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-The Project Gutenberg EBook of Der Snob, by Carl Sternheim
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Snob
-
-Author: Carl Sternheim
-
-Release Date: August 11, 2019 [EBook #60089]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription
-was produced from images generously made available by
-Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift |
- | als ~kursiv~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- DER SNOB
-
-
- Komödie in drei Aufzügen
-
- von
-
- Carl Sternheim
-
- Leipzig
- im Insel-Verlag
- 1914
-
-
-
-
-PERSONEN:
-
- THEOBALD MASKE
-
- LUISE MASKE, seine Frau
-
- CHRISTIAN MASKE, sein Sohn
-
- Graf ALOYSIUS PALEN
-
- MARIANNE PALEN, seine Tochter
-
- SYBIL HULL
-
- Eine Jungfer
-
- Ein Diener
-
-
-
-
-DER ERSTE AUFZUG
-
- ~Möbliertes Zimmer Christian Maskes.~
-
-
-ERSTER AUFTRITT
-
- Christian ~erbricht einen Brief~:
-
-Das ist grotesk!
-
- ~An einer Tür~:
-
-Komm heraus, Sybil.
-
- SYBIL ~tritt auf~:
-
-Was gibt's Wichtiges?
-
- CHRISTIAN:
-
-Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der
-Klemme verlangt er "Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken
-ihm erstandenen Verpflichtungen" von mir. Was sagst du?
-
- SYBIL:
-
-Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein möchte wie jene
-Frau durch deinen Erzeuger.
-
- CHRISTIAN:
-
-Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein
-unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner -- ich habe auch mit dir ernst zu
-reden.
-
- SYBIL:
-
-Ich muß heim.
-
- CHRISTIAN:
-
-Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du
-mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen.
-
- SYBIL:
-
-Du hast wie ein Neger gearbeitet.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen
-prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des
-Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der
-Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert.
-
- SYBIL:
-
-Welcher Erfolg!
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie
-niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des
-Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend.
-
- SYBIL:
-
-Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und machte dem
-traurigen Studium der Philologie ein Ende?
-
- CHRISTIAN:
-
-Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich Kleider anständig
-tragen, gabst mir, soweit es in deiner Macht stand, Umgangsformen.
-
- SYBIL:
-
-Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten
-Ärmeln!
-
- CHRISTIAN:
-
-Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen.
-
- SYBIL:
-
-Das Entscheidende zuletzt -- mich selbst. Lebenssache.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir
-verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken ...
-
- SYBIL:
-
-Laß das.
-
- CHRISTIAN:
-
-Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu
-vergessen.
-
- SYBIL:
-
-Das wäre bequem.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem
-vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem
-Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich
-geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.
-
- SYBIL:
-
-Christian!
-
- CHRISTIAN:
-
-Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins
-Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark,
-die ich dir schulde, und die du heute überwiesen erhältst.
-
- SYBIL ~nach einer Pause~:
-
-Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem
-Besen aus mir herausgekehrt hast. Heute ist Abrechnung. Kein Fehler
-in der Addition und im Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind
-durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen Charakter
-erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst
-nicht mehr. Um den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen
-Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern.
-Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...
-
- SYBIL:
-
-Er heißt?
-
- CHRISTIAN:
-
-Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe
-und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür.
-
- SYBIL:
-
-Ich bin in Empfindungen zerrissen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie
-auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in das öffentliche Leben.
-Nirgends ein Fehler im Kalkul.
-
- SYBIL:
-
-Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ...
-
- CHRISTIAN ~hält ihr den Mund zu~:
-
-Und so weiter.
-
- SYBIL:
-
-Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft
-bedenklich war? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem
-Trieb, bürgerliches Ansehen zu gewinnen, stören könnte als ich in
-meiner bisherigen Stellung zu dir?
-
- CHRISTIAN:
-
-Du weißt es.
-
- SYBIL:
-
-Willst du folgerichtig handeln ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und
-Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es
-bekannt, sind Leute aus dem Volk.
-
- SYBIL:
-
-Tauchst du also jetzt in die Welt auf ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's. Leute
-aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders.
-
- SYBIL:
-
-Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht beibringen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders
-ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger
-den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu
-erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.
-
- SYBIL:
-
-Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken
-nicht. Was weiß irgend jemand von _deinen_ Eltern? Du hast sie einfach
-unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus?
-Hieß er wirklich Hull?
-
- ~Er lacht~:
-
-Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Falle
-Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging.
-
-Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die Differenz zwischen
-Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt noch hinzu: das
-Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner
-Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand,
-wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei
-sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich
-Vater und Mutter.
-
- SYBIL:
-
-Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben?
-
- CHRISTIAN:
-
-Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.
-
- SYBIL:
-
-Du hast gelernt mit Geld umgehen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich habe allerhand gelernt.
-
- SYBIL:
-
-Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens
-zustimmen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig?
-
- SYBIL:
-
-Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen Entfernung mit
-einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht; wenn man sie
-tut.
-
- SYBIL:
-
-Doch an Klarheit.
-
- CHRISTIAN:
-
-Kluger Kopf.
-
- SYBIL:
-
-Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines
-Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt.
-
- CHRISTIAN:
-
-So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm einen Kuß umsonst.
--- Du hast mir die Krawatte verschoben.
-
- SYBIL:
-
-Sie saß schon vorher infam.
-
- CHRISTIAN:
-
-So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen
-Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Male.
-
- SYBIL ~bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase~:
-
-Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen
-Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens.
-
- CHRISTIAN:
-
-Steht rechts ein Stück vor.
-
- SYBIL:
-
-Man schneidet's mit der Schere fort.
-
- CHRISTIAN:
-
-Kostet jedes Binden eine Krawatte.
-
- SYBIL:
-
-Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden.
-
- CHRISTIAN:
-
-Worauf es bei allen Dingen ankommt.
-
- SYBIL, ~tiefer Knicks~:
-
-Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.
-
- CHRISTIAN:
-
-Keinen Scherz.
-
- SYBIL:
-
-Ich habe vollkommen begriffen.
-
- ~Sybil exit.~
-
-
-ZWEITER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN:
-
-Angenehme Person alles in allem.
-
- ~Am Schreibtisch~:
-
-Aber nun den Verstand zusammengenommen.
-
- ~Er schreibt~:
-
-»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats nehme ich mit
-ergebenem Danke an.« Ergebener Dank? Wollen sehen. »Empfehlungen an die
-Komtesse.« Zu familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem
-darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier ist falsch. Besser
-Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat der Monambominen. »Sehr verehrter
-Graf von Palen«. Wie das eingeschobene »_von_« distanziert! Die Sache
-muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen Kreis hinein
-tadellos korrekt und doch irgendwie bedeutend sein. Wie schreibt er
-selbst?
-
-»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu Abend essen, tout en
-petit comité? Der Ihre.« Auf schlichtem billigen Papier. Das hat den
-Ton freundschaftlich oberflächlicher Vertrautheit. »_Abendessen_« ist
-himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, aber so, daß immerhin
--- ich möchte eine lateinische Vokabel einstreuen, die den Tenor
-männlich macht.
-
-Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen einen Augenblick
-wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber sie muß gelöst werden. Einen
-Fünfsilber mit viel Vokalen und rollendem Takt für den Anfang.
-
- ~Er geht durch das Zimmer~:
-
-Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist für mein Ohr
-länger als die erste. Falscher Takt. -- Pränumerándo -- das ist's im
-Ton, gibt aber natürlich keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es
-finden.
-
-
-DRITTER AUFTRITT
-
- THEOBALD MASKE ~tritt auf~:
-
-Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.
-
- CHRISTIAN:
-
-Vater!
-
- THEOBALD:
-
-Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind Knalleffekte zuwider.
-Aber bei Frauenzimmern stets das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der
-Sache ins Auge sehen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.
-
- THEOBALD:
-
-Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du hast mich zu früh
-zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte sind nicht lahm und gehen nach allen
-Seiten in die Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen
-Modus finden.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich rufe vor allem Mutter herauf.
-
- THEOBALD:
-
-Wir haben erst unsere Angelegenheit.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand versteht.
-
- THEOBALD:
-
-Wie?
-
- CHRISTIAN:
-
-In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.
-
- THEOBALD:
-
-Inwiefern? Was gibt's?
-
- CHRISTIAN:
-
-Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du darfst, werden wir
-beide während der Auseinandersetzung sonst einig, stillschweigend
-tausend Mark für deine Verlegenheit hinzurechnen.
-
- THEOBALD:
-
-Du hast Bedingungen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich stelle Bedingungen.
-
- THEOBALD:
-
-Da bin ich neugierig.
-
- CHRISTIAN ~am Fenster~:
-
-Dort steht sie.
-
- ~Er winkt~:
-
-Sie hat gesehen, kommt. -- Aber das unmögliche Kostüm! Du sagtest
-vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.
-
- THEOBALD:
-
-In welchem Zusammenhang?
-
- CHRISTIAN:
-
-Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch. Erinnere mich
-später, gleich ...
-
- THEOBALD:
-
-Tausend Mark?
-
- CHRISTIAN:
-
-Wenn wir sonst ins reine kommen.
-
- ~Exit.~
-
- THEOBALD:
-
-Da bleibe ich gespannt.
-
-
-VIERTER AUFTRITT
-
- ~Christian und Luise Maske treten auf.~
-
- THEOBALD:
-
-Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn wie ein
-Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde
-mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig
-lebendig erhalten.
-
- LUISE:
-
-Es ist so eine Idee von Vater.
-
- CHRISTIAN:
-
-Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das
-ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen.
-
- LUISE:
-
-Dann freilich -- ich dachte es schon.
-
- THEOBALD:
-
-Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das
-für ein Ziel?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die
-ich arbeite.
-
- LUISE:
-
-General!
-
- THEOBALD ~herrscht sie an~:
-
-Direktor!
-
- CHRISTIAN:
-
-Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen,
-und diese Rücksicht fordert vor allem ...
-
- THEOBALD:
-
-Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben
-dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein
-Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig.
-
- LUISE ~leise zu sich~:
-
-Generaldirektor.
-
- CHRISTIAN:
-
-Dúm da da ...
-
- THEOBALD:
-
-Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind
-wir zu Jahren gekommen, und heute steht es so: wollen wir noch etwas
-von dir haben, müssen wir uns beeilen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten
-Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt.
-
- THEOBALD:
-
-Das ist stark!
-
- LUISE:
-
-Vater!
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im Haus vierfünftel
-des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem
-Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und
-ferneres Leben bezahlte ich selbst.
-
-Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des
-Vaters stehend einzunehmen ...
-
- THEOBALD:
-
-Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner Kerl. Ist's
-wahr, Mutter?
-
- LUISE ~zeigt~:
-
-So klein.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen
-Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine sehr deutlich ins
-Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen
-sein.
-
- THEOBALD:
-
-Das ist langweilig. Kurz -- was soll sein?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere.
-Da nehme ich keinen falschen Posten auf.
-
- LUISE:
-
-Was meint er?
-
- THEOBALD:
-
-Wirst du schon hören.
-
- CHRISTIAN:
-
-Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach
-bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit
-fünf vom Hundert verzinst.
-
- THEOBALD:
-
-Du willst eine Abrechnung?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ja.
-
- THEOBALD ~setzt sich~:
-
-Laß sehen.
-
- ~Er setzt eine Brille auf.~
-
- LUISE:
-
-Was meinst du?
-
- CHRISTIAN:
-
-Es kommt schon, Mutter.
-
- THEOBALD ~liest~:
-
-Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr -- pro Anno sechshundert
-Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist etwas
-mager.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich war nicht krank.
-
- THEOBALD:
-
-Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine
-ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an.
-
- LUISE:
-
-Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz
-nicht mehr.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die eingesetzte Summe reicht aus.
-
- LUISE:
-
-Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.
-
- THEOBALD:
-
-Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an.
-»An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen
-durch sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von
-vornherein dubios.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten Zeit
-Gegebenes nicht gegenvermerkt.
-
- THEOBALD:
-
-Das wäre noch schöner.
-
- CHRISTIAN ~zu sich~:
-
-Ich gäbe etwas für das Wort.
-
- ~Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.~
-
- LUISE ~schüchtern zu ihm~:
-
-Und einmal das Geschwür am Hals.
-
- CHRISTIAN:
-
-Richtig, Mütterchen.
-
- THEOBALD:
-
-Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar
-Stiefel, als ich zur Universität ging -- fünfzig Mark. Ein goldener
-Ring -- da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den
-Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, ihn
-wiederzufinden.
-
- CHRISTIAN:
-
-Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.
-
- THEOBALD:
-
-Mit hundert Mark ist er bezahlt.
-
- LUISE:
-
-Trägst du ihn noch?
-
- CHRISTIAN ~zeigt ihn am Finger~:
-
-Obwohl er mir täglich enger wird.
-
- THEOBALD:
-
-Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund
-elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark.
-
- CHRISTIAN ~mit Betonung~:
-
-Elftausendachthundert.
-
- ~Räuspert sich.~
-
- THEOBALD:
-
-Verstehe; die du mir zahlen willst?
-
- CHRISTIAN:
-
-Die ich dir schulde.
-
- THEOBALD:
-
-Du willst dich dieser Schuld entledigen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich werde bezahlen.
-
- LUISE ~seine Hand in Händen~:
-
-Man kann ihn weiter machen.
-
- THEOBALD:
-
-Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter Junge. Apart,
-wie du die Geschichte behandelst.
-
- ~Er umarmt ihn~:
-
-Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen.
-Man wäre also auf die vollkommenste Weise einig.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das
-will ich nicht.
-
- THEOBALD:
-
-Machst du mir Vorschriften?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine Gefälligkeit und
-erwarte eine andere von dir.
-
- THEOBALD:
-
-Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.
-
- LUISE:
-
-Der Junge muß doch Gründe haben.
-
- THEOBALD:
-
-Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein
-vernünftiges Wort möglich.
-
- CHRISTIAN ~geleitet Luise zur Tür~:
-
-Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter?
-
- LUISE ~leise~:
-
-Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.
-
- ~Exit.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt
-brauche.
-
- THEOBALD:
-
-Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter?
-
- CHRISTIAN:
-
-Voraussetzung.
-
- THEOBALD:
-
-Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn
-Affenliebe einmal beiseite, man muß in gesicherten Bezirken leben. Was
-wirft die Summe für eine Rente?
-
- CHRISTIAN:
-
-Sechshundert Mark in Industriepapieren.
-
- THEOBALD:
-
-Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse.
-
- CHRISTIAN:
-
-Rund fünfhundert.
-
- THEOBALD:
-
-Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die
-Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige
-Gut des bescheidenen Mannes? Darüber mußt du mal ruhig nachdenken,
-Gründe und Gegengründe erwägen. Nein -- verspräche ich dir wirklich auf
-Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Das will ich nicht.
-
- THEOBALD:
-
-Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt,
-was soll denn hier vor sich gehen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren
-Besuchen nicht sicher.
-
- THEOBALD:
-
-Überfall -- das ist ja!
-
- CHRISTIAN:
-
-In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor einer
-vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste Zeit vor allem, von
-verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein.
-
- THEOBALD:
-
-Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich
-deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz
-deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht
-jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses
-der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder
-Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und
-Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu
-eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.
-
- ~Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut~:
-
-Schöne Kindesliebe das!
-
- ~Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch~:
-
-Schöne Kindesliebe!
-
- LUISE ~steckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald
- ungesehen, Christian beruhigende Zeichen~:
-
-Ich sorge schon.
-
- THEOBALD:
-
-Wie?
-
- ~Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen
- Stuhl und sagt ruhig~:
-
-Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.
-
- ~Pause.~
-
- THEOBALD:
-
-Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die
-vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.
-
- ~Er lacht auf~:
-
-Ha!
-
-Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die Angelegenheit?
-Kommen wir auch in den gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension
-und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten,
-die Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer
-Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns zu nehmen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das wird kein Mensch euch zumuten.
-
- THEOBALD:
-
-Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?
-
- CHRISTIAN:
-
-Unter Umständen ich.
-
- THEOBALD:
-
-Sieh mal an.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische
-Vorteile ausgezeichneter Städte auch in Europa, ziehst du nicht von
-vornherein Amerika vor.
-
- THEOBALD:
-
-Was?!
-
- CHRISTIAN:
-
-Gut, gut.
-
- ~Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen~:
-
-Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.
-
- ~Liest aus dem Buche~:
-
-Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend
-Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern
-der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit den
-Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft.
-
- THEOBALD, ~der bequem sitzt und andächtig zuhört~:
-
-Nicht übel, zeig das Buch.
-
- ~Er liest vor~:
-
-»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und
-du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei,
-welsche Sitten anzunehmen? Basta!
-
- CHRISTIAN:
-
-Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer
-Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist
-Deutsch.
-
- THEOBALD:
-
-Laß etwas davon hören.
-
- CHRISTIAN ~liest aus einem anderen Bande vor~:
-
-Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste
-Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat.
-
- THEOBALD:
-
-Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.
-
- CHRISTIAN:
-
-An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.
-
- THEOBALD:
-
-Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich
-nicht schwimmen kann.
-
- Christian ~liest~:
-
-Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren See, dessen sanft
-ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind.
-
- THEOBALD:
-
-Niedlich.
-
- CHRISTIAN ~liest~:
-
-Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der
-gewaltige Rücken des Glärnisch.
-
- ~Er zeigt im Atlas~:
-
-Hier das Weiße!
-
- THEOBALD:
-
-Teufel!
-
- CHRISTIAN ~liest~:
-
-Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.
-
- THEOBALD:
-
-Sozusagen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.
