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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59547 ***
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+ =Die Welträtsel=
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+ * * * * *
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+ Gemeinverständliche Studien
+ über Monistische Philosophie
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+ von
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+ =Ernst Haeckel=
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+ * * * * *
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+ Neu bearbeitete
+ =Taschenausgabe=
+
+ * * * * *
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+ Leipzig
+ =Alfred Kröner Verlag=
+ 1909
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+
+
+ Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
+
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+
+
+Vorwort zur ersten Auflage.
+
+(1899).
+
+
+Die vorliegenden Studien über =monistische Philosophie= sind für die
+denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände
+bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an
+dessen Ende wir stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens
+nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt
+sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen
+Naturerkenntnis in diesem merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen
+Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in
+den dieselbe zur gelehrten Tradition der »=Offenbarung=« geraten
+ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung
+des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu
+entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.
+
+Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem
+»=Jahrhundert der Naturwissenschaft=« entspricht keineswegs eine
+gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere
+Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen,
+die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, daß
+die abstrakte und größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf
+unseren Universitäten seit Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt
+wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schätze der
+Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern
+müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter
+der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellen
+Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs
+begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges
+der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- für
+überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »den Wald vor
+Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysiker mit dem bloßen
+Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. Der Begriff der
+»=Naturphilosophie=«, in welchem ganz naturgemäß jene beiden Wege
+der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode,
+zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider
+Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.
+
+Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen
+Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der
+Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen
+immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der
+wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen«
+Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden
+ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz jener
+gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der
+denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus
+beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt
+nach der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir
+kurz mit einem Worte als »=Die Welträtsel=« bezeichnen.
+
+Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der
+vorliegenden Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch
+erheben, eine vollständige =Lösung= derselben zu bringen; vielmehr
+sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben für weitere
+gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit
+wir uns gegenwärtig deren Lösung genähert haben. =Welche Stufe in der
+Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich
+erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten
+Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?
+
+Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß
+nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse
+der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres
+objektiven Wesens sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen
+Menschen. Das Einzige, was ich für dieselben voll in Anspruch nehme,
+und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß
+meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist,
+d. h. der vollständige Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch
+vieljähriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablässiges
+Nachdenken über den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe.
+Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt über
+ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66.
+Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie =reif= im menschlichen Sinne ist;
+ich bin auch völlig gewiß, daß diese »=reife Frucht=« vom Baume der
+Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden
+ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen
+Veränderungen erfahren wird.
+
+Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen
+und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner
+»=Generellen Morphologie der Organismen=« niedergelegt, einem
+weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur
+sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die
+neubegründete Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen
+Formenwissenschaft durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen,
+darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen
+weiteren Kreis von Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte
+unseres Jahrhunderts zu interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre
+später (1868) meine »=Natürliche Schöpfungsgeschichte=«. Da dieses
+leichter geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken
+Auflagen und zwölf verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht
+wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen.
+Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen »=Anthropogenie=«,
+in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lösen versuchte, die
+wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem
+größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und verständlich zu machen;
+die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige
+bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings
+dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in
+dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige
+Kenntnis vom =Ursprung des Menschen=« auf dem vierten internationalen
+Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899).
+Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein
+besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten
+populären Vorträgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre=« (1878).
+Endlich habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen
+Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden
+Glaubenslehren kurz zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines
+Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und
+Wissenschaft=« (1892, achte Auflage 1899).
+
+Die vorliegende Schrift über die »=Welträtsel=« ist die weitere
+Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in
+den vorstehend angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch
+vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der
+monistischen Weltanschauung abzuschließen.
+
+Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »=System
+der monistischen Philosophie=« auf Grund der Entwickelungslehre
+auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte
+reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden
+Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des
+=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter
+meine Lebensarbeit machen.
+
+Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge
+fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat,
+läßt es schon heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit
+gleicher Gründlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang
+einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der
+alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig beherrschte, und der die
+künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Maße
+besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen Bandes
+ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen.
+Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr
+ungleich und lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen,
+den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die
+durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher
+Ausführung derselben. Das vorliegende Buch über die Welträtsel trägt
+daher auch nur den Charakter eines »Skizzenbuches«, in welchem
+=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefügt
+sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in früheren Jahren,
+zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die
+Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen
+nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.
+
+Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die
+Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit
+-- trotz ihrer mir wohl bewußten Mängel -- ein kleines Scherflein zur
+Lösung der »Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der
+Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis
+ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen
+Überzeugung allein zur Wahrheit führt, den Weg der =empirischen
+Naturforschung= und der darauf gegründeten =monistischen Philosophie=.
+
+ =Jena=, 2. April 1899.
+
+ _Ernst Haeckel._
+
+
+
+
+Vorwort zur Taschenausgabe.
+
+
+Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn =Alfred Kröner=, und
+auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine
+neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei
+besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere
+Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige
+Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele
+Fremdwörter und verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche
+zu ersetzen. Ferner sind viele Sätze entfernt worden, welche teils
+ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch
+hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher
+Durchführung gewonnen.
+
+Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und
+=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe
+enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der später erschienenen
+Volksausgabe (»Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen
+Leser, welche diese weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen
+wünschen, finden sie in der kürzlich erschienenen zehnten Auflage
+der =großen Ausgabe=, und teilweise in der »neu durchgesehenen und
+verbesserten Auflage der =Volksausgabe=« (240. Tausend).
+
+Möge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der
+Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser
+anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu
+beteiligen.
+
+ =Jena=, 29. September 1908.
+
+ _Ernst Haeckel._
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ ~I~. Anthropologischer Teil
+ =Der Mensch=
+
+ 1. Stellung der Welträtsel 1
+ 2. Unser Körperbau 14
+ 3. Unser Leben 24
+ 4. Unsere Keimesgeschichte 32
+ 5. Unsere Stammesgeschichte 42
+
+ ~II~. Psychologischer Teil
+ =Die Seele=
+
+ 6. Das Wesen der Seele 54
+ 7. Stufenleiter der Seele 68
+ 8. Keimesgeschichte der Seele 80
+ 9. Stammesgeschichte der Seele 90
+ 10. Bewußtsein der Seele 101
+ 11. Unsterblichkeit der Seele 113
+
+ ~III~. Kosmologischer Teil
+ =Die Welt=
+
+ 12. Das Substanzgesetz 127
+ 13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140
+ 14. Einheit der Natur 154
+ 15. Gott und Welt 168
+
+ ~IV~. Theologischer Teil
+ =Der Gott=
+
+ 16. Wissen und Glauben 180
+ 17. Wissenschaft und Christentum 191
+ 18. Unsere monistische Religion 206
+ 19. Unsere monistische Sittenlehre 217
+ 20. Lösung der Welträtsel 229
+
+
+
+
+=Erstes Kapitel.=
+
+_Stellung der Welträtsel._
+
+
+ Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
+ Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.
+
+
+Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
+Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten
+sind darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler
+Beziehung alle seine Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben
+gelöst hat, die in seinem Anfange unlösbar erschienen. Die
+überraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und
+ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr
+usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues Gepräge
+gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
+Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine
+Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar
+leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt
+entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit
+und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf
+politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute
+Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von
+Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung
+jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren
+beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch mutiges
+Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung
+einer klaren, fest gegründeten, =naturgemäßen Weltanschauung=.
+
+_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen
+Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts
+vergegenwärtigen und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse
+vergleichen, so muß jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich
+groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf
+sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von
+größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des
+Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben
+wir unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren
+undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns
+im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll
+unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen
+Zelle den gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen
+sozialen Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen
+Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt
+ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie
+werden ergänzt durch den embryologischen Nachweis, daß jeder höhere
+vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle
+entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die bedeutungsvolle, hierauf
+gegründete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verständnis für
+die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren Erklärung
+man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches
+Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem
+Arzte erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und
+verständlich geworden.
+
+Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
+im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen
+ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was
+wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkräfte= im ganzen
+Universum nachgewiesen. Die mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie
+eng dieselben zusammenhängen und wie jede unter bestimmten Bedingungen
+sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat
+uns gelehrt, daß dieselben Stoffe, welche unseren Erdkörper und
+seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der übrigen
+Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen.
+Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten Maßstabe
+erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
+kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und
+gleich dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen
+Wechsel von »Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer
+Menge von neuen, früher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die
+alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefähr
+achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines von diesen Elementen,
+der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die Bildung der
+unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die
+»chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte
+der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der
+Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem
+gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses
+»=kosmologische Grundgesetz=« die ewige Erhaltung der Kraft und des
+Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen
+Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere
+monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu
+deren Lösung führt.
+
+ * * * * *
+
+Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine
+allgemeine Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis
+und über ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen
+wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete
+eingehen. Nur einen größten Fortschritt wollen wir noch hervorheben,
+der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist und der es ergänzt: die
+Begründung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende
+Forscher schon seit Jahrtausenden von »=Entwickelung=« der Dinge
+gesprochen; daß aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und
+daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige »Entwickelung der
+Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.
+Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und zu
+allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten
+philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung
+gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher =Charles
+Darwin=; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre,
+welche der geniale französische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon
+1809 in ihren Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter
+deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch
+erfaßt hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller
+Fragen« geschenkt, zu dem großen Welträtsel von der »Stellung des
+Menschen in der Natur« und von seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir
+heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im
+Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem
+=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklärung aller Naturerscheinungen
+zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen,
+weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Größe unter allen
+anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts.
+
+Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen=
+Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung
+auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute
+im »Zeitalter des Verkehrs« stehen, wenn der internationale Handel
+und das Reisen eine früher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben,
+wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und
+Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den
+Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der
+Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die Photographie das
+Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder
+von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
+Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche
+praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch
+Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die
+Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies
+der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik
+haben wir alle früheren Jahrhunderte weit überflügelt.
+
+_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So dürfen wir heute mit
+gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts
+in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken.
+Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches
+Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen
+Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern müssen wir da den
+Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: »Verglichen mit unseren
+erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und
+ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der
+administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale
+und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=.« Um uns
+von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen wir
+nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches Leben zu werfen,
+oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das
+Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.
+
+_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz,
+dem »~Fundamentum regnorum~«. Niemand wird behaupten können,
+daß deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis
+des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in
+der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden
+Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer höheren
+und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir
+sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten -- trotz der auf
+Papier gedruckten Verfassung -- noch tatsächlich der Absolutismus
+herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher
+Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von
+maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter
+und Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich
+irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte
+Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht
+vielfach die Ansicht, daß gerade die Juristen die höchste Bildung
+besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten
+Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte »juristische Bildung«
+ist größtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen
+Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere
+Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen
+Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich
+begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht
+ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte=
+zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des
+Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine Zeit«; diese wird
+leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in
+Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der Rest
+der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
+Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen
+zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt.
+
+_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier
+nur ganz flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen
+Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum
+großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, daß die meisten
+Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von hoher formaler Bildung,
+aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch
+vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann.
+»Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des =Staates=, lernen
+wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche
+Kenntnis vom »Bau und Leben« der =Personen= besitzen, welche den Staat
+zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen.
+Wenn unsere »Staatslenker« und »Volksvertreter« diese =unschätzbaren
+biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besäßen, so
+würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle
+von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei
+zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele
+Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten
+zu beklagen ist es, daß der moderne =Kulturstaat= sich der
+kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und daß der bornierte
+Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer
+die Hierarchie unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie
+sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor
+Augen führte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand
+des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus,
+der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft
+regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann
+besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und
+wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und
+Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere Stufe hebt. Dabei
+kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder
+Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind
+untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne
+Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=,
+durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll
+er =nomokratisch=, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht
+geleitet werden?
+
+_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung
+entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den
+Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19.
+Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=,
+die alle anderen Wissenschaften so weit überflügelt und welche, bei
+Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich
+aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrödel
+in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als
+Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des
+Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische
+Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der klassischen
+Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der
+wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt
+und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll
+dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher
+uns zu einer monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige
+Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums
+bildet. Während die großartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie
+und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf
+unseren höheren Schulen gar keine oder nur ganz ungenügende Verwertung
+finden, wird das Gedächtnis mit einer Unmasse von philologischen und
+historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung,
+noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten
+Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen
+der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung
+ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen
+Schulen.
+
+_Unsere Kirche._ Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung
+und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht
+unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen
+Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen,
+welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis
+der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in
+die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute
+Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr
+gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen Sittenlehren,
+die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
+harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von
+Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt
+widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker,
+Ärzte und Philosophen, die gründlich über die Natur beobachtet und
+nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehör schenken wollen.
+Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren
+Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=,
+auf welche sich die monistische Entwickelungslehre gründet.
+
+_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen
+Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere
+Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere
+heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des
+öffentlichen und privaten Lebens; sie wünscht die Menschheit mittels
+der =Vernunft= auf jene höhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich
+auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu sehen, welche wir unserer
+hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen sträuben sich
+mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche unsere
+Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters
+zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen=
+und verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung«
+beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie,
+der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum
+größten Teile gewiß nicht auf eigennützigem Streben, sondern teils auf
+Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der
+Tradition. Die gefährlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist
+nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr
+die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die Götter selbst dann
+noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben.
+
+_Anthropismus._ Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener
+rückständigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die
+»=Vermenschlichung=«. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen
+mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen,
+welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen
+Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung
+und als ein von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei
+genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich,
+daß er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als
+den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen=
+Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht
+auf der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und
+Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen
+Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst
+erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen und mit den Dogmen
+der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion
+innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten
+Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma=
+knüpft ebenfalls an die Schöpfungssagen der drei genannten, sowie
+vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschöpfung und
+Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen
+Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. »Gott
+der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei
+in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt.
+Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich
+ist. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive
+Mythologie verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut.
+Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen
+Theosophie, welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen
+verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und
+handeln läßt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich
+aus dieser Vergleichung der menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit
+von selbst; es führt zu der göttlichen =Verehrung= des menschlichen
+Organismus, zum »anthropistischen Größenwahn«. Daraus folgt wieder
+der hochgeschätzte »Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der
+Seele«, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen,
+dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper nur zeitweise
+bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und
+der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepaßt,
+wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die =anthropistische
+Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unversöhnlichem
+Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunächst
+schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.
+
+_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei
+anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der
+dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich,
+sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus
+kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung
+des Weltganzen=, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen
+Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der
+folgenden wichtigen »=kosmologischen Lehrsätze=«:
+
+1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und
+unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen
+(Materie und Energie) erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich
+in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verläuft in der unendlichen
+Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von
+Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rückbildung. 4. Die unzähligen
+Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther verteilt sind, unterliegen
+sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen
+unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von den
+zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere
+Erde hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben
+tropfbar flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen
+Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß,
+die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen,
+hat viele Millionen Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen.
+8. Unter den verschiedenen Tierstämmen, welche sich im späteren
+Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten,
+hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings
+alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des
+Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus
+Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste
+und höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der
+Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch
+Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste
+und vollkommenste Ästchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst
+in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging.
+12. Demnach ist die sogenannte »Weltgeschichte« eine verschwindend
+kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte,
+ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der Geschichte unseres
+Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergängliches
+Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine
+vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen Natur.
+
+Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige =kosmologische
+Perspektive=, um von vornherein den richtigen Maßstab und den
+weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der
+Welträtsel einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende
+»Stellung des Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch
+der herrschende =anthropistische Größenwahn= widerlegt, die Anmaßung,
+mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt
+und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose
+Selbstüberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich
+als »Ebenbild Gottes« zu betrachten, für seine vergängliche Person
+ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß
+er unbeschränkte »Freiheit des Willens« besitzt. Der lächerliche
+Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmütigen
+Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren
+Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische Perspektive
+einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen.
+
+_Zahl der Welträtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie
+der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln
+umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich
+entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die =monistische
+Philosophie= wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes
+Welträtsel anerkennen, das »=Substanzproblem=«. In der berühmten
+Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der
+Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er »=sieben
+Welträtsel=«; er führt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf:
+~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der
+Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die
+(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, ~V~.
+das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins,
+~VI~. das vernünftige Denken und der Ursprung der damit eng
+verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit.
+Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der Berliner Akademie
+=drei= für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite und
+fünfte); =drei= andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar
+(das dritte, vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten
+»Welträtsels«, welches praktisch das wichtigste ist, nämlich der
+Willensfreiheit, verhält er sich unentschieden.
+
+Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (~I, II,
+V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12);
+die drei anderen, schwierigen, aber lösbaren Probleme (~III, IV,
+VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgültig gelöst;
+das siebente und letzte Welträtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein
+Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung, da sie als reines
+=Dogma= auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht
+existiert.
+
+_Lösung der Welträtsel._ Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel
+sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt:
+=Erfahrung= und =Schlußfolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung
+erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster
+Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die »inneren Sinnesherde«
+unserer Großhirnrinde tätig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane
+der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von
+Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch
+diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben,
+werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
+diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung
+dieser Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die
+nach meiner Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind:
+=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen,
+die Bildung von zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion
+und Begriffsbildung, die Ergänzung des erkennenden Verstandes durch
+die plastische Phantasie, schließlich das Bewußtsein, das Denken
+und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der
+Großhirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelentätigkeiten.
+Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten Begriffe der =Vernunft=.
+
+_Vernunft, Gemüt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein können
+wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel
+gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die
+fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung
+der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe
+Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) »vernünftig« wie die
+nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist
+noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß es außer
+der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
+gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir
+entschieden entgegentreten. =Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der
+Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir »Gemüt« nennen und hochschätzen,
+ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen
+der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
+aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei
+können die verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus
+mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und
+der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern
+alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im
+Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft. Noch
+kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst
+oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
+sogenannten »=Offenbarung=« und den angeblichen, dadurch erreichten
+»=Glaubenswahrheiten=«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder
+unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel).
+
+_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten
+Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen,
+daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden
+Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als
+gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden
+anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmählich eingesehen,
+daß die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und
+ebenso haben sich anderseits die Naturforscher überzeugt, daß die
+bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung ungenügend
+ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das
+vernünftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die
+erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde,
+die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die großen
+»Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
+und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre
+Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche
+die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die
+empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die
+wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch
+manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft
+das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
+Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber,
+und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893).
+Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher
+Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege
+sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der
+modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmetheorie, die
+Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische
+Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der
+vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten =Empirie=.
+
+_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
+lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt,
+in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische=
+oder zwiespältige, anderseits die =monistische= oder einheitliche
+Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das
+Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und
+den immateriellen Gott, der ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer
+gegenübersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne
+begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die »Gott
+und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder Materie und Energie)
+sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche »persönliche«
+Gott des Dualismus führt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des
+Monismus zum =Pantheismus=.
+
+_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr häufig werden auch heute
+noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und
+ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und
+des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche
+Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur
+Vermeidung aller Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken:
+~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus=
+identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von
+toten Atomen auflöst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus=
+(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet
+und die Welt nur als eine räumlich geordnete Gruppe von bloßen
+Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen
+Naturkräften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der
+festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist nie
+ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an
+der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die
+unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als
+die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute=
+oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der
+universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.)
+
+
+
+
+=Zweites Kapitel.=
+
+_Unser Körperbau._
+
+ Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie.
+ Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des Menschen
+ und der Säugetiere.
+
+
+Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung
+und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper
+ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
+physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt
+ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper.
+Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren
+Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen
+und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen
+erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im
+weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=.
+
+_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des
+menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da
+diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern
+ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der
+damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher
+über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber
+genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren
+und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den
+Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität
+galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum,
+der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben
+ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des
+menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --,
+sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders
+der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende=
+Anatomen«.
+
+Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften
+mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen
+Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren
+vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem
+Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen
+Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung
+über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn
+Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige
+Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des
+=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten
+Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft
+des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus=
+die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde,
+begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue
+Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius=
+und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die
+genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen
+Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur
+Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie
+geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er
+vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich
+durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab
+der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und
+sichere Grundlage.
+
+_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte
+Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues
+erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus
+wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und
+der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere
+war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie
+eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere
+ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges
+Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der
+Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte
+beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des
+menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir
+heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren,
+als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden
+»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten
+Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere
+festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch
+=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit
+demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte
+=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation;
+er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige
+Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und
+Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt
+insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen
+zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von
+allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
+scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735)
+dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere=
+angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die
+drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem
+kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung
+durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte.
+Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden
+Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes
+Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem
+dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870)
+zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre
+auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter
+den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der
+Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf
+welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen
+nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt.
+
+=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In
+ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe
+des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange
+desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den
+Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in
+ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen
+dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch
+führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen,
+verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die
+Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich
+darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert
+Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium
+des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete
+Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im
+einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen
+anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen
+Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß
+diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger
+sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«,
+aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung
+aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder
+»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und
+Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den
+übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die
+jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät
+erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische
+Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei
+den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der
+übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten
+histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=.
+
+_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt
+sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den
+charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese
+höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer
+natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er
+faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné=
+zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen
+Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=«
+(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die
+Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine
+vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den
+Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen
+überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und
+Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und
+einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar
+im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe
+Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
+Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale
+Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von
+diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden
+Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und
+Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die
+charakteristische Zusammensetzung dieselbe.
+
+Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe
+unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen:
+überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und
+die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und
+Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert,
+entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen.
+So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von
+denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter
+dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer
+ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz«
+ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das
+Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere.
+Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige
+Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder
+»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der
+Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die
+besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen
+anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=.
+
+_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler=
+(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren,
+blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei
+Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem
+=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen
+eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst
+der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den
+Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus
+einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme«
+des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben
+typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich
+vierfüßigen Tiere.
+
+Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den
+vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich
+davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders
+oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu
+vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und
+hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt
+ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste
+Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen
+enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das
+zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn
+Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir
+dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht
+uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden,
+kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert
+sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
+Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel,
+~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei
+Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß
+und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese
+zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig
+gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden
+sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die
+Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese
+wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst.
+Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie
+der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige
+Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der
+Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse
+oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden
+ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das
+Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden
+aus der älteren Schädelform der Fische ab.
+
+Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei
+den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der
+Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim
+Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich
+ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder,
+der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe
+geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen
+Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=.
+
+_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden
+die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind
+zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der
+=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen
+anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen
+Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut
+hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen
+und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der
+Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders
+charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«.
+Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus
+den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten
+der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
+»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter
+saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz
+eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche
+bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich
+abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung.
+Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der
+=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates
+(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn,
+das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren
+Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den
+Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau;
+diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung
+derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin,
+welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen
+diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=.
+
+_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche
+die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere
+unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen
+geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~.
+=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~)
+und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen
+unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues
+und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen
+=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden.
+Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in
+der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der
+Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse
+gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle
+die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von
+den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden.
+In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der
+Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen=
+(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch
+eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es
+besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der
+Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut
+des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte
+Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die
+ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch
+in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst
+spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen
+längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden
+Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der
+Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische
+Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den
+Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die
+letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein
+echtes Zottentier=.
+
+_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der
+Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen=
+geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir
+hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur
+Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen
+der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen
+dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten
+überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen
+der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus,
+welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt
+sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich
+zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen
+entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist
+vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne,
+Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige
+Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns
+unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und
+zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der
+Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen
+Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der
+übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.=
+
+_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung
+des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst
+entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen=
+(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen
+in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als
+die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist
+noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;
+bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig
+verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem
+nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am
+Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne
+Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch
+gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den
+Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und
+verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders
+der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel
+besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen
+Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem
+Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders
+auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle
+anatomischen Merkmale der echten Affen=.
+
+_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen
+wurde schon 1812 von =Géoffroy= in zwei natürliche Unterordnungen
+geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie
+angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen
+ausschließlich die westliche, letztere die östliche Erdhälfte. Die
+amerikanischen =Westaffen= heißen »=Plattnasen=« (~Platyrrhinae~),
+weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher seitlich gerichtet und
+deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche
+die Alte Welt bewohnen, sämtlich »=Schmalnasen=« (~Catarrhinae~);
+ihre Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da
+ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen
+besteht darin, daß das Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich,
+dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt;
+hier hat sich ein langer und enger knöcherner Gehörgang entwickelt,
+während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst
+ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender
+Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung
+des Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne
+(in jeder Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und
+3 Mahlzähne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte
+einen Lückenzahn mehr, also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen
+Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind,
+und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten
+Hemisphären der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die
+Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knüpft
+sich daran die phylogenetische Folgerung, daß seit sehr langer
+Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und östlichen
+Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für die
+Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch
+teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus älteren
+ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.
+
+_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen,
+welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit
+langer Zeit in zwei natürliche Sektionen geteilt: die geschwänzten
+=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen=
+(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel näher
+als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der
+allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern auch
+durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer
+Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen,
+wie beim Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt,
+dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln.
+Im Gebiß der =Cynopitheken= sind die Lückenzähne länger als breit,
+in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste
+Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf
+Höcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie
+beim Menschen, der äußere Schneidezahn breiter als der innere, bei den
+Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von besonderer Bedeutung
+die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem Menschen auch die
+eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner scheibenförmigen
+~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen
+(vergl. Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung
+der Körperform der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl
+die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als
+die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen
+im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche Hundsaffen. Unter
+diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen =Papstaffen=
+(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen
+Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen
+Papstaffen und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder
+Beziehung größer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.
+
+Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und
+kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des
+Menschen und der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich,
+sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben
+200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden
+unser inneres Knochengerüst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere
+Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen
+von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns
+zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres
+Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen Anordnung
+unser Gebiß zusammen; dieselben Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen
+vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung
+ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.
+
+Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in
+der =Größe= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und
+Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken
+wir auch bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen
+Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen
+Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen,
+welche ganz genau dieselbe Größe und Form der Nase, der Ohren, der
+Augen usw. haben. Man braucht bloß aufmerksam in einer größeren
+Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung=
+bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen
+Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu überzeugen. Oft sind
+ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung,
+daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich
+erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeinträchtigen aber
+nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Körperbau=; denn
+sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der
+einzelnen Teile.
+
+
+
+
+=Drittes Kapitel.=
+
+_Unser Leben._
+
+ Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.
+ Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der
+ Säugetiere.
+
+
+Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19.
+Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen =Wissenschaft=
+erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die =Physiologie=,
+hat sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja
+notwendige Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar
+gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom
+Körperbau. Aber sie konnte erst viel später und langsamer als letztere
+gründlich erforscht werden, da sie auf viel größere Schwierigkeiten
+stieß.
+
+Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon
+sehr frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete
+am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von
+eigentümlichen Veränderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den
+»toten« Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen,
+Atemzüge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen
+Bewegungen« von ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern
+war nicht leicht und oft verfehlt; das fließende Wasser, die
+flackernde Flamme, der wehende Wind, der stürzende Fels zeigten dem
+Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es war sehr natürlich, daß
+der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein selbständiges
+Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den
+letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den
+ersteren.
+
+_Menschliche Physiologie._ Die ältesten wissenschaftlichen
+Betrachtungen über das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen
+wir (ebenso wie diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den
+griechischen Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften
+Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezüglichen, damals
+bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=.
+
+Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und
+den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben,
+gebührt dem großen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den
+ersten großen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen
+Untersuchungen über die =Organe= des menschlichen Körpers stellte
+er sich beständig auch die Frage nach ihren Lebenstätigkeiten oder
+=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte
+vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen,
+die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte
+auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei
+Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene
+interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht
+nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von
+wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen
+vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu
+den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns
+unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.
+
+Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine
+Physiologie das System des =Galenus= während des langen Zeitraums
+von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse.
+Der kulturfeindliche Einfluß des Christentums bereitete auch auf
+diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die
+unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten
+Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt hätte,
+selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen
+und über das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16.
+Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen
+Ärzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte
+der englische Arzt =Harvey= seine große Entdeckung des =Blutkreislaufs=
+und wies nach, daß das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch
+regelmäßige, unbewußte Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle
+unablässig durch das kommunizierende Röhrensystem der Adern oder
+Blutgefäße treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen
+über die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berühmten Satz
+aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei« (~omne
+vivum ex ovo~).
+
+Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,
+welche =Harvey= gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert
+zu einer großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte
+=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male
+zusammen; in seinem großen Werke »~Elementa physiologiae~« begründete
+er den selbständigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer
+Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= für die
+Nerventätigkeit eine besondere »Empfindungskraft oder Sensibilität«
+und ebenso für die Muskelbewegung eine besondere »Reizbarkeit oder
+Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er mächtige Stützen für die
+irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen »=Lebenskraft=«.
+
+_Lebenskraft (Vitalismus)._ Über ein volles Jahrhundert hindurch,
+von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in
+der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung
+herrschend, daß zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische
+und chemische Vorgänge zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil
+derselben durch eine besondere, davon unabhängige =Lebenskraft=
+(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die
+besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem
+Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so stimmten doch alle
+darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen
+Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich
+verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur
+fehlende »=Urkraft=« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen.
+Nicht allein die Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven
+und die Irritabilität der Muskeln, sondern auch die Vorgänge der
+Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen
+allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rätselhaft, daß
+es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische
+Naturprozesse zurückzuführen.
+
+_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in
+der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph
+=Descartes=, fußend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den
+Gedanken ausgesprochen, daß der Körper des Menschen ebenso wie der
+Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und daß ihre Bewegungen nach
+denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom
+Menschen für einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings
+nahm =Descartes= trotzdem für den Menschen allein eine vollkommene
+Selbständigkeit der immateriellen Seele an und erklärte sogar deren
+subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in der Welt, von
+dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»~Cogito, ergo
+sum~!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die
+Erkenntnis der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im
+Anschluß daran führte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkörpers
+auf rein physikalische Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte
+=Sylvius=, die Vorgänge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische
+Prozesse zu erklären. Allein diese vernünftigen Ansätze zu einer
+naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten
+keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des
+18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich der Vitalismus
+entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und Rückkehr
+zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19.
+Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer
+Geltung erhob.
+
+_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau
+des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit
+ursprünglich größtenteils nicht durch direkte Beobachtung
+am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den
+nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor allem den =Säugetieren=.
+Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«, welche das ganze
+Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum
+Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft
+des 19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war =Johannes Müller= in
+Berlin (1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und
+Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der
+höheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem
+er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden,
+den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem
+er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens
+zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten
+Höhe der biologischen Erkenntnis.
+
+Allerdings war =Müller= ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner
+Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm
+bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr
+prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war
+=Müller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären;
+seine reformierte Lebenskraft steht nicht über den physikalischen
+und chemischen Gesetzen der übrigen Natur, sondern sie ist streng
+an dieselben =gebunden=; sie ist schließlich weiter nichts als das
+»=Leben=« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die
+wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt,
+dieselben mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in
+der Tätigkeit der Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der
+Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und
+Entwickelung. Die größten Fortschritte führte hier =Müller= dadurch
+herbei, daß er überall von den einfachsten Lebenserscheinungen der
+niederen Tiere ausging und Schritt für Schritt ihre allmähliche
+Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum Menschen, hinauf
+verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der =kritischen
+Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.
+
+_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schülern von =Johannes
+Müller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem
+Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer
+der glücklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker
+=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der
+Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers
+als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes
+Müller= sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen
+Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des
+Tierkörpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und
+veranlaßte sodann seinen Schüler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle
+tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe löste der
+letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen Untersuchungen über
+die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und
+Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die =Zellentheorie=
+gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für die Anatomie
+seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewährt
+hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer
+Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden müsse,
+führten namentlich zwei andere Schüler von =Johannes Müller= aus,
+der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brücke= in Wien und der berühmte
+Histologe =Albert Kölliker= in Würzburg. Der erstere bezeichnete die
+Zellen richtig als »=Elementar-Organismen=« und zeigte, daß sie ebenso
+im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen
+Faktoren des Lebens sind. =Kölliker= erwarb sich besondere Verdienste
+nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch
+durch den Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden
+»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.
