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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 08:19:55 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Snob - -Author: Carl Sternheim - -Release Date: August 11, 2019 [EBook #60089] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription -was produced from images generously made available by -Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift | - | als ~kursiv~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - -[Illustration] - - - - - DER SNOB - - - Komödie in drei Aufzügen - - von - - Carl Sternheim - - Leipzig - im Insel-Verlag - 1914 - - - - -PERSONEN: - - THEOBALD MASKE - - LUISE MASKE, seine Frau - - CHRISTIAN MASKE, sein Sohn - - Graf ALOYSIUS PALEN - - MARIANNE PALEN, seine Tochter - - SYBIL HULL - - Eine Jungfer - - Ein Diener - - - - -DER ERSTE AUFZUG - - ~Möbliertes Zimmer Christian Maskes.~ - - -ERSTER AUFTRITT - - Christian ~erbricht einen Brief~: - -Das ist grotesk! - - ~An einer Tür~: - -Komm heraus, Sybil. - - SYBIL ~tritt auf~: - -Was gibt's Wichtiges? - - CHRISTIAN: - -Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der -Klemme verlangt er "Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken -ihm erstandenen Verpflichtungen" von mir. Was sagst du? - - SYBIL: - -Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein möchte wie jene -Frau durch deinen Erzeuger. - - CHRISTIAN: - -Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein -unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner -- ich habe auch mit dir ernst zu -reden. - - SYBIL: - -Ich muß heim. - - CHRISTIAN: - -Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du -mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen. - - SYBIL: - -Du hast wie ein Neger gearbeitet. - - CHRISTIAN: - -Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen -prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des -Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der -Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert. - - SYBIL: - -Welcher Erfolg! - - CHRISTIAN: - -Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie -niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des -Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend. - - SYBIL: - -Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und machte dem -traurigen Studium der Philologie ein Ende? - - CHRISTIAN: - -Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich Kleider anständig -tragen, gabst mir, soweit es in deiner Macht stand, Umgangsformen. - - SYBIL: - -Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten -Ärmeln! - - CHRISTIAN: - -Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen. - - SYBIL: - -Das Entscheidende zuletzt -- mich selbst. Lebenssache. - - CHRISTIAN: - -Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir -verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken ... - - SYBIL: - -Laß das. - - CHRISTIAN: - -Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu -vergessen. - - SYBIL: - -Das wäre bequem. - - CHRISTIAN: - -Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem -vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem -Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich -geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst. - - SYBIL: - -Christian! - - CHRISTIAN: - -Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins -Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark, -die ich dir schulde, und die du heute überwiesen erhältst. - - SYBIL ~nach einer Pause~: - -Mit Empfindlichkeiten zu kommen ... - - CHRISTIAN: - -Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem -Besen aus mir herausgekehrt hast. Heute ist Abrechnung. Kein Fehler -in der Addition und im Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind -durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen Charakter -erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst -nicht mehr. Um den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen -Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern. -Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ... - - SYBIL: - -Er heißt? - - CHRISTIAN: - -Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe -und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür. - - SYBIL: - -Ich bin in Empfindungen zerrissen. - - CHRISTIAN: - -Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie -auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in das öffentliche Leben. -Nirgends ein Fehler im Kalkul. - - SYBIL: - -Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ... - - CHRISTIAN ~hält ihr den Mund zu~: - -Und so weiter. - - SYBIL: - -Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft -bedenklich war? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem -Trieb, bürgerliches Ansehen zu gewinnen, stören könnte als ich in -meiner bisherigen Stellung zu dir? - - CHRISTIAN: - -Du weißt es. - - SYBIL: - -Willst du folgerichtig handeln ... - - CHRISTIAN: - -Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und -Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es -bekannt, sind Leute aus dem Volk. - - SYBIL: - -Tauchst du also jetzt in die Welt auf ... - - CHRISTIAN: - -Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's. Leute -aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders. - - SYBIL: - -Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht beibringen. - - CHRISTIAN: - -Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders -ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger -den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu -erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos. - - SYBIL: - -Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ... - - CHRISTIAN: - -Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken -nicht. Was weiß irgend jemand von _deinen_ Eltern? Du hast sie einfach -unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus? -Hieß er wirklich Hull? - - ~Er lacht~: - -Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Falle -Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging. - -Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die Differenz zwischen -Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt noch hinzu: das -Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner -Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand, -wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei -sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich -Vater und Mutter. - - SYBIL: - -Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben? - - CHRISTIAN: - -Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst. - - SYBIL: - -Du hast gelernt mit Geld umgehen. - - CHRISTIAN: - -Ich habe allerhand gelernt. - - SYBIL: - -Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens -zustimmen. - - CHRISTIAN: - -Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig? - - SYBIL: - -Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen Entfernung mit -einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen. - - CHRISTIAN: - -Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht; wenn man sie -tut. - - SYBIL: - -Doch an Klarheit. - - CHRISTIAN: - -Kluger Kopf. - - SYBIL: - -Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines -Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt. - - CHRISTIAN: - -So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm einen Kuß umsonst. --- Du hast mir die Krawatte verschoben. - - SYBIL: - -Sie saß schon vorher infam. - - CHRISTIAN: - -So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen -Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Male. - - SYBIL ~bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase~: - -Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen -Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens. - - CHRISTIAN: - -Steht rechts ein Stück vor. - - SYBIL: - -Man schneidet's mit der Schere fort. - - CHRISTIAN: - -Kostet jedes Binden eine Krawatte. - - SYBIL: - -Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden. - - CHRISTIAN: - -Worauf es bei allen Dingen ankommt. - - SYBIL, ~tiefer Knicks~: - -Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor. - - CHRISTIAN: - -Keinen Scherz. - - SYBIL: - -Ich habe vollkommen begriffen. - - ~Sybil exit.~ - - -ZWEITER AUFTRITT - - CHRISTIAN: - -Angenehme Person alles in allem. - - ~Am Schreibtisch~: - -Aber nun den Verstand zusammengenommen. - - ~Er schreibt~: - -»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats nehme ich mit -ergebenem Danke an.« Ergebener Dank? Wollen sehen. »Empfehlungen an die -Komtesse.« Zu familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem -darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier ist falsch. Besser -Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat der Monambominen. »Sehr verehrter -Graf von Palen«. Wie das eingeschobene »_von_« distanziert! Die Sache -muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen Kreis hinein -tadellos korrekt und doch irgendwie bedeutend sein. Wie schreibt er -selbst? - -»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu Abend essen, tout en -petit comité? Der Ihre.« Auf schlichtem billigen Papier. Das hat den -Ton freundschaftlich oberflächlicher Vertrautheit. »_Abendessen_« ist -himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, aber so, daß immerhin --- ich möchte eine lateinische Vokabel einstreuen, die den Tenor -männlich macht. - -Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen einen Augenblick -wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber sie muß gelöst werden. Einen -Fünfsilber mit viel Vokalen und rollendem Takt für den Anfang. - - ~Er geht durch das Zimmer~: - -Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist für mein Ohr -länger als die erste. Falscher Takt. -- Pränumerándo -- das ist's im -Ton, gibt aber natürlich keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es -finden. - - -DRITTER AUFTRITT - - THEOBALD MASKE ~tritt auf~: - -Da bin ich selbst. Mutter wartet unten. - - CHRISTIAN: - -Vater! - - THEOBALD: - -Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind Knalleffekte zuwider. -Aber bei Frauenzimmern stets das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der -Sache ins Auge sehen. - - CHRISTIAN: - -Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung. - - THEOBALD: - -Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du hast mich zu früh -zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte sind nicht lahm und gehen nach allen -Seiten in die Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen -Modus finden. - - CHRISTIAN: - -Ich rufe vor allem Mutter herauf. - - THEOBALD: - -Wir haben erst unsere Angelegenheit. - - CHRISTIAN: - -Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand versteht. - - THEOBALD: - -Wie? - - CHRISTIAN: - -In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden. - - THEOBALD: - -Inwiefern? Was gibt's? - - CHRISTIAN: - -Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du darfst, werden wir -beide während der Auseinandersetzung sonst einig, stillschweigend -tausend Mark für deine Verlegenheit hinzurechnen. - - THEOBALD: - -Du hast Bedingungen? - - CHRISTIAN: - -Ich stelle Bedingungen. - - THEOBALD: - -Da bin ich neugierig. - - CHRISTIAN ~am Fenster~: - -Dort steht sie. - - ~Er winkt~: - -Sie hat gesehen, kommt. -- Aber das unmögliche Kostüm! Du sagtest -vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel. - - THEOBALD: - -In welchem Zusammenhang? - - CHRISTIAN: - -Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch. Erinnere mich -später, gleich ... - - THEOBALD: - -Tausend Mark? - - CHRISTIAN: - -Wenn wir sonst ins reine kommen. - - ~Exit.~ - - THEOBALD: - -Da bleibe ich gespannt. - - -VIERTER AUFTRITT - - ~Christian und Luise Maske treten auf.~ - - THEOBALD: - -Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn wie ein -Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde -mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig -lebendig erhalten. - - LUISE: - -Es ist so eine Idee von Vater. - - CHRISTIAN: - -Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das -ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen. - - LUISE: - -Dann freilich -- ich dachte es schon. - - THEOBALD: - -Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das -für ein Ziel? - - CHRISTIAN: - -Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die -ich arbeite. - - LUISE: - -General! - - THEOBALD ~herrscht sie an~: - -Direktor! - - CHRISTIAN: - -Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen, -und diese Rücksicht fordert vor allem ... - - THEOBALD: - -Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben -dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein -Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig. - - LUISE ~leise zu sich~: - -Generaldirektor. - - CHRISTIAN: - -Dúm da da ... - - THEOBALD: - -Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind -wir zu Jahren gekommen, und heute steht es so: wollen wir noch etwas -von dir haben, müssen wir uns beeilen. - - CHRISTIAN: - -Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten -Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt. - - THEOBALD: - -Das ist stark! - - LUISE: - -Vater! - - CHRISTIAN: - -Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im Haus vierfünftel -des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem -Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und -ferneres Leben bezahlte ich selbst. - -Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des -Vaters stehend einzunehmen ... - - THEOBALD: - -Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner Kerl. Ist's -wahr, Mutter? - - LUISE ~zeigt~: - -So klein. - - CHRISTIAN: - -Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen -Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine sehr deutlich ins -Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen -sein. - - THEOBALD: - -Das ist langweilig. Kurz -- was soll sein? - - CHRISTIAN: - -Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere. -Da nehme ich keinen falschen Posten auf. - - LUISE: - -Was meint er? - - THEOBALD: - -Wirst du schon hören. - - CHRISTIAN: - -Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach -bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit -fünf vom Hundert verzinst. - - THEOBALD: - -Du willst eine Abrechnung? - - CHRISTIAN: - -Ja. - - THEOBALD ~setzt sich~: - -Laß sehen. - - ~Er setzt eine Brille auf.~ - - LUISE: - -Was meinst du? - - CHRISTIAN: - -Es kommt schon, Mutter. - - THEOBALD ~liest~: - -Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr -- pro Anno sechshundert -Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist etwas -mager. - - CHRISTIAN: - -Ich war nicht krank. - - THEOBALD: - -Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine -ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an. - - LUISE: - -Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz -nicht mehr. - - CHRISTIAN: - -Die eingesetzte Summe reicht aus. - - LUISE: - -Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen. - - THEOBALD: - -Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an. -»An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen -durch sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von -vornherein dubios. - - CHRISTIAN: - -Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten Zeit -Gegebenes nicht gegenvermerkt. - - THEOBALD: - -Das wäre noch schöner. - - CHRISTIAN ~zu sich~: - -Ich gäbe etwas für das Wort. - - ~Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.~ - - LUISE ~schüchtern zu ihm~: - -Und einmal das Geschwür am Hals. - - CHRISTIAN: - -Richtig, Mütterchen. - - THEOBALD: - -Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar -Stiefel, als ich zur Universität ging -- fünfzig Mark. Ein goldener -Ring -- da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den -Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, ihn -wiederzufinden. - - CHRISTIAN: - -Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben. - - THEOBALD: - -Mit hundert Mark ist er bezahlt. - - LUISE: - -Trägst du ihn noch? - - CHRISTIAN ~zeigt ihn am Finger~: - -Obwohl er mir täglich enger wird. - - THEOBALD: - -Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund -elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark. - - CHRISTIAN ~mit Betonung~: - -Elftausendachthundert. - - ~Räuspert sich.~ - - THEOBALD: - -Verstehe; die du mir zahlen willst? - - CHRISTIAN: - -Die ich dir schulde. - - THEOBALD: - -Du willst dich dieser Schuld entledigen? - - CHRISTIAN: - -Ich werde bezahlen. - - LUISE ~seine Hand in Händen~: - -Man kann ihn weiter machen. - - THEOBALD: - -Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter Junge. Apart, -wie du die Geschichte behandelst. - - ~Er umarmt ihn~: - -Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen. -Man wäre also auf die vollkommenste Weise einig. - - CHRISTIAN: - -Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das -will ich nicht. - - THEOBALD: - -Machst du mir Vorschriften? - - CHRISTIAN: - -Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine Gefälligkeit und -erwarte eine andere von dir. - - THEOBALD: - -Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt. - - LUISE: - -Der Junge muß doch Gründe haben. - - THEOBALD: - -Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein -vernünftiges Wort möglich. - - CHRISTIAN ~geleitet Luise zur Tür~: - -Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter? - - LUISE ~leise~: - -Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst. - - ~Exit.~ - - CHRISTIAN: - -Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt -brauche. - - THEOBALD: - -Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter? - - CHRISTIAN: - -Voraussetzung. - - THEOBALD: - -Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn -Affenliebe einmal beiseite, man muß in gesicherten Bezirken leben. Was -wirft die Summe für eine Rente? - - CHRISTIAN: - -Sechshundert Mark in Industriepapieren. - - THEOBALD: - -Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse. - - CHRISTIAN: - -Rund fünfhundert. - - THEOBALD: - -Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die -Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige -Gut des bescheidenen Mannes? Darüber mußt du mal ruhig nachdenken, -Gründe und Gegengründe erwägen. Nein -- verspräche ich dir wirklich auf -Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ... - - CHRISTIAN: - -Das will ich nicht. - - THEOBALD: - -Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt, -was soll denn hier vor sich gehen? - - CHRISTIAN: - -Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren -Besuchen nicht sicher. - - THEOBALD: - -Überfall -- das ist ja! - - CHRISTIAN: - -In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor einer -vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste Zeit vor allem, von -verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein. - - THEOBALD: - -Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich -deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz -deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht -jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses -der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder -Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und -Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu -eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert. - - ~Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut~: - -Schöne Kindesliebe das! - - ~Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch~: - -Schöne Kindesliebe! - - LUISE ~steckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald - ungesehen, Christian beruhigende Zeichen~: - -Ich sorge schon. - - THEOBALD: - -Wie? - - ~Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen - Stuhl und sagt ruhig~: - -Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft. - - ~Pause.~ - - THEOBALD: - -Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die -vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja. - - ~Er lacht auf~: - -Ha! - -Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die Angelegenheit? -Kommen wir auch in den gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension -und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, -die Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer -Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns zu nehmen. - - CHRISTIAN: - -Das wird kein Mensch euch zumuten. - - THEOBALD: - -Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten? - - CHRISTIAN: - -Unter Umständen ich. - - THEOBALD: - -Sieh mal an. - - CHRISTIAN: - -Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische -Vorteile ausgezeichneter Städte auch in Europa, ziehst du nicht von -vornherein Amerika vor. - - THEOBALD: - -Was?! - - CHRISTIAN: - -Gut, gut. - - ~Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen~: - -Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage. - - ~Liest aus dem Buche~: - -Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend -Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern -der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit den -Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft. - - THEOBALD, ~der bequem sitzt und andächtig zuhört~: - -Nicht übel, zeig das Buch. - - ~Er liest vor~: - -»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und -du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei, -welsche Sitten anzunehmen? Basta! - - CHRISTIAN: - -Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer -Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist -Deutsch. - - THEOBALD: - -Laß etwas davon hören. - - CHRISTIAN ~liest aus einem anderen Bande vor~: - -Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste -Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat. - - THEOBALD: - -Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum. - - CHRISTIAN: - -An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl. - - THEOBALD: - -Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich -nicht schwimmen kann. - - Christian ~liest~: - -Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren See, dessen sanft -ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind. - - THEOBALD: - -Niedlich. - - CHRISTIAN ~liest~: - -Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der -gewaltige Rücken des Glärnisch. - - ~Er zeigt im Atlas~: - -Hier das Weiße! - - THEOBALD: - -Teufel! - - CHRISTIAN ~liest~: - -Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder. - - THEOBALD: - -Sozusagen. - - CHRISTIAN: - -Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung. - - THEOBALD: - -Das reine Kanaan. - - CHRISTIAN: - -Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar -erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen -bedeutet? - - THEOBALD: - -Was denn weiter? - - CHRISTIAN: - -Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In -Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten -Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente -aufrunden. - - THEOBALD ~nach einer Pause~: - -Ich habe rein menschliche Bedenken. - - CHRISTIAN: - -Unterlaß alle Anmerkungen. - - THEOBALD: - -Man soll sich aussprechen. - - CHRISTIAN: - -Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen. -Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes -Wichtiges. - - THEOBALD: - -Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im -Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser -Welt mit dir beisammen. - - CHRISTIAN: - -Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber -eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd, -bequem davon reden können. Jetzt gehts Schlag um Schlag. -Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen -Einkünften. In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig, Vater, mir -brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben -ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse, -drängt eine Legion den Schritt ein. - - THEOBALD: - -Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über -all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der -höhere Sinn darin sich zeigt? - - CHRISTIAN: - -Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir. - - THEOBALD: - -So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und -Halbertrunkener sein. - - CHRISTIAN: - -Vertraue! - - THEOBALD: - -Wo soll für mich der höhere Sinn stecken? - - CHRISTIAN: - -Später. Abgemacht, Vater? - - THEOBALD: - -Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander. - - CHRISTIAN: - -Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark. - - THEOBALD: - -Und fünfhundert -- macht mit dem Meinen annähernd -fünftausendsechshundert. - - CHRISTIAN: - -Siebentausend Franken. - - ~An der Tür~: Mutter! - - THEOBALD: - -An der Limmat? Ich bin starr. - - CHRISTIAN ~reicht ihm Atlas und Reisebücher~: - -Informiere dich. - - LUISE ~tritt auf, leise zu Christian~: - -Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch, -solche Wäsche, Spitze und Batist -- ach Christel, sei vorsichtig mit -den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber -hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott -sagen: meine Mutter war makellos! - - THEOBALD ~fassungslos~: - -Unter Tirolern! - - LUISE: - -Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn. - - CHRISTIAN: - -Gewiß, Mutter. - - ~Umarmt sie.