-
- THEOBALD:
-
-Das reine Kanaan.
-
- CHRISTIAN:
-
-Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar
-erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen
-bedeutet?
-
- THEOBALD:
-
-Was denn weiter?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In
-Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten
-Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente
-aufrunden.
-
- THEOBALD ~nach einer Pause~:
-
-Ich habe rein menschliche Bedenken.
-
- CHRISTIAN:
-
-Unterlaß alle Anmerkungen.
-
- THEOBALD:
-
-Man soll sich aussprechen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen.
-Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes
-Wichtiges.
-
- THEOBALD:
-
-Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im
-Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser
-Welt mit dir beisammen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber
-eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd,
-bequem davon reden können. Jetzt gehts Schlag um Schlag.
-Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen
-Einkünften. In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig, Vater, mir
-brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben
-ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse,
-drängt eine Legion den Schritt ein.
-
- THEOBALD:
-
-Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über
-all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der
-höhere Sinn darin sich zeigt?
-
- CHRISTIAN:
-
-Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.
-
- THEOBALD:
-
-So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und
-Halbertrunkener sein.
-
- CHRISTIAN:
-
-Vertraue!
-
- THEOBALD:
-
-Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?
-
- CHRISTIAN:
-
-Später. Abgemacht, Vater?
-
- THEOBALD:
-
-Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.
-
- CHRISTIAN:
-
-Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.
-
- THEOBALD:
-
-Und fünfhundert -- macht mit dem Meinen annähernd
-fünftausendsechshundert.
-
- CHRISTIAN:
-
-Siebentausend Franken.
-
- ~An der Tür~: Mutter!
-
- THEOBALD:
-
-An der Limmat? Ich bin starr.
-
- CHRISTIAN ~reicht ihm Atlas und Reisebücher~:
-
-Informiere dich.
-
- LUISE ~tritt auf, leise zu Christian~:
-
-Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch,
-solche Wäsche, Spitze und Batist -- ach Christel, sei vorsichtig mit
-den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber
-hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott
-sagen: meine Mutter war makellos!
-
- THEOBALD ~fassungslos~:
-
-Unter Tirolern!
-
- LUISE:
-
-Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.
-
- CHRISTIAN:
-
-Gewiß, Mutter.
-
- ~Umarmt sie.~
-
- LUISE ~im Hinausgehen~:
-
-Mein Christel.
-
- ~Luise, Theobald, Christian exeunt.~
-
-
-FÜNFTER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN ~kommt schnell zurück~:
-
-Einmal hatte ich das Wort beinahe.
-
- ~Er sieht in den Brief~:
-
-Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung,
-und daß jetzt seine Kräfte schweiften -- wohin -- wohin? In --
-Mannigfaltigkeit! Das ist es!
-
- ~Er schreibt~:
-
-»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich
-leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine
-Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist.
-
- ~Es hat geläutet. Exit.~
-
-
-SECHSTER AUFTRITT
-
- ~Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.~
-
- GRAF:
-
-Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch
-einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie
-den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich
-die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher
-Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu
-übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da
-meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind.
-
- CHRISTIAN:
-
-Danke, Graf.
-
- GRAF:
-
-Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von
-Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte
-und gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen
-Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze
-seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört.
-
- ~Christian verbeugt sich.~
-
- GRAF:
-
-Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit
-die noch seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult
-errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere
-da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes
-Gegengewicht fordert.
-
- ~Christian verbeugt sich.~
-
- GRAF:
-
-Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in
-einem Sinne geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise
-übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem
-Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär
-bezeichnen,
-
- ~er lacht.~
-
-und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres
-Vortrages schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte?
-
- CHRISTIAN:
-
-Es ist so.
-
- GRAF:
-
-Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie
-stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet
-sogar in dem Sinne, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser
-selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das
-unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber
-auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist
-irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen
-verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis
-vorstellen können.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich verstehe.
-
- GRAF:
-
-Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes
-als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter.
-Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können
-markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wovon in meinem Fall keine Rede ist.
-
- GRAF:
-
-Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem
-bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem
-alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus
-der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen
-Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren
-Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Tot. Alles tot.
-
- GRAF:
-
-Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als Repräsentant.
-Ich sehe Sie ergriffen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein
-Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich eine
-andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich
-sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen,
-an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur
-Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es
-steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziele schon
-gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein
-irdisches Leben ist ihm einzig geweiht.
-
- GRAF:
-
-Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick
-haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen
-zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie
-folgen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Das heißt ...
-
- GRAF:
-
-Wie denn?
-
- CHRISTIAN:
-
-Also dann -- trotz der _Mannigfaltigkeit_ meiner Geschäfte.
-
- GRAF:
-
-Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen
-Menschen, der an einem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat.
-
- CHRISTIAN:
-
-Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen.
-
- GRAF:
-
-Enchanté, lieber Maske.
-
- CHRISTIAN:
-
-Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.
-
- GRAF:
-
-Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.
-
- CHRISTIAN:
-
-Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.
-
- GRAF:
-
-Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.
-
- ~Exit.~
-
- CHRISTIAN, ~der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht
- flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte
- zu binden~:
-
-Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche.
-Durchziehn des anderen. Und nun die Schere.
-
- ~Er schneidet~:
-
-Was dich ärgert -- dein linkes Auge, wirf es von dir. Diese Krawatte
-sitzt tadellos. Das ist erreicht!
-
-
-
-
-DER ZWEITE AUFZUG
-
- ~Salon bei Christian Maske.~
-
-
-ERSTER AUFTRITT
-
- GRAF:
-
-Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.
-
- MARIANNE:
-
-Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. -- Da ist der Corot.
-
- GRAF:
-
-Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.
-
- MARIANNE:
-
-Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.
-
- GRAF:
-
-Es kann dir werden.
-
- MARIANNE:
-
-Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?
-
- GRAF:
-
-Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke,
-ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so
-dringend ...
-
- MARIANNE:
-
-Liebt er mich?
-
- GRAF:
-
-Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine
-Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?
-
- MARIANNE:
-
-Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male
-brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation.
-Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er
-seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer
-Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.
-
- GRAF:
-
-Tiens!
-
- MARIANNE:
-
-Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.
-
- GRAF:
-
-Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen
-haben.
-
- MARIANNE:
-
-Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser
-Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu
-mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er,
-mich völlig niederwerfen konnte.
-
- GRAF:
-
-Mich juckt's mit ihm.
-
- MARIANNE:
-
-Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?
-
- GRAF:
-
-Nein.
-
- MARIANNE:
-
-Lebt er nach unseren Gesetzen?
-
- GRAF:
-
-Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich
-beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt
-mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur,
-lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt,
-ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die
-ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen
-sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die
-Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege
-um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten,
-nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang
-tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande
-zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein
-angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner
-Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner
-Bedeutung vor mir selbst geleugnet.
-
- MARIANNE:
-
-Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns
-Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich
-selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?
-
- GRAF:
-
-Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses
-Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige
-Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den
-Moment erwarte ich bei diesem Manne.
-
- MARIANNE:
-
-Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.
-
- GRAF:
-
-Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die
-klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm
-bei Gelegenheit beizubringen.
-
- MARIANNE:
-
-So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.
-
- GRAF:
-
-Das verhüte Gott!
-
- MARIANNE:
-
-Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung
-meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr
-gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch
-nicht führen lassen will.
-
- GRAF:
-
-Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?
-
- MARIANNE:
-
-Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender
-kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir
-Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.
-
- GRAF:
-
-Marianne!
-
- MARIANNE:
-
-So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich
-eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre
-habe ich durch deine Güte gehabt.
-
- GRAF:
-
-Ich war zu nachgiebig.
-
- MARIANNE:
-
-Und wirst es ferner sein.
-
- GRAF:
-
-Nur bis an die Grenze des Möglichen.
-
- MARIANNE ~eindringlich~:
-
-Liebe steckt die Grenzen weit.
-
-
-ZWEITER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN ~im Reitanzug tritt schnell auf~:
-
-Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung
-sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat.
-
- GRAF:
-
-Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer
-allergnädigsten Majestät präsentieren.
-
- CHRISTIAN:
-
-Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht
-besitze. Die ungeheuere Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl
-des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht
-in Gott hat.
-
- GRAF:
-
-Magnifique! Was ritten Sie heute?
-
- CHRISTIAN:
-
-Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. -- Gefällt Ihnen das Bild,
-Komtesse?
-
- MARIANNE:
-
-Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich.
-
- CHRISTIAN:
-
-Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig.
-
- GRAF:
-
-Können Sie so etwas bestimmen?
-
- CHRISTIAN:
-
-In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers.
-
- GRAF:
-
-Wo nehmen Sie die Zeit her?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten
-Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und ich war für den Rest lebendig.
-
- ~Zu Marianne~:
-
-So geht es mit allen Dingen.
-
- GRAF:
-
-Wir müssen fort.
-
- ~Zu Marianne~:
-
-Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.
-
- CHRISTIAN ~zum Grafen~:
-
-Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten?
-
- GRAF ~zu Marianne~:
-
-Brauchst du mich?
-
- MARIANNE:
-
-Bleib.
-
- CHRISTIAN ~zu Marianne~:
-
-Ich bringe Sie zum Wagen.
-
- ~Marianne und Christian exeunt.~
-
-
-DRITTER AUFTRITT
-
- ~Graf nimmt von einem Tisch ein Buch~:
-
-Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat sich unterrichtet.
-
- ~Er blättert und liest~:
-
-Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen 1220 urkundlich
-zuerst erscheint. Augustus Aloysius mit Elisabeth Gräfin von
-Fürstenbusch, gestorben auf Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute
-Lisbeth. Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter Sproß,
-und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske heiratet.
-
-
-VIERTER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN ~tritt auf~:
-
-Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr hier abholen zu
-können.
-
-Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter
-Marianne.
-
- GRAF:
-
-Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung
-hin reiflich erwogen.
-
- CHRISTIAN:
-
-So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.
-
- GRAF:
-
-Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung.
-
- GRAF:
-
-Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört
-und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung
-gerechnet?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich fühlte Ihre starken Widerstände.
-
- GRAF:
-
-Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen
-distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre,
-einigermaßen von Ihnen emballiert.
-
- CHRISTIAN:
-
-Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?
-
- GRAF:
-
-Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden
-Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer großen
-Zukunft bin ich felsenfest überzeugt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?
-
- GRAF:
-
-Er gab keine Angriffsfläche.
-
- CHRISTIAN:
-
-Darf ich fragen?
-
- GRAF:
-
-Ganz offen: Standesvorurteile.
-
- CHRISTIAN:
-
-Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine
-Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person
-gerichtet, hätte es mich stärker berührt.
-
- GRAF:
-
-Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer
-desselben sein.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich liebe Ihre Tochter.
-
- GRAF:
-
-Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.
-
- GRAF:
-
-Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an.
-
- CHRISTIAN ~macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine
- Erschütterung verrät~.
-
- GRAF:
-
-Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit
-auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie
-noch blieben.
-
- CHRISTIAN:
-
-Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über
-den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.
-
- GRAF:
-
-Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen
-Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen
-Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind,
-handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht
-auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein
-Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat,
-die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, der Eintritt in die
-Gemeinschaft frei sein.
-
- GRAF:
-
-Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen.
-
- GRAF:
-
-Ihre Eltern, Voreltern?
-
- CHRISTIAN:
-
-Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine
-Beamte nur -- mein Vater ...
-
- GRAF:
-
-Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so
-bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder
-belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie
-Sie stammt, ist der einleuchtendste.
-
- CHRISTIAN ~laut lachend~:
-
-Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar
-allenthalben aufzukommen.
-
- GRAF:
-
-In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die Entscheidung hängt von
-uns nicht ab -- warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter
-bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf
-Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu
-gewähren, den das Regiment verlangt.
-
- CHRISTIAN ~verneigt sich~:
-
-Darüber ist kein Wort zu verlieren.
-
- DER DIENER ~tritt auf~:
-
-Der Wagen der Komtesse.
-
- GRAF ~exit~:
-
-Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.
-
-
-FÜNFTER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN:
-
-Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. Vorbereitet und
-durch das Geständnis seiner Mittellosigkeit in Verlegenheit, hätte er
-es geschluckt, und sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die
-neue Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in meiner
-Gewalt.
-
-Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! Und ist der Augenblick
-gekommen -- persönlich sie vorstellen. Mediam in figuram jedermann.
-Wollen doch sehen!
-
-Wie die Alten sich freuen werden!
-
- ~Er schreibt und liest~:
-
-Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier freudigste Überraschung.
-
- ~Er läutet~:
-
-Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, bis zum eigenen Bad an
-ihren Zimmern muß ihnen alles ein großes Staunen sein.
-
- DIENER ~tritt auf~.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das Telegramm sofort abtragen.
-
- DIENER ~exit~.
-
- CHRISTIAN:
-
-Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. Wenn sie vorm
-Einschlafen überdenkt, was sie und ich von meiner Zukunft geträumt,
-und wie es noch viel besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben
-spüren. Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten Unarten sind
-bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin tun das letzte.
-
-
-SECHSTER AUFTRITT
-
- ~Sybil tritt auf.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?
-
- SYBIL:
-
-Die Eltern.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wer sagt dir das?
-
- SYBIL:
-
-Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst du an dem
-Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest.
-Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte.
-Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die
-beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr
-vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich entbehrte sie schwer.
-
- SYBIL:
-
-Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.
-
- CHRISTIAN:
-
-Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer
-mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft
-bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen
-und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu.
-
- SYBIL:
-
-Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden?
-
- CHRISTIAN:
-
-Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets
-durch mich glücklich.
-
- SYBIL:
-
-Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich
-betragen. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu
-können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die
-er brauchte.
-
- CHRISTIAN:
-
-Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.
-
- SYBIL:
-
-Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre
-anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er die Wirklichkeit,
-gütlich tun.
-
- CHRISTIAN:
-
-Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an
-diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die
-Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit
-einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre
-darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen,
-mit ihm durch feinste Adern noch verbunden, ist unser Wohl von seiner
-Gesundheit abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem
-Ast trifft.
-
- SYBIL:
-
-Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus.
-
- CHRISTIAN:
-
-Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen
-der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie
-berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die
-Ohren vollbläst.
-
- SYBIL:
-
-Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den,
-der den Weg zum Brot sperrt, müssen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders
-als Myriaden den Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog
-ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst
-das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen mir vom Leibe riß
-und das flatternde Band am Halse zu einer festen Krawatte knüpfte.
-Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben
-bedarf.
-
- SYBIL:
-
-Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht
-der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis
-dir die Wahrheit schwant.
-
- SYBIL:
-
-Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen
-stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen.
-Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren
-Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?
-
- SYBIL:
-
-Das war nicht mein Ziel.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ressentiment.
-
- SYBIL:
-
-Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern
-zurückzuholen ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Die ich liebe.
-
- SYBIL:
-
-Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Vergöttere!
-
- SYBIL ~lacht~:
-
-Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Kein Wort mehr!
-
- SYBIL:
-
-Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter,
-an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die
-sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste
-Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten.
-Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der
-erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie.
-
- SYBIL:
-
-Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie
-wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der
-Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt.
-Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern
-kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und
-geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt
-nicht auch noch Eltern haben.
-
- CHRISTIAN:
-
-Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen
-Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu
-verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir
-jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir
-war.
-
- SYBIL:
-
-Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh!
-
- SYBIL:
-
-Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von
-mir nahm?
-
- CHRISTIAN:
-
-Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem
-Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.
-
- SYBIL:
-
-Ein einziges -- mein Leben dafür --, das dich kennzeichnete und
-ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.
-
- CHRISTIAN:
-
-Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben
-geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen
-Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen,
-drohen dir unnachsichtlich die Gerichte.
-
- ~Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.~
-
-
-SIEBENTER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN:
-
-Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man nicht mehr sah.
-Versuche eines Embryos des Menschtums, dich mit Redensarten deiner
-Natur und notwendigen Schlüssen abspenstig zu machen.
-
- ~Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen~:
-
-Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau bekannt sind, werde
-nicht blaß vor dir selbst, mach ein Bild, eine saftige Figur aus dir
-und denk nicht an die Unterschrift, die die Zuschauer geben.
-
- ~Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen~:
-
-Wer ist das?
-
- ~Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei~:
-
-Mutter!
-
-
-ACHTER AUFTRITT
-
- ~Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.~
-
- THEOBALD ~nach einer Pause, während der Christian, gegen die Tür
- gelehnt, schluchzend steht~:
-
-Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der Sache ins Auge
-sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, hätte ich dich vorbereitet.
-Aber sie war immer für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode
-so gehalten.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem Pomp ...
-
- THEOBALD:
-
-Auch das ist seit gestern vorbei.
-
- CHRISTIAN:
-
-Nicht einmal dazu riefest du mich!
-
- THEOBALD:
-
-Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch dazu wußte ich nicht,
-ob's dir hier in den Kram paßte. Beerdigung ist immerhin eine
-offizielle Angelegenheit. Die Sekunde, in der ihr während der ganzen
-windschnellen Katastrophe schwante, um was es sich für sie handele,
-hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts davon erfährt. Also ganz in
-ihrem Sinn. Friert dich?
-
- ~Christian exit.~
-
- THEOBALD:
-
-Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh mal an.
-
- CHRISTIAN ~kommt zurück, einen schwarzen Anzug über dem Arm.
- Er kleidet sich während des folgenden, teilweise hinter einem
- Wandschirm, um~:
-
-Du darfst jetzt ruhig berichten.
-
- THEOBALD:
-
-Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank Kaffee, wie sie das
-so machte, immer das Stück Zucker auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt
-sie, und sank hin.
