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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:26:41 -0700 |
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Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Helden + +Author: George Bernard Shaw + +Release Date: July, 2004 [EBook #6004] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on October 15, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN *** + + + + +Produced by Mike Pullen, Charles Franks and the Online Distributed +Proofreading Team. + + + +HELDEN + +Komödie in drei Akten + +George Bernard Shaw + + + + +"Arms and the Man", der Titel der Komödie, sind die ersten Worte der +englischen Übersetzung der Äneis. Im Deutschen wäre die Übertragung +von "Arma virumque cano": "Waffentaten besingt mein Gesang und den +Mann..." zu langatmig geworden, weshalb ich das der Entthronung +unechter Helden geltende Werk "Helden" nannte. + +Anmerkung des Übersetzers. + +PERSONEN + +Paul Petkoff, bulgarischer Major. +Katharina, seine Frau. +Raina, ihre Tochter. +Sergius Saranoff, bulgarischer Major. +Bluntschli, Hauptmann in der serbischen Armes. +Louka, Stubenmädchen. +Nicola, ein Diener. +Ein russischer Offizier. +Ein bulgarischer Offizier. + +Ort der Handlung: Eine kleine Stadt in Bulgarien in der Nähe des +Dragomanpasses. + +Zeit: Das Jahr 1885. + + + + +ERSTER AKT + +[Nacht. Das Schlafzimmer eines jungen Mädchens in Bulgarien, in +einer kleinen Stadt nahe dem Dragomanpaß. Ende November 1885. Durch +ein großes offenes Fenster mit kleinem Balkon schimmert sternhell die +schneebedeckte Spitze eines Balkanberges wundervoll weiß und schön +herein. Das Gebirge scheint ganz nahe, obwohl es in Wirklichkeit +meilenweit entfernt ist. Die innere Einrichtung des Zimmers hat +keinerlei Ähnlichkeit mit der im östlichen Europa üblichen. Sie ist +halb reich bulgarisch, halb billig wienerisch. Über dem Kopfende des +Bettes, das gegen eine schmale Wand gelehnt ist, die die Ecke des +Zimmers in der Richtung der Diagonale abschneidet, steht ein blau und +goldbemalter hölzerner Schrein mit einem Christusbilde aus Elfenbein. +Darüber schwebt in einer von drei Ketten gehaltenen durchbrochenen +Metallkugel eine Lampe. Die Hauptsitzgelegenheit, eine türkische +Ottomane, befindet sich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers, +dem Fenster gegenüber. Die Bettvorbänge und die Bettdecke, die +Fenstervorhänge, der kleine Teppich und alle Stoffe des Zimmers sind +prächtig und orientalisch. Die Tapeten an den Wänden sind +abendländisch und armselig. Der Waschtisch an der Wand in der Nähe +des Fensters und der Ottomane besteht aus einem emaillierten eisernen +Becken und einem Eimer darunter, beides in einem bemalten +Eisenständer. Ein einziges Handtuch hängt über dem Handtuchhalter an +der Seite. Daneben steht ein Wiener Stuhl aus gebogenem Holz mit +Rohrsitz. Der Ankleidetisch, zwischen dem Bett und dem Fenster ist +aus gewöhnlichem Tannenholz, mit einer bunt farbigen Decke belegt, +darauf ein kostbarer Toilettespiegel. Die Tür ist in der Nähe des +Bettes, zwischen Tür und Bett steht noch eine Kommode. Diese Kommode +ist auch mit einem bunten bulgarischen Tuch überdeckt, und auf ihr +befindet sich ein Stoß ungebundener Romane, eine Bonbonniere mit +Pralinen und eine Miniaturstaffelei mit der großen Photographie eines +äußerst hübschen Offiziers, dessen stolze Haltung und magnetischer +Blick sogar aus dem Bilde erkennbar ist.--Das Zimmer wird von einer +auf der Kommode brennenden Kerze und von einer andern, die sich auf +dem Toilettentisch befindet, erhellt. Neben letzterer liegt eine +Zündholzschachtel. Das Fenster hat Längsflügel, die weit offen +stehen; ein paar hölzerne Läden, die sich nach außen öffnen, sind +gleichfalls weit auf. Auf dem Balkon eine junge Dame, in den Anblick +der Schneeberge versunken. Sie ist sich der romantischen Schönheit +der Nacht, wie auch der Tatsache, daß ihre eigene Jugend und +Schönheit ein Teil davon ist, sehr wohl bewußt. [Sie ist in einen +langen Pelzmantel gehüllt, der, gering geschätzt, dreimal so viel +wert ist als die ganze Einrichtung des Zimmers. Aus ihrer Träumerei +wird sie durch ihre Mutter, Katharina Petkoff, aufgeschreckt, eine +stattliche Frau über vierzig, von gebieterischer Energie, mit +wunderbaren schwarzen Augen und Haaren. Als Frau eines Gutsbesitzers +im Gebirge würde sie prachtvoll wirken; sie will aber durchaus die +Wiener Dame spielen und trägt zu diesem Zwecke bei jeder Gelegenheit +ein hochmodernes Tea-gown.] + +Katharina [tritt hastig ein, erfüllt von guten Nachrichten]: Raina! +[Sie spricht Rahina mit Betonung des i.] Raina! [Sie geht an das +Bett in der Erwartung, Raina dort zu finden.] Wo steckst du denn? +[Raina wendet sich nach dem Zimmer um.] Um Gottes willen, Kind, warum +da draußen in der Nachtluft statt im Bett! Du wirst dir den Tod +holen. Louka sagte mir doch, daß du schliefest. + +Raina [eintretend]: Ich habe sie fortgeschickt, weil ich allein sein +wollte--die Sterne sind so wundervoll. Was ist denn los? + +Katharina: Große Neuigkeiten--eine Schlacht ist geschlagen worden! + +Raina [mit weiten Augen]: Ah! [Sie wirft ihren Pelz auf die Ottomane +und kommt in bloßem Nachtkleid, einem hübschen Kleidungsstück, doch +sichtlich dem einzigen, das sie anhat, heftig auf Katharina zu.] + +Katharina: Eine große Schlacht, bei Slivnitza, ein Sieg! und Sergius +hat ihn erfochten. + +Raina [mit einem Freudenschrei]: Ah--[Entzückt:] O Mutter! [Dann +plötzlich ängstlich:] Ist der Vater gesund und unversehrt? + +Katharina: Selbstverständlich, von ihm kommt ja die Nachricht. +Sergius ist der Held des Tages, der Abgott seines Regiments. + +Raina: Erzähle, erzähle! wie ist das zugegangen? [Ekstatisch:] O +Mutter, Mutter, Mutter! [Sie drückt ihre Mutter auf die Ottomane +nieder. Sie küssen einander leidenschaftlich.] + +Katharina [mit ungestümem Enthusiasmus]: Du kannst dir nicht +vorstellen, wie herrlich es ist. Eine Kavallerieattacke, denke dir +nur! Er hat unseren russischen Befehlshabern Trotz geboten, er +handelte ohne Kommando. Auf eigene Faust führte er einen Angriff aus, +er selbst an der Spitze. Er war der erste Mann, der die feindliche +Artillerie durchbrach! Stell es dir nur einmal vor, Raina, wie +unsere kühnen glänzenden Bulgaren mit blitzenden Schwertern und +blitzenden Augen einer Lawine gleich herniederdonnerten und die +elenden Serben mit ihren geckenhaften österreichischen Offizieren +wegfegten wie Spreu. Und du, du ließest Sergius ein Jahr lang warten, +bis du ihm dein Jawort gabst. Oh, wenn du einen Tropfen +bulgarischen Blutes in den Adern hast, wirst du ihn jetzt anbeten, +wenn er zurückkommt. + +Raina: Was wird ihm an meiner armseligen Anbetung liegen, nachdem ihm +eine Armee von Helden zugejubelt hat! Doch einerlei. Ich bin so +glücklich, so stolz! [Sie steht auf und geht heftig bewegt auf und +ab.] Es beweist mir, daß alle unsere Ideen doch Wahrheit waren. + +Katharina [indigniert]: Unsere Ideen Wahrheit? Was meinst du damit? + +Raina: Unsere Vorstellungen von dem, was ein Mann wie Sergius einmal +vollbringen würde--unsere Vorstellungen von Patriotismus, von +Heldentum. Ich zweifelte manchmal, ob sie etwas anderes als Träume +wären. Oh, was für ungläubige kleine Geschöpfe wir Mädchen sind! +Als ich Sergius den Säbel umgürtete, sah er so edel aus. Es war +Verrat von mir, da an Enttäuschungen, Demütigung oder Mißerfolg zu +denken, und doch--und doch...[Rasch:] Versprich mir, daß du es ihm +niemals sagen wirst. + +Katharina: Verlange kein Versprechen von mir, bevor ich weiß, was ich +eigentlich versprechen soll. + +Raina: Nun, als er mich in seinen Armen hielt und mir in die Augen +blickte, da fiel es mir ein, daß wir vielleicht unsere Vorstellungen +von Heldengröße bloß deshalb haben, weil wir gar so gerne Byron und +Puschkin lesen und weil wir in diesem Jahre von der Oper in Bukarest +so entzückt waren. Das wirkliche Leben gleicht so selten diesen +Bildern--ja niemals, soweit ich es bis dahin kannte...[reuevoll:] +Denk dir nur, Mutter, ich zweifelte an ihm. Ich fragte mich, ob +nicht am Ende alle seine Soldateneigenschaften und sein Heldentum +sich als Einbildung erweisen würden, sobald er sich in einer +wirklichen Schlacht befände. Ich hatte eine unangenehme Angst, daß +er am Ende gar eine klägliche Figur inmitten all der klugen +russischen Offiziere abgeben würde. + +Katharina: Schämst du dich nicht--eine klägliche Figur? Die Serben +haben österreichische Offiziere, die genau so klug sind wie unsere +russischen, und wir haben sie trotzdem in jeder Schlacht geschlagen. + +Raina [lacht und setzt sich wieder]: Jawohl! ich war bloß ein +poesieloser kleiner Feigling. Nein, zu denken, daß dies alles wahr +ist--daß Sergius genau so edel und kühn ist, wie er aussieht--, daß +die Welt tatsächlich eine herrliche Welt für Frauen ist, die ihre +Größe sehen können, und für Männer, die fähig sind, ihre Romantik +darzustellen! Was für ein Glück, was für unaussprechliche +Erfüllungen--ach! [Sie wirft sich neben ihrer Mutter auf die Knie +und umschlingt sie leidenschaftlich mit den Armen.] + +[Sie werden durch den Eintritt Loukas unterbrochen, eines hübschen +stolzen Mädchens in der hübschen bulgarischen Bauerntracbt mit +Klappschürze. Sie benimmt sich so keck, daß ihr dienstliches +Verhalten gegen Raina beinahe unverschämt aussieht; vor Katharina +fürchtet sie sich, aber selbst mit ihr geht sie so weit, wie sie's +nur immer wagen zu dürfen glaubt. Sie ist jetzt ebenso aufgeregt wie +die anderen, aber sie sympathisiert nicht mit Rainas Begeisterung und +blickt verachtungsvoll auf die Verzückung der beiden, bevor sie sie +anredet.] + +Louka: Entschuldigen Sie, gnädige Frau, alle Fenster müssen +geschlossen und alle Läden verriegelt werden. Man sagt, daß +vielleicht in den Straßen geschossen werden wird. [Raina und +Katharina erheben sich gleichzeitig erschrocken.] Die Serben werden +durch den Paß zurückgejagt, und es heißt, sie könnten sich in die +Stadt flüchten. Unsere Kavallerie wird ihnen nachsetzen, und Sie +können sicher sein, daß unser Volk sie gebührend empfangen wird; +jetzt, wo sie davonlaufen. [Sie geht auf den Balkon hinaus, schließt +die Außenläden und tritt dann in das Zimmer zurück.] + +Raina: Ich wollte, unsere Leute wären nicht so grausam. Was ist das +für ein Ruhm, arme Flüchtlinge niederzumachen? + +Katharina [geschäftig, sich ihrer häuslichen Pflichten erinnernd]: +Ich muß zusehen, daß unten alles in Sicherheit gebracht wird. + +Raina [zu Louka]: Laß die Läden so, daß ich sie schnell schließen +kann, sobald ich irgendwelchen Lärm höre. + +Katharina [strenge, während sie ihren Weg nach der Tür fortsetzt]: O +nein, mein Kind, die Läden müssen verriegelt bleiben; du würdest +sicher darüber einschlafen und sie offen lassen. Riegele sie ganz zu, +Louka. + +Louka: Jawohl, gnädige Frau. [Sie schließt sie.] + +Raina: Sei ohne Sorge meinetwegen, sobald ich einen Schuß höre, werde +ich die Kerzen auslöschen, mich in mein Bett verkriechen und die +Decke über die Ohren ziehen. + +Katharina: Das klügste, was du tun kannst, liebes Kind. Gute Nacht. + +Raina: Gute Nacht, Mama. [Sie küssen einander, und Rainas +Ergriffenheit kehrt für einen Augenblick zurück.] Beglückwünsche mich +zu der schönsten Nacht meines Lebens--wenn nur die Flüchtlinge nicht +wären. + +Katharina: Geh zu Bett, Liebling, und denk nicht daran. [Geht ab.] + +Louka [heimlich zu Raina]: Wenn Sie die Läden offen haben wollen, +stoßen Sie nur ein wenig--so! [Sie stößt ein wenig gegen die Läden, +die Läden gehen auf, dann schließt sie sie wieder.] Der eine müßte +unten verriegelt werden, aber der Riegel ist abgebrochen. + +Raina [würdevoll, mißbilligend]: Danke, Louka, aber wir müssen tun, +was uns befohlen wird. [Louka schneidet ein Gesicht.] Gute Nacht! + +Louka [nachlässig]: Gute Nacht. [Sie stolziert ab.] + +Raina [allein gelassen, gebt nach der Kommode und betet das darauf +befindliche Bild mit Empfindungen an, die über jeden Ausdruck sind. +Sie küßt es weder, noch preßt sie es ans Herz, noch gibt sie ihm +irgendein Zeichen von körperlicher Zärtlichkeit, aber sie nimmt es in +die Hände und hebt es empor, wie eine Priesterin.--Das Bild +betrachtend]: Oh, ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen. Held +meiner Seele--nie, nie, nie! [Sie setzt das Bild ehrfürchtig zurück, +dann wählt sie einen Roman aus dem kleinen Bücherstoß. Verträumt +blättert sie darin, findet, wo sie stehen geblieben ist, biegt das +Buch an dieser Stelle nach außen zusammen, und mit einem glücklichen +Seufzer sinkt sie auf das Bett, um sich in den Schlaf zu lesen. +Bevor sie sich jedoch ihrem Roman überläßt, blickt sie noch einmal +auf, gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein +Held! [Ein entfernter Schuß durchbricht draußen die Stille der Nacht. +Sie fährt horchend auf,--da fallen noch zwei Schüsse aus viel +größerer Nähe. Sie erschrickt, stürzt aus dem Bett und bläst die +Kerze auf der Kommode rasch aus. Dann läuft sie, mit den Händen an +den Ohren, zum Toilettetisch, bläst die Kerze auch dort aus und eilt +im Dunkeln in ihr Bett zurück, man unterscheidet nichts mehr in der +Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor +dem Christusbilde und das Sternenlicht, das durch die Spalten der +Fensterläden glänzt. Abermals fallen Schüsse, ein fürchterliches +Gewehrfeuer ist ganz nahe. Während man noch das Echo der Salve hört, +werden die Fensterläden von außen aufgestoßen, für einen Augenblick +flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht plötzlich herein, +von dem sich die dunkle Silhouette einer männlichen Gestalt abhebt. +Dann schließen sich die Läden wieder, und das Zimmer liegt abermals +im Dunkeln. Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes +Atemholen unterbrochen, dann hört man ein Kratzen, und die Flamme +eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.] + +Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da? [Das Streichholz verlischt +sofort wieder.] Wer ist da--wer ist da? + +[Eines Mannes Stimme gedämpft aber drohend]: Scht! Schreien Sie +nicht, sonst schieße ich! Bleiben Sie ruhig, und es wird Ihnen +nichts geschehen. [Man hört, wie sie ihr Bett verläßt und nach der +Tür tastet.] Nehmen Sie sich in acht, es hilft Ihnen nichts, wenn Sie +davonlaufen wollen. Merken Sie sich, sobald Sie Ihre Stimme erheben, +wird mein Revolver losgehen. [Befehlend:] Machen Sie Licht und +lassen Sie sich sehen! Hören Sie! [Noch ein Augenblick der Stille +und Dunkelheit, während Raina an den Toilettetisch zurücktritt. Dann +zündet sie die Kerze an, und das Rätsel löst sich.--Ein Mann von +ungefähr fünfunddreißig Jahren, in bejammernswürdigem Zustande, mit +Kot, Blut und Schnee bespritzt, steht vor ihr. Sein Degengehänge und +der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen +Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen. Alles was +man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen, verwahrlosten Aussehen +des Mannes halbwegs erkennen kann, ist, daß er mittelgroß, von nicht +sehr vornehmem Aussehen, breitschultrig und starkknochig ist. Sein +rundlicher, eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen +Locken bedeckt. Er hat klare, bewegliche, blaue Augen, gutmütige +Brauen und einen freundlichen Mund, eine hoffnungslos prosaische Nase +wie die eines besonders aufgeweckten Babys, aufrechte soldatische +Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart +trotz seiner verzweifelten Lage, die er sogar mit einem Anflug von +Humor betrachtet, ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen +oder eine Rettungsmöglichkeit außer Acht zu lasten.--Er überlegt, was +er von Raina zu erwarten haben mag, schätzt ihr Alter, ihre +gesellschaftliche Stellung ab, ihren Charakter, den Grad ihrer Furcht, +alles mit einem Blick, und fährt höflicher, aber immer äußerst +entschlossen fort]: Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, aber Sie +erkennen wahrscheinlich meine Uniform, ich bin Serbe! Wenn ich +gefangen werde, wird man mich töten. [Drohend]: Begreifen Sie das? + +Raina: Ja. + +Der Flüchtling: Nun, ich habe keine Lust zu sterben, solange ich es +verhindern kann. [Noch fürchterlicher]: Begreifen Sie das? [Er +verschließt die Tür mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.] + +Raina [verachtungsvoll]: Es scheint, Sie haben keine. [Sie richtet +sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht, während sie mit +scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten, die den Tod fürchten, +das weiß ich. + +Der Flüchtling [mit Galgenhumor]: Alle fürchten ihn, verehrte Dame, +alle, glauben Sie mir. Es ist unsere Pflicht, so lange zu leben, wie +wir nur können, und wenn Sie Lärm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]: +Dann werden Sie mich erschießen! Aber woher wissen Sie, daß ich den +Tod fürchte? + +Der Flüchtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschieße, was wird +dann geschehen? Eine Rotte Ihrer Kavallerie--das elendeste Gesindel +Ihrer Armee--wird in dieses Ihr hübsches Zimmer einbrechen und mich +wie ein Schwein abschlachten. Denn ich werde mich wehren und fechten +wie ein Teufel. Sie sollen mich nicht auf die Straße bekommen und +sich an mir belustigen; ich weiß, wozu sie imstande sind. Sind Sie +bereit, in Ihrer augenblicklichen Verfassung, in dieser Toilette, +eine solche Gesellschaft zu empfangen? + +[Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand, schreckt +instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib. Er beobachtet +sie und fügt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum präsentabel, was? [Sie geht +nach der Ottomane, er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie +und ruft]: Halt! [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie? Raina [mit +würdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen. Der +Flüchtling [geht rasch nach der Ottomane und reißt den Pelz an sich]: +Ein guter Gedanke. Nein, den Mantel behalte ich; dann werden Sie +dafür sorgen, daß niemand hier eindringt und Sie so sieht. Das ist +eine bessere Waffe als mein Revolver. [Er wirft den Revolver auf die +Ottomane.] + +Raina [empört]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman! + +Der Flüchtling: Gut genug für einen Mann, wenn zwischen ihm und dem +Tod nur Sie stehen. [Während sie einander nun einen Augenblick stumm +betrachten, in welchem Raina kaum zu glauben vermag, daß selbst ein +serbischer Offizier so zynisch und selbstsüchtig und unritterlich +sein könne, werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Straße +aufgeschreckt. Furchtbare Todesangst läßt den Flüchtling seine +Stimme dämpfen, als er hinzufügt]: Hören Sie? Wenn Sie diese +Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen, so werden Sie +sie wenigstens empfangen, so wie Sie da sind. [Raina begegnet seinen +Blicken mit unerschrockener Verachtung. Plötzlich fährt er horchend +auf; man hört Schritte von außen, jemand drückt auf die Klinke und +klopft dann hastig und dringend. Raina sieht den Flüchtling atemlos +an, er wirft entschlossen den Kopf zurück, mit der Bewegung eines +Menschen, der nun weiß, daß er verloren ist, und indem er sein +Benehmen, das Raina einschüchtern sollte, aufgibt, wirft er ihr den +Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst, ich bin +verloren! Schnell, hüllen Sie sich in den Mantel, sie kommen! + +Raina [fängt den Mantel hastig auf]: Oh--ich danke! [Sie wirft den +Mantel sehr erleichtert um, er zieht seinen Degen und wendet sich +nach der Tür und wartet.] + +Louka [von außen klopfend]: Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein! +Stehen Sie schnell auf und öffnen Sie die Tür! + +Raina [ängstlich]: Was wollen Sie tun? + +Der Flüchtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei, gehen Sie nur aus +dem Weg, es wird nicht lange dauern. + +Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen! Verstecken Sie sich, oh, +verstecken Sie sich, schnell hinter diesen Vorhang. [Sie faßt ihn +bei einem zerrissenen Zipfel seines Ärmels und zieht ihn nach dem +Fenster.] + +Der Flüchtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung +vorhanden, wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren. Merken Sie sich: +von zehn Soldaten sind neun geborene Dummköpfe. [Er versteckt sich +hinter dem Vorhang, sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie +mich dennoch finden, so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf. [Er +verschwindet. Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fußende +des Bettes, dann öffnet sie mit schläfrigem, verstörtem Wesen die Tür. +Louka tritt aufgeregt ein.] + +Louka. Ein Mann wurde gesehen, wie er die Dachrinne zu Ihrem Balkon +hinaufgeklettert ist, ein Serbe. Die Soldaten wollen ihm nachsetzen +und sind so wild und betrunken und wütend. Die Gnädige läßt sagen, +Sie möchten sich sofort ankleiden. + +Raina [scheinbar ärgerlich, daß sie gestört wird]: Hier lasse ich sie +nicht suchen. Warum hat man sie eingelassen?! + +Katharina [hastig hereinstürzend]: Raina, mein Liebling, dir ist doch +nichts passiert? Hast du irgend etwas gesehen oder gehört? + +Raina: Ich hörte nur schießen; aber ich hoffe, die Soldaten werden es +nicht wagen, hier in mein Schlafzimmer einzudringen! + +Katharina: An ihrer Spitze ist ein russischer Offizier--dem Himmel +sei Dank. Er kennt Sergius. [Spricht durch die Tür zu jemand, der +draußen steht:] Bitte treten Sie ein, Herr Leutnant; meine Tochter +ist bereit, Sie zu empfangen. [Ein junger russischer Offizier in +bulgarischer Uniform tritt ein, den Säbel in der Faust.] + +Russischer Offizier [mit sanfter geschmeidiger Höflichkeit und +steifer militärischer Haltung]: Guten Abend, gnädiges Fräulein. Ich +bedaure, hier eindringen zu müssen, aber ein Flüchtling ist auf Ihrem +Balkon versteckt. Wollen Sie und Ihre gnädige Frau Mutter so gut +sein und sich zurückziehen, während wir ihn suchen? + +Raina [ungeduldig]: Unsinn! Sie sehen von hier aus, daß niemand auf +dem Balkon sein kann. [Sie stößt die Läden weit auf, steht mit dem +Rücken gegen den Vorhang, hinter dem der Flüchtling versteckt ist und +zeigt auf den vom Mond beschienenen Balkon. Zwei Schüsse fallen +direkt unter dem Fenster, und eine Kugel zertrümmert das Fensterglas +gegenüber von Raina, sie schließt einen Moment die Augen und atmet +schwer, aber hält sich tapfer, während Katharina aufschreit und der +Offizier mit dem Ausruf "Geben Sie Acht" auf den Balkon hinausstürzt.] + +Russischer Offizier [auf dem Balkon, schreit wütend in die Straße +hinunter]: Hört auf, hier herein zu schießen, ihr Dummköpfe, +verstanden! Hört auf zu feuern, verfluchte Kerle! [Er starrt einen +Augenblick hinunter, dann wendet er sich zu Raina und versucht, seine +höfliche Stellung von vorhin wieder einzunehmen.] Konnte jemand ohne +Ihr Wissen hier eindringen? Schliefen Sie? + +Raina: Nein, ich war noch nicht zu Bett. + +Russischer Offizier [tritt ungeduldig in das Zimmer zurück]: Ihre +Nachbarn haben die Köpfe so voll mit davongelaufenen Serben, daß sie +überall welche sehen. [Höflich]: Gnädiges Fräulein, ich bitte +tausendmal um Verzeihung. Gute Nacht. [Verneigt sich militärisch. +Raina erwidert den Gruß kalt, er verneigt sich vor Katharina, die ihn +hinausbegleitet. Raina schließt die Läden. Sie wendet sich um und +bemerkt Louka, die diese Szene neugierig beobachtet hat.] + +Raina: Lassen Sie meine Mutter nicht allein, Louka, während die +Soldaten da sind. [Louka blickt auf Raina, auf die Ottomane, auf den +Vorhang, dann spitzt sie die Lippen diskret, lacht in sich hinein und +geht hinaus. Raina, durch dieses Mienenspiel sehr beleidigt, folgt +ihr bis an die Tür und schlägt sie hinter ihr zu, sie geräuschvoll +verriegelnd. Der Flüchtling tritt sofort hinter dem Vorhang hervor, +steckt seinen Säbel ein und schüttelt in gleichsam geschäftlicher +Weise die Gefahr von sich ab.] + +Der Flüchtling: Um ein Haar,,, doch um ein Haar ist auch gefehlt. +Verehrtes Fräulein, Ihr Sklave bis in den Tod! Ich wünschte jetzt +Ihretwegen, ich wäre in die bulgarische Armee statt in die serbische +eingetreten. Ich bin kein Serbe von Geburt. + +Raina [hochmütig]: Nein, Sie sind einer von jenen Österreichern, die +die Serben zum Raub unserer nationalen Freiheit verleiten und die +serbische Armee mit Offizieren versehen. Wir hassen sie. + +Der Flüchtling: Österreicher? O nein! Ich bin keiner. Hassen Sie +mich also nicht. Ich bin Schweizer, gnädiges Fräulein, und kämpfe +bloß als Berufssoldat; ich ging zu den Serben, weil sie auf dem Wege +aus der Schweiz mir zunächst waren. Seien Sie großmütig. Ihre +Landsleute haben uns ohnedies aufs Haupt geschlagen. + +Raina: War ich vielleicht nicht großmütig? + +Der Flüchtling: Edel, heldenhaft! Doch ich bin noch nicht gerettet. +Der schlimmste Ansturm ist bald vorüber, aber die Verfolgung wird mit +Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch fortgesetzt werden; ich muß +trachten, mich in einem günstigen Augenblick aus dem Staube zu machen. +Sie sind doch nicht böse, wenn ich hier noch ein bis zwei Minuten +warte? + +Raina: O nein, ich bedaure nur, daß Sie sich abermals in Gefahr +begeben müssen. [Auf die Ottomane weisend:] Bitte, setzen Sie sich! +[Sie hält mit einem nicht zu unterdrückenden Angstschrei inne, als +sie die Pistole auf der Ottomane erblickt.] + +Der Flüchtling [übernervös, fährt zurück wie ein scheuendes Pferd. +Erregt]: Mich so zu erschrecken! Was ist denn los? + +Raina: Ihre Pistole. Der Offizier hat sie die ganze Zeit vor Augen +gehabt! Ihre Rettung ist ein Wunder! + +Der Flüchtling [ärgerlich, so unnötigerweise geängstigt worden zu +sein]: Ach, weiter nichts?! + +Raina [blickt ihn hochmütig an und fühlt sich desto wohler, je mehr +ihre gute Meinung von ihm abnimmt]: Ich bedaure, Sie geängstigt zu +haben. [Sie nimmt die Pistole und reicht sie ihm]: Bitte, nehmen Sie, +zum Schutze gegen mich. + +Der Flüchtling [lächelt müde über diesen Sarkasmus, während er die +Pistole nimmt]: Sie nützt mir nichts, sie ist nicht geladen. [Er +grinst die Pistole höhnisch an und schiebt sie verachtungsvoll in +seine Revolvertasche.] + +Raina: So laden Sie sie meinetwegen! + +Der Flüchtling: Ich habe keine Munition. Was nützen einem in der +Schlacht Patronen? Ich führe statt dessen immer Schokolade mit und +habe schon vor Stunden mein letztes Stück verzehrt. + +Raina [in ihren heiligsten Vorstellungen von Männlichkeit verletzt]: +Schokolade? Sie stopfen Ihre Taschen mit Süßigkeiten voll wie ein +Schuljunge, selbst auf dem Schlachtfeld? + +Der Flüchtling [hungrig]: Ich wollte, ich hätte jetzt welche. [Raina +starrt ihn an, unfähig ihre Gefühle zu äußern; dann läuft sie zu der +Kommode und eilt, die Bonbonniere in den Händen, mit spöttischer +Miene zurück.] + +Raina: Erlauben Sie. Ich bedaure, alles aufgegessen zu haben bis auf +diese Pralinébonbons. [Sie bietet ihm die Schachtel an.] + +Der Flüchtling [heißhungrig]: Sie sind ein Engel. [Er verschlingt +die Süßigkeiten]: Pralinés--köstlich! [Er überzeugt sich ängstlich, +ob noch mehr davon da sind; es waren die letzten.] + +[Er fügt sich mit pathetischem Humor in das Unvermeidliche und sagt +mit dankbarer Rührung]: Gott segne Sie, teuerstes Fräulein.--Sie +können einen alten Soldaten immer an dem Inhalt seiner Sattel- und +Patronentaschen beurteilen. Die jungen führen Pistolen und Patronen +mit, die alten--Futter. Ich danke Ihnen. [Er gibt ihr die Schachtel +zurück, sie reißt sie ihm verachtungsvoll aus der Hand und wirft sie +fort. Er schrickt wieder zusammen, als wenn sie ihn hätte schlagen +wollen.] Hu! Ich beschwöre Sie, machen Sie nicht alles so heftig und +plötzlich, gnädiges Fräulein; es ist nicht schön, sich jetzt dafür zu +rächen, daß ich Sie vorhin erschreckt habe. + +Raina [stolz]: Mich erschreckt! Wissen Sie, daß mein Herz, obwohl +ich nur ein Mädchen bin, mindestens ebenso mutig schlägt wie das +Ihre!? + +Der Flüchtling: Das will ich meinen. Sie haben auch nicht drei +Tage lang im Feuer gestanden wie ich. Zwei Tage kann ich das +aushalten, ohne daß es mir viel ausmacht, aber kein Mensch hält es +drei Tage lang aus. Ich bin jetzt so nervös wie eine Maus. [Er +setzt sich auf die Ottomane und stützt den Kopf in die Hand.] Möchten +Sie mich weinen sehen? + +Raina [bestürzt]: Nein! + +Der Flüchtling: Wenn Sie das wollen, brauchen Sie mich nur +auszuschelten als ob ich ein kleiner Bub wäre und Sie das +Kindermädchen. Wenn ich jetzt im Lager wäre, würde man allerhand +Spaß mit mir treiben. + +Raina [ein wenig gerührt]: Sie tun mir leid, ich werde Sie nicht +ausschelten. [Von dem Mitgefühl in ihrer Stimme ergriffen, hebt er +den Kopf und blickt dankbar zu ihr auf. Sie wendet sich sofort von +ihm weg und sagt steif:] Sie müssen mich entschuldigen, UNSERE +Soldaten sind eben ganz anders. [Sie geht von der Ottomane fort.] + +Der Flüchtling: O nein, ganz ebenso! Es gibt überhaupt nur zweierlei +Arten Soldaten; junge und alte. Ich diene seit vierzehn Jahren; die +Hälfte von Ihren Leuten hatte bisher noch kein Pulver gerochen! + +Nun, wie kommt es, daß sie uns eben geschlagen haben? Nur infolge +gänzlicher Unkenntnis der Kriegskunst, durch nichts weiter. +[Verachtungsvoll:] Ich habe nie einen größeren Mangel an +Berufskenntnis gesehen! + +Raina [ironisch]: Oh, war es Mangel an Berufskenntnis, Sie zu +schlagen? + +Der Flüchtling: So hören Sie! Halten Sie es für militärisch, ein +Kavallerieregiment einer Schnellfeuerbatterie entgegenzuwerfen mit +der Gewißheit, daß, falls die Kanonen losgehen, weder Pferd noch Mann +jemals der Batterie auf fünfzig Meter nahe kommen? Ich traute meinen +Augen kaum, als ich den Blödsinn sah. + +Raina [wendet sich freudig zu ihm, erregt, weil ihr Enthusiasmus und +ihre Ruhmesträume sie wieder überkommen]: Haben Sie die große +Kavallerieattacke gesehen? Oh, erzählen Sie mir davon, beschreiben +Sie sie mir. + +Der Flüchtling: Sie haben noch niemals eine Kavallerieattacke gesehen, +nicht wahr? + +Raina: Wie sollte ich! + +Der Flüchtling: Natürlich, woher auch! Na, es ist ein spaßhafter +Anblick. Gerade, als ob man eine Handvoll Erbsen gegen eine +Fensterscheibe schleuderte. Erst kommt einer, dann zwei oder drei +dicht hinterher, und dann in einer Reihe die ganze Rotte. + + +Raina [mit weiten Augen, erbebt sich, während sie die Hände +begeistert zusammenschlägt]: Ja, zuerst ein einziger, der Tapferste +der Tapferen! + +Der Flüchtling [prosaisch]: Na, Sie sollten sehen, wie der arme +Teufel versucht sein Pferd zurückzuhalten. + +Raina: Warum sollte er sein Pferd zurückhalten? + +Der Flüchtling [ungeduldig über die dumme Frage]: Na, weil es doch +mit ihm durchgeht, natürlich. Glauben Sie, daß der Bursche Lust hat, +als Erster anzukommen, um so vor allen andern getötet zu werden? +Dann kommen die übrigen heran. Alle. Sie können die Jungen an ihrer +Wildheit und Schneidigkeit erkennen, die Alten kommen in +geschlossenen Haufen daher, sie wissen, daß sie nur Kanonenfutter +sind und daß es keinen Zweck hat, einen Kampf zu versuchen. Die +meisten Wunden sind gebrochene Kniescheiben infolge des +Zusammenprallens der Pferde. + +Raina: Schrecklich! Aber ich glaube nicht, daß der erste Reiter ein +Feigling ist--ich glaube, er ist ein Held. + +Der Flüchtling [gutmütig]: Das würden Sie auch gesagt haben, wenn Sie +HEUTE den ersten Reiter bei der Attacke gesehen hätten!! + +Raina [atemlos, ihm alles verzeihend]: Ah, ich wußte es! Erzählen +Sie, erzählen Sie mir von ihm! + +Der Flüchtling: Er benahm sich wie ein Operettentenor--ein +wohlgebauter, hübscher Bursche mit sprühenden Augen und prachtvollem +Schnurrbart, der sein Hurra brüllte und angriff wie Don Quijote die +Windmühlen. Wir haben uns über ihn halbtot gelacht! Als aber der +Feldwebel gelaufen kam, bleich wie der Tod, und uns sagte, daß wir +aus Versehen die falschen Patronen bekommen hätten und daß wir für +die nächsten zehn Minuten keinen Schuß abgeben könnten, da ist uns +das Lachen vergangen! Mir war nie so schlecht in meinem ganzen Leben, +obwohl ich schon in mancher bösen Lage gewesen bin. Ich hatte nicht +einmal eine Revolverpatrone, nichts als Schokolade, nicht einmal +Bajonette hatten wir--nichts. Natürlich haben sie uns in Stücke +gehauen, und da kam dieser Don Quijote wie ein Tambourmajor +herangestürmt und glaubte, das Klügste von der Welt getan zu haben, +statt dessen verdiente er, dafür vor das Kriegsgericht gestellt zu +werden. Von allen Narren, die jemals auf einem Schlachtfelde +losgelassen worden sind, muß das der schlimmste sein! Er und sein +Regiment begingen einfach einen Selbstmord, nur ging die Pistole +nicht los, das war alles. + +Raina [aufs tiefste verletzt, doch standhaft ihren Idealen treu]: +Wahrhaftig! Würden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen? + +Der Flüchtling: Werde ich ihn je vergessen können! [Sie geht wieder +zur Kommode, er beobachtet sie mit schüchternen Hoffnungen, daß sie +vielleicht noch etwas für ihn zu essen habe. Sie nimmt das Bild von +der Kommode und bringt es ihm.] + +Raina: Das ist die Photographie jenes Reiters--des Patrioten und +Helden, dem ich verlobt bin. + +Der Flüchtling [das Bild mit Entsetzen erkennend]: Es tut mir +wirklich sehr leid,,, [Sieht sie an.] War das recht, mich so aufs +Glatteis zu führen? [Blickt wieder auf das Bild.] Ja, das ist er +ohne Zweifel. [Er unterdrückt ein Lachen.] + +Raina [rasch]: Warum lachen Sie? + +Der Flüchtling [beschämt, aber immer noch sehr belustigt]: Ich +versichere Ihnen--ich habe nicht gelacht--, zumindest hatte ich nicht +die Absicht. Aber wenn ich an ihn denke, wie er die Windmühlen +stürmte und dabei glaubte, die schönste Tat von der Welt zu +vollbringen! [Er schüttelt sich vor unterdrücktem Lachen.] + +Raina [strenge]: Geben Sie mir das Bild zurück! + +Der Flüchtling [mit aufrichtiger Reue]: Hier, bitte. Verzeihen Sie! +Es tut mir wirklich furchtbar leid. [Sie küßt das Bild bedachtsam +und sieht dem Flüchtling gerade ins Gesicht, bevor sie es auf die +Kommode zurückstellt. Er folgt ihr, sich entschuldigend]: Wissen Sie, +ich tu' ihm vielleicht sehr unrecht, sogar ganz gewiß. Höchstwahrscheinlich +hat er von der Munitionsgeschichte irgendwo Wind bekommen und wußte, +daß es eine gefahrlose Sache war. + +Raina: Das soll heißen, daß er ein Aufschneider und ein Feigling ist. +Vorhin haben Sie das wenigstens nicht zu sagen gewagt. + +Der Flüchtling [mit einer komiscben Verzweiflungsgeste]: Ich bemühe +mich umsonst, verehrtes Fräulein, es gelingt mir nicht, Ihnen die +Sache vom berufsmäßigen Standpunkt aus zu zeigen. [Als er sich +umwendet, um zur Ottomane zu geben, wird neuerdings aus der Ferne +Gewehrfeuer vernehmbar]: + +Raina [strenge, als sie bemerkt, wie er auf die Schüsse horcht]: +Desto besser für Sie. + +Der Flüchtling [sich umwendend]: Wie meinen Sie das? + +Raina: Sie sind mein Feind und in meiner Gewalt--was würde ich zu tun +haben vom berufsmäßigen Standpunkt aus? + +Der Flüchtling: Ah, das ist wahr! Verehrtes Fräulein, Sie haben +immer recht. Ich weiß, was Sie für mich getan haben und was ich +Ihnen verdanke. Bis zu meiner letzten Stunde werde ich der drei +Pralinés gedenken. Es war unmilitärisch, aber wie engelsgut von +Ihnen! + +Raina [kalt]: Ich danke Ihnen, aber nun will ich mich militärisch +benehmen. Sie können nicht hierbleiben, nach dem, was Sie über +meinen zukünftigen Gatten gesagt haben, aber ich will auf den Balkon +gehen und nachsehen, ob Sie jetzt vollkommen gefahrlos auf die Straße +hinunterklettern können. [Sie geht an das Fenster.] + +Der Flüchtling [seine Miene verändert sich]: Diese Wasserrinne +hinunter? Halten Sie ein, das kann ich nicht, das mag ich nicht! +--der bloße Gedanke daran macht mich schon schwindlig. Ich kam +leicht genug herauf mit dem Tode auf den Fersen, aber das jetzt +kalten Blutes riskieren...! [Er sinkt auf die Ottomane.] Es ist +umsonst, ich bin besiegt, ich gebe den Kampf auf, ich bin +verloren--Sie können jetzt Lärm schlagen! [Er stützt den Kopf +todestraurig in die Hände.] + +Raina [von Mitleid entwaffnet]: Gehen Sie, verlieren Sie nicht den +Mut. [Sie beugt sich beinahe mütterlich über ihn, er schüttelt den +Kopf.] Oh, Sie sind ein recht kläglicher Krieger, ein Pralinésoldat. +Gehen Sie, fassen Sie sich. Es gehört weniger Mut dazu, da +hinunterzuklettern als der Gefangenschaft ins Auge zu sehen--bedenken +Sie das. + +Der Flüchtling [schläfrig, von ihrer Stimme eingewiegt]: Nein, +Gefangenschaft bedeutet nur Tod, und Tod ist Schlaf.--Oh schlafen, +schlafen, schlafen, ungestört schlafen...Die Dachrinne hinabklettern +heißt, etwas unternehmen, sich anstrengen, denken! Zehnmal lieber +den Tod! + +Raina [leise und verwundert, in seinen schläfrigen Ton verfallend]: +Sind Sie so schläfrig? + +Der Flüchtling: Ich habe keine zwei Stunden ungestört geschlafen, +seit ich zur Truppe eingerückt bin. Ich war im Generalstab. Sie +wissen nicht, was das heißt: ich habe seit achtundvierzig Stunden +kein Auge geschlossen. + +Raina [am Ende ihrer Weisheit]: Aber was soll ich mit Ihnen anfangen? + +Der Flüchtling [fährt taumelnd auf, von ihrer Verzweiflung +aufgestachelt]: Natürlich, ich muß etwas tun. [Er schüttelt sich, +rafft sich zusammen und spricht mit wiedergewonnener Kraft und Mut:] +Sehen Sie, schläfrig oder nicht schläfrig, hungrig oder nicht hungrig, +müde oder nicht müde--man kann eine Sache immer tun, wenn man weiß, +daß sie getan werden muß. Gut denn, die Dachrinne muß hinabgeklettert +werden. [Er schlägt sich mit der Faust an die Brust]: Hörst du das, +du Pralinésoldat?! [Er geht an das Fenster.] + +Raina [ängstlich]: Aber wenn Sie stürzen? + +Der Flüchtling: Dann werde ich schlafen, als ob das Pflaster ein +Federbett wäre. Leben Sie wohl. [Er tritt kühn an das Fenster und +legt seine Hand an den Laden, da ertönt unten auf der Straße wieder +eine entsetzliche Salve.] + +Raina [zu ihm eilend]: Bleiben Sie! [Sie erfaßt ihn ohne Bedenken +und reißt ihn zurück.] Man wird Sie töten. + +Der Flüchtling [kühl, aber aufmerksam]: Das macht nichts und gehört +eben zu meinem täglichen Beruf; ich muß es riskieren. [Entschlossen]: +Nun tun Sie, was ich Ihnen sage: löschen Sie die Kerzen aus, damit +man das Licht nicht sehen kann, wenn ich die Läden öffne, und halten +Sie sich ja vom Fenster fern, was immer auch geschehen mag. Wenn die +mich sehen, werden sie sicher nach mir schießen. + +Raina [sich an ihn hängend]: Sie werden Sie ganz sicher sehen, der +Mond scheint hell. Ich will Sie retten,,, Oh, wie können Sie nur so +gleichgültig sein! Sie wollen doch, daß ich Sie retten soll, nicht +wahr? + +Der Flüchtling: Ich möchte Sie wirklich nicht länger stören. [Sie +schüttelt ihn in ihrer Ungeduld]: Ich bin durchaus nicht gleichgültig +gegen den Tod, verehrtes Fräulein, glauben Sie mir, aber was soll ich +sonst anfangen? + +Raina: Vor allem kommen Sie doch vom Fenster fort, ich bitte Sie. +[Sie schmeichelt ihn in die Mitte des Zimmers zurück, er ergibt sich +unterwürfig darein; sie läßt ihn frei und spricht gönnerhaft zu ihm]: +Hören Sie, Sie müssen unserer Gastfreundschaft vertrauen; Sie wissen +noch nicht, in wessen Haus Sie sich befinden--ich bin eine Petkoff. + +Der Flüchtling [naiv]: Was ist das? + +Raina [etwas entrüstet]: Ich meine, daß ich der Familie Petkoff +angehöre, der reichsten und angesehensten unseres Landes. + +Der Flüchtling: O ja, natürlich! Entschuldigen Sie--die Petkoffs! +freilich! Wie dumm von mir! + +Raina: Sie wissen ganz gut, daß Sie bis zu dieser Minute den Namen +nie gehört haben! Wie können Sie sich dazu erniedrigen, so zu tun, +als ob er Ihnen bekannt vorkäme? + +Der Flüchtling: Verzeihen Sie, ich bin zu müde, um zu denken, und der +Wechsel des Gesprächsthemas war zuviel für mich; zanken Sie mich +nicht aus. + +Raina: Ich vergaß--Sie könnten zu weinen anfangen. [Er nickt ganz +ernst, sie schmollt und fährt dann in gönnerhaftem Tone fort]: Ich +will Ihnen bloß sagen, daß mein Vater den höchsten Befehlshaberposten +in unserer Armee bekleidet, den irgend ein Bulgare innehat. [Stolz]: +Er ist Major! + +Der Flüchtling [tut, als ob das einen tiefen Eindruck auf ihn machte]: +Major? Du lieber Himmel! Denken Sie nur! + +Raina: Sie haben große Ortsunkenntnis bewiesen, indem Sie es für +nötig hielten, am Balkon heraufzuklettern, weil unser Haus das +einzige Privathaus ist, das zwei Reihen Fenster hat. Es ist eine +Treppe im Flur, auf der man hinauf und hinunter kann. + +Der Flüchtling: Eine Treppe? Wie großartig! Sie sind aber von +ungewöhnlichem Luxus