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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:26:41 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Helden, by George Bernard Shaw
+(#37 in our series by George Bernard Shaw)
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
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+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
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+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
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+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Helden
+
+Author: George Bernard Shaw
+
+Release Date: July, 2004 [EBook #6004]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on October 15, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen, Charles Franks and the Online Distributed
+Proofreading Team.
+
+
+
+HELDEN
+
+Komödie in drei Akten
+
+George Bernard Shaw
+
+
+
+
+"Arms and the Man", der Titel der Komödie, sind die ersten Worte der
+englischen Übersetzung der Äneis. Im Deutschen wäre die Übertragung
+von "Arma virumque cano": "Waffentaten besingt mein Gesang und den
+Mann..." zu langatmig geworden, weshalb ich das der Entthronung
+unechter Helden geltende Werk "Helden" nannte.
+
+Anmerkung des Übersetzers.
+
+PERSONEN
+
+Paul Petkoff, bulgarischer Major.
+Katharina, seine Frau.
+Raina, ihre Tochter.
+Sergius Saranoff, bulgarischer Major.
+Bluntschli, Hauptmann in der serbischen Armes.
+Louka, Stubenmädchen.
+Nicola, ein Diener.
+Ein russischer Offizier.
+Ein bulgarischer Offizier.
+
+Ort der Handlung: Eine kleine Stadt in Bulgarien in der Nähe des
+Dragomanpasses.
+
+Zeit: Das Jahr 1885.
+
+
+
+
+ERSTER AKT
+
+[Nacht. Das Schlafzimmer eines jungen Mädchens in Bulgarien, in
+einer kleinen Stadt nahe dem Dragomanpaß. Ende November 1885. Durch
+ein großes offenes Fenster mit kleinem Balkon schimmert sternhell die
+schneebedeckte Spitze eines Balkanberges wundervoll weiß und schön
+herein. Das Gebirge scheint ganz nahe, obwohl es in Wirklichkeit
+meilenweit entfernt ist. Die innere Einrichtung des Zimmers hat
+keinerlei Ähnlichkeit mit der im östlichen Europa üblichen. Sie ist
+halb reich bulgarisch, halb billig wienerisch. Über dem Kopfende des
+Bettes, das gegen eine schmale Wand gelehnt ist, die die Ecke des
+Zimmers in der Richtung der Diagonale abschneidet, steht ein blau und
+goldbemalter hölzerner Schrein mit einem Christusbilde aus Elfenbein.
+Darüber schwebt in einer von drei Ketten gehaltenen durchbrochenen
+Metallkugel eine Lampe. Die Hauptsitzgelegenheit, eine türkische
+Ottomane, befindet sich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers,
+dem Fenster gegenüber. Die Bettvorbänge und die Bettdecke, die
+Fenstervorhänge, der kleine Teppich und alle Stoffe des Zimmers sind
+prächtig und orientalisch. Die Tapeten an den Wänden sind
+abendländisch und armselig. Der Waschtisch an der Wand in der Nähe
+des Fensters und der Ottomane besteht aus einem emaillierten eisernen
+Becken und einem Eimer darunter, beides in einem bemalten
+Eisenständer. Ein einziges Handtuch hängt über dem Handtuchhalter an
+der Seite. Daneben steht ein Wiener Stuhl aus gebogenem Holz mit
+Rohrsitz. Der Ankleidetisch, zwischen dem Bett und dem Fenster ist
+aus gewöhnlichem Tannenholz, mit einer bunt farbigen Decke belegt,
+darauf ein kostbarer Toilettespiegel. Die Tür ist in der Nähe des
+Bettes, zwischen Tür und Bett steht noch eine Kommode. Diese Kommode
+ist auch mit einem bunten bulgarischen Tuch überdeckt, und auf ihr
+befindet sich ein Stoß ungebundener Romane, eine Bonbonniere mit
+Pralinen und eine Miniaturstaffelei mit der großen Photographie eines
+äußerst hübschen Offiziers, dessen stolze Haltung und magnetischer
+Blick sogar aus dem Bilde erkennbar ist.--Das Zimmer wird von einer
+auf der Kommode brennenden Kerze und von einer andern, die sich auf
+dem Toilettentisch befindet, erhellt. Neben letzterer liegt eine
+Zündholzschachtel. Das Fenster hat Längsflügel, die weit offen
+stehen; ein paar hölzerne Läden, die sich nach außen öffnen, sind
+gleichfalls weit auf. Auf dem Balkon eine junge Dame, in den Anblick
+der Schneeberge versunken. Sie ist sich der romantischen Schönheit
+der Nacht, wie auch der Tatsache, daß ihre eigene Jugend und
+Schönheit ein Teil davon ist, sehr wohl bewußt. [Sie ist in einen
+langen Pelzmantel gehüllt, der, gering geschätzt, dreimal so viel
+wert ist als die ganze Einrichtung des Zimmers. Aus ihrer Träumerei
+wird sie durch ihre Mutter, Katharina Petkoff, aufgeschreckt, eine
+stattliche Frau über vierzig, von gebieterischer Energie, mit
+wunderbaren schwarzen Augen und Haaren. Als Frau eines Gutsbesitzers
+im Gebirge würde sie prachtvoll wirken; sie will aber durchaus die
+Wiener Dame spielen und trägt zu diesem Zwecke bei jeder Gelegenheit
+ein hochmodernes Tea-gown.]
+
+Katharina [tritt hastig ein, erfüllt von guten Nachrichten]: Raina!
+[Sie spricht Rahina mit Betonung des i.] Raina! [Sie geht an das
+Bett in der Erwartung, Raina dort zu finden.] Wo steckst du denn?
+[Raina wendet sich nach dem Zimmer um.] Um Gottes willen, Kind, warum
+da draußen in der Nachtluft statt im Bett! Du wirst dir den Tod
+holen. Louka sagte mir doch, daß du schliefest.
+
+Raina [eintretend]: Ich habe sie fortgeschickt, weil ich allein sein
+wollte--die Sterne sind so wundervoll. Was ist denn los?
+
+Katharina: Große Neuigkeiten--eine Schlacht ist geschlagen worden!
+
+Raina [mit weiten Augen]: Ah! [Sie wirft ihren Pelz auf die Ottomane
+und kommt in bloßem Nachtkleid, einem hübschen Kleidungsstück, doch
+sichtlich dem einzigen, das sie anhat, heftig auf Katharina zu.]
+
+Katharina: Eine große Schlacht, bei Slivnitza, ein Sieg! und Sergius
+hat ihn erfochten.
+
+Raina [mit einem Freudenschrei]: Ah--[Entzückt:] O Mutter! [Dann
+plötzlich ängstlich:] Ist der Vater gesund und unversehrt?
+
+Katharina: Selbstverständlich, von ihm kommt ja die Nachricht.
+Sergius ist der Held des Tages, der Abgott seines Regiments.
+
+Raina: Erzähle, erzähle! wie ist das zugegangen? [Ekstatisch:] O
+Mutter, Mutter, Mutter! [Sie drückt ihre Mutter auf die Ottomane
+nieder. Sie küssen einander leidenschaftlich.]
+
+Katharina [mit ungestümem Enthusiasmus]: Du kannst dir nicht
+vorstellen, wie herrlich es ist. Eine Kavallerieattacke, denke dir
+nur! Er hat unseren russischen Befehlshabern Trotz geboten, er
+handelte ohne Kommando. Auf eigene Faust führte er einen Angriff aus,
+er selbst an der Spitze. Er war der erste Mann, der die feindliche
+Artillerie durchbrach! Stell es dir nur einmal vor, Raina, wie
+unsere kühnen glänzenden Bulgaren mit blitzenden Schwertern und
+blitzenden Augen einer Lawine gleich herniederdonnerten und die
+elenden Serben mit ihren geckenhaften österreichischen Offizieren
+wegfegten wie Spreu. Und du, du ließest Sergius ein Jahr lang warten,
+bis du ihm dein Jawort gabst. Oh, wenn du einen Tropfen
+bulgarischen Blutes in den Adern hast, wirst du ihn jetzt anbeten,
+wenn er zurückkommt.
+
+Raina: Was wird ihm an meiner armseligen Anbetung liegen, nachdem ihm
+eine Armee von Helden zugejubelt hat! Doch einerlei. Ich bin so
+glücklich, so stolz! [Sie steht auf und geht heftig bewegt auf und
+ab.] Es beweist mir, daß alle unsere Ideen doch Wahrheit waren.
+
+Katharina [indigniert]: Unsere Ideen Wahrheit? Was meinst du damit?
+
+Raina: Unsere Vorstellungen von dem, was ein Mann wie Sergius einmal
+vollbringen würde--unsere Vorstellungen von Patriotismus, von
+Heldentum. Ich zweifelte manchmal, ob sie etwas anderes als Träume
+wären. Oh, was für ungläubige kleine Geschöpfe wir Mädchen sind!
+Als ich Sergius den Säbel umgürtete, sah er so edel aus. Es war
+Verrat von mir, da an Enttäuschungen, Demütigung oder Mißerfolg zu
+denken, und doch--und doch...[Rasch:] Versprich mir, daß du es ihm
+niemals sagen wirst.
+
+Katharina: Verlange kein Versprechen von mir, bevor ich weiß, was ich
+eigentlich versprechen soll.
+
+Raina: Nun, als er mich in seinen Armen hielt und mir in die Augen
+blickte, da fiel es mir ein, daß wir vielleicht unsere Vorstellungen
+von Heldengröße bloß deshalb haben, weil wir gar so gerne Byron und
+Puschkin lesen und weil wir in diesem Jahre von der Oper in Bukarest
+so entzückt waren. Das wirkliche Leben gleicht so selten diesen
+Bildern--ja niemals, soweit ich es bis dahin kannte...[reuevoll:]
+Denk dir nur, Mutter, ich zweifelte an ihm. Ich fragte mich, ob
+nicht am Ende alle seine Soldateneigenschaften und sein Heldentum
+sich als Einbildung erweisen würden, sobald er sich in einer
+wirklichen Schlacht befände. Ich hatte eine unangenehme Angst, daß
+er am Ende gar eine klägliche Figur inmitten all der klugen
+russischen Offiziere abgeben würde.
+
+Katharina: Schämst du dich nicht--eine klägliche Figur? Die Serben
+haben österreichische Offiziere, die genau so klug sind wie unsere
+russischen, und wir haben sie trotzdem in jeder Schlacht geschlagen.
+
+Raina [lacht und setzt sich wieder]: Jawohl! ich war bloß ein
+poesieloser kleiner Feigling. Nein, zu denken, daß dies alles wahr
+ist--daß Sergius genau so edel und kühn ist, wie er aussieht--, daß
+die Welt tatsächlich eine herrliche Welt für Frauen ist, die ihre
+Größe sehen können, und für Männer, die fähig sind, ihre Romantik
+darzustellen! Was für ein Glück, was für unaussprechliche
+Erfüllungen--ach! [Sie wirft sich neben ihrer Mutter auf die Knie
+und umschlingt sie leidenschaftlich mit den Armen.]
+
+[Sie werden durch den Eintritt Loukas unterbrochen, eines hübschen
+stolzen Mädchens in der hübschen bulgarischen Bauerntracbt mit
+Klappschürze. Sie benimmt sich so keck, daß ihr dienstliches
+Verhalten gegen Raina beinahe unverschämt aussieht; vor Katharina
+fürchtet sie sich, aber selbst mit ihr geht sie so weit, wie sie's
+nur immer wagen zu dürfen glaubt. Sie ist jetzt ebenso aufgeregt wie
+die anderen, aber sie sympathisiert nicht mit Rainas Begeisterung und
+blickt verachtungsvoll auf die Verzückung der beiden, bevor sie sie
+anredet.]
+
+Louka: Entschuldigen Sie, gnädige Frau, alle Fenster müssen
+geschlossen und alle Läden verriegelt werden. Man sagt, daß
+vielleicht in den Straßen geschossen werden wird. [Raina und
+Katharina erheben sich gleichzeitig erschrocken.] Die Serben werden
+durch den Paß zurückgejagt, und es heißt, sie könnten sich in die
+Stadt flüchten. Unsere Kavallerie wird ihnen nachsetzen, und Sie
+können sicher sein, daß unser Volk sie gebührend empfangen wird;
+jetzt, wo sie davonlaufen. [Sie geht auf den Balkon hinaus, schließt
+die Außenläden und tritt dann in das Zimmer zurück.]
+
+Raina: Ich wollte, unsere Leute wären nicht so grausam. Was ist das
+für ein Ruhm, arme Flüchtlinge niederzumachen?
+
+Katharina [geschäftig, sich ihrer häuslichen Pflichten erinnernd]:
+Ich muß zusehen, daß unten alles in Sicherheit gebracht wird.
+
+Raina [zu Louka]: Laß die Läden so, daß ich sie schnell schließen
+kann, sobald ich irgendwelchen Lärm höre.
+
+Katharina [strenge, während sie ihren Weg nach der Tür fortsetzt]: O
+nein, mein Kind, die Läden müssen verriegelt bleiben; du würdest
+sicher darüber einschlafen und sie offen lassen. Riegele sie ganz zu,
+Louka.
+
+Louka: Jawohl, gnädige Frau. [Sie schließt sie.]
+
+Raina: Sei ohne Sorge meinetwegen, sobald ich einen Schuß höre, werde
+ich die Kerzen auslöschen, mich in mein Bett verkriechen und die
+Decke über die Ohren ziehen.
+
+Katharina: Das klügste, was du tun kannst, liebes Kind. Gute Nacht.
+
+Raina: Gute Nacht, Mama. [Sie küssen einander, und Rainas
+Ergriffenheit kehrt für einen Augenblick zurück.] Beglückwünsche mich
+zu der schönsten Nacht meines Lebens--wenn nur die Flüchtlinge nicht
+wären.
+
+Katharina: Geh zu Bett, Liebling, und denk nicht daran. [Geht ab.]
+
+Louka [heimlich zu Raina]: Wenn Sie die Läden offen haben wollen,
+stoßen Sie nur ein wenig--so! [Sie stößt ein wenig gegen die Läden,
+die Läden gehen auf, dann schließt sie sie wieder.] Der eine müßte
+unten verriegelt werden, aber der Riegel ist abgebrochen.
+
+Raina [würdevoll, mißbilligend]: Danke, Louka, aber wir müssen tun,
+was uns befohlen wird. [Louka schneidet ein Gesicht.] Gute Nacht!
+
+Louka [nachlässig]: Gute Nacht. [Sie stolziert ab.]
+
+Raina [allein gelassen, gebt nach der Kommode und betet das darauf
+befindliche Bild mit Empfindungen an, die über jeden Ausdruck sind.
+Sie küßt es weder, noch preßt sie es ans Herz, noch gibt sie ihm
+irgendein Zeichen von körperlicher Zärtlichkeit, aber sie nimmt es in
+die Hände und hebt es empor, wie eine Priesterin.--Das Bild
+betrachtend]: Oh, ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen. Held
+meiner Seele--nie, nie, nie! [Sie setzt das Bild ehrfürchtig zurück,
+dann wählt sie einen Roman aus dem kleinen Bücherstoß. Verträumt
+blättert sie darin, findet, wo sie stehen geblieben ist, biegt das
+Buch an dieser Stelle nach außen zusammen, und mit einem glücklichen
+Seufzer sinkt sie auf das Bett, um sich in den Schlaf zu lesen.
+Bevor sie sich jedoch ihrem Roman überläßt, blickt sie noch einmal
+auf, gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein
+Held! [Ein entfernter Schuß durchbricht draußen die Stille der Nacht.
+Sie fährt horchend auf,--da fallen noch zwei Schüsse aus viel
+größerer Nähe. Sie erschrickt, stürzt aus dem Bett und bläst die
+Kerze auf der Kommode rasch aus. Dann läuft sie, mit den Händen an
+den Ohren, zum Toilettetisch, bläst die Kerze auch dort aus und eilt
+im Dunkeln in ihr Bett zurück, man unterscheidet nichts mehr in der
+Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor
+dem Christusbilde und das Sternenlicht, das durch die Spalten der
+Fensterläden glänzt. Abermals fallen Schüsse, ein fürchterliches
+Gewehrfeuer ist ganz nahe. Während man noch das Echo der Salve hört,
+werden die Fensterläden von außen aufgestoßen, für einen Augenblick
+flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht plötzlich herein,
+von dem sich die dunkle Silhouette einer männlichen Gestalt abhebt.
+Dann schließen sich die Läden wieder, und das Zimmer liegt abermals
+im Dunkeln. Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes
+Atemholen unterbrochen, dann hört man ein Kratzen, und die Flamme
+eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.]
+
+Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da? [Das Streichholz verlischt
+sofort wieder.] Wer ist da--wer ist da?
+
+[Eines Mannes Stimme gedämpft aber drohend]: Scht! Schreien Sie
+nicht, sonst schieße ich! Bleiben Sie ruhig, und es wird Ihnen
+nichts geschehen. [Man hört, wie sie ihr Bett verläßt und nach der
+Tür tastet.] Nehmen Sie sich in acht, es hilft Ihnen nichts, wenn Sie
+davonlaufen wollen. Merken Sie sich, sobald Sie Ihre Stimme erheben,
+wird mein Revolver losgehen. [Befehlend:] Machen Sie Licht und
+lassen Sie sich sehen! Hören Sie! [Noch ein Augenblick der Stille
+und Dunkelheit, während Raina an den Toilettetisch zurücktritt. Dann
+zündet sie die Kerze an, und das Rätsel löst sich.--Ein Mann von
+ungefähr fünfunddreißig Jahren, in bejammernswürdigem Zustande, mit
+Kot, Blut und Schnee bespritzt, steht vor ihr. Sein Degengehänge und
+der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen
+Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen. Alles was
+man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen, verwahrlosten Aussehen
+des Mannes halbwegs erkennen kann, ist, daß er mittelgroß, von nicht
+sehr vornehmem Aussehen, breitschultrig und starkknochig ist. Sein
+rundlicher, eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen
+Locken bedeckt. Er hat klare, bewegliche, blaue Augen, gutmütige
+Brauen und einen freundlichen Mund, eine hoffnungslos prosaische Nase
+wie die eines besonders aufgeweckten Babys, aufrechte soldatische
+Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart
+trotz seiner verzweifelten Lage, die er sogar mit einem Anflug von
+Humor betrachtet, ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen
+oder eine Rettungsmöglichkeit außer Acht zu lasten.--Er überlegt, was
+er von Raina zu erwarten haben mag, schätzt ihr Alter, ihre
+gesellschaftliche Stellung ab, ihren Charakter, den Grad ihrer Furcht,
+alles mit einem Blick, und fährt höflicher, aber immer äußerst
+entschlossen fort]: Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, aber Sie
+erkennen wahrscheinlich meine Uniform, ich bin Serbe! Wenn ich
+gefangen werde, wird man mich töten. [Drohend]: Begreifen Sie das?
+
+Raina: Ja.
+
+Der Flüchtling: Nun, ich habe keine Lust zu sterben, solange ich es
+verhindern kann. [Noch fürchterlicher]: Begreifen Sie das? [Er
+verschließt die Tür mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.]
+
+Raina [verachtungsvoll]: Es scheint, Sie haben keine. [Sie richtet
+sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht, während sie mit
+scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten, die den Tod fürchten,
+das weiß ich.
+
+Der Flüchtling [mit Galgenhumor]: Alle fürchten ihn, verehrte Dame,
+alle, glauben Sie mir. Es ist unsere Pflicht, so lange zu leben, wie
+wir nur können, und wenn Sie Lärm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]:
+Dann werden Sie mich erschießen! Aber woher wissen Sie, daß ich den
+Tod fürchte?
+
+Der Flüchtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschieße, was wird
+dann geschehen? Eine Rotte Ihrer Kavallerie--das elendeste Gesindel
+Ihrer Armee--wird in dieses Ihr hübsches Zimmer einbrechen und mich
+wie ein Schwein abschlachten. Denn ich werde mich wehren und fechten
+wie ein Teufel. Sie sollen mich nicht auf die Straße bekommen und
+sich an mir belustigen; ich weiß, wozu sie imstande sind. Sind Sie
+bereit, in Ihrer augenblicklichen Verfassung, in dieser Toilette,
+eine solche Gesellschaft zu empfangen?
+
+[Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand, schreckt
+instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib. Er beobachtet
+sie und fügt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum präsentabel, was? [Sie geht
+nach der Ottomane, er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie
+und ruft]: Halt! [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie? Raina [mit
+würdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen. Der
+Flüchtling [geht rasch nach der Ottomane und reißt den Pelz an sich]:
+Ein guter Gedanke. Nein, den Mantel behalte ich; dann werden Sie
+dafür sorgen, daß niemand hier eindringt und Sie so sieht. Das ist
+eine bessere Waffe als mein Revolver. [Er wirft den Revolver auf die
+Ottomane.]
+
+Raina [empört]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman!
+
+Der Flüchtling: Gut genug für einen Mann, wenn zwischen ihm und dem
+Tod nur Sie stehen. [Während sie einander nun einen Augenblick stumm
+betrachten, in welchem Raina kaum zu glauben vermag, daß selbst ein
+serbischer Offizier so zynisch und selbstsüchtig und unritterlich
+sein könne, werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Straße
+aufgeschreckt. Furchtbare Todesangst läßt den Flüchtling seine
+Stimme dämpfen, als er hinzufügt]: Hören Sie? Wenn Sie diese
+Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen, so werden Sie
+sie wenigstens empfangen, so wie Sie da sind. [Raina begegnet seinen
+Blicken mit unerschrockener Verachtung. Plötzlich fährt er horchend
+auf; man hört Schritte von außen, jemand drückt auf die Klinke und
+klopft dann hastig und dringend. Raina sieht den Flüchtling atemlos
+an, er wirft entschlossen den Kopf zurück, mit der Bewegung eines
+Menschen, der nun weiß, daß er verloren ist, und indem er sein
+Benehmen, das Raina einschüchtern sollte, aufgibt, wirft er ihr den
+Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst, ich bin
+verloren! Schnell, hüllen Sie sich in den Mantel, sie kommen!