-
- CHRISTIAN ~schluchzt beherrscht~:
-
-Keine Krankheit vorher, kein Leid?
-
- THEOBALD:
-
-Nichts.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?
-
- THEOBALD:
-
-Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben Luise.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?
-
- THEOBALD:
-
-Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit und
-Regelmäßigkeit geführt, verborgen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen?
-
- THEOBALD:
-
-Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser auf die lange
-Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, ganz unwichtig und lief ins
-Gleichmaß der Dinge. Durch mich hatte deine Mutter letzthin angenehme
-ruhige Tage.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen des würdigen
-Grabmals gleich mich ins Vernehmen setzen. Niemandem kann ich
-anvertrauen, wie ich an ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler
-den Ausdruck dafür.
-
- THEOBALD:
-
-Vielleicht.
-
- ~Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes gibt und
- sein Trauerkleid vollendet.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest du bei dir zu
-Haus das Telegramm gefunden, das euch zu den glücklichsten Eröffnungen
-herrief.
-
- THEOBALD:
-
-Du hast uns telegraphiert?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich erwartete euch mit Ungeduld.
-
- THEOBALD:
-
-Was ist hier Wichtiges vorgefallen?
-
- CHRISTIAN:
-
-Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn verlobt gefunden.
-
- THEOBALD:
-
-Schau! Ist das Mädchen hübsch?
-
- CHRISTIAN:
-
-Es ist -- Gräfin.
-
- THEOBALD:
-
-Christian! Wo hast du den Mut her?
-
- CHRISTIAN:
-
-Gehört Mut dazu?
-
- THEOBALD:
-
-Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein wenig in meiner
--- da hast du ja einen tollen Satz gemacht.
-
- CHRISTIAN:
-
-Über uns fort, Vater.
-
- THEOBALD:
-
-Es ist unheimlich. Und jene?
-
- CHRISTIAN:
-
-Das ist alles, was du mir dazu sagst?
-
- THEOBALD:
-
-Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!
-
- CHRISTIAN:
-
-In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische Folge.
-
- THEOBALD:
-
-Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter -- es
-hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und der Vater Graf, die ganze
-Verwandtschaft -- Junge, du bist verrückt!
-
- CHRISTIAN:
-
-Was heißt der Unsinn?
-
- THEOBALD:
-
-Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da machst du einen ja
-lächerlich. Kennst du denn gar keine Rücksichten mehr? Einen Grafen
-habe ich überhaupt noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht zu
-dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst kehrst? Ich sage doch!
-Ein Subalterner in Pension.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das ist Larifari.
-
- THEOBALD:
-
-Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das anzutun? Mit
-Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.
-
- CHRISTIAN ~betreten~:
-
-Aber ...
-
- THEOBALD:
-
-Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte Person. Ich
-werde närrisch. Habe ich mich doch nicht so, als du damals die
-Sperenzien mit uns machtest, über den Tod meiner Frau habe ich mich
-nicht so aufgeregt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Aber Vater ...
-
- THEOBALD ~immer erregter~:
-
-Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke machen,
-ins Anomalische steigst du ja! Deine Mutter stirbt mir mit sechzig
-Jahren, ich bin sie gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich
-flüchtet man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser gewisse,
-allenthalben genau bekannte Theobald und eine ganze Grafenfamilie! Es
-ist um den Verstand zu verlieren.
-
- ~Christian hat in Resignation das Florett genommen.~
-
- THEOBALD ~ganz außer sich~:
-
-Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler Beamter hier auf
-dem Platz, als daß ich der allgemeinen Belustigung zum Opfer falle.
-Hast du denn aus der Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen
-und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben schlurften, und du
-an unserer Seite den Herrn Kanzleirat ehrfürchtig grüßen mußtest? Was
-aber kann ein Kanzleirat gegen einen Grafen.
-
- CHRISTIAN ~ängstlich~:
-
-Hör mir doch zu ...
-
- THEOBALD:
-
-Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich nicht närrisch
-werde!
-
- CHRISTIAN:
-
-Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.
-
- THEOBALD:
-
-Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen Folgen
-nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? Als du uns beide alte Leute
-in die Fremde schicktest, schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich
-mit Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den höheren Sinn
-des Handels für dich, wenn auch nicht für mich. Und da du es sonst an
-nichts fehlen, den anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe.
-
- ~Er springt auf~:
-
-Und jetzt wagst du solchen ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu denken war,
-überwältigte mich ein Begehren, das vom Augenblick unserer Trennung
-an in mir immer stärker geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch,
-da es anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich zu
-leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz überhaupt hierher zu
-verlegen.
-
- THEOBALD ~fällt in einen Stuhl~:
-
-Das ist klassisch!
-
- CHRISTIAN:
-
-Du ...
-
- THEOBALD:
-
-Nicht dein Ernst?
-
- CHRISTIAN:
-
-Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits nicht
-voraussehen.
-
- THEOBALD:
-
-Dein Ernst?!
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich begreife nicht.
-
- THEOBALD ~auf ihn zu~:
-
-Wie?
-
- CHRISTIAN ~weicht unwillkürlich zurück~:
-
-Begreife nicht ...
-
- THEOBALD:
-
-Immer noch nicht?
-
- CHRISTIAN:
-
-Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber dein Bedenken für
-übertrieben ... teilweise.
-
- THEOBALD:
-
-Übertrieben?
-
- CHRISTIAN:
-
-Andererseits ...
-
- THEOBALD:
-
-Übertrieben?!
-
- CHRISTIAN ~eingeschüchtert~:
-
-Natürlich andererseits -- wenn wirklich -- natürlich. Mein Gott, müßte
-man eben auf seinen Lieblingswunsch verzichten -- schweren Herzens.
-Auf deiner Teilnahme an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen
-Umständen.
-
- THEOBALD:
-
-Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen Vorschlag unbefangen
-nur so hin, dann bemerke ich: deinen Vater als Clown bei diesem Witz
-mitwirken sehn zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm
-in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu laufen, später als
-Mann aus dem Volk lächerlich bei Tisch zu sitzen ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Vater!
-
- THEOBALD:
-
-Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür nehmen, daß ich dich
-in deiner Jugend meine väterliche Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt
-vor aller Welt mein Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese
-Einladung gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, um
-Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher getan, und ich bin
-zufrieden, und willst du mehr, so überlege noch einmal gründlich, was
-du vorhast. In jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe
-in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen Sachen nichts
-zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, nicht im geringsten
-molestiert. Darum bin ich vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.
-
-Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...
-
- THEOBALD:
-
-Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe andere Quellen.
-Und abends reise ich heim.
-
- ~Er nimmt Hut und Stock.~
-
- CHRISTIAN ~ängstlich~:
-
-Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.
-
- THEOBALD:
-
-Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst du überhaupt
-nicht in dem alten vernünftigen Ton mit mir? Ungesehen verschwinde ich
-auf dem Wege, auf dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der
-nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst du mal vorbei, ihr
-Grab zu sehen, soll's mich freuen. Bist, von diesem Unsinn abgesehen,
-sonst ein guter Kerl; läßt einen leben.
-
-
-NEUNTER AUFTRITT
-
- DIENER ~tritt auf~:
-
-Graf Palen!
-
- GRAF ~folgt sofort~:
-
-Marianne wollte zuerst, einem schönen Drange folgend, es Ihnen selbst
-sagen -- sie war sehr glücklich -- innig beglückt --
-
- ~Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.~
-
- GRAF:
-
-Bitte mich vorzustellen.
-
- CHRISTIAN ~in höchster Verwirrung~:
-
-Mein Vater ... bitte.
-
- GRAF:
-
-Tiens. Ah das --! Nein das -- aber sehr angenehm. Graf Palen. Sehr
-erfreut!
-
- ~Reicht Theobald beide Hände~:
-
-Und dachte ich immer -- wie kam ich nur darauf? Sah unseren Freund als
-Waise --
-
- ~Er lacht~:
-
-Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant.
-
- CHRISTIAN:
-
-Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt mir den Tod meiner
-Mutter an. So gewinne ich Marianne im rechten Augenblick.
-
- ~Er sinkt dem Grafen an die Brust.~
-
- GRAF:
-
-Meine aufrichtige Teilnahme.
-
- ~Zu Theobald~:
-
-Auch Ihnen, verehrter Herr.
-
- THEOBALD ~verbeugt sich~:
-
-Danke, Herr Graf.
-
- GRAF:
-
-Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut. Inzwischen
-bleiben die alten Herren beisammen.
-
- ~Zu Theobald~:
-
-Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau, eine Braut ersetze
-ich nicht, doch was ein anständiges Essen vermag ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Mein Vater wollte gleich zurück.
-
- GRAF:
-
-Aber das muten wir ihm nicht zu.
-
- THEOBALD:
-
-Frühstücken sollte man in jedem Fall.
-
- GRAF:
-
-Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und Glückwünschen
-verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr Sohn hat Sie lange genug unter
-Verschluß gehalten; bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich.
-
- THEOBALD:
-
-Beschnuppert -- ist gut.
-
- GRAF:
-
-Sagt man nicht so?
-
- THEOBALD ~lacht~:
-
-Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf.
-
- CHRISTIAN ~bei Theobald, zischt~:
-
-Graf!
-
- ~Zum Grafen~:
-
-Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim.
-
- GRAF ~energisch~:
-
-Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor allem ausgiebig
-frühstücken. Und alles andere findet sich später. Kommen Sie!
-
- ~Graf und Theobald exeunt.~
-
-
-ZEHNTER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN:
-
-Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe ich einen Fehler
-gemacht?
-
- ~Am Fenster~:
-
-Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch umständliche
-Höflichkeit. -- Ich habe einen Fehler gemacht! Meine Hilflosigkeit,
-meine Verlegenheit um ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß?
-
- ~Er läuft zum Spiegel~:
-
-Ich zittre ja wie Espenlaub!
-
- ~Er springt auf einen Stuhl am Fenster~:
-
-Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen über's ganze Gesicht.
-Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren Fehler habe ich
-gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen, habe ich vor fünf Minuten hier
-nicht geschworen, mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen? Hatte ich
-doch den einzig richtigen Instinkt.
-
-Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie klatschen, ich
-wollte meinen Vater verleugnen. Kann er nicht behaupten, ich hätte ihn
-ehemals totgesagt? Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab.
-
-Gegenmaßregeln! Schnell! Was?
-
- ~Er läutet. Diener tritt auf.~
-
-Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein Vater kam an. Dem
-alten Herrn soignierteste Bedienung.
-
- ~Diener exit.~
-
- CHRISTIAN ~ihm bis zur Tür nach~:
-
-Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht bekäme man ihn
-doch noch ohne allzu großes Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein!
-Wie ich es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen hat:
-mit größter Geste muß ich ihn als etwas Außergewöhnliches darbieten.
-
-Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und es soll die ganze
-Familie umfassen.
-
-Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist.
-
- ~Er läuft im Zimmer umher~:
-
-Was werden sie am Weintisch tun?
-
-Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er, wenn der andere
-besoffen ist?
-
-Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?!
-
- ~Außer sich~:
-
-Um Gottes willen! Ja um Gottes willen!
-
- ~Er heult auf~:
-
-Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich könnte mich
-ohrfeigen!!
-
-
-
-
-DER DRITTE AUFZUG
-
- ~Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund ein
- breiter Vorhang.~
-
-
-ERSTER AUFTRITT
-
- ~Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne Brautkleid
- unter dem Überwurf treten auf.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Endlich Luft, Ruhe.
-
- MARIANNE:
-
-Diese Blumen.
-
- ~Bei einem Strauß~:
-
-Vaters.
-
- ~Sie nimmt eine Karte und liest~:
-
-Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier -- welch himmlische
-Orchideen!
-
- ~Liest~:
-
-Von einer Unbekannten.
-
- CHRISTIAN:
-
-So? Sentiment. -- Was sprach er am Tisch fortwährend mit meinem alten
-Herrn. Hörtest du die beiden?
-
- MARIANNE:
-
-Wer soll das sein?
-
- CHRISTIAN:
-
-Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame zu haben. Die
-dicke Gräfin ...
-
- MARIANNE:
-
-Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe Essen auf
-der Serviette.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr?
-
- MARIANNE:
-
-Mutters Vetter Albert Thüngen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung an und aß
-darüber nicht.
-
- MARIANNE:
-
-Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum.
-
- CHRISTIAN:
-
-Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der Prinzessin so
-intim, wie sie dich behandelte?
-
- MARIANNE:
-
-Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Sieben Jahre. Ihr duzt euch?
-
- MARIANNE:
-
-Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt.
-
- CHRISTIAN:
-
-Die Erzherzogin?
-
- JUNGFER ~tritt auf~:
-
-Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden?
-
- MARIANNE:
-
-Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna.
-
- JUNGFER:
-
-Gut, gnädige Komtesse.
-
- MARIANNE:
-
-Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange Respekt!
-
- JUNGFER ~schluchzt~:
-
-Ja, gnädige Frau.
-
- MARIANNE:
-
-Was gibt's?
-
- JUNGFER ~auf Mariannes Hand gebeugt~:
-
-Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht mehr.
-
- MARIANNE:
-
-Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins.
-
- ~Beide durch den Vorhang ab.~
-
-
-ZWEITER AUFTRITT
-
- CHRISTIAN ~springt an den Vorhang und lauscht nach hinten~:
-
-Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche Domestikenbagage
-hinter Schlüssellöchern auffängt und weitergibt ...
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ...
-
- MARIANNES STIMME:
-
-... alte Jansen ... Unsinn!
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten Volants ...
-Rosenknospe ...
-
- MARIANNES STIMME:
-
-... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ...
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-... Sah man doch
-
- ~leiser~:
-
-ihren Busen mit Absicht.
-
- MARIANNES STIMME:
-
-Um Gottes willen!
-
- ~Gekicher, dann Geflüster.~
-
- CHRISTIAN ~sich näher hinbeugend~:
-
-Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme, erschlägt's
-das Wort. Flüstern und zu Boden sehen.
-
- ~Gelächter in Absätzen.~
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-... Schnurrbartspitzen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo.
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-... ein bißchen lächerlich.
-
- MARIANNES STIMME:
-
-Still!
-
- CHRISTIAN:
-
-Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen Abend noch dringe
-ich in den Tempel deines Herzens und stelle fest, was du weißt.
-
- ~Neues Gelächter.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle Ventile in ihre
-Blutbahnen. Denn nachher spüle ich mein Weib bis zum letzten Molekül
-rein von deinem Gift.
-
- DER JUNGFER STIMME:
-
-Es war zu komisch.
-
- CHRISTIAN:
-
-Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller Tage Abend.
-Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen, überdonnern sie alles,
-was vorher laut wurde.
-
- ~Es ist hinten ganz still geworden.~
-
-Still? Was haben sie jetzt?
-
- ~Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen~:
-
-Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier not, das Geständnis,
-wieviel die Welt dir geklatscht, vom Vater angefangen bis zu dieser
-Laus. Ich habe einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir
-herauszulocken, daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für dich zu
-behalten. Du trittst nicht über die Schwelle meines Namens, Weib, es
-sei denn, derselbe ist ehrfürchtig und gerührt von dir empfunden.
-
- DIE JUNGFER ~tritt auf~:
-
-Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?
-
- ~Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet durch den
- Vorhang.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man sich selbst
-verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen ausgeliefert. Mit Finessen
-will ich rekognoszieren, wo in deiner Familie mein grimmigster Feind
-sitzt. Er muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich dein
-Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.
-
- ~Er stiert in den Koffer~:
-
-Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem Koffer an Büchern?
-Schmähschriften?
-
- ~Er zieht ein Buch aus dem Koffer~:
-
-Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden gegen mich
-aufgehäuft sein? Das wollen wir bei Gelegenheit bis in die Nieren
-bloßlegen.
-
-
-DRITTER AUFTRITT
-
- ~Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür~:
-
- CHRISTIAN:
-
-Das ist unerhört!
-
- THEOBALD:
-
-Nur einen Augenblick.
-
- CHRISTIAN:
-
-Was gibt's noch?
-
- THEOBALD:
-
-Zärtlichkeit.
-
- CHRISTIAN:
-
-Du bist betrunken.
-
- THEOBALD:
-
-Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen Abend dir
-einen Kuß hinhauchen, doch erwischte ich dich nicht. Räsoniere nicht,
-Bengel. Du bist ein Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich.
-Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie Papierhemden.
-Als Sieger bist du über meine Meinungen und Prinzipien hinweggegangen.
-Ich lebte allzeit von Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten
-und so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie du heute mit
-diesen Leuten umgingst, nicht wie mit deinesgleichen, sondern fast
-von oben herab; wie sie dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und
-wie du dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte mein
-Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich gemacht; ich sinke hin an
-deine Brust.
-
- ~Umarmt ihn.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?
-
- THEOBALD:
-
-Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, als alles in
-Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...
-
- CHRISTIAN:
-
-Vater!
-
- THEOBALD:
-
-Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. Unsere Mutter
-hätte dabei sein sollen. Morgenröte, Morgenröte war mein Gefühl, soll
-man's für möglich halten!
-
- CHRISTIAN:
-
-Ist es denn wahr?
-
- THEOBALD:
-
-In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter geschnallt.
-Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. Du hast mich
-völlig in dir; schweig. Jetzt kommt das Geständnis, eine ehrwürdige
-Sache. Das sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig,
-verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur Welt, der höhere
-Sinn von mir -- bist du. Wegjagen wolltest du mich. Hattest es schon
-eher im Bewußtsein, doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten.
-Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige grenzenlose
-Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder. Glücklich
-nach Zürich, große Hauptgasse No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat
-a. D. und stiert begeistert seinen Sohn an.
