie die -bestehenden Wertschätzungen. - -*Erklärung* dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht -selten; er mißdeutet sich selber. Man *will* durchaus die Autorität -von sich ablehnen und in die *Umstände* setzen. -- In Deutschland -gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden -*Männlichkeit*. Lessing usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist -diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: -und der *Ruf* der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als -ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei und der *Glaube -bewiesen* werden könne. In Hegel kulminieren beide Tendenzen: im Grunde -verallgemeinert er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache -der deutschen Romantik, -- eine Art von dialektischem Fatalismus, aber -zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen -*unter* die Wirklichkeit. *Der Kritiker bereitet vor*: nicht mehr! - -Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich um -eine Bestimmung des *Wertes* handle: immer noch unter der Herrschaft -des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus. - - -192. - -Problem des *Philosophen* und des *wissenschaftlichen* Menschen. -- -Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken ~à la~ -Kant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen). -Wesentlicher: ob nicht ein ~décadence~-*Symptom* schon in der -Richtung auf solche *Allgemeinheit* gegeben ist; *Objektivität als -Willensdisgregation* (-- *so fern* bleiben *können*....). Dies setzt -eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art -Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe. - -Typus: die Loslösung von der *Heimat*; in immer weitere Kreise; der -wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative -- --; -gar dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der -*Herauslösung* aus Organisationsformen, Herausbruch. - -Problem: ob der *wissenschaftliche* Mensch eher noch ein -~décadence~-Symptom ist, als der Philosoph: -- er ist als *Ganzes* -nicht losgelöst, nur ein *Teil* von ihm ist absolut der Erkenntnis -geweiht, dressiert für eine Ecke und Optik --, er hat hier *alle* -Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit nötig, große Strenge, -Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit -der Kultur, als von deren Müdigkeit. Der ~décadence~-Gelehrte ist ein -*schlechter* Gelehrter. Während der ~décadence~-Philosoph, bisher -wenigstens, als der typische Philosoph galt. - - -193. - -Die psychologischen *Verwechslungen*: -- *das Verlangen nach Glauben* --- verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei -Carlyle). Aber ebenso ist *das Verlangen nach Unglauben* verwechselt -worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (-- ein Bedürfnis, loszukommen -von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend -welche „Gläubigen“). *Was inspiriert die Skeptiker?* Der *Haß* gegen -die Dogmatiker -- oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei -Pyrrho. - -Die *Vorteile*, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die -Vorteile des Glaubens an sie: -- *an sich* nämlich könnte ja die -Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein --. Man hat -die „Wahrheit“ auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom -Siege versprach, -- zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten. - -Die Methodik der Wahrheit ist *nicht* aus Motiven der Wahrheit gefunden -worden, sondern aus *Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens*. - -*Womit beweist* sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht --- mit der Nützlichkeit, -- mit der Unentbehrlichkeit, -- *kurz, -mit Vorteilen* (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit -beschaffen sein *sollte*, um von uns anerkannt zu werden). Aber das -ist ein *Vorurteil*: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um *Wahrheit* -handelt.... - -Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts? -bei den *Naturalisten*? -- Kritik der „Objektivität“. - -*Warum* erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... Was man wollte, -war immer der Glaube, -- und *nicht* die Wahrheit.... Der Glaube -wird durch *entgegengesetzte* Mittel geschaffen als die Methodik der -Forschung -- : *er schließt letztere selbst aus* -- - - -194. - -*Das Problem des Sokrates.* -- Die beiden Gegensätze: die *tragische* -Gesinnung, die *sokratische* Gesinnung, -- gemessen an dem Gesetz des -Lebens. - -Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der ~décadence~ ist: -inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus, -in der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen -Menschen sich zeigt (-- die Gesundheit des *Plebejers*; dessen Bosheit, -~esprit frondeur~, dessen Scharfsinn, dessen *Kanaille ~au fond~*, im -Zaum gehalten durch die *Klugheit*; „häßlich“). - -*Verhäßlichung*: Die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die -Klugheit als *Tyrann* gegen den „Tyrannen“ (den Instinkt). Es ist alles -übertrieben, exzentrisch, Karikatur an Sokrates, ein ~buffo~ mit den -Instinkten Voltaires im Leibe. Er entdeckt eine neue Art *Agon*; er ist -der erste Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt -nichts als die *höchste Klugheit*: er nennt sie „Tugend“ (-- er erriet -sie als *Rettung*: es stand ihm nicht frei, *klug* zu sein, er war es -*~de rigueur~*); sich in Gewalt haben, um mit Gründen und *nicht* mit -Affekten in den Kampf zu treten (-- die *List* des Spinoza, -- das -Aufdröseln der Affektirrtümer); -- entdecken, daß der Affekt unlogisch -prozediert; Übung in der Selbstverspottung, um das *Rankünegefühl* in -der Wurzel zu schädigen. - -Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen -Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung -von Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre -hat *er bezaubert*: die antike Philosophie kam nicht wieder davon -los.... - -Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft: -Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische -Halluzinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben, -widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt -es, daß Sokrates *Moral-Monoman* ist? -- Alle „praktische“ Philosophie -tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als -Hauptinteressen sind Notstandszeichen. - - -195. - --- Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe wider die -*Wildheit der Triebe*. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend -sein: sonst hat es keinen Sinn, die *Klugheit* bis zu dieser Tyrannei -auszubilden. Aus der Klugheit *einen Tyrannen machen*: -- aber *dazu* -müssen die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. -- Es war sehr -zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = Glück. - -*Lösung*: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen -Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt -weit vom Exzeß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, -- alles -~décadence~-Menschen. Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille -zur Macht, zur Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und -Anarchie der Instinkte bei Sokrates ist ein *~décadence~-Symptom*. Die -Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen. Beide -sind Abnormitäten, beide gehören zueinander. - -*Kritik.* Die ~décadence~ verrät sich in dieser Präokkupation des -„Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das heißt, *seinen Zustand* -als *Gefahr* empfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für „Glück“ -zeigt die Pathologie des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse. -Vernünftig sein *oder* zugrunde gehen war die *Alternative*, vor der -sie alle standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt, -daß sie sich *in Gefahr* fühlten.... - - -196. - -Die eigentlichen *Philosophen der Griechen* sind die vor Sokrates -(-- mit Sokrates verändert sich etwas). Das sind alles vornehme -Personnagen, abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereist, ernst -bis zur Düsterkeit, mit langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der -Diplomatie nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen -der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie bringen sich in -System. Nichts gibt einen höheren Begriff vom griechischen Geist, -als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen, als diese ungewollte -Vollständigkeit in der Aufstellung der großen Möglichkeiten des -philosophischen Ideals. -- Ich sehe nur noch eine originale Figur -in dem Kommenden: einen Spätling, aber notwendig den letzten, -- -den Nihilisten *Pyrrho*: -- er hat den Instinkt *gegen* alles das, -was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den -Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift über Protagoras zu -Demokrit zurück....) - -Die *weise* Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig. -Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was alle -glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch alles, was -*bläht*.... Einfach: unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild. -ἀπάθεια, mehr noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem -Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest -des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an -die Wichtigkeit aller Dinge. Er hat *Alexander* gesehen, er hat die -*indischen Büßer* gesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt -alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch. -Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal). Sie empfinden -andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt mit jedermann, ein -wenig Wärme: sie haben *Wärme* nötig, diese Müden.... Den Widerspruch -überwinden; kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: die -*griechischen* Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner Schwester -zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden, daß sie nicht -mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armut und Lumpen geben; die -niedrigsten Verrichtungen tun: auf den Markt gehen und Milchschweine -verkaufen.... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden, -die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: letzte -Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit. - -Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen ~décadence~: -verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alle *schauspielerischen* -Tugenden -- beides zusammen hieß damals Philosophie --; absichtlich -das, was sie lieben, niedrig achtend; die gewöhnlichen, selbst -verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand darstellend, wo man -weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur -naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter, -nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große -*Identitätslehre* (*Glück* = *Tugend* = *Erkenntnis*). Das rechte Leben -fördert man nicht durch Wissenschaft: Weisheit macht nicht „weise“.... -Das rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück.... - - -197. - -*Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.* -- Bei den -griechischen Philosophen sehe ich einen *Niedergang der Instinkte*: -sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den *bewußten* -Zustand als den *wertvolleren* anzusetzen. Die *Intensität des -Bewußtseins* steht im *umgekehrten* Verhältnis zur Leichtigkeit -und Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die -*umgekehrte Meinung* über den Instinkt: was immer das Zeichen -*geschwächter* Instinkte ist. - -Wir müssen in der Tat das *vollkommene Leben* dort suchen, wo es am -wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe, -seine Mittel und Absichten, seine *Nützlichkeit* sich vorführt). Die -Rückkehr zur Tatsache des ~bon sens~, des ~bon homme~, der „kleinen -Leute“ aller Art. *Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit* seit -Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst -einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einer -*räsonnierenden Tugend* ist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit -einem solchen Verlangen kompromittiert. - - -198. - -Tartüfferie der *Wissenschaftlichkeit*. -- Man muß nicht -Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist, -wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die -Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu affektieren, welche -im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf -die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von -Deduktion und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner -„Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches -Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. -- Man soll die *Tatsache*, wie -uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die -tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von -dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals ~Pensées~ -haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der -Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung. - -Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit: - -1. in bezug auf die *Darlegung*, wenn sie nicht der *Genesis* der -Gedanken entspricht; - -2. in den Ansprüchen auf *Methoden*, welche vielleicht zu einer -bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind; - -3. in den Ansprüchen auf *Objektivität*, auf kalte Unpersönlichkeit, -wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und -unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von -Eitelkeit, zum Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, -hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt -zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte. - - -199. - -Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral -gleichsam einmagaziniert worden ist -- also die Feinheit, die Vorsicht, -die Tapferkeit, die Billigkeit --, so strahlt die Gesamtkraft -dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die -Rechtschaffenheit am seltensten, in die *geistige* Sphäre. In allem -Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll -etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es -gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, -- das alles ist eben Bewußtwerden.... -Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur -vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet -ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist -das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist -immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonnieren: man mache die -Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral -reden macht.... - -Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das *bewußt* verläuft, auch -einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das -Denken desselben, sofern es von seinen *Instinkten* geführt wird. - - -200. - -Der Philosoph gegen die *Rivalen*, zum Beispiel gegen die Wissenschaft: -da wird er Skeptiker; da behält er sich eine *Form der Erkenntnis* -vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er -mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, -Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als -einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, -- -er weiß seine Gegner als „Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu -bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand. - -Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: -- er sucht sie dahin -zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu -erscheinen. ~In summa~: soweit er *kämpft*, kämpft er ganz wie ein -Priester, wie eine Priesterschaft. - - -5. Freie Philosophie. - - -201. - -Man sucht das Bild der Welt in *der* Philosophie, bei der es uns am -freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich -frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen! - - -202. - -*Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung -des Edelsten* und am Anblick, wie er schrittweise ins Verderben gerät: -als Lust am *Kommenden, Zukünftigen*, welches triumphiert über das -*vorhandene noch so Gute*. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit -dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen). - -*Meine Neuerungen.* -- Weiterentwicklung des Pessimismus: der -Pessimismus des Intellekts; die *moralische* Kritik, Auflösung des -letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen des *Verfalls*: umschleiert -durch Wahn jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und -dadurch stark. - -1. Mein *Anstreben* gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der -Persönlichkeit. Ich suchte ein neues *Zentrum*. - -2. Unmöglichkeit dieses Strebens *erkannt*. - -3. *Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, -- darin fand -ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein!* -- -- -Ich erkannte, daß der Zustand der *Auflösung*, in der *einzelne* Wesen -sich vollenden *können wie nie* -- ein Abbild und *Einzelfall des -allgemeinen Daseins ist*. Gegen die lähmende Erfindung der allgemeinen -Auflösung und Unvollendung hielt ich die *ewige Wiederkunft*. - - -203. - -Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus -vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir -zum Gefühl brachte. - -Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen -Bewegung. - -Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der *großen Politik*. - -Sodann: die Griechen und ihre Entstehung. - - -204. - -Die Bedeutung der deutschen Philosophie (*Hegel*): einen *Pantheismus* -auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leid *nicht* als -Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. *Diese grandiose -Initiative* ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat -usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden -sanktioniert. - -*Schopenhauer* erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, welcher -endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten, zum -*Weltverneiner* wird. Endlich zum „Mystiker“. - -Ich selbst habe eine *ästhetische* Rechtfertigung versucht: wie ist die -Häßlichkeit der Welt möglich? -- Ich nahm den Willen zur Schönheit, -zum Verharren in *gleichen* Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- -und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als -das *ewig-Zerstören-Müssende* gebunden an den Schmerz. Das Häßliche -ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen -*neuen* Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, -welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten, -verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! -- - - -205. - -Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte -ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum -mindesten nach *meinem Bedürfnis neuer Philosophen* suchen? Dort -allein, wo eine *vornehme* Denkweise herrscht, eine solche, welche an -Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung -jeder höheren Kultur glaubt; wo eine *schöpferische* Denkweise -herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller -Sabbate“ als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen -Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, -welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige -hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“ -Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des -Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft -zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, -- an die Stelle, wo -sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach Philosophen -sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht -wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, -umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die -*umgekehrten* Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; -es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm, -jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; -es will zu dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der -größten aller Lügen -- diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ -- -auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die *gleichmachenden, -gleichstellenden* Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des -Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob -es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle -Welt jammert heute darüber, wie schlimm es *früher* die Philosophen -gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes -Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: die Wahrheit ist aber, -daß eben darin immer noch *günstigere* Bedingungen zur Erziehung -einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden -Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens. -Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist, -der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- und Ameisengeist -des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so -schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn -nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht -mehr von außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder -eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren -Tyrannen“ großziehen, ihren *Willen*. Und was von den Künstlern gilt, -gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne von den Philosophen. -Wo *sind* denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen -freien Geist! -- - - -206. - -Ich verstehe unter „*Freiheit des Geistes*“ etwas sehr Bestimmtes: -hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch -Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den -unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, -- ich -behandle die bisherigen Philosophen als *verächtliche ~libertins~* -unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“. - - -207. - -Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es -ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eine *seltene* -Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung -der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat -wenig mit Tugend zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der -wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist. --- Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff des Philosophen in -Deutschland nicht ganz und gar zugrunde gehe. Es gibt so viele halbe -Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter -einem so vornehmen Namen verstecken möchten. - - -II. *Religion.* - - -1. Entstehung. - - -208. - -All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und -eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als -Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der -Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht -- o -über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt -hat, um sich zu *verarmen* und *sich* elend zu fühlen! Das war bisher -seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich -zu verbergen wußte, daß *er* es war, der das geschaffen hat, was er -bewunderte. -- - - -209. - -Die *Moralen* und *Religionen* sind die Hauptmittel, mit denen man aus -dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man -einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über -lange Zeiträume durchsetzen kann. - - -210. - -*Vom Ursprung der Religion.* -- In derselben Weise, in der jetzt -noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache -davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, -daß er fühlt, kurz, so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse -von psychologischen Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein -sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben -Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten erklärt. -Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen, -legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer -Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und -zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der -„Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes zurück: bei ihm, -als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus, erscheinen -billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als das -*Fremde*, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und -lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung, -daß hier eine *fremde Macht* im Spiele ist; aber auch jede verwandte -Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen -Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung -von außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine -Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei -die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen -Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache -personifiziert. - -Die psychologische Logik ist die: das *Gefühl der Macht*, wenn es -plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht -- und das ist in -allen großen Affekten der Fall --, erregt ihm einen Zweifel an seiner -Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu -denken -- und so setzt er eine *stärkere* Person, eine Gottheit, für -diesen Fall an. - -~In summa~: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen -der Macht, welche, als *fremd*, den Menschen überraschen: und dem -Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum -Schlusse kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich -der naive ~homo religiosus~ in *mehrere Personen* auseinander. Die -Religion ist ein Fall der „~altération de la personnalité~“. Eine Art -*Furcht-* und *Schreckgefühl* vor sich selbst.... Aber ebenso ein -außerordentliches *Glücks-* und *Höhengefühl*... Unter Kranken genügt -das *Gesundheitsgefühl*, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben. - - -211. - -*Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen*: -- Alle -Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (-- -der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört -ein Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle -Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat. - -Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl, -*nicht* die Ursache zu sein, *unverantwortlich* dafür zu sein -- : sie -kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber -- : -der unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, -ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf eines *fremden* Willens. - -Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente -nicht gewagt, *sich* zuzurechnen, -- er hat sie als „passiv“, als -„erlitten“, als Überwältigungen konzipiert -- : die Religion ist eine -Ausgeburt eines *Zweifels* an der Einheit der Person, eine ~altération~ -der Persönlichkeit -- : insofern alles Große und Starke vom Menschen als -*übermenschlich*, als *fremd* konzipiert wurde, verkleinerte sich der -Mensch, -- er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache -und eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander, -hieß die erste „Mensch“, die zweite „Gott“. - -Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der *moralischen -Idiosynkrasie* seine hohen und sublimen Moralzustände nicht als -„gewollt“, als „Werk“ der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine -Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und -eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander -- - -Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme -Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur -durch eine Gnade geschenkt.... - - -212. - -Zur Psychologie des *Paulus*. -- Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies -bleibt *auszulegen*.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der -Auslegung gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen: -eines Tages steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es -*könnte* dieser Tod das und das bedeuten“ -- und sofort *ist* er das! -Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen *Schwung*, welchen sie -ihrem Urheber gibt.... - -„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seine -*Wirkung* bewiesen, -- („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt); -was begeistert, muß *wahr* sein, -- wofür man sein Blut läßt, muß -*wahr* sein -- - -Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem -Urheber erregt, diesem Gedanken als *Wert* zugerechnet: -- und da man -einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als -wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre -bekommt, er sei *wahr*.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von -einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie -nicht wirken.... Er wird als *inspiriert* aufgefaßt: die Wirkung, die -er ausübt, hat etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses -- - -Ein Gedanke, dem ein solcher ~décadent~ nicht Widerstand zu leisten -vermag, dem er vollends verfällt, ist *als wahr* „bewiesen“!!! - -Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein -Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute -ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine -Wahrheit prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins.... - - -213. - -Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche -der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände, -mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und -starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer *Vorfahren* -ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir wachsen in -unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln. - -Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl -auszugleichen. -- Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich -stolz, gewürdigt und *auserwählt* zu sein zu solchem Verkehre, -- sie -legen Wert darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, -bloße Mundstücke zu sein (Homer). - -Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen, -Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man -sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht -verantwortlich wußte, sondern -- Gott. Die Unfreiheit des Willens galt -als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein -Gott zu ihrem Urheber gemacht.... - - -214. - -Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der *physiologischen -Erschöpfung*, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, -Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als -die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte -hier eine *höhere* Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den -Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für -das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der -physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen -disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der -Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben *muß*.... Man glaubte in eine -höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein. --- Der *Schein* einer höheren Macht.... - - -215. - -Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder -übermäßigen Reizung.... - -Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des -Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien --- - -Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf, -psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und -längeren *Ruhenmüssens*.... ~In praxi~ ist es der Tod, der hier unter -dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt.... - - -216. - -*Kritik der heiligen Lüge.* -- Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt -ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, -- wie weit es zu -ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein. - -Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen -Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen -beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht -gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die -typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in -allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich -ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand -schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt *hörbar* wird.... - -*Wie weit* geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? -- -Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben, -welche Dogmen sie *erfinden* müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu -tun? - -Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte -Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben. - -Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß -alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint. - -Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben, -dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das -Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, -- wie billig auch die -Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen. - -Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie -aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge -Wirkungen *versprechen*, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch -strikte Befolgung ihres Gesetzes. -- Sie können insgleichen eine Menge -Dinge *verordnen*, die absolut vernünftig sind, -- nur daß sie nicht -die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, -sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“. - -Die *heilige Lüge* bezieht sich also prinzipiell: auf den *Zweck* der -Handlung (-- der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein -Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint -als Zweck --): auf die *Folge* der Handlung (-- die natürliche Folge -wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden -unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt). - -Auf diese Weise wird ein Begriff von *Gut* und *Böse* geschaffen, der -ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“, -„lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, -- er kann, insofern ein -*anderes* Leben erdacht ist, sogar direkt *feindselig* dem Naturbegriff -von Gut und Böse werden. - -Auf diese Weise wird endlich das berühmte „*Gewissen*“ geschaffen: -eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung *nicht* den Wert der -Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und -Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“. - -Die heilige Lüge hat also 1. einen *strafenden* und *belohnenden Gott* -erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie -als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; -- 2. -ein *Jenseits des Lebens*, in dem die große Strafmaschine erst wirksam -gedacht wird, -- zu diesem Zwecke die *Unsterblichkeit der Seele*; -- -3. das *Gewissen* im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und -Böse feststeht, -- daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität -mit der priesterlichen Vorschrift anrät; -- 4. die *Moral* als -*Leugnung* alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens -auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die -Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt, -als ~creator~ von allem Wechsel; -- 5. die *Wahrheit* als gegeben, -als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als -Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben. - -~In summa~: womit ist die moralische *Besserung* bezahlt? -- Aushängung -der *Vernunft*, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe -und Lohn); *Abhängigkeit* von einer priesterlichen Vormundschaft, von -einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen -Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein -falsches *Wissen* an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie -als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, -- -eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; -- -~in summa~: die ärgste *Verstümmelung* des Menschen, die man sich -vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“. - -~In praxi~ ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit, -Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons -ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße *Mechanik* reduziert: die -Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, --- *das Leben hat keine Probleme mehr*; -- die ganze Weltkonzeption -ist beschmutzt mit der *Strafidee*; -- das Leben selbst ist, mit -Hinsicht darauf, das *priesterliche* Leben als das ~non plus ultra~ der -Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des -Lebens umgedacht; -- der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, -eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; -- die Wahrheit -ist umgedacht als die *priesterliche Lüge*, das Streben nach Wahrheit -als *Studium der Schrift*, als Mittel, *Theolog zu werden*.... - - -217. - -Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, -dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es -von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür -haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, -müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre -Schauspielerklugheit muß vor allem *das gute Gewissen* bei ihnen -erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann. - - -218. - -Der Priester will durchsetzen, daß er als *höchster Typus* des Menschen -gilt, daß er herrscht, -- auch noch über die, welche die *Macht* in den -Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar --, daß er die -*stärkste Macht* in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu -unterschätzen. - -*Mittel*: er allein ist der *Wissende*; er allein ist der -*Tugendhafte*; er allein hat die höchste *Herrschaft über sich*; -er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die -Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den -*andern*; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider -einen Priester gerichtet. - -*Mittel*: die *Wahrheit* existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu -erlangen, Priester werden. Alles, was *gut* ist, in der Ordnung, in der -Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück. -Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung -der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle des *Guten*, als den -Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist *rang*verschieden -von der des Priesters, zum Beispiel die des *Kriegers*. - -*Konsequenz*: wenn der Priester der *höchste* Typus sein soll, so muß -die *Gradation* zu seinen *Tugenden* die Wertgradation der Menschen -ausmachen. Das *Studium*, die *Entsinnlichung*, das *Nichtaktive*, -das *Impassible*, *Affektlose*, das *Feierliche*; -- Gegensatz: die -*tiefste* Gattung Mensch. - -Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als *höchster -Typus* empfunden zu werden. Er konzipiert einen *Gegensatz*typus: den -Tschandala. *Diesen* mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die -*Folie* ab für die Kastenordnung. -- Die extreme Angst des Priesters -vor der *Sinnlichkeit* ist zugleich bedingt durch die *Einsicht*, -daß hier die *Kastenordnung* (das heißt die *Ordnung* überhaupt) am -schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in ~puncto puncti~ -wirft die Ehegesetzgebung *über den Haufen* -- - - -219. - -*Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.* -- Das ganze Buch ruht auf -der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses -ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die -*Interessiertheit* jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder -nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern -- -woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern -genommen? - -Wir finden eine Art Mensch, die *priesterliche*, die sich als Norm, -als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus -nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, -sie *will* sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der -*Wille zur Macht*.... - -Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von -Begriffen, welche in der Priesterschaft ein ~non plus ultra~ von Macht -ansetzen. Die Macht durch die Lüge -- in Einsicht darüber, daß man sie -nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der -Macht, -- ein neuer Begriff der „Wahrheit“. - -Man irrt sich, wenn man hier *unbewußte* und *naive* Entwicklung -voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die -Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat -die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, -wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. -- -„Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ -- über diese -Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar. - -Wir haben das klassische Muster als spezifisch *arisch*: wir dürfen -also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich -machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man -hat das nachgemacht, überall beinahe: der *arische Einfluß* hat alle -Welt verdorben.... - - -220. - -Der *Philosoph* als Weiterentwicklung des *priesterlichen* Typus: -- -hat dessen Erbschaft im Leibe; -- ist, selbst noch als Rival, genötigt, -um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner -Zeit; -- er aspiriert zur *höchsten Autorität*. - -Was gibt *Autorität*, wenn man nicht die physische Macht in den Händen -hat (keine Heere, keine *Waffen* überhaupt....)? Wie gewinnt man -namentlich die Autorität *über die*, welche die physische Gewalt und -die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem -Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.) - -Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in -den Händen zu haben, -- *Gott* --. Es ist nichts stark genug: man hat -die Vermittlung und die Dienste der Priester *nötig*. Sie stellen sich -als unentbehrlich *dazwischen*: -- sie haben als Existenzbedingung -nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß *an ihren -Gott* geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge -zu Gott gibt. Die *zweite* Forderung allein schafft den Begriff der -„Heterodoxie“; die *erste* den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an -einen *andern* Gott glaubt --). - - -2. Christentum. - - -221. - --- Die *Kirche* ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat -- und -wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte -- - - -222. - -Man soll das Christentum als *historische Realität* nicht mit jener -einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die -*andern* Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger -gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde -und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und -„christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. -Was hat Christus *verneint*? -- Alles, was heute christlich heißt. - - -223. - -Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden *soll*, die -ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das -Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben -hat. - -Das gerade, was im *kirchlichen* Sinn das Christliche ist, ist das -*Antichristliche* von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der -Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, -Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die -vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, -Theologie. - -Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis -des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein.... - - -224. - -Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und -findet die Mittel *nicht* in der Observanz der jüdischen Kirche --; -er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu -erhalten) für nichts; er ist rein *innerlich*. -- - -Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln -im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und -Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als -„vergöttlicht“ zu fühlen -- und wie man nicht mit Buße und -Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „*es liegt nichts an -Sünde*“ ist sein Haupturteil. - -Sünde, Buße, Vergebung, -- das gehört alles nicht hierher.... das ist -ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch. - - -225. - -Das *Himmelreich* ist ein Zustand des Herzens (-- von den Kindern wird -gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ -ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht -nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher -nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das -jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist... - - -226. - -Der *Schächer am Kreuz*: -- wenn der Verbrecher selbst, der einen -schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, -ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist -es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit *ist er im -Paradiese*.... - - -227. - -Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem -göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe -Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was -er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade -*die* verewigen wollen? - -Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er -verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: -wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben! - - -228. - -Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt: -es ist alles damit verdorben. - -Insgleichen ist die *Praxis* der ersten *~ecclesia militans~*, des -Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise -als *geboten*, als *voraus* festgesetzt dargestellt.... - -Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen *Lebens* und -*Lehrens* der ersten Christen: wie als ob alles *so vorgeschrieben* -.... bloß *befolgt* wäre.... - -Nun gar die *Erfüllung* der *Weissagungen*: was ist da alles gefälscht -und zurecht gemacht worden! - - -229. - -Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den -Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode -- das sind alles -Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen -unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß. - -Das *vorbildliche Leben* besteht in der Liebe und Demut; in der -Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in -der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf -Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben -an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in -der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; -nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die -geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem -Willen zum armen und dienenden Leben. - -Nachdem die Kirche die *ganze christliche Praxis* sich hatte nehmen -lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches -Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den -Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den *Glauben* an -unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen -usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ -- alles -ganz unbeträchtlich und fast *ausgeschlossen* vom ersten Christentum --- kommt jetzt in den Vordergrund. - -Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und -Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die -Rangordnung usw. - - -230. - -Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten -umgesetzt: - -1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als -„Leben diesseits“ und „Leben jenseits“; - -2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der -Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“; - -3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach -hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“; - -4. die „Auferstehung --“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als -„wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann -nach dem Tode eintritt; - -5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das -Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person -der Gottheit“ -- gerade das *weggeschafft*: das Sohnverhältnis jedes -Menschen zu Gott, auch des niedrigsten; - -6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg -zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte *Praxis des -Lebens*) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare -*Abzahlung* der *Sünde* zu glauben habe, welche nicht durch den -Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist: - -Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an -sich durchaus *nicht* die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr, -wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe --- *nicht sich wehren*.... *Darin lag das Vorbild.* - - -231. - -Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu -verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine -Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er -ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre -möglich, *erstens*, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was -sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für -das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch -einen Verdacht dagegen.... Es wäre *zweitens* möglich, daß, was dem -Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden -dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche -usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße -Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die -Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs; -aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann -dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, -- am -Anfang... Man denke, mit welcher *Freiheit* Paulus das Personalproblem -Jesus behandelt, beinahe eskamotiert -- jemand, der gestorben ist, den -man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum -Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht *er* -dann dazu.... - - -232. - -Ein Religionsstifter *kann* unbedeutend sein, -- ein Streichholz, -nichts *mehr*! - - -233. - -Wie eine *Ja-sagende* arische Religion, die Ausgeburt der -*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die -Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in -der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.) - -Wie eine *Ja-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der -*herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das -alte Testament in den älteren Teilen. (Der *Muhammedanismus*, -als eine Religion für *Männer*, hat eine tiefe Verachtung für -die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer -Weibsreligion, als welche er sie fühlt --.) - -Wie eine *Nein-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der -*unterdrückten* Klasse, aussieht: das Neue Testament (-- nach -indisch-arischen Begriffen: eine *Tschandala-Religion*). - -Wie eine *Nein-sagende* arische Religion aussieht, gewachsen unter den -*herrschenden* Ständen: der Buddhismus. - -Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion *unterdrückter* -arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse -ist obenauf oder geht zugrunde. - - -234. - -*Heidnisch -- christlich*. -- *Heidnisch* ist das Jasagen zum -Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“. -*Christlich* ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl -im Natürlichen, die Widernatürlichkeit. - -„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich -mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber -zuletzt auch der *christliche* ~status~ bloß ein Naturzustand sein muß, -sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „*christlich*“ -eine zum Prinzip erhobene *Falschmünzerei der psychologischen -Interpretation*.... - - -235. - -Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der -Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als -die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum -Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der -geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das -Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art -Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der -Wiedergeburt, Unsterblichkeit. - - -236. - -*Buddha gegen den „Gekreuzigten“.* -- Innerhalb der nihilistischen -Religionen darf man immer noch die *christliche* und die -*buddhistische* scharf auseinanderhalten. Die *buddhistische* drückt -einen *schönen Abend* aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, -- es -ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was -fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe -geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist -hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine -geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (-- Herkunft aus den obersten -Kasten --.) - -Die *christliche* Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls- -und Ausschußelementen aller Art: sie drückt *nicht* den Niedergang -einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich -zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist -deshalb *nicht* national, *nicht* rassebedingt: sie wendet sich an die -Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles -Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein *Symbol*, welches den -Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im -Gegensatz auch zu aller *geistigen* Bewegung, zu aller Philosophie: sie -nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist -aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie -errät in ihnen das *Wohlgeratene*, das *Herrschaftliche*. - - -237. - -Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was -Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ -- nur insofern wird -*gewarnt* vor dem Bösen. Denn Handeln -- das hat keinen Sinn, Handeln -hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im -Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren -Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und -*deshalb* perhorreszieren sie *alle* Antriebe seitens der Affekte. Zum -Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! -- Der Hedonismus -der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten -ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr -seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des -religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das -Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind -es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus -ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen -Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber *unterhalb -aller Kultur* wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht.... -Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und -Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral -ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter -der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß *zeitweilig* -nötig hat, bloß als *Mittel*, -- nämlich, um von *allem* Handeln -loszukommen. - - -238. - -Eine *nihilistische* Religion wie das Christentum, einem -greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke -entsprungen und gemäß -- Schritt für Schritt in andre Milieus -übertragen, endlich in die jungen, *noch gar nicht gelebt habenden* -Völker eintretend -- *sehr seltsam*! Eine Schluß-, Hirten-, -Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles -erst germanisiert, barbarisiert werden! *Solchen*, die ein *Walhall* -geträumt hatten -- : die alles Glück im Kriege fanden! -- Eine -*über*nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo *noch nicht -einmal* Nationen da waren --. - - -239. - -Diese *nihilistische* Religion sucht sich die ~décadence~-*Elemente* -und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich: - -a) die Partei der *Schwachen* und *Mißratenen* (den Ausschuß der -antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....); - -b) die Partei der *Vermoralisierten* und *Antiheidnischen*; - -c) die Partei der *Politisch-Ermüdeten* und Indifferenten (blasierte -Römer....), der *Entnationalisierten*, denen eine Leere geblieben war; - -d) die Partei derer, die sich satt haben, -- die gern an einer -*unterirdischen* Verschwörung mitarbeiten -- - - -240. - -~A.~ In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, -ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll.... - -~B.~ In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, -wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem *morbiden* Charakter -ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... -sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren -- die -~décadents~ aller Art -- - -Man hat hier zwischen ~A~ und ~B~ streng zu scheiden. Im *Fall* ~A~ -ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (-- -es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um -die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im *Fall* ~B~ ist es ein Symptom -der Krankheit selbst, *vermehrt* die ~décadence~; hier wirkt es einem -*korroborierenden* System der Behandlung entgegen, hier ist es der -Krankeninstinkt *gegen* das, was ihm heilsam ist -- - - -241. - -Das *christlich-jüdische Leben*: hier überwog *nicht* das Ressentiment. -Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt -herausgetrieben haben -- sowohl die *Glut* der *Liebe*, als die des -*Hasses*. - -Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann -wird man *aggressiv*; man verdankt den Sieg des Christentums seinen -Verfolgern. - -Die *Asketik* im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer -mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, -wo es auch ohne Christentum Asketik gibt. - -Das *hypochondrische* Christentum, die Gewissenstierquälerei und --folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem -christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum -selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich -aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich -gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben *das* ist sein Wesen: -Christentum ist ein Typus der ~décadence~. - - -242. - -Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war -die kleine *jüdische Familie* der Diaspora, mit ihrer Wärme und -Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten -und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen -füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz -der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid -zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat. -*Das als Macht erkannt zu haben*, diesen *seligen* Zustand als -mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu -haben -- ist das *Genie* des Paulus: den Schatz von latenter Energie, -von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren -Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der -*Gemeindeselbsterhaltung* unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische -Propaganda -- das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das -war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art *kleiner -Leute*: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer -Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend -ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art -Mensch“). - -Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der *Liebe* her: -es ist eine *leidenschaftlichere* Seele, die hier unter der Asche -von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch -indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches -Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches -Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum -etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist -es eine *Erhöhung der Temperatur der Seele* bei jenen kälteren und -vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, -daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine -Temperaturerhöhung.... - -Es versteht sich, daß eine solche Übertragung *nicht* stattfinden -konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen -hatten die schlechten Manieren gegen sich, -- und was Stärke und -Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend -und beinahe ekelerregend (-- ich *sehe* diese schlechten Manieren, -wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und -Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um -das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas -*klassischen Geschmack* im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht -(vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht -ehrlich und gründlich etwas von ~foeda superstitio~ empfindet, etwas, -wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der -weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe --- - - -243. - -*Reaktion der kleinen Leute*: -- Das höchste Gefühl der Macht gibt die -Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern -eine Art Mensch redet. - -„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott -liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle -Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und -Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; -- aus Liebe tut man -nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend -täte. - -Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und -Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als *Summe des Lebensgefühls* -empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das -Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude -unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als -Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“. - -Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine *Alteration der -Persönlichkeit* erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man -muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, -eine fremde Rede, ein „Evangelium“, -- diese Neuheit war es, welche -ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen -- : er meinte, daß Gott -vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. -- „Gott kommt zu den -Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern -an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). *Jesus ist der Nächste*, so -wie dieser zur Gottheit, zur *Machtgefühl erregenden* Ursache umgedacht -wurde. - - -244. - -Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang -zum Glück offen steht, -- daß man nichts zu tun hat, als sich von -der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände -loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts -weiter, als die *typische Sozialistenlehre*. - -Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, -Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele -Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, -denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die -Sozialistenlehre. - -Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten -Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel -Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen -könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu -menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes -Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt -Revolutionen, sondern daß das Volk ~en mangeant~ Appetit bekommen -hat....) - - -245. - -Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche -Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die -großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, -womöglich gar als *Maß des Menschen*. - -*Bacon von Verulam* sagt: ~Infimarum virtutum apud vulgus laus est, -mediarum admiratio, supremarum sensus nullus.