+
+So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für
+alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die
+darauf gegründete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit
+selbständig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein
+doppeltes Verdienst erworben. In seinen »Psychophysiologischen
+Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher
+experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir (1866)
+aufgestellte »=Theorie der Zellseele=« durch das genaue Studium der
+einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die
+psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die
+chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben
+der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf
+die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in
+seiner »Allgemeinen Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht
+zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes
+Müller= zurück, im Gegensatze zu den einseitigen und beschränkten
+Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschließlich
+durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der
+Lebenserscheinungen ergründen zu können. =Verworn= zeigte, daß nur
+durch die =vergleichende= Methode =Müllers= und durch das Vertiefen in
+die Physiologie der =Zelle= jener höhere Standpunkt gewonnen werden
+kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle
+Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen
+wir zu der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des
+Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie
+diejenigen aller anderen Tiere.
+
+_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie
+für alle Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des
+19. Jahrhunderts nicht allein in den großartigen Fortschritten der
+gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der
+totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermöge
+ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die größte
+Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre.
+Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen Lebewesen
+=Natur=erscheinungen sind und also gleich den übrigen Lebensfunktionen
+nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja schon vielen
+älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten schon im
+17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die
+Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische
+Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand
+der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser
+berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die
+das Wesen der Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen
+suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.
+
+Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schüler
+von =Johannes Müller=, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie
+vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er
+suchte in den feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus
+ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener gröberen
+Veränderungen, welche als bestimmte »Krankheitsbilder« den lebenden
+Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders während der sieben
+Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte =Virchow=
+diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch, daß seine
+=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und
+die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare
+Bahnen lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin
+deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein
+wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke
+Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen
+Gesetzen«, wie die ganze übrige organische Welt.
+
+_Physiologie der Säugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen,
+welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Säugetiere=
+nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer
+Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch
+seinem ganzen Körperbau nach zur Klasse der Säugetiere gehört, muß
+er auch den besonderen Charakter seiner Lebenstätigkeiten mit den
+übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen
+sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben
+eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren zukommt;
+sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und
+ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der
+linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt,
+während dies bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien
+durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet
+sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus
+ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen
+werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell=
+vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollständige Scheidewand
+zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet. Ganz besonders wichtig aber
+ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch
+in den Brustdrüsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege,
+welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich
+bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der
+eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere
+aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat,
+erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In
+Millionen von Bildern, zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges,
+wird »=die Madonna= mit dem Christuskinde« verherrlicht als das reinste
+und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen
+extremste Form die übertriebene Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.
+
+_Physiologie der Affen._ Da unter allen Säugetieren die Affen
+im gesamten Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt
+sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren
+Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr
+die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das
+Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen
+nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist
+dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger
+bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die
+Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung
+ist besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei
+vielen Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter
+erleiden, entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des
+menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und
+das Säugegeschäft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie
+bei den Frauen.
+
+Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die =Lautsprache
+der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten
+menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden
+Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der
+~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und
+klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den unbefangenen
+Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß
+unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus
+der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.
+
+
+
+
+=Viertes Kapitel.=
+
+_Unsere Keimesgeschichte._
+
+ Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie.
+ Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und
+ der Wirbeltiere.
+
+
+In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie
+ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des
+Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts.
+Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den
+Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere
+Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist
+beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe
+=Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der
+geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst
+1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den
+Schlüssel, mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen
+können. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden
+Verhältnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile
+der Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen
+Darstellung unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze
+Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen
+dabei zunächst einen historischen Rückblick auf die ältere =Ontogenie=
+werfen.
+
+_Präformationslehre._ =Ältere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2.
+Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie,
+so sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des
+=Aristoteles=, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die
+älteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v.
+Chr.). Nicht allein in seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in
+einer besonderen kleinen Schrift: »Fünf Bücher von der Zeugung und
+Entwickelung der Tiere« erzählt uns der große Philosoph eine Menge
+von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen über deren
+Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung
+gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natürlich
+sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von
+der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres
+bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden
+machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte.
+Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit
+zu beschäftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente=
+veröffentlichte 1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von
+Embryonen des Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte
+=Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie
+in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der
+Entstehung des Hühnchens im bebrüteten Ei.
+
+Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht,
+daß im Ei der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der
+ganze Körper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur
+in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht
+erkennen könne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als
+Wachstum oder »=Auswickelung=« (~Evolutio~) der eingewickelten Teile.
+Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast
+allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre
+oder =Präformationstheorie=.
+
+=Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der
+Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie,
+welche die denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare
+»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage
+des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte
+auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden
+Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier
+der nächstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der
+berühmte Physiologe =Haller=, daß der liebe Gott vor 6000 Jahren --
+am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes -- die Keime von 200 000
+Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der
+ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein
+Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schloß sich
+diesen Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre;
+und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher
+Gemeinschaft befinden, übertrug er sie auch auf die Seele; -- »die
+Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit
+dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Körper
+existiert«.
+
+_Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein
+junger, 26jähriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine
+Doktordissertation unter dem Titel: ~»Theoria generationis«~.
+Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen
+wies er nach, daß die ganze herrschende Präformationstheorie falsch
+sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine Spur vom späteren
+Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt
+dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine,
+kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »=Keimscheibe=« wird länglich
+rund und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die
+Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das
+Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das
+Gefäßsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt
+Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung
+vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=,
+einer wahren ~»Epigenesis«~; ein Teil entsteht nach dem andern,
+und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der
+später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch
+eine Reihe der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große
+Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten
+Tatsachen hätte bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete
+»=Theorie der Generation=« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine
+nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch
+nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige
+Autorität von =Haller=, der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma:
+»Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkörper ist vor dem anderen
+gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen.« =Wolff=, der nach
+Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als die vergessenen, von
+ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue
+entdeckt und richtig gedeutet wurden.
+
+_Keimblätterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie=
+von =Wolff= bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland
+mehrere junge Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere
+Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst
+Baer=; sein berühmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel:
+»Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion«. Nicht
+allein sind darin die Vorgänge der Keimbildung ausgezeichnet klar
+und vollständig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle
+Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen Schichten, welche
+in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst auftreten,
+zerfallen nach =Baer= zunächst in je zwei =Blätter=, und diese vier
+Keimblätter verwandeln sich in vier =Röhren=. Durch sehr verwickelte
+Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar
+bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher
+Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der
+wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen,
+wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten,
+die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827),
+daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den »Graafschen Follikeln«,
+eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von nur 0,2 mm
+Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit
+bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen
+Eizelle der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase
+entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne
+Keimhaut bildet.
+
+_Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie
+durch seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand
+für dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der
+=Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die
+daraus entstehenden Keimblätter zu den Geweben und Zellen, welche den
+entwickelten Tierkörper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung
+dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts
+zwei Schülern von =Johannes Müller=: =Robert Remak= und =Albert
+Kölliker=. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich nichts anderes ist
+als eine einfache =Zelle=, und daß auch die zahlreichen Keimkörper oder
+»Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen,
+einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich
+zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder
+Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Kölliker= erwarb
+sich das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der
+männlichen Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen
+nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen«
+(~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentümliche
+»=Geißelzellen=«, wie ich (1866) zuerst an den Samenfäden der Schwämme
+nachgewiesen habe. Damit war für =beide= wichtige Zeugungsstoffe der
+Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, daß auch
+sie der Zellentheorie sich fügen.
+
+_Gasträatheorie._ Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen
+den Menschen und die höheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den
+Vogelkeim: denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür
+und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in
+der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrüten und dabei stündlich die
+ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen
+Vogelkörper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur
+für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die Übereinstimmung in
+der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in der Entstehung
+der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können. Dagegen in den
+zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der großen Mehrzahl
+der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise
+abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu
+fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei
+einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Kölliker= 1844 bei den
+Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig
+wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), daß das niederste
+Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben,
+und zwar in einer sehr ursprünglichen Weise entwickelt wie ein
+wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide=
+oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Würmern, Sterntieren und
+Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung der Keimblätter
+nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte
+der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschäftigt, und da
+ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere überall
+dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu
+der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen
+Tierreiche derselbe ist.
+
+Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den
+Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen)
+der Körper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei
+einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei
+den Medusen mit den beiden primären Keimblättern der Wirbeltiere
+verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen,
+stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme« die
+»=Gasträatheorie=« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind:
+~I~. Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene
+Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die
+vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus
+der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener
+ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~).
+~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten
+Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche
+=Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche
+=Keimblätter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz
+fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunächst nur =zwei=
+primäre Keimblätter, die überall dieselbe wesentliche Bedeutung haben:
+aus dem äußeren =Hautblatt= entwickelt sich die äußere Hautdecke und
+das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal
+und alle übrigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche überall zunächst
+aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen
+beiden primären Keimblättern besteht, ist die =Darmlarve= oder der
+Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper
+umschließt ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den =Urdarm=,
+und dessen einfache Öffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ältesten
+Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten
+seiner Wand sind seine ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe
+sind erst später (sekundär) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser
+Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in sämtlichen Stämmen und
+Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den
+Schluß, daß =alle Metazoen ursprünglich von einer gemeinsamen Stammform
+abstammen, Gasträa=, und daß diese uralte, längst ausgestorbene
+Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der
+heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besaß. ~VII~. Dieser
+phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen
+Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne
+=Gasträaden= existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme,
+deren Organisation sich nur sehr wenig über diese letzteren erhebt.
+~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere
+aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden:
+Die älteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine
+Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei
+den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren
+=Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle
+und meistens auch Blut und After; dahin gehören die =Wurmtiere=
+(~Vermalia~) und die höheren typischen Tierstämme, welche sich aus
+diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere,
+Manteltiere und Wirbeltiere.
+
+_Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist,
+wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese
+kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe
+charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig
+gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien=
+oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen, fadenförmigen
+Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des
+schleimartigen =männlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden
+früher wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »=Samentierchen=«
+(~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen
+Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrüse= ist dieselbe beim
+Menschen und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock
+des Weibes, als die Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes
+entstehen überall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die
+Leibeshöhle auskleidet.
+
+_Empfängnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben
+eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment,
+in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick,
+in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und
+zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue
+Zelle, die »befruchtete Eizelle«, ist die individuelle =Stammzelle=
+(~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimblätter
+und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle,
+also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz
+der Person,= des selbständigen Einzelwesens. Diese ontogenetische
+Tatsache ist =überaus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich
+die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die
+klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren,
+alle persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von
+seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin
+die inhaltschwere Überzeugung, daß die neue, so entstandene Person
+unmöglich Anspruch haben kann, »=unsterblich=« zu sein.
+
+Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen
+Zeugung überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind
+uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige
+wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der
+beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher
+Geißelzellen, welche die weibliche Eizelle umschwärmen, dringt nur
+eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die Kerne beider Zellen, der
+Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine
+neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich
+vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die
+mütterlichen Charakterzüge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das
+Kind entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den
+geistigen Eigenschaften.
+
+_Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimblätter durch
+wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula
+und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim
+Menschen genau so wie bei den übrigen höheren Säugetieren, unter
+denselben eigentümlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor
+den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform
+der =Chordula= oder »Chordalarve«, die zunächst aus der Gastrula
+entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche
+Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der
+Länge nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen
+Körpers (des »Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus
+dem äußeren Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann
+erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab,
+die Ketten der »Urwirbel«, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen
+die Gliederung des Wirbeltierkörpers beginnt. Vorn am Darm treten
+beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch
+welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene
+Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In zäher
+=Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen,
+im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim
+Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden
+später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die
+Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die
+Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus
+dem fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung
+derjenigen anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht
+unterscheiden kann.
+
+_Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche Übereinstimmung in
+der äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des
+Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode
+zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr
+lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten
+Schlüsse ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als
+die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn
+wir sehen, daß in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen
+und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des
+Schafes zwar als höhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu
+unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame
+Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um so sicherer,
+wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener
+Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten
+Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen
+ähnlich, und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden
+Gruppe zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen
+die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch
+höchst ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher
+ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar
+sind.
+
+_Die Keimhüllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen
+Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen
+selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es
+zeichnen sich nämlich alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen,
+Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor den niederen Klassen durch die
+Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut)
+und des ~Serolemma~ (seröse Haut). In diesen mit Wasser gefüllten
+Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und
+Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich
+erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die
+gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollständig an das
+Landleben sich anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien,
+=fehlt= diese Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war
+bei diesen Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser
+Schutzhüllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen
+in engem Zusammenhang, erstens der gänzliche Verlust der Kiemen
+(während die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als »rudimentäre
+Organe« sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=.
+Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack wächst bei dem Embryo
+aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als
+die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten
+und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der
+Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich
+spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des
+Embryo, indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten.
+Sowohl die Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht
+beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch
+dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein
+echtes Amniontier.=
+
+_Die Placenta des Menschen._ Die Ernährung des menschlichen
+Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst
+blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder
+Blutgefäßkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und
+als sogenannte »Nachgeburt« ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei
+wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen
+Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mütterlichen Gefäßkuchen.
+Dieser letztere enthält reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut
+durch die Gefäße der Gebärmutter zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen
+dagegen wird aus zahlreichen verästelten Zotten gebildet, welche von
+der Außenfläche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut
+von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen, blutgefüllten Zotten
+des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des Mutterkuchens hinein,
+und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdünnt, daß
+durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernährenden
+Blutflüssigkeit erfolgen kann.
+
+In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des
+Mutterkuchens wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die
+erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, daß gerade die
+=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen
+gewisse Eigentümlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam
+haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt
+sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: »Die
+Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer
+als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen.« Die
+angeblichen »Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen
+und der Affen« ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatsächlichen
+Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Gründe =zugunsten=
+derselben.
+
+Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber
+höchst interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt,
+und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen
+Säugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten
+Lichtträger für das Verständnis unserer Stammesgeschichte
+finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als
+Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen
+unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)
+Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen
+Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem
+der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe
+=Stammverwandtschaft mit den Primaten=.
+
+
+
+
+=Fünftes Kapitel.=
+
+_Unsere Stammesgeschichte._
+
+ Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen von den
+ Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren.
+
+
+Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie
+ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder
+=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel
+größeren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die
+Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis
+der geheimnisvollen Vorgänge, durch welche sich die organischen
+=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei
+entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und
+schwierigere Frage zu beantworten: »Wie sind die organischen =Spezies=
+entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?«
+
+Die =Ontogenie= konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe
+zunächst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten;
+sie brauchte nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren
+Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer
+Zeit während der Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger
+war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen
+Prozesse der allmählichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und
+Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe
+von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung
+ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der weitaus größte Teil
+dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen werden:
+durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr
+verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie
+und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches
+der natürlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der
+»Schöpfungsgeschichte« mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen
+bereitet wurde; es ist daher begreiflich, daß die wissenschaftliche
+Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mühen und
+schweren Kämpfen errungen und gesichert werden mußte.
+
+_Mythische Schöpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche
+bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems
+von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem
+mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken.
+Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien
+und zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos.
+Die mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen
+älteren Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des
+Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum,
+welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm.
+Da die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen
+Religionsgebäudes galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem
+ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der
+große schwedische Naturforscher =Carl Linné=, als er 1735 in seinem
+grundlegenden »~Systema Naturae~« den ersten Versuch zu einer
+systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzähligen
+verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes, praktisches
+Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung ein;
+jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen
+Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran.
+In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nächstverwandten =Arten=
+(~Species~) zusammengestellt.
+
+Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische
+=Dogma=, welches schon von =Linné= selbst mit seinem praktischen
+Speziesbegriffe verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem
+denkenden Systematiker aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach
+dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang
+desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in
+naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gültigen Mosaischen
+Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange
+vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind«.
+Mit diesem Dogma war jede natürliche Erklärung der Artentstehung
+abgeschnitten. =Linné= kannte nur die gegenwärtig existierende Tier- und
+Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren
+ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der Erdgeschichte
+unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben.
+
+Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch
+=Cuvier= näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die
+fossilen Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue
+Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich
+wies er nach, daß in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine
+Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt
+war. Da nun =Cuvier= hartnäckig an =Linnés= Lehre von der absoluten
+Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur
+durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von großen
+Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der Erdgeschichte
+auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution sollten
+alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue
+Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie
+von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten
+Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und
+blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend.
+
+_Transformismus._ =Goethe.= Daß die herrschenden Vorstellungen
+von der absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der
+organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten,
+ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten
+Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister
+mit Versuchen beschäftigt, zu einer naturgemäßen Lösung des großen
+»Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen voran war unser größter Dichter
+und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljährigen und eifrigen
+morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der
+klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen
+und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen natürlichen Ursprungs
+gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der Pflanzen« (1790)
+leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer Urpflanze
+ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem
+Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen,
+daß die Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des
+Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen
+zusammengesetzt seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als
+umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien über vergleichende
+Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen Überzeugung von der Einheit
+der Organisation geführt; er hatte erkannt, daß das Knochengerüst
+des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller
+übrigen Wirbeltiere -- »geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen
+sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und
+sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« --. Diese
+Umbildung oder Transformation läßt =Goethe= durch die beständige
+Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer
+inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«,
+und einer äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee
+der Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=,
+letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch
+diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung
+organischer Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern
+er demnach als der bedeutendste Vorläufer von =Darwin= und =Lamarck=
+betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner
+Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natürlichen
+Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage über
+»Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck=« (Eisenach
+1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese naturgemäßen
+Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie ähnliche Vorstellungen von
+=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne
+des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse allgemeine Überzeugungen
+hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen die »natürliche
+Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des
+=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=.
+
+_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den
+ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des
+Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große
+französische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner
+seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen
+»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen
+über die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die
+er dann 1809 in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der
+~Philosophie zoologique~, eingehend begründete. Hier führte =Lamarck=
+zum ersten Male -- gegenüber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den
+richtigen Gedanken aus, daß die organische »=Art= oder =Spezies=« eine
+=künstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso
+wie die übergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und
+Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten veränderlich und im Laufe
+sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch Umbildung entstanden
+seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen,
+waren ursprünglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten
+und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während durch =Vererbung= der
+Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch =Anpassung=, durch
+Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich umgebildet. Auch
+unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche Weise durch
+Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren entstanden. Für
+all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der Natur
+und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschließlich =mechanische=,
+physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an.
+Sein Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem
+auf Grund der Entwickelungslehre.
+
+Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die
+Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen,
+alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert
+und einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen
+vermochte =Lamarck= gegenüber der konservativen Autorität seines
+großen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre
+später sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Géoffroy St. Hilaire=. Die
+berühmten Kämpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der
+Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem
+vollständigen Siege des letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu
+jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Fülle von
+interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie
+und Physiologie, die Begründung der Zellentheorie und die Fortschritte
+der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen
+Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber die schwierige
+und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde.
+Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst
+nachdem der große englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in
+seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie
+von =Cuvier= widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten
+einen natürlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen
+hatte, fand sein einfaches Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf
+die organische Natur. Die Anfänge der natürlichen Phylogenie, welche
+in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die
+Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche 50 Jahre früher (1759)
+=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben
+hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert, ehe die
+bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende
+Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lösung des
+Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den
+reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen
+glücklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als
+seinen bedeutendsten Vorgänger, wieder zu besinnen.
+
+_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von
+=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen
+großen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen
+Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden
+Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berühmten Hauptwerk:
+Ȇber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch
+natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im
+Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden Anatomie
+und Physiologie durch =Johannes Müller= der ganzen Biologie eine
+neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der
+Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie
+durch =Baer=, die Begründung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer=
+und =Helmholtz= wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine
+von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes
+menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie =Darwins=
+Theorie von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das
+mystische »=Schöpfungsproblem=« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere
+»Frage aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der
+Entstehung des Menschen selbst.
+
+Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so
+finden wir bei =Lamarck= überwiegende Neigung zur =Deduktion= und
+zum Entwurfe eines vollständigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen
+vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemühen,
+die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und
+Experiment möglichst sicher zu begründen. Während der französische
+Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit
+überschritt und eigentlich das Programm der zukünftigen Forschung
+entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den großen
+Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von empirischen
+Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich angehäuft
+hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von =Darwin= ebenso
+überwältigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin=
+hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse
+der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen
+Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich
+zu erklären, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip=
+jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt
+hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen
+der künstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande
+anwendete und in dem »=Kampf ums Dasein=« das auslesende Prinzip
+der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle
+Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=.
+
+_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und
+wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte,
+erschien als eine der nächsten die Reform des zoologischen und
+botanischen =Systems=. Wenn die unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht
+durch übernatürliche Wunder »erschaffen«, sondern durch natürliche
+Umbildung »entwickelt« waren, so ergab sich das »=natürliche System=«
+derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in
+diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner
+»=Generellen Morphologie der Organismen=«. Bis dahin hatte man unter
+»=Entwickelungsgeschichte=« sowohl in der Zoologie als in der Botanik
+ausschließlich diejenige der organischen =Individuen= verstanden.
+Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser =Keimesgeschichte=
+(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener
+Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenüberstehe. Beide
+Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im
+engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung
+der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und
+umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gültigen »=Biogenetischen
+Grundgesetz=«.
+
+_Natürliche Schöpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der
+»Generellen Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer
+streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen
+sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich,
+den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populär
+gehaltenen Werke einem größeren, gebildeten Leserkreise zugänglich zu
+machen. Dies geschah 1868 in der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte«
+(Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die
+Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und
+Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen
+Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging
+umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über
+dieselbe hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel
+dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre
+in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen
+Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natürlichen Systems,
+dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die
+ausführliche, dort vermißte Begründung des phylogenetischen Systems
+später in einem größeren Werke nachgeholt, in der »=Systematischen
+Phylogenie=« (Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf
+Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894)
+behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen
+Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbäume= der
+kleineren und größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es
+mir meine Kenntnis der drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der
+Paläontologie, Ontogenie und Morphologie.
+
+_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, ursächlichen Zusammenhang,
+welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen
+Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen
+Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus
+hervorgehoben und einen präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen
+von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung«
+gegeben: »=Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation
+der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der
+Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernährung)«. Schon =Darwin=
+hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie für die Erklärung der
+Embryologie betont, und =Fritz Müller= hatte dieselbe (1864) an dem
+Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in
+der geistvollen kleinen Schrift: »=Für Darwin=« (1864). Ich selbst
+habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes
+Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen
+versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in
+den »Studien zur Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte
+Lehre von der Homologie der Keimblätter, sowie von den Verhältnissen
+der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_
+(=Störungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer
+Zoologen bestätigt worden; durch sie ist es möglich geworden, die
+natürlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte
+der Tiere nachzuweisen; für ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus
+die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprünglichen Stammform.
+
+_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begründer der
+Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie
+allgemeine Geltung besitze, und daß also auch der =Mensch=, als das
+höchst entwickelte Säugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei,
+wie alle anderen Säugetiere, und diese weiter hinauf von demselben
+älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen Wirbeltiere. Er hatte
+auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die =Abstammung
+des Menschen vom Affen=, als dem nächstverwandten Säugetiere,
+wissenschaftlich erklärt werden könne. =Darwin=, der naturgemäß zu
+derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859)
+über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg
+und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die
+Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich
+ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863)
+jenen wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig
+erörtert in seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für
+die Stellung des Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden
+Anatomie und Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie
+zeigte =Huxley=, daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine
+notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere
+wissenschaftliche Erklärung von der Entstehung des Menschengeschlechts
+überhaupt nicht gegeben werden könne.
+
+Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die
+schwierige Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-=Ahnen
+des Menschen= in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange
+Reihe der älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen
+der Erdgeschichte gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich
+entwickelt hatten. Die hypothetische Lösung dieser großen historischen
+Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht;
+weiter ausgeführt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie=
+(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die
+fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthält diejenige
+Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem
+gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele
+der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten nähert;
+ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die
+=Paläontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende
+Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen.
+Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen
+durch spätere phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und
+berichtigt werden; aber eben so sicher steht für mich die Überzeugung,
+daß der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte
+im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische
+Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollständig
+der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende
+Anatomie und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die
+devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen
+Reptilien und die mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen
+wiederum zunächst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere
+(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und
+darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von
+diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit
+die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten
+Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen
+(~Cynopitheken~), später die Menschenaffen (~Anthropomorphen~);
+aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit der
+sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und
+aus diesem endlich der sprechende Mensch.
+
+Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer
+=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen
+zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Körpern kennen
+wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier
+keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden
+der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim
+denselben ~Chordula~-Zustand durchläuft wie der Embryo aller anderen
+Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer ~Gastrula~
+entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf
+die frühere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~,
+~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache,
+daß auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen
+Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn
+diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die »befruchtete Eizelle« -- weist
+zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes
+=Protozoon=.
+
+Für unsere =monistische Philosophie= ist es übrigens zunächst ziemlich
+gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren
+noch sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als =sichere
+historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der
+=Mensch zunächst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe
+niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich
+schon 1866 im siebenten Buche der »Generellen =Morphologie«= betont
+(S. 427): »Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren,
+und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller
+Deduktionsschluß, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der
+Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.«
+
+Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und
+Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =paläontologischen
+Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns
+die überraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren
+der Tertiärzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser
+wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen
+bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzügen klarzulegen. Die vier
+Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der
+Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch
+tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen
+als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber
+vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen
+gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren
+vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der
+ältesten Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse
+der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch
+eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden »Urzottentieren«
+vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere
+jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß wir
+sie vernünftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben
+deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung
+des Knochengerüstes und dasselbe =typische Gebiß= der ursprünglichen
+Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe
+Größe und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle
+kurze Beine und fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten.
+Bei manchen dieser ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs
+zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den
+Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nähern sich hier
+unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen Legionen der
+Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus
+einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der
+vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe
+von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen.
+
+Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen,
+welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben,
+betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere
+(~Primates~). Früher waren versteinerte Reste derselben äußerst
+selten. Noch =Cuvier=, der große Gründer der Paläontologie, behauptete
+bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von Primaten
+gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen
+(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten.
+In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte
+Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden;
+darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine
+zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen bis zum Menschen
+hinauf darstellen.
+
+Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist
+=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der holländische
+Militärarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene
+~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte
+»~Missing link~«, das angeblich »fehlende Glied« in der
+Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum
+höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung,
+welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich erörtert in dem
+Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen«,
+welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen
+Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher
+die Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt,
+wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen
+Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach
+ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten
+unter Verhältnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres
+Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen
+von Java ist also auch von seiten der =Paläontologie= die »Abstammung
+des Menschen vom Affen« ebenso klar und sicher bewiesen, wie es früher
+schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie=
+geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden
+unserer Stammesgeschichte.
+
+=Zusatz= (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der
+Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs
+Strecken verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in
+meiner Festschrift über: »Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~)«.
+Jena 1908.
+
+
+
+
+=Sechstes Kapitel.=
+
+_Das Wesen der Seele._
+
+ Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden
+ der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen.
+
+
+Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des
+=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind
+unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und
+interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten.
+Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da
+mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige
+Erkenntnis der =»Psyche«= zur Voraussetzung hat, so kann man die
+=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als
+das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften
+ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der
+Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie.
+
+Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun
+aber darin, daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des
+menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als
+des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der
+sogenannten »Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen
+Grundlagen der Psyche nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis,
+und so erklärt sich die bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen
+Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen über
+ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in
+der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so
+fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte der
+Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen
+des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.
+
+_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner Überzeugung ist das, was
+man die =»Seele«= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich
+betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft
+-- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge muß ich von vornherein
+betonen, daß wir für dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen
+können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster
+Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die
+=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische
+=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlüsse möglichst
+dem unbekannten »=Wesen=« der Erscheinung sich zu nähern sucht. Mit
+Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen wir zunächst
+gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen
+Ansicht scharf ins Auge fassen.
+
+_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des
+Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als
+zwei verschiedene =»Wesen«=. Diese beiden Wesen können unabhängig
+voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden.
+Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen,
+chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem
+erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches,
+=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rätselhafte
+Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung ist
+als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im
+gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und
+=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Kräften,
+welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf
+der Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt«
+existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts
+wissen und unserer Natur nach nichts wissen können.
+
+Diese hypothetische »=Geisteswelt=«, die von der materiellen Körperwelt
+ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche
+Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein
+Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen,
+eng mit ihr verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«,
+dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders
+dartun müssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise
+herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten
+die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen
+sein; diese einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen
+Grundgesetze müßte aber erst sehr spät im Laufe der organischen
+Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die »Seele« des Menschen und
+der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des »freien Willens«, ein
+anderes wesentliches Stück der dualistischen Psychologie, ist mit dem
+Substanzgesetze ganz unvereinbar.
+
+_Monistische Psychologie._ Unsere natürliche Auffassung
+des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von
+Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes
+materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis
+aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist,
+vorläufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie
+durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist,
+welcher zur Gruppe der =Plasmakörper= gehört, d. h. jener eiweißartigen
+Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde
+liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und
+Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung
+das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung
+ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich
+=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche
+Erfahrung hat uns noch keine Kräfte kennen gelehrt, welche der
+materiellen Grundlage entbehren, und keine »geistige Welt«, welche
+außer der Natur und über der Natur stünde.
+
+Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des
+Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen;
+es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten
+kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen
+Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen --
+aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit,
+ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach
+Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im =Plasma=
+ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche
+teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurückzuführen sind.
+Aber ganz dasselbe müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten
+der höheren Tiere und des Menschen behaupten, für die Bildung der
+Vorstellungen und Begriffe, für die wunderbaren Phänomene der Vernunft
+und des Bewußtseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen
+entwickelt, und nur der höhere Grad der Zentralisation, durch innige
+und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu
+dieser erstaunlichen Höhe.
+
+_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als
+erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den
+sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung
+dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese
+Tatsache ist um so merkwürdiger, als die =Logik=, die Lehre von der
+Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir
+alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der Seelenkunde von
+den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt
+worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten
+Ansichten. Was ist denn eigentlich die »=Seele=«? Wie verhält sie sich
+zum »=Geist=«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »=Bewußtsein=«?
+Wie unterscheiden sich »=Empfindung=« und »=Gefühl=«? Was ist
+der »=Instinkt=«? Wie verhält sich der »=freie Wille=«? Was ist
+»=Vorstellung=«? Welcher Unterschied besteht zwischen »=Verstand= und
+=Vernunft=«? Und was ist eigentlich »=Gemüt=«? Welche Beziehung besteht
+zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem =Körper=«? Die
+Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschließenden Fragen
+lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die Ansichten
+der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch
+eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autorität hat oft im Laufe ihrer
+eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert.
+Sicher hat diese »=psychologische= Metamorphose« vieler Denker (die
+wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig
+zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der
+Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.
+
+_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentümliche Natur
+vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt
+gewisse Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen
+Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß
+zu der gewöhnlichen, =objektiven=, =äußern= Beobachtung noch die
+=introspektive Methode= treten muß, die =subjektive=, =innere=
+Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt.
+Von dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten
+Psychologen aus: »~Cogito, ergo sum!~« »=Ich denke, also bin ich.=«
+Wir werden daher zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf
+die anderen, ihn ergänzenden Methoden einen Blick werfen.