-
- CHRISTIAN:
-
-Man kommt!
-
- THEOBALD:
-
-Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach weiter so und
-keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, Abscheu, Haß und so weiter; aber
-sie haben bodenlose Achtung aus Verständnislosigkeit.
-
- CHRISTIAN:
-
-Das sagst du?
-
- THEOBALD:
-
-Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit habe ich mich in ihr
-Vertrauen geschlichen. Da man das Band des Adlers von Hohenzollern für
-das Eiserne Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.
-
- CHRISTIAN:
-
-Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?
-
- THEOBALD:
-
-Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt haben. Da
-aber heute die Tafelrunde: als schließlich ich mich lichterloh an
-dir entzündete, ergriff ihn die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die
-rührende Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. Es
-kapitulierte vollständig.
-
- CHRISTIAN:
-
-Fertig also mit ihnen?
-
- THEOBALD:
-
-Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nachlassen. Auf meine
-Art hatte ich stets die Überzeugung von der Bedeutung unseres Stammes.
-Konnte sie aber nur den Allernächsten mitteilen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Mir!
-
- THEOBALD:
-
-Und du schnellst uns weiter.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die Sehne.
-
- THEOBALD:
-
-Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.
-
- CHRISTIAN:
-
-Wir kletten uns fest.
-
- THEOBALD:
-
-Ins Gewebe.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!
-
- THEOBALD ~späht durch den Vorhang~:
-
-Respekt!
-
- CHRISTIAN:
-
-He?
-
- THEOBALD:
-
-Hehe!
-
- ~Beide kichern und fallen sich in die Arme.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Maske for ever!
-
- THEOBALD:
-
-Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache!
-
- ~Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein Ziel ward gekrönt.
-Zerknirschung des Feindes, Verbeugung vor dem Sieger. Abgang durch die
-Mitte. Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel, wie weit
-wirklich die nähere Umgebung hinsank; und dann soll die Frau, auf die
-es vor allem ankommt, an diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht
-zelebrieren. Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein.
-
-
-VIERTER AUFTRITT
-
- MARIANNE ~in einem Negligé tritt auf~:
-
-Gefall ich dir?
-
- CHRISTIAN ~zu sich~:
-
-Darauf kommt jetzt nichts an.
-
- MARIANNE:
-
-Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter trug sie an dem
-betreffenden Abend ihres Lebens.
-
- CHRISTIAN:
-
-Nichts entspricht.
-
- MARIANNE:
-
-Ich -- keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles. Du sollst
-kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte bin ich, und welche war
-besonders? Ist ein Gedanke, ein Hauch von einer anderen noch bei dir?
-
- CHRISTIAN:
-
-Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft?
-
- MARIANNE ~die Arme um seinen Hals~:
-
-Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn. Er weiß und rosa
-mit blonden Haaren auf der Lippe; weiter wußte ich nichts von ihm.
-
- CHRISTIAN:
-
-Was weißt du von mir?
-
- MARIANNE:
-
-Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast breite Glieder
-und wippst beim Gehen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ist das wahr?
-
- ~Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.~
-
-Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang sprechen. Rhythmus ist
-in der Bewegung.
-
- MARIANNE ~lacht hell~:
-
-Und wie marschiere ich?
-
- ~Hebt den Rock und trippelt.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Was sonst noch? Was ich treibe?
-
- MARIANNE:
-
-Geschäfte.
-
- CHRISTIAN:
-
-Welcher Art?
-
- MARIANNE:
-
-Bank. Kommt es darauf an?
-
- CHRISTIAN:
-
-Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor unseres größten
-wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere einen fünften Teil des
-Nationalvermögens.
-
- MARIANNE:
-
-Tiens!
-
- CHRISTIAN:
-
-Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen Angelegenheiten mit
-dir?
-
- MARIANNE:
-
-So hin.
-
- CHRISTIAN:
-
-So hin. Darin liegt alles.
-
- MARIANNE:
-
-Ich bin müde.
-
- CHRISTIAN ~für sich~:
-
-Aufforderung zum Tanz.
-
- ~Laut~:
-
-Zu früh. Bin ich dir nicht ein völlig Fremder, da dein Vater nicht
-ernsthaft über mich sprach -- wirklich nie, denke nach! Kam er nicht
-eines Tages fieberhaft erregt nach Haus? Besinne dich!
-
- MARIANNE:
-
-Fieberhaft erregt sah ich ihn nie.
-
- CHRISTIAN:
-
-Also wirklich nicht!
-
-Kurz, es ist Verdienst, steht ein Mann so jung auf solchem Posten. Wie
-wenn einer mit sechsunddreißig Jahren General wäre.
-
- MARIANNE:
-
-Das kann höchstens ein Prinz.
-
- ~Sie sitzt auf seinem Schoß.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Oder?
-
- MARIANNE:
-
-Wer?
-
- CHRISTIAN:
-
-Denk nach.
-
- MARIANNE:
-
-Ich weiß nicht.
-
- CHRISTIAN:
-
-Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses Jahres bei
-einundvierzig Gesellschaften die Emission neuer Aktien im Gesamtbetrage
-von etwa dreiviertel Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus
-folgenden Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig
-Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache nicht gefundene
-Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen rund einer halben
-Million Menschen mehr geboten, die das Land ermutigt wird,
-hervorzubringen. Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht
-in Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse und deren
-Arbeitsresultat. Verstehst du?
-
- MARIANNE ~immer auf seinem Schoß~:
-
-Ich versuche.
-
- CHRISTIAN:
-
-Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den Zeugungsapparat.
-Wachsen neue Kamine hoch, öffnet man hastig das Ventil. So stehen wir
-Kapitäne, sagte ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen
-sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen Zuwachsbedürfnis
-nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren. Verstehst du?
-
- MARIANNE:
-
-Ich glaube.
-
- CHRISTIAN:
-
-Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos für
-bessere Qualität sorgen. Da hast du einen kleinen Eindruck, wie ich
-Nationalökonomie praktisch treibe.
-
- ~Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet durchs Zimmer~:
-
-He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt.
-
- ~Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und schüttelt sie
- sanft hin und her, während er ihr starr ins Auge sieht~:
-
-Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid meinerseits
-in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate bei unseren
-Schiffsgesellschaften anführen. Die Menschen sind kurzsichtig, und in
-den Händen weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen.
-
- MARIANNE:
-
-Bist du so reich?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren aus der Kraft meines
-Blutes. Du sahst nun meinen Vater einige Male. Persönlichkeit! Wie?
-Schon prägten sich auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der
-Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles. Merktest du,
-wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten zum Glase griff? Schade,
-daß du meinen Großvater nicht kanntest. Ein tolles Huhn -- aber --!
-Das wächst mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in meiner
-Person den konsequentesten Ausdruck.
-
- DIE JUNGFER ~tritt auf~:
-
-Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung nehmen? Hier im
-Hotel -- der gnädige Herr vielleicht?
-
- ~Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.~
-
- JUNGFER:
-
-Gute Nacht.
-
- ~Exit.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Welch merkwürdige Form eigentlich.
-
- MARIANNE ~setzt es auf~:
-
-Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt, für die Frauen
-unseres Geschlechts am Hochzeitstage zu tragen, war eine Marquise
-d'Urfés, Großtante meiner Mutter.
-
- CHRISTIAN:
-
-Bon. -- Was sagte ich noch? -- Aber ich habe eine Überraschung für dich.
-
- MARIANNE ~klatscht in die Hände~:
-
-Zeig!
-
- CHRISTIAN:
-
-Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt und bereitgestellt.
-
- MARIANNE ~abgewandt~:
-
-Eins zwei drei --
-
- CHRISTIAN ~hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der Wand lehnte,
- freigemacht und gegen seine Beine gelehnt vor sich gestellt~:
-
-Jetzt sieh her.
-
- ~Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch von Angesicht zu
-Angesicht sehen will. Meine Mutter, die ihren Jungen heiß geliebt.
-
- MARIANNE:
-
-Welch bedeutendes Antlitz!
-
- CHRISTIAN:
-
-Nicht wahr. Von Renoir gemalt.
-
- MARIANNE ~fliegt Christian an den Hals~:
-
-Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen Sohn, meinen
-Christian.
-
- CHRISTIAN:
-
-Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.
-
- ~Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.~
-
- MARIANNE:
-
-Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein Teint!
-
- CHRISTIAN:
-
-Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. Wikingersachen
-werden gefaselt. Sieh den tüchtigen Familienschmuck, die rote
-Koralle im Ohr. Einer ihrer Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den
-schwedischen Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert eine
-Anekdote.
-
- MARIANNE:
-
-Das wundervolle Haar!
-
- CHRISTIAN:
-
-Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah sie eines Tages
-im Bois de Boulogne. Der Entschluß, sie zu malen, soll augenblicklich
-festgestanden haben.
-
- MARIANNE:
-
-Das läßt sich denken.
-
- CHRISTIAN:
-
-Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf mal deine Öhrchen
-auf, es kommt das Niedlichste von der Welt. Vater und Mutter also im
-Bois, nach einem solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine
-Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich -- die Frau steht wie
-angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. Vater, den grauen Zylinder
-keck auf dem Kopf -- er hat mir die Situation oft geschildert -- ruft,
-lockt -- sie weicht nicht.
-
- MARIANNE:
-
-Was hatte sie?
-
- ~Christian flüstert ihr ins Ohr.~
-
- MARIANNE ~hell auflachend~:
-
-Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!
-
- CHRISTIAN ~aus vollem Halse lachend~:
-
-Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir das oft erzählt.
-Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. Es soll ein Anblick für Götter
-gewesen sein.
-
- MARIANNE:
-
-Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.
-
- CHRISTIAN:
-
-Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage und mit ihm ein
-französischer Vicomte, der die Szene gleichfalls sah.
-
- MARIANNE:
-
-Wie lange ist das her?
-
- CHRISTIAN:
-
-Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.
-
- MARIANNE:
-
-Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher bringt. Ich kenne
-sie jetzt viel besser. Für deinen Vater war die Lage nicht angenehm.
-
- CHRISTIAN:
-
-Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für das appetitlich
-Komische. Er adorierte sein junges Gespons und war gleichfalls ganz
-gefangen von dem Charme der Erscheinung.
-
- MARIANNE:
-
-Viel Geschmack im Anzug.
-
- CHRISTIAN:
-
-Darin war sie Meister.
-
- MARIANNE:
-
-Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und all die himmlischen
-Frauen, die sich so trugen, sind tot.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.
-
- ~Er hängt das Bild an die Wand.~
-
- MARIANNE:
-
-Hast du das Gut gekauft?
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die Frau war alles in
-allem etwas so Überlebensgroßes, daß sie ein Recht auf solche Ehrung
-hat.
-
- MARIANNE:
-
-Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst habe ich den
-rechten Begriff von ihnen. Du hast die Gabe, Menschen plastisch zu
-machen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. Was
-aus der Menschen Mund gewöhnlich kommt, sind Worte, nur Worte.
-
- MARIANNE:
-
-Ich brauche Anna noch einmal.
-
- CHRISTIAN:
-
-Doch nicht wieder das Mädchen!
-
- MARIANNE:
-
-Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.
-
- CHRISTIAN:
-
-Gib her.
-
- ~Er fängt an, die Ösen zu suchen.~
-
-Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche verstehen, durch die
-man sich also auch nicht von Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.
-
- ~Marianne gähnt.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde der
-Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck hinein, der den
-Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, und der _Begriff_ heißt.
-
- ~MARIANNE gähnt~:
-
-Aha!
-
- CHRISTIAN ~knöpft~:
-
-Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen auch?
-
- MARIANNE:
-
-Bitte.
-
- CHRISTIAN:
-
-Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle Tat, die
-Menschengeist verrichtet, will schließlich nur das eine: sie orientiert
-über das ungeheure Gebiet umgebender Welt, indem sie Mannigfaltigkeit
-überwindet. So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die eigene
-Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich Wald.
-
- ~Er ist mit Knöpfen fertig.~
-
- MARIANNE:
-
-Danke.
-
- ~Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht den Wald vor lauter
-Bäumen nicht.
-
- ~Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht keinen Baum mehr vor
-lauter Wald.
-
- ~Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen~:
-
-Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie
-in der Tasche.
-
- ~Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten~:
-
-Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns wie das meine. He?
-
- ~Reibt sich die Hände, zu sich~:
-
-ça marche ce soir.
-
- ~Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen~:
-
-Meine gute Mutter!
-
- ~laut~:
-
-Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise in die
-Vereinigten Staaten und kam von dort über die Südseeinseln, Asien
-zurück. In Honolulu verliebte sich der König Kalakaua sterblich in sie.
-
- ~Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht~:
-
-Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.
-
- ~Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel
- abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.~
-
- ~Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.~
-
- ~Pause.~
-
- MARIANNES STIMME:
-
-Was wurde denn aus dem Vicomte?
-
- CHRISTIAN:
-
-Welcher Vicomte?
-
- MARIANNES STIMME:
-
-Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine Eltern kennen
-lernte.
-
- CHRISTIAN:
-
-Ach, der Vicomte! Tja -- -- der --
-
- ~Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.~
-
- MARIANNES STIMME:
-
-Was wurde denn mit ihm?
-
- CHRISTIAN ~zu sich~:
-
-Donnerwetter!
-
- ~Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.~
-
-Hm.
-
- MARIANNE:
-
-Ist denn da ein Geheimnis?
-
- CHRISTIAN ~zu sich~:
-
-Wüßte ich jetzt -- aber natürlich -- o großer Gott! Da packe ich dich,
-da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.
-
- ~Er geht zum Vorhang und flüstert hinein~:
-
-Marianne!
-
- MARIANNE ~mit erregter Stimme~:
-
-Ich komme!
-
- ~Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.~
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.
-
- MARIANNE:
-
-Was sagte ich denn?
-
- CHRISTIAN:
-
-Mit dem Vicomte; was wurde?
-
- MARIANNE:
-
-Ja?
-
- CHRISTIAN:
-
-Nie hätte ich die Zähne geöffnet.
-
- MARIANNE:
-
-Christian! Was denn?
-
- CHRISTIAN:
-
-Unmöglich! Nie!
-
- MARIANNE:
-
-Christian! Ich bin dein Weib -- habe ein Recht ...!
-
- CHRISTIAN:
-
-Ich bin auch ein Sohn.
-
- MARIANNE:
-
-Du hast Pflichten vor mir.
-
- CHRISTIAN:
-
-Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.
-
- MARIANNE:
-
-Jener ...?
-
- CHRISTIAN:
-
-Du bekommst kein Wort aus mir heraus.
-
- MARIANNE:
-
-Der also -- der Vicomte ...?!
-
- CHRISTIAN ~stark~:
-
-Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals daran zu rühren;
-jemals jemanden, auch mich selbst, ahnen zu lassen, was du vermutest,
-was du meinst. Ich heiße Maske und basta!
-
- MARIANNE ~erschüttert~:
-
-Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich dich aber von jetztab
-sehe, das ist meine Sache.
-
- ~Leise~:
-
-Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen uns niederfällt, als
-ob erst jetzt ich ungehemmt in dich versänke.
-
- ~Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild~:
-
-Süße Mutter Ehebrecherin!
-
- ~An Christian niedergleitend~:
-
-Mein lieber Mann und Herr!
-
- ~Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.~
-
-
-FINIS.
-
-
-Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.
-
-Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.
-
-
-
-
-INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
-
- ~CARL STERNHEIM~:
-
- _DON JUAN._ Eine Tragödie. Geheftet M. 5.--, in Halbleder M. 8.--, in
- Ganzleder M. 15.--
-
- _ULRICH UND BRIGITTE._ Ein dramatisches Gedicht. _Zweite Auflage._
- Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.--
-
- ~AUS DEM BÜRGERLICHEN
- HELDENLEBEN~:
-
- I. _Die Hose._ Lustspiel. Geheftet M. 3.--, in Halbpergament M. 4.--
-
- II. _Die Kassette._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in Leinen
- M. 4.--
-
- III. _Bürger Schippel._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in
- Leinen M. 4.--
-
- IV. _Busekow._ Eine Novelle. (Kurt Wolff Verlag, Leipzig.)
-
- V. _Der Snob._ Komödie in drei Aufzügen. Geheftet M. 3.--, in Leinen
- M. 4.--
-
- VI. _Der Kandidat._ Politische Komödie in vier Aufzügen nach
- Flaubert. Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.--.