~ - - LUISE ~im Hinausgehen~: - -Mein Christel. - - ~Luise, Theobald, Christian exeunt.~ - - -FÜNFTER AUFTRITT - - CHRISTIAN ~kommt schnell zurück~: - -Einmal hatte ich das Wort beinahe. - - ~Er sieht in den Brief~: - -Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung, -und daß jetzt seine Kräfte schweiften -- wohin -- wohin? In -- -Mannigfaltigkeit! Das ist es! - - ~Er schreibt~: - -»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich -leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine -Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist. - - ~Es hat geläutet. Exit.~ - - -SECHSTER AUFTRITT - - ~Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.~ - - GRAF: - -Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch -einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie -den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich -die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher -Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu -übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da -meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind. - - CHRISTIAN: - -Danke, Graf. - - GRAF: - -Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von -Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte -und gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen -Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze -seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört. - - ~Christian verbeugt sich.~ - - GRAF: - -Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit -die noch seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult -errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere -da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes -Gegengewicht fordert. - - ~Christian verbeugt sich.~ - - GRAF: - -Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in -einem Sinne geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise -übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem -Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär -bezeichnen, - - ~er lacht.~ - -und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres -Vortrages schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte? - - CHRISTIAN: - -Es ist so. - - GRAF: - -Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie -stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet -sogar in dem Sinne, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser -selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das -unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber -auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist -irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen -verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis -vorstellen können. - - CHRISTIAN: - -Ich verstehe. - - GRAF: - -Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes -als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter. -Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können -markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten. - - CHRISTIAN: - -Wovon in meinem Fall keine Rede ist. - - GRAF: - -Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem -bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem -alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus -der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen -Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren -Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ... - - CHRISTIAN: - -Tot. Alles tot. - - GRAF: - -Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als Repräsentant. -Ich sehe Sie ergriffen? - - CHRISTIAN: - -Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein -Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich eine -andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich -sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen, -an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur -Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es -steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziele schon -gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein -irdisches Leben ist ihm einzig geweiht. - - GRAF: - -Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick -haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen -zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie -folgen? - - CHRISTIAN: - -Das heißt ... - - GRAF: - -Wie denn? - - CHRISTIAN: - -Also dann -- trotz der _Mannigfaltigkeit_ meiner Geschäfte. - - GRAF: - -Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen -Menschen, der an einem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat. - - CHRISTIAN: - -Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen. - - GRAF: - -Enchanté, lieber Maske. - - CHRISTIAN: - -Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf. - - GRAF: - -Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance. - - CHRISTIAN: - -Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität. - - GRAF: - -Geistreich und sehr charmant, lieber Freund. - - ~Exit.~ - - CHRISTIAN, ~der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht - flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte - zu binden~: - -Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche. -Durchziehn des anderen. Und nun die Schere. - - ~Er schneidet~: - -Was dich ärgert -- dein linkes Auge, wirf es von dir. Diese Krawatte -sitzt tadellos. Das ist erreicht! - - - - -DER ZWEITE AUFZUG - - ~Salon bei Christian Maske.~ - - -ERSTER AUFTRITT - - GRAF: - -Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein. - - MARIANNE: - -Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. -- Da ist der Corot. - - GRAF: - -Der den Vorwand für unseren Besuch gibt. - - MARIANNE: - -Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen. - - GRAF: - -Es kann dir werden. - - MARIANNE: - -Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater? - - GRAF: - -Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke, -ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so -dringend ... - - MARIANNE: - -Liebt er mich? - - GRAF: - -Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine -Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten? - - MARIANNE: - -Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male -brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation. -Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er -seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer -Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß. - - GRAF: - -Tiens! - - MARIANNE: - -Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne. - - GRAF: - -Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen -haben. - - MARIANNE: - -Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser -Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu -mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, -mich völlig niederwerfen konnte. - - GRAF: - -Mich juckt's mit ihm. - - MARIANNE: - -Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war? - - GRAF: - -Nein. - - MARIANNE: - -Lebt er nach unseren Gesetzen? - - GRAF: - -Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich -beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt -mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, -lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt, -ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die -ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen -sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die -Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege -um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, -nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang -tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande -zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein -angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner -Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner -Bedeutung vor mir selbst geleugnet. - - MARIANNE: - -Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns -Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich -selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden? - - GRAF: - -Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses -Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige -Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den -Moment erwarte ich bei diesem Manne. - - MARIANNE: - -Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt. - - GRAF: - -Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die -klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm -bei Gelegenheit beizubringen. - - MARIANNE: - -So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich. - - GRAF: - -Das verhüte Gott! - - MARIANNE: - -Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung -meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr -gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch -nicht führen lassen will. - - GRAF: - -Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst? - - MARIANNE: - -Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender -kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir -Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht. - - GRAF: - -Marianne! - - MARIANNE: - -So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich -eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre -habe ich durch deine Güte gehabt. - - GRAF: - -Ich war zu nachgiebig. - - MARIANNE: - -Und wirst es ferner sein. - - GRAF: - -Nur bis an die Grenze des Möglichen. - - MARIANNE ~eindringlich~: - -Liebe steckt die Grenzen weit. - - -ZWEITER AUFTRITT - - CHRISTIAN ~im Reitanzug tritt schnell auf~: - -Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung -sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat. - - GRAF: - -Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer -allergnädigsten Majestät präsentieren. - - CHRISTIAN: - -Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht -besitze. Die ungeheuere Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl -des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht -in Gott hat. - - GRAF: - -Magnifique! Was ritten Sie heute? - - CHRISTIAN: - -Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. -- Gefällt Ihnen das Bild, -Komtesse? - - MARIANNE: - -Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich. - - CHRISTIAN: - -Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig. - - GRAF: - -Können Sie so etwas bestimmen? - - CHRISTIAN: - -In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers. - - GRAF: - -Wo nehmen Sie die Zeit her? - - CHRISTIAN: - -Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten -Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und ich war für den Rest lebendig. - - ~Zu Marianne~: - -So geht es mit allen Dingen. - - GRAF: - -Wir müssen fort. - - ~Zu Marianne~: - -Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt. - - CHRISTIAN ~zum Grafen~: - -Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten? - - GRAF ~zu Marianne~: - -Brauchst du mich? - - MARIANNE: - -Bleib. - - CHRISTIAN ~zu Marianne~: - -Ich bringe Sie zum Wagen. - - ~Marianne und Christian exeunt.~ - - -DRITTER AUFTRITT - - ~Graf nimmt von einem Tisch ein Buch~: - -Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat sich unterrichtet. - - ~Er blättert und liest~: - -Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen 1220 urkundlich -zuerst erscheint. Augustus Aloysius mit Elisabeth Gräfin von -Fürstenbusch, gestorben auf Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute -Lisbeth. Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter Sproß, -und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske heiratet. - - -VIERTER AUFTRITT - - CHRISTIAN ~tritt auf~: - -Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr hier abholen zu -können. - -Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter -Marianne. - - GRAF: - -Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung -hin reiflich erwogen. - - CHRISTIAN: - -So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort. - - GRAF: - -Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt. - - CHRISTIAN: - -Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung. - - GRAF: - -Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört -und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung -gerechnet? - - CHRISTIAN: - -Ich fühlte Ihre starken Widerstände. - - GRAF: - -Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen -distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre, -einigermaßen von Ihnen emballiert. - - CHRISTIAN: - -Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen? - - GRAF: - -Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden -Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer großen -Zukunft bin ich felsenfest überzeugt. - - CHRISTIAN: - -Gab mein Charakter Grund zu Bedenken? - - GRAF: - -Er gab keine Angriffsfläche. - - CHRISTIAN: - -Darf ich fragen? - - GRAF: - -Ganz offen: Standesvorurteile. - - CHRISTIAN: - -Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine -Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person -gerichtet, hätte es mich stärker berührt. - - GRAF: - -Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer -desselben sein. - - CHRISTIAN: - -Ich liebe Ihre Tochter. - - GRAF: - -Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen? - - CHRISTIAN: - -Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar. - - GRAF: - -Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an. - - CHRISTIAN ~macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine - Erschütterung verrät~. - - GRAF: - -Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit -auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie -noch blieben. - - CHRISTIAN: - -Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über -den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache. - - GRAF: - -Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen -Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen -Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, -handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht -auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein -Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen. - - CHRISTIAN: - -Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat, -die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, der Eintritt in die -Gemeinschaft frei sein. - - GRAF: - -Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern. - - CHRISTIAN: - -Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen. - - GRAF: - -Ihre Eltern, Voreltern? - - CHRISTIAN: - -Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine -Beamte nur -- mein Vater ... - - GRAF: - -Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so -bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder -belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie -Sie stammt, ist der einleuchtendste. - - CHRISTIAN ~laut lachend~: - -Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar -allenthalben aufzukommen. - - GRAF: - -In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die Entscheidung hängt von -uns nicht ab -- warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter -bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf -Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu -gewähren, den das Regiment verlangt. - - CHRISTIAN ~verneigt sich~: - -Darüber ist kein Wort zu verlieren. - - DER DIENER ~tritt auf~: - -Der Wagen der Komtesse. - - GRAF ~exit~: - -Ich übermittele Ihnen die Entscheidung. - - -FÜNFTER AUFTRITT - - CHRISTIAN: - -Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. Vorbereitet und -durch das Geständnis seiner Mittellosigkeit in Verlegenheit, hätte er -es geschluckt, und sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die -neue Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in meiner -Gewalt. - -Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! Und ist der Augenblick -gekommen -- persönlich sie vorstellen. Mediam in figuram jedermann. -Wollen doch sehen! - -Wie die Alten sich freuen werden! - - ~Er schreibt und liest~: - -Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier freudigste Überraschung. - - ~Er läutet~: - -Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, bis zum eigenen Bad an -ihren Zimmern muß ihnen alles ein großes Staunen sein. - - DIENER ~tritt auf~. - - CHRISTIAN: - -Das Telegramm sofort abtragen. - - DIENER ~exit~. - - CHRISTIAN: - -Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. Wenn sie vorm -Einschlafen überdenkt, was sie und ich von meiner Zukunft geträumt, -und wie es noch viel besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben -spüren. Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten Unarten sind -bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin tun das letzte. - - -SECHSTER AUFTRITT - - ~Sybil tritt auf.~ - - CHRISTIAN: - -Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt? - - SYBIL: - -Die Eltern. - - CHRISTIAN: - -Wer sagt dir das? - - SYBIL: - -Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst du an dem -Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest. -Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte. -Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die -beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr -vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen. - - CHRISTIAN: - -Ich entbehrte sie schwer. - - SYBIL: - -Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht. - - CHRISTIAN: - -Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer -mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft -bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen -und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu. - - SYBIL: - -Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden? - - CHRISTIAN: - -Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets -durch mich glücklich. - - SYBIL: - -Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich -betragen. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu -können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die -er brauchte. - - CHRISTIAN: - -Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender. - - SYBIL: - -Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre -anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er die Wirklichkeit, -gütlich tun. - - CHRISTIAN: - -Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an -diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die -Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit -einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre -darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen, -mit ihm durch feinste Adern noch verbunden, ist unser Wohl von seiner -Gesundheit abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem -Ast trifft. - - SYBIL: - -Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus. - - CHRISTIAN: - -Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen -der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie -berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die -Ohren vollbläst. - - SYBIL: - -Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den, -der den Weg zum Brot sperrt, müssen. - - CHRISTIAN: - -Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders -als Myriaden den Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog -ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst -das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen mir vom Leibe riß -und das flatternde Band am Halse zu einer festen Krawatte knüpfte. -Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben -bedarf. - - SYBIL: - -Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht -der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich. - - CHRISTIAN: - -Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis -dir die Wahrheit schwant. - - SYBIL: - -Und dabei war ich es, die ihn lehrte ... - - CHRISTIAN: - -Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen -stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen. -Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren -Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert? - - SYBIL: - -Das war nicht mein Ziel. - - CHRISTIAN: - -Ressentiment. - - SYBIL: - -Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern -zurückzuholen ... - - CHRISTIAN: - -Die ich liebe. - - SYBIL: - -Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt. - - CHRISTIAN: - -Vergöttere! - - SYBIL ~lacht~: - -Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ... - - CHRISTIAN: - -Kein Wort mehr! - - SYBIL: - -Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter, -an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die -sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste -Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt. - - CHRISTIAN: - -Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten. -Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der -erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie. - - SYBIL: - -Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie -wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der -Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt. -Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern -kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und -geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt -nicht auch noch Eltern haben. - - CHRISTIAN: - -Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen -Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu -verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir -jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir -war. - - SYBIL: - -Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen. - - CHRISTIAN: - -Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh! - - SYBIL: - -Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von -mir nahm? - - CHRISTIAN: - -Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem -Augenblick ablohnt. Spare alle Worte. - - SYBIL: - -Ein einziges -- mein Leben dafür --, das dich kennzeichnete und -ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde. - - CHRISTIAN: - -Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben -geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen -Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, -drohen dir unnachsichtlich die Gerichte. - - ~Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.~ - - -SIEBENTER AUFTRITT - - CHRISTIAN: - -Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man nicht mehr sah. -Versuche eines Embryos des Menschtums, dich mit Redensarten deiner -Natur und notwendigen Schlüssen abspenstig zu machen. - - ~Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen~: - -Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau bekannt sind, werde -nicht blaß vor dir selbst, mach ein Bild, eine saftige Figur aus dir -und denk nicht an die Unterschrift, die die Zuschauer geben. - - ~Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen~: - -Wer ist das? - - ~Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei~: - -Mutter! - - -ACHTER AUFTRITT - - ~Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.