+
+_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus
+größte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in
+unzähligen Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt
+sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf
+=Selbstbeobachtung=, und auf Schlüssen, welche wir aus der Assozion
+und Kritik dieser subjektiven, »inneren Erfahrungen« ziehen. Für einen
+wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg überhaupt
+der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung des =Bewußtseins=;
+diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentümliche Stellung ein
+und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger philosophischer
+Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungenügend und
+führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man
+diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder
+überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie
+es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn
+ein großer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor
+allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner
+die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede
+andere Lebenstätigkeit des Organismus, nämlich erstens durch gründliche
+anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte
+physiologische Analyse der davon abhängigen =Funktionen=. Um diese
+»äußere Beobachtung« der Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die
+Ergebnisse der »inneren Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber
+gründlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und
+Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der
+Anthropologie haben nun die meisten sogenannten »=Psychologen=« gar
+keine oder nur höchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht
+imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine genügende Vorstellung
+zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, daß die eigene
+Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete (wenn
+auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines
+=Kulturmenschen= höchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied=
+einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere
+und niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind.
+So erklärt es sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen
+Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist
+gewiß höchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der
+Mitwirkung und Ergänzung durch die übrigen Methoden.
+
+_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich
+die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt,
+je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften
+vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben
+=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau=
+empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst
+scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber
+nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar,
+vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache
+um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik,
+sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der
+Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte
+Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig
+und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als
+»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den
+»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese
+letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich
+exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie
+und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein
+Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale
+Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des
+Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung
+und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus
+diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst
+scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus
+leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit
+großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt;
+für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen
+nicht anwendbar.
+
+_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der
+erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit
+Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen
+Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die
+Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst
+Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der
+Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen
+und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke
+und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer
+Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist
+(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen
+gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß,
+ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten
+Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz,
+daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus
+diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein
+»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten
+in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken
+in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt,
+daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,
+also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.
+
+_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche
+im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders
+der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte
+Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden
+psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied,
+wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen
+und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die
+meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt
+und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche
+keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den
+fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in
+seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch
+verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das
+Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem
+Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen
+der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In
+der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß
+von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch
+eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß
+hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung
+seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch
+von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das
+psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche,
+meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden
+Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen,
+welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die
+Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen
+Naturwissenschaft erhob.
+
+_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben
+der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu
+belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen
+Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von
+=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere
+(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde
+erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser
+geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie
+und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten
+Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der
+Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den
+=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben
+im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf
+alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs
+der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben«
+und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen
+Betrachtungen.
+
+_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden
+Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht
+auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die
+mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu
+stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen
+=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von
+den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und
+an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des
+Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich
+und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig.
+Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der
+niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten
+Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In
+der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten
+Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=«
+(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende
+Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider
+ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch
+nicht genügend kritisch durchgearbeitet.
+
+_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am
+wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis
+auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch
+ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten
+und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile,
+Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten
+»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen
+Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden
+Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden
+habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte
+(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die
+allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen
+Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich
+bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens
+ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die
+rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe
+stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit
+der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung
+und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten
+Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und
+gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten
+Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen
+Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der
+Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt;
+man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele
+die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das
+individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch
+=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die
+Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle
+Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen
+Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen
+Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in
+seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über
+die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für
+die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen
+Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung
+des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer
+Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl.
+=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.)
+
+_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer
+Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen
+biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der
+Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines
+epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem
+=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die
+Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den
+allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die
+speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung=
+umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch
+=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und
+Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums
+Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder
+anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren
+Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß
+dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische
+Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei
+diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=,
+die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch
+für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen
+Organismus bis hinauf zum Menschen.
+
+Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere
+Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir
+einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=.
+Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung
+des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden
+Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre
+ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen
+sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten
+psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen
+monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten
+=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden
+durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden
+Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit
+=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens
+ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten
+allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen
+unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste
+Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige
+Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der
+psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen
+und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten
+Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden
+Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele
+Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten »über den Instinkt« von
+Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von
+allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben.
+
+Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige
+Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen
+Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt
+darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke
+zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken
+und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus
+den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens
+bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten
+Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=,
+sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der
+=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch
+besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich
+eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der
+nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur
+quantitativ, nicht qualitativ verschieden.
+
+_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige
+Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und
+Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem
+eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung
+des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren
+=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung
+liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur
+Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott,
+Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft«
+-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später,
+daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft«
+und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene
+Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung
+aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto
+klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der
+beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte.
+
+In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen
+=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen
+Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=,
+=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent
+und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran
+gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete
+der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes
+Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von
+diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle
+»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie
+er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der
+wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er
+eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten
+Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren
+Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an
+=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz
+der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei
+eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung
+benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~).
+
+Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite,
+wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner
+»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten
+Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig
+aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit
+einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der
+Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den
+fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese
+Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«;
+sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen
+mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten
+Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts=
+weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten
+Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage
+rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie=
+als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die
+gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später
+ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden,
+deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft
+völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese
+Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=,
+wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische
+Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander
+sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser
+vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist
+hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden
+Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller
+Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen
+Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten
+Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf
+diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig
+Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von
+ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des
+jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und
+sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen
+=Wundt= energisch verteidigen.
+
+Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei
+der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=;
+die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so
+weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre
+hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende
+Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden
+Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der
+verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit
+seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts
+(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856)
+reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten
+Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre
+1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene
+Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl
+Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen
+Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als
+mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow=
+in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von
+ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl
+die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er
+seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte,
+ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen
+Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung
+ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische
+Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur
+wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als
+bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie
+ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er
+verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren
+einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind;
+er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede
+sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen:
+»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen
+Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist
+und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht
+er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich
+niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des
+menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war
+diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat
+Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah
+dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft
+im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung
+in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie
+Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.
+
+Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen
+Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und
+damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der
+~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der
+Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus
+vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der
+transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war
+das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen
+=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel
+hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen
+Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.
+
+Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den
+»psychologischen Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker
+entgegentritt, ist sehr merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese
+kühnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer
+biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach
+einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter
+haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist,
+und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser
+psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie
+in der Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und
+die wahren Ziele verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht
+des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen hätten sie sich von
+ihren Irrtümern überzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit
+gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, daß die großen
+Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren unbefangener und mutiger
+an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick freier und ihre
+Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen vielfach
+nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und
+mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie
+in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine
+lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen
+Formen des »Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen
+ebenso wesentlichen individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens
+unterliegen wie alle anderen Lebenstätigkeiten.
+
+
+
+
+=Siebentes Kapitel.=
+
+_Stufenleiter der Seele._
+
+ Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische
+ Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.
+
+
+Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten
+Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre
+gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen
+Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im
+Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der
+Überzeugung geführt, daß das organische Leben in allen Abstufungen,
+vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf,
+aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus den
+Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
+wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher,
+die ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der
+höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
+vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich
+der menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen
+tierischen Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen
+Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren
+ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst
+in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff
+genommen worden.
+
+_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
+Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen
+Substanz des Körpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben
+jenen Teil des letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint,
+als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes
+»Wesen«, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff
+für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= »Seele« ist in
+diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
+»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren
+ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der
+Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems,
+das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden
+Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die
+noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das
+Psychoplasma noch nicht zur selbständigen Differenzierung gelangt,
+ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist
+das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma=
+desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
+jener höchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist
+eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine
+gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich,
+wenn die »Seele« arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren
+Seelentätigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den
+Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane
+und des Gehirns bei den höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit
+des Psychoplasma, die wir »Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel
+verknüpft.
+
+_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
+Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der
+umgebenden Außenwelt und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen
+in ihrem Innern. Licht und Wärme, Schwerkraft und Elektrizität,
+mechanische Prozesse und chemische Vorgänge in der Umgebung wirken als
+»=Reize=« auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Veränderungen
+in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner
+=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fünf Grade:
+
+~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze
+=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die
+einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen
+Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der
+zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers einfachste
+=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und
+Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
+Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren
+und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen
+einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane=
+entwickelt, mit eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des
+Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und
+Wärmesinnes, des Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser
+höheren Sinnesorgane ist keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch
+funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~.
+Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems=
+und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion
+der früheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen
+Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen
+niederen und höheren Tieren. ~V~. Auf der fünften Stufe bildet sich
+im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die
+empfangenen Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse
+aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung;
+ähnliche Organe besitzen alle höheren Wirbeltiere und unter den
+Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt.
+
+_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
+Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und
+unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen
+=Psychoplasma= Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen
+statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begründet sind.
+Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung
+wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu
+erschließen. Wir unterscheiden fünf Abstufungen derselben.
+
+~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur
+jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
+zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht
+unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate
+erschließen kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des
+wachsenden Körpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige
+Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich
+kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige
+Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser
+schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren,
+Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches
+Gewicht= verändern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung
+oder Ausstoßung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die
+empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen
+Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels=
+aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit
+auch dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand.
+~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die
+=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsveränderungen der
+Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer
+Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen
+Zuständen oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase=
+(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier
+verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden
+~Va~: die =amöboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen,
+Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die ähnlichen =Plasmaströmungen= im
+Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung=
+(Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen,
+Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den
+meisten Tieren).
+
+_Reflexe._ Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung
+von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung
+-- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare
+Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man
+hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als
+»=Reizbewegung=« bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit
+(Irritabilität). Jede physikalische oder chemische Veränderung der
+umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf das Psychoplasma als Reiz
+wirken und eine Bewegung hervorrufen oder »auslösen«. Wir werden später
+sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslösung= die
+einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an ähnliche
+mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei der
+Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß).
+
+_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied,
+den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen
+den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen
+(~Histonen~) machen, gilt auch für deren elementare Seelentätigkeit,
+für die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= läuft der ganze
+Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle
+ab; die »=Zellseele=« derselben erscheint noch als eine einheitliche
+Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
+Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
+=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der
+=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
+diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger
+enger Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein
+Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird
+durch die Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle
+zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht
+auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man
+früher irrtümlich annahm, daß die Zellen der Pflanzengewebe ganz
+isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt überall feine Plasmafäden
+nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre
+lebendigen Plasmakörper in materiellem und psychologischem Zusammenhang
+erhalten. So erklärt es sich, daß die Erschütterung der empfindlichen
+Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden
+verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes
+überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die
+Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt.
+
+_Reflex und Bewußtsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus
+seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine
+allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir
+eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres
+eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst
+und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns
+aber zu der Annahme, daß diejenigen Tiere, die einen ähnlichen
+Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch
+in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewußtwerden
+ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die
+uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
+Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer
+(~Cephalopoden~) in Betracht.
+
+_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewußtseins
+sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein
+kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr
+bei allen Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches
+klar bewußtes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die
+Vorstellung als das =innere Bild= des äußeren Objektes, welches durch
+die Empfindung übermittelt ist.
+
+~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet
+uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des
+Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können
+Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese
+können vom Gedächtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend
+Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne
+Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet.
+Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst verwickelt gebauten
+Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle
+ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fähigkeit
+der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
+des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der
+Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121).
+
+~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Zönobien oder
+Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben
+der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen)
+begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem
+gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht.
+Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende Bewegung eines
+Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen,
+sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem
+später reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser
+Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das
+Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen.
+
+~III~. =Unbewußte Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, höhere
+Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit
+im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens
+auf bestimmte »Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der
+aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich,
+seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die
+Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer höheren Stufen.
+
+~IV~. =Bewußte Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den
+höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt
+sich das Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten
+Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte
+werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der
+bewußten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen
+höchsten psychischen Funktionen befähigt, welche wir als =Denken=
+und Überlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die
+Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den älteren, unbewußten
+und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig ist,
+können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren
+aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir dürfen
+bewußtes und vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des
+Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen
+Vertebraten), sondern auch bei den höchstentwickelten Vertretern
+anderer Tierstämme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und höhere
+Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren).
+
+_Stufenleiter des Gedächtnisses._ Eng verknüpft mit der Stufenleiter
+in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses;
+diese höchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung
+aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen
+=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrücke im Plasma, welche der
+Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen
+geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen=
+in den =aktuellen= Zustand über. Entsprechend den vier Stufen der
+Vorstellung können wir auch beim Gedächtnis vier Hauptstufen der
+aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.
+
+~I~. _Zellulargedächtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald
+Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine
+allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die
+hohe Bedeutung dieser Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast
+alles verdanken, was wir sind und haben« (1870). Ich habe später
+(1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in seiner fruchtbaren
+Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen versucht, in
+meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die
+Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen
+Erklärung der elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das
+»unbewußte Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion
+aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen
+Moleküle oder Molekülgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=,
+von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die
+=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven
+Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedächtnis; das ist der
+Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann
+sagen: »=Die Erblichkeit ist das Gedächtnis der Plastidule=, hingegen
+die Variabilität ist die Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare
+Gedächtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem
+molekularen Gedächtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr
+lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die erstaunlichen Leistungen
+des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist
+wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
+regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette;
+besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter
+den Protozoen liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen.
+In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische
+Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von
+=Richard Semon=, 1904: »Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel
+des organischen Geschehens«).
+
+~II~. _Histonalgedächtnis._ Ebenso interessante Beweise für die
+zweite Stufe der Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der =Gewebe=,
+liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der
+Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese
+zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=,
+jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von
+Zönobien bei den sozialen Protisten beginnt.
+
+~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »=unbewußte
+Gedächtnis=« derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen,
+als Reproduktion der entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu
+betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind.
+Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedächtnis unbewußt.
+Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein
+zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des unbewußten
+Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen des
+bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von
+tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
+denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen.
+
+~IV~. Das =bewußte Gedächtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen
+beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher
+nur als eine spät entstandene »=innere Spiegelung=«, als die höchste
+Blüte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei
+unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in
+den Ganglienzellen abspielten.
+
+_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen,
+welche man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion)
+bezeichnet, durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den
+niedersten bis zu den höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser
+»Ideenassozion« sind äußerst mannigfaltig; trotzdem aber führt eine
+sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmählicher Entwickelung
+von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu
+den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf.
+Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
+normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und
+je naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet
+werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion
+der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch
+im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung
+vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert,
+ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz
+naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung
+=unvernünftig=. Ganz besonders gilt dies von den übernatürlichen
+»=Gestalten des Glaubens=«, dem Geisterspuk des Spiritismus und
+Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des »Glaubens«
+und der angeblichen »Offenbarung« werden vielfach als die wertvollsten
+»Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt.
+
+_Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings
+auch heute noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben
+des Menschen und der Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen;
+sie leitete das erstere von der »=Vernunft=«, das letztere von dem
+»=Instinkt=« ab. Der traditionellen Schöpfungsgeschichte entsprechend
+nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer Schöpfung eine bestimmte,
+unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer eingepflanzt sei, und daß
+dieser »=Naturtrieb=« (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso
+unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon
+=Lamarck= (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum
+als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollständig
+widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende
+wichtige Lehrsätze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell
+verschieden und ebenso der Abänderung durch =Anpassung= unterworfen
+wie die morphologischen Merkmale der Körperbildung. ~II~. Diese
+Variationen (großenteils durch veränderte Gewohnheiten entstanden)
+werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen übertragen und im
+Laufe der Generationen gehäuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion=
+(ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter diesen
+erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält
+die zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen.
+~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters
+führt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer
+Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur
+Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für sämtliche Protisten und
+Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte
+treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre
+Kosten die =Vernunft= entwickelt.
+
+_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflächlichen, mit dem
+Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche
+nur im Menschen eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein
+als höchstes Gut die »=Vernunft=« und das Bewußtsein zugeschrieben.
+Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten
+Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die höheren Wirbeltiere besitzen
+ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe
+zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmählichen
+Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
+Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=,
+=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda,
+Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz
+zwischen der Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten«
+Säugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.
+
+_Sprache._ Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand
+und Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt,
+ist eng verknüpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier,
+wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar,
+welche ununterbrochen von den niedersten zu den höchsten Bildungsstufen
+hinaufführt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschließliches
+Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein
+gemeinsamer Vorzug aller höheren =sozialen Tiere=, mindestens aller
+Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden
+vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur
+Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung
+oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte
+Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden
+Menschenaffen (~Hylobates~) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das
+Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der
+Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat
+sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine
+Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die =vergleichende
+Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten
+Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen einfachen Ursprachen
+langsam und allmählich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat
+überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der
+Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen
+der höheren Tiere verschieden ist.
+
+_Stufenleiter der Gemütsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe
+von Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »=Gemüt=«
+zusammenfassen, spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen
+wie in der praktischen Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise
+sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang
+der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag,
+Sinnestätigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird
+hier besonders das Widernatürliche und Unhaltbare jener Philosophie
+klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen
+will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens, welche wir beim
+Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor (besonders
+bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
+entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
+=Elementarfunktionen der Psyche= zurückführen, auf Empfindung und
+Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
+Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das =Gefühl von
+Lust und Unlust=, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der
+anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und
+Abneigung= (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und
+nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier
+zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche
+eine so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind
+nur Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese
+den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend
+gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden
+wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust,
+welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= äußern, in dem =Streben=
+nach Licht oder Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen
+Verhalten gegen positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten
+Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene
+feinsten Gefühlstöne und Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von
+Liebe und Haß, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die
+unerschöpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine
+zusammenhängende Kette von allen denkbaren Übergangsstufen jene
+primitivsten Urzustände des Gemüts im =Psychoplasma= der einzelligen
+Protisten mit diesen höchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften
+beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Großhirnrinde
+abspielen.
+
+_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt
+gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten
+Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne
+als =kosmologisches= Attribut betrachtet: »die =Welt= als Wille
+und Vorstellung« (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein
+=anthropologisches= Attribut, als eine ausschließliche Eigenschaft
+des Menschen; letzteres gilt z. B. für =Descartes=, für welchen die
+Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewöhnlichen
+Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkürlichen
+Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der meisten
+Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
+Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir
+-- ebenso wie bei der Empfindung -- zur Überzeugung, daß er eine
+allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist.
+
+_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen
+Willens ist unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden
+Menschen von jeher am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb,
+weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage
+zugleich die wichtigsten Folgerungen für die praktische Philosophie
+verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E.
+=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter
+seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von dem Problem
+der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem
+zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
+Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen
+Überzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine
+Rolle von unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung
+spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab.
+-- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über
+welchen längere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube
+der Bibliotheken modern.« -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch
+darin klar zutage, daß =Kant= die Überzeugung von der »Willensfreiheit«
+unmittelbar neben diejenige von der »Unsterblichkeit der Seele« und
+neben den »Glauben an Gott« stellte. Er bezeichnete diese drei großen
+Fragen als die drei unentbehrlichen »=Postulate der praktischen
+Vernunft=«, nachdem er vorher in der »=Kritik der reinen Vernunft=«
+klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig unbegründet ist.
+
+Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite
+über die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe
+theoretisch nicht nur von höchst kritischen Philosophen, sondern auch
+von den extremsten Gegensätzen verneint und trotzdem von den meisten
+Menschen als selbstverständlich noch heute bejaht wird. Hervorragende
+Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und
+der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt
+wie die bekanntesten Führer des reinen Materialismus, =Holbach= im
+18. und =Büchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen
+verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes
+und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige und
+Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte
+er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
+handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott
+nicht allmächtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch
+=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher
+des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den
+Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen
+Weltanschauung.
+
+Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=,
+zwischen den Gegnern und den Anhängern der Willensfreiheit, ist
+heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten der
+ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei
+als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade,
+nicht der Art nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert
+das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen,
+philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns
+dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver
+Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal
+der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken.
+Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation
+des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen
+Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere
+Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch
+die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschluß zum
+jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen
+Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt,
+entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemütsbewegungen
+bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des
+Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische
+Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen.
+
+
+
+
+=Achtes Kapitel.=
+
+_Keimesgeschichte der Seele._
+
+ Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung
+ des Seelenlebens im individuellen Leben der Person.
+
+
+Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt
+-- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen
+Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist für unsere
+monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl
+die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils nur geringe, teils
+gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
+Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen
+über organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten
+Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden.
+
+Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig
+und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem
+Umfange die verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast
+ausschließlich die =Pädagogen=, welche sich mit einem Teile derselben
+beschäftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die
+Ausbildung der Seelentätigkeit beim Kinde zu leiten und zu überwachen,
+mußten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten
+psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pädagogen in
+der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der herrschenden
+dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
+Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation
+und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen
+ihre Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem
+Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die
+merkwürdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des
+Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle
+denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand
+eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer=
+(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über »Die Seele des Kindes;
+Beobachtungen über die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten
+Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen,
+noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
+befruchteten Ei.
+
+_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste
+Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19.
+Jahrhunderts für ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar
+Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das
+wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren
+Hand kritischer Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des
+Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe
+der merkwürdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige
+Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu
+demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten
+Dogma der embryonalen =Präformation= fest. Nach diesem nahm man an,
+daß im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder
+präformiert sei; die »Entwickelung« des Keimes bestehe eigentlich nur
+in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als
+notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin
+die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der
+»=Ovulisten=«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche
+Ansicht, die der »=Animalkulisten=«; diese glaubten, daß der
+eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern
+in der männlichen Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem
+»Samentierchen« die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.
+
+=Leibniz= übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig
+auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete für sie eine wahre
+Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie für den Körper und sagte in seiner
+Theodicee: »So sollte ich meinen, daß die Seelen, welche eines Tages
+menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies,
+dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem
+Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper existiert
+haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
+wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19.
+Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den
+Todesstoß versetzte.
+
+_Mythologie des Seelenursprungs._ Die näheren Aufschlüsse, welche wir
+durch die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen
+Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen
+Naturvölker gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem
+Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes
+können die Mythen über den Seelenursprung etwa folgendermaßen in
+fünf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=:
+die Seele lebte früher im Körper eines anderen Tieres und ist erst
+aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen
+Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem Tode
+des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
+aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. ~II~. Mythus der
+=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbständig an einem anderen
+Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf=
+oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler,
+oft als »Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper
+eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschöpfung=: der göttliche
+Schöpfer, als persönlicher »Gott-Vater« gedacht, erschafft die
+Seelen, hält sie vorrätig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem
+Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (während
+des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der
+=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwähnt). ~V~. Mythus
+der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte
+spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den
+Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche
+Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen
+Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen
+auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen
+immateriellen Seele zusammen.
+
+_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angeführten
+Dichtungen über die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute
+noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch
+ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die
+bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten
+Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und Keimung
+des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese mysteriösen
+Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie=
+gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche
+Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind
+=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von
+physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der
+=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen
+Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das
+Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder
+das »Urei« bewegt sich nach Art einer =Amöbe=; die sehr kleinen
+Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen
+des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen
+und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft
+schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen =Geißelinfusorien=
+(~=Flagellaten=~).
+
+Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen,
+oder wenn sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in
+Berührung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen
+sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist
+eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit
+des Plasma, die wir als »=erotischen Chemotropismus=« bezeichnen. Man
+kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der
+Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft« oder »sexuelle =Zellenliebe=«
+nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige
+Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper einzudringen. Es
+gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen Bewerber,
+das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
+»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den
+Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne
+Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher
+Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die
+Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel
+(Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt die Bildung dieser
+Schutzhülle; dann tritt »=Überfruchtung oder Polyspermie=« ein, und
+zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der bewußtlosen Zelle
+ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad
+von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei
+Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich
+in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche
+Eikern und der männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern
+sich und verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist
+denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden,
+welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der
+ganze vielzellige Organismus hervorgeht.
+
+Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen
+=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher
+nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen
+die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen:
+~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere
+Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese
+Stammzelle entsteht überall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung
+oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs,
+der weiblichen Eizelle und der männlichen Spermazelle. ~III~. Beide
+Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«, d. h.
+beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
+ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis
+verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen
+und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen
+enthaltenen psychischen Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich
+zum »Seelenkeim« der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt
+jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der
+Kern der Eizelle überträgt einen Teil der mütterlichen, der Kern der
+Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften.
+
+Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder
+Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß
+jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen
+Existenz= hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
+bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper
+der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese
+Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit
+der Seele= widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird
+dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der
+Mensch seine individuelle Existenz der »Gnade des liebenden Gottes«
+verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein
+auf dem »=Eros=« seiner beiden Eltern, auf jenem mächtigen, allen
+vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher
+zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen
+Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die »Umarmung« oder
+die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die
+Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle.
+Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der
+befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim
+Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
+wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
+beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert,
+und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann
+fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene
+zusammengesetzten psychischen Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die
+bei höheren Tieren eine so große Rolle spielen. Daher fehlen auch allen
+niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die
+=Darwin= als »sekundäre Sexualcharaktere« bezeichnet hat, die Produkte
+der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des
+Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel und vieler
+Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen, welche den
+Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Bölsche=, Liebesleben der Natur, 3
+Bände, 1901.)
+
+_Vererbung der Seele._ Unter den angeführten Folgeschlüssen der
+=Konzeptionsphysiologie= ist für die Psychologie ganz besonders
+wichtig die =Vererbung der Seelenqualitäten von beiden Eltern.= Daß
+jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters, Temperament,
+Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist
+allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische
+Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen
+werden; ja, häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr
+mit den Großeltern als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen
+=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die
+besonderen Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja,
+sie treten uns häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer
+entgegen, als an der letzteren.
+
+Nun ist ja an sich das große Gebiet der =Vererbung=, für dessen
+ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche
+Verständnis eröffnet hat, reich an dunkeln Rätseln und physiologischen
+Schwierigkeiten; wir dürfen nicht beanspruchen, daß uns schon jetzt
+alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben
+wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die =Vererbung als eine
+physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der
+Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie
+alle anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich
+auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma=
+zurückführen. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung
+selbst genau; wir wissen, daß dabei ebenso der Spermakern die
+väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen Eigenschaften auf die
+neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung beider Zellkerne
+ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso
+die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
+neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen
+steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute
+herrschenden Schulen ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere
+monistische Psychogenie in einfachster Weise erklären.
+
+_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache,
+auf welche es für die richtige Beurteilung der individuellen
+Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuität der Psyche= in der
+Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein
+neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich
+seiner geistigen noch leiblichen Qualität eine unabhängige Neubildung,
+sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden
+elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen
+verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur Bildung einer
+neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen
+Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen =Zellkern=
+sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und
+derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede
+zeigen, so müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen
+Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.
+
+_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke
+der Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der
+beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen
+Zellkerne erblich übertragen werden, so kann damit doch zugleich
+der erbliche psychische Einfluß älterer, oft weit zurückliegender
+Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der
+=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso für die
+Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zügen
+des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder
+Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
+Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern
+als den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug
+hervor, den weder diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren
+Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in
+diesen merkwürdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze
+für die Psyche wie für die Physiognomie, für die individuelle
+Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts
+und anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in
+regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren
+hervorragende Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen
+Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben
+hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen
+usw., und nicht minder bei den römischen Zäsaren.
+
+_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der
+=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der
+=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der
+Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller
+biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine
+Geltung für die =Psychologie= wie für die =Morphologie=. Wie bei allen
+anderen Organismen, so ist auch beim Menschen »=die Keimesgeschichte
+ein Auszug der Stammesgeschichte=«. Diese gedrängte und abgekürzte
+Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige
+Vererbung die ursprüngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~)
+beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr
+durch wechselnde Anpassung die spätere =Störungsentwickelung=
+(~Cenogenesis~) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).
+
+Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
+anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß
+stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind.
+Denn beim Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im
+Laufe der phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder
+=Zenogenesen= sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine
+Bild der =Palingenese= oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt
+und verändert erscheint. Während einerseits durch die Gesetze der
+gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die =palingenetische=
+Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze
+der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch=
+verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte
+der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In
+ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelentätigkeit,
+die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist.
+Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig
+gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert,
+weil die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb
+des mütterlichen Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei
+Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die
+embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der
+Seele.
+
+_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt
+sich normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun
+Monaten. Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt
+abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des
+mütterlichen Fruchtbehälters (~Uterus~) geschützt, sondern auch durch
+die besonderen Fruchthüllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen
+drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien,
+Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den
+ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
+in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben
+wurden, als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben
+und die Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien
+der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre
+älteren Vorfahren, die Fische.
+
+Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß
+die Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen
+Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der
+Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der
+Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres
+freien Wasserlebens den Körperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen
+auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer
+Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante
+Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich
+an das Landleben gewöhnen, verwandelt sich ihr fischähnlicher Körper in
+das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung
+im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch Lungen, und
+mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
+Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die
+schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch
+die Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch
+ihre Verwandlung diejenige des Frosches.
+
+Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der
+Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden
+Eihüllen dem direkten Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder
+Wechselwirkung mit derselben entwöhnt. Außerdem aber bietet die
+besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel günstigere
+Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der palingenetischen
+Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche Ernährung des
+Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen (den
+eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter,
+welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen
+(den lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das
+Blut der Mutter, welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und
+der Allantois dem Keime zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten
+=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmäßige Ernährungsform
+durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den höchsten Grad
+der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der
+Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich
+während dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem
+Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
+verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch
+im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
+durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der
+=Puppenschlaf=, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
+und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende
+Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr
+entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter
+derjenigen Stufe steht, welche später (nach dem Puppenschlaf) das
+vollendete, geflügelte und geschlechtsreife Insekt zeigt.
+
+_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelentätigkeit des Menschen
+durchläuft während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den
+meisten höheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die
+wichtigsten derselben können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte
+unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen
+des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele
+des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum Erwachen des
+Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau bis
+zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4.
+die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der
+vollen Reife und der Familiengründung), 5. die Seele des Greises und
+der Greisin (Periode der Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen
+durchläuft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden
+Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rückbildung wie jede
+andere Lebenstätigkeit des Organismus.
+
+
+
+
+=Neuntes Kapitel.=
+
+_Stammesgeschichte der Seele._
+
+ Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung
+ des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.
+
+
+Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns
+überzeugt, daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe
+tierischer Vorfahren durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler
+Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun
+das Seelenleben des Menschen von seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht
+trennen können, vielmehr zu der Überzeugung von der einheitlichen
+Entwickelung unseres ganzen Körpers und Geistes gelangt sind, so ergibt
+sich auch für die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe,
+die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele
+stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht unsere
+»Stammesgeschichte der Seele« oder die =Phylogenie der Psyche=.
+Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff
+genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten
+Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die
+allerhöchste Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen.
+Denn nach unserer festen Überzeugung ist die =phyletische= Psychologie
+vor allem berufen, uns das große »Welträtsel« vom Wesen und der
+Entstehung unserer Seele zu lösen.
+
+_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche
+zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum
+erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinführen sollen,
+sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen
+nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende
+Anatomie, Physiologie und Ontogenie von höchstem Werte. Aber auch
+die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Stützpunkten;
+denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten Überreste der
+Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen
+Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit
+deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung
+ihrer Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei
+phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen
+gezwungen, um die Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen;
+aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles
+Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung,
+daß wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf
+gewinnen können.
+
+_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende
+Psychologie des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in
+den höchsten Gruppen der Säugetiere, bei den =Herrentieren=, die
+wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele
+aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie
+der =Säugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns
+die lange Reihe der älteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb
+dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese
+Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung ihres
+charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Daß dieses sich aus
+einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet
+hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien=
+zu lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende
+Ontogenie, daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des
+äußeren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden
+ist; bei diesen ältesten Plattentieren, die noch kein gesondertes
+Nervensystem besaßen, wirkt die äußere Hautdecke als universales
+Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte
+überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen durch
+Gastrulation aus =Blastäaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren
+Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich
+lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes
+verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich
+aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind.