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | deines -- deins |
- | Durchziehen -- Durchziehn |
- | Geschlechtes -- Geschlechts |
- | sehen -- sehn |
- | ungeheuere -- ungeheure |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert. |
- | S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert. |
- | S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert. |
- | S. 13 »kanns« in »kann's« geändert. |
- | S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert. |
- | S. 17 »ists« in »ist's« geändert. |
- | S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert. |
- | S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert. |
- | S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert. |
- | S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert. |
- | S. 31 »wärs« in »wär's« geändert. |
- | S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert. |
- | S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert. |
- | S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert. |
- | S. 38 »bins« in »bin's« geändert. |
- | S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert. |
- | S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert. |
- | S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert. |
- | S. 53 »unsre« in »uns're« geändert. |
- | S. 56 »solls« in »soll's« geändert. |
- | S. 61 »obs« in »ob's« geändert. |
- | S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert. |
- | S. 65 »wars« in »war's« geändert. |
- | S. 69 »solls« in »soll's« geändert. |
- | S. 72 »übers« in »über's« geändert. |
- | S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert. |
- | S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert. |
- | S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert. |
- | S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert. |
- | S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert. |
- | S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert. |
- | S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert. |
- | S. 83 »mans« in »man's« geändert. |
- | S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert. |
- | S. 95 »mans« in »man's« geändert. |
- | S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Snob, by Carl Sternheim
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
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- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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-Title: Der Snob
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-Author: Carl Sternheim
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-Release Date: August 11, 2019 [EBook #60089]
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-Language: German
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***
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-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription
-was produced from images generously made available by
-Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
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-<hr class="tb p6" />
-
-<p class="center"><span class="gesperrt">Leipzig<br />
-im Insel-Verlag</span><br />
-1914
-</p>
-
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak" title="Personen">PERSONEN:</h2>
-
-<p>
-THEOBALD MASKE<br />
-<br />
-LUISE MASKE, seine Frau<br />
-<br />
-CHRISTIAN MASKE, sein Sohn<br />
-<br />
-Graf ALOYSIUS PALEN<br />
-<br />
-MARIANNE PALEN, seine Tochter<br />
-<br />
-SYBIL HULL<br />
-<br />
-Eine Jungfer<br />
-<br />
-Ein Diener<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">DER ERSTE AUFZUG</h2>
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-<p class="actor"><i>Möbliertes Zimmer Christian Maskes.</i></p>
-
-
-<h3>ERSTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">Christian <i>erbricht einen Brief</i>:</p>
-
-<p>Das ist grotesk!</p>
-
-<p class="actor"><i>An einer Tür</i>:</p>
-
-<p>Komm heraus, Sybil.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Was gibt's Wichtiges?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard
-geleistet. In der Klemme verlangt er "Verauslagung der
-durch geburtshilfliche Praktiken ihm erstandenen Verpflichtungen"
-von mir. Was sagst du?</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein
-möchte wie jene Frau durch deinen Erzeuger.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird
-von mir aus ein unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner
-&mdash; ich habe auch mit dir ernst zu reden.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich muß heim.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt.
-Vier Jahre, die du mit mir lebst, sahst du mich von Tag
-zu Tag meinem Ziel näher kommen.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Du hast wie ein Neger gearbeitet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen
-Minen prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in
-der Sitzung des Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich
-zum Generaldirektor der Gesellschaft zu ernennen, wird
-von den Aktionären akzeptiert.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Welcher Erfolg!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte,
-als sie niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel,
-an Möglichkeiten des Vermögens und sozialer Stellung
-für mich voraussehe, ist glänzend.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und
-machte dem traurigen Studium der Philologie ein Ende?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich
-Kleider anständig tragen, gabst mir, soweit es in deiner
-Macht stand, Umgangsformen.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen
-und ausgefransten Ärmeln!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Das Entscheidende zuletzt &mdash; mich selbst. Lebenssache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen,
-wie tief ich dir verpflichtet bin; an so entscheidendem
-Tag zurückblicken ...</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Laß das.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und
-es für immer zu vergessen.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Das wäre bequem.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß
-aus dem vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses
-Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet,
-was du an Aufwendungen für mich geleistet.
-Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Christian!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest,
-sind ins Auge gefaßt, und ich kam auf eine
-Summe von vierundzwanzigtausend Mark, die ich dir
-schulde, und die du heute überwiesen erhältst.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL <i>nach einer Pause</i>:</p>
-
-<p>Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen,
-mit eisernem Besen aus mir herausgekehrt hast. Heute<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-ist Abrechnung. Kein Fehler in der Addition und im
-Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind durch
-meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen
-Charakter erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche
-Begründung vor mir selbst nicht mehr. Um den nötigen
-Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen Stellung zu
-haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend
-ändern. Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Er heißt?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft.
-Die genannte Summe und eine monatliche Apanage
-zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich bin in Empfindungen zerrissen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur
-schmerzt es, sie auf dich angewendet zu sehen. Ich trete
-in das öffentliche Leben. Nirgends ein Fehler im Kalkul.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>hält ihr den Mund zu</i>:</p>
-
-<p>Und so weiter.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der
-für die Zukunft bedenklich war? Gibt es nichts, das
-dich entscheidender in deinem Trieb, bürgerliches Ansehen
-zu gewinnen, stören könnte als ich in meiner bisherigen
-Stellung zu dir?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du weißt es.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Willst du folgerichtig handeln ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin,
-Erscheinung und Gedankenwelt, dafür bürge ich der
-Welt. Aber meine Eltern, dir ist es bekannt, sind Leute
-aus dem Volk.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Tauchst du also jetzt in die Welt auf ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du
-weißt, ich kann's. Leute aus dem Volk. Meine gute
-Mutter besonders.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht
-beibringen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein
-besonders ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch
-Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen
-und errungener Stellung offenbar zu erhalten,
-liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen
-Vergangenheit wirken nicht. Was weiß irgend jemand<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-von <em class="gesperrt">deinen</em> Eltern? Du hast sie einfach unterschlagen,
-still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus?
-Hieß er wirklich Hull?</p>
-
-<p class="actor"><i>Er lacht</i>:</p>
-
-<p>Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte
-in jedem Falle Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter
-von ihm ausging.</p>
-
-<p>Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die
-Differenz zwischen Herkunft und Heute ist erläutert.
-Doch kommt noch hinzu: das Bewußtsein, überhaupt
-zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner Rüstung
-ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus
-mir entstand, wie ich nur auf mich beziehe, für mich
-hoffe und fürchte, muß ich frei sein von Rücksicht auf
-jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich
-Vater und Mutter.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie
-fortbleiben?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Du hast gelernt mit Geld umgehen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich habe allerhand gelernt.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar
-schweren Herzens zustimmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind
-einig?</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen
-Entfernung mit einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht;
-wenn man sie tut.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Doch an Klarheit.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kluger Kopf.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der
-Rechnung meines Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend
-für deinen Besitz jetzt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm
-einen Kuß umsonst. &mdash; Du hast mir die Krawatte verschoben.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Sie saß schon vorher infam.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht:
-den tadellosen Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum
-hundertsten Male.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL <i>bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase</i>:</p>
-
-<p>Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>legen
-des einen Endes als Masche. Durchziehen des
-anderen drittens.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Steht rechts ein Stück vor.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Man schneidet's mit der Schere fort.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kostet jedes Binden eine Krawatte.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Worauf es bei allen Dingen ankommt.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL, <i>tiefer Knicks</i>:</p>
-
-<p>Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Keinen Scherz.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich habe vollkommen begriffen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Sybil exit.</i></p>
-
-
-<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Angenehme Person alles in allem.</p>
-
-<p class="actor"><i>Am Schreibtisch</i>:</p>
-
-<p>Aber nun den Verstand zusammengenommen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er schreibt</i>:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats
-nehme ich mit ergebenem Danke an.« Ergebener Dank?
-Wollen sehen. »Empfehlungen an die Komtesse.« Zu
-familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem
-darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier
-ist falsch. Besser Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat
-der Monambominen. »Sehr verehrter Graf von Palen«.
-Wie das eingeschobene »<em class="gesperrt">von</em>« distanziert! Die Sache
-muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen
-Kreis hinein tadellos korrekt und doch irgendwie
-bedeutend sein. Wie schreibt er selbst?</p>
-
-<p>»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu
-Abend essen, tout en petit comité? Der Ihre.« Auf
-schlichtem billigen Papier. Das hat den Ton freundschaftlich
-oberflächlicher Vertrautheit. »<em class="gesperrt">Abendessen</em>«
-ist himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher,
-aber so, daß immerhin &mdash; ich möchte eine lateinische
-Vokabel einstreuen, die den Tenor männlich macht.</p>
-
-<p>Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen
-einen Augenblick wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber
-sie muß gelöst werden. Einen Fünfsilber mit viel Vokalen
-und rollendem Takt für den Anfang.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er geht durch das Zimmer</i>:</p>
-
-<p>Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist
-für mein Ohr länger als die erste. Falscher Takt. &mdash;
-Pränumerándo &mdash; das ist's im Ton, gibt aber natürlich
-keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es finden.</p>
-
-
-<h3>DRITTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">THEOBALD MASKE <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind
-Knalleffekte zuwider. Aber bei Frauenzimmern stets
-das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der Sache ins Auge
-sehen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du
-hast mich zu früh zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte
-sind nicht lahm und gehen nach allen Seiten in die
-Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen
-Modus finden.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich rufe vor allem Mutter herauf.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wir haben erst unsere Angelegenheit.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand
-versteht.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wie?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Inwiefern? Was gibt's?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du
-darfst, werden wir beide während der Auseinandersetzung
-sonst einig, stillschweigend tausend Mark für deine Verlegenheit
-hinzurechnen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Du hast Bedingungen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich stelle Bedingungen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Da bin ich neugierig.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>am Fenster</i>:</p>
-
-<p>Dort steht sie.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er winkt</i>:</p>
-
-<p>Sie hat gesehen, kommt. &mdash; Aber das unmögliche Kostüm!
-Du sagtest vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>In welchem Zusammenhang?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch.
-Erinnere mich später, gleich ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Tausend Mark?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wenn wir sonst ins reine kommen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Exit.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Da bleibe ich gespannt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-
-<h3>VIERTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Christian und Luise Maske treten auf.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn
-wie ein Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die
-Großstadt ziehen, ich werde mich mit ihr in irgendeiner
-Beziehung einlassen und mich inwendig lebendig erhalten.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Es ist so eine Idee von Vater.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit
-dem Ziel gilt, das ich vorhabe, könnte ich für euch
-keinen freien Augenblick aufbringen.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Dann freilich &mdash; ich dachte es schon.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig
-um uns. Was ist das für ein Ziel?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu
-werden, für die ich arbeite.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>General!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>herrscht sie an</i>:</p>
-
-<p>Direktor!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr
-Rücksicht nehmen, und diese Rücksicht fordert vor
-allem ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm
-gelegt, gaben dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann.
-Oft unterblieb ein Sonntagsbraten. Denn wir liebten
-dich affenartig.</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>leise zu sich</i>:</p>
-
-<p>Generaldirektor.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Dúm da da ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen
-konntest. Darüber sind wir zu Jahren gekommen, und
-heute steht es so: wollen wir noch etwas von dir haben,
-müssen wir uns beeilen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit
-meinem sechzehnten Jahr ist mir kein einziges Opfer
-deinerseits für mich bekannt.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist stark!</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im
-Haus vierfünftel des Platzes einnahmst, jeder Gedanke
-um dich kreiste. Schon auf dem Gymnasium erhielt
-ich mich durch Stundengeben, mein Studium und ferneres
-Leben bezahlte ich selbst.</p>
-
-<p>Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl
-in Gegenwart des Vaters stehend einzunehmen ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner
-Kerl. Ist's wahr, Mutter?</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>zeigt</i>:</p>
-
-<p>So klein.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis
-zum heutigen Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag
-dir eine sehr deutlich ins Auge springende Veränderung,
-meine breitere Lebensführung aufgefallen sein.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist langweilig. Kurz &mdash; was soll sein?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes
-Leben bilanziere. Da nehme ich keinen falschen Posten
-auf.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Was meint er?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wirst du schon hören.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist,
-habe ich nach bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet.
-Dazu wurde die Summe mit fünf vom Hundert
-verzinst.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Du willst eine Abrechnung?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>setzt sich</i>:</p>
-
-<p>Laß sehen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er setzt eine Brille auf.</i></p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Was meinst du?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es kommt schon, Mutter.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>liest</i>:</p>
-
-<p>Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr &mdash; pro
-Anno sechshundert Mark. Sechshundert Mark einschließlich
-Doktor und Apotheker ist etwas mager.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich war nicht krank.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf
-ein. Ich sehe deine ewige Rotznase vor mir. Wir wandten
-Kamillenspülungen an.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte
-mein Herz nicht mehr.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die eingesetzte Summe reicht aus.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert
-Mark. Sieh mal an. »An einmaligen Zuwendungen.«
-Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten
-ist von vornherein dubios.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten
-Zeit Gegebenes nicht gegenvermerkt.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das wäre noch schöner.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p>
-
-<p>Ich gäbe etwas für das Wort.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.</i></p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>schüchtern zu ihm</i>:</p>
-
-<p>Und einmal das Geschwür am Hals.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Richtig, Mütterchen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst
-Kragen, zwei Paar Stiefel, als ich zur Universität ging
-&mdash; fünfzig Mark. Ein goldener Ring &mdash; da hört sich alles
-auf! Hat die Frau dem Burschen doch den Ring gesteckt.
-Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst,
-ihn wiederzufinden.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Mit hundert Mark ist er bezahlt.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Trägst du ihn noch?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zeigt ihn am Finger</i>:</p>
-
-<p>Obwohl er mir täglich enger wird.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme
-rund elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert
-Mark.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>mit Betonung</i>:</p>
-
-<p>Elftausendachthundert.</p>
-
-<p class="actor"><i>Räuspert sich.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Verstehe; die du mir zahlen willst?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die ich dir schulde.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Du willst dich dieser Schuld entledigen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich werde bezahlen.</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>seine Hand in Händen</i>:</p>
-
-<p>Man kann ihn weiter machen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter
-Junge. Apart, wie du die Geschichte behandelst.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er umarmt ihn</i>:</p>
-
-<p>Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus
-zu würdigen. Man wäre also auf die vollkommenste
-Weise einig.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher
-zu verlegen. Das will ich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Machst du mir Vorschriften?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine
-Gefälligkeit und erwarte eine andere von dir.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Der Junge muß doch Gründe haben.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer
-Gegenwart kein vernünftiges Wort möglich.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>geleitet Luise zur Tür</i>:</p>
-
-<p>Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe,
-Mutter?</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>leise</i>:</p>
-
-<p>Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.</p>
-
-<p class="actor"><i>Exit.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich
-insgesamt brauche.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und
-so weiter?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Voraussetzung.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser
-Vorteil? Denn Affenliebe einmal beiseite, man muß in<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
-gesicherten Bezirken leben. Was wirft die Summe für
-eine Rente?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Sechshundert Mark in Industriepapieren.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die
-Sparkasse.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Rund fünfhundert.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert
-ist für die Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit
-hergeben, das einzige Gut des bescheidenen Mannes?
-Darüber mußt du mal ruhig nachdenken, Gründe und
-Gegengründe erwägen. Nein &mdash; verspräche ich dir wirklich
-auf Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das will ich nicht.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um
-alles in der Welt, was soll denn hier vor sich gehen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft
-vor euren Besuchen nicht sicher.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Überfall &mdash; das ist ja!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor
-einer vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-Zeit vor allem, von verwandtschaftlichen Rücksichten
-frei sein.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die
-sich deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer
-auf Opfer häuften trotz deiner Einrede? Sind denn Eltern
-ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht jeder Atemzug
-einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses
-der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch,
-in jeder Bequemlichkeit? Hat sie doch immer
-einen Defekt, den man mit Ärger und Kosten ausbessern
-muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu eine
-Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.</p>
-
-<p class="actor"><i>Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut</i>:</p>
-
-<p>Schöne Kindesliebe das!</p>
-
-<p class="actor"><i>Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch</i>:</p>
-
-<p>Schöne Kindesliebe!</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>steckt den Kopf durch die Tür und macht, von
-Theobald ungesehen, Christian beruhigende Zeichen</i>:</p>
-
-<p>Ich sorge schon.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wie?</p>
-
-<p class="actor"><i>Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in
-einen Stuhl und sagt ruhig</i>:</p>
-
-<p>Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.</p>
-
-<p class="actor"><i>Pause.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt.
-Das ist die vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Er lacht auf</i>:</p>
-
-<p>Ha!</p>
-
-<p>Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die
-Angelegenheit? Kommen wir auch in den gewohnten
-Verhältnissen mit meiner Pension und den fünfhundert
-zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, die Unbequemlichkeiten
-der Übersiedlung, Schwierigkeiten
-neuer Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns
-zu nehmen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das wird kein Mensch euch zumuten.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Unter Umständen ich.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sieh mal an.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche
-Reize und ökonomische Vorteile ausgezeichneter Städte
-auch in Europa, ziehst du nicht von vornherein Amerika
-vor.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Was?!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gut, gut.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand
-genommen</i>:</p>
-
-<p>Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Liest aus dem Buche</i>:</p>
-
-<p>Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend
-Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer
-Gegend an den Ufern der Senne, eines Nebenflusses
-der Schelde. Die Oberstadt mit den Staatsgebäuden
-ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen
-Gesellschaft.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD, <i>der bequem sitzt und andächtig zuhört</i>:</p>
-
-<p>Nicht übel, zeig das Buch.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er liest vor</i>:</p>
-
-<p>»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte
-französisch.« Und du glaubst, ein Deutscher von Schrot
-und Korn läßt sich dazu herbei, welsche Sitten anzunehmen?
-Basta!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein
-völlig idealer Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder
-Hinsicht. Und die Sprache ist Deutsch.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Laß etwas davon hören.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest aus einem anderen Bande vor</i>:</p>
-
-<p>Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist
-Zürich die bedeutendste Stadt der Schweiz am Züricher
-See und der immergrünen Limmat.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich,
-daß ich nicht schwimmen kann.</p>
-
-<p class="actor">Christian <i>liest</i>:</p>
-
-<p>Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren
-See, dessen sanft ansteigende Ufer mit hohen Häusern,
-Obst- und Weingärten besät sind.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Niedlich.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest</i>:</p>
-
-<p>Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links
-grüßt der gewaltige Rücken des Glärnisch.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er zeigt im Atlas</i>:</p>
-
-<p>Hier das Weiße!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Teufel!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest</i>:</p>
-
-<p>Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sozusagen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das reine Kanaan.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird
-dir unmittelbar erreichbar, gewissermaßen Eigentum.