~ - - THEOBALD ~nach einer Pause, während der Christian, gegen die Tür - gelehnt, schluchzend steht~: - -Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der Sache ins Auge -sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, hätte ich dich vorbereitet. -Aber sie war immer für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode -so gehalten. - - CHRISTIAN: - -Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem Pomp ... - - THEOBALD: - -Auch das ist seit gestern vorbei. - - CHRISTIAN: - -Nicht einmal dazu riefest du mich! - - THEOBALD: - -Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch dazu wußte ich nicht, -ob's dir hier in den Kram paßte. Beerdigung ist immerhin eine -offizielle Angelegenheit. Die Sekunde, in der ihr während der ganzen -windschnellen Katastrophe schwante, um was es sich für sie handele, -hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts davon erfährt. Also ganz in -ihrem Sinn. Friert dich? - - ~Christian exit.~ - - THEOBALD: - -Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh mal an. - - CHRISTIAN ~kommt zurück, einen schwarzen Anzug über dem Arm. - Er kleidet sich während des folgenden, teilweise hinter einem - Wandschirm, um~: - -Du darfst jetzt ruhig berichten. - - THEOBALD: - -Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank Kaffee, wie sie das -so machte, immer das Stück Zucker auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt -sie, und sank hin. - - CHRISTIAN ~schluchzt beherrscht~: - -Keine Krankheit vorher, kein Leid? - - THEOBALD: - -Nichts. - - CHRISTIAN: - -Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh? - - THEOBALD: - -Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben Luise. - - CHRISTIAN: - -Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur? - - THEOBALD: - -Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit und -Regelmäßigkeit geführt, verborgen. - - CHRISTIAN: - -Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen? - - THEOBALD: - -Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser auf die lange -Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, ganz unwichtig und lief ins -Gleichmaß der Dinge. Durch mich hatte deine Mutter letzthin angenehme -ruhige Tage. - - CHRISTIAN: - -Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen des würdigen -Grabmals gleich mich ins Vernehmen setzen. Niemandem kann ich -anvertrauen, wie ich an ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler -den Ausdruck dafür. - - THEOBALD: - -Vielleicht. - - ~Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes gibt und - sein Trauerkleid vollendet.~ - - CHRISTIAN: - -Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest du bei dir zu -Haus das Telegramm gefunden, das euch zu den glücklichsten Eröffnungen -herrief. - - THEOBALD: - -Du hast uns telegraphiert? - - CHRISTIAN: - -Ich erwartete euch mit Ungeduld. - - THEOBALD: - -Was ist hier Wichtiges vorgefallen? - - CHRISTIAN: - -Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn verlobt gefunden. - - THEOBALD: - -Schau! Ist das Mädchen hübsch? - - CHRISTIAN: - -Es ist -- Gräfin. - - THEOBALD: - -Christian! Wo hast du den Mut her? - - CHRISTIAN: - -Gehört Mut dazu? - - THEOBALD: - -Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein wenig in meiner --- da hast du ja einen tollen Satz gemacht. - - CHRISTIAN: - -Über uns fort, Vater. - - THEOBALD: - -Es ist unheimlich. Und jene? - - CHRISTIAN: - -Das ist alles, was du mir dazu sagst? - - THEOBALD: - -Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt! - - CHRISTIAN: - -In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische Folge. - - THEOBALD: - -Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter -- es -hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und der Vater Graf, die ganze -Verwandtschaft -- Junge, du bist verrückt! - - CHRISTIAN: - -Was heißt der Unsinn? - - THEOBALD: - -Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da machst du einen ja -lächerlich. Kennst du denn gar keine Rücksichten mehr? Einen Grafen -habe ich überhaupt noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht zu -dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst kehrst? Ich sage doch! -Ein Subalterner in Pension. - - CHRISTIAN: - -Das ist Larifari. - - THEOBALD: - -Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das anzutun? Mit -Fingern müssen die Leute auf mich zeigen. - - CHRISTIAN ~betreten~: - -Aber ... - - THEOBALD: - -Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte Person. Ich -werde närrisch. Habe ich mich doch nicht so, als du damals die -Sperenzien mit uns machtest, über den Tod meiner Frau habe ich mich -nicht so aufgeregt. - - CHRISTIAN: - -Aber Vater ... - - THEOBALD ~immer erregter~: - -Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke machen, -ins Anomalische steigst du ja! Deine Mutter stirbt mir mit sechzig -Jahren, ich bin sie gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich -flüchtet man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser gewisse, -allenthalben genau bekannte Theobald und eine ganze Grafenfamilie! Es -ist um den Verstand zu verlieren. - - ~Christian hat in Resignation das Florett genommen.~ - - THEOBALD ~ganz außer sich~: - -Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler Beamter hier auf -dem Platz, als daß ich der allgemeinen Belustigung zum Opfer falle. -Hast du denn aus der Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen -und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben schlurften, und du -an unserer Seite den Herrn Kanzleirat ehrfürchtig grüßen mußtest? Was -aber kann ein Kanzleirat gegen einen Grafen. - - CHRISTIAN ~ängstlich~: - -Hör mir doch zu ... - - THEOBALD: - -Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich nicht närrisch -werde! - - CHRISTIAN: - -Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich. - - THEOBALD: - -Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen Folgen -nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? Als du uns beide alte Leute -in die Fremde schicktest, schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich -mit Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den höheren Sinn -des Handels für dich, wenn auch nicht für mich. Und da du es sonst an -nichts fehlen, den anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe. - - ~Er springt auf~: - -Und jetzt wagst du solchen ... - - CHRISTIAN: - -Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu denken war, -überwältigte mich ein Begehren, das vom Augenblick unserer Trennung -an in mir immer stärker geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, -da es anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich zu -leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz überhaupt hierher zu -verlegen. - - THEOBALD ~fällt in einen Stuhl~: - -Das ist klassisch! - - CHRISTIAN: - -Du ... - - THEOBALD: - -Nicht dein Ernst? - - CHRISTIAN: - -Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits nicht -voraussehen. - - THEOBALD: - -Dein Ernst?! - - CHRISTIAN: - -Ich begreife nicht. - - THEOBALD ~auf ihn zu~: - -Wie? - - CHRISTIAN ~weicht unwillkürlich zurück~: - -Begreife nicht ... - - THEOBALD: - -Immer noch nicht? - - CHRISTIAN: - -Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber dein Bedenken für -übertrieben ... teilweise. - - THEOBALD: - -Übertrieben? - - CHRISTIAN: - -Andererseits ... - - THEOBALD: - -Übertrieben?! - - CHRISTIAN ~eingeschüchtert~: - -Natürlich andererseits -- wenn wirklich -- natürlich. Mein Gott, müßte -man eben auf seinen Lieblingswunsch verzichten -- schweren Herzens. -Auf deiner Teilnahme an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen -Umständen. - - THEOBALD: - -Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen Vorschlag unbefangen -nur so hin, dann bemerke ich: deinen Vater als Clown bei diesem Witz -mitwirken sehn zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm -in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu laufen, später als -Mann aus dem Volk lächerlich bei Tisch zu sitzen ... - - CHRISTIAN: - -Vater! - - THEOBALD: - -Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür nehmen, daß ich dich -in deiner Jugend meine väterliche Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt -vor aller Welt mein Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese -Einladung gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, um -Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher getan, und ich bin -zufrieden, und willst du mehr, so überlege noch einmal gründlich, was -du vorhast. In jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe -in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen Sachen nichts -zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, nicht im geringsten -molestiert. Darum bin ich vorhin die Hintertreppe heraufgekommen. - -Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen. - - CHRISTIAN: - -Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ... - - THEOBALD: - -Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe andere Quellen. -Und abends reise ich heim. - - ~Er nimmt Hut und Stock.~ - - CHRISTIAN ~ängstlich~: - -Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben. - - THEOBALD: - -Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst du überhaupt -nicht in dem alten vernünftigen Ton mit mir? Ungesehen verschwinde ich -auf dem Wege, auf dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der -nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst du mal vorbei, ihr -Grab zu sehen, soll's mich freuen. Bist, von diesem Unsinn abgesehen, -sonst ein guter Kerl; läßt einen leben. - - -NEUNTER AUFTRITT - - DIENER ~tritt auf~: - -Graf Palen! - - GRAF ~folgt sofort~: - -Marianne wollte zuerst, einem schönen Drange folgend, es Ihnen selbst -sagen -- sie war sehr glücklich -- innig beglückt -- - - ~Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.~ - - GRAF: - -Bitte mich vorzustellen. - - CHRISTIAN ~in höchster Verwirrung~: - -Mein Vater ... bitte. - - GRAF: - -Tiens. Ah das --! Nein das -- aber sehr angenehm. Graf Palen. Sehr -erfreut! - - ~Reicht Theobald beide Hände~: - -Und dachte ich immer -- wie kam ich nur darauf? Sah unseren Freund als -Waise -- - - ~Er lacht~: - -Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant. - - CHRISTIAN: - -Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt mir den Tod meiner -Mutter an. So gewinne ich Marianne im rechten Augenblick. - - ~Er sinkt dem Grafen an die Brust.~ - - GRAF: - -Meine aufrichtige Teilnahme. - - ~Zu Theobald~: - -Auch Ihnen, verehrter Herr. - - THEOBALD ~verbeugt sich~: - -Danke, Herr Graf. - - GRAF: - -Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut. Inzwischen -bleiben die alten Herren beisammen. - - ~Zu Theobald~: - -Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau, eine Braut ersetze -ich nicht, doch was ein anständiges Essen vermag ... - - CHRISTIAN: - -Mein Vater wollte gleich zurück. - - GRAF: - -Aber das muten wir ihm nicht zu. - - THEOBALD: - -Frühstücken sollte man in jedem Fall. - - GRAF: - -Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und Glückwünschen -verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr Sohn hat Sie lange genug unter -Verschluß gehalten; bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich. - - THEOBALD: - -Beschnuppert -- ist gut. - - GRAF: - -Sagt man nicht so? - - THEOBALD ~lacht~: - -Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf. - - CHRISTIAN ~bei Theobald, zischt~: - -Graf! - - ~Zum Grafen~: - -Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim. - - GRAF ~energisch~: - -Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor allem ausgiebig -frühstücken. Und alles andere findet sich später. Kommen Sie! - - ~Graf und Theobald exeunt.~ - - -ZEHNTER AUFTRITT - - CHRISTIAN: - -Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe ich einen Fehler -gemacht? - - ~Am Fenster~: - -Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch umständliche -Höflichkeit. -- Ich habe einen Fehler gemacht! Meine Hilflosigkeit, -meine Verlegenheit um ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß? - - ~Er läuft zum Spiegel~: - -Ich zittre ja wie Espenlaub! - - ~Er springt auf einen Stuhl am Fenster~: - -Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen über's ganze Gesicht. -Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren Fehler habe ich -gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen, habe ich vor fünf Minuten hier -nicht geschworen, mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen? Hatte ich -doch den einzig richtigen Instinkt. - -Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie klatschen, ich -wollte meinen Vater verleugnen. Kann er nicht behaupten, ich hätte ihn -ehemals totgesagt? Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab. - -Gegenmaßregeln! Schnell! Was? - - ~Er läutet. Diener tritt auf.~ - -Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein Vater kam an. Dem -alten Herrn soignierteste Bedienung. - - ~Diener exit.~ - - CHRISTIAN ~ihm bis zur Tür nach~: - -Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht bekäme man ihn -doch noch ohne allzu großes Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein! -Wie ich es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen hat: -mit größter Geste muß ich ihn als etwas Außergewöhnliches darbieten. - -Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und es soll die ganze -Familie umfassen. - -Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist. - - ~Er läuft im Zimmer umher~: - -Was werden sie am Weintisch tun? - -Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er, wenn der andere -besoffen ist? - -Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?! - - ~Außer sich~: - -Um Gottes willen! Ja um Gottes willen! - - ~Er heult auf~: - -Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich könnte mich -ohrfeigen!! - - - - -DER DRITTE AUFZUG - - ~Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund ein - breiter Vorhang.~ - - -ERSTER AUFTRITT - - ~Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne Brautkleid - unter dem Überwurf treten auf.~ - - CHRISTIAN: - -Endlich Luft, Ruhe. - - MARIANNE: - -Diese Blumen. - - ~Bei einem Strauß~: - -Vaters. - - ~Sie nimmt eine Karte und liest~: - -Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier -- welch himmlische -Orchideen! - - ~Liest~: - -Von einer Unbekannten. - - CHRISTIAN: - -So? Sentiment. -- Was sprach er am Tisch fortwährend mit meinem alten -Herrn. Hörtest du die beiden? - - MARIANNE: - -Wer soll das sein? - - CHRISTIAN: - -Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame zu haben. Die -dicke Gräfin ... - - MARIANNE: - -Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe Essen auf -der Serviette. - - CHRISTIAN: - -Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr? - - MARIANNE: - -Mutters Vetter Albert Thüngen. - - CHRISTIAN: - -Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung an und aß -darüber nicht. - - MARIANNE: - -Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum. - - CHRISTIAN: - -Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der Prinzessin so -intim, wie sie dich behandelte? - - MARIANNE: - -Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen. - - CHRISTIAN: - -Sieben Jahre. Ihr duzt euch? - - MARIANNE: - -Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt. - - CHRISTIAN: - -Die Erzherzogin? - - JUNGFER ~tritt auf~: - -Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden? - - MARIANNE: - -Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna. - - JUNGFER: - -Gut, gnädige Komtesse. - - MARIANNE: - -Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange Respekt! - - JUNGFER ~schluchzt~: - -Ja, gnädige Frau. - - MARIANNE: - -Was gibt's? - - JUNGFER ~auf Mariannes Hand gebeugt~: - -Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht mehr. - - MARIANNE: - -Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins. - - ~Beide durch den Vorhang ab.~ - - -ZWEITER AUFTRITT - - CHRISTIAN ~springt an den Vorhang und lauscht nach hinten~: - -Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche Domestikenbagage -hinter Schlüssellöchern auffängt und weitergibt ... - - DER JUNGFER STIMME: - -... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ... - - MARIANNES STIMME: - -... alte Jansen ... Unsinn! - - DER JUNGFER STIMME: - -... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten Volants ... -Rosenknospe ... - - MARIANNES STIMME: - -... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ... - - DER JUNGFER STIMME: - -... Sah man doch - - ~leiser~: - -ihren Busen mit Absicht. - - MARIANNES STIMME: - -Um Gottes willen! - - ~Gekicher, dann Geflüster.~ - - CHRISTIAN ~sich näher hinbeugend~: - -Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme, erschlägt's -das Wort. Flüstern und zu Boden sehen. - - ~Gelächter in Absätzen.~ - - DER JUNGFER STIMME: - -... Schnurrbartspitzen. - - CHRISTIAN: - -Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo. - - DER JUNGFER STIMME: - -... ein bißchen lächerlich. - - MARIANNES STIMME: - -Still! - - CHRISTIAN: - -Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen Abend noch dringe -ich in den Tempel deines Herzens und stelle fest, was du weißt. - - ~Neues Gelächter.~ - - CHRISTIAN: - -Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle Ventile in ihre -Blutbahnen. Denn nachher spüle ich mein Weib bis zum letzten Molekül -rein von deinem Gift. - - DER JUNGFER STIMME: - -Es war zu komisch. - - CHRISTIAN: - -Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller Tage Abend. -Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen, überdonnern sie alles, -was vorher laut wurde. - - ~Es ist hinten ganz still geworden.~ - -Still? Was haben sie jetzt? - - ~Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen~: - -Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier not, das Geständnis, -wieviel die Welt dir geklatscht, vom Vater angefangen bis zu dieser -Laus. Ich habe einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir -herauszulocken, daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für dich zu -behalten. Du trittst nicht über die Schwelle meines Namens, Weib, es -sei denn, derselbe ist ehrfürchtig und gerührt von dir empfunden. - - DIE JUNGFER ~tritt auf~: - -Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau? - - ~Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet durch den - Vorhang.~ - - CHRISTIAN: - -Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man sich selbst -verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen ausgeliefert. Mit Finessen -will ich rekognoszieren, wo in deiner Familie mein grimmigster Feind -sitzt. Er muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich dein -Gewissen bis zum Zerreißen spreizen. - - ~Er stiert in den Koffer~: - -Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem Koffer an Büchern? -Schmähschriften? - - ~Er zieht ein Buch aus dem Koffer~: - -Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden gegen mich -aufgehäuft sein? Das wollen wir bei Gelegenheit bis in die Nieren -bloßlegen. - - -DRITTER AUFTRITT - - ~Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür~: - - CHRISTIAN: - -Das ist unerhört! - - THEOBALD: - -Nur einen Augenblick. - - CHRISTIAN: - -Was gibt's noch? - - THEOBALD: - -Zärtlichkeit. - - CHRISTIAN: - -Du bist betrunken. - - THEOBALD: - -Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen Abend dir -einen Kuß hinhauchen, doch erwischte ich dich nicht. Räsoniere nicht, -Bengel. Du bist ein Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich. -Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie Papierhemden. -Als Sieger bist du über meine Meinungen und Prinzipien hinweggegangen. -Ich lebte allzeit von Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten -und so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie du heute mit -diesen Leuten umgingst, nicht wie mit deinesgleichen, sondern fast -von oben herab; wie sie dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und -wie du dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte mein -Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich gemacht; ich sinke hin an -deine Brust. - - ~Umarmt ihn.~ - - CHRISTIAN: - -Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken? - - THEOBALD: - -Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, als alles in -Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ... - - CHRISTIAN: - -Vater! - - THEOBALD: - -Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. Unsere Mutter -hätte dabei sein sollen. Morgenröte, Morgenröte war mein Gefühl, soll -man's für möglich halten! - - CHRISTIAN: - -Ist es denn wahr? - - THEOBALD: - -In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter geschnallt. -Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. Du hast mich -völlig in dir; schweig. Jetzt kommt das Geständnis, eine ehrwürdige -Sache. Das sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig, -verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur Welt, der höhere -Sinn von mir -- bist du. Wegjagen wolltest du mich. Hattest es schon -eher im Bewußtsein, doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten. -Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige grenzenlose -Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder. Glücklich -nach Zürich, große Hauptgasse No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat -a. D. und stiert begeistert seinen Sohn an. - - CHRISTIAN: - -Man kommt! - - THEOBALD: - -Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach weiter so und -keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, Abscheu, Haß und so weiter; aber -sie haben bodenlose Achtung aus Verständnislosigkeit. - - CHRISTIAN: - -Das sagst du? - - THEOBALD: - -Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit habe ich mich in ihr -Vertrauen geschlichen. Da man das Band des Adlers von Hohenzollern für -das Eiserne Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide. - - CHRISTIAN: - -Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages? - - THEOBALD: - -Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt haben. Da -aber heute die Tafelrunde: als schließlich ich mich lichterloh an -dir entzündete, ergriff ihn die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die -rührende Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. Es -kapitulierte vollständig. - - CHRISTIAN: - -Fertig also mit ihnen? - - THEOBALD: - -Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nachlassen. Auf meine -Art hatte ich stets die Überzeugung von der Bedeutung unseres Stammes. -Konnte sie aber nur den Allernächsten mitteilen. - - CHRISTIAN: - -Mir! - - THEOBALD: - -Und du schnellst uns weiter. - - CHRISTIAN: - -Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die Sehne. - - THEOBALD: - -Ihr den ersten Pfeil. Triff tief. - - CHRISTIAN: - -Wir kletten uns fest. - - THEOBALD: - -Ins Gewebe. - - CHRISTIAN: - -Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf! - - THEOBALD ~späht durch den Vorhang~: - -Respekt! - - CHRISTIAN: - -He? - - THEOBALD: - -Hehe! - - ~Beide kichern und fallen sich in die Arme.~ - - CHRISTIAN: - -Maske for ever! - - THEOBALD: - -Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache! - - ~Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.~ - - CHRISTIAN: - -Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein Ziel ward gekrönt. -Zerknirschung des Feindes, Verbeugung vor dem Sieger. Abgang durch die -Mitte. Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel, wie weit -wirklich die nähere Umgebung hinsank; und dann soll die Frau, auf die -es vor allem ankommt, an diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht -zelebrieren. Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein. - - -VIERTER AUFTRITT - - MARIANNE ~in einem Negligé tritt auf~: - -Gefall ich dir? - - CHRISTIAN ~zu sich~: - -Darauf kommt jetzt nichts an. - - MARIANNE: - -Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter trug sie an dem -betreffenden Abend ihres Lebens. - - CHRISTIAN: - -Nichts entspricht. - - MARIANNE: - -Ich -- keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles. Du sollst -kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte bin ich, und welche war -besonders? Ist ein Gedanke, ein Hauch von einer anderen noch bei dir? - - CHRISTIAN: - -Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft? - - MARIANNE ~die Arme um seinen Hals~: - -Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn. Er weiß und rosa -mit blonden Haaren auf der Lippe; weiter wußte ich nichts von ihm. - - CHRISTIAN: - -Was weißt du von mir? - - MARIANNE: - -Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast breite Glieder -und wippst beim Gehen. - - CHRISTIAN: - -Ist das wahr? - - ~Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.~ - -Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang sprechen. Rhythmus ist -in der Bewegung. - - MARIANNE ~lacht hell~: - -Und wie marschiere ich? - - ~Hebt den Rock und trippelt.~ - - CHRISTIAN: - -Was sonst noch? Was ich treibe? - - MARIANNE: - -Geschäfte. - - CHRISTIAN: - -Welcher Art? - - MARIANNE: - -Bank. Kommt es darauf an? - - CHRISTIAN: - -Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor unseres größten -wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere einen fünften Teil des -Nationalvermögens. - - MARIANNE: - -Tiens! - - CHRISTIAN: - -Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen Angelegenheiten mit -dir? - - MARIANNE: - -So hin. - - CHRISTIAN: - -So hin. Darin liegt alles. - - MARIANNE: - -Ich bin müde. - - CHRISTIAN ~für sich~: - -Aufforderung zum Tanz. - - ~Laut~: - -Zu früh. Bin ich dir nicht ein völlig Fremder, da dein Vater nicht -ernsthaft über mich sprach -- wirklich nie, denke nach! Kam er nicht -eines Tages fieberhaft erregt nach Haus? Besinne dich! - - MARIANNE: - -Fieberhaft erregt sah ich ihn nie. - - CHRISTIAN: - -Also wirklich nicht! - -Kurz, es ist Verdienst, steht ein Mann so jung auf solchem Posten. Wie -wenn einer mit sechsunddreißig Jahren General wäre. - - MARIANNE: - -Das kann höchstens ein Prinz. - - ~Sie sitzt auf seinem Schoß.~ - - CHRISTIAN: - -Oder? - - MARIANNE: - -Wer? - - CHRISTIAN: - -Denk nach. - - MARIANNE: - -Ich weiß nicht. - - CHRISTIAN: - -Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses Jahres bei -einundvierzig Gesellschaften die Emission neuer Aktien im Gesamtbetrage -von etwa dreiviertel Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus -folgenden Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig -Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache nicht gefundene -Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen rund einer halben -Million Menschen mehr geboten, die das Land ermutigt wird, -hervorzubringen. Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht -in Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse und deren -Arbeitsresultat. Verstehst du? - - MARIANNE ~immer auf seinem Schoß~: - -Ich versuche. - - CHRISTIAN: - -Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den Zeugungsapparat. -Wachsen neue Kamine hoch, öffnet man hastig das Ventil. So stehen wir -Kapitäne, sagte ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen -sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen Zuwachsbedürfnis -nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren. Verstehst du? - - MARIANNE: - -Ich glaube. - - CHRISTIAN: - -Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos für -bessere Qualität sorgen. Da hast du einen kleinen Eindruck, wie ich -Nationalökonomie praktisch treibe. - - ~Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet durchs Zimmer~: - -He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt. - - ~Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und schüttelt sie - sanft hin und her, während er ihr starr ins Auge sieht~: - -Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid meinerseits -in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate bei unseren -Schiffsgesellschaften anführen. Die Menschen sind kurzsichtig, und in -den Händen weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen. - - MARIANNE: - -Bist du so reich? - - CHRISTIAN: - -Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren aus der Kraft meines -Blutes. Du sahst nun meinen Vater einige Male. Persönlichkeit! Wie? -Schon prägten sich auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der -Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles. Merktest du, -wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten zum Glase griff? Schade, -daß du meinen Großvater nicht kanntest. Ein tolles Huhn -- aber --! -Das wächst mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in meiner -Person den konsequentesten Ausdruck. - - DIE JUNGFER ~tritt auf~: - -Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung nehmen? Hier im -Hotel -- der gnädige Herr vielleicht? - - ~Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.~ - - JUNGFER: - -Gute Nacht. - - ~Exit.~ - - CHRISTIAN: - -Welch merkwürdige Form eigentlich. - - MARIANNE ~setzt es auf~: - -Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt, für die Frauen -unseres Geschlechts am Hochzeitstage zu tragen, war eine Marquise -d'Urfés, Großtante meiner Mutter. - - CHRISTIAN: - -Bon. -- Was sagte ich noch? -- Aber ich habe eine Überraschung für dich. - - MARIANNE ~klatscht in die Hände~: - -Zeig! - - CHRISTIAN: - -Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt und bereitgestellt. - - MARIANNE ~abgewandt~: - -Eins zwei drei -- - - CHRISTIAN ~hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der Wand lehnte, - freigemacht und gegen seine Beine gelehnt vor sich gestellt~: - -Jetzt sieh her. - - ~Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.~ - - CHRISTIAN: - -Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch von Angesicht zu -Angesicht sehen will. Meine Mutter, die ihren Jungen heiß geliebt. - - MARIANNE: - -Welch bedeutendes Antlitz! - - CHRISTIAN: - -Nicht wahr. Von Renoir gemalt. - - MARIANNE ~fliegt Christian an den Hals~: - -Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen Sohn, meinen -Christian. - - CHRISTIAN: - -Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst. - - ~Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.~ - - MARIANNE: - -Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein Teint! - - CHRISTIAN: - -Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. Wikingersachen -werden gefaselt. Sieh den tüchtigen Familienschmuck, die rote -Koralle im Ohr. Einer ihrer Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den -schwedischen Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert eine -Anekdote. - - MARIANNE: - -Das wundervolle Haar! - - CHRISTIAN: - -Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah sie eines Tages -im Bois de Boulogne. Der Entschluß, sie zu malen, soll augenblicklich -festgestanden haben. - - MARIANNE: - -Das läßt sich denken. - - CHRISTIAN: - -Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf mal deine Öhrchen -auf, es kommt das Niedlichste von der Welt. Vater und Mutter also im -Bois, nach einem solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine -Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich -- die Frau steht wie -angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. Vater, den grauen Zylinder -keck auf dem Kopf -- er hat mir die Situation oft geschildert -- ruft, -lockt -- sie weicht nicht. - - MARIANNE: - -Was hatte sie? - - ~Christian flüstert ihr ins Ohr.~ - - MARIANNE ~hell auflachend~: - -Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch! - - CHRISTIAN ~aus vollem Halse lachend~: - -Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir das oft erzählt. -Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. Es soll ein Anblick für Götter -gewesen sein. - - MARIANNE: - -Die entzückende Frau so in der Sonne stehend. - - CHRISTIAN: - -Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage und mit ihm ein -französischer Vicomte, der die Szene gleichfalls sah. - - MARIANNE: - -Wie lange ist das her? - - CHRISTIAN: - -Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein. - - MARIANNE: - -Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher bringt. Ich kenne -sie jetzt viel besser. Für deinen Vater war die Lage nicht angenehm. - - CHRISTIAN: - -Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für das appetitlich -Komische. Er adorierte sein junges Gespons und war gleichfalls ganz -gefangen von dem Charme der Erscheinung. - - MARIANNE: - -Viel Geschmack im Anzug. - - CHRISTIAN: - -Darin war sie Meister. - - MARIANNE: - -Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und all die himmlischen -Frauen, die sich so trugen, sind tot. - - CHRISTIAN: - -Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten. - - ~Er hängt das Bild an die Wand.~ - - MARIANNE: - -Hast du das Gut gekauft? - - CHRISTIAN: - -Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die Frau war alles in -allem etwas so Überlebensgroßes, daß sie ein Recht auf solche Ehrung -hat. - - MARIANNE: - -Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst habe ich den -rechten Begriff von ihnen. Du hast die Gabe, Menschen plastisch zu -machen. - - CHRISTIAN: - -Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. Was -aus der Menschen Mund gewöhnlich kommt, sind Worte, nur Worte. - - MARIANNE: - -Ich brauche Anna noch einmal. - - CHRISTIAN: - -Doch nicht wieder das Mädchen! - - MARIANNE: - -Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen. - - CHRISTIAN: - -Gib her. - - ~Er fängt an, die Ösen zu suchen.~ - -Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche verstehen, durch die -man sich also auch nicht von Mensch zu Mensch restlos verständigen kann. - - ~Marianne gähnt.~ - - CHRISTIAN: - -Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde der -Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck hinein, der den -Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, und der _Begriff_ heißt. - - ~MARIANNE gähnt~: - -Aha! - - CHRISTIAN ~knöpft~: - -Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen auch? - - MARIANNE: - -Bitte. - - CHRISTIAN: - -Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle Tat, die -Menschengeist verrichtet, will schließlich nur das eine: sie orientiert -über das ungeheure Gebiet umgebender Welt, indem sie Mannigfaltigkeit -überwindet. So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die eigene -Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich Wald. - - ~Er ist mit Knöpfen fertig.~ - - MARIANNE: - -Danke. - - ~Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.~ - - CHRISTIAN: - -Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht den Wald vor lauter -Bäumen nicht. - - ~Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.~ - - CHRISTIAN: - -Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht keinen Baum mehr vor -lauter Wald. - - ~Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen~: - -Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie -in der Tasche. - - ~Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten~: - -Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns wie das meine. He? - - ~Reibt sich die Hände, zu sich~: - -ça marche ce soir. - - ~Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen~: - -Meine gute Mutter! - - ~laut~: - -Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise in die -Vereinigten Staaten und kam von dort über die Südseeinseln, Asien -zurück. In Honolulu verliebte sich der König Kalakaua sterblich in sie. - - ~Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht~: - -Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig. - - ~Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel - abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.~ - - ~Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.~ - - ~Pause.~ - - MARIANNES STIMME: - -Was wurde denn aus dem Vicomte? - - CHRISTIAN: - -Welcher Vicomte? - - MARIANNES STIMME: - -Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine Eltern kennen -lernte. - - CHRISTIAN: - -Ach, der Vicomte! Tja -- -- der -- - - ~Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.~ - - MARIANNES STIMME: - -Was wurde denn mit ihm? - - CHRISTIAN ~zu sich~: - -Donnerwetter! - - ~Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.~ - -Hm. - - MARIANNE: - -Ist denn da ein Geheimnis? - - CHRISTIAN ~zu sich~: - -Wüßte ich jetzt -- aber natürlich -- o großer Gott! Da packe ich dich, -da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen. - - ~Er geht zum Vorhang und flüstert hinein~: - -Marianne! - - MARIANNE ~mit erregter Stimme~: - -Ich komme! - - ~Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.~ - - CHRISTIAN: - -Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage. - - MARIANNE: - -Was sagte ich denn? - - CHRISTIAN: - -Mit dem Vicomte; was wurde? - - MARIANNE: - -Ja? - - CHRISTIAN: - -Nie hätte ich die Zähne geöffnet. - - MARIANNE: - -Christian! Was denn? - - CHRISTIAN: - -Unmöglich! Nie! - - MARIANNE: - -Christian! Ich bin dein Weib -- habe ein Recht ...! - - CHRISTIAN: - -Ich bin auch ein Sohn. - - MARIANNE: - -Du hast Pflichten vor mir. - - CHRISTIAN: - -Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter. - - MARIANNE: - -Jener ...? - - CHRISTIAN: - -Du bekommst kein Wort aus mir heraus. - - MARIANNE: - -Der also -- der Vicomte ...?! - - CHRISTIAN ~stark~: - -Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals daran zu rühren; -jemals jemanden, auch mich selbst, ahnen zu lassen, was du vermutest, -was du meinst. Ich heiße Maske und basta! - - MARIANNE ~erschüttert~: - -Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich dich aber von jetztab -sehe, das ist meine Sache. - - ~Leise~: - -Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen uns niederfällt, als -ob erst jetzt ich ungehemmt in dich versänke. - - ~Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild~: - -Süße Mutter Ehebrecherin! - - ~An Christian niedergleitend~: - -Mein lieber Mann und Herr! - - ~Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.~ - - -FINIS. - - -Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. - -Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig. - - - - -INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG - - ~CARL STERNHEIM~: - - _DON JUAN._ Eine Tragödie. Geheftet M. 5.--, in Halbleder M. 8.--, in - Ganzleder M. 15.-- - - _ULRICH UND BRIGITTE._ Ein dramatisches Gedicht. _Zweite Auflage._ - Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.-- - - ~AUS DEM BÜRGERLICHEN - HELDENLEBEN~: - - I. _Die Hose._ Lustspiel. Geheftet M. 3.--, in Halbpergament M. 4.-- - - II. _Die Kassette._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in Leinen - M. 4.-- - - III. _Bürger Schippel._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in - Leinen M. 4.-- - - IV. _Busekow._ Eine Novelle. (Kurt Wolff Verlag, Leipzig.) - - V. _Der Snob._ Komödie in drei Aufzügen. Geheftet M. 3.--, in Leinen - M. 4.-- - - VI. _Der Kandidat._ Politische Komödie in vier Aufzügen nach - Flaubert. Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.--. - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | deines -- deins | - | Durchziehen -- Durchziehn | - | Geschlechtes -- Geschlechts | - | sehen -- sehn | - | ungeheuere -- ungeheure | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert. | - | S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert. | - | S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert. | - | S. 13 »kanns« in »kann's« geändert. | - | S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert. | - | S. 17 »ists« in »ist's« geändert. | - | S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert. | - | S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert. | - | S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert. | - | S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert. | - | S. 31 »wärs« in »wär's« geändert. | - | S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert. | - | S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert. | - | S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert. | - | S. 38 »bins« in »bin's« geändert. | - | S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert. | - | S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert. | - | S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert. | - | S. 53 »unsre« in »uns're« geändert. | - | S. 56 »solls« in »soll's« geändert. | - | S. 61 »obs« in »ob's« geändert. | - | S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert. | - | S. 65 »wars« in »war's« geändert. | - | S. 69 »solls« in »soll's« geändert. | - | S. 72 »übers« in »über's« geändert. | - | S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert. | - | S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert. | - | S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert. | - | S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert. | - | S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert. | - | S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert. | - | S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert. | - | S. 83 »mans« in »man's« geändert. | - | S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert. | - | S. 95 »mans« in »man's« geändert. | - | S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert. | - | | - +----------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Snob, by Carl Sternheim - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB *** - -***** This file should be named 60089-8.txt or 60089-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/0/8/60089/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription -was produced from images generously made available by -Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Snob - -Author: Carl Sternheim - -Release Date: August 11, 2019 [EBook #60089] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription -was produced from images generously made available by -Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - -</pre> - - - -<div class="figright" style="width: 100px;"> -<img src="images/signet.png" width="100" height="92" alt="" /> -</div> - - - - -<h1 class="pagebreak"><span class="gesperrt">DER SNOB</span></h1> - - -<p class="center">Komödie in drei Aufzügen</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center"><span class="gesperrt"><big>Carl Sternheim</big></span></p> - -<hr class="tb p6" /> - -<p class="center"><span class="gesperrt">Leipzig<br /> -im Insel-Verlag</span><br /> -1914 -</p> - - - - - - -<h2 class="pagebreak" title="Personen">PERSONEN:</h2> - -<p> -THEOBALD MASKE<br /> -<br /> -LUISE MASKE, seine Frau<br /> -<br /> -CHRISTIAN MASKE, sein Sohn<br /> -<br /> -Graf ALOYSIUS PALEN<br /> -<br /> -MARIANNE PALEN, seine Tochter<br /> -<br /> -SYBIL HULL<br /> -<br /> -Eine Jungfer<br /> -<br /> -Ein Diener<br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2 class="pagebreak">DER ERSTE AUFZUG</h2> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> -<p class="actor"><i>Möbliertes Zimmer Christian Maskes.</i></p> - - -<h3>ERSTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">Christian <i>erbricht einen Brief</i>:</p> - -<p>Das ist grotesk!</p> - -<p class="actor"><i>An einer Tür</i>:</p> - -<p>Komm heraus, Sybil.</p> - -<p class="actor">SYBIL <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Was gibt's Wichtiges?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard -geleistet. In der Klemme verlangt er "Verauslagung der -durch geburtshilfliche Praktiken ihm erstandenen Verpflichtungen" -von mir. Was sagst du?</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein -möchte wie jene Frau durch deinen Erzeuger.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird -von mir aus ein unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner -— ich habe auch mit dir ernst zu reden.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich muß heim.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. -Vier Jahre, die du mit mir lebst, sahst du mich von Tag -zu Tag meinem Ziel näher kommen.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Du hast wie ein Neger gearbeitet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen -Minen prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in -der Sitzung des Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich -zum Generaldirektor der Gesellschaft zu ernennen, wird -von den Aktionären akzeptiert.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Welcher Erfolg!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, -als sie niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, -an Möglichkeiten des Vermögens und sozialer Stellung -für mich voraussehe, ist glänzend.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und -machte dem traurigen Studium der Philologie ein Ende?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich -Kleider anständig tragen, gabst mir, soweit es in deiner -Macht stand, Umgangsformen.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen -und ausgefransten Ärmeln!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Das Entscheidende zuletzt — mich selbst. Lebenssache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, -wie tief ich dir verpflichtet bin; an so entscheidendem -Tag zurückblicken ...</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Laß das.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und -es für immer zu vergessen.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Das wäre bequem.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß -aus dem vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses -Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet, -was du an Aufwendungen für mich geleistet. -Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Christian!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, -sind ins Auge gefaßt, und ich kam auf eine -Summe von vierundzwanzigtausend Mark, die ich dir -schulde, und die du heute überwiesen erhältst.</p> - -<p class="actor">SYBIL <i>nach einer Pause</i>:</p> - -<p>Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, -mit eisernem Besen aus mir herausgekehrt hast. Heute<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> -ist Abrechnung. Kein Fehler in der Addition und im -Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind durch -meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen -Charakter erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche -Begründung vor mir selbst nicht mehr. Um den nötigen -Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen Stellung zu -haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend -ändern. Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Er heißt?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. -Die genannte Summe und eine monatliche Apanage -zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich bin in Empfindungen zerrissen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur -schmerzt es, sie auf dich angewendet zu sehen. Ich trete -in das öffentliche Leben. Nirgends ein Fehler im Kalkul.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>hält ihr den Mund zu</i>:</p> - -<p>Und so weiter.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der -für die Zukunft bedenklich war? Gibt es nichts, das -dich entscheidender in deinem Trieb, bürgerliches Ansehen -zu gewinnen, stören könnte als ich in meiner bisherigen -Stellung zu dir?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du weißt es.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Willst du folgerichtig handeln ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, -Erscheinung und Gedankenwelt, dafür bürge ich der -Welt. Aber meine Eltern, dir ist es bekannt, sind Leute -aus dem Volk.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Tauchst du also jetzt in die Welt auf ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du -weißt, ich kann's. Leute aus dem Volk. Meine gute -Mutter besonders.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht -beibringen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein -besonders ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch -Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen -und errungener Stellung offenbar zu erhalten, -liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen -Vergangenheit wirken nicht. Was weiß irgend jemand<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -von <em class="gesperrt">deinen</em> Eltern? Du hast sie einfach unterschlagen, -still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus? -Hieß er wirklich Hull?