~ Das Christentum aber -gehört, als Religion, zum ~vulgus~; es hat für die höchste Gattung -~virtus~ keinen Sinn. - - -246. - -Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem -Apostel Paulus, daß sie den *kleinen Leuten so viel in den Kopf -gesetzt haben*, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen -Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die -wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, -sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen -Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die *tapfern*, *großmütigen*, -*verwegenen*, *exzessiven* Neigungen der starken Seele irregeleitet, -bis zur Selbstzerstörung.... - - -247. - -Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei -Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind; - -sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester --- und dann sofort den Tschandala.... - -Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des -Tschandala: der Ursprung des *Christentums*. - -Damit, daß sie den *Krieger* nur als ihren Herrn kannten, brachten -sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den *Vornehmen*, gegen den -Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die *herrschenden* Stände -- : -sie sind *Entrüstungs*pessimisten.... - -Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der -Spitze der Tschandalas, -- gegen die *vornehmen Stände*.... - -Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im -jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, -den Vornehmen -- *es strich den Priester aus* -- - -Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala, -der sich selbst erlöst.... - -Deshalb ist die *französische* Revolution die Tochter und Fortsetzerin -des *Christentums*.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die -Vornehmen, gegen die letzten Privilegien -- -- - - -248. - -*Die tiefe Verachtung*, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen -antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die -Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien -und selbstbewußten Stände gegen die, *welche sich durchdrücken* und -schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl -verbinden. - -Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich *unvornehmen* Art -Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja *allen* Wert zu haben, hat -in der Tat etwas Empörendes, -- auch heute noch. - - -249. - -Das ursprüngliche Christentum ist *Abolition des Staates*: es verbietet -den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung -und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen -Volksgenossen und Fremden; insgleichen die *Stände*ordnung. - -Das *Vorbild Christi*: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; -er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf -die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr -sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den -Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; -er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will. - -Das Christentum ist auch *Abolition der Gesellschaft*: es bevorzugt -alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und -Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, -den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht -die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die -„Korrekten“.... - - -250. - -*Zur Geschichte des Christentums.* -- Fortwährende Veränderung des -Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr -*Schwergewicht*.... Die Begünstigung der *Niederen* und *kleinen -Leute*.... Die Entwicklung der ~caritas~.... Der Typus „Christ“ nimmt -schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (*in -dessen Negation er bestand* --). Der Christ wird Bürger, Soldat, -Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, -Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er -nimmt alle *Tätigkeiten* wieder auf, die er abgeschworen hat (-- die -Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, -das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das -Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, -*von dem Christus die Loslösung predigte*... - -Die *Kirche* gehört so gut zum *Triumph* des Antichristlichen, wie -der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die -Barbarisierung des Christentums. - - -251. - -Das Christentum ist möglich als *privateste* Daseinsform; es setzt eine -enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, -- es -gehört ins Konventikel. Ein „christlicher *Staat*“, eine „christliche -Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine -christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als -Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande -gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren -Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger -Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen. - - -252. - -*Wann auch die „Herren“ Christen werden können.* -- Es liegt in dem -Instinkt einer *Gemeinschaft* (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die -Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als *an -sich wertvoll* zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, -Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, -- somit alles, was denselben im Wege -steht oder widerspricht, *herabzudrücken*. - -Es liegt insgleichen in dem Instinkt der *Herrschenden* (seien -es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die -Unterworfenen *handlich* und *ergeben* sind, zu patronisieren und -auszuzeichnen (-- Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie -möglich sein können). - -Der *Herdeninstinkt* und der *Instinkt* der *Herrschenden* kommen im -Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen *überein*, --- aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem -Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus. - -*Die Unterwerfung der Herrenrassen* unter das Christentum ist -wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine -*Herdenreligion* ist, daß es *Gehorsam* lehrt: kurz, daß man Christen -leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch -heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda. - -Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am -stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das -Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, *wobei -sie sich riskieren*, wobei aber ein ~non plus ultra~ von Machtgefühl -erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der -heroischen Instinkte ihrer Brüder: -- das Christentum erscheint da -als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine -Donquixoterie des Heroismus.... - - -253. - -Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was -sein Stifter tat und wollte. Es ist die große *antiheidnische Bewegung* -des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ -des Stifters des Christentums, aber in einer absolut *willkürlichen* -Interpretation nach dem Schema *grundverschiedener Bedürfnisse*: -übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden *unterirdischen -Religionen* -- - -Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (-- während Jesus den Frieden -und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der -Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten. - -Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; -die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme -Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische -Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das -griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der -*Römer* ebensosehr als der *Grieche*. - -Versuch des *Antiheidentums*, sich philosophisch zu begründen und -möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten -Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von -Instinkt.... Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk -von Semiten ist (-- die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als -Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität --- das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in -griechische Windeln und Begriffe gewickelt). - - -254. - -Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle -Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit -dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen -zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens -Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf -Richtertum in solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte -Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen -(Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie -keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker -*wissen*! - - -255. - -Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden -dagewesen ist: -- wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern -anfangen, die Worte „Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“, -„Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich -damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die -*Werte nach sich umzudrehen*, wie als ob *sie* der Sinn, das Salz, -das Maß und *Gewicht* vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen -Irrenhäuser bauen und nichts weiter tun. Daß man sie *verfolgte*, das -war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, -damit machte man aus ihnen einen Ernst. - -Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte -Art von Größenwahn *in der Welt war*, der *jüdische* (-- nachdem einmal -die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen, -*mußten* die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche -der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten -Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden --); andererseits dadurch, -daß die griechische Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen -*Moralfanatismus* selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten -und schmackhaft zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der -Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte, -der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff „*gut*“ -entwertet hatte, der bereits *jüdisch-angemuckert* war (-- in Ägypten?). - - -256. - -Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir -werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen! -Es ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel -bei manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem -Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei -den Höchsten -- diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht -sich, daß Demütigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht -vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten -(wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung -eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der -Gefühlseffusion -- alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt -die *Reizbarkeit* eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und -ihre Inspiration wird anders *interpretiert*. Der *Geschmack* dieser -Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige, -3. auf die extremen Gefühle. -- Die natürlichen Hänge befriedigen sich -*doch*, aber unter einer neuen Form der Interpretation, zum Beispiel -als „Rechtfertigung vor Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (-- jedes -unabweisbare *Wohlgefühl* wird interpretiert! --), der Stolz, die -Wollust usw. -- Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der -sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert? -Tatsächlich erweist sich der Christ als eine *übertreibende* Form der -Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nötig zu -haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen. - - -257. - -Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich: -unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes -Dasein, eine Strafexistenz.... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der -Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, -als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man -Heilmittel braucht -- und *hat*!.... - -Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen -Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams -hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der -natürliche Charakter des Lebens ist ein *Fluch*; Christus gibt dem, -der an ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, -müßig und unschuldig. -- Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar -zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder, -die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier -so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom *Tode* und -von der *Sünde* befreit ist -- Behauptungen, die keine Kontrolle -zulassen --, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist -frei von Sünde“ -- nicht durch sein Tun, nicht durch einen rigorosen -Kampf seinerseits, sondern durch die *Tat der Erlösung freigekauft* -- -folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch.... - -Das *wahre* Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein -Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz -und Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm *erlöst* -werden ist die Aufgabe. - -„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ -- diese -Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren. -Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (*und*, -christlich geredet, die *Erkenntnis*....) *wider* die höchste -Wünschbarkeit? -- Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“, -„Unschuld“, „Unsterblichkeit“ -- -- -- - - -258. - -Krieg gegen das *christliche Ideal*, gegen die Lehre von der -„Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie -der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten. - -Wann und wo hat je ein Mensch, *der in Betracht kommt*, jenem -christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie -sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! -- man blättere alle -Helden Plutarchs durch. - - -259. - -Der *höhere* Mensch unterscheidet sich von dem *niederen* in Hinsicht -auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist -ein Zeichen von *Rückgang*, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste -zu gelten anfangen (-- physiologische Ermüdung, Willensverarmung ---). Das Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine -typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine -volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche -Muckerheil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß. - - -260. - -Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der *Vergleichung*, wir -können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das -Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir -leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre -instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir -haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei -schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle -Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los.... - -„Alles ist gut“ -- es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn -wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im -Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi -- -- - - -261. - -Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der -Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil -der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das -heute noch. - -Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und -Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die -Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht -hat? - - -262. - -Der Humor der europäischen Kultur: man hält *das* für wahr, aber tut -*jenes*. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, -wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so -gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird! - - -263. - -*Nachzudenken*: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die -*göttliche Providenz* -- dieser für Hand und Vernunft *lähmendste* -Glaube, den es gegeben hat -- fortbesteht; inwiefern unter den Formeln -„Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem -Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend, -von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und -Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde *Vertrauen* zum Gang -der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische -*Resignation*, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht -zu tun, damit *alles* gut gehe -- dergleichen hat nur Sinn unter der -Annahme einer Leitung der Dinge ~sub specie boni~. Selbst noch der -*Fatalismus*, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, -ist eine Folge jenes *längsten* Glaubens an göttliche Fügung, eine -unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf *uns* ankomme, wie -alles geht (-- als ob wir es laufen lassen *dürften*, wie es läuft: -jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität --). - - -264. - -Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter -*Nihilismus der Tat*. -- So wie ich alle die Phänomene des -Christentums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind -reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese -Sprache der „Vernunft“ wäre in diesem Falle auch die Sprache der -*selektiven Natur*. - -Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die -zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des -*Christentums*: deutlicher, der *Kirche*: welche, statt zum Tode und -zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt -und sich selbst fortpflanzen macht -- - -Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen -kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit -wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und -übt (-- und *nicht* das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf -eine falsche Postexistenz --)? - -Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den -*Wert* einer solchen *reinigenden* großen Nihilismusbewegung, wie -sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen -Privatperson entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf -Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der *Tat des -Nihilismus*, dem Selbstmord ... Es substituierte den langsamen -Selbstmord; allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; -allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben -usw. - - -265. - -Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen -wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies -am Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade -die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich -nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden -zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum -erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein -und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von -christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns -nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden -nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen -wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung, -mit seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und -Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet -- und die Stärksten haben -müde Stunden --, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am -nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, -Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung, -Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen -Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als -ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte -Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der -stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren -und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu -für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die höchste -Wünschbarkeit abgebe. *Diese* Aufrichtung eines Ideals war bisher die -unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit -ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, -in denen der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus Mensch -einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit seinen Werten sollte -das Wachstum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden, -welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig -auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung -der Unternehmerkosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des -Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum bekämpfen? Daß -es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Mut entmutigen, ihre -schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in -Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte -giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille -zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, -- bis die Starken -an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung -zugrunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren -berühmtestes Beispiel *Pascal* abgibt. - - -266. - -Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines -der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen -geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom *persönlichen Gott*, -noch von der *Sünde*, noch von der *Unsterblichkeit*, noch von der -*Erlösung*, noch vom *Glauben*; es hat schlechterdings keine Metaphysik -nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche -„Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine *Praxis*, keine -Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben -sollen. - -Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht -um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in -Anspruch genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst -stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden -erhalten als Leiden“ -- der wäre Christ. - - -267. - -Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen -Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile -sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das -erhabenste Symbol -- immer noch. -- - - - - -Drittes Buch. - -Prinzip einer neuen Wertsetzung. - - -I. Die neue Deutung der Welt. - - -268. - -*Wahrheit ist die Art von Irrtum*, ohne welche eine bestimmte Art -von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das *Leben* -entscheidet zuletzt. - - -269. - -Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls. - - -270. - -Der Glaube „so und so *ist* es“ zu verwandeln in den Willen „so und so -*soll es werden*“. - - -271. - -Die Frage der Werte ist *fundamentaler* als die Frage der Gewißheit: -letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die -Wertfrage beantwortet ist. - -Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein „Sein an -sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur für Grade der -Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des *Anteils*, den wir einem -Schein geben. - -Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und -Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: -- *vernichtet* wird -die überwundene Vorstellung *nicht*, nur *zurückgedrängt* oder -*subordiniert*. *Es gibt im Geistigen keine Vernichtung*.... - - -272. - -Die *Wertschätzung*, „ich glaube, daß das und das so ist“ als *Wesen* -der „*Wahrheit*“. In den Wertschätzungen drücken sich *Erhaltungs-* -und *Wachstumsbedingungen* aus. Alle unsre *Erkenntnisorgane -und Sinne* sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und -Wachstumsbedingungen. Das *Vertrauen* zur Vernunft und ihren -Kategorien, zur Dialektik, also die *Wertschätzung* der Logik, beweist -nur die durch Erfahrung bewiesene *Nützlichkeit* derselben für das -Leben: *nicht* deren „Wahrheit“. - -Daß eine Menge *Glauben* da sein muß; daß *geurteilt* werden darf; daß -der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werte *fehlt*: -- das ist -Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für -wahr gehalten werden *muß*, ist notwendig, -- *nicht*, daß etwas wahr -ist. - -„Die *wahre* und die *scheinbare* Welt“ -- dieser Gegensatz wird -von mir zurückgeführt auf *Wertverhältnisse*. Wir haben *unsere* -Erhaltungsbedingungen projiziert als *Prädikate des Seins* überhaupt. -Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus -haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende, -sondern eine *seiende* ist. - - -273. - -„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig -einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen -nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der -eine älter, tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, -insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; -während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen -tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und -„widerlegt“ werden können. - -Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, -- warum sollte sie deshalb schon -„*wahr*“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche *ihre* -Grenzen als Grenzen der *Dinge* ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus -habe ich schon lange den Krieg erklärt. - - -274. - -Das *Feststellen* zwischen „wahr“ und „unwahr“, das *Feststellen* -überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen -*Setzen*, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, *Wollen*, wie es im -Wesen der *Philosophie* liegt. *Einen Sinn hineinlegen* -- diese -Aufgabe bleibt unbedingt immer noch *übrig*, gesetzt, daß *kein Sinn -darin liegt*. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen: -sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu *verschiedenen -Zielen fähig*. - -Die noch höhere Stufe ist ein *Ziel setzen* und daraufhin das -Tatsächliche einformen: also die *Ausdeutung der Tat*, und nicht bloß -die begriffliche *Umdichtung*. - - -275. - -Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein, -noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar -sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um -eine bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen -*Richtigkeit*, vor allem *Regelmäßigkeit* ihrer Wahrnehmungen (so daß -sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht.... - -Die Erkenntnis arbeitet als *Werkzeug* der Macht. So liegt es auf der -Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht.... - -Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der -Begriff streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen. -Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht, -muß sie in ihrer Konzeption der Realität so viel Berechenbares und -Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens -konstruiert werden kann. *Die Nützlichkeit der Erhaltung* -- *nicht* -irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden --- steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnisorgane...., -sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. -Anders: das *Maß* des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens -des *Willens zur Macht* der Art: eine Art ergreift so viel Realität, -*um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen*. - - -276. - -Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es -gibt nur *Tatsachen*“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt -es nicht, nur *Interpretationen*. Wir können kein Faktum „an sich“ -feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen. - -„Es ist alles *subjektiv*“, sagt ihr: aber schon das ist *Auslegung*. -Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes, -Dahintergestecktes. -- Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch -hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese. - -Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt -erkennbar: aber sie ist anders *deutbar*, sie hat keinen Sinn hinter -sich, sondern unzählige Sinne. -- „Perspektivismus“. - -Unsere Bedürfnisse sind es, *die die Welt auslegen*; unsere Triebe und -deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat -seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen -möchte. - - -277. - -Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ -- Erkenntnistheorie: wie viel -Pessimismus ist darin! - - -278. - - „Zweck und Mittel“ } als Ausdeutungen (*nicht* als - „Ursache und Wirkung“ } Tatbestand) und inwiefern - „Subjekt und Objekt“ } vielleicht *notwendige* Ausdeutungen? - „Tun und Leiden“ } (als „erhaltende“) - „Ding an sich und Erscheinung“ } -- alle im Sinne eines - } Willens zur Macht. - - -279. - -Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte, -als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt -uns, wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im -Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung. - - -280. - -Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen haben, -welche jetzt noch nicht nötig sind. - - -281. - -Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er -selbst in sie hineingesteckt hat: -- das Wiederfinden heißt sich -Wissenschaft, das Hineinstecken -- Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In -beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren -und guten Mut zu beidem haben -- die einen zum Wiederfinden, die andern --- *wir* andern! -- zum Hineinstecken! - - -282. - -„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht -lügen“ abgewiesen ist, sich *vor* einem andern Forum legitimieren: -- -als Mittel der Erhaltung von Mensch, als *Machtwille*. - -Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der *gestaltende Wille*. -Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das -Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem -Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten -- eine -Urlust! Wir können nur eine Welt *begreifen*, die wir selber *gemacht* -haben. - - -283. - -Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren -fühlen -- - - -284. - -Unsre Werte sind in die Dinge *hineininterpretiert*. - -Gibt es denn einen Sinn im An-sich!? - -Ist nicht notwendig Sinn eben *Beziehungs*sinn und Perspektive? - -Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm -auflösen). - - -285. - -Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles -Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht -Herr werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust -als Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden -Oszillationen des Ja und des Nein? -- Aber *wer* fühlt Lust?.... -Aber *wer* will Macht?.... Absurde Frage! wenn das Wesen selbst -Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf -der Gegensätze, der Widerstände, also, relativ, der *übergreifenden -Einheiten*.... - - -286. - -1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den -Willen zur Macht, -- und aus ihm abgespaltet. - -2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach -Eigentum, nach *Werkzeugen*, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern: -der Leib als Beispiel. -- Der stärkere Wille dirigiert den schwächeren. -Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille. -Mechanistisch nicht erklärt. - -3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust -anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch -stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) -- so daß es -dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. -- Wenn -die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die -Spannung des Bogens ungeheuer werden. - -4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw. - - -287. - -Der Wille zur Macht kann sich nur *an Widerständen* äußern; er sucht -also nach dem, was ihm widersteht, -- dies die ursprüngliche Tendenz -des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. -Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, -ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den -Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt -hat. -- Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das -Gebilde; und die *Zweiheit* erscheint als Folge des Willens zur Macht: -um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht -in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung -untereinander völlig aufzugeben). - -„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach -Macht geistigere Gestalt gewonnen hat. - - -288. - -Man kann das, was die Ursache dafür ist, *daß* es überhaupt Entwicklung -gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege der Forschung über Entwicklung -finden; man soll es nicht als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger -als geworden.... Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein. - - -289. - -Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die *Absicht der -Mehrung von Macht*. - - -290. - -Was ist „passiv“? -- *Gehemmt* sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung: -also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion. - -Was ist „aktiv“? -- nach Macht ausgreifend. - -„Ernährung“ -- ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: alles in sich -einschließen wollen. - -„Zeugung“ -- nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht -ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein -*Gegenwille* in Kraft, der die Loslösung vornimmt, ein neues -Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit dem ursprünglichen Willen. - -„Lust“ -- als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend). - - -291. - -Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch mit dem Begriff -„Wille“? Heißt es so viel als begehren? oder *kommandieren*? Ist es der -„Wille“, von dem Schopenhauer meint, er sei das „An sich der Dinge“? - -Mein Satz ist: daß *Wille* der bisherigen Psychologie eine -ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen *gar -nicht gibt*, daß, statt die Ausgestaltung eines *bestimmten* Willens in -viele Formen zu fassen, man den Charakter des Willens *weggestrichen* -hat, indem man den Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat -- : das -ist im höchsten Grade bei *Schopenhauer* der Fall: das ist ein bloßes -leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich noch weniger um -einen „Willen *zum Leben*“: denn das Leben ist bloß ein *Einzelfall* -des Willens zur Macht; -- es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß -alles danach strebe, in *diese* Form des Willens zur Macht überzutreten. - - -II. Der Geist -- ein Machtwille. - - -1. Wahrnehmung. - - -292. - -Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen -- : und folglich -gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich gibt es keine Wahrheit. - - -293. - -Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist die Summe -aller der Wahrnehmungen, deren *Bewußtwerden* uns und dem ganzen -organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht -alle Wahrnehmungen überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen); -das heißt: wir haben *Sinne* nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen -- -solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. *Bewußtsein -ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist.* Es ist kein Zweifel, daß -alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit *Werturteilen* -(nützlich und schädlich -- folglich angenehm oder unangenehm). Die -einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl wir es -uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben -Farbe eingestehen, zum Beispiel Gefangene im Gefängnis oder Irre). -Deshalb reagieren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige -lieben diese, andere jene, zum Beispiel Ameisen. - - -294. - -Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr -ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren -Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre -Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt *aufzuhören*, wenn wir unsre -Sinne *verfeinern*: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken -von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des *Zwecks* ist schon eine -Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um -so *wertvoller*, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller *erscheint* -die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere -Wertschätzung, -- die *Bedeutungslosigkeit naht sich*! Wir haben die -Welt, welche Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, -daß die Verehrung der Wahrheit schon die *Folge* einer *Illusion* ist --- und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende, -erdichtende Kraft zu schätzen hat. - -„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“ - -Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur -Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ ein: an sich ist -es, *ich weiß nicht was*. - - -295. - -Erst *Bilder* -- zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann -*Worte*, angewendet auf Bilder. Endlich *Begriffe*, erst möglich, -wenn es Worte gibt -- ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas -Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen -Emotion, welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher -Bilder, für die ein Wort da ist -- diese schwache Emotion ist das -Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß schwache Empfindungen -als gleich angesetzt werden, als *dieselben* empfunden werden, ist -die Grundtatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten -Empfindungen in der *Konstatierung* dieser Empfindungen; -- wer -aber konstatiert? Das *Glauben* ist das Uranfängliche schon in -jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen *erste* intellektuelle -Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären: wie ein -„Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt für eine Sensation *hinter* -„wahr“? - - -296. - -Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. Die -Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrtum vielleicht -*Bedingung* der Beobachtung überhaupt. - - -297. - -Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es -„Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe -- und keinen *Phänomenalismus* in der -*Selbstbeobachtung*. - - -298. - -„Bewußtsein“ -- inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der -vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (*das uns allein bekannte*) -ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“ auch unsre *innere* Welt! - - -299. - -*Der Phänomenalismus der „inneren Welt“.* Die *chronologische -Umdrehung*, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt als die -Wirkung. -- Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des -Leibes projiziert wird, ohne dort seinen Sitz zu haben -- : wir haben -gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch -die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß -die eigentliche Aktion der Außenwelt immer *unbewußt* verläuft..... Das -Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung, -die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren -„Ursache“.... - -In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren wir die Chronologie von -Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist, -daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist.... -Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: -- wir suchen den -Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt -zuerst der Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes -Träumen ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ursachen: -und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene -Kausalitätskette ins Bewußtsein getreten ist. - -Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu einer Erregung der -Nervenzentren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird -- und daß -erst die gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist -schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache, -- es ist ein -Tasten auf Grund der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des -Gedächtnisses. Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit der alten -Interpretationen, das heißt der irrtümlichen Ursächlichkeit, -- so -daß die „innere Erfahrung“ in sich noch die Folgen aller ehemaligen -falschen Kausalfiktionen zu tragen hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie -jeden Augenblick projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten -Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des „Dings“ -usw. - -Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst nachdem sie eine -Sprache gefunden hat, die das Individuum *versteht* -- das heißt -eine Übersetzung eines Zustandes in ihm *bekanntere* Zustände -- : -„verstehen“ das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in -der Sprache von etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde -mich schlecht“ -- ein solches Urteil setzt eine *große und späte -Neutralität des Beobachtenden* voraus -- : der naive Mensch sagt immer: -das und das macht, daß ich mich schlecht befinde, -- er wird über sein -Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu -befinden.... Das nenne ich den *Mangel an Philologie*; einen Text *als -Text* ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, -ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“, -- vielleicht eine kaum -mögliche.... - - -300. - -Das *Bewußtsein*, -- ganz äußerlich beginnend, als Koordination und -Bewußtwerden der „Eindrücke“ -- anfänglich am weitesten entfernt vom -biologischen Zentrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich -vertieft, verinnerlicht, jenem Zentrum beständig annähert. - - -301. - -Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich -miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl ging zugrunde -- -und geht zugrunde. - - -302. - -*Rolle des „Bewußtseins“.* -- Es ist wesentlich, daß man sich -über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere -*Relation mit der „Außenwelt“, welche es entwickelt hat*. Dagegen die -*Direktion*, respektive die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf -das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns *nicht* ins -Bewußtsein; ebensowenig als die geistige *Einmagazinierung*: daß es -dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art -leitendes Komitee, wo die verschiedenen *Hauptbegierden* ihre Stimme -und Macht geltend machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre -her: der *Willensakt* insgleichen: die *Ideen* insgleichen. - -*~In summa~*: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen, -die uns ganz und gar vorenthalten sind, -- die Aufeinanderfolge von -Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß -diese Folge eine kausale Folge ist: es ist aber *scheinbar so*, im -höchsten Grade. Auf diese *Scheinbarkeit* hin haben wir unsere ganze -Vorstellung von *Geist*, *Vernunft*, *Logik* usw. *gegründet* (-- das -gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und -diese wieder in die Dinge, *hinter* die Dinge projiziert! - -Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium -und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein *Mittel* der -*Mitteilbarkeit*: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht -auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“ hier verstanden auch von den -Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nötigen -Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht -die Leitung, sondern ein *Organ der Leitung*. - - -303. - -Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: „innen“ und „außen“ -- -da kommandiert der *Leib* --? - -Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma -waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere -Sinneswahrnehmungen sind bereits das *Resultat* dieser *Anähnlichung* -und *Gleichsetzung* in bezug auf *alle* Vergangenheit in uns; sie -folgen nicht sofort auf den „Eindruck“ -- - - -304. - -In betreff des *Gedächtnisses* muß man umlernen: hier steckt die -Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, welche zeitlos reproduziert, -wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß -es „kommt“, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie -beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt -werde: jetzt kommt etwas Ähnliches -- wer ruft es? weckt es? - - -305. - -Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als *Vergleichen* hat als -Voraussetzung ein „Gleich*setzen*“, noch früher ein „Gleich*machen*“. -Das Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten -Materie in die Amöbe ist. - -„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits -*gebändigt* erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein -Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv -- wer? - - -306. - -Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die *Seele*: -letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der -Agonien des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die *Wahrheit* -des *Traumes* --). - - -307. - -Ausgangspunkt vom *Leibe* und der Physiologie: warum? -- Wir gewinnen -die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekteinheit, nämlich -als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder -„Lebenskräfte“), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von -den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung -als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie -fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum -„Subjekt“ nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen -und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen -zum Leben gehört. Die gewisse *Unwissenheit*, in der der Regent -gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des -Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden -kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das *Nichtwissen*, -das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das -Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher -und seine Untertanen als *gleicher Art* verstehen, alle fühlend, -wollend, denkend -- und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen -oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares Leben -hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie -deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist. - -Das direkte Befragen des Subjekts *über* das Subjekt und alle -Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für -seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich *falsch* zu -interpretieren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugnis -der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die -Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können. - - -308. - -Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. Was aber -wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch nur reduzierbar auf -eins. - - -309. - -Ich halte die Phänomenalität auch der *inneren* Welt fest: Alles, -was uns *bewußt* wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht, -vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, -- der *wirkliche* Vorgang der -inneren „Wahrnehmung“, die *Kausalvereinigung* zwischen Gedanken, -Gefühlen, Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut -verborgen -- und vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare -*innere* Welt“ ist mit ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt, -wie die „äußere“ Welt. Wir stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust -sind späte und abgeleitete Intellektphänomene.... - -Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein -unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik tut -- -das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. *Zwischen* -zwei Gedanken spielen *noch alle möglichen Affekte* ihr Spiel: aber die -Bewegungen sind zu rasch, deshalb *verkennen* wir sie, *leugnen* wir -sie.. - -„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, kommt gar -nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch -Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller -übrigen, eine künftige Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung.... - -Der „Geist“, *etwas, das denkt*: womöglich gar „der Geist absolut, -rein, pur“ -- diese Konzeption ist eine abgeleitete zweite Folge -der falschen Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist -*erst* ein Akt imaginiert, der gar nicht vorkommt, „das Denken“, und -*zweitens* ein Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses -Denkens und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das heißt, -*sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert*. - - -310. - -Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen -die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz -zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff „*Substanz*“ ist -vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das *Bewußtsein*, in -zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu -verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen -- - -Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar -den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte erraten, die -sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns -auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden, -wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, und welche man den -Nervenstrom nennt. - -Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, so daß wir -eine *tausendfache Komplexität* noch als Einheit empfinden, so daß -wir eine Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung -und Veränderung uns unsichtbar bleibt, -- die Aufeinanderfolge von -Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben -im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer -Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein -liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung. - - -311. - -Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer -kompliziert: wir haben immer nur einen *Anschein von Einheit*. - -Das Phänomen des *Leibes* ist das reichere, deutlichere, faßbarere -Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine -letzte Bedeutung. - - -312. - -Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer -den *Geist* als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder -Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der -Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen -Faktum die *Vorstellung* als Ursache davon präzedieren? -- - -Wir werden uns hüten, die *Zweckmäßigkeit* durch den Geist zu -erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu -organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem -hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. -Im Gesamtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt das -Bewußtsein keine Rolle. - - -313. - -Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das *Bewußtsein*, im Maße -es an Helligkeit *zunimmt*, wachse im *Werte*: das hellste Bewußtsein, -das logischste, kälteste Denken sei *ersten* Ranges. Indessen -- wonach -ist dieser Wert bestimmt? -- In Hinsicht auf *Auslösung des Willens* -ist das oberflächlichste, *vereinfachteste* Denken das am meisten -nützliche, -- es könnte deshalb das -- usw. (weil es wenig Motive übrig -läßt). - -Die *Präzision* des *Handelns* steht im Antagonismus mit der -*weitblickenden* und oft ungewiß urteilenden *Vorsorglichkeit*: -letztere durch den *tieferen* Instinkt geführt. - - -314. - -*Hauptirrtum der Psychologen*: sie nehmen die undeutliche Vorstellung -als eine niedrigere *Art* der Vorstellung gegen die helle gerechnet: -aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb *dunkel wird*, -*kann* deshalb an sich vollkommen klar sein. *Das Dunkelwerden ist -Sache der Bewußtseinsperspektive.* - - -315. - -Die ungeheuren Fehlgriffe: - -1. die unsinnige *Überschätzung des Bewußtseins*, aus ihm eine Einheit, -ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die Seele“, etwas, das fühlt, denkt, -will -- - -2. der Geist als *Ursache*, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit, -System, Koordination erscheinen; - -3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, -als „Gott“; - -4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt; - -5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich durch die -Bewußtseinstatsachen; - -6. die *Erkenntnis* absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt -es Erkenntnis gibt. - -*Folgerungen*: - -jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder -Rückschritt im Unbewußtwerden; (-- das Unbewußtwerden galt als -Verfallensein an die *Begierden* und *Sinne*, -- als *Vertierung*....) - -man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch Dialektik; man -*entfernt* sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus.... - -den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille, -Güte -- Eins; - -alles *Gute* muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache -sein; - -der Fortschritt zum *Besseren* kann nur ein Fortschritt im -*Bewußt*werden sein. - - -316. - -Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen. - -Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann -erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem, -und der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr -in die Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen -zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in betreff -des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt man lange nicht mehr -mit dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge -der Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu tun: *auch nicht mit -Empfindung*. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas *äußerst Geringes -und Seltenes* im Verhältnis zu dem zahllosen Geschehen in jedem -Augenblick. - -Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten -Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine -Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wiedergutmachen -usw. Kurz, wir finden eine Tätigkeit vor, die einem *ungeheuer viel -höheren und überschauenden Intellekt* zuzuschreiben wäre, als der uns -bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten *geringer denken*: wir -verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da *wir* als -bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von -den zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel Luft, -Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug Kräfte geben, -welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend -beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche -Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ -auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt. - -Es ist die Phase der *Bescheidenheit des Bewußtseins*. Zuletzt -verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im -Dienste jenes höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir -fragen, ob nicht alles bewußte *Wollen*, alle *bewußten Zwecke*, -alle *Wertschätzungen* vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas -wesentlich *Verschiedenes erreicht werden soll*, als es innerhalb des -Bewußtseins scheint. Wir *meinen*: es handle sich um unsre *Lust* -und *Unlust* -- -- -- aber Lust und Unlust könnten Mittel sein, -vermöge deren wir etwas zu *leisten hätten*, was außerhalb unseres -Bewußtseins liegt -- -- -- Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte -*auf der Oberfläche* bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung -*verschieden* ist, wie *wenig* man von dem weiß, was einer Handlung -*vorher*geht: wie phantastisch unsere Gefühle „Freiheit des Willens“, -„Ursache und Wirkung“ sind: wie Gedanken und Bilder, wie Worte nur -Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung: -die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie *wesentlich -Erfindung* und *Einbildung* ist, worin wir bewußt leben: wie wir in -allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und wie die -*Verbindung der Menschheit* auf einem Überleiten und Fortdichten dieser -Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung (durch -Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. *Verändert* wirklich dieser Glaube -an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen? Oder ist das ganze Ideen- -und Wertschätzungswesen nur ein *Ausdruck selber* von unbekannten -Veränderungen? *Gibt* es denn Willen, Zwecke, Gedanken, Werte wirklich? -Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein *Spiegelbild*? Und -auch wenn die Wertschätzung einen Menschen zu *bestimmen* scheint, -geschieht im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge, -das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die Annahme -eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht auch *unser* -Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine *Zeichensprache* sein für -etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und Unbewußtes? -nur der *feinste Anschein* jener natürlichen Zweckmäßigkeit des -Organischen, aber nichts Verschiedenes davon? - -Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung -des Geistes um den *Leib*: es ist die *fühlbar* werdende *Geschichte* -davon, daß ein *höherer Leib sich bildet*. Das Organische steigt noch -auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein -Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr: -es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung, -Wohnart, Lebensweise des *Leibes* zu verändern: das Bewußtsein und die -Wertschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind *Anzeichen -dieser Veränderungen und Experimente*. Zuletzt *handelt es sich gar -nicht um den Menschen: er soll überwunden werden*. - - -317. - -Warum alle *Tätigkeit*, auch die eines *Sinnes*, mit Lust verknüpft -ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr, weil -alles Tun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und *Vermehrung* des -*Machtgefühls* gibt? -- Die Lust im Denken. -- Zuletzt ist es nicht -nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am -*Geschaffenen*: denn alle Tätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als -Bewußtsein eines „Werks“. - - -318. - -„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten *Ausdrucksmittel* von -Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche -hier auf diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller -Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein -leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische -Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und -Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre -Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, -Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer -Schlußphänomene, keine „Ursachen“. - -Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom -*Grade der Macht* abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes -Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint, -kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung, -ein Lustgefühl als Folge haben. - -Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein *Messen nach -Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit* voraus: also eine Sphäre, wo -das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu -stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“. - -Lust- und Unlustgefühle sind *Willensreaktionen* (*Affekte*), in -denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener -Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von -Gegenaktionen. - - -319. - -Wie weit unser *Intellekt* eine Folge von Existenzbedingungen ist -- : -wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht *nötig* hätten, und hätten -ihn nicht *so*, wenn wir ihn nicht *so* nötig hätten, wenn wir auch -*anders* leben könnten. - - -2. Erkenntnis. - - -a. Allgemeines. - - -320. - -Man müßte *wissen*, was *Sein* ist, um zu *entscheiden*, ob dies und -jenes real *ist* (zum Beispiel „die Tatsachen des Bewußtseins“); ebenso -was *Gewißheit* ist, was *Erkenntnis* ist und dergleichen. -- Da wir -das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens -unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn -es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich -selbst definieren! - - -321. - -Was kann allein *Erkenntnis* sein? -- „Auslegung“, Sinnhineinlegen, -- -*nicht* „Erklärung“ (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über -eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur -Zeichen ist). Es gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar, -zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen. - - -322. - -Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß -die *menschliche Vernunft recht behält*, -- ist eine Treuherzigkeit und -Biedermannsvoraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche -Wahrhaftigkeit -- Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. -- Die Begriffe -eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz -- -- - - -323. - -Erster Satz. Die *leichtere* Denkweise siegt über die schwierigere; -- -als *Dogma*: ~simplex sigillum veri~. -- ~Dico~: daß die *Deutlichkeit* -etwas für Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei.... - -Zweiter Satz. Die Lehre vom *Sein*, vom Ding, von lauter festen -Einheiten ist *hundertmal leichter* als die Lehre vom *Werden*, von der -Entwicklung.... - -Dritter Satz. Die Logik war als *Erleichterung* gemeint: als -*Ausdrucksmittel*, -- *nicht* als Wahrheit.... Später *wirkte* sie als -*Wahrheit*.... - - -324. - -*Was ist Wahrheit?