+
+Raina [fängt den Mantel hastig auf]: Oh--ich danke! [Sie wirft den
+Mantel sehr erleichtert um, er zieht seinen Degen und wendet sich
+nach der Tür und wartet.]
+
+Louka [von außen klopfend]: Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein!
+Stehen Sie schnell auf und öffnen Sie die Tür!
+
+Raina [ängstlich]: Was wollen Sie tun?
+
+Der Flüchtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei, gehen Sie nur aus
+dem Weg, es wird nicht lange dauern.
+
+Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen! Verstecken Sie sich, oh,
+verstecken Sie sich, schnell hinter diesen Vorhang. [Sie faßt ihn
+bei einem zerrissenen Zipfel seines Ärmels und zieht ihn nach dem
+Fenster.]
+
+Der Flüchtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung
+vorhanden, wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren. Merken Sie sich:
+von zehn Soldaten sind neun geborene Dummköpfe. [Er versteckt sich
+hinter dem Vorhang, sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie
+mich dennoch finden, so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf. [Er
+verschwindet. Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fußende
+des Bettes, dann öffnet sie mit schläfrigem, verstörtem Wesen die Tür.
+Louka tritt aufgeregt ein.]
+
+Louka. Ein Mann wurde gesehen, wie er die Dachrinne zu Ihrem Balkon
+hinaufgeklettert ist, ein Serbe. Die Soldaten wollen ihm nachsetzen
+und sind so wild und betrunken und wütend. Die Gnädige läßt sagen,
+Sie möchten sich sofort ankleiden.
+
+Raina [scheinbar ärgerlich, daß sie gestört wird]: Hier lasse ich sie
+nicht suchen. Warum hat man sie eingelassen?!
+
+Katharina [hastig hereinstürzend]: Raina, mein Liebling, dir ist doch
+nichts passiert? Hast du irgend etwas gesehen oder gehört?
+
+Raina: Ich hörte nur schießen; aber ich hoffe, die Soldaten werden es
+nicht wagen, hier in mein Schlafzimmer einzudringen!
+
+Katharina: An ihrer Spitze ist ein russischer Offizier--dem Himmel
+sei Dank. Er kennt Sergius. [Spricht durch die Tür zu jemand, der
+draußen steht:] Bitte treten Sie ein, Herr Leutnant; meine Tochter
+ist bereit, Sie zu empfangen. [Ein junger russischer Offizier in
+bulgarischer Uniform tritt ein, den Säbel in der Faust.]
+
+Russischer Offizier [mit sanfter geschmeidiger Höflichkeit und
+steifer militärischer Haltung]: Guten Abend, gnädiges Fräulein. Ich
+bedaure, hier eindringen zu müssen, aber ein Flüchtling ist auf Ihrem
+Balkon versteckt. Wollen Sie und Ihre gnädige Frau Mutter so gut
+sein und sich zurückziehen, während wir ihn suchen?
+
+Raina [ungeduldig]: Unsinn! Sie sehen von hier aus, daß niemand auf
+dem Balkon sein kann. [Sie stößt die Läden weit auf, steht mit dem
+Rücken gegen den Vorhang, hinter dem der Flüchtling versteckt ist und
+zeigt auf den vom Mond beschienenen Balkon. Zwei Schüsse fallen
+direkt unter dem Fenster, und eine Kugel zertrümmert das Fensterglas
+gegenüber von Raina, sie schließt einen Moment die Augen und atmet
+schwer, aber hält sich tapfer, während Katharina aufschreit und der
+Offizier mit dem Ausruf "Geben Sie Acht" auf den Balkon hinausstürzt.]
+
+Russischer Offizier [auf dem Balkon, schreit wütend in die Straße
+hinunter]: Hört auf, hier herein zu schießen, ihr Dummköpfe,
+verstanden! Hört auf zu feuern, verfluchte Kerle! [Er starrt einen
+Augenblick hinunter, dann wendet er sich zu Raina und versucht, seine
+höfliche Stellung von vorhin wieder einzunehmen.] Konnte jemand ohne
+Ihr Wissen hier eindringen? Schliefen Sie?
+
+Raina: Nein, ich war noch nicht zu Bett.
+
+Russischer Offizier [tritt ungeduldig in das Zimmer zurück]: Ihre
+Nachbarn haben die Köpfe so voll mit davongelaufenen Serben, daß sie
+überall welche sehen. [Höflich]: Gnädiges Fräulein, ich bitte
+tausendmal um Verzeihung. Gute Nacht. [Verneigt sich militärisch.
+Raina erwidert den Gruß kalt, er verneigt sich vor Katharina, die ihn
+hinausbegleitet. Raina schließt die Läden. Sie wendet sich um und
+bemerkt Louka, die diese Szene neugierig beobachtet hat.]
+
+Raina: Lassen Sie meine Mutter nicht allein, Louka, während die
+Soldaten da sind. [Louka blickt auf Raina, auf die Ottomane, auf den
+Vorhang, dann spitzt sie die Lippen diskret, lacht in sich hinein und
+geht hinaus. Raina, durch dieses Mienenspiel sehr beleidigt, folgt
+ihr bis an die Tür und schlägt sie hinter ihr zu, sie geräuschvoll
+verriegelnd. Der Flüchtling tritt sofort hinter dem Vorhang hervor,
+steckt seinen Säbel ein und schüttelt in gleichsam geschäftlicher
+Weise die Gefahr von sich ab.]
+
+Der Flüchtling: Um ein Haar,,, doch um ein Haar ist auch gefehlt.
+Verehrtes Fräulein, Ihr Sklave bis in den Tod! Ich wünschte jetzt
+Ihretwegen, ich wäre in die bulgarische Armee statt in die serbische
+eingetreten. Ich bin kein Serbe von Geburt.
+
+Raina [hochmütig]: Nein, Sie sind einer von jenen Österreichern, die
+die Serben zum Raub unserer nationalen Freiheit verleiten und die
+serbische Armee mit Offizieren versehen. Wir hassen sie.
+
+Der Flüchtling: Österreicher? O nein! Ich bin keiner. Hassen Sie
+mich also nicht. Ich bin Schweizer, gnädiges Fräulein, und kämpfe
+bloß als Berufssoldat; ich ging zu den Serben, weil sie auf dem Wege
+aus der Schweiz mir zunächst waren. Seien Sie großmütig. Ihre
+Landsleute haben uns ohnedies aufs Haupt geschlagen.
+
+Raina: War ich vielleicht nicht großmütig?
+
+Der Flüchtling: Edel, heldenhaft! Doch ich bin noch nicht gerettet.
+Der schlimmste Ansturm ist bald vorüber, aber die Verfolgung wird mit
+Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch fortgesetzt werden; ich muß
+trachten, mich in einem günstigen Augenblick aus dem Staube zu machen.
+Sie sind doch nicht böse, wenn ich hier noch ein bis zwei Minuten
+warte?
+
+Raina: O nein, ich bedaure nur, daß Sie sich abermals in Gefahr
+begeben müssen. [Auf die Ottomane weisend:] Bitte, setzen Sie sich!
+[Sie hält mit einem nicht zu unterdrückenden Angstschrei inne, als
+sie die Pistole auf der Ottomane erblickt.]
+
+Der Flüchtling [übernervös, fährt zurück wie ein scheuendes Pferd.
+Erregt]: Mich so zu erschrecken! Was ist denn los?
+
+Raina: Ihre Pistole. Der Offizier hat sie die ganze Zeit vor Augen
+gehabt! Ihre Rettung ist ein Wunder!
+
+Der Flüchtling [ärgerlich, so unnötigerweise geängstigt worden zu
+sein]: Ach, weiter nichts?!
+
+Raina [blickt ihn hochmütig an und fühlt sich desto wohler, je mehr
+ihre gute Meinung von ihm abnimmt]: Ich bedaure, Sie geängstigt zu
+haben. [Sie nimmt die Pistole und reicht sie ihm]: Bitte, nehmen Sie,
+zum Schutze gegen mich.
+
+Der Flüchtling [lächelt müde über diesen Sarkasmus, während er die
+Pistole nimmt]: Sie nützt mir nichts, sie ist nicht geladen. [Er
+grinst die Pistole höhnisch an und schiebt sie verachtungsvoll in
+seine Revolvertasche.]
+
+Raina: So laden Sie sie meinetwegen!
+
+Der Flüchtling: Ich habe keine Munition. Was nützen einem in der
+Schlacht Patronen? Ich führe statt dessen immer Schokolade mit und
+habe schon vor Stunden mein letztes Stück verzehrt.
+
+Raina [in ihren heiligsten Vorstellungen von Männlichkeit verletzt]:
+Schokolade? Sie stopfen Ihre Taschen mit Süßigkeiten voll wie ein
+Schuljunge, selbst auf dem Schlachtfeld?
+
+Der Flüchtling [hungrig]: Ich wollte, ich hätte jetzt welche. [Raina
+starrt ihn an, unfähig ihre Gefühle zu äußern; dann läuft sie zu der
+Kommode und eilt, die Bonbonniere in den Händen, mit spöttischer
+Miene zurück.]
+
+Raina: Erlauben Sie. Ich bedaure, alles aufgegessen zu haben bis auf
+diese Pralinébonbons. [Sie bietet ihm die Schachtel an.]
+
+Der Flüchtling [heißhungrig]: Sie sind ein Engel. [Er verschlingt
+die Süßigkeiten]: Pralinés--köstlich! [Er überzeugt sich ängstlich,
+ob noch mehr davon da sind; es waren die letzten.]
+
+[Er fügt sich mit pathetischem Humor in das Unvermeidliche und sagt
+mit dankbarer Rührung]: Gott segne Sie, teuerstes Fräulein.--Sie
+können einen alten Soldaten immer an dem Inhalt seiner Sattel- und
+Patronentaschen beurteilen. Die jungen führen Pistolen und Patronen
+mit, die alten--Futter. Ich danke Ihnen. [Er gibt ihr die Schachtel
+zurück, sie reißt sie ihm verachtungsvoll aus der Hand und wirft sie
+fort. Er schrickt wieder zusammen, als wenn sie ihn hätte schlagen
+wollen.] Hu! Ich beschwöre Sie, machen Sie nicht alles so heftig und
+plötzlich, gnädiges Fräulein; es ist nicht schön, sich jetzt dafür zu
+rächen, daß ich Sie vorhin erschreckt habe.
+
+Raina [stolz]: Mich erschreckt! Wissen Sie, daß mein Herz, obwohl
+ich nur ein Mädchen bin, mindestens ebenso mutig schlägt wie das
+Ihre!?
+
+Der Flüchtling: Das will ich meinen. Sie haben auch nicht drei
+Tage lang im Feuer gestanden wie ich. Zwei Tage kann ich das
+aushalten, ohne daß es mir viel ausmacht, aber kein Mensch hält es
+drei Tage lang aus. Ich bin jetzt so nervös wie eine Maus. [Er
+setzt sich auf die Ottomane und stützt den Kopf in die Hand.] Möchten
+Sie mich weinen sehen?
+
+Raina [bestürzt]: Nein!
+
+Der Flüchtling: Wenn Sie das wollen, brauchen Sie mich nur
+auszuschelten als ob ich ein kleiner Bub wäre und Sie das
+Kindermädchen. Wenn ich jetzt im Lager wäre, würde man allerhand
+Spaß mit mir treiben.
+
+Raina [ein wenig gerührt]: Sie tun mir leid, ich werde Sie nicht
+ausschelten. [Von dem Mitgefühl in ihrer Stimme ergriffen, hebt er
+den Kopf und blickt dankbar zu ihr auf. Sie wendet sich sofort von
+ihm weg und sagt steif:] Sie müssen mich entschuldigen, UNSERE
+Soldaten sind eben ganz anders. [Sie geht von der Ottomane fort.]
+
+Der Flüchtling: O nein, ganz ebenso! Es gibt überhaupt nur zweierlei
+Arten Soldaten; junge und alte. Ich diene seit vierzehn Jahren; die
+Hälfte von Ihren Leuten hatte bisher noch kein Pulver gerochen!
+
+Nun, wie kommt es, daß sie uns eben geschlagen haben? Nur infolge
+gänzlicher Unkenntnis der Kriegskunst, durch nichts weiter.
+[Verachtungsvoll:] Ich habe nie einen größeren Mangel an
+Berufskenntnis gesehen!
+
+Raina [ironisch]: Oh, war es Mangel an Berufskenntnis, Sie zu
+schlagen?
+
+Der Flüchtling: So hören Sie! Halten Sie es für militärisch, ein
+Kavallerieregiment einer Schnellfeuerbatterie entgegenzuwerfen mit
+der Gewißheit, daß, falls die Kanonen losgehen, weder Pferd noch Mann
+jemals der Batterie auf fünfzig Meter nahe kommen? Ich traute meinen
+Augen kaum, als ich den Blödsinn sah.
+
+Raina [wendet sich freudig zu ihm, erregt, weil ihr Enthusiasmus und
+ihre Ruhmesträume sie wieder überkommen]: Haben Sie die große
+Kavallerieattacke gesehen? Oh, erzählen Sie mir davon, beschreiben
+Sie sie mir.
+
+Der Flüchtling: Sie haben noch niemals eine Kavallerieattacke gesehen,
+nicht wahr?
+
+Raina: Wie sollte ich!
+
+Der Flüchtling: Natürlich, woher auch! Na, es ist ein spaßhafter
+Anblick. Gerade, als ob man eine Handvoll Erbsen gegen eine
+Fensterscheibe schleuderte. Erst kommt einer, dann zwei oder drei
+dicht hinterher, und dann in einer Reihe die ganze Rotte.
+
+
+Raina [mit weiten Augen, erbebt sich, während sie die Hände
+begeistert zusammenschlägt]: Ja, zuerst ein einziger, der Tapferste
+der Tapferen!
+
+Der Flüchtling [prosaisch]: Na, Sie sollten sehen, wie der arme
+Teufel versucht sein Pferd zurückzuhalten.
+
+Raina: Warum sollte er sein Pferd zurückhalten?
+
+Der Flüchtling [ungeduldig über die dumme Frage]: Na, weil es doch
+mit ihm durchgeht, natürlich. Glauben Sie, daß der Bursche Lust hat,
+als Erster anzukommen, um so vor allen andern getötet zu werden?
+Dann kommen die übrigen heran. Alle. Sie können die Jungen an ihrer
+Wildheit und Schneidigkeit erkennen, die Alten kommen in
+geschlossenen Haufen daher, sie wissen, daß sie nur Kanonenfutter
+sind und daß es keinen Zweck hat, einen Kampf zu versuchen. Die
+meisten Wunden sind gebrochene Kniescheiben infolge des
+Zusammenprallens der Pferde.
+
+Raina: Schrecklich! Aber ich glaube nicht, daß der erste Reiter ein
+Feigling ist--ich glaube, er ist ein Held.
+
+Der Flüchtling [gutmütig]: Das würden Sie auch gesagt haben, wenn Sie
+HEUTE den ersten Reiter bei der Attacke gesehen hätten!!
+
+Raina [atemlos, ihm alles verzeihend]: Ah, ich wußte es! Erzählen
+Sie, erzählen Sie mir von ihm!
+
+Der Flüchtling: Er benahm sich wie ein Operettentenor--ein
+wohlgebauter, hübscher Bursche mit sprühenden Augen und prachtvollem
+Schnurrbart, der sein Hurra brüllte und angriff wie Don Quijote die
+Windmühlen. Wir haben uns über ihn halbtot gelacht! Als aber der
+Feldwebel gelaufen kam, bleich wie der Tod, und uns sagte, daß wir
+aus Versehen die falschen Patronen bekommen hätten und daß wir für
+die nächsten zehn Minuten keinen Schuß abgeben könnten, da ist uns
+das Lachen vergangen! Mir war nie so schlecht in meinem ganzen Leben,
+obwohl ich schon in mancher bösen Lage gewesen bin. Ich hatte nicht
+einmal eine Revolverpatrone, nichts als Schokolade, nicht einmal
+Bajonette hatten wir--nichts. Natürlich haben sie uns in Stücke
+gehauen, und da kam dieser Don Quijote wie ein Tambourmajor
+herangestürmt und glaubte, das Klügste von der Welt getan zu haben,
+statt dessen verdiente er, dafür vor das Kriegsgericht gestellt zu
+werden. Von allen Narren, die jemals auf einem Schlachtfelde
+losgelassen worden sind, muß das der schlimmste sein! Er und sein
+Regiment begingen einfach einen Selbstmord, nur ging die Pistole
+nicht los, das war alles.
+
+Raina [aufs tiefste verletzt, doch standhaft ihren Idealen treu]:
+Wahrhaftig! Würden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen?
+
+Der Flüchtling: Werde ich ihn je vergessen können! [Sie geht wieder
+zur Kommode, er beobachtet sie mit schüchternen Hoffnungen, daß sie
+vielleicht noch etwas für ihn zu essen habe. Sie nimmt das Bild von
+der Kommode und bringt es ihm.]
+
+Raina: Das ist die Photographie jenes Reiters--des Patrioten und
+Helden, dem ich verlobt bin.
+
+Der Flüchtling [das Bild mit Entsetzen erkennend]: Es tut mir
+wirklich sehr leid,,, [Sieht sie an.] War das recht, mich so aufs
+Glatteis zu führen? [Blickt wieder auf das Bild.] Ja, das ist er
+ohne Zweifel. [Er unterdrückt ein Lachen.]
+
+Raina [rasch]: Warum lachen Sie?
+
+Der Flüchtling [beschämt, aber immer noch sehr belustigt]: Ich
+versichere Ihnen--ich habe nicht gelacht--, zumindest hatte ich nicht
+die Absicht. Aber wenn ich an ihn denke, wie er die Windmühlen
+stürmte und dabei glaubte, die schönste Tat von der Welt zu
+vollbringen! [Er schüttelt sich vor unterdrücktem Lachen.]
+
+Raina [strenge]: Geben Sie mir das Bild zurück!
+
+Der Flüchtling [mit aufrichtiger Reue]: Hier, bitte. Verzeihen Sie!
+Es tut mir wirklich furchtbar leid. [Sie küßt das Bild bedachtsam
+und sieht dem Flüchtling gerade ins Gesicht, bevor sie es auf die
+Kommode zurückstellt. Er folgt ihr, sich entschuldigend]: Wissen Sie,
+ich tu' ihm vielleicht sehr unrecht, sogar ganz gewiß. Höchstwahrscheinlich
+hat er von der Munitionsgeschichte irgendwo Wind bekommen und wußte,
+daß es eine gefahrlose Sache war.
+
+Raina: Das soll heißen, daß er ein Aufschneider und ein Feigling ist.
+Vorhin haben Sie das wenigstens nicht zu sagen gewagt.
+
+Der Flüchtling [mit einer komiscben Verzweiflungsgeste]: Ich bemühe
+mich umsonst, verehrtes Fräulein, es gelingt mir nicht, Ihnen die
+Sache vom berufsmäßigen Standpunkt aus zu zeigen. [Als er sich
+umwendet, um zur Ottomane zu geben, wird neuerdings aus der Ferne
+Gewehrfeuer vernehmbar]:
+
+Raina [strenge, als sie bemerkt, wie er auf die Schüsse horcht]:
+Desto besser für Sie.
+
+Der Flüchtling [sich umwendend]: Wie meinen Sie das?
+
+Raina: Sie sind mein Feind und in meiner Gewalt--was würde ich zu tun
+haben vom berufsmäßigen Standpunkt aus?
+
+Der Flüchtling: Ah, das ist wahr! Verehrtes Fräulein, Sie haben
+immer recht. Ich weiß, was Sie für mich getan haben und was ich
+Ihnen verdanke. Bis zu meiner letzten Stunde werde ich der drei
+Pralinés gedenken. Es war unmilitärisch, aber wie engelsgut von
+Ihnen!
+
+Raina [kalt]: Ich danke Ihnen, aber nun will ich mich militärisch
+benehmen. Sie können nicht hierbleiben, nach dem, was Sie über
+meinen zukünftigen Gatten gesagt haben, aber ich will auf den Balkon
+gehen und nachsehen, ob Sie jetzt vollkommen gefahrlos auf die Straße
+hinunterklettern können. [Sie geht an das Fenster.]
+
+Der Flüchtling [seine Miene verändert sich]: Diese Wasserrinne
+hinunter? Halten Sie ein, das kann ich nicht, das mag ich nicht!
+--der bloße Gedanke daran macht mich schon schwindlig. Ich kam
+leicht genug herauf mit dem Tode auf den Fersen, aber das jetzt
+kalten Blutes riskieren...! [Er sinkt auf die Ottomane.] Es ist
+umsonst, ich bin besiegt, ich gebe den Kampf auf, ich bin
+verloren--Sie können jetzt Lärm schlagen! [Er stützt den Kopf
+todestraurig in die Hände.]
+
+Raina [von Mitleid entwaffnet]: Gehen Sie, verlieren Sie nicht den
+Mut. [Sie beugt sich beinahe mütterlich über ihn, er schüttelt den
+Kopf.] Oh, Sie sind ein recht kläglicher Krieger, ein Pralinésoldat.
+Gehen Sie, fassen Sie sich. Es gehört weniger Mut dazu, da
+hinunterzuklettern als der Gefangenschaft ins Auge zu sehen--bedenken
+Sie das.