umgeben, verehrtes Fräulein. + +Raina: Wissen Sie, was eine Bibliothek ist? + +Der Flüchtling: Eine Bibliothek? Ein Zimmer voll Bücher? + +Raina: Ja, wir haben ein solches, das einzige in ganz Bulgarien. + +Der Flüchtling: Wahrhaftig? Ein wirkliches Bibliothekzimmer? Das +möchte ich aber gerne sehen. + +Raina [geziert]: Ich sage Ihnen diese Dinge bloß, um Ihnen zu zeigen, +daß Sie bei zivilisierten Leuten sind, nicht im Hause von +ungebildeten Bauern, die Sie töten würden, sobald sie Ihre serbische +Uniform gewahrten. Wir gehen jedes Jahr zur Opernsaison nach +Bukarest, und ich habe schon einen ganzen Monat in Wien zugebracht. + +Der Flüchtling: Das habe ich bemerkt, gnädiges Fräulein; ich habe +sofort gesehen, daß Sie die Welt kennen. + +Raina: Haben Sie jemals die Oper Hernani gehört? + +Der Flüchtling: Ist das die, in der ein Soldatenchor und ein Teufel +in rotem Samt vorkommt? + +Raina [verachtungsvoll]: Nein. + +Der Flüchtling [einen tiefen Müdigkeitsseufzer unterdrückend]: Dann +kenne ich die Oper nicht. + +Raina: Ich dachte, Sie würden sich vielleicht an die große Szene +erinnern, in der Hernani auf der Flucht vor seinen Feinden--gerade so +wie Sie heute nacht--in das Schloß seines erbittertsten Gegners, +eines alten kastilianischen Granden, flüchtet! Der Edelmann +verweigert seine Auslieferung, sein Gast ist ihm heilig! + +Der Flüchtling [rasch, wacht wieder etwas auf]: Sind Ihre Angehörigen +auch dieser Ansicht? + +Raina [mit Würde]: Meine Mutter und ich, wir verstehen diese +"Ansicht", wie Sie sich ausdrücken, und wenn Sie, statt mich mit +Ihrer Pistole zu bedrohen, sich einfach als Flüchtling unserer +Gastfreundschaft anvertraut hätten, Sie wären sicher gewesen wie in +Ihrem Vaterhaus. + +Der Flüchtling: Ganz gewiß? + +Raina [kehrt ihm angewidert den Rücken]: Oh, es ist verlorene Mühe, +Ihnen etwas begreiflich machen zu wollen! + +Der Flüchtling: Bitte, seien Sie nicht böse, Sie können sich denken, +wie schlimm es für mich wäre, wenn da ein Irrtum vorläge. Mein Vater +ist ein sehr gastfreundlicher Mann, er hat sechs Hotels, aber ich +könnte ihm nicht so weit vertrauen. Wie ist es mit Ihrem Herrn Vater? + +Raina: Er ist fort, in Slivnitza, um für sein Vaterland zu kämpfen. +Ich bürge für Ihre Sicherheit. Hier meine Hand darauf. Wird Sie das +beruhigen? [Sie bietet ihm ihre Hand.] + +Der Flüchtling [sieht seine eigene Hand zweifelhaft an]: Es ist +besser, wenn Sie meine Hand nicht berühren, verehrtes Fräulein, ich +muß mich erst waschen. + +Raina [gerührt]: Das ist nett von Ihnen. Ich sehe, Sie sind ein +Gentleman. + +Der Flüchtling [verwundert]: Wieso? + +Raina: Sie dürfen nicht glauben, daß ich überrascht bin--die Bulgaren +aus besseren Kreisen, Leute in unserer Stellung zum Beispiel, waschen +sich auch fast täglich die Hände--aber ich schätze Ihr Zartgefühl, +Sie dürfen meine Hand nehmen. [Bietet ihm abermals die Hand.] + +Der Flüchtling [küßt ihr die Hand, seine Hände auf dem Rücken]: Ich +danke Ihnen, mein liebenswürdiges Fräulein. Endlich fühle ich mich +geborgen. Bitte, wollen Sie so gut sein und Ihre Frau Mutter von +meiner Anwesenheit bald benachrichtigen; es würde sich nicht schicken, +wenn ich hier länger als nötig im geheimen verweilte. + +Raina: Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten wollen, während ich weg bin. + +Der Flüchtling: Gewiß. [Er setzt sich auf die Ottomane, Raina geht +an das Bett, holt ihren Pelzmantel und wirft ihn um. Ihm fallen die +Augen zu, sie geht zur Tür, wirft einen letzten Blick nach ihm hin +und sieht, daß er im Begriff ist, einzuschlafen.] + +Raina [an der Tür]: Sie werden jetzt doch nicht etwa einschlafen? +[Er murmelt unartikulierte Laute, sie läuft zu ihm hin und schüttelt +ihn.] Hören Sie? So wachen Sie doch auf--Sie schlafen ja ein! + +Der Flüchtling: Was, ich schlafe ein? O nein, nicht im +geringsten--ich habe nur nachgedacht,,, es ist schon gut--ich bin +ganz wach. + +Raina [strenge]: Wollen Sie so gut sein, stehen zu bleiben, während +ich weg bin--ja? [Er erhebt sich widerwillig]: Die ganze Zeit über, +verstanden! + +Der Flüchtling [unruhig wankend]: Gewiß, gewiß, Sie können sich +darauf verlassen. [Raina sieht ihn ungläubig an, er lächelt matt, +sie geht zögernd zur Tür, wo sie sich umwendet, und ihn fast beim +Gähnen ertappt. Sie geht ab.] + +Der Flüchtling [schlaftrunken]: Schlafen, schlafen, schlafen, +schlafen, schla,,,--[Die Worte gehen in ein Murmeln über, er rafft +sich wieder auf, im Begriff umzufallen.] Wo bin ich? Das möchte ich +gerne wissen,,, ich muß wach bleiben,,, nichts hält mich aber wach +außer Gefahr, bedenke das--[Nachdrücklich]: Gefahr, Gefahr, Gefahr, +Gef...--[Knickt wieder zusammen, rüttelt sich abermals auf.] Wo ist +Gefahr? Das muß ich ausfindig machen,,, [Er geht unsicher umher, als +wenn er nach Gefahr suchte.] Was suche ich da?,,, Schlaf--Gefahr--ich +weiß es nicht. [Er strauchelt gegen das Bett zu.] Ach ja, nun weiß +ich's,,, alles ist in Ordnung, ich soll zu Bett gehen--aber nicht +schlafen--ganz bestimmt nicht schlafen,,, wegen der Gefahr. Auch +nicht niederlegen, nur niedersetzen. [Er setzt sich auf das Bett, +sein Gesicht nimmt einen glücklichen Ausdruck an]: Ah,,,[Mit einem +freudigen Seufzer sinkt er der Länge nach zurück, hebt mit einer +letzten Anstrengung seine gestiefelten Beine ins Bett und fällt +sofort in tiefen Schlaf.] + +[Katharina tritt ein, Raina folgt ihr.] + +Raina [auf die Ottomane blickend]: Er ist fort, hier verließ ich ihn. + +Katharina: Hier? Dann muß er hinuntergeklettert sein vom-Raina [ihn +erblickend]: Oh! [Sie zeigt auf ihn.] + +Katharina [empört]: Ah! [Sie geht mit großen Schritten auf das Bett +zu, Raina folgt ihr und bleibt ihr gegenüber auf der andern Seite des +Bettes stehen.]Er ist fest eingeschlafen, dieser Unmensch! + +Raina [ängstlich]: Scht! + +Katharina [ihn schüttelnd]: Herr! [Ihn noch heftiger schüttelnd:] +Herr!! [Ihn außerordentlich stark schüttelnd:] Herr!!! + +Raina [fällt ihr in den Arm]: Nicht, Mama, der arme Mann ist ganz +erschöpft, laß ihn schlafen. + +Katharina [läßt ihn los und wendet sich erstaunt zu Raina]: Der arme +Mann! Raina! [Sieht ihre Tochter starr an, der Flüchtling schläft +fest.] + +[Vorhang] + + + + +ZWEITER AKT + +[Am 6. März 1886. In dem frischen hübschen Garten von Major Petkoffs +Haus an einem schönen Frühlingsmorgen. Hinter dem Zaun tauchen die +Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt +im Tal. Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge +und umschließen die Landschaft. Wenn man vom Garten zu ihnen +hinüberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine +kleine Tür mit Stufen davor in den Garten führt. Rechts schneidet +der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein. Den Zaun und das +Haus entlang stehen Beerensträucher, die mit zum Trocknen +ausgespannter Wäsche behängt sind. Ein kleiner Weg führt an dem +Hause vorbei; er führt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert +sich dann.--In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen aus +gebogenem Holz. Auf dem Tisch steht das Frühstück, eine türkische +Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brötchen usw. Die Schalen wurden schon +gebraucht, und das Brot ist angebrochen.--An der Mauer zur Rechten +steht eine hölzerne Gartenbank. + +Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und +kehrt mit zorniger Verachtung einem männlichen Dienstboten den Rücken, +der ihr eben eine Strafpredigt hält. Es ist ein Mann in den besten +Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher +Intelligenz. Er hat die Selbstgefälligkeit eines Dieners, der seine +Dienste hoch einschätzt, und den unerschütterlichen Gleichmut eines +kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen. Er trägt weiße +bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen, +Schärpe und verzierte Gamaschen. Sein Kopf ist bis an den Scheitel +glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt. Sein Name +ist Nicola.] + +Nicola: Laß dich rechtzeitig warnen, Louka, ändere dein Benehmen. +Ich kenne unsere Gnädige. Sie ist zu selbstbewußt, um sich jemals +träumen zu lassen, daß eine Dienerin es wagen könnte, ihr gegenüber +respektlos zu sein. Aber laß sie nur einmal bemerken, daß du ihr +Trotz bietest, und du fliegst hinaus. + +Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen--was liegt mir daran? + +Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich +niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht +vertragen würdest. + +Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich? + +Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft +abhängig sein. Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia +aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten. +Ein böses Wort von ihnen könnte mich zugrunde richten. + +Louka: Du hast eben keine Kurage! Ich möchte sehen, ob sie sich +unterstehen würden, über mich ein böses Wort zu sagen! + +Nicola [mitleidig]: Ich hätte dich für gescheiter gehalten, Louka, +aber du bist eben jung--noch sehr jung. + +Louka: Gewiß. Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr? +Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse, +von denen sie nicht wünschen würden, daß ich sie ausplaudere. Sie +sollen es nur wagen, mit mir anzubinden! + +Nicola [mitleidig und überlegen]: Weißt du, was sie täten, wenn sie +dich so sprechen hörten? + +Louka: Was könnten sie tun? + +Nicola: Dich wegen Lügenhaftigkeit entlassen. Wer würde dir dann +jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung +verschaffen? Wer in diesem Hause würde es wagen, auch nur wieder mit +dir zu sprechen? Und wie lange würde dein Vater auf seinem kleinen +Bauernhof belassen werden?! [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer +Zigarette fort und tritt darauf]: Du großes Kind! Du weißt eben +nicht, was für eine Macht so hohe Herrschaften über unsereins haben, +sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen. [Er +tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an! Seit +zehn Jahren diene ich in diesem Hause--glaubst du, daß ich da keine +Geheimnisse weiß? Ich weiß Dinge von unserer Frau! Nicht um tausend +Leu würde sie wollen, daß ihr Mann sie erführe! Und ich weiß Dinge +von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen würde, +wenn ich sie ausplaudern wollte. Ich weiß Dinge von Fräulein Raina! +Die Auflösung der Verlobung mit Sergius wäre die Folge, wenn-- + +Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weißt du denn das? Ich habe +dir doch nie etwas gesagt? + +Nicola [reißt die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines +Geheimnis! Ich dachte gleich, es könnte so was sein. Nun, befolge +meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und laß die Gnädige fühlen, daß, +ganz gleich, was du weißt oder nicht weißt, sie sich darauf verlassen +kann, daß du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben +wirst. Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du +am meisten von ihnen herauskriegen. + +Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola! + +Nicola [vergnügt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im +Dienste. [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das +hölzerne Tor wird vom Hofe her gehört.] + +Männliche Stimme [von außen]: Hallo! Heda! Nicola! + +Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurück! + +Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorüber! Mach, daß +du fortkommst, und bring frischen Kaffee! [Er läuft hinaus auf den +Stallhof.] + +Louka [während sie Kaffeekanne und Tassen zusammenräumt und auf dem +Servierbrett in das Haus hineinträgt]: Du wirst aus mir niemals eine +Bedientenseele machen! [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her, +Nicola folgt ihm. Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer, +unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Von +Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit +in der Lokalgesellscbaft bekümmert, ist er jetzt doch äußerst +zufrieden mit dem militärischen Rang, der ihm während des Krieges als +einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingeräumt wurde. Das Fieber +eines tollkühnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen +Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er +ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.] + +Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier draußen das +Frühstück? + +Nicola: Jawohl, gnädiger Herr. Die gnädige Frau und Fräulein Raina +sind soeben ins Haus gegangen. + +Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brötchen]: Geh hinein und sage, daß +ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee. + +Nicola: Ist schon bestellt, gnädiger Herr. [Er wendet sich gegen die +Haustür, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und +einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gnädige +Frau verständigt? + +Louka: Ja, die Gnädige kommt gleich. [Nicola geht in das Haus hinein. +Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.] + +Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben? + +Louka: Nein, gnädiger Herr. + +Petkoff: Das ist recht. Hast du mir Kognak gebracht? + +Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gnädiger Herr. + +Petkoff: So ist's recht. [Er gießt ein paar Tropfen Kognak in seinen +Kaffee. Katharina, die zu der frühen Stunde nur eine sehr flüchtige +Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause. Sie trägt eine +bulgarische Schürze über einem ehemals prächtigen, aber jetzt halb +abgetragenen roten Schlafrock. Ein farbiges Kopftuch ist um ihr +dickes schwarzes Haar gewunden. Sie hat türkische Pantoffeln an den +bloßen Füßen. Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hübsch und +stattlich aus. Louka geht in das Haus zurück.] + +Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine Überraschung für uns! +[Sie beugt sich über die Lehne seines Stuhls, um ihn zu küssen]: +Hast du schon frischen Kaffee bekommen? + +Petkoff: Ja, Louka hat schon für mich gesorgt.--Der Krieg ist aus, +der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und +der Abrüstungsbefehl für unsere Armee ist gestern ausgegeben worden. + +Katharina [springt auf, mit sprühenden Augen]: Der Krieg zu Ende! +Paul, haben euch die Österreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu +schließen? + +Petkoff [unterwürfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt, +was konnte ich tun? [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]: +Aber natürlich haben wir dafür gesorgt, daß der Vertrag ein +ehrenhafter sei, er sichert den Frieden. + +Katharina [beleidigt]: Frieden! + +Petkoff [sie besänftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen +Beziehungen, merke wohl. Sie wollten das hineinsetzen, aber ich +bestand darauf, daß es gestrichen würde--was hätte ich noch mehr tun +können? + +Katharina: Du hättest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander +zum Kaiser des Balkans machen können; das hätte ich getan! + +Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste. Aber ich hätte zuvor das +ganze österreichische Kaiserreich unterwerfen müssen, und das hätte +mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt. + +Katharina [freundlich]: Ah! [Sie streckt ihren Arm liebevoll über +den Tisch, um seine Hand zu drücken.] + +Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste? + +Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut. + +Petkoff [mit Überzeugung]: Das kommt davon, daß du dir täglich den +Hals wäschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt. + +Katharina: Das ist Unsinn, Paul. + +Petkoff [über seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen, +daß man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige +Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatürlich. In Philippopel +war ein Engländer, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach +dem Aufstehen über und über mit kaltem Wasser zu begießen. Ekelhaft! +Der Unfug kommt überhaupt von den Engländern. Ihr Klima macht sie +so schmutzig, daß sie sich in einem fort waschen müssen. Schau doch +meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist +dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesündeste Mann +Bulgariens. Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche +ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genüge zu tun--aber jeden +Tag, das heißt doch, die Sache in lächerlicher Weise übertreiben. + +Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul. +Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut +benommen. + +Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafür gesorgt, daß +sie erfuhren, daß wir eine Bibliothek haben! + +Katharina: Ah--aber daß wir auch eine elektrische Klingel darin haben, +das wissen sie nicht! Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen +lassen. + +Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel? + +Katharina: Du berührst einen Knopf, es klingelt in der Küche, und +dann kommt Nicola herein. + +Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien! + +Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten; +ich habe das gelernt, während du fort warst. + +Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe. +Zivilisierte Leute hängen ihre Wäsche nicht so zum Trocknen auf, daß +jeder Besucher sie sehen kann. Es wäre deshalb besser, du würdest +all das Zeug [er zeigt auf die Wäsche an den Büschen,] irgendwo +anders hinhängen. + +Katharina: Aber das ist doch lächerlich, Paul; ich kann mir nicht +denken, daß wirklich feine Leute solche Dinge überhaupt bemerken. +[Man hört jemanden an das Hoftor klopfen.] + +Petkoff: Das ist Sergius. [Ruft]: Holla! Nicola! + +Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul. Das ist wirklich nicht +fein! + +Petkoff: Unsinn. [Er ruft lauter als vorher:] Nicola! + +Nicola [erscheint vor der Haustür]: Zu Befehl, gnädiger Herr. + +Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, führe ihn hierher. [Er spricht +den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".] + +Nicola: Sehr wohl, gnädiger Herr! [Er geht nach dem Stallhofe zu.] + +Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht. Er +quält mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befördert +haben--über meinen Kopf hinweg, bitte! + +Katharina: Gewiß. Er sollte auch gewiß befördert werden, wenn er +Raina heiratet. Überdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens +einen eingeborenen General zu bekommen. + +Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde +richten könnte. Gib dir keine Mühe, es ist umsonst--er hat nicht die +geringste Aussicht auf Beförderung, bevor wir nicht ganz sicher sind, +daß der Friede dauernd sein wird. + +Nicola [an der Tür anmeldend]: Major Sergius Saranoff. [Er geht in +das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl +heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurück.] + +[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas +Schlafzimmer, ist ein großer, romantisch schöner Mann, von der +Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines +Häuptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persönliche +Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine +Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden +Stirnknochen und reichen bis in die Schläfen. Seine eifersüchtig +beobachtenden Augen, seine dünne spitze Nase--furchtsam trotz der +breiten Nasenflügel und des streitsüchtigen hohen Rückens--sein +energisches Kinn würden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und +sie beweisen, daß der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe +kritische Fähigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der +westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat. +Das Resultat ist ganz ähnlich demjenigen, welches das Aufkommen der +Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen ließ, nämlich +"Byronismus". Durch das Grübeln über die dauernde Erfolglosigkeit +nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen +nachzuleben--durch seine beharrliche zynische Verachtung der +Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert +seiner eigenen Entwürfe und die Unwürdigkeit der Welt, die sie +mißachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter +Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher +Enttäuschungen seiner nervösen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die +halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysteriöse +Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen +Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das, +wodurch Childe Harold die Großmütter seiner englischen Zeitgenossen +bezauberte. Es ist klar, daß dieser oder keiner Rainas Held sein muß. +Katharina ist für ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und +viel weniger zurückhaltend, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Als er durch +das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich überschwenglich, um ihn zu +begrüßen. Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu +machen.] + +Petkoff: Schon hier, Sergius? Freut mich, dich wieder zu sehen. +Katharina: Mein teuerer Sergius! [Sie streckt ihm beide Hände +entgegen.] + +Sergius [küßt diese mit skrupulöser Galanterie]: Verehrte +Mutter--wenn ich Sie so nennen darf? + +Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius! Schwiegermutter! Nimm +Platz und bediene dich mit Kaffee. + +Sergius: Danke schön, keinen Kaffee für mich. [Er entfernt sich vom +Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung über Petkoffs +Genuß am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewußter Würde gegen das +Geländer der Treppe, die zum Hause führt.] + +Katharina: Sie sehen prächtig aus, vorzüglich! Der Feldzug ist Ihnen +gut bekommen. Hier ist alles ganz begeistert für Sie. Wir waren +alle außer uns vor Enthusiasmus über Ihre prachtvolle Kavallerieattacke. +Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines +militärischen Rufes, gnädige Frau! + +Katharina: Wieso? + +Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, während unsere +verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren. +Das warf ihre Pläne über den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit. +Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurückgeschlagen, +aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegführung. Zwei +Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militärischer Vorschrift +getötet. Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch +immer ein einfacher Major. + +Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die +Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafür sorgen, daß Ihnen +Gerechtigkeit widerfährt. + +Sergius: Es ist zu spät; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um +mein Abschiedsgesuch einzureichen. + +Petkoff [läßt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch? +Katharina: Oh, Sie müssen es zurückziehen. + +Sergius [mit entschiedener maßvoller Betonung, seine Arme kreuzend]: +Ich ziehe niemals zurück. + +Petkoff [geärgert]: Nein, wer konnte denken, daß du dir so etwas +einfallen lassen würdest! + +Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!--Doch genug von mir und +meinen Angelegenheiten! Wie geht es Raina und wo ist sie? + +Raina [tritt plötzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf +der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina! [Sie sieht reizend aus, +und alle wenden sich nach ihr um. Sie trägt ein Unterkleid aus +blaßgrüner Seide, das mit einem goldgestickten dünnen ekrüfarbenen +Überwurf bedeckt ist. Auf dem Kopfe trägt sie eine hübsche +phrygische goldverbrämte Mütze.--Sergius geht ihr mit einem +Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die +er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, küßt.] + +Petkoff [zu Katharina, strahlend vor väterlichem Stolz]: Schön ist +sie, nicht wahr? Sie erscheint immer im richtigen Augenblick. + +Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine +abscheuliche Gewohnheit. [Sergius führt Raina nach vorne mit +außerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Königin wäre. Als sie +an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes +zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem +Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.] + +Raina [beugt sich nieder und küßt ihren Vater]: Teurer Vater, +willkommen zu Hause! + +Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling! [Er küßt sie, +sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola für Sergius gebracht hat, +und setzt sich.] + +Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius? + +Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat. "Soldat sein", gnädige +Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen, +wenn er die Übermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er +der Schwächere ist. Trachte, deinen Feind zu übervorteilen, und +niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen +Bedingungen--das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten, +was, Major? + +Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann +gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein +Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft. + +Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als +Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses +Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der +Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben. + +Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen +Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt. + +Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist +Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge +seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]: +Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß +die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es +töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall. + +Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu +schaffen gehabt? + +Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf +auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen, +wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir +verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne +die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen. + +Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere? + +Petkoff: Nein--alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle +Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin. +Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen, +beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert +verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal +eßbar. + +Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten +Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder. + +Raina: Wie sah er aus? + +Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage! + +Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois +vom Scheitel bis zur Sohle. + +Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die +sein Freund uns von ihm erzählte.--Wie er nach der Schlacht bei +Slivnitza entkommen ist--erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn +versteckt haben. + +Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er +diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen +habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon, +unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu +entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer +irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die +junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses +verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig +ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr +Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war +gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit +einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet, +freundlichst entlassen. + +Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht, +Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche +Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.] + +Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius. +Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen +zu hören. + +Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei? + +Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina, +mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich +benommen--verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]: +Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig +und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina +wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten +paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden, +aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am +wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina--[Dabei wendet er sich zu den +anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu +lassen, als der Major ihn unterbricht.] + +Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug +Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte +imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne +mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß +wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei +Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route +nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus +zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt +sich Katharina und greift ein.] + +Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für +einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen. +Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den +Regimentern ins reine zu bringen. + +Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich, +Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein +lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein +paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]: +Nun, mein Lieber, + +[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische +Klingel an. + +Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich +in das Haus.] + +[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch +beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme +nach ihm aus.] + +Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen? + +Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung +und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König! + +Sergius: Meine Königin! [Er küßt sie auf die Stirne.] + +Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius! Sie waren draußen im +Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf +Erden wert zu zeigen, während ich untätig zu Hause sitzen mußte, +nutzlos träumend--ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben +könnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten. + +Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehören Ihnen, Sie haben mich +begeistert! Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem +Turnier zu Ehren seiner Dame. + +Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen. +[Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale +Liebe gefunden. Wenn ich an Sie denke, dann fühle ich, daß ich +niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens +fähig sein könnte. + +Sergius: Meine Königin, meine Heilige! [Er umarmt sie verehrungsvoll.] + +Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,, + +Sergius: Still! Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen +ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen +Leidenschaft eines Mädchens ist. + +Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie +enttäuschen. [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen +rasch auseinander]: Ich könnte es nicht über mich bringen, jetzt +gleichgültige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll. [Louka tritt +aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fängt an, +ihn abzuräumen. Sie steht mit dem Rücken gegen das Paar]: Ich will +nur meinen Hut holen, dann können wir bis zum Mittagessen ausgehen. +Ist Ihnen das recht? + +Sergius: Bitte, machen Sie schnell. Die Minuten des Wartens werden +mir Stunden sein. [Raina läuft bis zur obersten Stufe der Stiege und +wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm +mit beiden Händen Küsse zu. Einen Augenblick sieht er ergriffen nach +ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glüht in +erhabenster Begeisterung. Die Wendung ändert sein Gesichtsfeld, in +dessen Winkel jetzt Loukas Schürzenzipfel auftaucht. Seine +Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt. Er sieht sie verstohlen an und +beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen. Die linke Hand +stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines +großtuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka +gegenüber.] + +Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist? + +Louka [verwundert]: Nein, Herr Major. + +Sergius: Eine für die Dauer sehr ermüdende Sache, Louka, und man hat +hinterher das Bedürfnis, davon auszuruhen. + +Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major? +[Sie langt mit der Hand über den Tisch nach der Kaffeekanne.] + +Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka. + +Louka [als ob sie die Hand zurückziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie +wissen ganz gut, daß ich es nicht so gemeint habe. Ich staune über +Sie. + +Sergius [verläßt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune +über mich selbst, Louka. Was würde Sergius, der Held von Slivnitza, +dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte--was würde Sergius, der +Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen +könnte--was würden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner +schönen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier +erwischten? [Er läßt ihre Hand fahren und faßt sie geschickt mit +einem Arm um die Hüften.] Finden Sie mich hübsch gewachsen, Louka? + +Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf über +mich. [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen +Sie mich loslassen? + +Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein! + +Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurück, damit man uns nicht +sieht. Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen? +Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht. [Er führt sie +unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden können.] +Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen +haben--Fräulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her. + +Sergius [gekränkt, läßt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich +mag unwürdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe außer acht +zu lassen, aber beleidigen dürfen Sie diese Liebe nicht! + +Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major! Ich schwör' +es Ihnen. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen? + +Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verführerische +kleine Hexe, Louka. Wenn Sie in mich verliebt wären, würden Sie mich +ausspionieren? + +Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, daß in Ihnen +gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus +gehen, so hätte ich wohl viel zu tun. + +Sergius [entzückt]: Sie sind ebenso geistreich wie hübsch. [Versucht, +sie zu küssen.] + +Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Küsse nicht, die +Herrenleute sind doch alle gleich. Sie liebäugeln mit mir hinter +Fräulein Rainas Rücken, und Fräulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem +Rücken. + +Sergius [einen Schritt zurückweichend]: Louka!! + +Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt. + +Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Höflichkeit]: +Wenn unser Gespräch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut +tun, zu bedenken, daß ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er +verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht. + +Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann für richtig hält; +ich dachte, da Sie versuchten, mich zu küssen, Sie hätten aufgegeben, +alles gar so genau zu nehmen. + +Sergius [wendet sich von ihr ab und schlägt sich auf die Stirne, +während er von der Einfahrt zurück in den Garten kommt]: Teufel, +Teufel! + +Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr +viel Ähnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Fräulein Rainas +Zofe bin. [Sie geht zurück an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter +Notiz von ihm zu nehmen.] + +Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der +richtige? das ist die große Frage, die mich quält. Der eine ist ein +Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte +vielleicht sogar ein Lump. [Er hält inne und sieht flüchtig zu Louka +hin, während er mit tiefer Bitterkeit hinzufügt]: Und einer +wenigstens ist ein Feigling--eifersüchtig wie alle Feiglinge. [Er +geht an den Tisch.] Louka! + +Louka: Ja! + +Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler? + +Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder für Liebe +noch für Geld. + +Sergius: Warum nicht? + +Louka: Es ist gleichgültig, warum. Überdies würden Sie erzählen, daß +ich es Ihnen gesagt habe, und ich würde meine Stelle verlieren. +Sergius [streckt seine rechte Hand beschwörend aus]: Nein, bei der +Ehre eines--[er unterbricht sich und seine Hand fällt kraftlos herab, +während er sardonisch fortfährt]: eines Menschen, der fähig ist, sich +zu benehmen, wie ich mich in den letzten fünf Minuten benommen +habe--wer ist es? + +Louka: Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur +seine Stimme durch die Tür von Fräulein Rainas Zimmer gehört. + +Sergius: Tod und Teufel! wie können Sie es wagen...? + +Louka [zurückweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes. Was +berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen? Die gnädige Frau weiß +alles, und ich sage Ihnen bloß: wenn dieser Herr jemals wieder +hierherkommen sollte, so wird ihn Fräulein Raina heiraten, ob er nun +wollen wird oder nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen der Art, +wie Sie und das gnädige Fräulein sich miteinander gehaben, und der +richtigen Art. [Sergius fährt zusammen, als wenn sie ihn gestochen +hätte. Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und +erfaßt ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Händen.] + +Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf! + +Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh! + +Sergius: Das schadet nichts. Sie haben meine Ehre angegriffen, indem +Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre +Herrin verraten. + +Louka [sich windend]: Bitte! + +Sergius: Das zeigt, daß Sie ein erbärmlicher, kleiner Klumpen Schmutz +mit einer Bedientenseele sind. [Er läßt sie los, als ob sie ein +unreines Ding wäre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von +ihrer Berührung reinigte. Dann geht er nach der Bank an der Mauer, +wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, düster vor sich +hinblickend.] + +Louka [wimmert ärgerlich, mit der Hand auf dem Ärmel, und befühlt +ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge +zu verletzen, wie mit Ihren Händen! Aber jetzt liegt mir nichts mehr +daran! Aus was für Schmutz ich auch sein mag, ich weiß, Sie sind aus +demselben. Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lügnerin, +und ihre schönen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als +sechs solche. [Sie verbeißt ihren Schmerz; wirft den Kopf zurück und +geht an die Arbeit, den Tisch abzuräumen. Er sieht sie ein- bis +zweimal zweifelnd an. Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt +das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal +hinauszutragen. Als sie sich bückt, um das Brett aufzuheben, steht +Sergius auf.] + +Sergius: Louka! [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein +Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen +Umständen weh zu tun. [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblößend]: +Verzeihen Sie mir. + +Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame genügen. Was soll +sie einem Dienstboten? + +Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, läßt +sie fallen und sagt geringschätzig]: Oh, Sie wünschen bezahlt zu +werden für Ihren Schmerz? [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt +etwas Geld aus der Tasche.] + +Louka [gegen ihren Willen mit Tränen in den Augen]: Nein, ich wünsche, +daß mein Schmerz gutgemacht werde. + +Sergius [durch ihren Ton ernüchtert]: Wie? [Sie streift ihren linken +Ärmel hinauf, umfaßt ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der +rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den +Kopf in die Höhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer +prachtvollen Bewegung hält sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt +sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zögert und ruft dann mit +vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie möglich +fort von ihr. Der Arm fällt herab. Ohne ein Wort und mit nicht +gespielter Würde nimmt Louka ihr Servierbrett und nähert sich dem +Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut +bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885. +Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.] + +Raina: Ich bin bereit. Was ist los? [Lustig]: Haben Sie am Ende gar +mit Louka geflirtet? + +Sergius [rasch]: Nein, nein, wie können Sie nur so etwas denken! +Raina [beschämt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz; +ich bin heute so glücklich. [Er geht rasch auf sie zu und küßt ihr +reumütig die Hand. Katharina erscheint auf der obersten Stufe der +aus dem Hause führenden Treppe und ruft nach ihnen.] + +Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stören zu +müssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung über jene drei +Regimenter; er weiß nicht, wie er sie nach Philippopel befördern soll, +und er widerspricht jedem meiner Vorschläge. Sie müssen kommen und +ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek. + +Raina [enttäuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen. + +Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau +fünf Minuten. [Er läuft die Treppe zur Tür hinauf.] + +Raina [folgt ihm bis an den Fuß der Treppe und blickt ihm mit +schüchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der +Bibliothek auf und ab gehen, so daß man mich sehen kann, und warten. +Sie müssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken. Wenn Sie aber eine +Sekunde länger als fünf Minuten ausbleiben, dann werde ich +hineinkommen und Sie holen--Regimenter hin, Regimenter her! + +Sergius [lachend:] Abgemacht! [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit +den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich +abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in düsteres Sinnen verloren.] + +Katharina: Was sagst du dazu, daß sie gerade diesem Schweizer +begegnen mußten und nun die ganze Geschichte wissen! Das allererste, +wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen +Menschen fortgeschickt haben. Du hast uns da eine schöne Suppe +eingebrockt! + +Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine +Ungeheuer! + +Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer? + +Raina: Hinzugehen und alles zu erzählen,,, oh, wenn ich ihn bloß hier +hätte, ich würde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, daß er +nie wieder reden könnte. + +Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina. Sag' mir lieber die +Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir +gekommen bist? + +Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der +entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich längst vergessen. + +Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben. Ist er wirklich +heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da, +als der Offizier das Zimmer durchsuchte? + +Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er muß schon dagewesen sein. + +Katharina: Du glaubst! O Raina, Raina, wirst du jemals lernen +aufrichtig zu sein? Wenn Sergius das erfährt, ist es aus zwischen +euch. + +Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich weiß, Sergius ist dein +Liebling. Manchmal wünschte ich, du könntest ihn heiraten an meiner +Stelle. Du würdest auch vortrefflich zu ihm passen, du würdest ihn +verzärteln und verziehen und aufpäppeln nach Herzenslust. + +Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark! + +Raina [kapriziös, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm +etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt--und um seine +fünf Sinne bringt. [Zu Katharina, störrisch]: Es ist mir ganz +einerlei, ob er etwas über den Pralinésoldaten erfährt oder nicht! +Halb und halb wünsche ich es sogar. [Sie wendet sich wieder ab und +geht leichtfüßig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.] + +Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen? + +Raina [über ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa! +als ob der sich selbst helfen könnte! [Sie geht um die Ecke und +verschwindet.] + +Katharina [ihr nachblickend, während es ihr in den Fingern zuckt]: Oh, +wenn du nur zehn Jahre jünger wärst! [Louka kommt aus dem Hause und +trägt einen Präsentierteller in der herabhängenden Hand.] Was gibt's? + +Louka: Ein Herr ist draußen, gnädige Frau, und hat nach Ihnen +gefragt--ein serbischer Offizier. + +Katharina [außer sich]: Ein Serbe! Und er wagt es,,, [Faßt sich; +bitter]: Oh, ich vergaß, wir haben ja Frieden jetzt! Wir werden sie +nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen +müssen. Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem +Herrn--er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek--, warum +kommst du zu mir? + +Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gnädige Frau. Aber ich glaube +nicht, daß er weiß, wer Sie sind. Er sagte: "für die Dame des +Hauses" und gab mir dieses kleine Billett. [Sie nimmt eine Karte aus +ihrer Bluse, legt sie auf den Präsentierteller und bietet sie +Katharinen.] + +Katharina [lesend]: Kapitän Bluntschli--das ist ein deutscher Name. + +Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gnädige Frau! + +Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurückweicht]: +Schweizer! wie sieht er aus? + +Louka [schüchtern]: Er trägt eine große Reisetasche, gnädige Frau. + +Katharina: Großer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurückzugeben,,, +Schick' ihn fort--schnell! Sag' ihm, daß wir nicht zu Hause sind. +Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein, +bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen +Sessel, um darüber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major +Saranoff sind in der Bibliothek beschäftigt, nicht wahr? + +Louka: Jawohl, gnädige Frau. + +Katharina [entschieden]: Führe den Herrn sofort hier heraus! +[Befehlend]: Und daß du sehr höflich mit ihm bist,,, schnell, schnell! +[Ihr ungeduldig den Präsentierteller fortnehmend:] Laß das hier, +geh nur direkt zu ihm! + +Louka: Zu Befehl, gnädige Frau. [Geht.] + +Katharina: Louka! + +Louka [bleibt stehen]: Gnädige Frau? + +Katharina: Ist die Tür zur Bibliothek geschlossen? + +Louka: Ich glaube, gnädige Frau. + +Katharina: Wenn nicht, so schließe sie im Vorübergehen. + +Louka: Wie Sie befehlen, gnädige Frau. [Sie geht.] + +Katharina: Wart'! [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen +müssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm +seine Tasche hierher nachbringen. Vergiß das ja nicht! + +Louka [erstaunt]: Seine Tasche? + +Katharina: Ja, hierher, so schnell wie möglich. [Heftig]: Beeile +dich! + +[Louka läuft in das Haus hinein.] + +Katharina [reißt ihre Schürze ab und wirft sie hinter einen Busch, +dann nimmt sie den Präsentierteller und benützt ihn als Spiegel. Das +Resultat ist, daß sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trägt, +der Schürze nachfolgen läßt. Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und +zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfähig auszusehen]: Nein, nein, +ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen! + +Louka [erscheint an der Tür und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!" +[sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie +wieder zurücktritt. Es ist tatsächlich der Held des nächtlichen +Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schön abgebürstet, +in eleganter Uniform und außer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos +derselbe Mann. Sobald Louka den Rücken gekehrt hat, wendet sich +Katharina heftig und dringend und in beschwörendem Ton an ihn.] + +Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich außerordentlich, Sie +wiederzusehen, aber Sie müssen dieses Haus sofort verlassen! [Er +blickt sie groß an]: Mein Mann ist eben mit meinem zukünftigen +Schwiegersohn zurückgekehrt. Noch wissen sie nichts; aber wenn sie +etwas erführen, die Folgen wären fürchterlich! Sie sind Ausländer, +Sie können unsere nationalen Gehässigkeiten nicht nachfühlen, aber +wir hassen die Serben noch immer. So ist beispielsweise bei meinem +Manne das einzige Resultat des Friedens, daß er sich wie ein Löwe +fühlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat. Wenn er unser +Geheimnis erführe, er würde mir nie verzeihen, und sogar das Leben +meiner Tochter wäre in Gefahr. Wollen Sie, wie es sich für einen +Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort +verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann? + +Bluntschli [enttäuscht, aber gefaßt]: Augenblicklich, gnädige Frau! +Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock +zurückzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben. Wenn Sie +mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und +beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhändigen, so brauchte ich Sie +nicht länger zu belästigen. [Er macht kehrt, um in das Haus +zurückzugehen.] + +Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie dürfen nicht daran denken, +auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind. [Ihn nach dem +Gitter der Stallungen führend]: Das ist der kürzeste Weg ins Freie. +Vielen Dank--es freut mich unendlich, daß ich Ihnen dienen konnte--, +leben Sie wohl! + +Bluntschli: Aber meine Tasche? + +Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre +Adresse da. + +Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie. [Er zieht seine +Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse +aufschreiben, während Katharina vor Ungeduld vergeht. Als er ihr +eben die Karte einhändigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause +gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung. Sergius folgt ihm.] + +Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann +Bluntschli! + +Katharina: Himmel! [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.] + +Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt +Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich +wäre hier draußen, statt--in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek +nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe +Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht +hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner +noch, nicht wahr? + +Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer +Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind! + +Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich +ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde +oder Gefangene. + +Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli +eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu +müssen. + +Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli--wir brauchen Sie hier +sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach +Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen. + +Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da +wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr? + +Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die +Sache gleich weg hat! + +Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist. + +Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli +überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen +die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste +Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.] + +Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat! +[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf +Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.] + +Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina, +siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann +Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina +verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.] + +Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe +zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein +wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der +dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles +verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie +dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli. + +Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr +einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung +für mich. + +Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina? + +Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen. +Es ist ihr neuestes Steckenpferd. + +Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war +er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er +Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich +in der--Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas +Pralinésoldaten. Er muß... + +[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause +heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor +Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines +Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht +Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache +wiedererlangt, bricht er los.] + +Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola? + +Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr... + +Petkoff: Wozu bringst du das hierher? + +Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir, +daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich +dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen? +Was fällt dir denn ein, Nicola? + +Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck +auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger +Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es +ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht +anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das +Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.] + +Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf +Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche +fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du! + +Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr +wohl, gnädiger Herr! + +Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht! + +Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand +und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren...[Er erinnert sich +seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und +sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie +nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst +getrost bei uns bleiben. + +Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli. + +Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch, +weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn, +und er wird nachgeben. + +Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich +schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit +Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche. + +Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie +befehlen, gnädige Frau. + +Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht! + +Petkoff [herzlich]: Abgemacht! + +Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN! + +Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl. +[Gebärde der Verzweiflung von Katharina.] + +[Vorhang] + + + + +DRITTER AKT + +[Nach dem Mittagessen in der Bibliothek.--Nicht viel darin berechtigt +zu dieser Bezeichnung. Die literarische Einrichtung dieses Raumes +besteht bloß aus einem einzigen Bücherbrett, das mit alten +ungebundenen, zerrissenen, kaffeebefleckten und mit Daumenabdrücken +versehenen Romanen angefüllt ist. Ferner ein paar hängende +Wandetageren mit einigen Geschenkbänden. Die andern Wände sind mit +Jagd- und Kriegstrophäen bedeckt, es ist im übrigen ein äußerst +behagliches Wohnzimmer. Eine Front von drei breiten Fenstern +gestattet den Ausblick auf ein Bergpanorama, das man eben in sehr +freundlichem, mildem Nachmittagslichte bewundern kann. In der Ecke +neben dem rechtseitigen Fenster verspricht ein viereckiger Kachelofen, +ein wahrer Turm farbiger Kacheln bis fast zur Zimmerdecke, +behagliche Wärme. Die Ottomane in der Mitte ist rund, mit gestickten +Kissen bedeckt, und in den Fensternischen stehen gut gepolsterte +kleine Diwane. Kleine türkische Tische--auf einem liegt eine +gutgearbeitete Wasserpfeife--und ein sie verbindender Wandschirm +vervollständigen den angenehmen Eindruck der Einrichtung. Nur ein +Möbelstück ist da, das gar nicht in den Rahmen des Zimmers paßt,--das +ist ein kleiner, sehr abgenützter, in einen Schreibtisch +umgewandelter Küchentisch. Eine alte, mit Federn gefüllte +Blechbüchse, ein mit Tinte gefüllter Eierbecher und ein elender +Fetzen ganz verbrauchten rosaroten Löschpapiers liegen darauf. An +diesem Tische, der dem linksseitigen Fenster gegenübersteht, sitzt +Bluntschli, in Arbeit vertieft. Er hat ein paar Landkarten vor sich +und schreibt Befehle aus. An der Schmalseite sitzt Sergius, der auch +so tut als ob er beschäftigt wäre, der aber eigentlich nur an seinem +Federhalter kaut. Er beobachtet Bluntschlis raschen, sicheren, +berufsmäßigen Fortschritt bei der Arbeit mit einer Mischung von +neidischer Erregung in Anbetracht seiner eigenen Unfähigkeit, und +ehrfürchtigem Erstaunen über eine Geschicklichkeit, die ihm beinahe +überirdisch erscheint, obgleich der prosaische Charakter der Arbeit +ihm verbietet, sie zu achten. Major Petkoff lehnt behaglich mit +einer Zeitung auf der Ottomane, in erreichbarer Nähe steht die +Wasserpfeife. Katharina sitzt am Ofen, kehrt der Gesellschaft den +Rücken zu und stickt. Raina lehnt in den Kissen des Divans unter dem +rechtsseitigen Fenster und blickt träumerisch auf die Balkanlandschaft +hinaus, ein vernachlässigter Roman liegt in ihrem Schoße. Die Tür ist +auf derselben Seite wie der Ofen, weiter vom Fenster entfernt. Der +Knopf der elektrischen Klingel befindet sich zwischen der Tür und dem +Ofen.] + +Petkoff [blickt von seiner Zeitung auf und beobachtet, wie es auf dem +Tische vorwärts geht]: Sind Sie ganz sicher, daß ich Ihnen in keiner +Weise behilflich sein kann, Bluntschli? + +Bluntschli [ohne seine Arbeit zu unterbrechen oder aufzusehen]: Ganz +sicher, ich danke. Saranoff und ich, wir werden die Sache schon +fertigkriegen. + +Sergius [grimmig]: Jawohl, WIR werden die Sache schon fertigkriegen. +Er tiftelt heraus und bestimmt, was zu geschehen hat, schreibt die +Ordres aus, und ich unterschreibe sie, das heißt Arbeitsteilung, +Major. [Bluntschli reicht ihm ein Papier.] Noch eins? Ich danke +Ihnen. [Er breitet den Bogen vor sich aus, setzt seinen Stuhl +sorgfältig davor zurecht und unterschreibt mit der Miene eines Mannes, +der entschlossen eine schwierige und gefahrvolle Tat vollbringt.] +Diese Hand ist mehr an das Schwert gewöhnt als an die Feder. + +Petkoff: Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Bluntschli, +wahrhaftig, daß Sie sich in dieser Weise ausnützen lassen. Sind Sie +GANZ sicher, daß ich gar nichts weiter helfen kann? + +Katharina [in leise verwarnendem Ton]: Du könntest aufhören zu +unterbrechen, Paul. + +Petkoff [fährt auf und blickt zu ihr hinüber]: Was? Wie? Ganz +richtig, meine Liebe, ganz richtig. [Er nimmt die Zeitung wieder auf, +läßt sie aber sofort fallen.] Ah, du hast keinen Feldzug mitgemacht, +Katharina, du ahnst nicht, wie angenehm es uns ist, nach einem guten +Mittagessen hier zu sitzen, mit keiner andern Verpflichtung, als es +uns wohl sein zu lassen. Etwas fehlt mir allerdings zu meiner +vollständigen Behaglichkeit. + +Katharina: Und das ist? + +Petkoff: Mein alter Rock--ich fühle mich nicht zu Hause in diesem da. +Ich komme mir vor wie bei der Parade. + +Katharina: Mein teurer Paul, wie töricht du nur wegen dieses alten +Rockes bist. Er muß noch in der blauen Kammer hängen, wo du ihn +zurückgelassen hast. + +Petkoff: Meine liebe Katharina, ich versichere dir, daß ich dort +gesucht habe. Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht? +[Katharina erhebt sich ruhig und drückt auf die elektrische Klingel +neben dem Ofen.] Wozu führst du diese Klingel vor? [Sie sieht ihn +majestätisch, an, setzt sich schweigend in ihren Stuhl und nimmt ihre +Näharbeit wieder auf.] Meine Liebe, wenn du glaubst, daß der +Eigensinn einer Frau aus zwei alten Schlafröcken Rainas, aus deinem +Regenmantel und meinem Mantel einen Rock machen kann, dann irrst du +ganz gewaltig, und DAS ist zu dieser Stunde einzig und allein der +Inhalt der blauen Kammer! [Nicola erscheint auf der Schwelle.] + +Katharina [ganz ruhig, trotz Petkoffs Ausfall]: Nicola! geh in die +blaue Kammer und bringe deines Herrn alten Rock hierher, den mit +Borten besetzten, den er gewöhnlich im Hause trägt. + +Nicola: Zu Befehl, gnädige Frau. + +Petkoff: Katharina! + +Katharina: Ja, Paul. + +Petkoff: Ich wette mit dir um jeden Schmuck, den du in Sofia +bestellen willst, gegen das Haushaltungsgeld einer Woche, daß der +Rock nicht in der blauen Kammer ist. + +Katharina: Abgemacht, Paul! + +Petkoff [aufgeregt durch die Aussicht auf eine Wette]: Kommt, es gibt +hier einen Sport. Wer will noch darauf wetten? Bluntschli, ich +halte Ihnen sechs gegen eins. + +Bluntschli [gelassen]: Das hieße Sie ausrauben, Major. Die gnädige +Frau hat sicher recht. [Ohne aufzusehen reicht er Sergius abermals +einen Stoß Papiere.] + +Sergius [gleichfalls aufgeregt]: Bravo, Schweiz! Major, ich wette +mein bestes Chargenpferd gegen eine arabische Stute für Raina, daß +Nicola den Rock in der blauen Kammer findet. + +Petkoff [eifrig]: Dein bestes Chargenpferd? + +Katharina [ihn rasch unterbrechend]: Sei nicht verrückt, Paul, eine +arabische Stute kann dich fünfzigtausend Leu kosten. + +Raina [plötzlich aus ihrer träumerischen Bewunderung der Landschaft +erwachend]: Wahrhaftig, Mama, wenn du bereit bist, den Schmuck +anzunehmen, so sehe ich nicht ein, warum du mir meinen Araber +vorenthalten willst. + +[Nicola kehrt mit dem Rock zurück und bringt ihn Petkoff, der kaum +seinen Augen traut.] + +Katharina: Wo war er, Nicola? + +Nicola: Er hing in der blauen Kammer, gnädige Frau. + +Petkoff: Na, ich will verdammt sein... + +Katharina [einfallend]: Paul! + +Petkoff: Ich hätte schwören mögen, daß er nicht dort war. Das Alter +fängt an, bei mir anzuklopfen, ich bekomme schon Halluzinationen. +[Zu Nicola]: Da, hilf mir! Entschuldigen Sie, Bluntschli. [Er +wechselt seinen Rock, Nicola hilft ihm dienstbeflissen.] Ich mache +dich darauf aufmerksam, Sergius, daß ich deine Wette nicht angenommen +habe. Du könntest lieber selbst Raina die arabische Stute schenken, +da du nun schon einmal solche Erwartungen erweckt hast. Nicht wahr, +Raina? [Er wendet sich nach ihr um, aber sie ist wieder in den +Anblick der Landschaft vertieft; mit einem kleinen Ausbruch +väterlicher Liebe und Eitelkeit macht er die andern auf seine Tochter +aufmerksam und sagt]: Sie träumt schon wieder, wie gewöhnlich. + +Sergius: Keinesfalls soll sie dabei zu kurz kommen. + +Petkoff: Um so besser für Raina. Ich fürchte, ich werde nicht so +billig loskommen. [Nun ist der Kleiderwechsel vollzogen, Nicola geht +mit dem abgelegten Rock hinaus.] + +Petkoff: Ach, nun fühle ich mich endlich zu Hause! [Er setzt sich +und nimmt seine Zeitung mit behaglichem Grunzen wieder zur Hand.] + +Bluntschli [zu Sergius, ihm ein Papier reichend]: Das ist der letzte +Befehl. + +Petkoff [aufspringend]: Was--schon fertig? + +Bluntschli: Fertig! + +Petkoff [geht zu Sergius, sieht neugierig über seine linke Schulter +zu, wie er unterzeichnet, und sagt mit kindischem Neide]: Soll ich +denn gar nichts unterzeichnen? + +Bluntschli: Es ist nicht nötig, seine Unterschrift wird genügen. + +Petkoff: Nun gut, ich denke, wir haben ein verflucht anständiges +Stück Arbeit vollbracht. [Er entfernt sich vom Arbeitstisch]: Kann +ich sonst noch etwas tun? + +Bluntschli: Gut wäre es, wenn Sie beide die Kerle ansehen würden, die +diese Befehle zu überbringen haben. [Zu Sergius]: Schicken Sie die +Leute gleich fort und zeigen Sie ihnen, daß ich auf der Marschroute +die Zeit angegeben habe, in der sie ausgehändigt sein MÜSSEN. Sagen +Sie ihnen auch, daß ihnen die Haut über die Ohren gezogen werden wird, +wenn sie trinken und schwatzen und sich dadurch auch nur um fünf +Minuten verspäten. + +Sergius [erhebt sich entrüstet]: Das werde ich ausrichten! Und wenn +einer von ihnen Manns genug ist, mir dafür ins Gesicht zu speien, +weil ich ihn beleidigt habe, so will ich ihn loskaufen und ihm eine +Pension bezahlen. [Er geht mit großen Schritten ab, in seiner +Menschenwürde tief verletzt.] + +Bluntschli [vertraulich zu Petkoff]: Sie passen auf, daß er mit den +Leuten richtig spricht, Herr Major, nicht wahr? + +Petkoff [diensteifrig]: Gewiß, Bluntschli, gewiß, ich will mich darum +kümmern. [Er geht gewichtig zur Tür, zögert aber an der Schwelle]: +Apropos, Katharina, du kannst auch mitkommen. Dein Anblick wird sie +weit mehr einschüchtern als der meine. + +Katharina [ihre Stickerei niederlegend]: Ich glaube selbst, daß es +besser sein wird; du wirst dich höchstens blamieren. [Petkoff öffnet +ihr die Türe, sie geht ab und er folgt ihr.] + +Bluntschli: Was für ein Volk! Sie zimmern Kanonen aus Kirschbäumen, +und die Offiziere schicken nach ihren Frauen, um die Disziplin +aufrechtzuerhalten. [Er fängt an, die Papiere zusammenzufalten und +zu verzeichnen; Raina, die sich vom Diwan erhoben bat, geht im Zimmer +auf und ab, die Hände auf dem Rücken geballt, blickt sie Bluntschli +mutwillig an.] + +Raina: Sie sehen jetzt viel netter aus als damals, da wir uns zuletzt +getroffen haben. [Er blickt überrascht auf.]--Wie haben Sie das nur +angestellt? + +Bluntschli: Mich gewaschen, gebürstet, nachts gut geschlafen und +gefrühstückt--weiter nichts, gnädiges Fräulein. + +Raina: Sind Sie an jenem Morgen gefahrlos durchgekommen? + +Bluntschli: Vollkommen, ich danke Ihnen. + +Raina: Waren Ihre Vorgesetzten ungehalten darüber, daß Sie bei +Sergius' Attacke davongelaufen sind? + +Bluntschli: Nein, sie waren darüber froh, weil sie alle genau +dasselbe getan hatten. + +Raina [geht an den Tisch und beugt sich über den Tisch zu ihm +hinüber]: Es muß eine lustige Geschichte für SIE gewesen sein--all +das von mir und meinem Zimmer! + +Bluntschli: Ein famoses Abenteuer. Aber ich habe es nur einem +einzigen Menschen erzählt, einem alten Freunde. + +Raina: Auf dessen Verschwiegenheit Sie unbedingt zählen durften? + +Bluntschli: Unbedingt. + +Raina: So! Nun denn, er hat meinem Vater und Sergius alles erzählt +an jenem Tage, an dem Sie den Austausch der Gefangenen vornahmen. +[Sie wendet sich ab und schlendert nachlässig auf die gegenüberliegende +Seite des Zimmers.] + +Bluntschli [sehr betroffen und halb ungläubig]: Das ist doch nicht +Ihr Ernst--das ist unmöglich! + +Raina [mit plötzlichem Ernst, indem sie umkehrt]: Es ist so; aber die +beiden wissen nicht, daß SIE es waren und daß Sie in DIESES Haus +geflüchtet sind. Wenn Sergius das erführe, er würde Sie fordern und +im Duell töten. + +Bluntschli: Gott behüte, dann erzählen Sie es ihm nur nicht! + +Raina [vorwurfsvoll wegen seines Leichtsinns]: Können Sie sich +vorstellen, was es für mich bedeutet, ihn betrügen zu müssen? Ich +möchte ganz eins sein mit Sergius. Keinerlei Niedrigkeiten, nichts +Verwerfliches, kein Betrug sollte zwischen uns stehen. Meine +Beziehung zu ihm ist das wahrhaft schönste und erhabenste Ereignis +meines Lebens--ich hoffe, Sie können das begreifen. + +Bluntschli [skeptisch]: Sie wollen sagen, daß es Ihnen nicht angenehm +wäre, wenn er herausfände, daß die Geschichte mit dem Eispudding +eine--eine...na--Sie wissen schon. + +Raina [zusammenzuckend]: Ah, sprechen Sie darüber nicht in so +leichtfertiger Weise! Ja, ich habe gelogen, ich weiß es, aber ich +habe gelogen, um Ihnen das Leben zu retten--er würde Sie getötet +haben! Es war das zweitemal, daß ich in meinem Leben gelogen habe. + +[Bluntschli erhebt sich rasch und blickt Raina zweifelnd und etwas +strenge an.] + +Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal? + +Bluntschli: Ich? nein. War ich denn zugegen? + +Raina: Jawohl! Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen +suchte, daß Sie nicht zugegen wären. + +Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich hätte mich daran erinnern +sollen. + +Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, daß SIE das vergessen haben; +Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lüge--eine +Lüge! [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin, +die Hände über das Knie gekreuzt. Bluntschli nähert sich ihr sehr +ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und +rücksichtsvoller Gebärde neben sie.] + +Bluntschli: Verehrtes gnädiges Fräulein, machen Sie sich darüber +keine Gedanken! Bedenken Sie, ich bin Soldat! Nun welches sind die +beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, daß er schon gar +nicht mehr darauf achtet? Daß er Leute Lügen erzählen hört, ist das +eine. [Raina fährt zurück.] Das andere, daß ihm auf alle mögliche +Art und Weise von allen möglichen Leuten das Leben gerettet wird. + +Raina [protestiert entrüstet und erhebt sich]: Und so wird er ein +undankbares, treuloses Geschöpf. + +Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit? +Ich nicht. Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die +Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil. + +Raina: Dankbarkeit! [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht +dankbar sein können, dann sind Sie überhaupt jeder edlen Regung +unfähig--selbst Tiere sind dankbar! Oh, jetzt weiß ich genau, was +Sie über mich denken! Sie waren nicht überrascht, mich lügen zu +hören, Sie waren überzeugt, daß ich das täglich, ja stündlich täte! +So denken Männer über Frauen. [Sie geht im Zimmer melodramatisch +umher.] + +Bluntschli [mißtrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung. Sie +behaupten, daß Sie in Ihrem ganzen Leben bloß zweimal gelogen haben! +Verehrtes Fräulein, ist das nicht gar zu wenig?! Ich bin ein recht +wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir würde das nicht für einen +einzigen Vormittag reichen. + +Raina [ihn von oben herab ansehend]: Sie beleidigen mich, Herr +Hauptmann! + +Bluntschli: Dafür kann ich nichts. Wenn Sie diese edle Haltung +annehmen und in so hohem Tone sprechen, dann bewundere ich Sie--aber +es ist mir unmöglich, Ihnen auch nur ein Wort zu glauben! + +Raina [stolz]: Hauptmann Bluntschli! + +Bluntschli [unbeweglich]: Sie befehlen? + +Raina [geht ihm ein wenig entgegen, als ob sie ihren Ohren nicht +traute]: MEINEN Sie das, was Sie eben gesagt haben? WISSEN Sie, was +Sie eben gesagt haben? + +Bluntschli: Ganz genau. + +Raina [keuchend]: Ich! Ich!! [Sie zeigt ungläubig auf sich, als +wollte sie sagen: "Ich Raina Petkoff, bin eine Lügnerin." Er +begegnet ihrem Blick unerschütterlich, plötzlich setzt sie sich neben +ihn und geht mit vollkommenem Wechsel ihres Benehmens von ihrer +aufgebrachten zu einer vertraulichen Art und Weise über.] Wie haben +Sie mich so schnell durchschaut? + +Bluntschli [sofort]: Instinkt, gnädiges Fräulein, Instinkt und +Welterfahrung! + +Raina [verwundert]: Wissen Sie, daß Sie der erste Mann in meinem +Leben sind, der mich nicht ernst genommen hat? + +Bluntschli: Sie meinen, nicht wahr, daß ich der erste Mann bin, der +Sie ganz ernst nimmt? + +Raina: Ja, ich glaube, das meine ich. [Gemütlich und sehr +unbefangen]: Wie sonderbar das ist, wenn mit einem so ehrlich +gesprochen wird! Wissen Sie, ich hab' es immer so getrieben!--ich +meine die edle Haltung und den hohen Ton, so habe ich mich schon als +kleines Kind meiner Amme gegenüber aufgespielt. Sie hat daran +geglaubt. Ich tue es vor meinen Eltern; sie glauben auch daran, +Sergius gegenüber tue ich gleichfalls so, er glaubt auch daran. + +Bluntschli: Jawohl, er posiert selbst ein wenig in dieser Art, nicht +wahr? + +Raina [auffahrend]: Glauben Sie? + +Bluntschli: Sie müssen ihn besser kennen als ich. + +Raina: Ich wäre begierig, zu erfahren, ob er wirklich auch so ist! +Wenn ich dächte, daß er--! [Entmutigt:] Doch wozu, was liegt daran? +Ich fühle, daß Sie mich jetzt verachten, weil Sie mich erkannt haben. + +Bluntschli [erhebt sich, warm]: Durchaus nicht, mein verehrtes +Fräulein,--o nein, nein, tausendmal nein. Ihr Gehaben macht einen +Teil Ihrer Jugend, Ihres Reizes aus. Ich bin genau wie alle übrigen, +wie Amme, Eltern und Sergius,--ich bin Ihr betörter Bewunderer. + +Raina [erfreut]: Wirklich? + +Bluntschli [sich nach deutscher Art auf die Brust schlagend]: Hand +aufs Herz, wahrhaftig! + +Raina [sehr glücklich]: Aber was haben Sie dazu gesagt, daß ich Ihnen +mein Bild geschenkt habe? + +Bluntschli [erstaunt]: Ihr Bild? Sie haben mir doch nie Ihr Bild +geschenkt. + +Raina [rasch]: Wollen Sie behaupten, daß Sie es NICHT erhalten haben? + +Bluntschli: Gewiß will ich das! [Er setzt sich mit erneuertem +Interesse neben sie und sagt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit]: +Wann haben Sie es mir denn geschickt? + +Raina [entrüstet]: Ich habe es Ihnen nicht geschickt! [Sie wendet +den Kopf ab und fügt zögernd hinzu]: Es war in der Tasche jenes +Rockes... + +Bluntschli [beißt sich auf die Lippen und rollt die Augen]: Oh, oh, +oh, und ich hab' es nicht gefunden! Es muß jetzt noch darin sein. + +Raina [aufspringend]: Noch darin?! Damit mein Vater es findet, +sobald er die Hände in die Taschen steckt? Nein, wie konnten Sie nur +so dumm sein! + +Bluntschli [erhebt sich gleichfalls]: Machen Sie sich nichts daraus, +es ist doch nur eine Photographie,--wie kann er wissen, für wen sie +bestimmt war? Sagen Sie ihm einfach, daß er sie selbst hineingetan +hat. + +Raina [ungeduldig]: Ich danke Ihnen für den guten Rat! Sie sind gar +so gescheit! Ach, ach, ach, was soll ich nur beginnen? + +Bluntschli: Ah, ich verstehe: Sie haben etwas darauf geschrieben. +Das war freilich unvorsichtig. + +Raina [fast bis zu Tränen verdrossen]: Nein, daß ich so etwas für Sie +tun konnte,--für Sie, dem gar nichts daran liegt! Der sich höchstens +über mich lustig macht! Sind Sie wenigstens sicher, daß bis jetzt +niemand es berührt hat? + +Bluntschli: Nein, ganz sicher kann ich nicht sein. Bedenken Sie doch: +ich konnte den Rock ja nicht immer mit mir herumtragen, man darf im +aktiven Dienst nicht viel Gepäck mitführen. + +Raina: Was haben Sie denn aber damit gemacht? + +Bluntschli: Als ich nach Pirot kam, da mußte ich ihn irgendwo in +Sicherheit bringen, ich dachte an das Garderobezimmer der +Eisenbahnstation,--aber das ist bestimmt ein Platz, der bei unserer +modernen Kriegführung ganz ausgeplündert wird. Da zog ich vor, den +Rock zu--versetzen! + +Raina: Versetzt haben Sie ihn! + +Bluntschli: Ich weiß, es klingt nicht nett, aber das Versatzamt war +gewiß der sicherste Ort. Vorgestern habe ich ihn wieder ausgelöst; +weiß der Himmel, ob der Pfandleiher die Taschen ausgeleert hat oder +nicht. + +Raina [wütend, ihm die Worte ins Gesicht schleudernd]: Sie haben eine +niedrige Krämerseele. Sie denken an Dinge, die einem Ehrenmann +niemals einfallen könnten. + +Bluntschli [phlegmatisch]: Das ist der Schweizer Nationalcharakter, +verehrtes Fräulein. + +Raina: Oh, wäre ich Ihnen nie begegnet! [Sie wendet sich heftig ab +und setzt sich wütend ans Fenster.] + +[Louka kommt herein, einen Pack Briefe und Telegramme auf ihrem +Servierteller. Sie geht mit ihrem kühnen, freien Wesen an den Tisch; +ihr linker Ärmel ist mit einer Brosche an die Schulter hinaufgeheftet; +man sieht ihren bloßen Arm, dessen blauer Fleck durch ein breites +vergoldetes Armband verdeckt ist.] + +Louka [zu Bluntschli]: Das ist für Sie; [sie leert ihre Platte +unbekümmert auf den Tisch aus:] der Bote wartet. [Sie ist +entschlossen, gegen einen Serben nicht höflich zu sein, selbst wenn +sie ihm seine Briefe bringen muß.] + +Bluntschli [zu Raina]: Wollen Sie mich einen Augenblick +entschuldigen? Die letzte Post hat mich vor drei Wochen +erreicht--diese Anhäufung ist die Folge davon,--vier Depeschen--eine +Woche alt. [Er öffnet eine davon:] Oho! schlechte Nachrichten! + +Raina [steht auf und nähert sich etwas reumütig]: Schlechte +Nachrichten? + +Bluntschli: Mein Vater ist gestorben. [Er blickt auf das Telegramm +mit geschlossenen Lippen, in Gedanken vertieft über den unerwarteten +Umschlag in seinen Plänen.] + +Raina: Oh! wie traurig. + +Bluntschli: Jawohl! Da werde ich in einer Stunde heimreisen müssen. +Mein Vater hat eine Menge großer Hotels hinterlassen, um die ich +mich nun bekümmern muß. [Er greift ein dickes, langes, blaues +Kuvert heraus.] Da ist auch schon ein großer Brief von unserm +Familienadvokaten. [Er reißt die Papiere heraus und überfliegt sie.] +Großer Gott, siebzig--zweihundert--[mit wachsender Bestürzung:] +vierhundert--viertausend--neuntausendsechshundert...was, um des +Himmels willen, soll ich denn damit anfangen?! + +Raina [schüchtern]: Neuntausendsechshundert Hotels? + +Bluntschli: Hotels! Unsinn! Wenn Sie nur wüßten,--aber es ist zu +lächerlich, entschuldigen Sie, ich muß Anordnungen wegen meiner +Abreise treffen. [Er verläßt rasch das Zimmer, die Papiere in der +Hand.] + +Louka [spöttisch]: Er hat nicht viel Herz, dieser Schweizer, obwohl +er die Serben liebt; er hat kein Wort der Trauer, des Kummers für +seinen seligen Vater. + +Raina [bitter]: Der und Kummer! Ein Mensch, der jahrelang nichts +anderes getan hat, als Leute umbringen,--was liegt dem daran, wenn +sein alter Vater stirbt! was liegt einem Soldaten an irgend etwas? +[Sie geht zur Tür, ihre Tränen nur mühsam zurückhaltend.] + +Louka: Major Saranoff hat auch gekämpft, und es ist ihm doch sehr +viel Herz übriggeblieben. [Raina blickt sie von der Tür aus +hochmütig an und geht hinaus.] Aha, ich habe es mir gedacht, daß du +wenig Gefühl aus DEINEM Soldaten herauskriegen würdest. [Sie ist im +Begriff, Raina zu folgen, da tritt Nicola ein, Holz in den Armen, um +nachzulegen.] + +Nicola [sie verliebt anlächelnd]: Den ganzen Nachmittag habe ich mich +umsonst bemüht, dich allein anzutreffen, mein Schatz. [Sein +Gesichtsausdruck verändert sich, als er ihren Arm bemerkt.] Was ist +das für eine neue Mode, deine Ärmel zu tragen, mein Kind? + +Louka [stolz]: Meine eigene Mode. + +Nicola: In der Tat--! na! wenn dich die Frau so erwischt, wird sie +dich lehren. [Er wirft das Holz auf die Ottomane und setzt sich +bequem daneben.] + +Louka: Ist das ein Grund für dich, mich zu lehren? + +Nicola: Geh, sei nicht so widerspenstig gegen mich; ich habe eine +gute Nachricht für uns. [Er nimmt etwas Papiergeld aus der Tasche, +Louka kommt mit gierigem Augenblitzen näher, um es anzusehen.] Schau, +ein Zwanzigleuschein! Sergius gab mir das Geld aus reiner +Prahlerei--so ein Narr! Narrengeld ist bald dahin. Und da sind noch +zehn Leu,--die gab mir der Schweizer dafür, daß ich der Gnädigen und +Rainas Lügen auf mich genommen habe. Der ist kein Narr! Du hättest +die alte Katharina nur unten hören sollen, wie höflich sie mich bat, +mir nichts daraus zu machen, daß der Major etwas ungeduldig gewesen +sei, denn sie wüßten ganz gut, was für ein prächtiger Diener ich +sei--nachdem sie mich vor allen zu einem Narren und Lügner gestempelt +haben! Die zwanzig Leu sind für unsere Ersparnisse bestimmt, und dir +gebe ich die zehn, die kannst du nach Belieben ausgeben, wenn du +dafür mit mir nur so sprechen willst, als ob ich auch ein Mensch wäre. +Manchmal habe ich es doch satt, Diener zu sein. + +Louka [verachtungsvoll]: Ja, geh hin und verkaufe deine Manneswürde +für dreißig Leu und kaufe mich für zehn Leu dazu! Behalte dein Geld! +Du bist zum Diener geboren, ich nicht! Wenn du deinen Laden +eingerichtet hast, dann wirst du jedermanns Diener sein, statt, wie +jetzt, eines Mannes Diener. + +Nicola [nimmt sein Holz auf und geht zum Ofen]: Pah, wart' es nur +erst