* -- ~Inertia~; *die* Hypothese, bei welcher -Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw. - - -325. - -Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte, -*bewiesene* Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als -*dominierend*.... Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werte -und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, -wahrhaft; es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft *vergessen* -wird.... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist.... - -Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den *Kategorien der Vernunft*: -dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt -haben durch relative Nützlichkeit.... Es kam ein Punkt, wo man sich -zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte -- und wo man sie -*befahl*, das heißt, wo sie wirkten als *befehlend*.... Von jetzt ab -galten sie als ~a priori~, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar. -Und doch drücken sie vielleicht nichts aus, als eine bestimmte Rassen- -und Gattungszweckmäßigkeit, -- bloß ihre Nützlichkeit ist ihre -„Wahrheit“ -- - - -326. - -Daß der *Wert der Welt* in unserer Interpretation liegt (-- daß -vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß -menschliche --), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische -Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen -zur Macht, zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede *Erhöhung des -Menschen* die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, -daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven -auftut und an neue Horizonte glauben heißt -- das geht durch meine -Schriften. Die Welt, die *uns etwas angeht*, ist falsch, das heißt, -ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer -mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas -Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich -niemals der Wahrheit nähert: denn -- es gibt keine „Wahrheit“. - - -327. - -Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für mich -- *Annahmen -bis auf weiteres*, zum Beispiel das Gesetz der Kausalität, sehr gut -eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß *nicht daran* -glauben das Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen -Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde, -daß der Mensch bestehen bleibt! - - -328. - -Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik -und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der -Welt zu Nützlichkeitszwecken (also „prinzipiell“ zu einer nützlichen -*Fälschung*), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive -der *Realität* zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war -in der Tat bloß die *biologische Nützlichkeit eines solchen Systems -prinzipieller Fälschung*: und da eine Gattung Tier nichts Wichtigeres -kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der Tat hier von -„Wahrheit“ reden. Die Naivität war nur die, die anthropozentrische -Idiosynkrasie als *Maß der Dinge*, als Richtschnur über „real“ und -„unreal“ zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren. -Und siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in eine -„wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die Welt, in der der -Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte, -genau dieselbe wurde ihm diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe -zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam -der Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der -Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die, in der man -lebt, nicht entspricht.... Die Mittel wurden mißverstanden als Wertmaß, -selbst als Verurteilung der Absicht.... - -Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel -dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hilfe man die -verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema -reduzierte. - -Aber wehe! jetzt brachte man eine *Moralkategorie* ins Spiel: kein -Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, -- folglich gibt es -nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist „Wahrheit“? - -Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man -den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht -wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende. - -Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, das eigentliche -Verhängnis des Irrtums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der -Realität in den Vernunftformen zu haben, -- während man sie hatte, um -Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität -*mißzuverstehen*.... - -Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften -wegen, *die ihre Realität ausmachen*, Wechsel, Werden, Vielheit, -Gegensatz, Widerspruch, Krieg. - -Und nun war das ganze Verhängnis da: - -1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (-- -es war die wirkliche, die einzige); - -2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter -der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines -Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als *Widerspruch zum -Leben*....) - -Die ganze Richtung der Werte war auf *Verleumdung des Lebens* aus; -man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus mit der Erkenntnis -überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die *Wissenschaft* -perhorreszierte. - -Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt *doppelt* versperrt: einmal -durch den Glauben an die „wahre“ Welt, und dann durch die Gegner dieses -Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1. in ihren Objekten -verurteilt, 2. um ihre Unschuld gebracht.... - -In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet und bedingt -ist, heißt irgend etwas verurteilen und *wegdenken*, alles wegdenken -und verurteilen. Das Wort „das sollte nicht sein“, „das hätte nicht -sein sollen“ ist eine Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so -ruinierte man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was -in irgendeinem Sinne *schädlich*, *zerstörerisch* ist. Die Physiologie -demonstriert es ja *besser*! - --- Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung *vergiftet*, -b) den Weg zur Erkenntnis, zur *Wissenschaft* abschneidet, c) alle -wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln -als *unmoralisch* empfinden lehrt). - -Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der ~décadence~ vor uns arbeiten, -das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält. - - -329. - -*Zur „logischen Scheinbarkeit“.* -- Der Begriff „Individuum“ und -„Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „*Gattung*“ -drückt nur die Tatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher -Zeit hervortreten, und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern -eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen kleinen -Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (-- eine -Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln nicht in die Sichtbarkeit -tritt, so daß ein Gleichgewicht erreicht *scheint*, und die falsche -Vorstellung ermöglicht wird, *hier sei ein Ziel erreicht* -- und es -habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben....). - -Die *Form* gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die -Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form -erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es *dieselbe Form ist*, --- sondern es *erscheint immer etwas Neues* -- und nur wir, die wir -vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in -die Einheit der „Form“. Als ob ein *Typus* erreicht werden sollte und -gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne. - -Die *Form*, die *Gattung*, das *Gesetz*, die *Idee*, der *Zweck* --- hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion -eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen -irgendwelchen Gehorsam in sich trage, -- eine künstliche Scheidung -im Geschehen wird da gemacht zwischen dem, *was* tut, und dem, -*wonach* das Tun sich richtet (aber das *was* und das *wonach* sind -nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische -Dogmatik: kein „Tatbestand“). - -Man soll diese *Nötigung*, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze -zu bilden („*eine Welt der identischen Fälle*“) nicht so verstehen, als -ob wir damit die *wahre Welt* zu fixieren imstande wären; sondern als -Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der *unsre Existenz* -ermöglicht wird: -- wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar, -vereinfacht, verständlich usw. für uns ist. - -Diese selbe Nötigung besteht in der *Sinnenaktivität*, welche -der Verstand unterstützt -- durch Vereinfachen, Vergröbern, -Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles -Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre *Bedürfnisse* haben -unsre Sinne so präzisiert, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer -wiederkehrt und dadurch den Anschein der *Wirklichkeit* bekommen hat. - -Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, -daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts -getan haben *als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen*: jetzt -finden wir sie in dem Geschehen vor --, wir können nicht mehr anders -- -und vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die „Wahrheit“. -Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das -Prädikat, das Tun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen -haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfach*machen* am -längsten getrieben haben. Die Welt *erscheint* uns logisch, weil *wir* -sie erst logisiert *haben*. - - -330. - -Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ usw. zu -reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nichts von -Zeit und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, -„Ruhendes“ neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von Ursache -und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption des „leeren Raumes“ -wären wir gar nicht zur Konzeption des Raums gekommen. Der Satz von der -Identität hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es gleiche Dinge -gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht „begriffen“, -nicht „erkannt“ werden; nur insofern der „begreifende“ und „erkennende“ -Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus -lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein -das Leben erhalten hat -- nur insofern gibt es etwas wie „Erkenntnis“: -das heißt ein Messen der früheren und der jüngeren Irrtümer aneinander. - - -331. - -In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine -*widernatürliche Tendenz*: eine solche könnte nur Sinn haben als -Mittel zu einer besonderen *höheren Potenz von Falschheit*. Damit -eine Welt des Wahren, Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst -der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich -„wahrhaftig“ glaubt). - -Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich -gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch derart -konzipiert eine Welt des Seins als „*Gott*“ nach seinem Bilde. - -Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen -sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vorteil in jedem Sinne -auf Seiten des Wahrhaftigen sein. -- Lüge, Tücke, Verstellung müssen -Erstaunen erregen.... - - -332. - -Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte -- das wäre nämlich -möglich --, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit?... -Eine gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des -Falschen?.... - - -333. - -Von der *Vielartigkeit* der Erkenntnis. *Seine* Relation zu vielem -anderen spüren (oder die Relation der Art) -- wie sollte das -„Erkenntnis“ des *andern* sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist -selber schon unter den Existenzbedingungen: dabei ist der Schluß, -daß es keine anderen Intellektarten geben könne (für uns selber) -als die, welche uns erhält, eine Übereilung: diese *tatsächliche* -Existenzbedingung ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs -notwendig. - -Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ *eingerichtet*. - - -334. - -Überschriften über einem modernen Narrenhaus. - -„Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten.“ - - *Herbert Spencer.* - -„Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die -Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“ - - *Herbert Spencer.* - - -335. - -Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“ -ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem ich nach dem -Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte -überhaupt bisher gewogen worden ist -- und daß die Frage nach der -Gewißheit selbst schon eine *abhängige* Frage sei, eine Frage *zweiten* -Ranges. - - -b. Logik und Wissenschaft. - - -336. - -Das Begierdenerdreich, aus dem die *Logik* herausgewachsen ist: -Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme der gleichen Fälle -setzt die „gleiche Seele“ voraus. *Zum Zweck der Verständigung und -Herrschaft.* - - -337. - -Zur *Entstehung der Logik*. Der fundamentale Hang, *gleichzusetzen*, -*gleichzusehen* wird modifiziert, im Zaum gehalten durch Nutzen und -Schaden, durch den *Erfolg*: es bildet sich eine Anpassung aus, ein -milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben -zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Prozeß ist ganz -entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein Symbol ist), daß das -*Plasma* fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich macht und in -seine Formen und Reihen einordnet. - - -338. - -Die *Annahme des Seienden* ist nötig, um denken und schließen zu -können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes. Deshalb -wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: „das -Seiende“ gehört zu unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (-- durch Werden -und Entwicklung nicht berührt). - -Die *fingierte* Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ usw. ist *nötig* --- : eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende -Macht ist in uns. „Wahrheit“ ist Wille, Herr zu werden über das -Vielerlei der Sensationen: -- die Phänomene *aufreihen* auf bestimmte -Kategorien. Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der Dinge -aus (wir nehmen die Phänomene als *wirklich*). - -Der Charakter der werdenden Welt als *unformulierbar*, als „falsch“, -als „sich-widersprechend“. *Erkenntnis* und *Werden* schließen sich -aus. *Folglich* muß „*Erkenntnis*“ etwas anderes sein: es muß ein -Wille zum Erkennbarmachen vorangehen, eine Art Werden selbst muß die -*Täuschung des Seienden* schaffen. - - -339. - -Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein -subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Notwendigkeit“ -aus, *sondern nur ein Nichtvermögen*. - -Wenn, nach Aristoteles, der *Satz vom Widerspruch* der gewisseste -aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den -alle Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm das Prinzip aller -anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im -Grunde schon an Behauptungen *voraussetzt*. Entweder wird mit ihm -etwas in betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man es -anderswoher bereits kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte -Prädikate zugesprochen werden *können*. Oder der Satz will sagen: daß -ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden *sollen*. Dann -wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur -Setzung und Zurechtmachung einer Welt, *die uns wahr heißen soll*. - -Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen -adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel, um Wirkliches, den Begriff -„Wirklichkeit“, für uns erst zu *schaffen*?.... Um das Erste bejahen -zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; -was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein -*Kriterium der Wahrheit*, sondern einen *Imperativ* über das, was als -wahr gelten *soll*. - -Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches ~A~ gar nicht, -wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) voraussetzt, das -~A~ wäre bereits eine *Scheinbarkeit*, so hätte die Logik eine bloß -*scheinbare* Welt zur Voraussetzung. In der Tat glauben wir an jenen -Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend -zu *bestätigen* scheint. Das „Ding“ -- das ist das eigentliche Substrat -zu ~A~; *unser Glaube an Dinge* ist die Voraussetzung für den Glauben -an die Logik. Das ~A~ der Logik ist wie das Atom eine Nachkonstruktion -des „Dinges“.... Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein -Kriterium des *wahren Seins* machen, sind wir bereits auf dem Wege, -alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt, Subjekt, Aktion -usw. als Realitäten zu setzen: das heißt eine metaphysische Welt zu -konzipieren, das heißt eine „wahre Welt“ (-- *diese ist aber die -scheinbare Welt noch einmal*....). - -Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, das -Für-wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht -nur eine Gewohnheit, sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt für -wahr zu halten oder für unwahr zu halten, bereits von einem Glauben -beherrscht, *daß es für uns Erkenntnis gibt*, daß *Urteilen wirklich -die Wahrheit treffen könne*: -- kurz, die Logik zweifelt nicht, -etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich, daß ihm nicht -entgegengesetzte Prädikate zukommen *können*). - -Hier *regiert* das sensualistische grobe Vorurteil, daß die -Empfindungen uns *Wahrheiten* über die Dinge lehren, -- daß ich nicht -zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding sagen kann, es ist *hart* -und es ist *weich*. (Der instinktive Beweis, „ich kann nicht zwei -entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben“ -- *ganz grob* und -*falsch*.) - -Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben aus, daß -wir Begriffe bilden *können*, daß ein Begriff das Wesen eines Dinges -nicht nur bezeichnet, sondern *faßt*.. Tatsächlich gilt die *Logik* -(wie die Geometrie und Arithmetik) nur von *fingierten Wesenheiten, -die wir geschaffen haben*. Logik ist der Versuch, *nach einem von uns -gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns -formulierbar, berechenbar zu machen*.... - - -340. - -Gleichheit und Ähnlichkeit. - -1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit; - -2. der Geist *will* Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck -subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper -Unorganisches sich *assimiliert*. - -Zum Verständnis der *Logik*: - -*der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht* -- der Glaube, daß -etwas so und so *sei* (das Wesen des *Urteils*), ist die Folge eines -Willens, es *soll* so viel als möglich gleich sein. - - -341. - -Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: *gesetzt, es gibt identische -Fälle*. Tatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, *muß -diese* Bedingung erst als erfüllt fingiert werden. Das heißt: der -Wille zur *logischen Wahrheit* kann erst sich vollziehen, nachdem eine -grundsätzliche *Fälschung* alles Geschehens angenommen ist. Woraus sich -ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst -der Fälschung und dann der Durchführung seines Gesichtspunktes: die -Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit. - - -342. - -Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit -(„~omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur~“ -Descartes): damit ist die mechanische Welthypothese erwünscht und -glaublich. - -Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie ~simplex sigillum veri~. -Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in *diesem* -Verhältnis zu unserm Intellekt steht? -- Wäre es nicht anders? daß die -ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese -am meisten von ihm *bevorzugt, geschätzt und folglich* als *wahr* -bezeichnet wird? -- Der Intellekt setzt sein *freiestes* und *stärkstes -Vermögen* und *Können* als Kriterium der Wertvollsten, folglich -*Wahren*.... - -„Wahr“: von seiten des Gefühls aus -- : was das Gefühl am stärksten -erregt („Ich“); - -von seiten des Denkens aus -- : was dem Denken das größte Gefühl von -Kraft gibt; - -von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus -- : wobei am stärksten -Widerstand zu leisten ist. - -Also die *höchsten Grade in der Leistung* erwecken für das *Objekt* -den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt *Wirklichkeit*. Das Gefühl -der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es etwas -*gibt*, dem hier widerstanden wird. - - -343. - -Das *Urteil* -- das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“ Also steckt -im Urteil das Geständnis, einem „identischen Fall“ begegnet zu sein: -es setzt also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das -Urteil schafft es *nicht*, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. -Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der -Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie heißt nun -jene Funktion, die viel *älter*, früher arbeitend sein muß, welche -an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? Wie heißt jene -zweite, welche auf Grund dieser ersten usw. „Was gleiche Empfindungen -erregt, ist gleich“: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich -macht, als gleich „nimmt“? -- Es könnte gar keine Urteile geben, wenn -nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt -wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen -des schon Gewohnten, Erlebten. -- *Bevor* geurteilt wird, *muß der -Prozeß der Assimilation schon getan sein*: also liegt auch hier eine -intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim -Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen -organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren, -Ausscheiden, Wachsen usw. - -Wesentlich: vom *Leib* ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er -ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. -Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den -Geist. - -„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein -Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art -Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die -*Stärke* ein Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität. - - -344. - -*Grundlösung.* -- Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist -die Philosophie der grauen *Begriffe*. Die Sprache ist auf die -allernaivsten Vorurteile hin gebaut. - -Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir -*nur* in der sprachlichen Form *denken*, -- somit die „ewige Wahrheit“ -der „Vernunft“ glauben (zum Beispiel Subjekt, Prädikat usw.). - -*Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange -tun wollen*, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine -Grenze als Grenze zu sehen. - -*Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem Schema, -welches wir nicht abwerfen können.* - - -345. - -Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und -Simplifikationsapparat -- nicht auf Erkenntnis gerichtet, sondern -auf *Bemächtigung* der Dinge: „Zweck“ und „Mittel“ sind so fern vom -Wesen wie die „Begriffe“. Mit „Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich -des Prozesses (-- man *erfindet* einen Prozeß, der faßbar ist), mit -„Begriffen“ aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen. - - -346. - -Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, -arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von -schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von -Abkürzungsmitteln: -- es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten -bei „Substanz“, „Subjekt“, „Objekt“, „Sein“, „Werden“. -- Die Mächtigen -sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und -unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, die die -Kategorien geschaffen haben. - - -347. - -Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, -- dem Chaos so viel -Regularität und Formen auflegen, als es unserm praktischen Bedürfnis -genugtut. - -In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das -*Bedürfnis* maßgebend gewesen: das Bedürfnis, nicht zu „erkennen“, -sondern zu subsummieren, zu schematisieren, zum Zweck der -Verständigung, der Berechnung.... (Das Zurechtmachen, das Ausdichten -zum Ähnlichen, Gleichen, -- derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck -durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine -präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn -wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und -handlich werden.... Die *Finalität* in der Vernunft ist eine Wirkung, -keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend -Ansätze gibt, mißrät das Leben, -- es wird unübersichtlich --, zu -ungleich -- - -Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, als sie -lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine -solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: da niemand die -Notwendigkeit, daß es gerade Menschen gibt, aufrecht erhalten wird, ist -die Vernunft, so wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie -bestimmter Tierarten, und eine neben vielen anderen....) - -Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, ist -eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu -schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe -dieser Instinkt.... Welche Naivität aber, daraus einen Beweis zu -ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit an sich“ besäßen!.... Das -Nicht-widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine -„Wahrheit“. - - -348. - -„Erkennen“ ist ein *Zurückbeziehen*: seinem Wesen nach ein ~regressus -in infinitum~. Was Halt macht (bei einer angeblichen ~causa prima~, bei -einem Unbedingten usw.) ist die *Faulheit*, die Ermüdung -- -- - - -349. - -Wissenschaft -- Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der -Beherrschung der Natur -- das gehört in die Rubrik „*Mittel*“. - -Aber der *Zweck* und *Wille* des Menschen muß ebenso *wachsen*, die -Absicht in Hinsicht auf das Ganze. - - -350. - -Die Wissenschaft -- das war bisher die Beseitigung der vollkommenen -Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche alles „erklären“, -- -also aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. -- Dieser selbe -Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung *meiner selber*: die -innere Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen -und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war -eine solche *Vereinfachung*: sie lehrte den Menschen als *erkannt*, -als *bekannt*. -- Nun haben wir die Moral vernichtet -- wir selber -sind uns wieder *völlig dunkel* geworden! Ich weiß, daß ich *von mir* -nichts weiß. Die *Physik* ergibt sich als eine *Wohltat* für das Gemüt: -die Wissenschaft (als der Weg zur *Kenntnis*) bekommt einen neuen -Zauber nach der Beseitigung der Moral -- und *weil* wir hier *allein* -Konsequenz finden, so müssen wir unser Leben darauf *einrichten*, sie -uns zu *erhalten*. Dies ergibt eine Art *praktischen Nachdenkens* über -*unsre Existenzbedingungen* als Erkennenden. - - -351. - -Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen -des Lebens das *Denken*, -- in jedem Perzipieren und scheinbaren -Erleiden auch noch! Offenbar wird es dadurch am *mächtigsten* und -*anspruchsvollsten*, und auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen -Kräfte. Es wird endlich die „Leidenschaft an sich“. - - -352. - -Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch -und Tier lebt: du mußt auch noch den *Willen* zur Unwissenheit haben -und hinzulernen. Es ist dir nötig, zu begreifen, daß ohne diese Art -Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung -ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine -große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen. - - -353. - -Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit -ergibt, sondern nur ein *Stück Unwissenheit* mehr, eine Erweiterung -unseres „leeren Raumes“, einen Zuwachs unserer „Öde“ -- - - -354. - -Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ immer mehr in ein -Unbekanntes auf: -- sie *will* aber gerade das *Umgekehrte* und geht -von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen. - -~In summa~ bereitet die Wissenschaft eine *souveräne Unwissenheit* vor, -ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, daß es eine Art Hochmut -war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff -übrig behalten, um auch nur „Erkennen“ als eine *Möglichkeit* gelten -zu lassen, -- daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle Vorstellung -ist. Wir *übersetzen* eine uralte Mythologie und Eitelkeit des -Menschen in die harte Tatsache: so wenig „Ding an sich“, so wenig ist -„Erkenntnis an sich“ noch *erlaubt* als Begriff. Die Verführung durch -„Zahl und Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“. - -„*Weisheit*“ als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen -(das heißt über den „Willen zur Macht“) *hinweg* zu kommen: ein -lebensfeindliches und auflösendes Prinzip, Symptom wie bei den Indern -usw., *Schwächung* der Aneignungskraft. - - -355. - -Das Recht auf den großen *Affekt* -- für den Erkennenden wieder -zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Kultus des -„Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen -haben. Der Irrtum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: *eben -im Loskommen vom Affekt*, vom Willen liege der einzige Zugang zum -„Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt *könne gar nicht -anders*, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen. - -Derselbe Irrtum ~in arte~: als ob alles *schön* wäre, sobald es ohne -Willen angeschaut wird. - - -356. - -Keine „*moralische* Erziehung“ des Menschengeschlechts: sondern die -*Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer* ist nötig, weil die -„Wahrheit“ degoutiert und das Leben verleidet, -- vorausgesetzt, daß -der Mensch nicht schon unentrinnbar in seine *Bahn* gestoßen ist und -seine redliche *Einsicht* mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt. - - -357. - -Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die -wertvollsten Einsichten sind die *Methoden*. - -Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben -jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin -ist man aus dem Verkehr mit *honetten* Menschen ausgeschlossen worden, --- man galt als „*Feind Gottes*“, als Verächter des höchsten Ideals, -als „Besessener“. - -Wir haben das ganze *Pathos* der Menschheit gegen uns gehabt, -- -unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“ sein soll, was der Dienst -der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre -stille, vorsichtige, mißtrauische Art war vollkommen *verächtlich*.... -Im Grunde war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am -längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt der -Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie -wirke. - -Das sieht aus, als ob ein *Gegensatz* erreicht, ein *Sprung* gemacht -worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moralhyperbeln -Schritt für Schritt jenes *Pathos milderer Art* vorbereitet, das als -wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde.... - -Die *Gewissenhaftigkeit im Kleinen*, die Selbstkontrolle des religiösen -Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter: vor allem -die Gesinnung, welche *Probleme ernst nimmt*, noch abgesehen davon, was -persönlich dabei für einen herauskommt.... - - -358. - -Nicht der Sieg der *Wissenschaft* ist das, was unser 19. Jahrhundert -auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen *Methode* über die -Wissenschaft. - - -c. Ursache und Wirkung. - - -359. - -*Kritik des Begriffs „Ursache“.* -- Wir haben absolut keine Erfahrung -über eine *Ursache*; psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze -Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß *wir* Ursache sind, -nämlich, daß der Arm sich bewegt.... *Aber das ist ein Irrtum.* Wir -unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir -überall Gebrauch, -- wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen. -Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, -Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, -als Ursache *mißverstanden*, oder den *Willen*, das und das zu tun, -weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden. - -„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben -schien, und wo wir aus uns sie projiziert haben zum *Verständnis des -Geschehens*, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser „Verständnis -eines Geschehens“ bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches -verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es geschah. -Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, unser -Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht zu einem Tun in den Begriff -„Ursache“ zusammengefaßt: ~causa efficiens~ und ~causa finalis~ ist in -der Grundkonzeption eins. - -Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt -würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden wir alle -Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt.... -Umgekehrt sind wir außerstande, von irgendeinem Dinge vorauszusagen, -was es „wirkt“. Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht -- alles -inhäriert der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, um zu -erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist -ein solches hinzugedachtes „Ding“ und „Ursubjekt“.... - -Endlich begreifen wir, daß Dinge -- folglich auch Atome -- nichts -wirken: *weil sie gar nicht da sind*, -- daß der Begriff Kausalität -vollkommen unbrauchbar ist. -- Aus einer notwendigen Reihenfolge von -Zuständen folgt *nicht* deren Kausalverhältnis (-- das hieße deren -*wirkende Vermögen* von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf -springen machen). *Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen.* Sprachlich -wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich -den *Muskel* von seinen „Wirkungen“ getrennt denke, so habe ich ihn -negiert.... - -~In summa~: *ein Geschehen ist weder bewirkt*, noch *bewirkend*. -~Causa~ ist ein *Vermögen zu wirken*, hinzu erfunden zum Geschehen.... - -*Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung*.... Ein „Ding“ ist die -Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff, -Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines -Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, -bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite -Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen -(Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft gleich blieben. - -Die *Berechenbarkeit eines Geschehens* liegt nicht darin, daß eine -Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein -Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde -- : -sie liegt in der *Wiederkehr „identischer Fälle“*. - -Es gibt nicht, wie Kant meint, einen *Kausalitätssinn*. Man wundert -sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich -halten kann.... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind -wir beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die *Furcht -vor dem Ungewohnten* und der Versuch, in ihm etwas *Bekanntes* zu -entdecken, -- ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem. - - -360. - -In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und -Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, -daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter -voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall -des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt -Subjekte; alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend -welchem Subjekte. - -Ich bemerke etwas und suche nach einem *Grund* dafür: das heißt -ursprünglich: ich suche nach einer *Absicht* darin, und vor allem -nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles -Geschehen ein Tun, -- ehemals sah man in *allem* Geschehen Absichten, -dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist -es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich -angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der ~causa -finalis~, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der ~causa efficiens~“ -haben wir nichts: hier hat *Hume* recht, die Gewohnheit (aber *nicht* -nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft -beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns -die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist -*nicht* die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern -unsre *Unfähigkeit*, ein Geschehen anders *interpretieren* zu können -denn als ein Geschehen aus *Absichten*. Es ist der *Glaube* an das -Lebendige und Denkende als an das einzig *Wirkende* -- an den Willen, -die Absicht --, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß -alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“. -Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine -große Dummheit sein? - -Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das -Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst? - - -361. - -*Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.* -- Daraus, -daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich -nicht, daß es *notwendig* erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem -bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, -macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“ -ist kein Tatbestand: *wir* erst haben sie in das Geschehen -hineininterpretiert. Wir haben die *Formulierbarkeit* des Geschehens -ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Nezessität. -Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich -es gezwungen tue. Der *Zwang* ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: -die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein -anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, „*Täter*“ in die -Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen -die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten *Zwange* ist, -- ausgeübt -von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und Wirkung -- ein -gefährlicher Begriff, solange man ein *Etwas* denkt, das *verursacht*, -und ein Etwas, auf das *gewirkt* wird. - -a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation. - -b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was *wirkt*, -sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei. - -Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die *Dinglichkeit* -erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben -wir nicht mehr an das *wirkende* Subjekt, so fällt auch der Glaube an -*wirkende* Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen -jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen. - -Es fällt damit natürlich auch die Welt der *wirkenden Atome*: deren -Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte -braucht. - -Es fällt endlich auch das „*Ding an sich*“: weil das im Grunde die -Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das -Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“ -ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „*Erscheinung*“ dahin. - -c) Geben wir das wirkende *Subjekt* auf, so auch das *Objekt*, auf -das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein -inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: -es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe -scheinbar dauerhaft, -- also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit -im Tempo des Geschehens (Ruhe -- Bewegung, fest -- locker: alles -Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit denen tatsächlich nur -*Gradverschiedenheiten* ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß -von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur -von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes -- und -von da aus fälschlich in die Dinge übertragen). - -d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch -den Begriff „*Substanz*“ -- und folglich auch dessen verschiedene -Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere -hypothetische Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw. -Wir sind die *Stofflichkeit* los. - -Moralisch ausgedrückt, *ist die Welt falsch*. Aber insofern die Moral -selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch. - -Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest*machen*, ein Wahr-, -Dauerhaft*machen*, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes *falschen* -Charakters, eine Umdeutung desselben ins *Seiende*. „Wahrheit“ ist -somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken -wäre, -- sondern etwas, *das zu schaffen ist* und das den Namen für -einen *Prozeß abgibt*, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, -der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein ~processus -in infinitum~, ein *aktives Bestimmen*, -- *nicht* ein Bewußtwerden -von etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den -„Willen zur Macht“. - -Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und -Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so -breiter muß die erratbare, gleichsam *seiend gemachte* Welt sein. -Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des -Lebens. - -Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem -gewissen Sinne außer sich als *seiende* Welt, als metaphysische Welt, -als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als -Schaffender *erdichtet* bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie -vorweg; diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine -Stütze. - -Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von -Grad- und Kraftverhältnissen, als ein *Kampf*.... - -Sobald wir uns jemanden *imaginieren*, der verantwortlich ist dafür, -daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz, -unser Glück und Elend als *Absicht* zulegen, verderben wir uns die -*Unschuld des Werdens*. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit -uns etwas erreichen will. - -Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der -Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, -aus der Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. -„*Erhaltung* der Gattung“ ist nur eine Folge des *Wachstums* der -Gattung, das heißt der *Überwindung der Gattung* auf dem Wege zu einer -stärkeren Art. - -Thesen. -- Daß die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“ („die aller -menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die -Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden *Willens zur Macht* -ist -- : daß das *Stärkerwerden* Ordnungen mit sich bringt, die einem -Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen -- : daß die anscheinenden *Zwecke* -nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere -Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, -eine Ordnung des *Ranges*, der Organisation den Anschein einer Ordnung -von Mittel und Zweck erwecken muß. - -Gegen die anscheinende „*Notwendigkeit*“: - --- diese nur ein *Ausdruck* dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas -anderes ist. - -Gegen die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“: - --- letztere nur ein *Ausdruck* für eine Ordnung von Machtsphären und -deren Zusammenspiel. - - -362. - -„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es -zum Bewußtsein kam, daß das, was man als *Eigenschaften der Dinge* -bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit -hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das -Ding an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des -Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem -Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft -hineingedichtet worden ist, und ebenso -- die Substanz. „Das Ding -affiziert ein Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache, -nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem! - -Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts -Empfindungsloses mehr zugrunde liegt. - -In der Bewegung ist kein neuer *Inhalt* der Empfindung gegeben. Das -Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also *Form* des Seins. - -Nebenbei: Die *Erklärung* des Geschehens kann versucht werden einmal: -durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm *voranlaufen* -(Zwecke); - -zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm *nachlaufen* (die -mathematisch-physikalische Erklärung). - -Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische -Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und -Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und -entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt -*konsequent als ohne Empfindung und Zweck* konstruieren -- bis hinauf -zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine *Geschichte -der Zwecke* und *nie* physikalisch! - - -363. - -Die Auslegung eines Geschehens als *entweder* Tun *oder* Leiden (-- -also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden -setzt einen Urheber voraus und einen, *an dem* „verändert“ wird. - - -364. - -Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen -zu nehmen, schließlich als *Ursache*, zum Beispiel vom Blitz zu sagen: -„er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive -im Sehen wieder als *Ursache des Sehens selbst* zu setzen: das war das -Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“! - - -365. - -Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese -begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum, -noch Zeit. „Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge -für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr -ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß -es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das ~post hoc~ ein ~propter -hoc~ ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich. -Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ sein! - - -366. - -*„Wille zur Macht“ und Kausalismus.* -- Psychologisch nachgerechnet, -ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom sogenannten Wollen, -- -unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht -selbst sei, welche bewegt.... - -Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des -Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; -- -das Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der -Macht), des überwundenen Widerstandes -- sind das Illusionen? -- - -Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig -bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine -*Veränderung* vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht -gibt. Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein -*Übergreifen* von Macht *über andere Macht* statthat. - -Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung ist -eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache, -da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist. - -Der Wille zur *Akkumulation von Kraft* ist spezifisch für das Phänomen -des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, -- für Gesellschaft, -Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende -Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? -- und in der kosmischen -Ordnung? - -Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des -Verbrauchs: so daß das *Stärkerwerdenwollen von jedem Kraftzentrum aus* -die einzige Realität ist, -- nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-, -Herrwerden-, Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen. - -Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip -*beweisen*? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ -- „Ein -permanentes Gesetz der Dinge“ -- „Eine invariable Ordnung“? -- Weil -etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig? - -Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“, -kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren -Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben. - -Können wir ein *Streben nach Macht* annehmen, ohne eine Lust- und -Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und -Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für -die *interne* Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta? -Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, Schwere, Druck und -Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern Interpretationen mit Hilfe -*psychischer* Fiktionen. - -Das *Leben* als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein -Wille zur Akkumulation der Kraft -- : alle Prozesse des Lebens haben -hier ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und -akkumuliert werden. - -Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den -Gesamtcharakter des Daseins --) strebt nach einem *Maximalgefühl von -Macht*; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist -nichts anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt -dieser Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.) - - -d. Ich und Außenwelt. - - -367. - -Der *Substanz*begriff eine Folge des *Subjekt*begriffs: *nicht* -umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die -Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt *Grade des -Seienden*, man verliert *das* Seiende. - -Kritik der „*Wirklichkeit*“: worauf führt die -„*Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit*“, die Gradation des Seins, an die wir -glauben? -- - -Unser Grad von *Lebens-* und *Machtgefühl* (Logik und Zusammenhang des -Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“. - -*Subjekt*: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine *Einheit* -unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir -verstehen diesen Glauben als *Wirkung* Einer Ursache, -- wir glauben -an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“, -„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. -- „Subjekt“ -ist die Fiktion, als ob viele *gleiche* Zustände an uns die Wirkung -eines Substrats wären: aber *wir* haben erst die „Gleichheit“ dieser -Zustände *geschaffen*; das Gleich*setzen* und *Zurecht*machen derselben -ist der *Tatbestand*, *nicht* die Gleichheit (-- diese ist vielmehr zu -*leugnen* --). - - -368. - -Psychologische Geschichte des Begriffs „*Subjekt*“. Der Leib, das Ding, -das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem -Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner -gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen. - - -369. - -„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ -- diese Trennungen sind *gemacht* -und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden -Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, -der etwas tut, etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft -„hat“. - - -370. - -„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die -Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an -den *Substanz*begriff schon als „wahr ~a priori~“ ansetzen: -- daß, -wenn gedacht wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine -Formulierung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen -Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches -Postulat gemacht -- und *nicht nur konstatiert*.... Auf dem Wege des -Cartesius kommt man *nicht* zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu -einem Faktum eines sehr starken Glaubens. - -Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es -Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in -Frage steht, die „*Realität* des Gedankens“, ist nicht berührt, -- -nämlich in dieser Form ist die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht -abzuweisen. Was aber Cartesius *wollte*, ist, daß der Gedanke nicht nur -eine *scheinbare Realität* hat, sondern eine *an sich*. - - -371. - -Daß zwischen *Subjekt* und *Objekt* eine Art adäquater Relation -stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das *von innen gesehen* Subjekt -wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit -gehabt hat. Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz -und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie -erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über -„Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde! --- - - -372. - -Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; -- wir -sind am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich -eine Fiktion sein.“ - - -373. - -Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum -Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, *daß es gar keine Wahrheit gibt*, -der Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als -Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im -Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich. - - -3. Metaphysik. - -Die „wahre“ Welt. - - -374. - -Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für -allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den -Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen. - - -375. - -Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir -wollen uns *hüten*, den Niedrigen die *ihnen* nötige Denkweise -auszudenken und vorzuschreiben!! - - -376. - -Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des -Wachstums oder des Untergehens. - -Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der ~inertia~; die Mehrheit -der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und -änigmatischen Charakter *nicht abstreiten wollen*! - - -377. - -*Gegen* das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch -jeder Versuch von Monismus. - - -378. - -Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge -einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine -Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, -- kein *notwendiger* -Glaube. - -Unbescheidenheit des Menschen -- : wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu -*leugnen*! - - -379. - -Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge -für das, was war, und das, was wird: -- man sieht nur das *Seiende*. -Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das -*Imaginäre* aufgespart, als seine „Welt“. - - -380. - -Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, -- sie -war immer die scheinbare Welt *noch einmal*. - - -381. - -Die „*wahre*“ und die „*scheinbare Welt*“. - - -A. - -Die *Verführungen*, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art: - -a) eine *unbekannte* Welt: -- wir sind Abenteurer, neugierig, -- das -Bekannte scheint uns müde zu machen (-- die Gefahr des Begriffs liegt -darin, uns „diese“ Welt als *bekannt* zu insinuieren....); - -b) eine *andre* Welt, wo es anders ist: -- es rechnet etwas in uns -nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren -Wert, -- vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft.... -Die Welt, wo es anders, wo wir selbst -- wer weiß? -- anders sind.... - -c) eine *wahre* Welt: -- das ist der wunderlichste Streich und -Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort -„wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“ -zum Geschenk: die *wahre* Welt muß auch eine *wahrhaftige* sein, -eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie -glauben ist beinahe glauben *müssen* (-- aus Anstand, wie es unter -zutrauenswürdigen Wesen geschieht --). - -Der Begriff „die *unbekannte* Welt“ insinuiert uns *diese* Welt als -„bekannt“ (als langweilig --); - -der Begriff „die *andre* Welt“ insinuiert, als ob die Welt *anders sein -könnte*, -- hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (-- unnütz, sich -zu *ergeben*, sich *anzupassen* --); - -der Begriff „die *wahre* Welt“ insinuiert diese Welt als eine -unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, -- -und *folglich* auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (-- unratsam, -sich ihr anzupassen; *besser*: ihr widerstreben). - -Wir *entziehen* uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt: - -a) mit unsrer *Neugierde*, -- wie als ob der interessantere Teil wo -anders wäre; - -b) mit unsrer *Ergebung*, -- wie als ob es nicht nötig sei, sich zu -ergeben, -- wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges -sei; - -c) mit unsrer *Sympathie* und Achtung, -- wie als ob diese Welt sie -nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich.... - -~In summa~: wir sind auf eine dreifache Weise *revoltiert*: wir haben -ein ~x~ zur *Kritik* der „bekannten Welt“ gemacht. - - -B. - -*Erster Schritt der Besonnenheit*: zu begreifen, inwiefern wir -*verführt* sind, -- nämlich es könnte an sich exakt *umgekehrt* sein: - -a) die *unbekannte* Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns -Lust zu machen zu „dieser“ Welt, -- als eine vielleicht stupide und -geringere Form des Daseins; - -b) die *andere* Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier -keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse -dessen sein, was uns *diese* Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre -ein Mittel, uns zufrieden zu machen; - -c) die *wahre* Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare -Welt weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser -Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine -fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? -Vor *allem*: wie kommen wir darauf, daß *nicht unsre* Welt die wahre -ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein -(in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel ein *Schattenreich*, -eine *Scheinexistenz* neben der *wahren* Existenz gedacht --). Und -endlich: was gibt uns ein Recht, gleichsam *Grade der Realität* -anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine unbekannte Welt, -- das -ist bereits *Etwas-wissen-wollen von der unbekannten*. Die „andere“, -die „unbekannte“ Welt -- gut! aber sagen „wahre Welt“, das heißt -„etwas *wissen* von ihr“, -- das ist der *Gegensatz* zur Annahme einer -~x~-Welt.... - -~In summa~: die Welt ~x~ könnte in jedem Sinne langweiliger, -unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt. - -Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe ~x~ Welten, das heißt -jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist *nie behauptet -worden*.... - - -C. - -Problem: warum die *Vorstellung von der andern Welt* immer zum -Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, -- -worauf das weist? -- - -Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens -ist, denkt das *Anders*sein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es -betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen -Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen -das Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das -„wahre Volk“ wäre.... - -Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, -- daß man diese -Welt für die „scheinbare“ und *jene* für die „wahre“ nimmt, ist -symptomatisch. - -Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“: - -der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die *Vernunft* und -die *logischen* Funktionen adäquat sind: -- daher stammt die „wahre“ -Welt; - -der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: -- daher -stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt; - -der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: -- daher stammt -die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt. - -Das *Gemeinsame* der drei Entstehungsherde: der *psychologische* -Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen. - -Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit -welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen, -des religiösen, des moralischen Vorurteils. - -Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als *ein -Synonym des Nichtseins*, des Nichtlebens, des Nichtleben*wollens*.... - -*Gesamteinsicht*: der Instinkt der *Lebensmüdigkeit*, und nicht der des -Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen. - -*Konsequenz*: Philosophie, Religion und Moral sind *Symptome der -~décadence~*. - - -382. - -*Zur Psychologie der Metaphysik.