</p> - -<p class="actor"><i>Er lacht</i>:</p> - -<p>Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte -in jedem Falle Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter -von ihm ausging.</p> - -<p>Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die -Differenz zwischen Herkunft und Heute ist erläutert. -Doch kommt noch hinzu: das Bewußtsein, überhaupt -zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner Rüstung -ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus -mir entstand, wie ich nur auf mich beziehe, für mich -hoffe und fürchte, muß ich frei sein von Rücksicht auf -jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich -Vater und Mutter.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie -fortbleiben?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Du hast gelernt mit Geld umgehen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich habe allerhand gelernt.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar -schweren Herzens zustimmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind -einig?</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen -Entfernung mit einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht; -wenn man sie tut.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Doch an Klarheit.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kluger Kopf.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der -Rechnung meines Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend -für deinen Besitz jetzt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm -einen Kuß umsonst. — Du hast mir die Krawatte verschoben.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Sie saß schon vorher infam.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: -den tadellosen Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum -hundertsten Male.</p> - -<p class="actor">SYBIL <i>bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase</i>:</p> - -<p>Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>legen -des einen Endes als Masche. Durchziehen des -anderen drittens.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Steht rechts ein Stück vor.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Man schneidet's mit der Schere fort.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kostet jedes Binden eine Krawatte.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Worauf es bei allen Dingen ankommt.</p> - -<p class="actor">SYBIL, <i>tiefer Knicks</i>:</p> - -<p>Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Keinen Scherz.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich habe vollkommen begriffen.</p> - -<p class="actor"><i>Sybil exit.</i></p> - - -<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Angenehme Person alles in allem.</p> - -<p class="actor"><i>Am Schreibtisch</i>:</p> - -<p>Aber nun den Verstand zusammengenommen.</p> - -<p class="actor"><i>Er schreibt</i>:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats -nehme ich mit ergebenem Danke an.« Ergebener Dank? -Wollen sehen. »Empfehlungen an die Komtesse.« Zu -familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem -darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier -ist falsch. Besser Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat -der Monambominen. »Sehr verehrter Graf von Palen«. -Wie das eingeschobene »<em class="gesperrt">von</em>« distanziert! Die Sache -muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen -Kreis hinein tadellos korrekt und doch irgendwie -bedeutend sein. Wie schreibt er selbst?</p> - -<p>»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu -Abend essen, tout en petit comité? Der Ihre.« Auf -schlichtem billigen Papier. Das hat den Ton freundschaftlich -oberflächlicher Vertrautheit. »<em class="gesperrt">Abendessen</em>« -ist himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, -aber so, daß immerhin — ich möchte eine lateinische -Vokabel einstreuen, die den Tenor männlich macht.</p> - -<p>Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen -einen Augenblick wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber -sie muß gelöst werden. Einen Fünfsilber mit viel Vokalen -und rollendem Takt für den Anfang.</p> - -<p class="actor"><i>Er geht durch das Zimmer</i>:</p> - -<p>Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist -für mein Ohr länger als die erste. Falscher Takt. — -Pränumerándo — das ist's im Ton, gibt aber natürlich -keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es finden.</p> - - -<h3>DRITTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">THEOBALD MASKE <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Vater!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind -Knalleffekte zuwider. Aber bei Frauenzimmern stets -das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der Sache ins Auge -sehen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du -hast mich zu früh zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte -sind nicht lahm und gehen nach allen Seiten in die -Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen -Modus finden.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich rufe vor allem Mutter herauf.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wir haben erst unsere Angelegenheit.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand -versteht.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wie?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Inwiefern? Was gibt's?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du -darfst, werden wir beide während der Auseinandersetzung -sonst einig, stillschweigend tausend Mark für deine Verlegenheit -hinzurechnen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Du hast Bedingungen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich stelle Bedingungen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Da bin ich neugierig.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>am Fenster</i>:</p> - -<p>Dort steht sie.</p> - -<p class="actor"><i>Er winkt</i>:</p> - -<p>Sie hat gesehen, kommt. — Aber das unmögliche Kostüm! -Du sagtest vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>In welchem Zusammenhang?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch. -Erinnere mich später, gleich ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Tausend Mark?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wenn wir sonst ins reine kommen.</p> - -<p class="actor"><i>Exit.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Da bleibe ich gespannt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - - -<h3>VIERTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Christian und Luise Maske treten auf.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn -wie ein Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die -Großstadt ziehen, ich werde mich mit ihr in irgendeiner -Beziehung einlassen und mich inwendig lebendig erhalten.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Es ist so eine Idee von Vater.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit -dem Ziel gilt, das ich vorhabe, könnte ich für euch -keinen freien Augenblick aufbringen.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Dann freilich — ich dachte es schon.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig -um uns. Was ist das für ein Ziel?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu -werden, für die ich arbeite.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>General!</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>herrscht sie an</i>:</p> - -<p>Direktor!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr -Rücksicht nehmen, und diese Rücksicht fordert vor -allem ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm -gelegt, gaben dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. -Oft unterblieb ein Sonntagsbraten. Denn wir liebten -dich affenartig.</p> - -<p class="actor">LUISE <i>leise zu sich</i>:</p> - -<p>Generaldirektor.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Dúm da da ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen -konntest. Darüber sind wir zu Jahren gekommen, und -heute steht es so: wollen wir noch etwas von dir haben, -müssen wir uns beeilen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit -meinem sechzehnten Jahr ist mir kein einziges Opfer -deinerseits für mich bekannt.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist stark!</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Vater!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im -Haus vierfünftel des Platzes einnahmst, jeder Gedanke -um dich kreiste. Schon auf dem Gymnasium erhielt -ich mich durch Stundengeben, mein Studium und ferneres -Leben bezahlte ich selbst.</p> - -<p>Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl -in Gegenwart des Vaters stehend einzunehmen ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner -Kerl. Ist's wahr, Mutter?</p> - -<p class="actor">LUISE <i>zeigt</i>:</p> - -<p>So klein.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis -zum heutigen Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag -dir eine sehr deutlich ins Auge springende Veränderung, -meine breitere Lebensführung aufgefallen sein.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist langweilig. Kurz — was soll sein?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes -Leben bilanziere. Da nehme ich keinen falschen Posten -auf.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Was meint er?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wirst du schon hören.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, -habe ich nach bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. -Dazu wurde die Summe mit fünf vom Hundert -verzinst.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Du willst eine Abrechnung?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ja.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>setzt sich</i>:</p> - -<p>Laß sehen.</p> - -<p class="actor"><i>Er setzt eine Brille auf.</i></p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Was meinst du?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es kommt schon, Mutter.</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>liest</i>:</p> - -<p>Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr — pro -Anno sechshundert Mark. Sechshundert Mark einschließlich -Doktor und Apotheker ist etwas mager.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich war nicht krank.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf -ein. Ich sehe deine ewige Rotznase vor mir. Wir wandten -Kamillenspülungen an.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte -mein Herz nicht mehr.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die eingesetzte Summe reicht aus.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert -Mark. Sieh mal an. »An einmaligen Zuwendungen.« -Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten -ist von vornherein dubios.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten -Zeit Gegebenes nicht gegenvermerkt.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das wäre noch schöner.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p> - -<p>Ich gäbe etwas für das Wort.</p> - -<p class="actor"><i>Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.</i></p> - -<p class="actor">LUISE <i>schüchtern zu ihm</i>:</p> - -<p>Und einmal das Geschwür am Hals.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Richtig, Mütterchen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst -Kragen, zwei Paar Stiefel, als ich zur Universität ging -— fünfzig Mark. Ein goldener Ring — da hört sich alles -auf! Hat die Frau dem Burschen doch den Ring gesteckt. -Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, -ihn wiederzufinden.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Mit hundert Mark ist er bezahlt.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Trägst du ihn noch?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zeigt ihn am Finger</i>:</p> - -<p>Obwohl er mir täglich enger wird.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme -rund elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert -Mark.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>mit Betonung</i>:</p> - -<p>Elftausendachthundert.</p> - -<p class="actor"><i>Räuspert sich.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Verstehe; die du mir zahlen willst?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die ich dir schulde.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Du willst dich dieser Schuld entledigen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich werde bezahlen.</p> - -<p class="actor">LUISE <i>seine Hand in Händen</i>:</p> - -<p>Man kann ihn weiter machen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter -Junge. Apart, wie du die Geschichte behandelst.</p> - -<p class="actor"><i>Er umarmt ihn</i>:</p> - -<p>Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus -zu würdigen. Man wäre also auf die vollkommenste -Weise einig.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher -zu verlegen. Das will ich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Machst du mir Vorschriften?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine -Gefälligkeit und erwarte eine andere von dir.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Der Junge muß doch Gründe haben.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer -Gegenwart kein vernünftiges Wort möglich.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>geleitet Luise zur Tür</i>:</p> - -<p>Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, -Mutter?</p> - -<p class="actor">LUISE <i>leise</i>:</p> - -<p>Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.</p> - -<p class="actor"><i>Exit.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich -insgesamt brauche.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und -so weiter?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Voraussetzung.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser -Vorteil? Denn Affenliebe einmal beiseite, man muß in<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> -gesicherten Bezirken leben. Was wirft die Summe für -eine Rente?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Sechshundert Mark in Industriepapieren.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die -Sparkasse.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Rund fünfhundert.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert -ist für die Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit -hergeben, das einzige Gut des bescheidenen Mannes? -Darüber mußt du mal ruhig nachdenken, Gründe und -Gegengründe erwägen. Nein — verspräche ich dir wirklich -auf Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das will ich nicht.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um -alles in der Welt, was soll denn hier vor sich gehen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft -vor euren Besuchen nicht sicher.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Überfall — das ist ja!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor -einer vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> -Zeit vor allem, von verwandtschaftlichen Rücksichten -frei sein.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die -sich deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer -auf Opfer häuften trotz deiner Einrede? Sind denn Eltern -ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht jeder Atemzug -einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses -der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, -in jeder Bequemlichkeit? Hat sie doch immer -einen Defekt, den man mit Ärger und Kosten ausbessern -muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu eine -Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.</p> - -<p class="actor"><i>Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut</i>:</p> - -<p>Schöne Kindesliebe das!</p> - -<p class="actor"><i>Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch</i>:</p> - -<p>Schöne Kindesliebe!</p> - -<p class="actor">LUISE <i>steckt den Kopf durch die Tür und macht, von -Theobald ungesehen, Christian beruhigende Zeichen</i>:</p> - -<p>Ich sorge schon.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wie?</p> - -<p class="actor"><i>Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in -einen Stuhl und sagt ruhig</i>:</p> - -<p>Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.</p> - -<p class="actor"><i>Pause.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. -Das ist die vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Er lacht auf</i>:</p> - -<p>Ha!</p> - -<p>Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die -Angelegenheit? Kommen wir auch in den gewohnten -Verhältnissen mit meiner Pension und den fünfhundert -zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, die Unbequemlichkeiten -der Übersiedlung, Schwierigkeiten -neuer Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns -zu nehmen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das wird kein Mensch euch zumuten.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Unter Umständen ich.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sieh mal an.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche -Reize und ökonomische Vorteile ausgezeichneter Städte -auch in Europa, ziehst du nicht von vornherein Amerika -vor.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Was?!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gut, gut.</p> - -<p class="actor"><i>Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand -genommen</i>:</p> - -<p>Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Liest aus dem Buche</i>:</p> - -<p>Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend -Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer -Gegend an den Ufern der Senne, eines Nebenflusses -der Schelde. Die Oberstadt mit den Staatsgebäuden -ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen -Gesellschaft.</p> - -<p class="actor">THEOBALD, <i>der bequem sitzt und andächtig zuhört</i>:</p> - -<p>Nicht übel, zeig das Buch.</p> - -<p class="actor"><i>Er liest vor</i>:</p> - -<p>»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte -französisch.« Und du glaubst, ein Deutscher von Schrot -und Korn läßt sich dazu herbei, welsche Sitten anzunehmen? -Basta!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein -völlig idealer Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder -Hinsicht. Und die Sprache ist Deutsch.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Laß etwas davon hören.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest aus einem anderen Bande vor</i>:</p> - -<p>Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist -Zürich die bedeutendste Stadt der Schweiz am Züricher -See und der immergrünen Limmat.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, -daß ich nicht schwimmen kann.</p> - -<p class="actor">Christian <i>liest</i>:</p> - -<p>Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren -See, dessen sanft ansteigende Ufer mit hohen Häusern, -Obst- und Weingärten besät sind.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Niedlich.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest</i>:</p> - -<p>Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links -grüßt der gewaltige Rücken des Glärnisch.</p> - -<p class="actor"><i>Er zeigt im Atlas</i>:</p> - -<p>Hier das Weiße!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Teufel!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>liest</i>:</p> - -<p>Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sozusagen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das reine Kanaan.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird -dir unmittelbar erreichbar, gewissermaßen Eigentum. -Ahnst du, was ein Alpenglühen bedeutet?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Was denn weiter?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, -ein Nonpareille. In Zürich könnte ich mit der Bedingung, -ihr überlaßt mich die nächsten Jahre durchaus -mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente -aufrunden.</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>nach einer Pause</i>:</p> - -<p>Ich habe rein menschliche Bedenken.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Unterlaß alle Anmerkungen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Man soll sich aussprechen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus -Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf. -Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso -alt. Wir haben im Leben nicht viel Gutes gehabt, -bleiben auch nicht mehr lange in dieser Welt mit dir -beisammen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen -gegenüber eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo -wir, einzelnes erläuternd, bequem davon reden können. -Jetzt gehts Schlag um Schlag. Zweitausendvierhundert -Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen Einkünften. -In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> -Vater, mir brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf -um die sichtbare Stelle im Leben ist gewaltig, der -Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse, -drängt eine Legion den Schritt ein.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. -Wie soll ich über all diese Novitäten ins reine kommen, -wann einsehen, wo für mich der höhere Sinn darin -sich zeigt?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>So folge ich dir unentschieden und werde wie ein -Begossener und Halbertrunkener sein.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Vertraue!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Später. Abgemacht, Vater?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Und fünfhundert — macht mit dem Meinen annähernd -fünftausendsechshundert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Siebentausend Franken.</p> - -<p class="actor"><i>An der Tür</i>: Mutter!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>An der Limmat? Ich bin starr.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>reicht ihm Atlas und Reisebücher</i>:</p> - -<p>Informiere dich.</p> - -<p class="actor">LUISE <i>tritt auf, leise zu Christian</i>:</p> - -<p>Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf -deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist — -ach Christel, sei vorsichtig mit den Frauen. Verführung -zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber -hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und -kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>fassungslos</i>:</p> - -<p>Unter Tirolern!</p> - -<p class="actor">LUISE:</p> - -<p>Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gewiß, Mutter.</p> - -<p class="actor"><i>Umarmt sie.</i></p> - -<p class="actor">LUISE <i>im Hinausgehen</i>:</p> - -<p>Mein Christel.</p> - -<p class="actor"><i>Luise, Theobald, Christian exeunt.</i></p> - - -<h3>FÜNFTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>kommt schnell zurück</i>:</p> - -<p>Einmal hatte ich das Wort beinahe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Er sieht in den Brief</i>:</p> - -<p>Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen -Pensionierung, und daß jetzt seine Kräfte schweiften — -wohin — wohin? In — Mannigfaltigkeit! Das ist es!</p> - -<p class="actor"><i>Er schreibt</i>:</p> - -<p>»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, -verhindert mich leider, Ihre liebenswürdige Einladung -anzunehmen.« So ist es eine Absage geworden, doch -wer weiß, wozu sie gut ist.</p> - -<p class="actor"><i>Es hat geläutet. Exit.</i></p> - - -<h3>SECHSTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.</i></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung -persönlich noch einmal mit Ihnen durchzusprechen. -Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie den Aktionären gültig -anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich die Gesellschaft -von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher -Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, -den Besuch zu übernehmen, doch fand man es schicklicher, -ich ordne die Sache, da meine Beziehungen zu -Ihnen vertrautere sind.