+
+Der Flüchtling [schläfrig, von ihrer Stimme eingewiegt]: Nein,
+Gefangenschaft bedeutet nur Tod, und Tod ist Schlaf.--Oh schlafen,
+schlafen, schlafen, ungestört schlafen...Die Dachrinne hinabklettern
+heißt, etwas unternehmen, sich anstrengen, denken! Zehnmal lieber
+den Tod!
+
+Raina [leise und verwundert, in seinen schläfrigen Ton verfallend]:
+Sind Sie so schläfrig?
+
+Der Flüchtling: Ich habe keine zwei Stunden ungestört geschlafen,
+seit ich zur Truppe eingerückt bin. Ich war im Generalstab. Sie
+wissen nicht, was das heißt: ich habe seit achtundvierzig Stunden
+kein Auge geschlossen.
+
+Raina [am Ende ihrer Weisheit]: Aber was soll ich mit Ihnen anfangen?
+
+Der Flüchtling [fährt taumelnd auf, von ihrer Verzweiflung
+aufgestachelt]: Natürlich, ich muß etwas tun. [Er schüttelt sich,
+rafft sich zusammen und spricht mit wiedergewonnener Kraft und Mut:]
+Sehen Sie, schläfrig oder nicht schläfrig, hungrig oder nicht hungrig,
+müde oder nicht müde--man kann eine Sache immer tun, wenn man weiß,
+daß sie getan werden muß. Gut denn, die Dachrinne muß hinabgeklettert
+werden. [Er schlägt sich mit der Faust an die Brust]: Hörst du das,
+du Pralinésoldat?! [Er geht an das Fenster.]
+
+Raina [ängstlich]: Aber wenn Sie stürzen?
+
+Der Flüchtling: Dann werde ich schlafen, als ob das Pflaster ein
+Federbett wäre. Leben Sie wohl. [Er tritt kühn an das Fenster und
+legt seine Hand an den Laden, da ertönt unten auf der Straße wieder
+eine entsetzliche Salve.]
+
+Raina [zu ihm eilend]: Bleiben Sie! [Sie erfaßt ihn ohne Bedenken
+und reißt ihn zurück.] Man wird Sie töten.
+
+Der Flüchtling [kühl, aber aufmerksam]: Das macht nichts und gehört
+eben zu meinem täglichen Beruf; ich muß es riskieren. [Entschlossen]:
+Nun tun Sie, was ich Ihnen sage: löschen Sie die Kerzen aus, damit
+man das Licht nicht sehen kann, wenn ich die Läden öffne, und halten
+Sie sich ja vom Fenster fern, was immer auch geschehen mag. Wenn die
+mich sehen, werden sie sicher nach mir schießen.
+
+Raina [sich an ihn hängend]: Sie werden Sie ganz sicher sehen, der
+Mond scheint hell. Ich will Sie retten,,, Oh, wie können Sie nur so
+gleichgültig sein! Sie wollen doch, daß ich Sie retten soll, nicht
+wahr?
+
+Der Flüchtling: Ich möchte Sie wirklich nicht länger stören. [Sie
+schüttelt ihn in ihrer Ungeduld]: Ich bin durchaus nicht gleichgültig
+gegen den Tod, verehrtes Fräulein, glauben Sie mir, aber was soll ich
+sonst anfangen?
+
+Raina: Vor allem kommen Sie doch vom Fenster fort, ich bitte Sie.
+[Sie schmeichelt ihn in die Mitte des Zimmers zurück, er ergibt sich
+unterwürfig darein; sie läßt ihn frei und spricht gönnerhaft zu ihm]:
+Hören Sie, Sie müssen unserer Gastfreundschaft vertrauen; Sie wissen
+noch nicht, in wessen Haus Sie sich befinden--ich bin eine Petkoff.
+
+Der Flüchtling [naiv]: Was ist das?
+
+Raina [etwas entrüstet]: Ich meine, daß ich der Familie Petkoff
+angehöre, der reichsten und angesehensten unseres Landes.
+
+Der Flüchtling: O ja, natürlich! Entschuldigen Sie--die Petkoffs!
+freilich! Wie dumm von mir!
+
+Raina: Sie wissen ganz gut, daß Sie bis zu dieser Minute den Namen
+nie gehört haben! Wie können Sie sich dazu erniedrigen, so zu tun,
+als ob er Ihnen bekannt vorkäme?
+
+Der Flüchtling: Verzeihen Sie, ich bin zu müde, um zu denken, und der
+Wechsel des Gesprächsthemas war zuviel für mich; zanken Sie mich
+nicht aus.
+
+Raina: Ich vergaß--Sie könnten zu weinen anfangen. [Er nickt ganz
+ernst, sie schmollt und fährt dann in gönnerhaftem Tone fort]: Ich
+will Ihnen bloß sagen, daß mein Vater den höchsten Befehlshaberposten
+in unserer Armee bekleidet, den irgend ein Bulgare innehat. [Stolz]:
+Er ist Major!
+
+Der Flüchtling [tut, als ob das einen tiefen Eindruck auf ihn machte]:
+Major? Du lieber Himmel! Denken Sie nur!
+
+Raina: Sie haben große Ortsunkenntnis bewiesen, indem Sie es für
+nötig hielten, am Balkon heraufzuklettern, weil unser Haus das
+einzige Privathaus ist, das zwei Reihen Fenster hat. Es ist eine
+Treppe im Flur, auf der man hinauf und hinunter kann.
+
+Der Flüchtling: Eine Treppe? Wie großartig! Sie sind aber von
+ungewöhnlichem Luxus umgeben, verehrtes Fräulein.
+
+Raina: Wissen Sie, was eine Bibliothek ist?
+
+Der Flüchtling: Eine Bibliothek? Ein Zimmer voll Bücher?
+
+Raina: Ja, wir haben ein solches, das einzige in ganz Bulgarien.
+
+Der Flüchtling: Wahrhaftig? Ein wirkliches Bibliothekzimmer? Das
+möchte ich aber gerne sehen.
+
+Raina [geziert]: Ich sage Ihnen diese Dinge bloß, um Ihnen zu zeigen,
+daß Sie bei zivilisierten Leuten sind, nicht im Hause von
+ungebildeten Bauern, die Sie töten würden, sobald sie Ihre serbische
+Uniform gewahrten. Wir gehen jedes Jahr zur Opernsaison nach
+Bukarest, und ich habe schon einen ganzen Monat in Wien zugebracht.
+
+Der Flüchtling: Das habe ich bemerkt, gnädiges Fräulein; ich habe
+sofort gesehen, daß Sie die Welt kennen.
+
+Raina: Haben Sie jemals die Oper Hernani gehört?
+
+Der Flüchtling: Ist das die, in der ein Soldatenchor und ein Teufel
+in rotem Samt vorkommt?
+
+Raina [verachtungsvoll]: Nein.
+
+Der Flüchtling [einen tiefen Müdigkeitsseufzer unterdrückend]: Dann
+kenne ich die Oper nicht.
+
+Raina: Ich dachte, Sie würden sich vielleicht an die große Szene
+erinnern, in der Hernani auf der Flucht vor seinen Feinden--gerade so
+wie Sie heute nacht--in das Schloß seines erbittertsten Gegners,
+eines alten kastilianischen Granden, flüchtet! Der Edelmann
+verweigert seine Auslieferung, sein Gast ist ihm heilig!
+
+Der Flüchtling [rasch, wacht wieder etwas auf]: Sind Ihre Angehörigen
+auch dieser Ansicht?
+
+Raina [mit Würde]: Meine Mutter und ich, wir verstehen diese
+"Ansicht", wie Sie sich ausdrücken, und wenn Sie, statt mich mit
+Ihrer Pistole zu bedrohen, sich einfach als Flüchtling unserer
+Gastfreundschaft anvertraut hätten, Sie wären sicher gewesen wie in
+Ihrem Vaterhaus.
+
+Der Flüchtling: Ganz gewiß?
+
+Raina [kehrt ihm angewidert den Rücken]: Oh, es ist verlorene Mühe,
+Ihnen etwas begreiflich machen zu wollen!
+
+Der Flüchtling: Bitte, seien Sie nicht böse, Sie können sich denken,
+wie schlimm es für mich wäre, wenn da ein Irrtum vorläge. Mein Vater
+ist ein sehr gastfreundlicher Mann, er hat sechs Hotels, aber ich
+könnte ihm nicht so weit vertrauen. Wie ist es mit Ihrem Herrn Vater?
+
+Raina: Er ist fort, in Slivnitza, um für sein Vaterland zu kämpfen.
+Ich bürge für Ihre Sicherheit. Hier meine Hand darauf. Wird Sie das
+beruhigen? [Sie bietet ihm ihre Hand.]
+
+Der Flüchtling [sieht seine eigene Hand zweifelhaft an]: Es ist
+besser, wenn Sie meine Hand nicht berühren, verehrtes Fräulein, ich
+muß mich erst waschen.
+
+Raina [gerührt]: Das ist nett von Ihnen. Ich sehe, Sie sind ein
+Gentleman.
+
+Der Flüchtling [verwundert]: Wieso?
+
+Raina: Sie dürfen nicht glauben, daß ich überrascht bin--die Bulgaren
+aus besseren Kreisen, Leute in unserer Stellung zum Beispiel, waschen
+sich auch fast täglich die Hände--aber ich schätze Ihr Zartgefühl,
+Sie dürfen meine Hand nehmen. [Bietet ihm abermals die Hand.]
+
+Der Flüchtling [küßt ihr die Hand, seine Hände auf dem Rücken]: Ich
+danke Ihnen, mein liebenswürdiges Fräulein. Endlich fühle ich mich
+geborgen. Bitte, wollen Sie so gut sein und Ihre Frau Mutter von
+meiner Anwesenheit bald benachrichtigen; es würde sich nicht schicken,
+wenn ich hier länger als nötig im geheimen verweilte.
+
+Raina: Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten wollen, während ich weg bin.
+
+Der Flüchtling: Gewiß. [Er setzt sich auf die Ottomane, Raina geht
+an das Bett, holt ihren Pelzmantel und wirft ihn um. Ihm fallen die
+Augen zu, sie geht zur Tür, wirft einen letzten Blick nach ihm hin
+und sieht, daß er im Begriff ist, einzuschlafen.]
+
+Raina [an der Tür]: Sie werden jetzt doch nicht etwa einschlafen?
+[Er murmelt unartikulierte Laute, sie läuft zu ihm hin und schüttelt
+ihn.] Hören Sie? So wachen Sie doch auf--Sie schlafen ja ein!
+
+Der Flüchtling: Was, ich schlafe ein? O nein, nicht im
+geringsten--ich habe nur nachgedacht,,, es ist schon gut--ich bin
+ganz wach.
+
+Raina [strenge]: Wollen Sie so gut sein, stehen zu bleiben, während
+ich weg bin--ja? [Er erhebt sich widerwillig]: Die ganze Zeit über,
+verstanden!
+
+Der Flüchtling [unruhig wankend]: Gewiß, gewiß, Sie können sich
+darauf verlassen. [Raina sieht ihn ungläubig an, er lächelt matt,
+sie geht zögernd zur Tür, wo sie sich umwendet, und ihn fast beim
+Gähnen ertappt. Sie geht ab.]
+
+Der Flüchtling [schlaftrunken]: Schlafen, schlafen, schlafen,
+schlafen, schla,,,--[Die Worte gehen in ein Murmeln über, er rafft
+sich wieder auf, im Begriff umzufallen.] Wo bin ich? Das möchte ich
+gerne wissen,,, ich muß wach bleiben,,, nichts hält mich aber wach
+außer Gefahr, bedenke das--[Nachdrücklich]: Gefahr, Gefahr, Gefahr,
+Gef...--[Knickt wieder zusammen, rüttelt sich abermals auf.] Wo ist
+Gefahr? Das muß ich ausfindig machen,,, [Er geht unsicher umher, als
+wenn er nach Gefahr suchte.] Was suche ich da?,,, Schlaf--Gefahr--ich
+weiß es nicht. [Er strauchelt gegen das Bett zu.] Ach ja, nun weiß
+ich's,,, alles ist in Ordnung, ich soll zu Bett gehen--aber nicht
+schlafen--ganz bestimmt nicht schlafen,,, wegen der Gefahr. Auch
+nicht niederlegen, nur niedersetzen. [Er setzt sich auf das Bett,
+sein Gesicht nimmt einen glücklichen Ausdruck an]: Ah,,,[Mit einem
+freudigen Seufzer sinkt er der Länge nach zurück, hebt mit einer
+letzten Anstrengung seine gestiefelten Beine ins Bett und fällt
+sofort in tiefen Schlaf.]
+
+[Katharina tritt ein, Raina folgt ihr.]
+
+Raina [auf die Ottomane blickend]: Er ist fort, hier verließ ich ihn.
+
+Katharina: Hier? Dann muß er hinuntergeklettert sein vom-Raina [ihn
+erblickend]: Oh! [Sie zeigt auf ihn.]
+
+Katharina [empört]: Ah! [Sie geht mit großen Schritten auf das Bett
+zu, Raina folgt ihr und bleibt ihr gegenüber auf der andern Seite des
+Bettes stehen.]Er ist fest eingeschlafen, dieser Unmensch!
+
+Raina [ängstlich]: Scht!
+
+Katharina [ihn schüttelnd]: Herr! [Ihn noch heftiger schüttelnd:]
+Herr!! [Ihn außerordentlich stark schüttelnd:] Herr!!!
+
+Raina [fällt ihr in den Arm]: Nicht, Mama, der arme Mann ist ganz
+erschöpft, laß ihn schlafen.
+
+Katharina [läßt ihn los und wendet sich erstaunt zu Raina]: Der arme
+Mann! Raina! [Sieht ihre Tochter starr an, der Flüchtling schläft
+fest.]
+
+[Vorhang]
+
+
+
+
+ZWEITER AKT
+
+[Am 6. März 1886. In dem frischen hübschen Garten von Major Petkoffs
+Haus an einem schönen Frühlingsmorgen. Hinter dem Zaun tauchen die
+Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt
+im Tal. Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge
+und umschließen die Landschaft. Wenn man vom Garten zu ihnen
+hinüberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine
+kleine Tür mit Stufen davor in den Garten führt. Rechts schneidet
+der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein. Den Zaun und das
+Haus entlang stehen Beerensträucher, die mit zum Trocknen
+ausgespannter Wäsche behängt sind. Ein kleiner Weg führt an dem
+Hause vorbei; er führt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert
+sich dann.--In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen aus
+gebogenem Holz. Auf dem Tisch steht das Frühstück, eine türkische
+Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brötchen usw. Die Schalen wurden schon
+gebraucht, und das Brot ist angebrochen.--An der Mauer zur Rechten
+steht eine hölzerne Gartenbank.
+
+Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und
+kehrt mit zorniger Verachtung einem männlichen Dienstboten den Rücken,
+der ihr eben eine Strafpredigt hält. Es ist ein Mann in den besten
+Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher
+Intelligenz. Er hat die Selbstgefälligkeit eines Dieners, der seine
+Dienste hoch einschätzt, und den unerschütterlichen Gleichmut eines
+kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen. Er trägt weiße
+bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen,
+Schärpe und verzierte Gamaschen. Sein Kopf ist bis an den Scheitel
+glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt. Sein Name
+ist Nicola.]
+
+Nicola: Laß dich rechtzeitig warnen, Louka, ändere dein Benehmen.
+Ich kenne unsere Gnädige. Sie ist zu selbstbewußt, um sich jemals
+träumen zu lassen, daß eine Dienerin es wagen könnte, ihr gegenüber
+respektlos zu sein. Aber laß sie nur einmal bemerken, daß du ihr
+Trotz bietest, und du fliegst hinaus.
+
+Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen--was liegt mir daran?
+
+Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich
+niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht
+vertragen würdest.
+
+Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich?
+
+Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft
+abhängig sein. Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia
+aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten.
+Ein böses Wort von ihnen könnte mich zugrunde richten.
+
+Louka: Du hast eben keine Kurage! Ich möchte sehen, ob sie sich
+unterstehen würden, über mich ein böses Wort zu sagen!
+
+Nicola [mitleidig]: Ich hätte dich für gescheiter gehalten, Louka,
+aber du bist eben jung--noch sehr jung.
+
+Louka: Gewiß. Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr?
+Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse,
+von denen sie nicht wünschen würden, daß ich sie ausplaudere. Sie
+sollen es nur wagen, mit mir anzubinden!
+
+Nicola [mitleidig und überlegen]: Weißt du, was sie täten, wenn sie
+dich so sprechen hörten?
+
+Louka: Was könnten sie tun?
+
+Nicola: Dich wegen Lügenhaftigkeit entlassen. Wer würde dir dann
+jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung
+verschaffen? Wer in diesem Hause würde es wagen, auch nur wieder mit
+dir zu sprechen? Und wie lange würde dein Vater auf seinem kleinen
+Bauernhof belassen werden?! [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer
+Zigarette fort und tritt darauf]: Du großes Kind! Du weißt eben
+nicht, was für eine Macht so hohe Herrschaften über unsereins haben,
+sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen. [Er
+tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an! Seit
+zehn Jahren diene ich in diesem Hause--glaubst du, daß ich da keine
+Geheimnisse weiß? Ich weiß Dinge von unserer Frau! Nicht um tausend
+Leu würde sie wollen, daß ihr Mann sie erführe! Und ich weiß Dinge
+von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen würde,
+wenn ich sie ausplaudern wollte. Ich weiß Dinge von Fräulein Raina!
+Die Auflösung der Verlobung mit Sergius wäre die Folge, wenn--
+
+Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weißt du denn das? Ich habe
+dir doch nie etwas gesagt?
+
+Nicola [reißt die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines
+Geheimnis! Ich dachte gleich, es könnte so was sein. Nun, befolge
+meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und laß die Gnädige fühlen, daß,
+ganz gleich, was du weißt oder nicht weißt, sie sich darauf verlassen
+kann, daß du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben
+wirst. Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du
+am meisten von ihnen herauskriegen.
+
+Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola!
+
+Nicola [vergnügt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im
+Dienste. [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das
+hölzerne Tor wird vom Hofe her gehört.]
+
+Männliche Stimme [von außen]: Hallo! Heda! Nicola!
+
+Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurück!
+
+Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorüber! Mach, daß
+du fortkommst, und bring frischen Kaffee! [Er läuft hinaus auf den
+Stallhof.]
+
+Louka [während sie Kaffeekanne und Tassen zusammenräumt und auf dem
+Servierbrett in das Haus hineinträgt]: Du wirst aus mir niemals eine
+Bedientenseele machen! [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her,
+Nicola folgt ihm. Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer,
+unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Von
+Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit
+in der Lokalgesellscbaft bekümmert, ist er jetzt doch äußerst
+zufrieden mit dem militärischen Rang, der ihm während des Krieges als
+einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingeräumt wurde. Das Fieber
+eines tollkühnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen
+Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er
+ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.]
+
+Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier draußen das
+Frühstück?
+
+Nicola: Jawohl, gnädiger Herr. Die gnädige Frau und Fräulein Raina
+sind soeben ins Haus gegangen.
+
+Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brötchen]: Geh hinein und sage, daß
+ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee.
+
+Nicola: Ist schon bestellt, gnädiger Herr. [Er wendet sich gegen die
+Haustür, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und
+einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gnädige
+Frau verständigt?
+
+Louka: Ja, die Gnädige kommt gleich. [Nicola geht in das Haus hinein.
+Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.]
+
+Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben?
+
+Louka: Nein, gnädiger Herr.
+
+Petkoff: Das ist recht. Hast du mir Kognak gebracht?
+
+Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gnädiger Herr.
+
+Petkoff: So ist's recht. [Er gießt ein paar Tropfen Kognak in seinen
+Kaffee. Katharina, die zu der frühen Stunde nur eine sehr flüchtige
+Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause. Sie trägt eine
+bulgarische Schürze über einem ehemals prächtigen, aber jetzt halb
+abgetragenen roten Schlafrock. Ein farbiges Kopftuch ist um ihr
+dickes schwarzes Haar gewunden. Sie hat türkische Pantoffeln an den
+bloßen Füßen. Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hübsch und
+stattlich aus. Louka geht in das Haus zurück.]
+
+Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine Überraschung für uns!
+[Sie beugt sich über die Lehne seines Stuhls, um ihn zu küssen]:
+Hast du schon frischen Kaffee bekommen?
+
+Petkoff: Ja, Louka hat schon für mich gesorgt.--Der Krieg ist aus,
+der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und
+der Abrüstungsbefehl für unsere Armee ist gestern ausgegeben worden.
+
+Katharina [springt auf, mit sprühenden Augen]: Der Krieg zu Ende!
+Paul, haben euch die Österreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu
+schließen?
+
+Petkoff [unterwürfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt,
+was konnte ich tun? [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]:
+Aber natürlich haben wir dafür gesorgt, daß der Vertrag ein
+ehrenhafter sei, er sichert den Frieden.
+
+Katharina [beleidigt]: Frieden!
+
+Petkoff [sie besänftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen
+Beziehungen, merke wohl. Sie wollten das hineinsetzen, aber ich
+bestand darauf, daß es gestrichen würde--was hätte ich noch mehr tun
+können?
+
+Katharina: Du hättest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander
+zum Kaiser des Balkans machen können; das hätte ich getan!
+
+Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste. Aber ich hätte zuvor das
+ganze österreichische Kaiserreich unterwerfen müssen, und das hätte
+mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt.
+
+Katharina [freundlich]: Ah! [Sie streckt ihren Arm liebevoll über
+den Tisch, um seine Hand zu drücken.]
+
+Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste?
+
+Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut.