ab, du wirst schon sehen! Wir werden unsere Abende für uns +haben, und ich werde der Herr in MEINEM Hause sein,--das verspreche +ich dir! [Er wirft das Holz hinunter und kniet vor dem Ofen.] + +Louka: Du wirst nie der Herr in meinem Hause sein. [Sie setzt sich +stolz auf Sergius' Stuhl.] + +Nicola [wendet sich um, immer auf den Knien, und kauert sich etwas +trostlos auf seine Fersen nieder, entmutigt von Loukas unerbittlicher +Mißachtung.] Du bist sehr ehrgeizig, Louka; wenn dir irgendein +unverhofftes Glück widerfahren sollte, dann vergiß nicht: ich war es, +der eine Frau aus dir gemacht hat. + +Louka: Du? + +Nicola [mit hartnäckiger Selbstverteidigung]: Jawohl, ich. Wer hat +dir abgewöhnt, deinen Kopf mit falschen schwarzen Haaren zu behängen +und deine Lippen und Wangen rot zu schminken wie alle andern +bulgarischen Mädchen? Ich war das. Wer lehrte dich deine Nägel +putzen und deine Hände pflegen und dich fein und sauber halten wie +eine große russische Dame? Ich! Verstehst du mich? Ich! [Sie +wirft den Kopf verachtungsvoll in die Höhe und er erhebt sich +übellaunig und fügt kühler hinzu:] Ich habe mir oft gedacht, wenn +Raina nicht im Wege stünde und du bloß ein klein wenig klüger wärest +und Sergius bloß ein klein wenig dümmer, du könntest einmal zu meinen +größten Kunden zählen, statt daß du nur meine Frau wirst und mich +Geld kostest. + +Louka: Ich glaube, du würdest lieber mein Diener sein als mein Mann! +Du könntest dann auch mehr aus mir herausschlagen,--ich kenne deine +schöne Seele. + +Nicola [tritt nahe an sie heran, um mit größerem Nachdruck zu +sprechen]: Laß meine Seele aus dem Spiel, ein für allemal, aber höre +auf meine Ratschläge! Wenn du eine Dame werden willst, dann ist dein +augenblickliches Benehmen zu mir durchaus nicht angebracht, +ausgenommen, wenn wir allein sind; es ist zu scharf und zu frech, und +Frechheit verrät gewissermaßen eine Vertraulichkeit, die als +Gunstbezeichnung ausgelegt werden könnte! Dann werde ich dich auch +sehr bitten, nicht hochnäsig und von oben herab mit mir zu verkehren! +Du bist darin wie alle Landgänschen. Du glaubst, es ist vornehm, +einen Diener so zu behandeln, wie ich einen Stalljungen behandele; +daran ist aber nur deine Unbildung schuld; vergiß das nicht und sei +nur nicht immer gar so bereit, jedem Menschen Trotz zu bieten! +Benimm dich, als ob du erwartetest deinen eigenen Willen +durchzusetzen, und nicht, als ob du gewohnt wärst, daß mit dir +herumkommandiert wird. Der Weg, sich als Dame oder als Diener +vorwärts zu bringen, ist ganz der gleiche. Man muß wissen, was sich +gehört, das ist das ganze Geheimnis. Und auf mich kannst du dich +verlassen: ich weiß, was sich für mich gehört, wenn du aufrückst. +Denke an mich, mein Schatz, ich will auch zu dir halten! Ein Diener +sollte dem andern immer behilflich sein. + +Louka [erhebt sich ungeduldig]: Oh, ich muß mich auf meine eigene Art +benehmen, du nimmst mir mit deiner kaltblütigen Weisheit nur alle +Unbefangenheit. Geh, wirf das Holz ins Feuer, das ist eine Sache, +die du verstehst. [Bevor Nicola etwas erwidern kann, tritt Sergius +ein; er hält inne, als er Louka erblickt, dann geht er an den Ofen.] + +Sergius [zu Nicola]: Ich hoffe, ich bin dir nicht im Weg bei deiner +Arbeit. + +Nicola [glatt, den alten Diener spielend]: O nein, ich danke sehr; +ich habe nur mit diesem närrischen Ding über ihre Gepflogenheit +gesprochen, bei jedem Anlaß in die Bibliothek zu laufen, um die +Bücher anzusehen. Es ist ein Fehler ihrer Erziehung, Herr Major; sie +gab ihr Gewohnheiten, die über ihrem Stande sind. [Zu Louka.] Mache +den Tisch für den Herrn Major zurecht, Louka. [Er geht gesetzt +hinaus; Louka beginnt, ohne Sergius anzublicken, die Papiere auf dem +Tisch zu ordnen; er kommt langsam auf sie zu und studiert aufmerksam +die Anordnung ihres Ärmels.] + +Sergius: Lassen Sie mich sehn, haben Sie da noch einen blauen Fleck? +[Er nimmt das Armband ab und betrachtet den Fleck, der durch den +Druck seiner Finger entstanden ist. Sie steht unbeweglich und sieht +ihn nicht an, sie ist wie bezaubert, aber auf ihrer Hut. Er bläst +auf die Stelle.] Tut's noch weh? + +Louka: Jawohl! + +Sergius: Soll ich es heilen? + +Louka [zieht sofort ihren Arm stolz zurück, ohne ihn anzusehen]: Nein, +jetzt können Sie's nimmermehr. + +Sergius [herrisch]: Sind Sie dessen ganz sicher? [Er macht eine +Bewegung, als ob er sie umarmen wollte.] + +Louka: Bitte, spielen Sie nicht mit mir; ein Offizier sollte nicht +mit einer Dienerin tändeln. + +Sergius [berührt ihren Arm mit einem unbarmherzigen Streich seines +Zeigefingers]: Das war kein Getändel, Louka. + +Louka: Nein? [Sieht ihn zum ersten Male an:] Tut es Ihnen leid? + +Sergius [mit gemessenem Pathos, seine Arme kreuzend]: Mir tut NIE +etwas leid. + +Louka [sehnsüchtig]: Ich wollte, ich könnte glauben, daß ein Mann +einer Frau so wenig ähnlich sein könnte. Sagen Sie mir, sind Sie +wirklich ein tapferer Mann? + +Sergius [einfach, seine Positur aufgebend]: Ja, mutig bin ich +wirklich. Mein Herz schlug beim ersten Schuß wie das eines Weibes, +aber bei der Attacke fand ich meine ganze Tapferkeit wieder; ja, das +wenigstens ist wahr und echt an mir. + +Louka: Fanden Sie bei der Attacke die Leute armer Herkunft, wie +meinesgleichen, weniger tapfer als die, die reich waren wie Sie? + +Sergius [bitter, leichthin]: Nicht im geringsten. Sie fochten und +fluchten und schrien alle wie Helden! Pah, der Mut zu wüten und zu +töten ist billig. Ich habe einen englischen Bullterrier, der von +dieser Art Mut so viel besitzt wie die ganze bulgarische Nation und +die ganze russische Armee dazu, aber er läßt sich trotzdem von meinem +Stallknecht prügeln. So sind eure Soldaten ganz genau. Nein, Louka, +eure armen Teufel können zwar Hälse abschneiden, aber sie fürchten +sich vor ihren Offizieren, sie lassen sich Beleidigungen und Schläge +gefallen, sie stehen dabei und sehen ruhig zu, wenn ihre Kameraden +bestraft werden wie kleine Kinder, ja und was noch schlimmer ist, sie +helfen selbst mit, wenn sie dazu befohlen werden. Und die Offiziere +erst, na... [Mit einem kurzen und bitteren Lachen:] Ich bin Offizier, +ach! [Feurig:] Zeigen Sie mir einen Mann, der jeder Macht auf Erden +oder im Himmel, die ihn zwingen wollte, gegen seinen Willen oder sein +Gewissen zu handeln, Trotz bietet bis in den Tod! Nur ein solcher +Mann ist tapfer. + +Louka: So zu reden, das ist leicht. Mir scheint die meisten Männer +bleiben zeitlebens Knaben. Sie haben alle Ideen wie die Schuljungen. +Sie wissen auch nicht, was wahrer Mut ist. + +Sergius [ironisch]: Wirklich? Ich lasse mich gerne belehren. + +Louka: Sehen Sie mich an! Wie oft darf ich mir den Luxus eines +eigenen Willens gestatten? Ich muß Ihr Zimmer in Ordnung bringen, +muß abstauben und fegen, holen und laufen. Wie kann mich das +erniedrigen, wenn es Sie nicht erniedrigt, für den das alles +geschieht?! Aber [mit unterdrücktem Zorn] wenn ich Kaiserin von +Rußland wäre, über alle Menschen erhaben, dann--wenn ich auch Ihrer +Meinung nach gar keinen Mut beweisen könnte,--na, Sie sollten schon +sehen. + +Sergius: Was würden Sie dann tun, edle Kaiserin? + +Louka: Ich würde den Mann heiraten, den ich liebte, wozu keine +Königin Europas den Mut findet. Wenn ich beispielsweise Sie liebte, +der Sie dann so tief unter mir stünden, wie ich jetzt unter Ihnen +stehe, ich würde es wagen, mich meinem Untergebenen gleichzustellen! +Würden Sie diesen Mut finden, wenn Sie mich liebten? Nein! Wenn Sie +fühlten, daß Sie mich zu lieben beginnen, so würden Sie dieses Gefühl +unterdrücken, Sie würden nicht wagen, mich zu heiraten. Sie würden +die Tochter eines reichen Mannes heimführen aus Angst, was "die Welt", +was andere Leute dazusagen könnten! + +Sergius [hingerissen]: Sie lügen, das ist nicht der Fall--beim Himmel +nicht! Wenn ich Sie liebte, und wäre ich selbst der Zar, ich würde +Sie neben mich auf den Thron setzen. Sie wissen, daß ich eine andere +Frau liebe, die so hoch über Ihnen steht, wie der Himmel über der +Erde. Und Sie sind eifersüchtig auf sie. + +Louka: Dazu habe ich ja gar keinen Grund. Sie wird Sie doch niemals +heiraten. Der Mann, von dem ich Ihnen sprach, ist zurückgekehrt. +Sie wird den Schweizer heiraten! + +Sergius [zurückfahrend]: Den Schweizer! + +Louka: Einen Mann, der zehn Ihresgleichen aufwiegt. Dann können Sie +zu mir kommen, aber ich werde Sie auch abweisen. Sie sind mir nicht +gut genug. [Sie wendet sich zur Türe.] + +Sergius [springt ihr nach und fängt sie wild in seinen Armen auf]: +Ich werde den Schweizer töten, und mit Ihnen werde ich dann machen, +was mir beliebt. + +Louka [in seinen Armen, ruhig und gefaßt]: Vielleicht wird der +Schweizer Sie töten. In der Liebe hat er Sie schon geschlagen, er +kann Sie vielleicht auch im Kampfe besiegen. + +Sergius [gequält]: Halten Sie es für möglich, daß ich jemals glauben +werde, daß--"sie", deren ärgste Gedanken noch höher stehen als Ihre +besten, daß "sie" fähig wäre, hinter meinem Rücken mit einem andern +Mann zu tändeln!? + +Louka: Halten Sie es für möglich, daß "sie" dem Schweizer glauben +würde, wenn er ihr jetzt erzählte, daß ich in Ihren Armen liege? + +Sergius [läßt sie verzweifelnd los]: Oh, zum Henker! Verdammt! +Spott und Hohn überall! Meine eigenen Taten machen meine erhabensten +Gedanken lächerlich. [Er schlägt sich heftig vor die Brust.] +Feigling, Lügner, Narr! Soll ich mich töten wie ein Mann, oder soll +ich weiterleben und vorgeben mich selbst zu verhöhnen? [Louka wendet +sich abermals der Tür zu.] Louka! [Sie bleibt in der Nähe der Tür +stehen.] Merken Sie sich: Sie gehören zu mir! + +Louka [ruhig]: Was heißt das? Soll das eine Beleidigung sein? + +Sergius [befehlend]: Das heißt, daß Sie mich lieben und daß ich Sie +hier in meinen Armen gehalten habe und Sie vielleicht wieder so +halten werde. Ob das eine Beleidigung ist, das weiß ich nicht, das +ist mir auch ganz einerlei,--nehmen Sie das, wie's Ihnen beliebt; +aber [heftig:] ich will kein Feigling und kein Lump sein! Wenn es +mir gefällt, Sie zu lieben, so wage ich es auch,--ganz Bulgarien zum +Trotz--Sie zu heiraten. Wenn diese Hände Sie jemals wieder berühren, +dann werden sie meine angelobte Braut berühren. + +Louka: Wir werden ja sehn, ob Sie es wagen, Ihr Wort zu halten; aber +nehmen Sie sich in acht, ich werde nicht lange warten. + +Sergius [verschränkt seine Arme wieder und bleibt unbeweglich in der +Mitte des Zimmers stehen]: Ja, das werden wir sehen, und Sie werden +warten, solange es mir beliebt! [Bluntschli kommt, sehr beschäftigt, +seine Papiere noch in Händen, herein und läßt die Tür für Louka offen. +Er geht hinüber an den Tisch und wirft ihr im Vorübergehen einen +flüchtigen Blick zu. Sergius, ohne seine entschlossene Stellung +aufzugeben, sieht ihn fest an, Louka geht hinaus und läßt die Tür +offen.] + +Bluntschli [zerstreut, sitzt am Tisch wie zuvor und legt sein Papiere +nieder]: Das ist eine auffallend hübsche junge Person. + +Sergius [ernst, ohne sich zu rühren]: Hauptmann Bluntschli! + +Bluntschli: Sie wünschen? + +Sergius: Sie haben mich betrogen, Sie sind mein Nebenbuhler; ich +dulde keinen Rivalen! Um sechs Uhr werde ich allein zu Pferd, mit +meinem Säbel, auf den Exerzierplatz an der Straße nach Klissura sein! +--Verstehen Sie mich? + +Bluntschli [starrt ihn an, bleibt aber ganz gemütlich sitzen]: Ich +danke Ihnen. Das ist der Vorschlag eines Kavalleristen. Ich bin +Artillerist und habe die Wahl der Waffen. Wenn ich komme, so bringe +ich eine Mitrailleuse mit. Aber diesmal wird kein Irrtum mit der +Munition sein, verlassen Sie sich darauf. + +Sergius [errötend, aber mit tödlicher Kälte]: Nehmen Sie sich in acht, +Herr, es ist nicht unsere Gewohnheit in Bulgarien, mit solchen +Einladungen Scherz treiben zu lassen. + +Bluntschli [warm]: Bah, reden Sie mir nicht von Bulgarien, Sie wissen +ja gar nicht, was "kämpfen" heißt. Aber meinetwegen. Bringen Sie +Ihren Säbel mit. Ich werde dort sein. + +Sergius [sehr entzückt, in seinem Gegner einen Mann von Mut zu +finden]: Schön gesprochen, Schweizer. Soll ich Ihnen mein bestes +Pferd leihen? + +Bluntschli: Nein, der Teufel hole Ihr bestes Pferd! Immerhin danke +ich Ihnen, lieber Freund. [Raina kommt herein und hört den nächsten +Satz.] Ich werde Sie zu Fuß erwarten; zu Pferde ist das zu gefährlich; +ich will Sie nicht töten, wenn ich es vermeiden kann. + +Raina [läuft ängstlich nach vorn]: Ich habe gehört, was Hauptmann +Bluntschli eben gesagt hat, Sergius! Ihr wollt euch schlagen! warum? +[Sergius wendet sich schweigend ab, geht nach dem Ofen und +beobachtet sie, während sie, zu Bluntschli gewendet, fortfährt]: +Weswegen? + +Bluntschli: Ich weiß nicht, er hat es mir nicht anvertraut. Mischen +Sie sich lieber nicht ein, verehrtes Fräulein, es wird kein Unglück +geschehen; ich habe schon oft als Fechtlehrer gedient. Er wird nicht +imstande sein, mich zu berühren, und ich werde ihm nicht weh tun. +Das wird immerhin Auseinandersetzungen ersparen. Morgen früh werde +ich dann auf der Heimreise sein, und Sie werden mich niemals +wiedersehen oder je von mir hören. Sie werden die Sache dann schon +mit ihm ins reine bringen; und nachher werden Sie glücklich +miteinander leben. + +Raina [wendet sich tief verletzt ab; beinahe mit einem Seufzer in +ihrer Stimme]: Ich habe nie gesagt, daß ich Sie wiederzusehen wünsche. + +Sergius [vorwärtsschreitend]: Ha, das ist ein Geständnis! + +Raina [hoheitsvoll]: Was meinen Sie damit? + +Sergius: Sie lieben diesen Mann! + +Raina [empört]: Sergius! + +Sergius: Sie haben ihm gestattet, Ihnen hinter meinem Rücken +Liebeserklärungen zu machen, genau so wie Sie mich hinter seinem +Rücken zum Gatten haben wollten. Bluntschli, Sie kannten unsere +Beziehungen und betrogen mich, das ist der Grund, warum ich von Ihnen +Genugtuung verlange,--nicht, weil Sie Begünstigungen empfangen haben, +die mir verweigert worden sind. + +Bluntschli [empört aufspringend]: Blödsinn, Unsinn! Ich habe keine +Begünstigungen empfangen. Das gnädige Fräulein weiß ja nicht einmal, +ob ich verheiratet bin oder nicht. + +Raina [sich vergessend]: Oh! [Auf die Ottomane hinsinkend:] Sie sind +verheiratet?? + +Sergius: Sie sehen, welchen Eindruck diese Möglichkeit auf die junge +Dame macht! Hauptmann Bluntschli: Leugnen ist vergeblich, Sie haben +den Vorzug genossen, spät nachts in Fräulein Rainas Schlafzimmer +empfangen worden zu sein. + +Bluntschli [unterbricht ihn heftig]: Ja, Sie Dummkopf, sie hat mich +empfangen, weil ich ihr meine Pistole auf die Brust gesetzt habe. +Eure Kavallerie war mir auf den Fersen. Ich hätte sie getötet, wenn +sie einen Laut von sich gegeben hätte. + +Sergius [verblüfft]: Bluntschli--Raina--ist das wahr? + +Raina [richtet sich in majestätischem Zorn auf]: Wie können Sie es +wagen? + +Bluntschli: Entschuldigen Sie sich, Mann, entschuldigen Sie sich! +[Er nimmt seinen Platz am Tische wieder ein.] + +Sergius [mit altgewohnter Übertreibung, seine Arme kreuzend]: Ich +entschuldige mich nie! + +Raina [leidenschaftlich]: Das verdanke ich Ihrem famosen Freunde, +Hauptmann Bluntschli, er hat diese empörende Geschichte über mich +ausgesprengt. [Sie geht sehr erregt auf und ab.] + +Bluntschli: Nein, der schweigt, er ist tot, verbrannt bei lebendigem +Leibe! + +Raina [einhaltend, entsetzt]: Lebendig verbrannt? + +Bluntschli: Wurde auf einem Holzhof in die Hüfte geschossen. Konnte +sich nicht fortschleppen. Da setzten die Granaten der Bulgaren das +Holz in Flammen und er verbrannte mit einem halben Dutzend anderer +armer Teufel, die in derselben Lage waren. + +Raina: Wie schrecklich! + +Sergius: Und wie lächerlich! O Krieg, Krieg, Traum der Patrioten und +Helden! Du bist ein Schwindel, eine hohle Phrase, wie die Liebe! + +Raina [außer sich]: Wie die Liebe?! Das sagen Sie vor mir? + +Bluntschli: Lassen Sie's gut sein, Saranoff, die Sache ist erledigt! + +Sergius: Eine hohle Phrase, sage ich. Wären Sie hierher +zurückgekehrt, Herr Hauptmann, wenn sich zwischen Ihnen nichts als +die Geschichte mit der Pistole zugetragen hätte? Raina täuscht sich +über unseren verbrannten Freund: er war es nicht, der mir die +Mitteilung machte! + +Raina: Wer denn? [Plötzlich die Wahrheit ahnend:] Ah, Louka, mein +Mädchen, meine Dienerin! Sie waren ja mit ihr die ganze Zeit nach +dem Frühstück allein--oh, so also sieht der Gott aus, den ich +angebetet habe! [Er begegnet ihrem Blick mit sardonischer Freude +über ihre Ernüchterung; um so geärgerter tritt sie näher an ihn heran +und sagt in leisem, heftigem Tone:] Wissen Sie, daß ich vom Fenster +aus, als ich mich umwandte, um noch einen Blick auf meinen Helden zu +werfen, etwas gesehen habe, was ich vorhin nicht verstand? Jetzt +weiß ich, daß Sie mit Louka angebandelt haben! + +Sergius [mit grimmigem Humor]: Haben Sie das bemerkt? + +Raina: Nur zu gut. [Sie wendet sich weg und wirft sich ganz +überwältigt auf den Diwan unter dem Mittelfenster.] + +Sergius [zynisch]: Raina, unser Roman ist zu Ende. Das Leben ist +eine Posse. + +Bluntschli [gutmütig zu Raina]: Sehen Sie, jetzt hat er sich endlich +selbst durchschaut. + +Sergius: Bluntschli: ich habe Ihnen erlaubt, mich einen Dummkopf zu +nennen; jetzt können Sie mich auch noch einen Feigling schelten: ich +weigere mich, mich mit Ihnen zu schlagen. Wissen Sie, warum? + +Bluntschli: Nein, aber das macht nichts. Ich habe nicht gefragt, +warum Sie mich gefordert haben, und ich frage auch jetzt nicht, warum +Sie wieder abwinken. Ich bin Berufssoldat, ich kämpfe, wenn ich +kämpfen muß, bin aber immer sehr froh, nicht kämpfen zu müssen, wenn +es nicht unbedingt notwendig ist. Sie sind nur ein Amateur; Sie +glauben, Kämpfen ist ein Vergnügen. + +Sergius: Trotzdem will ich Ihnen den Grund sagen, Sie Berufssoldat, +Sie: Zu einem echten Kampf gehören zwei Männer, wirkliche Männer, +Männer von Herz, Blut und Ehre. Mit Ihnen könnte ich mich ebenso +wenig schlagen, wie ich einer häßlichen Frau Liebeserklärungen machen +könnte. Ihnen fehlt der Magnetismus für ein Duell, Sie sind kein +Mann,--Sie sind eine Kampfmaschine. + +Bluntschli [als wollte er sich entschuldigen]: Das ist vollkommen +richtig! Wahrhaftig! So ein Kerl war ich immer, ich bedaure! Aber +jetzt, da Sie wieder entdeckt haben, daß das Leben keine Posse, +sondern etwas ganz Vernünftiges und Ernsthaftes ist,--welches +Hindernis gibt es jetzt noch für Ihr Glück? + +Raina [sich erhebend]: Sie scheinen sehr besorgt um unser Glück. +Haben Sie seine neue Liebe vergessen--Louka? jetzt soll er nicht mit +Ihnen kämpfen, sondern mit seinem Nebenbuhler--Nicola. + +Sergius: Nebenbuhler!! [Sich an die Stirne schlagend.] + +Raina: Wissen Sie nicht, daß die beiden verlobt sind? + +Sergius: Nicola? Öffnen sich neue Abgründe?...Nicola? + +Raina [sarkastisch]: Ein empörendes Opfer, nicht wahr? Diese +Schönheit, dieser Geist, diese Anmut, vergeudet an einen Diener in +mittleren Jahren! Wirklich, Sergius, Sie dürfen das nicht länger +dulden. Das sind Sie Ihrer Ritterlichkeit schuldig. + +Sergius [seine Selbstbeherrschung ganz verlierend]: Natter! Schlange! +[Er läuft schäumend auf und ab.] + +Bluntschli: Hören Sie, Saranoff, Sie ziehen den kürzeren. + +Raina [zorniger]: Begreifen Sie, was er getan hat, Hauptmann +Bluntschli? Er hat uns dieses Mädchen als Spionin auf den Hals +geschickt, und zum Lohn dafür macht er ihr den Hof. + +Sergius: Das ist nicht wahr! Das ist ungeheuerlich! + +Raina: Ungeheuerlich? [Ihn mit den Blicken messend:] Können Sie +leugnen, daß Louka Ihnen gesagt hat, Hauptmann Bluntschli sei in +meinem Zimmer gewesen? + +Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Können Sie leugnen, daß +Sie ihr Liebeserklärungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte? + +Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und +verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz überflüssig, uns noch +irgend etwas zu sagen. Das genügt uns vollkommen! [Sie wendet sich +von ihm ab und schwebt majestätisch zurück an das Fenster.] + +Bluntschli [während Sergius aufs tiefste beleidigt und empört auf die +Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fäuste nimmt, +sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, daß Sie den +kürzeren ziehen. + +Sergius: Pantherkatze! + +Raina [läuft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hören, wie dieser Mensch +mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli. + +Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Fräulein? Irgendwie +muß er sich doch verteidigen. [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht +streiten! was nützt das? [Raina setzt sich schwer atmend auf die +Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli böse +anzusehen, fällt sie ihrem Sinn für Humor zum Opfer und kann sich +kaum des Lachens enthalten.] + +Sergius: Verlobt mit Nicola! [Er erhebt sich.] Haha! [Geht nach dem +Ofen--steht mit dem Rücken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun +wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen. + +Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkürlichem Begreifen seines +Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns für zwei große Kinder. + +Sergius [lacht höhnisch und grimmig]: Natürlich, natürlich Schweizer +Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr? + +Bluntschli [errötend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz +gewiß nicht. Ich bin nur froh, daß Sie beide sich endlich etwas +beruhigen. Na, gehen Sie, wir wollen vergnügt sein und die Sache +freundschaftlich besprechen. Wo ist die andere junge Dame? + +Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tür. + +Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber +mit tiefer Entrüstung]: Ich will beweisen, daß dies wenigstens eine +Verleumdung ist. [Er geht mit Würde zur Tür und öffnet. Ein +Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen. Er +springt in den Gang und kommt zurück, Louka nachschleppend, die er +heftig gegen den Tisch stößt. Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende, +Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann! Richten Sie +die Horcherin an der Wand! [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.] + +Bluntschli [den Kopf schüttelnd]: Ich darf sie nicht richten. Ich +habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei +beschlossen wurde. Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und +was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben! + +Louka: Es ging um meine Liebe. [Sergius zuckt zusammen und schämt +sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schämen. + +Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe? Sie meinen Ihre Neugier! + +Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit +Zinsen zurück]: Meine Liebe--die größer ist als alles, was Sie fähig +sind, zu empfinden, selbst für Ihren Pralinésoldaten! + +Sergius [mit plötzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heißen? + +Louka [heftig]: Das heißt-Sergius [sie geringschätzig unterbrechend]: +Oh, ich entsinne mich! Der Eispudding! Was für eine armselige +Stichelei! [Major Petkoff kommt in Hemdärmeln herein.] + +Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdärmel, meine Herren! Raina! +Einer hat meinen Rock angehabt, ich könnte darauf schwören, einer, +der breitere Schultern hat als ich. Am Rücken ist die Naht ganz +aufgetrennt, deine Mutter näht sie eben zu. Hoffentlich wird sie +bald fertig sein, ich werde mich sonst erkälten. [Er sieht +aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los? + +Raina: Nein. [Sie setzt sich an den Ofen, mit ruhiger Miene.] + +Sergius: Gar nichts. [Er setzt sich an das Tischende wie zuvor.] + +Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts! + +Petkoff [der sich an seinen früheren Platz auf die Ottomane legt]: +Das ist recht. [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka? + +Louka: Nein, gnädiger Herr. + +Petkoff [gemütlich]: Das ist auch recht! [Er niest:] Sei so gut, geh +zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hörst du? [Sie wendet sich +um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein. Sie +tut, als hätte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit +der Tabakspfeife an die Wand in die Nähe des Fensters.] + +Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]: +Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas +nach. [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um +ihn anzuziehen. Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.] + +Petkoff [zu Raina, sie liebenswürdig neckend]: Schau, schau, du +sorgst ja sehr lieb für deinen armen alten Papa! Wohl heute mal zur +Feier seiner Rückkehr aus dem Kriege? + +Raina [mit feierlichem Vorwurf]: Oh, wie kannst du nur so etwas sagen, +Papa! + +Petkoff: Es ist schon gut, nur ein kleiner Scherz--gib mir einen Kuß. +[Sie küßt ihn:] Jetzt gib mir den Rock. + +Raina: Nein, ich will dir helfen, wende dich um. [Er dreht sich um +und sucht mit den Armen nach den Ärmeln. Raina nimmt geschickt die +Photographie aus der Tasche und wirft sie Bluntschli auf den Tisch zu, +der sie vor Sergius' Augen mit einem Bogen Papier bedeckt. Dieser +sieht sprachlos vor Erstaunen zu, während sein Verdacht den +Siedepunkt erreicht. Raina hilft dann Petkoff in den Rock hinein.] +So, mein lieber Papa...Fühlst du dich jetzt wohl? + +Petkoff: Vollkommen, mein Schatz, ich danke dir. [Er setzt sich, +Raina kehrt zu ihrem Platz an den Ofen zurück.] Apropos, ich habe +etwas Merkwürdiges in meiner Tasche gefunden! Was soll das bedeuten? +[Er greift mit der Hand in die leere Tasche.] Was ist denn das? +[Sucht in der anderen Tasche:] Nein, ich hätte schwören mögen...[Sehr +verdutzt sucht er in der Brusttasche.] Ich begreife nicht...[Wieder +in die erste Tasche greifend.] Wo kann sie nur sein--?[Ein Licht geht +ihm auf, er erhebt sich und ruft aus:] Deine Mutter wird sie +herausgenommen haben! + +Raina [sehr rot]: Was denn? + +Petkoff: Deine Photographie mit der Inschrift: "Raina ihrem +Pralinésoldaten zum Andenken". Es ist klar, daß da mehr +dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht, und das muß ich +herausbringen. [Laut rufend:] Nicola! + +Nicola [läßt ein Stück Holz fallen, wendet sich um]: Gnädiger Herr! + +Petkoff: Hast du heute morgen Fräulein Raina irgendeine Speise +verdorben? + +Nicola: Wie Sie gehört haben, gnädiger Herr; Fräulein Raina hat es +gesagt. + +Petkoff: Das weiß ich, du Trottel! Aber ist es wahr? + +Nicola: Ich bin überzeugt, daß Fräulein Raina unfähig ist, etwas +anderes als die Wahrheit zu sagen, gnädiger Herr. + +Petkoff: Bist du das? Wahrhaftig? Dann bin ich es nicht. [Sich zu +den anderen wendend:] Geht! Glaubt Ihr, daß ich nicht längst alles +durchschaut habe? [Er geht zu Sergius und klopft ihm auf die +Schulter.] Sergius, du bist der Pralinésoldat, nicht wahr? + +Sergius [fährt zusammen]: Ich! ein Pralinésoldat? Gewiß nicht. + +Petkoff: Nicht? [Er sieht sich um; sie sind alle sehr ernst und sehr +verständnisvoll.] Willst du damit sagen, daß Raina auch andern +Männern Photographien zum Andenken schenkt? + +Sergius [rätselvoll]: Die Welt ist kein so unschuldiger Ort, wie wir +früher glaubten, Petkoff. + +Bluntschli [sich erhebend]: Schon gut, Herr Major: ich bin der +Pralinésoldat. [Petkoff und Sergius sind beide erstaunt.] Diese +liebenswürdige junge Dame hat mir das Leben gerettet! Sie gab mir +Schokolade, als ich am Verhungern war; werde ich jemals ihren Duft +vergessen! Mein verstorbener Freund Stolz hat Ihnen die Geschichte +in Pirot erzählt--der Flüchtling bin ich! + +Petkoff: Sie? [Er schnappt nach Luft.] Sergius, erinnerst du dich, +wie sich die beiden Damen benommen haben, als wir die Geschichte +heute morgen erzählten? [Sergius lächelt zynisch, Petkoff mustert +Raina strenge.] Du bist mir ein nettes Frauenzimmer, das muß ich +schon sagen! + +Raina [bitter]: Major Saranoff hat seine Ansicht geändert, und als +ich diese Worte auf mein Bild schrieb, da wußte ich nicht, daß +Hauptmann Bluntschli verheiratet ist. + +Bluntschli [fährt heftig protestierend auf]: Ich bin nicht +verheiratet! + +Raina [sehr vorwurfsvoll]: Sie sagten doch, daß Sie verheiratet wären. + +Bluntschli: Das habe ich nicht gesagt, ganz bestimmt nicht; ich war +in meinem ganzen Leben nie verheiratet. + +Petkoff [außer sich]: Raina! Willst du mir gefälligst sagen,--wenn +es nicht zu unbescheiden ist, daß ich frage--mit welchem von diesen +beiden Herren du verlobt bist? + +Raina: Mit keinem von beiden. Diese junge Dame, [zeigt auf Louka, +die sie alle stolz ansieht,] ist jetzt der Gegenstand von Major +Saranoffs Neigung. + +Petkoff: Louka!? Bist du verrückt geworden, Sergius?--das Mädchen +ist doch mit Nicola verlobt. + +Nicola [nach vorne kommend]: Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, das +ist ein Irrtum; Louka ist nicht mit mir verlobt. + +Petkoff: Nicht mit dir verlobt, du Schuft--was? Du hast doch von mir +am Tage deiner Verlobung fünfundzwanzig Leu bekommen, und sie bekam +dieses goldene Armband von Fräulein Raina. + +Nicola [mit kalter Salbung]: So haben wir angegeben, aber es war nur +ein Schutz für Louka; sie ist zu Höherem geboren, und ich war nichts +anderes als ihr vertrauter Diener. Ich habe die Absicht, wie +gnädiger Herr wissen, später einen Laden in Sofia aufzumachen: und +ich hoffe auf Loukas Kundschaft und Empfehlung für den Fall, daß sie +in den Adel hineinheiraten sollte. [Er geht mit sichtlicher +Diskretion hinaus, alle starren ihm nach.] + +Petkoff [das Schweigen brechend]: Na, ich bin...hm! + +Sergius: Das ist entweder edler Heroismus oder kriecherische +Niedrigkeit! Entscheiden Sie, Bluntschli, was ist es? + +Bluntschli: Kümmern Sie sich nicht darum, ob es Heldentum oder +Niedrigkeit ist. Nicola ist der fähigste Mann, den ich bis jetzt in +Bulgarien kennen gelernt habe. Ich werde ihn zum Leiter eines Hotels +machen, falls er Deutsch und Französisch sprechen kann. + +Louka [bricht plötzlich gegen Sergius los]: Ich bin hier von +jedermann beleidigt worden. Sie gingen sogar mit dem Beispiel voran. +Sie sind zu einer Entschuldigung verpflichtet! [Sergius kreuzt +sofort die Arme über der Brust, wie eine Repetieruhr, deren Feder +berührt wurde.] + +Bluntschli [bevor Sergius etwas sagen kann]: Vergebliche Mühe--er +entschuldigt sich nie! + +Louka: Nicht vor Ihnen, seinesgleichen und seinen Feinden; mir, +seiner armen Dienerin, wird er eine Entschuldigung nicht versagen. + +Sergius [zustimmend]: Sie haben recht. [Er beugt das Knie; in seiner +pathetischesten Weise:] Verzeihen Sie mir. + +Louka: Ich verzeihe Ihnen. [Sie reicht ihm schüchtern ihre Hand, die +er küßt.] Diese Berührung macht mich zu Ihrer Braut. + +Sergius [aufspringend]: Oh, das habe ich vergessen! + +Louka [kalt]: Sie können Ihr Wort zurücknehmen, wenn Sie wollen. + +Sergius: Zurücknehmen? Niemals! Sie sind mein. [Er umarmt sie, +Katharina kommt herein, findet Louka in Sergius' Armen und sieht, wie +alle Louka und Sergius fassungslos anstarren.] + +Katharina: Was soll das heißen? [Sergius läßt Louka los.] + +Petkoff: Nun, meine Teure, es scheint, daß Sergius jetzt die Absicht +hat, statt Raina Louka zu heiraten. [Katharina will eben entrüstet +gegen ihn losbrechen, er hält sie zurück und ruft mürrisch aus:] Gib +mir nicht die Schuld, ich habe nichts damit zu schaffen. [Er zieht +sich nach dem Ofen zurück.] + +Katharina: Louka heiraten?! Sergius, Sie sind gebunden! Wir haben +Ihr Wort! + +Sergius [seine Arme kreuzend]: Mich bindet nichts. + +Bluntschli [sehr erfreut über dieses vernünftige Vorgehen]: Saranoff, +Ihre Hand! Ich gratuliere Ihnen, Ihr Heldentum ist in manchen Fällen +gut angebracht. [Zu Louka.] Schönes Fräulein, empfangen Sie die +herzlichsten Glückwünsche eines guten Republikaners. [Er küßt Louka +die Hand, zu Rainas größtem Widerwillen.] + +Katharina [drohend]: Louka, du hast getratscht! + +Louka: Ich habe Raina nicht geschadet. + +Katharina [hochmütig]: Raina?! [Raina ist gleichfalls empört über +diese Frechheit.] + +Louka: Ich habe das Recht, sie Raina zu nennen, sie nennt mich ja +auch bloß Louka. Ich habe Major Saranoff gesagt, daß sie ihn nie +heiraten würde, falls der Schweizer Herr jemals wiederkommen sollte. + +Bluntschli [überrascht]: Was ist das? + +Louka [wendet sich zu Raina]: Ich dachte, Sie hätten ihn lieber als +Sergius; Sie müssen am besten wissen, ob ich recht habe. + +Bluntschli: Was ist das für ein Unsinn? Ich versichere Ihnen, mein +lieber Major, verehrte gnädige Frau, Ihr reizendes Fräulein Tochter +hat mir nur das Leben gerettet, nichts weiter; es war ihr niemals +etwas an mir gelegen. Wie könnte das auch sein, um Gottes willen! +Sehen Sie sich bloß einmal diese junge Dame an, und dann sehen Sie +mich an! Sie: reich, jung, schön, ihre Phantasie voller +Märchenprinzen und Heldentaten, Kavallerieattacken und weiß Gott was +noch! und ich, ein gewöhnlicher Schweizer Soldat, der sich kaum mehr +vorstellen kann, was ein geregeltes Dasein ist, nach fünfzehnjährigem +Kasernen- und Schlachtenleben, ein Vagabund, ein Mann, der alle seine +Lebensaussichten durch eine unverbesserliche romantische Veranlagung +verdorben hat, ein Mann, der... + +Sergius [auffahrend; wie von einer Tarantel gestochen unterbricht er +Bluntschli mit ungläubiger Verwunderung]: Verzeihen Sie, Bluntschli: +was, sagen Sie, hat Ihre Lebensaussichten verdorben? + +Bluntschli [sofort]: Eine unverbesserlich romantische Veranlagung. +Ich bin schon als Knabe zweimal von Hause durchgebrannt. Ich ging +zur Armee statt in meines Vaters Geschäft. Ich kletterte auf den +Balkon dieses Hauses, statt mich wie ein vernünftiger Mensch im +erstbesten Keller zu verstecken! Ich kam hierher zurückgeschlichen, +um diese junge Dame noch einmal zu sehen, wo jeder andere Mann in +meinem Alter den Rock einfach zurückgeschickt hätte... + +Petkoff: Meinen Rock? + +Bluntschli:--Ja, Ihren Rock! Jeder andere würde ihn zurückgeschickt +haben und wäre dann ruhig nach Hause gereist. Glauben Sie wirklich, +daß ein junges Mädchen sich in so einen Menschen verlieben wird? +Vergleichen Sie bloß einmal unser Alter--ich bin vierunddreißig! Ich +glaube nicht, daß Fräulein Raina viel über siebzehn ist. [Diese +Schätzung ruft eine bemerkbare Sensation hervor, alle wenden sich um +und blicken einander an; er fährt unschuldig fort:] Dieses ganze +Abenteuer, dessen Ausgang für mich Leben oder Tod bedeutet hat, war +ihr bloß das Spiel eines Backfisches mit Schokoladenbonbons, ein +Versteckenspiel. Hier ist der Beweis! [Er nimmt die Photographie +vom Tisch.] Ich frage Sie: würde mir eine Frau, die unsere Begegnung +ernst genommen hätte, das geschickt haben mit dieser Inschrift: +"Raina ihrem Pralinésoldaten zum Andenken"? [Er hält die +Photographie triumphierend in die Höhe, als ob er die Angelegenheit +nun über allen Zweifel erhaben geschlichtet hätte.] + +Petkoff: Dieses Bild habe ich ja gesucht. Wie zum Teufel kam es +dorthin? + +Bluntschli [zu Raina, wohlgefällig]: Nun habe ich aber hoffentlich +alles schön in Ordnung gebracht, verehrtes Fräulein? + +Raina [in unbeherrschbarer Kränkung]: Ich stimme vollkommen mit allem +überein, was Sie über sich erzählen. Sie sind ein romantischer Idiot. +[Bluntschli fährt sprachlos zurück.] Das nächste Mal, hoffe ich, +werden Sie den Unterschied zwischen einem Schulmädchen von siebzehn +und einer Frau von dreiundzwanzig bemerken. + +Bluntschli [verblüfft]: Dreiundzwanzig? [Sie reißt ihm die +Photographie verachtungsvoll aus der Hand, zerreißt sie und wirft ihm +die Stücke vor die Füße.] + +Sergius [sehr erfreut über die Niederlage seines Nebenbuhlers]: +Bluntschli, mein letzter Glaube ist dahin,--Ihr Scharfsinn ist +Schwindel, wie alles andere--Sie sind noch dümmer als ich. + +Bluntschli [überwältigt]: Dreiundzwanzig! dreiundzwanzig! [Er denkt +nach:] Hm! [Schnell einen Entschluß fassend:] In diesem Falle, Major +Petkoff, bitte ich Sie in aller Form um die Hand Ihrer verehrten +Tochter, an Stelle des zurückgetretenen Major Saranoff. + +Raina: Sie wagen es? + +Bluntschli: Wenn Sie dreiundzwanzig Jahre alt waren, als Sie mir +heute nachmittag jene Dinge sagten, dann nehme ich sie ernst. + +Katharina [stolz, höflich]: Ich zweifle sehr, mein Herr, ob Sie sich +der Stellung meiner Tochter sowie der Stellung des Major Sergius +Saranoff, dessen Platz Sie einzunehmen wünschen, bewußt sind. Die +Petkoffs und die Saranoffs sind bekannt als die reichsten und +angesehensten Familien unseres Landes. Unser Name ist beinahe +historisch, wir können bis auf nahezu zwanzig Jahre zurückblicken. + +Petkoff: Oh, laß das, Katharina. [Zu Bluntschli:] Ihr Antrag würde +uns sehr glücklich machen, Bluntschli, wenn es sich bloß um Ihre +Stellung handelte. Aber verwünscht! Sie wissen, Raina ist an eine +sehr großartige Lebensführung gewöhnt. Sergius hält zwanzig Pferde. + +Bluntschli: Aber was sollen ihr denn zwanzig Pferde? Das ist ja ein +wahrer Zirkus? + +Katharina [strenge]: Meine Tochter ist an einen Stall ersten Ranges +gewöhnt, Herr Hauptmann. + +Raina: Aber Mama, du machst mich ja lächerlich! + +Bluntschli: Na, gut! wenn es sich um wirtschaftliche Einrichtungen +handelt, da stelle ich meinen Mann! [Er geht rasch, an den Tisch und +nimmt seine Papiere aus dem blauen Umschlag.] Wieviel Pferde, haben +Sie gesagt? + +Sergius: Zwanzig, edler Schweizer! + +Bluntschli: Ich habe zweihundert Pferde. [Sie sind erstaunt]: +Wieviel Wagen haben Sie? + +Sergius: Drei. + +Bluntschli: Ich habe siebzig. In vierundzwanzig davon haben je zwölf +Leute Platz und noch zwei auf dem Bock, ohne den Kutscher und den +Kondukteur zu rechnen. Wieviel Tischtücher haben Sie? + +Sergius: Wie, zum Teufel, soll ich das wissen? + +Bluntschli: Haben Sie viertausend? + +Sergius: Nein. + +Bluntschli: Ich habe so viel; ferner neuntausendsechshundert Betttücher +und Bettdecken, mit zweitausendvierhundert Eiderdaunenkissen. Ich habe +zehntausend Messer und Gabeln und die gleiche Anzahl Dessertlöffel. +Ich habe sechshundert Diener, sechs palastartige Gebäude, außerdem +zwei Mietstallungen, ein Gartenrestaurant und ein Wohnhaus. Ich habe +vier Medaillen für hervorragende Dienste, ich habe den Rang eines +Offiziers, und den Stand eines Gentleman, und drei Muttersprachen. +Zeigen Sie mir irgend einen Mann in Bulgarien, der so viel bieten +kann. + +Petkoff [mit kindischer Scheu]: Sind Sie am Ende gar der Kaiser der +Schweiz? + +Bluntschli: Mein Rang ist der höchste, den man in der Schweiz +anerkennt: ich bin ein freier Bürger. + +Katharina: Wenn dem so ist, Kapitän Bluntschli, so will ich, da meine +Tochter Sie auserkoren hat, Ihrem Glück nicht im Wege stehen. +[Petkoff will sprechen.] Major Petkoff teilt dieses Gefühl. + +Petkoff: Oh, ich werde mich glücklich schätzen... Zweihundert +Pferde--Donnerwetter! + +Sergius [zu Raina gewendet]: Und was sagen Sie? + +Raina [tut, ab ob sie schmollte]: Ich sage, daß er seine Tischwäsche +und seine Omnibusse behalten kann. Ich lasse mich nicht an den +Meistbietenden verkaufen. + +Bluntschli: Diese Antwort nehme ich nicht an. Ich wandte mich an Sie +als Flüchtling, als Bettler, als Verhungernder! Sie haben mich +aufgenommen und mir Ihre Hand zum Kusse, Ihr Bett für meine müden +Glieder und Ihr Dach zu meinem Schutze angeboten. + +Raina [unterbricht ihn]: Dem Kaiser der Schweiz hab' ich das alles +nicht geboten! + +Bluntschli: Das ist es ja gerade, was ich sage! [Er ergreift ihre +Hand rasch und sieht ihr fest in die Augen, während er, seiner Macht +vertrauend, hinzufügt:] Bitte, sagen Sie uns nun, wem Sie dies alles +gaben? + +Raina [ergibt sich mit scheuem Lächeln]: Meinem Pralinésoldaten. + +Bluntschli [mit knabenhaft entzücktem Lachen]: Das genügt mir, ich +danke Ihnen! [Er sieht auf seine Uhr und wird plötzlich Berufssoldat.] +Die Zeit ist um, ich muß nun fort, Major! Sie haben die Regimenter +so trefflich dirigiert, daß Sie überzeugt sein können, man wird Sie +ausersehen, um einige Infanterieregimenter der Timoklinien +loszuwerden. Senden Sie die Leute auf dem Weg von Lom-Palanka heim; +Saranoff, verheiraten Sie sich nicht, bevor ich zurückkomme; ich +werde pünktlich Dienstag in vierzehn Tagen um fünf Uhr abends hier +sein!--Meine verehrten Damen, ich wünsche einen guten Abend! [Er +macht ihnen eins militärische Verbeugung und geht ab.] + +Sergius: Was für ein Mann! was für ein Mann! + +Vorhang + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN *** + +This file should be named 6004-8.txt or 6004-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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