* -- Diese Welt ist scheinbar: -*folglich* gibt es eine wahre Welt; -- diese Welt ist bedingt: -*folglich* gibt es eine unbedingte Welt; -- diese Welt ist -widerspruchsvoll: *folglich* gibt es eine widerspruchslose Welt; -- -diese Welt ist werdend: *folglich* gibt es eine seiende Welt: -- lauter -falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn ~A~ *ist*, -so muß auch sein Gegensatzbegriff ~B~ *sein*). Zu diesen Schlüssen -*inspiriert das Leiden*: im Grunde sind es *Wünsche*, es möchte eine -solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, -die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine -*wertvollere*: das *Ressentiment* der Metaphysiker gegen das Wirkliche -ist hier schöpferisch. - -*Zweite* Reihe von Fragen: *wozu* Leiden?.... und hier ergibt sich -ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, -wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des -Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie -ist Schuld möglich? (-- lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der -Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber -die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß -die *Freiheit zum Irrtum und zur Schuld* mit von ihr bedingt sein: und -wieder fragt man *wozu*?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des -Widerspruchs, des Leidens ist also *gewollt*: *wozu*? - -Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet, --- *weil* dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „*muß*“ auch -dem andern eine Realität entsprechen. „*Woher* sollte man sonst dessen -Gegenbegriff haben?“ -- *Vernunft* somit als eine Offenbarungsquelle -über An-sich-Seiendes. - -Aber die *Herkunft* jener Gegensätze *braucht nicht notwendig* auf -eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die -*wahre Genesis* der Begriffe dagegenzustellen: -- diese stammt aus der -praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher -ihren *starken Glauben* (man *geht daran zugrunde*, wenn man nicht -gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“, -was sie behauptet). - -*Die Präokkupation durch das Leiden* bei den Metaphysikern: ist -ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere -und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid *nie* als letzte -Wertfragen, -- es sind Begleitzustände: man muß beides *wollen*, wenn -man etwas *erreichen* will -- darin drückt sich etwas Müdes und Krankes -an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme -im Vordergrunde sehen. Auch die *Moral* hat *nur* deshalb für sie -solche *Wichtigkeit*, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht -auf Abschaffung des Leidens gilt. - -*Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum*: Ursache von -Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei -(Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im „Glauben“). - - -383. - -*Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.* -- Von diesen ist -die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet. - -Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form -ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch -den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt *identischer* Fälle -geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung -möglich ist, usw. - -: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an -der unsre *praktischen* Instinkte gearbeitet haben: sie ist für *uns* -vollkommen wahr: nämlich wir *leben*, wir können in ihr leben: *Beweis* -ihrer Wahrheit für uns.... - -: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die -Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen -Vorurteile reduziert haben, existiert *nicht* als Welt „an sich“; -sie ist essentiell Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem -Punkt aus ihr *verschiedenes Gesicht*: ihr Sein ist essentiell an -jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr -jeder Punkt -- und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich -*inkongruent*. - -Das *Maß von Macht* bestimmt, welches Wesen das andre Maß von Macht -hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht. - -Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption -gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu -perzipieren, daß wir noch es *aushalten*.... - - -384. - -Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen; -geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach -dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und -Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal. - -Das *Perspektivische* also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“ -ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische -abrechnet! Damit hätte man ja die *Relativität* abgerechnet! - -Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen *Rest* seine *Perspektive*, -das heißt seine ganz bestimmte *Wertung*, seine Aktionsart, seine -Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine -spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum. - -Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein -Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die *Realität* besteht exakt -in dieser Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das -Ganze.... - -Es bleibt kein Schatten von *Recht* mehr übrig, hier von *Schein* zu -reden.... - -Die *spezifische Art zu reagieren* ist die einzige Art des Reagierens: -wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt. - -Aber es gibt kein „*anderes*“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein, --- damit würde eine Welt *ohne* Aktion und Reaktion ausgedrückt sein.... - -Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich -auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ -- - - -385. - - -A. - -Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert, -auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt -- sie mag -sein, wie sie will --, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für -sie. - -Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis -setzt man auch diesen Gegensatz nur an?.... - -Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als -abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt -als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine -objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß -die Subjektivität real, essentiell ist? - -Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine -„Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“, -„Ding“ immer nur als *Relations*begriff.... - -Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“ -sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und -„absolut wertvoll“. - -Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der -Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich -kann nur eine „wahre“ Welt sein.... - -*Vorurteil der Vorurteile!* Erstens wäre an sich möglich, daß die -wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens -schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte, -um leben zu können.... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum -Beispiel in der Ehe. - -Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch -in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für -wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt.... - -a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine -scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben *bloß* eine -scheinbare Welt geben, aber nicht nur *unsere* scheinbare Welt....) - -b) Die *wahre* Welt angenommen, so könnte sie immer noch die *geringere -an Wert* für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem -Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der -*Schein* an sich ein Verwerfungsurteil begründete?) - -c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den *Graden der Werte* -und den *Graden der Realität* (so daß die obersten Werte auch die -oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der -Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte *kennen*: -nämlich, daß diese Rangordnung eine *moralische* ist.... Nur in dieser -Voraussetzung ist die *Wahrheit* notwendig für die Definition alles -Höchstwertigen. - - -B. - -Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die *wahre Welt* abschafft. -Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der *Welt, die wir -sind*: sie war bisher unser gefährlichstes *Attentat* auf das Leben. - -*Krieg* gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt -fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die *moralischen -Werte die obersten* seien. - -Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen -werden könnte als die Folge einer *unmoralischen* Wertung: als ein -Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst -auf einen *Anschein*, und als *Anschein* hätte sie, von sich aus, kein -Recht mehr, den Schein zu verurteilen. - - -C. - -Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er -ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht. -Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller *unmoralischen* Mittel -bedient: die Metaphysiker voran -- - -Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die -moralischen Werte die obersten Werte seien. Die *Methodik der -Forschung* ist erst erreicht, wenn alle *moralischen Vorurteile* -überwunden sind: -- sie stellte einen Sieg über die Moral dar.... - - -386. - -Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie -die *Dinge an sich* beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge -an sich! Gesetzt aber sogar, es *gäbe* ein An-sich, ein Unbedingtes, -so könnte es eben darum *nicht erkannt werden*! Etwas Unbedingtes kann -nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen -ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ -- --; ein solch -Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und -daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich -ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen*wollen* und dem Verlangen, daß -es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, -weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht *ist*, also auch -gar nicht erkannt werden kann. -- Erkennen heißt „sich in Bedingung -setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst -unsrerseits bedingen -- -- es ist also unter allen Umständen ein -*Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen* (*nicht* ein -*Ergründen* von Wesen, Dingen, „An-sichs“). - - -387. - -Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“: - -denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften, - -das heißt, *es gibt kein Ding ohne andre Dinge*, - -das heißt, es gibt kein „Ding an sich“. - - -388. - -Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle -„Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt -nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns *hinzufingiert* -ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung, -der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen, -Eigenschaften, Tätigkeiten). - - -389. - -„Dinge, die eine Beschaffenheit *an sich* haben“ -- eine dogmatische -Vorstellung, mit der man absolut brechen muß. - - -390. - -Daß die Dinge eine *Beschaffenheit an sich* hätten, ganz abgesehen von -der Interpretation und Subjektivität, ist *eine ganz müßige Hypothese*: -es würde voraussetzen, daß das *Interpretieren* und *Subjektsein* -*nicht* wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch -Ding sei. - -Umgekehrt: der anscheinende *objektive* Charakter der Dinge: könnte -er nicht bloß auf eine *Graddifferenz* innerhalb des Subjektiven -hinauslaufen? -- daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“ -dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, -- daß das Objektive nur -ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre *innerhalb* des Subjektiven? - - -391. - -Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine -„Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern *ein -Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand -geben kann*. - -Das „was ist das?“ ist eine *Sinnsetzung* von etwas anderem aus -gesehen. Die „*Essenz*“, die „*Wesenheit*“ ist etwas Perspektivisches -und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das -für *mich*?“ (für uns, für alles, was lebt usw.). - -Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist -das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit -seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so -ist das Ding immer noch nicht „definiert“. - -Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine *Meinung* über das -„Ding“. Oder vielmehr: das „*es gilt*“ ist das eigentliche „*es ist*“, -das einzige „das ist“. - -Man darf nicht fragen: „*wer* interpretiert denn?“ sondern das -Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein -(aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein *Prozeß*, ein *Werden*) als -ein Affekt. - -Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, -Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso -als alle Eigenschaften. -- Selbst „das Subjekt“ ist ein solches -Geschaffenes, ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die -*Kraft*, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im -Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also -das *Vermögen* im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im -Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und -die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt. - - -392. - -Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den -gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner -Unterscheidung „*Erscheinung*“ und „*Ding an sich*“, -- er hatte sich -selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen -Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf -eine *Ursache* der Erscheinung als unerlaubt ablehnte -- gemäß seiner -Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen *rein intraphänomenaler* -Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon -vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, -sondern *gegeben* sei. - - -393. - -Es liegt auf der Hand, daß *weder* Dinge an sich miteinander im -Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, *noch* Erscheinung -mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und -Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an -Erscheinungen glaubt, *nicht anwendbar* ist. Die Fehler Kants --.... -Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch -nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf -Wille wirkend glaubt, -- die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde -nur an „*Seelen*“ (und *nicht* an Dinge). Innerhalb der mechanischen -Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und -Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel -- mit -der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen, -wohl aber etwas bezeichnet, *verzeichnet* wird. - - -394. - -Gegen den *Wert* des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität, -Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das -verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange ~vita~ -- - - -III. Die Natur -- ein Machtwille. - - -1. Die anorganische Natur. - - -395. - -Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können -durch nichts verhindern, bloße *Quantitätsdifferenzen* als etwas von -Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als *Qualitäten*, -die nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das -Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, -gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt -alle unsre Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen) -gerade an den Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein -zugehörigen perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings -nicht „erkannt“ werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von -uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in -einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre -eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese -unsre menschlichen Auslegungen und Werte allgemeine und vielleicht -konstitutive Werte sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des -menschlichen Stolzes. - - -396. - -Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, *Quantitäten* festzustellen; -aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als -*Qualitäten* zu empfinden. Die Qualität ist eine *perspektivische* -Wahrheit für *uns*; kein „An sich“. - -Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb -deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im -Verhältnis zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne -um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde -gehen: -- das heißt, wir empfinden auch *Größenverhältnisse* in bezug -auf unsre Existenzermöglichung als *Qualitäten*. - - -397. - -Von den *Weltauslegungen*, welche bisher versucht worden sind, scheint -heutzutage die *mechanistische* siegreich im Vordergrund zu stehen. -Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine -Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg, -es sei denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen -ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und -die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß -bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein -schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende -Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf -Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, -wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck -erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt -sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung -stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die -Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten -Loche werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in -höchsten Nöten ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“, -man wird die ~actio in distans~ nicht los: -- man hat den Glauben -an das Erklären-können selber verloren und gibt mit sauertöpfischer -Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die -dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, den -Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei -man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität -- - - -398. - -Der mechanistische Begriff der „*Bewegung*“ ist bereits eine -Übersetzung des Originalvorgangs in die *Zeichensprache von Auge und -Getast*. - -Der Begriff „*Atom*“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der -treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine *Zeichensprache aus unsrer -logisch-psychischen Welt her*. - -Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern: -es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die -Forderung einer *adäquaten Ausdrucksweise* ist *unsinnig*: es liegt -im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße *Relation* -auszudrücken.... Der Begriff „Wahrheit“ ist *widersinnig*. Das ganze -Reich von „wahr -- falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen -Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein „Wesen an sich“ (die -*Relationen* konstituieren erst Wesen --), so wenig es eine „Erkenntnis -an sich“ geben kann. - - -399. - -*Druck* und *Stoß* etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, -Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das *zusammenhält* -und drücken und stoßen *kann*! Aber woher hielte es zusammen? - - -400. - -*Gegen* das physikalische *Atom*. -- Um die Welt zu begreifen, müssen -wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir -konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen -konstanten Ursachen finden, *erdichten* wir uns welche -- die Atome. -Dies ist die Herkunft der Atomistik. - -Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in -Formeln -- ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer -Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln -abgekürzt werden kann, berechnet wäre? -- Sodann die „konstanten -Ursachen“, Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; *erdichtet* -- -was hat man erreicht? - - -401. - -„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine -vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine *Absicht* ein -Anziehen nicht denken. -- Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen -oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen -- *das* -„verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten. - -Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt -in der *Unvorstellbarkeit* eines *Geschehens ohne Absichten*: womit -natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen -Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an ~causae~ fällt mit dem -Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus). - - -402. - -Wir haben „Einheiten“ nötig, um *rechnen* zu können: deshalb ist nicht -anzunehmen, daß es solche Einheiten *gibt*. Wir haben den Begriff -der Einheit entlehnt von unserm „Ich“-Begriff, -- unserm ältesten -Glaubensartikel. Wenn wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten -wir nie den Begriff „Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir -reichlich davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs nichts -für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um die mechanistische -Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer die Klausel zu machen, -inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen durchführen: dem Begriff der -*Bewegung* (aus unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des -*Atoms* (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“ herstammend): -- -sie hat ein *Sinnenvorurteil* und ein *psychologisches Vorurteil* zu -ihrer Voraussetzung. - -Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu semiotisch, in -sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln (daß alle Wirkung -*Bewegung* ist; daß, wo Bewegung ist, *etwas* bewegt wird): sie berührt -die ursächliche Kraft nicht. - -Die *mechanistische* Welt ist so imaginiert, wie das Auge und das -Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), -- so, daß sie -berechnet werden kann, -- daß ursächliche Einheiten fingiert sind, -„Dinge“ (Atome), deren Wirkung konstant bleibt (-- Übertragung des -falschen Subjektsbegriffs auf den Atombegriff). - -*Phänomenal* ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, des -Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs (Trennung von -Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs (Auge und Getast): wir -haben unser *Auge*, unsre *Psychologie* immer noch darin. - -Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge übrig, sondern -dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen andern -dynamischen Quanten: deren Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern -Quanten besteht, in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur -Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein *Pathos* -- ist -die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein Werden, ein Wirken -ergibt.... - - -403. - -Der siegreiche Begriff „*Kraft*“, mit dem unsere Physiker Gott und -die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß -ihm ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne -als „*Willen zur Macht*“, das heißt als unersättliches Verlangen -nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als -schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung in die -Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig eine abstoßende -Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle -„Erscheinungen“, alle „Gesetze“ nur als *Symptome* eines *innerlichen* -Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem Ende -bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine -Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus -dieser einen Quelle. - - -404. - -Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, als sie -Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch wäre zu machen, ob nicht -eine wissenschaftliche Ordnung der Werte einfach auf einer *Zahl-* -und *Maßskala der Kraft* aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“ -sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. -- Sie sind überall -*reduzierbar* auf jene Zahl- und Maßskala der Kraft. Das *Aufwärts* in -dieser Skala bedeutet jedes *Wachsen an Wert*: das Abwärts in dieser -Skala bedeutet *Verminderung des Wertes*. - -Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. (Die Moralwerte -sind ja nur *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.) - - -405. - -„Die *Kraftempfindung* kann nicht aus Bewegung hervorgehen: Empfindung -überhaupt kann nicht aus Bewegung hervorgehen.“ - -„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in einer Substanz -(Gehirn) wird durch übertragene Bewegung (Reize) Empfindung erzeugt. -Aber erzeugt? Wäre denn bewiesen, daß die Empfindung dort noch -gar nicht existiert? so daß ihr Auftreten als *Schöpfungsakt* der -eingetretenen Bewegung aufgefaßt werden *müßte*? Der empfindungslose -Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine Erfahrung! --- Empfindung also *Eigenschaft* der Substanz: es gibt empfindende -Substanzen.“ - -„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung *nicht* -haben? Nein, wir erfahren nur nicht, *daß* sie welche haben. Es -ist unmöglich, die Empfindung aus der nicht empfindenden Substanz -abzuleiten.“ -- *O der Übereilung!* - - -406. - -Ist jemals schon eine *Kraft* konstatiert? Nein, sondern *Wirkungen*, -übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im -Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns *über das -Wunderliche daran nicht wundern*. - - -407. - -Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein leeres Wort -und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: wie die sogenannte -rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft, welche uns die Welt -*vorstellbar machen will*, nichts weiter! - - -408. - -Illusion, daß etwas *erkannt* sei, wo wir eine mathematische Formel für -das Geschehene haben: es ist nur *bezeichnet, beschrieben*: nichts mehr! - - -409. - -Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine *Formel* bringe, so habe -ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt -usw. Aber ich habe kein „Gesetz“ konstatiert, sondern die Frage -aufgestellt, woher es kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist -eine Vermutung, daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten -Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, zu denken, -daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so daß infolge ihres Gehorsams -wir jedesmal das gleiche Phänomen haben. - - -410. - -Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist -kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen zwei oder mehreren -Kräften. Zu sagen, „aber gerade dies Verhältnis bleibt sich gleich!“ -heißt nichts anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine -andere Kraft sein.“ -- Es handelt sich nicht um ein *Nacheinander*, -- -sondern um ein *Ineinander*, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich -folgenden Momente *nicht* als Ursachen und Wirkungen sich bedingen.... - -Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens von einem, der -geschehen *macht*, des Prozesses von einem etwas, das nicht Prozeß, -sondern dauernd, *Substanz*, Ding, Körper, Seele usw. ist, -- der -Versuch, das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und -Stellungswechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie -hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in -den sprachlich-grammatischen Funktionen eine feste Form gefunden hatte. - - -411. - -*Kritik des Mechanismus.* -- Entfernen wir hier die zwei populären -Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: das erste legt einen falschen -Zwang, das zweite eine falsche Freiheit in die Welt. „Die Dinge“ -betragen sich nicht regelmäßig, nicht nach einer *Regel*: es gibt keine -Dinge (-- das ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter -einem Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn *daß -etwas so ist, wie es ist*, so stark, so schwach, das ist nicht die -Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines Zwanges.... - -Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht -- darum handelt -es sich bei allem Geschehen: wenn *wir*, zu unserm Handgebrauch der -Berechnung, das in Formeln und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so -besser für uns! Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt -gelegt, daß wir sie als gehorsam fingieren -- - -Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte -Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen gibt, darauf beruht die -Berechenbarkeit. - -Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, und die, der es -widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: die an sich denkbar -wäre. Es ist essentiell ein Wille zur Vergewaltigung und sich gegen -Vergewaltigung zu wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in -das ganze Sein hinaus, -- es ist weggedacht, wenn man diese Strahlung -von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich es ein Quantum „*Wille zur -Macht*“: damit ist der Charakter ausgedrückt, der aus der mechanischen -Ordnung nicht weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken. - -Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine *sichtbare* Welt -- -eine Welt fürs Auge -- ist der Begriff „Bewegung“. Hier ist immer -subintelligiert, daß *etwas* bewegt wird, -- hierbei wird, sei es nun -in der Fiktion eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion, -dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, welches wirkt, -- -das heißt, wir sind aus der Gewohnheit nicht herausgetreten, zu der -uns Sinne und Sprache verleiten. Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun, -das Tun und das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies -eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik als eine -Lehre der *Bewegung* ist bereits eine Übersetzung in die Sinnensprache -des Menschen. - - -412. - -Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher -Ausdruck, *wie als ob* hier eine Regel befolgt werde, kein Tatbestand. -Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer -wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir *kein -„Gesetz“ entdeckt*, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur -Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so geschieht, wird -hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen -ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während -es, abgesehen vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber -gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, -das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, -sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch -etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder -frei noch unfrei, sondern eben so und so. *Der Fehler steckt in der -Hineindichtung eines Subjekts.* - - -413. - -Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der *eine* „Ursache“, der andere -„Wirkung“ -- : ist falsch. Der erste Zustand hat nichts zu bewirken, den -zweiten hat nichts bewirkt. - -Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen Elemente: -es wird ein Neuarrangement der Kräfte erreicht, je nach dem Maß von -Macht eines jeden. Der zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom -ersten (*nicht* dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im Kampf -befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten herauskommen. - - -414. - -Ich hüte mich, von chemischen „*Gesetzen*“ zu sprechen: das hat einen -moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute -Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das -Schwächere Herr, soweit dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht -durchsetzen kann, -- hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch -weniger eine Achtung vor „Gesetzen“! - - -415. - -Es gibt nichts *Unveränderliches* in der Chemie: das ist nur -Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das Unveränderliche -*eingeschleppt*, immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker. -Es ist ganz naiv von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der -Diamant, der Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil -man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren kann! Nun gut, -damit haben sie noch etwas gemein; aber die Molekülarbeit bei der -Verwandlung, die wir nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem -einen Stoff etwas andres, -- mit spezifisch anderen Eigenschaften. - - -416. - -Das „Sein“ -- wir haben keine andere Vorstellung davon als „*leben*“. --- Wie kann also etwas Totes „sein“? - - -2. Die organische Natur. - - -417. - -Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen -Ernährungsvorgang, heißen wir „*Leben*“. Zu diesem Ernährungsvorgang, -als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen, -Vorstellen, Denken, das heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen -Kräfte; 2. ein Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3. -ein Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung. - - -418. - -Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden -Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. „Leben“ wäre zu definieren -als eine dauernde Form von *Prozessen* der *Kraftfeststellungen*, wo -die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern -auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht -durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß -die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt, -aufgelöst. „Gehorchen“ und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels. - - -419. - -Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch *zugegen*: was -ist bei diesem Vorgange mit Augen und Getast wahrzunehmen gewesen? Was -ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen? -Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein *Geschehen für Auge -und Getast* zurechtlegen, folglich als Bewegungen: er will *Formeln* -finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen zu *vereinfachen*. -*Reduktion alles Geschehens* auf den Sinnenmenschen und Mathematiker. -Es handelt sich um ein *Inventarium der menschlichen Erfahrungen*: -gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das *menschliche Auge und -Begriffsvermögen*, der ewige Zeuge aller Dinge gewesen sei. - - -420. - -Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, -- daß es -seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen -muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moralnarkose, von einem -Recht des Individuums, sich zu *verteidigen*; im gleichen Sinne dürfte -man auch von seinem Rechte *anzugreifen* reden: denn *beides* -- und -das Zweite noch mehr als das Erste -- sind Nezessitäten für jedes -Lebendige: -- der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht -Sache der Wahl oder gar des „freien Willens“, sondern die *Fatalität* -des Lebens selbst. - -Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen -Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ ins Auge faßt. Das -Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstverteidigung) -ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt: -ein Recht wird durch Verträge erworben, -- aber das Sich-wehren und -Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens -dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfnis, -sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr -und Kolonisation, als Recht bezeichnen, -- Wachstumsrecht etwa. Eine -Gesellschaft, die, endgültig und ihrem *Instinkt* nach, den Krieg und -die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie -und Krämerregiment.... In den meisten Fällen freilich sind die -Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel. - - -421. - -Die Physiologen sollten sich besinnen, den „*Erhaltungstrieb*“ als -einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor allem -will etwas Lebendiges seine Kraft *auslassen*: die „Erhaltung“ ist -nur eine der Konsequenzen davon. -- Vorsicht vor *überflüssigen* -teleologischen Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff -„Erhaltungstrieb“. - - -422. - -„Der Wert des Lebens.“ -- Das Leben ist ein Einzelfall; man muß *alles* -Dasein rechtfertigen und *nicht* nur das Leben, -- das rechtfertigende -Prinzip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt. - -Das Leben ist nur *Mittel* zu etwas: es ist der Ausdruck von -Wachstumsformen der Macht. - - -423. - -Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im Protoplasma -nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt -auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung -bedingen würde: und vor allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern -*zerfällt*.... Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses -Sich-*nicht*-erhalten-wollen zu erklären: „Hunger“ ist schon eine -Ausdeutung nach ungleich komplizierteren Organismen (-- Hunger ist -eine spezialisierte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der -Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes). - - -424. - -Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht -mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist -Folge einer Ohnmacht. - -Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen -aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers. - - -425. - -Spott über den falschen „*Altruismus*“ bei den Biologen: die -Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als -purer Vorteil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe. - - -426. - -„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie -- das heißt: im Kampf -mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon -das *Mehrgefühl*, das Gefühl des *Stärkerwerdens*, ganz abgesehen vom -Nutzen im Kampf, der eigentliche *Fortschritt*: aus diesem Gefühle -entspringt erst der Wille zum Kampf, -- - - -427. - -„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos der Entwicklung -ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug auf möglichste Feststellung -und Dauerhaftigkeit des Entwickelten. - - -428. - -*Gegen den Darwinismus.* -- Der Nutzen eines Organs erklärt *nicht* -seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine -Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm -nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden. - -Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug *worauf* -nützlich?“ Zum Beispiel was der *Dauer* des Individuums nützt, könnte -seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält, -könnte es zugleich festhalten und stillstellen in der Entwicklung. -Andererseits kann ein *Mangel*, eine *Entartung* vom höchsten Nutzen -sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann -eine *Notlage* Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf -das Maß herunterschraubt, bei dem es *zusammenhält* und sich nicht -vergeudet. -- Das Individuum selbst als Kampf der Teile (um Nahrung, -Raum usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein *Siegen*, *Vorherrschen* -einzelner Teile, an ein *Verkümmern*, „Organwerden“ anderer Teile. - -Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins Unsinnige -*überschätzt*: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure -gestaltende, von innen her formenschaffende Gewalt, welche die „äußeren -Umstände“ *ausnützt, ausbeutet*.... Die von innen her gebildeten -*neuen* Formen sind *nicht* auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf -der Teile wird eine neue Form nicht lange *ohne* Beziehung zu einem -partiellen Nutzen stehen und dann, dem *Gebrauche* nach, sich immer -vollkommener ausgestalten. - - -429. - -*Anti-Darwin.* -- Was mich beim Überblick über die großen Schicksale -des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegenteil vor Augen -zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen -*will*: die Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen, -den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift sich mit -Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der -höher geratenen Typen, das unvermeidliche Herrwerden der mittleren, -selbst der *unter-mittleren* Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den -Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist, -neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins sich überall getäuscht -hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter -aller Veränderung wiedererkenne, gibt uns das Mittel an die Hand, -warum gerade die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle -nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn -sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der -Schwachen, die Überzahl gegen sich haben. Mein Gesamtaspekt der Welt -der Werte zeigt, daß in den obersten Werten, die über der Menschheit -heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die -Oberhand haben: vielmehr die Typen der ~décadence~, -- vielleicht -gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses *unerwünschte* -Schauspiel.... - -So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die -Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen -die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur -*Moral* formulieren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr -wert als die Ausnahmen; die ~décadence~-Gebilde mehr als die Mittleren; -der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben -- und -das Gesamtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch -ausgedrückt: „besser *nicht* sein, als sein“. - -Gegen die Formulierung der Realität zur Moral *empöre* ich mich: -deshalb perhorresziere ich das Christentum mit einem tödlichen Haß, -weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften -Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu -geben.... - -Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien -vor der Realität vom *umgekehrten* Kampf ums Dasein, als ihn die -Schule Darwins lehrt, -- nämlich ich sehe überall die obenauf, die -übrigbleibend, die das Leben, den Wert des Lebens kompromittieren. -- -Der Irrtum der Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind -sein, um gerade *hier* falsch zu sehen? - -Daß die *Gattungen* einen Fortschritt darstellen, ist die -unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie -ein *Niveau* dar. Daß die höheren Organismen aus den niederen sich -entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß -die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im -Übergewicht sind, -- ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung -einen Vorteil abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit: -diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige -Veränderung derartig stark geworden ist. - -Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man so viel redet, an -einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie -schont und schützt und liebt ~les humbles~. - -~In summa~: das Wachstum der *Macht* einer Gattung ist durch die -Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger -garantiert als durch die Präponderanz der mittleren und niederen -Typen.... In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit -ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle -Zahlverminderung. - - -430. - -*Anti-Darwin.* -- Die *Domestikation des Menschen*: welchen definitiven -Wert kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen -definitiven Wert? -- Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen. - -Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegenteil -zu überreden: sie will, daß die *Wirkung der Domestikation* tief, ja -fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat -sich nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung -durch Domestikation -- oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der -menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in -seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt konstant: man kann nicht -„~dénaturer la nature~“. - -Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen -Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich -imaginiert man ein *beständiges Wachstum der Vollkommenheit für die -Wesen*. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das -Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; daß die -List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; daß die *Fruchtbarkeit* -der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den *Chancen der -Zerstörung* steht.... - -Man teilt der *natürlichen Selektion* zugleich langsame und unendliche -Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vorteil sich vererbt und -sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während -die Erblichkeit so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen -Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen, und -man erklärt, daß sie durch den *Einfluß des Milieus* erlangt seien. - -Man findet aber Beispiele *der unbewußten Selektion* nirgendswo -(ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die -extremen mischen sich in die Masse. Alles konkurriert, seinen Typus -aufrechtzuerhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen -gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter -Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen, -wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem -Milieu an. - -Man hat die *Auslese der Schönsten* in einer Weise übertrieben, wie -sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht! -Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Kreaturen, das -Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen -von jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und gar nicht -wählerisch zeigen. -- Modifikation durch Klima und Nahrung: -- aber in -Wahrheit absolut gleichgültig. - -Es gibt keine *Übergangsformen*. -- - -Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes -Fundament. Jeder Typus hat seine *Grenze*: über diese hinaus gibt es -keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit. - -*Meine Gesamtansicht.* -- *Erster Satz*: der Mensch als Gattung ist -*nicht* im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie -halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird *nicht* gehoben. - -*Zweiter Satz*: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt -im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. Die gesamte Tier- und -Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren.... -Sondern alles zugleich und übereinander und durcheinander und -gegeneinander. Die reichsten und komplexesten Formen -- denn mehr -besagt das Wort „höherer Typus“ nicht -- gehen leichter zugrunde: -nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest. -Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere -haben eine kompromittierende Fruchtbarkeit für sich. -- Auch in der -Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die *höheren -Typen*, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde. Sie -sind jeder Art von ~décadence~ ausgesetzt: sie sind extrem, und damit -selbst beinahe schon ~décadents~.... Die kurze Dauer der Schönheit, -des Genies, des Cäsar ist ~sui generis~: dergleichen vererbt sich -nicht. Der *Typus* vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein -„Glücksfall“.... Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen -Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer Typus“: der -höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Komplexität, -- -eine größere Summe koordinierter Elemente dar: damit wird auch die -Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die -sublimste Maschine, die es gibt, -- folglich die zerbrechlichste. - -*Dritter Satz*: die Domestikation (die „Kultur“) des Menschen geht -nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenereszenz -(Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch (oder, moralisch ausgedrückt: -der *böse* Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur -- und, in gewissem -Sinne, seine Wiederherstellung, seine *Heilung* von der „Kultur“.... - - -431. - -*Grundirrtümer* der bisherigen Biologen: es handelt sich *nicht* um die -Gattung, sondern um *stärker auszuwirkende* Individuen. (Die vielen -sind nur Mittel.) - -Das Leben ist *nicht* Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern -Wille zur Macht, der von innen her immer mehr „Äußeres“ sich unterwirft -und einverleibt. - -Diese Biologen *setzen* die moralischen Wertschätzungen *fort* (-- -der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die Feindschaft gegen die -Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die -Rang- und Ständeordnung). - - -432. - -Die *Individuation*, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurteilt, -zeigt das beständige Zerfallen von eins in zwei und das ebenso -beständige Vergehen der Individuen *auf den Gewinn von wenig* -Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt -jedesmal ab („der Leib“). - -Das Grundphänomen: *unzählige Individuen geopfert um weniger willen*: -als deren Ermöglichung. -- Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz -so steht es mit den *Völkern* und *Rassen*: sie bilden den „Leib“ zur -Erzeugung von einzelnen *wertvollen Individuen*, die den großen Prozeß -fortsetzen. - - -433. - -Mit der moralischen Herabwürdigung des ~ego~ geht auch noch, in der -Naturwissenschaft, eine Überschätzung der *Gattung* Hand in Hand. Aber -die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ~ego~: man hat eine -falsche Distinktion gemacht. Das ~ego~ ist hundertmal *mehr* als bloß -eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die *Kette selbst*, ganz -und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit -dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft -behauptet worden ist, das Individuum der Gattung *geopfert* wird, ist -durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften -Interpretation. - - -434. - -Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil der -*Gattung*, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des -eigenen Vorteils: das ist nur *Schein*. - -Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den *geschlechtlichen -Instinkt* nimmt, ist nicht eine *Folge* von dessen Wichtigkeit für -die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des -Individuums und sein höchstes Interesse folglich, *seine höchste -Machtäußerung* (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern -von dem Zentrum der ganzen Individuation). - - -435. - -Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von *Erhaltungs-, -Steigerungsbedingungen* in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer -Dauer des Lebens innerhalb des Werdens. - -Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine -Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns *hineingelegt* (aus -praktischen, nützlichen, perspektivischen Gründen). - -„*Herrschaftsgebilde*“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend -wachsend oder unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung ---) periodisch abnehmend, zunehmend. - -„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen -dieser herrschaftlichen Zentren („Vielheiten“ jedenfalls; aber die -„Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden). - -Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das „Werden“ -auszudrücken: es gehört zu unserm *unablöslichen Bedürfnis der -Erhaltung*, beständig eine gröbere Welt von Bleibendem, von „Dingen“ -usw. zu setzen. Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und -gewiß ist, daß die *kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist*.... -Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, die beständig ihre -Macht mehren oder verlieren. - - -3. Der Mensch als Naturwesen. - - -436. - -Der Mensch. - -Am *Leitfaden des Leibes*. -- Gesetzt, daß die „*Seele*“ ein -anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, von dem sich die -Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben -- vielleicht -ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch -anziehender, noch geheimnisvoller. Der menschliche *Leib*, an dem die -ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens -wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg -und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der -Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte „Seele“. Es ist zu -allen Zeiten besser an den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz, -unser gewissestes Sein, kurz, unser ~ego~ geglaubt worden als an den -Geist (oder die „Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt -statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als -einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine -Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen als „von einem Gott -eingeblasen“, seine Instinkte als Tätigkeit im Dämmern zu fassen -- -für diesen Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern -der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern, -eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung -reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen -der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische -Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, etwas wie -Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen, „das -kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf“. -- Umgekehrt -haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten -Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als -Täuschung (und zwar als überwundene und abgetane Täuschung) zu nehmen, -nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit anzuerkennen, daß der -Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse teils -bei Paulus, teils in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was -bedeutet zuletzt *Stärke des Glaubens*? Deshalb könnte es immer noch -ein sehr dummer Glaube sein! -- Hier ist nachzudenken: -- - -Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses -ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten -behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des -Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist? -Gesetzt, die Vielheit und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles -die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären -Irrtümer -- welches Mißtrauen würde dies gegen den Geist erregen, der -uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat? Genug, der Glaube an den -Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube -an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am -gründlichsten auch den Glauben an die Autorität des Geistes! - - -437. - -Der Leib als Herrschaftsgebilde. - -Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der -Zellen und Gewebe). - -Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich -durch *Herunterdrückung* eines niederen auf eine Funktion. - -Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht. - -„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des -Willens zur Macht. - -Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht der -herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren. - -Die *gestaltende* Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr -„Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines -Organismus aus dem Ei. - -„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die -Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge -beschreiben, nicht erklären. - -Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der Pflanzen. - -Begriff der „Vervollkommnung“: *nicht* nur größere Kompliziertheit, -sondern größere *Macht* (-- braucht nicht nur größere Masse zu sein --). - -Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht -in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug -die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und -beweglichstes Werkzeug). - - -438. - -In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus -ist der uns *bewußt* werdende Teil ein bloßes Mittel: und das bißchen -„Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine -vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen -gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen -Unmoralität zu studieren.... - -Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach wichtiger -als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: letztere sind ein -Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen -Funktionen. Das ganze *bewußte* Leben, der Geist samt der Seele, samt -dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet -es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-, -Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor allem der -*Lebenssteigerung*. - -Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“ -nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette -des Lebens fortzuspinnen, und so, *daß der Faden immer mächtiger wird* --- das ist die Aufgabe. - -Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich -verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu *verkehren*: wie als ob -*sie* die Ziele wären!.... Die *Entartung des Lebens* ist wesentlich -bedingt durch die außerordentliche *Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins*: -es wird am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und *vergreift* -sich deshalb am längsten und gründlichsten. - -Nach den *angenehmen* und *unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins* -abmessen, ob das Dasein *Wert* hat: kann man sich eine tollere -Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: -- und -angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel! - -Woran mißt sich objektiv der *Wert*? Allein an dem Quantum -*gesteigerter* und *organisierter* Macht.... - - -439. - -Die normale *Unbefriedigung* unsrer Triebe, zum Beispiel des Hungers, -des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus -noch nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das -Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen -es *stärkt*, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese -Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große *Stimulans* -des Lebens. - -(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus -kleiner Unlustreize.) - - -440. - -Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, -- ich will sagen, er ist -*nicht* deren Gegenteil. - -Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden ist als ein -*Plusgefühl* von Macht (somit als ein Differenzgefühl, das die -Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der „Unlust“ -noch nicht definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und -*folglich* die Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln -für den Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art -Lust bedingt ist durch eine gewisse *rhythmische Abfolge* kleiner -Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls, -des Lustgefühls erreicht. Dies ist der Fall zum Beispiel beim Kitzel, -auch beim geschlechtlichen Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen -dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust tätig. Es scheint, -eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort wieder eine -kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird -- dieses Spiel -von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger, -überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht. - -Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine -eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts -Umgekehrtes. - -Der Schmerz ist ein *intellektueller* Vorgang, in dem entschieden -ein Urteil laut wird, -- das Urteil „*schädlich*“, in dem sich lange -Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt es keinen Schmerz. Es ist -*nicht* die Verwundung, die weh tut; es ist die Erfahrung, von welchen -schlimmen Folgen eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann, -welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt -(bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt -geblieben sind, zum Beispiel von seiten neu kombinierter giftiger -Chemikalien, fehlt auch die Aussage des Schmerzes, -- und wir sind -verloren). - -Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange -Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden Choks im -zerebralen Herde des Nervensystems: -- man leidet eigentlich *nicht* -an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner Verletzung zum Beispiel), -sondern an der langen Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks -eintritt. Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde, -die Lust ist durchaus keine Krankheit. - -Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat zwar den -Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil für sich; aber in -plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die Gegenbewegung -ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um -mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum -an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu tun ist, -zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide ich so deutlich als -möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten, -folgt und dann in einer meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter -Welle plötzlich im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also -*nicht* auf den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die -verwundete Stelle: -- aber das Wesen dieses Lokalschmerzes ist trotzdem -nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung; er ist ein bloßes -Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart der Verwundung gemäß ist, welche -die Nervenzentren davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die -Muskelkraft des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durchaus noch -keinen Anhalt dafür, das *Wesen* des Schmerzes in einer Verminderung -des Machtgefühls zu suchen. - -Man reagiert, nochmals gesagt, *nicht* auf den Schmerz: die Unlust ist -keine „Ursache“ von Handlungen. Der Schmerz selbst ist eine Reaktion, -die Gegenbewegung ist eine andre und *frühere* Reaktion, -- beide -nehmen von verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt.... - - -441. - -Man hat die Unlust verwechselt mit einer *Art* der Unlust, mit der der -Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine tiefe Verminderung und -Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar. -Das will sagen: es gibt a) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der -Macht, und b) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Falle -ein ~stimulus~, im letztern die Folge einer übermäßigen Reizung.... -Die Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die -Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust, -welche im Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das -Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg.... - -Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie -diese beiden *Lustarten* -- die des *Einschlafens* und die des -*Sieges* -- nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften wollen Ruhe, -Gliederausstrecken, Frieden, Stille, -- es ist das *Glück* der -nihilistischen Religionen und Philosophien; die Reichen und Lebendigen -wollen Sieg, überwundene Gegner, Überströmen des Machtgefühls über -weitere Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus -haben dies Bedürfnis, -- und der ganze Organismus ist ein solcher nach -Wachstum von Machtgefühlen ringender Komplex von Systemen -- -- -- - - -442. - -Intellektualität des *Schmerzes*: er bezeichnet nicht an sich, was -augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen *Wert* die Schädigung -hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum. - -Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und *nicht* das Individuum -leidet --? - - -443. - -„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre das -Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ -- „Die Welt ist etwas, das -vernünftigerweise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr -Unlust als Lust verursacht“ -- dergleichen Geschwätz heißt sich heute -Pessimismus! - -Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werturteile -*zweiten Ranges*, die sich erst ableiten von einem regierenden Wert, -- -ein in Form des Gefühls redendes „nützlich“, „schädlich“, und folglich -absolut flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“ -sind immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen. - -Ich verachte diesen *Pessimismus der Sensibilität*: er ist selbst ein -Zeichen tiefer Verarmung am Leben. - - -444. - -Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie -allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „*Der -Mensch strebt nach Glück*“ zum Beispiel -- was ist daran wahr? Um zu -verstehen, was „Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben -ist, muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Tier gelten. -„Wonach strebt die Pflanze?“ -- aber hier haben wir bereits eine -falsche Einheit erdichtet, die es nicht gibt: die Tatsache eines -millionenfachen Wachstums mit eigenen und halbeigenen Initiativen -ist versteckt und verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ -voranstellen. Daß die letzten kleinsten „Individuen“ *nicht* in -dem Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich -sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt -- das ist zu -allererst sichtbar: aber strebt ein jedes von ihnen, wenn es sich -dergestalt verändert, *nach Glück*? -- Aber alles Sichausbreiten, -Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung -ist essentiell etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was -hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt die -Unlust will und fortwährend aufsucht. -- Worum kämpfen die Bäume eines -Urwaldes miteinander? Um „Glück“? -- Um *Macht*!.... - -Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine -eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden haben folgen, -haben nützlich sein gelernt) -- der Mensch, im Vergleich zu einem -Vormenschen, stellt ein ungeheures Quantum *Macht* dar, -- nicht ein -Plus von „Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück *gestrebt* -habe?.... - - -445. - -*Der Glaube an „Affekte“.* -- Affekte sind eine Konstruktion des -Intellekts, eine *Erdichtung von Ursachen*, die es nicht gibt. -Alle körperlichen *Gemeingefühle*, die wir nicht verstehen, werden -intellektuell ausgedeutet, das heißt ein *Grund* gesucht, um sich -so oder so zu fühlen, in Personen, Erlebnissen usw. Also etwas -Nachteiliges, Gefährliches, Fremdes wird *gesetzt*, als wäre es die -Ursache unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung -*hinzugesucht*, um der *Denkbarkeit* unseres Zustandes willen. -- -Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens -werden als „Zorn“ *interpretiert*: die Personen und Sachen, die uns -zum Zorn reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand. --- Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und -Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der Anblick gewisser -Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls hervorbringt und speziell -irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung usw. mit sich bringt: also -durch die Nachbarschaft. „Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann. - -In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits *Urteile*: die Reize werden -unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht. - -*Der Glaube an das Wollen.* Es ist Wunderglaube, einen Gedanken als -Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die *Konsequenz der -Wissenschaft* verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns -*denkbar* gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw. -uns *denkbar* machen, das heißt sie *leugnen* und als *Irrtümer des -Intellekts* behandeln. - - -446. - -Wenn wir etwas tun, so entsteht ein *Kraftgefühl*, oft schon vor -dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden (wie beim Anblick eines -Feindes, eines Hemmnisses, dem wir uns *gewachsen* glauben): immer -begleitend. Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der -Handlung, es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist der Glaube -an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei -wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren. -- Nirgends aber bewegt -die Kraft die Dinge; die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln -in Bewegung“. „Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung, -keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig wie die Kraft als -Bewegendes die *Notwendigkeit* einer Bewegung.“ Die Kraft soll das -Zwingende sein! „Wir erfahren nur, daß eins auf das andre folgt, -- -weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“ -Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges in den -Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“ entsteht dadurch, -das heißt, wir haben uns den Vorgang angemenschlicht, „bekannter“ -gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit *Kraftgefühl -verbundenen menschlichen Erzwingens*. - - -447. - -Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich -weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den -mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was -gibt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht -im Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der -scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet, -die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder -schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser „Wissen“ und unser „Tun“ -in diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen -Reichen. -- Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch --- was heißt das? Hier ist alles *gewußt*, was zur Durchführung des -Planes gehört, weil alles befohlen werden muß: aber auch hier sind -Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an -die Not des Augenblicks, Maß der Kraft usw. - - -448. - -Die Wissenschaft fragt *nicht*, was uns zum Wollen trieb: sie *leugnet* -vielmehr, daß *gewollt* worden ist, und meint, daß etwas ganz anderes -geschehen sei -- kurz, daß der Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine -Illusion sei. Sie fragt nicht nach den *Motiven* der Handlung, als ob -diese uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie -zerlegt erst die Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen -und sucht die Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung -- aber nicht -im Fühlen, Empfinden, Denken. *Daher* kann sie nie die Erklärung geben: -die Empfindung ist ja eben ihr Material, *das erklärt werden soll*. -- -Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, *ohne* zu Empfindungen als -Ursache zu greifen: denn das hieße ja: *als Ursache* der Empfindungen -die *Empfindungen* ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht -gelöst. - -Also: entweder *kein* Wille -- die Hypothese der Wissenschaft --, oder -*freier* Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir -uns nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese *bewiesen* wäre. - -Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung -gebaut, daß der freie Wille *Ursache sei von jeder Wirkung*: erst daher -haben wir das Gefühl der Kausalität. Also darin liegt auch das Gefühl, -daß jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache -- wenn -der Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind *nicht notwendig*“ --- das *liegt* im Begriff „*Wille*“. Notwendig ist die Wirkung nach -der Ursache -- so fühlen wir. Es ist eine *Hypothese*, daß auch unser -Wollen in jedem Falle ein Müssen sei. - - -449. - -Unfreiheit oder Freiheit des Willens? -- Es gibt *keinen* „*Willen*“: -das ist nur eine vereinfachende Konzeption des Verstandes, wie -„Materie“. - -*Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich vorbereitet sein, -bevor sie gewollt werden.* Oder: der „Zweck“ tritt im Gehirn *zumeist* -erst auf, wenn alles vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck -ein „innerer“ „Reiz“ -- nicht *mehr*. - - -450. - -Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, eines Charakters, -eines Daseins in die *Absicht* gelegt, in den Zweck, um dessentwillen -getan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des -Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, -- gesetzt nämlich, -daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in -den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine -Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen Sinn“, -- diese -melancholische Sentenz heißt „aller Sinn liegt in der Absicht, und -gesetzt, daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und -gar der Sinn“. Man war jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den -Wert des Lebens in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in die -fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des -Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck --- ~progressus in infinitum~ gekommen: man hatte endlich nötig, sich -einen Platz in dem „Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen -Perspektive vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei). - -Dem gegenüber bedarf der „*Zweck*“ einer strengeren Kritik: man muß -einsehen, daß eine Handlung *niemals verursacht wird durch einen -Zweck*; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte -eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten -anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn etwas auf einen Zweck -hin getan wird, etwas Grundverschiedenes und andres geschieht; daß -in bezug auf jede Zweckhandlung es so steht, wie mit der angeblichen -Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße -Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat -„Zweck“, hat „Sinn“ --; daß ein „Zweck“ mit seinen „Mitteln“ eine -unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als -„*Wille*“ zwar kommandieren kann, aber ein System von gehorchenden und -eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten -lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein System von -zweck- und mittelsetzenden *klügeren*, aber engeren Intellekten, um -unserm einzig bekannten „Zweck“ die Rolle der „Ursache einer Handlung“ -zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, -um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer -Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen --). - -Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine *Begleiterscheinung* sein, -in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige -Handlung hervorrufen -- ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses -Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was geschieht, -als ein Symptom selbst vom Geschehen, *nicht* als dessen Ursache? -- -Aber damit haben wir den *Willen selbst* kritisiert: ist es nicht -eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als -Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur -Enderscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem -Hintereinander innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? Dies -könnte eine Illusion sein. -- - - -451. - -Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber -*weiter zurück* liegt eine Vorgeschichte, die *weiter hinaus* deutet: -die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren -*späteren* Tatsache. Die *kürzeren* und die *längeren* Prozesse sind -nicht getrennt -- - - -452. - -Theorie des *Zufalls*. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes -Wesen äußerst klug und schöpferisch *fortwährend* (diese *schaffende* -Kraft gewöhnlich übersehen! nur als „*passiv*“ begriffen). - -Ich erkannte die *aktive Kraft*, das Schaffende inmitten des -Zufälligen: -- Zufall ist selber nur *das Aufeinanderstoßen der -schaffenden Impulse*. - - -453. - -Die *überschüssige* Kraft in der *Geistigkeit*, *sich selbst* neue -Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die -niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“. - -Wir sind *mehr* als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit -den Aufgaben aller Zukünfte der Kette. - - -454. - -Der bisherige Mensch -- gleichsam ein Embryo des Menschen der Zukunft; --- *alle* gestaltenden Kräfte, die auf *diesen* hinzielen, sind in ihm: -und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, -*je mehr es zukunftsbestimmend ist, Leiden*. Dies ist die tiefste -Auffassung des *Leidens*: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. -- Die -Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen -- in Wahrheit fließt -etwas fort *unter* den Individuen. *Daß* es sich einzeln fühlt, ist -der *mächtigste Stachel* im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: -sein Suchen für *sein* Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden -Kräfte andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber -zerstören. - - -IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille. - - -1. Der Mensch als geselliges Wesen. - - -455. - -Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische -Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren -- -Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu -Füßen sehen. - - -456. - -Das Individuum ist etwas ganz *Neues* und *Neuschaffendes*, etwas -Absolutes, alle Handlungen ganz *sein* eigen. - -Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich -selber: weil er auch die überlieferten Worte sich *ganz individuell -deuten* muß. Die *Auslegung* der Formel ist mindestens persönlich, -wenn er auch keine Formel schafft: als *Ausleger* ist er immer noch -schaffend. - - -457. - -Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann -und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich. -Die *zunehmende „Vermenschlichung“* in dieser Tendenz besteht darin, -daß immer *feiner* empfunden wird, wie schwer der andere wirklich -*einzuverleiben* ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über -ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr *entfremdet*, -- -also ihn weniger unterwerfbar macht. - - -458. - -Der *Individualismus* ist eine bescheidene und noch unbewußte Art -des „Willens zur Macht“; hier scheint es dem Einzelnen schon genug, -*freizukommen* von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates -oder der Kirche). Er setzt sich *nicht als Person* in Gegensatz, -sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die -Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv *gleich* an *mit jedem -Einzelnen*; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person, -sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesamtheit. - -Der *Sozialismus* ist bloß ein *Agitationsmittel des Individualismus*: -er begreift, daß man sich, um etwas zu erreichen, zu einer Gesamtaktion -organisieren muß, zu einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die -Sozietät als Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als *Mittel -zur Ermöglichung vieler Einzelnen*: -- das ist der Instinkt der -Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (-- abgesehen, daß sie, -um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische -Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus: eine der gewöhnlichsten -Falschheiten des *neunzehnten* Jahrhunderts. - -Der *Anarchismus* ist wiederum bloß ein *Agitationsmittel des -Sozialismus*; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu -faszinieren und zu terrorisieren: vor allem -- er zieht die Mutigen, -die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten. - -Trotz alledem: der *Individualismus* ist die *bescheidenste* Stufe des -Willens zur Macht. - - * * * * * - -Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man mehr: es -tritt die *Sonderung* heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne -setzt sich nicht ohne weiteres mehr gleich, sondern er *sucht nach -seinesgleichen*, -- er hebt andere von sich ab. Auf den Individualismus -folgt die *Glieder-* und *Organbildung*: die verwandten Tendenzen -sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen diesen -Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger Kräfte, -Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von *Austausch der Leistungen*. -Am Schluß: eine *Rangordnung*. - -Rekapitulation: - -1. Die Individuen machen sich frei; - -2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der Rechte“ überein -(-- „Gerechtigkeit“ als Ziel --); - -3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen *Ungleichheiten der -Kraft* in eine *vergrößerte Wirkung* (weil im großen ganzen der Friede -herrscht und viele kleine Kraftquanta schon Differenzen ausmachen, -solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisieren sich die -Einzelnen zu *Gruppen*; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach -Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von neuem. - -Man will *Freiheit*, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie, -will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu -ihr), will man „*Gerechtigkeit*“, das heißt *gleiche Macht*. - - -459. - -Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um -*obenauf* zu bleiben, das ist das Maß der *Freiheit*, sei es -für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als -positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form -der Individualfreiheit, der Souveränität wüchse demnach mit großer -Wahrscheinlichkeit nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, -dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über -dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten, -wo das „Individuum“ bis zu jener Vollkommenheit *reif*, das heißt -*frei* wird, wo der klassische Typus des *souveränen Menschen* erreicht -ist: o nein! das waren niemals humane Zeiten! - -Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf -- oder unten, wie ein Wurm, -verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben, -um Tyrann, das heißt *frei* zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil, -hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen, -damit kommt man zur „Freiheit der Bewegung“. - - -460. - -Unsre neue „Freiheit“. -- Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu -empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir *nicht* in -ein System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß der -Begriff „Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz -hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, -sondern nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser -Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen -ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine -kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (-- -jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und -Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig -macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische -Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges -sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.) - - -461. - -Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser -Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die ~race moutonnière~ -ansehen, die sie selber sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr -Herren Zukunftssoziologen! Das Individuum ist stark geworden unter -*umgekehrten* Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und -Verkümmerung des Menschen, ihr *wollt* sie selbst und braucht den -ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid *derart*, daß ihr -eure Herdentierbedürfnisse wirklich als *Ideal* empfindet! - -Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit! - - -462. - -Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer -kennzeichnen: das *Individualistische* und die *Forderung gleicher -Rechte*: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine -äußerst verwundbare Eitelkeit: -- diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, -wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt gelte, -daß er nur ~inter pares~ sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse -charakterisiert, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte -nicht erheblich auseinandergehen. Der Stolz, welcher Einsamkeit und -wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständnis; die ganz „großen“ -Erfolge gibt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein -Massenerfolg immer eigentlich ein *kleiner* Erfolg ist: weil ~pulchrum -est paucorum hominum~. - -Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der Menschen; die -Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. Das Individualprinzip lehnt -die *ganz großen* Menschen ab und verlangt unter ungefähr gleichen das -feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und -weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten -Kulturen -- also erwarten kann, sein Teil Ehre zurückzubekommen --, -deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste -statt wie niemals noch: es gibt dem Zeitalter einen Anstrich von -*grenzenloser Billigkeit*. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut -ohne Grenzen *nicht* gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in -den Künsten, sondern gegen die *vornehmen* Menschen, welche das Lob -der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (zum Beispiel über -alles und jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist *antiaristokratisch*. - -Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen -in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die -Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die -größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland; -Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder -Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche -Zustände und der Mangel der *kleinen Eitelkeit* nötig ist. - - -463. - -*Morphologie der Selbstgefühle.* - -*Erster Gesichtspunkt*: inwiefern die *Mitgefühls-* und -*Gemeinschaftsgefühle* die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, -zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung -im einzelnen noch gar nicht möglich ist. - -*Zweiter Gesichtspunkt*: inwiefern die *Höhe des -Kollektivselbstgefühls*, der Stolz auf die Distanz des -Clans, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen -Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des -*Individualselbstgefühls* ist: namentlich insofern sie den Einzelnen -zwingt, den Stolz des Ganzen zu *repräsentieren*: -- er muß reden -und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die -Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich -als *Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit* fühlt. - -*Dritter Gesichtspunkt*: inwiefern diese Formen der *Entselbstung* -tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern -höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst -Zustand des Propheten, Dichters. - -*Vierter Gesichtspunkt*: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze -dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, -eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde -*anerzieht* und *erlaubt*, welche er nicht um seiner selbst willen sich -zugestehen würde. - -~In summa~: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der -Personal*souveränität*. Der vornehme Stand ist der, welcher die -Erbschaft dieser Übung macht. - - -464. - -Die *maskierten* Arten des Willens zur Macht: - -1. Verlangen nach *Freiheit*, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, -Frieden, *Koordination*. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In -niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“. - -2. Die *Einordnung*, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht -zu befriedigen: die *Unterwerfung*, das Sich-unentbehrlich-machen, --nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die *Liebe*, als ein -Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, -- um über ihn zu herrschen. - -3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem -*höheren* Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; die -Anerkennung einer Rangordnung, die das *Richten* erlaubt, auch über die -Mächtigeren; die Selbstverurteilung; die Erfindung *neuer Werttafeln* -(Juden: klassisches Beispiel). - - -465. - -Zum „Macchiavellismus“ der Macht. - -Der *Wille zur Macht* erscheint - -a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille -zur „*Freiheit*“: bloß das *Loskommen* scheint das Ziel -(moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“; -„evangelische Freiheit“ usw.); - -b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille -zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf -den Willen zur „*Gerechtigkeit*“, das heißt zu dem *gleichen Maß von -Rechten*, wie die herrschende Art sie hat; - -c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten als „*Liebe* -zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als -Mitleid; „Selbstopferung“ usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, -In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit -einem großen Quantum Macht, dem man *Richtung zu geben vermag*: der -Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (-- auch die -Geschlechtsliebe gehört hierher: sie *will* die Überwältigung, das -In-Besitz-nehmen, und sie *erscheint* als Sich-hingeben. Im Grunde ist -es nur die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, -- seine -Überzeugung davon, daß ihm das und das *zugehört*, als einem, der -imstande ist, *es zu benutzen*). - -„*Freiheit*“, „*Gerechtigkeit*“ und „*Liebe*“!!! -- - - -466. - -*Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.* -- Hat man begriffen, inwiefern -„Individuum“ ein Irrtum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der *ganze -Prozeß* in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst ---), so hat das Einzelwesen eine *ungeheuer große Bedeutung*. Der -Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt *nachläßt*, -- -wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst für andere sucht, -kann man sicher auf Ermüdung und *Entartung* schließen. Der Altruismus -der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, -sich wenigstens einen *zweiten* Wert zu schaffen, im Dienste *anderer* -Egoismen. Meistens aber ist er nur *scheinbar*: ein *Umweg* zur -Erhaltung des *eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls*. -- - - -467. - -Die *Kunstgriffe*, um Handlungen, Maßregeln, Affekte zu ermöglichen, -welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“, -- auch nicht -mehr „schmackhaft“ sind: - -die *Kunst* „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche -„entfremdete“ Welten eintreten läßt; - -der *Historiker* zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; -der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; -Soziologie; - -die „*Unpersönlichkeit*“ (so daß wir als *Media* eines Kollektivwesens -uns diese Affekte und Handlungen gestatten -- Richterkollegien, Jury, -Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Sozietät, „Kritiker“ --) gibt uns das -Gefühl, *als ob wir ein Opfer brächten*.... - - -468. - -*Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben* -- ist das mein -unwillkürliches Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern -er der *starke Mensch* ist? (Das Urteil *Dostoiewskys* über die -Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.) - - -469. - -Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten -Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der -Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine Tat verkleinernd -und verleumdend, einen *mißglückten Typus von Verbrecher*; und wir -widerstreben der Vorstellung, daß *alle großen Menschen Verbrecher -waren* (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das -Verbrechen zur Größe gehört (-- so nämlich geredet aus dem Bewußtsein -der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen -*hinuntergestiegen* sind --). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen, -dem Gewissen, der Pflicht -- jeder große Mensch kennt diese seine -Gefahr. Aber er *will* sie auch: er *will* das große Ziel und darum -auch dessen Mittel. - - -470. - -Das *Verbrechen* gehört unter den Begriff „Aufstand wider die -gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen Aufständischen nicht: -man *unterdrückt* ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und -verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande nichts zu -verachten, -- und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch -zu sein, erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es gibt -Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte, -weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, gegen das der Krieg not -tut: -- wo er uns aus dem Schlummer weckt. - -Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem Einzelnen, ist -nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im -Kriegszustand ist: die Tat als bloßes Symptom. - -Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: Niederwerfung -eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze -oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht *Verachtung* durch -die Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der -sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, -- ein Mann des Muts. -Man soll insgleichen die Strafe nicht als Buße nehmen; oder als eine -Abzahlung, wie als ob es ein Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und -Strafe, -- die Strafe reinigt nicht, *denn* das Verbrechen beschmutzt -nicht. - -Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen -Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur -*Rasse des Verbrechertums* gehört. In letzterem Falle soll man ihm -den Krieg machen, noch bevor er etwas Feindseliges getan hat (erste -Operation, sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren). - -Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren noch den -niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil anrechnen. Nichts ist -gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein -revoltierter Instinkt, die Ranküne des ~déclassé~ oft nicht sich zum -Bewußtsein gelangt, ~faute de lecture~), daß er unter dem Eindruck -der Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: von -jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der -Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgibt und seiner Tat durch -eine Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine -Beraubung, während es ihm am Blute lag). - -Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach einer einzelnen -Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die -Hautrelieftaten ganz besonders insignifikant. Wenn unsereiner kein -Verbrechen, zum Beispiel keinen Mord, auf dem Gewissen hat -- woran -liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben. -Und täten wir es, was wäre damit an unserm Werte bezeichnet? An sich -würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute, -unter Umständen einen Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen -drücken sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht -fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen -jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und -wertvollsten Bestandteil des russischen Volkes. Wenn bei uns der -Verbrecher eine schlecht ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so -gereicht dies unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in -der Zeit der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine -eigne Art von Tugend, -- Tugend im Renaissancestile freilich, ~virtù~, -moralinfreie Tugend. - -Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht -mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere -Entwürdigung und Schädigung als irgendein Verbrechen. - - -471. - -Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse Bußen -an verächtliche Menschen (Sklaven zum Beispiel) geknüpft wurden. Die, -welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen, und -schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes. - - -472. - -Im alten Strafrecht war ein *religiöser* Begriff mächtig: der der -sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen -Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich -das *los*, für was man so viel hat leiden *wollen*. Gesetzt, daß -an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so gibt es hinterdrein -eine *Erleichterung* und ein *Aufatmen*, das wirklich einer neuen -Gesundheit, einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur seinen -Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst -auch wieder achtungswürdig geworden, -- „rein“.... Heute isoliert -die Strafe noch mehr als das Vergehen; das *Verhängnis* hinter einem -Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man -kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus.... Von jetzt ab -gibt es einen Feind mehr. - -Das ~jus talionis~ *kann* diktiert sein durch den Geist der Vergeltung -(das heißt durch eine Art Mäßigung des Racheinstinktes); aber bei -*Manu* zum Beispiel ist es das Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um -zu *sühnen*, um religiös wieder „frei“ zu sein. - - -473. - -Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren -Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe tun -sollen gemäß der Größe des Verbrechens -- und so wollt ihr's ja -alle im Grunde! -- nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional -seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: -- das heißt, -es dürfte eine *vorherige* Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es -dürfte einen Strafkodex *gar nicht geben*? Aber in Anbetracht, daß es -nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Gradskala seiner -Lust und Unlust festzustellen, so würde man ~in praxi~ wohl auf das -Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich -- -- - - -474. - -Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche, wie -alle moralische Wissenschaft, noch nicht einmal in der Windel liegt! - -Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei sich dünkenden -Juristen, die älteste und wertvollste *Bedeutung* der Strafe -- man -kennt sie gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht -auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die -Völkervergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen -Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als „Philosophie des -Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen Menschen -abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes -Geflecht, auch in bezug auf seine rechtlichen Wertschätzungen, daß er -die verschiedensten *Ausdeutungen* erlaubt. - - -475. - -Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde gehen -sollen, so hätten sie viele Gesetze. - - -476. - -„Lohn und Strafe“. -- Das lebt miteinander, das verfällt miteinander. -Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden *anerkennen*, der -straft.... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man *will* etwas, man hat -Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, *wenn man -sich verträgt*, -- wenn man einen *Vertrag* macht. - -Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“ -gemacht hat: -- der Verbrecher ist ein *Vertragsbrüchiger*.... Das -wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und -*prinzipielle* Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben -dulden.... - - -477. - -Die *Gegenseitigkeit*, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen: -eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie -bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als -*unmoralisch* abwertet.... - - -478. - -Die Zeiten, wo man mit *Lohn* und *Strafe* den Menschen *lenkt*, haben -eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei -*Kindern*.... - -Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz -etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe *aufhebt*.... -Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche -*Bestimmen* der Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen -sind die Impulse so *unwiderstehlich*, daß eine bloße Vorstellung -ganz ohnmächtig ist; -- nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz -gegeben ist, sondern ihm folgen *müssen*: diese extreme Irritabilität -der ~décadents~ macht solche Straf- und *Besserungs*systeme vollkommen -sinnlos. - -Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und -starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder *ausgeglichen* -werden soll, um ihn *nicht* für die Gemeinde zu *verlieren*, um ihn -nicht als *Feind* zu haben. - - -2. Der Staat. - - -479. - -Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich *verantwortlich*. Die Vielheiten -sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen der Einzelne nicht den Mut -hat. Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal -*aufrichtiger* und *belehrender* über das Wesen des Menschen als das -Individuum, welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen Begierden zu -haben.... - -Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als *Privatmannklugheit*: die -Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen einander.... Das Gebot -der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbarliebe -erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle -uns angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns -feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns *deren* -Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.“ - -Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der -Mensch als Gesellschaft viel *naiver* ist als der Mensch als „Einheit“. -Die „Gesellschaft“ hat die *Tugend* nie anders gesehen, denn als Mittel -der Stärke, der Macht, der Ordnung. - -Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner Kraft würde die -Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die -Furcht vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und jeden im -ruhigen Besitz des Seinen läßt.“ - - -480. - -Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten oder auch nur zu -peitschen oder auch nur zu --, aber die ungeheure Maschine von *Staat* -überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das, -was er tut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.). - --- Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates *tut*, geht wider seine -Natur. - --- insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im -Staate *lernt*, geht wider seine Natur. - -Das wird erreicht durch die *Arbeitsteilung* (so daß niemand die ganze -Verantwortlichkeit mehr hat): - -der Gesetzgeber -- und der, der das Gesetz ausführt; - -der Disziplinlehrer -- und die, welche in der Disziplin hart und streng -geworden sind. - - -481. - -Der *Staat* oder die organisierte *Unmoralität*, -- *inwendig*: als -Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; *auswendig*: als Wille -zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache. - -Wie wird es erreicht, daß er eine *große Menge* Dinge tut, zu -denen der *Einzelne* sich nie verstehen würde? -- Durch Zerteilung -der Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch -*Zwischenlegung* der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der -Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der -Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, -- kurz aller typischen -Züge, welche dem Herdentypus *widersprechen*. - - -482. - -Versuch meinerseits, die *absolute Vernünftigkeit* des -gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen (natürlich -frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen). - -: den Grad von *psychologischer Falschheit* und Undurchsichtigkeit, -um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu -*heiligen* (um sich für sie das *gute Gewissen* zu schaffen). - -: den Grad von *Dummheit*, damit eine gemeinsame Regulierung -und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der -Bildungselemente, Dressur). - -: den Grad von *Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit*, um die -Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, -- um ihnen -selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer -Ausnahmehaftigkeit krank sind. - - -483. - -Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also -ein *Werk* bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen -hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von -Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, -Verehrung, Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine -Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß -meine Nachkommen nur so garantiert sind, wenn ich jenes *Werk* (zum -Beispiel die πόλις) garantiere. *Moral* ist wesentlich das Mittel, -über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine *Versklavung* -der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die -Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als -die von oben nach unten. - -Ein Machtkomplex: wie wird er *erhalten*? Dadurch, daß viele -Geschlechter sich ihm opfern. - - -484. - -Das *Kontinuum*: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie, -Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer und höherer Ordnung. Die -Ökonomik derselben besteht in dem *Überschusse* der *Vorteile* der -ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die *Nachteile*: -die größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der Dauerbarmachung -derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Teile, welche doch vielfach -unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und nicht -unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die -Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste -gespart werden. *Nichts ist kostspieliger als ein Anfang.* - -„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- und -Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die -Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zugrunde -zu gehen.“ - - -485. - -Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: was -eigentlich damit *weggeschafft* werden soll? Die Spannung, die -Feindschaft, der Haß. -- Aber ein Irrtum ist es, daß dergestalt „*das -Glück*“ *gemehrt* wird: die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als -die Kontinentalen. - - -486. - -Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden -verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der -*große Mensch* fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die -Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor *jeder* Willenskraft, die -befiehlt, in den Staub fallen. - - -487. - -Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf -„Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem -niedrigsten Wurm. - - -488. - -„*Die Erlösung von aller Schuld*.“ - -Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen Pakts: -wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, jener -unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein -eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß dieser mit diesen -Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird. Von seiten der -Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird dekretiert: -„Wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften, -verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die -unvermeidlichen *Folgen* einer sekulären Unterdrückung der Schwachen -durch die Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden -Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird -tugendhaft vor Entrüstung --, man will nicht umsonst ein schlechter -Mensch, eine Kanaille geworden sein. - -Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich, -soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus. -Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie -ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr, -*Schuldige* in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht -Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die ~décadents~ jeder Art, sind -in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren -Vernichtungsdurst zu löschen (-- was an sich vielleicht die Vernunft -für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nötig, das -heißt eine Theorie, auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz, -ihres So-und-so-seins auf irgendeinen Sündenbock *abwälzen* können. -Dieser Sündenbock kann Gott sein -- es fehlt in Rußland nicht an -solchen Atheisten aus Ressentiment --, oder die gesellschaftliche -Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder -die Vornehmen, oder überhaupt *Gutweggekommene* irgendwelcher Art. „Es -ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden: -denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt, zum Laster, -selbst zur *Arbeit* verdammt.... Was kann ich dafür, miserabel zu -sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, *sonst wäre es nicht -auszuhalten*!“.... Kurz, der Entrüstungspessimismus *erfindet* -Verantwortlichkeiten, um sich ein *angenehmes* Gefühl zu schaffen -- -Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte Homer. -- - -Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will sagen Verachtung, -findet, das macht das Stück *Christentum*, das uns allen noch im -Blute steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von -fern etwas christlich riechen.... Die Sozialisten appellieren an die -christlichen Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom -Christentum her sind wir an den abergläubischen Begriff der „Seele“ -gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die Seelen-Monade, die -eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder -jene Umstände, ins „Irdische“ gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“ -geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige -denn *bedingt* wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, -historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten, -Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren *Werk*. Mit -dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht; es darf auf -sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen. - -In der Tat hat erst das Christentum das Individuum herausgefordert, -sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; der Größenwahn ist -ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja *ewige* Rechte gegen alles -Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft! -Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits -des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas -Unsterbliches, etwas Göttliches: eine *Seele*! - -Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich -noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von -der „*Gleichheit der Seelen vor Gott*“. In ihm ist das Prototyp aller -Theorien der *gleichen Rechte* gegeben: man hat die Menschheit den Satz -von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später -eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn -ernst zu nehmen, ihn *praktisch* zu nehmen! -- will sagen politisch, -demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch. - -Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der -*Instinkt der Rache* gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache -wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze -Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die -*Moral* mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht -hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er -hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat *das Dasein* überhaupt *um -seine Unschuld gebracht*: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein -auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit -zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste -*Fälschung* in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden -zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche *Nützlichkeit* der -Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit -verbürgte. Die Urheber jener Psychologie -- der Willenspsychologie --- hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den -Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten -Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen, --- sie wollten *Gott* ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke -wurde der Mensch „frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung -als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein -liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte Psychologie -widerlegt. - -Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir -Halkyonier zumal mit aller Kraft den *Schuldbegriff* und *Strafbegriff* -aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen -suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, -die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen -Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu -reinigen, -- in wem müssen wir unsere natürlichsten Antagonisten sehen? -Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen -Entrüstungspessimisten ~par excellence~, welche eine Mission daraus -machen, ihren Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen.... Wir -andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen, -möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß niemand -dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die -Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, -- -daß niemand *schuld* an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür -verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt da ist, daß -jemand so und so ist, daß jemand unter diesen Umständen, in dieser -Umgebung geboren ist. -- *Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen -fehlt*.... Wir sind *nicht* das Resultat einer ewigen Absicht, eines -Willens, eines Wunsches: mit uns wird *nicht* der Versuch gemacht, ein -„Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal von Glück“ oder ein „Ideal -von Tugend“ zu erreichen, -- wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, -vor dem ihm selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich -das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder -Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor -allem: niemand *könnte* es: man *kann* das Ganze nicht richten, messen, -vergleichen oder gar verneinen! Warum nicht? -- Aus fünf Gründen, -allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel, -*weil es nichts gibt außer dem Ganzen*.... Und nochmals gesagt, das ist -ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins. - - -489. - -Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen Optimismus -vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst -die bisherige „Ordnung“ abgeschafft hat und alle „natürlichen Triebe“ -losläßt. - -Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewalttat in -dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht -zugesteht. „‚Ich und meine Art‘ will herrschen und übrigbleiben: wer -entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet“ -- ist Grundgefühl jeder -alten Gesetzgebung. - -Man haßt die Vorstellung einer *höheren Art* Menschen mehr als die -Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als Maske --- - - -490. - -Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv vom „Guten, -Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rechten“ träumt (-- auch der -Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal); - -2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind, -wodurch das Herdentier sich zum Herrn macht. - - -491. - -Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung -von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von -Müdigkeiten, von *Schwächen*. - - -492. - -„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern dermaßen -gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und -Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das -soll Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! -- Als ob das nicht -gerade die größten *Verächter* der Ehre wären!.... - -Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die Genüsse -zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehen: -- er versteht dieses -Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus! - - -493. - -Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus -schaffen: *Jeder* absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist -nicht aufgefunden bisher. - - -494. - -Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die -Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei den Vielen“ -- gibt es -ein *oligarchisches* Regiment oder ein *demokratisches*. - -Das *Königtum* repräsentiert den Glauben an einen ganz Überlegenen, -einen Führer, Retter, Halbgott. - -Die *Aristokratie* repräsentiert den Glauben an eine Elite-Menschheit -und höhere Kaste. - -Die *Demokratie* repräsentiert den *Unglauben* an große Menschen und -an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem gleich“. „Im Grunde sind wir -allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel.“ - - -495. - -*Aus der Zukunft des Arbeiters.* -- Arbeiter sollten wie *Soldaten* -empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung! - -Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und *Leistung*! Sondern das -Individuum, *je nach seiner Art*, so stellen, daß es das *Höchste -leisten* kann, was in seinem Bereich liegt. - - -496. - -Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; -- aber *über* -ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, die *höhere Kaste*: -also ärmer und einfacher, doch im Besitz der Macht. - -Für die *niederen* Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen; -es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ zu pflanzen. Die absoluten -Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die -übrigen dürfen *gehorchen*: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht -abhängig von großen Menschen, sondern von „*Prinzipien*“ erscheinen. - - -497. - -*Meine „Zukunft“*: -- eine stramme Polytechnikerbildung. Militärdienst: -so daß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Offizier ist, er -sei sonst, wer er sei. - - -498. - -Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas soll nicht -mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem -Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt, wo -alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen -Selbstgefühle aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die -*geistige Unselbständigkeit* und Entnationalisierung in die Augen -springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten -der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen Kultur liegt!.... Und das -„neue Reich“, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten -Gedanken gegründet: die Gleichheit der Rechte und der Stimmen. - -Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts -taugt; diese Kultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der -„Zwecklosigkeit“ --! - -Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit -- und -ebenso, als Reaktion, die *Friedenspartei*.... - -Eine Partei des *Friedens*, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren -Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu -bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich -heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine -Zeit; alsbald die *große* Partei. Gegnerisch gegen die *Rach-* und -*Nachgefühle*. - -Eine *Kriegspartei*, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge -gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend -- - - -499. - -*Die Aufrechterhaltung des Militärstaates* ist das allerletzte -Mittel, die *große Tradition* sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten -hinsichtlich des *obersten Typus* Mensch, des *starken Typus*. Und alle -*Begriffe*, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, -dürfen daraufhin sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus, -Schutzzoll). - - -500. - -Moral wesentlich als *Wehr*, als Verteidigungsmittel; insofern ein -Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch). - -Der ausgewachsene Mensch hat vor allem *Waffen*: er ist *angreifend*. - -Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und -Platten Federn und Haare). - - -501. - -*Grundfehler*: die Ziele in die Herde und *nicht* in einzelne -Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht *mehr*! Aber -jetzt versucht man, *die Herde als Individuum* zu verstehen -und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, -- -tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen das, was herdenhaft macht, -die Mitgefühle, als die *wertvollere* Seite unsrer Natur zu -charakterisieren! - - -V. Kunst -- ein Machtwille. - - -502. - -„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung, -weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen -von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: -- -daß keine Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht *folgt, gehorcht*, -und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht -- das ergötzt den -Machtwillen des Künstlers. - - -503. - -*Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.