+
+~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen
+Psychogenesis.= Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen
+Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der
+Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der
+embryologischen =Tatsache=, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier,
+im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die
+»=Stammzelle=«. Wie diese schon von Anfang an »=beseelt=« war, so auch
+jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ältesten
+Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten
+vertreten war.
+
+Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet
+uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten;
+sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier
+ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet.
+Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in
+seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gestützten
+»=Psychophysiologischen Protistenstudien=«. Auch die wenigen älteren
+Beobachtungen über »das Seelenleben der Protisten« sind darin
+zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen Überzeugung,
+daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der Empfindung und
+Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst
+zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der
+=Plasmamoleküle= (der Plastidule) zu suchen sind. »Die psychischen
+Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die chemischen
+Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten
+Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen
+Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.«
+
+Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von
+=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm
+Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern,
+liefern die bündigen Beweise für meine monistische »=Theorie der
+Zellseele=« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen
+von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien,
+hatte ich den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische
+Eigenschaften besitzt, und daß also auch das Seelenleben der
+vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat
+der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen.
+Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle=
+Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen Unterschieden)
+daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend den
+Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben,
+die »Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser
+»=Zellular-Psychologie=« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über
+die »Perigenesis der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner
+Münchner Rede »über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur
+Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre Darstellung enthalten meine
+beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und Entwickelung der
+Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«.
+
+Die einfache =Zellseele= zeigt übrigens schon innerhalb des
+Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von
+ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen
+Seelenzuständen. Bei den ältesten und einfachsten Protisten ist
+das Vermögen der Empfindung und Bewegung gleichmäßig auf das ganze
+Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den höheren Formen
+dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere
+»Zellwerkzeuge« oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind
+die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und Wimpern
+der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der
+Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten
+noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders
+hervorzuheben, daß die ursprünglichsten und ältesten Protisten
+=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten=
+oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundär, durch Metasitismus, die
+ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen=
+oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die »Umkehrung des Stoffwechsels«,
+bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit
+begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele,
+welche der Pflanzenseele noch fehlen.
+
+~II~. _Zellvereinsseele_ oder Zönobial-Seele (~Coenopsyche~);
+=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle
+Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen
+Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die
+=Stammzelle= (~Cytula~) zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen
+Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses
+soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein
+kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen Oberfläche und ordnen
+sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~).
+Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der
+=Keimblase= (~Blastula~).
+
+Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula
+beobachten können, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu
+denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren
+Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange
+der gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung
+der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen,
+welche in der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen
+und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten.
+Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in
+prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen übernommen worden sind. Die
+=Empfindungen= können ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden:
+1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung
+ihrer individuellen Selbständigkeit und ihrem Verhalten gegen die
+Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung und teilweise durch
+Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche
+Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Zönobiums=, welche in der
+individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt.
+
+Das kausale Verständnis der =Blastula=bildung liefert uns das
+=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden
+Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklärt und auf
+entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich
+ursprünglich bei der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der
+=Blastäaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische
+Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ältesten =Zellen-Assozion=
+gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch
+lebenden Zönobien. Solche beständige =Zellvereine= der Gegenwart sind
+z. B. die bekannten »Kugeltierchen« (~Volvocina~). Ihre schwimmende
+Ortsbewegung wird durch schwingende Geißeln vermittelt, die von den
+einzelnen Zellen an der Oberfläche der »Flimmerkugel« ausgehen.
+In allen diesen Zönobien können wir bereits neben einander zwei
+verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit unterscheiden: ~I~. die
+=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-Organismen«)
+und ~II~. die =Zönobialseele= des ganzen Zellvereins.
+
+~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der
+phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden
+Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen
+Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunächst zwei
+verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich
+~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe
+zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des
+»Zellenstaates«, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele=
+ist überall die höhere psychologische Funktion, welche den
+zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen
+oder »=physiologisches Individuum=«, als wirklichen »Zellenstaat«
+erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen »Zellseelen« der
+sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den einheitlichen
+Zellenstaat konstituieren.
+
+~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist für uns der Inbegriff
+der gesamten psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen
+Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten
+Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Früher fand man
+gewöhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin,
+daß man den letzteren allgemein eine »Seele« zuschrieb, den ersteren
+dagegen nicht. Indessen führte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit
+und der Bewegungen bei verschiedenen höheren Pflanzen und niederen
+Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu
+der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später
+traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders
+=Francé=, lebhaft für die Annahme einer »=Pflanzenseele=« ein.
+Tieferes Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die
+=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und
+Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie=
+von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen
+Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende
+Physiologie zeigte sodann, daß das physiologische Verhalten gegen
+verschiedene Reize (Licht, Elektrizität, Wärme, Schwere, Reibung,
+chemische Einflüsse usw.) in den »=empfindlichen=« Körperteilen
+vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist, und daß auch die
+=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz ähnlichen Verlauf
+haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen, nervenlosen
+Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele« zuschrieb,
+so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,
+besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (~Mimosa~), den
+Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden
+Kletter- und Schlingpflanzen.
+
+~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem
+Interesse für die vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die
+Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelentätigkeit jener
+=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte
+Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin
+gehören vier verschiedene Gruppen von ältesten =Zölenterien= oder
+Niedertieren, nämlich: 1. die =Gasträaden=, 2. die =Platodarien=, 3.
+die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der
+Nesseltiere.
+
+_Die Gasträaden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von
+niedersten Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller
+Metazoen von höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen,
+schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eiförmiges)
+Bläschen, welche eine einfache Höhle mit einer Öffnung enthält
+(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Höhle wird aus zwei
+einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die
+innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und die äußere
+(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die
+gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln,
+lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung
+bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb
+so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen
+bleiben, welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis
+zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen.
+Wie ich in meiner =Gasträatheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei
+sämtlichen Gewebetieren zunächst aus der vorher betrachteten =Blastula=
+eine höchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut
+(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet
+an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und diese wird bald zu
+einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der Keimblase
+verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich
+an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das
+=Hautblatt= oder äußere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das
+=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene
+Hohlraum des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle,
+der =Urdarm=, seine Öffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm
+ist bei allen Metazoen das ursprüngliche »=Seelenorgan=«; denn aus
+ihm entwickeln sich bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere
+Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den
+Gasträaden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen,
+welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen,
+gleichmäßig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt
+sich hier in einfachster Form.
+
+_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbständigen Stamm
+des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine
+eigentümliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten
+desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die
+einfachste Form der Schwämme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts
+weiter als eine ~Gastraea~, deren Körperwand siebförmig von feinen
+Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes.
+Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm)
+bildet der knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden
+oder Millionen solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt
+und von einem ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und
+Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade
+entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr
+natürlich, daß man diese festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen
+Tiere früher allgemein als »Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für
+welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter
+demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen.
+
+_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist für die vergleichende
+und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn
+in diesem formenreichen Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor
+unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der
+=Gewebeseele=. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen
+der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen
+und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller
+Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp=
+erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Süßwasserpolypen
+(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese
+Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen
+noch keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich
+sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=,
+welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch
+Generationswechsel verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges
+Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir können also hier
+den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele
+unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen
+lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie auch die Klasse
+der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prächtigen,
+freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können
+wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=)
+der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame,
+einheitlich tätige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=).
+
+~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der
+=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller höheren Tiere wird,
+ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten
+»=Seelenapparat=« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei
+Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen
+Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven=
+stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein
+besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten).
+Die Einrichtung und Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit
+einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven
+sind die Leitungsdrähte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln
+und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen
+Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal
+von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren
+Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die
+verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen
+zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrücken
+der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das
+nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen
+organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr
+zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von
+allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und
+Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein.
+
+Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie
+und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des
+Seelenapparates mit einer Fülle der interessantesten Entdeckungen
+bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten
+von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie
+in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine ganz andere
+Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.
+
+Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan;
+in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt,
+Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten
+=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am
+Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei
+den fünfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von
+einem Nervenring umgeben, von welchem fünf Nervenstämme ausstrahlen.
+Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und
+=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion,
+zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen
+Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche
+Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien
+und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar
+ventrale »untere Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch
+einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring«
+kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt
+sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Körpers in ein
+»Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen Doppelstrang, welcher in
+jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte
+Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~);
+hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich
+gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung
+seines vorderen Teiles entsteht später das charakteristische
+blasenförmige Gehirn.
+
+Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form
+und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen,
+ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten
+einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der
+=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus
+der äußersten Zellenschicht des Keimes, aus dem »=Hautsinnesblatt=«
+(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervösen
+Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung
+aus Ganglienzellen oder »=Seelenzellen=« (den eigentlichen aktiven
+Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den
+Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.
+
+_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der
+vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche
+der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre
+des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres
+Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der
+höheren Tierstämme eine besondere, diesem eigentümliche Lage, Gestalt
+und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der
+Fall. Überall finden wir hier ein =Rückenmark= vor, einen starken
+zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens
+verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda).
+Überall gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in
+regelmäßiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment
+oder Wirbelgliede. Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo
+auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine
+feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Ränder dieser Markrinne
+oder =Medullarrinne= erheben sich, krümmen sich gegen einander und
+verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre.
+
+Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder
+Medullarrohr ist durchaus für die =Wirbeltiere= charakteristisch,
+in der früheren Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame
+Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich
+später daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen
+Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das sind die seltsamen
+meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den
+Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen
+(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten
+Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer
+gemeinsamen älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind
+(~Prochordonia~).
+
+_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange
+Stammesgeschichte unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des
+einfachsten Medullarrohrs bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns
+durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmählich
+bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf,
+welcher diese höchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung
+in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von
+diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie
+die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemäßen Psychologie= ist,
+erscheint es zweckmäßig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl
+von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben
+hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine
+Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche
+=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen
+Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind
+charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere;
+nämlich ~I~. die Schädellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmäuler
+(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche
+(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Säugetiere (~Monotrema~ und
+~Marsupialia~), ~VI~. die älteren plazentalen Säugetiere, besonders
+die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jüngeren Herrentiere, die
+echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch
+(~Anthropomorpha~).
+
+_Seelengeschichte der Säugetiere._ Der wichtigste Folgeschluß,
+welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt,
+ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen
+Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige
+anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon
+abhängige Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere,
+und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von
+vermittelnden Zwischenstufen vollständig ausgefüllt. Die allgemeinsten
+Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen
+Forschungen sind folgende:
+
+~I~. Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher
+Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander
+gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnürung der anfangs
+einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen
+der übrigen Vertebraten durch gewisse Eigentümlichkeiten, welche
+allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die überwiegende
+Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns und Kleinhirns,
+während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt. ~II~.
+Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten
+Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an,
+der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst während der
+Tertiärzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Großhirns, welche
+die jüngeren Säugetiere so auffallend vor den älteren auszeichnet.
+~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des
+Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen
+vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet sich außerdem
+nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der jüngeren
+Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede,
+welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen
+existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
+diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und
+den Halbaffen). ~VI~. Demnach muß die historische stufenweise
+Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und
+niederen Säugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende
+Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten.
+
+
+
+
+=Zehntes Kapitel.=
+
+_Bewußtsein._
+
+ Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.
+ Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.
+
+
+Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
+erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewußtsein=. Nicht
+allein über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über
+ihr Verhältnis zum Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der
+organischen Welt, über ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich
+noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten
+gegenüber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewußtsein
+zu der irrtümlichen Vorstellung eines »immateriellen Seelenwesens« und
+im Anschluß daran zu dem Aberglauben der »persönlichen Unsterblichkeit«
+Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtümer, die unser modernes
+Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurückzuführen. Ich
+habe daher schon früher das Bewußtsein als das »=psychologische
+Zentralmysterium=« bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller
+mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen Wällen alle
+Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese
+Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine
+besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte
+aus widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht
+minder wie jede andere Seelentätigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und
+daß es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz=
+unterworfen ist.
+
+_Begriff des Bewußtseins._ Schon über den elementaren Begriff dieser
+Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten
+der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander.
+Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als
+=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als
+zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive
+und subjektive Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein.
+Bei weitem der größte Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft,
+wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt,
+der »=anderen Dinge=«; dieses =Weltbewußtsein= umfaßt alle möglichen
+Erscheinungen der Außenwelt, welche überhaupt unserer Erkenntnis
+zugänglich sind. Viel beschränkter ist unser =Selbstbewußtsein=, die
+innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelentätigkeit, aller
+Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willenstätigkeiten.
+
+_Bewußtsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich
+unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe
+des Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »=alle
+Seelentätigkeit ist bewußte=«; das Gebiet der Psychologie reicht nur
+so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert
+diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise
+und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen.
+Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes=
+und =Fritz Schultze=), daß auch die unbewußten Vorstellungen,
+Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat
+ist sogar das Gebiet dieser unbewußten psychischen Aktionen (der
+Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewußten.
+Beide Gebiete stehen übrigens im engsten Zusammenhang und sind durch
+keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewußte
+Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf
+durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder
+unserem Bewußtsein völlig entschwinden.
+
+_Bewußtsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des
+Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die
+außerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung
+und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das
+erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen,
+welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewußtsein anderer
+Wesen können wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit
+schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen
+mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale
+Menschen= erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein
+gewisse Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber
+schon bei =abnormen= Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen,
+stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse
+entweder unsicher oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn
+wir das Bewußtsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich
+stellen. Da ergeben sich alsbald so große tatsächliche Schwierigkeiten,
+daß die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen
+himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten
+Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.
+
+~I~. _Anthropistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist dem Menschen
+eigentümlich.= Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und
+Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch
+ihm allein eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf =Descartes=
+zurückzuführen (1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und
+Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der
+Seelentätigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen,
+als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Körper, als
+ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt. Trotzdem soll
+sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem Körper
+verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und
+ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die =Tiere= dagegen, als nicht
+denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten=
+sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen
+und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen
+Gesetzen verläuft. Für die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach
+=Descartes= den =Dualismus=, für diejenige der =Tiere= den =Monismus=.
+Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen
+Denker muß höchst auffallend erscheinen; zu Erklärung desselben darf
+man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg
+und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern überließ. Als Zögling
+der Jesuiten war =Descartes= schon frühzeitig dazu erzogen, wider
+bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete er
+auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm
+seine skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom
+Zweifel am überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen
+wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung,
+welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausübte, war
+sehr merkwürdig und seiner »doppelten Buchführung« entsprechend.
+Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich
+für ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie
+von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinentätigkeit. Die
+=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, daß ihr Dogma von der
+Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper durch
+die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet
+sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der
+dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche
+Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen
+Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und
+vergleichenden Psychologie völlig überwunden.
+
+~II~. _Neurologische Theorie des Bewußtseins:_ es =kommt nur dem
+Menschen und jenen höheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes
+Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß ein
+großer Teil der Tiere -- zum mindesten die höheren Säugetiere --
+ebenso eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der
+Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und
+monistischen Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit
+in mehreren Gebieten der Biologie haben uns übereinstimmend zu der
+Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken
+uns bei ihrer Würdigung zunächst auf die höheren =Wirbeltiere=
+und vor allem die Säugetiere. Daß die intelligentesten Vertreter
+dieser höchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und
+Hunde -- in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen höchst
+ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert.
+Ihre Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren
+ist dem Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen
+brauchen. Aber auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns,
+die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlüssen, das
+Denken und das Bewußtsein im engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich
+entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach
+davon verschieden. Überdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und
+Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl
+die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren =Säugetieren=
+im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die
+vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser Seelenorgane.
+Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen Zustände des
+Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren ganz
+ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß
+sie auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere
+durch Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete
+Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es
+nicht möglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen
+Stufen des Tierlebens das Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird.
+Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen
+sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des
+Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts bei den höheren Tieren sehr
+genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklärt, weist
+zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmöglich es ist,
+die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den niederen
+Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß
+diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben,
+die ein Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer
+Differenzierung und Zentralisation besitzen.
+
+~III~. _Animalische Theorie des Bewußtseins:_ =es findet sich
+bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach würde ein scharfer
+Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher
+wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linné= scharf
+formuliert in seinem grundlegenden »~Systema naturae~« (1735);
+die beiden großen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich
+nach ihm dadurch, daß die Tiere Empfindung und Bewußtsein haben,
+die Pflanzen nicht. Später hat besonders =Schopenhauer= diesen
+Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns schlechthin nur
+als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch
+die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert
+hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch
+immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung
+desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte
+des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen
+Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen
+lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein
+besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied
+zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen
+derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen=
+zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf
+ihr fragliches Bewußtsein.
+
+~IV~. _Biologische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist allen Organismen
+gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es
+den anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme
+wird gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im
+Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben,
+Seele und Bewußtsein, fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere
+Modifikation dieser Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen
+des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das
+Bewußtsein nur ein =Teil= der psychischen Tätigkeit ist, wie diese
+selbst ein =Teil= der Lebenstätigkeit. Daß die Pflanzen in demselben
+Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich =Fechner=
+sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein
+Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind
+ja bei sehr empfindlichen »=Sinnpflanzen=« (~Mimosa~, ~Drosera~,
+~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Blätter, bei manchen
+anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die
+autonomen Bewegungen, bei »schlafenden Pflanzen« (auch vorzugsweise
+~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend ähnlich
+denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewußtsein
+zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.
+
+~V~. _Zellulare Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine
+Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf
+alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der
+Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und
+Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus«
+behandelt und das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen
+Tier- und Pflanzenkörpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann
+man auch die »=Zellseele=« als das psychologische Element betrachten
+und die zusammengesetzte Seelentätigkeit der höheren Organismen als
+das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie
+zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser =Zellular-Psychologie=
+schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen und sie später
+weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und Seelenzellen«.
+Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde ich
+durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen
+geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten
+zeigen ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche
+Instinkte und Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den
+sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem
+Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in
+vielen anderen Lebensäußerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren
+Gehäusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) könnte man
+deutliche Spuren bewußter Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man
+nun die biologische Theorie des Bewußtseins akzeptiert (Nr. ~IV~),
+und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewußtseinsanteil
+ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen Protistenzelle
+Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage desselben wäre
+dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder
+ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme,
+die ich früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt =Max Verworn=
+zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen
+Protistenstudien« annimmt, daß wohl sämtlichen Protisten ein
+entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß ihre Empfindungen und
+Bewegungen durchweg den Charakter des »=Unbewußten=« tragen.
+
+~VI~. _Atomistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine
+Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen
+Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese
+aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der
+Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei
+der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewußtseins= empfinden.
+Diese Erscheinung trägt ja einen so eigenartigen Charakter, daß
+ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen höchst bedenklich
+erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten
+dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft
+aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der
+chemischen Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des
+Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes
+Atom Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom
+Kohlenstoff sein karbonisches Bewußtsein usw.
+
+Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der
+Überzeugung, daß das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung
+und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen
+und einem Teile der höheren Wirbeltiere.
+
+_Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins._ Soweit
+auch die verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung
+des Bewußtseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle
+schließlich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung
+-- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurückführen, auf
+die =transzendente= (übernatürliche, =dualistische=) und die
+=physiologische= (natürliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher
+diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=,
+vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer großen Anzahl
+hervorragender Naturforscher geteilt.
+
+_Transzendenz des Bewußtseins._ In dem berühmten Vortrag »über
+die Grenzen des Naturerkennens«, welchen =E. Du Bois-Reymond=
+am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig
+hielt, stellte derselbe zwei verschiedene »=unbedingte Grenzen=«
+unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei
+vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals überschreiten werde --
+=niemals=, wie das oft zitierte Schlußwort des Vortrags emphatisch
+betont: »~Ignorabimus~!« Das eine absolut unlösbare »Welträtsel«
+ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das eigentliche
+Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses
+»=Substanzproblem=« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das
+zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem
+des =Bewußtseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus
+materiellen Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die
+(der Materie und Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten
+Bedingungen empfindet, begehrt und denkt«.
+
+Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf
+ihren Kern untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm
+des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist »=doppelt=
+unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie
+und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die
+immaterielle Welt des »Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein
+nicht aus materiellen Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der
+ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß der herrschende Dualismus und
+Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit
+Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die
+Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten
+darüber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond=
+bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des
+wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb
+er auch (trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen
+sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der
+Gegenwart.
+
+Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben
+kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden
+»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere
+Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese
+Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt
+unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir
+auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere
+Reden darüber bleibt müßig.« -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von
+Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemüht,
+daß jene beiden großen Fragen nicht zwei verschiedene Welträtsel sind.
+»=Das neurologische Problem des Bewußtseins ist nur ein besonderer Fall
+von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=«
+(Monismus, 1892, S. 23.)
+
+_Physiologie des Bewußtseins._ Die eigenartige Naturerscheinung
+des Bewußtseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die
+dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus
+transzendentes Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866
+behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf
+die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen.
+Ich habe es später noch bestimmter als ein =neurologisches Problem=
+bezeichnet, auf der Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges
+Bewußtsein nur bei den höheren Tieren mit stark zentralisiertem
+Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit läßt sich das für
+die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für die plazentalen
+Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen
+ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten
+usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach
+verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser
+»vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,
+Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede
+zwischen diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen
+(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewußtsein ist
+mithin nur =ein Teil der höheren Seelentätigkeit=, und als solche
+abhängig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des
+=Gehirns=.
+
+Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren
+den sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des
+Säugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewußtseins
+bezeichnet, ein Teil des =Großhirns= ist, und zwar der spät
+entstandene »graue Mantel« oder die »Großhirnrinde«. Aber auch die
+=morphologische= Begründung dieser physiologischen Erkenntnis ist den
+bewunderungswürdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie=
+gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der
+neuesten Zeit verdanken.
+
+Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung
+der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894
+nach, daß in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete
+der zentralen Sinnesorgane oder vier »innere Empfindungssphären«
+liegen, die Körperfühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im
+Stirnlappen, die Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im
+Schläfenlappen. Zwischen diesen vier »=Sinnesherden=« liegen die vier
+großen »=Denkherde=« oder Assozionszentren, die realen =Organe des
+Geisteslebens=; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit,
+welche das =Denken= und das =Bewußtsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn
+oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn
+oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder
+das »große occipito-temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von
+allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn
+oder »die Reilsche Insel«, das insulare Assozionszentrum. Diese vier
+Denkherde, durch eigentümliche und höchst verwickelte Nervenstruktur
+vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren
+»=Denkorgane=«, die einzigen Organe unseres Bewußtseins. In neuester
+Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, daß in einem Teile derselben sich
+beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche
+den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit des
+menschlichen Bewußtseins erklären.
+
+_Pathologie des Bewußtseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der
+modernen Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren
+Säugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird
+einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner
+=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Großhirnrinde durch
+Krankheit zerstört werden, erlischt ihre Funktion, und zwar läßt sich
+hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen;
+wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der
+Teil des Denkens und des Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle
+gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment;
+Zerstörung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum)
+vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens genügt ja der
+Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im Gebiete des
+Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den =chemischen=
+Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genußmittel
+(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier) stimmen
+unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »~Excitantia~« beleben
+das erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe
+usw. Wie wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles
+Wesen, unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und
+worin besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht
+mehr jene Organe besitzt.
+
+Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein
+beim Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)
+=veränderlich= ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden
+kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere
+Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind
+auch die merkwürdigen Zustände des alternierenden oder =doppelten
+Bewußtseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter
+veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute
+nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin
+ich; -- heute muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen
+des Bewußtseins können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre
+dauern; sie können selbst bleibend werden.
+
+_Ontogenie des Bewußtseins._ Wie jedermann weiß, ist das neugeborene
+Kind noch ganz ohne Bewußtsein, und wie =Preyer= gezeigt hat,
+entwickelt sich dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen
+angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person.
+Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male
+»Ich« sagt, in welchem das »=Ichgefühl=« klar wird, beginnt sein
+Selbstbewußtsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Außenwelt.
+Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche
+das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten
+zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten Dezennium
+bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit unzähligen
+Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewußtseins=
+und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der
+Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein
+Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in
+vielseitiger Berührung mit der Außenwelt, das »=Weltbewußtsein=«
+sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle
+Ausbildung des vernünftigen Denkens und damit des Bewußtseins, welche
+dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre
+reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium
+(bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame und allmähliche
+Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das Greisenalter
+charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an
+speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
+Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische
+Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die
+individuelle Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist
+die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch
+in späteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls
+überzeugt uns die Ontogenese des Bewußtseins aufs klarste von der
+Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles Wesen«, sondern eine
+physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also auch keine
+Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.
+
+_Phylogenie des Bewußtseins._ Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich
+allen anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter
+Organe gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit
+diesen Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein
+schließen, daß es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise
+historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche
+natürliche =Stammesgeschichte des Bewußtseins= im Prinzip behaupten
+müssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe
+einzudringen und spezielle Hypothesen darüber aufzustellen. Indessen
+liefert uns die Paläontologie doch einige interessante Anhaltspunkte,
+die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende,
+quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen
+Säugetiere innerhalb der =Tertiärzeit=. An vielen fossilen Schädeln
+derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns
+sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des
+davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und
+derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere)
+ein gewaltiger Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu
+den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei
+den letzteren ist das Gehirn (im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so
+groß als bei den ersteren.
+
+Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der
+=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise --
+eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zuständen
+entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern
+antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=,
+welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknüpft ist. Je höher sich
+beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je
+mehr er fähig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die
+gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu
+bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewußtsein.
+
+
+
+
+=Elftes Kapitel.=
+
+_Unsterblichkeit der Seele._
+
+ Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
+ persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.
+
+
+Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen
+Frage ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet
+des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle
+aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn
+bei dieser Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen
+Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische
+Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre
+individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert haben will.
+Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle logischen
+Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder
+unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen
+Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
+persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen
+Irrtum knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender
+Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses
+wichtigen Dogmas kritisch zu prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber
+den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen.
+
+_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck
+für die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die
+Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die
+»persönliche Unsterblichkeit des Menschen« als =Athanismus=. Dagegen
+nennen wir =Thanatismus= die Überzeugung, daß mit dem Tode des
+Menschen nicht nur alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten
+erlöschen, sondern auch die »=Seele=« verschwindet, d. h. jene Summe
+von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes
+»Wesen«, unabhängig von den übrigen Lebensäußerungen des lebendigen
+Körpers, betrachtet.
+
+Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berühren,
+betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen
+Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive
+Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel
+welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das
+betreffende Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person
+stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen
+hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele
+Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne,
+daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer Dynastie hervorragender
+Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch Generationen
+fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter Frauen
+oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen
+Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der =Vererbung=,
+bei welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des
+Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz
+auf die Nachkommen überträgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene
+Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich,
+und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso
+wie jede andere physiologische Funktion.
+
+_Kosmische und persönliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der
+Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der
+erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung;
+er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar,
+sondern selbstverständlich. Denn die These von der Unzerstörbarkeit
+und ewigen Dauer alles Seienden fällt dann zusammen mit unserem
+höchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden
+diese kosmische Unsterblichkeit später, bei Begründung der Lehre von
+der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich erörtern; jetzt
+wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes »Unsterblichkeitsglaubens«,
+der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der
+Immortalität der =persönlichen Seele=. Wir untersuchen zunächst
+die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen
+Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres
+Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begründeten =Thanatismus=.
+Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen
+desselben den =primären= und den =sekundären= Thanatismus; bei ersterem
+ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprünglicher (bei
+primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus dagegen ist das
+späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten
+Kulturvölkern.
+
+_Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der
+Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders
+theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, daß der
+Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen
+Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist
+weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch
+hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist
+vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
+Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten
+und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von
+einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den
+Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der
+ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= für einen Überrest der
+ältesten indischen »Urmenschen« halten; ferner von mehreren ältesten
+Stämmen der nächstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs
+und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der
+primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien,
+am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit.
+
+_Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._
+Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten
+Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der
+sekundäre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er
+ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«,
+also ein Produkt echter und unabhängiger philosophischer Reflexion.
+Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei
+einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, später bei den
+Gründern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und
+=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca=
+und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als
+dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum
+sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner
+wichtigsten Glaubensartikel, die höchste Bedeutung.
+
+Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters
+wagte begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine
+abweichende Überzeugung zu äußern; die Beispiele von =Galilei=, von
+=Giordano Bruno= und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den
+»Nachfolgern Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert
+wurden, schreckten genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde
+erst wieder möglich, nachdem die Reformation und die Renaissance
+die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der
+neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die
+gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit
+zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknüpfung
+mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen
+Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker
+ihre Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne
+hervorragende Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der
+Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies
+in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von
+=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern
+des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe
+Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der
+größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von Sanssouci«.
+Was würde =Friedrich der Große=, dieser =gekrönte Thanatist und
+Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen Überzeugungen mit
+den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger
+vergleichen könnte!
+
+Unter den =denkenden Ärzten= ist die Überzeugung, daß mit dem Tode
+des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit
+Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich
+meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im
+18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen,
+daß die »Seele« als ein rätselhafter Bewohner desselben ihre freie
+Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt wurde sie erst
+durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des
+19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der
+Zellentheorie, die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und
+der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen
+Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus
+allmählich jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und
+ehrlicher Biologe noch für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die
+monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strauß=, =Feuerbach=,
+=Büchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind sämtlich =Thanatisten=.
+
+_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die höchste
+Bedeutung hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch
+seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums=
+gefunden; und diese hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr
+verbreiteten Ansicht geführt, daß jenes Dogma überhaupt einen
+wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten =Religion= bilde. Das
+ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der
+Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten orientalischen
+Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute über 30 Prozent
+der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt
+ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten,
+später an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und,
+was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen
+Religion; weder in den fünf Büchern =Moses=' noch in jenen älteren
+Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil
+geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach
+dem Tode zu finden.
+
+_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung,
+daß die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich
+weiterlebe, fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten
+=Urmenschen= gewiß ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen,
+wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs
+von Indien und anderen primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender
+Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf
+und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen älteren Menschenrassen
+-- unabhängig voneinander -- mystische Vorstellungen über die
+dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene
+Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus,
+Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlängerung, Hoffnung
+auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung
+der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende
+Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr verschiedenen
+derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils hängen
+sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und
+der Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
+=Athanismus= eng verknüpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche
+sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele«
+bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem
+»persönlichen lieben Gott«.
+
+_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat
+das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen
+Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in
+dem Glaubensartikel ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des
+Fleisches und ein ewiges Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst
+von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als »Gottes
+Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht wird, versinnlichen
+uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der
+Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die Führung
+seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
+Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und
+anthropistisch; er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen
+Vorstellungen vieler niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des
+Fleisches« unmöglich ist, weiß eigentlich jeder, der einige Kenntnisse
+in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung
+Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an jedem Osterfeste
+gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die »Auferweckung von
+den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für die reine
+Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie
+die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«.
+
+_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenüber dem
+materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und
+mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere
+und höhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die
+meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als
+der bedeutendste Begründer desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte
+schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus
+zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre
+zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten
+Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele
+ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des
+individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges
+Leben der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen
+Verbindung annimmt, ist er auch Anhänger der »=Seelenwanderung=«; die
+Seelen existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in
+den menschlichen Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen,
+suchen sie sich als Wohnort einen anderen Körper aus, der ihrer
+Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen
+Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und Geiern, diejenigen von
+tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die
+kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre
+liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig
+unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen.
+Wir erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten
+kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die
+platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das
+Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem
+Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie.
+Die platonische »=Idee=« verwandelte sich später in den Begriff der
+=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfaßbar und metaphysisch ist,
+aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann.