-Ahnst du, was ein Alpenglühen bedeutet?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Was denn weiter?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit,
-ein Nonpareille. In Zürich könnte ich mit der Bedingung,
-ihr überlaßt mich die nächsten Jahre durchaus
-mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente
-aufrunden.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>nach einer Pause</i>:</p>
-
-<p>Ich habe rein menschliche Bedenken.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Unterlaß alle Anmerkungen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Man soll sich aussprechen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus
-Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf.
-Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso
-alt. Wir haben im Leben nicht viel Gutes gehabt,
-bleiben auch nicht mehr lange in dieser Welt mit dir
-beisammen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen
-gegenüber eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo
-wir, einzelnes erläuternd, bequem davon reden können.
-Jetzt gehts Schlag um Schlag. Zweitausendvierhundert
-Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen Einkünften.
-In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-Vater, mir brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf
-um die sichtbare Stelle im Leben ist gewaltig, der
-Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse,
-drängt eine Legion den Schritt ein.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen.
-Wie soll ich über all diese Novitäten ins reine kommen,
-wann einsehen, wo für mich der höhere Sinn darin
-sich zeigt?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>So folge ich dir unentschieden und werde wie ein
-Begossener und Halbertrunkener sein.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Vertraue!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Später. Abgemacht, Vater?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Und fünfhundert &mdash; macht mit dem Meinen annähernd
-fünftausendsechshundert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Siebentausend Franken.</p>
-
-<p class="actor"><i>An der Tür</i>: Mutter!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>An der Limmat? Ich bin starr.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>reicht ihm Atlas und Reisebücher</i>:</p>
-
-<p>Informiere dich.</p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>tritt auf, leise zu Christian</i>:</p>
-
-<p>Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf
-deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist &mdash;
-ach Christel, sei vorsichtig mit den Frauen. Verführung
-zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber
-hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und
-kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>fassungslos</i>:</p>
-
-<p>Unter Tirolern!</p>
-
-<p class="actor">LUISE:</p>
-
-<p>Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gewiß, Mutter.</p>
-
-<p class="actor"><i>Umarmt sie.</i></p>
-
-<p class="actor">LUISE <i>im Hinausgehen</i>:</p>
-
-<p>Mein Christel.</p>
-
-<p class="actor"><i>Luise, Theobald, Christian exeunt.</i></p>
-
-
-<h3>FÜNFTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>kommt schnell zurück</i>:</p>
-
-<p>Einmal hatte ich das Wort beinahe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Er sieht in den Brief</i>:</p>
-
-<p>Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen
-Pensionierung, und daß jetzt seine Kräfte schweiften &mdash;
-wohin &mdash; wohin? In &mdash; Mannigfaltigkeit! Das ist es!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er schreibt</i>:</p>
-
-<p>»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen,
-verhindert mich leider, Ihre liebenswürdige Einladung
-anzunehmen.« So ist es eine Absage geworden, doch
-wer weiß, wozu sie gut ist.</p>
-
-<p class="actor"><i>Es hat geläutet. Exit.</i></p>
-
-
-<h3>SECHSTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.</i></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung
-persönlich noch einmal mit Ihnen durchzusprechen.
-Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie den Aktionären gültig
-anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich die Gesellschaft
-von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher
-Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach,
-den Besuch zu übernehmen, doch fand man es schicklicher,
-ich ordne die Sache, da meine Beziehungen zu
-Ihnen vertrautere sind.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Danke, Graf.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Die Monambominen sind die Unternehmung einer
-kleinen Gruppe von Menschen, die denselben Überzeugungen
-leben. Haben nun auch Geschäfte und<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen
-Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen
-Mann an der Spitze seiner Geschäfte, der der ganzen
-Lebensauffassung nach zu uns gehört.</p>
-
-<p class="actor"><i>Christian verbeugt sich.</i></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben,
-der mit Tüchtigkeit die noch seltenere Gabe vereinigt,
-ein Empfinden für die durch Kult errungenen Werte
-des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere
-da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein
-bedeutendes Gegengewicht fordert.</p>
-
-<p class="actor"><i>Christian verbeugt sich.</i></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen
-des Lebens in einem Sinne geäußert, der durchaus mit
-der Meinung unserer Kreise übereinstimmt, an Schärfe
-dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem Wortschatz
-der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär bezeichnen,</p>
-
-<p class="actor"><i>er lacht.</i></p>
-
-<p>und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit
-Ihres Vortrages schien auf Herzenssache
-zu deuten. Bitte?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es ist so.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin
-durchdrungen. Sie stammen aus einem ausgezeichneten
-Haus. Ihre Erziehung ist vollendet sogar in dem Sinne,
-daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser selbstverständ<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>licher
-Besonderheiten, die wir errangen, ist das unauffällig
-Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten,
-aber auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was
-uns noch fehlt, ist irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung,
-die Niederlegung in einen verpflichtenden
-Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis vorstellen
-können.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich verstehe.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron«
-gar nichts anderes als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann
-ist kein Deklassierter. Gewisse Garantien nach gewissen
-Richtungen. Bei Bürgerlichen können markante
-Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wovon in meinem Fall keine Rede ist.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch
-in zu hohem bürgerlichen Ansehen gelangten Familien
-begnügt man sich mit diesem alle Mitglieder einschließenden
-Gut. Es reicht hin, Sie finden aus der in
-Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen
-Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das
-Vergnügen, Ihren Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Tot. Alles tot.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als
-Repräsentant. Ich sehe Sie ergriffen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen
-darf, was mein Herz seit der Jugend bewegt, da ich es
-sagen soll: nie habe ich eine andere Sehnsucht
-gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich sichtbar
-in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer
-Ahnen tragen, an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen,
-die Grundsätze zur Geltung bringen zu
-dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es steht
-mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem
-Ziele schon gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die
-Hand zu schwören, mein irdisches Leben ist ihm einzig
-geweiht.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem
-Augenblick haben Sie mich überzeugt. Ich danke.
-Glaube für Ihre Ernennung bürgen zu können. Darf
-ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden
-Sie folgen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das heißt ...</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wie denn?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Also dann &mdash; trotz der <em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> meiner
-Geschäfte.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne
-finden Sie einen Menschen, der an einem Charakter
-wie dem Ihren Gefallen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich
-mehrfach sprechen.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Enchanté, lieber Maske.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.</p>
-
-<p class="actor"><i>Exit.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN, <i>der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück,
-sieht flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer
-Vase eine Krawatte zu binden</i>:</p>
-
-<p>Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes
-als Masche. Durchziehn des anderen. Und nun die
-Schere.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er schneidet</i>:</p>
-
-<p>Was dich ärgert &mdash; dein linkes Auge, wirf es von dir.
-Diese Krawatte sitzt tadellos. Das ist erreicht!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">DER ZWEITE AUFZUG</h2>
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-<p class="actor"><i>Salon bei Christian Maske.</i></p>
-
-
-<h3>ERSTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. &mdash; Da
-ist der Corot.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu
-dürfen.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Es kann dir werden.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen
-der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes
-Auftreten ward letzthin so dringend ...</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Liebt er mich?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch,
-besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer
-Reihe schwieriger Umstände retten?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn
-die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war;<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei.
-Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen
-wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich
-einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Tiens!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in
-dir zu besiegen haben.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns
-nicht nahe, unser Gespräch verließ die Konvention niemals,
-doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person
-richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich
-völlig niederwerfen konnte.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Mich juckt's mit ihm.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht
-korrekt war?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Lebt er nach unseren Gesetzen?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten
-Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinahe.
-Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er
-unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm?
-Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung
-im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben,
-also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie
-der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling
-um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten
-beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur
-Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts
-tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte
-lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben
-Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur
-ein Adliger mit dem Bewußtsein angeborener Besonderheiten.
-Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner
-Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen,
-bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe
-des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit
-der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch
-Generationen nicht eingeholt werden?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt
-ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der
-Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein
-Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment
-erwarte ich bei diesem Manne.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern
-um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken,
-die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm bei Gelegenheit
-beizubringen.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen
-dich.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Das verhüte Gott!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die
-erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt
-sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt.
-Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch
-nicht führen lassen will.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher
-und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen,
-die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit,
-er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Marianne!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen
-mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen.
-Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine
-Güte gehabt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich war zu nachgiebig.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Und wirst es ferner sein.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Nur bis an die Grenze des Möglichen.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>eindringlich</i>:</p>
-
-<p>Liebe steckt die Grenzen weit.</p>
-
-
-<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>im Reitanzug tritt schnell auf</i>:</p>
-
-<p>Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu
-meiner Entschuldigung sagen, der Kolonialminister hielt
-mich auf, wollte meinen Rat.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens
-unserer allergnädigsten Majestät präsentieren.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft,
-das ich nicht besitze. Die ungeheuere Verantwortung
-bricht in Dingen, die das Wohl des Staates angehen,
-die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht in
-Gott hat.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Magnifique! Was ritten Sie heute?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. &mdash; Gefällt
-Ihnen das Bild, Komtesse?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch
-ergreift es mich.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität
-aber eigenartig.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Können Sie so etwas bestimmen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder
-des Malers.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wo nehmen Sie die Zeit her?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam
-von der ersten Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und
-ich war für den Rest lebendig.</p>
-
-<p class="actor"><i>Zu Marianne</i>:</p>
-
-<p>So geht es mit allen Dingen.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wir müssen fort.</p>
-
-<p class="actor"><i>Zu Marianne</i>:</p>
-
-<p>Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zum Grafen</i>:</p>
-
-<p>Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein
-paar Minuten bitten?</p>
-
-<p class="actor">GRAF <i>zu Marianne</i>:</p>
-
-<p>Brauchst du mich?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Bleib.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu Marianne</i>:</p>
-
-<p>Ich bringe Sie zum Wagen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Marianne und Christian exeunt.</i></p>
-
-
-<h3>DRITTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Graf nimmt von einem Tisch ein Buch</i>:</p>
-
-<p>Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat
-sich unterrichtet.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er blättert und liest</i>:</p>
-
-<p>Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen
-1220 urkundlich zuerst erscheint. Augustus Aloysius
-mit Elisabeth Gräfin von Fürstenbusch, gestorben auf
-Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute Lisbeth.
-Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter
-Sproß, und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske
-heiratet.</p>
-
-
-<h3>VIERTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr
-hier abholen zu können.</p>
-
-<p>Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand
-Ihrer Tochter Marianne.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach
-jeder Richtung hin reiflich erwogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse
-nicht unbedingt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene
-Meinung.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine
-Ansicht nur gehört und bleibt ohne entscheidenden
-Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung gerechnet?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich fühlte Ihre starken Widerstände.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker
-zu Ihnen distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint,
-der Wahrheit die Ehre, einigermaßen von Ihnen
-emballiert.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle
-überraschenden Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher
-Art. Von Ihrer großen Zukunft bin ich felsenfest
-überzeugt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Er gab keine Angriffsfläche.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Darf ich fragen?</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ganz offen: Standesvorurteile.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit
-ist eine Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich
-verehre. Nur gegen meine Person gerichtet, hätte es
-mich stärker berührt.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich
-Angreifer desselben sein.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich liebe Ihre Tochter.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren
-Antrag an.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>macht eine unwillkürliche Bewegung, die
-seine Erschütterung verrät</i>.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit
-auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden,
-sehe ich, wie fremd Sie noch blieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich
-aus einem Buch über den Stall, aus dem er kommt, zu
-belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche
-Name seinen Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er
-ungemerkt und in seinen Handlungen unbeaufsichtigt.
-Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, handeln unter
-den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht
-auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser
-Masse gibt uns ein Recht, unsere Verdienste bemerkt
-und belohnt zu sehen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu
-beugenden Willen hat, die Konsequenzen solcher Anschauungen
-zu tragen, der Eintritt in die Gemeinschaft
-frei sein.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren
-zu erkennen.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ihre Eltern, Voreltern?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen,
-vorbereitet. Kleine Beamte nur &mdash; mein Vater ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst
-um so bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr
-erst kürzlich wieder belehrte. Der Fall unseres Postministers,
-der aus ähnlichem Milieu wie Sie stammt, ist
-der einleuchtendste.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>laut lachend</i>:</p>
-
-<p>Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete
-Elternpaar allenthalben aufzukommen.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die
-Entscheidung hängt von uns nicht ab &mdash; warten wir.
-Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter bringt
-keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren
-bis auf Reste unser Vermögen und schränken uns
-ein, meinem Sohn den Zuschuß zu gewähren, den das
-Regiment verlangt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>verneigt sich</i>:</p>
-
-<p>Darüber ist kein Wort zu verlieren.</p>
-
-<p class="actor">DER DIENER <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Der Wagen der Komtesse.</p>
-
-<p class="actor">GRAF <i>exit</i>:</p>
-
-<p>Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.</p>
-
-
-<h3>FÜNFTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich.
-Vorbereitet und durch das Geständnis seiner Mittel<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>losigkeit
-in Verlegenheit, hätte er es geschluckt, und
-sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die neue
-Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in
-meiner Gewalt.</p>
-
-<p>Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort!
-Und ist der Augenblick gekommen &mdash; persönlich sie
-vorstellen. Mediam in figuram jedermann. Wollen
-doch sehen!</p>
-
-<p>Wie die Alten sich freuen werden!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er schreibt und liest</i>:</p>
-
-<p>Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier
-freudigste Überraschung.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er läutet</i>:</p>
-
-<p>Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole,
-bis zum eigenen Bad an ihren Zimmern muß ihnen alles
-ein großes Staunen sein.</p>
-
-<p class="actor">DIENER <i>tritt auf</i>.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das Telegramm sofort abtragen.</p>
-
-<p class="actor">DIENER <i>exit</i>.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben.
-Wenn sie vorm Einschlafen überdenkt, was sie und ich
-von meiner Zukunft geträumt, und wie es noch viel
-besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben spüren.
-Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten
-Unarten sind bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin
-tun das letzte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-
-<h3>SECHSTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Sybil tritt auf.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Die Eltern.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wer sagt dir das?</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst
-du an dem Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an
-wen du beim Einschlafen dachtest. Warum, wenn du
-von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte.
-Durch die räumliche Trennung hast du dich
-auf deine Art völlig in die beiden alten Menschen verrannt.
-Schließlich brachtest du nichts mehr vor, ohne
-gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich entbehrte sie schwer.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich
-gar nicht außer mir. Wie ein kleiner König stand ich
-zu ihr. Meine große Zukunft bejahte sie im voraus.
-Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen
-und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß
-dazu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir
-gefunden?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch
-stets unbedankt, stets durch mich glücklich.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos
-gegen dich betragen. In der Überzeugung, dich
-durch sein Erscheinen schrecken zu können, hat er ein
-über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die
-er brauchte.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung,
-er wäre anders ins Zeug gegangen. Er würde
-sich, sähe er die Wirklichkeit, gütlich tun.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das
-Dämonische an diesen Geschlechtern, deren Wurzeln
-noch auf dem Erdboden laufen, die Gesamtheit fühlt
-nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit einem
-Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo
-der andre darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von
-einem Stamm entsprossen, mit ihm durch feinste Adern
-noch verbunden, ist unser Wohl von seiner Gesundheit
-abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem
-Ast trifft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus
-unserer Zeit heraus.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr
-von den Erschütterungen der Epoche als ich? Weil du
-dich an Phrasen der Sozialdemokratie berauschst, die dir
-mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die
-Ohren vollbläst.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu
-stillen über den, der den Weg zum Brot sperrt, müssen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht
-und dabei ganz anders als Myriaden den Boden in mir
-aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog ich durch den
-Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst
-das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen
-mir vom Leibe riß und das flatternde Band am Halse
-zu einer festen Krawatte knüpfte. Mich allmählich zur
-Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben
-bedarf.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf
-der höchsten, steht der Stärkere, der Todfeind, den du
-besiegst, oder er vernichtet dich.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du
-noch zu laufen, bis dir die Wahrheit schwant.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich
-nicht in den Zähnen stocherte! Über all den äußeren
-Kram bist du nicht hinweggekommen. Dein Anzug ist
-der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren
-Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Das war nicht mein Ziel.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ressentiment.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst,
-deine Eltern zurückzuholen ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die ich liebe.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger
-gibt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Vergöttere!</p>
-
-<p class="actor">SYBIL <i>lacht</i>:</p>
-
-<p>Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn
-dulden ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kein Wort mehr!</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte
-deiner Mutter, an deines Vaters Schmierstiefeln
-berauschen. Deine erste Tat, die sie vor Entwürdigung
-und dich vor Demütigung schützte, war zarteste Rücksicht
-für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten
-des Lebens flüchten. Endlich darf ich verweilen und
-die irdischen Güter betrachten. Der erste Luxus, den
-der reiche Mann treibt, ist seine Familie.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände.
-Liebst du sie wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein.
-Doch opfere sie nicht der Eitelkeit, daß bei dir alles sein
-muß, wie der gute Ton es vorschreibt. Du willst die
-Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern
-kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib
-ihr fremd und geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner
-außer dir besitzt, du mußt nicht auch noch Eltern haben.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte
-Ziffernmacht, allen Einfluß strenge ich bis zum äußersten
-an, meinem Vater Geltung zu verschaffen. Keine Widerworte!