* - - -I. - -Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem Hintergrunde dieses -Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher -bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad -von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer -wahren und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist -falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn.... Eine so -beschaffene Welt ist die wahre Welt. *Wir haben Lüge nötig*, um über -diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu -*leben*.... Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch -mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins. - -Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft -- sie -werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht -gezogen: mit ihrer Hilfe wird ans Leben *geglaubt*. „Das Leben *soll* -Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um -sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr -als alles andere *Künstler* sein. Und er *ist* es auch: Metaphysik, -Religion, Moral, Wissenschaft -- alles nur Ausgeburten seines Willens -zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur *Verneinung* -der „Wahrheit“. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch -die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des Menschen ~par -excellence~ -- er hat es noch mit allem, was ist, gemein. Er selbst ist -ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch -ein Stück *Genie der Lüge* sein! - -Daß der Charakter des Daseins *verkannt* werde -- und höchste -Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit, -Künstlertum ist. Vieles niemals sehen, vieles falsch sehen, vieles -hinzusehen: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten -davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“ --- lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum -Leben, lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum -Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o -wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von -Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl der Macht!.... Der Mensch ward -wieder einmal Herr über den „*Stoff*“, -- Herr über die Wahrheit!.... -Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in -seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht, -er genießt die Lüge als seine Macht.... - - -II. - -Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des -Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens. - -Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur -Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, -Antinihilistische ~par excellence~. - -Die Kunst als die *Erlösung des Erkennenden*, -- dessen, der den -furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will, -des Tragisch-Erkennenden. - -Die Kunst als die *Erlösung des Handelnden*, -- dessen, der den -furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht, -sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des -Helden. - -Die Kunst als die *Erlösung des Leidenden*, -- als Weg zu Zuständen, -wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine -Form der großen Entzückung ist. - - -III. - -Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher -der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht -als oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum -Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur -objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, -„metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum -Schein: -- letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur -Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz: -der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens -zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt -*zum Schaffen*: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet). -Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert, -aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der -*tragisch-dionysische* Zustand. - - -IV. - -Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem -Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das -„göttlicher“ ist als die Wahrheit: die *Kunst*. Niemand würde, wie -es scheint, einer radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen -Nein*tun* noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das -Wort reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er -- er hat es -erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! -- daß die Kunst *mehr -wert* ist als die Wahrheit. - -In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem -Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies -Artistenevangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, -die Kunst als dessen *metaphysische* Tätigkeit....“ - - -504. - -Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten *durchsichtig*: -- von -da aus hinzublicken auf die *Grundinstinkte der Macht* usw.! Auch der -Religion und Moral! - -„Das Spiel“, das Unnützliche -- als Ideal des mit Kraft Überhäuften, -als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων. - - -505. - -Unsre Religion, Moral und Philosophie sind ~décadence~-Formen des -Menschen. - --- Die *Gegenbewegung*: die *Kunst*. - - -506. - -In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht als allen -Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das -Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“, -- sie liebten -ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu erstreben: das scheint mir ein -Mißverständnis oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine -bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und -allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens leben -- -leben *dürfen*, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung -ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, -Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, -dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen -Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr -nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit, wenn einer gleich Goethe -mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“ -hängt: -- dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen -fest, daß der Mensch *der Verklärer des Daseins* wird, wenn er sich -selbst verklären lernt. - - -507. - -Biologischer Wert des *Schönen* und des *Häßlichen*. -- Was uns -instinktiv *widersteht*, ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung -dem Menschen als schädlich, gefährlich, Mißtrauen verdienend -bewiesen: der plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel zum -Beispiel) enthält ein *Urteil*. Insofern steht das *Schöne* innerhalb -der allgemeinen Kategorie der biologischen Werte des Nützlichen, -Wohltätigen, Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz -von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns -das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung von Machtgefühl, geben -(-- nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindungen solcher -Dinge oder ihre Symbole). - -Hiermit ist das Schöne und Häßliche als *bedingt* erkannt; nämlich in -Hinsicht auf unsre untersten *Erhaltungswerte*. Davon abgesehen ein -Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. *Das* Schöne -existiert so wenig als *das* Gute, *das* Wahre. Im Einzelnen handelt -es sich wieder um die *Erhaltungsbedingungen* einer bestimmten Art von -Mensch: so wird der *Herdenmensch* bei anderen Dingen das *Wertgefühl -des Schönen* haben, als der *Ausnahme*- und Übermensch. - -Es ist die *Vordergrundsoptik*, welche nur die *nächsten Folgen* in -Betracht zieht, aus der der Wert des Schönen (auch des Guten, auch des -Wahren) stammt. - -Alle Instinkturteile sind *kurzsichtig* in Hinsicht auf die Kette -der Folgen: sie raten an, was *zunächst* zu tun ist. Der Verstand -ist wesentlich ein *Hemmungsapparat* gegen das Sofort-Reagieren auf -das Instinkturteil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die -Folgenkette ferner und länger. - -Die *Schönheits-* und *Häßlichkeitsurteile* sind *kurzsichtig* (-- -sie haben immer den Verstand *gegen* sich --): aber im *höchsten -Grade überredend*; sie appellieren an unsre Instinkte, dort, wo sie am -schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, *bevor* noch -der Verstand zu Worte kommt. - -Die gewohntesten Schönheitsbejahungen *regen sich gegenseitig auf und -an*; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert -sich um „das einzelne Schöne“ noch eine ganze Fülle anderer und -anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, -*objektiv* zu bleiben, respektive die interpretierende, hinzugebende, -ausfüllende, dichtende Kraft auszuhängen (-- letztere ist jene -Verkettung der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines „schönen -Weibes“.... - -Also 1. das Schönheitsurteil ist *kurzsichtig*, es sieht nur die -nächsten Folgen; - -2. es *überhäuft* den Gegenstand, der es erregt, mit einem *Zauber*, -der durch die Assoziation verschiedener Schönheitsurteile bedingt ist, --- der aber dem *Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist*. Ein Ding -als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden -- (weshalb, -beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste -Art der Heirat ist). - - -508. - -*Der tragische Künstler.* -- Es ist die Frage der *Kraft* (eines -Einzelnen oder eines Volkes), *ob* und *wo* das Urteil „schön“ -angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der *aufgestauten Kraft* (aus -dem es erlaubt ist, vieles mutig und wohlgemut entgegenzunehmen, vor -dem der Schwächling *schaudert*) -- das *Macht*gefühl spricht das -Urteil „schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt -der Ohnmacht nur als *hassenswert*, als „häßlich“ abschätzen kann. -Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn -es leibhaft entgegenträte als Gefahr, Problem, Versuchung, -- diese -Witterung bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist schön“ -ist eine *Bejahung*). - -Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die *Vorliebe für -fragwürdige und furchtbare Dinge* ein Symptom für *Stärke* ist: während -der Geschmack am *Hübschen und Zierlichen* den Schwachen, den Delikaten -zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet *starke* Zeitalter und -Charaktere: ihr ~non plus ultra~ ist vielleicht die ~divina commedia~. -Es sind die *heroischen* Geister, welche zu sich selbst in der -tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als -*Lust* zu empfinden. - -Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren, -welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie tun, um die Tragödie -sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre *eignen Wertgefühle* in -sie hinein interpretieren: zum Beispiel den „Triumph der sittlichen -Weltordnung“ oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder die -Aufforderung zur „Resignation“ (-- oder auch halb medizinische, halb -moralische Affektausladungen ~à la~ Aristoteles). Endlich: die *Kunst -des Furchtbaren*, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans -bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute -zum Beispiel der Grund für die *Schätzung* der Wagnerschen Kunst. Es -ist ein Zeichen von *Wohl-* und *Machtgefühl*, wie weit einer den -Dingen ihren furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf; -und *ob* er überhaupt „Lösungen“ am Schluß braucht. - -Diese Art *Künstlerpessimismus* ist genau das *Gegenstück zum -moralisch-religiösen Pessimismus*, welcher an der „Verderbnis“ -des Menschen, am Rätsel des Daseins leidet: dieser will durchaus -eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, -Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort, -haben zu allen Zeiten die entzückenden *Visionen* nötig gehabt, um -es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist *dieses* Ursprungs). -Ein verwandter Fall: die Künstler der ~décadence~, welche im Grunde -*nihilistisch* zum Leben stehen, *flüchten* in die *Schönheit der -Form*, -- in die *ausgewählten* Dinge, wo die Natur vollkommen ward, -wo sie indifferent *groß* und *schön* ist.... (-- Die „Liebe zum -Schönen“ kann somit etwas anderes als das *Vermögen* sein, ein Schönes -zu *sehen*, das Schöne zu *schaffen*: sie kann gerade der Ausdruck von -*Unvermögen* dazu sein.) - -Die überwältigenden Künstler, welche einen *Konsonanzton* aus jedem -Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit -und Selbsterlösung noch den Dingen zugute kommen lassen: sie sprechen -ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, -- ihr -Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein. - -Die *Tiefe des tragischen Künstlers* liegt darin, daß sein ästhetischer -Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim -Nächsten stehen bleibt, daß er die *Ökonomie im großen* bejaht, welche -das *Furchtbare*, *Böse*, *Fragwürdige* rechtfertigt, und nicht nur -- -rechtfertigt. - - -509. - -Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch „der -Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens eine Form der *Erschöpfung* -darstellt: so werden sie der Konsequenz des Christentums die Ehre -geben, welche den Guten als den *Häßlichen* konzipierte. Das -Christentum hatte damit recht. - -An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu sagen, „das Gute -und das Schöne sind eins“; fügt er gar noch hinzu, „auch das Wahre“, so -soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich. - -Wir haben die *Kunst*, damit wir *nicht an der Wahrheit zugrunde gehen*. - - -510. - -*Was ist tragisch?* -- Ich habe zu wiederholten Malen den Finger -auf das große Mißverständnis des Aristoteles gelegt, als er in -zwei *deprimierenden* Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die -tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er recht, so wäre die -Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas -Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große -Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde -hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des -Pessimismus *gesundheitsschädlich* (-- denn daß man durch Erregung -dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles zu glauben -scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder -Mitleid erregt, desorganisiert, schwächt, entmutigt: -- und gesetzt, -Schopenhauer behielte recht, daß man der Tragödie die Resignation zu -entnehmen habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, -auf Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine Kunst -konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete -dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt des Lebens sich im Instinkt -der Kunst selbst zerstörend. Christentum, Nihilismus, tragische Kunst, -physiologische ~décadence~: das hielte sich an den Händen, das käme zur -selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts -- -*abwärts*.... Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls. - -Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich, -indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion -mißt. Und man bekommt als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute -Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: -- daß die Tragödie -ein *~tonicum~* ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen *wollte*, -wenn er die Gesamtdepression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er -den Griechen (-- die zu seinem Verdruß nicht „resignierten“....) zu -verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung -befunden: so ist das ~parti pris~, Logik des Systems, Falschmünzerei -des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, welche -Schopenhauern Schritt für Schritt seine ganze Psychologie verdorben -hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische -Religion, die Schönheit, die Erkenntnis und ungefähr alles -willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat). - - -511. - -Das Kunstwerk, wo es *ohne* Künstler erscheint, zum Beispiel als Leib, -als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern -der Künstler nur eine Vorstufe ist. - -Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk -- -- - - -512. - -*Der Nihilismus der Artisten.* -- Die Natur grausam durch ihre -Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig -gegen *Rührungen*. Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne -und unsre Einbildungskraft bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo -wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser -nordischen Natur erinnert werden; -- und so auch in den Künsten. Wir -ziehen vor, was nicht mehr uns an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre -moralistische Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer -furchtbaren und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und der -Kräfte. Das Leben ohne Güte. - -Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen *Indifferenz* der Natur -gegen Gut und Böse. - -Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb -geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin ~in historicis~, -wo die Absenz der Gerechtigkeit selber noch mit großartiger -Naivität sich zeigt, wo gerade die *Vollkommenheit* zum Ausdruck -kommt --, und insgleichen in der *Natur* dorthin, wo der böse und -indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der -*Vollkommenheit* darstellt.... Der nihilistische Künstler verrät sich -im Wollen und Bevorzugen der *zynischen Geschichte, der zynischen -Natur*. - - -513. - -Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen -und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als *krankhaft* -zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund -und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, -- -meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt -wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen -Verhältnissen gesund *wäre* --, daß wir relativ krank sind.... Der -Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, -was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur -- -- Aber man wendet -uns ein, daß gerade die *Verarmung* der Maschine die extravagante -Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre -hysterischen Weiblein. - -Die *Überfülle* an Säften und Kräften kann so gut Symptome -der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von -Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben ---, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor -allem ist die *Nach*wirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung -aller morbiden Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts -mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht -*abzubüßen* hat.... Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne -arm zu werden. - -Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte, -so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, -- und unsre -*Artisten* sind in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!! -Das aber spricht gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“. - -Die unkünstlerischen Zustände: die der *Objektivität*, der Spiegelung, -des ausgehängten Willens.... (das skandalöse Mißverständnis -*Schopenhauers*, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens -nimmt).... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, -Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: -- der Christ. - - -514. - -Der *moderne* Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus -nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin -abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, -- er lügt aus Lust an der -Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung --, es -sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. -Diese Eitelkeit ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel -nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, -die eine augenblickliche Linderung verspricht. (*Unfähigkeit* zum Stolz -und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig -zu haben -- das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.) - -Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen -Krisen macht und das „Dramatische“ in die geringsten Zufälle des Lebens -einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr, -höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene -mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß -als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in -der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der -Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden *verlangten* -Charakter. - - -515. - -Künstler sind *nicht* die Menschen der *großen* Leidenschaft, was sie -uns und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt -ihnen die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, *indem sie leben*; -sie lauern sich auf, sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch -die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten -aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche -Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. -- Mit einem Talent -ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus -seines Talents. - -Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man -sie darstellt: vielmehr, man *ist* mit ihr fertig, *wenn* man sie -darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich -selbst mißverstehen wollte, -- aus ~delicatezza~.) - - -516. - -Verglichen mit dem *Künstler*, ist das Erscheinen des -*wissenschaftlichen* Menschen in der Tat ein Zeichen einer gewissen -Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens (-- aber auch einer -*Verstärkung*, *Strenge*, *Härte*, *Willenskraft*). - -Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen *Wahr* und -*Nützlich* beim Künstler Zeichen von Jugend, von „*Kinderei*“ sein -mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz -über sich, ihre Gleichgültigkeit gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im -„Spiele“, -- ihr Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; -der Heilige und die Kanaille.... Das *Nachmachen* als Instinkt, -kommandierend. -- *Aufgangskünstler* -- *Niedergangskünstler*: ob sie -nicht allen Phasen zugehören?.... Ja! - - -517. - -Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft -fehlen, wenn das Weib, wenn das *Werk des Weibes* darin fehlte? Geben -wir die Ausnahme zu -- sie beweist die Regel -- das Weib bringt es -in allem zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in -Memoiren, selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, kurz, -in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil es darin -sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen Kunstantrieb -gehorcht, den es besitzt, -- es will *gefallen*... Aber was hat das -Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten Künstlers zu -schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit -zugesteht als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem -Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Wert zugesteht, -es sei denn, daß es Form zu werden weiß (-- daß es sich preisgibt, -daß es sich öffentlich macht --). Die Kunst, so wie der Künstler -sie übt -- begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf -alle ~pudeurs~?.... Erst mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene -Schwenkung zur Literatur gewagt (-- ~vers la canaille plumière -écrivassière~, mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, es -künstlert, es verliert an Instinkt. *Wozu doch?* wenn man fragen darf? - - -518. - -Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler -„Form“ nennen, als *Inhalt*, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit -gehört man freilich in eine *verkehrte Welt*: denn nunmehr wird einem -der Inhalt zu etwas bloß Formalem, -- unser Leben eingerechnet. - - -519. - -Zur Charakteristik des *nationalen Genius* in Hinsicht auf Fremdes und -Entlehntes. -- - -Der *englische* Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er -empfängt; - -der *französische* verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf; - -der *deutsche* vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert; - -der *italienische* hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch -vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als -herausgezogen: als der *reichste* Genius, der am meisten zu verschenken -hatte. - - -520. - -Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem -Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten -versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als -Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als -Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst -Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner ~bouffonneries~ -erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen. --- - - -521. - -*Pessimismus in der Kunst?* -- Der Künstler liebt allmählich die Mittel -um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen -gibt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der -Linie, die Nuance des Tons: das *Distinkte*, wo sonst, im Normalen, -alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern -sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch -erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; -- die Wirkung -der Kunstwerke ist die *Erregung des kunstschaffenden Zustands*, des -Rausches. - -Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre *Daseinsvollendung*, ihr -Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich -*Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins*.... Was bedeutet eine -*pessimistische Kunst*? Ist das nicht eine ~contradictio~? -- Ja. -- -Schopenhauer *irrt*, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst -des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt *nicht* „Resignation“.... -Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen, ist selbst schon -ein Instinkt der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie -nicht.... Es gibt keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob -bejaht. -- Aber Zola? Aber die Goncourts? -- Die Dinge sind häßlich, -die sie zeigen: aber *daß* sie dieselben zeigen, ist aus *Lust an -diesem Häßlichen*.... Hilft nichts! ihr betrügt euch, wenn ihr's anders -behauptet. -- Wie erlösend ist Dostoiewsky! - - -522. - -Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit -krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es -nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein. - -Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“ -gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen -überhaupt anhaften: - -1. der *Rausch*: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den -Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen; - -2. die *extreme Schärfe* gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre -Zeichensprache verstehen -- und schaffen, -- dieselbe, die mit manchen -Nervenkrankheiten verbunden erscheint --; die extreme Beweglichkeit, -aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles -dessen, was Zeichen zu geben weiß --; ein Bedürfnis, sich gleichsam -loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch -hundert Sprachmittel zu reden, -- ein *explosiver* Zustand. Man muß -sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle -Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung -loszuwerden: sodann als unfreiwillige *Koordination dieser Bewegung* -zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), -- als eine -Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen -wirkender starker Reize --; Unfähigkeit, die Reaktion zu *verhindern*; -der Hemmungsapparat gleichsam *ausgehängt*. Jede innere Bewegung -(Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von *Vaskularveränderungen* und -folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. -Die *suggestive* Kraft der Musik, ihre „~suggestion mentale~“; -- - -3. das *Nachmachen-müssen*: eine extreme Irritabilität, bei der sich -ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, -- ein Zustand wird nach -Zeichen schon erraten und *dargestellt*.... Ein Bild, innerlich -auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder --, eine gewisse -*Willens*aushängung.... (Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein -nach außen hin, -- das Reich der *zugelassenen* Reize ist scharf -umgrenzt. - -Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch -Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von -Reizbarkeit; ersterer im Geben, -- dergestalt, daß ein Antagonismus -dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert -ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, -- vom -Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker --) -einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft -*verarme*.... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man -soll vom Künstler, der *gibt*, nicht verlangen, daß er Weib wird, -- -daß er „*empfängt*“. - -Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die -Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert -haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler.... -Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: -denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit -*vergreifen*, -- er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu -sehen, er hat zu geben. -- Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig -zu sein, -- andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“. - - -523. - -Das Rauschgefühl, tatsächlich einem *Mehr von Kraft* entsprechend: -am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue -Fertigkeiten, Farben, Formen; -- die „Verschönerung“ ist eine Folge -der *erhöhten* Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines *siegreichen* -Willens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller -starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts. -Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der -Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das *Wahrnehmen* solcher -Vereinfachung das Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große -Stil. - -Die Häßlichkeit bedeutet *~décadence~ eines Typus*, Widerspruch und -mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, -- bedeutet einen -Niedergang an *organisierender* Kraft, an „Willen“, psychologisch -geredet. - -Der Lustzustand, den man *Rausch* nennt, ist exakt ein hohes -Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert: -ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst *wahrnehmbar*; -die *Ausdehnung* des Blicks über größere Mengen und Weiten; die -*Verfeinerung des Organs* für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und -Flüchtigsten; die *Divination*, die Kraft des Verstehens auf die -leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“ -*Sinnlichkeit* --; die *Stärke* als Herrschaftsgefühl in den -Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als -Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als -Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben -und Tod.... Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig -an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als Suggestion -für den andern: -- dergestalt sind schließlich Zustände ineinander -verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum -Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (-- -zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was -gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit -schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie -und das Mitleid (-- ebenfalls normal koordiniert....). Frühling, Tanz, -Musik: -- alles Wettbewerb der Geschlechter, -- und auch noch jene -Faustische „Unendlichkeit im Busen“. - -Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark -angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse -Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken.... -Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist -bloß die Ökonomie eines Künstlers, -- und jedenfalls hört auch bei -Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler -sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, -sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art -habitueller Rausch im Leben eigen sein. - - -524. - -Die Zustände, in denen wir eine *Verklärung* und *Fülle* in die Dinge -legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust -zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der -Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die -Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. *Drei* Elemente -vornehmlich: der *Geschlechtstrieb*, der *Rausch*, die *Grausamkeit*, --- alle zur ältesten *Festfreude* des Menschen gehörend, alle -insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend. - -Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und -Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer *Erregung -jener Sphären*, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: -- und -eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen -und Begierden ist der *ästhetische Zustand*. Letzterer tritt nur -bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden -Fülle des leiblichen ~vigor~ überhaupt fähig sind; in ihm ist immer -das ~primum mobile~. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der -Vertrocknende (zum Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der -Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung des -Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts. - -„*Vollkommenheit*“: -- in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe -insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als -das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die -Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen *nach welchem* Status er -eigentlich *strebt*. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche -Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige -Überschäumen über alle Ränder.... - - -525. - -Die *Sinnlichkeit* in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“), -der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die -Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, -Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend -- : 2. in der Religion -der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie -göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele -- : 3. in der *Kunst*, -als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr -gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt -die Sinnlichkeit des Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt -und hochhält -- dergestalt *vollendet* er ein Objekt („idealisiert“ -es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das -Weib empfindet, *kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen*, -indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: -insgleichen *übt sie Scham*, Zurückhaltung, Distanz -- mit dem Instinkt -dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Mannes *wächst*. -(-- Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die -Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade die *naive -wirkliche Schamhaftigkeit* den Mann am meisten verführt und zur -Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv -- aus Feinheit des -Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein -willentliches *die-Augen-über-sich-geschlossen-halten*.... Überall, -wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, *wird* sie -unbewußt.) - - -526. - -Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch -etwas anderes ist als Liebe! -- Doch darüber hat jedermann seine -Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens *wächst*, sobald nur ein -Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei -einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der -Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, -nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen *Kraftstücken* zu -befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht -- und seiner Uhr! Hier -ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder -sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, -Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit -den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. -- Und -wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt -Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, -dafür hat man alle weiblichen ~pudeurs~.... Diese jungen Geschöpfe, -die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen -nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, -noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu -zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt -ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, -- o wie gut -sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, *weil* sie das -wissen! -- Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist -ihr *dritter* kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie -an ihren Gott glauben: -- und wer widerriete ihnen diesen Glauben! -Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! -- -Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib -erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze -selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war. - - -527. - -Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die -Transfigurationskraft des Rausches geht? -- Die „Liebe“ ist dieser -Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der -Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß -im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes -sich an ihrer Stelle zu finden scheint, -- ein Zittern und Aufglänzen -aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen -Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird -fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob -ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe -„erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe -hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich -zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich -und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher, -vollkommener, man *ist* vollkommener.... Wir finden hier die *Kunst* -als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten -Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, -- -Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt.... -Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie -tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und -nicht nur, daß sie das *Gefühl* der Werte verschiebt: der Liebende -*ist* mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue -Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, -neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es -nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger, -*ganzer* als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er -ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel -an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die -Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem -Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst -tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die -Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und -Musik übrig?.... ~L'art pour l'art~ vielleicht: das virtuose Gequak -kaltgestellter *Frösche*, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den -ganzen *Rest* schuf die Liebe.... - - -528. - -Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche -ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie -redet immer nur zu Künstlern, -- sie redet zu dieser Art von feiner -Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der -Taube ist keine Spezies des Guthörigen. - -Alle Kunst wirkt *tonisch*, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das -heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des -Rausches an, -- es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände -hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da -zurück. - -Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was -*ausgeschlossen* wird von der Kunst, ihr *Nein*: -- jedesmal, wenn -der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, -die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische -Mensch mit seinem *Nein*. Das Häßliche wirkt *depressiv*: es ist -der Ausdruck einer Depression. Es *nimmt* Kraft, es verarmt, es -drückt.. Das Häßliche *suggeriert* Häßliches; man kann an seinen -Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden -auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl -wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem -Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: -- Schwere, -Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche -hinkt, das Häßliche stolpert: -- Gegensatz einer göttlichen -Leichtfertigkeit des Tanzenden. - -Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von *Mitteilungsmitteln* -zugleich mit einer extremen *Empfänglichkeit* für Reize und Zeichen. -Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen -lebenden Wesen, -- er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben -hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die Gebärden- -und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere -Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört -man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln. - -Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern -sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung der großen Kunst, -*nicht* deren Verhinderung.... Jede Erhöhung des Lebens steigert die -Mitteilungskraft, insgleichen die Verständniskraft des Menschen. Das -*Sichhineinleben in andere Seelen* ist ursprünglich nichts Moralisches, -sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die „Sympathie“ -oder was man „Altruismus“ nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes -zur Geistigkeit gerechneten psycho-motorischen Rapports (~induction -psycho-motrice~ meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken mit: -man teilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf -Gedanken hin *zurückgelesen* werden. - - -529. - -Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen ~vigor~; sie -ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit -in die Welt der Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der -animalischen Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten -Lebens; -- eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben. - -Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es -noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mitteilt, der über -dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die -Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die -Lust, *uns* wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl -der Macht über uns). - - -530. - -*Zur Genesis der Kunst.* -- Jenes *Vollkommenmachen, Vollkommensehen*, -welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen zerebralen System -zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten -Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, „das -Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend etwas“): -andrerseits wirkt jedes *Vollkommene* und *Schöne* als unbewußte -Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art, zu sehen -- -jede *Vollkommenheit*, die ganze *Schönheit* der Dinge erweckt durch -~contiguity~ die aphrodisische Seligkeit wieder. (*Physiologisch*: der -schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung des ~semen~ ins -Blut....) Das *Verlangen nach Kunst* und *Schönheit* ist ein indirektes -Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem -Zerebrum mitteilt. Die *vollkommen gewordne Welt*, durch „Liebe“.... - - -531. - -*Die Vermoralisierung der Künste.* -- Kunst als Freiheit von der -moralischen Verengung und Winkeloptik; oder als Spott über sie. Die -Flucht in die Natur, wo ihre *Schönheit* mit der *Furchtbarkeit* sich -paart. Konzeption des *großen* Menschen. - --- Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch schon trübe -macht, „die *schönen Seelen*“. - --- Die *verblichenen Ideale* aufwecken in ihrer schonungslosen Härte -und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind. - --- Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die -Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisierten -Künstlern. - --- Die *Falschheit* der Kunst, -- ihre Immoralität ans Licht ziehen. - --- Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche -Animalität) ans Licht ziehen. - - -532. - -Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie -fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempoverschiedenheit -in beiden Zuständen geben.... Die *extreme Ruhe gewisser -Rauschempfindungen* (strenger: die Verlangsamung des Zeit- und -Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden -und Seelenarten. Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe, -Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, -- *das höchste Gefühl der -Macht* ist konzentriert im klassischen Typus. Schwer reagieren: ein -großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf. - - -533. - -*Apollinisch -- dionysisch.* -- Es gibt zwei Zustände, in denen -die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über -ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision, -andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im -normalen Leben vorgespiegelt, nur schwächer: im Traum und im Rausch. - -Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch: beide -entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der -Traum die des Sehens, Verknüpfens, Dichtens; der Rausch die der -Gebärde, der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes. - - -534. - -Der Sinn und die Lust an der *Nuance* (-- die eigentliche Modernität), -an dem, was *nicht* generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher -seine Lust und Kraft im Erfassen des *Typischen* hat: gleich dem -griechischen Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des -Lebendigen ist darin, das *Maß* wird Herr, jene *Ruhe* der starken -Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen -vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird -*verehrt* und *herausgehoben*; die Ausnahme wird umgekehrt beiseite -gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das -Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt -- das -„*gefällt*“: das heißt, das korrespondiert mit dem, was man von sich -hält. - - -535. - -*„Musik“ -- und der große Stil.* -- Die Größe eines Künstlers bemißt -sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die -Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen -Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das -mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen; -daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er *will*.... -Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu -werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik, *Gesetz* werden -- -das ist hier die große Ambition. -- Mit ihr stößt man zurück; nichts -reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, -- eine Einöde legt -sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel.... -Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie -in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, -der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. Gehört die -Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen -schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon -der Seele der Musik, -- dem „Weibe“ in unsrer Musik?.... - -Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze -Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr -Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren -Abend erreichte, als die „Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den -Menschen davon war: -- gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance -zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine -Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon ~décadence~?.... - -Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob -unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob -sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im -Widerspruch zu allem klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich -in ihr jede Ambition der Klassizität von selbst verböte? - -Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft -sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß -die Musik ihre höchste Reife und Fülle als *Romantik* erlangt --, noch -einmal als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität. - -Mozart -- eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes -Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große -Romantiker im Sinne des *französischen* Begriffs Romantik, wie Wagner -der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des -klassischen Geschmacks, des strengen Stils, -- um vom „großen“ hier -nicht zu reden. - - -536. - -Die *Romantik*: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne. - -Die ästhetischen Zustände zwiefach. - -Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden. - - -537. - -Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich -schöpferisch macht -- der von sich und seiner Mitwelt wegblickt, -zurückblickt. - - -538. - -Ist die Kunst eine Folge des *Ungenügens am Wirklichen*? Oder -ein Ausdruck der *Dankbarkeit über genossenes Glück*? Im ersten -Falle *Romantik*, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz -*Apotheosenkunst*): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene -Falschheit hatte, den *Anschein* der christlichen Weltauslegung zu -vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es *nicht* spezifisch -christlich sich zeigte. - -Mit der *moralischen* Interpretation ist die Welt unerträglich. Das -Christentum war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt -zu verneinen. ~In praxi~ lief ein solches Attentat des Wahnsinns -- -einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt -- -auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die -mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand -allein dabei ihre Rechnung, ihre *Förderung*, wenn man will. - -*Homer* als *Apotheosenkünstler*; auch Rubens. Die Musik hat noch -keinen gehabt. - -Die Idealisierung des *großen Frevlers* (der Sinn für seine *Größe*) -ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des -Sünders ist jüdisch-christlich. - - -539. - -*Was ist Romantik?* -- In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene -ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen -Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ -Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu -empfehlen scheinen -- sie ist bei weitem augenscheinlicher -- nämlich -die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden, -nach „*Sein*“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen -nach Zerstörung, nach Wechsel, nach *Werden*. Aber beide Arten des -Verlangens erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und -zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich -dünkt, *vorgezogenen* Schema. - -Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden *kann* der Ausdruck der -übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist, -wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch der *Haß* der -Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, -zerstören *muß*, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein -selbst empört und aufreizt. - -„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen: --- eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst -sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell -und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle -Dinge breitend; -- es kann aber auch jener tyrannische Wille eines -Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, -die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen -*Gesetz* und Zwang stempeln möchte, und der an allen Dingen gleichsam -Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner -Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer -Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche -Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik. - - -540. - -Ob nicht hinter dem Gegensatz von *Klassisch* und *Romantisch* der -Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen liegt? -- - - -541. - -Um *Klassiker* zu sein, muß man *alle* starken, anscheinend -widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie -miteinander unter einem Joche gehen, zur *rechten* Zeit kommen, um -ein *Genus* von Literatur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und -Spitze zu bringen (: nicht *nachdem* dies schon geschehen ist....): -einen *Gesamtzustand* (sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in -seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo -er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des -Fremden (oder noch abhängig ist....); kein reaktiver, sondern ein -*schließender* und vorwärts führender Geist sein, *Ja* sagend in allen -Fällen, selbst mit seinem Haß. - -„Es gehört dazu *nicht* der höchste persönliche Wert?“... Vielleicht -zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier nicht ihr Spiel -spielen, und ob große *moralische* Höhe nicht vielleicht an sich ein -*Widerspruch* gegen das *Klassische* ist?.... Ob nicht die moralischen -Monstra notwendig *Romantiker* sein müssen in Wort und Tat?.... Ein -solches Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen -Monstrum) steht eben der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich -entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so -dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf -gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es -wirklich Lord Bacon ist). - - -542. - -*Zukünftiges.* -- *Gegen die Romantik der großen „Passion“.* -- -Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum -Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der -Geistigkeit, „drei Einheiten“, Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt, -~esprit~, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so -gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit -künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es -sich nachher formulieren *muß*. - -Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die -wir jetzt erst *sehen*: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, -Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das *klassische Ideal wieder -entdeckt zu haben*.... und zu gleicher Zeit Shakespeare. -- Und -dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen -auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut -hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber man wollte -die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! Man glaubte, die -Klassizität sei eine Art Natürlichkeit! - -Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden -ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung, -Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die -logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des -Komplexen, des Ungewissen. - -Die Romantiker in Deutschland protestierten *nicht* gegen den -Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack, -achtzehntes Jahrhundert. - -Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: Gegensatz der -*klassischen Sensibilität*. - -Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich die -Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit, *sich* in der Hauptsache -zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf -Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch -Massen (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine). - - -543. - -Der *Künstler*philosoph. Höherer Begriff der *Kunst*. Ob der Mensch -sich so fern stellen kann von den andern Menschen, um *an ihnen zu -gestalten*? (-- Vorübungen: 1. der Sich-selbst-Gestaltende, der -Einsiedler; 2. der *bisherige* Künstler als der kleine Vollender an -einem Stoffe.) - - - - -Viertes Buch. - -Zucht und Züchtung. - - -1. Rangordnung. - - -544. - -Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des ~suffrage universel~, das -heißt, wo jeder über jeden und jedes zu Gericht sitzen darf, die -*Rangordnung* wiederherzustellen. - - -545. - -Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und daß ein -Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz -rechtfertigen kann -- das heißt ein voller, reicher, großer, ganzer -Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen. - - -546. - -Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern -des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die -Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist?.... - - -547. - -*Die Rangordnung der Menschenwerte.* -- - -a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen. -*Epidermalhandlungen.* Nichts ist seltener als eine *Personal*handlung. -Ein Stand, ein Rang, eine Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall -- -alles drückt sich eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine -„Person“. - -b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen „Personen“ -sind. Und dann sind manche auch *mehrere* Personen, die meisten sind -*keine*. Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen, -auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine -Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer „Person“ zu -verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge. - -c) Die „Person“ ein relativ *isoliertes* Faktum; in Hinsicht auf die -weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit, -somit beinahe etwas *Widernatürliches*. Zur Entstehung der Person -gehört eine zeitige Isolierung, ein Zwang zu einer Wehr- und -Waffenexistenz, etwas wie Einmauerung, eine größere Kraft des -Abschlusses; und vor allem eine viel *geringere Impressionabilität*, -als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit *kontagiös* ist, hat. - -*Erste Frage* in betreff *der Rangordnung*: wie *solitär* oder wie -*herdenhaft* jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Wert in den -Eigenschaften, die den Bestand seiner Herde, seines Typus sichern; im -andern Falle in dem, was ihn abhebt, isoliert, verteidigt und *solitär -ermöglicht*.) - -*Folgerung*: man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem -herdenhaften, und den herdenhaften *nicht* nach dem solitären. - -Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr -Antagonismus notwendig, -- und nichts ist *mehr* zu verbannen als jene -„Wünschbarkeit“, es möchte sich etwas *Drittes* aus beiden entwickeln -(„Tugend“ als Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“ -als die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das *Typische -fortentwickeln*, die *Kluft* immer *tiefer aufreißen*.... - -Begriff der *Entartung* in beiden Fällen: wenn die Herde den -Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese den -Eigenschaften der Herde, -- kurz, wenn sie sich *annähern*. Dieser -Begriff der Entartung ist abseits von der moralischen Beurteilung. - - -548. - -*Vom Range.* Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“ -- -schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist -alle Rangordnung verlorengegangen. - - -549. - -Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. -- Abseits gestellt gegen die -beiden Bewegungen, die individualistische und die kollektivistische -Moral, -- denn auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem -einen die gleiche Freiheit geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich -nicht um den Grad von Freiheit, der dem einen oder dem andern oder -allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von *Macht*, den einer oder -der andere über andere oder alle üben soll, respektive inwiefern eine -Opferung von Freiheit, eine Versklavung selbst, zur Hervorbringung -eines *höheren Typus* die Basis gibt. In gröbster Form gedacht: *wie -könnte man die Entwicklung der Menschheit opfern*, um einer höheren -Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? -- - - -550. - -Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten: und nichts -sonst. - - -551. - -Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist; der Rest ist -Feigheit. - - -552. - -Der Wille zur Macht. -- Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche -diese Umwertung an sich vornehmen. Die Rangordnung als Machtordnung: -Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen -festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur -- das -schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten -sich unterjochend. - - -553. - -Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen Naturen voran. - - -554. - -Den *Wert* eines Menschen danach abschätzen, was er den Menschen -*nützt* oder *kostet* oder *schadet*: das bedeutet ebensoviel und -ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den *Wirkungen*, -die es tut. Aber damit ist der Wert des Menschen *im Vergleich mit -anderen Menschen* gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“, -soweit sie eine *soziale* ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen -Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen Geschmack auf der Zunge, -umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmitteilbar, -unmitteilsam, -- ein *unausgerechneter* Mensch, also ein Mensch einer -höheren, jedenfalls *anderen* Spezies: wie wollt ihr den abwerten -können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt? - -Die *moralische Abwertung* hat die größte Urteilsstumpfheit im Gefolge -gehabt: der Wert eines Menschen an sich ist *unterschätzt*, fast -*übersehen*, fast *geleugnet*. Rest der naiven *Teleologie*: der *Wert* -des Menschen *nur in Hinsicht auf die Menschen*. - - -555. - -Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung. -Um einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz -unsrer ganzen Zivilisation wünschen müssen. Napoleon ermöglichte den -Nationalismus: das ist dessen Entschuldigung. - -Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von Moralität und -Unmoralität: denn mit diesen Begriffen wird der *Wert* eines Menschen -noch nicht einmal berührt) liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er -bestünde fort, selbst wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte. -Und warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten -Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen Spezies Mensch sein: so -hoch, so überlegen, daß an ihm alles vor Neid zugrunde ginge? - - -556. - -*Mißverständnis des Egoismus*: von seiten der *gemeinen* Naturen, -welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der -großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraftgefühlen, -welche überwältigen, zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, -- -der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der -Tätigkeitssinn nach einem Terrain. -- Im gewöhnlichen „Egoismus“ -will gerade das „Nicht-~ego~“, das *tiefe Durchschnittswesen*, der -Gattungsmensch seine Erhaltung -- *das* empört, falls es von den -Seltneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. -Denn diese urteilen: „wir sind die *Edleren*! Es liegt *mehr* an -*unserer* Erhaltung als an der jenes Viehs!“ - - -557. - -*Gegen John Stuart Mill.* -- Ich perhorresziere seine Gemeinheit, -welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem andern billig“; „was du -nicht willst usw., das füg' auch keinem andern zu“; welche den ganzen -menschlichen Verkehr auf *Gegenseitigkeit der Leistung* begründen -will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas, -das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung *unvornehm* im -untersten Sinne: hier wird die *Äquivalenz der Werte von Handlungen* -vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Wert einer -Handlung einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen -und bezahlt werden kann --). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine große -Gemeinheit; gerade daß etwas, das *ich* tue, *nicht* von einem andern -getan werden *dürfte* und *könnte*, daß *es keinen Ausgleich* geben -darf (-- außer in der *ausgewähltesten Sphäre* der „meinesgleichen“, -~inter pares~ --), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt, -weil man etwas *Einmaliges ist* und nur *Einmaliges tut*, -- diese -Grundüberzeugung enthält die Ursache der *aristokratischen Absonderung -von der Menge*, weil die Menge an „Gleichheit“ und *folglich* -Ausgleichbarkeit und „Gegenseitigkeit“ glaubt. - - -558. - -*Randbemerkung zu einer* ~niaiserie anglaise~. -- „Was du nicht -willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen auch nicht.“ Das gilt als -Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral, -- als -„güldener Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?) -glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff -aus. Der Kalkul: „tue nichts, was dir selber nicht angetan werden -soll“ verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der -Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer *vergolten* wird. Wie nun, -wenn jemand, mit dem „~Principe~“ in der Hand, sagte: „gerade solche -Handlungen *muß* man tun, damit andere uns nicht zuvorkommen, damit -wir andere außer Stand setzen, sie *uns* anzutun“? -- Andrerseits: -denken wir uns einen Korsen, dem seine Ehre die ~vendetta~ gebietet. -Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf -eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn *nicht* ab, -seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht in allen *anständigen* -Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns -kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte, --- das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt. - -Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen *Typus Mensch* verrät: -es ist der *Instinkt der Herde*, der sich mit ihm formuliert, -- man -ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. -- Hier wird -wirklich an eine *Äquivalenz der Handlungen* geglaubt, die, in allen -realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es *kann* nicht jede -Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen „Individuen“ *gibt -es keine gleichen Handlungen*, folglich auch keine „Vergeltung“.... -Wenn ich etwas tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß -überhaupt dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es gehört -mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man würde immer eine -„*andere*“ Handlung gegen mich begehen. -- - - -559. - -Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches -Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der -Tiefe. Es gibt auch eine *andere Art Barbaren*, die kommen aus der -Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach -einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein -solcher Barbar. - - -560. - -*Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen.* - -1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher? - -2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und -Unglück? - -3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und -unerbittlicher? - -4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder -„unmenschlicher“? - -5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser? - -6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (wie es -zum Beispiel der Philosoph tut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen -Winkel, ein Gefängnis, eine Dummheit riecht)? - -7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder *verachteter*? - -8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier werden will? - - -561. - -Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis zu -den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, denen er sich -*gewachsen fühlt*. Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum -Dasein, sondern ein Unglück für die höheren. - - -562. - -Die *Lasterhaften* und *Zügellosen*: ihr deprimierender Einfluß auf -den *Wert der Begierden*. Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte, -welche, im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren „Bund der Tugend“ -zwingt -- nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den -*Wert* des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“ (Zähmung) -braucht alle Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und -Raubtiernatur aufrechtzuerhalten. - -Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten -Einfluß: Das, was *Menschen der Macht und des Willens von sich* -verlangen können, gibt ein Maß auch für das, was sie sich zugestehen -dürfen. Solche Naturen sind der *Gegensatz* der Lasterhaften und -Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein -geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre. - -Hier schadet der Begriff der „*Gleichwertigkeit* der Menschen *vor -Gott*“ außerordentlich; man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche -an sich zu den Prärogativen der Starkgeratenen gehören, -- wie als -ob sie an sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze -Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der -Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) als Wertnorm aufstellte. - -Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen *Virtuosen* -des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz zum -Lasterhaften und Zügellosen abgibt) mit den schimpflichsten Namen -brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu -müssen; das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf -Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein Mönch oder Priester über -das mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern -darf. Ein Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat -man bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?.... Nur -ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden. -- Denkt -man ein wenig konsequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in -das, was ein „großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß -die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt --, sie kämpft -*gegen* alle „Größe des Menschen“. - - -563. - -Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an -denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so gründlich in Acht -getan, daß damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden -sind oder sich als *böse*, als „schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten. -Diese Einbuße ist groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine -Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung -jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und -Täuschung), ist deren Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht -mehr die alte Wildheit haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man -sehe unsre Künstler und Staatsmänner an. - - -564. - -Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut machen kann, der -versäumt hat, zur rechten Zeit in eine *gute Schule* zu gehen. Ein -solcher kennt sich nicht; er geht durchs Leben, ohne gehen gelernt -zu haben; der schlaffe Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch. -Mitunter ist das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen: -jahrelanges Siechtum vielleicht, das die äußerste Willenskraft und -Selbstgenügsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich hereinbrechende -Notlage, zugleich noch für Weib und Kind, welche eine Tätigkeit -erzwingt, die den erschlafften Fasern wieder Energie gibt und dem -Willen zum Leben die *Zähigkeit zurückgewinnt*. Das Wünschenswerteste -bleibt unter allen Umständen eine harte Disziplin *zur rechten Zeit*, -das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel von sich -verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die harte Schule als gute -Schule von jeder anderen: daß viel verlangt wird; daß streng verlangt -wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird; -daß das Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf, -sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine solche -Schule hat man in jedem Betracht nötig: das gilt vom Leiblichsten wie -vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll, hier trennen zu wollen! Die -gleiche Disziplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und, -näher besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die -Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen können und -wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih und Glied stehen, aber -fähig jederzeit, auch zu führen; die Gefahr dem Behagen vorziehen; -das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem -Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. -- -Was *lernt* man in einer harten Schule? *Gehorchen* und *Befehlen*. - - -565. - -Das Verdienst *leugnen*: aber das tun, was über allem Loben, ja über -allem Verstehen ist. - - -566. - -*Nützlich* sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die andern -indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich, -irgendeine Wertabfolge festzusetzen, -- so gewiß, ökonomisch gemessen, -die Kräfte in der Natur allesamt gut, das heißt nützlich sind, so -viel furchtbares und unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen -ausgeht. Höchstens könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die -wertvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen gibt. - - -567. - -Wieviel *Vorteil* opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ ist er! -Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben -- und wie -*fern* vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt! - -Man will *nicht* sein „Glück“; man muß Engländer sein, um glauben zu -können, daß der Mensch immer seinen Vorteil sucht. Unsre Begierden -wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen --, ihre -aufgestaute Kraft sucht die Widerstände. - - -568. - -Die *Erziehung* zu jenen *Herrscher*tugenden, welche auch über sein -Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die großen Züchtertugenden -(„seinen Feinden vergeben“ ist dagegen Spielerei), den *Affekt des -Schaffenden* auf die *Höhe bringen* -- nicht mehr Marmor behauen! -- -Die Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit der der -bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi Seele. - - -569. - -*Der höhere Mensch und der Herdenmensch.* Wenn die großen Menschen -*fehlen*, so macht man aus den vergangenen großen Menschen Halbgötter -oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch -nicht mehr am Menschen *Lust* hat (-- „und am Weibe auch nicht“ -mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen auf einen Haufen als -Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken. - -Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen: sie machen den -Geringeren dumm. - - -570. - -Der Hammer. *Wie* müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt -wertschätzen? -- Menschen, die *alle* Eigenschaften der modernen Seele -haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? -- -Ihr Mittel zu ihrer Aufgabe. - - -571. - -Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit, -verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er die Mahlzeiten verdaut; er -wird mit schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn -ein unversehrter und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm -widersteht, so wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt. - - -572. - -Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind -schlechterdings *nicht* um des Nutzens willen, der von ihnen ausgeht, -zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände *reicher Seelen* sind, -welche abgeben können und ihren Wert als Füllegefühl des Lebens tragen. -Man sehe die Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der -Selbstverneinung, des Hasses auf das ~moi~, des „Pascalismus“. - - -573. - -Zu den herrschaftlichen Typen. -- Der „Hirt“ im Gegensatz zum „Herrn“ -(-- ersterer *Mittel* zur Erhaltung der Herde; letzterer *Zweck*, -weshalb die Herde da ist). - - -574. - -*Hauptgesichtspunkt*: daß man nicht die *Aufgabe* der höheren Spezies -in der *Leitung* der niederen sieht (wie es zum Beispiel Comte macht ---), sondern die niedere als *Basis*, auf der eine höhere Spezies ihrer -*eigenen* Aufgabe lebt, -- auf der sie erst *stehen kann*. - -Die Bedingungen, unter denen eine *starke* und *vornehme* Spezies sich -erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind die umgekehrten von -denen, unter welchen die „industriellen Massen“, die Krämer ~à la~ -Spencer stehen. - -Das, was nur den *stärksten* und *fruchtbarsten* Naturen freisteht -zur Ermöglichung *ihrer* Existenz -- Muße, Abenteuer, Unglaube, -Ausschweifung selbst --, das würde, wenn es den *mittleren* Nationen -freistünde, diese notwendig zugrunde richten -- und tut es auch. -Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste -„Überzeugung“ am Platze, -- kurz die „Herdentugenden“: unter ihnen wird -diese mittlere Art Mensch vollkommen. - - -575. - -Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel -setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden, -verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede -große Gefahr unsre Neugierde in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres -Mutes herausfordert. - - -576. - -„Sein Leben lassen für eine Sache“ -- großer Effekt. Aber man läßt -für vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre -Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache -- -daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele -haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert -- und selbst, was -schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt -man instinktiv die gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer -der Spekulation, wenn man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man -tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre -will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? Im Gegenteil, -wir suchen instinktiv ein *potenziertes* Leben, das Leben in der -Gefahr.... Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein -als die anderen. Pascal zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb -Christ: das war vielleicht tugendhaft. -- *Man opfert immer.* - - -577. - -„*Seinem Gefühle folgen?*“ -- Daß man, einem generösen Gefühle -*nachgebend*, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines -Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In -der Fähigkeit dazu sind sich alle gleich -- und in der Entschlossenheit -dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten -Menschen gewiß. - -Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und -die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, -- sondern kalt, -~raisonnable~, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen -dabei.... Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die -~raison~ *durchgesiebt* sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie -irgendein Affekt. - -Die *blinde Nachgiebigkeit* gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob -es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache -der *größten Übel*. - -Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte -nicht besitzt, -- im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade: -aber daß man sie am Zügel führt.... und auch das noch ohne Lust an -dieser Bändigung, sondern bloß, weil.... - - -578. - -Wo man die *stärkeren Naturen* zu suchen hat. -- Das Zugrundegehen und -Entarten der *solitären* Spezies ist viel *größer* und furchtbarer: sie -haben die Instinkte der Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre -Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein -nicht stark, nicht sicher genug, -- es gehört viel Gunst des Zufalls -dazu, daß sie *gedeihen* (-- sie gedeihen in den niedrigsten und -gesellschaftlich preisgegebensten Elementen am häufigsten; wenn man -nach *Person* sucht, dort findet man sie um wieviel sicherer als in den -mittleren Klassen!). - -Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der Rechte“ -abzielt, -- ist er ungefähr erledigt, so geht der *Kampf* los gegen -die *Solitärperson*. (In einem gewissen Sinne *kann dieselbe sich -am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und -entwickeln*: dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht mehr -nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit, -Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.) - -Die *Stärksten* müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten -gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Herde. Für sie -ein Regime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der -„Pflicht“ in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber -kommt. - - -579. - -Wogegen *ich* kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel den Krieg macht, --- statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung -für den Wert der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, -statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu -empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten. - - -580. - -Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es -ist fast ein Fragezeichen an seinem „*Recht* auf Philosophie“. Gerade -deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu -nehmen, hat er allem Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten. - - -581. - -Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich -tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder Schritt weg von ihr führt -- so -lehre ich -- ins *Unmoralische*. - - -582. - -Die *Verkleinerung* des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten: -weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine *stärkere* -Art Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher *jede verstärkte* -Art Mensch auf einem *Niveau der niedrigeren stand* -- -- --) - - -583. - -Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich und -nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines *Unterbaus*, -auf dem endlich eine *stärkere* Gattung möglich wird. -- Maßstab -der Stärke: unter den *umgekehrten* Wertschätzungen leben können -und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: -weltwirtschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als *Züchtung*. - - -584. - -Der Kampf gegen die *großen* Menschen, aus ökonomischen Gründen -gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, -Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in -Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich entladen, -sondern womöglich seiner Entladung *vorbeugen*: Grundinstinkt aller -zivilisierten Gesellschaft. - - -585. - -Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators -der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ klarzumachen, -dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so -leidenschaftlich *bekämpft* -- daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten, -Staatsmänner, Genies, Feldherren die Hebel und *Ursachen* aller großen -Bewegungen sind -- wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als -ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Wertvolle an einem -solchen „höheren Menschen“ liege eben in der Fähigkeit, Massen in -Bewegung zu setzen: kurz, in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“ -des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in der -Rangdistanz, -- nicht in irgendwelchen Wirkungen: und ob er auch den -Erdball erschütterte. -- - - -586. - -Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität -*nicht medioker* haben will und, statt an einem Ausnahmesein einen -Triumph zu fühlen, *entrüstet* ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit -und Miserabilität. *Man soll das nicht anders wollen!* und die Kluft -*größer* aufreißen! -- Man soll die höhere Art *zwingen*, sich -*abzuscheiden* durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat. - -*Hauptgesichtspunkt*: *Distanzen* aufreißen, aber *keine Gegensätze -schaffen*. Die *Mittelgebilde* ablösen und im Einfluß verringern: -Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten. - - -587. - -Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung -der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit der Menschen, -sondern wir wollen auch gerade das Gegenteil einer Anähnlichung, -einer Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir -reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der -Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen leben wir noch selber -einander fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nötig -sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, -- wir werden -folglich schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden -allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten -kennen. Laufen wir uns aber über den Weg durch einen Zufall, so ist -darauf zu wetten, daß wir uns verkennen oder wechselseitig betrügen. - - -588. - -Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht -weil er allein sein will, sondern weil er etwas ist, das nicht -seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade -heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat -und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen -weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches -Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, -- heute sieht sich der -Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen -umringt. Und nicht etwa nur von seiten der Neidischen und Erbärmlichen: -er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem -Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke -des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig -fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere, -zuverlässigere Gesellschaft, vor sich selber zu „retten“ sucht, -- ja -er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem -alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im besten -Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen -Vereinsamung nötig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der -äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer -Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute not tun, damit -ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber *oben* erhalte, -inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit. -Jeder Versuch, es *in* der Gegenwart, *mit* der Gegenwart auszuhalten, -jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von heute muß er wie seine -eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner -Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch -Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht. - - -589. - -Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der -menschlichen Niederungen es eine *höhere, hellere Menschheit* gibt, -die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (-- denn alles, was -hervorragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht -weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller -wäre als die Menschen da unten, sondern -- weil man *kälter*, *heller*, -*weitsichtiger*, *einsamer* ist, weil man die Einsamkeit erträgt, -vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung des Daseins, weil -man unter Wolken und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber -ebenso unter Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was -notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur -in der Richtung *von oben nach unten* bewegt. Die Aspirationen *nach* -der Höhe sind nicht die unsrigen. -- Die Helden, Märtyrer, Genies und -Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug. - - -590. - -Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten -gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von -Mißratenen, von Unglücksfällen und ein äußerst langsames Schreiten; -ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; -der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche -Geschichte -- die Geschichte des höchsten Menschen, des *Weisen*. -- -Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis der Großen, denn die -Halbgeratenen und Mißratenen verkennen sie und besiegen sie durch -„Erfolge“. Jedesmal, wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse -Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im -Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den, der mit Schauder -weiß, *daß das Schicksal der Menschheit am Geraten ihres höchsten Typus -liegt*. -- Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen -des Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht -verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird -- vielleicht -nur für kurze Zeit. - - -591. - -*Rangordnung*: Der die Werte *bestimmt* und den Willen von -Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten Naturen lenkt, ist -der *höchste Mensch*. - - -592. - -Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die -höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge. - - -593. - -Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und unten *verschieden* -sind; daß zahllose *Erfahrungen* den Unteren *fehlen*, daß von unten -nach oben das Mißverständnis *notwendig* ist. - - -594. - -Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle *gegensätzlicher* -Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist -er der Herr der Erde. -- Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter -*Rangordnungen* in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren -*Widersprüchen* der Mensch nicht zugrunde geht. Also ein Trieb als -Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den -*Reiz* für die Tätigkeit des Haupttriebes abgibt. - -Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch -in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der -Tat: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig -*gegen*einander treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber -gebändigt. - - -595. - -Ein großer Mensch, -- ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile -aufgebaut und erfunden hat -- was ist das? *Erstens*: er hat in -seinem gesamten Tun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer -überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große -Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles -kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter -auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt. *Zweitens*: -er ist *kälter*, *härter*, *unbedenklicher* und *ohne Furcht vor der -„Meinung“*; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der „Achtung“ -und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur -„Tugend der Herde“ gehört. Kann er nicht *führen*, so geht er allein; -es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem Wege begegnet, -angrunzt. *Drittens*: er will kein „teilnehmendes“ Herz, sondern -Diener, Werkzeuge; er ist im Verkehr mit Menschen immer darauf aus, -etwas aus ihnen zu *machen*. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es -geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich nicht, -wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine -Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr -Geist und *Willen*. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas -Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, -welche keine Instanz über sich hat. - - -596. - -Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens --- das bringen die Künstler noch am besten zustande: wenn einer aber -Menschen dazu nötig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die -Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar -und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten an ihrem -Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf -dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die *größte -Verantwortlichkeit* tragen und *nicht* daran *zerbrechen*. -- Bisher -waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst den *Glauben -an sein Recht und seine Hand* nicht zu verlieren. - - -597. - -Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das Geringere in -meiner Betrachtung, *gegen die Not der großen Einzelnen in ihrer -Entwicklung*. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller -dieser *Kleinen* bilden zusammen keine *Summe*, außer im Gefühle von -*mächtigen* Menschen. -- An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr: -seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile vieler: -- das kann bei einem -sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen *großen* Charakters sein, -der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird. - - -598. - -Im *großen Menschen* sind die spezifischen Eigenschaften des Lebens --- Unrecht, Lüge, Ausbeutung -- am größten. Insofern sie aber -*überwältigend* gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden -und ins Gute interpretiert worden. Typus Carlyle als Interpret. - - -599. - -Ob man nicht ein Recht hat, alle *großen* Menschen unter die *bösen* -zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen -ein meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die -Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten -sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte -gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, -- dergleichen täuscht, aus -der Ferne gesehen. Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten -fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus, zum Beispiel die -Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch -große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß -aus dem Vorhandensein der Gegensätze und aus deren Gefühl gerade der -große Mensch, *der Bogen mit der großen Spannung*, entsteht. - - -600. - -Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale -tragen, die ganze Art der *heroischen* Lastträger: o wie gern -möchten sie einmal von sich selber ausruhen! wie dürsten sie nach -starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden, -was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie -sehen sich alles an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur -mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand errät, -*inwiefern* sie warten.... Endlich, endlich lernen sie ihre erste -Lebensklugheit -- *nicht* mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre -zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an jedermann -zu ertragen, jederlei zu ertragen -- kurz, noch ein wenig *mehr zu -ertragen*, als sie bisher schon getragen haben. - - -601. - -Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involviert -*Unabhängigkeit*; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt -sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohltunwollen und -„Gerechtigkeit“üben. Die geringen Geister haben zu *gehorchen*, -- -können also nicht *Größe* haben. - - -602. - -Die *Notwendigkeit* zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren -Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander -verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen *eine -Gegenbewegung gehört*. Ich bezeichne dieselbe als *Ausscheidung -eines Luxusüberschusses der Menschheit*: in ihr soll eine *stärkere* -Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und -andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein -Begriff, mein *Gleichnis* für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort -„Übermensch“. - -Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist, -entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die -Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des -Menschen, -- eine Art *Stillstandsniveau des Menschen*. Haben wir -erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung -der Erde, dann *kann* die Menschheit als Maschinerie in deren -Diensten ihren besten Sinn finden: -- als ein ungeheures Räderwerk von -immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer -wachsendes Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden -Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren -*Minimalkräfte, Minimalwerte* darstellen. - -Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen -an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten -Bewegung, -- der Erzeugung des *synthetischen*, des *summierenden*, -des *rechtfertigenden* Menschen, für den jene Machinalisierung der -Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf -dem er seine *höhere Form, zu sein*, sich erfinden kann. - -Er braucht die *Gegnerschaft* der Menge, der „Nivellierten“, das -Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von -ihnen. Diese höhere Form des *Aristokratismus* ist die der Zukunft. -- -Moralisch geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller -Räder, ein Maximum in der *Ausbeutung des Menschen* dar: aber sie setzt -solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung *Sinn* hat. Im anderen Falle -wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, *Wert*verringerung -des Typus Mensch, -- ein *Rückgangsphänomen* im größten Stile. - --- Man sieht, was ich bekämpfe, ist der *ökonomische* Optimismus: -wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller -notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: *die -Unkosten aller summieren sich zu einem Gesamtverlust*: der Mensch wird -*geringer*: -- so daß man nicht mehr weiß, *wozu* überhaupt dieser -ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein *neues* Wozu? -- *das* ist -es, was die Menschheit nötig hat. - - -603. - -*Zur Rangordnung.* -- Was ist am typischen Menschen *mittelmäßig*? -Daß er nicht die *Kehrseite der Dinge* als notwendig versteht: daß -er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entraten könne; -daß er das eine nicht mit dem andern hinnehmen will, -- daß er den -*typischen Charakter eines Dinges*, eines Zustandes, einer Zeit, einer -Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Teil -ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern *abschaffen* möchte. Die -„Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen ist das, was von uns andern bekämpft -wird: das *Ideal*, gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, -Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere -Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum des Menschen -auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der *höchste* Mensch, gesetzt, -daß ein solcher Begriff erlaubt ist, *der* Mensch wäre, welcher *den -Gegensatzcharakter des Daseins* am stärksten darstellte, als dessen -Glorie und einzige Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen -nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters -darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die Vielfachheit der -Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst, das heißt die -Vorbedingung für die *Größe des Menschen*. Daß der Mensch besser *und* -böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit.... - -Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst -wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, -ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört -vielleicht zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich -stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß -es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen -handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl, bloß -Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der -*ganze* Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, wie -weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht *nicht* in einem -Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren -(-- wir haben zum Beispiel mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten -noch nicht den *Menschen der Renaissance* wieder erreicht, und -hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem *antiken -Menschen* zurück). - - -604. - -Die „*Reinigung des Geschmacks*“ kann nur die Folge einer *Verstärkung* -des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute *repräsentiert* nur -die Bildung; der Gebildete *fehlt*. Der große *synthetische Mensch* -fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins -Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der *vielfache* Mensch, das -interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht -das Chaos *vor* der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: -- *Goethe* -als schönster Ausdruck des Typus (-- *ganz und gar kein Olympier!*). - - -605. - -Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck -- für die *deutsche starke Art* -charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener -geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen -hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die -Freiheit vorbehält. - - -606. - -(~Revue des deux mondes~, 15. Februar 1887. *Taine* über Napoleon:) -„Plötzlich entfaltet sich die ~faculté maîtresse~: der *Künstler*, -eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus ~de sa gaine~; er schafft -~dans l'idéal et l'impossible~. Man erkennt ihn wieder als das, was -er ist: der posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in -Wahrheit, in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die -Intensität, Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner -Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption, ist er ihnen -gleich ~et leur égal: son génie a la même taille et la même structure, -il est un des trois sprits souverains de la renaissance italienne~.“ - -Notabene -- -- Dante, Michelangelo, Napoleon. - - -607. - -Einsicht, welche den „freien Geistern“ *fehlt*: dieselbe *Disziplin*, -welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen -befähigt, *zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen*: -- der Zweifel, --- ~la largeur de cœur~, -- das Experiment. - - -608. - -Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst -furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig: -sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: -und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der -Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von den untersten -Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe erraten hat, wird Dante, als -er über die Pforte seines Inferno schrieb: „auch mich schuf die ewige -Liebe“, verstehen. - - -609. - -Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen. - - -610. - -*Die Kriegerischen und die Friedlichen.* -- Bist du ein Mensch, -der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle -bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein Angriffskrieger oder ein -Widerstandskrieger von Instinkt? Der Rest von Menschen, alles, was -nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will -„Freiheit“, will „gleiche Rechte“ -- : das sind nur Namen und Stufen -für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig hat, sich -zu wehren, -- solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie -genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie wollen Zustände schaffen, wo -es überhaupt keinen Krieg mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen, -gehorchen, einordnen: immer noch besser als Krieg führen, -- so rät es -zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen Kriegern -gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, in Wahl der Zustände, in der -Ausbildung jeder Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr -im zweiten am besten entwickelt. - -Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel und Tugenden sie -nötig haben, um es auszuhalten, -- um selbst obzusiegen. - - -611. - -Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren -und anzugreifen? Was bleibt von seinen *Affekten* übrig, wenn die ihm -abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat? - - -612. - -Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die Nähe der -Interessen zu bringen, für die man kämpft -- das macht *uns* ehrwürdig; -2. man muß lernen, *viele* zum Opfer bringen und seine Sache wichtig -genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre -Disziplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehen. - - -613. - -„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ -- auch ein -Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich Seelen vornehmer und -kriegerischer Abkunft verraten und erraten. - - -614. - -Nicht „das Glück folgt der Tugend“, -- sondern der Mächtigere bestimmt -*seinen glücklichen Zustand erst als Tugend*. - -Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die -schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen. - -Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern -er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt *gegen* alle ihre Ideale -und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, -aufgezwungen. - -Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen und den Glauben -an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber -war durch die Mittel, die er anwenden *mußte*, korrumpiert worden und -hatte die Noblesse des Charakters *verloren*. Unter einer andern Art -Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und -so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar *schlecht werden müßte*. - - -615. - -Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß -er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß dies die Größe ausmacht: -etwas Großes *wollen* und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder -Art Überzeugung gehört zur *Stärke seines Willens*. So ist es jenem -„aufgeklärten Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt. -Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Mut -auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich -Überzeugungen, sie *braucht* sie selbst, aber sie unterwirft sich -ihnen nicht. Das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem -in Ja und Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist -Willensschwäche. Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist notwendig -eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß „Freiheit des -Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt, Vorbedingung der Größe ist. - - -616. - -Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts -haben, aber ausgleichen in einer überreichen, plastischen, -wiederherstellenden Kraft. *Der starke Mensch.* - - -617. - -*Der Begriff „starker und schwacher Mensch“* reduziert sich darauf, -daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist -- er ist eine Summe: im -andern *noch wenig* -- (-- unzureichende Vererbung, Zersplitterung -des Ererbten). Die Schwäche kann ein *Anfangs*phänomen sein: „*noch -wenig*“; oder ein *End*phänomen: „nicht *mehr*“. - -Der Ansatzpunkt ist der, *wo große Kraft ist*, wo Kraft *auszugeben* -ist. Die Masse, als die Summe der *Schwachen*, reagiert *langsam*; -wehrt sich gegen vieles, für das sie zu schwach ist, -- von dem sie -keinen Nutzen haben kann; schafft *nicht*, geht nicht voran. - -Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und -meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten -Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Tätigen -und der Masse liegen -- eine *chronologische* Differenz. - -Die *Werte der Schwachen* sind obenan, weil die Starken sie übernommen -haben, um damit zu *leiten*. - - -618. - -Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maßstab bleibt -die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, Mut und Lustigkeit des -Geistes -- aber natürlich auch, *wieviel von Krankhaftem er auf sich -nehmen und überwinden kann*, -- gesund *machen* kann. Das, woran die -zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört zu den Stimulansmitteln -der *großen* Gesundheit. - - -619. - -Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft, --- nicht an die Mittelmäßigen. Die ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine -*Stufe* der Höhe: höher steht die „goldene Natur“. - -„*Du sollst*“ -- unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden -des Christentums und der Araber, in der Philosophie Kants (es ist -gleichgültig, ob einem Oberen oder einem Begriff). - -Höher als „du sollst“ steht: „*Ich will*“ (die Heroen); höher als „ich -will“ steht: „*Ich bin*“ (die Götter der Griechen). - -Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am *Maß* aus, -- -sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll. - - -620. - -Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und -schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte -weg, und vermöge ihrer verfeinerten Überkultur interessiert sie sich -für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw. - - -621. - -Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom -Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo -von „Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht -an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort -unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr -bedarf es erst etwas, *das den Geist adelt*. -- Wessen bedarf es denn -dazu? Des Geblüts. - - -622. - -Eine Kriegserklärung der *höheren Menschen* an die Masse ist nötig! -Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen! -Alles, was verweichlicht, sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt -oder das „Weibliche“, wirkt zugunsten des ~suffrage universel~, -das heißt der Herrschaft der *niederen* Menschen. Aber wir wollen -Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die in Europa mit dem -Christentum anhebt) ans Licht und vors Gericht bringen. - - -623. - -Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden -Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, -Erdregierung in der Nähe; vollständiger *Mangel* an *Prinzipien* dafür. - - -624. - -Der eigentlich *königliche* Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck -Alkuins des Angelsachsen): ~prava corrigere, et recta corroborare, et -sancta sublimare~. - - -625. - -~Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne -volent point en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux -étourneaux.... Planer au-dessus et avoir des griffes, voilà le lot des -grands génies.~ - - ~Galiani.~ - - -626. - -Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, und daß -sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: -- -sie haben andere Mittel nötig, das Leben zu ertragen, als andere -Menschen; denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer -Menschenverachtung als an ihrer Menschenliebe). -- Das leidendste Tier -auf Erden erfand sich -- das *Lachen*. - - -627. - -Weshalb der Philosoph *selten* gerät. Zu seinen Bedingungen gehören -Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zugrunde richten: - -1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß eine Abbreviatur -des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der -Gegensätze, auch des Ekels an sich; - -2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der -Zersplitterung; - -3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in -Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit); - -4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und -Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist); - -5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig. - - -628. - -*Typus*: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem -Reichtum heraus: welche nicht gibt, um zu nehmen, -- welche sich nicht -damit *erheben* will, daß sie gütig ist; -- die *Verschwendung* als -Typus der wahren Güte, der Reichtum an *Person* als Voraussetzung. - - -629. - -Was ist *vornehm*? - --- Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, -fernhält, vor Verwechslung schützt. - --- Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mit dem eine -stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen -Neugierde schützt. - --- Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es gibt nicht zu -viel wertvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem -Wertvollen. Wir bewundern schwer. - --- Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit. - --- Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden, -welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, -was er lobe: verstehen aber -- Balzac hat es verraten, dieser typisch -Ehrgeizige -- ~comprendre c'est égaler~. - --- Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; -die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben. - --- Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen Pflichten hat, -gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur ~inter pares~ auf -Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist. - --- Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an den Geburtsadel auch -im Sittlichen. - --- Immer sich als den fühlen, der Ehren zu *vergeben* hat: während -nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte. - --- Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des -Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte schon aus Anstandsgründen -sich nur als Mensch in der Welt bezeigen. - --- Die Fähigkeit zum ~otium~, der unbedingten Überzeugung, daß ein -Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt. -Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und -zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden -Künstler, die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen und -wieder gackern. - --- Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister -ist: aber als Wesen, die höherer Art *sind* als diese, welche nur etwas -*können*, als die bloß „produktiven Menschen“, verwechseln wir uns -nicht mit ihnen. - --- Die Lust an den *Formen*; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, -die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das -Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet -alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und -tölpelhaft wird und die Glieder streckt. - --- Das Wohlgefallen an den *Frauen*, als an einer vielleicht kleineren, -aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu -begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind -das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, -deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist. - --- Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben -an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der -Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen -und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten. - --- Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern. - --- Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten -Versöhnlichkeit. - --- Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, an der -„Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit. - --- Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und -wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. *Seine* Bücher, *seine* -Landschaften. - --- Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und -verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind -wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, -sich als Regel zu gebärden! - --- Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere -Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen. - --- Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir wissen, wie -unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein -unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle -bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt. - --- Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine -Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer -erkennbar sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu -geben. - - -630. - -*Dem Wohlgeratenen*, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz -geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist -- an dem selbst -die Nase noch ihre Freude hat --, sei dies Buch geweiht. - -Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist; - -sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen -überschritten wird; - -er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat -Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens; - -er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen; - -er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen; - -er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten -seiner Hauptsache, -- er folgt einem *auswählenden* Prinzip, -- er läßt -viel durchfallen; - -er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein -gewollter *Stolz* angezüchtet haben, -- er prüft den Reiz, woher er -kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht; - -er ist immer in *seiner* Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder -Landschaften verkehrt; - -er ehrt, indem er *wählt*, indem er *zuläßt*, indem er *vertraut*. - - -631. - -*Was ist vornehm*? -- Daß man sich beständig zu repräsentieren hat. -Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man -das Glück der *großen Zahl* überläßt: Glück als Frieden der Seele, -Tugend, Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum ~à la~ Spencer. Daß man -instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall -Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man -der *großen Zahl* nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig -widerspricht. - - -632. - -Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem -Vergnügen macht oder was man tun *muß*. - - -633. - -Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm -geblieben ist; daß er ~in eroticis~ weder das Brutale, noch das -Krankhafte, noch das Kluge mag. - - -634. - -*Der „Ehrbegriff“*: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an -ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu -repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß -man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen -man sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „*uns*“ gehören); -daß man weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden -ist, außer ~inter pares~; daß man *sich immer repräsentiert*. - - -635. - -Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles -Begehrens nach Reichtümern) ist: die *Unordnung und Gemeinheit aus dem -Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu bauen*. - -Die meisten freilich glauben, sie werden *höhere Naturen*, *wenn* jene -schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd -nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. *Sie -wollen sich formen lassen* -- das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber -die Starken, Mächtigen wollen *formen und nichts Fremdes mehr um sich -haben*! - -So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um -*sich* zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu -vergessen. Das „*Außer-sich-sein*“ als Wunsch aller Schwachen und -Mit-sich-Unzufriedenen. - - -636. - -„*Geradezu stoßen die Adler.*“ -- Die Vornehmheit der Seele ist nicht -am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit -der sie *angreift*, -- „geradezu“. - - -637. - -Krieg gegen die weichliche Auffassung der „*Vornehmheit*“! -- ein -Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine -Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht -darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, -verderberisch, -- nichts von Schönseelensalbaderei --. Ich will einem -*robusteren Ideale* Luft machen. - - -638. - -*Die zwei Wege.* -- Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch *Kraft* -im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese -*Sklaverei der Natur* herbeizuführen. - -Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst *auszubilden* zu etwas -Neuem, Höherem. *Neue Aristokratie.