+
+Petkoff [mit Überzeugung]: Das kommt davon, daß du dir täglich den
+Hals wäschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt.
+
+Katharina: Das ist Unsinn, Paul.
+
+Petkoff [über seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen,
+daß man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige
+Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatürlich. In Philippopel
+war ein Engländer, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach
+dem Aufstehen über und über mit kaltem Wasser zu begießen. Ekelhaft!
+Der Unfug kommt überhaupt von den Engländern. Ihr Klima macht sie
+so schmutzig, daß sie sich in einem fort waschen müssen. Schau doch
+meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist
+dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesündeste Mann
+Bulgariens. Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche
+ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genüge zu tun--aber jeden
+Tag, das heißt doch, die Sache in lächerlicher Weise übertreiben.
+
+Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul.
+Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut
+benommen.
+
+Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafür gesorgt, daß
+sie erfuhren, daß wir eine Bibliothek haben!
+
+Katharina: Ah--aber daß wir auch eine elektrische Klingel darin haben,
+das wissen sie nicht! Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen
+lassen.
+
+Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel?
+
+Katharina: Du berührst einen Knopf, es klingelt in der Küche, und
+dann kommt Nicola herein.
+
+Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien!
+
+Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten;
+ich habe das gelernt, während du fort warst.
+
+Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe.
+Zivilisierte Leute hängen ihre Wäsche nicht so zum Trocknen auf, daß
+jeder Besucher sie sehen kann. Es wäre deshalb besser, du würdest
+all das Zeug [er zeigt auf die Wäsche an den Büschen,] irgendwo
+anders hinhängen.
+
+Katharina: Aber das ist doch lächerlich, Paul; ich kann mir nicht
+denken, daß wirklich feine Leute solche Dinge überhaupt bemerken.
+[Man hört jemanden an das Hoftor klopfen.]
+
+Petkoff: Das ist Sergius. [Ruft]: Holla! Nicola!
+
+Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul. Das ist wirklich nicht
+fein!
+
+Petkoff: Unsinn. [Er ruft lauter als vorher:] Nicola!
+
+Nicola [erscheint vor der Haustür]: Zu Befehl, gnädiger Herr.
+
+Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, führe ihn hierher. [Er spricht
+den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".]
+
+Nicola: Sehr wohl, gnädiger Herr! [Er geht nach dem Stallhofe zu.]
+
+Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht. Er
+quält mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befördert
+haben--über meinen Kopf hinweg, bitte!
+
+Katharina: Gewiß. Er sollte auch gewiß befördert werden, wenn er
+Raina heiratet. Überdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens
+einen eingeborenen General zu bekommen.
+
+Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde
+richten könnte. Gib dir keine Mühe, es ist umsonst--er hat nicht die
+geringste Aussicht auf Beförderung, bevor wir nicht ganz sicher sind,
+daß der Friede dauernd sein wird.
+
+Nicola [an der Tür anmeldend]: Major Sergius Saranoff. [Er geht in
+das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl
+heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurück.]
+
+[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas
+Schlafzimmer, ist ein großer, romantisch schöner Mann, von der
+Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines
+Häuptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persönliche
+Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine
+Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden
+Stirnknochen und reichen bis in die Schläfen. Seine eifersüchtig
+beobachtenden Augen, seine dünne spitze Nase--furchtsam trotz der
+breiten Nasenflügel und des streitsüchtigen hohen Rückens--sein
+energisches Kinn würden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und
+sie beweisen, daß der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe
+kritische Fähigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der
+westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat.
+Das Resultat ist ganz ähnlich demjenigen, welches das Aufkommen der
+Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen ließ, nämlich
+"Byronismus". Durch das Grübeln über die dauernde Erfolglosigkeit
+nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen
+nachzuleben--durch seine beharrliche zynische Verachtung der
+Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert
+seiner eigenen Entwürfe und die Unwürdigkeit der Welt, die sie
+mißachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter
+Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher
+Enttäuschungen seiner nervösen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die
+halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysteriöse
+Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen
+Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das,
+wodurch Childe Harold die Großmütter seiner englischen Zeitgenossen
+bezauberte. Es ist klar, daß dieser oder keiner Rainas Held sein muß.
+Katharina ist für ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und
+viel weniger zurückhaltend, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Als er durch
+das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich überschwenglich, um ihn zu
+begrüßen. Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu
+machen.]
+
+Petkoff: Schon hier, Sergius? Freut mich, dich wieder zu sehen.
+Katharina: Mein teuerer Sergius! [Sie streckt ihm beide Hände
+entgegen.]
+
+Sergius [küßt diese mit skrupulöser Galanterie]: Verehrte
+Mutter--wenn ich Sie so nennen darf?
+
+Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius! Schwiegermutter! Nimm
+Platz und bediene dich mit Kaffee.
+
+Sergius: Danke schön, keinen Kaffee für mich. [Er entfernt sich vom
+Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung über Petkoffs
+Genuß am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewußter Würde gegen das
+Geländer der Treppe, die zum Hause führt.]
+
+Katharina: Sie sehen prächtig aus, vorzüglich! Der Feldzug ist Ihnen
+gut bekommen. Hier ist alles ganz begeistert für Sie. Wir waren
+alle außer uns vor Enthusiasmus über Ihre prachtvolle Kavallerieattacke.
+Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines
+militärischen Rufes, gnädige Frau!
+
+Katharina: Wieso?
+
+Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, während unsere
+verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren.
+Das warf ihre Pläne über den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit.
+Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurückgeschlagen,
+aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegführung. Zwei
+Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militärischer Vorschrift
+getötet. Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch
+immer ein einfacher Major.
+
+Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die
+Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafür sorgen, daß Ihnen
+Gerechtigkeit widerfährt.
+
+Sergius: Es ist zu spät; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um
+mein Abschiedsgesuch einzureichen.
+
+Petkoff [läßt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch?
+Katharina: Oh, Sie müssen es zurückziehen.
+
+Sergius [mit entschiedener maßvoller Betonung, seine Arme kreuzend]:
+Ich ziehe niemals zurück.
+
+Petkoff [geärgert]: Nein, wer konnte denken, daß du dir so etwas
+einfallen lassen würdest!
+
+Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!--Doch genug von mir und
+meinen Angelegenheiten! Wie geht es Raina und wo ist sie?
+
+Raina [tritt plötzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf
+der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina! [Sie sieht reizend aus,
+und alle wenden sich nach ihr um. Sie trägt ein Unterkleid aus
+blaßgrüner Seide, das mit einem goldgestickten dünnen ekrüfarbenen
+Überwurf bedeckt ist. Auf dem Kopfe trägt sie eine hübsche
+phrygische goldverbrämte Mütze.--Sergius geht ihr mit einem
+Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die
+er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, küßt.]
+
+Petkoff [zu Katharina, strahlend vor väterlichem Stolz]: Schön ist
+sie, nicht wahr? Sie erscheint immer im richtigen Augenblick.
+
+Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine
+abscheuliche Gewohnheit. [Sergius führt Raina nach vorne mit
+außerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Königin wäre. Als sie
+an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes
+zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem
+Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.]
+
+Raina [beugt sich nieder und küßt ihren Vater]: Teurer Vater,
+willkommen zu Hause!
+
+Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling! [Er küßt sie,
+sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola für Sergius gebracht hat,
+und setzt sich.]
+
+Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius?
+
+Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat. "Soldat sein", gnädige
+Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen,
+wenn er die Übermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er
+der Schwächere ist. Trachte, deinen Feind zu übervorteilen, und
+niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen
+Bedingungen--das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten,
+was, Major?
+
+Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann
+gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein
+Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft.
+
+Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als
+Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses
+Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der
+Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.
+
+Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen
+Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt.
+
+Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist
+Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge
+seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]:
+Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß
+die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es
+töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall.
+
+Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu
+schaffen gehabt?
+
+Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf
+auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen,
+wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir
+verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne
+die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen.
+
+Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?
+
+Petkoff: Nein--alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle
+Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin.
+Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen,
+beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert
+verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal
+eßbar.
+
+Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten
+Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.
+
+Raina: Wie sah er aus?
+
+Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage!
+
+Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois
+vom Scheitel bis zur Sohle.
+
+Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die
+sein Freund uns von ihm erzählte.--Wie er nach der Schlacht bei
+Slivnitza entkommen ist--erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn
+versteckt haben.
+
+Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er
+diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen
+habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon,
+unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu
+entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer
+irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die
+junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses
+verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig
+ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr
+Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war
+gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit
+einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet,
+freundlichst entlassen.
+
+Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht,
+Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche
+Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.]
+
+Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius.
+Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen
+zu hören.
+
+Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei?
+
+Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina,
+mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich
+benommen--verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]:
+Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig
+und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina
+wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten
+paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden,
+aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am
+wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina--[Dabei wendet er sich zu den
+anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu
+lassen, als der Major ihn unterbricht.]
+
+Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug
+Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte
+imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne
+mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß
+wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei
+Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route
+nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus
+zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt
+sich Katharina und greift ein.]
+
+Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für
+einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen.
+Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den
+Regimentern ins reine zu bringen.
+
+Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich,
+Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein
+lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein
+paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]:
+Nun, mein Lieber,
+
+[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische
+Klingel an.
+
+Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich
+in das Haus.]
+
+[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch
+beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme
+nach ihm aus.]
+
+Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?
+
+Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung
+und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König!
+
+Sergius: Meine Königin! [Er küßt sie auf die Stirne.]
+
+Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius! Sie waren draußen im
+Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf
+Erden wert zu zeigen, während ich untätig zu Hause sitzen mußte,
+nutzlos träumend--ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben
+könnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten.
+
+Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehören Ihnen, Sie haben mich
+begeistert! Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem
+Turnier zu Ehren seiner Dame.
+
+Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen.
+[Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale
+Liebe gefunden. Wenn ich an Sie denke, dann fühle ich, daß ich
+niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens
+fähig sein könnte.
+
+Sergius: Meine Königin, meine Heilige! [Er umarmt sie verehrungsvoll.]
+
+Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,,
+
+Sergius: Still! Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen
+ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen
+Leidenschaft eines Mädchens ist.
+
+Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie
+enttäuschen. [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen
+rasch auseinander]: Ich könnte es nicht über mich bringen, jetzt
+gleichgültige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll. [Louka tritt
+aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fängt an,
+ihn abzuräumen. Sie steht mit dem Rücken gegen das Paar]: Ich will
+nur meinen Hut holen, dann können wir bis zum Mittagessen ausgehen.
+Ist Ihnen das recht?
+
+Sergius: Bitte, machen Sie schnell. Die Minuten des Wartens werden
+mir Stunden sein. [Raina läuft bis zur obersten Stufe der Stiege und
+wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm
+mit beiden Händen Küsse zu. Einen Augenblick sieht er ergriffen nach
+ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glüht in
+erhabenster Begeisterung. Die Wendung ändert sein Gesichtsfeld, in
+dessen Winkel jetzt Loukas Schürzenzipfel auftaucht. Seine
+Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt. Er sieht sie verstohlen an und
+beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen. Die linke Hand
+stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines
+großtuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka
+gegenüber.]
+
+Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist?
+
+Louka [verwundert]: Nein, Herr Major.
+
+Sergius: Eine für die Dauer sehr ermüdende Sache, Louka, und man hat
+hinterher das Bedürfnis, davon auszuruhen.
+
+Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major?
+[Sie langt mit der Hand über den Tisch nach der Kaffeekanne.]
+
+Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka.
+
+Louka [als ob sie die Hand zurückziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie
+wissen ganz gut, daß ich es nicht so gemeint habe. Ich staune über
+Sie.
+
+Sergius [verläßt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune
+über mich selbst, Louka. Was würde Sergius, der Held von Slivnitza,
+dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte--was würde Sergius, der
+Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen
+könnte--was würden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner
+schönen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier
+erwischten? [Er läßt ihre Hand fahren und faßt sie geschickt mit
+einem Arm um die Hüften.] Finden Sie mich hübsch gewachsen, Louka?
+
+Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf über
+mich. [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen
+Sie mich loslassen?
+
+Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein!
+
+Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurück, damit man uns nicht
+sieht. Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen?
+Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht. [Er führt sie
+unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden können.]
+Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen
+haben--Fräulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her.
+
+Sergius [gekränkt, läßt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich
+mag unwürdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe außer acht
+zu lassen, aber beleidigen dürfen Sie diese Liebe nicht!
+
+Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major! Ich schwör'
+es Ihnen. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?
+
+Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verführerische
+kleine Hexe, Louka. Wenn Sie in mich verliebt wären, würden Sie mich
+ausspionieren?
+
+Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, daß in Ihnen
+gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus
+gehen, so hätte ich wohl viel zu tun.
+
+Sergius [entzückt]: Sie sind ebenso geistreich wie hübsch. [Versucht,
+sie zu küssen.]
+
+Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Küsse nicht, die
+Herrenleute sind doch alle gleich. Sie liebäugeln mit mir hinter
+Fräulein Rainas Rücken, und Fräulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem
+Rücken.
+
+Sergius [einen Schritt zurückweichend]: Louka!!
+
+Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt.
+
+Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Höflichkeit]:
+Wenn unser Gespräch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut
+tun, zu bedenken, daß ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er
+verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht.
+
+Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann für richtig hält;
+ich dachte, da Sie versuchten, mich zu küssen, Sie hätten aufgegeben,
+alles gar so genau zu nehmen.
+
+Sergius [wendet sich von ihr ab und schlägt sich auf die Stirne,
+während er von der Einfahrt zurück in den Garten kommt]: Teufel,
+Teufel!
+
+Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr
+viel Ähnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Fräulein Rainas
+Zofe bin. [Sie geht zurück an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter
+Notiz von ihm zu nehmen.]
+
+Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der
+richtige? das ist die große Frage, die mich quält. Der eine ist ein
+Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte
+vielleicht sogar ein Lump. [Er hält inne und sieht flüchtig zu Louka
+hin, während er mit tiefer Bitterkeit hinzufügt]: Und einer
+wenigstens ist ein Feigling--eifersüchtig wie alle Feiglinge. [Er
+geht an den Tisch.] Louka!
+
+Louka: Ja!
+
+Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler?
+
+Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder für Liebe
+noch für Geld.
+
+Sergius: Warum nicht?
+
+Louka: Es ist gleichgültig, warum. Überdies würden Sie erzählen, daß
+ich es Ihnen gesagt habe, und ich würde meine Stelle verlieren.
+Sergius [streckt seine rechte Hand beschwörend aus]: Nein, bei der
+Ehre eines--[er unterbricht sich und seine Hand fällt kraftlos herab,
+während er sardonisch fortfährt]: eines Menschen, der fähig ist, sich
+zu benehmen, wie ich mich in den letzten fünf Minuten benommen
+habe--wer ist es?
+
+Louka: Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur
+seine Stimme durch die Tür von Fräulein Rainas Zimmer gehört.
+
+Sergius: Tod und Teufel! wie können Sie es wagen...?
+
+Louka [zurückweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes. Was
+berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen? Die gnädige Frau weiß
+alles, und ich sage Ihnen bloß: wenn dieser Herr jemals wieder
+hierherkommen sollte, so wird ihn Fräulein Raina heiraten, ob er nun
+wollen wird oder nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen der Art,
+wie Sie und das gnädige Fräulein sich miteinander gehaben, und der
+richtigen Art. [Sergius fährt zusammen, als wenn sie ihn gestochen
+hätte. Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und
+erfaßt ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Händen.]
+
+Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf!
+
+Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh!
+
+Sergius: Das schadet nichts. Sie haben meine Ehre angegriffen, indem
+Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre
+Herrin verraten.
+
+Louka [sich windend]: Bitte!
+
+Sergius: Das zeigt, daß Sie ein erbärmlicher, kleiner Klumpen Schmutz
+mit einer Bedientenseele sind. [Er läßt sie los, als ob sie ein
+unreines Ding wäre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von
+ihrer Berührung reinigte. Dann geht er nach der Bank an der Mauer,
+wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, düster vor sich
+hinblickend.]
+
+Louka [wimmert ärgerlich, mit der Hand auf dem Ärmel, und befühlt
+ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge
+zu verletzen, wie mit Ihren Händen! Aber jetzt liegt mir nichts mehr
+daran! Aus was für Schmutz ich auch sein mag, ich weiß, Sie sind aus
+demselben. Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lügnerin,
+und ihre schönen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als
+sechs solche. [Sie verbeißt ihren Schmerz; wirft den Kopf zurück und
+geht an die Arbeit, den Tisch abzuräumen. Er sieht sie ein- bis
+zweimal zweifelnd an. Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt
+das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal
+hinauszutragen. Als sie sich bückt, um das Brett aufzuheben, steht
+Sergius auf.]
+
+Sergius: Louka! [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein
+Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen
+Umständen weh zu tun. [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblößend]:
+Verzeihen Sie mir.
+
+Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame genügen. Was soll
+sie einem Dienstboten?
+
+Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, läßt
+sie fallen und sagt geringschätzig]: Oh, Sie wünschen bezahlt zu
+werden für Ihren Schmerz? [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt
+etwas Geld aus der Tasche.]
+
+Louka [gegen ihren Willen mit Tränen in den Augen]: Nein, ich wünsche,
+daß mein Schmerz gutgemacht werde.
+
+Sergius [durch ihren Ton ernüchtert]: Wie? [Sie streift ihren linken
+Ärmel hinauf, umfaßt ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der
+rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den
+Kopf in die Höhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer
+prachtvollen Bewegung hält sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt
+sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zögert und ruft dann mit
+vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie möglich
+fort von ihr. Der Arm fällt herab. Ohne ein Wort und mit nicht
+gespielter Würde nimmt Louka ihr Servierbrett und nähert sich dem
+Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut
+bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885.
+Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.]
+
+Raina: Ich bin bereit. Was ist los? [Lustig]: Haben Sie am Ende gar
+mit Louka geflirtet?
+
+Sergius [rasch]: Nein, nein, wie können Sie nur so etwas denken!
+Raina [beschämt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz;
+ich bin heute so glücklich. [Er geht rasch auf sie zu und küßt ihr
+reumütig die Hand. Katharina erscheint auf der obersten Stufe der
+aus dem Hause führenden Treppe und ruft nach ihnen.]
+
+Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stören zu
+müssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung über jene drei
+Regimenter; er weiß nicht, wie er sie nach Philippopel befördern soll,
+und er widerspricht jedem meiner Vorschläge. Sie müssen kommen und
+ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek.
+
+Raina [enttäuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen.
+
+Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau
+fünf Minuten. [Er läuft die Treppe zur Tür hinauf.]
+
+Raina [folgt ihm bis an den Fuß der Treppe und blickt ihm mit
+schüchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der
+Bibliothek auf und ab gehen, so daß man mich sehen kann, und warten.
+Sie müssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken. Wenn Sie aber eine
+Sekunde länger als fünf Minuten ausbleiben, dann werde ich
+hineinkommen und Sie holen--Regimenter hin, Regimenter her!
+
+Sergius [lachend:] Abgemacht! [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit
+den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich
+abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in düsteres Sinnen verloren.]
+
+Katharina: Was sagst du dazu, daß sie gerade diesem Schweizer
+begegnen mußten und nun die ganze Geschichte wissen! Das allererste,
+wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen
+Menschen fortgeschickt haben. Du hast uns da eine schöne Suppe
+eingebrockt!
+
+Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine
+Ungeheuer!
+
+Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer?
+
+Raina: Hinzugehen und alles zu erzählen,,, oh, wenn ich ihn bloß hier
+hätte, ich würde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, daß er
+nie wieder reden könnte.
+
+Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina. Sag' mir lieber die
+Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir
+gekommen bist?
+
+Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der
+entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich längst vergessen.
+
+Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben. Ist er wirklich
+heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da,
+als der Offizier das Zimmer durchsuchte?
+
+Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er muß schon dagewesen sein.
+
+Katharina: Du glaubst! O Raina, Raina, wirst du jemals lernen
+aufrichtig zu sein? Wenn Sergius das erfährt, ist es aus zwischen
+euch.
+
+Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich weiß, Sergius ist dein
+Liebling. Manchmal wünschte ich, du könntest ihn heiraten an meiner
+Stelle. Du würdest auch vortrefflich zu ihm passen, du würdest ihn
+verzärteln und verziehen und aufpäppeln nach Herzenslust.
+
+Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark!
+
+Raina [kapriziös, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm
+etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt--und um seine
+fünf Sinne bringt. [Zu Katharina, störrisch]: Es ist mir ganz
+einerlei, ob er etwas über den Pralinésoldaten erfährt oder nicht!
+Halb und halb wünsche ich es sogar. [Sie wendet sich wieder ab und
+geht leichtfüßig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.]
+
+Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen?
+
+Raina [über ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa!
+als ob der sich selbst helfen könnte! [Sie geht um die Ecke und
+verschwindet.]
+
+Katharina [ihr nachblickend, während es ihr in den Fingern zuckt]: Oh,
+wenn du nur zehn Jahre jünger wärst! [Louka kommt aus dem Hause und
+trägt einen Präsentierteller in der herabhängenden Hand.] Was gibt's?
+
+Louka: Ein Herr ist draußen, gnädige Frau, und hat nach Ihnen
+gefragt--ein serbischer Offizier.
+
+Katharina [außer sich]: Ein Serbe! Und er wagt es,,, [Faßt sich;
+bitter]: Oh, ich vergaß, wir haben ja Frieden jetzt! Wir werden sie
+nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen
+müssen. Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem
+Herrn--er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek--, warum
+kommst du zu mir?
+
+Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gnädige Frau. Aber ich glaube
+nicht, daß er weiß, wer Sie sind. Er sagte: "für die Dame des
+Hauses" und gab mir dieses kleine Billett. [Sie nimmt eine Karte aus
+ihrer Bluse, legt sie auf den Präsentierteller und bietet sie
+Katharinen.]