-Ich will! Das sind Dinge, für die in dir jede
-Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall
-in dir war.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir
-sind Fremde. Geh!</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der
-Zwanzigmarkstücke von mir nahm?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der
-dich in diesem Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.</p>
-
-<p class="actor">SYBIL:</p>
-
-<p>Ein einziges &mdash; mein Leben dafür &mdash;, das dich kennzeichnete
-und ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen
-wie den eben geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir
-das Andenken deiner großen Leidenschaft. Doch bleibt
-das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, drohen dir
-unnachsichtlich die Gerichte.</p>
-
-<p class="actor"><i>Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.</i></p>
-
-
-<h3>SIEBENTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man
-nicht mehr sah. Versuche eines Embryos des Menschtums,
-dich mit Redensarten deiner Natur und notwendigen
-Schlüssen abspenstig zu machen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen</i>:</p>
-
-<p>Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau
-bekannt sind, werde nicht blaß vor dir selbst, mach ein
-Bild, eine saftige Figur aus dir und denk nicht an die
-Unterschrift, die die Zuschauer geben.</p>
-
-<p class="actor"><i>Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen</i>:</p>
-
-<p>Wer ist das?</p>
-
-<p class="actor"><i>Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei</i>:</p>
-
-<p>Mutter!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-
-<h3>ACHTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>nach einer Pause, während der Christian,
-gegen die Tür gelehnt, schluchzend steht</i>:</p>
-
-<p>Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der
-Sache ins Auge sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen,
-hätte ich dich vorbereitet. Aber sie war immer
-für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode
-so gehalten.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem
-Pomp ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Auch das ist seit gestern vorbei.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nicht einmal dazu riefest du mich!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch
-dazu wußte ich nicht, ob's dir hier in den Kram paßte.
-Beerdigung ist immerhin eine offizielle Angelegenheit.
-Die Sekunde, in der ihr während der ganzen windschnellen
-Katastrophe schwante, um was es sich für sie
-handele, hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts
-davon erfährt. Also ganz in ihrem Sinn. Friert dich?</p>
-
-<p class="actor"><i>Christian exit.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh
-mal an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>kommt zurück, einen schwarzen Anzug über
-dem Arm. Er kleidet sich während des folgenden, teilweise
-hinter einem Wandschirm, um</i>:</p>
-
-<p>Du darfst jetzt ruhig berichten.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank
-Kaffee, wie sie das so machte, immer das Stück Zucker
-auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt sie, und sank hin.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>schluchzt beherrscht</i>:</p>
-
-<p>Keine Krankheit vorher, kein Leid?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Nichts.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben
-Luise.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit
-und Regelmäßigkeit geführt, verborgen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser
-auf die lange Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht,
-ganz unwichtig und lief ins Gleichmaß der Dinge. Durch
-mich hatte deine Mutter letzthin angenehme ruhige Tage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen
-des würdigen Grabmals gleich mich ins Vernehmen
-setzen. Niemandem kann ich anvertrauen, wie ich an
-ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler den Ausdruck
-dafür.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Vielleicht.</p>
-
-<p class="actor"><i>Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes
-gibt und sein Trauerkleid vollendet.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest
-du bei dir zu Haus das Telegramm gefunden, das euch
-zu den glücklichsten Eröffnungen herrief.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Du hast uns telegraphiert?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich erwartete euch mit Ungeduld.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Was ist hier Wichtiges vorgefallen?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn
-verlobt gefunden.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Schau! Ist das Mädchen hübsch?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es ist &mdash; Gräfin.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Christian! Wo hast du den Mut her?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gehört Mut dazu?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein
-wenig in meiner &mdash; da hast du ja einen tollen Satz gemacht.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Über uns fort, Vater.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Es ist unheimlich. Und jene?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das ist alles, was du mir dazu sagst?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische
-Folge.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter
-&mdash; es hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und
-der Vater Graf, die ganze Verwandtschaft &mdash; Junge, du
-bist verrückt!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was heißt der Unsinn?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da
-machst du einen ja lächerlich. Kennst du denn gar keine
-Rücksichten mehr? Einen Grafen habe ich überhaupt
-noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht
-zu dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst
-kehrst? Ich sage doch! Ein Subalterner in Pension.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das ist Larifari.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das
-anzutun? Mit Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>betreten</i>:</p>
-
-<p>Aber ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte
-Person. Ich werde närrisch. Habe ich mich doch nicht
-so, als du damals die Sperenzien mit uns machtest, über
-den Tod meiner Frau habe ich mich nicht so aufgeregt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Aber Vater ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>immer erregter</i>:</p>
-
-<p>Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke
-machen, ins Anomalische steigst du ja!
-Deine Mutter stirbt mir mit sechzig Jahren, ich bin sie
-gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich flüchtet
-man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser
-gewisse, allenthalben genau bekannte Theobald und eine
-ganze Grafenfamilie! Es ist um den Verstand zu verlieren.</p>
-
-<p class="actor"><i>Christian hat in Resignation das Florett genommen.</i></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>ganz außer sich</i>:</p>
-
-<p>Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler
-Beamter hier auf dem Platz, als daß ich der allgemeinen
-Belustigung zum Opfer falle. Hast du denn aus der
-Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen
-und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben
-schlurften, und du an unserer Seite den Herrn Kanzleirat<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-ehrfürchtig grüßen mußtest? Was aber kann ein Kanzleirat
-gegen einen Grafen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>ängstlich</i>:</p>
-
-<p>Hör mir doch zu ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich
-nicht närrisch werde!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen
-Folgen nichts eingefallen, die jedes Kind sieht?
-Als du uns beide alte Leute in die Fremde schicktest,
-schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich mit
-Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den
-höheren Sinn des Handels für dich, wenn auch nicht
-für mich. Und da du es sonst an nichts fehlen, den
-anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er springt auf</i>:</p>
-
-<p>Und jetzt wagst du solchen ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu
-denken war, überwältigte mich ein Begehren, das vom
-Augenblick unserer Trennung an in mir immer stärker
-geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, da es
-anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich
-zu leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz
-überhaupt hierher zu verlegen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>fällt in einen Stuhl</i>:</p>
-
-<p>Das ist klassisch!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Nicht dein Ernst?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits
-nicht voraussehen.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Dein Ernst?!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich begreife nicht.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>auf ihn zu</i>:</p>
-
-<p>Wie?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>weicht unwillkürlich zurück</i>:</p>
-
-<p>Begreife nicht ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Immer noch nicht?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber
-dein Bedenken für übertrieben ... teilweise.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Übertrieben?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Andererseits ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Übertrieben?!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>eingeschüchtert</i>:</p>
-
-<p>Natürlich andererseits &mdash; wenn wirklich &mdash; natürlich.
-Mein Gott, müßte man eben auf seinen Lieblingswunsch
-verzichten &mdash; schweren Herzens. Auf deiner Teilnahme
-an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen Umständen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen
-Vorschlag unbefangen nur so hin, dann bemerke ich:
-deinen Vater als Clown bei diesem Witz mitwirken sehn
-zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm
-in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu
-laufen, später als Mann aus dem Volk lächerlich bei
-Tisch zu sitzen ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür
-nehmen, daß ich dich in deiner Jugend meine väterliche
-Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt vor aller Welt mein
-Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese Einladung
-gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian,
-um Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher
-getan, und ich bin zufrieden, und willst du mehr, so
-überlege noch einmal gründlich, was du vorhast. In
-jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe
-in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen
-Sachen nichts zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen,
-nicht im geringsten molestiert. Darum bin ich
-vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.</p>
-
-<p>Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe
-andere Quellen. Und abends reise ich heim.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er nimmt Hut und Stock.</i></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>ängstlich</i>:</p>
-
-<p>Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst
-du überhaupt nicht in dem alten vernünftigen Ton mit
-mir? Ungesehen verschwinde ich auf dem Wege, auf
-dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der
-nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst
-du mal vorbei, ihr Grab zu sehen, soll's mich freuen.
-Bist, von diesem Unsinn abgesehen, sonst ein guter Kerl;
-läßt einen leben.</p>
-
-
-<h3>NEUNTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">DIENER <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Graf Palen!</p>
-
-<p class="actor">GRAF <i>folgt sofort</i>:</p>
-
-<p>Marianne wollte zuerst, einem schönen Drange folgend,
-es Ihnen selbst sagen &mdash; sie war sehr glücklich &mdash; innig
-beglückt &mdash;</p>
-
-<p class="actor"><i>Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.</i></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Bitte mich vorzustellen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>in höchster Verwirrung</i>:</p>
-
-<p>Mein Vater ... bitte.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Tiens. Ah das &mdash;! Nein das &mdash; aber sehr angenehm.
-Graf Palen. Sehr erfreut!</p>
-
-<p class="actor"><i>Reicht Theobald beide Hände</i>:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Und dachte ich immer &mdash; wie kam ich nur darauf?
-Sah unseren Freund als Waise &mdash;</p>
-
-<p class="actor"><i>Er lacht</i>:</p>
-
-<p>Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt
-mir den Tod meiner Mutter an. So gewinne ich Marianne
-im rechten Augenblick.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er sinkt dem Grafen an die Brust.</i></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Meine aufrichtige Teilnahme.</p>
-
-<p class="actor"><i>Zu Theobald</i>:</p>
-
-<p>Auch Ihnen, verehrter Herr.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>verbeugt sich</i>:</p>
-
-<p>Danke, Herr Graf.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut.
-Inzwischen bleiben die alten Herren beisammen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Zu Theobald</i>:</p>
-
-<p>Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau,
-eine Braut ersetze ich nicht, doch was ein anständiges
-Essen vermag ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mein Vater wollte gleich zurück.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Aber das muten wir ihm nicht zu.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Frühstücken sollte man in jedem Fall.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und
-Glückwünschen verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr
-Sohn hat Sie lange genug unter Verschluß gehalten;
-bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Beschnuppert &mdash; ist gut.</p>
-
-<p class="actor">GRAF:</p>
-
-<p>Sagt man nicht so?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>lacht</i>:</p>
-
-<p>Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>bei Theobald, zischt</i>:</p>
-
-<p>Graf!</p>
-
-<p class="actor"><i>Zum Grafen</i>:</p>
-
-<p>Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim.</p>
-
-<p class="actor">GRAF <i>energisch</i>:</p>
-
-<p>Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor
-allem ausgiebig frühstücken. Und alles andere findet
-sich später. Kommen Sie!</p>
-
-<p class="actor"><i>Graf und Theobald exeunt.</i></p>
-
-
-<h3>ZEHNTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe
-ich einen Fehler gemacht?</p>
-
-<p class="actor"><i>Am Fenster</i>:</p>
-
-<p>Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch
-umständliche Höflichkeit. &mdash; Ich habe einen Fehler<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-gemacht! Meine Hilflosigkeit, meine Verlegenheit um
-ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß?</p>
-
-<p class="actor"><i>Er läuft zum Spiegel</i>:</p>
-
-<p>Ich zittre ja wie Espenlaub!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er springt auf einen Stuhl am Fenster</i>:</p>
-
-<p>Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen über's ganze
-Gesicht. Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren
-Fehler habe ich gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen,
-habe ich vor fünf Minuten hier nicht geschworen,
-mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen?
-Hatte ich doch den einzig richtigen Instinkt.</p>
-
-<p>Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie
-klatschen, ich wollte meinen Vater verleugnen. Kann
-er nicht behaupten, ich hätte ihn ehemals totgesagt?
-Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab.</p>
-
-<p>Gegenmaßregeln! Schnell! Was?</p>
-
-<p class="actor"><i>Er läutet. Diener tritt auf.</i></p>
-
-<p>Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein
-Vater kam an. Dem alten Herrn soignierteste Bedienung.</p>
-
-<p class="actor"><i>Diener exit.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>ihm bis zur Tür nach</i>:</p>
-
-<p>Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht
-bekäme man ihn doch noch ohne allzu großes
-Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein! Wie ich
-es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen
-hat: mit größter Geste muß ich ihn als etwas
-Außergewöhnliches darbieten.</p>
-
-<p>Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und
-es soll die ganze Familie umfassen.</p>
-
-<p>Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er läuft im Zimmer umher</i>:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p>Was werden sie am Weintisch tun?</p>
-
-<p>Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er,
-wenn der andere besoffen ist?</p>
-
-<p>Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?!</p>
-
-<p class="actor"><i>Außer sich</i>:</p>
-
-<p>Um Gottes willen! Ja um Gottes willen!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er heult auf</i>:</p>
-
-<p>Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich
-könnte mich ohrfeigen!!</p>
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">DER DRITTE AUFZUG</h2>
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund
-ein breiter Vorhang.</i></p>
-
-
-<h3>ERSTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne
-Brautkleid unter dem Überwurf treten auf.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Endlich Luft, Ruhe.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Diese Blumen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Bei einem Strauß</i>:</p>
-
-<p>Vaters.</p>
-
-<p class="actor"><i>Sie nimmt eine Karte und liest</i>:</p>
-
-<p>Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier &mdash;
-welch himmlische Orchideen!</p>
-
-<p class="actor"><i>Liest</i>:</p>
-
-<p>Von einer Unbekannten.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>So? Sentiment. &mdash; Was sprach er am Tisch fortwährend
-mit meinem alten Herrn. Hörtest du die beiden?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wer soll das sein?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame
-zu haben. Die dicke Gräfin ...</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe
-Essen auf der Serviette.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Mutters Vetter Albert Thüngen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung
-an und aß darüber nicht.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der
-Prinzessin so intim, wie sie dich behandelte?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Sieben Jahre. Ihr duzt euch?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die Erzherzogin?</p>
-
-<p class="actor">JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna.</p>
-
-<p class="actor">JUNGFER:</p>
-
-<p>Gut, gnädige Komtesse.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange
-Respekt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p class="actor">JUNGFER <i>schluchzt</i>:</p>
-
-<p>Ja, gnädige Frau.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Was gibt's?</p>
-
-<p class="actor">JUNGFER <i>auf Mariannes Hand gebeugt</i>:</p>
-
-<p>Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht
-mehr.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins.</p>
-
-<p class="actor"><i>Beide durch den Vorhang ab.</i></p>
-
-
-<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>springt an den Vorhang und lauscht nach
-hinten</i>:</p>
-
-<p>Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche
-Domestikenbagage hinter Schlüssellöchern auffängt und
-weitergibt ...</p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ...</p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>... alte Jansen ... Unsinn!</p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten
-Volants ... Rosenknospe ...</p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ...</p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>... Sah man doch</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>leiser</i>:</p>
-
-<p>ihren Busen mit Absicht.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>Um Gottes willen!</p>
-
-<p class="actor"><i>Gekicher, dann Geflüster.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>sich näher hinbeugend</i>:</p>
-
-<p>Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme,
-erschlägt's das Wort. Flüstern und zu Boden sehen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Gelächter in Absätzen.</i></p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>... Schnurrbartspitzen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo.</p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>... ein bißchen lächerlich.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>Still!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen
-Abend noch dringe ich in den Tempel deines Herzens
-und stelle fest, was du weißt.</p>
-
-<p class="actor"><i>Neues Gelächter.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle
-Ventile in ihre Blutbahnen. Denn nachher spüle ich
-mein Weib bis zum letzten Molekül rein von deinem Gift.</p>
-
-<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p>
-
-<p>Es war zu komisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller
-Tage Abend. Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen,
-überdonnern sie alles, was vorher laut wurde.</p>
-
-<p class="actor"><i>Es ist hinten ganz still geworden.</i></p>
-
-<p>Still? Was haben sie jetzt?</p>
-
-<p class="actor"><i>Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen</i>:</p>
-
-<p>Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier
-not, das Geständnis, wieviel die Welt dir geklatscht,
-vom Vater angefangen bis zu dieser Laus. Ich habe
-einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir herauszulocken,
-daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für
-dich zu behalten. Du trittst nicht über die Schwelle
-meines Namens, Weib, es sei denn, derselbe ist ehrfürchtig
-und gerührt von dir empfunden.</p>
-
-<p class="actor">DIE JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?</p>
-
-<p class="actor"><i>Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet
-durch den Vorhang.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man
-sich selbst verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen
-ausgeliefert. Mit Finessen will ich rekognoszieren,
-wo in deiner Familie mein grimmigster Feind sitzt. Er
-muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich
-dein Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er stiert in den Koffer</i>:</p>
-
-<p>Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem
-Koffer an Büchern? Schmähschriften?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Er zieht ein Buch aus dem Koffer</i>:</p>
-
-<p>Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden
-gegen mich aufgehäuft sein? Das wollen wir bei
-Gelegenheit bis in die Nieren bloßlegen.</p>
-
-
-<h3>DRITTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor"><i>Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür</i>:</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das ist unerhört!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Nur einen Augenblick.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was gibt's noch?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Zärtlichkeit.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du bist betrunken.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen
-Abend dir einen Kuß hinhauchen, doch erwischte
-ich dich nicht. Räsoniere nicht, Bengel. Du bist ein
-Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich.
-Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie
-Papierhemden. Als Sieger bist du über meine Meinungen
-und Prinzipien hinweggegangen. Ich lebte allzeit von
-Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten und
-so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie
-du heute mit diesen Leuten umgingst, nicht wie mit
-deinesgleichen, sondern fast von oben herab; wie sie
-dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und wie du<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte
-mein Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich
-gemacht; ich sinke hin an deine Brust.</p>
-
-<p class="actor"><i>Umarmt ihn.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch,
-als alles in Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage.
-Unsere Mutter hätte dabei sein sollen. Morgenröte,
-Morgenröte war mein Gefühl, soll man's für möglich
-halten!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ist es denn wahr?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter
-geschnallt. Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet.