+
+_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als »=Substanz=« ist bei
+vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem
+und idealistischem Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz
+eigentümlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem
+Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an
+dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel)
+als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln,
+so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden.
+Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein
+bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
+Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur
+Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den höheren
+Tieren bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei
+den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres
+vielzelligen Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil
+ihres plasmatischen Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die
+=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese
+materiellen Organe für die Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die
+Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen
+Funktionen.
+
+Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz
+bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche
+»Seele« soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und
+ganz verschieden von dem sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt.
+Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches
+Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele
+mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als einen äußerst
+feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein imponderables
+Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen
+Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem
+wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu;
+und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den
+Naturvölkern zu der später so allgemein gewordenen dualistischen
+Auffassung führte. Wenn der Mensch starb, blieb der Körper als Leiche
+zurück; die unsterbliche Seele aber »entfloh aus ihm mit dem letzten
+Atemzuge«.
+
+_Ätherseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem
+physikalischen Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in
+neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die großartigen
+Fortschritte der Optik und der Elektrizität (besonders in den letzten
+Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des Äthers bekannt gemacht
+und damit zugleich gewisse Schlüsse auf die materielle Natur dieses
+raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhältnisse
+später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf
+hinweisen, daß dadurch die Annahme einer =Ätherseele= vollkommen
+unhaltbar geworden ist. Eine solche »=ätherische Seele=«, d. h. eine
+Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und
+gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder
+den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben
+hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um
+die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die
+Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische »Lebenskraft« mit
+dem physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der
+Widerlegung bedürftig.
+
+_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in
+hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine
+=gasförmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung
+des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden
+ursprünglich für identisch gehalten und mit demselben Namen belegt.
+=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der
+Römer sind ursprünglich Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes;
+sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen übertragen.
+Später wurde dann dieser »lebendige Odem« mit der »Lebenskraft«
+identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen
+oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der »Geist«. Davon
+leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung
+der individuellen Geister ab, der »=Gespenster=« (»~Spirits~«);
+auch diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« --
+aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! --
+vorgestellt; in manchen berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben
+freilich trotzdem photographiert!
+
+_Flüssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den
+letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen
+Körper in den tropfbar-flüssigen -- und die meisten auch in den
+festen -- Aggregatzustand überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts
+als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr
+niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die
+luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern
+auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und Gasgemenge (atmosphärische
+Luft) sind so aus dem luftförmigen in den flüssigen Zustand versetzt
+worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Körper für jedermann
+=sichtbar= und in gewissem Sinne »handgreiflich« geworden. Mit dieser
+Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher
+früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte,
+als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben. Wenn nun
+die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute glauben,
+gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch Anwendung
+von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand
+überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des Todes
+»ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer
+Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »=unsterbliche
+Flüssigkeit=« aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere
+Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige
+Seele in den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt
+ist das Experiment noch nicht gelungen.
+
+_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wäre,
+wenn wirklich die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte,
+so müßte man ganz dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere
+behaupten, mindestens für diejenige der ihm am nächsten stehenden
+Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor
+diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine
+eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern
+lediglich durch einen höheren =Grad= der psychischen Tätigkeit, durch
+eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen
+Menschen das =Bewußtsein= höher entwickelt als bei den meisten Tieren,
+die Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft.
+Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man
+gewöhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der
+entsprechende Unterschied zwischen den höheren und niederen Tierseelen
+oder selbst als der Unterschied zwischen den höchsten und tiefsten
+Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren »persönliche
+Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den höheren Tieren
+zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der
+Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter und neuer
+Zeit zu finden.
+
+_Beweise für den Athanismus._ Die Gründe, welche man seit zweitausend
+Jahren für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch
+heute noch dafür geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile
+nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem
+sogenannten »Bedürfnis des Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der
+Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele
+ein unbegründetes Dogma für die =reine= Vernunft, ein bloßes »Postulat
+für die =praktische= Vernunft«. Diese letztere und die mit ihr
+zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der moralischen Erziehung
+usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und
+unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn
+diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch
+klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom
+=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstände
+der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der
+vernünftig schließenden Wissenschaft.
+
+Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den
+Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich
+ergeben, daß nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich=
+ist; kein einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche
+wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie
+in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis,
+daß ein persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele
+eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, daß
+die »sittliche Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele
+erfordere, ist unbegründetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, daß
+die »höhere Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner
+mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem
+falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, daß die Mängel und die
+unbefriedigten Wünsche des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende
+Gerechtigkeit« im Jenseits befriedigt werden müssen, ist ein frommer
+Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, daß der Glaube an
+die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen
+gemeinsame Wahrheit sei, ist tatsächlicher Irrtum. Der =ontologische=
+Beweis, daß die Seele als ein »einfaches, immaterielles und unteilbares
+Wesen« unmöglich mit dem Tode verschwinden könne, beruht auf einer
+ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein
+spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere ähnliche »Beweise
+für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch die
+wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=.
+
+_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenüber den angeführten, sämtlich
+unhaltbaren Gründen =für= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der
+hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten,
+wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen.
+Der =physiologische= Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele
+ebenso wie die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles
+Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff für eine Summe von
+Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebenstätigkeiten
+durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem
+Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis gründet sich
+auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt
+uns in den Ganglienzellen desselben die wahren »Elementarorgane
+der Seele« kennen. Der =experimentelle= Beweis überzeugt uns, daß
+die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns
+gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind; werden
+diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion;
+insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen
+Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der =pathologische= Beweis ergänzt
+den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum,
+Sehsphäre, Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet
+auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier
+das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische=
+Beweis führt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen
+Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre
+einzelnen Fähigkeiten nach und nach entwickelt; der Jüngling bildet
+sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter
+findet allmähliche Rückbildung der Seele statt, entsprechend der
+senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis
+stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und
+Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen
+diese Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und
+also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich
+aus demjenigen der Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere
+entwickelt hat.
+
+_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die
+durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden
+könnten, haben das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele«
+als völlig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert
+nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern
+nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die »Kritik der reinen
+Vernunft« weist aber nach, daß dieser hochgeschätzte Glaube, bei
+Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft
+damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun halten aber
+noch heute Millionen von »Gläubigen« -- nicht nur aus den niederen,
+ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten
+Bildungskreisen -- diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum,
+für ihren »kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den
+damit verknüpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen
+und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
+Da ergibt sich denn für den objektiven Kritiker die Einsicht, daß
+jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an
+klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht
+auf diese »=athanistischen Illusionen=« würde nach meiner festen und
+ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen
+=Verlust=, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn bedeuten.
+
+Das menschliche »=Gemütsbedürfnis=« hält den Unsterblichkeitsglauben
+besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein
+besseres zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung
+auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod
+hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natürlichen
+Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne
+jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf Entschädigung für die
+zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins,
+ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu besitzen. Wir
+verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem
+wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren
+wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige
+Leben im Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als
+darin die »immaterielle Seele« sich an höchst materiellen Genüssen
+erfreut. Die Phantasie jeder gläubigen Person gestaltet sich diese
+fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persönlichen Wünschen.
+Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner
+nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem
+Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich vielen
+Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen
+mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen
+Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges
+Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen
+herrlichen Gärten und Wäldern; nur setzt er voraus, daß jederzeit
+unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnüssen und anderen
+Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist überzeugt, daß
+in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich ausdehnen,
+durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten
+Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich
+einen Überfluß der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni,
+und ewigen Ablaß für alle Sünden, die er auch im ewigen Leben noch
+täglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuropäer hofft auf
+einen unermeßlichen gothischen Dom, in welchem »ewige Lobgesänge auf
+den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz, jeder Gläubige erwartet
+von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines
+individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend »vermehrten und
+verbesserten Auflage«.
+
+Besonders muß hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung
+des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden
+Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng zusammenhängt. Wie uns
+Tausende von Ölgemälden berühmter Meister versinnlichen, gehen die
+»auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen Seelen« droben
+im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie
+schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren Ohren,
+sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die
+modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen
+von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes
+ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla,
+wie die »unsterblichen« Türken und Araber in Mohammeds lieblichen
+Paradiesgärten, wie die altgriechischen Halbgötter und Helden an Zeus'
+Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia.
+
+Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich
+ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden.
+Und nun gar: »=Ewig=!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung
+diese ewige individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus
+vom »=Ewigen Juden=«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen
+Ahasverus sollte uns über den Wert eines solchen »ewigen Lebens«
+aufklären! Das beste, was wir uns nach einem tüchtigen, nach unserm
+besten Gewissen gut angewandten Leben wünschen können, ist der ewige
+Friede des Grabes: »=Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=«
+
+Jeder vernünftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt,
+und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen
+Erdgeschichte nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß
+der banale Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen
+kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur
+Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.
+
+Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus
+gibt die Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und
+Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames
+Schicksal früh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glück
+erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls
+würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch allen den weniger
+angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu begegnen, die
+hier unser Dasein getrübt haben.
+
+Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die
+Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die
+abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die
+Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben
+harten »Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht?
+Soll der talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum
+Opfer fällt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben
+entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der
+als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als
+rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein früheres
+Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen
+im Olymp als =vollkommene= Wesen verjüngt fortleben sollen, dann ist
+auch der Reiz und das Interesse der =Persönlichkeit= für sie ganz
+verschwunden.
+
+Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der
+anthropistische Mythus vom »=jüngsten Gericht=«, von der Scheidung
+aller Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den
+=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der
+Hölle bestimmt ist -- und das von einem persönlichen Gott, welcher
+»der Vater der Liebe« ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst
+die Bedingungen der Vererbung und Anpassung »geschaffen«, unter denen
+sich einerseits die bevorzugten Glücklichen =notwendig= zu straflosen
+Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso
+=notwendig= zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten.
+
+Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde,
+welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und
+Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste
+Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien
+gegründete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in
+seinen ausgezeichneten Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten
+des Glaubens« (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen
+erscheinen mögen, wie unvereinbar sie sämtlich mit der vorgeschrittenen
+Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute
+eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als »Postulate der
+praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die Lebensanschauungen
+der Individuen und die Geschicke der Völker.
+
+Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird
+nun freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen
+des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten,
+daß an ihre Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen
+Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten
+Seelensubstanz treten müsse. Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen
+kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts
+anfangen; sie befriedigen weder das Kausalitätsbedürfnis unseres
+Verstandes, noch die Wünsche unseres Gemütes. Fassen wir alles
+zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie
+der Gegenwart über den Athanismus ergründet haben, so müssen wir zu
+dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an die Unsterblichkeit
+der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten
+Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig widerspricht.«
+
+
+
+
+=Zwölftes Kapitel.=
+
+_Das Substanzgesetz._
+
+ Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der
+ Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz.
+
+
+Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das
+=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=;
+seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des 19.
+Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich
+ihm unterordnen. Unter dem Begriffe »=Substanzgesetz=« fasse ich
+zwei höchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters
+zusammen, das ältere =chemische= Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes«
+und das jüngere =physikalische= Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«.
+Daß diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen
+unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverständlich
+erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart
+anerkannt. Indessen wird diese fundamentale Überzeugung doch von
+anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß jedenfalls erst
+bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick auf beide
+Gesetze gesondert werfen.
+
+_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der »Konstanz der
+Materie«, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den
+Weltraum erfüllt, ist unveränderlich.= Wenn ein Körper zu verschwinden
+scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,
+verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft
+in gasförmige Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser
+löst, geht seine feste Form in die tropfbar flüssige über. Ebenso
+wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkörper zu
+entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in
+Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich
+die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff
+der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß
+neue Materie entsteht oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir,
+daß vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser
+Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschütterlicher Grundsatz
+der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen
+werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen
+Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst geführt zu
+haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem
+denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest
+von der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das
+Gegenteil gar nicht mehr vorstellen können.
+
+_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der »Konstanz der Energie«,
+=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im
+Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unveränderlich.= Wenn die
+Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt, verwandelt sich die Spannkraft
+des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen
+Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören, werden die
+Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die
+Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet
+und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen,
+welche die Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden.
+Die ganze wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt,
+ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie
+gegenwärtig die bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu
+geführt haben, die verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln:
+Wärme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall,
+diese wiederum in Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue
+=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat
+ergeben, daß auch sie konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser
+fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn
+sehr genähert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwäbischen
+Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhängig von ihm kam =Hermann
+Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fünf Jahre
+später seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen
+Gebieten der =Physik= nach. Wir würden heute sagen müssen, daß es
+auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der »organischen
+Physik!« -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch
+von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und
+spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den
+eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«,
+dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders
+gestützt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der
+Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß
+ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff
+der »=Kraft=« und der »=Energie=« getrennt; für unsere vorliegende
+allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgültig.
+
+_Einheit des Substanzgesetzes._ Von größter Wichtigkeit für unsere
+monistische Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden
+großen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von
+der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der
+Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind
+ebenso innig verknüpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft=
+(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern
+und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze
+selbstverständlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten
+eines und demselben Objektes, des »=Kosmos=«, betreffen; indessen
+ist diese naturgemäße Überzeugung weit entfernt, sich allgemeiner
+Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekämpft von
+der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
+Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
+(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren
+Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des
+»freien Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben.
+
+Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
+=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
+Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß
+dieselben ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser
+Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer
+verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze,
+welche noch heute vielfach bestritten wird, drücken viele überzeugte
+Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der Erhaltung der
+Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren Ausdruck für
+diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu
+haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
+»=Substanzgesetz=« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen
+(Monismus, 1892, S. 14, 39).
+
+_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen=
+»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale
+Bedeutung erkannte, war der große Philosoph =Baruch Spinoza=; sein
+Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner
+großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt
+(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=;
+sie ist gleichzeitig der reinste und vernünftigste =Monismus=, und der
+geklärteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz=
+oder dieses göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten
+seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie=
+(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die
+allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später
+der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf
+diesen höchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurück, den ich mit =Goethe=
+für einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte.
+Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich
+sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere
+vergängliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese
+=Modi= sind körperliche Dinge, materielle Körper, wenn wir sie unter
+dem Attribut der =Ausdehnung= (der »Raumerfüllung«) betrachten, dagegen
+Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der
+»Energie«) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt
+auch unser =Monismus= jetzt zurück; auch für uns sind =Materie= (der
+raumerfüllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei
+untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz.
+
+_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder
+Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale
+Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der
+herrschenden Atomistik, angenommen hat, überwog bisher die Annahme,
+daß allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten
+Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome
+selbst sind dem gewöhnlichen »kinetischen Substanzbegriff« zufolge
+tote diskrete Körperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und
+in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und angesehenste
+Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große Mathematiker
+=Newton=, der berühmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem
+Hauptwerke »~Principia philosophiae naturalis mathematica~« (1687)
+wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der
+=Massenanziehung=, dieselbe unveränderliche Gravitationskonstante
+herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden
+Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats
+ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »=Schwerkraft=« bewirkt ebenso
+die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie
+den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen
+aller Weltkörper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war,
+dieses Gravitationsgesetz endgültig festzustellen und dafür eine
+unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote
+mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie
+in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht legen, gibt uns nur die
+=quantitative= Beweisführung für die Theorie, sie gewährt uns nicht
+die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen.
+Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem
+Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
+gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den
+mindesten Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung;
+vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.
+
+_Der trinitäre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der
+Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen
+unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden
+Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares
+Attribut hinzufügen, die unbewußte =Empfindung= (~Psychoma~). Die
+wahren »inneren Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die
+dualistische Metaphysik als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte
+oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der
+Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar
+an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von
+der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als
+eine Form der Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren
+materialistischer Richtung (»Stoff und Kraft« von =Büchner=),
+als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung
+(»Energetik« als »Überwindung des Materialismus« von =Ostwald=). Die
+Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden
+manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den bisher
+vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute
+zerlegen, in »aktive Energie« -- =Mechanik= (»Wille« im Sinne von
+Schopenhauer) und in »passive Energie« -- =Psychoma= (»unbewußte
+Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
+»=Dreieinigkeit der Substanz=« (oder »Trinität des Kosmos«) im 19.
+Kapitel meiner »=Lebenswunder=« näher erläutert. (Ergänzungsband zu
+den »Welträtseln«, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe
+ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren
+unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl
+Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die
+drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfüllung= oder
+»Ausdehnung«, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder »Mechanik«,
+Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder »Weltseele«, Geist (=
+=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper.
+
+_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese »Trinitärtheorie«
+der Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz,
+die Lehre von der »=Erhaltung=« der unzerstörbaren Substanz, ebenso
+auf die Empfindung, wie auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die
+niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der
+Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise
+verschieden von den niederen und höheren Formen des organischen
+Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen Organismen, von der
+Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede Psychomform kann in die
+andere übergeführt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen
+Weltraum ist unveränderlich.=
+
+_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die
+wir vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip
+=monistisch=; beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar,
+die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhält es
+sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute
+in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend
+sind; diese werden auch von der einflußreichen Theologie gestützt,
+soweit sich dieselbe überhaupt auf solche metaphysische Spekulationen
+einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der
+Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die
+=materielle Substanz= bildet die »=Körperwelt=«, deren Erforschung
+Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von
+der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht überhaupt
+an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!). Die
+=immaterielle Substanz= hingegen bildet die »=Geisterwelt=«, in welcher
+jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
+entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder
+dem »freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen
+solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts
+weiß. Eigentlich bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner
+Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag
+keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige
+Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist.
+
+_Masse oder Körperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses
+=wägbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der
+=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte,
+welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts
+gemacht hat, und der ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten
+des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit
+wenigen Bemerkungen über die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der
+Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen,
+alle die unzähligen verschiedenen Naturkörper durch Zerlegung auf
+eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurückzuführen,
+d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können.
+Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur der kleinere
+Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
+verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus
+seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die
+=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwürdigen
+Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff=
+in ihrem »=Periodischen System der Elemente=« nachgewiesen haben,
+machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine =absoluten Spezies
+der Masse=, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach
+jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und
+innerhalb derselben nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so
+daß die chemisch ähnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die
+gruppenweisen Beziehungen im natürlichen System der Elemente erinnern
+einerseits an ähnliche Verhältnisse der mannigfach zusammengesetzten
+Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler
+Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich
+zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der ähnlichen Gestalten
+auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es
+sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die Familien und Ordnungen
+der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die jetzigen
+»empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen
+»=Spezies der Masse=« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus
+gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
+Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein
+anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der
+Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen.
+
+_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der
+Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu
+unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon
+vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen
+Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos=
+und =Lukretius=; später fand derselbe eine weitere und mannigfach
+verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und
+andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung
+und =empirische Begründung= fand aber der =moderne Atomismus= erst
+1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das »Gesetz der
+einfachen und multiplen Proportionen« bei der Bildung chemischer
+Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der
+einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschütterliche =exakte
+Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind
+sämtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen,
+kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht
+weiter zerlegt werden können. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte
+der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu geführt, die Atome
+wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu
+zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach
+dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Größe, Beseelung
+usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch;
+empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre »chemische
+Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den
+Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).
+
+_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der
+einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder
+Verwandtschaft« bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften
+der Masse und äußert sich in den verschiedenen Mengenverhältnissen
+oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der
+Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von
+der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft,
+finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente
+gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen
+und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte
+Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman
+»=Die Wahlverwandtschaften=« die Verhältnisse der Liebespaare in eine
+Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
+Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
+sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse
+der Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte«
+Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier
+den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch
+zur Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche
+zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von
+einem Molekül Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der
+Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen
+Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der
+griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fünften Jahrhundert v. Chr.
+erkannt, in seiner Lehre vom »=Lieben und Hassen der Elemente=«. Sie
+findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte
+der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten
+Drittel des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf
+unsere Überzeugung, daß auch schon den =Atomen= die einfachste Form
+der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der
+=Fühlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also
+eine universale »=Seele=« von primitivster Art, das »Elementarpsychom«.
+Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder Massenteilchen, welche
+aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren
+Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die einfachen
+und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren
+Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.
+
+_Äther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwägbaren=
+Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=.
+Nachdem man schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den
+Raum außerhalb der Masse erfüllenden Mediums angenommen und diesen
+»Äther« zur Erklärung verschiedener Erscheinungen (vor allem des
+=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nähere Bekanntschaft mit
+diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten
+Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen
+empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizität=, mit ihrer
+experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verständnis und ihrer
+praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die
+berühmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der
+frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu
+erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie
+der allzu frühe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und
+vielen anderen genialen Jünglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der
+menschlichen Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren
+Mythus von einer »weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im
+Himmel« gründlich widerlegen.
+
+_Die Existenz des Äthers_ oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann
+seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch
+heute noch vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei;
+diese irrtümliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen
+und populären Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen
+»vorsichtigen exakten Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber
+auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich
+gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande
+bringen, und deren höchste Weisheit darin besteht, die Realität der
+Außenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert
+eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nämlich ihre eigene teure
+Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.
+
+_Wesen des Äthers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die
+reale Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird,
+und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch
+unzählige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche,
+genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und
+Sicherheit über ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen
+auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie
+speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen
+sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich
+bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
+Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
+Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung,
+die ich persönlich (als bloßer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir
+durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht
+Sätzen zusammen:
+
+~I~. Der Äther erfüllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen
+Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen
+Materie) eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen
+den Atomen der letzteren vollständig aus. ~II~. Der Äther besitzt
+wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen
+zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei
+aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B.
+unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß man weiterhin auch
+annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder
+der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein
+völlig hypothetischer »=Interäther=«; bei der Frage nach dessen Wesen
+würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [~in
+infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der
+unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens
+kaum mehr möglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt),
+so nehme ich eine eigentümliche =Struktur des Äthers= an, die nicht
+atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man
+vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als =ätherische= oder =dynamische=
+Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des Äthers ist,
+dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentümlich und von demjenigen
+der Masse verschieden; er ist weder gasförmig, noch fest; die beste
+Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer
+äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der Äther ist
+=imponderable Materie= in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen, sein
+Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
+was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für
+unsere feinsten Wagen unwägbar. ~VI~. Der ätherische Aggregatzustand
+kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
+Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie
+dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den
+festen übergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustände der Materie= ordnen
+sich demnach (was für die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in
+eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen
+derselben: 1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4.
+der festflüssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~.
+Der Äther ist ebenso unendlich und unermeßlich wie der Raum selbst; er
+befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung.
+
+_Äther und Masse._ »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des
+Äthers«, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schließt auch diejenige
+seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile
+der Materie befinden sich nicht nur überall in innigster äußerer
+Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man
+kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als
+Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie« unterscheidet, in
+zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht
+ausschließlich) Funktion des =Äthers=, die andere ebenso Funktion
+der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme,
+der Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den
+imponderablen Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere,
+der Trägheit, der Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable
+=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung
+der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide
+trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in
+beständiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische
+Vorgänge des Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen
+Veränderungen der Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt
+über in die Massenwärme oder mechanische Wärme der letzteren; die
+Gravitation kann nicht wirken, ohne daß der Äther die Massenanziehung
+der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen
+können. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das
+Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt zugleich die
+beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz,
+zwischen =Äther= und =Masse=.
+
+_Kraft und Energie._ Das große Grundgesetz der Natur, welches wir
+als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen
+stellen, wurde ursprünglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte
+(1842), und von =Helmholtz=, der es ausführte (1847), als das Gesetz
+von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre früher
+hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn,
+die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837).
+Später wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von
+demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprünglich gleichbedeutend
+war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das »Gesetz
+von der =Konstanz der Energie=« bezeichnet. Für die allgemeine
+Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das
+große Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere
+Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert,
+findet eine sehr klare Auseinandersetzung darüber z. B. in dem
+ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= über »das
+Grundgesetz der Natur« (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die
+universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erläutert,
+sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener
+Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der wichtigen Tatsache, daß
+gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit verknüpfte Überzeugung
+von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch
+alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt
+der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen jetzt, daß
+Wärme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizität
+ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können durch
+geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln,
+und überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer
+Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht.
+
+_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=).
+Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig,
+gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und
+unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das
+ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und
+Bewegung; die ruhenden Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare
+Größe von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt
+sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren.
+»Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoßung als
+die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der mechanische
+Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen Welt
+eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz
+des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis
+ineinander verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt
+die Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes
+bleibt jedoch unverändert.« =Die Spannkraft= oder die =potentielle
+Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (=
+Triebkraft) werden beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die
+unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den
+geringsten Verlust erleidet.
+
+_Einheit der Naturkräfte._ Nachdem die moderne Physik das
+Substanzgesetz zunächst für die einfacheren Beziehungen der
+anorganischen Körper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen
+allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur
+nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der Organismen ebenso
+auf einem beständigen »=Kraftwechsel=« und einem damit verknüpften
+»Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der sogenannten
+»leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der
+Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und
+Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der
+Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses
+höchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen
+des Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen
+als das »=Geistesleben=« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die
+gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkräften in
+allen Naturerscheinungen.
+
+_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische Überzeugung,
+daß das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die =gesamte
+Natur= besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch
+wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der
+kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen,
+sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der höchste intellektuelle
+Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen
+der Metaphysik=: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. Indem das
+Substanzgesetz überall mechanische Ursachen in den Erscheinungen
+nachweist, verknüpft es sich mit dem »=allgemeinen Kausalgesetz=«.
+
+
+
+
+=Dreizehntes Kapitel.=
+
+_Entwickelungsgeschichte der Welt._
+
+ Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum.
+ Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.
+
+
+Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist
+dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich
+die »=Schöpfungsfrage=« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten
+Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren,
+ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens
+sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen
+einzelnen Schöpfungsfragen untrennbar verknüpft sind, daß sie alle
+nur ein einziges, allumfassendes »=kosmisches Universalproblem=«
+bilden, und den Schlüssel zur Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns
+das eine Zauberwort: »=Entwickelung=«! Die großen Fragen von der
+Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der Tiere und Pflanzen, von
+der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile
+jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf
+übernatürlichem Wege »=erschaffen=«, oder hat sie sich auf natürlichem
+Wege »=entwickelt=«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser
+Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen
+für eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer
+einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf
+deren Beantwortung für das =ganze= Weltproblem geworfen.
+
+_Schöpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht über die Entstehung
+der Welt war in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende
+Menschen wohnten, der =Glaube an die Schöpfung=. In Tausenden von
+interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen,
+=Kosmogonien= und =Schöpfungsmythen= hat dieser Schöpfungsglaube seinen
+mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große
+Philosophen und besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker
+des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natürlichen
+=Entwickelung= erfaßten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle
+jene Schöpfungsmythen den Charakter des =Übernatürlichen=, Wunderbaren
+oder Transzendenten. Unfähig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen
+und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte
+die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum =Wunder= greifen.
+In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem Wunder die
+Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht
+und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott«
+planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers
+war meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige
+Schöpfer Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in
+unserem heute noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz
+menschlich gedacht wie der moderne Schöpfer von =Agassiz= und =Reinke=.
+
+_Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz
+und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der
+=Kreation= können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale
+Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen
+Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der
+=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~,
+den einzelnen »Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung
+ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen
+gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen,
+die letztere dagegen verwerfen.
+
+_Schöpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser
+Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«.
+Man stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber
+immaterielles Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren
+Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam,
+»die Welt zu schaffen«. Viele Anhänger dieses Glaubens beschränken
+die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs Äußerste, auf einen einzigen Akt;
+sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott (dessen übrige Tätigkeit
+rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr
+die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann
+nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist
+namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie
+nähert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur
+in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken
+kam. Andere Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen
+an, daß »Gott der Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen
+habe, sondern als bewußter »Erhalter und Regierer der Welt« in deren
+Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nähern sich
+bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese
+und ähnliche Formen des Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem
+Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen
+»Anfang der Welt«.
+
+_Schöpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser
+individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott
+der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen,
+sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt
+besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses
+herübergenommene Schöpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter
+den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da gläubige
+Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten
+Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt.
+Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus
+dürften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische
+Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schöpfungsakte= beschränkt; zuerst
+schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein
+das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus
+der Weltkörper und der Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz
+und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten
+Kräften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten
+(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in
+=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schöpfung des Himmels (d. h. der
+außerirdischen Welt); ~B~. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt der
+Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild
+Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen
+Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als
+Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schöpfung in
+sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch
+wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren
+Kindern schon in der frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest
+eingeprägt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche,
+denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen,
+sind völlig fehlgeschlagen. Für die Naturwissenschaft gewann derselbe
+dadurch große Bedeutung, daß =Linné= bei Begründung seines Natursystems
+(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von
+ihm für beständig gehaltenen) =Spezies= benutzte: »Es gibt so viele
+verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene
+Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.« Dieses Dogma
+wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich
+=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~.
+=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte
+wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung neu geschaffen und am
+Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt
+so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden
+aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818,
+und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren
+unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen
+der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig
+widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch --
+ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist
+nicht durch einen natürlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern
+durch die Gnade Gottes geschaffen (»der alle Dinge kennt und die
+Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest diese christliche
+Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei
+Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden
+Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer
+Kinder werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die
+erblichen Fehler gewöhnlich nicht!).
+
+_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der
+Schöpfungssagen und des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich
+schon frühzeitig denkenden Menschen aufdrängen; wir finden daher
+schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben
+durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der
+Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran stehen
+hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie,
+ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius
+und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen
+Versuche, welche sie unternahmen, überraschen uns zum Teil durch
+strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen
+erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere
+Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzählige
+Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Während des
+Mittelalters -- und besonders während der Gewaltherrschaft des
+Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete
+ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten
+dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des
+Moses als definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst
+diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der
+Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der
+Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet
+oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wißbegieriger
+Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen.
+Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen Entwickelung
+ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Präformationslehre=
+versperrt, durch das Dogma, daß die charakteristische Form und Struktur
+jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl.
+S. 33).
+
+_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die
+Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne)
+nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des
+19. Jahrhunderts; sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten
+Erzeugnissen. Tatsächlich ist dieser Begriff, der noch im 18.
+Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein
+unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzüge
+derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am eingehendsten
+in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in der
+»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit
+besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874,
+fünfte Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze
+Übersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre
+im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren
+Objekten in vier Hauptteile: die natürliche Entstehung 1. des Kosmos,
+2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen.
+
+~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten »Versuch«, die
+Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes
+nach »=Newton=schen Grundsätzen« -- d. h. durch mathematische und
+physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklären, unternahm
+=Immanuel Kant= in seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen
+Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755). Leider blieb dieses
+großartige und kühne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde
+erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen,
+im ersten Bande seines »Kosmos«. Inzwischen war aber der große
+französische Mathematiker =Pierre Laplace= selbständig auf ähnliche
+Theorien wie =Kant= gekommen und führte sie mit mathematischer
+Begründung weiter aus in seiner »~Exposition du système du monde~«
+(1796). Sein Hauptwerk »~Mécanique céleste~« erschien im Jahre
+1799. Die übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von =Kant=
+und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung
+der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, daß
+alle Weltkörper ursprünglich aus rotierenden Nebelbällen durch
+Verdichtung entstanden sind. Diese »=Nebularhypothese=« ist zwar später
+vielfach verbessert und ergänzt worden, sie gilt aber noch heute
+als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebäudes
+einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl. =Wilhelm Bölsche=,
+Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In späterer Zeit
+hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung
+durch die Annahme gewonnen, daß dieser =kosmogonische Prozeß= nicht
+nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat.
+Während in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden
+Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in
+anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene
+Weltkörper durch Zusammenstoß wieder zerstäubt und in diffuse
+Nebelmassen aufgelöst.