+
+Katharina [lesend]: Kapitän Bluntschli--das ist ein deutscher Name.
+
+Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gnädige Frau!
+
+Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurückweicht]:
+Schweizer! wie sieht er aus?
+
+Louka [schüchtern]: Er trägt eine große Reisetasche, gnädige Frau.
+
+Katharina: Großer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurückzugeben,,,
+Schick' ihn fort--schnell! Sag' ihm, daß wir nicht zu Hause sind.
+Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein,
+bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen
+Sessel, um darüber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major
+Saranoff sind in der Bibliothek beschäftigt, nicht wahr?
+
+Louka: Jawohl, gnädige Frau.
+
+Katharina [entschieden]: Führe den Herrn sofort hier heraus!
+[Befehlend]: Und daß du sehr höflich mit ihm bist,,, schnell, schnell!
+[Ihr ungeduldig den Präsentierteller fortnehmend:] Laß das hier,
+geh nur direkt zu ihm!
+
+Louka: Zu Befehl, gnädige Frau. [Geht.]
+
+Katharina: Louka!
+
+Louka [bleibt stehen]: Gnädige Frau?
+
+Katharina: Ist die Tür zur Bibliothek geschlossen?
+
+Louka: Ich glaube, gnädige Frau.
+
+Katharina: Wenn nicht, so schließe sie im Vorübergehen.
+
+Louka: Wie Sie befehlen, gnädige Frau. [Sie geht.]
+
+Katharina: Wart'! [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen
+müssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm
+seine Tasche hierher nachbringen. Vergiß das ja nicht!
+
+Louka [erstaunt]: Seine Tasche?
+
+Katharina: Ja, hierher, so schnell wie möglich. [Heftig]: Beeile
+dich!
+
+[Louka läuft in das Haus hinein.]
+
+Katharina [reißt ihre Schürze ab und wirft sie hinter einen Busch,
+dann nimmt sie den Präsentierteller und benützt ihn als Spiegel. Das
+Resultat ist, daß sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trägt,
+der Schürze nachfolgen läßt. Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und
+zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfähig auszusehen]: Nein, nein,
+ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen!
+
+Louka [erscheint an der Tür und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!"
+[sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie
+wieder zurücktritt. Es ist tatsächlich der Held des nächtlichen
+Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schön abgebürstet,
+in eleganter Uniform und außer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos
+derselbe Mann. Sobald Louka den Rücken gekehrt hat, wendet sich
+Katharina heftig und dringend und in beschwörendem Ton an ihn.]
+
+Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich außerordentlich, Sie
+wiederzusehen, aber Sie müssen dieses Haus sofort verlassen! [Er
+blickt sie groß an]: Mein Mann ist eben mit meinem zukünftigen
+Schwiegersohn zurückgekehrt. Noch wissen sie nichts; aber wenn sie
+etwas erführen, die Folgen wären fürchterlich! Sie sind Ausländer,
+Sie können unsere nationalen Gehässigkeiten nicht nachfühlen, aber
+wir hassen die Serben noch immer. So ist beispielsweise bei meinem
+Manne das einzige Resultat des Friedens, daß er sich wie ein Löwe
+fühlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat. Wenn er unser
+Geheimnis erführe, er würde mir nie verzeihen, und sogar das Leben
+meiner Tochter wäre in Gefahr. Wollen Sie, wie es sich für einen
+Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort
+verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann?
+
+Bluntschli [enttäuscht, aber gefaßt]: Augenblicklich, gnädige Frau!
+Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock
+zurückzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben. Wenn Sie
+mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und
+beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhändigen, so brauchte ich Sie
+nicht länger zu belästigen. [Er macht kehrt, um in das Haus
+zurückzugehen.]
+
+Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie dürfen nicht daran denken,
+auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind. [Ihn nach dem
+Gitter der Stallungen führend]: Das ist der kürzeste Weg ins Freie.
+Vielen Dank--es freut mich unendlich, daß ich Ihnen dienen konnte--,
+leben Sie wohl!
+
+Bluntschli: Aber meine Tasche?
+
+Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre
+Adresse da.
+
+Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie. [Er zieht seine
+Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse
+aufschreiben, während Katharina vor Ungeduld vergeht. Als er ihr
+eben die Karte einhändigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause
+gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung. Sergius folgt ihm.]
+
+Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann
+Bluntschli!
+
+Katharina: Himmel! [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.]
+
+Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt
+Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich
+wäre hier draußen, statt--in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek
+nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe
+Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht
+hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner
+noch, nicht wahr?
+
+Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer
+Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!
+
+Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich
+ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde
+oder Gefangene.
+
+Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli
+eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu
+müssen.
+
+Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli--wir brauchen Sie hier
+sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach
+Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.
+
+Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da
+wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?
+
+Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die
+Sache gleich weg hat!
+
+Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.
+
+Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli
+überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen
+die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste
+Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]
+
+Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat!
+[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf
+Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]
+
+Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina,
+siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann
+Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina
+verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.]
+
+Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe
+zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein
+wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der
+dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles
+verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie
+dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli.
+
+Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr
+einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung
+für mich.
+
+Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?
+
+Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen.
+Es ist ihr neuestes Steckenpferd.
+
+Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war
+er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er
+Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich
+in der--Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas
+Pralinésoldaten. Er muß...
+
+[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause
+heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor
+Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines
+Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht
+Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache
+wiedererlangt, bricht er los.]
+
+Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola?
+
+Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr...
+
+Petkoff: Wozu bringst du das hierher?
+
+Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir,
+daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich
+dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen?
+Was fällt dir denn ein, Nicola?
+
+Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck
+auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger
+Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es
+ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht
+anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das
+Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.]
+
+Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf
+Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche
+fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!
+
+Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr
+wohl, gnädiger Herr!
+
+Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!
+
+Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand
+und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren...[Er erinnert sich
+seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und
+sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie
+nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst
+getrost bei uns bleiben.
+
+Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.
+
+Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch,
+weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn,
+und er wird nachgeben.
+
+Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich
+schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit
+Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche.
+
+Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie
+befehlen, gnädige Frau.
+
+Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!
+
+Petkoff [herzlich]: Abgemacht!
+
+Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN!
+
+Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl.
+[Gebärde der Verzweiflung von Katharina.]
+
+[Vorhang]
+
+
+
+
+DRITTER AKT
+
+[Nach dem Mittagessen in der Bibliothek.--Nicht viel darin berechtigt
+zu dieser Bezeichnung. Die literarische Einrichtung dieses Raumes
+besteht bloß aus einem einzigen Bücherbrett, das mit alten
+ungebundenen, zerrissenen, kaffeebefleckten und mit Daumenabdrücken
+versehenen Romanen angefüllt ist. Ferner ein paar hängende
+Wandetageren mit einigen Geschenkbänden. Die andern Wände sind mit
+Jagd- und Kriegstrophäen bedeckt, es ist im übrigen ein äußerst
+behagliches Wohnzimmer. Eine Front von drei breiten Fenstern
+gestattet den Ausblick auf ein Bergpanorama, das man eben in sehr
+freundlichem, mildem Nachmittagslichte bewundern kann. In der Ecke
+neben dem rechtseitigen Fenster verspricht ein viereckiger Kachelofen,
+ein wahrer Turm farbiger Kacheln bis fast zur Zimmerdecke,
+behagliche Wärme. Die Ottomane in der Mitte ist rund, mit gestickten
+Kissen bedeckt, und in den Fensternischen stehen gut gepolsterte
+kleine Diwane. Kleine türkische Tische--auf einem liegt eine
+gutgearbeitete Wasserpfeife--und ein sie verbindender Wandschirm
+vervollständigen den angenehmen Eindruck der Einrichtung. Nur ein
+Möbelstück ist da, das gar nicht in den Rahmen des Zimmers paßt,--das
+ist ein kleiner, sehr abgenützter, in einen Schreibtisch
+umgewandelter Küchentisch. Eine alte, mit Federn gefüllte
+Blechbüchse, ein mit Tinte gefüllter Eierbecher und ein elender
+Fetzen ganz verbrauchten rosaroten Löschpapiers liegen darauf. An
+diesem Tische, der dem linksseitigen Fenster gegenübersteht, sitzt
+Bluntschli, in Arbeit vertieft. Er hat ein paar Landkarten vor sich
+und schreibt Befehle aus. An der Schmalseite sitzt Sergius, der auch
+so tut als ob er beschäftigt wäre, der aber eigentlich nur an seinem
+Federhalter kaut. Er beobachtet Bluntschlis raschen, sicheren,
+berufsmäßigen Fortschritt bei der Arbeit mit einer Mischung von
+neidischer Erregung in Anbetracht seiner eigenen Unfähigkeit, und
+ehrfürchtigem Erstaunen über eine Geschicklichkeit, die ihm beinahe
+überirdisch erscheint, obgleich der prosaische Charakter der Arbeit
+ihm verbietet, sie zu achten. Major Petkoff lehnt behaglich mit
+einer Zeitung auf der Ottomane, in erreichbarer Nähe steht die
+Wasserpfeife. Katharina sitzt am Ofen, kehrt der Gesellschaft den
+Rücken zu und stickt. Raina lehnt in den Kissen des Divans unter dem
+rechtsseitigen Fenster und blickt träumerisch auf die Balkanlandschaft
+hinaus, ein vernachlässigter Roman liegt in ihrem Schoße. Die Tür ist
+auf derselben Seite wie der Ofen, weiter vom Fenster entfernt. Der
+Knopf der elektrischen Klingel befindet sich zwischen der Tür und dem
+Ofen.]
+
+Petkoff [blickt von seiner Zeitung auf und beobachtet, wie es auf dem
+Tische vorwärts geht]: Sind Sie ganz sicher, daß ich Ihnen in keiner
+Weise behilflich sein kann, Bluntschli?
+
+Bluntschli [ohne seine Arbeit zu unterbrechen oder aufzusehen]: Ganz
+sicher, ich danke. Saranoff und ich, wir werden die Sache schon
+fertigkriegen.
+
+Sergius [grimmig]: Jawohl, WIR werden die Sache schon fertigkriegen.
+Er tiftelt heraus und bestimmt, was zu geschehen hat, schreibt die
+Ordres aus, und ich unterschreibe sie, das heißt Arbeitsteilung,
+Major. [Bluntschli reicht ihm ein Papier.] Noch eins? Ich danke
+Ihnen. [Er breitet den Bogen vor sich aus, setzt seinen Stuhl
+sorgfältig davor zurecht und unterschreibt mit der Miene eines Mannes,
+der entschlossen eine schwierige und gefahrvolle Tat vollbringt.]
+Diese Hand ist mehr an das Schwert gewöhnt als an die Feder.
+
+Petkoff: Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Bluntschli,
+wahrhaftig, daß Sie sich in dieser Weise ausnützen lassen. Sind Sie
+GANZ sicher, daß ich gar nichts weiter helfen kann?
+
+Katharina [in leise verwarnendem Ton]: Du könntest aufhören zu
+unterbrechen, Paul.
+
+Petkoff [fährt auf und blickt zu ihr hinüber]: Was? Wie? Ganz
+richtig, meine Liebe, ganz richtig. [Er nimmt die Zeitung wieder auf,
+läßt sie aber sofort fallen.] Ah, du hast keinen Feldzug mitgemacht,
+Katharina, du ahnst nicht, wie angenehm es uns ist, nach einem guten
+Mittagessen hier zu sitzen, mit keiner andern Verpflichtung, als es
+uns wohl sein zu lassen. Etwas fehlt mir allerdings zu meiner
+vollständigen Behaglichkeit.
+
+Katharina: Und das ist?
+
+Petkoff: Mein alter Rock--ich fühle mich nicht zu Hause in diesem da.
+Ich komme mir vor wie bei der Parade.
+
+Katharina: Mein teurer Paul, wie töricht du nur wegen dieses alten
+Rockes bist. Er muß noch in der blauen Kammer hängen, wo du ihn
+zurückgelassen hast.
+
+Petkoff: Meine liebe Katharina, ich versichere dir, daß ich dort
+gesucht habe. Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht?
+[Katharina erhebt sich ruhig und drückt auf die elektrische Klingel
+neben dem Ofen.] Wozu führst du diese Klingel vor? [Sie sieht ihn
+majestätisch, an, setzt sich schweigend in ihren Stuhl und nimmt ihre
+Näharbeit wieder auf.] Meine Liebe, wenn du glaubst, daß der
+Eigensinn einer Frau aus zwei alten Schlafröcken Rainas, aus deinem
+Regenmantel und meinem Mantel einen Rock machen kann, dann irrst du
+ganz gewaltig, und DAS ist zu dieser Stunde einzig und allein der
+Inhalt der blauen Kammer! [Nicola erscheint auf der Schwelle.]
+
+Katharina [ganz ruhig, trotz Petkoffs Ausfall]: Nicola! geh in die
+blaue Kammer und bringe deines Herrn alten Rock hierher, den mit
+Borten besetzten, den er gewöhnlich im Hause trägt.
+
+Nicola: Zu Befehl, gnädige Frau.
+
+Petkoff: Katharina!
+
+Katharina: Ja, Paul.
+
+Petkoff: Ich wette mit dir um jeden Schmuck, den du in Sofia
+bestellen willst, gegen das Haushaltungsgeld einer Woche, daß der
+Rock nicht in der blauen Kammer ist.
+
+Katharina: Abgemacht, Paul!
+
+Petkoff [aufgeregt durch die Aussicht auf eine Wette]: Kommt, es gibt
+hier einen Sport. Wer will noch darauf wetten? Bluntschli, ich
+halte Ihnen sechs gegen eins.
+
+Bluntschli [gelassen]: Das hieße Sie ausrauben, Major. Die gnädige
+Frau hat sicher recht. [Ohne aufzusehen reicht er Sergius abermals
+einen Stoß Papiere.]
+
+Sergius [gleichfalls aufgeregt]: Bravo, Schweiz! Major, ich wette
+mein bestes Chargenpferd gegen eine arabische Stute für Raina, daß
+Nicola den Rock in der blauen Kammer findet.
+
+Petkoff [eifrig]: Dein bestes Chargenpferd?
+
+Katharina [ihn rasch unterbrechend]: Sei nicht verrückt, Paul, eine
+arabische Stute kann dich fünfzigtausend Leu kosten.
+
+Raina [plötzlich aus ihrer träumerischen Bewunderung der Landschaft
+erwachend]: Wahrhaftig, Mama, wenn du bereit bist, den Schmuck
+anzunehmen, so sehe ich nicht ein, warum du mir meinen Araber
+vorenthalten willst.
+
+[Nicola kehrt mit dem Rock zurück und bringt ihn Petkoff, der kaum
+seinen Augen traut.]
+
+Katharina: Wo war er, Nicola?
+
+Nicola: Er hing in der blauen Kammer, gnädige Frau.
+
+Petkoff: Na, ich will verdammt sein...
+
+Katharina [einfallend]: Paul!
+
+Petkoff: Ich hätte schwören mögen, daß er nicht dort war. Das Alter
+fängt an, bei mir anzuklopfen, ich bekomme schon Halluzinationen.
+[Zu Nicola]: Da, hilf mir! Entschuldigen Sie, Bluntschli. [Er
+wechselt seinen Rock, Nicola hilft ihm dienstbeflissen.] Ich mache
+dich darauf aufmerksam, Sergius, daß ich deine Wette nicht angenommen
+habe. Du könntest lieber selbst Raina die arabische Stute schenken,
+da du nun schon einmal solche Erwartungen erweckt hast. Nicht wahr,
+Raina? [Er wendet sich nach ihr um, aber sie ist wieder in den
+Anblick der Landschaft vertieft; mit einem kleinen Ausbruch
+väterlicher Liebe und Eitelkeit macht er die andern auf seine Tochter
+aufmerksam und sagt]: Sie träumt schon wieder, wie gewöhnlich.
+
+Sergius: Keinesfalls soll sie dabei zu kurz kommen.
+
+Petkoff: Um so besser für Raina. Ich fürchte, ich werde nicht so
+billig loskommen. [Nun ist der Kleiderwechsel vollzogen, Nicola geht
+mit dem abgelegten Rock hinaus.]
+
+Petkoff: Ach, nun fühle ich mich endlich zu Hause! [Er setzt sich
+und nimmt seine Zeitung mit behaglichem Grunzen wieder zur Hand.]
+
+Bluntschli [zu Sergius, ihm ein Papier reichend]: Das ist der letzte
+Befehl.
+
+Petkoff [aufspringend]: Was--schon fertig?
+
+Bluntschli: Fertig!
+
+Petkoff [geht zu Sergius, sieht neugierig über seine linke Schulter
+zu, wie er unterzeichnet, und sagt mit kindischem Neide]: Soll ich
+denn gar nichts unterzeichnen?
+
+Bluntschli: Es ist nicht nötig, seine Unterschrift wird genügen.
+
+Petkoff: Nun gut, ich denke, wir haben ein verflucht anständiges
+Stück Arbeit vollbracht. [Er entfernt sich vom Arbeitstisch]: Kann
+ich sonst noch etwas tun?
+
+Bluntschli: Gut wäre es, wenn Sie beide die Kerle ansehen würden, die
+diese Befehle zu überbringen haben. [Zu Sergius]: Schicken Sie die
+Leute gleich fort und zeigen Sie ihnen, daß ich auf der Marschroute
+die Zeit angegeben habe, in der sie ausgehändigt sein MÜSSEN. Sagen
+Sie ihnen auch, daß ihnen die Haut über die Ohren gezogen werden wird,
+wenn sie trinken und schwatzen und sich dadurch auch nur um fünf
+Minuten verspäten.
+
+Sergius [erhebt sich entrüstet]: Das werde ich ausrichten! Und wenn
+einer von ihnen Manns genug ist, mir dafür ins Gesicht zu speien,
+weil ich ihn beleidigt habe, so will ich ihn loskaufen und ihm eine
+Pension bezahlen. [Er geht mit großen Schritten ab, in seiner
+Menschenwürde tief verletzt.]
+
+Bluntschli [vertraulich zu Petkoff]: Sie passen auf, daß er mit den
+Leuten richtig spricht, Herr Major, nicht wahr?
+
+Petkoff [diensteifrig]: Gewiß, Bluntschli, gewiß, ich will mich darum
+kümmern. [Er geht gewichtig zur Tür, zögert aber an der Schwelle]:
+Apropos, Katharina, du kannst auch mitkommen. Dein Anblick wird sie
+weit mehr einschüchtern als der meine.
+
+Katharina [ihre Stickerei niederlegend]: Ich glaube selbst, daß es
+besser sein wird; du wirst dich höchstens blamieren. [Petkoff öffnet
+ihr die Türe, sie geht ab und er folgt ihr.]
+
+Bluntschli: Was für ein Volk! Sie zimmern Kanonen aus Kirschbäumen,
+und die Offiziere schicken nach ihren Frauen, um die Disziplin
+aufrechtzuerhalten. [Er fängt an, die Papiere zusammenzufalten und
+zu verzeichnen; Raina, die sich vom Diwan erhoben bat, geht im Zimmer
+auf und ab, die Hände auf dem Rücken geballt, blickt sie Bluntschli
+mutwillig an.]
+
+Raina: Sie sehen jetzt viel netter aus als damals, da wir uns zuletzt
+getroffen haben. [Er blickt überrascht auf.]--Wie haben Sie das nur
+angestellt?
+
+Bluntschli: Mich gewaschen, gebürstet, nachts gut geschlafen und
+gefrühstückt--weiter nichts, gnädiges Fräulein.
+
+Raina: Sind Sie an jenem Morgen gefahrlos durchgekommen?
+
+Bluntschli: Vollkommen, ich danke Ihnen.
+
+Raina: Waren Ihre Vorgesetzten ungehalten darüber, daß Sie bei
+Sergius' Attacke davongelaufen sind?
+
+Bluntschli: Nein, sie waren darüber froh, weil sie alle genau
+dasselbe getan hatten.
+
+Raina [geht an den Tisch und beugt sich über den Tisch zu ihm
+hinüber]: Es muß eine lustige Geschichte für SIE gewesen sein--all
+das von mir und meinem Zimmer!
+
+Bluntschli: Ein famoses Abenteuer. Aber ich habe es nur einem
+einzigen Menschen erzählt, einem alten Freunde.
+
+Raina: Auf dessen Verschwiegenheit Sie unbedingt zählen durften?
+
+Bluntschli: Unbedingt.
+
+Raina: So! Nun denn, er hat meinem Vater und Sergius alles erzählt
+an jenem Tage, an dem Sie den Austausch der Gefangenen vornahmen.
+[Sie wendet sich ab und schlendert nachlässig auf die gegenüberliegende
+Seite des Zimmers.]
+
+Bluntschli [sehr betroffen und halb ungläubig]: Das ist doch nicht
+Ihr Ernst--das ist unmöglich!
+
+Raina [mit plötzlichem Ernst, indem sie umkehrt]: Es ist so; aber die
+beiden wissen nicht, daß SIE es waren und daß Sie in DIESES Haus
+geflüchtet sind. Wenn Sergius das erführe, er würde Sie fordern und
+im Duell töten.
+
+Bluntschli: Gott behüte, dann erzählen Sie es ihm nur nicht!
+
+Raina [vorwurfsvoll wegen seines Leichtsinns]: Können Sie sich
+vorstellen, was es für mich bedeutet, ihn betrügen zu müssen? Ich
+möchte ganz eins sein mit Sergius. Keinerlei Niedrigkeiten, nichts
+Verwerfliches, kein Betrug sollte zwischen uns stehen. Meine
+Beziehung zu ihm ist das wahrhaft schönste und erhabenste Ereignis
+meines Lebens--ich hoffe, Sie können das begreifen.