* Dann werden eine Menge *Tugenden -überlebt*, die jetzt *Existenzbedingungen* waren. -- Eigenschaften -nicht mehr nötig haben, *folglich* sie verlieren. Wir haben die -Tugenden nicht mehr *nötig*: *folglich* verlieren wir sie (-- -sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der -Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure -*Selbstbezwingung zu ermöglichen*, durch den Affekt einer ungeheuren -Furcht : : :). - -Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist: -Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln. - -Die *physiologische* Reinigung und Verstärkung. Die *neue Aristokratie* -hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine -furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten. - -*Die zwei Zukünfte der Menschheit*: 1. die Konsequenz der -Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten. - -Eine Lehre, die eine *Kluft* schafft: sie erhält die *oberste und die -niedrigste Art* (sie zerstört die mittlere). - -Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen -*nichts* gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie. - - -639. - -Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: es bildet -sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst -intelligenten Herdenmasse. Es steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur -Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen. - - -640. - -Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das -intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, -bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, -- -ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzenchaos. Wie möchte -sich aus ihm eine *stärkere* Art herausheben? Eine solche mit -*klassischem* Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der -Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, -zur Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen *Nacktheit* (-- -Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das -Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine -Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit....). Um sich aus jenem -Chaos zu dieser *Gestaltung* emporzukämpfen -- dazu bedarf es einer -*Nötigung*: man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen -oder *sich durchzusetzen*. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus -furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind -die *Barbaren* des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie -erst nach ungeheuren sozialistischen Krisen sichtbar werden und sich -konsolidieren, -- es werden die Elemente sein, die der *größten Härte -gegen sich selber* fähig sind und den *längsten Willen* garantieren -können. - - -641. - -Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die -große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? -Und *wozu* soll „der Mensch“ als Ganzes -- und nicht mehr ein Volk, -eine Rasse -- gezogen und gezüchtet werden? - -Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man -aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen -Willen beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstlerwille höchsten -Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen -über lange Zeiträume durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen, -Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den -eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und -wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie *fehlen*; bis man -endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, *warum* -sie fehlen, und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und -für lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man jetzt -in Europa geradewegs „*die Moral*“ nennt: wie als ob es keine andere -gäbe und geben dürfte, -- jene vorhin bezeichnete Herdentiermoral, -die mit allen Kräften das allgemeine grüne Weideglück auf Erden -erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit -des Lebens und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch -aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am -reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der Rechte“ und -„Mitgefühl für alles Leidende“ -- und das Leiden selber wird von ihnen -als etwas genommen, das man schlechterdings *abschaffen* muß. Daß -solche „Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen Begriff -von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo -und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, -muß vermeinen, daß dies unter den *umgekehrten* Bedingungen geschehen -ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, -seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang -sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu einem unbedingten Willen zur -Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, -Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der -Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, Teufelei jeder Art, -kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus -Mensch notwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, -welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten -will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten -- -die zukünftigen *Herren der Erde* -- muß, um gelehrt werden zu können, -sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen -Worten und Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und -Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer eines -Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so -langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst *eine neue Art* -angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen -Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird -- eine neue -Herrenart und -Kaste -- dies begreift sich ebensogut als das lange -und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine -*Umkehrung der Werte* für eine bestimmte starke Art von Menschen -höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zweck -bei ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte -langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört -zu uns, den freien Geistern -- freilich wohl zu einer neueren Art von -„freien Geistern“ als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr -das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die -Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, -insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch zur -Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens *logisch* -nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche -unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und -gegen das „Herdentier“ kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst -bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten -einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von -denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt -- es ist das -Werk des *neuen* Kolumbus, des deutschen Geistes -- mutig *fortgesetzt* -wird (-- denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung). -In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere, eine -herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem -erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch -als der Mensch von heute, -- er war bisher allein „der wohlgeratene -Mensch“. Die Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene, -das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch -heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und -antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war. - - -2. Der züchtende Gedanke. - - -642. - -Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme -Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, welche ein Recht auf -solche fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche -sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der -Zeit, je mehr der Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird, -mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten *Züchtung* des -entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen? -Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art -Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer -*bediente* -- dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen -Ausgestaltung der Sklaverei (-- das muß die europäische Demokratie am -Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister -hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch -sie emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu *ihren* Fernsichten? Zu -*ihren* Aufgaben? - - -643. - -Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten Menschen -*erraten*; -- vielleicht geht jeder zugrunde, der ihn errät: aber wer -ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu *ermöglichen*. - -Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als *maßgebend* nehmen für alle -unsere Wertschätzung -- und nicht *hinter* uns die Gesetze unseres -Handelns suchen! - - -644. - -*Könnten* wir die günstigsten Bedingungen *voraussehen*, unter denen -Wesen entstehen von höchstem Werte! Es ist tausendmal zu kompliziert -und die Wahrscheinlichkeit des Mißratens *sehr groß*: so begeistert es -nicht, danach zu streben! -- Skepsis. -- Dagegen: Mut, Einsicht, Härte, -Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die -Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu -Hilfe kommen. -- - - -645. - -Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres -vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des Führertiers. - - -646. - -So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und -seltener Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der -vielen (einbegriffen, daß diese *wüßten*, welche Eigenschaften zur -Größe gehören und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich -entwickelt) -- nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! -- - -Daß der Gang der Dinge *unabhängig* von der Zustimmung der allermeisten -seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der -Erde eingeschlichen hat. - - -647. - -*Nicht* die Menschen „besser“ machen, *nicht* zu ihnen auf irgendeine -Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ oder eine ideale Art -Mensch überhaupt gegeben sei: sondern *Zustände schaffen*, unter -denen *stärkere Menschen nötig sind*, welche ihrerseits eine Moral -(deutlicher: eine *leiblich-geistige Disziplin*), *welche stark macht*, -brauchen und folglich *haben* werden! - -Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen: -*die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich*. Und leider *gar -nichts Liebenswürdiges*! - - -648. - -Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner -größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu -allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß: -denn die Moral war im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, -jene prachtvolle Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu -vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige Entwicklung -eine solche ungeheure Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß -eine *umgekehrte* Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren, -zarteren, mittleren Existenzen haben nötig, Partei zu machen *gegen* -jene Glorie von Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue -Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten -Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche -Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern sie die Typen des Lebens -überwältigen will. - - -649. - -Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen -Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer *despotischer Moralen*: -sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen. - - -650. - -Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der Kampf um die -Macht am längsten geführt worden ist. Die *großen* Menschen. - -Urwaldtiere die *Römer*. - - -651. - -*Aus der Kriegsschule der Seele.* (Den Tapfern, den Frohgemuten, den -Enthaltsamen geweiht.) - -Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die -Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten -schließt der große Stil das Gefällige aus. - -In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg: er -härtet ab, er macht Muskel. - -Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was man -nötig hat. - -Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr *erreicht* mich -- ein Land -ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der *Dürre* -nicht zu verschmachten. - - -652. - -*Ersatz* der Moral durch den *Willen* zu unserem Ziele, und *folglich* -zu dessen *Mitteln*. - - -653. - -Es bedarf einer Lehre, stark genug, um *züchtend* zu wirken: stärkend -für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden. - -Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. -- Die -Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. -- Die Herrschaft -über die Erde als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. -- Die -Vernichtung der Tartüfferie, welche „Moral“ heißt (das Christentum -als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). -- -Die Vernichtung des ~suffrage universel~: das heißt des Systems, -vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren -vorschreiben. -- Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit und ihrer Geltung. -(Die Einseitigen, Einzelne -- Völker; Fülle der Natur zu erstreben -durch Paarung von Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) -- Der neue -Mut -- keine apriorischen Wahrheiten (*solche* suchten die an Glauben -Gewöhnten!), sondern *freie* Unterordnung unter einen herrschenden -Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel Zeit als Eigenschaft des -Raumes usw. - - -654. - --- Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem -der religiöse, das heißt gott*bildende*, Instinkt mitunter zur Unzeit -lebendig wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das -Göttliche offenbart!... So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in -jenen zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem Monde -fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist -und wie jung man noch sein wird.... Ich würde nicht zweifeln, daß es -viele Arten Götter gibt.... Es fehlt nicht an solchen, aus denen man -einen gewissen Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf.... -Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff „Gott“.... -Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich mit Vorliebe jenseits -alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten weiß? jenseits -auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die Aussicht *frei*, --- mit Goethe zu reden. -- Und um für diesen Fall die nicht genug zu -schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra geht so weit, -von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen Gott glauben, der zu -*tanzen* verstünde“.... - -Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! -- -Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt -weder an alte noch neue Götter. Zarathustra sagt, er *würde* --; aber -Zarathustra *wird* nicht.... Man verstehe ihn recht. - -Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der „großen -Menschen“. - - -655. - -Und wie viele neue *Ideale* sind im Grunde noch möglich! -- Hier ein -kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und -einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften -Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; -der Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne -Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in -der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von -irgendeinem Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt -selbst durch Trübsal -- denn Trübsal *erhält* den Glücklichen --; einen -kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: -- dies, -wie sich von selbst versteht, das Ideal eines schweren, zentnerschweren -Geistes, eines *Geistes der Schwere*. - - -656. - -Der große Mensch fühlt seine *Macht* über ein Volk, sein zeitweiliges -Zusammenfallen mit einem Volk oder einem Jahrtausend: -- diese -*Vergrößerung* im Gefühl von sich als *~causa~* und *~voluntas~* wird -*mißverstanden* als „Altruismus“ -- : es drängt ihn nach *Mitteln* -der Mitteilung: alle großen Menschen sind *erfinderisch* in solchen -*Mitteln*. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie -wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das -Chaos zu sehen. - -Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine *sklavische* Liebe, welche sich -unterwirft und weggibt: welche idealisiert und sich täuscht, -- es gibt -eine *göttliche* Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte -*umschafft, hinaufträgt*. - -Jene ungeheure *Energie der Größe* zu gewinnen, um durch Züchtung und -andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißratener den zukünftigen -Menschen zu gestalten und *nicht zugrunde* zu gehen an dem Leid, das -man *schafft* und dessengleichen noch nie da war! -- - - -657. - -Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung der Affekte -Widerwillen macht: *die nackte Natur*; wo die *Machtquantitäten* als -*entscheidend* einfach zugestanden werden (als *rangbestimmend*); wo -der *große Stil* wieder auftritt als Folge der *großen Leidenschaft*. - - -658. - -Die *Lust* tritt auf, wo Gefühl der Macht. - -Das *Glück*: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und des -Siegs. - -Der *Fortschritt*: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen -Wollen: alles andere ist Mißverständnis, Gefahr. - - -659. - -Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu *achten*: alles andere -folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die andern auf: denn -das gerade verzeihen sie am letzten. „Wie? Ein Mensch, der sich selbst -achtet?“ -- - -Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu *lieben*: -nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter wie in der -Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als *Verachtung* gegen das, was -man liebt: -- der Fatalismus in der Liebe. - - -660. - -*Mein neuer Weg zum „Ja“.* -- Philosophie, wie ich sie bisher -verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der -verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen -Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, -lernte ich alles, was bisher philosophiert hat, anders ansehen: -- die -*verborgene* Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen -Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit *erträgt*, wieviel -Wahrheit *wagt* ein Geist?“ -- dies wurde für mich der eigentliche -Wertmesser. Der Irrtum ist eine *Feigheit*.... jede Errungenschaft -der Erkenntnis *folgt* aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus -der Sauberkeit gegen sich.... Eine solche *Experimentalphilosophie*, -wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des -grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß -sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen -bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch -- bis zu einem -*dionysischen Jasagen* zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und -Auswahl --, sie will den ewigen Kreislauf: -- dieselben Dinge, dieselbe -Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph -erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen -- : meine Formel dafür ist -*~amor fati~*. - -Hierzu gehört, die bisher *verneinten* Seiten des Daseins nicht nur -als *notwendig* zu begreifen, sondern als wünschenswert: und nicht nur -als wünschenswert in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als -deren Komplemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen, -als der mächtigeren, fruchtbareren, *wahreren* Seiten des Daseins, in -denen sich sein Wille deutlicher ausspricht. - -Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein *bejahte* Seite des -Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung stammt und wie -wenig sie verbindlich für eine dionysische Wertabmessung des Daseins -ist: ich zog heraus und begriff, *was* hier eigentlich Ja sagt (der -Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und -jener dritte, der *Instinkt der meisten* gegen die Ausnahmen --). - -Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig nach -einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen -ausdenken müßte: *höhere Wesen*, jenseits von Gut und Böse, jenseits -von jenen Werten, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, -der Herde und der meisten nicht verleugnen können, -- ich suchte -nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte -(die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“ neu entdeckt und -hingestellt --). - - -661. - -*Der menschliche Horizont.* -- Man kann die Philosophen auffassen als -solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu *erproben*, wie -weit sich der Mensch *erheben* könne, -- besonders Plato: wie *weit* -seine Kraft reicht. Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der -Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran -denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in der *Entwicklung* -und unter „günstigen Umständen“. Aber sie begriffen nicht genug, was -günstige Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am -prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der -Historie nötig. - - -662. - -Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen werden -- das -bleibt uns nicht *erspart*! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein. -Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [zum Beispiel Griechen] -gezüchtet wurden: diese Art „Zufall“ *bewußt wollen*.) - - -663. - -*Gesetzgeber der Zukunft.* -- Nachdem ich lange und umsonst mit dem -Worte „Philosoph“ einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte -- denn -ich fand viele entgegengesetzte Merkmale --, erkannte ich endlich, daß -es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen gibt: - -1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen -(logisch oder moralisch) feststellen wollen; - -2. solche, welche *Gesetzgeber* solcher Wertschätzungen sind. - -Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu -bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende durch Zeichen -zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen -übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, -- sie dienen -der Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner -Zukunft zu verwenden. - -Die Zweiten aber sind *Befehlende*; sie sagen: „So soll es sein!“ Sie -bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, den Nutzen, *was* Nutzen der -Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen -Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese -zweite Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre Lage -und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen -zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie vom -Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete, -das „Gute“, wie *er* es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern -das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein Mensch namens -Plato auf seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet -dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr „du -sollst“ darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, -- nur -als dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur -als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der Werte eine *tragbare* Bürde, -unter der ihr Gewissen *nicht* zerbricht. - -Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Mohammeds, -dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines „Gottes“ -oder „ewiger Werte“ sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der -Anspruch des Gesetzgebers neuer Werte zu einer neuen und noch nicht -erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen -die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch -machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch „zur -rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum -Beispiel, indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder -sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, -oder sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder -selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung, -eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn. -Manchem mag es in der Tat gelingen, auszuweichen: es geht durch -die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und -ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des -Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der Reife, wo -sie *mußten*, was sie nicht einmal „wollten“: -- und die Tat, vor der -sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und -ungewollt vom Baume als eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. -- - - -664. - -Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig -genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu -sich heraufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte -des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber -denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den -er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht -erraten werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine -Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig -sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohnes -vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit -übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und -Böse; aber niemand darf es wissen. - - -665. - -Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus -kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als -ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende -Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des -Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das -Verlangen zum Ende einzugeben. - - -666. - -Der *größte* Kampf: dazu braucht es einer neuen *Waffe*. - -Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor -die *Konsequenz* stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“. - -Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang! - - -667. - -Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe? -Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist mühsam -und im kleinen erworben worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, -Beschränkung auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der -gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen, -welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen -Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind -- weil auf Grund -glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle die -erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert -und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen -zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein -Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt. -Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche -geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein -Vordergrund -- mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen. - - -668. - -Im allgemeinen ist jedes Ding *so viel wert, als man dafür bezahlt -hat*. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isoliert nimmt; -die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu -dem, was er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man -seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte -einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung von Kraft durch -alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil -der große Mensch soviel *gekostet* hat und *nicht*, weil er wie ein -Wunder als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß: -- -„Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was einer ist, haben seine -Vorfahren die Kosten bezahlt. - - -669. - -*Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.* - -Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als Versuch der -Selbstüberwindung und der Freiheit. - -Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein. - -Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht -auf seine Willensstärke verschaffen. - -Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmut. - -Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die -Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes ins feinste -getrieben. - -Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“, -- sondern -umgekehrt! - -Die Vergeltung, das Zurückgeben*dürfen* als Vorrecht behandeln, als -Auszeichnung zugestehen. - -Die Tugend der *anderen* nicht ambitionieren. - - -670. - -*Die Vermehrung der Kraft*, trotz des zeitweiligen Niedergehens des -Individuums: - -Ein *neues Niveau* begründen. - -Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung kleiner -Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung. - -Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum *Werkzeug* dieser -Zukunftsökonomik. - -Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse *kleiner* Arbeit -getan werden muß. - -Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die -Existenz noch *möglich* ist. - -Die *Solidarität* als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der -Furcht und der Servilität. - -Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des „großen Menschen“. - - -671. - -*Warum die Schwachen siegen.* *~In summa~*: die Kranken und Schwachen -haben mehr *Mitgefühl*, sind „menschlicher“ -- : die Kranken und -Schwachen haben mehr *Geist*, sind wechselnder, vielfacher, -unterhaltender, -- boshafter: die Kranken allein haben die *Bosheit* -erfunden. (Eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen, -Skrophulosen und Tuberkulosen --) ~Esprit~: Eigentum später Rassen: -Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es den Juden -nicht, daß die Juden „Geist“ haben -- und Geld. Die Antisemiten -- ein -Name der „Schlechtweggekommenen“.) - -Die Kranken und Schwachen haben die *Faszination* für sich gehabt: sie -sind *interessanter* als die Gesunden: der Narr und der Heilige -- die -zwei interessantesten Arten Mensch.... in enger Verwandtschaft das -„Genie“. Die großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen, die -gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens *krank*: -- die -großen Gemütsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die -Rache sind von tiefen Störungen begleitet. Und was die *~décadence~* -betrifft, so stellt sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, -in jedem Sinne beinahe dar: -- er kennt also auch die Instinkte, -welche zu ihr gehören, aus Erfahrung: -- für die *Hälfte fast jedes -Menschenlebens* ist der Mensch ~décadent~. - -Endlich: das Weib! *Die eine Hälfte der Menschheit* ist schwach, -typisch-krank, wechselnd, unbeständig, -- das Weib braucht die Stärke, -um sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es -als göttlich verherrlicht, *schwach* zu sein, zu lieben, demütig zu -sein -- : oder besser, es macht die Starken schwach, -- es *herrscht*, -wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit -den Typen der ~décadence~, den Priestern, zusammen konspiriert gegen -die „Mächtigen“, die „Starken“, die *Männer* --. Das Weib bringt die -Kinder beiseite für den Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: -- -die *Mutter* repräsentiert den Altruismus *überzeugend*. - -Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig auch die -Zunahme der morbiden Elemente, des *Neurotisch-Psychiatrischen* und des -*Kriminalistischen* mit sich bringt. Eine *Zwischenspezies* entsteht, -der *Artist*, von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und -soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das -Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig -hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze, der moderne Artist, -Maler, Musiker, vor allem Romanzier, der für seine Art zu sein, das -sehr uneigentliche Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die -Verbrecher und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer wachsenden -und jäh *vorwärts* eilenden Kultur, -- das heißt, der Ausschuß, der -Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen Importanz, -- das Abwärts *hält -Schritt*.... - -Endlich: *der soziale Mischmasch*, Folge der Revolution, die -Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an „gleiche Menschen“. -Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte (des -Ressentiments, der Unzufriedenheit, des Zerstörertriebes, des -Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaveninstinkte, der -Feigheits-, Schlauheits- und Kanailleninstinkte der lange *unten* -gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei -Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, -- alles ist -*verpöbelt*. Hieraus resultiert ein Gesamtinstinkt gegen die *Auswahl*, -gegen das *Privilegium* jeder Art, von einer Macht und Sicherheit, -Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der Tat sich alsbald selbst -die *Privilegierten* unterwerfen: -- was noch Macht festhalten will, -schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, *muß* den Pöbel auf -seiner Seite haben, -- die „Genies“ voran: sie werden *Herolde* der -Gefühle, mit denen man Massen begeistert, -- die Note des Mitleids, der -Ehrfurcht selbst vor allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt -gelebt hat, klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo und -Richard Wagner). -- Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die -Heraufkunft der *alten Werte*.... - -Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf Tempo und Mittel, -wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht -der Menschen: *der* Menschen, auf die es am meisten ankommt, die -es gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen -krankhaften Bewegung zu kompensieren; -- es werden die Verzögerer -~par excellence~, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden, -die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und -Mischens von Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen -Umständen notwendig den *Mediokren* zu: gegen die Herrschaft des Pöbels -und der Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die -*Mediokrität*, als die Bürgschaft und die Trägerin der Zukunft. Daraus -erwächst für die *Ausnahmemenschen* ein neuer Gegner -- oder aber eine -neue Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und -dem Instinkt der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie -nötig haben, „mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie wissen: die -~mediocritas~ ist auch ~aurea~, -- sie allein sogar verfügt über Geld -und *Gold* (-- über alles, was *glänzt*..). Und noch einmal gewinnt die -alte Tugend, und überhaupt die ganze *verlebte* Welt des Ideals eine -begabte Fürsprecherschaft.... Resultat: die Mediokrität bekommt Geist, -Witz, Genie, -- sie wird unterhaltend, sie verführt.... - -*Resultat.* -- Eine hohe Kultur kann nur stehen auf einem breiten -Boden, auf einer stark und gesund konsolidierten Mittelmäßigkeit. -In ihrem Dienste und von ihr bedient arbeitet die *Wissenschaft* -- -und selbst die Kunst. Die Wissenschaft kann es sich nicht besser -wünschen: sie gehört als solche zu einer mittleren Art Mensch, -- sie -ist deplaziert unter Ausnahmen, -- sie hat nichts Aristokratisches -und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten. -- Die -Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten durch den Handel, vor -allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanziers geht gegen alles -Extreme, -- die Juden sind deshalb einstweilen die *konservierendste* -Macht in unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder -Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch Militarismus: wenn sie -Macht haben wollen und brauchen, auch über die revolutionäre Partei, -so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht im Widerspruch -dazu. Sie haben nötig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich -Furcht zu erregen -- dadurch, daß sie zeigen, *was* alles in ihrer -Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ -- -und „mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo es Macht gibt, mächtig zu -sein: aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in einer Richtung. Das -Ehrenwort für *mittelmäßig* ist bekanntlich das Wort „*liberal*“. - -*Besinnung.* -- Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß dieser ganze -*Sieg der Werte* antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären -aus einem Interesse des *Lebens*, zur *Aufrechterhaltung* des Typus -„Mensch“ selbst durch diese Methodik der *Über*herrschaft der Schwachen -und Schlechtweggekommenen -- : im andern Falle existierte der Mensch -nicht mehr? -- Problem -- -- -- - -Die *Steigerung* des Typus verhängnisvoll für die *Erhaltung der Art*? -Warum? -- - -Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken Rassen -*dezimieren* sich *gegenseitig*: durch Krieg, Machtbegierde, Abenteuer; -die starken Affekte: die *Vergeudung* -- (es wird Kraft nicht mehr -kapitalisiert, es entsteht die geistige Störung durch die übertriebene -Spannung); ihre Existenz ist kostspielig, kurz -- sie reiben sich -*untereinander* auf --; es treten Perioden *tiefer Abspannung* -und Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden *bezahlt*.... Die -Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als die -durchschnittlich Schwachen. - -Es sind *verschwenderische* Rassen. Die „*Dauer*“ an sich hätte ja -keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere, aber wert*reichere* Existenz -der Gattung vorziehen. -- Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst -so ein reicherer Wertertrag erzielt würde als im Fall der kürzeren -Existenz; das heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt ein -viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht, -wie es geht.... Wir stehen vor einem Problem der *Ökonomie* -- -- -- - - -672. - -*Die Starken der Zukunft.* -- Was teils die Not, teils der Zufall -hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer -*stärkeren* Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich -*wollen*: wir können die Bedingungen schaffen, unter denen eine solche -Erhöhung möglich ist. - -Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft im Auge: -*nicht* den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der -gerade bestehenden Gesellschaft. „Werkzeuge“ für sie wollte man. -Gesetzt, *der Reichtum an Kraft wäre größer*, so ließe sich ein *Abzug -von Kräften* denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft -gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen. - -Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, inwiefern -die gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starken Verwandlung -wäre, um irgendwann einmal *nicht mehr um ihrer selber willen -existieren zu können*: sondern nur noch als *Mittel* in den Händen -einer stärkeren Rasse. - -Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende -Kraft, um an die Züchtung einer *stärkeren Rasse* zu denken: -welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte -Spezies schwach und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit, -Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können). - -Die *Mittel* wären die, welche die Geschichte lehrt: die *Isolation* -durch umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die durchschnittlichen heute -sind; die Einübung in umgekehrten Wertschätzungen; die Distanz als -Pathos; das freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten. - -Die *Ausgleichung* des europäischen Menschen ist der große Prozeß, -der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen. Die -Notwendigkeit für eine *Kluftaufreißung*, *Distanz*, *Rangordnung* ist -damit gegeben: nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen. - -Diese *ausgeglichene* Spezies bedarf, sobald sie erreicht ist, einer -*Rechtfertigung*: sie liegt im Dienste einer höheren souveränen Art, -welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben -kann. Nicht nur eine Herrenrasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte, -zu regieren: sondern eine Rasse mit *eigener Lebenssphäre*, mit einem -Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, Manier bis ins -Geistigste; eine *bejahende* Rasse, welche sich jeden großen Luxus -gönnen darf --, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs -nicht nötig zu haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie -nicht nötig zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für -sonderbare und ausgesuchte Pflanzen. - - -673. - -~*Summa*~: die *Herrschaft* über die Leidenschaften, *nicht* deren -Schwächung oder Ausrottung! -- Je größer die Herrenkraft des Willens -ist, um soviel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden. - -Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum seiner -Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen -Untiere in Dienst zu nehmen weiß. - -Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation der -*Ungefährliche und Nützliche zugleich*: eine Art *Mitte*; der Ausdruck -im gemeinen Bewußtsein davon, *vor wem man sich nicht zu fürchten hat, -und wen man trotzdem nicht verachten darf*. - -Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu *ruinieren* -zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack -*gegen* die Ausnahme zu richten zugunsten des Mittleren. - -Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten -hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus der Ausnahme, des -Versuchs, der Gefahr, der Nuance sein: -- *jede* aristokratische Kultur -tendiert *dahin*. - - -674. - -Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt: -„Willst du tugendhaft werden?“ -- aber er macht die Augen auf, wenn man -ihn fragt: „Willst du stärker werden als deine Kameraden?“ - -Wie wird man stärker? -- Sich langsam entscheiden, und zähe festhalten -an dem, was man entschieden hat. Alles andere folgt. - -Die *Plötzlichen* und die *Veränderlichen*: die beiden Arten der -Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen -- -beizeiten! - -Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder -Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten -hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft -auf die Probe zu stellen.... *Hier* das Unterscheidende sehen, nicht im -Wissen, Scharfsinn, Witz. - -Man muß befehlen lernen, beizeiten, -- ebensogut als gehorchen. Man -muß Bescheidenheit, *Takt* in der Bescheidenheit lernen: nämlich -auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen -- -auszeichnen, ehren. - -Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten -Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich -niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; -- -dieser *Mangel an Ehrerbietung* gegen sich rächt sich durch jede Art -von *Einbuße*: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit, -Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später diesen Mangel an -echtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem -wirklichen ~ego~. - - -675. - -Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere -Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch nicht gegeben hat. -Und dies ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung -von internationalen Geschlechtsverbänden möglich gemacht, welche -sich die Aufgabe setzen, eine Herrenrasse heraufzuzüchten, die -zukünftigen „Herren der Erde“; -- eine neue, ungeheure, auf der -härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem -Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer über -Jahrtausende gegeben wird: -- eine höhere Art Menschen, die sich, -dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichtum und Einfluß, des -demokratischen Europas bedienen als ihres gefügigsten und beweglichsten -Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am -„Menschen“ selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die Zeit kommt, wo -man über Politik umlernen wird. - - -676. - -Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer *entmoralisierten* -Welt zu leben wagen, wir *Heiden* dem Glauben nach: wir sind -wahrscheinlich auch die ersten, die es begreifen, was ein *heidnischer -Glaube* ist: -- sich höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen -müssen, aber diese *jenseits* von Gut und Böse; alles Höher-sein auch -als *Unmoralisch-sein* abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp -- -und *nicht* an den „Gekreuzigten“. - - -677. - -Die Täuschung *Apollos*: die *Ewigkeit* der schönen Form; die -aristokratische Gesetzgebung „*so soll es immer sein*!“ - -*Dionysos*: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte -ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als -*beständige Schöpfung*. - - -678. - -*Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte.* -- Festzustellen: -ob der typische *religiöse* Mensch eine ~décadence~-Form ist (die -großen Neuerer sind samt und sonders krankhaft und epileptisch); aber -lassen wir nicht da einen Typus des religiösen Menschen aus, den -*heidnischen*? Ist der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung -und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein höchster Repräsentant -eine Apologie und Vergöttlichung des Lebens sein? Typus eines -wohlgeratenen und entzückt-überströmenden Geistes! Typus eines die -Widersprüche und Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden -und *erlösenden* Geistes! - -Hierher stelle ich den *Dionysos* der Griechen: die religiöse Bejahung -des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbierten Lebens; -(typisch -- daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt). - -Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den Gegensatz. Es ist -*nicht* eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, -- nur hat dasselbe -einen anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit -und Wiederkehr bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur -Vernichtung. Im andern Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als -der Unschuldige“, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel seiner -Verurteilung. -- Man errät: das Problem ist das vom Sinn des Leidens: -ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer Sinn. Im ersten Falle -soll es der Weg sein zu einem heiligen Sein; im letzteren Falle gilt -*das Sein als heilig genug*, um ein Ungeheures von Leid noch zu -rechtfertigen. Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: er -ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche verneint -noch das glücklichste Los auf Erden: er ist schwach, arm, enterbt -genug, um in jeder Form noch am Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist -ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; -- -der in Stücke geschnittene Dionysos ist eine *Verheißung* des Lebens: -es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen. - - -679. - -Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt -jede andere Denkweise zugrunde geht. Es ist der große, *züchtende* -Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurteilt: die, -welche ihn als größte Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen. - - -680. - -Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht gibt, sich -durchzustreichen, -- den großen *züchtenden* Gedanken. - - -681. - -Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge -vor, um sie nicht *zu wichtig* zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu -bleiben. Mir scheint umgekehrt alles viel zu viel wert zu sein, als -daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für -jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen? --- Mein Trost ist, daß alles, was war, ewig ist: -- das Meer spült es -wieder her. - - -682. - -Die beiden extremsten Denkweisen -- die mechanistische und die -platonische -- kommen überein in der *ewigen Wiederkunft*: beide als -Ideale. - - -683. - -1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, welche -wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was aus ihm folgt. - -2. Als der *schwerste* Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung, falls nicht -vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle Werte umgewertet werden. - -3. Mittel, ihn zu *ertragen*: die Umwertung aller Werte. Nicht mehr die -Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; nicht mehr „Ursache -und Wirkung“, sondern das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille -der Erhaltung, sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung, „es -ist alles *nur* subjektiv“, sondern „es ist auch *unser* Werk! -- seien -wir stolz darauf!“ - - -684. - -*Die neue Weltkonzeption.* -- Die Welt besteht; sie ist nichts, was -wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber -sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen, -- sie -*erhält* sich in beidem.... Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente -sind ihre Nahrung. - -Die Hypothese einer *geschaffenen Welt* soll uns nicht einen Augenblick -bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist heute vollkommen undefinierbar, -unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des -Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch, -eine Welt, die *anfängt*, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach -mit Hilfe einer logischen Prozedur gemacht worden -- zumeist, wie zu -erraten ist, aus einer theologischen Hinterabsicht. - -Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit der Welt -*nach hinten*“ (~regressus in infinitum~) einen Widerspruch finden -wollen: man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei -den Kopf mit dem Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, -von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich werde nie -dabei an ein Ende kommen“; wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts -rechnen kann, ins Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen -wollte -- ich werde mich hüten, es zu tun --, diesen korrekten -Begriff eines ~regressus in infinitum~ gleichzusetzen mit einem *gar -nicht vollziehbaren* Begriff eines endlichen ~progressus~ bis jetzt, -erst wenn ich die *Richtung* (vorwärts oder rückwärts) als logisch -indifferent setzte, würde ich den Kopf -- diesen Augenblick -- als -Schwanz zu fassen bekommen.... - -Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedesmal -war er durch andere Hintergedanken bestimmt (-- meistens theologische, -zugunsten des ~creator spiritus~). Wenn die Welt überhaupt erstarren, -vertrocknen, absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen -Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt -irgendein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das -Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das -Werden in das Sein oder ins Nichts münden *könnte*), so müßte dieser -Zustand erreicht sein. Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt.... -Das ist unsre einzige Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als -Korrektiv gegen eine große Menge an sich möglicher Welthypothesen -zu dienen. Kann zum Beispiel der Mechanismus der Konsequenz eines -Finalzustandes nicht entgehen, welche William Thomson ihm gezogen hat, -so ist damit der Mechanismus *widerlegt*. - -Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl -von Kraftzentren gedacht werden *darf* -- und jede andre Vorstellung -bleibt unbestimmt und folglich *unbrauchbar* --, so folgt daraus, daß -sie eine berechenbare Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel -ihres Daseins durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde -jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht sein; mehr -noch: sie würde unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder -Kombination und ihrer nächsten Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen -Kombinationen abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen -die ganze Folge der Kombinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre -damit ein Kreislauf von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt -als Kreislauf, der sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der -sein Spiel ~in infinitum~ spielt. -- Diese Konzeption ist nicht ohne -weiteres eine mechanistische: denn wäre sie das, so würde sie nicht -eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen -Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß der Mechanismus -uns als unvollkommene und nur vorläufige Hypothese gelten. - - -685. - -Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie -einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er ebenfalls erreicht sein. -Wäre sie überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines „Seins“ -fähig, hätte sie in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese -Fähigkeit des „Seins“, so wäre es wiederum mit allem Werden längst zu -Ende, also auch mit allem Denken, mit allem „Geiste“. Die Tatsache des -„Geistes“ *als eines Werdens* beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen -Endzustand hat und des Seins unfähig ist. -- Die alte Gewohnheit aber, -bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen lenkenden, -schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, daß der Denker Mühe hat, -sich selber die Ziellosigkeit der Welt nicht wieder als Absicht zu -denken. Auf diesen Einfall -- daß also die Welt absichtlich einem Ziel -*ausweiche* und sogar das Hineingeraten in einen Kreislauf künstlich -zu verhüten wisse -- müssen alle die verfallen, welche der Welt das -Vermögen zur *ewigen Neuheit* aufdekretieren möchten, das heißt einer -endlichen, bestimmten, unveränderlich gleichgroßen Kraft, wie es „die -Welt“ ist, die Wunderfähigkeit zur *unendlichen* Neugestaltung ihrer -Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der -göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft fähig sein; -sie soll es sich willkürlich *verwehren*, in eine ihrer alten Formen -zurückzugeraten; sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die -*Mittel* haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu *bewahren*; sie -soll somit in jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung -von Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin *kontrollieren* -- und -was alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und -Wunschweise sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und -Wunschweise, eine Art Sehnsucht, zu glauben, daß *irgendworin* doch -die Welt dem alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen -Gotte gleich sei -- daß irgendworin doch „der alte Gott noch lebe“ --, -jene Sehnsucht Spinozas, die sich in dem Worte „~deus sive natura~“ -(er empfand sogar „~natura sive deus~“ --) ausdrückt. Welches ist denn -aber der Satz und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung, -das jetzt erreichte *Übergewicht* des wissenschaftlichen Geistes über -den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten formuliert? -Heißt er nicht: die Welt als Kraft darf nicht unbegrenzt gedacht -werden, denn sie *kann* nicht so gedacht werden, -- wir verbieten -uns den Begriff einer *unendlichen Kraft als mit dem Begriff „Kraft“ -unverträglich*. Also -- fehlt der Welt auch das Vermögen zur ewigen -Neuheit. - - -686. - -Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht -möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein. -Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die *Gestalt* des Raumes muß die -Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“. - -Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich widerstreiten. Das -Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr Wesen aber flüssig. - -„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die -absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung aller ihrer Kräfte gegeben: -sie kann nicht stillstehen. „Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also -auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung -noch einmal begrifflich gesetzt wird. - - -687. - -Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die *ewige Wiederkehr*. - - -688. - -Um den Gedanken der Wiederkunft zu *ertragen*, ist nötig: Freiheit von -der Moral; -- neue Mittel gegen die Tatsache des *Schmerzes* (Schmerz -begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust; es gibt kein *summierendes* -Bewußtsein der Unlust); -- der Genuß an aller Art Ungewißheit, -Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus; -- -Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs; -- Beseitigung des „Willens“; --- Beseitigung der „Erkenntnis an sich“. - -*Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins* des Menschen als dessen, der den -Übermenschen schafft. - - -689. - -Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen -Gesichtspunkte: - -a) der des *Werdens*, der *Entwicklung*; - -b) der nach dem *Werte des Daseins* (aber die erbärmliche Form des -deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) -- - -beide von mir in *entscheidender* Weise zusammengebracht. - -Alles wird und kehrt ewig wieder, -- *entschlüpfen* ist nicht -*möglich*! -- Gesetzt, wir *könnten* den Wert beurteilen, was folgt -daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als *auswählendes* Prinzip im -Dienste der *Kraft* (und Barbarei!!). - -*Reife* der Menschheit für *diesen* Gedanken. - - -690. - -Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns zufrieden -sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt, -wir sagen ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur -zu uns selbst, sondern zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts -für sich, weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein -einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt -hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen --- und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens -gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht. - - -691. - -Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, nicht nur Essen -und Trinken: -- und nicht nur im Gedächtnis an sie oder im Eins-werden -mit ihnen, *sondern immer von neuem und auf neue Weise* soll diese Welt -verklärt werden. - - -692. - -Der Mensch ist das *Untier* und *Übertier*; der höhere Mensch ist der -Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachstum -des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und -Furchtbare: man soll das eine nicht wollen ohne das andere, -- oder -vielmehr: je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht -man gerade das andere. - - -693. - -Nicht „Menschheit“, sondern *Übermensch* ist das Ziel! - - -694. - -~Come l'uom s'eterna~.... - - ~Inf.~ XV, 85. - - -695. - -Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel -gesessen zu haben -- mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück. - -Wirklich den Pessimismus *überwinden* --; ein Goethescher Blick voll -Liebe und gutem Willen als Resultat. - - -696. - -Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem -Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne -Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht -kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als -Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, -aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom „Nichts“ umschlossen -als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts -Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten -Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo „leer“ wäre, -vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen -zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich -mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig -sich wandelnd, ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, -mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die -vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten -hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, -und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem -Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich -selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, -sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein -Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt --- : diese meine *dionysische* Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, -des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten -Wollüste, dies mein „Jenseits von Gut und Böse“ ohne Ziel, wenn nicht -im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne Willen, wenn nicht ein Ring -zu sich selber guten Willen hat, -- wollt ihr einen *Namen* für diese -Welt? Eine *Lösung* für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr -Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? -- -*Diese Welt ist der Wille zur Macht -- und nichts außerdem!* Und auch -ihr selber seid dieser Wille zur Macht -- und nichts außerdem! - - -Bei der Transkription vorgenommene Änderungen: - -Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im Original -nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser wurde entfernt. - -Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern erst am -Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert. - -In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst -mißverstehen wollte" stand "mistverstehen". - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT *** - -***** This file should be named 60360-0.txt or 60360-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/6/60360/ - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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