+
+_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle älteren und neueren Kosmogenien
+und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen,
+gingen von der herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen =Anfang=
+gehabt habe. So hätte sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten
+Form der »Nebularhypothese« ursprünglich ein ungeheurer Nebelball
+aus äußerst dünner und leichter Materie gebildet, und in einem
+bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«) habe in diesem
+eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang« dieser
+kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach
+jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der
+Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten
+und mathematisch begründen. Dieser erste »=Ursprung der Bewegung=«
+ist das zweite »Welträtsel« von =Du Bois-Reymond=; er erklärt es für
+=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen
+um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis,
+daß man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«,
+annehmen müsse.
+
+Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme
+gelöst, daß die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprüngliche=
+Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die
+Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im
+Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die
+Astronomie und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
+gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff=
+(1860) haben wir nicht nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper,
+welche den unendlichen Weltraum erfüllen, aus denselben Materien
+bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, daß sie sich in
+verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir haben sogar
+mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen der
+Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt
+werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend
+verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Fülle
+von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19.
+Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die
+bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und
+Nebelflecke, uns die große Bedeutung der kleinen Weltkörper kennen
+gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren Sternen im Weltraum
+verteilt sind.
+
+Wir wissen jetzt auch, daß die =Bahnen= der Millionen von Weltkörpern
+=veränderlich= und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die
+Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle
+in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige
+Aufschlüsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten
+in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik,
+sowie in der dadurch geförderten Äthertheorie. Endlich erweist sich
+auch hier wieder als größter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das
+=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, daß es ebenso überall
+in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat wie in unserem
+Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in
+der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch
+zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die
+Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein
+bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit
+war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz
+unterworfen.=
+
+Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die
+sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von
+überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung
+des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir
+fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der
+=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer,
+sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit=
+ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und
+kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich
+überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung;
+nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die
+unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige
+der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der
+Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich
+wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in
+einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten
+Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem
+Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper
+entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte
+Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen.
+~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese
+mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper
+erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche
+die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die
+=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder
+von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden
+aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach
+Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer
+kleiner geworden, in die Sonne stürzen.
+
+Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen
+kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über
+periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper.
+Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen
+»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im
+unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«,
+welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild
+Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen
+Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum
+besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische
+Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur
+vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle
+Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir
+begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit
+gegenüberstellen.
+
+_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als
+bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der
+äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über
+diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der
+auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen
+Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen
+Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie«
+die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche
+Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes
+und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden
+Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie
+übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems,
+die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=,
+als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben
+=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem
+Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden
+erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der
+subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu
+jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper
+sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«.
+Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches
+Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige
+meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche
+die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch
+Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die
+»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich
+auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium,
+in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich
+Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen«
+sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111);
+das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
+die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die
+Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und
+der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare
+Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns
+als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar
+in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir
+auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige
+Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen
+=Entwickelung= der Substanz äußert.
+
+_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine
+Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran
+hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken,
+Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort
+in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede
+Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn
+nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
+zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein
+schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich
+hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die
+Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner
+Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm
+durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des
+Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion
+einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß
+erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich.
+Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten
+fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch
+theoretisch die Unmöglichkeit desselben.
+
+Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge
+fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in
+ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das
+ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist.
+Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst
+in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große
+=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt.
+Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum
+mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend
+wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich
+ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der
+Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind.
+
+_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen
+Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser
+bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste
+Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet
+die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S.
+28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls
+strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt
+die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine
+(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische,
+chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist,
+der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme
+verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für
+weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
+»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit
+umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach
+innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten
+Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls
+in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt
+werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer
+mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede
+müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig
+in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein;
+alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört
+haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre
+»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und
+ihr Schatten, 1902.)
+
+Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so
+müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher
+»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer
+monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen
+Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig
+als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es
+auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der
+lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe
+dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe.
+
+Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald
+sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System
+ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff
+eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen
+aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen
+Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei
+Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen,
+kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den
+Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der
+rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
+Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von
+neuem.
+
+=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend
+dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß
+unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe
+bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer
+früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei
+zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum
+der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im
+entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums
+unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908)
+bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,
+welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei
+genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren
+sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen
+durchgemacht hat.
+
+~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde,
+auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen
+winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich
+dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen
+Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber
+ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt
+zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die
+Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon
+durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=,
+=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr
+Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch
+die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem
+sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere
+Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die
+Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu
+Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts
+nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen;
+meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder
+mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere
+war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische
+Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von
+vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte.
+
+Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
+wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode
+einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die
+=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht
+darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren
+und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der
+=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in
+seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen
+Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822)
+begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen
+Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die
+ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit
+hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde
+und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben
+gegeben.
+
+Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem
+die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die
+letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf
+unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere
+Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen
+Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des
+rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu
+selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball
+wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand
+an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die
+dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur
+an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte
+sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige
+Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung
+für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen
+Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die
+erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten
+Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=.
+
+~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der
+Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf
+unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart
+fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der
+Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts
+allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in
+weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit
+berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und
+ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809)
+=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des
+Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen
+einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche
+Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit
+=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig
+Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser
+»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten
+Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine
+neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus.
+Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der
+unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der
+Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.
+Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.
+
+~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter
+Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige
+jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes
+Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar
+erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem=
+natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von
+dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in
+seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der
+Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß
+der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
+paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese
+»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie
+in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über
+»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl«
+(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866)
+diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes
+Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=,
+als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze
+Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen;
+ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der
+Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
+Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir
+seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen
+Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898
+auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ȟber unsere
+gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die
+ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten
+Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung
+gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift
+zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.«
+
+
+
+
+=Vierzehntes Kapitel.=
+
+_Einheit der Natur._
+
+ Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des
+ Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall.
+
+
+Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache
+erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede
+andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie,
+Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt
+werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen
+einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der
+bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir
+auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete
+der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein
+anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft.
+
+Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und
+formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der
+Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf
+mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen
+zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute
+noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=,
+insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der
+modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar
+getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren
+Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen=
+Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die
+=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos.
+
+_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des
+früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse
+unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des
+Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen
+Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die
+Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe,
+Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung
+unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug
+ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen
+Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von
+der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind,
+ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden,
+sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen
+Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich
+auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der
+=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen,
+wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner
+Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr
+wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.
+
+_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der
+letzten Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen
+festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkörpern kommen keine
+anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen
+Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentümlich sind,
+und welche ihre »Lebenserscheinungen« bewirken, sind zusammengesetzte
+Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweißverbindungen.
+~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer
+Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~.
+Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten
+Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff,
+Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff.
+~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich
+vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr
+komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbeständigkeit und
+ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf fundamentalen
+Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: »Lediglich
+die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des
+Kohlenstoffes -- und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und
+die leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen
+Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener
+eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die
+Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren
+Sinne das Leben nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren
+Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine
+bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die
+physiologischen Verhältnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik
+des lebendigen Plasma viel besser und gründlicher kennen als um die
+Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere Theorie eingehender und
+sicherer begründen, als es damals möglich war.
+
+_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung=
+(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in
+sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit über
+diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf
+ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran,
+daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten
+Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehört.
+Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung
+von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen
+und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »=Beginn der
+Biogenesis=«: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern
+in einer anorganischen Bildungsflüssigkeit, und ~II~. die
+Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen
+Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen,
+aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natürlichen
+Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt, daß ich hier darauf
+verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng wissenschaftliche
+Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen
+Morphologie« gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); später hat =Naegeli= in
+seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884)
+die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend
+behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natürlichen
+Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:
+»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische
+Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings
+über »Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel
+(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe
+1906).
+
+_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die
+eng damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung
+für die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen=
+(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung
+der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fünfzig Jahren durch seine
+=Selektionstheorie= den Schlüssel zur monistischen Erklärung der
+Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte
+Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen
+Körperwelt ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen,
+wie dies vorher nur in der anorganischen Natur möglich war. Die
+übernatürlichen zwecktätigen Ursachen, zu welchen man früher seine
+Zuflucht hatte nehmen müssen, sind dadurch überflüssig geworden.
+
+_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae
+finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen
+(oder Werkursachen) und den zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen)
+hat mit Bezug auf die Erklärung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph
+schärfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berühmten
+Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«,
+hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen, »die Verfassung und
+den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach =Newton=schen
+Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die
+mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später
+von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser
+von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott,
+der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar
+und ehrlich: »Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der
+=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit
+allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um
+so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch
+heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus=
+noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so
+trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die
+=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklärt.
+
+Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklärung= der
+Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen
+zurückführt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution
+der betreffenden Naturkörper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont,
+daß es »ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft
+geben kann«, und daß die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur
+mechanischen Erklärung =aller= Erscheinungen unbeschränkt sei. Als
+er aber später in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die
+Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur
+besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen Ursachen nicht
+ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende Endursachen
+zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft
+zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr =Vermögen= sei
+begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber
+für den größten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders für die
+Seelentätigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen
+unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der Kritik der Urteilskraft trägt
+die charakteristische Überschrift: »Von der notwendigen Unterordnung
+des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung eines
+Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen Einrichtungen im Körperbau
+der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme übernatürlicher
+Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft)
+so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die
+organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
+Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns
+erklären können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist
+für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder
+zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch
+nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht
+geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht
+dem Menschen schlechterdings absprechen.« Siebzig Jahre später ist
+dieser unmögliche »=Newton= der organischen Natur« in =Darwin= wirklich
+erschienen und hat die große Aufgabe gelöst, die =Kant= für unlösbar
+erklärt hatte.
+
+_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=).
+Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und
+seitdem =Kant= (1755) »die Verfassung und den =mechanischen=
+Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundsätzen«
+festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz
+des Weltmechanismus= mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen
+anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich
+rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der
+Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt
+seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer
+Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der
+=Zweckbegriff= aus diesem ganzen großen Gebiete =verschwunden=. Jetzt
+ist diese monistische Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner
+Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach
+dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermeßlichen
+Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach
+dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke
+der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker über den
+Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den Zweck der
+Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: =Nein=! Sicher
+nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige
+Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus
+nichts« zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach
+seinem vernünftigen Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe
+Vorstellung von einem zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher
+ist hier völlig überwunden; an seine Stelle sind die »ewigen, ehernen,
+großen Naturgesetze« getreten.
+
+_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine
+ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der
+=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und
+in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit
+unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der
+Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten
+Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen
+und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist
+auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke
+gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es
+war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung für
+die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen
+Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge
+geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen
+Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser
+»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph
+gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem
+Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend
+mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen,
+konnte man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner
+künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine
+anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich
+der Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen
+immateriellen Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher
+endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die
+Physiologie an die Stelle des bewußt bauenden Gottes die unbewußt
+schaffende »=Lebenskraft=« setzte -- eine unbekannte, zweckmäßig tätige
+Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen
+Kräften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit --
+in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des
+19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche Widerlegung
+erst durch den großen Physiologen =Johannes Müller=. Zwar war auch
+dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen
+und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für
+unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch
+heute unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß
+eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Müller= selbst zeigte in
+einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen
+Experimenten, daß die meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des
+Menschen ebenso wie der übrigen Tiere nach physikalischen und
+chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von ihnen sogar mathematisch
+bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln
+und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane, wie von den
+Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und
+dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft
+nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren
+Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung).
+Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Müllers= Tode so
+bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche
+»Gespenst der Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln
+verschwand. Es war ein merkwürdiger chronologischer Zufall, daß
+=Johannes Müller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles
+Darwin= die ersten Mitteilungen über seine epochemachende Theorie
+veröffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete
+das große Rätsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die
+Frage von der Entstehung zweckmäßiger Einrichtungen durch rein
+mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan.
+
+_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche
+philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft
+betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809
+von =Lamarck= begründeten =Deszendenztheorie=, ihre Begründung
+durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts
+angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der
+=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich
+die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung enthüllt.
+=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche »=Kampf ums Dasein=«
+der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der
+Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies
+leitet; er ist der große »=züchtende Gott=«, welcher ohne Absicht neue
+Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende
+Mensch neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt.
+Damit wurde das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können
+zweckmäßige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige
+Ursachen?« Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »=teleologischen
+Mechanik=« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die
+feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns
+durch die »funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur«
+mechanisch erklärt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff
+unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis
+einer vernünftigen und einheitlichen Naturauffassung.
+
+_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen
+Lebenskraft, das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt;
+verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur
+Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der
+Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Büchern gegeben: »Die Welt
+als Tat« (1899) und »Einleitung in die theoretische Biologie« (1901).
+Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher
+Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der christliche
+Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht
+und =Moses= als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet,
+verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die
+Mosaische =Schöpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er
+nennt die »Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen
+Kräften, Richtkräfte, Oberkräfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet
+vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der
+christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungssätzen
+der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird
+auch der neue sogenannte »Keplerbund« nicht lösen, den er 1908 zur
+Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten »Monistenbundes« ins
+Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus
+(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten,
+Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3.
+Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen.
+
+_Unzweckmäßigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe
+habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus
+interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche
+in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung
+von der »zweckmäßigen Einrichtung der lebendigen Naturkörper« direkt
+widerlegen. Diese Wissenschaft von den »rudimentären, abortiven,
+verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen
+Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der merkwürdigsten
+Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern längst bekannt
+waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer hohen
+philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind.
+
+Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen,
+deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren,
+zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei
+aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen,
+ja zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen.
+In den Blüten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen
+Geschlechtsblättern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne
+nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkümmerte oder »fehlgeschlagene«
+Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-, Kelchblätter usw.). In den
+beiden großen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vögel
+und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich
+gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel verkümmert
+sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der höheren
+Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne
+Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen
+auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen
+nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen
+wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der
+Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrüse des Mannes
+und in anderen Körperteilen; ja der gefürchtete Wurmfortsatz unseres
+Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und
+alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzündung zugrunde.
+
+Die =Erklärung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen
+im Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der
+neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch
+die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe
+=verkümmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die
+Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren
+Gebrauch gestärkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch
+Untätigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung.
+Aber obgleich so durch Übung und Anpassung die höhere Entwickelung
+der Organe gefördert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort
+spurlos durch Nichtübung; vielmehr werden sie durch die Macht der
+Vererbung noch während vieler Generationen erhalten und verschwinden
+erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde »Kampf ums Dasein
+zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen Untergang,
+wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein
+immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle.
+
+_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das
+Tier- und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache
+ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem
+beständigen Flusse der =Entwickelung=, der Veränderung und Umbildung
+begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen
+-- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur
+auf unserem Planeten übersehen können -- als eine fortschreitende
+Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum
+Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum
+Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den
+Nachweis geführt, daß dieser historische =Fortschritt= -- oder die
+allmähliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion=
+ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich
+auch daraus, daß kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er
+in einem gegebenen Augenblicke den Umständen vollkommen angepaßt wäre,
+würde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen
+der Außenwelt sind selbst einem beständigen Wechsel unterworfen und
+bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen.
+
+_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in
+den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über
+die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der
+Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer
+»sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel
+der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht,
+welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem
+Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt
+hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist
+neuerdings um so schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer
+monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere
+im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte
+herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem
+weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von
+einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persönlichen
+Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat«.
+Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu
+finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.
+=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie
+die zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und
+Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er
+hat uns auch in seinem »=Kampf ums Dasein=« die gewaltige Naturmacht
+erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen
+Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt.
+Man könnte freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben
+des Passendsten« oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur,
+wenn man das Stärkere stets als das beste (in moralischem Sinne!)
+betrachtet; und überdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen
+Welt, daß neben dem überwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen
+jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen Zuständen vorkommen.
+
+Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem
+anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt,
+etwa anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches
+Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke
+der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem
+vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Völkergeschichte,
+nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts,
+die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und
+ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben »ewigen,
+ehernen, großen Gesetzen« wie die Geschichte der ganzen organischen
+Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevölkert.
+
+Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit
+sie uns durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei
+große Perioden: das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre
+Zeitdauer ist schwer abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen)
+jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des
+Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist,
+liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei
+verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei
+großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode
+die =Fische=, in der sekundären die =Reptilien=, in der tertiären
+die =Säugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere
+nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die
+Säugetiere den höchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem
+Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, daß auch
+die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei
+Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit entwickelten.
+Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausfluß
+einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen
+Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie
+lehrt uns, daß der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische
+Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist.
+Tausende von bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches
+sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie
+anderen, stärkeren, Platz machen mußten, und diese Sieger im Kampfe
+ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne
+vollkommneren Formen.
+
+Genau dasselbe gilt von der =Völkergeschichte=. Die bewunderungswürdige
+Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das
+Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an
+einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges
+Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde
+zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat
+schonungslos die Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische
+Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft
+durch die Unwissenheit der blindgläubigen =Massen=. Erst die
+Renaissance zerriß die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf
+wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser
+neuen, wie in jenen früheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig
+der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung.
+
+_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung
+eine »moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte
+nachzuweisen ist, ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im
+Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird
+mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalität bestimmt,
+welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen
+ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als höchstes Weltprinzip
+das blinde =Fatum= (die Anangke), das »Götter und Menschen beherrscht«.
+An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte Vorsehung eines Gottes,
+welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung
+als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe Charakter
+dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden
+Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem
+Planeten unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden
+Gebete und »frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist
+vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim
+Nachdenken darüber die farbige Brille des »Glaubens« ablegt.
+
+Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat
+notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher
+nicht geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch
+die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde
+durch Schiffbrüche, Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch
+Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre
+gegenseitig im Kriege, und die Zurüstung für diesen Massenmord
+nimmt bei den höchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden
+Kulturnationen den weitaus größten Teil des Nationalvermögens in
+Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljährlich als
+Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend
+tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von
+sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß
+der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine
+»sittliche Weltordnung« -- ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung«
+-- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt
+die Schwachen, erhebt im Unglück; er befriedigt unser zweifelndes
+Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des »Jenseits«, in welcher
+die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So
+lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit
+diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das fortgeschrittene
+Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener schönen
+Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur
+die vernünftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befähigt. Unzweifelhaft
+wird die frühzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmäßig in den
+Unterricht eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt,
+den höher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und
+vorurteilsfreier, sondern auch besser und glücklicher machen.
+
+_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prüfung der
+Weltentwickelung lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein
+besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen
+ist, so scheint nichts übrig zu bleiben, als alles dem »=blinden
+Zufall=« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso
+dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie früher der
+=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele
+dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es
+verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen Blick
+darauf zu werfen.
+
+Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen=
+Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle
+Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die
+andere Gruppe dagegen meint gemäß ihrer =mechanistischen= Auffassung:
+Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer
+Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was
+wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der
+biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper,
+noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck
+nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je
+nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in
+Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß jede Erscheinung
+ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall.
+Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff
+beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen
+zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen
+aber natürlich jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie
+jedermann weiß, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die
+größte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen
+Naturkörper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer
+persönlichen Schicksale werden oft durch zufällige Begegnung mit
+anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem
+einzelnen »=Zufall=« wie in der Entwickelung des Weltganzen die
+universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des
+=Substanzgesetzes=.
+
+
+
+
+=Fünfzehntes Kapitel.=
+
+_Gott und Welt._
+
+ Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der anthropistische
+ Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen. Extramundaner und
+ intramundaner Gott.
+
+
+Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet
+die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter
+dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen
+allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste Grundbegriff im
+Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den
+mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, daß
+kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert worden ist;
+denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die höchsten
+Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen Wissenschaft
+als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes und der
+dichtenden Phantasie.
+
+Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen
+der Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde
+uns hier aber viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur
+auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung
+zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten
+Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu werfen.
+
+Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des
+Gottesbildes absehen, können wir füglich -- mit Beschränkung auf den
+tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darüber
+in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und
+die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der
+=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen=
+oder mystischen Weltanschauung.
+
+~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott
+steht der Welt gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer.
+Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenähnlich gedacht, als
+ein Organismus, welcher dem Menschen ähnlich (wenn auch in höchst
+vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=,
+den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander
+mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den
+mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwärts bis zu den
+geläuterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste
+Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir
+Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus.
+
+_Polytheismus_ (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen
+Göttern bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren
+Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen
+untergeordnete Götter in den verschiedensten leblosen Naturkörpern, in
+den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten
+einfachster Art. Der =Dämonismus= erblickt Götter in lebendigen
+Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgötterei nimmt
+schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvölker sehr
+mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe geläutert
+im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Göttersagen des
+alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die
+schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer
+Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche »Heilige«
+als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung beim
+obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden.
+
+_Triplotheismus_ (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der
+»=Dreieinigkeit Gottes=«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der
+christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel«
+bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der =Eine Gott=
+des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von
+verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der
+»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus
+ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie
+längst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der »eingeborene Sohn
+Gottes des Vaters« (und zugleich der dritten Person, des »Heiligen
+Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria.
+~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, über dessen
+unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele
+christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen
+haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses
+=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns über die eigentlichen
+Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und
+geben auf die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie
+befriedigende Antwort. Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen,
+welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den
+Köpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig
+anrichten muß. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde
+(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf
+in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere
+mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige
+Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- Übrigens
+ist die »=Dreieinigkeit=« im Christentum keineswegs originell, sondern
+gleich den meisten anderen Lehren desselben aus älteren Religionen
+übernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldäischen Magier entwickelt
+sich die Trinität der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt;
+ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprüngliche Chaos, =Bel=,
+der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles
+erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti=
+als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus
+=Brahma= (dem Schöpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem
+Zerstörer).
+
+_Amphitheismus_ (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen
+Göttern regiert, einem guten und einem bösen Wesen, =Gott= und
+=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe,
+wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses
+Kampfes ist jederzeit der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe
+=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schönen, der
+Lust und Freude. Die Welt würde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht
+beständig durchkreuzt würde von dem bösen Wesen, dem =Teufel=; dieser
+schlimme Satanas ist die Ursache alles Bösen und Häßlichen, der Unlust
+und des Schmerzes.
+
+Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des
+Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am
+ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden
+ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen
+Kulturvölkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft
+=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstörer. Im alten
+Ägypten steht dem guten =Osiris= der böse =Typhon= gegenüber. In der
+Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus
+gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott
+des Lichtes, und =Ahriman=, dem bösen Gott der Finsternis.
+
+Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in
+der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der
+Fürst der Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher =Satanas= war
+er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element
+im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde
+er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich
+mit jener Rolle begnügen, welche ihm =Goethe= in der größten aller
+dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als =Mephistopheles= zuteilt.
+Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der »Glaube an den
+persönlichen Teufel« als ein überwundener Aberglaube des Mittelalters,
+während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h. den persönlichen,
+guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion
+festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll
+berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls
+erklärt sich die vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel
+einfacher und natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes
+als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens.
+
+_Monotheismus_ (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann
+in vieler Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der
+Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die
+weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich
+den Kirchenglauben der Kulturvölker. Tatsächlich ist dies jedoch
+nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei
+näherer Betrachtung meistens als eine der vorher angeführten Formen
+des Theismus, indem neben dem obersten »Hauptgotte« noch einer oder
+mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen,
+welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der
+Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die
+moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere
+Erde bevölkern, die große Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich=
+sollen davon =ungefähr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500
+Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster
+Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10
+Millionen ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen
+Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben
+dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengötter, als da sind:
+Engel, Teufel, Dämonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich
+der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, können wir in zwei
+Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingötterei.
+
+_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt
+die Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden
+Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden
+den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwärmende
+Gottheit, von deren Einfluß sichtlich alles organische Leben
+unmittelbar abhängig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann für
+den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen
+als die würdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und
+Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein abgelöster Teil der Sonne
+ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren wird. Die moderne
+Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen Lebens auf
+der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen
+anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur
+unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primäre
+Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachträglich, sekundär, diejenige
+der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren;
+und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein
+späterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser
+gesamtes körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles
+andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht
+und Wärme spendende Sonne zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig
+betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer
+Monotheismus= besser begründet als der anthropistische Gottesdienst
+der Christen und anderer Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt
+sich vorstellen. Tatsächlich haben auch schon vor Jahrtausenden die
+Sonnenanbeter sich auf eine höhere intellektuelle und moralische
+Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich
+im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der größten
+Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche
+beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder
+auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden
+Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~.
+Aufl., S. 56).
+
+_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes,
+die Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich
+empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form),
+spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die größte Rolle in der
+Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund
+die drei großen Religionen der mediterranen Menschenart, die ältere
+mosaische, die mittlere christliche und die jüngere mohammedanische.
+Diese =drei großen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten
+Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in
+ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer
+Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen
+Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge
+ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen
+Teil seiner Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen
+hat, so hat der jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen
+viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren
+ursprünglich rein =monotheistisch=; alle drei sind späterhin den
+mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter
+sie sich zunächst an den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten
+Mittelmeers und sodann in den übrigen Erdteilen ausbreiteten.
+
+_Der Mosaismus._ Der jüdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600
+vor Chr.) begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des
+Altertums, welche die höchste Bedeutung für die weitere ethische und
+religiöse Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist
+ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil
+die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr
+hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses,
+wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das
+Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das
+Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat,
+auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als
+=Bibel= einen Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes
+Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle
+unbefangen und vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige
+Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer
+eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse
+geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten
+erschüttern.
+
+Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte,
+und wie ihn später mit großem Erfolge die =Propheten= ausbildeten,
+hatte ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren
+Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war =Jehovah= oder Japheh aus
+jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der
+meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen
+Forschungen der modernen Assyriologen über »=Bibel und Babel=«
+(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß der monotheistische Japhehglaube
+schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben
+andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der
+»Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im
+Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote
+Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht
+andere Götter haben neben mir.«
+
+_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal
+seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur
+theoretisch im Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten
+Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in
+der Trinitätslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament
+der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise
+aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger
+Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene
+=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen
+Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch,
+daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte
+Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine
+große Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als
+viel wichtiger und einflußreicher als die drei männlichen Personen der
+Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatsächlich eine solche
+Bedeutung gewonnen, daß man ihn als einen =weiblichen Monotheismus=
+der gewöhnlichen männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen
+kann. Die »hehre Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund
+aller Vorstellungen (wie es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen
+bezeugen), daß die drei männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten.
+
+Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der
+gläubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »=Heiligen=« aller
+Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische
+Engel sorgen dafür, daß es im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht
+fehlt. Die römischen Päpste -- die größten Charlatans, die jemals eine
+Religion hervorgebracht hat! -- sind beständig beflissen, durch neue
+Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten
+zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber
+diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch
+bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als Stellvertreter
+Christi für =unfehlbar= erklärt und sie damit selbst zum Range von
+=Göttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten
+»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat
+bilden, so gewährt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete
+Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten
+anthropistischen =Polytheismus=, daß der hellenische Olymp im
+Vergleiche dazu klein und dürftig erscheint.
+
+_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jüngste
+Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig
+den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen
+verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete
+er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber
+nicht entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen
+Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was
+bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden
+muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen
+unserer Vernunft vereinbar noch für unsere religiöse Erhebung von
+irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria
+als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als eitle Götzendienerei
+wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er darüber
+nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung
+hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes:
+»Gott ist der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm.
+
+Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der
+Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb
+ein idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge,
+strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des
+Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den
+Vorzug lassen, daß sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung
+und unvermeidlichen Abartung den ursprünglichen reinen Charakter
+strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion.
+Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den Gebetsformen und
+Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung
+ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte
+und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und
+Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die
+einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene
+und zugleich prächtige architektonische Schmuck des Äußern. Wie
+edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der
+Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern
+und goldenem Flitterkram überladen, außen durch übermäßige Fülle
+von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schön
+erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen des
+Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der
+katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen
+Prozessionen.
+
+_Mixotheismus_ (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich
+alle diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche
+=Mischungen= von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum
+Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese
+weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch
+aber ist sie die wichtigste und merkwürdigste von allen. Denn die große
+Mehrzahl der Menschen, die sich überhaupt religiöse Vorstellungen
+bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre
+Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in der Kindheit
+eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus
+vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit
+anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren
+modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende
+Einfluß philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die
+unbefangene Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die
+Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser
+widersprechenden Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter
+äußerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden
+bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter
+Glaubenssätze einerseits und der frühzeitigen =Anpassung= an
+irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche
+das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern eingezwängt wurde,
+bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht später
+durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses
+eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer
+Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte
+aufgegebene, nur eine äußere Etikette, unter welcher bei näherer
+Untersuchung die allerverschiedensten Überzeugungen und Irrtümer sich
+bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl der sogenannten Christen
+sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten,
+Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den
+Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen
+Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des
+»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder
+von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen
+Dämonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.
+
+_Wesen des Theismus._ Alle hier angeführten Formen des Theismus
+im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als
+des =Außerweltlichen= oder =Übernatürlichen=. Immer steht Gott als
+selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens
+als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten
+Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persönlichen= und
+bestimmter noch die Vorstellung, daß Gott als Person dem Menschen
+ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der Mensch.« Dieser
+=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches
+gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der großen
+Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und
+naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird
+die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als
+höchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem
+unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer
+Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder
+Geistestätigkeit.
+
+_Der persönliche Anthropismus Gottes_ ist bei der großen Mehrzahl der
+Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen
+Anstoß an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und
+Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in
+welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint
+die Person Gottes auch in Gestalt anderer Säugetiere (Affen, Löwen,
+Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln (Adler, Tauben, Schwäne)
+oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen).
+
+In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche
+Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »=reiner Geist=« ohne Körper
+verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist
+und in der Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit
+dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen
+Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht
+unkörperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasförmig.
+
+~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein
+einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der =Natur=
+oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht
+im Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen
+des =Theismus= schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen
+von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich
+vielfach bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale
+Gegensatz bestehen, daß im =Theismus= Gott als außerweltliches oder
+=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht
+und =von außen= auf sie einwirkt, während im =Pantheismus= Gott als
+innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur
+selbst ist und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie«
+tätig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem
+=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die
+Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=.
+
+Da der =Pantheismus= erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des
+denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise
+viel jünger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon
+vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in
+mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten
+Anfängen der Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und
+Ägypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus
+Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut
+sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung
+desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen=
+auf, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen
+Denker dieser Blüteperiode des hellenischen Geistes überragt der
+gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des
+=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfaßte. Nicht nur den großen
+Gedanken der ursprünglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung=
+aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte
+=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die kühne Vorstellung
+von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden
+Weltbildungen.
+
+Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen
+Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=,
+hatten in gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits
+jene Einheit von Natur und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche
+im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten
+Ausdruck gewonnen hat. Der große römische Dichter und Naturphilosoph
+=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berühmten Lehrgedichte »~De rerum
+natura~« in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre
+pantheistische Monismus wurde bald ganz zurückgedrängt durch den
+mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen
+Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung
+mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren
+mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft
+gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; =Giordano Bruno=,
+sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo
+Fiori in Rom von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt.
+
+Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den
+großen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form
+ausgebildet; er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen
+=Substanzbegriff= auf, in welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt
+sind. Wir müssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des
+monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als
+diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren
+empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte
+des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von =Spinoza= zum
+späteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im
+19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur
+weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben,
+haben vor allem die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und
+Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen
+»Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken
+des Pantheismus in die vollkommenste und schönste dichterische Form.
+
+Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren
+philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren
+historischer Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der
+Philosophie« von =Friedrich Überweg= eingehend dargestellt (10.
+Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche
+klare Übersicht derselben -- gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der
+Welträtsel und der Versuche zu ihrer Lösung« -- hat =Fritz Schultze=
+(Dresden) in seinem »=Stammbaum der Philosophie=« gegeben; ein
+»Tabellarisch-Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von
+den Griechen bis zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899).
+
+_Atheismus_ (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es =gibt keinen= Gott
+und keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb
+der Natur stehende Wesen versteht. Diese »=gottlose Weltanschauung=«
+fällt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer
+modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen
+Ausdruck dafür, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die
+Nichtexistenz einer außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In
+diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: »=Pantheismus= ist nur
+ein höflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der
+Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der
+Erkenntnis, daß die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst
+da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist
+bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.«
+
+Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des
+Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der
+Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im
+Evangelium mit dem »Bösen« schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen
+Leben die Höllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es
+begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht
+des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese
+Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher,
+der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet,
+traut man von vornherein alles Böse zu; der =theistische= Kirchgänger
+dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos
+mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er sich
+bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten
+Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20.
+Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen
+Naturerkenntnis weicht und der monistischen Überzeugung der =Einheit
+von Gott und Welt=.
+
+
+
+
+=Sechzehntes Kapitel.=
+
+_Wissen und Glauben._
+
+ Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit
+ und Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und
+ Offenbarung.
+
+
+Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=.
+Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus
+Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir
+sind zwar unfähig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- »das Ding
+an sich« -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und
+Vergleichung überzeugt uns, daß bei normaler Beschaffenheit des Gehirns
+und der Sinnesorgane die Eindrücke der Außenwelt auf diese bei allen
+vernünftigen Menschen dieselben sind, und daß bei normaler Funktion
+der Denkorgane bestimmte, überall gleiche Vorstellungen gebildet
+werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt, daß ihr Inhalt
+dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, daß diese
+Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.
+
+_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei
+verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen
+Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte
+mittels der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so
+gewonnenen Eindrücke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die
+Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche
+die Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die =Denkorgane=. Diese
+letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren
+=Nervensystems=, jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems
+der höheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte
+Seelentätigkeit ist.
+
+_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnestätigkeit des Menschen,
+welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich
+langsam und allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere,
+der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser
+höchstentwickelten Tierklasse überall von wesentlich gleichem Bau,
+und ihre Funktion erfolgt überall nach denselben physikalischen
+und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben
+historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so
+sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der
+Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die
+Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung
+an verschiedene Reize (Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre
+spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stäbchenzellen der Retina
+in unserem Auge und die Hörzellen in der Schnecke unseres Ohres, als
+auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer
+Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der
+Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres Körpers überziehen.
+Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung
+am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen.
+Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen
+Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß auch in der
+langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren Sinnesorgane mit
+ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut niederer Tiere
+entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine
+solchen gesonderten Sensillen enthielt.
+
+_Spezifische Energie der Sensillen._ Von größter Bedeutung für die
+menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven
+unseres Körpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitäten der
+Außenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt
+nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres nur Schallempfindung, der
+Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize
+das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behält
+dieselbe Qualität. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven,
+welche von =Johannes Müller= zuerst in ihrer weitreichenden
+Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen
+worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen
+Erkenntnistheorie. Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur
+einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus
+nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Außenwelt
+geschlossen werden könne. Die skeptische Philosophie zog daraus den
+Schluß, daß diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme
+Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität, sondern er negierte
+sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer Vorstellung
+existiere.
+
+Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die
+»spezifische Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene
+besondere Qualität einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung=
+an die besondere Tätigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in
+welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen
+die ursprünglich indifferenten »=Hautsinneszellen=« verschiedene
+Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen,
+die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die
+chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im
+Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine
+allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der
+morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit
+zugleich veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen
+aufgenommenen Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte
+Schritt für Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche
+sich als nützlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler
+Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen Instrumente, welche als =Auge=
+und =Ohr= unsere teuersten Güter darstellen. Ihre Einrichtung ist so
+wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer
+»Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die besondere
+Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat
+sich aber erst durch Gewohnheit und Übung -- d. h. durch =Anpassung= --
+allmählich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu
+Generation übertragen worden.
+
+_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der
+Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt
+eine Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von
+den beiden höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«,
+Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und
+verwinkelteren Bau als bei den übrigen Tieren und entwickeln sich
+auch im Embryo derselben auf eigentümliche Weise. Diese typische
+Ontogenese und Struktur der Sensillen bei sämtlichen Wirbeltieren
+erklärt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform.
+Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit der
+Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung=
+an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder
+geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.
+
+Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne
+keineswegs als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das
+Auge der Vögel ist viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände
+auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das
+Gehör vieler Säugetiere, besonders der in Wüsten lebenden Raubtiere,
+Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche
+und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf
+weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die
+Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine
+höhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist
+bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren,
+viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene
+feine Spürnase mit der des Menschen vergleichen könnte, würde er
+mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen
+Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den
+Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die
+höchste Entwickelungsstufe.
+
+Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen
+urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie
+im Körper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane
+nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende
+Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen
+Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkörpers
+verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in
+mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen«
+liegen Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen
+Nervenhügeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte
+»Hautsinnesorgan« zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck
+oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch
+durch den Besitz anderer eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren
+Bedeutung uns unbekannt ist.
+
+Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche
+Sinnestätigkeit beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer
+als in qualitativer Hinsicht. Wir können also mit unseren Sinnen,
+vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der
+Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt besitzen. Aber
+auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern unsere
+Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher
+dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke mitteilen.
+
+Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns
+aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die
+edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des
+Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur für den Menschen.
+In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): »=Alle Wissenschaft
+ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin
+nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und
+besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die
+Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit=
+überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso
+unbesonnen und töricht als der, welcher seine Augen ausreißt, weil
+sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der, welcher
+seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach
+fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle
+Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der
+=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar
+=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »~Nihil est in
+intellectu, quod non fuerit in sensu!~« (=Locke=.)
+
+_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten
+Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis
+der Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane
+gewinnt. Er bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche
+er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er
+verwandelt sie in den Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische
+Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in
+deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der
+Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhängendem Wissen.
+Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn
+nicht die =Phantasie= die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden
+Verstandes ergänzt und durch Assozion von Gedächtnisbildern entfernt
+liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft.
+Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die
+wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der
+Vernunft befriedigen«.
+
+Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an
+dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »=Glauben=«
+bezeichnen. So geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir
+irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie.
+In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben
+gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, daß ein bestimmtes Verhältnis
+zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen.
+Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen dürfen in der Wissenschaft nur
+solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen
+Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen
+widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von
+Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren
+Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur
+des lebendigen Plasmas usw.
+
+_Theorie und Glaube._ Die Erklärung einer größeren Reihe von
+zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache
+nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese,
+ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn
+auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der
+Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt.
+Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit
+betrachtet werden; es muß zugestanden werden, daß sie später durch
+eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann. Trotz
+dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie für jede wahre
+Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklärt= erst die Tatsachen
+durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten
+und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will
+(wie es oft von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten
+»exakten Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die
+Erkenntnis der Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des
+Kausalitätsbedürfnisses der Vernunft.
+
+Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die
+Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das
+Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die
+Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der
+Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in
+der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten
+Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen Naturerscheinungen
+durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= für alle einzelnen Tatsachen
+ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle Erscheinungen in
+demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen Ursache
+ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache
+selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische
+Hypothese« sein. Die »=Schwerkraft=« in der Gravitationstheorie und
+in der Kosmogenie, die »=Energie=« selbst in ihrem Verhältnis zur
+Materie, das »=Atom=« in der Chemie, das lebendige »=Plasma=« in der
+Zellenlehre, die »=Vererbung=« in der Abstammungslehre -- diese und
+ähnliche Grundbegriffe in anderen großen Theorien können von der
+skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als Erzeugnisse des
+wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben
+uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere
+Hypothese ersetzt werden.
+
+_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des
+wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in
+den verschiedenen =Religionen= zur Erklärung der Erscheinungen benutzt
+und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden.
+Da aber diese beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der
+Wissenschaft und der »übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten
+verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja
+notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der
+»religiöse« Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit
+dem natürlichen Glauben der Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im
+Gegensatz zu letzterem behauptet er übernatürliche Vorgänge und kann
+somit als »=Überglaube=« oder »=Oberglaube=« bezeichnet werden, die
+ursprüngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied
+dieses Aberglaubens von dem »vernünftigen Glauben« besteht eben darin,
+daß er übernatürliche Kräfte und Erscheinungen annimmt, welche die
+Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt, welche durch irrtümliche
+Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der
+Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist
+als solcher =unvernünftig=.
+
+_Aberglaube der Naturvölker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns
+eine erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen
+des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen
+Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und
+mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten,
+so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung
+und schließlich eine einfache Urquelle für alle. Diese finden wir
+in dem natürlichen =Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft=, in dem
+Suchen nach Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer
+Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die
+Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben,
+Mondfinsternis usw. Das Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher
+Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvölkern der niedersten
+Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung
+übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein
+Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel er
+sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er
+dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis
+der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge
+der primitiven Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem
+erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus,
+in verschiedenen Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen
+Gewohnheiten.
+
+_Aberglaube der Kulturvölker._ Die religiösen Glaubensvorstellungen
+der modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz
+gelten, pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der
+Naturvölker gestellt zu werden; man preist den großen Fortschritt,
+welchen die aufklärende Kultur durch Beseitigung des letzteren
+herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum! Bei unbefangener
+kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur durch
+die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle
+der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der
+=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten
+Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen
+Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernünftiger Aberglaube,
+wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf
+welchen jene stolz herabsehen.
+
+Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen
+Blick auf die gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen
+der heutigen Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von
+traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die
+Schöpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfängnis
+Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw.
+ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernünftigen
+Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen
+Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und
+brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für den wahrhaft
+»=Gläubigen=« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet
+jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je
+mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende«
+hält -- für die »=katholische=« --, und je inniger diese Überzeugung
+als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß
+sie naturgemäß alle anderen Konfessionen bekämpfen, und desto
+fanatischer gestalten sich die fürchterlichen Glaubenskriege, welche
+die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und
+doch überzeugt uns die unparteiische »=Kritik der reinen Vernunft=«,
+daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße unwahr
+und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der
+unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und
+sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.
+
+_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeßliche Schaden, welchen
+der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen
+Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger
+als in dem unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter
+allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander
+geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen;
+unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien
+und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem
+Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehässigsten.
+Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den
+Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des
+Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse
+ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der
+Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist
+geraten, ihr Ansehen bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung
+im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern müssen.
+Die verderblichste Wirkung übt das offizielle Glaubensbekenntnis dann,
+wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknüpft und
+als »konfessioneller Religionsunterricht« in den Schulen zwangsweise
+gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frühzeitig von
+der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt.
+Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als
+eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit
+allen Mitteln zu fördern suchen.
+
+_Der Glaube unserer Väter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute
+in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht
+beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des
+rückständigen Kulturstaates und dessen Abhängigkeit von klerikaler
+Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten
+Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener Art. Unter
+diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche in
+weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem
+»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und
+Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz
+und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes
+Nachdenken über die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der völligen
+Ungereimtheit jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der
+herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des
+aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in
+der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der
+letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer Väter« im 17. und
+noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete
+Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von
+dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus
+selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und
+wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer
+heidnischen Väter! Jeder selbständig denkende Mensch bildet sich eben
+seinen eigenen, mehr oder weniger »persönlichen Glauben«, und immer
+ist dieser verschieden von dem seiner Väter; denn er ist abhängig
+von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der
+Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene
+»Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich
+beständig umbilden.
+
+_Spiritismus._ Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist
+diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt
+eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus,
+der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie
+betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen
+von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht sind; ja sogar
+einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen
+können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen
+Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten
+Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu
+lassen, welche klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits«
+machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf,
+daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen.
+Die bedauerliche Tatsache, daß selbst hervorragende Physiker und
+Biologen sich dadurch haben irre führen lassen, erklärt sich teils aus
+ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen
+Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen
+Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei
+den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen
+die Physiker =Zöllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den
+schlauen Taschenspieler =Slade= irre geführt wurden, dessen Schwindel
+nachträglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger
+entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fällen, in welchen die
+angeblichen »Wunder des Spiritismus« gründlich untersucht werden
+konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder feinere Täuschung
+herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen Geschlechts)
+sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse Personen
+von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche
+=Telepathie= (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle
+Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die
+»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl
+du Prel= und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen«
+geben, beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel
+an Kritik und an physiologischen Kenntnissen.
+
+_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen
+Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer
+mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel
+des Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft
+nicht möglich ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben
+zu können; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder
+Glaubenssätze ab, welche als »göttliche Gesetze« die Sittenlehre
+ordnen und die Lebensführung bestimmen sollen. Derartige göttliche
+Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden,
+deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der
+Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt,
+sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch
+oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem
+gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch
+gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau
+so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch
+die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In
+den indischen und ägyptischen Religionen, in der hellenischen und
+römischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen
+Testament -- denken, sprechen und handeln die Götter ganz wie die
+Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse
+des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind
+=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der
+Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche
+Glaube« an diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.
+
+Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernünftiger
+Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz
+wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur
+darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche
+der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und
+den =Vernunft=schlüssen, welche er durch richtige Assozion dieser
+empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernünftige Mensch
+mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei unbefangener
+Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich
+damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion
+aufgebürdet haben.
+
+
+
+
+=Siebzehntes Kapitel.=
+
+_Wissenschaft und Christentum._
+
+ Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen
+ Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der
+ historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und
+ Dogma.
+
+
+Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört
+die wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft
+und Christentum. Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in
+demselben Maße, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen
+=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen früherer
+Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener
+mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft
+unter das Joch der sogenannten »=Offenbarung=« beugen wollten, und
+dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die
+moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer
+Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und
+Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der
+organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die
+christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik,
+die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten
+»=Geisteslebens=« anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der
+Gehirnphysiologie.
+
+Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der
+modernen wissenschaftlichen und der überlebten christlichen
+Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher
+bewiesen, als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David
+Friedrich Strauß=. Sein letztes Bekenntnis: »=Der alte und der neue
+Glaube=« 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gültige Ausdruck
+der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart,
+welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen,
+herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden,
+vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen;
+aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft=
+gegenüber den Ansprüchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das
+philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung
+empfinden. =Strauß= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit
+besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem
+und neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen
+beiden Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes
+zwischen beiden -- »auf Tod und Leben« -- hat von philosophischer Seite
+namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten
+Schrift über die Selbstzersetzung des Christentums (1874).
+
+Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts
+die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und
+seiner Lehre gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende
+hervorzuheben: =David Strauß=, Das Leben Jesu für das deutsche Volk.
+1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des
+Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin),
+Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und
+gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E.
+Verus=, Vergleichende Übersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897.
+
+Wenn man die Werke von =Strauß= und =Feuerbach=, sowie die »Geschichte
+der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von =John William
+Draper= (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem
+Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es
+nützlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den
+historischen Verlauf dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb,
+weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im
+allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester
+Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider
+die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht,
+sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und
+kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschärfen.
+Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der
+christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren
+zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler weltlicher
+Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen
+Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen
+Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden
+Verbündeten die Unterdrückung des freien Gedankens und der freien
+wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise
+am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern.
+
+Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene
+=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen
+Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen
+handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen
+die letzteren. In erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den
+=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese »allein
+seligmachende« und »für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht
+allein weit größer und weit mächtiger als die anderen christlichen
+Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer
+großartigen, zentralisierten Organisation und einer unübertroffenen
+politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von Naturforschern
+und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern, daß der
+katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des
+übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des
+Glaubens« alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft
+und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist
+diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen
+irrtümlich; denn die zielbewußten und rücksichtslosen Angriffe der
+ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gestützt auf die Trägheit
+und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer mächtigen Organisation
+ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller anderen
+Religionen.
+
+_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des
+Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber
+seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft
+richtig zu würdigen, müssen wir einen flüchtigen Blick auf die
+wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen.
+Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das
+=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus=
+(zwölf Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), ~III.~ die
+=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten),
+~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert).
+
+~I.~ =Das Urchristentum= umfaßt die ersten drei Jahrhunderte.
+Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und
+Schwärmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung;
+er kannte nur jüdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile
+hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis,
+zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes
+Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was
+wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist den
+Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien
+und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien
+betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen
+von sich widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2.
+Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts
+festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten
+bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa,
+325, fügt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein,
+was auf eine Ungewißheit bis zu diesem Datum schließen läßt. Neuere
+Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen
+Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaßen nach
+und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind) auf 65-100 n.
+Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest.
+Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten
+von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 für Markus, 70-75
+für Matthäus, 80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an
+die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus
+mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen
+Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist also bis zur Mitte
+des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr fragliche)
+von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern
+Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit
+irgend einer der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert
+nach dem Tode Christi. Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden
+in der orientalischen Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch
+späten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das
+früheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen
+immer bedenken, daß sich das nur auf »die Aussagen Jesu« bezieht), so
+wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren für die Mythenbildung
+gegeben.
+
+Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier
+Anspruch auf Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater),
+vermehren unsere Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur
+sehr wenig. So bleiben wir beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere
+Nachforschungen über die Handlungen und die Persönlichkeit des
+Gründers des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und
+beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen werden. Die Geschichte
+von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird
+sowohl von den führenden christlichen Gelehrten Deutschlands als
+auch Englands für eine der spätesten und der wenigst glaubwürdigen
+»biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine später
+eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und
+von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das
+Neue Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von
+Jesus löst sich zusehends in ein Nebelbild auf.
+
+Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen
+Theologen (=Strauß=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich
+später auch englische, französische und italienische Philosophen
+anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt,
+daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein Erzeugnis der religiösen
+=Dichtung=, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine zuverlässigen
+historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das
+aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden
+Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt
+weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem
+ganzen dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles
+von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien
+davon erzählen, ist aus älteren orientalischen Quellen zusammengetragen
+und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und
+hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter
+und führen mit großer Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus
+des Evangeliums überhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines
+=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von
+=Kalthoff= und =Promus= über »die Entstehung des Christentums« (1904)
+und von =Karl Vollers=: »Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen
+Zusammenhange« (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen
+Theologen =Saladin= (Stewart Roß): »Jehovahs gesammelte Werke, eine
+kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebäudes auf Grund der
+Bibelforschung« (Leipzig 1896).
+
+~II.~ _Der Papismus,_ das »=lateinische Christentum=« oder
+=Papsttum=. Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft
+auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus=
+genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen
+Kulturgeschichte eine der großartigsten und merkwürdigsten, eine
+»welthistorische Größe« ersten Ranges. Trotz aller Stürme der Zeit
+erfreut sie sich noch heute des mächtigsten Einflusses. Von den 500
+Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig bewohnen, bekennt
+die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den römischen, nur
+75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind
+Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten
+bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben
+Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten
+Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen.
+In Asien zählt der Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die
+Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als
+120 Millionen Anhänger. Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem
+dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod
+alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft,
+den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu
+welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum
+erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten
+Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des
+Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis
+der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl
+am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher
+Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische
+Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit
+befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur
+Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt.
+Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im
+Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium,
+welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der
+römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende
+Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die
+=Reformation=.
+
+_Rückschritte der Kultur im Mittelalter._ Es würde uns viel zu weit
+führen, wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten,
+welche menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte
+unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am
+prägnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des größten
+und geistreichsten =Hohenzollern=fürsten illustriert; =Friedrich
+der Große= faßte sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch
+das =Studium der Geschichte= zu der Überzeugung geführt, daß von
+Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt
+wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser
+»Wahnsinnsperiode« hat (1887) =L. Büchner= gegeben in seiner Schrift
+»Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung«.
+
+Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten
+die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen,
+interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung
+der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von
+Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe
+den Glauben über die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung
+der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, daß
+es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für das erdichtete
+»Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung
+an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche
+Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten
+Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325),
+welchem Kaiser =Konstantin= präsidierte, -- »=der Große=« genannt,
+weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel
+gründete, dabei ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler
+und vielfacher Mörder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe
+gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war,
+beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer
+Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze,
+welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teile
+vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte
+und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder
+selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat
+er das nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt
+zu werden, wie es dem großen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=,
+dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen
+»Zeugen der Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im
+Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken
+und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des
+allmächtigen Papismus durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig
+begraben blieben.
+
+_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum
+im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen,
+und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion«
+in unsere neue, monistische Religion hinüber zu retten suchen
+müssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die
+Prinzipien der wahren Humanität, der goldenen Regel, der Toleranz,
+der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne des Wortes, alle diese
+wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst
+erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen
+Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum
+seiner Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden,
+alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei
+doch die =alte Firma= als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der
+christlichen Liebe trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen;
+mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet,
+sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis
+Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen
+Aberglaubens zu erheben wagten. Überall in Europa blühten die
+Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer, deren Folterqualen ihren
+frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten Peinigern besonderes
+Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer Höhe durch
+Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege
+stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498)
+wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt,
+neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten
+Kirchenbußen bestraft, während in den Niederlanden unter der Herrschaft
+Karl des Fünften dem klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend
+Menschen zum Opfer fielen. Und während das Geheul gemarterter Menschen
+die Luft erfüllte, strömten in Rom, dem die ganze christliche Welt
+tributpflichtig war, die Reichtümer der halben Welt zusammen, und
+wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre
+Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche Vorteile,« sagte
+der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, »hat uns
+doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht!« Dabei war der Zustand
+der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht
+von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft,
+Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land, und die armen
+Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Hütten im Machtbereiche der
+Schlösser oder Klöster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrücker
+und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den
+Nachwehen und Überbleibseln dieser traurigen Zustände und Zeiten, in
+welchen von Pflege der Wissenschaft und höherer Geistesbildung nur
+ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. »Unwissenheit,
+Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung
+des im elften Jahrhundert eingeführten =Zölibats=, um die absolute
+Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (=Büchner= a. a. O.). Man
+hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn
+Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »=christlichen
+Liebe=« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die
+geheimen Menschenopfer, welche das =Zölibat=, die =Ohrenbeichte=
+und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschädlichsten und
+fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die
+»ungläubigen« Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes
+sammelten, haben einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die
+Tatsache, daß die römischen »=Statthalter Christi= zwölf Jahrhunderte«
+hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten »=im
+Namen Gottes=« verüben durften.
+
+~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvölker, welche
+wir »die Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten
+Hauptabschnitt, die »Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen
+Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der
+Gründung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der
+Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=,
+das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des
+christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten
+hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch
+die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
+begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse
+ein, welche im Verein mit der »=Renaissance=« der Kunst auch
+diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung
+von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten
+Jahrhunderts mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis
+der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren
+Grundfesten erschütterten; so die erste Umschiffung der Erde durch
+=Magellan=, welche den empirischen Beweis für ihre Kugelgestalt
+lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus=
+(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther=
+seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg
+nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit
+wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche
+Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen
+gehalten hatte. Man hat die Verdienste des großen Reformators, der
+auf der Wartburg die Bibel übersetzte, teils übertrieben, teils
+unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er
+gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben
+befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem
+starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig
+die Lehre von der Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination,
+der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat
+des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel »Josua
+die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich«. Für die großen
+politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die großartige und
+vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis. Schlimmer
+noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den
+geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen ließ, weil
+er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt
+traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur
+zu oft in die blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde,
+wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure
+Greueltaten der Reformation auf dem Fuße: die Bartholomäusnacht und
+die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in
+Italien, lange Bürgerkriege in England, der Dreißigjährige Krieg in
+Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten
+Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder
+freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke
+der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die
+mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie
+und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden
+achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des »=Jahrhunderts der
+Aufklärung=« erwarb.
+
+~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als
+vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums
+stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in
+diesen letzteren bereits die »=Aufklärung=« nach allen Richtungen
+hin die kritische Philosophie gefördert, und wenn ihr das Aufblühen
+der Naturwissenschaften die stärksten empirischen Waffen in die
+Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach
+beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig;
+es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte
+des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der
+=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der
+Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende
+Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die
+~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden
+großen Franzosen zwei ebenbürtige Deutsche, =Baer= als Begründer der
+Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Müller= (1834) als der der
+vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schüler des letzteren,
+=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=,
+die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die
+Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche Ursachen zurückgeführt
+und damit auch für unseren Planeten die Geltung der mechanischen
+Kosmogenie bestätigt, welche =Kant= bereits 1755 mit kühner Hand
+entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz=
+(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergänzende
+Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die
+Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen
+diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859
+=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das
+größte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.
+
+Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der
+Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunächst wurde naturgemäß
+die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer
+größer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven
+Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit
+ihm die orthodoxe »Evangelische Allianz« -- ) mußten naturgemäß
+jenen mächtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten
+Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen
+Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der
+Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen
+verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und
+strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien;
+er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen
+Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit
+einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der
+eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb. Zwischen
+beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromißversuche; darüber
+hinaus aber drang in immer weitere Kreise die Überzeugung, daß das
+dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden verloren habe, und daß
+man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische
+Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch
+gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen
+Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen
+politischen Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates
+immer enger verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete
+religiöse Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als
+=Scheinchristentum= bezeichnen können -- im Grunde eine »religiöse
+Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe
+Konflikt zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis
+der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich
+=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: »=Die
+konventionellen Lügen der Kulturmenschheit.=«
+
+Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden
+Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen
+Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und
+entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19.
+Jahrhunderts die alte Maske angeblicher höherer Geistesbildung
+abgeworfen und der selbständigen =Wissenschaft= als solcher den
+entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben« angekündigt hat. Es geschah
+dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen gegen die Vernunft, für
+deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft
+und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur dankbar sein
+kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von der
+=unbefleckten Empfängnis Mariä=. ~II~. Zehn Jahre später, im Dezember
+1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten =Enzyklika=
+das =absolute Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation
+und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er
+eine Aufzählung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftsätze und
+philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft
+als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte
+sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im
+Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine
+Vorgänger in der Papstwürde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm.
+
+_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus
+im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz
+der Vernunft, daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen
+Kreise von Anfang an das höchste Bedenken erregten. Als man im
+vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung über das Dogma
+von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklärten sich nur drei Viertel der
+Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von 601 Abstimmenden;
+dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich der
+gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald,
+daß der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als
+die zaghaften »besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und
+ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller
+Bedenken blinde Annahme.
+
+Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlässigen
+Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich
+festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein
+gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben
+nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine
+frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das
+wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und
+Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Päpste
+und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach
+dem Maßstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar,
+daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger
+waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten
+=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, daß noch heute Millionen
+von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit« dieses
+»heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein
+Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische
+Fürsten nach Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten
+Feinde!) ihre Verehrung bezeugen.
+
+_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angeführten drei großen
+Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte
+des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu
+befestigen suchte, ist für uns am interessantesten die Verkündigung
+der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen
+denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft und Wissenschaft überhaupt
+jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung
+unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter die Dekrete des
+»unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese
+maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen
+hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine
+vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung
+hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion
+und Wissenschaft gegeben (1875).
+
+_Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und
+bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität
+des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten
+Empfängnis. Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen
+Glaubenssatz das höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen
+Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte
+»=Immakulateid=«, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die
+unbefleckte Empfängnis Mariä, gilt noch heute Millionen von Christen
+als heilige Pflicht. Viele Gläubige verbinden damit einen doppelten
+Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch
+den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch
+soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis nur bedeuten,
+daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von
+Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings
+nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen
+Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern
+aus älteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=,
+übernommen ist. Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor
+Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien
+und Griechenland. Wenn Königstöchter oder andere Jungfrauen aus
+höheren Ständen, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt
+eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen
+Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott« ausgegeben, in diesem
+Falle der mysteriöse »Heilige Geist«.
+
+Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch
+Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser
+rätselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig
+von den meisten Theologen als eine später entstandene Sage angesehen;
+sie behaupten, daß der jüdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater
+gewesen sei. Andere wieder erklären die uneheliche Geburt Christi
+durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich
+auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: »=Josephus Pandera=, der römische
+Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Judäa stand, verführte
+=Mirjam= von Bethlehem, ein hebräisches Mädchen, und wurde der =Vater
+von Jesus=.« Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall,
+welche die übernatürliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist)
+leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen =Juden= (den
+Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera
+oder Pantheras) anerkannt zu sehen wünschten. Historische Zeugnisse,
+die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, können weder für die
+Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden.
+
+Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung,
+welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier
+großen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den
+strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe
+schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der
+prüde Brite blind an die unmögliche Sage von der Erzeugung durch den
+»Heiligen Geist«. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfältig
+zur Schau getragene Prüderie der feineren Gesellschaft (besonders in
+England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in
+dem dortigen »~High life~«. Die Enthüllungen z. B., welche darüber
+vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an
+die Zustände von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit.
+
+Die =romanischen= Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die
+sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »=Roman
+der Maria=« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade
+in Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in
+merkwürdiger Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet
+z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) »Jesus von
+Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen
+Standpunkte aus dargestellt« hat, gerade in der =unehelichen Geburt
+Christi= ein besonderes »Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine
+herrliche Gestalt umstrahlt«!
+
+Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft
+Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft
+erregte, hat gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die
+überraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte
+haben das ganze orientalische Prachtgebäude der =christlichen
+Mythologie= in seinen Grundfesten erschüttert. Das reine =Idealbild=
+von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der Gläubige aus dem
+Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch
+(oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem
+Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen
+Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf
+die Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen
+Dogmen. Die angeblichen »=Offenbarungen=«, auf welche sich diese Mythen
+stützen, sind dagegen ( -- ebenso wie sämtliche Wundergeschichten
+des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden
+Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen
+unserer modernen =Naturerkenntnis=.
+
+
+
+
+=Achtzehntes Kapitel.=
+
+_Unsere monistische Religion._
+
+ Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie
+ mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und
+ Schönen.
+
+
+Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,
+welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion
+überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht
+in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten
+des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis
+unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten
+Gefühlsbedürfnisse unseres =Gemütes=. Diese Ansicht ist in gewissem
+Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen
+Auffassung des Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion
+und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur
+wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser höchsten und reinsten
+Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die
+meisten Gebildeten unserer Zeit bei der Überzeugung, daß die Religion
+ein selbständiges, von der Wissenschaft unabhängiges Gebiet unseres
+Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als
+die letztere.
+
+Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung
+zwischen jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten
+in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger
+Vortrage niedergelegt habe: »Der Monismus als Band zwischen Religion
+und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem
+»Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich mich über dessen
+doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens möchte ich
+damit derjenigen =vernünftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche
+uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis
+mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten
+von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn
+auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu
+bekennen. Zweitens möchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und
+Wissenschaft= knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes
+beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten
+menschlichen Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird;
+das ethische Bedürfnis unseres =Gemütes= wird durch den Monismus ebenso
+befriedigt wie das logische Kausalitätsbedürfnis unseres =Verstandes=.«
+
+Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist,
+daß ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das
+vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Männer
+und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich
+durfte diesen unerwarteten Erfolg um so höher anschlagen, als jenes
+Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie Gelegenheitsrede war, die
+unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg während des Jubiläums
+der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natürlich
+erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite;
+ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus=
+auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern
+des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des
+evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche
+Wahrheit als auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun
+hat sich aber der große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft
+und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet;
+er ist für die erstere um so gefährlicher geworden, je mächtigere
+Unterstützung das letztere durch die wachsende geistige und
+politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Ländern schon
+so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und
+Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat
+der große weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in
+seiner »Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft«
+vortrefflich schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt
+wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als
+»=Kulturkampf=«.