+
+Bluntschli [skeptisch]: Sie wollen sagen, daß es Ihnen nicht angenehm
+wäre, wenn er herausfände, daß die Geschichte mit dem Eispudding
+eine--eine...na--Sie wissen schon.
+
+Raina [zusammenzuckend]: Ah, sprechen Sie darüber nicht in so
+leichtfertiger Weise! Ja, ich habe gelogen, ich weiß es, aber ich
+habe gelogen, um Ihnen das Leben zu retten--er würde Sie getötet
+haben! Es war das zweitemal, daß ich in meinem Leben gelogen habe.
+
+[Bluntschli erhebt sich rasch und blickt Raina zweifelnd und etwas
+strenge an.]
+
+Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal?
+
+Bluntschli: Ich? nein. War ich denn zugegen?
+
+Raina: Jawohl! Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen
+suchte, daß Sie nicht zugegen wären.
+
+Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich hätte mich daran erinnern
+sollen.
+
+Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, daß SIE das vergessen haben;
+Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lüge--eine
+Lüge! [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin,
+die Hände über das Knie gekreuzt. Bluntschli nähert sich ihr sehr
+ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und
+rücksichtsvoller Gebärde neben sie.]
+
+Bluntschli: Verehrtes gnädiges Fräulein, machen Sie sich darüber
+keine Gedanken! Bedenken Sie, ich bin Soldat! Nun welches sind die
+beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, daß er schon gar
+nicht mehr darauf achtet? Daß er Leute Lügen erzählen hört, ist das
+eine. [Raina fährt zurück.] Das andere, daß ihm auf alle mögliche
+Art und Weise von allen möglichen Leuten das Leben gerettet wird.
+
+Raina [protestiert entrüstet und erhebt sich]: Und so wird er ein
+undankbares, treuloses Geschöpf.
+
+Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit?
+Ich nicht. Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die
+Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil.
+
+Raina: Dankbarkeit! [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht
+dankbar sein können, dann sind Sie überhaupt jeder edlen Regung
+unfähig--selbst Tiere sind dankbar! Oh, jetzt weiß ich genau, was
+Sie über mich denken! Sie waren nicht überrascht, mich lügen zu
+hören, Sie waren überzeugt, daß ich das täglich, ja stündlich täte!
+So denken Männer über Frauen. [Sie geht im Zimmer melodramatisch
+umher.]
+
+Bluntschli [mißtrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung. Sie
+behaupten, daß Sie in Ihrem ganzen Leben bloß zweimal gelogen haben!
+Verehrtes Fräulein, ist das nicht gar zu wenig?! Ich bin ein recht
+wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir würde das nicht für einen
+einzigen Vormittag reichen.
+
+Raina [ihn von oben herab ansehend]: Sie beleidigen mich, Herr
+Hauptmann!
+
+Bluntschli: Dafür kann ich nichts. Wenn Sie diese edle Haltung
+annehmen und in so hohem Tone sprechen, dann bewundere ich Sie--aber
+es ist mir unmöglich, Ihnen auch nur ein Wort zu glauben!
+
+Raina [stolz]: Hauptmann Bluntschli!
+
+Bluntschli [unbeweglich]: Sie befehlen?
+
+Raina [geht ihm ein wenig entgegen, als ob sie ihren Ohren nicht
+traute]: MEINEN Sie das, was Sie eben gesagt haben? WISSEN Sie, was
+Sie eben gesagt haben?
+
+Bluntschli: Ganz genau.
+
+Raina [keuchend]: Ich! Ich!! [Sie zeigt ungläubig auf sich, als
+wollte sie sagen: "Ich Raina Petkoff, bin eine Lügnerin." Er
+begegnet ihrem Blick unerschütterlich, plötzlich setzt sie sich neben
+ihn und geht mit vollkommenem Wechsel ihres Benehmens von ihrer
+aufgebrachten zu einer vertraulichen Art und Weise über.] Wie haben
+Sie mich so schnell durchschaut?
+
+Bluntschli [sofort]: Instinkt, gnädiges Fräulein, Instinkt und
+Welterfahrung!
+
+Raina [verwundert]: Wissen Sie, daß Sie der erste Mann in meinem
+Leben sind, der mich nicht ernst genommen hat?
+
+Bluntschli: Sie meinen, nicht wahr, daß ich der erste Mann bin, der
+Sie ganz ernst nimmt?
+
+Raina: Ja, ich glaube, das meine ich. [Gemütlich und sehr
+unbefangen]: Wie sonderbar das ist, wenn mit einem so ehrlich
+gesprochen wird! Wissen Sie, ich hab' es immer so getrieben!--ich
+meine die edle Haltung und den hohen Ton, so habe ich mich schon als
+kleines Kind meiner Amme gegenüber aufgespielt. Sie hat daran
+geglaubt. Ich tue es vor meinen Eltern; sie glauben auch daran,
+Sergius gegenüber tue ich gleichfalls so, er glaubt auch daran.
+
+Bluntschli: Jawohl, er posiert selbst ein wenig in dieser Art, nicht
+wahr?
+
+Raina [auffahrend]: Glauben Sie?
+
+Bluntschli: Sie müssen ihn besser kennen als ich.
+
+Raina: Ich wäre begierig, zu erfahren, ob er wirklich auch so ist!
+Wenn ich dächte, daß er--! [Entmutigt:] Doch wozu, was liegt daran?
+Ich fühle, daß Sie mich jetzt verachten, weil Sie mich erkannt haben.
+
+Bluntschli [erhebt sich, warm]: Durchaus nicht, mein verehrtes
+Fräulein,--o nein, nein, tausendmal nein. Ihr Gehaben macht einen
+Teil Ihrer Jugend, Ihres Reizes aus. Ich bin genau wie alle übrigen,
+wie Amme, Eltern und Sergius,--ich bin Ihr betörter Bewunderer.
+
+Raina [erfreut]: Wirklich?
+
+Bluntschli [sich nach deutscher Art auf die Brust schlagend]: Hand
+aufs Herz, wahrhaftig!
+
+Raina [sehr glücklich]: Aber was haben Sie dazu gesagt, daß ich Ihnen
+mein Bild geschenkt habe?
+
+Bluntschli [erstaunt]: Ihr Bild? Sie haben mir doch nie Ihr Bild
+geschenkt.
+
+Raina [rasch]: Wollen Sie behaupten, daß Sie es NICHT erhalten haben?
+
+Bluntschli: Gewiß will ich das! [Er setzt sich mit erneuertem
+Interesse neben sie und sagt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit]:
+Wann haben Sie es mir denn geschickt?
+
+Raina [entrüstet]: Ich habe es Ihnen nicht geschickt! [Sie wendet
+den Kopf ab und fügt zögernd hinzu]: Es war in der Tasche jenes
+Rockes...
+
+Bluntschli [beißt sich auf die Lippen und rollt die Augen]: Oh, oh,
+oh, und ich hab' es nicht gefunden! Es muß jetzt noch darin sein.
+
+Raina [aufspringend]: Noch darin?! Damit mein Vater es findet,
+sobald er die Hände in die Taschen steckt? Nein, wie konnten Sie nur
+so dumm sein!
+
+Bluntschli [erhebt sich gleichfalls]: Machen Sie sich nichts daraus,
+es ist doch nur eine Photographie,--wie kann er wissen, für wen sie
+bestimmt war? Sagen Sie ihm einfach, daß er sie selbst hineingetan
+hat.
+
+Raina [ungeduldig]: Ich danke Ihnen für den guten Rat! Sie sind gar
+so gescheit! Ach, ach, ach, was soll ich nur beginnen?
+
+Bluntschli: Ah, ich verstehe: Sie haben etwas darauf geschrieben.
+Das war freilich unvorsichtig.
+
+Raina [fast bis zu Tränen verdrossen]: Nein, daß ich so etwas für Sie
+tun konnte,--für Sie, dem gar nichts daran liegt! Der sich höchstens
+über mich lustig macht! Sind Sie wenigstens sicher, daß bis jetzt
+niemand es berührt hat?
+
+Bluntschli: Nein, ganz sicher kann ich nicht sein. Bedenken Sie doch:
+ich konnte den Rock ja nicht immer mit mir herumtragen, man darf im
+aktiven Dienst nicht viel Gepäck mitführen.
+
+Raina: Was haben Sie denn aber damit gemacht?
+
+Bluntschli: Als ich nach Pirot kam, da mußte ich ihn irgendwo in
+Sicherheit bringen, ich dachte an das Garderobezimmer der
+Eisenbahnstation,--aber das ist bestimmt ein Platz, der bei unserer
+modernen Kriegführung ganz ausgeplündert wird. Da zog ich vor, den
+Rock zu--versetzen!
+
+Raina: Versetzt haben Sie ihn!
+
+Bluntschli: Ich weiß, es klingt nicht nett, aber das Versatzamt war
+gewiß der sicherste Ort. Vorgestern habe ich ihn wieder ausgelöst;
+weiß der Himmel, ob der Pfandleiher die Taschen ausgeleert hat oder
+nicht.
+
+Raina [wütend, ihm die Worte ins Gesicht schleudernd]: Sie haben eine
+niedrige Krämerseele. Sie denken an Dinge, die einem Ehrenmann
+niemals einfallen könnten.
+
+Bluntschli [phlegmatisch]: Das ist der Schweizer Nationalcharakter,
+verehrtes Fräulein.
+
+Raina: Oh, wäre ich Ihnen nie begegnet! [Sie wendet sich heftig ab
+und setzt sich wütend ans Fenster.]
+
+[Louka kommt herein, einen Pack Briefe und Telegramme auf ihrem
+Servierteller. Sie geht mit ihrem kühnen, freien Wesen an den Tisch;
+ihr linker Ärmel ist mit einer Brosche an die Schulter hinaufgeheftet;
+man sieht ihren bloßen Arm, dessen blauer Fleck durch ein breites
+vergoldetes Armband verdeckt ist.]
+
+Louka [zu Bluntschli]: Das ist für Sie; [sie leert ihre Platte
+unbekümmert auf den Tisch aus:] der Bote wartet. [Sie ist
+entschlossen, gegen einen Serben nicht höflich zu sein, selbst wenn
+sie ihm seine Briefe bringen muß.]
+
+Bluntschli [zu Raina]: Wollen Sie mich einen Augenblick
+entschuldigen? Die letzte Post hat mich vor drei Wochen
+erreicht--diese Anhäufung ist die Folge davon,--vier Depeschen--eine
+Woche alt. [Er öffnet eine davon:] Oho! schlechte Nachrichten!
+
+Raina [steht auf und nähert sich etwas reumütig]: Schlechte
+Nachrichten?
+
+Bluntschli: Mein Vater ist gestorben. [Er blickt auf das Telegramm
+mit geschlossenen Lippen, in Gedanken vertieft über den unerwarteten
+Umschlag in seinen Plänen.]
+
+Raina: Oh! wie traurig.
+
+Bluntschli: Jawohl! Da werde ich in einer Stunde heimreisen müssen.
+Mein Vater hat eine Menge großer Hotels hinterlassen, um die ich
+mich nun bekümmern muß. [Er greift ein dickes, langes, blaues
+Kuvert heraus.] Da ist auch schon ein großer Brief von unserm
+Familienadvokaten. [Er reißt die Papiere heraus und überfliegt sie.]
+Großer Gott, siebzig--zweihundert--[mit wachsender Bestürzung:]
+vierhundert--viertausend--neuntausendsechshundert...was, um des
+Himmels willen, soll ich denn damit anfangen?!
+
+Raina [schüchtern]: Neuntausendsechshundert Hotels?
+
+Bluntschli: Hotels! Unsinn! Wenn Sie nur wüßten,--aber es ist zu
+lächerlich, entschuldigen Sie, ich muß Anordnungen wegen meiner
+Abreise treffen. [Er verläßt rasch das Zimmer, die Papiere in der
+Hand.]
+
+Louka [spöttisch]: Er hat nicht viel Herz, dieser Schweizer, obwohl
+er die Serben liebt; er hat kein Wort der Trauer, des Kummers für
+seinen seligen Vater.
+
+Raina [bitter]: Der und Kummer! Ein Mensch, der jahrelang nichts
+anderes getan hat, als Leute umbringen,--was liegt dem daran, wenn
+sein alter Vater stirbt! was liegt einem Soldaten an irgend etwas?
+[Sie geht zur Tür, ihre Tränen nur mühsam zurückhaltend.]
+
+Louka: Major Saranoff hat auch gekämpft, und es ist ihm doch sehr
+viel Herz übriggeblieben. [Raina blickt sie von der Tür aus
+hochmütig an und geht hinaus.] Aha, ich habe es mir gedacht, daß du
+wenig Gefühl aus DEINEM Soldaten herauskriegen würdest. [Sie ist im
+Begriff, Raina zu folgen, da tritt Nicola ein, Holz in den Armen, um
+nachzulegen.]
+
+Nicola [sie verliebt anlächelnd]: Den ganzen Nachmittag habe ich mich
+umsonst bemüht, dich allein anzutreffen, mein Schatz. [Sein
+Gesichtsausdruck verändert sich, als er ihren Arm bemerkt.] Was ist
+das für eine neue Mode, deine Ärmel zu tragen, mein Kind?
+
+Louka [stolz]: Meine eigene Mode.
+
+Nicola: In der Tat--! na! wenn dich die Frau so erwischt, wird sie
+dich lehren. [Er wirft das Holz auf die Ottomane und setzt sich
+bequem daneben.]
+
+Louka: Ist das ein Grund für dich, mich zu lehren?
+
+Nicola: Geh, sei nicht so widerspenstig gegen mich; ich habe eine
+gute Nachricht für uns. [Er nimmt etwas Papiergeld aus der Tasche,
+Louka kommt mit gierigem Augenblitzen näher, um es anzusehen.] Schau,
+ein Zwanzigleuschein! Sergius gab mir das Geld aus reiner
+Prahlerei--so ein Narr! Narrengeld ist bald dahin. Und da sind noch
+zehn Leu,--die gab mir der Schweizer dafür, daß ich der Gnädigen und
+Rainas Lügen auf mich genommen habe. Der ist kein Narr! Du hättest
+die alte Katharina nur unten hören sollen, wie höflich sie mich bat,
+mir nichts daraus zu machen, daß der Major etwas ungeduldig gewesen
+sei, denn sie wüßten ganz gut, was für ein prächtiger Diener ich
+sei--nachdem sie mich vor allen zu einem Narren und Lügner gestempelt
+haben! Die zwanzig Leu sind für unsere Ersparnisse bestimmt, und dir
+gebe ich die zehn, die kannst du nach Belieben ausgeben, wenn du
+dafür mit mir nur so sprechen willst, als ob ich auch ein Mensch wäre.
+Manchmal habe ich es doch satt, Diener zu sein.
+
+Louka [verachtungsvoll]: Ja, geh hin und verkaufe deine Manneswürde
+für dreißig Leu und kaufe mich für zehn Leu dazu! Behalte dein Geld!
+Du bist zum Diener geboren, ich nicht! Wenn du deinen Laden
+eingerichtet hast, dann wirst du jedermanns Diener sein, statt, wie
+jetzt, eines Mannes Diener.
+
+Nicola [nimmt sein Holz auf und geht zum Ofen]: Pah, wart' es nur
+erst ab, du wirst schon sehen! Wir werden unsere Abende für uns
+haben, und ich werde der Herr in MEINEM Hause sein,--das verspreche
+ich dir! [Er wirft das Holz hinunter und kniet vor dem Ofen.]
+
+Louka: Du wirst nie der Herr in meinem Hause sein. [Sie setzt sich
+stolz auf Sergius' Stuhl.]
+
+Nicola [wendet sich um, immer auf den Knien, und kauert sich etwas
+trostlos auf seine Fersen nieder, entmutigt von Loukas unerbittlicher
+Mißachtung.] Du bist sehr ehrgeizig, Louka; wenn dir irgendein
+unverhofftes Glück widerfahren sollte, dann vergiß nicht: ich war es,
+der eine Frau aus dir gemacht hat.
+
+Louka: Du?
+
+Nicola [mit hartnäckiger Selbstverteidigung]: Jawohl, ich. Wer hat
+dir abgewöhnt, deinen Kopf mit falschen schwarzen Haaren zu behängen
+und deine Lippen und Wangen rot zu schminken wie alle andern
+bulgarischen Mädchen? Ich war das. Wer lehrte dich deine Nägel
+putzen und deine Hände pflegen und dich fein und sauber halten wie
+eine große russische Dame? Ich! Verstehst du mich? Ich! [Sie
+wirft den Kopf verachtungsvoll in die Höhe und er erhebt sich
+übellaunig und fügt kühler hinzu:] Ich habe mir oft gedacht, wenn
+Raina nicht im Wege stünde und du bloß ein klein wenig klüger wärest
+und Sergius bloß ein klein wenig dümmer, du könntest einmal zu meinen
+größten Kunden zählen, statt daß du nur meine Frau wirst und mich
+Geld kostest.
+
+Louka: Ich glaube, du würdest lieber mein Diener sein als mein Mann!
+Du könntest dann auch mehr aus mir herausschlagen,--ich kenne deine
+schöne Seele.
+
+Nicola [tritt nahe an sie heran, um mit größerem Nachdruck zu
+sprechen]: Laß meine Seele aus dem Spiel, ein für allemal, aber höre
+auf meine Ratschläge! Wenn du eine Dame werden willst, dann ist dein
+augenblickliches Benehmen zu mir durchaus nicht angebracht,
+ausgenommen, wenn wir allein sind; es ist zu scharf und zu frech, und
+Frechheit verrät gewissermaßen eine Vertraulichkeit, die als
+Gunstbezeichnung ausgelegt werden könnte! Dann werde ich dich auch
+sehr bitten, nicht hochnäsig und von oben herab mit mir zu verkehren!
+Du bist darin wie alle Landgänschen. Du glaubst, es ist vornehm,
+einen Diener so zu behandeln, wie ich einen Stalljungen behandele;
+daran ist aber nur deine Unbildung schuld; vergiß das nicht und sei
+nur nicht immer gar so bereit, jedem Menschen Trotz zu bieten!
+Benimm dich, als ob du erwartetest deinen eigenen Willen
+durchzusetzen, und nicht, als ob du gewohnt wärst, daß mit dir
+herumkommandiert wird. Der Weg, sich als Dame oder als Diener
+vorwärts zu bringen, ist ganz der gleiche. Man muß wissen, was sich
+gehört, das ist das ganze Geheimnis. Und auf mich kannst du dich
+verlassen: ich weiß, was sich für mich gehört, wenn du aufrückst.
+Denke an mich, mein Schatz, ich will auch zu dir halten! Ein Diener
+sollte dem andern immer behilflich sein.
+
+Louka [erhebt sich ungeduldig]: Oh, ich muß mich auf meine eigene Art
+benehmen, du nimmst mir mit deiner kaltblütigen Weisheit nur alle
+Unbefangenheit. Geh, wirf das Holz ins Feuer, das ist eine Sache,
+die du verstehst. [Bevor Nicola etwas erwidern kann, tritt Sergius
+ein; er hält inne, als er Louka erblickt, dann geht er an den Ofen.]
+
+Sergius [zu Nicola]: Ich hoffe, ich bin dir nicht im Weg bei deiner
+Arbeit.
+
+Nicola [glatt, den alten Diener spielend]: O nein, ich danke sehr;
+ich habe nur mit diesem närrischen Ding über ihre Gepflogenheit
+gesprochen, bei jedem Anlaß in die Bibliothek zu laufen, um die
+Bücher anzusehen. Es ist ein Fehler ihrer Erziehung, Herr Major; sie
+gab ihr Gewohnheiten, die über ihrem Stande sind. [Zu Louka.] Mache
+den Tisch für den Herrn Major zurecht, Louka. [Er geht gesetzt
+hinaus; Louka beginnt, ohne Sergius anzublicken, die Papiere auf dem
+Tisch zu ordnen; er kommt langsam auf sie zu und studiert aufmerksam
+die Anordnung ihres Ärmels.]
+
+Sergius: Lassen Sie mich sehn, haben Sie da noch einen blauen Fleck?
+[Er nimmt das Armband ab und betrachtet den Fleck, der durch den
+Druck seiner Finger entstanden ist. Sie steht unbeweglich und sieht
+ihn nicht an, sie ist wie bezaubert, aber auf ihrer Hut. Er bläst
+auf die Stelle.] Tut's noch weh?
+
+Louka: Jawohl!
+
+Sergius: Soll ich es heilen?
+
+Louka [zieht sofort ihren Arm stolz zurück, ohne ihn anzusehen]: Nein,
+jetzt können Sie's nimmermehr.
+
+Sergius [herrisch]: Sind Sie dessen ganz sicher? [Er macht eine
+Bewegung, als ob er sie umarmen wollte.]
+
+Louka: Bitte, spielen Sie nicht mit mir; ein Offizier sollte nicht
+mit einer Dienerin tändeln.
+
+Sergius [berührt ihren Arm mit einem unbarmherzigen Streich seines
+Zeigefingers]: Das war kein Getändel, Louka.
+
+Louka: Nein? [Sieht ihn zum ersten Male an:] Tut es Ihnen leid?
+
+Sergius [mit gemessenem Pathos, seine Arme kreuzend]: Mir tut NIE
+etwas leid.
+
+Louka [sehnsüchtig]: Ich wollte, ich könnte glauben, daß ein Mann
+einer Frau so wenig ähnlich sein könnte. Sagen Sie mir, sind Sie
+wirklich ein tapferer Mann?
+
+Sergius [einfach, seine Positur aufgebend]: Ja, mutig bin ich
+wirklich. Mein Herz schlug beim ersten Schuß wie das eines Weibes,
+aber bei der Attacke fand ich meine ganze Tapferkeit wieder; ja, das
+wenigstens ist wahr und echt an mir.