-Du hast mich völlig in dir; schweig. Jetzt
-kommt das Geständnis, eine ehrwürdige Sache. Das
-sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig,
-verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur
-Welt, der höhere Sinn von mir &mdash; bist du. Wegjagen
-wolltest du mich. Hattest es schon eher im Bewußtsein,
-doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten.
-Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige
-grenzenlose Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-kehrt sie wieder. Glücklich nach Zürich, große Hauptgasse
-No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat a.&nbsp;D. und
-stiert begeistert seinen Sohn an.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Man kommt!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach
-weiter so und keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen,
-Abscheu, Haß und so weiter; aber sie haben bodenlose
-Achtung aus Verständnislosigkeit.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das sagst du?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit
-habe ich mich in ihr Vertrauen geschlichen. Da man
-das Band des Adlers von Hohenzollern für das Eiserne
-Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt
-haben. Da aber heute die Tafelrunde: als schließlich
-ich mich lichterloh an dir entzündete, ergriff ihn
-die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die rührende
-Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht.
-Es kapitulierte vollständig.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Fertig also mit ihnen?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nach<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>lassen.
-Auf meine Art hatte ich stets die Überzeugung
-von der Bedeutung unseres Stammes. Konnte sie aber
-nur den Allernächsten mitteilen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mir!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Und du schnellst uns weiter.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die
-Sehne.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wir kletten uns fest.</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Ins Gewebe.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD <i>späht durch den Vorhang</i>:</p>
-
-<p>Respekt!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>He?</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Hehe!</p>
-
-<p class="actor"><i>Beide kichern und fallen sich in die Arme.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Maske for ever!</p>
-
-<p class="actor">THEOBALD:</p>
-
-<p>Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.</i></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein
-Ziel ward gekrönt. Zerknirschung des Feindes, Verbeugung
-vor dem Sieger. Abgang durch die Mitte.
-Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel,
-wie weit wirklich die nähere Umgebung hinsank; und
-dann soll die Frau, auf die es vor allem ankommt, an
-diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht zelebrieren.
-Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein.</p>
-
-
-<h3>VIERTER AUFTRITT</h3>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>in einem Negligé tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Gefall ich dir?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p>
-
-<p>Darauf kommt jetzt nichts an.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter
-trug sie an dem betreffenden Abend ihres Lebens.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nichts entspricht.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich &mdash; keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles.
-Du sollst kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte
-bin ich, und welche war besonders? Ist ein Gedanke,
-ein Hauch von einer anderen noch bei dir?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>die Arme um seinen Hals</i>:</p>
-
-<p>Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-Er weiß und rosa mit blonden Haaren auf der Lippe;
-weiter wußte ich nichts von ihm.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was weißt du von mir?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast
-breite Glieder und wippst beim Gehen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ist das wahr?</p>
-
-<p class="actor"><i>Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.</i></p>
-
-<p>Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang
-sprechen. Rhythmus ist in der Bewegung.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>lacht hell</i>:</p>
-
-<p>Und wie marschiere ich?</p>
-
-<p class="actor"><i>Hebt den Rock und trippelt.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Was sonst noch? Was ich treibe?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Geschäfte.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Welcher Art?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Bank. Kommt es darauf an?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor
-unseres größten wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere
-einen fünften Teil des Nationalvermögens.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Tiens!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen
-Angelegenheiten mit dir?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>So hin.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>So hin. Darin liegt alles.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich bin müde.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>für sich</i>:</p>
-
-<p>Aufforderung zum Tanz.</p>
-
-<p class="actor"><i>Laut</i>:</p>
-
-<p>Zu früh. Bin ich dir nicht ein völlig Fremder, da dein
-Vater nicht ernsthaft über mich sprach &mdash; wirklich nie,
-denke nach! Kam er nicht eines Tages fieberhaft erregt
-nach Haus? Besinne dich!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Fieberhaft erregt sah ich ihn nie.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Also wirklich nicht!</p>
-
-<p>Kurz, es ist Verdienst, steht ein Mann so jung auf solchem
-Posten. Wie wenn einer mit sechsunddreißig Jahren
-General wäre.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Das kann höchstens ein Prinz.</p>
-
-<p class="actor"><i>Sie sitzt auf seinem Schoß.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Oder?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wer?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Denk nach.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich weiß nicht.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses
-Jahres bei einundvierzig Gesellschaften die Emission
-neuer Aktien im Gesamtbetrage von etwa dreiviertel
-Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus folgenden
-Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig
-Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache
-nicht gefundene Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen
-rund einer halben Million Menschen mehr
-geboten, die das Land ermutigt wird, hervorzubringen.
-Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht in
-Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse
-und deren Arbeitsresultat. Verstehst du?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>immer auf seinem Schoß</i>:</p>
-
-<p>Ich versuche.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den
-Zeugungsapparat. Wachsen neue Kamine hoch, öffnet
-man hastig das Ventil. So stehen wir Kapitäne, sagte
-ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen
-sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen
-Zuwachsbedürfnis nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren.
-Verstehst du?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich glaube.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos
-für bessere Qualität sorgen. Da hast
-du einen kleinen Eindruck, wie ich Nationalökonomie
-praktisch treibe.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet
-durchs Zimmer</i>:</p>
-
-<p>He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und
-schüttelt sie sanft hin und her, während er ihr starr ins
-Auge sieht</i>:</p>
-
-<p>Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid
-meinerseits in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate
-bei unseren Schiffsgesellschaften anführen.
-Die Menschen sind kurzsichtig, und in den Händen
-weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Bist du so reich?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren
-aus der Kraft meines Blutes. Du sahst nun meinen Vater
-einige Male. Persönlichkeit! Wie? Schon prägten sich
-auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der
-Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles.
-Merktest du, wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten
-zum Glase griff? Schade, daß du meinen Großvater
-nicht kanntest. Ein tolles Huhn &mdash; aber &mdash;! Das wächst
-mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in
-meiner Person den konsequentesten Ausdruck.</p>
-
-<p class="actor">DIE JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p>
-
-<p>Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung
-nehmen? Hier im Hotel &mdash; der gnädige Herr vielleicht?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.</i></p>
-
-<p class="actor">JUNGFER:</p>
-
-<p>Gute Nacht.</p>
-
-<p class="actor"><i>Exit.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Welch merkwürdige Form eigentlich.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>setzt es auf</i>:</p>
-
-<p>Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt,
-für die Frauen unseres Geschlechts am Hochzeitstage
-zu tragen, war eine Marquise d'Urfés, Großtante meiner
-Mutter.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Bon. &mdash; Was sagte ich noch? &mdash; Aber ich habe eine Überraschung
-für dich.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>klatscht in die Hände</i>:</p>
-
-<p>Zeig!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt
-und bereitgestellt.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>abgewandt</i>:</p>
-
-<p>Eins zwei drei &mdash;</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der
-Wand lehnte, freigemacht und gegen seine Beine gelehnt
-vor sich gestellt</i>:</p>
-
-<p>Jetzt sieh her.</p>
-
-<p class="actor"><i>Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch
-von Angesicht zu Angesicht sehen will. Meine Mutter,
-die ihren Jungen heiß geliebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Welch bedeutendes Antlitz!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nicht wahr. Von Renoir gemalt.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>fliegt Christian an den Hals</i>:</p>
-
-<p>Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen
-Sohn, meinen Christian.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein
-Teint!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht.
-Wikingersachen werden gefaselt. Sieh den tüchtigen
-Familienschmuck, die rote Koralle im Ohr. Einer ihrer
-Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den schwedischen
-Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert
-eine Anekdote.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Das wundervolle Haar!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah
-sie eines Tages im Bois de Boulogne. Der Entschluß,
-sie zu malen, soll augenblicklich festgestanden haben.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Das läßt sich denken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf
-mal deine Öhrchen auf, es kommt das Niedlichste von
-der Welt. Vater und Mutter also im Bois, nach einem
-solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine
-Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich &mdash; die
-Frau steht wie angewurzelt, weicht nicht von der Stelle.
-Vater, den grauen Zylinder keck auf dem Kopf &mdash; er
-hat mir die Situation oft geschildert &mdash; ruft, lockt &mdash; sie
-weicht nicht.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Was hatte sie?</p>
-
-<p class="actor"><i>Christian flüstert ihr ins Ohr.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>hell auflachend</i>:</p>
-
-<p>Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>aus vollem Halse lachend</i>:</p>
-
-<p>Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir
-das oft erzählt. Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen.
-Es soll ein Anblick für Götter gewesen sein.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage
-und mit ihm ein französischer Vicomte, der die Szene
-gleichfalls sah.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wie lange ist das her?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher
-bringt. Ich kenne sie jetzt viel besser. Für deinen Vater
-war die Lage nicht angenehm.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für
-das appetitlich Komische. Er adorierte sein junges
-Gespons und war gleichfalls ganz gefangen von dem
-Charme der Erscheinung.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Viel Geschmack im Anzug.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Darin war sie Meister.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und
-all die himmlischen Frauen, die sich so trugen, sind tot.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hängt das Bild an die Wand.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Hast du das Gut gekauft?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die
-Frau war alles in allem etwas so Überlebensgroßes, daß
-sie ein Recht auf solche Ehrung hat.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst
-habe ich den rechten Begriff von ihnen. Du hast die
-Gabe, Menschen plastisch zu machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung.
-Was aus der Menschen Mund gewöhnlich
-kommt, sind Worte, nur Worte.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich brauche Anna noch einmal.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Doch nicht wieder das Mädchen!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Gib her.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er fängt an, die Ösen zu suchen.</i></p>
-
-<p>Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche
-verstehen, durch die man sich also auch nicht von
-Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.</p>
-
-<p class="actor"><i>Marianne gähnt.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde
-der Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck
-hinein, der den Komplex in seinem Wesentlichen festlegt,
-und der <em class="gesperrt">Begriff</em> heißt.</p>
-
-<p class="actor"><i>MARIANNE gähnt</i>:</p>
-
-<p>Aha!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>knöpft</i>:</p>
-
-<p>Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen
-auch?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Bitte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle
-Tat, die Menschengeist verrichtet, will schließlich nur
-das eine: sie orientiert über das ungeheure Gebiet umgebender
-Welt, indem sie Mannigfaltigkeit überwindet.
-So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die
-eigene Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich
-Wald.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er ist mit Knöpfen fertig.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Danke.</p>
-
-<p class="actor"><i>Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht
-den Wald vor lauter Bäumen nicht.</p>
-
-<p class="actor"><i>Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht
-keinen Baum mehr vor lauter Wald.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen</i>:</p>
-
-<p>Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie
-in der Tasche.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten</i>:</p>
-
-<p>Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns
-wie das meine. He?</p>
-
-<p class="actor"><i>Reibt sich die Hände, zu sich</i>:</p>
-
-<p>ça marche ce soir.</p>
-
-<p class="actor"><i>Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen</i>:</p>
-
-<p>Meine gute Mutter!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p class="actor"><i>laut</i>:</p>
-
-<p>Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise
-in die Vereinigten Staaten und kam von dort über die
-Südseeinseln, Asien zurück. In Honolulu verliebte sich
-der König Kalakaua sterblich in sie.</p>
-
-<p class="actor"><i>Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht</i>:</p>
-
-<p>Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel
-abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.</i></p>
-
-<p><i>Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.</i></p>
-
-<p><i>Pause.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>Was wurde denn aus dem Vicomte?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Welcher Vicomte?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine
-Eltern kennen lernte.</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ach, der Vicomte! Tja &mdash; &mdash; der &mdash;</p>
-
-<p class="actor"><i>Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.</i></p>
-
-<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p>
-
-<p>Was wurde denn mit ihm?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p>
-
-<p>Donnerwetter!</p>
-
-<p class="actor"><i>Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.</i></p>
-
-<p>Hm.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ist denn da ein Geheimnis?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p>
-
-<p>Wüßte ich jetzt &mdash; aber natürlich &mdash; o großer Gott! Da
-packe ich dich, da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.</p>
-
-<p class="actor"><i>Er geht zum Vorhang und flüstert hinein</i>:</p>
-
-<p>Marianne!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>mit erregter Stimme</i>:</p>
-
-<p>Ich komme!</p>
-
-<p class="actor"><i>Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.</i></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Was sagte ich denn?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Mit dem Vicomte; was wurde?</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Ja?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Nie hätte ich die Zähne geöffnet.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Christian! Was denn?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Unmöglich! Nie!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Christian! Ich bin dein Weib &mdash; habe ein Recht ...!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Ich bin auch ein Sohn.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Du hast Pflichten vor mir.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Jener ...?</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN:</p>
-
-<p>Du bekommst kein Wort aus mir heraus.</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE:</p>
-
-<p>Der also &mdash; der Vicomte ...?!</p>
-
-<p class="actor">CHRISTIAN <i>stark</i>:</p>
-
-<p>Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals
-daran zu rühren; jemals jemanden, auch mich selbst,
-ahnen zu lassen, was du vermutest, was du meinst. Ich
-heiße Maske und basta!</p>
-
-<p class="actor">MARIANNE <i>erschüttert</i>:</p>
-
-<p>Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich
-dich aber von jetztab sehe, das ist meine Sache.</p>
-
-<p class="actor"><i>Leise</i>:</p>
-
-<p>Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen
-uns niederfällt, als ob erst jetzt ich ungehemmt in dich
-versänke.</p>
-
-<p class="actor"><i>Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild</i>:</p>
-
-<p>Süße Mutter Ehebrecherin!</p>
-
-<p class="actor"><i>An Christian niedergleitend</i>:</p>
-
-<p>Mein lieber Mann und Herr!</p>
-
-<p class="actor"><i>Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.</i></p>
-
-
-<p class="center p2">FINIS.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-
-
-
-<p class="center p6">Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.</p>
-
-<p class="center">Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak" title="Werbung">INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</h2>
-
-<p class="center"><i><big>CARL STERNHEIM:</big></i></p>
-
-
-<p><em class="gesperrt">DON JUAN.</em> Eine Tragödie. Geheftet
-M. 5.&mdash;, in Halbleder M. 8.&mdash;, in Ganzleder
-M. 15.&mdash;</p>
-
-
-<p><em class="gesperrt">ULRICH UND BRIGITTE.</em> Ein dramatisches
-Gedicht. <em class="gesperrt">Zweite Auflage.</em> Geheftet
-M. 3.&mdash;, in Leinen M. 4.&mdash;</p>
-
-<p class="center">
-<i>AUS DEM BÜRGERLICHEN<br />
-HELDENLEBEN</i>:
-</p>
-
-<p>I. <em class="gesperrt">Die Hose.</em> Lustspiel. Geheftet M. 3.&mdash;,
-in Halbpergament M. 4.&mdash;</p>
-
-<p>II. <em class="gesperrt">Die Kassette.</em> Komödie in fünf Aufzügen.
-Geh. M. 3.&mdash;, in Leinen M. 4.&mdash;</p>
-
-<p>III. <em class="gesperrt">Bürger Schippel.</em> Komödie in fünf
-Aufzügen. Geh. M. 3.&mdash;, in Leinen M. 4.&mdash;</p>
-
-<p>IV. <em class="gesperrt">Busekow.</em> Eine Novelle. (Kurt Wolff
-Verlag, Leipzig.)</p>
-
-<p>V. <em class="gesperrt">Der Snob.</em> Komödie in drei Aufzügen.
-Geheftet M. 3.&mdash;, in Leinen M. 4.&mdash;</p>
-
-<p>VI. <em class="gesperrt">Der Kandidat.</em> Politische Komödie
-in vier Aufzügen nach Flaubert. Geheftet
-M. 3.&mdash;, in Leinen M. 4.&mdash;.</p>
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2 class="pagebreak">Anmerkungen zur Transkription</h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen
-gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>deines -- deins</li>
-<li>Durchziehen -- Durchziehn</li>
-<li>Geschlechtes -- Geschlechts</li>
-<li>sehen -- sehn</li>
-<li>ungeheuere -- ungeheure</li>
-</ul>
-
-
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert.</li>
-<li>S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert.</li>
-<li>S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert.</li>
-<li>S. 13 »kanns« in »kann's« geändert.</li>
-<li>S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert.</li>
-<li>S. 17 »ists« in »ist's« geändert.</li>
-<li>S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert.</li>
-<li>S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert.</li>
-<li>S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert.</li>
-<li>S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert.</li>
-<li>S. 31 »wärs« in »wär's« geändert.</li>
-<li>S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert.</li>
-<li>S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert.</li>
-<li>S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert.</li>
-<li>S. 38 »bins« in »bin's« geändert.</li>
-<li>S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert.</li>
-<li>S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert.</li>
-<li>S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert.</li>
-<li>S. 53 »unsre« in »uns're« geändert.</li>
-<li>S. 56 »solls« in »soll's« geändert.</li>
-<li>S. 61 »obs« in »ob's« geändert.</li>
-<li>S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert.</li>
-<li>S. 65 »wars« in »war's« geändert.</li>
-<li>S. 69 »solls« in »soll's« geändert.</li>
-<li>S. 72 »übers« in »über's« geändert.</li>
-<li>S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert.</li>
-<li>S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert.</li>
-<li>S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert.</li>
-<li>S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert.</li>
-<li>S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert.</li>
-<li>S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert.</li>
-<li>S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert.</li>
-<li>S. 83 »mans« in »man's« geändert.</li>
-<li>S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert.</li>
-<li>S. 95 »mans« in »man's« geändert.</li>
-<li>S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert.</li>
-</ul>
-
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Snob, by Carl Sternheim
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
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-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
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-States.
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-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
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-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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- distribution of Project Gutenberg-tm works.
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-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
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-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
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-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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