+
+_Der Kulturkampf._ Die berühmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=,
+welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt
+hatte, erklärte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft
+den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die
+Dogmen des »unfehlbaren Statthalters Christi«. Das Ungeheuerliche und
+Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen die höchsten Güter der
+Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente Gemüter
+aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden
+Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika
+eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche
+zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,
+das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine
+nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des
+Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland
+die Geburtsstätte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung;
+andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken
+ein mächtiges Heer von streitbaren Gläubigen, welches an blindem
+Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen
+Kulturvolke übertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: »Weide meine
+Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das »=Weiden=« in
+»=Scheeren=« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte
+mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische
+Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch
+seine bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler
+Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen
+denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem
+ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die »Maigesetzgebung«
+(1873) ebenso klug als energisch geführt wurde. Leider mußte er schon
+sechs Jahre später aufgegeben werden. Obwohl unser größter Staatsmann
+ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte
+er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschätzt:
+erstens die unübertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der
+römischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und
+Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche
+sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des
+Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn
+schon 1878, nachdem der klügere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung
+angetreten hatte, der schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden.
+Die neu gestärkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mächtig
+zu, einerseits durch die gewissenlosen Ränke und Schlangenwindungen
+seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche
+Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwürdige
+politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn am
+Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß
+das sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß
+die Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen
+Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der
+ganzen Bevölkerung beträgt.
+
+Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte=
+von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der
+Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur
+von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte
+liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als
+den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern
+auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später,
+nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale
+Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen
+Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur,
+wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft
+ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische
+Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und
+Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus,
+getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien,
+will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen
+behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates
+fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft
+vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der
+beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die
+»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und
+freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in
+Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt
+der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die
+menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße
+fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall
+gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung
+des Christentums, 1874.)
+
+Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig,
+daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des
+Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt,
+sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues
+wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen
+=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen
+monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19.
+Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten
+und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu
+gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden
+Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
+Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch
+erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt
+(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer
+und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit
+anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und
+politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß
+wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die
+bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame
+=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen
+Geisteslebens.
+
+~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden
+Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt,
+daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu
+finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die
+kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung
+der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden
+Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren
+Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen
+müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen
+jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung,
+welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu
+deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze
+Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das
+islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen
+beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
+klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher,
+daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten
+=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des
+mystischen Glaubens.
+
+Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde,
+auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber
+nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der
+Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen
+Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der
+Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung
+der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen
+Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt
+mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen
+und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und
+der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin
+der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der
+Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen
+Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und
+das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.
+
+~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält
+es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis
+der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und
+allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der
+Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen
+Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich
+gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten
+Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den
+paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der
+vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische
+Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht
+hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
+bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der
+Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche
+Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des
+Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen
+herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche
+diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das
+Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche
+Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt
+als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging
+die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig
+den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf.
+=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die
+vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und
+Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)
+
+~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum
+Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das
+ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des
+irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung
+für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß
+alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles
+Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben,
+keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und
+nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die
+Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen
+Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte
+Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der
+Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in
+Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes«
+beschäftigte.
+
+Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische
+Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge
+das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und
+Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus
+der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten
+»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem
+Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
+des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung
+der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.
+
+_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch
+die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche
+besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke
+schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken,
+die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen
+christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen
+Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der
+Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste
+im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
+Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten
+ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene
+Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles
+mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung,
+welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen
+Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und
+die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die
+immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der
+»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die
+reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
+damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig.
+Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes
+im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche
+=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von
+der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger
+=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche
+Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der
+Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen
+jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
+angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen,
+die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
+Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen
+ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf
+die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen
+Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht.
+
+_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
+christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden
+Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der
+=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung
+unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen
+Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer
+Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit
+auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
+wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung
+unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel
+mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten
+organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten
+wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den
+früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende
+schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und
+Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß
+in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische=
+Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die
+Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte
+Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende
+von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen
+und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns
+da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren
+eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen
+Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon
+in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln
+eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
+anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische
+und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen
+reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen
+der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten
+weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften.
+Leipzig 1899-1903.)
+
+Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um
+jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr
+müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden.
+Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen
+und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme,
+in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung
+Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht.
+Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung
+betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines
+guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen
+Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.
+
+Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und
+Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der
+Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im
+Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur
+zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber
+furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten
+-- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie
+jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die
+Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der
+Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner
+Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses
+sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und
+verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit
+und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die
+Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im
+ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen
+Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren
+menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen
+Religion.
+
+_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in
+welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden
+=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen
+Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
+Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse
+für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten
+unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte
+der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung
+derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte
+Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn
+für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders
+ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte
+Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
+hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,
+=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
+der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum
+Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher
+Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles
+Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch
+bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die
+Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der
+höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem
+Gedächtnis einzuprägen.
+
+_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem
+und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen
+Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben.
+So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder
+einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch
+die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen
+Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen
+»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als
+er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche
+und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat
+er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der
+»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie
+beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe
+der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den
+gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen
+betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der
+Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher
+wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum
+verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die
+unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen.
+
+_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit
+in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso
+einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als
+sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen.
+Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«,
+hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß
+wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens
+drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die
+Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche
+Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
+Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde
+ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns
+zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges
+Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie
+diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll,
+das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für
+den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen
+Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend
+Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem
+Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter
+oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für
+alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen
+Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und
+Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange
+historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen
+Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren.
+Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit
+schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach
+ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle
+im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.
+
+_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch
+sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner
+Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die
+Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen
+Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die
+katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im
+nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen,
+den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu
+erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren,
+idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend
+verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
+und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und
+Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner
+besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall
+in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum
+oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den
+harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und
+Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur=
+selbst.
+
+
+
+
+=Neunzehntes Kapitel.=
+
+_Unsere monistische Sittenlehre._
+
+ Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.
+ Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
+ christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.
+
+
+Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz
+bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt
+werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen
+Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen
+Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik
+in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des
+»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis
+der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im
+Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet
+auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil
+dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine
+einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=:
+eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt.
+
+Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen
+und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß
+die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz
+anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein
+des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig
+von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr
+auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen
+Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen,
+hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische
+Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants=
+Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches
+Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte
+der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen
+Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen
+=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie
+Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer
+unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant=
+das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in
+welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei
+mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
+Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren,
+kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens
+wieder zurück.
+
+Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte
+von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der
+=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt
+und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen
+herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch
+heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich gerade =wegen= dieses
+willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche unterstützt
+sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
+vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben
+erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19.
+Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden
+dadurch hinfällig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz
+ruhen, bedürfen keines »persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende
+und genetische Psychologie zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht
+existieren kann, und die Physiologie wies nach, daß die Annahme des
+»freien Willens« auf Täuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich
+machte klar, daß die »=ewigen, ehernen Naturgesetze=« der anorganischen
+Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben.
+
+Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische
+Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen
+Dualismus zertrümmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen
+Stelle das neue Gebäude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt,
+daß das =Pflichtgefühl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften
+»=kategorischen Imperativ=« beruht, sondern auf dem =realen Boden
+der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden höheren
+Tieren finden. Sie erkennt als höchstes Ziel der Moral die Herstellung
+einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen
+Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor allen anderen war es der große
+englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begründung dieser
+monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken.
+
+_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehört zu den =sozialen
+Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei
+verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens
+gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der
+=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nächstenliebe=
+(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natürlich
+und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft
+existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes
+Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er
+angehört, und der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden.
+Er muß erkennen, daß ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden
+sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so
+naturnotwendig, daß man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und
+praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute,
+wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.
+
+_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung
+dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit
+der Selbstliebe und der Nächstenliebe ist das wichtigste
+=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das höchste Ziel aller
+vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des
+»=naturgemäßen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe=«.
+Das Goldene Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute
+tun sollen, das tue du ihnen auch.« Aus diesem höchsten Gebot des
+Christentums folgt von selbst, daß wir ebenso heilige Pflichten
+gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine
+Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem »=Monismus=«
+auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige
+Sätze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=,
+die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und
+gleich notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des
+=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=,
+die sich aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt.
+~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den
+assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhält,
+sind nur höhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche
+wir bei allen höheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim
+Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die
+praktische Sittenlehre, als »Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der
+=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=.
+
+_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der
+Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich
+unmittelbar das höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das
+man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die
+»Goldene Regel« bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt
+in dem einfachen Satze aus: »=Du sollst deinen Nächsten lieben
+wie dich selbst=« (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In
+diesem wichtigsten und höchsten Gebote stimmt unsere =monistische
+Ethik= vollkommen mit der =christlichen= überein. Nur müssen wir
+gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die Aufstellung
+dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
+die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen
+Gläubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel=
+mehr als fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen
+verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes
+Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben
+Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: »Tue deinem
+Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.« -- =Konfutse=, der große
+chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit
+der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor
+Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue
+keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst
+nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.«
+=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.:
+»Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß
+andere gegen uns handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit
+denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=,
+=Aristippus=, dem Pythagoräer =Sextus= und anderen Philosophen des
+klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! --
+ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das
+Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten
+von mehreren Philosophen -- unabhängig voneinander -- aufgestellt
+worden ist. Anderenfalls müßte man annehmen, daß Jesus es aus
+anderen orientalischen Quellen (aus älteren semitischen, indischen,
+chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) übernommen
+habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen Glaubenslehren
+nachgewiesen ist.
+
+_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach
+bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe
+ausdrücklich als höchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die
+Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere =monistische Ethik=
+in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen älteren heidnischen
+Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem
+Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch
+gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
+Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
+widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
+christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung
+der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen
+geradezu schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen
+Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die
+Kultur, die Familie und die Frau.
+
+~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und
+wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel
+geradezu aufhebt, müssen wir die =Übertreibung= der Nächstenliebe
+auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und
+verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb
+zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß
+auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein
+verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes, nichts Erhabenes ist jemals
+ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu
+großen Opfern befähigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe
+sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in
+frühester Jugend als wichtigste eingeprägt und welche in Millionen
+von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz (Matthäus 5, 44):
+»Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die
+euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses
+ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält
+es sich mit der Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib
+auch den Mantel«; d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich
+ein gewissenloser Schuft um die eine Hälfte deines Vermögens betrügt,
+dann schenke ihm auch noch die andere Hälfte.« Die vielbewunderte
+Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem
+Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche
+von ihnen =im Munde= geführt wird. Übrigens ist ja der offenkundige
+Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral
+des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der
+menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten,
+eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant, mathematisch
+festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das
+=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
+verwandelt, in die rein =egoistische= »Realpolitik« der Staaten und
+Nationen.
+
+~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche
+Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
+unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen
+Leibe anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel
+höherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene
+Vernachlässigung der Leibespflege, der körperlichen Ausbildung und
+Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr
+unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums
+auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen
+Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege, die
+wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
+nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen.
+Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch,
+der sich niemals ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige
+Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules
+Leben mit gedankenlosen Betübungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt.
+Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge noch an die widerwärtigen
+Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker erinnert werden.
+
+=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von
+unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von
+geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem
+falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung,
+welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze
+zu der übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst
+schädlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur«
+beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der
+übrigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rühmliche
+=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nächststehenden, uns
+befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den
+Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören, vor allem der
+weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer längere Zeit im katholischen
+Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
+Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid
+als den höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen«
+Vorwürfe über ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort:
+»Ja, die Tiere sind doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum
+auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende
+Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser
+Beziehung unsere monistische Ethik über der christlichen! Der
+=Darwinismus= lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin
+von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese »=unsere
+Brüder=« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben
+Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz
+empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird
+sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der
+gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn -- als »Kind des
+Gottes der Liebe!« -- gedankenlos begeht. -- Außerdem aber entzieht die
+prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle
+der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft
+erhebenden =Naturgenuß=.
+
+~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre
+unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und
+nur eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so
+verlangt sie folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im
+Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Güter=
+gering zu achten hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den
+modernen Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel
+der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges
+Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
+alle die hohen Genüsse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie,
+welche schon während des christlichen Mittelalters (trotz seiner
+Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und welche wir als
+»ideale Güter« hochschätzen; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
+die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
+Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur,
+welche nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert
+besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils
+verwerflich, und die strenge christliche Moral muß das Streben nach
+diesen Gütern mißbilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf
+diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die
+moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen gezwungen sind, ist
+auch in diesem Sinne ein wirklicher »=Kulturkampf=«.
+
+~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den
+bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die
+Geringschätzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt,
+d. h. gegen jenes naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten
+Blutsverwandten, welches für den normalen Menschen ebenso unentbehrlich
+ist wie für alle höheren sozialen Tiere. Die »Familie« gilt uns
+ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft« und das gesunde
+Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben. Ganz
+anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter
+Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen
+Güter des »Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern
+und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen;
+das Verhältnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart
+und innig, wie es uns Tausende von schönen Bildern in =poetischer
+Verklärung= vorführen; er selbst war nicht verheiratet. Die
+Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist,
+erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter ging darin
+sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es für besser erklärte, nicht
+zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein
+Weib berühre« (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen
+guten Rat befolgte, würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid
+und Elend loswerden; sie würde durch diese Radikalkur innerhalb eines
+Jahrhunderts aussterben.
+
+~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst
+die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine
+Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen
+Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle
+Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts
+beruht, ist dafür ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung
+beider Geschlechter und die gegenseitige Ergänzung, die sich beide
+gleicherweise in den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens wie
+in den höchsten idealen Funktionen der Seelentätigkeit gewähren. Denn
+Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen,
+jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und Mängeln. Je höher
+sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der
+sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau,
+besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus
+welcher die herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen
+sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem
+ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des
+=Orients=, daß das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit
+ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat sich für diese Mißachtung
+furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der
+Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift
+verzeichnet.
+
+_Papistische Moral._ Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen
+Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister
+verschmähte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung
+jener »unreinen« Anschauung und in der Pflege der asketischen
+Vorstellung, daß die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend
+sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich
+viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche
+Wert dieses =Zölibats= so hoch, daß dasselbe für obligatorisch erklärt
+wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die
+Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon
+im Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch
+katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle
+spielte) ein öffentliches Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf,
+daß zur Verhütung derselben den »keuschen« Priestern das =Konkubinat=
+gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen ungläubige
+Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle
+und Bischöfe mit ganzen Scharen von Freudenmädchen. Die geheimen
+und öffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so
+schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor =Luther= die Empörung
+darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation der Kirche an
+Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese unsittlichen
+Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn auch
+mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer
+von Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats,
+so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen
+Ländern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem
+das ultramontane Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der
+sexuellen Unsittlichkeit vorschlägt, denkt noch heute keine Partei
+daran, die Abschaffung des Zölibats im Interesse der öffentlichen Moral
+zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901).
+
+Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch
+das moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das
+Recht und die Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände
+aufzuheben. Das =obligatorische Zölibat= der katholischen Geistlichen
+ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der
+=Ablaßkram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprünglichen
+Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral
+ins Gesicht; alle drei sind nichtswürdige Erfindungen des =Papismus=,
+darauf berechnet, die absolute Herrschaft über die leichtgläubigen
+Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Kräften materiell
+auszubeuten.
+
+Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen
+Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen
+Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück
+gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den
+Todesstoß zu versetzen -- wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«.
+Man hat neuerdings berechnet, daß die Zahl der Menschen, welche durch
+die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen
+Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über zehn Millionen beträgt.
+Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach größere Zahl der
+Unglücklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der
+entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen
+die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie getötet,
+deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde?
+Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht »Die Braut von Korinth«:
+
+ »Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
+ =Aber Menschenopfer unerhört=!«
+
+_Staat und Kirche._ In dem großen »=Kulturkampfe=«, der infolge
+dieser traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte
+das erste Ziel die vollständige =Trennung von Staat und Kirche= sein.
+Die »freie Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche
+soll frei sein in voller Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien,
+auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und abergläubigen
+Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, daß sie dadurch nicht die
+öffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches
+Recht für alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen
+Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in
+ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die
+orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle diese »Gläubigen« der
+verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben;
+der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen
+verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen. Auch
+sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die
+Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »=Glaubens=« herzugeben,
+der nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher =Aberglaube= ist.
+In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen
+kleineren Ländern ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von
+Staat und Kirche« längst durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller
+Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich
+die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein
+wesentlicher Grund für den Aufschwung der Wissenschaft und des höheren
+Geisteslebens überhaupt.
+
+_Kirche und Schule._ Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der
+Kirche aus der Schule sich bloß auf die =Konfession= bezieht, auf die
+besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im
+Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist
+reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger
+Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken.
+Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen »Konfession« zwei
+verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische
+Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. Über
+die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der
+modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= --
+erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur
+erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knüpft
+naturgemäß an den bestehenden Elementarunterricht in »biblischer
+Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen
+Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente.
+Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze =bildende
+Kunst= auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der
+hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher
+Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen
+und christlichen Sagen und Legenden nicht als »=Wahrheit=« gelehrt
+werden, sondern gleich den griechischen und römischen als =Dichtungen=;
+was sie an ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch
+nicht vermindert, sondern erhöht. -- Was die =Bibel= betrifft, so
+sollte dieses »Buch der Bücher« den Kindern nur in sorgfältig gewähltem
+Auszuge in die Hand gegeben werden (als »Schulbibel«); dadurch würde
+die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen
+Geschichten und unmoralischen Erzählungen verhütet werden, an denen
+namentlich das Alte Testament so reich ist.
+
+_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die
+Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so
+mehr seine Kraft und Fürsorge der Pflege der =Schule= widmen können.
+Der unschätzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr
+zum Bewußtsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
+alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die
+Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen
+Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform=
+drängt sich uns immer entschiedener auf. Besonders dürften dabei
+folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im bisherigen
+Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders
+das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darüber
+ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die =Natur= das
+Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von
+der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur
+stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes
+und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen
+Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den größten Teil
+der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, muß
+aber stark beschränkt und auf die Elemente reduziert werden (das
+Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafür
+müssen die =modernen Kultursprachen= auf allen höheren Schulen um so
+mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch).
+5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere Geistesleben,
+die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche
+Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die
+Grundzüge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen
+der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie,
+Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der
+=Biologie= müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der
+moderne »Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in
+die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik).
+Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im
+Zusammenhang mit Ökologie oder Bionomie); später sind die Elemente der
+Anatomie und Physiologie anzuschließen. 8. Ebenso muß von =Physik=
+und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder
+Schüler muß gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womöglich
+auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen
+nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt
+nicht nur das Interesse an der Natur und erhält die Erinnerung an
+ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch überhaupt erst richtig
+=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit
+als bisher ist auf die =körperliche Ausbildung= zu verwenden, auf
+Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich gemeinsame
+=Spaziergänge= und jährlich in den Ferien mehrere =Fußreisen= zu
+unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von höchstem
+Wert.
+
+Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten
+Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines
+gewissen Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des
+Staatsbürgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als
+Hauptziel die Ausbildung des =selbständigen Denkens= verfolgen, das
+klare Verständnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in
+den natürlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne
+Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht,
+muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute Schulbildung seinen
+Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine
+vernünftige Anwendung zu machen.
+
+
+
+
+=Zwanzigstes Kapitel.=
+
+_Lösung der Welträtsel._
+
+ Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis
+ im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die
+ monistische Naturphilosophie.
+
+
+Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel
+angelangt, dürfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden
+Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert
+besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19.
+Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche
+Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere Entwickelung
+unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker,
+der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse
+und die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses
+einigermaßen übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19.
+Jahrhundert hat größere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im
+Verständnis ihres Wesens herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte;
+es hat viele große »Welträtsel« gelöst, die an seinem Beginne für
+unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens
+aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren
+noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel
+der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg
+gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der
+exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen
+genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte große Gesetz der
+=mechanischen Kausalität=, für das unser =kosmologisches Grundgesetz=,
+das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist,
+beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist
+der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns
+durch das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den
+Pfad zeigt. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen
+Rückblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die
+Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum
+gemacht haben.
+
+~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die älteste,
+die Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und
+sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19.
+Jahrhunderts zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten
+Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele
+Kenntnisse besaß. Die alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer
+kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphärische Astronomie
+genauer als die meisten »gebildeten« Christen des Abendlandes
+viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in
+China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre
+vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt;
+hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich
+gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel
+und Erde, Natur und Mensch von dem beschränktesten geozentrischen
+und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als größter Fortschritt
+der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische
+Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen großartiges Werk: »~=De
+revolutionibus orbium coelestium=~« (1543) selbst die größte Revolution
+in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das
+herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemäus= stürzte, entzog er
+zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche
+die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen
+Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß
+der christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue
+Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach
+sie sich bald vollständig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf
+die wahre »Mechanik des Himmels« gegründet und =Newton= ihr durch seine
+Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben
+hatte (1686).
+
+Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt
+war die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er
+geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner kühnen
+Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die
+»=Verfassung=«, sondern auch den »=mechanischen Ursprung= des ganzen
+Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das
+großartige »=~Système du monde=~« von =Laplace=, der unabhängig von
+=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war,
+wurde dann 1796 diese neue »=~Mécanique céleste=~« so fest begründet,
+daß es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten
+Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung
+mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue
+Bahnen eröffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert
+zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor
+allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860)
+wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingeführt und dadurch
+kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite gewonnen. Es ergab sich
+nun mit Sicherheit, daß die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich
+dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften
+auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen
+unserer Erde.
+
+Die monistische Überzeugung von der =physikalischen= und =chemischen
+Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehört
+sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir
+der =Astrophysik= verdanken, einem neuen höchst interessanten Zweige
+der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener
+gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der mechanischen
+Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall herrschen wie auf
+unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos=
+vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen
+Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in
+der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Völkergeschichte und
+im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken
+wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke,
+die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie
+als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und
+im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile
+dieser »Sternkeime« sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch
+nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement=
+vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen,
+die bereits durch Abkühlung glutflüssig geworden, anderen, die schon
+erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe annähernd aus ihrer
+verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die
+von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen
+in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich
+vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne.
+Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit
+Hilfe der mächtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl
+der sichtbaren Weltkörper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu
+bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich
+gezählt worden, die meisten wahrscheinlich viel größer als unsere Erde.
+
+Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns
+zu gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie =Sonnen=
+sind, ähnlich unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden
+umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir
+dürfen auch weiterhin vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten
+auf einer ähnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h.
+in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberfläche zwischen dem
+Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren
+flüssigen Wassers gestattet. Damit ist die Möglichkeit gegeben, daß der
+=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr
+verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus seinen stickstoffhaltigen
+Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare »=lebendige
+Substanz=«, die wir als alleinigen Eigentümer des organischen
+Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven
+=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=)
+aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können
+nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem
+eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus
+ihrem homogenen Plasmakörper durch Sonderung eines inneren =Kerns=
+vom äußeren =Zellkörper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie
+im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch
+die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf
+unserer Erde abspielt -- immer natürlich die gleichen engen Grenzen der
+Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt;
+für glühendflüssige Weltkörper, auf denen das Wasser nur in Dampfform,
+und für erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches
+Leben in gleicher Weise unmöglich.
+
+_Die Ähnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der
+stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen
+Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen dürfen,
+bietet natürlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld für
+farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist
+seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns ähnliche,
+vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen?
+Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt
+erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist
+sehr wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars
+und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische
+Prozeß sich ähnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden
+durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten.
+~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus solchen einzelligen
+Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunächst soziale
+Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere.
+~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche
+sich zunächst Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen
+entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß auch im
+Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß
+aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden entwickelten, und aus diesen
+Niedertieren später Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich,
+ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der höheren
+Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf anderen
+Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist
+es unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und
+ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen
+Jahre ebenso Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben
+wie auf unserer Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen
+sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen
+ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen Planeten sich andere Typen
+von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde
+fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der den
+Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns
+irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen.
+~VIII~. Die Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern
+anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten könnten, erscheint
+ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen
+Weltkörpern und die Abwesenheit der atmosphärischen Luft in dem
+ungeheuren, nur von Äther erfüllten Zwischenraum.
+
+Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen
+biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind
+andere schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen
+Greisenalter« ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer
+Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wärme in den kalten
+Weltraum wird die Temperatur allmählich so herabgesetzt, daß alles
+tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die Möglichkeit
+organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden
+Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ändert
+sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger,
+ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die
+Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren
+sind. Durch diesen Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen
+erzeugt. Die zerstäubte Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper
+verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der
+Sonnenbildung beginnt von neuem.
+
+Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne
+Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen
+der unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen
+kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander
+beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem
+diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer
+an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle
+von glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an
+seinem Äquator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen;
+ein vierter ist schon zur mächtigen Sonne geworden, deren Planeten
+sich mit sekundären Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw.
+Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren
+Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar
+gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von denen
+täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern
+sich beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden
+Weltkörper. Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in
+ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen
+mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen.
+Dabei entwickeln sie so kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck
+wieder glühend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem.
+Bei dieser beständigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz
+des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverändert,
+und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische
+Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurücklaufende
+=Metamorphose des Kosmos=, das »~Perpetuum mobile~« des Universums.
+Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=.
+
+~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel später als der Himmel
+wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher
+Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten
+zwar über die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie über
+die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich
+sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden
+Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen uns
+die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige
+bald allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des =Moses=,
+wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzählt wird.
+Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode
+des Moses; ihre Quellen sind aber größtenteils viel älter und auf
+assyrische, babylonische und indische Sagen zurückzuführen. Den
+größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage dadurch, daß sie
+in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und als »Wort
+Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die
+griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf
+dieselbe Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon
+damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die später so
+große Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große
+Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese
+Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in
+früheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität
+der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden
+weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafür, daß die
+mosaischen Schöpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts
+in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen
+sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hälfte
+des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon wissenschaftliche
+Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlüsse auf
+ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner in
+Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während =Voigt=
+und =Hutton= (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären,
+Petrefakten führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen
+und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger
+Massen entstanden sind.
+
+Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser
+=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch während der ersten
+drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet,
+nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und
+=Charles Lyell= dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche
+Entwickelung der Erde durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien
+der Geologie« (1830) wurde die überaus wichtige Lehre von der
+=Kontinuität= der Erdumbildung endgültig zur Anerkennung gebracht,
+gegenüber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Paläontologie=,
+welche letzterer durch sein Werk über die fossilen Knochen (1812)
+begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der
+Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich
+so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der Erde
+und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde
+war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen
+Planeten erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung
+sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde,
+die »Reaktion des feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete
+Oberfläche«, und vor allem die ununterbrochene geologische Tätigkeit
+des Wassers sind die natürlich wirkenden Ursachen, welche tagtäglich an
+der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mächtig arbeiten.
+
+Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken
+wir den glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden
+damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle
+übernatürlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der
+Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren
+Zeiträume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich
+erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren Gebirgsmassen der
+paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen nicht viele
+Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten.
+Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen
+Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare
+»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die
+versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der
+Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus
+vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind.
+
+~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen
+Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19.
+Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische
+Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar
+vor aller Augen, daß wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen.
+Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizität dem 19.
+Jahrhundert den charakteristischen »Maschinenstempel« aufgedrückt.
+Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der
+anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen
+Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft,
+Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind
+bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen
+zweiter Hälfte -- dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter
+aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen
+würden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure
+theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der
+Begründung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789)
+das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton=
+(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begründet hatte, war der
+modernen =Chemie= die Bahn eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf
+eine früher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt für die
+=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine
+Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847)
+bedeutet auch für diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster
+Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale
+Einheit der Naturkräfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der
+unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in
+die andere umgesetzt werden kann.
+
+~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die großartigen und für unsere
+ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie=
+und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit
+übertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir dürfen sagen, daß
+von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft
+vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil
+überhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im
+ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige
+der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie
+und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen und Erfindungen so sehr
+bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres biologischen Wissens
+denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft. Das gilt
+zunächst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven
+Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt
+aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres
+Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis
+ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles
+Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine
+Selektionstheorie das große Welträtsel von der »organischen Schöpfung«
+gelöst, von der natürlichen Entstehung der unzähligen Lebensformen
+durch allmähliche Umbildung. Zwar hatte schon fünfzig Jahre früher
+der große =Lamarck= (1809) erkannt, daß der Weg dieser Transformation
+auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es
+fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor
+allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche
+erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der
+Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser
+und anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der
+Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden,
+gelangten wir zur Begründung jener =monistischen Biologie=, deren
+Prinzipien ich (1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen
+versucht habe. (Vergl. meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«,
+11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die
+allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche
+über die »=Lebenswunder=« versucht. (Gemeinverständliche Studien
+über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu dem Buche über die
+»Welträtsel«.)
+
+~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften
+voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich
+vernünftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »=Mensch, erkenne
+dich selbst=« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß
+aller Dinge« sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und
+dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- länger
+als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens
+geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und
+spät sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt
+hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde
+erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger,
+die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begründet. Noch
+später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel
+vom »=Ursprung des Menschen=«. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den
+einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung
+des Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst
+fünfzig Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst
+1863 stellte =Huxley= in seinen »Zeugnissen für die Stellung des
+Menschen in der Natur« die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich
+selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch
+gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht
+im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt
+hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausführliche
+Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das
+natürliche System der Organismen habe ich in den drei Bänden meiner
+»Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere kritische
+Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer
+menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere
+Ahnenreihe« (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908).
+
+
+
+
+_Schlußbetrachtung._
+
+
+Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der
+wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert;
+sie ist schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel
+zurückgeführt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich
+im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der
+realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht,
+der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme
+Gläubige als Weltgeist oder =Gott=? Können wir heute behaupten, daß
+die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses
+»Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns dessen Lösung sehr
+viel näher gebracht haben?
+
+Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden
+aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner
+empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein
+zu, daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch
+ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie =Anaximander=
+und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200
+Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar
+eingestehen, daß uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer
+wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis
+ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je gründlicher
+wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen
+lernen. Was als »=Ding an sich=« hinter den erkennbaren Erscheinungen
+steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses
+mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu
+seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es
+existiert oder nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln
+über dieses ideale Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen
+wir uns statt dessen als »echte Physiker« an den gewaltigen realen
+Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatsächlich
+errungen hat.
+
+Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des
+verflossenen »großen Jahrhunderts« das allumfassende =Substanzgesetz=,
+das »Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«.
+Die Tatsache, daß die Substanz überall einer ewigen Bewegung und
+Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen
+=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses höchste Naturgesetz festgestellt und
+alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der Überzeugung
+von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung
+der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich
+das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf
+begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der »ewigen, ehernen,
+großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich
+die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie,
+den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit
+des Willens.
+
+In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen
+konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz
+zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar
+hervorgehoben. Ich stütze mich dabei auf die Zustimmung von fast
+allen modernen Naturforschern, welche überhaupt Neigung und Mut zum
+Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen Überzeugung besitzen. Ich
+möchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich
+darauf hinzuweisen, daß dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem
+und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst
+bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden kann. Bei völlig
+folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung der höchsten
+Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und
+anorganischen Natur --, nähern sich die Gegensätze des Theismus und
+Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berührung. Aber
+freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die
+große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten Hand das reine,
+auf Erfahrung begründete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig
+nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten =Glauben= entbehren,
+den sie mit der linken Hand festhält.
+
+Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen
+und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem
+gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres
+=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in
+seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren,
+Guten und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen =monistischen
+Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen
+anthropistischen Ideale von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«.
+
+
+
+
+Anmerkungen des Bearbeiters
+
+
+Fettschrift markiert durch _ ... _
+
+Gesperrter Text markiert durch = ... =
+
+Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+
+Inkonsistente Schreibweisen wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Welträtsel, by Ernst Haeckel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59547 ***