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Danke, Graf.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Die Monambominen sind die Unternehmung einer -kleinen Gruppe von Menschen, die denselben Überzeugungen -leben. Haben nun auch Geschäfte und<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> -gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen -Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen -Mann an der Spitze seiner Geschäfte, der der ganzen -Lebensauffassung nach zu uns gehört.</p> - -<p class="actor"><i>Christian verbeugt sich.</i></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, -der mit Tüchtigkeit die noch seltenere Gabe vereinigt, -ein Empfinden für die durch Kult errungenen Werte -des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere -da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein -bedeutendes Gegengewicht fordert.</p> - -<p class="actor"><i>Christian verbeugt sich.</i></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen -des Lebens in einem Sinne geäußert, der durchaus mit -der Meinung unserer Kreise übereinstimmt, an Schärfe -dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem Wortschatz -der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär bezeichnen,</p> - -<p class="actor"><i>er lacht.</i></p> - -<p>und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit -Ihres Vortrages schien auf Herzenssache -zu deuten. Bitte?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es ist so.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin -durchdrungen. Sie stammen aus einem ausgezeichneten -Haus. Ihre Erziehung ist vollendet sogar in dem Sinne, -daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser selbstverständ<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>licher -Besonderheiten, die wir errangen, ist das unauffällig -Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, -aber auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was -uns noch fehlt, ist irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, -die Niederlegung in einen verpflichtenden -Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis vorstellen -können.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich verstehe.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« -gar nichts anderes als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann -ist kein Deklassierter. Gewisse Garantien nach gewissen -Richtungen. Bei Bürgerlichen können markante -Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wovon in meinem Fall keine Rede ist.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch -in zu hohem bürgerlichen Ansehen gelangten Familien -begnügt man sich mit diesem alle Mitglieder einschließenden -Gut. Es reicht hin, Sie finden aus der in -Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen -Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das -Vergnügen, Ihren Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Tot. Alles tot.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als -Repräsentant. Ich sehe Sie ergriffen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen -darf, was mein Herz seit der Jugend bewegt, da ich es -sagen soll: nie habe ich eine andere Sehnsucht -gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich sichtbar -in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer -Ahnen tragen, an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, -die Grundsätze zur Geltung bringen zu -dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es steht -mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem -Ziele schon gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die -Hand zu schwören, mein irdisches Leben ist ihm einzig -geweiht.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem -Augenblick haben Sie mich überzeugt. Ich danke. -Glaube für Ihre Ernennung bürgen zu können. Darf -ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden -Sie folgen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das heißt ...</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wie denn?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Also dann — trotz der <em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> meiner -Geschäfte.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne -finden Sie einen Menschen, der an einem Charakter -wie dem Ihren Gefallen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich -mehrfach sprechen.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Enchanté, lieber Maske.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.</p> - -<p class="actor"><i>Exit.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN, <i>der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, -sieht flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer -Vase eine Krawatte zu binden</i>:</p> - -<p>Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes -als Masche. Durchziehn des anderen. Und nun die -Schere.</p> - -<p class="actor"><i>Er schneidet</i>:</p> - -<p>Was dich ärgert — dein linkes Auge, wirf es von dir. -Diese Krawatte sitzt tadellos. Das ist erreicht!</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2 class="pagebreak">DER ZWEITE AUFZUG</h2> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> -<p class="actor"><i>Salon bei Christian Maske.</i></p> - - -<h3>ERSTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. — Da -ist der Corot.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu -dürfen.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Es kann dir werden.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen -der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes -Auftreten ward letzthin so dringend ...</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Liebt er mich?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, -besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer -Reihe schwieriger Umstände retten?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn -die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war;<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei. -Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen -wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich -einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Tiens!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in -dir zu besiegen haben.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns -nicht nahe, unser Gespräch verließ die Konvention niemals, -doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person -richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich -völlig niederwerfen konnte.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Mich juckt's mit ihm.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht -korrekt war?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Nein.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Lebt er nach unseren Gesetzen?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten -Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinahe. -Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er -unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? -Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung -im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben, -also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie -der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling -um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten -beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur -Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts -tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte -lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben -Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur -ein Adliger mit dem Bewußtsein angeborener Besonderheiten. -Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner -Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, -bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe -des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit -der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch -Generationen nicht eingeholt werden?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt -ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der -Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein -Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment -erwarte ich bei diesem Manne.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern -um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken, -die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm bei Gelegenheit -beizubringen.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen -dich.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Das verhüte Gott!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die -erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt -sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt. -Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch -nicht führen lassen will.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher -und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen, -die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit, -er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Marianne!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen -mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen. -Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine -Güte gehabt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich war zu nachgiebig.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Und wirst es ferner sein.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Nur bis an die Grenze des Möglichen.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>eindringlich</i>:</p> - -<p>Liebe steckt die Grenzen weit.</p> - - -<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>im Reitanzug tritt schnell auf</i>:</p> - -<p>Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu -meiner Entschuldigung sagen, der Kolonialminister hielt -mich auf, wollte meinen Rat.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens -unserer allergnädigsten Majestät präsentieren.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, -das ich nicht besitze. Die ungeheuere Verantwortung -bricht in Dingen, die das Wohl des Staates angehen, -die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht in -Gott hat.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Magnifique! Was ritten Sie heute?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. — Gefällt -Ihnen das Bild, Komtesse?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch -ergreift es mich.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität -aber eigenartig.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Können Sie so etwas bestimmen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder -des Malers.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wo nehmen Sie die Zeit her?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam -von der ersten Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und -ich war für den Rest lebendig.</p> - -<p class="actor"><i>Zu Marianne</i>:</p> - -<p>So geht es mit allen Dingen.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wir müssen fort.</p> - -<p class="actor"><i>Zu Marianne</i>:</p> - -<p>Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zum Grafen</i>:</p> - -<p>Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein -paar Minuten bitten?</p> - -<p class="actor">GRAF <i>zu Marianne</i>:</p> - -<p>Brauchst du mich?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Bleib.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu Marianne</i>:</p> - -<p>Ich bringe Sie zum Wagen.</p> - -<p class="actor"><i>Marianne und Christian exeunt.</i></p> - - -<h3>DRITTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Graf nimmt von einem Tisch ein Buch</i>:</p> - -<p>Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat -sich unterrichtet.</p> - -<p class="actor"><i>Er blättert und liest</i>:</p> - -<p>Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen -1220 urkundlich zuerst erscheint. Augustus Aloysius -mit Elisabeth Gräfin von Fürstenbusch, gestorben auf -Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute Lisbeth. -Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter -Sproß, und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske -heiratet.</p> - - -<h3>VIERTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr -hier abholen zu können.</p> - -<p>Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand -Ihrer Tochter Marianne.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach -jeder Richtung hin reiflich erwogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse -nicht unbedingt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene -Meinung.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine -Ansicht nur gehört und bleibt ohne entscheidenden -Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung gerechnet?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich fühlte Ihre starken Widerstände.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker -zu Ihnen distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, -der Wahrheit die Ehre, einigermaßen von Ihnen -emballiert.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle -überraschenden Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher -Art. Von Ihrer großen Zukunft bin ich felsenfest -überzeugt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Er gab keine Angriffsfläche.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Darf ich fragen?</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ganz offen: Standesvorurteile.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit -ist eine Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich -verehre. Nur gegen meine Person gerichtet, hätte es -mich stärker berührt.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich -Angreifer desselben sein.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich liebe Ihre Tochter.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren -Antrag an.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>macht eine unwillkürliche Bewegung, die -seine Erschütterung verrät</i>.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit -auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, -sehe ich, wie fremd Sie noch blieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich -aus einem Buch über den Stall, aus dem er kommt, zu -belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche -Name seinen Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er -ungemerkt und in seinen Handlungen unbeaufsichtigt. -Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, handeln unter -den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht -auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser -Masse gibt uns ein Recht, unsere Verdienste bemerkt -und belohnt zu sehen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu -beugenden Willen hat, die Konsequenzen solcher Anschauungen -zu tragen, der Eintritt in die Gemeinschaft -frei sein.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren -zu erkennen.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ihre Eltern, Voreltern?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, -vorbereitet. Kleine Beamte nur — mein Vater ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst -um so bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr -erst kürzlich wieder belehrte. Der Fall unseres Postministers, -der aus ähnlichem Milieu wie Sie stammt, ist -der einleuchtendste.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>laut lachend</i>:</p> - -<p>Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete -Elternpaar allenthalben aufzukommen.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die -Entscheidung hängt von uns nicht ab — warten wir. -Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter bringt -keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren -bis auf Reste unser Vermögen und schränken uns -ein, meinem Sohn den Zuschuß zu gewähren, den das -Regiment verlangt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>verneigt sich</i>:</p> - -<p>Darüber ist kein Wort zu verlieren.</p> - -<p class="actor">DER DIENER <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Der Wagen der Komtesse.</p> - -<p class="actor">GRAF <i>exit</i>:</p> - -<p>Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.</p> - - -<h3>FÜNFTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. -Vorbereitet und durch das Geständnis seiner Mittel<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>losigkeit -in Verlegenheit, hätte er es geschluckt, und -sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die neue -Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in -meiner Gewalt.</p> - -<p>Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! -Und ist der Augenblick gekommen — persönlich sie -vorstellen. Mediam in figuram jedermann. Wollen -doch sehen!</p> - -<p>Wie die Alten sich freuen werden!</p> - -<p class="actor"><i>Er schreibt und liest</i>:</p> - -<p>Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier -freudigste Überraschung.</p> - -<p class="actor"><i>Er läutet</i>:</p> - -<p>Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, -bis zum eigenen Bad an ihren Zimmern muß ihnen alles -ein großes Staunen sein.</p> - -<p class="actor">DIENER <i>tritt auf</i>.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das Telegramm sofort abtragen.</p> - -<p class="actor">DIENER <i>exit</i>.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. -Wenn sie vorm Einschlafen überdenkt, was sie und ich -von meiner Zukunft geträumt, und wie es noch viel -besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben spüren. -Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten -Unarten sind bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin -tun das letzte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - - -<h3>SECHSTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Sybil tritt auf.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Die Eltern.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wer sagt dir das?</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst -du an dem Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an -wen du beim Einschlafen dachtest. Warum, wenn du -von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte. -Durch die räumliche Trennung hast du dich -auf deine Art völlig in die beiden alten Menschen verrannt. -Schließlich brachtest du nichts mehr vor, ohne -gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich entbehrte sie schwer.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich -gar nicht außer mir. Wie ein kleiner König stand ich -zu ihr. Meine große Zukunft bejahte sie im voraus. -Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen -und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß -dazu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir -gefunden?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch -stets unbedankt, stets durch mich glücklich.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos -gegen dich betragen. In der Überzeugung, dich -durch sein Erscheinen schrecken zu können, hat er ein -über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die -er brauchte.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, -er wäre anders ins Zeug gegangen. Er würde -sich, sähe er die Wirklichkeit, gütlich tun.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das -Dämonische an diesen Geschlechtern, deren Wurzeln -noch auf dem Erdboden laufen, die Gesamtheit fühlt -nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit einem -Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo -der andre darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von -einem Stamm entsprossen, mit ihm durch feinste Adern -noch verbunden, ist unser Wohl von seiner Gesundheit -abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem -Ast trifft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus -unserer Zeit heraus.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr -von den Erschütterungen der Epoche als ich? Weil du -dich an Phrasen der Sozialdemokratie berauschst, die dir -mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die -Ohren vollbläst.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu -stillen über den, der den Weg zum Brot sperrt, müssen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht -und dabei ganz anders als Myriaden den Boden in mir -aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog ich durch den -Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst -das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen -mir vom Leibe riß und das flatternde Band am Halse -zu einer festen Krawatte knüpfte. Mich allmählich zur -Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben -bedarf.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf -der höchsten, steht der Stärkere, der Todfeind, den du -besiegst, oder er vernichtet dich.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du -noch zu laufen, bis dir die Wahrheit schwant.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich -nicht in den Zähnen stocherte! Über all den äußeren -Kram bist du nicht hinweggekommen. Dein Anzug ist -der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren -Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Das war nicht mein Ziel.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ressentiment.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, -deine Eltern zurückzuholen ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die ich liebe.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger -gibt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Vergöttere!</p> - -<p class="actor">SYBIL <i>lacht</i>:</p> - -<p>Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn -dulden ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kein Wort mehr!</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte -deiner Mutter, an deines Vaters Schmierstiefeln -berauschen. Deine erste Tat, die sie vor Entwürdigung -und dich vor Demütigung schützte, war zarteste Rücksicht -für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten -des Lebens flüchten. Endlich darf ich verweilen und -die irdischen Güter betrachten. Der erste Luxus, den -der reiche Mann treibt, ist seine Familie.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. -Liebst du sie wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. -Doch opfere sie nicht der Eitelkeit, daß bei dir alles sein -muß, wie der gute Ton es vorschreibt. Du willst die -Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern -kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib -ihr fremd und geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner -außer dir besitzt, du mußt nicht auch noch Eltern haben.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte -Ziffernmacht, allen Einfluß strenge ich bis zum äußersten -an, meinem Vater Geltung zu verschaffen. Keine Widerworte! -Ich will! Das sind Dinge, für die in dir jede -Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall -in dir war.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir -sind Fremde. Geh!</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der -Zwanzigmarkstücke von mir nahm?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der -dich in diesem Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.</p> - -<p class="actor">SYBIL:</p> - -<p>Ein einziges — mein Leben dafür —, das dich kennzeichnete -und ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen -wie den eben geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir -das Andenken deiner großen Leidenschaft. Doch bleibt -das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, drohen dir -unnachsichtlich die Gerichte.</p> - -<p class="actor"><i>Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.</i></p> - - -<h3>SIEBENTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man -nicht mehr sah. Versuche eines Embryos des Menschtums, -dich mit Redensarten deiner Natur und notwendigen -Schlüssen abspenstig zu machen.