+
+Louka: Fanden Sie bei der Attacke die Leute armer Herkunft, wie
+meinesgleichen, weniger tapfer als die, die reich waren wie Sie?
+
+Sergius [bitter, leichthin]: Nicht im geringsten. Sie fochten und
+fluchten und schrien alle wie Helden! Pah, der Mut zu wüten und zu
+töten ist billig. Ich habe einen englischen Bullterrier, der von
+dieser Art Mut so viel besitzt wie die ganze bulgarische Nation und
+die ganze russische Armee dazu, aber er läßt sich trotzdem von meinem
+Stallknecht prügeln. So sind eure Soldaten ganz genau. Nein, Louka,
+eure armen Teufel können zwar Hälse abschneiden, aber sie fürchten
+sich vor ihren Offizieren, sie lassen sich Beleidigungen und Schläge
+gefallen, sie stehen dabei und sehen ruhig zu, wenn ihre Kameraden
+bestraft werden wie kleine Kinder, ja und was noch schlimmer ist, sie
+helfen selbst mit, wenn sie dazu befohlen werden. Und die Offiziere
+erst, na... [Mit einem kurzen und bitteren Lachen:] Ich bin Offizier,
+ach! [Feurig:] Zeigen Sie mir einen Mann, der jeder Macht auf Erden
+oder im Himmel, die ihn zwingen wollte, gegen seinen Willen oder sein
+Gewissen zu handeln, Trotz bietet bis in den Tod! Nur ein solcher
+Mann ist tapfer.
+
+Louka: So zu reden, das ist leicht. Mir scheint die meisten Männer
+bleiben zeitlebens Knaben. Sie haben alle Ideen wie die Schuljungen.
+Sie wissen auch nicht, was wahrer Mut ist.
+
+Sergius [ironisch]: Wirklich? Ich lasse mich gerne belehren.
+
+Louka: Sehen Sie mich an! Wie oft darf ich mir den Luxus eines
+eigenen Willens gestatten? Ich muß Ihr Zimmer in Ordnung bringen,
+muß abstauben und fegen, holen und laufen. Wie kann mich das
+erniedrigen, wenn es Sie nicht erniedrigt, für den das alles
+geschieht?! Aber [mit unterdrücktem Zorn] wenn ich Kaiserin von
+Rußland wäre, über alle Menschen erhaben, dann--wenn ich auch Ihrer
+Meinung nach gar keinen Mut beweisen könnte,--na, Sie sollten schon
+sehen.
+
+Sergius: Was würden Sie dann tun, edle Kaiserin?
+
+Louka: Ich würde den Mann heiraten, den ich liebte, wozu keine
+Königin Europas den Mut findet. Wenn ich beispielsweise Sie liebte,
+der Sie dann so tief unter mir stünden, wie ich jetzt unter Ihnen
+stehe, ich würde es wagen, mich meinem Untergebenen gleichzustellen!
+Würden Sie diesen Mut finden, wenn Sie mich liebten? Nein! Wenn Sie
+fühlten, daß Sie mich zu lieben beginnen, so würden Sie dieses Gefühl
+unterdrücken, Sie würden nicht wagen, mich zu heiraten. Sie würden
+die Tochter eines reichen Mannes heimführen aus Angst, was "die Welt",
+was andere Leute dazusagen könnten!
+
+Sergius [hingerissen]: Sie lügen, das ist nicht der Fall--beim Himmel
+nicht! Wenn ich Sie liebte, und wäre ich selbst der Zar, ich würde
+Sie neben mich auf den Thron setzen. Sie wissen, daß ich eine andere
+Frau liebe, die so hoch über Ihnen steht, wie der Himmel über der
+Erde. Und Sie sind eifersüchtig auf sie.
+
+Louka: Dazu habe ich ja gar keinen Grund. Sie wird Sie doch niemals
+heiraten. Der Mann, von dem ich Ihnen sprach, ist zurückgekehrt.
+Sie wird den Schweizer heiraten!
+
+Sergius [zurückfahrend]: Den Schweizer!
+
+Louka: Einen Mann, der zehn Ihresgleichen aufwiegt. Dann können Sie
+zu mir kommen, aber ich werde Sie auch abweisen. Sie sind mir nicht
+gut genug. [Sie wendet sich zur Türe.]
+
+Sergius [springt ihr nach und fängt sie wild in seinen Armen auf]:
+Ich werde den Schweizer töten, und mit Ihnen werde ich dann machen,
+was mir beliebt.
+
+Louka [in seinen Armen, ruhig und gefaßt]: Vielleicht wird der
+Schweizer Sie töten. In der Liebe hat er Sie schon geschlagen, er
+kann Sie vielleicht auch im Kampfe besiegen.
+
+Sergius [gequält]: Halten Sie es für möglich, daß ich jemals glauben
+werde, daß--"sie", deren ärgste Gedanken noch höher stehen als Ihre
+besten, daß "sie" fähig wäre, hinter meinem Rücken mit einem andern
+Mann zu tändeln!?
+
+Louka: Halten Sie es für möglich, daß "sie" dem Schweizer glauben
+würde, wenn er ihr jetzt erzählte, daß ich in Ihren Armen liege?
+
+Sergius [läßt sie verzweifelnd los]: Oh, zum Henker! Verdammt!
+Spott und Hohn überall! Meine eigenen Taten machen meine erhabensten
+Gedanken lächerlich. [Er schlägt sich heftig vor die Brust.]
+Feigling, Lügner, Narr! Soll ich mich töten wie ein Mann, oder soll
+ich weiterleben und vorgeben mich selbst zu verhöhnen? [Louka wendet
+sich abermals der Tür zu.] Louka! [Sie bleibt in der Nähe der Tür
+stehen.] Merken Sie sich: Sie gehören zu mir!
+
+Louka [ruhig]: Was heißt das? Soll das eine Beleidigung sein?
+
+Sergius [befehlend]: Das heißt, daß Sie mich lieben und daß ich Sie
+hier in meinen Armen gehalten habe und Sie vielleicht wieder so
+halten werde. Ob das eine Beleidigung ist, das weiß ich nicht, das
+ist mir auch ganz einerlei,--nehmen Sie das, wie's Ihnen beliebt;
+aber [heftig:] ich will kein Feigling und kein Lump sein! Wenn es
+mir gefällt, Sie zu lieben, so wage ich es auch,--ganz Bulgarien zum
+Trotz--Sie zu heiraten. Wenn diese Hände Sie jemals wieder berühren,
+dann werden sie meine angelobte Braut berühren.
+
+Louka: Wir werden ja sehn, ob Sie es wagen, Ihr Wort zu halten; aber
+nehmen Sie sich in acht, ich werde nicht lange warten.
+
+Sergius [verschränkt seine Arme wieder und bleibt unbeweglich in der
+Mitte des Zimmers stehen]: Ja, das werden wir sehen, und Sie werden
+warten, solange es mir beliebt! [Bluntschli kommt, sehr beschäftigt,
+seine Papiere noch in Händen, herein und läßt die Tür für Louka offen.
+Er geht hinüber an den Tisch und wirft ihr im Vorübergehen einen
+flüchtigen Blick zu. Sergius, ohne seine entschlossene Stellung
+aufzugeben, sieht ihn fest an, Louka geht hinaus und läßt die Tür
+offen.]
+
+Bluntschli [zerstreut, sitzt am Tisch wie zuvor und legt sein Papiere
+nieder]: Das ist eine auffallend hübsche junge Person.
+
+Sergius [ernst, ohne sich zu rühren]: Hauptmann Bluntschli!
+
+Bluntschli: Sie wünschen?
+
+Sergius: Sie haben mich betrogen, Sie sind mein Nebenbuhler; ich
+dulde keinen Rivalen! Um sechs Uhr werde ich allein zu Pferd, mit
+meinem Säbel, auf den Exerzierplatz an der Straße nach Klissura sein!
+--Verstehen Sie mich?
+
+Bluntschli [starrt ihn an, bleibt aber ganz gemütlich sitzen]: Ich
+danke Ihnen. Das ist der Vorschlag eines Kavalleristen. Ich bin
+Artillerist und habe die Wahl der Waffen. Wenn ich komme, so bringe
+ich eine Mitrailleuse mit. Aber diesmal wird kein Irrtum mit der
+Munition sein, verlassen Sie sich darauf.
+
+Sergius [errötend, aber mit tödlicher Kälte]: Nehmen Sie sich in acht,
+Herr, es ist nicht unsere Gewohnheit in Bulgarien, mit solchen
+Einladungen Scherz treiben zu lassen.
+
+Bluntschli [warm]: Bah, reden Sie mir nicht von Bulgarien, Sie wissen
+ja gar nicht, was "kämpfen" heißt. Aber meinetwegen. Bringen Sie
+Ihren Säbel mit. Ich werde dort sein.
+
+Sergius [sehr entzückt, in seinem Gegner einen Mann von Mut zu
+finden]: Schön gesprochen, Schweizer. Soll ich Ihnen mein bestes
+Pferd leihen?
+
+Bluntschli: Nein, der Teufel hole Ihr bestes Pferd! Immerhin danke
+ich Ihnen, lieber Freund. [Raina kommt herein und hört den nächsten
+Satz.] Ich werde Sie zu Fuß erwarten; zu Pferde ist das zu gefährlich;
+ich will Sie nicht töten, wenn ich es vermeiden kann.
+
+Raina [läuft ängstlich nach vorn]: Ich habe gehört, was Hauptmann
+Bluntschli eben gesagt hat, Sergius! Ihr wollt euch schlagen! warum?
+[Sergius wendet sich schweigend ab, geht nach dem Ofen und
+beobachtet sie, während sie, zu Bluntschli gewendet, fortfährt]:
+Weswegen?
+
+Bluntschli: Ich weiß nicht, er hat es mir nicht anvertraut. Mischen
+Sie sich lieber nicht ein, verehrtes Fräulein, es wird kein Unglück
+geschehen; ich habe schon oft als Fechtlehrer gedient. Er wird nicht
+imstande sein, mich zu berühren, und ich werde ihm nicht weh tun.
+Das wird immerhin Auseinandersetzungen ersparen. Morgen früh werde
+ich dann auf der Heimreise sein, und Sie werden mich niemals
+wiedersehen oder je von mir hören. Sie werden die Sache dann schon
+mit ihm ins reine bringen; und nachher werden Sie glücklich
+miteinander leben.
+
+Raina [wendet sich tief verletzt ab; beinahe mit einem Seufzer in
+ihrer Stimme]: Ich habe nie gesagt, daß ich Sie wiederzusehen wünsche.
+
+Sergius [vorwärtsschreitend]: Ha, das ist ein Geständnis!
+
+Raina [hoheitsvoll]: Was meinen Sie damit?
+
+Sergius: Sie lieben diesen Mann!
+
+Raina [empört]: Sergius!
+
+Sergius: Sie haben ihm gestattet, Ihnen hinter meinem Rücken
+Liebeserklärungen zu machen, genau so wie Sie mich hinter seinem
+Rücken zum Gatten haben wollten. Bluntschli, Sie kannten unsere
+Beziehungen und betrogen mich, das ist der Grund, warum ich von Ihnen
+Genugtuung verlange,--nicht, weil Sie Begünstigungen empfangen haben,
+die mir verweigert worden sind.
+
+Bluntschli [empört aufspringend]: Blödsinn, Unsinn! Ich habe keine
+Begünstigungen empfangen. Das gnädige Fräulein weiß ja nicht einmal,
+ob ich verheiratet bin oder nicht.
+
+Raina [sich vergessend]: Oh! [Auf die Ottomane hinsinkend:] Sie sind
+verheiratet??
+
+Sergius: Sie sehen, welchen Eindruck diese Möglichkeit auf die junge
+Dame macht! Hauptmann Bluntschli: Leugnen ist vergeblich, Sie haben
+den Vorzug genossen, spät nachts in Fräulein Rainas Schlafzimmer
+empfangen worden zu sein.
+
+Bluntschli [unterbricht ihn heftig]: Ja, Sie Dummkopf, sie hat mich
+empfangen, weil ich ihr meine Pistole auf die Brust gesetzt habe.
+Eure Kavallerie war mir auf den Fersen. Ich hätte sie getötet, wenn
+sie einen Laut von sich gegeben hätte.
+
+Sergius [verblüfft]: Bluntschli--Raina--ist das wahr?
+
+Raina [richtet sich in majestätischem Zorn auf]: Wie können Sie es
+wagen?
+
+Bluntschli: Entschuldigen Sie sich, Mann, entschuldigen Sie sich!
+[Er nimmt seinen Platz am Tische wieder ein.]
+
+Sergius [mit altgewohnter Übertreibung, seine Arme kreuzend]: Ich
+entschuldige mich nie!
+
+Raina [leidenschaftlich]: Das verdanke ich Ihrem famosen Freunde,
+Hauptmann Bluntschli, er hat diese empörende Geschichte über mich
+ausgesprengt. [Sie geht sehr erregt auf und ab.]
+
+Bluntschli: Nein, der schweigt, er ist tot, verbrannt bei lebendigem
+Leibe!
+
+Raina [einhaltend, entsetzt]: Lebendig verbrannt?
+
+Bluntschli: Wurde auf einem Holzhof in die Hüfte geschossen. Konnte
+sich nicht fortschleppen. Da setzten die Granaten der Bulgaren das
+Holz in Flammen und er verbrannte mit einem halben Dutzend anderer
+armer Teufel, die in derselben Lage waren.
+
+Raina: Wie schrecklich!
+
+Sergius: Und wie lächerlich! O Krieg, Krieg, Traum der Patrioten und
+Helden! Du bist ein Schwindel, eine hohle Phrase, wie die Liebe!
+
+Raina [außer sich]: Wie die Liebe?! Das sagen Sie vor mir?
+
+Bluntschli: Lassen Sie's gut sein, Saranoff, die Sache ist erledigt!
+
+Sergius: Eine hohle Phrase, sage ich. Wären Sie hierher
+zurückgekehrt, Herr Hauptmann, wenn sich zwischen Ihnen nichts als
+die Geschichte mit der Pistole zugetragen hätte? Raina täuscht sich
+über unseren verbrannten Freund: er war es nicht, der mir die
+Mitteilung machte!
+
+Raina: Wer denn? [Plötzlich die Wahrheit ahnend:] Ah, Louka, mein
+Mädchen, meine Dienerin! Sie waren ja mit ihr die ganze Zeit nach
+dem Frühstück allein--oh, so also sieht der Gott aus, den ich
+angebetet habe! [Er begegnet ihrem Blick mit sardonischer Freude
+über ihre Ernüchterung; um so geärgerter tritt sie näher an ihn heran
+und sagt in leisem, heftigem Tone:] Wissen Sie, daß ich vom Fenster
+aus, als ich mich umwandte, um noch einen Blick auf meinen Helden zu
+werfen, etwas gesehen habe, was ich vorhin nicht verstand? Jetzt
+weiß ich, daß Sie mit Louka angebandelt haben!
+
+Sergius [mit grimmigem Humor]: Haben Sie das bemerkt?
+
+Raina: Nur zu gut. [Sie wendet sich weg und wirft sich ganz
+überwältigt auf den Diwan unter dem Mittelfenster.]
+
+Sergius [zynisch]: Raina, unser Roman ist zu Ende. Das Leben ist
+eine Posse.
+
+Bluntschli [gutmütig zu Raina]: Sehen Sie, jetzt hat er sich endlich
+selbst durchschaut.
+
+Sergius: Bluntschli: ich habe Ihnen erlaubt, mich einen Dummkopf zu
+nennen; jetzt können Sie mich auch noch einen Feigling schelten: ich
+weigere mich, mich mit Ihnen zu schlagen. Wissen Sie, warum?
+
+Bluntschli: Nein, aber das macht nichts. Ich habe nicht gefragt,
+warum Sie mich gefordert haben, und ich frage auch jetzt nicht, warum
+Sie wieder abwinken. Ich bin Berufssoldat, ich kämpfe, wenn ich
+kämpfen muß, bin aber immer sehr froh, nicht kämpfen zu müssen, wenn
+es nicht unbedingt notwendig ist. Sie sind nur ein Amateur; Sie
+glauben, Kämpfen ist ein Vergnügen.
+
+Sergius: Trotzdem will ich Ihnen den Grund sagen, Sie Berufssoldat,
+Sie: Zu einem echten Kampf gehören zwei Männer, wirkliche Männer,
+Männer von Herz, Blut und Ehre. Mit Ihnen könnte ich mich ebenso
+wenig schlagen, wie ich einer häßlichen Frau Liebeserklärungen machen
+könnte. Ihnen fehlt der Magnetismus für ein Duell, Sie sind kein
+Mann,--Sie sind eine Kampfmaschine.
+
+Bluntschli [als wollte er sich entschuldigen]: Das ist vollkommen
+richtig! Wahrhaftig! So ein Kerl war ich immer, ich bedaure! Aber
+jetzt, da Sie wieder entdeckt haben, daß das Leben keine Posse,
+sondern etwas ganz Vernünftiges und Ernsthaftes ist,--welches
+Hindernis gibt es jetzt noch für Ihr Glück?
+
+Raina [sich erhebend]: Sie scheinen sehr besorgt um unser Glück.
+Haben Sie seine neue Liebe vergessen--Louka? jetzt soll er nicht mit
+Ihnen kämpfen, sondern mit seinem Nebenbuhler--Nicola.
+
+Sergius: Nebenbuhler!! [Sich an die Stirne schlagend.]
+
+Raina: Wissen Sie nicht, daß die beiden verlobt sind?
+
+Sergius: Nicola? Öffnen sich neue Abgründe?...Nicola?
+
+Raina [sarkastisch]: Ein empörendes Opfer, nicht wahr? Diese
+Schönheit, dieser Geist, diese Anmut, vergeudet an einen Diener in
+mittleren Jahren! Wirklich, Sergius, Sie dürfen das nicht länger
+dulden. Das sind Sie Ihrer Ritterlichkeit schuldig.
+
+Sergius [seine Selbstbeherrschung ganz verlierend]: Natter! Schlange!
+[Er läuft schäumend auf und ab.]
+
+Bluntschli: Hören Sie, Saranoff, Sie ziehen den kürzeren.
+
+Raina [zorniger]: Begreifen Sie, was er getan hat, Hauptmann
+Bluntschli? Er hat uns dieses Mädchen als Spionin auf den Hals
+geschickt, und zum Lohn dafür macht er ihr den Hof.
+
+Sergius: Das ist nicht wahr! Das ist ungeheuerlich!
+
+Raina: Ungeheuerlich? [Ihn mit den Blicken messend:] Können Sie
+leugnen, daß Louka Ihnen gesagt hat, Hauptmann Bluntschli sei in
+meinem Zimmer gewesen?
+
+Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Können Sie leugnen, daß
+Sie ihr Liebeserklärungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte?
+
+Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und
+verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz überflüssig, uns noch
+irgend etwas zu sagen. Das genügt uns vollkommen! [Sie wendet sich
+von ihm ab und schwebt majestätisch zurück an das Fenster.]
+
+Bluntschli [während Sergius aufs tiefste beleidigt und empört auf die
+Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fäuste nimmt,
+sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, daß Sie den
+kürzeren ziehen.
+
+Sergius: Pantherkatze!
+
+Raina [läuft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hören, wie dieser Mensch
+mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli.
+
+Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Fräulein? Irgendwie
+muß er sich doch verteidigen. [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht
+streiten! was nützt das? [Raina setzt sich schwer atmend auf die
+Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli böse
+anzusehen, fällt sie ihrem Sinn für Humor zum Opfer und kann sich
+kaum des Lachens enthalten.]
+
+Sergius: Verlobt mit Nicola! [Er erhebt sich.] Haha! [Geht nach dem
+Ofen--steht mit dem Rücken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun
+wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen.
+
+Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkürlichem Begreifen seines
+Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns für zwei große Kinder.
+
+Sergius [lacht höhnisch und grimmig]: Natürlich, natürlich Schweizer
+Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr?
+
+Bluntschli [errötend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz
+gewiß nicht. Ich bin nur froh, daß Sie beide sich endlich etwas
+beruhigen. Na, gehen Sie, wir wollen vergnügt sein und die Sache
+freundschaftlich besprechen. Wo ist die andere junge Dame?
+
+Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tür.
+
+Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber
+mit tiefer Entrüstung]: Ich will beweisen, daß dies wenigstens eine
+Verleumdung ist. [Er geht mit Würde zur Tür und öffnet. Ein
+Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen. Er
+springt in den Gang und kommt zurück, Louka nachschleppend, die er
+heftig gegen den Tisch stößt. Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende,
+Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann! Richten Sie
+die Horcherin an der Wand! [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.]
+
+Bluntschli [den Kopf schüttelnd]: Ich darf sie nicht richten. Ich
+habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei
+beschlossen wurde. Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und
+was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben!
+
+Louka: Es ging um meine Liebe. [Sergius zuckt zusammen und schämt
+sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schämen.
+
+Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe? Sie meinen Ihre Neugier!
+
+Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit
+Zinsen zurück]: Meine Liebe--die größer ist als alles, was Sie fähig
+sind, zu empfinden, selbst für Ihren Pralinésoldaten!
+
+Sergius [mit plötzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heißen?
+
+Louka [heftig]: Das heißt-Sergius [sie geringschätzig unterbrechend]:
+Oh, ich entsinne mich! Der Eispudding! Was für eine armselige
+Stichelei! [Major Petkoff kommt in Hemdärmeln herein.]
+
+Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdärmel, meine Herren! Raina!