</p> - -<p class="actor"><i>Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen</i>:</p> - -<p>Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau -bekannt sind, werde nicht blaß vor dir selbst, mach ein -Bild, eine saftige Figur aus dir und denk nicht an die -Unterschrift, die die Zuschauer geben.</p> - -<p class="actor"><i>Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen</i>:</p> - -<p>Wer ist das?</p> - -<p class="actor"><i>Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei</i>:</p> - -<p>Mutter!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - - -<h3>ACHTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>nach einer Pause, während der Christian, -gegen die Tür gelehnt, schluchzend steht</i>:</p> - -<p>Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der -Sache ins Auge sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, -hätte ich dich vorbereitet. Aber sie war immer -für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode -so gehalten.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem -Pomp ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Auch das ist seit gestern vorbei.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nicht einmal dazu riefest du mich!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch -dazu wußte ich nicht, ob's dir hier in den Kram paßte. -Beerdigung ist immerhin eine offizielle Angelegenheit. -Die Sekunde, in der ihr während der ganzen windschnellen -Katastrophe schwante, um was es sich für sie -handele, hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts -davon erfährt. Also ganz in ihrem Sinn. Friert dich?</p> - -<p class="actor"><i>Christian exit.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh -mal an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>kommt zurück, einen schwarzen Anzug über -dem Arm. Er kleidet sich während des folgenden, teilweise -hinter einem Wandschirm, um</i>:</p> - -<p>Du darfst jetzt ruhig berichten.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank -Kaffee, wie sie das so machte, immer das Stück Zucker -auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt sie, und sank hin.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>schluchzt beherrscht</i>:</p> - -<p>Keine Krankheit vorher, kein Leid?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Nichts.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben -Luise.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit -und Regelmäßigkeit geführt, verborgen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser -auf die lange Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, -ganz unwichtig und lief ins Gleichmaß der Dinge. Durch -mich hatte deine Mutter letzthin angenehme ruhige Tage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen -des würdigen Grabmals gleich mich ins Vernehmen -setzen. Niemandem kann ich anvertrauen, wie ich an -ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler den Ausdruck -dafür.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Vielleicht.</p> - -<p class="actor"><i>Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes -gibt und sein Trauerkleid vollendet.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest -du bei dir zu Haus das Telegramm gefunden, das euch -zu den glücklichsten Eröffnungen herrief.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Du hast uns telegraphiert?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich erwartete euch mit Ungeduld.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Was ist hier Wichtiges vorgefallen?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn -verlobt gefunden.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Schau! Ist das Mädchen hübsch?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es ist — Gräfin.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Christian! Wo hast du den Mut her?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gehört Mut dazu?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein -wenig in meiner — da hast du ja einen tollen Satz gemacht.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Über uns fort, Vater.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Es ist unheimlich. Und jene?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das ist alles, was du mir dazu sagst?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische -Folge.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter -— es hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und -der Vater Graf, die ganze Verwandtschaft — Junge, du -bist verrückt!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was heißt der Unsinn?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da -machst du einen ja lächerlich. Kennst du denn gar keine -Rücksichten mehr? Einen Grafen habe ich überhaupt -noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht -zu dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst -kehrst? Ich sage doch! Ein Subalterner in Pension.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das ist Larifari.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das -anzutun? Mit Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>betreten</i>:</p> - -<p>Aber ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte -Person. Ich werde närrisch. Habe ich mich doch nicht -so, als du damals die Sperenzien mit uns machtest, über -den Tod meiner Frau habe ich mich nicht so aufgeregt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Aber Vater ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>immer erregter</i>:</p> - -<p>Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke -machen, ins Anomalische steigst du ja! -Deine Mutter stirbt mir mit sechzig Jahren, ich bin sie -gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich flüchtet -man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser -gewisse, allenthalben genau bekannte Theobald und eine -ganze Grafenfamilie! Es ist um den Verstand zu verlieren.</p> - -<p class="actor"><i>Christian hat in Resignation das Florett genommen.</i></p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>ganz außer sich</i>:</p> - -<p>Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler -Beamter hier auf dem Platz, als daß ich der allgemeinen -Belustigung zum Opfer falle. Hast du denn aus der -Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen -und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben -schlurften, und du an unserer Seite den Herrn Kanzleirat<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -ehrfürchtig grüßen mußtest? Was aber kann ein Kanzleirat -gegen einen Grafen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>ängstlich</i>:</p> - -<p>Hör mir doch zu ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich -nicht närrisch werde!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen -Folgen nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? -Als du uns beide alte Leute in die Fremde schicktest, -schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich mit -Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den -höheren Sinn des Handels für dich, wenn auch nicht -für mich. Und da du es sonst an nichts fehlen, den -anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe.</p> - -<p class="actor"><i>Er springt auf</i>:</p> - -<p>Und jetzt wagst du solchen ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu -denken war, überwältigte mich ein Begehren, das vom -Augenblick unserer Trennung an in mir immer stärker -geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, da es -anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich -zu leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz -überhaupt hierher zu verlegen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>fällt in einen Stuhl</i>:</p> - -<p>Das ist klassisch!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Nicht dein Ernst?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits -nicht voraussehen.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Dein Ernst?!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich begreife nicht.</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>auf ihn zu</i>:</p> - -<p>Wie?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>weicht unwillkürlich zurück</i>:</p> - -<p>Begreife nicht ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Immer noch nicht?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber -dein Bedenken für übertrieben ... teilweise.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Übertrieben?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Andererseits ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Übertrieben?!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>eingeschüchtert</i>:</p> - -<p>Natürlich andererseits — wenn wirklich — natürlich. -Mein Gott, müßte man eben auf seinen Lieblingswunsch -verzichten — schweren Herzens. Auf deiner Teilnahme -an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen Umständen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen -Vorschlag unbefangen nur so hin, dann bemerke ich: -deinen Vater als Clown bei diesem Witz mitwirken sehn -zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm -in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu -laufen, später als Mann aus dem Volk lächerlich bei -Tisch zu sitzen ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Vater!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür -nehmen, daß ich dich in deiner Jugend meine väterliche -Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt vor aller Welt mein -Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese Einladung -gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, -um Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher -getan, und ich bin zufrieden, und willst du mehr, so -überlege noch einmal gründlich, was du vorhast. In -jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe -in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen -Sachen nichts zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, -nicht im geringsten molestiert. Darum bin ich -vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.</p> - -<p>Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe -andere Quellen. Und abends reise ich heim.</p> - -<p class="actor"><i>Er nimmt Hut und Stock.</i></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>ängstlich</i>:</p> - -<p>Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst -du überhaupt nicht in dem alten vernünftigen Ton mit -mir? Ungesehen verschwinde ich auf dem Wege, auf -dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der -nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst -du mal vorbei, ihr Grab zu sehen, soll's mich freuen. -Bist, von diesem Unsinn abgesehen, sonst ein guter Kerl; -läßt einen leben.</p> - - -<h3>NEUNTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">DIENER <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Graf Palen!</p> - -<p class="actor">GRAF <i>folgt sofort</i>:</p> - -<p>Marianne wollte zuerst, einem schönen Drange folgend, -es Ihnen selbst sagen — sie war sehr glücklich — innig -beglückt —</p> - -<p class="actor"><i>Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.</i></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Bitte mich vorzustellen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>in höchster Verwirrung</i>:</p> - -<p>Mein Vater ... bitte.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Tiens. Ah das —! Nein das — aber sehr angenehm. -Graf Palen. Sehr erfreut!</p> - -<p class="actor"><i>Reicht Theobald beide Hände</i>:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Und dachte ich immer — wie kam ich nur darauf? -Sah unseren Freund als Waise —</p> - -<p class="actor"><i>Er lacht</i>:</p> - -<p>Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt -mir den Tod meiner Mutter an. So gewinne ich Marianne -im rechten Augenblick.</p> - -<p class="actor"><i>Er sinkt dem Grafen an die Brust.</i></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Meine aufrichtige Teilnahme.</p> - -<p class="actor"><i>Zu Theobald</i>:</p> - -<p>Auch Ihnen, verehrter Herr.</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>verbeugt sich</i>:</p> - -<p>Danke, Herr Graf.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut. -Inzwischen bleiben die alten Herren beisammen.</p> - -<p class="actor"><i>Zu Theobald</i>:</p> - -<p>Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau, -eine Braut ersetze ich nicht, doch was ein anständiges -Essen vermag ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mein Vater wollte gleich zurück.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Aber das muten wir ihm nicht zu.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Frühstücken sollte man in jedem Fall.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und -Glückwünschen verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr -Sohn hat Sie lange genug unter Verschluß gehalten; -bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Beschnuppert — ist gut.</p> - -<p class="actor">GRAF:</p> - -<p>Sagt man nicht so?</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>lacht</i>:</p> - -<p>Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>bei Theobald, zischt</i>:</p> - -<p>Graf!</p> - -<p class="actor"><i>Zum Grafen</i>:</p> - -<p>Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim.</p> - -<p class="actor">GRAF <i>energisch</i>:</p> - -<p>Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor -allem ausgiebig frühstücken. Und alles andere findet -sich später. Kommen Sie!</p> - -<p class="actor"><i>Graf und Theobald exeunt.</i></p> - - -<h3>ZEHNTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe -ich einen Fehler gemacht?</p> - -<p class="actor"><i>Am Fenster</i>:</p> - -<p>Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch -umständliche Höflichkeit. — Ich habe einen Fehler<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -gemacht! Meine Hilflosigkeit, meine Verlegenheit um -ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß?</p> - -<p class="actor"><i>Er läuft zum Spiegel</i>:</p> - -<p>Ich zittre ja wie Espenlaub!</p> - -<p class="actor"><i>Er springt auf einen Stuhl am Fenster</i>:</p> - -<p>Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen über's ganze -Gesicht. Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren -Fehler habe ich gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen, -habe ich vor fünf Minuten hier nicht geschworen, -mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen? -Hatte ich doch den einzig richtigen Instinkt.</p> - -<p>Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie -klatschen, ich wollte meinen Vater verleugnen. Kann -er nicht behaupten, ich hätte ihn ehemals totgesagt? -Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab.</p> - -<p>Gegenmaßregeln! Schnell! Was?</p> - -<p class="actor"><i>Er läutet. Diener tritt auf.</i></p> - -<p>Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein -Vater kam an. Dem alten Herrn soignierteste Bedienung.</p> - -<p class="actor"><i>Diener exit.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>ihm bis zur Tür nach</i>:</p> - -<p>Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht -bekäme man ihn doch noch ohne allzu großes -Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein! Wie ich -es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen -hat: mit größter Geste muß ich ihn als etwas -Außergewöhnliches darbieten.</p> - -<p>Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und -es soll die ganze Familie umfassen.</p> - -<p>Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist.</p> - -<p class="actor"><i>Er läuft im Zimmer umher</i>:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>Was werden sie am Weintisch tun?</p> - -<p>Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er, -wenn der andere besoffen ist?</p> - -<p>Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?!</p> - -<p class="actor"><i>Außer sich</i>:</p> - -<p>Um Gottes willen! Ja um Gottes willen!</p> - -<p class="actor"><i>Er heult auf</i>:</p> - -<p>Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich -könnte mich ohrfeigen!!</p> - - - - -<h2 class="pagebreak">DER DRITTE AUFZUG</h2> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund -ein breiter Vorhang.</i></p> - - -<h3>ERSTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne -Brautkleid unter dem Überwurf treten auf.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Endlich Luft, Ruhe.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Diese Blumen.</p> - -<p class="actor"><i>Bei einem Strauß</i>:</p> - -<p>Vaters.</p> - -<p class="actor"><i>Sie nimmt eine Karte und liest</i>:</p> - -<p>Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier — -welch himmlische Orchideen!</p> - -<p class="actor"><i>Liest</i>:</p> - -<p>Von einer Unbekannten.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>So? Sentiment. — Was sprach er am Tisch fortwährend -mit meinem alten Herrn. Hörtest du die beiden?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wer soll das sein?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame -zu haben. Die dicke Gräfin ...</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe -Essen auf der Serviette.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Mutters Vetter Albert Thüngen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung -an und aß darüber nicht.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der -Prinzessin so intim, wie sie dich behandelte?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Sieben Jahre. Ihr duzt euch?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die Erzherzogin?</p> - -<p class="actor">JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna.</p> - -<p class="actor">JUNGFER:</p> - -<p>Gut, gnädige Komtesse.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange -Respekt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<p class="actor">JUNGFER <i>schluchzt</i>:</p> - -<p>Ja, gnädige Frau.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Was gibt's?</p> - -<p class="actor">JUNGFER <i>auf Mariannes Hand gebeugt</i>:</p> - -<p>Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht -mehr.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins.</p> - -<p class="actor"><i>Beide durch den Vorhang ab.</i></p> - - -<h3>ZWEITER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>springt an den Vorhang und lauscht nach -hinten</i>:</p> - -<p>Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche -Domestikenbagage hinter Schlüssellöchern auffängt und -weitergibt ...</p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ...</p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>... alte Jansen ... Unsinn!</p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten -Volants ... Rosenknospe ...</p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ...</p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>... Sah man doch</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>leiser</i>:</p> - -<p>ihren Busen mit Absicht.</p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>Um Gottes willen!</p> - -<p class="actor"><i>Gekicher, dann Geflüster.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>sich näher hinbeugend</i>:</p> - -<p>Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme, -erschlägt's das Wort. Flüstern und zu Boden sehen.</p> - -<p class="actor"><i>Gelächter in Absätzen.</i></p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>... Schnurrbartspitzen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo.</p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>... ein bißchen lächerlich.</p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>Still!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen -Abend noch dringe ich in den Tempel deines Herzens -und stelle fest, was du weißt.</p> - -<p class="actor"><i>Neues Gelächter.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle -Ventile in ihre Blutbahnen. Denn nachher spüle ich -mein Weib bis zum letzten Molekül rein von deinem Gift.</p> - -<p class="actor">DER JUNGFER STIMME:</p> - -<p>Es war zu komisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller -Tage Abend. Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen, -überdonnern sie alles, was vorher laut wurde.</p> - -<p class="actor"><i>Es ist hinten ganz still geworden.</i></p> - -<p>Still? Was haben sie jetzt?</p> - -<p class="actor"><i>Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen</i>:</p> - -<p>Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier -not, das Geständnis, wieviel die Welt dir geklatscht, -vom Vater angefangen bis zu dieser Laus. Ich habe -einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir herauszulocken, -daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für -dich zu behalten. Du trittst nicht über die Schwelle -meines Namens, Weib, es sei denn, derselbe ist ehrfürchtig -und gerührt von dir empfunden.</p> - -<p class="actor">DIE JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?</p> - -<p class="actor"><i>Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet -durch den Vorhang.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man -sich selbst verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen -ausgeliefert. Mit Finessen will ich rekognoszieren, -wo in deiner Familie mein grimmigster Feind sitzt. Er -muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich -dein Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.</p> - -<p class="actor"><i>Er stiert in den Koffer</i>:</p> - -<p>Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem -Koffer an Büchern? Schmähschriften?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Er zieht ein Buch aus dem Koffer</i>:</p> - -<p>Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden -gegen mich aufgehäuft sein? Das wollen wir bei -Gelegenheit bis in die Nieren bloßlegen.</p> - - -<h3>DRITTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor"><i>Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür</i>:</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das ist unerhört!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Nur einen Augenblick.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was gibt's noch?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Zärtlichkeit.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du bist betrunken.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen -Abend dir einen Kuß hinhauchen, doch erwischte -ich dich nicht. Räsoniere nicht, Bengel. Du bist ein -Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich. -Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie -Papierhemden. Als Sieger bist du über meine Meinungen -und Prinzipien hinweggegangen. Ich lebte allzeit von -Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten und -so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie -du heute mit diesen Leuten umgingst, nicht wie mit -deinesgleichen, sondern fast von oben herab; wie sie -dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und wie du<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> -dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte -mein Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich -gemacht; ich sinke hin an deine Brust.</p> - -<p class="actor"><i>Umarmt ihn.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, -als alles in Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Vater!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. -Unsere Mutter hätte dabei sein sollen. Morgenröte, -Morgenröte war mein Gefühl, soll man's für möglich -halten!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ist es denn wahr?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter -geschnallt. Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. -Du hast mich völlig in dir; schweig. Jetzt -kommt das Geständnis, eine ehrwürdige Sache. Das -sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig, -verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur -Welt, der höhere Sinn von mir — bist du. Wegjagen -wolltest du mich. Hattest es schon eher im Bewußtsein, -doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten. -Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige -grenzenlose Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -kehrt sie wieder. Glücklich nach Zürich, große Hauptgasse -No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat a. D. und -stiert begeistert seinen Sohn an.