+Einer hat meinen Rock angehabt, ich könnte darauf schwören, einer,
+der breitere Schultern hat als ich. Am Rücken ist die Naht ganz
+aufgetrennt, deine Mutter näht sie eben zu. Hoffentlich wird sie
+bald fertig sein, ich werde mich sonst erkälten. [Er sieht
+aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los?
+
+Raina: Nein. [Sie setzt sich an den Ofen, mit ruhiger Miene.]
+
+Sergius: Gar nichts. [Er setzt sich an das Tischende wie zuvor.]
+
+Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts!
+
+Petkoff [der sich an seinen früheren Platz auf die Ottomane legt]:
+Das ist recht. [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka?
+
+Louka: Nein, gnädiger Herr.
+
+Petkoff [gemütlich]: Das ist auch recht! [Er niest:] Sei so gut, geh
+zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hörst du? [Sie wendet sich
+um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein. Sie
+tut, als hätte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit
+der Tabakspfeife an die Wand in die Nähe des Fensters.]
+
+Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]:
+Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas
+nach. [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um
+ihn anzuziehen. Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.]
+
+Petkoff [zu Raina, sie liebenswürdig neckend]: Schau, schau, du
+sorgst ja sehr lieb für deinen armen alten Papa! Wohl heute mal zur
+Feier seiner Rückkehr aus dem Kriege?
+
+Raina [mit feierlichem Vorwurf]: Oh, wie kannst du nur so etwas sagen,
+Papa!
+
+Petkoff: Es ist schon gut, nur ein kleiner Scherz--gib mir einen Kuß.
+[Sie küßt ihn:] Jetzt gib mir den Rock.
+
+Raina: Nein, ich will dir helfen, wende dich um. [Er dreht sich um
+und sucht mit den Armen nach den Ärmeln. Raina nimmt geschickt die
+Photographie aus der Tasche und wirft sie Bluntschli auf den Tisch zu,
+der sie vor Sergius' Augen mit einem Bogen Papier bedeckt. Dieser
+sieht sprachlos vor Erstaunen zu, während sein Verdacht den
+Siedepunkt erreicht. Raina hilft dann Petkoff in den Rock hinein.]
+So, mein lieber Papa...Fühlst du dich jetzt wohl?
+
+Petkoff: Vollkommen, mein Schatz, ich danke dir. [Er setzt sich,
+Raina kehrt zu ihrem Platz an den Ofen zurück.] Apropos, ich habe
+etwas Merkwürdiges in meiner Tasche gefunden! Was soll das bedeuten?
+[Er greift mit der Hand in die leere Tasche.] Was ist denn das?
+[Sucht in der anderen Tasche:] Nein, ich hätte schwören mögen...[Sehr
+verdutzt sucht er in der Brusttasche.] Ich begreife nicht...[Wieder
+in die erste Tasche greifend.] Wo kann sie nur sein--?[Ein Licht geht
+ihm auf, er erhebt sich und ruft aus:] Deine Mutter wird sie
+herausgenommen haben!
+
+Raina [sehr rot]: Was denn?
+
+Petkoff: Deine Photographie mit der Inschrift: "Raina ihrem
+Pralinésoldaten zum Andenken". Es ist klar, daß da mehr
+dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht, und das muß ich
+herausbringen. [Laut rufend:] Nicola!
+
+Nicola [läßt ein Stück Holz fallen, wendet sich um]: Gnädiger Herr!
+
+Petkoff: Hast du heute morgen Fräulein Raina irgendeine Speise
+verdorben?
+
+Nicola: Wie Sie gehört haben, gnädiger Herr; Fräulein Raina hat es
+gesagt.
+
+Petkoff: Das weiß ich, du Trottel! Aber ist es wahr?
+
+Nicola: Ich bin überzeugt, daß Fräulein Raina unfähig ist, etwas
+anderes als die Wahrheit zu sagen, gnädiger Herr.
+
+Petkoff: Bist du das? Wahrhaftig? Dann bin ich es nicht. [Sich zu
+den anderen wendend:] Geht! Glaubt Ihr, daß ich nicht längst alles
+durchschaut habe? [Er geht zu Sergius und klopft ihm auf die
+Schulter.] Sergius, du bist der Pralinésoldat, nicht wahr?
+
+Sergius [fährt zusammen]: Ich! ein Pralinésoldat? Gewiß nicht.
+
+Petkoff: Nicht? [Er sieht sich um; sie sind alle sehr ernst und sehr
+verständnisvoll.] Willst du damit sagen, daß Raina auch andern
+Männern Photographien zum Andenken schenkt?
+
+Sergius [rätselvoll]: Die Welt ist kein so unschuldiger Ort, wie wir
+früher glaubten, Petkoff.
+
+Bluntschli [sich erhebend]: Schon gut, Herr Major: ich bin der
+Pralinésoldat. [Petkoff und Sergius sind beide erstaunt.] Diese
+liebenswürdige junge Dame hat mir das Leben gerettet! Sie gab mir
+Schokolade, als ich am Verhungern war; werde ich jemals ihren Duft
+vergessen! Mein verstorbener Freund Stolz hat Ihnen die Geschichte
+in Pirot erzählt--der Flüchtling bin ich!
+
+Petkoff: Sie? [Er schnappt nach Luft.] Sergius, erinnerst du dich,
+wie sich die beiden Damen benommen haben, als wir die Geschichte
+heute morgen erzählten? [Sergius lächelt zynisch, Petkoff mustert
+Raina strenge.] Du bist mir ein nettes Frauenzimmer, das muß ich
+schon sagen!
+
+Raina [bitter]: Major Saranoff hat seine Ansicht geändert, und als
+ich diese Worte auf mein Bild schrieb, da wußte ich nicht, daß
+Hauptmann Bluntschli verheiratet ist.
+
+Bluntschli [fährt heftig protestierend auf]: Ich bin nicht
+verheiratet!
+
+Raina [sehr vorwurfsvoll]: Sie sagten doch, daß Sie verheiratet wären.
+
+Bluntschli: Das habe ich nicht gesagt, ganz bestimmt nicht; ich war
+in meinem ganzen Leben nie verheiratet.
+
+Petkoff [außer sich]: Raina! Willst du mir gefälligst sagen,--wenn
+es nicht zu unbescheiden ist, daß ich frage--mit welchem von diesen
+beiden Herren du verlobt bist?
+
+Raina: Mit keinem von beiden. Diese junge Dame, [zeigt auf Louka,
+die sie alle stolz ansieht,] ist jetzt der Gegenstand von Major
+Saranoffs Neigung.
+
+Petkoff: Louka!? Bist du verrückt geworden, Sergius?--das Mädchen
+ist doch mit Nicola verlobt.
+
+Nicola [nach vorne kommend]: Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, das
+ist ein Irrtum; Louka ist nicht mit mir verlobt.
+
+Petkoff: Nicht mit dir verlobt, du Schuft--was? Du hast doch von mir
+am Tage deiner Verlobung fünfundzwanzig Leu bekommen, und sie bekam
+dieses goldene Armband von Fräulein Raina.
+
+Nicola [mit kalter Salbung]: So haben wir angegeben, aber es war nur
+ein Schutz für Louka; sie ist zu Höherem geboren, und ich war nichts
+anderes als ihr vertrauter Diener. Ich habe die Absicht, wie
+gnädiger Herr wissen, später einen Laden in Sofia aufzumachen: und
+ich hoffe auf Loukas Kundschaft und Empfehlung für den Fall, daß sie
+in den Adel hineinheiraten sollte. [Er geht mit sichtlicher
+Diskretion hinaus, alle starren ihm nach.]
+
+Petkoff [das Schweigen brechend]: Na, ich bin...hm!
+
+Sergius: Das ist entweder edler Heroismus oder kriecherische
+Niedrigkeit! Entscheiden Sie, Bluntschli, was ist es?
+
+Bluntschli: Kümmern Sie sich nicht darum, ob es Heldentum oder
+Niedrigkeit ist. Nicola ist der fähigste Mann, den ich bis jetzt in
+Bulgarien kennen gelernt habe. Ich werde ihn zum Leiter eines Hotels
+machen, falls er Deutsch und Französisch sprechen kann.
+
+Louka [bricht plötzlich gegen Sergius los]: Ich bin hier von
+jedermann beleidigt worden. Sie gingen sogar mit dem Beispiel voran.
+Sie sind zu einer Entschuldigung verpflichtet! [Sergius kreuzt
+sofort die Arme über der Brust, wie eine Repetieruhr, deren Feder
+berührt wurde.]
+
+Bluntschli [bevor Sergius etwas sagen kann]: Vergebliche Mühe--er
+entschuldigt sich nie!
+
+Louka: Nicht vor Ihnen, seinesgleichen und seinen Feinden; mir,
+seiner armen Dienerin, wird er eine Entschuldigung nicht versagen.
+
+Sergius [zustimmend]: Sie haben recht. [Er beugt das Knie; in seiner
+pathetischesten Weise:] Verzeihen Sie mir.
+
+Louka: Ich verzeihe Ihnen. [Sie reicht ihm schüchtern ihre Hand, die
+er küßt.] Diese Berührung macht mich zu Ihrer Braut.
+
+Sergius [aufspringend]: Oh, das habe ich vergessen!
+
+Louka [kalt]: Sie können Ihr Wort zurücknehmen, wenn Sie wollen.
+
+Sergius: Zurücknehmen? Niemals! Sie sind mein. [Er umarmt sie,
+Katharina kommt herein, findet Louka in Sergius' Armen und sieht, wie
+alle Louka und Sergius fassungslos anstarren.]
+
+Katharina: Was soll das heißen? [Sergius läßt Louka los.]
+
+Petkoff: Nun, meine Teure, es scheint, daß Sergius jetzt die Absicht
+hat, statt Raina Louka zu heiraten. [Katharina will eben entrüstet
+gegen ihn losbrechen, er hält sie zurück und ruft mürrisch aus:] Gib
+mir nicht die Schuld, ich habe nichts damit zu schaffen. [Er zieht
+sich nach dem Ofen zurück.]
+
+Katharina: Louka heiraten?! Sergius, Sie sind gebunden! Wir haben
+Ihr Wort!
+
+Sergius [seine Arme kreuzend]: Mich bindet nichts.
+
+Bluntschli [sehr erfreut über dieses vernünftige Vorgehen]: Saranoff,
+Ihre Hand! Ich gratuliere Ihnen, Ihr Heldentum ist in manchen Fällen
+gut angebracht. [Zu Louka.] Schönes Fräulein, empfangen Sie die
+herzlichsten Glückwünsche eines guten Republikaners. [Er küßt Louka
+die Hand, zu Rainas größtem Widerwillen.]
+
+Katharina [drohend]: Louka, du hast getratscht!
+
+Louka: Ich habe Raina nicht geschadet.
+
+Katharina [hochmütig]: Raina?! [Raina ist gleichfalls empört über
+diese Frechheit.]
+
+Louka: Ich habe das Recht, sie Raina zu nennen, sie nennt mich ja
+auch bloß Louka. Ich habe Major Saranoff gesagt, daß sie ihn nie
+heiraten würde, falls der Schweizer Herr jemals wiederkommen sollte.
+
+Bluntschli [überrascht]: Was ist das?
+
+Louka [wendet sich zu Raina]: Ich dachte, Sie hätten ihn lieber als
+Sergius; Sie müssen am besten wissen, ob ich recht habe.
+
+Bluntschli: Was ist das für ein Unsinn? Ich versichere Ihnen, mein
+lieber Major, verehrte gnädige Frau, Ihr reizendes Fräulein Tochter
+hat mir nur das Leben gerettet, nichts weiter; es war ihr niemals
+etwas an mir gelegen. Wie könnte das auch sein, um Gottes willen!
+Sehen Sie sich bloß einmal diese junge Dame an, und dann sehen Sie
+mich an! Sie: reich, jung, schön, ihre Phantasie voller
+Märchenprinzen und Heldentaten, Kavallerieattacken und weiß Gott was
+noch! und ich, ein gewöhnlicher Schweizer Soldat, der sich kaum mehr
+vorstellen kann, was ein geregeltes Dasein ist, nach fünfzehnjährigem
+Kasernen- und Schlachtenleben, ein Vagabund, ein Mann, der alle seine
+Lebensaussichten durch eine unverbesserliche romantische Veranlagung
+verdorben hat, ein Mann, der...
+
+Sergius [auffahrend; wie von einer Tarantel gestochen unterbricht er
+Bluntschli mit ungläubiger Verwunderung]: Verzeihen Sie, Bluntschli:
+was, sagen Sie, hat Ihre Lebensaussichten verdorben?
+
+Bluntschli [sofort]: Eine unverbesserlich romantische Veranlagung.
+Ich bin schon als Knabe zweimal von Hause durchgebrannt. Ich ging
+zur Armee statt in meines Vaters Geschäft. Ich kletterte auf den
+Balkon dieses Hauses, statt mich wie ein vernünftiger Mensch im
+erstbesten Keller zu verstecken! Ich kam hierher zurückgeschlichen,
+um diese junge Dame noch einmal zu sehen, wo jeder andere Mann in
+meinem Alter den Rock einfach zurückgeschickt hätte...
+
+Petkoff: Meinen Rock?
+
+Bluntschli:--Ja, Ihren Rock! Jeder andere würde ihn zurückgeschickt
+haben und wäre dann ruhig nach Hause gereist. Glauben Sie wirklich,
+daß ein junges Mädchen sich in so einen Menschen verlieben wird?
+Vergleichen Sie bloß einmal unser Alter--ich bin vierunddreißig! Ich
+glaube nicht, daß Fräulein Raina viel über siebzehn ist. [Diese
+Schätzung ruft eine bemerkbare Sensation hervor, alle wenden sich um
+und blicken einander an; er fährt unschuldig fort:] Dieses ganze
+Abenteuer, dessen Ausgang für mich Leben oder Tod bedeutet hat, war
+ihr bloß das Spiel eines Backfisches mit Schokoladenbonbons, ein
+Versteckenspiel. Hier ist der Beweis! [Er nimmt die Photographie
+vom Tisch.] Ich frage Sie: würde mir eine Frau, die unsere Begegnung
+ernst genommen hätte, das geschickt haben mit dieser Inschrift:
+"Raina ihrem Pralinésoldaten zum Andenken"? [Er hält die
+Photographie triumphierend in die Höhe, als ob er die Angelegenheit
+nun über allen Zweifel erhaben geschlichtet hätte.]
+
+Petkoff: Dieses Bild habe ich ja gesucht. Wie zum Teufel kam es
+dorthin?
+
+Bluntschli [zu Raina, wohlgefällig]: Nun habe ich aber hoffentlich
+alles schön in Ordnung gebracht, verehrtes Fräulein?
+
+Raina [in unbeherrschbarer Kränkung]: Ich stimme vollkommen mit allem
+überein, was Sie über sich erzählen. Sie sind ein romantischer Idiot.
+[Bluntschli fährt sprachlos zurück.] Das nächste Mal, hoffe ich,
+werden Sie den Unterschied zwischen einem Schulmädchen von siebzehn
+und einer Frau von dreiundzwanzig bemerken.
+
+Bluntschli [verblüfft]: Dreiundzwanzig? [Sie reißt ihm die
+Photographie verachtungsvoll aus der Hand, zerreißt sie und wirft ihm
+die Stücke vor die Füße.]
+
+Sergius [sehr erfreut über die Niederlage seines Nebenbuhlers]:
+Bluntschli, mein letzter Glaube ist dahin,--Ihr Scharfsinn ist
+Schwindel, wie alles andere--Sie sind noch dümmer als ich.
+
+Bluntschli [überwältigt]: Dreiundzwanzig! dreiundzwanzig! [Er denkt
+nach:] Hm! [Schnell einen Entschluß fassend:] In diesem Falle, Major
+Petkoff, bitte ich Sie in aller Form um die Hand Ihrer verehrten
+Tochter, an Stelle des zurückgetretenen Major Saranoff.
+
+Raina: Sie wagen es?
+
+Bluntschli: Wenn Sie dreiundzwanzig Jahre alt waren, als Sie mir
+heute nachmittag jene Dinge sagten, dann nehme ich sie ernst.
+
+Katharina [stolz, höflich]: Ich zweifle sehr, mein Herr, ob Sie sich
+der Stellung meiner Tochter sowie der Stellung des Major Sergius
+Saranoff, dessen Platz Sie einzunehmen wünschen, bewußt sind. Die
+Petkoffs und die Saranoffs sind bekannt als die reichsten und
+angesehensten Familien unseres Landes. Unser Name ist beinahe
+historisch, wir können bis auf nahezu zwanzig Jahre zurückblicken.
+
+Petkoff: Oh, laß das, Katharina. [Zu Bluntschli:] Ihr Antrag würde
+uns sehr glücklich machen, Bluntschli, wenn es sich bloß um Ihre
+Stellung handelte. Aber verwünscht! Sie wissen, Raina ist an eine
+sehr großartige Lebensführung gewöhnt. Sergius hält zwanzig Pferde.
+
+Bluntschli: Aber was sollen ihr denn zwanzig Pferde? Das ist ja ein
+wahrer Zirkus?
+
+Katharina [strenge]: Meine Tochter ist an einen Stall ersten Ranges
+gewöhnt, Herr Hauptmann.
+
+Raina: Aber Mama, du machst mich ja lächerlich!
+
+Bluntschli: Na, gut! wenn es sich um wirtschaftliche Einrichtungen
+handelt, da stelle ich meinen Mann! [Er geht rasch, an den Tisch und
+nimmt seine Papiere aus dem blauen Umschlag.] Wieviel Pferde, haben
+Sie gesagt?
+
+Sergius: Zwanzig, edler Schweizer!
+
+Bluntschli: Ich habe zweihundert Pferde. [Sie sind erstaunt]:
+Wieviel Wagen haben Sie?
+
+Sergius: Drei.
+
+Bluntschli: Ich habe siebzig. In vierundzwanzig davon haben je zwölf
+Leute Platz und noch zwei auf dem Bock, ohne den Kutscher und den
+Kondukteur zu rechnen. Wieviel Tischtücher haben Sie?
+
+Sergius: Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?
+
+Bluntschli: Haben Sie viertausend?
+
+Sergius: Nein.
+
+Bluntschli: Ich habe so viel; ferner neuntausendsechshundert Betttücher
+und Bettdecken, mit zweitausendvierhundert Eiderdaunenkissen. Ich habe
+zehntausend Messer und Gabeln und die gleiche Anzahl Dessertlöffel.
+Ich habe sechshundert Diener, sechs palastartige Gebäude, außerdem
+zwei Mietstallungen, ein Gartenrestaurant und ein Wohnhaus. Ich habe
+vier Medaillen für hervorragende Dienste, ich habe den Rang eines
+Offiziers, und den Stand eines Gentleman, und drei Muttersprachen.
+Zeigen Sie mir irgend einen Mann in Bulgarien, der so viel bieten
+kann.
+
+Petkoff [mit kindischer Scheu]: Sind Sie am Ende gar der Kaiser der
+Schweiz?
+
+Bluntschli: Mein Rang ist der höchste, den man in der Schweiz
+anerkennt: ich bin ein freier Bürger.
+
+Katharina: Wenn dem so ist, Kapitän Bluntschli, so will ich, da meine
+Tochter Sie auserkoren hat, Ihrem Glück nicht im Wege stehen.
+[Petkoff will sprechen.] Major Petkoff teilt dieses Gefühl.
+
+Petkoff: Oh, ich werde mich glücklich schätzen... Zweihundert
+Pferde--Donnerwetter!
+
+Sergius [zu Raina gewendet]: Und was sagen Sie?
+
+Raina [tut, ab ob sie schmollte]: Ich sage, daß er seine Tischwäsche
+und seine Omnibusse behalten kann. Ich lasse mich nicht an den
+Meistbietenden verkaufen.
+
+Bluntschli: Diese Antwort nehme ich nicht an. Ich wandte mich an Sie
+als Flüchtling, als Bettler, als Verhungernder! Sie haben mich
+aufgenommen und mir Ihre Hand zum Kusse, Ihr Bett für meine müden
+Glieder und Ihr Dach zu meinem Schutze angeboten.
+
+Raina [unterbricht ihn]: Dem Kaiser der Schweiz hab' ich das alles
+nicht geboten!
+
+Bluntschli: Das ist es ja gerade, was ich sage! [Er ergreift ihre
+Hand rasch und sieht ihr fest in die Augen, während er, seiner Macht
+vertrauend, hinzufügt:] Bitte, sagen Sie uns nun, wem Sie dies alles
+gaben?
+
+Raina [ergibt sich mit scheuem Lächeln]: Meinem Pralinésoldaten.
+
+Bluntschli [mit knabenhaft entzücktem Lachen]: Das genügt mir, ich
+danke Ihnen! [Er sieht auf seine Uhr und wird plötzlich Berufssoldat.]
+Die Zeit ist um, ich muß nun fort, Major! Sie haben die Regimenter
+so trefflich dirigiert, daß Sie überzeugt sein können, man wird Sie
+ausersehen, um einige Infanterieregimenter der Timoklinien
+loszuwerden. Senden Sie die Leute auf dem Weg von Lom-Palanka heim;
+Saranoff, verheiraten Sie sich nicht, bevor ich zurückkomme; ich
+werde pünktlich Dienstag in vierzehn Tagen um fünf Uhr abends hier
+sein!--Meine verehrten Damen, ich wünsche einen guten Abend! [Er
+macht ihnen eins militärische Verbeugung und geht ab.]
+
+Sergius: Was für ein Mann! was für ein Mann!
+
+Vorhang
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN ***
+
+This file should be named 6004-8.txt or 6004-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
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+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
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+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
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+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
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+donate.
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+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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+1739 University Ave.
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+(Three Pages)
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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