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Man kommt!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach -weiter so und keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, -Abscheu, Haß und so weiter; aber sie haben bodenlose -Achtung aus Verständnislosigkeit.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das sagst du?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit -habe ich mich in ihr Vertrauen geschlichen. Da man -das Band des Adlers von Hohenzollern für das Eiserne -Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt -haben. Da aber heute die Tafelrunde: als schließlich -ich mich lichterloh an dir entzündete, ergriff ihn -die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die rührende -Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. -Es kapitulierte vollständig.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Fertig also mit ihnen?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nach<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>lassen. -Auf meine Art hatte ich stets die Überzeugung -von der Bedeutung unseres Stammes. Konnte sie aber -nur den Allernächsten mitteilen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mir!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Und du schnellst uns weiter.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die -Sehne.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wir kletten uns fest.</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Ins Gewebe.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!</p> - -<p class="actor">THEOBALD <i>späht durch den Vorhang</i>:</p> - -<p>Respekt!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>He?</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Hehe!</p> - -<p class="actor"><i>Beide kichern und fallen sich in die Arme.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Maske for ever!</p> - -<p class="actor">THEOBALD:</p> - -<p>Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache!</p> - -<p class="actor"><i>Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.</i></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein -Ziel ward gekrönt. Zerknirschung des Feindes, Verbeugung -vor dem Sieger. Abgang durch die Mitte. -Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel, -wie weit wirklich die nähere Umgebung hinsank; und -dann soll die Frau, auf die es vor allem ankommt, an -diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht zelebrieren. -Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein.</p> - - -<h3>VIERTER AUFTRITT</h3> - -<p class="actor">MARIANNE <i>in einem Negligé tritt auf</i>:</p> - -<p>Gefall ich dir?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p> - -<p>Darauf kommt jetzt nichts an.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter -trug sie an dem betreffenden Abend ihres Lebens.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nichts entspricht.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich — keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles. -Du sollst kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte -bin ich, und welche war besonders? Ist ein Gedanke, -ein Hauch von einer anderen noch bei dir?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft?</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>die Arme um seinen Hals</i>:</p> - -<p>Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> -Er weiß und rosa mit blonden Haaren auf der Lippe; -weiter wußte ich nichts von ihm.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was weißt du von mir?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast -breite Glieder und wippst beim Gehen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ist das wahr?</p> - -<p class="actor"><i>Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.</i></p> - -<p>Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang -sprechen. Rhythmus ist in der Bewegung.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>lacht hell</i>:</p> - -<p>Und wie marschiere ich?</p> - -<p class="actor"><i>Hebt den Rock und trippelt.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Was sonst noch? Was ich treibe?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Geschäfte.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Welcher Art?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Bank. Kommt es darauf an?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor -unseres größten wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere -einen fünften Teil des Nationalvermögens.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Tiens!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen -Angelegenheiten mit dir?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>So hin.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>So hin. Darin liegt alles.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich bin müde.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>für sich</i>:</p> - -<p>Aufforderung zum Tanz.</p> - -<p class="actor"><i>Laut</i>:</p> - -<p>Zu früh. Bin ich dir nicht ein völlig Fremder, da dein -Vater nicht ernsthaft über mich sprach — wirklich nie, -denke nach! Kam er nicht eines Tages fieberhaft erregt -nach Haus? Besinne dich!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Fieberhaft erregt sah ich ihn nie.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Also wirklich nicht!</p> - -<p>Kurz, es ist Verdienst, steht ein Mann so jung auf solchem -Posten. Wie wenn einer mit sechsunddreißig Jahren -General wäre.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Das kann höchstens ein Prinz.</p> - -<p class="actor"><i>Sie sitzt auf seinem Schoß.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Oder?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wer?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Denk nach.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich weiß nicht.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses -Jahres bei einundvierzig Gesellschaften die Emission -neuer Aktien im Gesamtbetrage von etwa dreiviertel -Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus folgenden -Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig -Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache -nicht gefundene Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen -rund einer halben Million Menschen mehr -geboten, die das Land ermutigt wird, hervorzubringen. -Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht in -Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse -und deren Arbeitsresultat. Verstehst du?</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>immer auf seinem Schoß</i>:</p> - -<p>Ich versuche.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den -Zeugungsapparat. Wachsen neue Kamine hoch, öffnet -man hastig das Ventil. So stehen wir Kapitäne, sagte -ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen -sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen -Zuwachsbedürfnis nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren. -Verstehst du?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich glaube.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos -für bessere Qualität sorgen. Da hast -du einen kleinen Eindruck, wie ich Nationalökonomie -praktisch treibe.</p> - -<p class="actor"><i>Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet -durchs Zimmer</i>:</p> - -<p>He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt.</p> - -<p class="actor"><i>Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und -schüttelt sie sanft hin und her, während er ihr starr ins -Auge sieht</i>:</p> - -<p>Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid -meinerseits in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate -bei unseren Schiffsgesellschaften anführen. -Die Menschen sind kurzsichtig, und in den Händen -weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Bist du so reich?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren -aus der Kraft meines Blutes. Du sahst nun meinen Vater -einige Male. Persönlichkeit! Wie? Schon prägten sich -auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der -Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles. -Merktest du, wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten -zum Glase griff? Schade, daß du meinen Großvater -nicht kanntest. Ein tolles Huhn — aber —! Das wächst -mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in -meiner Person den konsequentesten Ausdruck.</p> - -<p class="actor">DIE JUNGFER <i>tritt auf</i>:</p> - -<p>Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung -nehmen? Hier im Hotel — der gnädige Herr vielleicht?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.</i></p> - -<p class="actor">JUNGFER:</p> - -<p>Gute Nacht.</p> - -<p class="actor"><i>Exit.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Welch merkwürdige Form eigentlich.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>setzt es auf</i>:</p> - -<p>Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt, -für die Frauen unseres Geschlechts am Hochzeitstage -zu tragen, war eine Marquise d'Urfés, Großtante meiner -Mutter.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Bon. — Was sagte ich noch? — Aber ich habe eine Überraschung -für dich.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>klatscht in die Hände</i>:</p> - -<p>Zeig!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt -und bereitgestellt.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>abgewandt</i>:</p> - -<p>Eins zwei drei —</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der -Wand lehnte, freigemacht und gegen seine Beine gelehnt -vor sich gestellt</i>:</p> - -<p>Jetzt sieh her.</p> - -<p class="actor"><i>Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch -von Angesicht zu Angesicht sehen will. Meine Mutter, -die ihren Jungen heiß geliebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Welch bedeutendes Antlitz!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nicht wahr. Von Renoir gemalt.</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>fliegt Christian an den Hals</i>:</p> - -<p>Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen -Sohn, meinen Christian.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.</p> - -<p class="actor"><i>Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein -Teint!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. -Wikingersachen werden gefaselt. Sieh den tüchtigen -Familienschmuck, die rote Koralle im Ohr. Einer ihrer -Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den schwedischen -Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert -eine Anekdote.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Das wundervolle Haar!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah -sie eines Tages im Bois de Boulogne. Der Entschluß, -sie zu malen, soll augenblicklich festgestanden haben.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Das läßt sich denken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf -mal deine Öhrchen auf, es kommt das Niedlichste von -der Welt. Vater und Mutter also im Bois, nach einem -solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine -Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich — die -Frau steht wie angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. -Vater, den grauen Zylinder keck auf dem Kopf — er -hat mir die Situation oft geschildert — ruft, lockt — sie -weicht nicht.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Was hatte sie?</p> - -<p class="actor"><i>Christian flüstert ihr ins Ohr.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>hell auflachend</i>:</p> - -<p>Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>aus vollem Halse lachend</i>:</p> - -<p>Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir -das oft erzählt. Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. -Es soll ein Anblick für Götter gewesen sein.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage -und mit ihm ein französischer Vicomte, der die Szene -gleichfalls sah.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wie lange ist das her?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher -bringt. Ich kenne sie jetzt viel besser. Für deinen Vater -war die Lage nicht angenehm.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für -das appetitlich Komische. Er adorierte sein junges -Gespons und war gleichfalls ganz gefangen von dem -Charme der Erscheinung.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Viel Geschmack im Anzug.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Darin war sie Meister.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und -all die himmlischen Frauen, die sich so trugen, sind tot.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.</p> - -<p class="actor"><i>Er hängt das Bild an die Wand.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Hast du das Gut gekauft?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die -Frau war alles in allem etwas so Überlebensgroßes, daß -sie ein Recht auf solche Ehrung hat.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst -habe ich den rechten Begriff von ihnen. Du hast die -Gabe, Menschen plastisch zu machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. -Was aus der Menschen Mund gewöhnlich -kommt, sind Worte, nur Worte.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich brauche Anna noch einmal.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Doch nicht wieder das Mädchen!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Gib her.</p> - -<p class="actor"><i>Er fängt an, die Ösen zu suchen.</i></p> - -<p>Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche -verstehen, durch die man sich also auch nicht von -Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.</p> - -<p class="actor"><i>Marianne gähnt.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde -der Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck -hinein, der den Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, -und der <em class="gesperrt">Begriff</em> heißt.</p> - -<p class="actor"><i>MARIANNE gähnt</i>:</p> - -<p>Aha!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>knöpft</i>:</p> - -<p>Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen -auch?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Bitte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle -Tat, die Menschengeist verrichtet, will schließlich nur -das eine: sie orientiert über das ungeheure Gebiet umgebender -Welt, indem sie Mannigfaltigkeit überwindet. -So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die -eigene Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich -Wald.</p> - -<p class="actor"><i>Er ist mit Knöpfen fertig.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Danke.</p> - -<p class="actor"><i>Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht -den Wald vor lauter Bäumen nicht.</p> - -<p class="actor"><i>Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht -keinen Baum mehr vor lauter Wald.</p> - -<p class="actor"><i>Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen</i>:</p> - -<p>Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie -in der Tasche.</p> - -<p class="actor"><i>Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten</i>:</p> - -<p>Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns -wie das meine. He?</p> - -<p class="actor"><i>Reibt sich die Hände, zu sich</i>:</p> - -<p>ça marche ce soir.</p> - -<p class="actor"><i>Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen</i>:</p> - -<p>Meine gute Mutter!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p class="actor"><i>laut</i>:</p> - -<p>Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise -in die Vereinigten Staaten und kam von dort über die -Südseeinseln, Asien zurück. In Honolulu verliebte sich -der König Kalakaua sterblich in sie.</p> - -<p class="actor"><i>Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht</i>:</p> - -<p>Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.</p> - -<p class="actor"><i>Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel -abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.</i></p> - -<p><i>Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.</i></p> - -<p><i>Pause.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>Was wurde denn aus dem Vicomte?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Welcher Vicomte?</p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine -Eltern kennen lernte.</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ach, der Vicomte! Tja — — der —</p> - -<p class="actor"><i>Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.</i></p> - -<p class="actor">MARIANNES STIMME:</p> - -<p>Was wurde denn mit ihm?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p> - -<p>Donnerwetter!</p> - -<p class="actor"><i>Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.</i></p> - -<p>Hm.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ist denn da ein Geheimnis?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>zu sich</i>:</p> - -<p>Wüßte ich jetzt — aber natürlich — o großer Gott! Da -packe ich dich, da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.</p> - -<p class="actor"><i>Er geht zum Vorhang und flüstert hinein</i>:</p> - -<p>Marianne!</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>mit erregter Stimme</i>:</p> - -<p>Ich komme!</p> - -<p class="actor"><i>Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.</i></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Was sagte ich denn?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Mit dem Vicomte; was wurde?</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Ja?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Nie hätte ich die Zähne geöffnet.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Christian! Was denn?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Unmöglich! Nie!</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Christian! Ich bin dein Weib — habe ein Recht ...!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Ich bin auch ein Sohn.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Du hast Pflichten vor mir.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Jener ...?</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN:</p> - -<p>Du bekommst kein Wort aus mir heraus.</p> - -<p class="actor">MARIANNE:</p> - -<p>Der also — der Vicomte ...?!</p> - -<p class="actor">CHRISTIAN <i>stark</i>:</p> - -<p>Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals -daran zu rühren; jemals jemanden, auch mich selbst, -ahnen zu lassen, was du vermutest, was du meinst. Ich -heiße Maske und basta!</p> - -<p class="actor">MARIANNE <i>erschüttert</i>:</p> - -<p>Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich -dich aber von jetztab sehe, das ist meine Sache.</p> - -<p class="actor"><i>Leise</i>:</p> - -<p>Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen -uns niederfällt, als ob erst jetzt ich ungehemmt in dich -versänke.</p> - -<p class="actor"><i>Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild</i>:</p> - -<p>Süße Mutter Ehebrecherin!</p> - -<p class="actor"><i>An Christian niedergleitend</i>:</p> - -<p>Mein lieber Mann und Herr!</p> - -<p class="actor"><i>Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.</i></p> - - -<p class="center p2">FINIS.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - - - - -<p class="center p6">Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.</p> - -<p class="center">Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - - -<h2 class="pagebreak" title="Werbung">INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</h2> - -<p class="center"><i><big>CARL STERNHEIM:</big></i></p> - - -<p><em class="gesperrt">DON JUAN.</em> Eine Tragödie. Geheftet -M. 5.—, in Halbleder M. 8.—, in Ganzleder -M. 15.—</p> - - -<p><em class="gesperrt">ULRICH UND BRIGITTE.</em> Ein dramatisches -Gedicht. <em class="gesperrt">Zweite Auflage.</em> Geheftet -M. 3.—, in Leinen M. 4.—</p> - -<p class="center"> -<i>AUS DEM BÜRGERLICHEN<br /> -HELDENLEBEN</i>: -</p> - -<p>I. <em class="gesperrt">Die Hose.</em> Lustspiel. Geheftet M. 3.—, -in Halbpergament M. 4.—</p> - -<p>II. <em class="gesperrt">Die Kassette.</em> Komödie in fünf Aufzügen. -Geh. M. 3.—, in Leinen M. 4.—</p> - -<p>III. <em class="gesperrt">Bürger Schippel.</em> Komödie in fünf -Aufzügen. Geh. M. 3.—, in Leinen M. 4.—</p> - -<p>IV. <em class="gesperrt">Busekow.</em> Eine Novelle. (Kurt Wolff -Verlag, Leipzig.)</p> - -<p>V. <em class="gesperrt">Der Snob.</em> Komödie in drei Aufzügen. -Geheftet M. 3.—, in Leinen M. 4.—</p> - -<p>VI. <em class="gesperrt">Der Kandidat.</em> Politische Komödie -in vier Aufzügen nach Flaubert. Geheftet -M. 3.—, in Leinen M. 4.—.</p> - -<div class="transnote pagebreak p4"> -<h2 class="pagebreak">Anmerkungen zur Transkription</h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen -gebräuchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>deines -- deins</li> -<li>Durchziehen -- Durchziehn</li> -<li>Geschlechtes -- Geschlechts</li> -<li>sehen -- sehn</li> -<li>ungeheuere -- ungeheure</li> -</ul> - - -Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. -Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert.</li> -<li>S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert.</li> -<li>S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert.</li> -<li>S. 13 »kanns« in »kann's« geändert.</li> -<li>S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert.</li> -<li>S. 17 »ists« in »ist's« geändert.</li> -<li>S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert.</li> -<li>S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert.</li> -<li>S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert.</li> -<li>S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert.</li> -<li>S. 31 »wärs« in »wär's« geändert.</li> -<li>S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert.</li> -<li>S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert.</li> -<li>S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert.</li> -<li>S. 38 »bins« in »bin's« geändert.</li> -<li>S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert.</li> -<li>S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert.</li> -<li>S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert.</li> -<li>S. 53 »unsre« in »uns're« geändert.</li> -<li>S. 56 »solls« in »soll's« geändert.</li> -<li>S. 61 »obs« in »ob's« geändert.</li> -<li>S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert.</li> -<li>S. 65 »wars« in »war's« geändert.</li> -<li>S. 69 »solls« in »soll's« geändert.</li> -<li>S. 72 »übers« in »über's« geändert.</li> -<li>S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert.</li> -<li>S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert.</li> -<li>S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert.</li> -<li>S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert.</li> -<li>S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert.</li> -<li>S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert.</li> -<li>S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert.</li> -<li>S. 83 »mans« in »man's« geändert.</li> -<li>S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert.</li> -<li>S. 95 »mans« in »man's« geändert.</li> -<li>S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert.</li> -</ul> - - -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Snob, by Carl Sternheim - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB *** - -***** This file should be named 60089-h.htm or 60089-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/0/8/60089/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription -was produced from images generously made available by -Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. 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Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60089-h/images/cover.jpg b/old/60089-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3cf2fb7..0000000 --- a/old/60089-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60089-h/images/signet.png b/old/60089-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 3ce7a76..0000000 --- a/old/60089-h/images/signet.png +++ /dev/null |
